34. Sonntag im Jahreskreis

Maria Empfängnis ist für viele ein eher schwieriges Fest. Das Dogma „Zu Ehren der Heiligen und Ungeteilten Dreifaltigkeit, zu Schmuck und Zierde der jungfräulichen Gottesmutter, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zur Mehrung der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unseren erklären, verkünden und definieren Wir: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden durch die Erbsünde unversehrt bewahrt wurde, ist von Gott geoffenbart und darum von allen Gläubigen fest und beständig zu glauben“, wurde von Papst Pius IX. In seinem Apostolischen Schreiben „Ineffabilis Deus“ am 8. Dezember 1854 verkündet.
Dieser Text ist heute kaum noch geeignet, die in ihm ausgesprochene Absicht zu erreichen, dennoch aber, so meine ich, lohnt es sich, dem Inhalt dieses Glaubenssatzes nachzuspüren und ihn für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Mir scheint es eine heilsame Antithese zu dem gegenwärtigen Wunsch, alles machen zu können und die Leistung zu vergötzen. Maria wollte gerade nicht machen, sie sagte Ja zu der Zumutung Gottes, das Heil zu empfangen. Sie ging einen neuen Weg und dieser Weg erwies sich als weitaus heilsamer und fruchtbarer als alle Versuche des Menschen, selbst das Heil zu erlangen, das Heil zu machen.
In der kleinen Szene des Evangeliums des Tagesevangeliums ist kunstvoll verdichtet und dramatisch gestaltet das Geheimnis unseres Heils bezeugt. Gott sendet seinen Engel zu Maria: Die Einleitung stellt die Weichen für das, was nun folgt. Gott hat seine Hand im Spiel und nicht nur das, er ist der Handelnde, von ihm geht alles Weitere aus. Gott ist die Welt und ihm sind auch die Menschen nicht gleichgültig. Er schaut dem Erdengeschehen nicht bloß interessiert aus der Distanz zu, er sucht Nähe, er engagiert sich, redet den Menschen an, spricht sich ihm selbst zu in seinem menschgewordenen Wort. „Du Begnadete“ lautet seine Anrede für Maria. „Du bist von mir angesehen, geachtet, geehrt. Ich kenne dich, ich will mit dir zu tun haben.“
Das Evangelium berichtet nichts von besonderen Vorzügen Marias. Sie wird uns als ganz normale junge Frau vorgestellt, die ihre Lebenspläne schmiedet und sich gerade auf die Hochzeit mit ihrem Verlobten Josef vorbereitet. Sie weiß selbst nicht, wodurch sie den Besuch des göttlichen Boten verdient hat und versteht zunächst überhaupt nicht, was sich hier ereignet. Für mich ist das der eine entscheidende Punkt. Ein Mensch wird mit einer Erfahrung konfrontiert, die er nicht gemacht hat, mit der er nicht rechnen und auf die er sich nicht vorbereiten konnte.
Nicht menschliches Planen und Können ist hier gefragt, weder auf das Machen noch auf das Leisten kommt es jetzt an, sondern genau auf das Gegenteil: still zu werden, hinhorchen zu lernen, fähig werden, zu empfangen. Der Engel spricht, ihm steht das Wort zu, ein Wort, das alles zerschlägt, was eben noch der Hauptinhalt von Marias Leben war. Sie wird empfangen, das Leben wird in ihr heranwachsen, ganz anders allerdings, als Maria sich das erhofft hatte und auch ganz anders, als Menschen es sich überhaupt vorstellen können. Maria wehrt sich nicht dagegen, sie läßt sich darauf ein, sie sagt Ja zu dem völlig Neuen und Undenkbaren, das da in ihr Leben einbricht. Das ist für mich der zweite entscheidende Punkt dieser Geschichte vom Leben und seinen überraschenden Möglichkeiten, seinen erlösenden Kräften, die in ihm stecken.
Maria hat für mich gerade deswegen ein so überragende Bedeutung, weil mir in ihr ein Mensch begegnet, der fruchtbar wurde, weil er empfangen konnte. Wörtlich genommen gehört diese Gewißheit zu den biologischen Grundkenntnissen eines jeden Erwachsenen. Um so überraschender ist für mich allerdings an anderen und auch an mir selbst zu beobachten, wie wenig diese Tatsache unser normales Leben bestimmt. Wer empfängt, der gilt eher als Schwächling, der selbst nicht genügend leistet, der auf Unterstützung und Hilfe, auf die Gaben der Stärkeren angewiesen ist. „Geben ist seliger denn Nehmen“ ist ein sicherlich berechtigter Slogan, ins Leben aber führt er nicht, denn Geben ist nur die eine Seite. Wer sie allein anschaut und verherrlicht, führt sich und andere in die Irre. Auch das ist im Grund eine Binsenwahrheit, und dennoch treten wir alle sie ständig mit Füßen.
Jener Adam, an den die Lesung aus dem Alten Testament in der Lesung unseres Festes erinnert, ist in uns allen sehr lebendig. Das Pflücken vom Baum der Erkenntnis, das selber Wissen, Machen und Haben Wollen gehört zu den Urbedürfnissen eines jeden Menschen und es ist sehr wichtig, dass jeder dieses Bedürfnis in sich spürt und es verwirklicht. Der Schöpfer hat ja schließlich zu seinen Geschöpfen nicht gesagt: „Setzt euch hin, sperrt eure Hände, Augen, Ohren und Münder auf und wartet, was dann kommt.“ Das „macht euch die Erde untertan“ ist ein klarer Auftrag zu handeln und etwas aus den Talenten zu machen, die uns übergeben wurden. Aber auch hier, im Gleichnis von den Talenten, ebenso wie bei den Schöpfungserzählungen steht vor dem Tun das Empfangen. Beides gehört zusammen. Das ist nicht nur eine Lebensweisheit, das ist auch theologisch höchst brisant, wenn es um die Frage unseres Heiles geht. Kein Mensch kann sich selbst erlösen, auch wenn jeder dies im Grunde seines Herzens immer wieder versucht. Sich selbst erlösen durch Wohlverhalten, durch Opfer, durch gute Taten, das sehe ich als die Urversuchung des Menschen an. Er möchte unabhängig sein, bei niemandem, auch bei Gott nicht in Schuld stehen, denn nur so kann er sein eigener Herr sein. Damit aber stellt er sich gegen den, der immer schon, von allem Anfang an sein Herr ist und bleibt. Ins Heil kann dieser Weg nicht freilich nicht führen, das macht uns die Paradiesgeschichte mit ihrer Sündenfallerzählung deutlich und das ist aktuell geblieben auch in unseren Tagen.
Maria geht einen anderen Weg. Sie läßt sich anreden, begnaden, von Gott „überschatten“. Sie wehrt sich nicht dagegen, von ihm abhängig zu sein. Damit erkennt sie an, was sie immer schon war: ein Geschöpf, dazu berufen, leben zwar nicht aus sich selbst heraus, aber in sich zu haben. Diese Wahrheit anzunehmen, sich das Leben von Gott schenken zu lassen, es empfangen zu können, ist die heilsame, die heilende Alternative zu jenen Allmachtswünschen und jener zerstörerischen Hektik, der das Leben entgleitet, je mehr man versucht, es zu beherrschen.
Es ist nicht leicht, Marias Weg zu gehen, sich anzunehmen als jemand, der abhängig ist von seinem Schöpfer. Maria konnte es, weil sie von Gott dazu begnadet, befähigt wurde. Das bedeutet für mich die Anrede des Engels und darin sehe ich den tiefen Sinn des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis jener Frau, die uns zeigt, wie das Heil in die Welt kommt und wie wir alle heil werden. Amen.

Christkönigsfest, Joh 18, 33b-37

Es gibt eine Erfahrung, die uns manchmal schwer zu schaffen macht: Gott scheint verschwunden zu sein. Diese Erfahrung machen wir zunächst in der Welt, so wie wir sie erleben. Wissenschaft und Technik haben in ihr einen vorherrschenden Platz. Das Geheimnis in der Welt scheint auf das „Noch-nicht-Wissen“ zusammengeschrumpft. Das Machbare steht so im Vordergrund, dass es kein „Unmöglich“ mehr zu geben scheint. Sogar der Bauplan der Menschen ist total erforscht und der Streit um Versuche mit Genen und Embryonen zumachen bewegt die Gemüter.
Diese mehr allgemeine Erfahrung setzt sich fort in einer weiteren Tatsache, mit der wir auch immer wieder konfrontiert werden. Menschen signalisieren, dass Gott für ihr Leben seine Bedeutung verloren habe. Es hat oft den Anschein, als ob er für sie nie existiert hätte.
Und wir selber machen die Erfahrung, dass wir phasenweise in Krisen und Zweifel geraten, ob Gott den existiert, wo er ist und wie er sich zeigt. Andererseits müssen wir aber sagen, dass wir den Glauben an Gott nur durchhalten können, wenn wir etwas von ihm erfahren. Wo ist uns aber am ehesten der Zugang zu ihm gegeben, wo wird uns ein gangbarer Weg gezeigt, der uns zu ihm führt?
Das Evangelium vom heutigen Fest macht uns klar, wie Gott sich in unserer Welt und in unserem Leben in Erfahrung bringen will: Er tut dies als wehrlose Liebe. Gott ist ganz und gar unaufdringlich, so dass die Gefahr besteht, dass er übersehen wird. Gottes Art, sich in seinem Sohn unter uns Menschen zu zeigen, ist für die, die meinen, genau zu wissen, wie Gott zu sein habe, geradezu ein Ärgernis. Sie klagen ihn an und bringen ihn vor Gericht, denn „er hat Gott gelästert“. Pilatus, dem er als Angeklagter überstellt wird, spottet über ihn: „Bist du ein König? Wo ist dein Reich? Wie zeigt sich deine Macht?“ Wohl weniger aus seiner eigenen Überzeugung heraus, sondern mehr, weil das Volk es verlangte und damit droht, Pilatus beim Kaiser anzuzeigen, wenn er Jesus nicht verurteilte, gibt er Jesus zur Hinrichtung am Kreuz frei.
Die ihn am Kreuz sehen, spotten über ihn. „Was ist das für ein Gott, der wehrlos am Kreuz verblutet? Tu doch was, Gott, steig herab und zeig, wie mächtig du bist!“ Er aber schweigt – ohnmächtig.
Es gibt Gottesbilder, die einen ganz anderen Gott zeichnen. Wir können etwa an den Psalm 29 denken. Dort heißt es unter anderem: „Die Stimme des Herrn ertönt mit Macht….Der Herr zerschmettert die Zedern des Libanon….Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer….Sie wirbelt Eichen empor, reißt ganze Wälder kahl. In seinem Palast rufen alle: O herrlicher Gott!“ Oder wir hören das Siegeslied des Moses am Schilfmeer, das von einem Gott singt, vor dem die ganze Streitmacht des Pharao vor Furcht erstarrt. So erfahren wir Gott nicht. Wir wollen Gott auch nicht so erfahren, wie ihn diese Bilder darstellen: als drohende, schreckliche Macht, über dessen Handeln die Menschen entsetzt sind.
Wir haben von solchen Gottesbildern wohl auch deshalb Abschied genommen, weil die Möglichkeiten, die die Menschen heute selber haben, um Furcht und Schrecken zu verbreiten, ungeheuerlich sind. Für uns Christen hat Gottes Bild eine konkrete Gestalt angenommen. Es ist Jesus von Nazareth, in dem Gott seine Allmacht zur wehrlosen Liebe werden lässt. Er wird zu einem Gott, mit dem die Menschen machen was sie wollen, zu einem Gott, der ohnmächtig in dieser Welt scheint. Er ist wehrlose Liebe – und die ist stärker als der Tod.
Und so kommt Gottes Sohn am Kreuz uns Menschen ganz in die Nähe, in unsere persönliche Nähe, die wir ja selber Leidende und Gequälte sind. Aber, so könnten sie fragen, was bringt das, wenn Gott in seinem Leiden so in unsere Nähe tritt? Genügt es uns, dass da jemand mit uns mitleidet oder erwarten wir mehr? Ja, wir erwarten mehr von diesem König am Kreuz und mit Recht tun wir das.
Es ist eine gefährliche Tendenz in unseren tagen zu spüren: die Revolte gegen das Kreuz. In einer Schule fängt die Demontage des Kreuzes an, in einem Regierungssaal wird es abgelehnt. Wann wird es von den Gipfeln unserer Berge verschwinden und aus unseren Wohnzimmern? Es ist gefährlich und für unser Christsein entstellend, wenn wir Jesus vom Kreuz herunterholen und ihm eine weltliche Krone aufsetzen wollen. Es ist einigermaßen befremdend, wenn die Kirche heute Werbemittel gebraucht, die den weltlichen Medien entlehnt sind. Da zählt nur Jugendlichkeit, Kraft, Attraktivität und Technik. Ob man mit solchen Werbemethoden auch nur einen einzigen in die Kirche bringt ist für mich mehr als fraglich. Aber man kann halt schlecht Propaganda machen mit einer Klosterfrau am Krankenbett und mit einem alten Pfarrer, der zwei Pfarreien betreut und sich ein „in-Pension-gehen“ nicht leisten kann.
Ein König am Kreuz, mit dem lässt sich nicht leicht Propaganda machen, aber er weist hin auf die Wahrheit unseres Lebens. Er gibt durch seinen Tod Zeugnis für die Wahrheit, die er gebracht hat und die wir weiterzutragen haben. Wir dürfen diese Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod nicht missverstehen. Sie ist nicht schwächlich. Ganz im Gegenteil! Wir können am Leben Jesu lernen, was sie ist. Mit großer Entschiedenheit tritt er auf. Er deckt Strukturen auf, die den Menschen zum wehrlosen Objekt machen. Er heilt nicht nur da und dort einmal einen Kranken, hat nicht nur für diesen oder jenen ein gutes Wort übrig, will nicht nur, dass vereinzelt etwas Gutes geschehe in unserer Welt, sondern er will, dass die Menschen nicht mehr mit den Menschen machen, was sie wollen. Dafür will er ein Zeichen sein, und er lässt es deshalb zu, dass man mit ihm macht, was man will.
Sieht es in unserer Welt und ihrer Geschichte so aus, als käme er damit an ein Ziel? Wenn man heute nahe daran ist, Manipulationen mit menschlichen Embryonen zuzulassen, für Forschungszwecke, um Krankheiten zu bekämpfen und später vielleicht als Organlager, dann zweifelt man daran, dann merkt man, dass der Mensch mit dem Menschen macht, was er will ohne sich um einen Gott und sein Gebot zu kümmern. Und all das geht so still und leise vor sich, dass sich der Normalbürger dessen gar nicht mehr bewusst wird und schließlich vor vollendeten Tatsachen steht.
Wenn aber Jesus für uns bis zum Tod am Kreuz gegangen ist, dann wissen wir, dass er die Hoffnung für unser Menschengeschlecht nicht aufgibt und dass er auf uns seine Hoffnung setzt, dass wir seine Wahrheit in diese Welt hineintragen.
Es wird immer wieder gesprochen von der Trennung zwischen Kirche und Politik. Aber diese Trennung darf das Christentum nicht in ein Ghetto hineintreiben, wo wir zwar im Gotteshaus fromm singen dürfen aber sonst nichts mehr zu melden haben. Schon die alten Griechen haben den Satz geprägt, der Mensch sei ein „Zoon politikon“, ein politisches Wesen. Und der Christ ist ein Menschen und somit auch für das was geschieht verantwortlich.
Dankbar müssen wir sein für die Königstat Jesu am Kreuz und Zuversicht müssen wir haben, dass er imstande ist, die manchmal so verschlafene Christenheit wieder aufzuwecken; aber nicht um das Christentum zu genießen, sondern es mit der eigenen Kraft und mit der Kraft, die von Gott kommt weiterzutragen in alle Bereiche dieser Welt hinein. Amen.

