24.07.2011: 17. Sonntag im Jahreskreis

Mt 13 44-52

Welche Phantasien ruft das Evangelium in uns wach? Was verbinden wir mit „Schatz“ und „Perle“? Was wäre, wenn ich im Lotto gewinnen würde, wenn mir die berühmte Fee mit den drei Wünschen erscheinen würde, wenn ich mich auf den bloßen Wunsch hin an den Ort meiner Sehnsucht versetzen könnte, wenn ich die Fähigkeit hätte, eine Krankheit abzuschaffen? Das aber ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Frage: Was würde ich dann tun? Die Antwort auf diese Frage ist von vielen Faktoren abhängig: Da sind die Umstände, da ist die Zeit, das ist das Alter. Kleine Kinder haben Wünsche, Jugendliche, Erwachsene und natürlich auch alte Menschen. Immer aber zeigen die Wünsche und Phantasien, was mir etwas wert ist. Was würde ich einsetzen, um den Acker in meinen Besitz zu bekommen? Was wäre mir die kostbare Perle wert? Wie weit würde ich mitgehen auf einer Auktion, wieviel würde ich bieten, um das zu bekommen, wonach mir das Herz steht? Genug der Fragen, die ja nichts anderes wollen, als eine Antwort – nämlich genau meine – zu provozieren.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz im Acker, wie mit einer kostbaren Perle, sagt Jesus in dieser vorletzten von sieben Parabeln im 13. Kapitel des Matthäusevangeliums. Voraus geht das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen mit dem Rat, beides wachsen zu lassen bis zur Ernte. Wer also den Acker unbedingt haben will, der muß ihn auch mit dem Unkraut nehmen. Das Himmelreich, der Schatz, ist offenbar nicht nur unter fruchtbaren Weizenfeldern verborgen, sondern auch unter Unkraut.
Das nachfolgende Gleichnis vom Fischernetz und der Trennung der guten von den schlechten Fischen verweist auf das Ende der Welt. Hier wird die Trennung den Engeln vorbehalten. Die echte Perle von den vielleicht sehr glänzenden Imitaten zu unterscheiden, traut Jesus uns selbst zu.
Es sind zwei interessante Gleichnisse, die ein Bibelwissenschaftler auch die „Zwillinge“ genannt hat. Sie verbinden das Glück dessen, der mehr zufällig „findet“, mit der Absicht dessen, der ganz gezielt „sucht“. So extrem die Beispiele auch sind, in einem Punkt treffen sie sich; beide – der eine wird nicht näher beschrieben, vielleicht ist er ein armer Schlucker, der andere ist ein Kaufmann – müssen alles investieren, was sie besitzen. Für beide ist das Glück der seltene Gast, das Zufällige, uns Zu-Fallende, die Gelegenheit, die sich nur einige Male, vielleicht nur einmal bietet. Der eine findet es sozusagen nebenbei, beim Graben auf dem Acker, unter dem Unkraut. Für den anderen war Suchen und Finden zum Lebensinhalt geworden, es war sein Geschäft. Trotzdem sind beide überrascht, dass es offenbar doch gibt, wonach jeder in der Tiefe seines Herzens sucht: das Glück, den Schatz und die Perle. Diese Gewißheit aus dem Munde Jesu könnte uns schon genügen: Es gibt für jeden Menschen, wonach er sucht. Damit aber nicht genug. Jesus hilft uns zu entdecken, wonach wir in der Tiefe unseres Herzens suchen. Bei Matthäus heißt es Himmelreich oder Reich Gottes. Mit den Gleichnissen vom Himmelreich, mit seiner Rede von Gott, will Jesus seine Zuhörer – das sind heute wir – zu einer Entscheidung bewegen. Unsere Aufgabe ist es, das Gemeinte hinter dem Erzählten zu entdecken, die Botschaft herauszuhören.
Jesus redet oft über das Himmelreich. Er verkündet das, was Gott wichtig ist. Das ist nicht immer das, was die Menschen wollen, was für die Menschen wichtig ist. Zur Zeit Jesu wollten viele seiner Zuhörer lediglich vom römischen Joch befreit werden. Das allein war aber nicht der Auftrag Jesu. Auch hierbei ging es ihm um das, was dahinter liegt, worauf es letztlich ankommt. Die menschlichen Phantasien gehen zweifellos in die richtige Richtung, dann aber greifen sie zu kurz. Wenn wir im Letzten nach Gott suchen, wie Jesus sagt, dann werden wir mit nichts anderem, Vorletztem, zufrieden sein. Diese Erfahrung hat der hl. Augustinus so ausgedrückt: Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott.
