42. Sonntag im Jahreskreis, Jahresschlussandacht

Stellen sie sich einmal vor, ein Uneingeweihter käme von einem fremden Stern in die Nacht vom 31. Dezember zum 1. Jänner auf unsere Erde; er würde um Mitternacht das Läuten der Glocken, das Feuerwerk, die klingenden Gläser und die sich stürmisch Glück wünschenden Menschen erleben. Welchen Eindruck müsste er von den Erdenbewohnern gewinnen? Wahrscheinlich würde er annehmen, auf der Erde gäbe es nur glückliche Menschen. Wir alle wissen aber, dass es nicht so ist. Daher die Frage: Welchen Grund haben wir Menschen, das alte Jahr auf diese Weise zu beschließen und das neue Jahr so zu beginnen?
Es ist, wie ich meine, die ursprüngliche Freude, noch da zu sein; dieses in wenigen Stunden endende Jahr mit seinen Zwischenfällen und Härten überstanden zu haben und ins neue Jahr kommen zu dürfen. Wo diese Freude aus einem gläubigen Herzen kommt, da wird sie von einer tiefen Dankbarkeit getragen sein. Diese Dankbarkeit gilt vor allem Gott; denn er hat uns alle Tage dieses Jahres geschenkt. Und auch dieses müssen wir hier sagen: Dieses Jahr geht uns nicht verloren. Es ist vielmehr eingeschrieben in das, was die Heilige Schrift „das Buch des Lebens“ nennt. So ist dieses nun bald vergangene Jahr für uns das bleibende Jahr.
Wenn wir dies bedenken, kann uns zu Bewusstsein kommen, wie oft wir dem Anruf Gottes nicht entsprochen haben. Es geht uns auf, dass wir nicht selten zu den Müden und Versagenden gehörten. Doch all das sollte uns am heutigen Abend nicht missmutig oder traurig machen. Denn einmal ist sicherlich auch durch uns in diesem Jahr Gutes geschehen, und zum anderen wird auch dieses Jahr zu einem Jahr des Heiles, wenn wir es in dieser Stunde so, wie es gewesen ist, den Händen Gottes anvertrauen. Wer dies tut, der kann von diesem Jahr dankbar Abschied nehmen. In diesem Glauben bestärkt uns ein baltischer Hausspruch, der lautet:
Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht,
alles ist Gnade.
Fürchte dich nicht!
Wie sehr steht der große Radau, den wir in der Silvesternacht machen im Widerspruch zwischen den grausamen Ereignissen, die wir in unserer Welt erleben: den Terrorismus, die großen Katastrophen geschweigen von den persönlichen Tiefpunkten. Aber der Lärm, den wir machen und der Alkohol, dem wir zusprechen übertüncht nur die ganze innere und äußere Not des Menschen. Umso bedrückender ist dann das Aufwachen am Neujahrstag, wenn neben dem obligaten Kopfweh all das wieder in unser Bewusstsein hereindrängt, was wir so gerne ein für allemal hinter uns gelassen hätten.
Es könnte aber auch sein, dass sich hinter aller Fröhlichkeit, die den Menschen in der Silvesternacht erfüllt, noch etwas anderes verborgen hält, etwas, das der Mensch gerade im Lärm einer solchen Nacht zu verdrängen sucht. Ich meine die Sorge, wie es im neuen Jahr weitergehen wird.
Offenbar spüren wir irgendwie, dass es Dinge gibt, die nicht machbar, nicht berechenbar und vorhersehbar sind. Es gehört eben zu unserem leben, dass es in ihm auch das Unverfügbare gibt, vor dem wir machtlos und wehrlos sind. So weiß am heutigen Abend niemand von uns, ob er im kommenden Jahr ernsthaft erkranken wird. Ebenso kann keiner sagen, wer in ihm aus irgendeinem Grund sterben wird.
Diese Ungewissheit bringt uns zum Bewusstsein: das kommende Jahr gehört nicht uns. Der Oberflächliche schiebt es von sich weg; der Nachdenkliche wird nüchtern und bescheiden; der Gläubige wird beten: „Herr, segne uns, und lass auch im kommenden Jahr dein Angesicht über uns leuchten.“ Hier stellt sich die Frage: Was geschieht eigentlich, wenn wir Segen erbitten?
Wenn wir Segen erbitten, dann ergreifen wir bewusst die Hand Gottes, dann denken wir an all das, was Gott für uns Menschen bedeutet, dann stellen wir unser Leben unter seinen Schutz und nehmen gleichzeitig auch den Auftrag wahr, dass wir auch selber zum Segen sein sollen. Das Erbitten des Segens ist für uns auch eine Aufforderung uns bewusst in das Kraftfeld Gottes hineinzustellen. Es ist eine Aufforderung, die Mittel zu benutzen, die uns Gott zur Verfügung gegeben hat: die Feier der Eucharistie, als einen Ort der tiefsten Begegnung mit Gott, der Empfang des Bußsakraments als eine Tat der Umkehr, das persönliche Gebet als die liebende Aufmerksamkeit für das, was uns Gott sagen will. Dass wir auch immer wieder hineinhorchen in unser eigenes Leben, in seine Ereignisse, mögen sie angenehm oder unangenehm sein, denn gerade in diesen zeigt sich Gott immer wieder. Das bewusste Leben mit Gott wird uns somit aus aller Angst auch vor dem Unvorhergesehenen herausheben und uns zu Menschen machen, die aus ihrem Glauben heraus, bewusst und mit Zuversicht zu leben verstehen.
Paulus schreibt im Epheserbrief den wichtigen Satz: „Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit!“ Und Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte Zeit.“
Was ist das aber, was wir Zeit nennen? Als sich der Hl. Augustinus einmal diese Frage stellte hatte er den Eindruck: „Solange mich niemand danach fragt, ist mir´s als wüsste ich es; doch fragt man mich und soll ich es erklären, so weiß ich es nicht.“ Doch an diesem Tag der Jahreswende genügt es zu wissen, dass das feine Ineinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Phänomen der Zeit ausmacht. Wer dies bedenkt, wird alsbald herausfinden, dass für uns nur die kurze Spanne der Gegenwart greifbar ist. Unsere Vergangenheit ist endgültig vorbei, und unsere Zukunft ist noch nicht. Nur dieser kurze Augenblick der Hier, Jetzt und Heute steht uns zur Verfügung. Nur aus ihm erwächst uns ein erfülltes Leben.
Nicht wenige Menschen verbringen ihre Zeit, indem sie nachsinnen über ihre Vergangenheit und sich ängstigen vor der Zukunft. Darin verbirgt sich eine große Gefahr. Ich meine die Gefahr, dass wir in einem fortwährenden traumhaften Zustand befangen sind oder in einer ständigen Zerstreuung leben und mit ihr in einer schleichenden Oberflächlichkeit und Haltlosigkeit.
Gewiss gehört es zu einem verantwortungsvollen Leben, sich über das Geschehene klar zu werden. Gerade die moderne Psychologie weist uns darauf hin. Ebenso notwendig ist der Blick in die Zukunft. Aber Rückblick und Vorblick sind nur dann von Nutzen, wenn sie uns helfen, unser Leben gegenwärtig zu machen. Den Menschen gegenwärtig zu machen, ist ja auch die verwandelnde Kraft des Evangeliums. Und die Freude, die es uns verspricht, ist die Freude, im Heute Gottes zu leben.
Tolstoi, der russische Philosoph und Schriftsteller, erzählt einmal von einem Regierungschef, der zu einem Einsiedler ging, um ihm einige Fragen zu stellen. „Welches ist der wichtigste Augenblick in meinem Leben? Welcher Mensch ist für mich von entscheidender Bedeutung? Und schließlich: Was macht mein Leben wertvoll?“ Das waren seine Fragen. Der Einsiedler antwortete ihm: „Der wichtigste Augenblick ist immer der gegenwärtige. Der entscheidende Mensch ist immer der, der gerade vor uns steht. Und das das wichtigste Tun besteht darin, dass wir dem Menschen, der jetzt gerade vor uns steht, etwas Gutes tun.“
Mit der Treue zum gegenwärtigen Augenblick verbindet sich eine große Verheißung. Jesus kleidet sie in die Worte: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ Es ist ja auch ein Gesetz unserer Alltagswirklichkeit, dass Größeres nur durch das Zusammenfügen kleinerer und kleinster Elemente entsteht. Auf diese Weise ergibt sich für uns Menschen das ewige Leben.
So wollen wir darauf achten, wie wir unser Leben führen, nicht töricht, sondern klug und die Zeit nutzend. Wie dies geschehen kann, sagen die folgenden Verse, die sie durch das kommende Jahr begleiten mögen:
Gott kennt dein Gestern.
Gib du ihm dein Heute.
Er sorgt für dein Morgen.

41. Sonntag im Jahreskreis, Fest der Hl. Familie

Die Familie steckt heute in einer Krise! Diese Beobachtung werden die meisten von uns bestätigen. Besonders deutlich empfinden es Eltern heranwachsender Jugendlicher: Selten zuvor waren die Generationskonflikte so scharf wie heute. Auch die Ehe als Lebensform wird in frage gestellt. Wo man die Familie noch hochschätzt, sucht man verzweifelt nach neuen tragfähigen Leitbildern.
Kann das uralte Bild der „Heiligen Familie von Nazareth“ ein solches Leitbild liefern? Zuerst möchte ich vor Kurzschlüssen warnen! Allzu leicht projiziert man nämlich die eigenen Familienideale in die Heimatfamilie von Jesus hinein. Schaut man jedoch genauer hin, merkt man: an dieser Familie war eigentlich nichts „normal“! Gott hatte in sie eingegriffen und alle Pläne umgeworfen, alle Beziehungen verändert. So heißt es dann immer wieder, dass Maria und Josef nicht verstanden, was ihnen mit Jesus widerfuhr.
Hinzu kommt, dass der erwachsene Jesus ein recht distanziertes Verhältnis zur Familie an den Tag legte. Als seine „wahren Verwandten“ bezeichnet er seine Jünger. Viele von ihnen hatte er aus ihren Familien herausgerufen. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ - das klingt nicht gerade familienfreundlich. Die „neue Familie“ der Gläubigen ist die Gemeinde, die nicht auf den Blutsbanden aufgebaut ist. So wird Jesu Botschaft und Handlungsweise noch einmal zu einer speziellen Krise für die Familie.
Wenn es so etwas wie die „christliche Familie“ geben soll, dann braucht sie jedenfalls andere Grundlagen als die bürgerliche Familie. Die Bedürfnisse des Familienlebens ebenso wie die Interessen der einzelnen Mitglieder müssen zurücktreten, damit Gott den ersten Platz einnimmt! Dann erst wird die Familie von Gott her getragen und geheilt. In dieser Hinsicht nun kann die „Heilige Familie von Nazareth“ tatsächlich Vorbild sein: Jene Familie, an der nichts normal ist, wird eben nicht durch die natürlichen Bindungen zusammengehalten und geprägt, sondern dadurch, dass alle auf Gott hören.
Maria lebt für Jesus, nicht nur, weil er ihr Kind ist, sondern vor allem, weil darin Gottes Auftrag besteht. Dafür nimmt sie alle Konflikte auf sich, die mit den ungewöhnlichen Umständen seiner Geburt zusammenhängen. Dieses Kind lässt sich nicht einfach „bemuttern“. Maria versteht Jesus oft nicht. Schließlich muss sie ihn ganz hergeben.
Jeder Vater möchte in seinen Söhnen sein eigenes Ebenbild wieder finden und gewissermaßen in ihnen weiterleben. Josef jedoch weiß, dass Jesus nicht sein leiblicher Sohn ist. Auch geistig schlägt dieser ganz eigene Wege ein. Gottes Plan kam Josef in die Quere, und er war bereit, in den Hintergrund zu treten.
Jesus selbst lebt zunächst viel von dem vor, worauf sich eine christliche Familie stützen kann: Liebe, Hingabe, Hören auf Gott. Als Kind ordnet er sich seinen Eltern unter. Bald aber folgt er dem Auftrag seines wahren „Vaters im Himmel“ und verlässt den geborgenen Raum von Heimat und Familie.
Jedes der drei Familienmitglieder setzt auf seine eigene Weise Gott an die erste Stelle - nicht das, was ihnen selbst gefällt, oder das, wovon sie glauben, es diene den Familieninteressen. Dies nun ist die Krise der Familie, die Gott verursacht. Genau hier aber beginnt auch die Neuschöpfung der Familie.
Einige Beobachtungen machen darauf aufmerksam. Ich selbst habe gelegentlich miterleben dürfen, wie Jugendliche, die Jesus entdeckt und zu einem persönlich entschiedenen Glauben gefunden hatten, wieder eine bessere Beziehung zu ihren Eltern fanden. Eltern ihrerseits, die aus der Nachfolge Jesu leben, sehen ihre Kinder anders: nicht zuerst als Träger ihrer eigenen Hoffnungen und Vorstellungen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, die man so ernst nehmen muss, wie Gott sie geschaffen hat. Manche in Krise geratene Ehe wurde dadurch geheilt, dass ein Partner oder sogar alle beiden den Glauben neu fanden und dann auch einander neu begegnen konnten.
Familie damals - Familie heute. Unsere Welt unterscheidet sich von der Welt, in der Jesus aufwuchs. Dennoch, damals wie auch heute war die Familie Belastungsproblemen ausgesetzt. Wenn Menschen mit- und füreinander leben, ist das nie problemlos. Sie müssen lernen, zu geben und zu nehmen; sie müssen eigene Ansprüche und die der Familienmitglieder ausbalancieren und manche Herausforderung bestehen. Die Eltern tun sich oft schwer damit, ihre Kinder in die Unabhängigkeit zu entlassen; die Kinder stellen, besonders in der Pubertät und als junge Erwachsene - den Lebensentwurf der Eltern in Frage.
In der „heiligen Familie“ hat jedenfalls etwas gestimmt, was heute von so manchen Familien nicht mehr gesagt werden kann: sie hatte eine bewusste Ausrichtung auf Gott. In vielen heutigen Familien spielt Religion keine oder nur mehr eine sehr untergeordnete Rolle, vielleicht noch als Erziehungshilfe oder weil sich so manche Eltern bravere Kinder erhoffen wenn sie den Religionsunterricht besuchen. Aber die Wahrheit kommt bald an den Tag. Wenn die Kinder nicht mehr das religiöse Beispiel der Eltern wahrnehmen, empfinden sie religiöse Bindungen und Verpflichtungen bald auch ihrerseits als Luxus, den man leicht entbehren kann. Aber die Erziehung eines Kindes ist eine so gewaltige Aufgabe, dass wir alle Komponenten die diese Erziehung gewährleisten unbedingt beachten müssen. Niemand kann die Zukunft eines Kindes voraussagen. „Was wird wohl aus diesem Kinde werden?“, das war schon die Frage der Leute bei der Geburt Johannes des Täufers und irgendwie stellen wir alle die Frage, wenn ein Kind geboren wird.
Maria erhielt durch zwei Prophezeiungen einen Hinweis auf die Zukunft Jesu: durch Simeon und Hanna. Beides betagte Menschen, die über das Kind weissagten. Er wird das Heil für alle Völker sein! Eine beglückende Weissagung für Eltern eines Neugeborenen. Aber dann auch das Wort, dass sich an Jesus die Geister scheiden werden. Das ist das, was Maria während des öffentlichen Lebens Jesu hautnah miterlebt hat bis hin unter das Kreuz: die Spaltung der öffentlichen Meinung über ihren Sohn. Und dass gerade die führenden Leute der jüdischen Gemeinschaft Jesus ausstießen und nicht anerkannten, das war das Schwert, das ihre Seele durchbohren sollte. Jesus, ihr Sohn sollte nicht von Erfolg zu Erfolg gereicht werden. Was eine Mutter ihrem Kind wünscht, ein sorgenfreies Dasein, Erfolg und Wohlergehen, das musste sie aus der Zukunft ihres Sohnes ausklammern. Jesus ging den Weg, den ihm sein Vater gewiesen hatte und Maria fügte sich darein, obwohl sie nicht alles verstand und darunter litt.
Auch jede Familie von heute wird immer wieder konfrontiert werden mit dem Unverstehbaren. Hat doch jeder Mensch seine eigene Entwicklung und seinen eigenen Weg zu gehen auch in der tiefsten Gemeinschaft zwischen Menschen wie sie die Familie darstellt. Aber die Menschen müssen den Weg des Ehepartners achten und auch den Weg der Kinder. Kinder sind kein Besitz. Wir dürfen sie nicht in Formen pressen, die wir vorgefertigt haben, wir müssen ihnen aber Wegweiser sein und ihnen vor allem dazu verhelfen, dass sie auf den Anruf Gottes hören, der ihnen den für sie ganz persönlichen Weg weist. Das nimmt dann auch alle ängstliche Sorge von uns.
Kurzum gesagt: wenn unsere Familien ihre religiöse Orientierung immer mehr verlieren, wenn Kindererziehung sich nur darin erschöpft einen jungen Menschen in dieser materiellen Welt lebenstüchtig zu machen, dann ist damit nur eine Seite der Erziehung erfüllt. Das ganz persönliche religiöse Beispiel von Vater und Mutter und die behutsame Führung zum Erleben religiöser Werte wird schließlich in jedem Kind das Wirklichkeit werden lassen, was am im Evangelium von Jesus einmal gesagt wird: „Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm.“ Amen.

40. Sonntag im Jahreskreis, Christtag

Was tun die Menschen nicht alles, um sich in Stimmung zu bringen für ein Fest, einen Feiertag, ein Konzert oder einen Gottesdienst? Das fängt mit der passenden Kleidung an, reicht über Ortswahl und Raumschmuck, Menü und Unterhaltung bis hin zu Alkohol und Drogenkonsum. Und hoffentlich macht auch das Wetter noch mit. Die aktuelle persönliche Verfassung, die persönlichen Probleme und Unpässlichkeiten werden verdrängt. Die Stimmung muss her! Und sollte es nicht gelingen - dann tut man doch wenigstens so als ob - macht gute Miene zum bösen Spiel.
Sind wir jetzt in der richtigen Stimmung, um den Gottesdienst zu feiern. Welches ist die richtige Stimmung für eine Nacht wie heute? Gerade an so hohen Festtagen wie Weihnachten sind wir oft überfordert - nicht nur menschlich, sondern auch als Christen. Wir stehen an der Krippe und schauen und spüren oft so wenig vom Glauben daran, dass dieses Kind wirklich Gott selber ist. Der Kopf sagt: Das glaube ich ganz fest - ohne diesen Glauben kann ich nicht Christ sein! Doch das Herz bleibt leer, fragend, unsicher. Nicht von Weihnachtsstimmung, nichts von erhebenden Gefühlen. Es ist ja auch interessant, zu beobachten, wie das christliche Weihnachten langsam aus dem Bewusstsein der Menschen verdrängt wird. In einer Glosse einer renommierten Tageszeitung stand vor wenigen Tagen die Überschrift: Der Weihnachtsmann hat das Christkind überfahren.
“Das Christfest - pardon, das Weihnachtsfest - ist längst umfunktioniert worden. Zwar kommt Weihnachten von “geweihter Nacht”, aber was kümmert´s? Es ist nicht nur das Christkind, es ist der Weihnachtsmann, der den Ton angibt...er, der weißbärtige Herr mit der Zipfelmütze bringt die Geschenke.”
Immer wieder kommt mit dann eine Geschichte von Martin Buber in den Sinn, die ich vor Jahren einmal gelesen habe. Sie begleitet mich seither, herausfordernd und tröstlich zugleich:
Ein Gelehrter kommt zum jüdischen Rabbi, um mit ihm über Gott zu diskutieren. “Nichts, nicht einmal die Existenz Gottes könnt ihr beweisen, ihr Frommen! Wie könnt ihr von vernünftigen Menschen verlangen, dass sie eure Geschichten glauben?” Der Rabbi geht nachdenklich schweigend im Zimmer auf und ab und hört lange zu. Erst als der Gelehrte sich triumphierend und selbstbewusst verabschieden will - er hat den Rabbi immerhin zum Schweigen gebracht -, bleibt dieser stehen, schaut den Gelehrten durchdringend an und sagt leise: “Vielleicht ist es doch war!” Der Gelehrte verlässt fluchtartig den Raum. Der Satz des Rabbi geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, verfolgt ihn, treibt ihn um. “Vielleicht ist es doch war!” Ein paar Monate später steht er wieder in der Stube des Rabbi: “Du hast mich überzeugt. Ich möchte deinen Gott kennen lernen.” Und er wird ein eifriger Schüler des Meisters.
Vielleicht könnte die Natürlichkeit mit der wir wieder einmal vor der Krippe stehen ein neuer Ansatzpunkt für unseren Glauben sein, für unseren Glauben an dies Kind, dass Gottes Sohn ist, zu uns geschickt, um auch uns einen Weg zu Gott zu zeigen. Wir haben unseren Glauben nicht als einen Besitz, er muss immer wieder neu errungen werden. Und warum er gerade als Kind kam, warum er wachsen wollte auch als Mensch? Könnte es nicht ein Zeichen dafür sein, dass wir auch etwas vom Kinde in uns tragen sollten. Ich fand da einmal einen modernen Text in dem der Autor Gott also sprechen lässt:
Der französische Dichter Charles Peguy schreibt in seinem Buch „Das Mysterium der Unschuldigen Kinder:
„Ich liebe die Kinder, sagt Gott, ich will, dass alle ihnen gleichen. Ich liebe die kleinen Kinder, sagt Gott, weil mein Bild in ihnen noch nicht getrübt ist. Sie haben mein Ebenbild nicht verpfuscht, sie sind neu, rein, ohne Fehl und Tadel. Wenn ich mich mild ihnen zuneige, so finde ich mich in ihnen wieder.
Ich liebe die Kinder, weil sie noch fähig sind, größer zu werden, weil sie noch fähig sind, sich zu erheben. Sie sind unterwegs, auf dem Wege. Aus den Erwachsenen aber, sagt Gott, ist nichts mehr herauszuholen. Sie werden nicht mehr größer, sie erheben sich nicht mehr. Sie sind stecken geblieben. Das ist ein Unglück, sagt Gott, die Erwachsenen meinen, sie seien schon angekommen.
Vor allem aber, sagt Gott, vor allem liebe ich die Kinder ob ihres Blickes. Das lese ich ihr Alter ab. In meinem Himmel wird es höchstens Augen von Fünfjährigen geben; denn ich kenne nichts Schöneres als einen reinen Kinderblick. Das ist nicht erstaunlich, sagt Gott. Ich wohne bei ihnen, und ich bin es, der sich aus den Fenstern ihrer Seele beugt Ja, ich liebe die Kinder, sagt Gott, und ich will, dass alle ihnen gleichen.“
Vor diesem Kind in der Krippe sollten wir einmal alle unsere Masken ablegen. Wir sollten ganz offen und ohne Verstellung vor diesem göttlichen Kind stehen mit all unserem kleinen Glauben und unseren großen Zweifeln, mit den Ruinen unseres alltäglichen Lebens aber auch mit all unserer Hoffnung. Das könnte ein guter Ansatzpunkt dafür sein, dass von dieser Krippe eine ganz große Erkenntnis in uns aufsteigt. Diese Erkenntnis erschließt sich nur dem demütig Suchenden, eröffnet sich nur dem, der noch bereit ist, sich beschenken zu lassen.
Wir könnten erkennen: dieses Kind ist Gott, der Allerhöchste. Und dieser Gott ist für uns zum Allernächsten geworden. Gott nicht als der Ferne und Verborgene, der Abwesende, vielmehr der immer Anwesende, aber auch der Unaufdringliche und somit der allzu leicht Übersehbare. Und Gott möchte das menschliche Leben in all seiner Vielfalt mit uns teilen: die Sehnsucht nach Ruhe der Müden und Erschöpften oder schließlich auch das Aufbegehren derer, auf die Weihnachten wirkt wie ein rotes Tuch. Jeder von uns soll hier und heute wieder erfahren dürfen. Ich bin angenommen, ich bin bejaht mit meinem ganz persönlichen Lebensschicksal. In Jesus hat Gott alles, was Menschsein heißt ernst genommen und sich zu eigen gemacht.
Wir könnten erfahren, dass dieses Kind in der Krippe uns neue Hoffnung gebracht hat. In Jesus schenkt Gott der unheilen Welt den heilen Menschen. Und uns schenkt er eine gewaltige Aufgabe. Ja, wir müssen das Weihnachtsfest auch begreifen als den großen Auftrag Gottes an uns. Wir dürfen es nicht nur feiern als ein bloßes Erinnerungsfest. Die Krippe muss in unserem Herzen aufgestellt sein. Wir müssen die Botschaft eines menschenfreundlichen Gottes weiter tragen, hinein in unsere Welt. Auch durch uns, müssen die Menschen etwas von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren können. Im Brief an Titus des Hl. Paulus heißt es: Wir sollen besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben. Das hört sich ziemlich hausbacken und bieder an. Aber beim genaueren Hinsehen ist es nichts anderes als das große Lebensprogramm, das jeder Mensch, der bewusst ein Christ sein will, in die Tat umsetzen sollte.
Denn wer besonnen ist, der lebt nicht einfach in den Tag hinein, sondern er besinnt sich und bemüht sich, in jeder Lebenslage herauszufinden, was für ihn wirklich und maßgeblich ist, wichtig und wesentlich. Wer so bewusst sein Leben gestaltet, weiß, dass er sich nicht allein auf dieser Erde befindet und deshalb auch kein Eigenbrötler sein darf. Er weiß, dass er auf seine Mitmenschen angewiesen ist und dass auch diese ihn brauchen. Und er weiß, dass er in allem von dem abhängt, der unser Leben in seiner Hand hält, von Gott So ist dieser Mensch nicht nur besonnen und gerecht, sondern auch fromm.
Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Dadurch ist etwas Entscheidendes passiert: Im Glauben an diesen Gott dürfen wir erkennen, dass menschliches Leben Sinn hat. Mit dem Kind von Bethlehem ist der Sinn und das Ziel der Welt und ihrer Geschichte ein für allemal ans Licht gekommen. Das ist der tiefste Grund für unsere Weihnachtsfreude, für unsere Freude am menschgewordenen Gott.
Und so möchte ich schließen mit einem Wort von Alfred Delp, der 1945 im KZ hingerichtet wurde: “Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt!”