32. Sonntag im Jahreskreis

Gott sei Dank gibt es das noch: einen Landespatron und das in unserer säkularisierten Welt. Wie viele Menschen unseres Landes zu diesem Heiligen eine Beziehung haben oder überhaupt wissen, was man mit einem Schutzpatron anfangen kann, das sei dahingestellt.
Wer war er? Geboren wurde er um 1075 in Gars am Kamp als Sohn des Babenbergers Leopold II. Er war Schüler des Bischofs Altmann von Passau. Im Investiturstreit stand er auf der Seite des Papstes, unterhielt aber trotzdem mit Kaiser Heinrich V. Beziehungen. 1106 erhielt er dessen Tochter Agnes zur Frau, die ihm 18 Kinder gebar, darunter den späteren Bischof Otto von Freising und den späteren Bischof Konrad II. von Salzburg. Wegen seiner kirchlichen Gesinnung im öffentlichen und privaten Leben erhielt er vom Papst den Beinamen „filius sancti Petri“ (Sohn des Hl. Petrus). Er unterstellte 1110 das Stift Melk dem Papst. Wohl um 1113 gelangte er in den Besitz des Stiftes Klosterneuburg bei Wien. Er dotierte es reich und baute es zusammen mit seiner Burg aus und legte 1114 den Grundstein zur mächtigen Stiftskirche. Leopold gründete weiters die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz und die Benediktinerabtei Klein-Mariazell im Wienerwald. Er war der eigentliche Begründer der Größe Österreichs, er war aber auch der erste Vertreter eines Landeskirchentums. 1125 verzichtete er auf die ihm angebotene Kaiserkrone. Er starb am 15. 11. 1136 auf der Jagd. Heiliggesprochen wurde er im Jahre 1485. Vom Kaiser Leopold I. wurde er 1663 zum Landespatron von Österreich erklärt.
Als Evangelium wird uns heute eine Geschichte vorgelegt, die Jesus erzählt hat. Es ist das Gleichnis vom anvertrauten Gut. Und es geht nach dem Motto; Laß das Geld arbeiten, mach was mit dem was du hast. Und dabei denken wir nicht nur an Bankgeschäfte, sondern auch an die übrigen Begabungen und Talente, die wir besitzen. Im Laufe unseres Lebens haben wir ja doch alle uns selber so weit kennengelernt, dass wir wissen, was wir zu bieten haben. Da tut sich einer leicht mit anderen zu reden, ein anderer hat Gabe, rechtzeitig zu bemerken, was ein anderer braucht, wieder ein anderer hat die Gabe des Humors und versteht es, andere Menschen zu erheitern. Und nicht zuletzt gibt es Menschen, denen in besonderer Weise die Gabe des Gebets geschenkt ist. Und so können wir einmal vor Gott hintreten und ihm das übergeben, was uns in unserem Leben gelungen ist, oder was uns wenigstens ansatzweise gelungen ist.
Aber da gibt es in unserem Gleichnis einen Menschen, der von Jesus getadelt wird. Was hat er denn Schlechtes getan? Er hat einfach das Geld, das ihm sein Herr gab, vergraben und es ihm dann wieder zurückgegeben. Möglicherweise hatte er Angst durch Spekulationen etwas zu verlieren. Für mich ist es immer wieder interessant, darüber nachzudenken, wenn der letzte Knecht zwar ein Geschäft versucht hätte, aber durch schlechte Spekulationen das Geld oder einen Teil davon verloren hätte. Das würde dann nach unserer Sicht ein Mensch sein, der sich zwar bemüht hat, bei dem aber etliches in seinem Leben schief gelaufen ist. Ich glaube nicht, dass ihn der Herr verdammt hätte; hatte er doch guten Willen gezeigt und faul ist er auch nicht gewesen.
Nun, wie dem auch sei, unser Heiliger, der heilige Leopold hat mit seinen Talenten gut gewirtschaftet. Er war ein guter Politiker, der es verstand, das ihm anvertraute Volk gewissenhaft zu führen und er war auch ein frommer Mann, der neben seinen politischen Geschäften auch seine Kontakte mit Gott pflegte. Durch seine vielen Klostergründungen sorgte er dafür, dass seinem Volk die nötige Unterweisung in der christlichen Lehre nicht fehlte.
Viele Regierungen in Europa könnten sich da ein Stück von dieser Haltung abschneiden. Obwohl eine der Wurzeln unseres Europas der christliche Glaube ist hält man scheinbar nicht besonders viel darauf. Dass geht ja schon soweit, dass man an die Abschaffung des Religionsunterrichts denkt, dass Politiker bei ihrer Vereidigung das „So wahr mir Gott helfe“ weglassen. Ich frage mich, worauf sie noch schwören. Ich frage mich was aus unseren Ländern wird, wenn unserer Jugend keine Werte mehr vermittelt werden und auch keine Werte mehr vorgelebt werden. Wenn einmal in unserem vereinten Europa nur mehr wirtschaftliche Dinge zählen, wenn das Wirtschaftswachstum zum ersten Artikel im Glaubensbekenntnis wird, dann könnte man nur mehr sagen: „Heiliger Leopold, schau runter und hilf uns!“
In dem Augenblick, wo der Mensch seine existentielle Bindung an Gott nicht mehr wahr nimmt, geschweige davon, dass er sie negiert, beginnt er sich selber die Wertmaßstäbe für sein Handeln zu schaffen, fabriziert er sich seine eigene Moral, die nicht immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist, die mitunter sogar im Gegensatz zu den religiösen Werten steht.
Wir brauchen in unserem Land und im übrigen Europa gar nicht allein auf die Regierungen zu schauen, das Chaos beginnt bereits in den Familien, wo in vielen Fällen auf Religion und religiöse Erziehung kaum mehr Wert gelegt wird. Religion und Kirche wird nur mehr als Servicestelle für besondere Ereignisse in Anspruch genommen. Eine Hochzeit in der Kirche ist eben feierlicher als auf dem Standesamt. Aber spätestens nach dem „Der Herr sei mit euch!“ auf das keine Antwort kommt, merkt man, was los ist. Und eine „schöne Leich“ möchte man schließlich auch noch haben. Und die Kinder sollen nur zur Erstkommunion gehen und zur Firmung. Letztgenanntes Sakrament eignet sich besonders um einige kostspielige Wünsche dem Firmpaten bekannt zu geben, der oft schon nach der Dicke seiner Brieftasche ausgesucht wird. Für viele ist der Kirchenbesuch zur Firmspendung für viele Jahre der letzte.
Sie kennen vielleicht die Geschichte, wo sich drei Pfarrer treffen und einander erzählen, welche Plage sie mit den Fledermäusen in ihrer Kirche hätte. Alles haben sie schon versucht und sie werden sie nicht los. Der dritte Kollege sagte: „Ich habe keine einzige Fledermaus mehr in meiner Kirche“ – „Und wie hast du das zustande gebracht?“ – „Ganz einfach. Ich habe sie alle getauft und gefirmt und seitdem ist keine mehr von ihnen in der Kirche."
Das ist es, was mir zum Fest des Hl. Leopold eingefallen ist. Ich wollte keinen Pessimismus verbreiten; aber es ist gut der Situation ins Auge zu schauen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie müßten wir uns ändern. Es ist schade, dass die Leute, die eine Änderung brauchen würden, leider nicht in der Kirche anwesend sind. Und sie sind ohnehin guten Willens. Unser Gebet könnten wir aber verstärken. Und wir könnten von unserem Kontakt mit Gott wieder neue Möglichkeiten sehen, wie wir für andere Menschen unser Christsein spürbar und beispielhaft leben könnten.
Und dass wir vor allem auch für die jungen Menschen in unserem Land beten. Die Jugend ist nicht schlecht, sie ist zum Großteil nur schrecklich arm. Nicht an finanziellen Mitteln; aber sie arm an Zuwendung, sie ist arm, weil ihr gerade die wichtigen Werte des Religiösen von den für die Erziehung Verantwortlichen nicht mehr vorgelebt werden.
Ich nehme an, dass sich der Heilige Leopold im Himmel nicht so in der ewigen Anschauung verliert, dass er für sein Land keinen Blick mehr hätte. Beten wir heute zu ihm für alles das, was unsere Heimat braucht. Amen.