Mit Gott ist es also wie mit einem Schatz im Acker und mit einer kostbaren Perle. Gott läßt sich suchen. Gott ist zu finden. Gott ist zu finden wie ein Schatz im Acker, also bei der alltäglichen Arbeit, die sehr vordergründig sein und an der Oberfläche bleiben kann. Nichts aber ist so vordergründig, dass es keinen Hintergrund hätte, und nichts ist so oberflächlich, dass es ohne Tiefe auskommen könnte. Gott ist zu finden. Jedes Telefon hat zwei Enden, eines zu Reden und eines zum Hören. Wo nicht mehr gehört wird, verliert auch die Sprache ihren Sinn.
Gott läßt sich suchen wie eine wertvolle Perle. Wo aber der Alltag genügt, wo das Banale alles erfüllt, wo die Imitation genügt, dort ist kein Platz für das Außergewöhnliche und Echte. Wer sich wirklich schmücken und nicht nur blenden will, der kennt den Preis und bezahlt ihn auch.
Und noch etwas lehrt uns Jesus in diesem Zwillingsgleichnis. Bei dem Mann auf dem Feld ist es die Freude, die ihn alles verkaufen läßt, bei dem Kaufmann ist es die Kenntnis und die Fähigkeit, unterscheiden zu können. Gott ist nicht der religiöse Lebenszusatz, sondern das Leben selbst. Wer das Leben sucht, der darf sich von Angst, von Arbeit, von Schweiß und von Rückschlägen nicht schrecken lassen, der darf den Tod nicht fürchten; denn erst hinter alledem liegt das verborgen, was wirklich „Leben“ ist, wie ein Schatz im Acker und wie eine kostbare Perle, deren Wert nur der Kenner erkennt und zu schätzen weiß.
Das Reich Gottes erspart uns nicht den Finanzminister oder den Arzt, es verweist uns auf das, worum es letztlich geht. Das Reich Gottes erfüllt alle menschlichen Erwartungen, wird aber nicht durch sie begrenzt. Es braucht unseren guten Willen, hängt aber – Gott sei Dank – nicht davon ab. Leben wir mit allen Sinnen, offen für Suchen und Finden. Lassen wir uns von der Freude „verführen“ und nicht vom Preis erschrecken, denn es geht um nichts Geringeres als um Gott selbst – und es geht um uns. Aber sind wir auch Suchende? Können wir uns über unseren Alltag, über die Schöpfung erheben und dahinter den Schöpfer sehen? Verstellen uns die Ängste und Sorgen aber auch die Highlights unseres Lebens den Blick auf Gott?
Natürlich liegen uns die Dinge unserer Welt näher als das Himmelreich. Es ergeht uns da wirklich manchesmal wie einem kleinen Kind, das mit seinem einfachen Spielzeug zufrieden ist und das kein Interesse zeigt für eine Symphonie von Beethoven oder ein Drama von Shakespeare. So ist es letztlich der Blick über die Dinge hinaus, der uns fehlt, die erweiterte Perspektive, die den wertvollen Schatz unter dem gewöhnlichen Erdreich entdeckt und die wie unser Kaufmann den Blick hat für weertvolles und weniger Wertvolles.
Es wurde einmal ein Mensch, der Gott in seinem Leben gefunden hatte gefragt, was er früher getan hatte, als er Gott noch nicht gefunden hatte. Er antwortete: „Ich habe meinen Acker umgegraben, ich habe mich um meine Frau und meine Kinder gekümmert, ich habe den Notleidenden geholfen“. Und nachher, nachdem du Gott gefunden hast, was hast du dann getan: „Nichts anderes als was ich früher getan habe, aber ich habe es anders getan“.
Ja, so ist es! Wir brauchen nicht weit zu gehen um Gott in unserem Leben zu finden. Er wartet auf uns in all den alltäglichen Dingen, die wir verrichten, er wartet auf uns an allen Wegkreuzungen unseres Lebens. Wenn wir ihn suchen würden, hätten wir ihn bereits gefunden. Amen.