39. Sonntag im Jahreskreis, Heiliger Abend, Lk 2 1

Um mit einem kleinen Kind Kontakt aufzunehmen müssen Erwachsene eine Bewegung vollziehen, die für sie eher ungewöhnlich ist: sie müssen sich klein machen, um dem Kind auf der gleichen Augenhöhe begegnen zu können. Im Alltag und im Konkurrenzverhalten der heutigen Leistungsgesellschaft pflegen erwachsene Menschen anderen Menschen nicht gerne auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen. Die Blickrichtung von oben nach unten und von unten nach oben scheint vielmehr vorzuherrschen. So jedenfalls nimmt sich der Blickkontakt zwischen Vor-Gesetzten und Untergebenen aus.
In dieser auf den ersten Blick unscheinbaren, tiefer gesehen aber bedeutungsvollen Körperbewegung erwachsener Menschen drückt sich das Geheimnis von Weihnachten aus: Gott selbst neigt sich zu den Menschen herab, Gott selbst begibt sich auf irdisches Terrain, nicht in seiner Eigenschaft als Schöpfer, sondern als einer, der sich den Gesetzen der Materie unterwirft. Gott möchte den Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Dieses Aug-in-Aug Gottes mit den Menschen ist das Weihnachtswunder schlechthin, wie es der Nürnberger Kantor Nikolaus Hermann in seinem bekannten Lied ausgedrückt hat: er „entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding´“.
Gott vollzieht damit eine Bewegung, die zu derjenigen von uns Menschen im alltäglichen Verhalten quer steht. Denn wir Menschen halten es so oft mit unserem Menschsein nicht aus und wollen werden wie Gott. Wir stehen immer wieder in der Versuchung, unser Menschsein zu verlassen und uns in die Welt Gottes zu erheben. Dies zeigt sich vornehmlich darin, dass wir uns selbst zum Maßstab aller Dinge erheben. Wir geben immer wieder der verführerischen Stimme der Schlange im Paradies nach, die uns zuflüstert: „Ihr werdet sein wie Gott“. In diesem halsbrecherischen Versuch des Menschen diagnostiziert die biblische Botschaft aber die Ursünde des Menschen. Denn diese besteht genau in der vom Menschen vorgenommenen Verwischung des grundlegenden Unterschiedes zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf. Der Götzendienst unserer Zeit ist der Glaube des Menschen an seine vermeintliche Allmacht.
Auf dieses Unterfangen des Menschen antwortet aber Gott selbst an Weihnachten mit seiner befreienden Gegenbewegung. Während der Mensch den Aufstand gegen Gott probt, macht Gott seinen Einstand im Niedersteigen auf den Boden der menschlichen Realität. Damit heiligt Gott die Schöpfung und verleiht unserer Geschöpflichkeit eine Würde, die in uns nicht mehr den wahnwitzigen Trieb aufkommen läßt, selbst werden zu wollen wie Gott. Diese Würde beflügelt uns vielmehr dazu, endlich Menschen zu werden und uns dankbar zu der elementarsten Tatsache unseres Leben zu bekennen, dass wir Geschöpfe Gottes sind und dass dies vollauf genügt.
Gott ist radikal in seiner Menschwerdung! Ein Satz, den wir aus der Weihnachtsgeschichte immer wieder als selbstverständlich und gewohnt hinnehmen lautet: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“. Gott wird ein Kind und damit ein Lebewesen, dessen erster Ton das Schreien ist; ein Lebewesen, das mit Tränen in die Welt eintritt; und ein Lebewesen, dessen erste Gebärden die ausgestreckten Hände sind, die nach Schutz und Geborgenheit rufen. Gott will auf unserer Erde ein Lebewesen werden, das angewiesen ist auf die bergende Liebe von Menschen. Gott will ein Angewiesener werden, um in dieser elementaren Bedürftigkeit Liebe und Zuneigung in uns zu erwecken.
Wenn Gott Mensch wird, dann will er es offensichtlich nicht besser haben als das schwächste Glied unserer Gesellschaft. Nirgendwo ist Gott herrlicher als im demütigen Ausgeliefertsein eines neugeborenen Kindes. Nirgends ist Gott stärker als in der Schwäche des kleinen Kindes. Nirgendwo ist Gott hilfsbereiter als in der Hilflosigkeit eines nach Geborgenheit suchenden Säuglings. Nirgendwo ist Gott allmächtiger als in der freiwillig gewählten Ohnmacht eines weinenden Neugeborenen. Und nirgendwo ist Gott göttlicher als in seiner schlichten Menschlichkeit.
Die ersten Menschen, die Gott in seiner neuen Erscheinungsform begegnen sind die Hirten. Sie lagern auf freiem Feld, sind ebenso heimatlos wie er. Und sie sind auch wach. Damit ergibt sich auch für uns, dass wir nur in der Lebenshaltung einer sensiblen Wachsamkeit des Herzens die frohe Botschaft der Engel in der Weihnachtsnacht vernehmen können. In den Hirten dürfen wir Menschen uns auch heute wieder finden. Es ist ohnehin gut, wenn wir entdecken, dass unsere Krippen nicht einfach idyllisch-romantische Weihnachtsdarstellungen sind, sondern dass in den Krippenfiguren wir selbst dargestellt sind.
Jetzt ist Weihnachten. In dieser Stunde gehen rund um den Erdball viele Erwartungen in Erfüllung, viele Erinnerungen werden wach. Viele Menschen erleben aber gerade in diesen Tagen ihre Einsamkeit. Und viele werden auch nachdenklich über ihren Glauben: bleibt dieses weihnachtliche Geschehen mit all den Erinnerungen an die Kindheit, mit dem festlichen Weihnachtsbaum und der lichterfüllten Kirche und der wunderschönen Krippe nur ein schönes Märchen? Die Existenz Gottes macht ja den Menschen im Allgemeinen keine Schwierigkeiten. Man ist tolerant. „Meinetwegen mag es Gott geben, ich habe nichts dagegen!“ So äußert sich der skeptische Mensch von heute. Ein ferner, ein müder, ein blinder Gott, er nützt nicht, er stört nicht. Aber Gott nah, wach, kraftvoll, präsent, verändert alles. Denn dieser Gott redet uns ins Gewissen. Dieser Gott hat die Weltgeschichte verändert und möchte sie durch uns weiter verändern. Ein Gott, dem das Lachen und Weinen eines jeden Menschen wichtig ist, der schon immer unterwegs ist zu den Menschen und das Gespräch sucht, gibt in dieser seiner Weihnachtsaktivität der ganzen Schöpfung, seiner Schöpfung, eine neue Qualität.
Weihnachten ist verbunden mit Kinderlächeln, Poesie, Seligkeit. Ohne Zweifel! Aber Lächeln versiegt, Poesie verfliegt und Seligkeit verdorrt. Und dann ist Weihnachten in Gefahr, in die Märchenwelt zurückzusinken. Aber Weihnachten muß lebendig bleiben, das Geheimnis der Heiligen Nacht darf nicht mit den verdorrten Christbaumresten im Müll unserer Zeit landen! Weihnachten ist das Grunddatum der Neuen Welt, der Menschengeschichte, die jetzt durch das Bethlehemkind zur Gottesgeschichte gehört. Wenn „Himmel“ so viel wie Gottesraum bedeutet, dann ist seit dem ersten Weihnachtstag „Himmel auf Erden“: Gottesraum in der Menschenwelt. Seit Weihnachten sind die Schranken zwischen heilig und Profan, zwischen göttlich und menschlich niedergelegt. Nicht die Gottesverachtung der Menschen, sondern die Menschenliebe Gottes legt diese frommen Schranken nieder, denn jetzt ist der Himmel auf die Erde gekommen.
Seit Weihnachten ist Gott nicht mehr unzugänglich – in Himmelsferne, sondern in Erdennähe zu entdecken. Er ist längst da, Er wartet – als Schwester, als Bruder des Jesus von Nazareth, gleich nebenan, im Nachbarhaus, im Nachbargesicht, im Nachbarherz. Unglaublich! Vielleicht ist er noch näher in den Augen der Menschen, die wir lieben. Unglaublich!
„Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“ Ja, sie ist sichtbar geworden und muß von einem jeden von uns weitergetragen werden. Es könnte ja sein, dass Menschen auch in unserem Gesicht, in unserem Lächeln, in unseren Worten Gott entdecken, der ja in uns wohnt. Amen.

38. Sonntag im Jahreskreis, 4. Adventsonntag

Mt 1,18-24

Aus dem Advent, der Zeit der Erwartung treten wir dem Fest selbst, der Erfüllung entgegen: „Mit der Geburt Jesu aber war es so.“ – Nicht schon das Geburtsgeschehen selbst steht im Zentrum des heutigen Evangeliums, sondern die Begleitumstände, die im Vorfeld dieses Ereignisses angesiedelt sind. Was möchte uns der Verfasser dazu sagen? Er spricht vom Außergewöhnlichen, er tut es auf seine Weise, in seiner Sprache. Folgen wir also nochmals dem Text.
Es ist eine besondere Mutterschaft von der hier gesprochen wird. Der Abschnitt kreist um ein Thema, nämlich um die Eigenart dieser Mutterschaft. Nicht von ungefähr kommt der Evangelist darauf zu sprechen. Unmittelbar davor hatte er sein Evangelium mit einem Stammbaum begonnen, in dem er die Herkunft Jesu auf David und auf Abraham zurückführt: „Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ – so lautet der erste Satz. Immer vom Vater auf den Sohn geht die Ahnenreihe weiter, bis schließlich, in der letzten Generation vor Jesus, der Stammbaum auf die Mutter übertragen wird.
Der Evangelist setzt die damalige Eheschließ8ngspraxis voraus: nach der Einigung über den Brautpreis zwischen Brauteltern und Bräutigam wurde der Ehevertrag geschlossen. Damit galten Braut und Bräutigam als verheiratet. Der Ehevertrag stand unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die Braut unberührt in die Ehe ging. Daher blieb sie weitere neun bis zwölf Monate in ihrem Elternhaus, erst dann erfolgte die sogenannte „Heimführung“, die feierliche Hochzeit also und der Beginn des gemeinsamen Lebens.
Aber die Situation wird heikel. Josef erfährt etwas, dass seine Welt zusammenbrechen läßt. Maria erwartet ein Kind, und zwar nicht von ihm, sondern – wie es heißt – vom Heiligen Geist. Der noch nicht eingeweihte Josef sieht dahinter etwas ganz anderes als den Heiligen Geist. Zwar bleibt er ein Ehrenmann. Nach jüdischem Recht hätte er Maria öffentlich als Ehebrecherin verklagen können. Doch Josef nur der Gedanke, sie heimlich zu entlassen. Daher nennt ihn die Schrift gerecht, das heißt: barmherzig, fromm.
In der Tat: Josef tut, was er als Nichteingeweihter tun kann. Als redlicher Mensch steht er da. Aber – und das bleibt von da ab bestimmend für das gesamte Evangelium – dort, wo es um das Wohl seines Sohnes geht, greift Gott ein. Die Engelserscheinung im Traum verdeutlicht Gottes Engagement. Da vernimmt er plötzlich eine andere Stimme als die ihm vertraute Stimme seines Gewissens, seiner Vernunft und seines herkömmlichen Glaubens. Sie teilt ihm das Unerwartete mit: Das Kind, an dem er Anstoß genommen hatte und das er verwerfen wollte, ist die leibhaftige Verheißung Gottes. Gott selbst ist im Lebensanfang Jesu wirksam, und zwar in einer einzigartigen, bis dahin nicht gekannten Weise und Intensität. Diese Botschaft wird zum Wort aus der jüdischen Bibel in Beziehung gesetzt, um damit anzudeuten, dass Gott grundsätzlich schon immer so gehandelt hat wie jetzt, darin bestimmt von der Absicht, mit den Menschen zu sein. Jetzt, in der Erwartung dieses Kindes, wird diese Zuwendung gleichsam personifiziert, und deshalb handelt Gott in dieser außergewöhnlichen Weise. Mit dem Auftrag zur Namensgebung wird nach jüdischem Recht die Stellung und Aufgabe des Vaters an Josef übertragen. Der Name „Jesus“ bedeutet übersetzt: „Gott ist Befreiung und heil“ Damit ist gesagt: Jesus wird die Aussichtslosigkeit und die Zwänge dieser Welt sprengen; er wird eine neue Zukunft eröffnen, weit über das hinaus, was je von Menschen für möglich gehalten wurde.
So spielen sich im Leben des Josef und auch im Leben Mariens zwei Ebenen wieder: zum einen die Ebene des menschlich Begreifbaren und zum zweiten die Ebene des Göttlichen für unser menschliches Begreifen nicht Zugänglichen. Auch wir leben in diesen beiden Ebenen, mit dem einen Unterschied, dass wir die Sensibilität für das Göttliche verdrängt oder verloren haben. Wir rechnen oft nicht mehr mit dem Eingreifen Gottes in unserem Leben. Würden wir hinhören und hineinhören in unser Leben, so würden wir sehr schnell merken, dass da oft die Stimme Gottes zu uns spricht, nicht laut, nicht aufdringlich und auch nicht zwingend, sondern vielmehr einladend und lockend. Interessant ist ja auch in diesem Zusammenhang, dass hier bei Josef der Traum eine so wichtige Rolle spielt, jener Traum, in dem Josef die Gewissheit über das Geschehen Gottes erlangt. Was geschieht denn eigentlich, wenn wir träumen? Vielfach werden Tagesreste im Traum verarbeitet, Dinge, die uns beschäftigen, Ereignisse, die wir nur unbewußt wahrnehmen. Wir geben heute nicht allzuviel auf Träume und messen dem Traum auch nicht eine Bedeutung zu, die ihm nicht zukommt. Aber immerhin kommt der Traum aus unserem Inneren, gibt oft wieder, was wir seelisch nicht verarbeitet haben und das häufig verschlüsselt, in Symbolen.
Wir würden allzu gerne wissen, was da zwischen Maria und Josef gesprochen wurde, nachdem Maria von ihrer Base Elisabeth als schwangere Frau heimkehrte. Wir wissen es nicht; aber es gab sicherlich eine Auseinandersetzung. Im Traum jedenfalls hat Josef die Eindeutige Klarheit bekommen. Früher dachte man sich ja überhaupt den Traum, in dem der Mensch nicht bewußt lebt, in dem er sich also gegen Gedanken nicht wehren kann, als Möglichkeit für Gott, dem Menschen etwas zu sagen.
Auch wir würden für die verschiedenen Situationen unseres Lebens zu gerne ein klärendes Wort von Gott hören, gerade dann, wenn unsere menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind, wenn wir keine Auswege aus unseren Situationen mehr finden. Wir könnten diese klärenden Worte auch von Gott bekommen, wenn wir die Fähigkeit in uns wach werden ließen, hinzuhören auf ihn, aufmerksam zu werden auf die vielen kleinen Spuren Gottes in unserem Leben. Es erreichen uns so viele Worte, die uns ansprechen und Mut machen, wir erhalten oft viel Klarheit im Gespräch mit anderen Menschen und in der Stille, wo so die Gedanken aus unserem Inneren hochsteigen, geben wir Gott immer wieder die Möglichkeit, uns etwas zu sagen.
So kann diese Frohe Botschaft in ihrer ganzen Dramatik doch auch uns sagen, dass Gott auch in unserem Leben nicht stumm bleibt, dass er sich auch in unserem Leben als der Erlösende, als der Rettende zeigen möchte. Amen.

37. Sonntag im Jahreskreis, 3. Adventsonntag

Jak 5,7-10; Mt 11,2-11

Wie lange können Menschen – ein Einzelner oder eine Gruppe – in Erwartung leben? Diese Frage steht in gewisser Weise hinter der heutigen Lesung aus dem Jakobusbrief, denn die Christen hatten nach dem Tod Jesu seine Wiederkunft für die allernächste Zeit erwartet. Doch je länger es dauerte, umso mehr schwand ihre Hoffnung. Die Euphorie, die die frühen Bekehrungen geprägt hatte, drohte zu erlahmen, je mehr der Alltag die Christen einholte. Und zu diesem Alltag gehörten eben auch Leid, Krankheit und Zweifel, aber auch der Ärger übereinander – so wie wir es in der Lesung gehört haben. In dieser Situation versucht der Schreiber des Jakobusbriefes, die Erwartung neu zu beleben, indem er gegen die Resignation seiner Gemeinde noch einmal betont: Der Herr kommt und er kommt bald.
Nun könnten wir heute sagen: Das mit der Naherwartung ist nicht mehr unser Problem. Schließlich sind inzwischen 2000 Jahre ins Land gegangen und der Herr ist nicht wiedergekommen. Also Schluß mit dem Warten!
Doch ganz so einfach wird es nicht gehen, denn wir müßten zumindest einen ganz erheblichen Teil unserer liturgischen Texte umschreiben, außerdem müßten wir etliche biblische Texte für überholt und unbrauchbar erklären. Wir sollten also zumindest sehr genau prüfen, ob uns diese Texte wirklich nichts mehr zu sagen haben. Wir könnten uns z.B. fragen: Was erwarte ich eigentlich? Worauf setze ich meine Hoffnung, meine Sehnsucht? Was erwarte ich und von wem?
Sehr schnell wird sich dann zeigen, dass sich unsere Erwartungen und Hoffnungen nicht nur auf vordergründige Erlebnisse und materielle Befriedigungen richten, wie uns in der Konsumgesellschaft oft vorgegaukelt wird. Hinter dem Suchen und Streben nach dem Kick, dem Mehr oder dem Anderen – dem, was wir bisher noch nicht kennen oder noch nicht haben, steckt die Sehnsucht und die Hoffnung nach dem ganz Anderen – nach dem Ultimativen – dem Absoluten – letztlich nach Gott. Aber es braucht – gerade in unserer Zeit – ein starkes Herz, um die Erwartungen aufrecht zu erhalten und die nötige Geduld aufzubringen, sich nicht mit Vordergründigkeiten zufrieden zu geben. Manchmal verursacht es sogar Leid – psychisches oder auch körperlich spürbares Leid, sich nicht abzulenken – sich keine heile Welt vorzugaukeln – sich nicht die Befriedigung jetzt und sofort zu verschaffen?
Und manchmal macht sich auch inmitten unserer Erwartungen der Zweifel breit: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Das war die Frage Johannes des Täufers als er im Kerker des Herodes lag und auf seine Hinrichtung wartete. Johannes, jener gewaltige Prediger, der Wegbereiter ist nun von Zweifeln geplagt. Hat er sich in der Person Jesu geirrt, ist er vielleicht doch nicht er Erwartete? Warum tut er nichts für ihn, warum tut er nichts für sich? Kann das der ersehnte Messias sein, der gerade bei den führenden religiösen Persönlichkeiten seiner Zeit nicht ankommt, ja sogar massiv abgelehnt wird?
Der Messias zeigt sich anders als Johannes es sich vorgestellt hatte. Fast nichts von all den Bildern, Ansichten und Vorstellungen, in die sich der Täufer hineingelebt und deren Wahrheit ihn überzeugt hat, ist bei Jesus zu finden. Er lebt anders und seine Worte und Zeichen lassen sich in anderen Tönen und Farben vernehmen. Da beginnt er zu zweifeln. Die eindeutige Welt seiner Bilder und Vorstellungen zerbricht. Daher die Frage: „Bist du der Kommende?“
Mir scheint, auch in dieser seiner tiefen Glaubensnot verhält sich Johannes vorbildhaft. Wieso? Er geht mit seinen Anfechtungen nicht irgendwo hin. Vielmehr fragt er bei Jesus selbst an. Das heißt für uns: Wende dich in deinen Nöten, Ängsten und Sorgen nicht an irgendeine Adresse. Geh mit all dem zuallererst zu Jesus. Breite alles, was dich quält, vor ihm aus, und sprich mit ihm darüber; denn in solchen Situationen hilft oft weder Menschenweisheit noch Menschenrat. Nur wer den Weg zu Jesus findet, um sich vor ihm zu öffnen, wird eine Antwort finden. Aufgrund dieser Erfahrung schrieb Goethe von sich selbst: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“
Jesus nimmt die Täuferfrage sehr ernst. Er fegt die Täuferbilder des Kommenden nicht einfach hinweg. Jesus weiß, was die Wahrheit dieser Bilder für den Täufer bedeuten. Gott ist in seinem Gesalbten tatsächlich der Kommende. Aber er kommt unter anderen Bildern. Deswegen heißt es bei Jesus: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“
Das ist aber eigentlich gar nicht die Antwort auf die Frage des Johannes. Es ist vielmehr eine Aufzählung von Taten, die Jesus als einen Erlöser ausweisen. Es sind Aussagen die im Alten Testament sehr direkt das Wirken des Messias ausweisen. Mit anderen Worten: Jesus gibt Johannes und damit auch uns zu verstehen: Was die Welt in Wirklichkeit erlöst, ist nicht die Gewalt einer Axt, sondern allein die mitfühlende und mitleidende Liebe. Das heißt: Der Gott, den Jesus verkündet, ist ganz anders, als ihn Johannes vor Augen hatte; denn der Gott, den Jesus offenbarte, ist der unbedingt liebende Vater, der jedem nachgeht, selbst dem schlimmsten Verbrecher, ja gerade ihm, um ihn für die Ewigkeit zu gewinnen.
Daraus ergibt sich für uns: Der Fahrplan Gottes verläuft anders als der Fahrplan des Menschen. Der Fahrplan des Menschen läßt sich mit den Worten umschreiben: Zuerst leben und dann sterben. Aber was ist das für ein Leben? Ein bißchen Glück, ein bißchen Urlaub, ein bißchen Geld, ein wenig Anerkennung und ein wenig Vergnügen. Doch je älter man wird, umso dunkler und hoffnungsloser wird dieses Leben. Schließlich wird man zum alten Eisen gezählt, auch wenn man in früheren Jahren viel geleistet hat.
Der Fahrplan Gottes sieht anders aus. Er lautet: Zuerst sterben und dann leben. Sterben bedeutet hier nichts anderes, als sich in etwas hineinverlieren, das größer ist als wir. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Feststellung, zu der Dostojewsky am Ende seines Romans „Die Dämonen“ kommt. Dort heißt es: „Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, dass der Mensch sich immer vor etwas unermeßlich Großem beugen kann.....Selbst der dümmste Mensch braucht unbedingt etwas ganz Großes.“

36. Sonntag im Jahreskreis, 2. Adventsonntag

Mt 3, 1-12

Er steht immer wieder vor uns, Johannes der Täufer, der Wegbereiter, diese adventliche Gestalt, an der wir auf unserem Weg “Richtung Weihnachten” kaum vorbeikommen. Die Begegnung mit ihm ist eine Etappe, die man nicht überspringen kann, ohne dass etwas verloren ginge. Weihnachten wird gewinnen, wenn wir uns der Begegnung mit Johannes dem Täufer stellen.
Wir finden ihn in der Wüste; das macht es nicht unbedingt einfacher, aber klarer. Wer ihm begegnen will, muss bereit sein, auf Abstand zu gehen. Sie zogen in die Wüste hinaus, wird uns im Evangelium erzählt. Die Menschen kamen aus Jerusalem, aus ganz Judäa und aus dem Westjordanland. Sie blieben nicht in ihren Häusern und nicht auf ihren Feldern. Offensichtlich war Wichtigeres dran. Da muss es einem wert sein, dass vieles liegen bleibt: die Wäsche, der Pflug, die Schriftrolle, der Kochtopf und die Säge. Die Menschen verlassen zuhauf ihre alltäglichen Plätze. Sie gewinnen Abstand und gehen in die Wüste. Dort treffen sie ihn, der etwas zu sagen hat und das wollen sie hören.
Recht und schön. Aber die Zeit des Johannes ist längst vorbei – oder doch nicht? Brauchen wir nicht auch hin und wieder so einen Rufer, der uns ein wenig aufweckt. Leicht hat er es heute nicht bei all dem Getriebe in dem wir leben, bei all den persönlichen Problemen, mit denen wir uns beschäftigen. Die innere Ruhe haben wir längst verloren und die Wüste ist weit weg.
Vor der Wüste haben wir irgendwie Angst. Ich meine jetzt nicht die geographische Wüste, sondern ich meine die Wüste der Einsamkeit und der Stille, jene innere Wüste, die es uns möglich macht, in uns hineinzuhören, jene Regungen zu spüren, die aus der Tiefe unseres Bewusstseins hochsteigen; aber wir ertragen die Stille nicht mehr und auch nicht mehr die Einsamkeit.
Es ginge wesentlich darum, jene innere Ruhe zu finden, in der wir Gott nahe kommen, in der die großen Linien des eigenen Lebens wieder deutlich werden. Es geht nicht darum, aus unserem ganz persönlichen Leben auszubrechen, sondern darum, es in seiner engen Verbindung mit einem liebenden Gott zu sehen und somit die Spuren Gottes im eigenen Leben aufzufinden.
Ich denke, nicht jeder, der Johannes den Täufer hört, vernimmt auch seine Botschaft. Diese scheint an eine Voraussetzung gebunden zu sein, die wir nicht immer erfüllen. Seine Botschaft ist eine Wüstenbotschaft. Ich denke es gehört wesentlich dazu, dass seine Botschaft nicht vermischt wird mit dem Stimmengewirr all dessen, was sonst an uns herankommt. Einfacher ist die Begegnung mit Johannes nicht zu haben.
Er war eine faszinierende Gestalt, dieser Täufer am Jordan. Nicht nur wegen seiner Kleidung und seiner kümmerlichen Ernährung. Es war vor allem die Art seiner Predigt, die die Leute anzog. In Scharen kamen sie, um ihn zu hören. Man könnte seine Predigt als eine Art “Höllenpredigt” alten Stils bezeichnen. Johannes nahm sich kein Blatt vor den Mund. Er drohte seinen Zuhörern schreckliche Strafgerichte an, wenn sie sich nicht bekehrten. Und viele fühlten sich angesprochen und ließen sich von ihm taufen.
Und was sagt er? Zunächst ruft er dazu auf, Wege zu bereiten. Für wen? Für den kommenden Messias. Er möchte uns sagen, dass wir reagieren sollten auf das angekündigte Kommen Gottes, er möchte sagen, dass Erwartung des Heiles nicht einfach darin besteht, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten. Es ist vielfach in uns sehr vieles verschüttet, was das Kommen Gottes hindert. Das gilt es zu beseitigen. Das tun die Menschen auch, die zu Johannes an den Jordan gekommen sind. Sie bereuen ihre Sünden.
Aber das ist bereits heutzutage ein heikler Punkt. Das Wort Sünde kommt im Wortschatz vieler Menschen nicht mehr vor. Für sie gibt es keine Sünde und somit auch keine Verantwortung vor Gott. Das Bußsakrament wird nur noch selten wahrgenommen, es besteht viel eher die Auffassung, man könne sich alles mit dem Lieben Gott selber ausmachen. Sicherlich gibt es die persönliche Reue, aber es gibt auch das Sakrament der Lossprechung, das dem Menschen nicht nur das befreiende Aussprechen seiner Fehler ermöglicht, sondern auch mit vielen Gnaden verbunden ist.
Was Johannes dann noch spricht hat gewisse Ähnlichkeiten mit den Höllenpredigten früherer Zeiten. Johannes macht seinen Zuhörern richtig Angst. Und genau das vermeidet man heute natürlich mit Recht. Aber sollte man nicht darauf hinweisen, dass wir eine Verantwortung haben, dass wir für unser Leben Rechenschaft ablegen müssen, dass wir einmal gefragt werden, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Der christliche Taufschein genügt nicht, um vor Gott gerechtfertigt dazustehen. Leider besteht heute in so mancher Verkündigung die Tendenz, so unangenehme Details der Botschaft Jesu heraus zu filtern, eine zurechtgebogene Botschaft zu konstruieren, von der Paulus einmal treffend sagt, dass sie bloß den Ohren schmeichelt aber nicht die ganze Wahrheit bringt. Angstmache ist nicht die Art der Verkündigung der Frohbotschaft Jesu, aber eine Verkürzung auch nicht.
Das Himmelreich ist nahe. Mit diesem Satz beginnt Johannes. Und dieses Himmelreich ist das Reich eines die Menschen liebenden Gottes. Das müssen wir uns immer vor Augen halten. In diesem Reich hat nur der Platz und Raum, der ein Liebender ist. Und deshalb gerade im Advent die Frage, ob es da nicht im eigenen Leben so manches zu korrigieren gibt. Angst, nicht auf dem rechten Weg zu sein kann dazu förderlich sein. Ich meine nicht jene Angst, die den Menschen lähmt und ihm die Hoffnung nimmt, ich meine auch nicht jene Ängstlichkeit, die so manche Menschen quält, ich meine jene innere Sorge, die uns immer wieder hin verweist auf den heilenden Gott, auf Jesus, der ja Heiland genannt wird und der wieder Raum sucht in unserem Leben. Somit brauchen wir diese Adventzeit notwendigst, damit wir uns mit dem nötigen Ernst an unsere Verantwortung als Christen erinnern und zugleich viel Freude und Hoffnung aus der Tatsache schöpfen, dass Jesus in uns wohnt und durch uns hindurch wirken möchte.
Und deswegen suchen auch wir immer wieder die Wüste auf, die Wüste in unserem eigenen Herzen, um jene Worte der Mahnung und auch des Trostes und der Zuversicht zu vernehmen, die Gott immer wieder in unserem Herzen spricht.
Amen.