31. Sonntag im Jahreskreis

Gott sei Dank gibt es das noch: einen Landespatron und das in unserer säkularisierten Welt. Wie viele Menschen unseres Landes zu diesem Heiligen eine Beziehung haben oder überhaupt wissen, was man mit einem Schutzpatron anfangen kann, das sei dahingestellt.
Wer war er? Geboren wurde er um 1075 in Gars am Kamp als Sohn des Babenbergers Leopold II. Er war Schüler des Bischofs Altmann von Passau. Im Investiturstreit stand er auf der Seite des Papstes, unterhielt aber trotzdem mit Kaiser Heinrich V. Beziehungen. 1106 erhielt er dessen Tochter Agnes zur Frau, die ihm 18 Kinder gebar, darunter den späteren Bischof Otto von Freising und den späteren Bischof Konrad II. von Salzburg. Wegen seiner kirchlichen Gesinnung im öffentlichen und privaten Leben erhielt er vom Papst den Beinamen „filius sancti Petri“ (Sohn des Hl. Petrus). Er unterstellte 1110 das Stift Melk dem Papst. Wohl um 1113 gelangte er in den Besitz des Stiftes Klosterneuburg bei Wien. Er dotierte es reich und baute es zusammen mit seiner Burg aus und legte 1114 den Grundstein zur mächtigen Stiftskirche. Leopold gründete weiters die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz und die Benediktinerabtei Klein-Mariazell im Wienerwald. Er war der eigentliche Begründer der Größe Österreichs, er war aber auch der erste Vertreter eines Landeskirchentums. 1125 verzichtete er auf die ihm angebotene Kaiserkrone. Er starb am 15. 11. 1136 auf der Jagd. Heiliggesprochen wurde er im Jahre 1485. Vom Kaiser Leopold I. wurde er 1663 zum Landespatron von Österreich erklärt.
Als Evangelium wird uns heute eine Geschichte vorgelegt, die Jesus erzählt hat. Es ist das Gleichnis vom anvertrauten Gut. Und es geht nach dem Motto; Laß das Geld arbeiten, mach was mit dem was du hast. Und dabei denken wir nicht nur an Bankgeschäfte, sondern auch an die übrigen Begabungen und Talente, die wir besitzen. Im Laufe unseres Lebens haben wir ja doch alle uns selber so weit kennengelernt, dass wir wissen, was wir zu bieten haben. Da tut sich einer leicht mit anderen zu reden, ein anderer hat Gabe, rechtzeitig zu bemerken, was ein anderer braucht, wieder ein anderer hat die Gabe des Humors und versteht es, andere Menschen zu erheitern. Und nicht zuletzt gibt es Menschen, denen in besonderer Weise die Gabe des Gebets geschenkt ist. Und so können wir einmal vor Gott hintreten und ihm das übergeben, was uns in unserem Leben gelungen ist, oder was uns wenigstens ansatzweise gelungen ist.
Aber da gibt es in unserem Gleichnis einen Menschen, der von Jesus getadelt wird. Was hat er denn Schlechtes getan? Er hat einfach das Geld, das ihm sein Herr gab, vergraben und es ihm dann wieder zurückgegeben. Möglicherweise hatte er Angst durch Spekulationen etwas zu verlieren. Für mich ist es immer wieder interessant, darüber nachzudenken, wenn der letzte Knecht zwar ein Geschäft versucht hätte, aber durch schlechte Spekulationen das Geld oder einen Teil davon verloren hätte. Das würde dann nach unserer Sicht ein Mensch sein, der sich zwar bemüht hat, bei dem aber etliches in seinem Leben schief gelaufen ist. Ich glaube nicht, dass ihn der Herr verdammt hätte; hatte er doch guten Willen gezeigt und faul ist er auch nicht gewesen.
Nun, wie dem auch sei, unser Heiliger, der heilige Leopold hat mit seinen Talenten gut gewirtschaftet. Er war ein guter Politiker, der es verstand, das ihm anvertraute Volk gewissenhaft zu führen und er war auch ein frommer Mann, der neben seinen politischen Geschäften auch seine Kontakte mit Gott pflegte. Durch seine vielen Klostergründungen sorgte er dafür, dass seinem Volk die nötige Unterweisung in der christlichen Lehre nicht fehlte.
Viele Regierungen in Europa könnten sich da ein Stück von dieser Haltung abschneiden. Obwohl eine der Wurzeln unseres Europas der christliche Glaube ist hält man scheinbar nicht besonders viel darauf. Dass geht ja schon soweit, dass man an die Abschaffung des Religionsunterrichts denkt, dass Politiker bei ihrer Vereidigung das „So wahr mir Gott helfe“ weglassen. Ich frage mich, worauf sie noch schwören. Ich frage mich was aus unseren Ländern wird, wenn unserer Jugend keine Werte mehr vermittelt werden und auch keine Werte mehr vorgelebt werden. Wenn einmal in unserem vereinten Europa nur mehr wirtschaftliche Dinge zählen, wenn das Wirtschaftswachstum zum ersten Artikel im Glaubensbekenntnis wird, dann könnte man nur mehr sagen: „Heiliger Leopold, schau runter und hilf uns!“
In dem Augenblick, wo der Mensch seine existentielle Bindung an Gott nicht mehr wahr nimmt, geschweige davon, dass er sie negiert, beginnt er sich selber die Wertmaßstäbe für sein Handeln zu schaffen, fabriziert er sich seine eigene Moral, die nicht immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist, die mitunter sogar im Gegensatz zu den religiösen Werten steht.
Wir brauchen in unserem Land und im übrigen Europa gar nicht allein auf die Regierungen zu schauen, das Chaos beginnt bereits in den Familien, wo in vielen Fällen auf Religion und religiöse Erziehung kaum mehr Wert gelegt wird. Religion und Kirche wird nur mehr als Servicestelle für besondere Ereignisse in Anspruch genommen. Eine Hochzeit in der Kirche ist eben feierlicher als auf dem Standesamt. Aber spätestens nach dem „Der Herr sei mit euch!“ auf das keine Antwort kommt, merkt man, was los ist. Und eine „schöne Leich“ möchte man schließlich auch noch haben. Und die Kinder sollen nur zur Erstkommunion gehen und zur Firmung. Letztgenanntes Sakrament eignet sich besonders um einige kostspielige Wünsche dem Firmpaten bekannt zu geben, der oft schon nach der Dicke seiner Brieftasche ausgesucht wird. Für viele ist der Kirchenbesuch zur Firmspendung für viele Jahre der letzte.
Sie kennen vielleicht die Geschichte, wo sich drei Pfarrer treffen und einander erzählen, welche Plage sie mit den Fledermäusen in ihrer Kirche hätte. Alles haben sie schon versucht und sie werden sie nicht los. Der dritte Kollege sagte: „Ich habe keine einzige Fledermaus mehr in meiner Kirche“ – „Und wie hast du das zustande gebracht?“ – „Ganz einfach. Ich habe sie alle getauft und gefirmt und seitdem ist keine mehr von ihnen in der Kirche."
Das ist es, was mir zum Fest des Hl. Leopold eingefallen ist. Ich wollte keinen Pessimismus verbreiten; aber es ist gut der Situation ins Auge zu schauen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie müßten wir uns ändern. Es ist schade, dass die Leute, die eine Änderung brauchen würden, leider nicht in der Kirche anwesend sind. Und sie sind ohnehin guten Willens. Unser Gebet könnten wir aber verstärken. Und wir könnten von unserem Kontakt mit Gott wieder neue Möglichkeiten sehen, wie wir für andere Menschen unser Christsein spürbar und beispielhaft leben könnten.
Und dass wir vor allem auch für die jungen Menschen in unserem Land beten. Die Jugend ist nicht schlecht, sie ist zum Großteil nur schrecklich arm. Nicht an finanziellen Mitteln; aber sie arm an Zuwendung, sie ist arm, weil ihr gerade die wichtigen Werte des Religiösen von den für die Erziehung Verantwortlichen nicht mehr vorgelebt werden.
Ich nehme an, dass sich der Heilige Leopold im Himmel nicht so in der ewigen Anschauung verliert, dass er für sein Land keinen Blick mehr hätte. Beten wir heute zu ihm für alles das, was unsere Heimat braucht. Amen.

30. Sonntag im Jahreskreis, Mk 10,46-52

Blind zu sein ist ein schweres Schicksal: „Bartimäus, du siehst nicht die strahlende Sonne am blauen Himmel von Jericho. Du erblickst nicht die hohen Palmen und die Blumenpracht der Oase. Du kennst nicht das Antlitz deiner Mutter und das Gesicht deines Vaters. Du bist behindert, deshalb ein Aussenseiter, und zudem noch ein Bettler, angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit deiner Mitmenschen. Ja, du trägst ein schweres Schicksal, Sohn des Timäus.“
Wie eine Filmszene habe ich vor Augen, was Markus so anschaulich erzählt. Viele Menschen strömen aus engen Gassen und Straßen zusammen, ein buntes lebhaftes Gemisch aus Jung und Alt, die einen vornehm gekleidet, die anderen armselig. Hier und da, abseits, an Straßenrändern und in Häusernischen kauern, bettelnd: Aussätzige, Blinde, Verkrüppelte. Sie werden kaum beachtet, die Menge ist zu stark mit sich beschäftigt und mit dem, der gerade im Mittelpunkt des Interesses steht: Jesus.
Da plötzlich ein aufdringlicher Ruf: „Sohn Davids, Jesus!“ Die Köpfe fahren herum, die Gesichter überrascht, befremdet, ärgerlich, ja empört. Ihr Blick fällt auf den Bettler. Er ist zerlumpt, abstoßend, seine Augen sind farblos und tot, sein Gesicht ist ein einziger Schrei: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Wer ist dieser Blinde? Er ist kein Namenloser. Bartimäus hat einen Platz in Jericho, vielleicht sogar einen Stammplatz, aber nicht als geachteter Bürger, sondern als Bettler. Er ist vom normalen Leben ausgegrenzt. Er kann nicht seinen eigenen Augen trauen, er muß dem trauen, was andere sehen. Das macht ihn mißtrauisch. Sein Mißtrauen aber isoliert ihn von seiner Familie, von seinen Freunden. Zudem ist er als körperlich Behinderter völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Das demütigt ihn. Seine Augen sind blind, sein Inneres ist düster. Er ist ohne Perspektive.
Ohne Perspektive – scheinbar, denn da ist noch ein Funke Hoffnung in ihm. Der wird geweckt, als Bartimäus von Jesus hört. Hat er nicht schon anderen geholfen? Bartimäus nimmt seine ganze Kraft zusammen und legt sie in seinen lauten Hilfeschrei. Mit den Augen des beginnenden Glaubens sieht der Blinde in dem Mann aus Nazareth den Gesandten Gottes. Aber noch findet er keinen Zugang zu ihm, denn die Leute stellen sich ihm in den Weg. Sie fahren ihm über den Mund; sie wollen ihn mundtot machen.
Sie reagieren ganz natürlich. Jesus ist jetzt der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollen ihn ganz für sich haben. Sie sind nur noch Auge und Ohr für ihn und deshalb blind für die Not der anderen. Als sich der Blinde so lautstark einmischt, fühlen sie sich gestört.
Es gibt Christen, die reagieren wie diese Leute. Die übersehen geflissentlich, dass zwar die Anhänglichkeit an Jesus wichtig ist, dass aber Jesus sehr klar und deutlich unsere Aufmerksamkeit auf den Nächsten und seine Not hinlenkt. Und so macht uns die Reaktion Jesu zunächst schmunzeln Er geht nicht selber zu Bartimäus hin, nein, er wendet sich zuerst an die Leute, die sich ärgern. Diese beauftragt er, Bartimäus herzurufen. Das ist eine sehr gute Pädagogik! Jesus korrigiert das Verhalten der Menschen. Er bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Sie fangen an zu verstehen, und tun jetzt das Gegenteil von vorher: Sie sprechen Bartimäus Mut zu.
Auffallend ist, wieviel jetzt in Bewegung kommt! Bartimäus muß aufstehen, auf Jesus zugehen und seinen Wunsch nach Heilung öffentlich aussprechen. Jesus geht also nicht, von Mitleid gerührt, zum Kranken hin und heilt ihn. Vielmehr mobilisiert er die inneren Kräfte des Blinden, indem er ihn auffordert, selbst aktiv zu werden. Er fragt ihn nach seinem Willen zur Heilung und weckt dadurch das Vertrauen in seine Gesundung. Und Bartimäus wird heil: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Sein Glaube hatte ihm geholfen.
Es ist ja immerhin interessant, dass Jesus den Glauben des Bartimäus als auslösendes Element für seine Heilung nennt. Diese Verbindung von Glauben, Vertrauen und dem Wunder Jesu kommt immer wieder in der Frohen Botschaft vor. Und das sollte uns eigentlich in unserm eigenen Glauben Mut machen. Wenn auch unser eigenes Tun manchmal sehr gering ist, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind, sie bilden die Grundlage für die Wunder Gottes in unserem Leben. Und diese Tatsache ist tröstlich für einen jeden von uns.
Aber dazu noch eine Frage: Gehören wir nicht auch unter die Blinden? Natürlich können wir hoffentlich alle mit unseren leiblichen Augen sehen. Doch sie kennen auch das Sprichwort: „Liebe macht blind“. Starke Gefühle können einen Menschen blind werden lassen. Auch Hass, Wut und Eifersucht können blind machen. Sie werfen oft ein sehr einseitiges Licht auf einen Menschen, das die positiven Seiten eines anderen nicht mehr erkennen läßt.
Auch Fanatismus macht blind. Das sehen wir gerade in unseren Tagen wieder in der Ereignissen im Nahen Osten. Fanatismus ist meist ein Gemisch aus starken Gefühlen wie Hass und Wut, enthält darüber hinaus aber auch ein sich Festkrallen an „unumstößlichen“ Prinzipien. Fanatismus stützt sich auf ein Gesetz und wendet dieses so unerbittlich an, dass der Mensch, der damit getroffen werden soll, nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich gibt es da noch die Betriebsblindheit. Aufgeschlossene Unternehmen holen sich von Zeit zu Zeit Berater von außen, um die Organisation ihres Betriebes einmal mit fremden Augen anschauen zu lassen. Manche Dinge und Gewohnheiten unseres Lebens gehörten vielleicht verändert; aber weil es immer so war, mag es auch so bleiben. In gewissem Sinn betriebsblind werden die meisten Menschen ihren eigenen eingeübten Lebensabläufen gegenüber. Jeder hat so seine blinden Flecken, Punkte, auf die er nicht gerne hinschaut, Verhältnisse, an denen er nicht gerne rüttelt.
Was viele von uns von Bartimäus unterscheidet ist die Tatsache, dass wir uns unserer Blindheit bzw. unserer Sehschwächen meist nur wenig oder überhaupt nicht bewußt sind und darum auch gar nicht mehr das Bedürfnis haben, geheilt zu werden.
Blenden wir wieder zurück zur Eingangsszene und vergleichen wir sie mit unseren jetzigen Erkenntnissen. Der geschlossene Kreis um Jesus ist aufgebrochen. Bartimäus steht nicht mehr im Abseits, sondern ist in die Gemeinschaft miteinbezogen. Die Leute haben einen Blick bekommen für die Not des Mitmenschen. Die Heilung hat nicht nur Bartimäus verändert, sondern auch das Umfeld. Der Geheilte lernt nun seinen eigenen Augen zu vertrauen und die anderen sind von ihrer Blindheit gegenüber den naheliegenden Nöten anderer gelöst.
Verlassen wir langsam Jericho und das Geschehen, das sich dort abspielte. Nehmen wir aber die Anfrage in unseren Alltag mit: Wo entdecken wir Menschen wie Bartimäus? Wo verhalten wir uns manchmal wie die Leute von Jericho? Und welche Blindheit muß Jesus uns nehmen? Amen.