17.07.2011: 16. Sonntag im Jahreskreis

Mt 13,24-43

Gutes und Böses, beides ist in unserer Welt vorhanden und täglich werden wir damit konfrontiert. Leider sind unsere Medien weit mehr interessiert, das Böse darzustellen, die Kriege, die Verbrechen und sonstige Übeltaten. Das interessiert halt die Leute mehr als die Darstellungen des Guten. Ganz deutlich merkt man das doch, wenn es um kirchliche Persönlichkeiten geht. Mit einer wahren Lust werden alle negativen Aktionen ans Licht gebracht; jedoch die getreue und selbstlose Arbeit an den Menschen wird mit keinem Wort erwähnt: der soziale und religiöse Einsatz, das liebevolle und fürsorgliche Dasein für die Alten und Kranken. Auf diese Art und Weise haben wir oft Angst, dass das Böse in der Welt überhand nimmt und stellen oft auch Gott die frage, warum er denn so gar nichts unternimmt, um dem abzuhelfen. Anscheinend war das auch ein Problem der Jünger, denn Jesus nimmt in seinem Gleichnis darauf Bezug.
Ausreißen möchten wir das Unkraut; aber bitten sie mich zum Beispiel nicht darum, in ihrem Garten Unkraut auszureißen. Denn ich verstehe davon so wenig, dass ich mit Sicherheit einige ihrer schönsten und wertvollsten Blumen mit ausreißen würde. Es wäre schade darum.
Es fällt mir und ihnen allerdings auch nicht schwer, auf solche Gartenarbeit zu verzichten. Wir sind in vielen Bereichen ausreißlustig. Wenn es um politische Streitfragen geht, um kirchliche Positionen und Entscheidungen, um Fragen des christlichen und persönlichen Lebensstils, ja sogar um unsere eigenen Grenzen und Fehler – dann nutzen wir gern und schnell unsere manchmal spitzen Zungen. Und dabei ist es ziemlich egal, ob wir das öffentlich, im Freundeskreis oder ganz für uns im stillen Kämmerlein tun: Immer geht es darum zu urteilen, zu verurteilen, andere abzuqualifizieren, am Wachstum zu hindern, in Schubladen zu stecken.
Dabei ist es uns ja durchaus klar, dass – ähnlich wie beim Gartenunkraut – auch in diesen Bereichen unser Blick eingeschränkt ist, dass uns die Weite fehlt, den anderen wirklich gerecht zu werden, sie in ihrem Wert zu sehen und zu achten. Und trotzdem, es fällt uns schwer, das Jäten, das Ausreißen zu unterlassen.
Es tröstet uns allerdings die Feststellung, dass wir mit unserer Jätelust nicht allein sind. Sie ist verbreitet in unserer Gesellschaft, in unserer Kirche, in unserer Gemeinde. Ständig sind wir dabei, zu urteilen, zu ordnen, zu beschneiden. Warum nur? Was steckt hinter dieser Jätelust, diesem Ordnungswahn? Sie haben, so scheint mir, zwei Wurzeln: unsere Angst und unsere Vorstellung von Stärke.
Die Angst, in meiner Eigenart unterzugehen, wenn ich die, die anders sind, wachsen lasse. Die Angst, mein Leben sei weniger wert, wenn ich den Wert der anderen achte. Die Angst, meine Fähigkeiten würden verblassen, nicht mehr so beachtet, wenn andere ihre ganz anderen Fähigkeiten entfalten. Die Angst, ich würde kleiner, wenn ich die anderen groß sein lasse. Diese Angst, und die sitzt tief, gibt meinem Jäten die Kraft. Sie ist der Motor all unserer oft zerstörerischen Konkurrenzen.
Und dann ist da noch unsere Phantasie, die Fähigkeit, alles im Griff zu haben, wird als ein Zeichen von Stärke angesehen. Wer scharf urteilen kann, wer Klarheit und Ordnung schafft, wer genau weiß, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist – der, so glauben wir, der zeigt wahre Größe. Kein Wunder, dass diese Phantasie uns dazu treibt, es selbst auch zu versuchen mit dem Jäten, dem unbarmherzigen Ordnung schaffen.