35. Sonntag im Jahreskreis, 1. Adventsonntag

Jes 2,1-5

Wieder einmal beginnen wir den Advent. Wieder einmal bringen wir unsere Adventkränze und Kerzen zur Weihe in die Kirche. Wieder einmal werden wir vor den immer heller werdenden Lichtern sitzen und vielleicht manchesmal vergeblich darauf warten, dass sich auch die nötige Adventstimmung einstellt. Aber sie will oft nicht so recht aufkommen. Zu vieles bedrückt uns, so vieles stellt heute das menschliche Zusammenleben in Frage, zu schutzlos wird das Kind in der Krippe mitten in einer immer brutaler und grausamer werdenden Welt. So schutzlos wie auch wir uns manchesmal fühlen.
Ich möchte heute ein wenig auf den Text der Lesung eingehen, die uns einen Ausweg zeigt aus dem Kreis der Gewalt, in dem wir oft hilflos hineingetrieben werden.
In der Stadt Gordium in Kleinasien zeigte man vor mehr als zweitausend Jahren einen Knoten, der so kunstvoll geflochten war, dass niemand ihn auflösen konnte, so viele es auch versuchten. Der Knoten wurde berühmt. Als der große Welteroberer Alexander auf seinem Zug nach Osten in Gordium vorbeikam, ließ er sich den Knoten zeigen. Auch er versuchte, ihn zu entwirren. Bald jedoch verlor er die Geduld. Er nahm sein Schwert und hieb den Knoten mitten durch. Damit war er gelöst – durch das Schwert.
Viele Knoten gibt es in dieser Welt – unentwirrbare Knäuel von Ansprüchen, von Recht und Unrecht, von Gewohnheiten der Vergangenheit und Forderungen der Gegenwart; Knoten, in denen das Leben stecken bleibt oder gar erstickt. Und immer noch und immer wieder bietet sich dieselbe glatte und schnelle Lösung an: das Schwert. Die Ordnungsmacht, die alles sichern, die Revolution, die alles verändern will. Sie beide greifen zur einfachsten Lösung, zur Gewalt. Sie wollen Leben. Aber sie glauben, es um den Preis des Todes erkaufen zu müssen.
Nicht nur in der Politik, sondern auch in der Kirche sucht man immer wieder diese klare Lösung, vor allem dann, wenn es um die Erhaltung des wahren Glaubens geht. Nicht immer kann man für die Wahrheit das Schwert aus Eisen ziehen. Oft genug glaubt man zum geistigen Schwert greifen zu müssen, durch das andere aus der eigenen Gemeinschaft ausgestoßen werden. Man hält sich rein um den Preis der Gewalt.
Das Schwert hat etwas Faszinierendes an sich. Es entspricht der Sehnsucht nach dem schnellen und raschen Wandel all dessen, was quält und unrecht ist, einer Sehnsucht, die tief in jedem Menschen steckt: Morgen soll alles anders sein. So wie der Blitz aufzuckt und über den Himmel fährt, so soll die bessere Zukunft hereinbrechen. Es ist ein uralter Traum, von dem alle Sehnsucht nach der einen, heilen Welt lebt.
Dieser Traum auf eine heile Welt hat s ein Recht. Er nährt auch die Hoffnung der Christen. Jesus selbst hat oft von dem großen, endgültigen Umschwung gesprochen, vom Anbrechen des Reiches Gottes. Für die Christen ist die große Zeit nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, der Advent. Doch auf welche Weise kommen wir in diese Zukunft? Etwa durch das Schwert?
Schon ein halbes Jahrtausend vor Jesus sprach der Prophet Jesaja, dessen Worte wir in der Lesung gehört haben, von der kommenden Welt: von der Zukunft ohne Krieg, vom ewigen Frieden; von einer Welt, in der es keine Schwerter, sondern nur noch Pflugscharen gibt.
Auch der Pflug ist aus Eisen, und er ist scharf. Er reißt die Erde auf. Wer ihn gebraucht, muss Kraft anwenden. Wie das rächende oder erlösende Schwert, so will auch der Pflug Leben schaffen. So hat man ihn oft mit dem Schwert zusammengestellt: Pflug und Schwert. Doch das entspricht nicht den Worten des Propheten. Nicht Pflug und Schwert, sagt er an, sondern den Pflug anstelle des Schwertes; denn bei aller Ähnlichkeit mit dem Schwert ist der Pflug doch ganz anders.
Das Schwert, wenn es gut gehandhabt wird, löst seine Aufgabe in einem Augenblick. Der Pflug hingegen, auch wenn er noch so gut geführt wird, muss einen langen Weg gehen. Das Schwert, das trifft, braucht nicht zweimal zuzuschlagen. Der Pflug muss, auch wenn er noch so scharf ist, immer wieder auf denselben Weg zurückkehren. Das Schwert kann man weglegen, den Pflug nicht.
So erweist sich der Pflug als Sinnbild einer anderen Kraft. Er verweist darauf, dass eine neue Zukunft nur in Geduld und Beständigkeit gebaut werden kann; denn der Pflug erreicht sein Ziel nur, wenn er beständig an der Arbeit bleibt. Dabei arbeitet er nie um den Preis des Lebens, nie opfert er die Gegenwart der Zukunft.
Die kommende Welt, von der der Prophet spricht, ist kein Schlaraffenland. Sie ist eine Welt der friedlichen und geduldigen Bemühung. Daher wird sie nicht um ihren Lohn betrogen. Diese neue Welt steht oft auch denen vor Augen, die die schnelle Lösung des Schwertes bevorzugen. Doch sie übersehen, dass sich mit dem Schwert kein Raum für den Frieden schaffen lässt. Sie übersehen, dass eine Macht, die keine Zukunft hat, keine Zukunft bringen kann. Auf welche Weise soll also das Neue anbrechen, wenn nicht dadurch, dass man anfängt, Schwerter in Pflugscharen umzugießen? Mit anderen Worten: Wir sollen die geduldige Kraft an die Stelle des ungeduldigen Losschlagens setzen.
Geduld bedeute also keineswegs, dass man sich einfach hinsetzt und wartet, bis es anders wird. Daher spricht der Prophet auch nicht von einem Bauer, der mit verschränkten Armen auf den Regen wartet. Auch ist es mühevoll, aus Schwertern Pflugscharen zu schmieden. Schon gar nicht geht es ohne Mühe, mit dem Pflug zu arbeiten. Hier tritt jene geduldige Kraft in Erscheinung, von der der Prophet spricht. Sie allein kann ändern ohne zu vernichten. Deshalb gehört ihr die Zukunft. Mehr noch: Wo sie wirksam ist, da nimmt die zukünftige Welt bereits Gestalt an.
Lassen wir uns also nicht von der schnellen Lösung der Gewalt faszinieren. Durch Gewalt wird weder das Bestehende gesichert noch die Zukunft gewonnen. Noch immer haben sich die Enden des durchgehauenen Knotens hoffnungslos verwirrt. Auch das macht deutlich: Der Griff nach dem Schwert ist eine vergängliche Illusion. Nur der Tod, den das Schwert hervorruft, ist endgültig.
Auch vor dem geistigen Schwert, dem Schwert der Trennung und Verdammung, sollten wir uns hüten. Es mag vielleicht reinigen. Doch was bleibt, ist letzten Endes ein Krüppel, aber kein vollständiger Mensch. Brücken abzureißen ist immer leichter als Brücken zu bauen. Das zeigt die gespaltene Christenheit überdeutlich. Wollen wir ihr weitere abgerissene Brücken hinzufügen?
Advent heißt Zukunft. Unsere Zukunft ist nichts Geringes; sie ist Gottes Reich. Doch der Advent sagt uns: Diese Zukunft hat schon begonnen. Sie ist mitten unter uns gegenwärtig; denn wir begehen ihn doch schon jetzt, den Advent. Er sagt uns: Dass Gottes Zukunft schon begonnen hat, spürt, wer in Beständigkeit und Geduld wirksam wird. Dafür steht nach den Worten des Propheten der Pflug, nicht das Schwert. Amen.

34. Sonntag im Jahreskreis, Christkönigsfest

Lk 23.35-43

Schon seit Jahren ergießen sich aus zahlreichen Fernsehkanälen Fluten von Quizsendungen auf allen nur möglichen Wissensgebieten. Wer da übermütig daneben rät, scheidet aus. Dasselbe gilt für alle anderen Arten von Qualifikationen, meistens in sportlichen Disziplinen: Wer verliert scheidet aus!
Wer sich nicht an die Spielregeln der Partei oder einer Berufslobby hält, wird disqualifiziert. Das ist nicht nur der übliche Verhaltenskodex, sondern schon eine Art Grundgesetz. Wie das gemeint ist und wie das praktiziert werden kann, wird uns im heutigen Evangelium geradezu exemplarisch vor Augen geführt.
Denn Jesus hielt sich bei den meisten seiner öffentlichen Auftritte und erst recht bei seinen Predigten längst nicht mehr an die überlieferten jüdischen Gesetze, Gepflogenheiten und Reglements, und damit war er schon ausgeschieden. Der Verlierer hängt am Kreuz und ist disqualifiziert. Es geht einem durch Mark und Bein, wenn man sich nach dem Bericht des Evangeliums ausmalt, wie die so genannten Führer des Volkes – von den Römern ganz zu schweigen – offenkundig Schlange stehen, um Spott und Hohn über Jesus auszugießen, einschließlich des einen mitgekreuzigten Verbrechers. Sie zerreißen sich ihre Mäuler und lästern: „Wenn du der erwählte Messias Gottes bist, der König der Juden, dann hilf dir doch selbst! Steig doch einfach herunter vom Kreuz!“ Und einige Sätze weiter heißt es bei Lukas: „Alle seine Bekannten aber“, wahrscheinlich auch seine Jünger, „standen in einiger Entfernung vom Kreuz und schauten alles mit an“.
Bevor wir nun voller Entsetzen den Mund vollnehmen über das feige Verhalten seiner Freunde, sollten wir uns lieber fragen lassen: In welchem Abstand stehen wir denn in unserem Leben, in unserem Alltag, hier und heute, vom Kreuz Christi entfernt?
Was haben wir eigentlich vom Kreuz Christi begriffen oder was empfinden wir dabei, bei diesem Kreuz, das in unserem Wohnungen hängt oder um unseren Hals als Schmuckstück baumelt, das übrigens in den islamischen Ländern strengstens verboten ist und das selbst bei uns – einem christlichen Abendland – aus den Kassenzimmern entfernt werden muss, wenn jemand durch den Anblick Christi Kreislaufstörungen bekommt. So könnte man den vorhin zitierten Satz sinngemäß so formulieren: „Das Volk Gottes, die Christen in Europa, stehen da und schauen zu!“
Doch bleiben wir mit unserer Kreuzbetrachtung bei uns, in unserer kleinen Welt. Möchten wir wirklich diesen disqualifizierten Christus als Herrn und Mittelpunkt unseres Lebens bejahen und damit vor den Augen der Welt selbst als Disqualifizierte gelten? Da stehen wir doch lieber in einiger Entfernung – und das nicht nur räumlich, sondern auch innerliche und zeitlich. Der soll doch am Sonntag sein Kreuzesopfer gefälligst allein vor leeren Tribünen – sprich Kirchenbänken – feiern. Bereits die Mehrzahl unserer getauften Landsleute denken und leben leider schon lange so desinteressiert, ja religiös geradezu abgebrüht und narkotisiert
Wer soll das begreifen? Nur einer beginnt das Geheimnis des Verlierers zu verstehen, kein Jünger, sondern ausgerechnet ein Verbrecher: „Jesus, denk an mich, wenn du mit deiner Königsmacht kommst!“ Und Jesus, der auf all die spöttischen Anspielungen kein Wort gesagt hatte, antwortet ihm spontan ohne irgendein peinliches Verhör: „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“
Und mit einem Mal, so könnte man sagen, hat sich die Szene verändert und gewandelt: Das Entscheidende geschieht nun da oben – zwischen diesen beiden Verlierern am Kreuz. Da öffnet sich ein Mensch mit all seiner Schuld dem göttlichen Geheimnis der Liebe und erntet dafür unbewusst die ersten Früchte des Sühnopfers Jesu. Wie bei einer Ouvertüre kündigt sich bereits Jesu Sieg über den Tod an, und zwar in einer Blankovollmacht für ein jenseitiges Paradies. Die Mächte des Bösen am Fuß des Kreuzes können dabei eigentlich nur den leiblichen Tod verwalten. Die Macht der Liebe oben am Kreuz degradiert sie zu bloßen Leichenbeschauern.
Wer sich an Jesus hält, hat somit schon den Tod mit dem Leben eingetauscht. Der Nächste, der dies zu begreifen beginnt, ist wiederum ein Außenseiter, ein Heide, der römische Hauptmann mit seiner Vorahnung: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“.
Und die anderen, seine Bekannten, seine Jünger – vielleicht auch wir – stehen immer noch in einiger Entfernung und begreifen rein gar nichts. Vielleicht trifft da der Satz zu, den ich einmal über das Geheimnis des Kreuzes gelesen habe: „Je näher wir im Leben an der Kreuz heranrücken, desto weiter entfernt sich der Tod.“
Wenn uns also die Kirche heute zur Christkönigsfeier einlädt, dann nicht am Kreuz vorbei. Soviel haben wir heute mitbekommen. „Jesus, denk an mich“, bittet der Schächer. Jesus, denk an mich, sagen wir auch heute. Denk an mich, wenn ich am Kreuz meiner eigenen Schuld festgenagelt bin – wenn ich meine Mitmenschen nur „von oben“ und nicht mit der nötigen Liebe behandelt habe – wenn ich nicht zur Versöhnung bereit war – wenn umgekehrt meine Mitmenschen mich disqualifiziert haben – wenn ich dem Spott über meine religiöse Überzeugung ausgeliefert bin – wenn ich der Dumme bin, weil ich mir wegen meiner Kinder vieles nicht leisten kann – wenn ich selbst von kirchlicher Seite keinen Dank erhalte, obwohl ich mich in der Gemeinde fast Tag und Nacht engagiere – wenn ich enttäuscht werde, indem meine Ehrlichkeit und Güte ausgenützt werden. Dann gib auch mir zur Antwort: „Ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Heute! Das heißt, bereits in diesem Leben können wir uns durch Christi königliche Vollmacht für unsere Auferstehung qualifizieren.
In diesem Sinne feiern wir auch jetzt am Christkönigsfest in der Eucharistie Jesu Tod und Auferstehung nicht „in einiger Entfernung“, sondern hier an diesem Tisch, der in wenigen Augenblicken gedeckt sein wird für das königliche Mahl bei dem Jesus die bedeutsamen Worte spricht: „Wenn ich am Kreuz über der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“

33. Sonntag im Jahreskreis, Lk 20,27-38

Fast am Ende des Kirchenjahres hören wir aus dem Lukasevangelium Jesu Rede vom Ende der Welt Diese Rede ist keine leichte Kost und wir sind in Gefahr, dass wir schnell abschalten, wenn wir diese Worte hören. Aber, sind uns diese Worte, diese Ankündigungen wirklich so fremd? Leben wir nicht mitten drinnen all den Kriegen und Unruhen, hören wir nicht auch in unseren Tagen immer wieder von Hungersnöten und Seuchen irgendwo in der Welt?
Aber ist eine Endzeitstimmung wirklich für uns ein dominantes Lebensgefühl? Sicherlich nicht! Denn das Ende wollen wir nicht, wir wollen das volle Leben, wir wollen Spaß haben und uns amüsieren und das Leben genießen. Trotzdem tut es gut, einmal der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der Wirklichkeit unserer Welt und der Wirklichkeit unseres eigenen Lebens.
Wir wissen, dass alles Schöne nicht ewig dauert. Feste gehen zu Ende, Ferien gehen zu Ende. Auf der Erde ist alles vergänglich. Und überall kann uns das Ende einholen, ob wir wollen oder nicht. Ich meine nicht den Weltuntergang und die Wiederkehr Jesu, die die Jünger im Blick haben. Zu Ende geht das Leben jedes einzelnen Menschen. Mit jedem neuen Tag gehen wir dem Ende entgegen. Wir müssen es aushalten, den Zeitpunkt unseres Endes nicht zu wissen; wir können aber sicher sein, dass wir es einmal beenden müssen, wie die Natur im Winter die Blätter verliert. Im November spiegelt die Natur das Ende wider. Der Tod mitten im Leben. Der Tod läßt sich nicht ganz verdrängen, auch wenn wir so tun, als ob er uns nicht trifft. Dem Ende unseres Lebens schauen wir also besser in die Augen. Das betont auch Jesus in seiner Rede vom Ende.
Jesus öffnet uns in seiner Rede einen weiten Horizont. Und wenn auch seine Worte sehr hart sind, etwa, wenn er vor seinen Zuhörern vom Untergang des Tempels spricht, so liegt doch in der Perspektive, die Jesus gibt etwas Tröstliches. Wir sind ja immer in der Gefahr, unseren Horizont zu verlieren, das Ziel zu vergessen. Und dieses Ziel steht im Schlußsatz unseres heutigen Evangeliums: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das ewige Leben gewinnen.“
Und was in der Zwischenzeit passiert, das soll uns nicht entmutigen. Und dazu gibt Jesus einige Anweisungen für unser Verhalten: „Laßt euch nicht entmutigen! Laßt euch nicht verführen!“ Und er weist hin auf die falschen Propheten, die auftreten werden. Falsche Propheten, die ein irdisches Paradies verkünden, das es niemals geben wird, falsche Propheten, die das Lebensglück nur ins Diesseits verlagern, falsche Propheten, die die Botschaft Jesu nach ihrem eigenen Geschmack verdrehen und auslegen, so wie es Paulus einmal sagt: Es werden Zeiten kommen, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich zu seinem eigenen Ohrenkitzel Lehrer beschafft.
Unter den sicher vielfältigen Verführungen unserer Zeit möchte ich einen „falschen Propheten“ klar benennen, Er ist allgegenwärtig in unseren Wohnungen, zieht unsere Kinder maßlos in seinen Bann und prägt auch uns mehr, als manchen Zeitgenossen lieb ist: Der Fernseher. Es sind die Bilder, die mit uns spielen. Und wir haben es gelernt, uns zu amüsieren. Das Fernsehen verheißt uns immer wieder die Entspannung pur. Erlösung vom Alltagstrott, eine heile Welt, Spaß und Vergnügen und das 24 Stunden lang. Sogar die tragischen Nachrichten des Tages werden von vielen als eine spannende Unterhaltung konsumiert. Sie berühren uns nicht mehr. Und wenn wir nicht aufpassen, dann verwechseln wir mit der Zeit das Fernsehen mit der realen Welt So wie im Fernsehen soll das Leben sein: Traumhaft und ewig jung. Echtes Leben im Fernsehen würde sich kaum jemand anschauen wollen. Aus dem Fernsehen muß der Trost für den Alltag her, besonders am depressiven Sonntagabend.
Indem Jesus die Katastrophen der Endzeit anspricht, nimmt er ihnen ihren Stachel. Die frühen Christen erwarteten die Wiederkunft Christ noch zu ihren Lebzeiten, wir wissen heute, dass die sogenannte Endzeit der ganze Zeitraum ist vom Auftreten Jesu in unserer Menschlichkeit bis zum Ende der Welt. Wann das sein wird wissen wir nicht. Wir sind aber imstande, die Geschehnisse in dieser Welt einzuordnen in den großen Gang der Schöpfung. Erklären können wir uns viele Dinge nicht. Das gibt dann oft Fragen, die wir offen oder wenigstens scheu in unserem Herzen stellen: Warum läßt Gott das zu, warum betrifft das gerade mich? Wie ist der liebende Gott vereinbar mit all den gräßlichen Dingen, die auch an unschuldigen Menschen geschehen. Auf all diese Fragen sind wir oft ohne Antwort und wir wissen keine Lösungen. Was wir wissen ist, dass sich das Heil, das Gott uns anbietet nicht allein auf den irdischen Bereich beschränkt, sondern darüber hinausgeht. Und somit ist das ganze Weltgeschehen ein Wechselspiel zwischen dem Angebot Gottes an uns Menschen durch das der Friede und das Wohlergehen der Menschen gesichert wären einerseits und dem freien Willen der Menschen andererseits. Sie bringen es ja immer wieder zustande, sich gegen Gott zu heben, sie greifen immer wieder nach der verbotenen Frucht des Paradiesbaumes, von der gesagt wurde: wer davon ißt, der wird wie Gott. Und es ist sehr gefährlich, wenn sich der Mensch an die Stelle Gottes erhebt, wenn er sich Dinge anmaßt, die nur dem Schöpfer zustehen. Nach Friedrich Nitzsche, dem „Ungläubigen“ endet dieser Mensch im Chaos, der die Erde von ihrer Sonne loskettete und nun erleben muß, wie jede Orientierung verschwindet. Heute wird Gott kaum mehr bekämpft. Was viel gefährlicher ist, er wird totgeschwiegen, lächerlich gemacht. Wir merken das an den verschiedensten Entfremdungen verschiedener Feste. Allerheiligen wird zum Halloween und der Hl. Nikolaus wird zur Schokoladenfigur. Statt dem Christkind gibt es den Weihnachtsmann mit seinem von Elchen gezogenen Schlitten, der die Geschenke im Großkaufhaus einkauft. Und selbst das, was mit dem Christkind aufgeführt wird spottet jeder Beschreibung. So kann man jetzt schon in der Post einen Brief vom Christkind bestellen. Und dann die Weihnachtskrippe in teuerster Ausführung, die armselige Krippe wird für teures Geld käuflich. Von den Engeln möchte ich erst gar nicht reden. Sie wurden von machtvollen Geistwesen zu harmlosen Nakedeis herabgewürdigt.
Ja, diese Endzeit hat es in sich! Wer da standhaft bleibt, die Versuchungen rechtzeitig ortet und erkennt und nicht mit ihnen mittut, der ist wahrhaft selig zu preisen.
Merkwürdig ist ja auch der scheinbare Widerspruch, wo Jesus zunächst davon erzählt, dass man Menschen dem Tode überliefern wird und dann sagt: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“. Da öffnet sich ja wieder die große Perspektive Gottes, die das menschliche Leben nicht nur im irdischen Bereich beheimatet weiß sondern auch in der Geborgenheit Gottes. In jener Geborgenheit, die im ewigen leben ihre Erfüllung findet.
Die frühen Christen, die dachten die Wiederkunft des Herrn stehe unmittelbar bevor, hörten zu arbeiten auf und Paulus mußte massiv dagegen einschreiten. Auch wir stehen in unserer Zeit vor der Gefahr uns zurückzuziehen, so, als ginge uns die böse Welt nichts mehr an. Aber wir sind für diese Welt verantwortlich und müssen sie stützen durch unser Tun und unser Gebet und müssen dem Bösen Einhalt gebieten auf allen fronten und mit allen unseren Möglichkeiten – und das alles ohne Angst und ohne jene Panik, in die alle Menschen geraten für die Gott nichts mehr bedeutet, für die es keinen Halt mehr gibt. Wir sind trotz aller Widrigkeiten geborgen in Gott – möge er uns diese Zuversicht immer wach erhalten. Amen.

32. Sonntag im Jahreskreis, Lk 20,27-38

Zu allen Zeiten haben sich Menschen gefragt, wie denn das sei „nach dem Tode“; und zu allen Zeiten haben Menschen auch eine Antwort auf diese Frage gegeben. Die Antwort: „Nach dem Tod ist alles aus“ dürfte nicht die älteste Antwort sein. Zuviel Oberflächlichkeit und egoistische Berechnung schwingen in dieser Antwort mit.
Es war eine kniffelige Frage, mit der die Sadduzäer Jesus in die Falle locken wollten. Anders als die Pharisäer leugnete diese aristokratische Priesterklasse die Auferstehung der Toten, weil sie dafür keinen Hinweis im Gesetz des Mose finden konnte und weil nur dieses für sie Geltung hatte.
Es war die Geschichte einer Einkreisung, die sich hier abspielte. Jesus war nach Jerusalem gekommen, dem Ort seiner letzten Auseinandersetzung mit den Gegnern. Seine Jünger hatte er darauf vorbereitet; wie viel sie davon verstanden hatten, sollte sich bald zeigen. Der Einzug in Jerusalem deutete jedenfalls nicht auf sein schreckliches Ende hin. Trotzdem mischte sich in die begeisterten Hosannarufe auch die unverhohlene Warnung der Pharisäer, dass er seine Jünger zum Schweigen bringen sollte. Die Tempelreinigung und die harten Worte über die Führer des Volkes bestärkten seine Jünger noch in der Siegerstimmung. Die geschickte Antwort auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer zeigte Jesus als überlegenen Gesprächspartner, den man nicht so einfach aufs Kreuz legen konnte. Trotzdem hatte sich eine unheilige Allianz gegen ihn verbündet; Menschen, die sich gegenseitig gar nicht so sehr mochten, fanden sich plötzlich unter einem gemeinsamen Ziel zusammen: er muss weg.
Die Frage nach der Auferstehung der Toten war ein echter Höhepunkt, denn worüber ließe sich trefflicher streiten als über Fragen solchen Schwierigkeitsgrades. Der Fall, den sie konstruierten war im Vorderen Orient so grundsätzlich möglich. Es heißt im Gesetz des Moses: „Wohnen Brüder beisammen und stirbt einer von ihnen, ohne einen Sohn zu haben, dann soll sich die Frau des Verstorbenen nicht nach auswärts an einen fremden Mann verheiraten. Ihr Schwager gehe zu ihr hin, nehme sie zur Frau und leiste an ihr die Schwagerpflicht“ (Dtn 25, 5f). Angenommen, ein Mann stirbt und hinterlässt seine Frau kinderlos, dann war sein Bruder verpflichtet, dessen Frau zu heiraten, um dem ersehnten Stammhalter zum Leben zu verhelfen, die Familienehre zu retten und den Namen weiterzugeben. Soweit ist ja alles in Ordnung. Aber angenommen, dass auch diese Ehe das gleiche Schicksal ereilt und das gleich siebenmal in Folge, was dann? Nun ja, Extreme machen anschaulich. Wenn es stimmten sollte, was mit der Auferstehung der Toten behauptet wurde, dann ist diese Frau mit sieben Männern verheiratet gewesen; bei welchem wird sie nun die Ewigkeit verbringen? Für die Sadduzäer war es ein ernstes Problem, selbst wenn es uns etwas seltsam anmutet. Für sie galt: Leben ist Leben, vor dem Tod und nach dem Tod. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das Leben nach dem Tod mehr als nur die gedachte Verlängerung des Lebens sein sollte.
Jesus konnte es sich aber vorstellen und begeht die „kriminelle Sünde der Differenzierung“ wie es Heinrich Böll einmal bezeichnet, zu der er auch die Fragesteller auffordert: Die Welt der Auferstandenen ist nicht bloß die natürliche Verlängerung und Wiederherstellung dessen, was vor dem Tod als Leben bezeichnet wird. Leben in der Auferstehung ist etwas völlig Neues. Es gibt keinen nahtlosen Übergang, kein Hinübergleiten, ohne dass wir den Unterschied so recht merken würden. Heiraten, so sagt er, gehört zur Ordnung dieser Welt. Das Warten auf einen Stammhalter, die Weitergabe des Namens, die Rettung der Familien-, hier wohl besser der Mannesehre, sich einen Namen zu machen und sich so in die Geschichte der Welt, das sind alles recht irdische Gedanken, die nicht auch noch in der Ewigkeit Geltung haben müssen. Was als ehrenwerte Tradition und heilige Ordnung gilt, ist oftmals nichts anderes als das institutionalisierte Unrecht an einem Teil der Menschheit, nämlich den Frauen. In Gottes neuer Welt gilt eine neue Art des Existierens, auch eine neue Art der Beziehungen der Menschen untereinander. In Gottes neuer Welt gilt zum Beispiel auch eine versöhnte Verschiedenheit der Geschlechter, eine neue Art und Weise der Liebe. „Engelgleich“ nennt Jesus diese Art der Beziehung. Wer Gott geschaut hat, der ist nicht nur auf eine neue Art und Weise lebendig, für den ändern sich auch die Nuancen der Beziehung zum Nächsten. „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir....wir sind von seiner Art“, sagt Paulus den Athenern in der Apostelgeschichte.
Ob das nur die Sadduzäer nicht begreifen konnten, und ob die Pharisäer das begriffen hatten? Können wir uns denn vorstellen, wie Gottes neue Welt aussieht und welche Folgen unser Glaube an die Auferstehung von den Toten für das „Leben vor dem Tode“ hat? Es geht ja in der Frohen Botschaft des heutigen Tages nicht um eine Aussage über die Ehe, schon gar nicht um ein Urteil über ihren Wert; auch geht es nicht um die Höherbewertung der Ehelosigkeit. Aber wenn die Menschen unsterblich sind, bedarf es der Ehe nicht mehr. So widerlegt Jesus die Sadduzäer auf die gleiche Weise, wie sie ihn theologisch zu widerlegen versuchten. Für den Hörer heute steht damit zunächst nur fest: Wir werden auferstehen. Jesus lässt keinen Zweifel an der Auferstehung der Toten.
Diese Aussage wurde für die frühen Christen Zentrum der christlichen Botschaft schlechthin. Mehr als die Worte bringen dies die Deutungen der altchristlichen Kunst zum Ausdruck. Zu den ältesten Christusdarstellungen gehört das Bild des Christus im Philosophengewand. Für die Zeitgenossen damals war die Absicht einer solchen Darstellung völlig klar. Denn nach der Auffassung der antiken Philosophie durfte nur der als Philosoph gelten, der Antwort auf die Frage nach dem Tod wusste. Wenn die frühen Christen ihren Herrn als den Philosophen abbildeten, dann sagten sie unmissverständlich: Christus hat uns Antwort gegeben auf die Frage nach dem Tod. Seine Antwort aber ist die Botschaft von der Auferstehung.
Damit steht für uns fest, dass es eine Auferstehung gibt. An dieser Stelle aber taucht das Problem der Sadduzäer wieder auf: Möchten wir nicht auch gern erfahren, wie diese Auferstehung, wie dieses ewige Leben aussieht? Werden wir unsere individuelle Persönlichkeit bewahren? Wie steht es um unsere menschlichen Beziehungen hier auf dieser Welt und im ewigen Leben? Werden uns die Menschen, die uns viel bedeuten, nahe sein? Jesus kommt es in der Auseinandersetzung nur darauf an, dass es eine Auferstehung gibt. Und doch gibt uns das Evangelium vom heute die Richtung an, in die wir weiterdenken können: Gott, der ein Gott der Lebendigen ist, ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auch in der kommenden Welt werden wir nicht namenlose, unpersönliche Wesen sein. Wir dürfen vielmehr hoffen, dass wir in unserem ganz persönlichen Menschsein, das wir auf Erden angenommen haben, zu Gott gelangen und in ihm verewigt werden. Amen.