29. Sonntag im Jaheskreis, Weltmissionssonntag

Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der davon gehört hatte, dass an einem fernen Ort eine heilige Flamme brenne. Wenn ich dieses Licht besitze, so dachte er, dann habe ich Leben und Glück für immer. Und so machte er sich auf, um das Licht zu sich nach Hause zu holen. Auf dem Heimweg bekam er große Angst. Er fürchtete, die Flamme könne ihm erlöschen, und er sorgte sich sehr um sie. Da begegnete ihm ein Fremder. Dieser fror bitterlich und bat ihn deshalb: „Gib mir von deinem Feuer!“ Zunächst zögerte der Mann; er wollte ja das Licht für sich haben, und er hatte Angst, es könne ihm ausgehen. Schließlich teilte er doch mit dem Fremden. Als er nun weiterlief, geriet er in einen starken Sturm. So sehr er das Licht auch zu schützen versuchte, die Flamme erlosch. Was nun? Den Weg zurückzugehen an den fernen Ort, wo die Flamme brannte, das war zu weit, das würde er nicht mehr schaffen. Da erinnerte er sich an den Fremden, mit dem er das Licht geteilt hatte. Er ging zu ihm und ließ sich von ihm das erloschene Licht wieder anzünden. Weil er bereit gewesen war zu teilen, konnte er jetzt, als er selbst in Not war, das Licht wieder empfangen.
Besser kann man die eigentliche Geschichte vom Ursprung und vom Wesen der Weltmission nicht verdeutlichen. Seitdem es Kirche gibt, gibt es auch die Missionsarbeit der Kirche; gibt es den Auftrag des Herrn: „Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Wer angerührt ist von diesem guten Gott, der kann das einfach nicht für sich behalten. Wir können und dürfen nicht davon schweigen, was wir gesehen und gehört haben, sagt Petrus selbst vor Gericht. Bei wem das Licht der Frohen Botschaft gezündet hat, der muß einfach von diesem Licht weitergeben und mit allen Menschen teilen. Kirche und Mission bedingen sich gegenseitig und setzen einander voraus. So haben Christen aller Zeiten, aller Rassen und Nationen die Flamme des Glaubens und der Liebe am Brennen gehalten, zum Leuchten gebracht und mit anderen geteilt. Und wie die Geschichte erzählt, haben Fremde immer wieder gebeten: gebt uns von diesem Licht des Glaubens und der Liebe, teilt es mit uns, wir wollen nicht länger frieren in der Kälte des Unglaubens. So sind Fremde zu Freunden geworden und die Kirche ist zur Weltkirche gewachsen über alle inneren und äußeren Grenzen. Und sie hat dabei im Heiligen Geist das Angesicht der Erde erneuert.
Ich weiß nicht, welche Vorstellung sie mit dem Missionsgedanken verbinden. Lange vorbei sind allerdings die Vorstellungen von der Begegnung der Missionäre mit Kannibalen und Löwen. Der berühmte „Nickneger“, der da und dort noch eine Weihnachtskrippe ziert. Für die meisten Menschen besteht das missionarische Tun einfach nur aus einer hin und wieder getätigten Geldspende, vielleicht liest man hin und wieder auch noch eine Missionszeitschrift. Die Länder, in denen heute unsere Schwestern und Missionare arbeiten sind auch keine geheimnisumwitterten Abenteuergebiete. Wir verbringen heute in diesen Ländern vielfach unseren Urlaub, wohlaufgehoben in Hotels der Luxusklasse. Wir achten den selbstlosen Einsatz von Menschen, die mit den Ärmsten der Armen in den Elendsquartieren der Slums das Leben teilen, wir hören von Bischof Kräutler in Südamerika, der sich unter ständiger Bedrohung für die Rechte der Entrechteten einsetzt. Und wir stellen fest, dass die Verkündigung des Christentums heute nicht mehr losgelöst sein kann von der Sorge um den Menschen. Das ist ja auch die Methode Jesu gewesen, der Kranke geheilt und Traurige getröstet hat. Unsere Missionierung darf sich auch nicht über die Kulturen der einzelnen Völker einfach hinwegsetzen. Seit dem zweiten vatikanischen Konzil sprechen wir von „Inkulturation“ und meinen damit, dass wir das kulturelle Erbe der anderen Völker zu respektieren haben und dass wir ihnen kein westliches Christentum aufzwängen dürfen. „Allen alles werden“ das ist der Leitspruch eines Missionars von heute.
Aber auch die Schwerpunkte der Mission haben sich verschoben. Während bei uns der Glaube „verdunstet“, wird er anderswo aufbrechen und feste Formen gewinnen. Wir sind heute selbst zum Missionsland geworden. Eine neue Form des Heidentums setzt sich durch. Wir beginnen das Christentum abzustreifen oder es in ertragbare Formen zu gießen, während es doch eine weltverändernde Kraft sein sollte. Wir passen unser Christentum aber der Welt an und meinen damit modern zu sein und unserem Glauben einen Dienst erwiesen zu haben. Aber damit verleugnen wir auch eine wichtige Wurzel unseres gemeinsamen Lebensraumes Europa. Was können und wollen wir den Völkern des Ostens geben in diesem neuen Europa? Ich denke da vor allem an die Menschen in der ehemaligen DDR. Viele von ihnen sind nicht mehr getauft. Was können wir westliche Christen diesen Menschen mitgeben? Sind es bloß die Werte eines gehobenen Lebensstandards oder volle Supermärkte? Wie erleben die Menschen anderer Denkweise unser Christsein?
So gesehen beginnt der Missionsgedanke bei uns selber, bei unserem eigenen Christsein. Haben wir den Mut zu einer Umkehr? Spüren wir die Verantwortung, unser Christsein so zu leben, dass es in den Augen der Fernstehenden sympathische Züge gewinnt, nicht aber bloß im Sinne eines Nach-dem- Munde-Redens, sondern in aller Folgerichtigkeit und Konsequenz.
Haben sie auch beobachtet, dass nicht nur wir Christen missionieren. Es sind viele Sekten am Werk, viele religionsähnliche Gemeinschaften, die da allerhand versprechen, ohne es letztlich halten zu können. Junge Mormonen stehen sich die Füße wund, sprechen die Vorübergehenden an und suchen sie zu gewinnen. Sie verpflichten sich für zwei Jahre zu einer missionarischen Tätigkeit. Und unsere bekannten „Zeugen Jehowas“ sehen wir auch mitten in unseren geschäftigen Straßen stehen mit ihrem „Wachtturm“. Verlangen sie einmal von einem katholischen Christen, er solle etwas Ähnliches tun. Abgesehen, dass diese Art von Werbung nicht unsere Art ist, so würden die wenigsten das tun wollen. Ich habe mir schon darüber Gedanken gemacht, ob gerade von jungen Christen nicht zu wenig verlangt wird. Von einem Menschen, namentlich von einem jungen Menschen nichts zu verlangen, heißt ihn nicht ernst nehmen. Und wir haben da vielleicht allzusehr auf die bequeme Karte gesetzt. Und wir verlangen auch nicht allzu viel von uns selbst. Ich möchte da sicherlich nicht sie ansprechen. Sie sind ja hier. Und das ist ja das Problem, dass genau die Leute, denen man etwas sagen möchte nicht anwesend sind. Aber ein Großteil der Menschen begnügt sich mit einem Konsumieren des Christlichen. Ich merke das spätestens, wenn ich eine Trauung halte. Trauung mit Messen, weil das feierlich ist. Aber mir hat neulich ein Teilnehmer an einer solchen Trauung gesagt: Es ist doch eigentlich beschämend, dass die Menschen nicht wissen, wie sie sich in der Kirche aufzuführen haben, dass sie nicht einmal die einfachsten Antworten der Liturgie kennen. Die Kinder werden noch zur Taufe gebracht. Das ist ein Familienfest. Auf die Frage nach der religiösen Erziehung wird zwar positiv geantwortet, aber in Wirklichkeit wird von der Seite der Eltern und Paten nichts dergleichen geboten. Und die Firmung ist für viele junge Leute die letzte Gelegenheit zu einem Kirchenbesuch. Nachher ist vielfach Pause. Ja - und dass ich nicht vergesse: das Begräbnis wird noch gewünscht, wie wir in Wien sagen „a schene Leich“. Nach diesen „Höhepunkten“ unter Anführungszeichen ist für viele sogenannte Christen Schluß. Der Kirchenbeitrag ist dann oft der letzte Stein des Anstoßes, um sich von der Kirche endgültig zu verabschieden.
Es ist gut, das alles einmal zu sehen, weil es uns aufrütteln kann, denn von einer gewissen schleichenden Lethargie sind wir alle bedroht.
Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen!“ Verlieren sie nicht den Mut, missionarisch tätig zu sein. Es gibt viel Leben in der Kirche. Sie ist lebendig und sie muß und wird lebendig bleiben durch uns. Vertiefen sie immer wieder ihren Kontakt mit Gott durch das Gebet, nützen die Möglichkeiten, die die Sakramente uns bieten. Bleiben sie auch wachsam für ihre Umgebung. Sie ist unser Missionsgebiet. Bleiben sie auch wach für das, was in der Welt geschieht. Das muß immer auch ein Anliegen unseres Gebets sein. Wissen sie, dass die Heilige Theresia von Lisieux die Patronin der Missionen ist. Sie, die keinen Schritt aus ihrem strengen Kloster herausgekommen ist! Nur durch ihr Gebet und durch ihr Opfer!
Ergriffensein von Gott, das wird die Basis sein, auf der sich unser missionarisches Leben aufbaut Der Kapuzinerpater Walbert Bühlmann, der viele Jahre Missionar in Afrika war, erzählt:
In Tansania traf ich einen jungen Mann, der im letzten Grad tuberkulös war und den man nicht mehr heilen konnte. Ich wollte ihn auf die Taufe vorbereiten, doch erkundigte ich mich zuerst aus Neugierde etwas nach seinem Weltbild. Meine Frage: „Was weißt du von Gott? Was tut Gott?“ Auf diese Frage kann man natürlich viele Antworten geben. Aber es würden wohl wenige Christen eine so schöne Antwort geben wie jener „Heide“ sie mir gab. Nach einem Moment der Überraschung kam die Klare Antwort: „Anatuangalia“: „Er schaut uns an!“ Also jener Heide praktizierte das, was man in der Spiritualität Leben unter den Augen Gottes nennt. Ich konnte ihm nur bestätigen: „Das ist sehr schön. Dieser Gott, der dich und mich und alle Menschen anschaut, hat Dinge für uns getan, die du noch nicht weißt.“ Ich fing an zu erzählen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Der todkranke junge Mann hörte staunend zu und glaubte.
Gott schaut uns an! Hoffentlich ist unser Leben so, dass wir es in aller Bescheidenheit Gott darbieten können. Amen.