Ich darf an dieser Stelle noch einmal einen Satz aus der heutigen Lesung aus dem Buche der Weisheit zitieren, wo es von Gott heißt: „Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht.“ Dieser überraschende, für unsere Ohren fast widersprüchliche Satz öffnet eine befreiende Perspektive: Gott hat es nicht nötig, seine Stärke dadurch zu beweisen, dass er mit Gewalt Ordnung schafft in dieser Welt. Gott hat offenbar nicht die Angst, unterzugehen in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieser Welt. Und deshalb besitzt er die Weite, auf das Jäten zu verzichten. Er hat die Geduld, bis zur Ernte wachsen zu lassen. Er schaut zu, was sich aus unseren Anfängen entwickelt, auch auf die Gefahr hin, dass nicht nur Gutes dabei herauskommt. Er hofft inständig darauf, dass dieses Wachsen Frucht bringt, dass wir einander stützen, bereichern und ergänzen. In ihrer ganzen Buntheit und Rätselhaftigkeit sieht Gott die Güte seiner Schöpfung. Und er wird seine Macht nutzen, alles, was sich wirklich als gut erwies, zu erhalten, alles, was grausam zugrunde ging, zu retten.
Gutes und Böses im Miteinander. Hier erfahren wir aber einen Gott, der aus der Fülle seiner Macht heraus großzügig sein kann. Nebenbei lässt er dem Menschen seinen freien Willen, der sich auch gegen Gott stellen kann. Großzügigkeit darf allerdings nicht verwechselt werden mit Gleichgültigkeit. Gott sieht das falsche Verhalten von uns Menschen, aber er kann es mit Nachsicht behandeln. Er kann unsere Schwächen und Fehler verzeihen, obwohl sie seinem Willen widersprechen. Er kann unsere Dummheiten und Fehltritte vergeben, obwohl er sie nicht billigt. Er kann uns von unseren Sünden lossprechen, obwohl sie gegen seine Gebote geschehen sind. Diese Sicht von Gott nimmt uns auch die Angst vor ihm. Gott möchte den Menschen keine Angst machen. Er könnte es, aber er tut es nicht, weil er seine Geschöpfe liebt, auch die, die sich gegen ihn stellen. Es hat in der Geschichte der Kirche Zeiten gegeben, in denen die Angst vor Gott den Menschen eingeimpft worden ist. Schon kleinen Kindern hat man mit einem Gott gedroht, der jedes noch so kleine Vergehen, jede Sünde unnachgiebig bestraft. Jeder Schritt des Menschen würde von Gott beobachtet, jedes Wort und jede Tat würden von ihm geprüft, ob sie seinen Geboten entsprechen. Sollte dies nicht der Fall sein, würde Gott streng richten und den Sünder züchtigen. Die Folge dieser Darstellung ist, dass Menschen in ständiger Angst vor Gott leben und vor lauter Angst unfrei und gehemmt werden.
Der böse Feind kommt und sät Unkraut auf das Feld, sät Unkraut in unser Leben. Und wenn wir in unser Leben hineinschauen, dann finden wir immer wieder beides: das Gute und das Böse, das Böse, an dem wir selber schuld tragen und das Böse in das wir hineingestellt sind, an dem wir keine persönliche Schuld haben. Ich stelle mir oft die heikle Frage, welchen Sinn auch die eigenen verkehrten Wege, die eigene Schuld haben kann. Der große Kirchenlehrer Augustinus, dessen Leben in seiner Jugendzeit sehr von Schuld beladen war spricht von der „glücklichen Schuld, die uns einen solchen Erlöser beschert hat“. Diesen Text hören wir jedes Jahr in der Liturgie zum Karsamstag.
Ja, es stimmt, die Erlösung, der uns suchende Gott, findet immer einen Ansatzpunkt in unserem Leben, auch wenn wir schuldig werden. Kann uns die Erkenntnis unserer Schuld nicht erst recht in die Arme des liebenden Gottes treiben, kann uns die Erkenntnis unserer Schuld nicht erst recht dazu bringen, dass wir unsere Hände öffnen und sie dem schenkenden Gott entgegen strecken. Bei aller Tragik unserer menschlichen Schuld sollen wir immer wieder an den liebenden Gott denken und wir sollten nicht verzagen wenn wir in unserer Welt sowohl den Weizen als auch das Unkraut nebeneinander wachsen sehen. Statt die Unheilssituation zu beklagen sollten wir darauf achten, dass durch unser Leben das Gute sich mehren kann in unserer Welt und Zeit. Letztlich wird der Gott der Ernte dem Guten zum endgültigen Sieg verhelfen und mit dem Bösen ins Gericht gehen. Und dazu gibt es ja im heutigen Evangelium sehr harte und eindeutige Worte. Aufgrund dieser Aussagen wäre es nicht angebracht, das Böse zu bagatellisieren und so zu denken, dass letztlich alles wieder gut wird. Das Böse bleibt böse und das Gute bleibt gut. Möge Gott mit uns und mit unserer Welt die Geduld nicht verlieren und möge er uns immer mehr aus der Umklammerung des Bösen herausführen. Amen.