29. Sonntag im Jahreskreis, Lk 18, 1-9

Wahrscheinlich haben wir alle unsere Erfahrungen mit Menschen, die unsere Nerven arg strapazieren. Ich denke beispielsweise an Kinder, die so lange quengeln, bis sie von ihren Eltern ihren Willen bekommen, oder an Menschen, die nicht eher Ruhe geben, bis sie das Erbetene erhalten. Wenn Menschen uns ständig mit kleinen oder großen Bitten beanspruchen, dann kommt irgendwann einmal der Zeitpunkt, da wir ärgerlich ausrufen: “Du gehst mir auf die Nerven!”
Diese gewöhnliche, sich stets wiederholende Erfahrung des alltäglichen Lebens kleidet Jesus in eine Geschichte. Er erzählt von einem Richter, der offensichtlich kein Jude war. Vielmehr handelt es sich um einen der bezahlten Rechtssprecher, die entweder von Herodes oder von den Römern in ihr Amt eingesetzt worden waren. Diese Richter waren ziemlich berüchtigt. Besaß der Kläger weder Einfluß noch Geld, so brauchte er sich keine Hoffnung zu machen, dass ihm auch nur im geringsten geholfen wurde.
Zu einem solchen Richter kam immer wieder eine Witwe, damit er ihr gegen ihren Widersacher Recht verschaffe. Seit sie ihren Mann verloren hatte, war sie mittellos, rechtlos und schutzlos. Daher schien es hoffnungslos, dass sie vor einem solchen Richter ihr Recht erlangen werde. Dennoch gab sie nicht auf. Sie griff zur einzigen Waffen, die sie besaß. Das war ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer. Da sich der gottlose Richter nicht auf ihr Bittgesuch einlassen wollte wurde sie immer zudringlicher, bis sie ihm dermaßen auf die Nerven ging, dass er sich schließlich sagte: Damit ich endlich meine Ruhe habe, will ich ihr zu ihrem Recht verhelfen. Zudem befürchtete er, sie könnte ihm am Ende noch eine blaues Auge schlagen, so dass er vor aller Öffentlichkeit als der Blamierte dastünde.
Diese Witwe stellt Jesus seinen Jüngern als Vorbild vor Augen. Von ihr sollen sie lernen, welch eine Macht dem unaufhörlichen Bitten zu eigen ist. Was aber für das Bitten gilt, das gilt erst recht für das Beten. Wer allezeit betet und darin nicht müde wird, dem gibt Gott mit Sicherheit, worum er bittet. Denn wenn schon das beharrliche Bitten einer hilflosen Witwe selbst einen ungerechten Richter besiegen kann, um wieviel mehr wird unser ausdauerndes Gebet Erhörung finden bei dem gerechten und liebenden Gott. Mit anderen Worten: Wer inständig, geduldig und beharrlich um etwas bittet, dem sagt Jesus, dass Gott ihm mit Gewißheit zu Hilfe kommt.
Ich ahne wohl, dass sie mir an dieser Stelle gern ins Wort fallen möchten, denn unsere Erfahrungen beim Beten sind leider ein wenig anders. Wie oft haben wir gebetet um irgendetwas, um die Gesundheit um einen Erfolg und es hat sich die Erhörung nicht eingestellt. Wir haben gelernt, dass Gott uns erhört, wenn wir zu ihm rufen. Dabei stellen wir uns vor, dass er unsere Bitten so prompt und zufriedenstellend erfüllt wie ein Automat, in den wir etwas hinein geworfen haben. Hier kann uns bewußt werden, welches Bild nicht wenige Menschen von Gott haben. Sie sehen ihn ihm nichts anderes als einen Wunscherfüllungsautomaten. Mir ist aufgefallen, dass ihm Evangelium vom Gebet an den Vater die Rede ist, an den Vater, der weiß, was wir brauchen, an den Vater, der nicht auf wunderbare Weise unser Leben verändert, der uns aber auf Grund unseres Gebetes die Kraft gibt die verschiedenen Situationen des Lebens zu meistern, unser Gebet geht zum Vater, der die Nichtigkeit vieler unserer Wünsche erkennt, der uns letztlich nicht etwas geben möchte, was uns schadet, was uns wesentliche Erfahrungen des Lebens wegnimmt. Eines ist sicher: Keines unserer Worte, die wir an Gott richten, geht verloren. Wenn wir einmal bei Gott sind werden uns die Augen aufgehen und wir werden genau erkennen, welche Wirkung jedes unserer Gebete gehabt hat, auch der Gebete, die andere Menschen für uns sprechen.
Aber, ist der Glaube an das Gebet in uns noch lebendig? Wie steht es mit der Beharrlichkeit unseres Gebetes? Spielt das Beten in unserem Leben überhaupt noch eine Rolle? Und wir müssen uns auch fragen: Könnte der tiefere Grund unserer Gebetslosigkeit nicht darin liegen, dass uns unsere Beziehung zu Gott schleichend verloren gegangen ist?
Das Leben Jesu zeigt uns, dass echtes Beten nur aus einer innigen Beziehung zu Gott erwächst. Dabei versteht Jesus unter echtem Beten ein Beten, das alle Nöte und Wünsche offen ausspricht und sich doch vertrauensvoll dem Willen Gottes unterordnet. Solches Vertrauen sprich aus dem Wort des Hl. Augustinus: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“, das heißt: in deiner Personmitte, dort, wo deine tiefsten Wünsche sind. Wie sollten ihm also deine Anliegen und Sorgen gleichgültig sein?
Die Witwe, von der Jesus in seinem Gleichnis erzählt, macht uns Mut. Sie sagt uns: Das Bitten in Beharrlichkeit und Geduld findet Erhörung. Wir dürfen Gott sozusagen auf die Nerven gehen. Wer seine Beziehung zu Gott pflegt, der gewinnt die Zuversicht, dass sein Beten nie umsonst ist, der geht von seinem Gebet immer wieder getröstet und aufgerichtet weg. Zudem macht er die Erfahrung, dass Gottes Hilfe oft anders als erwartet kommt; aber sie kommt, wenn auch zuweilen mit Verspätung, wie wir aus unserer Sicht meinen.
Ich möchte schließen mit einigen Sätzen, die Karl Rahner am Ende seines Buches „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ schreibt: „Auf das Reden über das Gebet kommt es letztlich nicht an, sondern auf die Worte, die wir selbst zu Gott sagen….Sie können leise, arm und schüchtern sein. Sie können wie silberne Tauben in den Himmel Gottes aus einem frohen Herzen aufsteigen, oder sie können sein wie der unhörbare Lauf bitterer Tränen- Sie können groß und erhaben sein wie der Donner, der sich in den hohen Bergen bricht, oder schüchtern wie das scheue Geständnis einer ersten Liebe. Wenn sie nur von Herzen kommen….Dann hört sie Gott. Dann wird er keines dieser Worte vergessen….Und dann wird er uns geduldig zuhören…bis wir ausgeredet haben, bis wir unser ganzes Leben ausgeredet haben.“ Amen.

28. Sonntag im Jahreskreis, Lk 17, 11-19

Da werden auf überraschende Weise zehn Aussätzige geheilt, und nur ein einziger kehrt zurück, um sich bei dem zu bedanken, der ihn gesund gemacht hat; von den neun anderen hört man nichts mehr.
Nun ist das Evangelium nicht deswegen geschrieben worden, um uns immer wieder daran zu erinnern, wie schlecht die Welt und ihre Menschen doch sind. Und man hat seine Geschichte auch nicht deswegen bis heute überliefert, weil darin sinnvolle Lebensweisheiten nach dem Motto „Nun seid doch bitte etwas dankbarer“ gesammelt wären.
Stattdessen geht es von der ersten bis zur letzten Seite der Heiligen Schrift um eine heilvolle Beziehung: nämlich um das Verhältnis Gottes zu den Menschen - und damit eben auch zu uns. Und alles dreht sich einzig und allein darum, wie das Angebot Gottes bei uns ankommen - oder eben nicht ankommen kann. Mit anderen Worten: Es geht um die ausgestreckte Hand Gottes, die uns erreichen will, die uns herausführen und uns festhalten will.
Und vor diesem Hintergrund klingt das Evangelium von den zehn Aussätzigen völlig anders: Auch wenn es anfangs vielleicht nahe lag, sich aufgrund der eigenen Erfahrungen mit dem brüskierten Jesus zu identifizieren und über die Undankbarkeit der Menschheit zu klagen, stehen wir im Grunde genommen zweifelsfrei auf der Seite der geheilten Aussätzigen. Uns, die wir krank waren, wurde Heilung zuteil; wir sind diejenigen, die unverdientermaßen wieder gesund werden durften; und wir haben Grund zur Dankbarkeit.
„Aber was ist denn geschehen“, werden sie möglicherweise fragen, „wofür sollte ich dankbar sein? - Worin liegt denn meine Heilung? - Und vor allem, welches war meine Krankheit?“
Vielleicht kann uns das biblische Krankheitsbild des Haut-Ausschlags, des Aussatzes, weiterbringen: Denn ich bin mir sicher, dass jeder von uns wie einer, dessen Haut verletzt ist, tief in seiner Seele seine „wunde Stelle“ hat; dass es für uns alle ganz empfindliche und schmerzhafte Bereiche gibt, die andere nicht berühren dürfen und für man sich möglicherweise sogar schämt. Wie die Aussätzigen in antiker Zeit leben wir mit unseren unansehnlichen Verletzungen in uns isoliert, lassen - was das betrifft - niemanden an uns heran, meinen, es sei schon alles so in Ordnung, sondern uns ab und richten uns in unserer Verwundung ein. Wir umwickeln unsere Krankheit mit dickem Mull, und meinen dann manchmal sogar, es gäbe sie nicht mehr. Und solange, wie uns niemand anfasst und uns zu nahe kommt, wie uns niemand auf unsere „wunden Stellen“ anspricht, leben wir schmerzfrei und haben mitunter sogar unsere kleinen Freuden. Und ständig schlagen wir in unserer Seele die Klapper, die verhindert, dass wir uns mit uns selbst konfrontieren.
Von was hat uns der Herr erlöst, von welcher Krankheit hat er uns befreit und wofür könnten wir ihm dankbar sein, so hatten wir gefragt. Und eine Antwort könnte etwa so lauten:
Weil Gott sich unserer Wirklichkeit stellt, weil wir wissen, dass er keine „Berührungsängste“ mit unseren „wunden Punkten“ und unseren „schwarzen Flecken“ hat, könnten auch wir erlöst sein von dem pausenlosen Mühen, uns selbst und anderen etwas vormachen zu müssen; könnten auch wir geheilt sein von jener verhängnisvollen Kraftanstrengung, die Welt so zurechtrücken zu müssen, dass sie für uns erst erträglich ist; und könnten auch wir frei sein von dem Druck, in einer Unwahrhaftigkeit existieren zu müssen, die niemand unbeschadet überstehen kann.
Wir können dann - endlich! - uns und die Welt so betrachten, wie sie wirklich ist. Kardinal J.H. Newman hat einmal gesagt: „Alles ist das, was es ist - und nichts anderes“. Das ist, wenn man so will, die Heilung von der Sünde, denn Sünde heißt, in einer Schein-Welt leben; in einer Welt zu leben, in der bestimmte Dinge nicht vorkommen dürfen.
Es bleibt die Frage, ob wir es verkraften können, den dicken Verband unserer Ängstlichkeit abzurollen und unsere eigenen Wunden zu betrachten, und ob wir bereit sind, dem Herrn unseren Aussatz zu zeigen. Es bleibt die Frage, ob wir bereit sind, aus unserer Isolation auszubrechen und uns zum Herrn aufmachen. Und es bleibt die Frage, ob wir als Geheilte wieder in die Isolation zurückkehren, ohne auch nur zu ahnen, was mit uns geschehen ist. Daraus müssten wir nämlich die Konsequenzen ziehen. Es genügt nicht, geheilt zu sein, es muss uns auch der wichtig sein, der uns geheilt hat.
Aber wenn es uns gelingt und wir den Mut aufbringen, - mit der Kraft des Heiligen Geistes - unsere Verletzungen zu erkennen und zu ihnen zu stehen, dann hat der Ruf „Herr, erbarme dich meiner“ einen ganz neuen und existentiellen Klang - dann spüren wir, was Heilung und Gesundwerden heißt, und dann merken wir wie wirkungsvoll unser Aufschrei, sprich , unser Gebet war.
„Undank ist der Welten Lohn“ - das mag so sein; aber zum Glück
ist das nicht alles. Denn Dankbarkeit, unbeschreibliche Dankbarkeit, ist die Folge aus dem Geschenk der Kindschaft Gottes. Wer begriffen und erfahren hat, was Heilen und Vergeben bedeutet, - egal, ob er nun Christ, Moslem oder Skeptiker ist - der kann eigentlich immer zur zurückkehren, Gott danken und loben, und dies als Eucharistie feiern.
Nicht ohne Grund nennen wir die Heilige Messe auch „Eucharistiefeier“. Und die feierliche Präfation wird eingeleitet mit den Worten: „Lasst uns danken dem Herrn, unserem Gott“. Und der Priester fährt dann fort: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir Vater, immer und überall zu danken.“
Da mag nun manch einer sagen: Halt, Moment einmal, darf er denn das? „Immer und überall danken“: Das scheint doch ziemlich unangemessen zu sein, maßlos übertrieben. Die Worte des Gottesdienstes könnten ruhig ein wenig zurückhaltender sein. Gewiss gibt es im Leben viele Dinge, für die wir dankbar sein müssen, aber doch auch vieles, wofür wir es nicht sein können. Es könnte etwa so heißen: „Es ist würdig und recht, dir zwar nicht für alles, aber doch für einiges zu danken...“ Aber kaum ist der Satz formuliert, bleibt er uns im Hals stecken. So geht es offenbar auch nicht; das wäre eine Beleidigung Gottes. Denn: Wenn Gott gut ist, dann Muss all das, was er schickt, irgendwie etwas Gutes sein oder zu etwas Gutem dienen: nicht nur das, was wir als gut empfinden, sondern auch das, was uns wehtut.
In dieser Hoffnung sind wir schon heute überzeugt, dass sich uns eines Tages alles klagende und bohrende „Warum“ auflöst in reine, staunenserfüllte Dankbarkeit. Amen.

Lesejahr C, 27. So im Jahreskreis, Lk 17, 5-10

Haben Sie mit Ihrem Glauben schon einen Berg versetzt oder einen Baum entwurzelt? Nein? Dann müssen wir, wenn wir das Evangelium recht verstehen, zugeben, dass unser Glaube schwach ist. Und wir meinen doch immer, wir hätten genug Glauben. Aber was glauben wir denn wirklich? Geben wir vielleicht doch dem Slogan Raum, der da sagt: „Glauben heißt nichts wissen“. Wir sind Sinnenmenschen, wir nehmen das für wahr, was sich unseren Sinnen darbietet, unseren Augen, unseren Ohren, unserem Tast- und Geschmackssinn. Die Wissenschaft lehrt uns, dass unsere Sinne nur einem kleinen Ausschnitt der Realität unserer Welt zeigen. Schon eine kleine Fledermaus und der Dackel Waldi haben ein größeres Hörvermögen als wir. Und mit unseren Augen können wir nur einen Bruchteil der Wirklichkeit wahrnehmen, selbst unsere besten Elektronenmikroskope stoßen an eine Grenze. Von den Bewegungen der Elektronen, die um den Atomkern kreisen, können wir nur die Spuren nachweisen, ohne sie selbst sehen zu können. Ja, wenn wir nur das als wirklich annehmen würden, was uns die Sinne bieten, würden wir die ganze Wirklichkeit übersehen. Und doch sind die wesentlichen Dinge im menschlichen Leben, die, die wir mit den Sinnen nicht mehr erfassen können. Die Wissenschaft arbeitet nur mit drei Parametern: Zählen, wiegen und messen. Das sind die Dinge, die für die menschliche Forschung die Grundlagen bieten. Was ist aber mit Dingen wie der menschlichen Liebe? Mit Zählen, wiegen und messen werden wir wohl nie ergründen, was Liebe ist. Und da stoßen wir auf eine wichtige Erkenntnis: die Liebe ist eine Sache des Glaubens. Natürlich gibt es spürbare und wenn sie wollen auch messbare Zeichen der menschlichen Liebe: die Umarmung, einen Kuss, die Blume, die der liebende Gatte seiner Frau schenkt. Aber was Liebe wirklich ist, ist ein „Geheimnis des Glaubens“. Es ist er sicherlich aufgefallen, dass wir diesen Satz immer nach der Wandlung sprechen.
Wenn wir das alles überdenken, dann scheint es mit der Behauptung „Glauben heißt nichts wissen“ nicht allzu weit her zu sein. Nur engstirnige Köpfe können sich mit dieser Lösen in ihrem Leben zufrieden geben. Also kommen wir zur Erkenntnis: unser Glaube ist schwach. Wir können keinen Berg versetzen, haben auch gar nicht einmal versucht, und wir können auch allein mit unserem Glauben keinen Baum entwurzeln und ihn an anderer Stelle wieder einpflanzen. Halten wir diese Tatsachen einmal fest. Und allein diese Erkenntnis unseres schwachen Glaubens ist schon ein Gewinn und ein Fortschritt.
Jesus wollte uns durch die Erkenntnis unseres schwachen Glaubens keineswegs mutlos machen. Jesus hat von seinen Jüngern nie etwas verlangt, was sie nicht leisten können. Was er ihnen sagen wollte, war, dass es ausreiche, wenn ihr Glaube so groß sei wie ein Senfkorn. Die Jünger verstanden das sofort. Senfkorn war ein Bild für etwas winzig Kleines, dem man nichts zutrauen konnte. Es war das kleinste der damals bekannten Samenkörner, und gleichwohl wurde daraus, im krassen Gegensatz zu seiner Winzigkeit, ein Strauch von beachtlicher Größe. Die Vögel konnten sich darin wohlfühlen und zwitschern. „Glaube wie ein Senfkorn“ heißt also, es muss nur etwas da sein, etwas zumindest wie ein Suchen nach Halt und Verlässlichkeit des Lebens in Gott. Dann entwickelt sich das Ganze schon in die richtige Richtung.
Das kann sofort kritische Fragen in uns auslösen. Haben wir etwas von dieser existentiellen Ernsthaftigkeit des Glaubens in uns? Und sei es auch nur von der Größe eines Senkkorns? Oder begnügen wir uns mit den ritualisierten Formen des Glaubens, ohne davon existentiell ergriffen zu sein?
Dann scheint unser Evangelium eine Bruchstelle aufzuweisen, die zu dem Vorhergehenden nicht passt. Er spricht mit einem Mal von etwas ganze Anderem, und noch dazu in einer Weise, die wir nicht mehr mittragen können: von einem Sklaven im Dienst seiner Herrn ist da die Rede, der sich nichts auf sich einbilden soll. Ohne auf die sozialkritische Komponente der Sklaverei einzugehen, erläuterte Jesus den Aposteln, dass sie wie ein Sklave alles tun sollen, was ihnen befohlen wurde. Wessen Sklaven aber sind die Apostel? Wer ist ihnen gegenüber befehlsbefugt? Wohl nicht die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Jesus ist der einzige Befugte, den Aposteln befehlen zu können. Und das ist zunächst für viele von uns der Anfang unseres Weges mit Gott: nach den Geboten zu leben, wie wir es wahrscheinlich mehr oder weniger seit unserer Kindheit an tun in einer Art Glauben, der sich keine großen Gedanken macht. So steht am Anfang unserer Beziehungen zu Gott dieses, möchte ich sagen, sklavische Erfüllen seines Willens. Das ist nicht immer leicht und jeder, der sich auf den Weg mit Gott macht, wird das schnell merken und nach Auswegen und Ausflüchten suchen. Später ist das nicht mehr nötig, denn der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes lässt uns immer tiefer erkennen, dass Gott alles aus Liebe tut. Der Weg des Gehorsams führt zur Einsicht, dass Jesus alles mitgeteilt hat, was er von seinem Vater gehört hat. Und wenn er alles erfasst hat, was das Vater sagt, braucht der Jünger Christi nicht mehr daran zu denken, als Sklave seine Schuldigkeit Gott gegenüber zu tun, sondern er wird ein Freund des Herrn, der in Liebe alles für Jesus und mit Jesus tut.
Jetzt verstehen wir auch, warum Jesus ausgerechnet das Beispiel der Sklaven heranzieht, um die Apostel zu einem starken Glauben zu führen. Der Glaube muss wachsen, und zwar zunächst durch das treue Einhalten aller Weisungen Gottes – das ist das Stadium des Sklaven - , bis er stark genug ist, um allein von Jesus her zu leben, in vollem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes und in der Bereitschaft, alles aus Liebe zu Jesus zu verlassen und gering zu achten – das ist das Stadium der Freundschaft.
Und das ist genau unser Weg – ein menschlicher Weg, der an uns wohl Forderungen stellt, aber uns nicht überfordert. Aber es ist ein Weg und ein Weg bedeutet auch immer Bewegung. Und in der sollen wir bleiben, damit auch unser kleiner Glaube wachsen kann. Amen.


Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich pflanzen, dass Du weiter wächst.
Dass du wirst zum Baume, der uns Schatten wirft.
Früchte trägst für alle, alle, die in Ängsten sind.
Kleiner Funke Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich nähren, dass du überspringst,
dass du wirst zur Flamme, die uns leuchten kann,
Feuer schlägt in allen, allen, die im Finstern sind.
Kleine Münze Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die teilen, dass du Zinsen trägst.
Dass du wirst zur Gabe, die uns leben lässt,
Reichtum selbst für alle, alle, die in Armut sind.
Kleine Träne Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die weinen, dass dich jeder sieht,
dass du wirst zur Trauer, die uns handeln macht,
Leiden lässt mit allen, allen, die in Nöten sind.
Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die streuen, dass du manchmal bremst,
dass du wirst zum Grund, der uns halten lässt,
Neues wird mit allen, allen, die in Zwängen sind.

21. Sonntag im Jahreskreis, Lk 13,22-30

Es ist nicht zu fassen! Da muss man wohl schon sehr dumm oder moralisch besonders hoch stehend sein, wenn einem nicht auch noch für die größte Torheit eine Entschuldigung einfiele. Und irgendein entlastender Gutachter findet sich meist auch noch.
Was halten sie zum Beispiel davon?
Da kommt ein Mensch morgens ständig zu spät zur Arbeit. Er bekommt reichlich An- und Abmahnungen. Ohne Erfolg. Schließlich fliegt er raus. Weil er in einer Rechtsschutzversicherung ist, klagt er auf Wiedereinstellung bei seiner ehemaligen Firma.- So weit, so schlecht. Aber was dann kommt, raubt einem den letzten Nerv: Der Mensch hat auch wirklich noch recht bekommen. Warum? Weil ihm ein Psychiater bescheinigt hat, er leide unter einem „chronischen Verspätungssyndrom“ (nach einer Zeitungsnotiz). Ja, was sagen sie nun?
Ich bin mir ganz sicher, dass bei Gott solche „windigen“ Entschuldigungen nicht zählen. Ganz offensichtlich gibt es bei ihm einmal einen Zeitpunkt, zu dem die Tür endgültig verschlossen ist. Da helfen dann weder Verweise auf eigene Leistungen noch so genannte gute Beziehungen etwas. Das ist konsequent. Das finde ich richtig.
Allerdings finde ich dennoch dieses Evangelium auch hart. „Weg von mir, ihr habt alle unrecht getan!“ Welches Unrecht denn? Und wieso alle? Und außerdem, wie bringe ich das zusammen: „im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, und hier sind es doch wohl nur wenige, die es durch die enge Tür schaffen? - Einerseits: „Ich weiß nicht, woher ihr sei“, andererseits: „Ich kenne die Meinen.“
Ganz offensichtlich kommt es dem Evangelisten Lukas hier sehr darauf an, eindringlich vor einer unguten Sicherheit im Verhältnis zu Gott zu warnen. Darum diese überdeutliche Mahnung Jesu. Man sollte sie nicht abschwächen; denn sie hat ihren Grund.
Sehr leicht nämlich kann es geschehen, dass wir die Güte und Barmherzigkeit Gottes derart verzeichnen, dass der „liebe“ Gott im Grunde zu einem unentschiedenen und willenlosen Wesen wird. Viele stellen sich dann Gott so vor wie einen leicht verkalkten Großvater, der seinen Enkeln zwar hundertmal sagt: „Es gibt jetzt kein Eis“, aber hinter seinem Rücken schon eins bereithält. Das kann doch niemand mehr ernst nehmen. Da wird Gott zum Kuschel-Gott. Andererseits kann es natürlich auch leicht geschehen, dass sich - gerade kirchennahe - Menschen so moralisch unanfechtbar und im Besitz der sicheren Wahrheit fühlen, dass sie bereits mit einem gefüllten Jenseitskonto rechnen. Das allerdings könnte ein verhängnisvoller Irrtum sein. Denn wer seinen Katechismus aufsagen kann, hat noch lange keine Eintrittskarte. Und wer anderen angeblich so genau sagen kann, wo es moralische langgeht, könnte sich am Ende - so Lukas - natürlich auch unverhofft unter den „Letzten“ wieder finden.

Lukas will uns mit seinem Evangelium keineswegs Angst machen. Es bleibt Frohbotschaft. Weil Lukas aber mit unserem menschlichen Schlendrian rechnet, zeichnet er uns einen konsequenten Gott. Darum warnt er vor einem leichtfertigen Umgang mit einem Gott, der nur noch nach unserem Gutdünken handeln darf. Aufmerksamkeit, Konzentration und Vertrauen sind ihm als Glaubenshaltung wichtig, nicht Berechnungen des Endes. Das ist Angelegenheit Gottes.
Deshalb übersetze ich mir die Sache mit den Ersten und Letzten auch so: „Hört auf zu rechnen! Ihr verrechnet euch! Überlasst das Gott! Sein Rechensystem heißt konsequent Gnade.“

Und dann ist noch dieses Wort vom „Heulen und Zähneknirschen“. Über Jahrhunderte wurde es in so mancher Predigt aufgegriffen, ließen sich doch damit ewige Verdammnis und Höllenqualen dramatisch ausmalen und die Zuhörer in Angst und Schrecken versetzen. Heute gibt es solche Predigten kaum mehr. Aber haben wir nicht gehört, dass Jesus selbst den Menschen Angst macht. Auf die Frage, ob nur wenige gerettet werden, antwortet er weder mit „Ja“ noch mit „Nein“. Seine Antwort ist vielmehr eine Ermahnung: „Bemüht euch mit allen Kräften.."
Geretteten ist derjenige, der am Reich Gottes teilnimmt. Und Jesus verkündet das Reich Gottes. Es fängt mit ihm schon hier auf Erden an. Um diese Botschaft von der Rettung der Menschen geht es in der Antwort Jesu. Wir sollen seine Worte ernst nehmen. Es geht um unser Leben auf dieser Welt. Dieses Leben, die Zeit, die uns gegeben ist, sollen wir nutzen. Jesus hält keine Höllenpredigt. Er macht uns aber den Ernst der Lage deutlich. Wer seine Worte nicht annimmt der ist nicht offen für das Heil, das Jesus bringt; der verfehlt sein Leben !

Das „Bild von der engen Tür“ lässt uns erkennen, wer mit dieser Warnung Jesu besonders angesprochen ist. Es sind Menschen, die nicht durch die Tür passen. Da gibt es z.B. die, die sich dick machen, die sich aufblasen vor anderen. Sie werden wegen ihrer vorgetäuschten Größe von anderen bewundert; und nur wenige merken, wie hohl sie tatsächlich sind. da gibt es des Weiteren die Egoisten, die nicht bereit sind, ihren Rücken krumm zu machen für andere, die sich nicht hinunterbeugen zu denen, die Hilfe brauchen. Und da gibt es die Stolzen, die meinen, sie seien so groß, dass sie auf alle herabschauen können, die sich über ihre Brüder und Schwestern erheben und sich sicher sind, etwas Besseres zu sein.
Sie alle passen nicht durch die enge Tür.

Die Juden zur Zeit Jesu, und gerade die frommen und religiösen Würdenträger, fühlten sich den Nachbarvölkern überlegen. Denn sie gehörten schließlich zum auserwählten Gottesvolk. Sie allein kannten Gottes Gebote und hielten seine Vorschriften penibel. Dafür wurden sie vom Volk bewundert und verehrt. Sie waren zwar Söhne Abrahams, aber dennoch richtet Jesus seine Warnung an sie, weil sie sich stolz und zu selbstsicher gaben. Allein, durch Ämter, Würden und Titel allein erlangt niemand eine Anwartschaft auf das Reich Gottes. Seien wir uns nicht so sicher, dass alles, was wir tun, auch richtig ist. „Wir haben mit euch gegessen und getrunken“, das können auch wir sagen, die wir das eucharistische Mahl halten. Jeder noch so feierliche Gottesdienst ist aber sinnlos, wenn er sich im bloßen Ritual erschöpft, wenn der Glaube nicht auch das Alltagsleben durchherrscht, wenn er nicht unser Handeln gegenüber dem Nächsten bestimmt.
Demut und Solidarität mit den Schwachen sind in unserer Gesellschaft derzeit nicht gerade hoch im Kurs. Viele finden ihren Lebenssinn darin, ihr Ego zu pflegen. Wer sich aufbläst, der wird bewundert. Wer zum Dienst am Nächsten bereit ist, wird kaum noch verstanden, in manchen Kreisen sogar verachtet. Jesus aber meint jedoch auch uns, wenn ermahnt: So hat euer Handeln keinen Sinn, so verfehlt ihr euer Leben !

Wer dagegen die Worte Jesu ernst nimmt und in Demut erkennt, dass er der Hilfe Gottes bedarf, weil die eigenen Kräfte nicht ausreichen; wer bereit ist, seinen Mitmenschen zu dienen, und sich nicht vor ihnen „dick machen“ muss, dem steht das Reich Gottes offen, der lässt sich von Gott retten. Sein Leben hat schon deshalb einen Sinn, weil er hier und jetzt den Menschen etwas von dem Heil erfahrbar macht, das Gott uns einmal in seiner ganzen Fülle schenken will.
Solche Menschen gibt es - Gott sei Dank - in großer Zahl in allen Völkern und auch in anderen Religionen. Es sind Menschen, die sich auf je eigene Weise einsetzen für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, für die Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung, für die Würde jeder Person und für die gleichen Rechte aller Rassen. Es sind Menschen, die anderen Hoffnung bringen und Heil für Leib uns Seele. Es sind Menschen, die glaubwürdig leben. Und es sind Menschen, die deshalb von den Reichen und Mächtigen oft missverstanden, belächelt und verachtet werden. So werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.