28. So im Jahreskreis, Mk 10,17-30

Es gibt entscheidungsfreudige und entscheidungsschwache Leute. Manchen fällt es leicht, sich auf etwas Neues einzustellen; andere tun sich da schon schwerer. Schließlich hat das ja seine Konsequenzen. Das gilt auch für das Leben aus unserem christlichen Glauben. So vor sich hin leben, keinen rechten Schwung haben - diese Erfahrung machen wir auch mit uns selber. Das reden wir uns nicht ein; wir sind so.
Eltern und Lehrer stehen in unseren Tagen mehr denn je vor der Frage, wozu, wofür man Menschen bilden soll. Junge Menschen, die als einzigen Lebenszweck angeben: sie möchten ihren Spaß haben und möglichst viel Geld verdienen, um sich so allerhand leisten zu können, stellen uns als Erziehende vor gewaltige Probleme. Menschen sollen erzogen werden: für welche Aufgaben, für welche Zukunft? Unsere schnellebige Zeit überholt und überrollt sehr rasch Gebrauchsanweisungen und Programme. Es wäre aber entschieden zu wenig, junge Menschen nur mit einem Bankkonto, ober sonst orientierungslos und mit leeren Herzen auf den Weg zu schicken. Evangelium und Lesung haben solche Situationen der Entscheidung vor Augen, Situationen der Frage nach dem rechten Weg und der Ausrüstung dafür.
Unsere alttestamentliche Lesung aus dem Weisheitsbuch wendet sich an junge Menschen, die vor solchen Fragen stehen. Der Verfasser versucht eine Weisung für die sehr weite und bunte Welt der Großstadt Alexandria um die Zeitenwende, mit den vielen Möglichkeiten und Wegen, die sich dem suchenden Geist und dem unruhigen Herzen dort boten. Die Empfehlung aus der Erfahrung und dem Glauben Israels ist einfach und kühn zugleich: Sie rät zum Gebet um Weisheit, zum Mühen um ihre Kostbarkeit - als Ausrüstung für den Weg.
Der Verfasser erinnert seine Leser, sich den König Salomon als Beispiel zu nehmen. Dieser große König Israels hat für seine Regierung statt Macht und Reichtum in einem wunderschönen Gebet am Heiligtum Weisheit erbeten. Wer betet heute noch darum? Aber wer so betet, geht nicht mit der Überheblichkeit des Machers, als Besserwisser an seine Zukunft. Wer um Weisheit betet, weiß um seine Grenzen, um die Unverfügbarkeit letzten Gelingens; er weiß, dass geglücktes Leben verdankt, geschenkt ist. Wer so betet hält sich für dieses Geschenk, für Gottes Antwort offen. Betende Menschen gehen offenen, weiten, aber vertrauenden Herzens in die Zukunft.
Salomon hat um ein hörendes Herz gebetet, um für seine Regierung unterscheiden zu können, was gut und böse ist. Diese Einsicht ist in der Tat kostbarer als alle irdischen Güter; sie ist die Gabe des rechten Umgangs mit den Dingen und Bereichen der Welt. Sie lehrt, alle Güter richtig zu gebrauchen. Wir können uns nichts Besseres wünschen als solche Unterscheidung der Geister im Gebrauch der Gaben des Schöpfers und der Schöpfung. Und wenn einem jungen Menschen diese Fähigkeit des rechten, guten Urteils von Gott geschenkt wird, wenn Eltern, Erzieher etwas davon mitgeben, ist dies ein unersetzlicher Reichtum, der viele Gaben und Güter in sich schließt.
Der junge Mann in heutigen Evangelium steht vor einer großen Frage: „Was muß ich tun?“ Nicht um zu Reichtum zu gelangen, nicht um zu Ansehen zu gelangen - sonder, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlange. Von vielen Jugendlichen unserer Tage könnten wir keine solche Frage hören. Aber wir können auch nicht ausschließen, dass wir Menschen von heute ständig auf der Suche sind. Wir spüren wie uns das Leben unter den Finger zerrinnt, wir spüren, dass materieller Wohlstand allein nicht genügt, um uns auszufüllen.
Wir würden die Frage vielleicht anders stellen: Wie kann ich ganze Erfüllung finden? Wie kann ich meinem Leben eine endgültige Zukunft geben? Oder: Was muß ich tun, damit ich bleibe, damit ich hier schon Erfüllung finden kann? Die einen treibt diese Frage in eine Lebensgier hinein, die alles und jedes auskostet und sich dabei selber zugrunde richtet. Andere ergeben sich fatalistisch in ihr Schicksal und geben es auf, weiter zu suchen und zu fragen. Wieder andere wie unser junger Mann im Evangelium stellen die Frage an Gott.
Aber haben wir nicht Angst vor der Antwort, vor der Antwort eines Gottes, der die Ziele unseres Lebens kennt, der auch die Weichen kennt, die für unser Leben neu gestellt werden müssen. Und wenn Gott sagt: Alles loslassen, alles hergeben, um so ganz frei zu werden für Gott? Wer würde dies schon fertigbringen, und wer könnte sich das schon leisten?
So zu fragen würde unserem Evangelium nicht gerecht werden. Achten wir darauf, was Jesus für eine Antwort gibt: „Halte die Gebote!“ Gottes Wille und Weisung sind klar bestimmt, und wer sich daran hält, kann sein Lebensziel nicht verfehlen. Aber da ist noch etwas, was uns verunsichert und was wir immer wieder spüren, nämlich der Zweifel, ob das auch wirklich genug ist? Kann ich damit wirklich vor Gott bestehen? Diese Unruhe treibt uns um. Es muß doch noch mehr geben, etwas, was diese Unsicherheit nimmt, die manchmal gar zur Angst wird. Es muß doch mehr geben, das das Herz wirklich zur Ruhe kommen läßt.
Der Hl. Augustinus, dessen Herz von der gleichen Unruhe getrieben war, hat dies einmal unübertrefflich formuliert mit dem Satz „Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es zur Ruhe kommt in dir“. Was uns treibt, ist unser Herz. Es ist unersättlich in seinem Suchen und Streben und darum wird es erst dann zufrieden sein, wenn es an der Quelle trinken kann, die unerschöpflich ist. Und diesem Hunger des Herzens entspricht auch sein Verlangen, nicht etwas, sondern sich selber ganz zu geben, denn nur, wer sich ganz verschenkt, kann sich ganz empfangen, kann vollkommene Erfüllung erfahren.
Der junge Mann war gut, er war in irgend einer Weise sogar ideal. Wir würden uns unter der heutigen Jugend viele solcher Frager wünschen. Wir würden uns viele junge Menschen wünschen, die aus der engen Dimension des nur Materiellen auszubrechen versuchen und eine neue Perspektive gewinnen möchten. Wir möchten uns viele junge Menschen wünschen, die die Frage stellen nach dem ewigen Leben, solche also, die die ganze Perspektive menschlicher Existenz in ihre Frage einschließen.
Der junge Mann unseres Evangeliums kam über die Frage nicht hinaus. Seine viele Güter, das Materielle in seinem Leben hatte eine zu große Zugkraft. Er ahnte die Dimension seines ganzen Lebens; aber er hatte nicht den Mut, den entscheidenden Schritt zu tun.
Für uns ziehen wir eine wichtige Lehre aus dieser Schriftstelle. Eine ehrliche Analyse unseres Lebens ergibt folgenden Tatbestand: Das materielle Leben, der Besitz der Güter, der Wohlstand spielen die entscheidende Rolle. Das Übernatürliche, das was nach diesem Leben kommt, ist für uns weniger von Bedeutung. Das heißt im Klartext: Es fehlt uns die nötige Rangordnung der Dinge, wir können oft nicht entscheiden, was für uns wichtig und nicht wichtig ist. Um diese Weisheit des Herzens müssen wir immer und immer wieder beten.
Wir leben immer in einer Entscheidungssituation, wir werden immer wieder gefragt, immer wieder herausgefordert. Das Leben selbst mit all seinen Unsicherheiten und Bedrängnissen stellt uns immer wieder diese Fragen! Oft ist Resignation unsere Antwort, eine Unmöglichkeit für die richtige Entscheidung und Weichenstellung von unserer Seite.
Dem steht gegenüber der letzte Satz unseres Evangeliums: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich“.
Und genau das ist unsere Chance, das ist das rettende Wort, das Gott uns zuruft. Geben wir unserem Leben eine neue Chance, öffnen wir ihm eine neue Perspektive! Auch für unser Leben gibt es noch ungeahnte Möglichkeiten, weniger von uns selbst, aber um so mehr von Gott her. Amen.

26. Sonntag im Jahreskreis, Mk 9,38-43.47-48

Wir haben etwas gegen Angst-und Drohparolen. Davon gibt es allerdings im heutigen Evangelium eine ganze Menge. Es beginnt schon bei der Lesung, wo die Reichen in die Zange genommen werden. Ihr oft unrecht erworbener Besitz wird ihnen mies gemacht mit der Drohung der Zerstörung durch Motten und Rost. Gemeint ist jener Reichtum, der gekoppelt ist mit Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Und im Evangelium geht es den Verführern an den Kragen. Mit den „Kleinen“ sind aber nicht nur die Kinder gemeint, sondern all diejenigen, die zu schwach sind, zwischen Gutem und Bösem klar zu unterscheiden und die selbst nicht in der Lage sind, sich gegen das Böse ausreichend abzugrenzen. Natürlich geht es auch im die Kinder, die in erster Linie gefährdet sind. Sie besitzen noch nicht die Fähigkeit abzuschätzen, was ihnen gut bekommt und was für sie schädlich ist. Sie neigen dazu, alles Neue und Unbekannte unvoreingenommen einmal auszuprobieren. Sie gilt es zu schützen vor Erfahrungen, die sie noch nicht verkraften können, wie etwas vor ihrem Alter unangemessener Sexualität, vor Erfahrungen der Gewalt, vor dem Konsum von Nikotin, Alkohol und den verschiedenen Suchtgiften. Besonders verwerflich ist es, wenn einVertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnis missbraucht wird, um die bei Kindern noch nicht ausreichende Hemmschwelle vor für sie ungeeignete Erfahrungen zu durchbrechen. Das Bild vom Mühlstein unterstreicht die Verwerflichkeit solchen Tuns.
Das Thema der Verführung zum Bösen betrifft aber nicht nur jene, die Kinder dazu verleiten. Die drastischen Beispiele vom Handabschlagen oder Augenausreißen zeigen, wie ernst es Jesus ist, sich gegen das Böse abzugrenzen. Verführung beginnt dort, wo Böses verharmlost wird: ein bisschen Gewalt, ein bisschen Hass, ein wenig Krieg, ein wenig Aufrüstung – nur so zur Unterhaltung.