10.07.2011: 15. Sonntag im Jahreskreis

Mt 13,1-23

Das erste, was ich bemerke, wenn ich die „Geschichte vom Sämann“ auf mich wirken lasse, ist eine gewisse Wehmut. Man hat den Eindruck, Jesus sei auf der Höhe seines öffentlichen Wirkens. Eine große Menschenmenge ist um ihn versammelt. Hunger, Durst und eine ganze Tagesreise haben sie in Kauf genommen, um ihn zu hören. Voller Stolz könnte Jesus sagen: „Schaut doch diese vielen Menschen! Endlich ist der Damm gebrochen. Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Und seht, es brennt – in ihren Herzen!“ Doch nichts von alldem wird gesagt. Stattdessen sieht Jesus nüchtern und sachlich, wie es weitergehen wird: Fast alles scheint umsonst gewesen zu sein.
Die einen gleichen einem festgetrampelten Weg. Schon morgen ist alles vergessen. Die anderen sind wie steiniger Boden. Sie waren Feuer und Flamme; doch es war nur ein Strohfeuer. Wieder andere sind wie Gestrüpp: Sie hören zwar; aber es gibt noch vieles andere, was sie in gleicher Weise interessiert. Es ist, als wollten sie sagen: „Man kann ja schließlich nicht nur auf einer Hochzeit tanzen!“
Jesus ist sich bewusst: „Was von meinen Worten bleibt, ist höchstens ein Zitat, ein Spruch, ein bisschen Lebensweisheit. Mehr ist es nicht.“ Das klingt ganz anders als die Worte in der heutigen Lesung, in der es heißt: „Das Wort, das meinen Mund verlässt, kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern es bewirkt, was ich will, und es erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“:
Was Jesus mit seiner Geschichte vom Sämann sagt, ist dies: Auch das Wort Gottes kann scheitern! Wie oft machen wir als Eltern, Lehrer, Priester die gleiche Erfahrung? Selbst dem Papst ergeht es so. Nicht einmal oder viermal – hundertmal haben wir wie gegen eine Wand oder wie in den Wind geredet. Nein, ein Trost ist dieses Gleichnis nicht. Es unterstreicht nur unsere eigene Erfahrung; denn auch unsere Worte waren oft genug umsonst.
An dieser Stelle kommt mir ein seltsamer Gedanke: „Warum regt sich der Sämann so auf? Was erwartet er denn? Ist er nicht an allem selber schuld? Wer wirft schon teures Saatgut auf einen festgetrampelten Weg? Wer streut schon wertvolle Körner auf einen felsigen Boden? Wer sät schon in dorniges Gestrüpp hinein? Entweder versteht er nichts vom Säen, oder er ist blind oder gar ein Verschwender. Sollte man nicht zuerst einmal erforschen, wo es sich überhaupt lohnt, den Samen auszuwerfen? Sicherlich nur dort, wo mit einiger Gewissheit zu erwarten ist, dass etwas herauskommt.“
Doch schon bricht eine weitere Frage in mir auf: „Wie komme ich dazu, mit Sicherheit feststellen zu wollen, wo es sich lohnt? Wer bin ich eigentlich? Bin ich nicht selbst ein festgetretener Weg, ein verknöcherter und versteinerter Boden? Bin ich nicht selbst widerborstig wie ein Dornengestrüpp? Oder kann ich von mir ernsthaft behaupten, ich sei fruchtbarer Boden? Sei also ehrlich: Wer bist du selbst?“
Aber fragen wir weiter: „Könnte es nicht sein, dass dieses verschiedenen Böden allesamt in mir, in jedem von uns sind? Wie oft sind wir doch sowohl die Eingefahrenen, die Verhärteten, die mit allem möglichen Vollgestopften als auch die Fruchtbaren? Da ich dies sage, fallen mir alle ein, die ich vorhin bereits katalogisiert habe: Bei diesen und jenen lohnt es sich nicht einmal anzufangen. Könnte es nicht sein, dass sie alle sind wie ich? Menschen, die nur nach außen hin verhärtet, abweisend und kalt sind, weil sie nicht zeigen wollen, wie es in ihnen aussieht, und das deshalb, weil sie sich noch durch ein Geröllhalde von Enttäuschungen und Verbitterungen hindurcharbeiten müssen.“
Aber Jesus redet nicht nur von den verlorenen Körnern, sondern auch von denen, die auf gutes Erdreich fielen und reiche Frucht brachten. Es könnte ja auch sein, dass auch unter ungünstigsten Bedingungen noch etwas wächst, es könnte sein, dass einer den festgetrampelten Weg aufreißt, es könnte sein, dass auch auf dem steinigen Boden noch etwas keimt, es könnte sein, dass einer die Dornen, die das Wachsen zu ersticken drohen wegreißt. Ich wohne in Linz auf dem Freinberg im alten Befestigungsturm. Es ist erstaunlich, was da alles zwischen den alten Steinen herauswächst. Pflanzen, die so genügsam sind, dass sie nur ein ganz klein wenig Erde brauchen, dort, wo ein Vogel das Samenkorn hingetragen hat oder wo es der Wind hingeweht hat. Gott hat viele Möglichkeiten, seinen Samen zum Aufgehen zu bringen.
Dennoch der ernst zu nehmende Hinweis auf unsere eigene Situation. Wir sollten uns überlegen, was wir selber tun können, um das Wachsen der göttlichen Botschaft in uns möglich zu machen. Wir können die göttliche Botschaft des Evangeliums nicht einfach hören und dann wieder weglegen, sondern wir müssen nach ihr zu leben versuchen.
Wie gut ist es, dass es einen solchen Sämann gibt, der aussäht, ohne zu berechnen, bei wem es sich lohnt und bei wem es doch nur vergebliche Mühe ist. Und er geht hinaus, nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wie gut ist es, dass Gott nie aufhört, seine Güte zu verschwenden. Um jeden Menschen ringt und wirbt er; nie gibt er auf, bis sich endlich zeigt, dass das Samenkorn, das er gesät hat auch aufgeht und Frucht bringt.