Und schließlich beendet Jesus seine Rede nach der eindringlichen Ermahnung doch noch Heil verheißend: Er kündigt nämlich allen Menschen das Heil an. Von überall werden die Menschen kommen und im Reiche Gottes zu Tische sitzen. Lesung und Evangelium haben somit die gleiche Aussage. Beide Texte machen deutlich, dass Gott uns nicht verurteilen und verdammen, sondern dass er uns erlösen und retten will: alle Völker und jeden Menschen! Amen

20. Sonntag im Jahreskreis, Lk 1, 39-56

Maria, eine Schwester von uns
Die Begebenheit, von der wir gehört haben, nennen wir Mariä Heimsuchung und wir hören das wunderbare Gebet, das Maria spricht, das Magnifikat. Da steht am Anfang keine hehre Gestalt, wie wir sie aus vielen tausend Bildern des Ostens und Westens aller Jahrhunderte kennen. Am Anfang steht eine ganz junge Frau, fast ein Mädchen noch von vielleicht 15 oder 16 Jahren, aus so genannten kleinen Verhältnissen. Sie ist tief verwurzelt in der Frömmigkeit ihres Volkes. Dort hat sie ihre Heimat. Die Schrift nennt sie “anawim”, die Armen. Sie sind Gottes liebstes Volk. Bei unseren vielen Diskussionen hätte Maria wahrscheinlich zu denen gehört, die sich nicht zu Wort melden. In allem könnte sie unsere Schwester sein - nein, sie ist unsere Schwester. Heute stellen wir ihr eine Frage, die uns alle bewegt. Wie hast du geglaubt? Wie war das in deinem Leben mit dem Glauben?
Die erste Antwort ist die, die sie bei der Ankündigung der Geburt Jesu gesagt hat. “Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast.”
Hier bin ich - ich bin bereit. Sie geht das Risiko ein ohne Vorbehalt, radikal.
Was frappiert an dieser Antwort? Die Tatsache, dass ein junger Mensch den Mut hat, nicht zu sagen: Was soll aus meinem Leben werden, sondern sich in Gott hineinfallen lässt; dass er sich nicht absichert; dass er nicht hin und her fragt: Wer weiß und wer kann wissen, sondern “ohne Seil” springt. Nur so kann am letzten Endes dem lebendigen Gott begegnen. Da gilt auch nicht die Frage nach der Selbstverwirklichung. Die einzige Wahrheit von Selbstverwirklichung ist die Mariens: Ich lasse mich ganz in Pflicht nehmen; ich überspringe meine eigenen Mauern und vergesse mich zugunsten des Rufes, der mich trifft. Das ist die Dialektik der Selbstverwirklichung vor Gott: Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer es verliert, der wird es retten.
Maria sagt uns aber noch eine andere Antwort: Es war ein leidvoller Weg des Glaubens. Nicht dass ich gehadert hätte, doch Gott hat mir einiges zugemutet - oder soll ich sagen: zugetraut? Das ging so weit, dass seine eigene Verwandtschaft Jesus für verrückt erklärte.
Ich habe nie daran gezweifelt, dass Gott Wege geht und führt, die ich nicht verstehe und die anders laufen, als ich es mir gedacht habe. Ich habe mein Wort an Gott nie aufgekündigt. Ich bin im Schmerz an seiner Seite geblieben. Das war mein Glaube.
Und ich habe auf dem Weg meines Glaubens eine große Entdeckung gemacht: Dass Gott mit den Kleinen ist, mit denen, die so leicht übersehen werden und die nichts zu sagen haben.
Nach diesen Überlegungen drängt sich mir aber eine neue Frage auf: Was ist mit dem Fraulichen und dem Mütterlichen in unserer heutigen Kirche. Wir verehren Maria und sie hat eine ganz bedeutende Stelle im Erlösungswerk Jesu.
Wir feiern heute, dass Gott eine Frau, Maria, ehrt und ihre große Würde zuteil werden lässt. Wenn eine Frau in unserer Kirche so hoch und ihrer Würde entsprechend geehrt wird, dann hat sie auch einen Raum in den Diensten der Kirche. Natürlich war zur Zeit Jesu die Rolle der Frau in der Gesellschaft und auch im damaligen Judentum eine andere als heute. Der Apostel Paulus spricht in einem seiner Briefe einen Satz aus, den wir heute nicht gerne hören und der auch nicht beansprucht noch heute umgesetzt zu werden: „Mulier tacet in ecclesia“, was heißt: „Die Frau schweige in der Kirche“. Darüber sind wir hinaus. Wir bemühen uns in unseren Tagen, in denen die Emanzipation eine so große Rolle spielt um ein neues Verständnis der Frau im kirchlichen Bereich. Im weltlichen Bereich wird Emanzipation durchaus übertrieben. Die Führung eines Haushalts und die Erziehung der Kinder werden nicht mehr als vollwertige Aufgabe gesehen. Die Folgen sind ersichtlich. Mann bleibt Mann und Frau bleibt Frau, beide mit den je verschiedenen Begabungen und so lange die besonderen Fähigkeiten des Frauseins weder gesehen noch geachtet werden tun wir der Frau nichts Gutes.
Im Evangelium spielen Frauen eine wichtige Rolle. Den ersten priesterlichen Dienst tut eine Frau, Maria: vom Hl. Geist Jesu empfangen und ihn den Menschen schenken! Nichts anderes ist priesterlicher Dienst bis auf den heutigen Tag! Unter dem Kreuz Jesu halten ihm Frauen die Treue, und auch die ersten Zeuginnen der Auferstehung sind Frauen.
Schon in der Schöpfungsgeschichte wird erzählt: Erst als der Mann nicht mehr allein in der Schöpfung ist, als Mann und Frau zusammen sind, sagt Gott: So ist es sehr gut! Und er bindet das Geheimnis der Fruchtbarkeit an das Miteinander beider!
Ich möchte mit Ihnen nachdenken über die besondere Be-Gabung der Frau (mit aller Begrenztheit der menschlichen Perspektive!), die für die Gestaltung des kirchlichen Lebens von besonderer Bedeutung sind, wenn sie sich entfalten dürfen.

Empfangen
Ich glaube, dass die Frau aus ihrer körperlich-seelischen Verfassung heraus eine höhere Sensibilität für das Empfangen hat. Was eine Frau empfindet, wenn sie neues Leben empfängt, wird kein Mann ganz nachempfinden und in gleicher Weise erspüren können.
Empfangen, das ist aber die Grundhaltung der Kirche im Blick auf das Heil Gottes, denn Gott ist es, der den Anfang macht, die Kirche empfängt zunächst, bevor sie weitergeben kann. So sagt Paulus: “Ich gebe euch weiter, was ich vom Herrn empfangen habe”.
In der Kirche, glaube ich, ist diese Be-Gabung der Frau verkürzt auf die Position, zu empfangen, was Männer erdacht und gemacht haben. Sie empfängt Predigten, Theologie, Hirtenworte, Gesetze und Normen-gemacht von Männern, gedeutet von Männern. Wo und wie haben wir Männer in der Kirche das Empfangen gelernt? Wie würden Predigten, Theologie, kirchliche Gesetzbücher, Moralnormen aussehen, wen Frauen beteiligt wären am Prozess des Empfangens von Gott her, beteiligt an der Ausgestaltung? Mit Sicherheit anders!
Ich glaube, in dieser Dimension, “von Gott empfangen” hat die Frau eine besondere Gabe, die in der Kirche noch nicht sehr ins Blickfeld geraten ist. Sie sollte aber mehr und mehr versuchen, die Qualitäten des Fraulichen auch im seelsorglichen Bereich einzusetzen.
Sensibilität für das Leben
Die Frau hat aus ihrer vom Schöpfer empfangenen Be-Gabung eine hohe Sensibilität für das Leben. Sie hat intensiven Kontakt mit dem Leben. Wird ihr ein Kind geschenkt, trägt sie es neun Monate lang im eigenen Leib, ihr Blut fließt in den Adern des neuen Lebens. Sie hat Herzkontakt mit dem neuen Leben - und nach der Geburt Hautkontakt; und sie stillt das neue Leben. Frauen haben eine intensive Beziehung zum Leben. Wohl darum sind sie am Grab Jesu zu finden, weil sie sich mit dem Tod nicht abfinden können. Frauen sind es darum auch, die als erste begreifen können, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt. Frauen sind Anwälte des Lebens. Darum hat diese Be-Gabung der Frau in der Kirche immer einen besonderen Platz gehabt an der Seite des Lebens, an der Seite der Leidenden und Sterbenden, auch an der Seite von Kindern, die ins Leben hineinwachsen.
Wo in der Geschichte der Kirche neue Lebenshoffnungen aufblühten, waren immer Frauen beteiligt wie z.B. in der franziskanischen Bewegung die oft verschwiegene heilige Klara an der Seite des Franziskus. Sie hat mit ihrem fraulichen Charisma diesen Anfang des neuen Lebens für die Kirche erspürt und gefördert.
Ich meine, wir brauchen auch heute diese Be-Gabung der Frau für das Leben auf allen Ebenen der Gestaltung von Leben in der Kirche, auch auf der Ebene von Leitung. Frauen gehören überall dorthin, wo neues Leben erspürt werden soll, wo neuem Leben die Bahn gebrochen werden soll: auf Konzilien, in Diözesanleitungen, in Gemeindeleitung...Neues Leben wächst aus der Fruchtbarkeit - und Fruchtbarkeit hat Gott nun einmal nicht nur im körperlichen Sinn an das Miteinander von Männern und Frauen gebunden.
Emotionalität und Zärtlichkeit
Die Frau hat meist ein größeres Gespür für Emotionalität und Zärtlichkeit. Die Frau geht behutsam, feinfühlig mit dem neuen Leben um - ich vertraue jedenfalls, die meisten tun es.
Solche Feinfühligkeit und Zärtlichkeit braucht die Welt: im Umgang mit der Schöpfung, mit dem Menschen, in einem weltweiten Gespür für die Würde, das Lebensrecht und die Lebenssehnsucht des Menschen.
Und ich glaube, die Kirche braucht solche Feinfühligkeit und Zärtlichkeit. Wir sind in vielen Bereichen eine verbürokratisierte Kirche geworden, in der Frauen meist nur die Rolle von Sekretärinnen haben. Die Feinfühligkeit und Zärtlichkeit der Frau könnte die Kirche insgesamt menschenfreundlicher mitgestalten, das Klima des Umgangs miteinander einfühlsamer machen.
Was der Kirche in reichem Maß von Gott geschenkt ist, sind Frauen - und gleichzeitig: was ihr immer noch zu sehr fehlt, sind Frauen!
Maria hat in ihrer Zeit den Ruf Gottes gehört und bejaht. Ihre Zeit war keineswegs eine frauenfeindliche Zeit, wie man so gerne annimmt, sondern es war eben eine andere Zeit mit einem anderen aber keineswegs abwertenden Bild der Frau. Zu diesem Frauenbild, das sich in Maria zeigt sollten wir zurückfinden. Es geht nicht um Polemik und aggressives forderndes Verhalten, wenn es um die Rolle der Frau in der Kirche geht. Jedoch ein klein wenig sollten wir auch darauf aufmerksam werden, dass wir den Geist Gottes, der uns mitunter auch neue Wege zeigt, nicht überhören.
Möge uns Maria dabei eine Hilfe sein. Amen.

19. Sonntag im Jahreskreis, Lk 12,32-48

Die „kleine Herde“ ist zu einem Schlagwort in der pastoralen Diskussion der letzten Jahre geworden. Das war zum einem beeinflusst durch die immer weiter zurückgehenden Zahlen von Gottesdienstbesuchern und kirchlich Engagierten, das ist zum anderen der massive Einbruch von Kirchensteuern und der daraus notwendige Abbau kirchlicher Strukturen, das heißt im Klartext: wenn das Geld fehlt muss man Einschränkungen machen.
Da gibt es dann diejenigen, die sagen, man müsse sich angesichts der Säkularisierungstendenzen zurückziehen, die „kleine Herde“ pflegen und sich bewusst gegen die Mehrheit absetzen. In der seelsorglichen Arbeit habe man sich auf die „Kernkompetenzen“ zu reduzieren und von allem zu verabschieden, was nicht zum „eigentlichen“ Geschäft der Kirche gehöre.
Dann gibt es die anderen, die sagen genau das Gegenteil. „Jetzt erst recht“, heißt es da. Weil die Welt und die gesellschaftliche Situation so sind, wie sie nun einmal sind, haben wir uns besonders anzustrengen. Hinaus müssen wir gehen, wie weiland Paulus auf den Areopag haben wir uns auf die Straßen und Plätze zu stellen, um offensiv die Botschaft zu verkünden. Wir müssen Strategien entwickeln, um den Herausforderungen adäquat begegnen zu können.
Und was sagt uns Jesus im heutigen Evangelium dazu? Welcher pastoralen Richtung gehört er an, welcher Strategie gibt er den Vorzug ?

Wie immer, lässt sich Jesus nicht für die eine oder für die andere Richtung vereinnahmen. Er hat einen eigenen Stil und weist uns damit einen besonderen Weg, um den Anforderungen der Zeit zu begegnen.
Zunächst macht er einmal klar, dass die Schätze der Welt relativ sind. Das ist für die Aufgabe der Kirche heute eine große Entlastung. Wir müssen uns anstrengen in unserer Arbeit, aber wir werden nicht alles schaffen. Hier liegt ein Widerspruch zur Perfektionsmaxime in unserer Gesellschaft. Werbung, Ökonomie und oft auch die Politik suggerieren, dass alles machbar ist. Bei der Politik merken wir als mündige Staatsbürger selber, wenn es nicht weitergeht. Die Wirtschaft hat Suggestionsmöglichkeit genug, uns ihre Allmacht im wahrsten Sinne des Wortes zu „verkaufen“.
Wir Christen wissen, dass wir nicht perfekt sind und nie perfekt sein werden. Wir können uns mühen, am Reich Gottes mitzubauen. Fertigstellen können wir es nicht! Damit relativiert sich der Begriff der „kleinen Herde“ um vieles und erleichtert das Leben. Wir können nicht alles.

Das bedeutet aber nicht, sich in den Sessel fallen zu lassen und die Schäfchen, die schon im Trockenen sind, auch dort zu belassen. Auch dagegen wendet sich Jesus in seiner Rede. Er spricht davon, gegürtet zu bleiben, die Lampen müssen weiter leuchten, die Menschen müssen wach sein, wenn es an die Tür klopft. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht davon, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Wir spotten oft über den Zeitgeist, können ihn aber auch in Teilen wenigstens als Zeichen der Zeit zu interpretieren versuchen. „Haltet euch bereit!“ heißt sich bereithalten für die Überraschungen, die dieses Leben, die diese Gesellschaft und die auch Gott bringt. Selbst wenn viele Menschen heute fertig mit Gott sind, er ist es nicht. Die vielen Geschichten in der Bibel geben ein beredtes Zeugnis von der Liebe Gottes, der sich immer wieder den Menschen zuwendet, der sich immer wieder suchen lassen will.

Wer ist nun angesprochen? Petrus fragt kritisch nach. Auch hier ist Jesu Rede klar, so dass sie auch für uns zur Richtschnur werden kann. Er spricht von den Knechten und Mägden, denen ein Vermögen anvertraut wurde. Das Vermögen ist hier, unter uns, die frohe Botschaft. Uns allen ist sie zu mehren anvertraut. Leider hat das Wort „Mission“ in den letzten Jahren einen bitteren Beigeschmack bekommen. Mission, richtig verstanden, heißt aber nichts anderes, als zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, eine eigene Richtschnur für das Leben zu haben, Kriterien in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einzubringen, anderen von der eigenen Hoffnung Zeugnis zu geben, ohne jemand zu zwingen, die eigenen Ideen zu teilen. Das ist das Wesen des Dialogs.

Niemand darf bei dieser Aufgabe beiseite stehen. Die Aufregungen in den letzten Jahren sind groß in vielen Teilen unserer Kirche. Was soll dieses oder jenes Konzept? Was wollen „die da oben“ schon wieder? Noch ein pastoraler Prozess? Schon wieder weniger Geld? Warum werden die Kirchen geschlossen? Sonntagsarbeit, Flüchtlingspolitik Zölibat ja oder nein – diese Fragen bewegen uns, werden immer wieder an die Kirche und die Politik gestellt.
Im Licht des heutigen Evangeliums sehen diese Entwicklungen eine wenig anders aus. Wir sind alle gefordert, uns angesichts der Situation, die oft bedrohlich klingt, Gedanken zu machen. Die Probleme in der heutigen Kirche gehen uns alle etwas an. Säkularisierung, die Gottesfrage, weniger Taufen, die vielen Ehescheidungen, weniger religiöse Bildung: Das sind nicht nur die Themen der Seelsorgeabteilungen der Generalvikariate, sondern sie gehen uns alle an. Wir sind alle aufgefordert, mit dem Vermögen, das wir von unseren Vätern und Müttern tradiert bekommen haben, zu wuchern.
Selbst wenn die Herde klein ist, darf sie sich nicht um den wärmenden Ofen scharen. Sie muss raus aus dem Stall und Kontakt suchen. Darauf hat der bekannte Theologe Karl Rahner schon vor fast 35 Jahren hingewiesen. In Vorbereitung der Würzburger Synoden schreibt er. „Je kleiner die Herde Christi im Pluralismus der heutigen Gesellschaft wird, um so weniger darf sie sich eine Mentalität des Gettos und der Sekte leisten, um so offener muss sie nach außen sein, um so genauer und mutiger muss sie sich im jeweils gegebenen Fall fragen, wo wirklich die Grenzen liegen, die die Kirche und eine ungläubige Welt voneinander trennen.“

Wo liegen die Grenzen unserer Möglichkeiten? Der Schatz, den wir erhalten haben, ist jedenfalls grenzenlos. Unsere Macht jedoch ist begrenzt. Aber da, wo wir Möglichkeiten haben, mit der Frohen Botschaft Lebenszinsen zu erzeugen, dürfen wir nichts unversucht lassen. Fürchtet euch nicht! Amen.

Fronleichnam

Es dürfte für uns nicht ganz einfach sein, das Evangelium von der wunderbaren Speisung der 5000 Männer auch innerlich nachzuvollziehen. Denn einmal gibt es im Moment niemanden, der fünf Brote und zwei Fische austeilt und zum anderen sind wir hier augenblicklich weder an einem abgeschiedenen Ort, noch leiden wir Hunger. Jeder von uns weiß, dass er am Mittag einen gedeckten Tisch vorfindet und dass ihn weder heute noch morgen der Hunger plagen wird.
Das Evangelium erzählt jedoch von einer Notlage. Menschen sind zu Jesus gekommen, ihm nachgefolgt. Sie wollten ihm zuhören, sich von ihm aufrichten lassen, und nun holt sie die Realität ein. Es wird Abend, der Hunger meldet sich, die Mägen knurren. Was damit gemeint ist, erleben Menschen auch heute noch. Ich denke an eine Frau, die an ihrem Glauben irregeworden war, als ihr Kind schwer krank wurde; mir fällt der Jugendliche ein, der seinen Beruf verlor und der deswegen mit seinem Schicksal und mit Gott haderte: „Warum hast du mir dies angetan?“ Immer wieder werden Menschen in ihren Hoffnungen enttäuscht und verstehen nicht, warum Gott es zulässt, dass unschuldige Menschen leiden und sterben müssen oder dass nach 2000 Jahren Christentum die Welt noch immer so zerrissen und heute mehr denn je in ihrem Bestand bedroht ist. Der Hunger nach Gott, nach Heil, nach Sinn, nach einem gelingenden Leben hat viele Gesichter.
Mit der Not aber wächst auch bei uns die Versuchung, „die Sache“ selbst in die Hand zu nehmen. Wie die Jünger, so haben Menschen immer wieder ihre Lösungen bereit gehabt und sie durchgesetzt. Sie haben Aktionen und Programme entwickelt, sie verändern Strukturen und geben Ratschläge. Ich halte das natürlich in keiner Weise für falsch, aber mir gibt gleichzeitig doch Jesus an sich unsinnige Weisung an die Jünger zu denken: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Jesus sagt das ausdrücklich, um sie auf ihre eigene Hilflosigkeit hinzuweisen. Eine Situation, in die wir auch immer wieder kommen. Unsere Hilflosigkeit in der eigenen Not und in Anbetracht der Not der Menschen in der Welt kommt uns immer deutlicher zum Bewusstsein.
Wie sollen sie, die kaum etwas haben, das gewaltige Problem lösen? Wie oft geht es Menschen, geht es jedem von uns ähnlich: „Was kann ich schon ausrichten mit meinen wenigen Mitteln. Ich bin zu schwach, habe keinen Einfluss, ich bin nicht sonderlich reich und ich verstehe überhaupt nichts von den großen Zusammenhängen. Wie sollte ich die Not der Völker der Dritten Welt, den Hunger in Afrika lindern können? Ich kann nichts dazu beitragen, die Riesenprobleme dieser Welt zu lösen.
Das Evangelium nimmt jedoch eine überraschende Wendung. Genau der geringe Vorrat der Jünger reicht für Jesus aus, die ganze Menschenmenge satt zu machen. Die Jünger brauchen gar nicht mehr zu haben als diese fünf Brote und die zwei Fische, sie müssen nur bereit sein, ihre Möglichkeiten Jesus zur Verfügung zu stellen. Nicht was der Mensch hat ist entscheidend, sondern das, was er hergibt. Eine paradoxe Logik! Sie erweist sich als Logik des Lebens. Den Mut zu haben etwas herzugeben, sich selbst aufs Spiel zu setzen, darauf kommt es an. Die Jünger bekommen diesen Mut durch Jesu Wort und ernten so aus ihrem Mangel Überfluss.
Es geht aber in der Botschaft Jesus nicht bloß um das natürliche Brot.
Es ging Jesus nicht nur darum, den irdischen Hunger zu stillen und uns geht es auch nicht darum, das Fronleichnamsfest nur zu einem Fest des Teilens zurückzudrehen. Es geht bei diesem Fest um den „Herrenleib“. Das ist ja auch der Sinn und die Bedeutung des Namens dieses Festes. „Fron“ bedeutet im Althochdeutschen „Der Herr“. Und das Wort „Lichnam“ hatte früher die Bedeutung eines lebendigen Leibes, hat also in unserer Sprache eine Bedeutungsverschlechterung erfahren.
Um die Bedeutung dieses Festes zu verstehen müssen wir weit zurückgehen in der Geschichte des israelitischen Volkes. Als das Volk unter die Freiheit erlangte aus der ägyptischen Knechtschaft feierten sie vor ihrem Auszug das Paschamahl. Pascha heißt „Vorübergang“, weil der Todesengel an den Wohnungen der Israeliten vorüberging, als die große Seuche unter den Ägyptern ausbrach. Der Exodus wurde zur großen Befreiungstat Gottes an seinem Volk. Und zur Erinnerung daran feierten die Israeliten jedes Jahr das Paschafest. Auch Jesus feierte es immer wieder mit seinen Jüngern. Zuletzt in der Nach vor seiner Gefangennahme. Bei dieser Feier wurde Brot und Wein unter die Familienmitglieder ausgeteilt. Aber in dieser letzten Feier Jesu mit seinen Jüngern geschah etwas Besonderes und Einmaliges. Jesus fügte den üblichen Worten etwas Neues und Unerhörtes hinzu. Als er das Brot brach und weitergab sagte er: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“. Und zum Wein sagte er: „Das ist mein Blut, das Blut des neuen und ewigen Bundes, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis“.
Das sind unerhörte Worte. Was bedeuten sie? Was ist ihr Sinn? Wie sollen wir sie verstehen?
Romano Guardini, der bedeutende Münchener Theologe sagte einmal, wir sollten nicht herumgrübeln, wie diese Worte zu interpretieren wären. Wir sollten sie so schlicht und einfach nehmen, wie sie Jesus gesagt hat. Unter diesen Gestalten von Brot und Wein verbirgt sich die Gegenwart Gottes, nicht bloß irgendwie symbolisch, sondern wirklich. Etwas Größeres konnte sich Gott wahrlich nicht einfallen lassen als dass er unter den einfachen Gestalten von Brot und Wein unter uns gegenwärtig sein wollte. Und die Jünger haben die Worte auch in ihrer schlichten und tiefen Bedeutung verstanden und immer wieder im Sinne Jesu das heilige Geheimnis gefeiert.
Leider hört man von Kindern immer wieder etwas Eigenartiges, wenn man sie über die Eucharistie fragt. Da kommt immer wieder das Wort vom „heiligen Brot“ auf. Aber ich finde das irreführend, denn der Leib des Herrn ist mehr als bloß ein heiliges Brot.
Und dieser Leib des Herrn ist Nahrung für uns. Der tiefste Kontakt, der uns mit Gott möglich ist stärkt uns in unserem Bemühen, Jesus nachzufolgen, ihn in dieser Welt glaubwürdig darzustellen.
Die Brotvermehrung konnte zustande kommen, weil ein kleiner Bub seine wenigen Brote und seine wenigen Fische hergab. So wurde Nahrung für die Vielen. Auch die Eucharistie verlangt unsere menschlichen Voraussetzungen. Wir bringen Brot und Wein. Übersetzt heißt das, wir stellen Gott unsere menschlichen Möglichkeiten zur Verfügung. Mögen sie auch noch so klein sein, das macht nichts aus. Und auf Grund dieser unserer Gabe, unserer Bereitschaft wirkt Gott immer wieder seine großen Wunder, vor allem das Wunder seiner Gegenwart unter uns. Durch uns möchte Jesus auch in unserer Zeit sichtbar und spürbar gegenwärtig sein. Die Kraft dazu bekommen wir immer wieder durch ihn selbst, der in der Heiligen Kommunion in unserem Herzen einkehrt und Wohnung darin nimmt. Ja, so reden wir, wenn wir von der Heiligen Kommunion sprechen: Jesus kommt in unser Herz, Jesus nimmt Wohnung in uns.
Tragen wir diesen Jesus in unserem Herzen zu den Menschen und hinein in unsere Welt. Das findet heute so schön seinen Ausdruck in der Prozession. Dann wird es sein, dass Jesus durch uns hindurch wieder unter den Menschen sichtbar und spürbar gegenwärtig wird und dass da Leben aufblüht, wo wir Gott durch uns hindurch handeln lassen.

Dreifaltigkeitssonntag, Joh 16,12-15

Hermann Volk, der Professor und spätere Kardinal von Mainz, erzählte einmal aus seiner ersten Kaplanszeit: „Ich hatte gerade meine erste Predigt auf meiner ersten Stelle gehalten. Nach der Messe kam ich in die Sakristei, und der Pastor sagte mir: „Die Predigt hat wohl nur der Heilige Geist verstanden.“ Hermann Volk sagte im Rückblick auf diese Erfahrung: „Was sollte ich machen. Es war das Dreifaltigkeitsfest.“
So erging es mir auch in meinem Theologiestudium. Die Lehre von der Dreifaltigkeit hörte sich wie hoch komplizierte Spekulation über das Verhältnis von Person und Wesen, von Einheit und Dreiheit an. So heißt es auch jetzt noch in der Präfation zum heutigen Fest: „So beten wir an im Lobpreis des wahren und ewigen Gottes die Sonderheit in der Personen, die Einheit im Wesen und die gleich Fülle in der Herrlichkeit.“ Verstehen sie das?
Nein, da ist nicht Jesus gekommen und hat eine komplizierte Lehre über Gott verkündet. Da haben sich auch nicht kluge Theologen hingesetzt, um das Geheimnis Gottes zu entschlüsseln, sondern da haben Menschen von ihren befreienden und beglückenden Erfahrungen mit Gott erzählt. Die komplizierten Gedanken kamen erst viel später. Schauen wir deshalb auf die Glaubenserfahrungen der jungen Gemeinden, die uns näher sind als die späteren theologischen Deutungsversuche.
Viele Menschen haben in der Begegnung mit Jesus gespürt, dass der unendlich Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens, uns in Jesus ganz nahe gekommen ist. In ihm ist Gott gleichsam greifbar geworden. In ihm hat er sich gezeigt nicht als der gewaltige Richter der Sünder, sondern als der Vater, der verzeiht und alle zu sich ruft, um ihnen Leben und Heil zu schenken. Gott ist nicht der Ferne und unnahbare, sondern erfahrbar in diesem Menschen, der ganz anders ist als die anderen, der auf die Menschen zugeht, gerade auf die, die sonst keine Hoffnung mehr haben. Er gibt ihnen ihre Würde zurück, die ihnen von Gott geschenkt ist. Da haben Menschen das erkannt, was ihnen Jesus immer wieder angedeutet hatte: Jesus ist der Sohn Gottes, ganz wie der Vater. Jesus ist die menschliche Nähe Gottes. In der heutigen Lesung heißt es: „Durch ihn haben wir den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung."
Das anfängliche Vertrauen auf Jesus war bedroht durch sein Kreuz. Wie konnte man die Nähe Gottes in Jesus und sein schreckliches Sterben zusammenbringen? Doch die Erfahrung des Auferstandenen bestärkte die Hoffnung der Jünger auf ihn. Sie blieben zusammen in seinem Namen. Da spürten sie: Er ist zwar nicht mehr sichtbar unter uns, aber sein Geist ist noch lebendig, als ob er hier selbst unter uns wäre. Wir spüren, dass jetzt von uns solche Kräfte ausgehen wie damals von ihm, dass wir in seinem Geist miteinander und mit den Menschen neben uns umgehen können. Sein Geist lässt uns in der Bedrängnis nicht untergehen, schenkt uns vielmehr Mut mitten in aller Angst und Hoffnung in aller Bedrohung. Wir können von ihm Zeugnis geben, seine frohe Botschaft verkünden in dem Vertrauen, dass sein Geist uns führt.
Diesen Gott suchen wir, den tröstenden, den wegweisenden. Aber wo finden wir ihn. Da gibt es doch die nette Geschichte von den zwei Mönchen, die lasen miteinander in einem alten Buch, dass es am Ende der Welt einen Ort gäbe, an dem sich Himmel und Erde berührten. Einen Ort, an dem seinen Macht offenbar wird und das Reich Gottes anfängt. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht eher umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen. An diesem Ort sei eine Tür, so hatten sie gelesen. Man brauchte nur anzuklopfen und einzutreten und befände sich im Reich Gottes. Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Und als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle und sahen sich gegenseitig an. Da begriffen sie: Der Ort, an dem das reich Gottes beginnt und sich Gottes Macht für uns Menschen zeigt, befindet sich auf der Erde, genau an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat. Genau an dem Ort an dem wir leben, zeigt uns Gott seine Liebe. Wir brauchen nur das Herz und unsere Augen zu öffnen, damit wir sie erfahren.
So wuchs der Glaube an den dreifaltigen Gott: der Vater als Urgrund allen Lebens, der Sohn als die menschliche Nähe dieses Gottes, der durch seinen Geist anwesend und wirksam bleibt unter uns. Wir dürfen staunend erleben, dass Gott etwas an uns liegt. Das ist ja alles andere als selbstverständlich. Wir dürfen staunend erfahren, dass er uns liebt. Ich kann zu ihm kommen. Sein Geist lebt in mir. Ich habe unmittelbar Zugang zu ihm.
Aber manchesmal bleibt Gott in unserem Leben doch ein Fremder. Wir stellen uns Gott ja doch immer so vor, dass er irgendwie zu uns passt; so, wie wir ihn brauchen, wie er unserer Sehnsucht, unseren Beziehungserfahrungen, unserer Glaubens- und Unglaubensgeschichte entspricht: in den Bildern, die sich uns eingeprägt haben und unsere Sehnsucht ausdrücken. Wir holen Gott an uns heran und machen ihn uns verwandt. Und er will uns ja nahe sein. So wird daran nichts Unerlaubtes sein.
Aber sperren wir Gott nicht geradezu ein in unsere Lebensperspektiven und Vorstellungshorizonte? Reduzieren wir ihn nicht zu dem, den wir brauchen, zur Ergänzung dessen, was uns fehlt? Messen wir ihn nicht ab nach dem menschlich-allzumenschlichen Maß unserer Bedürfnisse. Er ist – so sagen es die frühchristlichen Theologen – der Unermessliche, für den das Maß unserer begriffe und Vorstellungen viel zu klein ist. Er ist außerhalb der Netze, mit denen wir die Wirklichkeit einfangen und verfügbar machen wollen. Er ist freilich nicht außerhalb, um sich uns zu entziehen oder unsere Sehnsucht zu enttäuschen. Er ist außerhalb, um uns immer wieder neu herauszufordern, zu überraschen, staunend zu machen, staunend zu machen darüber dass die Unermesslichkeit unserer Welt gerade nur eine Ahnung von seiner Größe gibt, staunend darüber, dass Gott die Liebe ist, die alle Ausweglosigkeit und allen Zweifel zu heilen vermag, staunend darüber, dass Gott unsere Zukunft ist, wenn wir uns einmal ganz aus der Hand geben müssen. Er ist der gute Ort, an dem wir ankommen dürfen, wenn wir nichts mehr wollen und von uns aus nichts mehr erreichen können. Wenn wir uns selbst genommen werden, so nimmt Gott, der Unermessliche, uns an sich. Das ist das Geheimnis aller Geheimnisse-
Gott will nicht in sich bleiben. Er bezieht uns ein in die Fülle seines Lebens. Alles reden darüber bleibt Stückwerk, auch die schlauen Gedanken der Theologen. Wie könnten unsere Worte und Gedanken auch ihn, den unbegreiflichen Gott einfangen. Alle Not und Bedrängnis unseres Lebens sind kein Argument gegen diesen Gott. Er lässt uns wie Jesus in der Bedrängnis bestehen, schenkt uns Geduld und Kraft, er ermöglicht die Hoffnung gegen alle Hoffnung, Hoffnung auf die volle Anteilnahme an seinem Leben. Denn die Liebe Gottes ist schon ausgegossen in unsere Herzen und weckt die Hoffnung auf mehr, auf ihn selbst.
Da geht es nicht mehr um schlaue Worte oder um komplizierte Definitionen, sondern um unsere Antwort: um staunende Dankbarkeit und Liebe. Amen.