Gewaltaktionen, wie sie zurzeit die Welt erschüttern und den Frieden gefährden, finden schon längst vorher in den Köpfen statt. Die dabei angewandten Muster werden in Unterhaltungsromanen und Filmen durchgespielt. Das Verharmlosen dieser Gewaltphantasien setzt die Hemmschwelle davor herunter.
Der Dialog zwischen Gott und dem ersten Menschenpaar im Paradies zeigt, wie die Versuchung scheinbar harmlos und mit einleuchtenden Argumenten sich an den Menschen heranmacht. Erst wenn sich der Mensch auf sie eingelassen hat, zeigt sie ihr wahres Gesicht.
In der christlichen Tradition wurden und werden auch heute noch, so unzeitgemäß das auch für manche Ohren klingen mag, sieben Hauptsünden aufgezählt, manches mal werden sie auch als die sieben Todsünden bezeichnet: Stolz (oder Hoffart), Geiz, Neid, Zorn, Wollust (oder Unkeuschheit), Völlerei (oder Unmäßigkeit) und Trägheit. Aufs erste wundert man sich, was daran so schlimm sein soll. Wer kennt diese Gefühle nicht auch schon bei sich selbst? Die so genannten Hauptsünden beinhalten eine verführerisch harmlose Seite. Sie beginnen im Kopf. In ihrer Konsequenz können sie uns kaputt machen, zum Tod führen, in der Konsequenz entfalten sie zerstörerische und todbringende Kräfte.

Die Herausforderung moralischer Reife besteht darin, dass wir lernen, mit diesen Gefühlen und seelischen Kräften umzugehen, sie zu beherrschen und sie ins Positive zu entfalten. Statt Überheblichkeit und Stolz sollen wir ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln, Sparsamkeit und Genügsamkeit statt Geiz, Gerechtigkeitssinn statt Neid, Initiative und Schaffenskraft statt Zorn, Liebesfähigkeit statt Wollust, Genussfähigkeit statt Völlerei, Zielstrebigkeit statt Trägheit. Auch das Gute beginnt im Kopf und im Herzen. Und es ist notwendig, sich diese Ziele und Möglichkeiten bewusst zu machen.
Aber es ist eigenartig. Während man in der Kirche im Mittelalter die Angst vor der Sünde und den folgenden Höllenstrafen schürte, stehen heute viele Menschen dem, was wir unter Sünde verstehen ziemlich gleichgültig gegenüber. Schuld an dieser Situation ist der sich ausbreitende Glaubensschwund. Gott hat ausgedient, die Welt kommt ohne Schöpfer aus, erklärt sich selbst. Charles Darwin hat in seinem Buch „Die Entstehung der Arten“ Gott den Prozess gemacht. Er braucht für die Vielfalt des Schöpfungsgeschehens keinen schaffenden Gott mehr. Und 150 Jahre nach ihm manipuliert der Mensch der Mensch den Menschen selbst, greift in seine Genstruktur ein und ist daran das zu tun, was George Orwell in seinem Roman „1984“ für die Zukunft vorausgesagt hatte.
Es ist absurd: auf der einen Seite arbeiten Abtreibungskliniken im Dauerbetrieb, auf der anderen Seite sucht man mit allem möglichen biologischen Experimenten das menschlichen Leben zu verlängern bzw. den Menschen unsterblich zu machen.
Wenn der Glaube, bzw. das Verantwortungsgefühl einem göttlichen Wesen gegenüber schwindet, dann ist eben alles erlaubt, dann gibt es weder ethische noch moralische Grenzen.

Gerade weil Verführung immer auch mit einem positiven Mäntelchen daherkommt ist sie so gefährlich. Sie zeigt nicht immer gleich ihr wahres Gesicht. Unter dem Schein des Guten und Vorteilhaften verbirgt sich das Böse und letztlich der Böse, der noch nie so viel Schaden angerichtet hat als heute, wo wir ihn leugnen und als Krampus lächerlich machen.
Wenn es uns gelingt, uns den Blick dafür zu bewahren und zu schärfen, wo das Böse in seiner getarnten Form in uns eindringen möchte, dann haben wir den Kampf schon begonnen. Stellen wir uns an die Seite Christi, der das Böse in der Welt enttarnt hat und der letztlich dem Guten den Sieg verleihen wird. Ob wir uns seiner Führung überlassen und so der Verführung entgegentreten, darauf kommt es an. Es hätte keinen Sinn Angesicht des Zustandes der Welt in der wir leben in die Resignation zu verfallen, während uns doch durch den Beistand des Herrn die Mittel in die Hand gegeben sind, dem Chaos entgegenzutreten. Dazu gehört natürlich auch der Blick für das Gute, das sich auch in unserer Welt immer wieder zeigt. Und da kommen wir zum Anfang unseres heutigen Evangeliums zurück, wo die Jünger Jesu meinen, ein Monopol auf das Gute zu haben. Ich habe Menschen gekannt, die nie in eine Kirche gegangen sind, die auch nicht oft gebetet haben, die keine Christen im üblichen Sinn des Wortes waren. Und es waren gute Menschen, Menschen mit einer großen Liebe in ihrem Herzen. Diese Menschen lebten die Frohbotschaft ohne dass es ihnen bewusst war - anonyme Christen also. Wir können Gott nicht vorschreiben, wie er seine Gnadengaben verteilt, offensichtlich hat er eine größere Verteilerliste als wir so gemeinhin annehmen. Wir aber sollten dankbar sein, dass wir in vollem Bewusstsein ihm nachfolgen dürfen. Amen.

25. Sonntag im Jahreskreis

Wir hören und lesen mit Respekt, mit Genugtuung, aber auch oft mit gewisser Beunruhigung vom Glaubenszeugnis von Christen in der Welt. Bis vor kurzem war es vor allem das Lebenszeugnis unserer Schwestern und Brüder unter der Diktatur des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa. Bis zur Stunde sind es immer wieder Nachrichten, Berichte aus Lateinamerika, wo Christen wegen ihres Einsatzes im Dienste des Evangeliums für die Armen und Entrechteten in Bedrohung und Gefährdung leben oder Märtyrer geworden sind; denken wir an Erzbischof Oscar Romero, der während eines Gottesdienstes erschossen wurde, an die Ermordung von sechs Jesuiten und ihres Personals vor einigen Jahren. Es gehört mit zur Existenz unseres Glaubens, dass er bisweilen herausgefordert und eingefordert wird.
Lesung und Evangelium erinnern uns heute nachdrücklich daran. Das Weisheitsbuch, dem der Text der alttestamentlichen Lesung entnommen ist, stammt aus einer Stunde der Herausforderung des Glaubens; es zeichnet den Glaubenden als eine lebendige Herausforderung für seine Umwelt; es weiß aber auch, dass das Leben des Glaubenden selbst gefordert ist.
Ort und Zeit der Entstehung des Weisheitsbuches haben manches mit der Situation des Christentums in der Welt von heute gemeinsam. Die Weltstadt Alexandria in Ägypten um die Zeitenwende, vielleicht unter Kaiser Augustus, war schon seit langem ein Anziehungspunkt: wegen der Aufstiegsmöglichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem aber auch wegen ihres Angebots an Bildungsmöglichkeiten in Wissenschaft und Kultur, aber auch einer reichen Auswahl von Ideen, Kulten und Impulsen für die religiösen Bedürfnisse. In dieser Situation eines geistigen und religiösen Pluralismus versucht der Autor unseres Weisheitsbuches beziehungsweise unserer Lesung, die Jugend der jüdischen Diasporagemeinde für das Leben vorzubereiten. Er tut dies in einer Art, von der wir nur lernen können: Verwurzelt in der Glaubensüberlieferung Israels, aber auch wohl bewandert in Sprache und Geisteswelt der Gegenwart, wirbt er für Weisheit und Gerechtigkeit, für Bildung, die im Glauben verankert ist.
Es kann nicht ausbleiben, dass der Gerechte, wie der gläubige Israelit dort genannt wird, zur Herausforderung für seine Zeitgenossen wird. Ihr Urteil zeigt, dass er ihnen zu einem unbequemen Spiegel geworden ist. Kein Wunder bei dem Lebensentwurf, von dem gerade vorhin die Rede war, einem Lebensentwurf, der auf schrankenlosen Genus setzt. Den davon infizierten oder abgefallenen jüdischen Zeitgenossen muss ein Gerechter als lästiger Mahner an die über Bord geworfene Lebensordnung, die Weisung des Moses, erscheinen, als lebendiger Vorwurf mangelnder Bildung aus dem Glauben. Herausforderung ist vor allem sein Glaube an ein Leben über den Tag, ja über den Tod hinaus, an ein Leben, das sich nicht in Banalitäten und Vordergründigkeiten erschöpft, sondern auf die Gemeinschaft mit Gott setzt und von daher auf die Rettung und das Eingreifen dieses Gottes vertraut.
Ob unsere Hoffnung, der Entwurf und die Sicht unseres Lebens jemanden herausfordern? Paulus konnte sagen, dass er wegen der Hoffnung auf die Auferstehung vor Gericht steht. Es müsste eine Hoffnung sein, die nicht durch große, geschwätzige Worte, sondern durch das Tun provoziert!
Der Autor des Weisheitsbuches macht seine jungen Leser und Hörer darauf aufmerksam, dass ihr Leben gefordert ist. Der Anstoß, den sie geben wird allerdings auf sie zurückfallen - als Spott, als Druck der Öffentlichkeit, als spürbare Verfolgung bis zum Tod. Es kann durchaus Kriterium für ein konsequentes Zeugnis des Glaubens sein, wenn die Kirche Kritik erfährt, wo sie für Arme, Flüchtlinge, bedrohtes, hilfloses Leben das Wort ergreift und Satte, Begüterte zum Teilen des Wohlstands aufruft. Glaubenszeugnis, das eine gleichgültig gewordene und abgestumpfte Welt herausfordern kann, muss und wird ein Stück Martyrium, das heißt Blut- und Lebenszeugnis sein.
Und gerade diesem Zeugnis weichen wir oft aus. Es scheint zu oft in Widerspruch zu geraten zu den Wertmaßstäben dieser Welt. Und wir möchten doch auch in dieser Welt etwas gelten. In jedem von uns besteht das Bedürfnis, etwas wert zu sein. Wir möchten für die anderen wichtig sein und etwas darstellen und wir möchten mit unseren Ansichten nicht zu oft anecken. Niemand möchte gern Letzter sein. Das geht sozusagen gegen unsere zweite Natur, gegen das von Kind auf eingelernte Verhalten.
Aber Jesus sagt im heutigen Evangelium: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Das kehrt unser Lebensgefühl total um. Da stellt sich die Frage, ob es denn unsere erste Natur sein soll, das anerzogene Streben nach Rang und Namen, nach einem ersten Platz also schleunigst abzubrechen und Leben ganz anders zu versuchen. Ist es Gottes Wille, dass darin unser Glück besteht?
Doch hier scheint Vorsicht angebracht! Gibt es doch Christen, die unter dem Gesetz der erlernten Opferbereitschaft diesen Weg gingen, aber dadurch gerade nicht zu erlösten und innerlich freien Menschen wurden. Mir steht dabei das Bild einer Frau vor Augen, die im Gespräch müde und erschöpft feststellt: „Ich muss immer nur für die anderen da sein, für meinen Mann, für die Kinder, die als Heranwachsende nicht einfach sind. Ich komme immer zuletzt.“ Hat Jesus das wirklich so gemeint, dass wir für uns selbst nichts mehr beanspruchen sollen. Sicherlich nicht. Wo wäre denn da die frohe Botschaft enthalten als eine Einladung zum Leben? Geht es wirklich darum, das Christsein durch ein Höchstmaß an solcher Dienst-Leistung zu rechtfertigen, verbunden mit dem fatalen Gefühl, dass wir selbst dabei zu kurz kommen?
Dem Evangelium geht es um etwas Anderes. Das wird sichtbar am Kind, das Jesus als lebendiges Zeichen in die Mitte der Jünger stellt. Ein Kind ist machtlos, angewiesen auf Hilfe. Ein Kind hat noch nicht das Spiel der Erwachsenen um Einfluss, Macht und Leistung übernommen. Wir werden eingeladen, mit den Jüngern unsere Kind-Natur sozusagen als unsere erste Natur vor Gott neu zu entdecken. Das bedeutet: Wir alle können unser Leben nur als Geschenk von Gott empfangen. Deshalb dürfen wir vor Gott schwach und unfertig sein wie die Kinder. Dann brauchen wir uns vor uns selbst und vor den anderen nicht dauernd zu beweisen gemäß der erlernten Rangordnung von Oben und Unten, Ersten und Letzten. Wir sind eingeladen, mit dem das Kindsein zu teilen, der selber ganz Kind und Sohn des Vaters im Himmel gewesen ist.
Das deutsche Wort „Letzter“ kommt vom mittelhochdeutschen Wort „laß“, was soviel wie „matt, müde“ bedeutet. Der Letzte ist folglich der Müdeste. Von „Letzter“ lässt sich auch das Wort „ver-letzen“ herleiten. In Jesus macht sich Gott zum Letzten, zu einem verletzbaren, verwundbaren Gott. Er macht sich müde im Dienst an den Menschen aus Liebe. Vor einem solchen Gott brauchen die verwundeten, müden, auf Liebe angewiesenen Menschen keine Angst zu haben.
Auf einer Spruchkarte konnte ich einmal lesen: „Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das Neue Testament ist voll von Begegnungen, die diesen Satz wahrgemacht haben für Menschen, die sich in ihrer Schwäche Jesus anvertraut haben. Heute kann die Kirche ein Ort sein, wo dieser Satz wahr wird: die Kirche, die Gemeinde als Gemeinschaft von Letzten, von Menschen, die sich ihrer Verletzbarkeit und Hilflosigkeit bewusst sind und dies vor Gott und voreinander auch zeigen dürfen. Dorthin sollten wir uns auf den Weg machen: zu einer Kirche, wo Menschen ihr Unfertigsein zeigen und aussprechen dürfen; wo die Liebe sich darin erweist, dass keine Stärke, kein Überlegenheitsgefühl, kein „Oben“ und „Unten“ aufkommt.
Eine solche Liebe muss nicht als Dienstleistung aus Pflichtgefühl erbracht werden. Sie kann aus einem inneren Reichtum leben, der es sich leisten kann, Leben zu teilen, weil es in Fülle da ist. Amen.
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24. Sonntag im Jahreskreis