03.07.2011: 14. Sonntag im Jahreskreis

Mt 11, 25-30

Eine rabbinische Erzählung berichtet von einem Rabbi, der abends außerhalb der Stadt, zwischen den Feldern spazierte. Er wollte seine Gedanken sammeln. Da trifft er einen Wächter und fragt ihn: Für wen gehst du? Der Wächter antwortet: Ich bin von meinem Herrn beauftragt, diese Felder zu bewachen. Ich gehe für meinen Herrn.- Aber für wen gehst du?
Für wen gehst du? – das ist letztlich die Grundfrage, vor die Jesus seine Jünger damals gestellt hat – und es ist die Frage, die auch mir heute gestellt ist: Für wen gehe ich? Für welche Ziele lebe ich? Wofür lasse ich mich einspannen?
Diese Grundfrage steht auch hinter dem zweiten Teil des heutigen Evangeliums: Jesus lädt hier alle Mühseligen und Beladenen ein, zu ihm zu kommen. Und er verspricht ihnen ein Zweifaches: Er verspricht ihnen Ruhe für die Seele – aber er sagt auch: ohne Joch geht es nicht – aber mein Joch drückt nicht, es ist leicht.
Wer aber wird nun wirklich von Jesus angesprochen? Gehöre ich überhaupt dazu? Es heißt hier: „Alle, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt“. Vorangestellt ist das Wort „alle“.- Jesus grenzt hier keinen aufgrund seiner Herkunft, aufgrund seines Standes, aufgrund einer Krankheit oder einer Religion aus. Alle, die sich plagen, die Lasten zu tragen haben sind angesprochen.
Und Jesus weiß um die Mühsale der Menschen damals: Um Dinge, die Menschen blind machen für andere oder taub; um Situationen, die die Seele bedrücken. Er weiß um die Not der Armut und der Einsamkeit, um die Not von Beziehungskrisen und um die Last, wenn geliebte Menschen sterben. Er weiß auch um die Belastungen der Seele: um Depressionen, um Mutlosigkeit. Und zu alle den Menschen, die so bedrückt sind, sagt er: „Kommt alle zu mir“ – ich kann euch Ruhe, Erleichterung verschaffen.
Doch Jesus geht es nicht um einen billigen Trost. Er gibt nicht Versprechen ab, die er nicht halten kann. Denn auch wer mit ihm kommt, kommt nicht ohne Joch aus! Er sagt: „Nehmt mein Joch auf euch!“
Was aber ist ein „Joch?" Das Bild vom Joch stammt aus der bäuerlichen Kultur. Das Joch selbst ist dabei nicht die eigentliche Last – es ist ein Werkzeug, um schwere Lasten ziehen zu können; am Joch werden Pflüge, Eggen und Wägen befestigt.
Jesus sagt also nicht: Ich nehme euch alle Lasten ab, ich befreie euch von der Mühsal des Lebens, nein, er sagt: Ich gebe euch ein Werkzeug, mit dem ihr diese Lasten leichter bewältigen könnt.
Es gibt den schönen Spruch: Gott nimmt nicht die Last von uns, aber er stärkt die Schultern. Genau das sagt hier Jesus: Wenn ihr meinem Beispiel folgt, wenn ihr von mir lernt, dann ist euch die Last nicht mehr so schwer; dann habt ihr die Kraft, das Leben zu meistern.
Das Joch hat hier aber auch noch eine zweite Bedeutung: Es bezeichnet die Gesetze, an die sich die Menschen zu halten hatten. Auch die Gesetze sind ja ein Hilfsmittel, um das Zusammenleben bewältigen zu können. Jesus wendet sich in seiner ganzen Verkündigung aber gegen solche Gesetze, die nicht mehr dem Menschen dienen, seien es staatliche oder religiöse.
Unmittelbar auf diese Stelle folgen im Evangelium zwei Situationen, in denen Jesus gegen Sabbatgebote verstößt. Denn er sagt: der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.
Jesus verspricht auch als Lohn „Ruhe für die Seele“. Es wäre zu einfach, hier sofort auf die Ruhe im ewigen Leben, auf die Ruhe bei Gott nach dem Tode zu schließen. Das mag mit gemeint sein. Aber ich glaube, Jesus hat hier etwas viel Konkreteres im Blick: Es geht ihm um die Bewältigung des Lebens hier.
Dazu sagt er: Lernt von mir, ich bin gütig und von Herzen demütig. Gütig zu sein bedeutet: Das Gute in den Menschen zu sehen. Demütig sein heißt, den Mut zum Dienen zu haben; sich von jemandem einspannen zu lassen.
Der Rabbi in der Eingangsgeschichte muß sich fragen lassen: Für wen gehst du? Oder mit anderen Worten: Wem dienst du? Wessen Joch trägst du? Denn kein Mensch kommt ohne ein Joch aus, kein Mensch lebt allein, ohne Bezüge oder Abhängigkeiten. Das Versprechen Jesu aber ist es: Mein Joch engt nicht ein, sondern befreit.
Im Hintergrund der Worte Jesu und seines Versprechens ist all das, was in den beiden Lesungen von heute ausgedrückt ist: Der Prophet Sacharja verkündet einen Friedenskönig. Von ihm heißt es: Er ist gerecht und hilft und er ist demütig. Er wird sein Volk vom Joch der Gewalt befreien. So versteht Jesus seine Sendung, als er dann in Jerusalem auf dem Esel sitzend einzieht: als einer, der Frieden bringen will, der das Joch von Haß und Gewalt und Rache von den Menschen nehmen möchte.
Jesus geht aber noch weiter. Er möchte nicht nur die Lebensbedingungen etwas verbessern, er möchte das Leben grundsätzlich erneuern. Paulus sagt es im Brief an die Römer: Er, der Christus von den Toten auferweckt hat, wird auch unseren sterblichen Leib lebendig machen. Anteil an diesem Leben haben wir bereits durch den Geist der Taufe – und dieser Geist Gottes, dieser Geist Christi macht uns nicht zu Sklaven – sagt Paulus – sondern er macht uns zu Söhnen und Töchtern Gottes, zu freien Menschen, zu Erben der Verheißungen.
Das Joch Christi auf mich zu nehmen – und wir haben es in der Taufe ja eigentlich schon erhalten – das bedeutet dann: der Maßstab meines Lebens ist nicht immer größerer Erfolg, immer mehr Macht, immer mehr Geld. Dies sind die Zwänge, die ich mir vielleicht selber oft auferlege; und es sind gerade diese Zwänge, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen.
Der Maßstab Jesu ist ein anderer: Er benennt ihn ganz klar in seiner Bergpredigt: es ist die Liebe zu Gott und zu den Menschen, es ist die Sorge um die Menschen um mich herum, die Sorge um kranke und einsame Menschen, die Sorge um Obdachlose und Hungernde. Das ist das Joch Jesu. Stellvertretend für viele denke ich dabei an die Mühsal und das Joch, das die Pflege eines kranken Menschen mit sich bringt - und wieviel an Liebe, an Dankbarkeit oder auch an dem Gefühl, Gutes zu tun zurückkommt – da kann man erahnen, was Jesus meint, wenn er sagt: Mein Joch ist leicht und meine Last drückt nicht.
So stellt mich und uns alle das Evangelium heute vor die Entscheidung wessen Joch nehme ich auf mich? Von wem lasse ich mich einspannen? Jesus lädt ein, seinem Beispiel zu folgen und sein Versprechen an mich, seine Verheißung ist große: Du mit all deinen Sorgen, mit all deiner Mühsal, du bist mir etwas wert – nämlich mein eigenes Leben. Wenn du dich auf mich einläßt, wirst du nicht nur deine eigenen Lasten leichter tragen können – nein, du wirst auch Ruhe finden für deine Seele. Amen.