Pfingstsonntag, Jo 20,19-23

Das Pfingstfest bietet sich an als Frühlingsfest, als ein Zwischenurlaub oder doch wenigstens für ein paar freie Tage. Dem Osterfest und vor allem dem Weihnachtsfest wird viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Sagt uns das Pfingstfest etwas, das wir nicht missen möchten? Könnten wir einem fragenden Rede und Antwort stehen, wenn er etwas über dieses Fest und über Gott und den Hl. Geist erfahren möchte?
Ist das Unbehagen nicht das vorherrschende Gefühl, wenn das Gespräch auf den Hl. Geist kommt? In unseren Gebeten und Liedern ist von der Kraft und den Gaben des Hl. Geistes die Rede: Aber gehört das zu unserem alltäglichen Erfahrungsbereich? Ist unsere Kirche, ist unsere Gemeinschaft geprägt von diesem Hl. Geist und spüren wir etwas von seiner Macht? Oder war das vielleicht nur etwas für die Urkirche und für den Papst und die Bischöfe?
Es gibt eine jüdische Legende, die von vier großen jüdischen Theologen erzählt. Diese durften Gott im Paradies schauen. Als sie zurückkommen, sind alle Leute erschrocken, denn die vier sind ganz verstört. Der Erste, so erzählt die Legende, warf sich mit zitternden Gliedern auf sein Lager, nahm weder Speise noch Trank zu sich und starb nach wenigen Tagen. Den Zweiten bedrängten die ungeheuren Bilder, die er gesehen hatte. Er kam mit seinem Leben nicht mehr zurecht und versank im Wahnsinn. Dem Dritten erscheint sein Leben auf einmal ganz und gar sinnlos. „Was wir hier haben, ist doch ganz und gar nichtig im Vergleich zum Ewigen!“, so rief er und warf verzweifelt allen Glauben von sich. Der Vierte schließlich, Rabbi Akiba, sagte: „Wir sind tot, gemessen an seinem Leben, wir sind eng und klein vor seiner Unendlichkeit, wir sind Toren vor seiner ewigen Weisheit. Dennoch hält er seine Hand über uns und hat uns dieses Leben gegeben, damit wir darin wirken zu seiner Ehre.“ Und er fing an, von ihm zu sprechen – mit den armen Worten dieser Erde-
Die Legende schließt: „Er begann von ihm zu reden – mit den armen Worten dieser Erde.“ Unsere Worte sind arm, heißt es da. Unsere menschliche Sprache reicht nicht aus, angemessen über Gott zu sprechen, unsere Worte sind zu klein. Gott ist unendlich größer als wir ahnen. Dabei, denke ich, ist es ganz wichtig, dass wir uns das gerade hier im Gottesdienst ins Bewußtsein rufen. Hier sprechen wir ja immer wieder von Gott und beten zu ihm. Es ist ein großes Wagnis, was wir da tun; denn ganz begreifen werden wir Gott nie.
„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die volle Wahrheit führen.“ So sagt Jesus im Evangelium in seinen Abschiedsreden an seine Jünger. Sie sind jahrelang mit im zusammen gewesen, sie haben erlebt, mit welcher Güte er auf die Menschen zuging. Und doch haben sie noch nicht begriffen, wie er im Tiefsten war. Die Jünger sind erst auf dem Weg in die volle Wahrheit. Diese können sie nicht aus sich finden. Jesus verspricht ihnen aber den Geist, die Nähe Gottes. Der Hl. Geist muß uns helfen, damit wir etwas von Gott begreifen und erahnen können.
Der Abschied von Jesus bedeutete für die Jünger eine tiefgreifende Veränderung ich ihrem Leben, die nur schwer zu ertragen war. Mit dem Pfingsttag ging für sie der gewohnte und vertraute Weg in der Nähe Jesu zu Ende und etwas Neues begann. Dieses Neue konnte beginnen, weil sie nicht allein waren. Der Hl. Geist begleitete die Jünger auf ihrem Weg, der Welt die Liebe Gottes zu verkünden. Pfingsten war der Wendepunkt in ihrem Leben. Er bedeutete Aufbruch und Neuanfang. Sie mußten erfahren, dass Gott genau dort anfing, wo sie selbst keine Möglichkeit mehr sahen. Die Jünger stellten sich Gott zur Verfügung. Der Weg, den sie dabei gingen, war nicht immer voller Sonnenschein, da gab es auch Verfolgung und Martyrium, wie Jesus es vorhergesagt hatte. Aber sie gingen diesen Weg dennoch, diesen neuen Weg des Lebens. Sie wagten diesen Aufbruch im Vertrauen auf den beistand des Hl. Geistes.
Die Jünger von damals und die vielen heiligen Frauen und Männer in der Kirche zu verschiedenen Zeiten haben Großes geleistet, weil sie sich ganz auf die Zusage Jesu eingelassen haben: „Ich werde euch den Beistand senden, den Hl. Geist“. Wir können daraufhin vielleicht resignierend fragen: Wie ist das aber bei uns? Wie sieht dieses Wort vom beistand für uns heute aus in unserer Welt? Wir dürfen zuversichtlich glauben: Wie es der Herr sagt, meint er wirklich uns alle, so wie wir sind, auch wenn wir manchmal meinen, in dieser Welt nur ein kleines Licht zu sein. So wie wir sind, nimmt Gott uns in seinen Dienst, als Zeugen des Hl. Geistes in diese Welt hineinzuwirken.
Ich denke, spürbar ist dieser Geist überall dort, wo Menschen füreinander einstehen, auch ohne zu fragen, was sie dafür bekommen. Spürbar ist dieser Geist, wo Menschen in Treue zueinander stehen in guten und in schweren Tagen. Spürbar ist dieser Geist bei vielen jungen Menschen, die bewußt mit ihren Fähigkeiten die Zukunft des eigenen Lebens in die Hand nehmen und ein Stück ihrer Weltgestalten. Spürbar ist dieser Geist, wo Menschen beten – in der Familie, in Krankheit und Alter, in der Gemeinde – und sich so zu ihrer Beziehung zu Gott bekennen und aus ihr leben. Es gibt in dieser Welt nicht nur negative Entwicklungen, es gibt unendlich viele gute Zeichen – oft im Stillen und Verborgenen -, wo etwas spürbar ist vom guten Geist Gottes.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat mit Recht gesagt: „Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde gegen den Hl. Geist.“ Wer sich dem Hl. Geist anvertraut, der kann nicht anders als aufbrechen und Neues wage im Umgang mit Gott und den Menschen, der wird es nicht immer einfach haben, der wird auch anecken. In jedem neuen Aufbruch steckt neue Hoffnung und in jedem neuen Weg, den der Geist mit uns geht, das Zeugnis von festem Lebensmut. Überall, wo Menschen hoffen und so selbst ein Stückchen Hoffnung werden für andere; überall, wo Menschen zunächst das Gute sehen und nicht das Schlechte; überall, wo Menschen ein „Ja“ sagen zur Welt und zu ihrem Leben, dort wird ein Stück Pfingstereignis lebendig, dort wird Gottes Hl. Geist erfahrbar. Wer von diesem Geist ergriffen ist, blickt und geht mit frischem Mut und froher Hoffnung in die Zukunft. Darum unsere Bitte: Komme, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Hoffnung und Liebe! Amen.

7. Sonntag in der Osterzeit, Joh 17,20-26

Immer wieder berichtet das Evangelium vom Gebet Jesu zu seinem Vater. Und der Inhalt seiner Gebete ist vor allem die Einheit. So wie Jesus und der Vater eins sind, so sollen auch wir eins sein. Aber dem ist leider nicht so. Schon zur Zeit der Apostel gab es in den Christengemeinden immer wieder Strömungen, die die Einheit störten. Der Apostel Paulus musste da schon manchmal sehr hart eingreifen. Wenn wir in der Geschichte der Kirche blättern wird es uns sehr deutlich bewusst, wie viele Spaltungen es da gegeben hat. Nach den Spaltungen im frühen Christentum gab es im Jahre 1054 die große Kirchenspaltung zwischen den Christen des Westens und den Christen des Ostens. Im 16. Jahrhundert zerbrach auch die Einheit der Christen im Abendland. Diese Spaltung begann in Deutschland und breitete sich über die westliche Welt aus. Ihre Folgen zeigten sich in jeder Schulklasse und in vielen Familien. Und heute finden wir eine ganze Reihe christlicher Gruppierungen bis hin zu den verschiedenen Sekten.
Die Bemühungen um Einheit sind vorhanden und es ist auch schon viel geschehen. Die Achtung der verschiedenen Gruppierungen voreinander hat zugenommen. Wir stehen einander nicht mehr als Feinde gegenüber und behandeln uns gegenseitig nicht mehr als Ketzer. Wir sind heute wieder auf dem Weg zueinander. Es sind aber immerhin 400 Jahre vergangen bis sich in unserem Jahrhundert die Einstellung der getrennten Christen zueinander zu ändern begann. Wir können heute miteinander beten und miteinander reden und über alles Trennende das Gemeinsame des christlichen Glaubens neu entdecken.
Und wir haben es auch aufgegeben, die Schuldfrage zu stellen. Wer hat diese Spaltungen veranlasst? Und dabei müssen wir wohl ehrlicherweise feststellen, dass wir nicht den so genannten „Abgefallenen“, die Schuld zuweisen dürfen, sondern auch uns selbst. Denn es hat zur Zeit der großen protestantischen Spaltung viele Missstände in der Kirche gegeben. Die Frage: Was haben wir im Laufe der Jahrhunderte aus unserem Christentum gemacht ist berechtigt. Und auch die Frage: Was machen wir heute aus unserem Christentum?
Ein Franziskaner berichtet in einem Reisetagebuch aus dem Jahre 1501 über die Missstände in Deutschland: Es gab damals zwar viele Wallfahrten, aber nur wenige Leute kamen zur Messe, fast keiner ging zur Kommunion. Die Priester waren schlecht ausgebildet, die hohe Geistlichkeit lebte in vornehmen Häusern und Schlössern. Sie gingen lieber auf die Jagd als sich um ihre Geistlichen zu kümmern. Sie führten Kriege gegeneinander.
Noch schlimmer soll es in Rom ausgesehen haben. Wundert uns da noch, dass Martin Luther mit seiner Kritik an der Kirche einen bereiten Boden fand? Zu spät aber immerhin doch hat das Konzil von Trient wieder Ordnung in die Kirche hineingebracht, aber die Folgen der Spaltung waren nicht wieder gut zu machen.
Ich denke da immer wieder auch an Papst Johannes XXIII. Als der 77-jährige Erzbischof von Venedig das Petrusamt übernahm, sprachen viele von einem „Übergangspapst“. Sie meinte, der könne in dem hohen Alter nur noch weniges für die Kirche tun – er sei eben ein Mann der Übergangszeit. Das Wort sollte sich in einer ganz anderen Bedeutung bestätigen. An dem neuen Papst fiel vor allem seine Menschlichkeit und Güte auf. Dieser Mann sprach eine neue Sprache, setzte neue Zeichen. Auch Menschen, die dem christlichen Glauben fern standen, waren beeindruckt, fanden plötzlich die Kirche wieder interessant. Viele Christen aus den von Rom getrennten Kirchen horchten auf, weil dieser Mann ihnen in einer ganz neuen Weise entgegenkam. Er sprach als erster Papst nach der Reformation nicht mehr von der Rückkehr der „verlorenen Söhne“ in das Vaterhaus, sondern vom gemeinsamen Suchen aller Christen nach der verlorenen Einheit. Sein Herzenswunsch war das, worum Jesus für seine Freunde gebetet hat: „Dass alle eins seien!“ Schon im Jahre 1959 erklärte er: Wir sind alle an der Trennung mitschuldig….Wir wollen keinen historischen Prozess aufziehen. Wir wollen nicht aufzuzeigen versuchen, wer Recht oder wer Unrecht hat. Die Verantwortung ist geteilt. Wir wollen nur sagen: Kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende.
Papst Johannes XXIII. machte einen mutigen Schritt. Zur großen Überraschung der Christen in der gesamten Welt berief er ein allgemeines Konzil ein. Es sollte die Kirche erneuern und ihre Türen für die Menschen unserer Tage öffnen. Zu diesem Konzil lud der Papst nicht nur alle Bischöfe de Welt, sondern auch Vertreter der orthodoxen und protestantischen Kirchen ein.
Dieses II. Vatikanische Konzil hat nach dem Willen Johannes XXIII. weder Verurteilungen ausgesprochen noch neue Glaubenssätze verkündet. Es versuchte vielmehr, für unsere Zeit neu zu sagen, wie Christen heute nach dem Evangelium leben können.
Dieser Papst könnte uns zum Vorbild diene für unsere eigenen Schritte im Sinne der Einheit. Denn wir dürfen sicherlich nicht einfach abwarten, dass da irgendjemand etwas tut. Wir sind selber aufgerufen aufeinander zuzugehen und so die Einheit zu fördern. Gemeinsames Gebet, das gegenseitige Kennen lernen, das Anerkennen dessen, was wir gemeinsam haben und die praktische Zusammenarbeit mit allen Christen in sozialen Fragen, das wäre der gangbare Weg der Annäherung.
Aber eines müssen wir noch bedenken: Einheit besteht nicht in der Uniformierung. Einheit besteht nicht darin, dass alle das Gleiche denken und das Gleiche tun. Einheit kann und muss auch in der Vielfalt bestehen. Wir sind zu sehr befangen von unseren westlichen Denkweisen und berücksichtigen es nicht, dass etwa in Asien die Ausdrucksmöglichkeiten anders sind als bei uns, dass dort die gemeinsame Eucharistiefeier sich ein wenig anderer Ausdrucksformen bedienen wird als in unseren Kirchen. Es soll auch bei uns die altehrwürdige Form der lateinischen Messe geben können und auch die deutsche Messe ohne dass die jeweils andere Form des Feierns gering geschätzt würde.
Aber immer noch spielt eine gewisse Angst in unserem Verhalten eine Rolle: die Angst vor dem Neuen und Ungewohntem. Aber warum haben wir so viel Angst vor dem Neuen, wo wir doch auch wissen, dass der Heilige Geist der Geist der Erneuerung ist und dass er bei seiner Kirche bleibt und sie vor Fehlwegen bewahren wird? Übrigens, auch Jesus brachte viel Neues in die Gemeinschaft des Judentums. Und unsere Zeit verlangt nach einem neuen Gewand des Glaubens, nach neuen Ausdrucksformen. Dass bei all diesen Bemühungen die eine oder andere Sache im Strassengraben landet ist klar; aber wir dürfen nicht deshalb, weil es Missbräuche geben kann einfach hinter unserer Zeit zurück bleiben.
Aber beten müssen wir, beten im Sinne Jesu und so leben müssen wir, dass das, was aus unserem eigenen Leben ausstrahlt anderen Menschen die Möglichkeit gibt, zu glauben, so leben müssen wir, dass die Kirche durch uns als das erkannt wird, was Jesus von ihr wollte und wozu er sie gestiftet hat: als Gemeinschaft derer, die an ihn glauben und die durch ihren Glauben Zeugnis von ihm und von Gott geben. Amen.

Christi Himmelfahrt, Lk 24,46-53

Wohin ist Jesus verschwunden? Diese Frage ist nicht so dumm, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wo ist Jesus hin? „In den Himmel natürlich“, werden sie sagen. Nur, daß damit die zweite Frage schon im Raum steht: „Wo ist denn dieser Himmel?“ Nun ließe sich wieder sagen, daß der Himmel nicht irgendwo ist, daß er kein Ort ist, sondern ein Zustand. Aber sehr schnell ist die Frage doch wieder da: Wo findet denn dieser Zustand statt?
Wir Menschen können nicht anders. Wir sind in Zeit und Raum hineingebunden. Wir orientieren uns Tag für Tag an der Zeit, die wir durchleben, und an dem Raum, in dem wir uns bewegen. So hat Gott uns geschaffen. Deshalb suchen wir die Antworten auf das, was uns bewegt, auch in diesen Kategorien.
„Wo ist Jesus hin, und wo ist der Himmel?“ Erzählen sie einem Kind von der Himmelfahrt Jesu, und es wird genau diese Fragen stellen und noch eine andere hinzufügen: „Warum?“ Aber, wenn das Kinderfragen sind, warum halten wir uns damit auf? Haben wir nicht etwas Besseres zu tun? Ist unser Glaube nicht aufgeklärt genug, um darüber hinweggehen zu können?
Doch niemand von uns kann sagen: Ich habe begriffen, bevor er das, was er begriffen zu haben glaubt, einem Kind erklären kann. Der erste Schritt dazu ist, selbst wieder die Kinderfragen zu wagen und dabei neu nach Antworten zu suchen.
Seit die Bilder laufen lernten, haben biblische Monumentalfilme die Himmelfahrt Jesus mehr oder minder theatralisch dargestellt. Ohne Wolken kommt keiner aus. Je älter der Film, umso melodramatischer ist er. Und meist bricht über die Jünger dann auch noch ein ohrenbetäubendes Halleluja herein, das sie so richtig spüren läßt, daß Jesus die arme Erde weit hinter sich gelassen hat und jetzt in anderen Sphären schwebt.
Die Evangelien sind da viel zurückhaltender. Matthäus spricht nüchtern von einer Abschiedsszene, bei der Jesus die Jünger in alle Welt sendet und ihnen seine bleibende Gegenwart zuspricht: „Ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt“. Auch Markus beschreibt weder ein Unten noch ein Oben. Nur Lukas erzählt von einem Emporgehobenwerden und Auffahren in den Himmel. Von Wolken keine Spur, nur die Apostelgeschichte läßt Jesus in einer Wolke scheiden.
Trotzdem macht das – allerdings enttheatralisierte – Bild der Wolke hier Sinn. Daß Wolken eine besondere Bedeutung haben wissen wir aus dem Alten Testament. Dort ist die Wolkensäule das Zeichen der Anwesenheit Gottes. Gerade die Wolkensäule überwindet das Oben und Unten, weil Gott, der Unsichtbare und Unfaßbare, in ihr bei seinem Volk ist. Er zieht vor ihm her, als es aus Ägypten flieht. Eine Wolke zeigt seine Anwesenheit auf dem Sinai an. Da, wo Gott zeigen will, daß er nicht irgendwo ist, sondern anwesend, da wird die Wolke sichtbar. Damit die, deren Augen nur das Diesseitige in der Welt erkennen können, hinter dem Schleier der Wolke das Jenseitige zu erspüren vermögen.
Vielleicht wäre der kindlich einfachste Weg zu begreifen der, die Perspektive zu ändern und anders zu fragen. Nicht: „Wo ist Jesus hin?“, sondern: „Warum sehen ihn die Jünger nicht mehr?“ Nicht: „Was hat sich für Jesus verändert?“, sondern: „Was hat sich für die Jünger verändert?“ Die Antwort, die das Bild der Wolke uns gibt, ist einfach. Jesus ist nicht weg, er ist immer noch da, nur die Jünger und auch wir sehen ihn nicht mehr. Seine Gegenwart hat sich verändert, sie ist verborgen und doch ganz intensiv.
Bleiben wir bei den Kinderfragen: Warum? Warum können wir ihn nicht mehr sehen, mit ihm reden, seine Nähe mit Händen greifen? Es wäre doch alles viel schöner, viel leichter, viel besser.....! Es ist vielleicht so etwas wie Erwachsenwerden. Für die Jünger bricht eine neue Zeit an. Sie sollen Jesus nicht wehmütig hinterherschauen. Sie müssen Verantwortung übernehmen für sich selber und für die Welt. Ein Kind, das von der Mutter getrennt wird, wird ihr eine Weile nachschauen und dann merken, daß sie das nicht näher bringt. Es muß lernen, ihre Nähe in den großen und kleinen Zeichen und Erinnerungen zu finden. Sie vor allem zu finden in sich selbst. Dann fängt es schnell an, sein Leben selbständig auszurichten.
Den Jüngern geht es ähnlich. Scheinbar von Jesus getrennt, müssen sie ihn neu finden, in sich selbst, in den anderen, in den Zeichen seiner Gegenwart, vor allem im Brechen des Brotes, in der Eucharistie. Er ist nicht weg, er ist anders da. Er fordert ihre Verantwortung heraus, ihm nachzuleben: überzeugend, gewinnend, heilend, liebend. Nur weil Jesus die Jünger – und uns – allein gelassen hat, sind wir wirklich Verantwortliche geworden. Das ist Gottes Wille für seine Welt: daß die, die zu ihm gehören, nicht hinter verschlossenen Türen und in geschlossenen Clubs Jesu Nähe genießen, sondern ihn der Welt weitergeben. Überall da, wo wir in diesem Sinne, in seinem Sinne, reden und handeln, ist er bei uns, ganz da, ganz nah.
Den Jüngern wurde dazu noch Pfingsten geschenkt. Uns übrigens auch. Jesus traut uns also einiges zu. Viele Menschen ahnen nicht, wie groß Jesus von uns denkt, was er uns alles zutraut. Es ist so ähnlich wie die Geschichte von dem Adler und den Hühnern:
Ein Mann fand ein Adler-Ei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf. Sein ganzes Leben lang benahm sich der Adler wie die Küken, weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckerte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück, genau wie die Küken.
Jahre vergingen, und der Adler wurde sehr alt. Eines Tages blickte er ehrfürchtig empor. „Wer ist das?“ fragte er seinen Nachbarn. „Das ist der Adler, der König der Vögel“, sagte der Nachbar. „Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.“ Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. Er starb in dem Glauben, ein Küken im Hinterhof zu sein.
Die Geschichte geht traurig aus. Aber ein ähnliches Schicksal kann uns Menschen auch passieren, wenn wir nicht anfangen, uns unserer Würde bewußt zu werden. Es geht nicht in erster Linie darum, daß wir uns vor Gott immer nur als Sünder hinstellen, wir sind vielmehr Gottes Ebenbild und es wäre undankbar, diese Tatsache zu vergessen. Wir sind geschaffen nach Gottes Ebenbild, aber Menschen haben uns gelehrt, wie Hühner zu denken, und noch denken wir, wi4r seien wirklich Hühner, obwohl wir Adler sind. Breitet eure Schwingen aus und fliegt! Und seid niemals zufrieden mit den hingeworfenen Körnern! Amen.

6. Sonntag in der Osterzeit, Off 21,10-14.22-23

„Schlösser, die im Monde liegen“, das war die Anfangszeile eines Operettenliedes aus Frau Luna von Paul Lincke – ein Werk, das heute wohl nur noch Liebhaber dieser Art von Musik kennen werden. Aber von Mondschlössern und Luftschlössern sprechen wir immer noch, und wir bauen selbst fleißig daran. Wer hätte sich noch nie ein kleines Luftschloß geleistet? Die Gegenwart wirkt oft bedrückend, die Zukunft trübe. Auf den Flügeln der Phantasie gelingt uns eine Flucht in eine rosigere Welt, wo wir ungestört unseren Wunschträumen nachhängen können. Nur haben Luftschlösser die unangenehme Eigenschaft, daß sie zerplatzen wie die sprichwörtliche Seifenblase, wenn sie mit der harten Realität zusammenstoßen.
Aber, so wäre jetzt kritisch weiter zu fragen, geht denn die Bibel so viel anders vor? Was sollen wir denn von dem halten, was uns in der Offenbarung des Johannes der Seher von seinen Visionen erzählt? Er sieht wie im Traum die Himmelsstadt von oben herabschweben. Er beschreibt sie in all ihrer überwältigenden Pracht: ein Material wie Edelstein, Engel als Wächter auf den Zinnen, eine wunderbare Ordnung mit zwölf symmetrisch angeordneten Toren, alles erleuchtet von nie versiegendem Licht. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, und die bohrende Frage bleibt: Ist es mehr als Phantasie?

Eine Beobachtung hilft uns einen Schritt weiter. Diese Beschreibung der Himmelsstadt steht am Schluß der ganzen Bibel. Sie entspricht in dieser Position dem Anfang, dem allerersten Kapitel des Buches Genesis mit dem Schöpfungsbericht. Dort war es so: Gott hat in das Chaos Ordnung gebracht und die Welt gebildet. Er hat die Finsternis in ihre Grenzen gewiesen und das Licht erschaffen. Dieses schöpferische Handeln Gottes kommt aber erst in der Endzeit restlos an sein Ziel. Jetzt bedarf es z.B. auch dieser Lichter, der Sonne und des Mondes, nicht mehr, weil alle Macht der Finsternis endgültig besiegt ist. Von nun an gibt es keine Nacht mehr, heißt es wenig später im Text, während der Schöpfungsbericht durchaus noch den regelmäßigen Rhythmus von Tag und Nacht vorsieht. Zwischen Anfang und Ende erstreckt sich eine lange, lange Geschichte, angefüllt mit Wirren und Katastrophen und Kriegen und Schuld. Um das zu sehen, brauchen wir nur in der Bibel zu blättern oder die eigene nähere und fernere Vergangenheit zu bedenken. Aber das alles bleibt doch eingespannt in die Klammer an den beiden Eckpunkten Anfang und Ende: Gottes Handeln umfaßt den ganzen Lauf der Welt. Er will und er wird ihre Wege zum Guten lenken.

Beachten wir auch dies: „Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt“, so der Verfasser der Johannesoffenbarung. Wir können auch sagen: Eine Kirche, ein Dom, eine Kathedrale ist nicht mehr vorgesehen. Wieso das? Wird hier die Kirche nicht mehr im Dorf gelassen? Nun, das Haus aus Stein ist zwar die Wohnstatt Gottes in der Menschenwelt. Aber das wird in jener Zukunft nicht mehr notwendig sein. Es wird eine andere Form der Anwesenheit Gottes geben, viel umfassender und viel direkter, als wir zu erträumen wagen. Die ganze Stadt, der ganze Wohnraum der Menschen, ist zum Gotteshaus geworden. Immer und überall werden die Menschen ihm begegnen und in direkter Kommunikation mit ihm stehen.
Noch einmal: Bleibt das nicht trotz allem reine Vertröstung auf eine ferne Zukunft und insofern wenig hilfreich für die eigene Gegenwart? Darauf zwei Versuche einer Antwort aus den Texten heraus.
Erstens: Es fällt auf, daß die Namen der zwölf Apostel auf den Fundamenten der Gottesstadt verzeichnet stehen. Auch die Kirche ist ihrem Selbstverständnis nach auf dieses Fundament gegründet. Das heißt, daß es bei all dem immer auch um die Kirche geht, und zwar um die Kirche, wie wir sie erleben. Sie wird mit ihrem vollkommenen Zukunftsbild konfrontiert, dies aber so, daß die Zukunft bereits in die Gegenwart hineinreicht. Manchmal blitzt in ihrem Leben hier und jetzt schon etwas von der Herrlichkeit Gottes auf.
Zweitens: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinen Worten festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“. Ein außerordentlich kühnes Wort aus dem Johannesevangelium, aber so steht es da. Und mit diesem Wort greift die Zukunft schon in unsere Gegenwart hinein.