Ist ihnen schon einmal aufgefallen, wieviel in unserer Stadt und in deren Umgebung gebaut wird. Nicht nur neue Wohnhäuser entstehen, auch immer mehr und immer größere, gewaltige Einkaufszentren. Betritt man so einen Einkaufstempel so kommen wir in eine eigenartige Welt. Da sind wir mit all den Dingen umgeben, die wir Menschen brauchen oder auch nicht brauchen, da scheint sich der Mensch alle Wünsche erfüllen zu können, wenn er das nötige Geld hat.
Und nicht genug, es entstehen auch moderne Wallfahrtsorte, sogenannte Erlebniswelten, Ersatzparadiese für moderne Pilgerreisende. Allein das Disneyland in Paris zählte 1997 rund 12,6 Mio. Besucher 600.000 Besucher mehr als die bis dato führende Paris-Attraktion, die gewaltige Kathedrale von Notre Dame und 6,9 Mio. mehr als der Louvre.
Der Wohlstand hat das Leben der Menschen in unserer Welt verändert. Materiell weitgehend versorgt, wird die Frage nach neuen Lebenszielen laut. Man will schon heute, hier und jetzt den Himmel auf Erden erleben. In den neuen Erlebniswelten lebt das Paradies als Insel weiter. Am Ende steht ein durch irdische Faktoren wie Geld, Zeit und Raum eingeschränktes Bild vom Paradies. Früher waren Religionen und die Kirche zuständig gewesen für Heilsversprechen, heute sorgt eine gewaltige Erlebnisindustrie für Glücksversprechungen. Aus der religiös motivierten Kirchengemeinde wird eine Weltgemeinde der Unterhaltungsbranche.
Es wird uns bewußt, dass in unserer Zeit, wo das Streben nach totalem Lebensgenuß so sehr im Vordergrund steht, die Frage des heutigen Evangeliums wieder eine ganz neue Bedeutung gewinnt: Für wen halten die Leute Jesus Christus? Für wen halten sie Jesus, der weit entfernt davon ist, uns ein irdisches Paradies zu verheißen, für wen halten sie ihn, der seinen eigenen Tod voraussagt, nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen gewaltsamen, der scheinbar sein Werk und seine Verkündigung in einem gewaltigen Fiasko untergehen läßt?
Und somit steht die Botschaft Jesu ziemlich gegensätzlich den Wünschen und Erwartungen der heutigen Menschheit gegenüber, sie ist nicht mehr modern, sie deckt nicht mehr die Bedürfnisse des heutigen Menschen ab. Christentum als Gesamtangebot, ohne Abstriche von der Lehre Jesu ist inakzeptabel! Stattdessen bedient sich der moderne Mensch, falls er eine religiöse Anwandlung bekommt in Sachen Religion wie in einem Supermarkt: ein wenig Christentum, ein bisschen Buddhismus und auch vielleicht ein Häppchen Islam. Es ist anscheinend egal, welcher Religion man sich verschreibt, gesucht wird die, die den eigenen Bedürfnissen momentan am besten entspricht. Schon Paulus hat das erkannt als er in einem seiner Briefe schrieb, die Menschen werden sich nach ihrem Gutdünken Lehrer beschaffen und dem folgen, was sie gerne hören wollen. Denken sie bloß an die Aufregung, die das römische Dokument „Dominus Jesus“ hervorrief, wo es genau gegen die Haltung des Relativismus ging, der meint, das Christentum sei nicht mehr der ausschließliche Heilsweg.
Die Absage an den Relativismus bekräftigt das Dokument „Dominus Jesus“. Mit dem Kommen Jesu Christi habe Gott die Kirche für das Heil aller Menschen eingesetzt. Die Kirche betrachte die Religionen der Welt mit „aufrichtiger Ehrfurcht“, „sie schließt aber zugleich jene Mentalität des Indifferentismus aus, der zur Annahme führt, dass eine Religion gleich viel gilt wie die andere“. Die Turbulenzen, die rund um das Dokument entstanden sind betreffen vor allem die Definition, dass die von Christus gestiftete Kirche in der katholischen Kirche verwirklicht ist.
Über diese Wahrheit braucht sich niemand aufzuregen, schon gar nicht ein Christ . Das ist die Grundwahrheit unseres Glaubens, eine Feststellung der eigenen Identität für die wir uns nicht zu schämen brauchen, wir sind ohnedies in Gefahr, dass unsere Anpassung manchmal schon ein wenig zu weit geht.
Da kommt es wieder einmal ans Tageslicht, dass der Glaube an Jesus Christus immer wieder auch Widerstände hervorruft und dass es im Grunde zum Nachdenken anregen müßte, wenn unser Christentum überhaupt niemals zum Stein des Anstoßes würde.
Und so tadelt Jesus selbst den Petrus, den Fels seiner Kirche, weil er die Leidensankündigung Jesus nicht ernst nehmen will. Jesus sagt, er habe nicht das im Sinn was Gott will, sondern das, was die Menschen wollen.
Und dann kommt noch am Schluß der bedeutsame Satz über den Verlust oder den Gewinn des Lebens. Zunächst scheint er widersprüchlich zu sein. Wenn man das Leben retten will, dann verliert man es, wenn man es verliert, dann gewinnt man es. Da ist zunächst die frage interessant: Was macht unser Leben aus? Was bedeutet unser Leben. Besteht es nur aus materiellen Werten, können diese allein unsere Bedürfnisse befriedigen – nun dann genügen uns der Supermarkt, der Einkaufstempel und die Erlebniswelt von Walt Disney. Dass das nicht unser Leben sein kann das merken wir spätestens, wenn wir uns ein wenig auf unserem Globus umschauen und merken, dass nicht alle Menschen mit materiellen Gütern beglückt sind, dann brauchen wir nur in ein Krankenhaus zu gehen und das vielfache Leid der Menschen auf uns wirken lassen, dann brauchen wir nur auf unsere eigenen Gebrechlichkeiten und auf die Mühen des Alters zurückschauen. Unsere Zeit, angefangen von der Werbung bis hin zu den diversen Angeboten ist äußerst jugendorientiert. Das heißt aber, sie weicht der ganzen Realität der menschlichen Lebens aus, geht ihr aus dem weg, verdrängt sie. Und jetzt wird der Satz Jesu schon ein wenig klarer in seiner Bedeutung. Wer nur seine materiellen Bedürfnisse befriedigen will, der versteht das Leben in seiner Ganzheit nicht, der geht am wahren Leben vorbei, der verliert es.
Es muß uns gelingen, unser Leben von innen her zu leben und zu gestalten. Was aber nicht heißt, dass uns die materiellen Dinge gleichgültig sein sollten. Wir dürfen sie benützen, denn sie kommen aus Gottes Hand, aber sie haben ihren Stellenwert und sind nicht als höchstes Gut zu behandeln.
Ich glaube wir können jetzt, jeder für sich, die Frage Jesu einigermaßen beantworten und zu Jesus sagen: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes, und wenn wir auch nicht alles gleich begreifen, wenn wir nicht alles in unserem Leben verstehen, so halten wir doch an dem fest, was du uns gelehrt hast, der du selbst gesagt hast: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Amen.