23.06.2011: Fronleichnam

Wir erleben es in unseren Tagen immer wieder: Menschen gehen auf die Straße um zu demonstrieren, in Teheran, in New York und in vielen anderen Städten unserer Welt. Diese Menschen machen ihr Anliegen sichtbar und gebrauchen vielfach nicht immer friedliche Mittel. Und so manche Radaubrüder nützen diese Demonstrationen einfach dazu, um einen Wirbel zu machen.
Unsere Fronleichnamsprozession ist da ganz anders, obwohl bei ihr eine andere Gefahr besteht, nämlich die, dass sie in ein bloßes Brauchtum abfällt. Das Fronleichnamsfest hat ja auch eine besondere Geschichte. Papst Urban hat dieses Fest in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts eingeführt, nachdem in Bolsena in Italien ein Wunder geschehen war. Ein Priester, der bei der Hl. Messe daran zweifelte, ob Jesus in der Hostie wirklich gegenwärtig sei, erlebte, dass diese blutete. Das Anliegen des Papstes war, im gläubigen Volk die Ehrfurcht vor dem eucharistischen Sakrament zu stärken. Seine Ideen und Vorschläge riefen allerdings heftigen Widerstand hervor. Ein Teil der Christenheit wehrte sich gegen übertriebene Feierlichkeit auf den Straßen und Plätzen. Hat Jesus nicht in Armut gelebt, fragten sie?
Zur selben Zeit wie urban IV. lebten in Italien zwei große Heilige: Clara und Franz von Assisi. Die Verehrung der Eucharistie war ihnen ein besonderes Anliegen. Ich glaube, dass ihre Gedanken zur Eucharistie uns heute Wichtiges sagen können. Clara und Franz fragen nach dem Menschen Jesu. Wie und wo hat er gelebt? Wie können wir in seinen Fußspuren gehen? Nachfolge ist für die beiden Heiligen einfach dies: Jesus in seinem irdischen Leben verstehen und seinen Weg mitgehen.
Die Frage setzt sich fort: Wer ist das Kind Jesus? Warum die Armut im Stall? Franziskus lässt 1223 in Greccio das erste Krippenspiel inszenieren. In einem Waldstück versammelt er die Dorfbewohner. Und dann spielen sie, wie es gewesen sein könnte in Bethlehem. Die Krippe macht Franziskus deutlich, wie menschlich und demütig Gott ist. In der Eucharistie verehrt Franziskus vor allem die Demut Gottes. Gott geht so weit, dass er sich in einem kleinen Stück Brot verbirgt. Er liefert sich uns aus, er gibt sich dem Menschen in die Hände.
Franziskus schreibt in seiner Regel, die Brüder sollen überall in den Kirchen nach dem Allerheiligsten schauen, ob es ja sauber und mit Ehrfurcht aufbewahrt ist. Sie sollen – bei aller Armut – dafür sorgen, dass das eucharistische Sakrament in kostbaren Gefäßen aufbewahrt wird. Ihm, dem arm gewordenen Christus, der in der kleinen Hostie unter uns gegenwärtig ist, gilt seine besondere Liebe.
Clara von Assisi, die Franziskus folgte und in San Damiano eine klösterliche Gemeinschaft der armen Frauen gründete, nimmt diesen Gedanken in ihrem beschaulichen Kloster auf. Sie lässt von ihren Schwestern Kirchenwäsche weben. Die Kirchen in ganz Umbrien soll sie damit versorgt haben. Ihre tiefere Absicht war, dass die Eucharistie würdig gefeiert und verehrt werden kann.
Clara geht ihren geistlichen Weg als Frau. Sie sagt: Gott will gar nicht zuerst in wertvollen Schreinen aus Holz oder in Gefäßen aus Gold aufbewahrt werden. Er will in uns Leben, in uns einen Platz und eine Wohnung haben.
Und so feiern wir das Fronleichnamsfest als das Fest der Nähe Gottes. Genau deswegen, weil Gottes Art uns zu begegnen, sich so wohltuend unterscheidet von jener Art, in der viele Prominente zu ihren Mitmenschen Kontakt haben. Die Mächtigen dieser Erde, die brauchen ihre Bühne und ihre Show; Jesus braucht Brot und Wein, einfache, schlichte Zeichen des alltäglichen Lebens. Jesus braucht nur Brot und Wein und Menschen, die mit ihm am Tisch sitzen möchten, um Mahl zu halten, Gemeinschaft mit ihm zu haben – mehr braucht er nicht! Und er nimmt bei diesem Mahl das Brot und den Kelch mit Wein und sagt: Da bin ich, ich bei euch, ich in eurer Mitte! Tut dies zu meinem Gedächtnis. So einfach ist das: In ganz alltäglichen Dingen wie einem Stück Brot und einem Schluck Wein begegnet uns Gott, und wir begegnen ihm. In einem so alltäglichen Geschehen wie der Feier eines Mahles ist Gott uns nahe und wir ihm. Fronleichnam ist wahrlich das fest der unkomplizierten Nähe Gottes in einer manchmal so komplizierten Welt.
Nach der Hl. Wandlung sagen wir: Das ist ein Geheimnis des Glaubens. Und das ist es in der Tat. Wir können das nicht mit unserem Verstand begreifen. Hier geht es um den Glauben – um nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und es geht darum, vor diesem Gott niederzuknien und ihn anzubeten, einen Got6t, dessen Liebe zu mir ich nicht erklären kann, sondern nur staunend erahnen und bewundern.
Und doch haben wir heute diesem demütigen und bescheidenen Jesus einen roten Teppich ausgelegt. Wir beten und verehren ihn an reich geschmückten Altären und tragen ihn hinaus in unsere Straßen. Das mag fremdartig anmuten; aber es soll uns und die neugierigen Zuseher am Straßenrand nachdenklich machen. Nur einmal im Jahr wird dieses große Geschenk der Gegenwart Gottes sichtbar? Ist das nicht zu wenig. Sollte diese Gegenwart Gottes nicht jeden Tag kundgemacht werden? Ja, und das geschieht durch uns selbst. Und das geschieht nicht in einer feierlichen Prozession, sondern durch unser Leben als Christen. Wir sollten Gott in unserer Welt sichtbar werden lassen, seine Gegenwart spürbar werden lassen durch unser Leben hindurch. Paulus weist in seinen Briefen vielfach darauf hin: Christus möge in uns Gestalt gewinnen, wir sollten Christus anziehen wie ein Gewand, wir sollten ein zweiter Christus sein.
Wenn wir diese Haltung von diesem Fronleichnamsfest nicht mitnehmen, dann verkümmert dieses Fest zu einem bloßen Brauchtumsakt. Wir vergessen so leicht den letzten Satz des heutigen Evangeliums, wo es heißt: Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus. Und wir wissen was auf dem Ölberg Geschehen ist, wir wissen um die ganze Tragik des Leidens und Sterbens Jesu.
Auch wir gehen von diesem Fest weg und haben oft dabei den Eindruck, wir begeben uns in eine andere Welt, in eine Welt, die von anderen Gedankengängen beherrscht wird als wir sie in der christlichen Botschaft vernehmen. Wir begeben uns in eine Welt, der moralische und ethische Haltungen bedrohlich dem gegenüber stehen, was wir als Christen für recht und gut finden. Wir begeben uns hinaus in eine Welt, die hinter den Zeichen nichts mehr wahrnehmen kann, die am Äußerlichen hängen bleibt und in eine Welt, in denen der demütige und gewaltlose Jesus keinen Platz mehr zu haben scheint, in der deren Verhandlungsräumen Gott keinen Raum mehr hat, in der die rohe Gewalt die Gebet um Frieden ersetzt.
Fronleichnam heute. Wir können dieses Fest mit einem gesunden christlichen Optimismus feiern. Solange wir uns in der wirkenden Gegenwart Gottes wissen, solange wir ihm in unserem Leben Raum geben, besteht für unsere Welt immer noch eine große Hoffnung. Leben wir aus diesem Glauben heraus und möge uns das Brot vom Himmel immer wieder Stärkung sein für unser gläubiges Leben in unserer Welt. Amen.