Gott bei den Menschen, Gott in den Menschen. Gott in mir. Lassen wir das ruhig einmal in uns einwirken: Gott lebt in mir, er ist mir innerlicher als ich mir selbst. Das ist das Heil. Das ist die Mitte unseres Glaubens. Da beginnt schon Auferstehung mitten im alten Leben, das noch vom Tod bedroht ist. Da geht es nicht zuerst um das Fürwahrhalten von irgendwelchen Geschehnissen damals oder von festen Glaubenssätzen, nicht um Pflichterfüllung und Gebot. Glaube ist zuallererst die Begegnung zwischen Personen, wie sie nur in der Liebe geschehen kann.
Wer einen anderen wirklich liebt, der weiß, daß er mit ihm noch nicht bis ans Ende gelangt ist. Liebe ist ein ständiges Abenteuer, das immer noch für Überraschungen gut ist. Liebe ist nicht fertig mit dem anderen, sondern mit ihm unterwegs. So sind wir auch mit Gott unterwegs, und er mit uns. Wir wissen nicht über ihn Bescheid – und brauchen das auch nicht. Die Liebe kann manche Fragen offen lassen, sie hat einen langen Atem. Wir wissen nicht über Gott Bescheid, aber wir haben Erfahrungen mit ihm gemacht. Deswegen sind wir hier. Wir wollen uns aufs Neue seiner Nähe unter uns vergewissern, um dann getrost und mutig in die kommende Woche zu gehen. Gott nimmt Wohnung bei uns, und er bleibt bei uns, wenn wir ihm nicht kündigen.

Dann ist da noch das Wort vom Beistand, dem Hl. Geist. Es gibt ja manche unter uns, die in ihrem Glauben durch die Entwicklungen der letzten Jahre, durch die Auseinandersetzungen in der Kirche verunsichert worden sind. Früher, da war alles klar und sicher, so sagt man, da wußte man, woran man war. Die neue Unsicherheit spiegelt sich auch in manchen Leserbriefen unserer Kirchenzeitungen. Gläubige sehnen sich zurück nach der klaren Weisung des Papstes und des Lehramtes und verurteilen die innerkichlichen Kritiker als Widersacher, die alles in Unordnung bringen.
Für mich ist dies schon eine Frage an den Glauben aber nicht so sehr an feste Glaubenssätze als vielmehr an das Wirken des Heiligen Geistes, der nicht aufgehört hat, die Jüngerschaft Jesu zu lehren und auf den rechten Weg zu bringen. Ich glaube nicht nur an Gottes Geist gestern und vorgestern, sondern auch heute und morgen. Ich sehe da nicht ein Schwächerwerden des Glaubens, sondern eine neue Chance zu glauben. Uns wird heute deutlicher, daß der Glaube nicht das selbstverständliche Produkt von Erziehung, Schule und Familie ist, sondern meine eigene Glaubensentscheidung. Gott nimmt Wohnung bei mir. Er wohnt durch den Geist in meinem Inneren. Das ist der letzte Grund meines Glaubens.

Wenn es für die Kirche gilt, daß der Geist Gottes sie durch Aufregung und heftige Auseinandersetzungen hindurch zu neuen Ufern führt, dann darf ich ihm das auch für mein eigenes Leben, für meinen Glauben zutrauen. Alle Erfahrungen meines Lebens, die guten und die dunklen, können mich die Nähe Gottes, sein Wohnen in mir, in neuem Licht erscheinen lassen, wenn auch oft erst im Rückblick auf eine längere Entwicklung. Im Augenblick der Krise scheint er weit weg. Erst hinterher erkenne ich, daß er mitten darin war.

So können wir denn auch in den Krisen und Auseinandersetzungen unserer Tage getrost auf dem Weg bleiben und dem Geist zutrauen, daß er auch uns und die alte Kirche wieder jung macht und noch tiefer in die Wahrheit Jesu einführt. Denn über unserem ganzen Lebens- und Glaubensweg und über dem ganzen Weg der Kirche bis zur Vollendung steht das österliche Wort der Verheißung: Wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Amen.

5. Sonntag in der Osterzeit, Jo13, 31-35

Ein kleines Mädchen und seine Mutter besuchten die Kirche. Das Kind fragte: „Mama, wohnt hier der liebe Gott?“ Die Mutter: „Was denkst du?“ Darauf das Kind: „Der Opa hat gesagt, Gott ist da in dem Kästchen“ – das Kind zeigt auf den Tabernakel – „wo das heilige Brot aufgehoben wird, aber ich glaub´ nicht, dass der liebe Gott sich so einsperren läßt.“
Ich denke, wach und lebendig hat das Kind erfaßt, dass hier ein grobes Mißverständnis besteht zwischen der Andersartigkeit und Größe Gottes und der Tendenz des Menschen, Gott an bestimmten Punkten festmachen zu wollen. Bleiben wir bei der Frage des Kindes und werfen wir einen Blick in die Tradition: bereits im Alten Testament finden wir eine große Spannung. Gott wohnt nicht im Tempel, und die Himmel der Himmel fassen ihn nicht. Die Israeliten bereiteten auf ihrem Wüstenzug für Gott einen eigenen Bereich mitten unter ihren eigenen Wohnstätten: das Bundeszelt. Wir sind heute mit Zelten vertraut, aber das Zelten ist nicht als eine bloße Urlaubsromantik zu verstehen. Gott wird begriffen als einer, der mit seinem Volk mitzieht, Gott wird begriffen als ein Gott der Offenheit, denn ein Zelt ist häufig nach allen Seiten geöffnet, um belebenden Wind hineinzulassen. So findet sich Offenheit als zentrale Kategorie Gottes mit veränderter Akzentuierung auch im Neuen Testament. Gott wohnt in den Herzen derer, die ihn lieben, und der Mensch Jesus ist die Stätte der Gegenwart Gottes schlechthin.
In diesem Zusammenhang muß die Vision von der neuen Stadt Jerusalem gesehen werden. Johannes beschreibt mit ihr die Erneuerung der ganzen Schöpfung. Und mittendrin, in ihrer Mitte wird Gott sein. Die Mitte: das, was alles zusammenhält, das, was die Verbindung zwischen den einzelnen Orten und Menschen ausmacht. Nun kann es zu einer ganz unmittelbaren und innigen Beziehung zwischen Gott und Mensch kommen.
Was kennzeichnet Gottes Anwesenheit? Es ist die Befreiung von allen menschlichen Leiderfahrungen: kein Tod, keine Klage, keine Trauert und keine Mühsal – mit diesen Worten kommt Gott selbst bei Johannes zu Wort.
Dieses Bild, die Beschreibung eines zärtlich-mütterlichen Gottes, der keine Träne ungetröstet und ungetrocknet läßt spricht uns unmittelbar an. Aber, so könnten sie mich fragen, entspricht das unserer Erfahrung? Natürlich, es ist ein Bild der Zukunft. Es ist der Blick in eine Zukunft, die Gott dem Menschen schenkt. Wenn wir dagegen unsere eigenen Zukunftsbilder und Zukunftshoffnungen anschauen, dann entdecken wir ihn unserer Zukunft doch etwas, was auch mit unserer eigenen Planung zusammenhängt, mit einer Planung, die nicht immer aufgeht. Zu oft spielen uns die verschiedenen Ereignisse unseres Lebens einen Streich, machen uns einen Strich durch die Rechnung: eine plötzliche Krankheit oder der Tod; die Kinder entwickeln sich ganz anders als erwartet; das angehäufte Geld macht einen doch nicht glücklich; und jeder bekommt es früher oder später zu spüren: Trotz aller Anstrengung bleibt die Zukunft wie ein weites, unbekanntes Land und ein Buch mit sieben Siegeln.
Ist das, was Johannes da in seiner Vision sagt nicht zu schön um wahr zu sein? Was berechtigt Johannes zu solchen Hoffnungen, zu solchen Träumen?
Den kleinen Gemeinden in Kleinasien auf der Schwelle zum 2. Jahrhundert ging es im Gegensatz zu uns heute alles andere als gut. Während bei uns die Glaubensfreiheit staatlich garantiert ist, mußten damals die Gemeinden Verfolgungen erleiden, die ungeheure Dimensionen erreichten.
Erntet man bei uns für seinen Glauben schlimmstenfalls ein müdes Lächeln, bedeutete damals das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Herrn den sicheren Tod. Denn der einzige Herr zu sein, das beanspruchte ebenso auch der Kaiser für sich, und wehe dem, der diesem Anspruch nicht genügte.
Heute kennen viele von uns monate – und jahrelanges Leiden und Weinen, andauernde Verfolgung und drückende Armut in der Regel nur aus dem Fernsehen. Die Christen damals litten wirklich und augenblicklich, weil sie um keinen Preis ihren Glauben aufgeben wollten, selbst um den Preis des Lebens nicht.
Es sind also Menschen, für die die Gegenwart mehr als trostlos ist, ohne Perspektive, die Schlimmes ertragen haben und damit rechnen können, noch Schlimmeres erleben zu müssen. Für sie ist Zukunft nicht mehr das, was sie beeinflussen, geschweige denn gestalten können. Ihre einzige Hoffnung: Die Zukunft liegt ganz und gar in Gottes Hand, ist ausschließlich sein Geschenk, seine Verheißung, sein Heil.
Was habe Johannes und seine Gemeinde uns zu sagen? Fragen wir aber auch: Was wollen sie uns nicht sagen?
Ich meine: Johannes will uns nicht sagen: Legt die Hände in den Schoß, Gott wird es schon machen. Seiner Gemeinde waren die Hände gebunden, uns sind sie es nicht, im Gegenteil. Ich meine, was Johannes uns sagen will, sind vor allem zwei Dinge. Das eine: Eure Zukunft liegt nicht nur in eurer Hand. Denkt daran: Trotz allen Planens und Vorsorgens kann es so weit kommen, dass alles Leben dunkel und ohne jede Aussicht ist. Denkt daran, dass eure Möglichkeiten begrenzt sind. Aber dann vertraut darauf: Unser Gott wird stärker sein, er wird am Ende das letzte Wort haben.
Allerdings: Noch haben wir seine Kraft und seine Macht nicht ganz erkannt, noch scheint er sich verborgen zu halten, noch sind anscheinend die Mächte des Untergangs und des Todes stärker, aber das wird nicht so bleiben. Euer Gott ist ein Gott der Zukunft. Das heißt auch: Er ist der einzige, der euch wirklich Zukunft verheißen kann – nicht aber eure Versicherungen, eure krisenfesten Pläne, eure selbstgemachten Vorkehrungen. Denn, ob einer diesem Gott wirklich traut, das wird auch sichtbar daran, dass er frei vom Zwang ist, dem sterblichen Leben Ewigkeiten abtrotzen zu müssen; unmögliche Ewigkeiten an Glück, Jugend, Wachstum, Fortschritt und Wohlstand.
Dann gibt es noch einen zweiten Gedanken: Traut euren Hoffnungen und Träumen, auch wenn es gegen jede Vernunft ist, ja sogar dann, wenn die Gegenwart überhaupt keinen Ansatzpunkt mehr für eine gute Zukunft bietet. Laßt euch von eurer Hoffnung nicht abbringen! Und das nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit, so wie man einem Todkranken aus Barmherzigkeit nicht jede Möglichkeit der Hoffnung nehmen will, auch wenn man selbst es doch viel besser zu wissen meint.
Nein, vielleicht ist sogar das Hoffen gegen alle Vernunft, das Vertrauen auf Gottes Macht gegen alle Ausweglosigkeit das untrüglichste Zeichen der verborgenen und doch durch nichts zu überbietenden Gegenwart Gottes. Denn er ist derjenige, wie Augustinus sagt, der „unser Herz unruhig gemacht hat“, und man darf ergänzen: gerade die Herzen derer, denen die Gegenwart überhaupt nichts mehr zu bieten hat und die nach menschlichem Ermessen keinen Ausweg mehr wissen. Er ist der Ursprung der menschlichen Sehnsucht, dass alles Erlittene, alles Dunkle nie ganz endgültig sein wird.
Um noch einmal zu unserer kleinen Begebenheit vom Anfang zurückzukommen. Gott möchte nicht eingesperrt bleiben in unserem Tabernakel. So nehmen wir ihn auch heraus, wenn wir zur hl. Kommunion gehen und nehmen ihn auf als Speise. Und so empfangen wir auch am Ende der Hl. Messe einen Sendungsauftrag. Und dieser Auftrag möchte uns sagen: Lebt so, dass die Menschen, denen ihr begegnet, etwas von diesem Gott spüren, von der Hoffnung, die er uns schenkt, von der Freude, die er uns gibt, mitten in allen Dunkelheiten unseres Lebens. Macht diesen Gott lebendig durch euer Leben hindurch, dass die Hoffnung die ihr habe auch auf die Menschen übergreift. Amen.

3. Sonntag in der Osterzeit, Jo 21, 1-19

In immer neuen Versionen wird uns in den Ostergeschichten der Evangelien der Auferstandene vorgestellt. So verschieden und widersprüchlich die einzelnen Erzählungen auch sein mögen, sie haben doch nur eine Absicht, zu erklären und zu bezeugen: Der gekreuzigte Jesus lebt in neuer, unvorstellbarer Lebensfülle. Auch das heutige Evangelium bietet uns einen Anschauungsunterricht „in Sachen Ostern“. Ich will drei österliche Aspekte herausgreifen:
Da ist zunächst die Begegnung mit dem Auferstandenen im Berufsalltag der Fischer. Was haben sie gemacht, die Jünger und Apostel nach der Auferstehung des Herrn. Zunächst sind sie wieder an ihre gewohnte Arbeit zurückgekehrt, an den See, zu ihren Booten und ihren Fischen. Jesus hatte sie noch im Ungewissen gelassen über das, was er mit ihnen vorhatte. Die Szene, die Johannes uns hier schildert hat große Ähnlichkeiten mit der Begebenheit als Jesus seine Jünger vor drei Jahren berufen hatte. Wieder einmal hatten sie eine Nacht vergeblich gearbeitet, nichts gefangen. Sie können Jesus, der am Ufer steht, nicht einmal etwas zum Essen anbieten. Und dann kommt der Auftrag: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus! Und als sie das Netz einholten, war es voll von Fischen. Und nun erinnert sich Johannes, das dieses Ereignis schon einmal geschehen war und er sagt zu den anderen: Es ist der Herr!
Denken wir da nicht auch ein wenig an unsere eigene Hilflosigkeit, an all die vergeblichen Stunden und Tage, in denen unsere Netze leer blieben, denken wir da nicht an all die Zeiten, wo wir versucht waren, alles aufzugeben, weil uns alles vergeblich schien. Und dann ist es das Erstaunliche, dass auch an unseren Ufern, an den Ufern der Vergeblichkeit, immer wieder der Herr steht. Oftmals ist er von uns nicht so einfach erkennbar. Es ist vielleicht ein Mensch, der uns Mut zuspricht oder unser Gebet, durch das uns wieder neuer Mut geschenkt wird. Es geht um eine Offenbarung, wie es Johannes am Anfang seiner Erzählung auch ausdrückt: Jesus offenbarte sich seinen Jüngern noch einmal, es war am See von Tiberias. Und Offenbarung ist ein Geschenk, wir dürfen mit diesem Geschenk rechnen, aber wir können es nicht berechnen. Worauf es ankommt ist, dass wir uns auf Gott einlassen, dass wir mit ihm rechnen, in allen Situationen unseres Lebens. Der Glaube schenkt mir ein Gespür, dass eine bestimmte Situation Anrufcharakter hat und dass der Auferstandene mich durch sie anspricht oder Er mir begegnet in einem unbekannten Jemand.
Der auferstandene Jesus lädt wie schon zu seinen Lebzeiten vor seinem Kreuzestod die Seinen ein zu einem Mahl. Seine Praxis hat sich nicht geändert. Die Siebenzahl der Jünger ist eine Zahl der Fülle und steht stellvertretend für die Unzähligen, die zum Ostermahl geladen sind, wie übrigens auch die Zahl 153 symbolisch zu stehen ist.

Und nun müssen wir uns ein wenig in Petrus hineindenken. Er war sich nicht sicher, was Jesus nun mit ihm anfangen würde; er hatte ihn immerhin dreimal verleugnet. Er wartet auf ein kleines Wort von ihm, auf ein Zeichen der Vergebung. Und da beginnt Jesus an ihn drei Fragen zu stellen. Drei gleiche Fragen: Simon Petrus, liebst du mich mehr als diese? Vor der Gefangennahme Jesu hatte sich Petrus ja gleichsam über die anderen Jünger gestellt: „Wenn auch alle an dir irre werden, ich nicht!“ Nun ist er mit seiner Antwort ein wenig bescheidener geworden: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe!“ Vielleicht hat sich Petrus einen Tadel erwartet, wie wir es getan hätten, so ein wenig mit dem erhobenen Zeigefinger: Du hast große Worte gebraucht und im entscheidenden Augenblick bist du doch schwach geworden, du hast dich übernommen, Petrus! Aber nichts von alledem. Jesus verzeiht in einer Art und Weise, die zwar die Verfehlung wieder gut machen lässt aber in keiner Weise beschämt.
Und Petrus hat etwas gelernt, etwas, das auch wir immer wieder zu lernen hätten: dass wir die eigenen Schwächen und Unfähigkeiten, ja selbst die eigenen Fehler aufgehoben wissen in der mächtigen Hand Gottes. Es kommt auf das Miteinander an, dass wir uns mit Gott so stark verbunden wissen, dass uns unsere eigene Unfähigkeit und Schwäche nicht mehr allzu sehr niederdrückt, ja dass selbst unsere Fehler uns nicht mehr so belasten dürfen, dass wir deswegen die große Liebe Gottes vergessen und seine Bereitschaft an unserer Seite zu bleiben.
Und dann spricht Jesus zum Schluss das bedeutsame Wort: „Folge mir nach! Und dieses Wort gilt auch für jeden von uns. Wir wissen, dass unsere Nachfolge dort ihr Ziel hat, wohin Jesus uns vorausgegangen ist, um auch uns an seiner Seite eine Wohnung zu bereiten. Der Weg dorthin wird dem seinen ähnlich sein, er geht auch für uns durch Kreuz und Leiden hindurch, durch Misserfolg und Trostlosigkeit, auch mitunter durch Zweifel. Aber wir sollen überall, wo wir hinkommen und dort wo wir leben die Botschaft von der Auferstehung verkünden, die Kunde vom Sohn Gottes, der weiterhin lebendig unter uns weilt und jedem von uns an der Seite steht.

Zweitrangige Fragen verdecken heute das Christuszeugnis und die Christenverkündigung, und untereinander geht es auch nicht immer sehr christlich zu; Polarisierung nennen wir das. Wir können nicht so tun, als gäbe es keine Konflikte; aber wir dürfen den Blick nicht verlieren für das Wesentliche: Gottes Willen zu suchen und in Liebe zu tun. Wer die Liebe verletzt, kann sich nicht auf Jesus Christus berufen. Vielleicht auch sollten wir immer wieder und erneut über das nachdenken, was wesentlich für die Kirche ist, denn die Kirche kann nicht von oben und durch Gesetze reformiert werden; Reform der Kirche geschieht durch Bezeugung des Glaubens und durch das Wirken des Geistes; nur darin erweist sich schlussendlich, was gottgewollt, was göttlich – und damit einzig letztverbindlich – ist an dieser Gemeinschaft.
Um das zu erkennen und erfahren, braucht es Mut, Vertrauen auf diesen Geist Gottes, Geduld und Gelassenheit. Im Zuge des Petrusverhörs vor dem Hohen Rat formuliert es ein Ratsherr so: Wenn etwas von Menschen stammt, wird es vergehen; stammt es aber von Gott, so kann es nicht unterbunden werden. Amen.

2. Sonntag in der Osterzeit, Jo 20, 19-31

Armer Thomas, was haben wir mit dir gemacht? Für ganze Generationen von Christen hast du als schlechtes Beispiel des Zweifels herhalten müssen, damit wir mit dem Finger auf dich zeigen konnten. Schau an, dieser da, der hat gezweifelt, und zwar wie! Er hat den Herrn versucht, er war nicht zufrieden damit, dass der Herr auferstanden ist, dass er lebt und sich seinen Freunden gezeigt hat. Nein, Thomas ist unverschämt. Er sagt, er kann nur glauben, wenn er seine Hände in die Wunden des Herrn legen kann.
Er hat es nicht miterlebt, als der Herr durch die verschlossenen Türen kam und plötzlich vor den erstaunten Jüngern stand. Er war einer von den Zwölf, gehörte also zum inneren Kreis. Da kann man schon fragen: Wieso war er nicht dabei? War seine Betroffenheit über den Tod Jesu so groß, dass er sich einfach von der Gemeinschaft distanziert hat? Wir kennen diese Situation ja alle aus unserer eigenen Erfahrung: Wenn uns ein besonderes Leid trifft, dann wollen wir einfach für uns allein sein, dann verkriechen wir uns in die Isolation.
Was hat Thomas gewollt? Er hat den Auferstandenen berühren wollen, um glauben zu können.
Nein, er hat viel mehr gewollt – er hat Gott berühren wollen.
Das wäre doch eine feine Sache, Gott berühren zu können. Berührung ist einfach etwas ganz anderes als das Sehen oder das Denken über etwas oder das Hören. Im Berühren nähern wir uns einer Sache ganz anders. Wir nähern uns auch einem Menschen ganz anders. Das wird dann deutlich, wenn wir uns einem Menschen besonders verbunden zeigen wollen. Dann wollen wir ihn berühren, wollen ihn umarmen. Die Berührung ist für unser Leben etwas Wichtiges. Nicht umsonst sagen wir, wenn wir etwas verstanden haben, wir hätten es „begriffen“. Ich habe „Begriffen“, was du mir gesagt hast. Begreifen ist noch mehr als Verstehen.
Beim kleinen Kind können wir beobachten, wie wichtig das Be-Greifen fürs Begreifen ist. Die Dinge werden in die Hände genommen, zum Mund geführt, rundherum abgelutscht, weggeworfen, noch einmal in die andere Hand genommen. Das kleine Kind macht hier etwas Ähnliches wie wir, wenn wir etwas verstehen wollen; dann müssen wir es von verschiedenen Seiten her abtasten, und sei es auch nur in der Vorstellung. Welcher Beliebtheit erfreuen sich Wühltische in Kaufhäusern, in denen man die Waren auch einmal mit den Händen berühren kann.
Nun, Thomas will nicht nur sehen, ihm geht es um mehr. Das müssen wir uns einmal genauer ansehen. Sind nicht die anderen Jünger, denen sich der Auferstandene zeigt, merkwürdig verschwommen geschildert im Vergleich zu Thomas? Von den anderen wird kein Name genannt. Und dann tritt Thomas in den Vordergrund und zwar mit einer scheinbar unverschämten Forderung, und er wird ganz lebendig geschildert. Er stellt eine Bedingung für seinen Glauben; er will nicht auf das erstbeste Trugbild hereinfallen, nein, er will seinen Meister berühren.
Wenn ich mir vorstelle, was sich Thomas mit diesen Worten wünscht, klingt es für mich immer, als wollte er Jesus noch einmal wehtun. Statt die Wunden heilen zu lassen, will er daran rühren. Schlimm genug, dass er den anderen nicht glaubt. Er äußert ja, dass er Jesus nicht einmal glaubt, wenn er vor ihm steht. Er will ihn berühren, auf die Gefahr hin, dass die Wunden noch einmal aufplatzen.
Jesus hat oft den Unglauben seiner Jünger getadelt und beklagt. Was wird jetzt passieren? Wir wissen es: Jesus kommt Thomas im wahrsten Sinn des Wortes entgegen. Er erscheint den Jüngern noch einmal, und es wird von dieser Begegnung sonst nichts berichtet, als dass Jesus dem Thomas anbietet, ihn so zu berühren, wie es Thomas vorher gefordert hatte. Keine Verurteilung des ungläubigen Thomas. Kein Vorwurf.
Wir sind nicht in der glücklichen Lage, Jesus berühren zu können. Für uns gilt immer noch das Wort Jesu, das er zu Thomas sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Aber es sind uns dennoch Berührungen Jesu möglich. Ein anderes Wort des Herrn führt uns da ein wenig weiter, wenn er sagt: „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr an mir getan.“ Wir können unseren Gott berühren, jeden Tag, ganz einfach. Wir können das in unserer Umgebung tun, immer dann, wenn wir eine Wunde tatsächlich berühren und betasten; wir können das tun, indem wir uns einem Menschen zuwenden, seine Not wahrnehmen und nicht einfach darüber hinwegsehen. Wenn wir das getan haben, dann haben wir Gott berührt.
Vielleicht klingt das ein wenig harmlos und wenig zufrieden stellend. Aber möchte uns Jesus nicht sagen, dass es in unserem religiösen Leben nicht nur darauf ankommt, in frommen Erinnerungen am Leben Jesu uns zu ergehen, sondern dass wir wissen, dass uns nahe ist, und das nicht nur in seiner Gegenwart als Auferstandener, nicht nur durch seine Gegenwart im Sakrament, sondern auch in den vielen verletzten Menschen unserer Tage. Wenn Thomas die Wunden Jesu sehen wollte und nicht nur das, sie auch berühren wollten, die Wunden eines Gottes, der sich für uns verletzen ließ, so sehen wir auch heute die vielen Wunden von Menschen, die doch den Leib der Kirche bilden, seinen Leib, den Leib des Auferstandenen. Als Auferstandener hat Jesus seine Wunden behalten als sichtbares Zeichen seiner Verletzlichkeit, seiner Liebe zu uns Menschen. Wir haben keinen Gott, der wie die anderen Götter ist, keinen Gott, der unbeteiligt und uninteressiert ist am Los der Menschen. Wir haben keinen Gott, den wir bequem verehren können; ab und zu ein kleines Opfer und es ist in Ordnung. Wir haben keinen Gott, der uns in Ruhe lässt und den wir in Ruhe lassen. Wir haben vielmehr einen Gott, der uns in Jesus ein menschliches Antlitz zeigt und der uns darauf aufmerksam macht, dass jeder Mensch die Spuren Gottes in seinem Antlitz trägt, mag dieses Antlitz auch entstellt sein und unansehnlich. Vielleicht wäre unsere Zuwendung zu den verwundeten Menschen unserer Tage der Schlüssel, der auch uns den Glauben vermitteln könnte.
Gott ist in der Wirklichkeit unseres Lebens zu finden, unter allen Dingen, die wir berühren und begreifen können!
Es war einmal eine gläubige und fromme Frau, die Gott liebte. Jeden Morgen ging sie in die Kirche. Unterwegs riefen ihr die Kinder zu, Bettler sprachen sie an, aber sie war so in sich versunken, dass sie nichts wahrnahm.
Eines Tages ging sie wie immer die Straße hinab und erreichte gerade rechtzeitig zum Gottesdienst die Kirche. Sie drückte an der Tür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Sie versuchte es heftiger und fand die Tür verschossen.
Der Gedanke, dass sie zum ersten Mal in all den Jahren den Gottesdienst versäumen würde, bedrückte sie. Ratlos blickte sie auf und sah genau vor ihrem Gesicht einen Zettel an der Tür.
Darauf stand: „Ich bin hier draußen!“