21. Sonntag im Jahreskreis, Joh 6,60-69

Sie können sich noch erinnern, dass ich bei meiner letzten Predigt am vergangen Sonntag betont habe, wie wichtig es ist, sein eigenes Leben mit allen seinen Ereignissen mit Gott zu konfrontieren, um Gott die Möglichkeit zu geben durch die Ereignisse hindurch zu uns zu sprechen. Sicherlich gibt es in unserem Glauben Dinge, die wir einfach so hinuntergeschluckt haben, die uns aber dennoch Schwierigkeiten bereiten. In der Schule und in der Predigt wird immer wieder über die Inhalte des Glaubens gesprochen und wir konsumieren all das ohne uns darüber Gedanken zu machen. Es gibt Menschen, die kümmern sich um Gott keinen Deut; aber wir sind Glaubende, wir sind irgendwann einmal von der Botschaft des Evangeliums angesprochen worden, merken aber immer wieder wie saft- und kraftlos unser Glaube in Wirklichkeit ist. Ein kleines Wackeln würde manchmal genügen, um das ganze Gebäude ins Wanken zu bringen.
Auch in diesem Evangelium sagten die Zuhörer Jesu: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Ist ihnen diese Aussage wirklich so fremd? Ärgern sie sich wirklich über den scheinbaren Unverstand der Zuhörer Jesu von damals? Ich würde ihnen nicht so sehr böse sein, denn was Jesus ihnen da sagte überstieg ihr Fassungsvermögen bei weitem.
Seien wir ehrlich mit unseren Fragen an unseren Glauben. Es wird uns gut tun und zu mancher Klärung führen. Die Frage etwa: Ist unser Glaube am Ende nicht vielleicht doch nur eine Einbildung, eine nützliche Krücke für die Psyche von Lebensuntüchtigen, ein Trostpflaster für Zeiten der Not? Behindert er nicht, aufs Ganze gesehen, ein ungezwungenes Leben oder macht es sogar unmöglich?
Genau das Gleiche fragte sich auch immer wieder das Volk Israel. Es war nach vierzig Jahren Wanderschaft durch die Wüste im Lande der Kanaanäer seßhaft geworden. Und nun sah es, dass diese heidnischen Stämme in vielen Dingen unbeschwerter lebten, obwohl - oder gerade weil - sie nicht an Jahwe glaubten und darum auch nicht seine Gebote zu halten hatten. In dieser Situation zwang der Richter Josua die Israeliten sich zu entscheiden: für oder gegen Jahwe! Weichen wir nicht einer solchen Entscheidung zu oft aus?
Zweifel begegnen wohl jedem von uns. Sie werden nicht zuletzt durch die Vorwürfe ausgelöst, die an uns herangetragen werden. So wird gelegentlich behauptet, die christliche Hoffnung sei nichts anderes als ein fauler Trick, um den eigentlichen Lebensproblemen ausweichen zu können. Aber muß man da nicht zurückfragen: Was ist denn die „eigentliche“ Frage der Menschheit, und zwar zu allen Zeiten? Ist er nicht gerade die Frage, welchen Sinn unser Leben hat und was uns nach der Stunde unseres Todes erwartet? Wir brauchen uns nicht als Miesmachen abqualifizieren zu lassen, nur weil wir diese Frage angehen. In Wirklichkeit spielt sie ja auch eine zentrale Rolle auf dem Markt der Weltanschauungen. Ich möchte ihnen kurz und - zugegeben - sehr vereinfacht einige vorstellen. Sie können dann selbst ihre Auswahl treffen.
Da sind einmal die kollektivistischen Ideologien verschiedenster Art. Nicht nur der Materialismus, sondern auch manche modische Sekten meinen, Sinn und Ziele meines Lebens liege vor allem in meinem Einsatz für das Glück künftiger Generationen. Es gibt sicherlich Menschen, die mit dieser Antwort leben können. Ich sage dies mit einer gewissen Hochachtung vor ihrem Idealismus aber riecht dies nicht stärker nach Vertröstung, als es der christlichen Hoffnungsbotschaft vorgeworfen wird?
In die entgegengesetzte Richtung zielt der „Konsumismus“, wiederum einmal platt materialistisch geprägt, pseudoreligiös verbrämt, in allerlei Subkulturen vertreten und vor allem ganz unreflektiert von der Mehrheit unserer Wohlstandsgesellschaft praktiziert. Sein Dogma lautet: Der Sinn der Lebens liegt im Genuß des einzelnen. Jeder mag für sich selbst sorgen. Was morgen ist, soll uns heute noch keine Sorgen machen. Nach uns die Sintflut. Und eine seltsame Fortschrittsgläubigkeit segnet diese Sicht ab. Ist das eine befriedigende Antwort?
Kein Wunder, dass sich viele Enttäuschte lebensverdrossen einem Fatalismus ergeben. Sie sagen: Das ist nun einmal so, dass der Mensch ein paar Jahre lebt und dann stirbt. Da kann man nichts machen. Und eines Tages geht es mit der ganzen Welt zu Ende. Dann ist eben alles aus. Damit muß man sich abfinden.
In den letzten Jahren sind auch allerlei Gruppierungen mit der Lehre der Reinkarnation, der Wiedergeburtslehre und des Okkultismus auf den Plan getreten. Und da sie wie das Christentum vom ewigen Leben sprechen, erwecken sie bei manchen Leichtgläubigen den Anschein, als sei diese Lehre im Grunde doch christlich. Es geht aber darum, dass hier der Mensch die Chance eingeräumt bekommt oder dazu verdammt wird, sich in mehreren Leben zu reinigen, bis er schließlich zur Vollkommenheit gelangt ist. Religiöse Leistungsideologie möchte ich dies nennen.
Besonders verführerisch sind auch die Antworten mancher Wissenschaftstheoretiker, die darauf verweisen, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sinnlos sei, da doch keine der denkbaren Antworten beweisbar sei. Natürlich läßt sich keine Antwort im naturwissenschaftlichen Sinn beweisen, aber deswegen bereits die Frage zum Tabu zu erklären ist unredlich. Allein ein Blick auf die Dichtung, die Literatur oder den Film der Gegenwart zeigt, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gar nicht unterdrücken läßt.
Und wir kennen die Worte Jesu vom ewigen Leben. Dieses Wort spricht jedem einzelnen und nicht nur einem Kollektiv einen hohen Wert zu, aber auch den Menschen früherer und späterer Zeiten. Jesu Wort versichert uns die Liebe eines persönlichen Gottes, die uns trägt, ob wir es erkennen oder nicht, in guten und in schwierigen Zeiten. Wenn ich weiß, dass mein Leben von Anfang an und für alle Zeiten in der schützenden Hand Gottes liegt, dann kann ich auch fallen ohne zu Grunde zu gehen; dann kann ich auch zuversichtlicher leben. Ich stehe nicht unter dem Zwang des Erfolgs um jeden Preis, jetzt oder nie. Das macht das Herz frei und läßt auch irdisches Glück erst richtig wahrnehmen.
Sie können nun selbst unter diesen verschiedenen Antworten jene auswählen, mit der sie am besten leben können, mit der sie am besten sterben können und mit der sich guten Gewissens Leben weitergeben können. Ich bin überzeugt, dass wir Christen mit der von Jesus empfangenen Botschaft auf die Frage nach dem Sinn des Lebens den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen brauchen. Wir können im Gegenteil ganz ungeniert fragen: Wer weiß etwas Besseres?
Und noch viel wichtiger als die Frage, ob diese oder jene Weltanschauung die bessere ist, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Person, die für die Wahrheit bürgt. Hier komme ich zum gleichen Ergebnis wie Petrus: „Herr, zu wem sollen wir denn sonst gehen? Du allein bist es, der Worte ewigen Lebens hat.“

20. Sonntag im Jahreskreis, Joh 6,51-58

Vielleicht sind sie auch schon etwas müde und erschöpft durch ein Kaufhaus gegangen und schließlich in der Bücherecke stehen geblieben. Und dort war dann alles zu finden, was sie im Augenblick gerade gebraucht hätten, ein Buch etwa mit dem Titel: „Wege zu einem neuen Bewußtsein“ oder „Neue Energie durch neues Denken“. Oder es wird ganz einfach versprochen: „So machen sie mehr aus ihrem Leben“. Und nachdem sie dann in dem einen oder anderen Buch geblättert haben, haben sie sich beim Weitergehen gedacht: Wenn das so einfach wäre. Man kauft das richtige Buch, liest es, und alle Probleme sind gelöst.
Im Evangelium von heute spricht Jesus nicht nur von einem neuen, sondern sogar von einem ewigen Leben. Und den Zugang zu diesem ewigen Leben bilden keine Geheimkenntnisse und keine langwierige Versenkung. Es heißt nur: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“
Das klingt ungewöhnlich. Und selbst wenn die frühe Gemeinde bei diesen Worten sofort an das Herrenmahl gedacht hat: Wie kann die Feier der Eucharistie dieses bleibende und gültige Leben garantieren? Ist das nicht etwas zu einfach gedacht? Und würde das nicht bedeuten, dass von diesem Leben alle ausgeschlossen sind, die nicht am Herrenmahl teilnehmen?
Aber es geht nicht darum jemand auszuschließen, sondern uns, die wir an Jesus glauben wird etwas sehr wichtiges gesagt. Das ewige Leben ist ein Geschenk, das unserer menschlichen Natur nicht mit Selbstverständlichkeit zusteht. In der Heiligen Kommunion geschieht die tiefste Verbindung, die uns Menschen mit Gott möglich ist. Aber aus dieser Verbindung leiten sich auch Konsequenzen ab. Es kann jemand täglich die heilige Kommunion empfangen – aber was ist, wenn er nicht sein Leben im Sinn Jesu gestaltet. Würde da nicht ein großer Widerspruch sichtbar zwischen dem was er als Speise empfängt und dem was er lebt? Wenn unser Glaube sich auf Jesus beruft, dann muß man das auch an unserem Leben ablesen können. Und dann kann man nicht so tun als ginge es einem nichts an, dass Jesus heilend und befreiend auf die Menschen seiner Zeit gewirkt hat. Da kann man nicht mit einem Achselzucken darüber hinwegsehen, dass Jesus auf jede Gewalt verzichtet hat und aufgefordert hat, sogar noch dem Feind die Hand zu Versöhnung zu bieten.
Dieses Lebensprogramm Jesu hat seinen Ausdruck gefunden in dem Mahl, das er mit seinen Jüngern gefeiert hat. Er hat keinen Katalog von neuen Geboten und Verboten aufgestellt. Jesus wollte eine Gemeinschaft stiften, die Gott und die Welt mit neuen Augen sieht: Wo das Vertrauen die Angst überwindet und wo aus der Sorge um uns selbst die Bereitschaft wird, füreinander Verantwortung zu übernehmen, dort fängt das neue Leben ganz von selbst an. So hat Jesus auch selbst das Brot und den Wein nicht einfach in seinen Leib und sein Blut verwandelt, sondern auch durch seinen Tod und seine Aufopferung am Kreuz uns seine Liebe bis zum Äußersten gezeigt.
Die Juden begannen untereinander zu streiten. Ihr Verständnis von dem was Jesus sagte bewegte sich nur auf der Oberfläche. Aber wie hätten wir reagiert, wenn wir an ihrer Stelle gewesen wären? Aber Jesus schwächt seine Aussage nicht ab, im Gegenteil, er betont immer wieder: Das Essen seines Leibes und das Trinken seines Blutes eint mit Gott und bewirkt das ewige Leben. Und trotzdem müssen wir sagen, dass es auch möglich wäre, trotz des Empfanges der Kommunion am Leben vorbeizugehen, weil es eben nicht nur um die Feier des Abendmahls geht, sondern auch um das Mitgehen auf dem Kreuzweg und den Einsatz des eigenen Lebens.
So macht uns auch der Text aus dem Epheserbrief des Hl. Paulus das Leben nicht gerade leicht. Und vielleicht ist dieser Text zu verstehen wie eine Erweiterung dessen, was Jesus mit Kommunion gemeint hat und mit dem Leben in seiner Gegenwart. Es geht um das Nutzen der Zeit und um die sorgfältige Führung des eigenen Lebens. Im praktischen Leben spielt die Zeit ja eine wichtige Rolle. Alle Kosten werden in der Wirtschaft nach der Zeit berechnet, wir müssen unsere Arbeitszeit nutzen und auch unsere Freizeit. In der Praxis setzen wir also voraus als verfügten wir über die Zeit. Aber wir lernen mitunter auch durch unsere eigene Erfahrung, dass die Zeit ein Geschenk ist, das wir sie nicht einfach haben wie einen festen Besitz.
Der ehemalige sowjetische Staatspräsident Gorbatschow hat das sinnige Wort bekannt gemacht: „Wer die Zeit verpaßt, den bestraft das Leben“. Er hat dies in einer brisanten politischen Situation gesagt, doch läßt sich das durchaus ins alltägliche Leben übertragen. Wir alle kennen die Situation des Augenblicks. Unser Leben lebt ja weniger von der Alltäglichkeit, sondern vielmehr vom besonderen Augenblick, vor allem im Positiven. Nicht nur, dass es nicht selten darauf ankommt, etwas nicht zu verpassen; wir wissen alle, wie sehr es darauf ankommt, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Mit anderen Worten: Wir sind zu Entscheidungen herausgefordert. Dem Menschen sind Entscheidungen möglich, ja er wird gleichwohl zu Entscheidungen gezwungen. Wir können Fehler dabei machen; der größte Fehler ist allerdings, Entscheidungen zu vermeiden. Nicht ohne Grund kennt die Bibel das Phänomen „Zeit“ in erster Linie als „Entscheidungszeit“.
Jeder Satz des Apostels ist hier bedeutsam, besonders wenn er sagt: Begreift, was der Wille des Herrn ist!“ Und da kommen wir wieder exakt zurück zu unserer Johannesstelle aus dem Evangelium. Eucharistie bedeutet ein Zweifaches: Mahl und Opfer. Beides gehört untrennbar zusammen. Im Mahl empfangen wir die innige Verbindung mit Jesus, seine Leben und seinem Leiden. Das ist aber mehr als eine fromme Erinnerung. Das fordert auch uns auf, dem Mahl, d.h. der Gemeinsamkeit mit Jesus, unsere Tat folgen zu lassen. Das was Paulus einmal sagt: Wir sollten ein zweiter Christus sein, das wir hier äußerst aktuell. Die Frohe Botschaft der Erlösung dringt nicht in unsere Welt hinein, wenn wir sie nicht aktualisieren, wenn wir nicht ganz bewußt versuchen, im Geist Christi unser Leben zu führen. Und so besteht unser religiöses Leben nicht bloß aus dem Trost, den uns Gott immer wieder schenkt, sondern auch aus dem Aufnehmen unseres eigenen Kreuzes und darin, dass wir uns „von seinem Geist erfüllen lassen“.
An all das sollten wir denken, wenn wir Sonntag für Sonntag den Leib des Herrn empfangen. Mit diesem Empfang ist eine Aufgabe verbunden und eine harte Verantwortung. Bitten wir den Herrn, dass wir ihr gerecht werden. Amen.