Ostersonntag

In der Dunkelheit der Nacht kam Maria von Magdala zum Grab Jesu. Was wollte sie dort? Die Nähe des geliebten Herrn suchen, ihre Traurigkeit dort ausweinen, dort, wo man ihn bestattet hatte. Aber es war nicht nur die Dunkelheit der Nacht, auch in ihrem Herzen war es dunkel, denn ihr war auf grausame Weise etwas genommen worden, was ihrem Leben Sinn gegeben hatte, was ihrem Leben eine neue Wendung gegeben hatte.
Und wir kennen alle die Gefühle und Ängste der Dunkelheit, denn diese gibt es auch immer wieder im eigenen Leben: die persönlichen Dunkelheiten und Ängste, wenn hin und wieder aller Trost schwindet und wir uns allein gelassen wähnen Dazu kommen noch all die Ängste von denen heutzutage die ganze Welt bedroht ist: der um sich greifende Terror, die Brutalität mit der Menschen mit ihresgleichen umgehen.
Eine Frau allein vor dem Grab Jesu. Wo waren seine Jünger? Wo waren die, die beim Einzug Jesu in Jerusalem sich noch so eng um ihn geschart hatten? Wir wissen es – sie hatten sich eingeschlossen aus lauter Angst, dass sie auch das Schicksal Jesu ereilen könnte. Sie gingen nicht zum Grab, weil sie hinter all ihrer Enttäuschung die Türe zugeworfen hatten. Ihre Hoffnung auf ein messianisches Reich, von dem sie immer wieder geträumt hatten, war zerstört. Drei Jahre der Pilgerschaft mit Jesus waren erfolglos gewesen. Sie waren einer Täuschung aufgesessen. An eine Auferstehung dachten sie nicht. Das Wort Jesu, das er bei seiner Leidensankündigung gesagt hatte, dass er auferstehen werde, das war aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht, so furchtbar waren die Eindrücke des Todes Jesu für sie gewesen.
Eine Frau, Maria von Magdala, kauert vor dem Grab und weint und durch ihren tränenverschleierten Blick bemerkt sie plötzlich, dass der Stein nicht mehr vor dem Grabe war. Ihr erster Gedanke: man hat ihn weggenommen, man hat ihn woanders hingelegt. Aber wer sollte denn so etwas tun? Sie geht nicht ins Grab hinein sondern rennt zu Simon Petrus und berichtet ihm das Geschehene. Und dann gibt es einen wahren Wettlauf zum Grab, Petrus und der Jünger, dem Jesus besonders zugetan war, Johannes, liefen zum Grab, um zu sehen, was dort geschehen war. Und sie müssen feststellen: Jesus wurde nicht an einen anderen Ort gelegt. Dort liegen ja die Leinenbinden und das Schweißtuch, mit dem der Kopf Jesu bedeckt war. Das Schweißtuch ist sogar zusammengelegt.
Da hat sich etwas Wunderbares und Außergewöhnliches ereignet. Von Johannes wird gesagt: „Er sah und glaubte.“ Er glaubte daran, dass Jesus auferstanden, wieder lebendig ist. Johannes sieht es vor sich: Jesus hat die Zeichen des Todes, die Tücher, mit denen er eingewickelt war, gleichsam von sich geworfen. Das Leben hat über den Tod gesiegt.
Ist es nicht tröstlich, dass da nichts steht von Freude und Jubel, nicht von einer Begegnung mit dem Herrn, sondern nur von Schrecken, Enttäuschung, Ratlosigkeit und Verzweiflung angesichts des leeren Grabes? Erst im letzten Satz klingt ganz leise der beginnende Glaube des Johannes an.
Auferstehung, das ist für Maria Magdalena und die Jünger etwas so Neues, so Unerwartetes, Unerhörtes, dass sie lange brauchen, um zu verstehen. Und die Begegnung mit dem Auferstandenen lässt noch auf sich warten, aber sie wird ihnen zuteil werden, sowohl Maria von Magdala als auch den Jüngern als diese wieder heimkehren wollten zu ihrer gewohnten Arbeitsstätte. Da ist er den Jüngern von Emmaus begegnet, da hat er mit ihnen gegessen und letztlich all ihre Zweifel behoben. Wie tröstlich für uns, dass sie so mühsam von der Auferstehung des Herrn zu überzeugen waren und davon dass er lebte und unter ihnen gegenwärtig war.
Auch wir stehen immer wieder vor leeren Gräbern, schockiert und weinend, weil wir meinen, es sei alles aus, sei alles ohne Sinn. Wer hat nicht schon einmal solche Gedanken der Hoffnungslosigkeit mit sich herumgetragen? Sogar deutliche Zeichen der Auferstehung können missverstanden werden von dem, der sich zu sehr in Hoffnungslosigkeit und eigene Vorstellungen verbohrt hat. Wir sind heute, 2000 Jahre nach jenem ersten Osterfest, nicht klüger als Maria von Magdala und die Jünger Jesu. Wie ihnen muss auch uns erst der Auferstandene selbst begegnen und uns die Augen öffnen für die Hoffnungszeichen Gottes, damit wir glauben und verstehen können.
Der Stein vor dem Grab steht zunächst nicht für etwas Positives. Er wirkt massiv und endgültig. Jesus ist gestorben und begraben worden. Ein schwerer Stein verschließt das Grab. Am Ostermorgen aber wird diese Endgültigkeit aufgebrochen. Der Stein ist weggewälzt, der Weg zum Leben geöffnet. Steine sind Symbole für Lebloses, Totes und Schweres, mit ihnen verschließt man Gräber. Der Stein des Ostermorgens aber zeigt das Gegenteil. Er wurde bewegt, wurde entfernt. Die harte, leblose Masse, ein Bild für die Schuld der Menschen, konnte den Herrn des Lebens nicht halten. Seine Auferstehung nimmt zwar dem Stein nicht die Härte, der Tod ist auch weiterhin Realität, mit der wir rechnen müssen, sie zeigt aber, der Stein ist beweglich. Christus hat den Stein des Todes weggewälzt und der Menschheit den Weg zum ewigen Leben geöffnet.
Nebenbei ist es immerhin interessant, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, an eine Auferstehung so tief in der menschlichen Existenz verwurzelt ist, dass dieser Glaube und die damit verbundene Hoffnung den Menschen durch seine ganze Geschichte hindurch nicht verlassen hat.
Heute ist Ostern. Sollen wir nun mitjubeln, auch wenn es uns nicht danach zumute ist? Vielleicht wird es uns wenigstens leise, anfangshaft möglich, wenn wir uns bemühen, unsere eigenen Zweifel und Vorstellungen loszulassen und aufmerksam zu werden auf die leeren Gräber, die es auch in unserem eigenen Leben gibt. Wir können versuchen, sie mit den Augen des Johannes zu sehen und zu glauben, dass sie Zeichen Got6tes für den Anbruch neuen Lebens sind. Es wird nicht immer einfach sein – aber ich kann ihnen versichern, es ist lohnend, sich auf diesen wahrhaft österlichen Weg zu machen! Viele dunkle Stunden unseres Lebens werden dann einen Schimmer vom Osterlicht erhalten, und wir werden, ob wir es wissen oder nicht, zu Zeugen des Auferstehungsglaubens: weniger durch Worte als durch unser Sein; dadurch, dass wir den Glauben und die Zuversicht bewahren, wo andere verzweifeln.
In diesem Sinne möchte ich ihnen allen ein gesegnetes Osterfest wünschen!

5. Fastensonntag

Die Erzählung von der Ehebrecherin gehört zu den Höhepunkten des Evangeliums, zeigt sie uns doch in eindringlicher Weise, um was es Jesus in seiner gesamten Verkündigung ging. Er kam, um uns eine Eigenschaft Gottes zu offenbaren, die die Menschen vorher nicht so kannten: die Liebe Gottes. Sie ist nicht nur eine Eigenschaft Gottes, sie ist sein innerstes Wesen. Sie ist das Tiefste und Größte und Umfassendste, das wir von Gott sagen können: Gott ist die Liebe.
Vergegenwärtigen wir uns die Szenerie des Geschehens aus dem Evangelium und schauen wir auf die Personen im Zentrum des Geschehens.
Da sind zunächst die Schriftgelehrten und Pharisäer, die sich als religiöse Führer des Volkes verstehen. Sie sehen ihr Verhalten als reine Pflichterfüllung an. Wer die Ehe bricht, bricht den Bund Gottes mit seinem Volk; er hat sein Leben verwirkt. So sind sie gelehrt worden, und diese Lehre vertreten sie voller Überzeugung. Sie wissen das mosaische Gesetz auf ihrer Seite; da bleibt kein Raum für Fragen etwa nach den persönlichen Lebensumständen der Betroffenen oder für Zweifel, ob es denn gerecht ist, lediglich die Frau des Ehebruchs zu beschuldigen und nicht auch den Mann. Nach ihrem Verständnis obliegt die eheliche Treue nur der Frau, die durch die Eheschließung Eigentum des Mannes geworden ist.
Der Mensch, die Frau, die sie auf frischer Tat ertappt haben, steht für sie nicht wirklich im Mittelpunkt, auch wenn sie sie in die Mittel stellen und sich selber um sie herum platzieren, eine Wand um sie bauen. Nein, es geht ihnen um diesen Jesus und um seine Reaktion. „Moses hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?“ Ganz klar handelt es sich hier um eine Fangfrage. Sie wollen Jesus auf die Probe stellen. Ihrer Meinung nach gibt es nur zwei Möglichkeiten, die Jesus so oder so entlarven würden: Entweder er gibt eine strenge Antwort, dann ist seine angebliche Menschenfreundlichkeit und Güte, wegen der er von so vielen gepriesen wird als bloßer äußerer Schein offengelegt. Oder er bringt eine liberale, eine weiche Antwort, dann verstößt er gegen das Gesetz und erweist sich als nicht genug fromm.
Doch die Pharisäer und Schriftgelehrten können Jesus nicht verunsichern. Im Gegenteil: Er nimmt ihnen ihre fragwürdige Sicherheit. Schon seine Gelassenheit, sich in dieser brenzlichen Situation einfach hinzubücken und mit den Fingern in den Sand zu schreiben! Und dann erst seine Antwort auf ihr hartnäckiges Nachhaken! Auf dem Hintergrund des Brauches, dass im Falle der Vollstreckung eines Todesurteils durch Steinigung die ersten zeugen auch den ersten Stein zu werfen hatten, spricht er in souveräner Weise ein Wort, das sie im Innersten trifft: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Dieser Satz lässt sie unruhig werden: Bei allem Streben nach einem wirklich frommen leben, wer kann schon von sich sagen, dass er ganz ohne Schuld ist? Mit der schwindenden Selbstsicherheit bricht auch die Mauer ein, die sie um die Frau aufgebaut haben. Einer nach dem anderen geht fort, nachdenklich, womöglich innerlich aufgewühlt oder auch verärgert, dass sie den kürzeren gezogen haben.
Vom Hl. Augustinus stammt die treffende Aussage: „Übrig bleiben die zwei, die Erbarmenswerte und die Barmherzigkeit“ Die Erbarmenswerte, das ist die Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war. Wie mag ihr zumute gewesen sein, öffentlich bloßgestellt, einsam unter Männern, die sie mitleidslos anklagen? Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr diese Situation, bei aller Einsicht in ihre persönliche Schuld, schwer zu schaffen machte. Sehr klein, wie ein Nichts kam sie sich wohl vor angesichts steinharter Mienen und eisiger Blicke, die sie trafen. Es gibt ja solche Blicke, die einen anderen anspucken, auch wenn der Mund verschlossen bleibt.
Doch nun, wo sie allein mit diesem Jesus zurückbleibt, trifft sie sein Blick, der so ganz anders ist. Sein Blick berührt sie auf eine seltsam wohltuende Weise. Er sagt ihr: Frau, es geht um dich. Gott geht es um dich, nicht um die Erfüllung starrer Gesetze!
Die Ehebrecherin hatte wahrscheinlich erwartet, dass sie von Jesus zur Sache befragt, ihr ein Schuldgeständnis abverlangt würde. Doch nichts davon geschieht. Jesus stellt die Schuldfrage gar nicht. Er fragt nur: Hat dich keiner verurteilt?“ Man spürt förmlich die Erleichterung der Frau, als sie antwortet: „Keiner, Herr.“ Zugleich aber schwingt in dieser Antwort ihr tastendes, ängstliches, jedoch stummes Forschen nach seiner Reaktion mit: Und du, Herr, was sagst du zu mir?
Jesus befreit sie aus ihrer Angst und Not mit seinem vollmächtigen Wort der Sündenvergebung: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh, und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Leider berichtet der Evangelist nichts darüber, wie die Frau sich weiter verhält; aber sicher ist, dass ihr in diesem Augenblick einer Last von der Seele fällt, dass da ein Platz entsteht für ein völlig neues Lebensgefühl.
Wie verhalten wir uns, wenn wir einander anklagen. Das geschieht doch auch immer wieder. Während wir von uns selber immer wieder behaupten, wir hätten uns nichts vorzuwerfen, gehen wir oft sehr hart mit den Fehlern anderer ins Gericht. Für das eigene Versagen gibt es immer wieder eine Menge Entschuldigungsgründe: die eigene Veranlagung, die Umstände, bei anderen Menschen lassen wir das aber nicht so leicht gelten. Ja es macht sich sogar ein gewisser Unschuldswahn fest dadurch dass wir Menschen überhaupt das zu leugnen anfangen, was Sünde ist und dann natürlich auf keiner Vergebung mehr bedürfen. Und diese Situation wiederum ist es, die uns seelisch krank macht. Es gibt viele Menschen, die seelisch krank sind, weil sie eine verborgene Schuld nicht bewältigen können, eine Schuld, die sie aber belastet. Sie spüren, dass sie am Sinn des Lebens vorbeileben oder keinen Sinn mehr im Leben sehen oder in Ersatzbefriedigungen süchtig geworden sind. Es ist schon so, wie vor Jahren Bischof Stecher von Innsbruck es mit einem Gleichnis verdeutlichte: Wir alle produzieren Müll in dieser Wohlstandsgesellschaft, auch in unserem falschen Verhalten zu uns selbst, den Mitmenschen, der Welt und zutiefst Gott gegenüber. Es kommt darauf an, den Müll richtig zu entsorgen, auch den Müll unseres Versagens, unserer Sünde. Keine Psychoanalyse bringt es zustande, dem Menschen Verzeihung zuzusprechen. Es kann zwar allerhand entwirrt werden, was dem Menschen Angst macht, so dass er seine Situation klar sieht, auch das, was im Unterbewussten ich ihm schlummere. Aber Verzeihung kann die Seelenheilkunde nicht vermitteln. Verzeihen kann nur Gott. Nur er kann Sünden vergeben. Er vergibt durch Jesus Christus und er vergibt grenzenlos damals und heute durch den Dienst der Kirche. Er vergibt nicht wegen unserer Leistungen, sondern einfach, weil er die Liebe ist. Voraussetzung allerdings ist, dass der Mensch einsieht, dass er sündig ist und Vergebung nötig hat.
Aber noch etwas gibt uns das Evangelium zu bedenken. Es gibt aus dem Text eine Folgerung. Wir sprechen sie selber jeden Tag, wenn wir das Vater Unser beten: Vergibt, wie auch wir vergeben. Wenn Gott vergibt, dann müssen auch wir vergeben. Und das kann schwer sein, sehr schwer, wenn einem schlimmes Unrecht zugefügt worden ist. Einem anderen zu vergeben ist auch nicht in erster Linie eine Sache des Gefühls, sondern der Einsicht: Wenn Gott so vergibt, dann Muss ich es auch tun.
Das Gottesbild, das uns Jesus zeigt hat nichts mit einem strafenden Gott zu tun. Jesus macht uns mit Gott auch nicht Angst, wie das doch früher manches Mal geschehen ist. Er zeigt uns einen Gott der Liebe, einen Gott mit Einfühlungsvermögen, der den Menschen ob seiner Schuld nicht beschämen möchte. Er möchte, dass wir uns menschliches Versagen nicht wie einen schweren Ballast durch unser Leben schleppen, sondern dass wir immer wieder davon frei werden können, nicht durch eigene Anstrengung, sondern durch die verzeihende Liebe von ihm. Amen.

4. Fastensonntag, Lk 15,1-3.11-32

Trennung, Auseinandergehen, sich im Stich lassen – das ist heute an der Tagesordnung. Menschliche Beziehungen zerbrechen wie Glas und hinterlassen unterschiedliche Größen an Scherben. Es bleiben Verwundungen und Verletzungen zurück, an denen Menschen zu leiden haben; sie kommen sich einsam und verlassen vor, stehen hilflos und mittellos da, verfallen in Depressionen und Angst; ihre Hoffnungen und Zukunftspläne für das Leben gehen in die Brüche.
Und wie das im zwischenmenschlichen Bereich so ist, steigen Enttäuschungen, Aggressionen, Wut und Hass auf. Der eine versteht den anderen nicht mehr, will und kann nichts mehr mit ihm zu tun haben, ist für ihn gestorben, wie man so sagt. Aus, Schluss, vorbei mit der Beziehung. Da werden die Türen der Kommunikation, der gegenseitigen Verständigung zugeschlagen, und jeglicher Kontakt wird abgebrochen. Nicht nur die äußerlichen Türen und Fenster, sondern die Türen in das Innerste unseres menschlichen Daseins, die Türen des Herzens werden verriegelt.
Das, was das Evangelium des heutigen Sonntags berichtet, geschieht in unserem Land tagaus, tagein. Kinder trennen sich von ihren Eltern, Ehepartner gehen auseinander, Freundschaften und Kameradschaften brechen, Menschen haben sich nichts mehr zu sagen.
Dieses Gleichnis vom barmherzigen und guten Vater ist eine Geschichte mitten aus dem Leben. Was Jesus uns da heute erzählt, das könnte vor unserer eigenen Haustür passiert sein oder morgen passieren. Aber was er uns mit dieser Erzählung sagen will, das lässt aufhorchen, das widerspricht dem in unserer Gesellschaft allgemein Praktizierten und Gültigen. Das kann unserem Denken und unserem Leben eine ganz neue Richtung geben, und deswegen ist dieses Evangelium eine besondere Kostbarkeit, die unsere Welt hat, eine Perle im Evangelium.
Jesus stellt uns heute wieder einmal seinen überaus geliebten und barmherzigen Vater vor: unseren Gott, der ein Herz für uns Menschen hat. Und so ist Gott: Er vergibt und verzeiht uns, egal, was wir auf dem Kerbholz haben, egal, was sich in unser Leben als Bruch, als Versagen und Schuld, gewollt oder ungewollt, eingeschlichen hat – wenn wir bereit sind, zu ihm umzukehren. Gott ist viel größer als unser kleiner und begrenzter menschlicher Verstand und viel weiter als unser oft so enges Menschenherz. Unser Gott hält wie ein Vater, der sein Kind über alles liebt, seine offenen Arme für uns bereit, damit alle Wege offen sind, sich in diese bergenden Hände hineinfallen zu lassen. Diese weit geöffneten Arme und Hände, die wir uns ruhig einmal bildlich vorstellen dürfen, sind auch Zeichen für das geöffnete Herz, dem sich der verlaufene Mensch wieder anvertrauen darf.
Dieses Gottesbild, das uns Jesus hier vor Augen führt, ist einfach wunderbar! Das, was Jesus uns hier von unserem Gott verkündigt, das ist das Evangelium das ist die Frohe Botschaft. Da steckt keine Abrechnung mit Vergangenem dahinter, da wird uns nicht gedroht, da klingt keine Strafe an. Nein, die Umkehr und Hinkehr zu Gott, das ist Verzeihung und Vergebung, das ist Neuanfang. Da stellt Gott keine Vergangenheitsbewältigung an, sondern da vergisst Gott und lädt zu einem fröhlichen Fest ein und freut sich, dass das Leben einen Neuanfang gefunden hat.
Und da ist noch der zweite Sohn. Er war der Brave, er war der Daheimgebliebene, er hat sich sein Erbteil nicht auszahlen lassen. Sollen wir ihn dafür loben? Er ärgert sich über seinen Bruder und macht dem Vater Vorwürfe. Eigenartig wie er beton darauf hinweist, dass ihm der Vater nie einen Ziegenbock geschenkt hat, um mit den Freunden ein Fest feiern zu können. Diese Anklage an den Vater zeugt von seiner geistigen Enge und der Vater korrigiert ihn: “Alles, was mein ist, ist auch dein!” Er hätte sich das, was er gewollt hat einfach nehmen können. Aber er hat letztlich das, was er beim Vater hatte, nie geschätzt, es war ihm selbstverständlich und so hat er nie die Güte und Größe des Vaters kennen gelernt.
Sein Bruder aber hat leidvoll erfahren müssen, was er beim Vater hatte. Am Tiefpunkt seines Lebens hat er an seine Umkehr gedacht. Der letzte Funke an Hoffnung, der er hatte, hat ihn seinem Vater wieder in die Arme getrieben. Und das ist das Interessante und auch für unser eigenes Leben Bedeutungsvolle, dass auch das Leid, der Bodensatz menschlichen Lebens noch zu einer Quelle der Hoffnung werden kann, dass auch unser menschliches Leid noch zu einer größeren Erkenntnis Gottes verhelfen kann. In diesem Sinne steckt in allen menschlichen Erfahrungen die Gnade der Erlösung, die wohltuende Erkenntnis, dass es im Leben des Menschen nichts Sinnloses geben kann, sondern immer und überall die Möglichkeit besteht, zu Gott mit einer reicheren Erfahrung zurückzukehren. Es ist schon eigenartig, wie auch das Leid und die Not oft der Anstoß zu einem Neubeginn ist, wenn es Situationen gibt, wo alles Unwesentliche von uns abfällt und wir auf dem Grund unserer Seele, die losgelöst ist von allem Nebensächlichen, Gott entdecken. Und von da ist es nur mehr ein kleiner Schritt, um uns von ihm umarmen zu lassen.
Ich glaube, dass wir verstanden haben, was Jesus uns da über Gott sagen will. Können wir das auch in unserem Leben nachvollziehen: Vergeben, vergessen, neu anfangen, neues Leben ermöglichen? Für uns selbst und für andere? Es kostet uns natürlich Kraft. Da müssen wir manchesmal schon auch über den eigenen Schatten springen. Aber wir können dabei nur gewinnen. Gerade die Fastenzeit lädt uns dazu ein: uns von Gott vergeben und verzeihen zu lassen, vielleicht auch wieder einmal das Sakrament der Buße zu empfangen, über das wir uns so leicht herumdrücken.
Der französische Dichter Charles Péguy hat über dieses Gleichnis vom barmherzigen Vater folgendes geschrieben: Wer es zum hundertsten Mal hört, dem ist, als hörte er es zum ersten Mal: “Ein Mann hatte zwei Söhne...” Es ist schön, dieses Gleichnis, bei Lukas und sonst, auf der Erde und im Himmel. Das Gleichnis hat ein Echo geweckt, ein tiefes und starkes Echo in der Welt und im Menschen. Im Herzen des Menschen, im treuen und im treulosen Herzen. Amen.

3. Fastensonntag, Lk 13,1-9

Das Wort von der Bekehrung und das Wort von der Umkehr sind ein geläufiges Vokabular sowohl für die Advents- als auch für die Fastenzeit. Aber seien wir uns ehrlich: wie ernst nehmen wir dieses Wort. Wir sind ja schon bekehrt. Wir glauben an Gott, wir glauben an Jesus Christus seinen Sohn, wir gehen in die Kirche, was hat Bekehrung für uns noch für einen Sinn? Trauen wir es uns zu, dass wir uns noch ändern können? Jede Beichte fordert uns heraus zu einer Veränderung; aber das dauert seine Zeit. Es sind immer wieder die gleichen Fehler, in die wir fallen, es sind immer wieder die gleichen Situationen in denen wir versagen. Und so haben wir die Hoffnung auf eine Bekehrung vielfach schon aufgegeben. Wir fühlen uns doch halbwegs gesichert in der Art und Weise wie wir unser Christentum leben.
Und somit schockiert uns das heutige Evangelium, wo Jesus sagt: „Wenn ihr so weitermacht wie bisher so droht auch euch der Untergang“. Jesus sagt das nicht etwa zu Menschen, die keinen Glauben haben, er sagt es aber zu allen jenen, die zwar die Katastrophen als ein Strafgericht Gottes für die Bösen deuten, für ihre eigene Umkehr und Änderung aber keinen Finger rühren.
Der Anlass für die Rede Jesu ist ja ein Ereignis, das sich zu seiner Zeit ereignete, eine grausame Tat des Landpflegers Pontius Pilatus, der ein Blutbad an heiliger Stätte veranstaltete und auf eine Naturkatastrophe, bei dem der Turm von Schiloach einstürzte. In der Meinung der damaligen Zeit verquickte man solche Ereignisse mit einem Strafgericht Gottes. Dem sündigen Menschen fiel eben was auf den Kopf, er erlitt die Strafe für seine Verfehlungen.
Damit finden wir uns auch ab. Den Sünder soll es nur treffen, der soll nur zahlen für seine Gottlosigkeit. Mit dieser Feststellung stehen wir alle natürlich gut da. Die Schlechten hat es getroffen, wir sind die Braven, uns ist nichts passiert. Dieser Gedankengang ist sehr modern. So hat man auch immer behauptet, Aids sei eine Strafe Gottes für die Menschen. Aber dieser Gedanken von einem Gott, der ständig sich rächend dreinhaut, wenn die Menschen gesündigt haben, entspricht nicht den Gedanken des Neuen Testaments. Aber das eine stimmt: der Mensch trägt die Folgen für seine Untaten. Wir haben jahrzehntelang gegen die Umwelt gesündigt – die Folgen sind unausbleiblich, so wie der Raucher und der Trinker seine Folgeleiden ertragen muss, weil er gegen seine Gesundheit gesündigt hat. Anstatt der verständlichen Verführung zu erliegen, seine Zeit mit Spekulationen zu vertun, ob ein vom Unglück Getroffener schuld ist oder nicht, sagt Jesus: Jeder Mensch ist ein Sünder. Vom Schicksal getroffen werden oder nicht – das sagt nicht über die Schuld oder die Unschuld eines Menschen aus. Wir kämen in Teufels Küche, wenn wir so argumentieren würden. Und schon im Buch Hiob ist diese Verknüpfung abgelehnt worden. Für Jesus ist es hier wichtig, auf die Notwendigkeit und Möglichkeit hinzuweisen, sich von Falschen abzukehren und sich dem Guten mit neuer Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diese Notwendigkeit kann in den Augen Jesu nicht ernst genug genommen werden. Aber dieser Auftrag ist eingebunden in die Wahrheit, dass Jesus wie der Weinbauer beim Weinbergbesitzer für uns eintritt und an uns glaubt. Das möge uns bei Enttäuschung, die wir im Blick auf unsere Bekehrungsversuche erlebt haben, neue Kraft geben, das in unserem Leben zu ändern, was wir ändern können.
Wie Gott gegenüber dem Menschen handelt, das erzählt das Gleichnis, das uns heute berichtet wird. Es ist das Gleichnis von einem unfruchtbaren Feigenbaum. Er soll umgehauen werden, weil er nicht die erwartete Frucht bringt. Aber der Weingärtner gibt dem Baum noch eine Chance. Er verspricht alles zu tun, um dem Feigenbaum doch noch eine Frucht abzugewinnen. „Lass mich die Erde um ihn herum aufgraben, lass mir und ihm Zeit, dass ich mich um ihn kümmere. Vielleicht bringt er ja doch noch Frucht!“ Wie viel Optimismus, wie viel Vertrauen, wie viel Hoffnung, wie viel Geduld und wie viel innere Kraft möglicherweise am Rande der Resignation oder Verzweiflung stecken in diesem kleinen und demütigen Wort- und Satzanfang „Vielleicht“? „Vielleicht bringt er doch noch Frucht“, das ist ein sehr kurzer und sehr schöner Satz der Bibel.
Und dabei wissen wir in dieser Parabel wirklich nicht wie sie ausgehen wird: Wird der Weinbergbesitzer die erbetene Geduld aufbringen und die Bitte des Gärtners erfüllen? Wird es der Feigenbaum dem Gärtner danken und im nächsten Jahr Früchte bringen? Wir wissen es nicht, aber gegen viele enttäuschende Erfahrungen mit der Veränderungsfähigkeit von Menschen stachelt die Parabel doch eher unsere Hoffnung als unsere Skepsis an. Irgendwie ist da doch ein Funke Hoffnung, sonst würde der Weinbauer seinen Herrn nicht um Aufschub bitten. Sonst hätte Lukas diese Parabel wohl auch nicht in sein Evangelium aufgenommen. So bringt er mit ihr die Zusage Gottes zu jeder und jedem von uns: Jesus Christus hat Hoffnung für uns. Mögen wir uns selbst als wenig umkehr- und veränderungsfähig erleben, mögen wir bei anderen fast am Ende unserer Geduld sein: Jesus ist der, der in solchen Situationen die Kraft der Hoffnung für uns und die anderen durchträgt. Denn im Weinbauern dürfen wir Jesus selber wieder erkennen. Er ist der, der das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht.
Aber zu dieser Geduld gibt Jesus eine Ergänzung. Auf das Vielleicht, auf die gewährte Chance, auf die uns geschenkte Zeit fällt der Ernst des ersten Teils des Evangeliums. Parallel zur Geduld Jesu muss auf unserer Seite die Bereitschaft vorhanden sein, mit der Umkehr beginnen zu wollen und mit der gewährten Geduld mitzuarbeiten. Darin unterscheiden wir uns vom Feigenbaum. Für ihn wird alles getan, was von außen her möglich ist, aber er ist eben nur ein Baum, der festgelegt ist und keinen eigenen Willen hat. Wir dagegen sind Menschen, die – wenn auch nicht total – so doch zu einem beachtlichen Teil frei sind und die ihr Leben mit ihrem Willen steuern können.
Wie steht´s mit uns? Bringen wir die erwartet Frucht? Die Umkehr zu der Jesus uns aufruft und die gerade in der Fastenzeit einen so ausgeprägten Platz erhält muss bei mir selbst, bei jedem von uns beginnen. Immer wieder neu. Uns es stellen sich die Fragen: Bin ich gut unterwegs? Brauche ich nicht eine Korrektur in meinem Lebensplan? Lassen wir uns ruhig – gerade in diesen Tagen – auch ein wenig verunsichern und hinterfragen? Wie schaut es mit meinem Lebensbaum aus? Wie schaut es mit meinen Früchten aus? Wie mit meinem Glauben? Wie mit meinen Werken der Barmherzigkeit? Wie schaut es mit meiner Verantwortung und Berufung als getaufter Christ aus – in der Feier und Stärkung der Sakramente, auch dem Sakrament der Versöhnung?
Umkehr heißt auch: die eine oder andere scheinbare „Kleinigkeit“ in meinem Leben zu ändern, ihr eine andere Richtung zu geben, oder die eingeschlagene Richtung zu verstärken. So manche „Kleinigkeit“ hat schon Leben verändert und auch gerettet.
Umkehr heißt aber auch bereit zu sein, Gott erfahren zu dürfen in unserem täglichen Leben, Umkehr heißt auch, abzugehen von den Götzenbildern dieser Welt, skeptisch zu bleiben gegenüber den Scheingöttern des Konsums und der Unterhaltungskultur. Umkehr heißt auch zu glauben an den Sinn unseres Lebens, nicht zu resignieren, wenn uns etwas trifft, für das wir momentan keine Antwort und keine Lösung wissen.
Mit aller Kraft streitet Jesus vor Gott für uns mit dem demütigen und heilsamen „Vielleicht bringt er ja doch noch Frucht!“ Amen.