19.06.2011: Dreifaltigkeitssonntag

Wer ist Gott? Diese Frage haben wir uns sicherlich schon oft gestellt. Und auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten. Keine ist erschöpfend. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird an einen Punkt kommen, wo er sagen muß: Gott ist mehr. Mehr, als ich denken kann, mehr, als andere mir sagen können, mehr als wir alle verstehen können.
Dieses „Mehr“ Gottes feiern wir heute als das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Der eine Gott ist der dreifaltige Gott. Vielleicht werden sie mir jetzt sagen: Das verstehe ich noch weniger. Dieses heilig-dunkle Zahlenspiel mit göttlichen Personen, Naturen und Wesenheiten, verpackt in hochtheologische Sätze ist mir fremd. Ja, es ist nicht nur fremd, es verunsichert mich sogar. Was hat dieser Gott meinem konkreten Leben zu tun? Mit der Last meines Alltags, der Not unserer Welt, der Sehnsucht nach Heilung und Heil? Die Dreifaltigkeit ist davon so weit entfernt wie der Himmel von der Erde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wären wir Christen arm dran. Nicht nur, daß wir uns bei jedem Kreuzzeichen stillschweigend selbst verleugnen müßten. Schlimmer. Wir stünden da als armselige Jünger, die sich an einen Gott hängen, der so kompliziert geworden ist, daß er uns in keiner Weise mehr zugänglich ist.
Vielleicht ist es ja der Begriff selbst, der uns zurückschrecken läßt: Dreifaltigkeit. Als könne man Gott auf eine Formel bringen, ihn sauber aufnotieren auf Rechenpapier und die griffige Formel dann anwenden, wenn man sie braucht. Das Dumme ist nur, daß wir sie schon längst nicht mehr brauchen. Wir haben ja uns eigene Götter geschaffen. Manchmal scheint es so, als hätten wir die Rede von der Dreifaltigkeit in den Giftschrank der Theologie gesperrt und machten einen großen Bogen darum.
Es wäre ein großes Mißverständnis der Theologie, würde sie meinen, sie könne Gott in ihre Begriffe einfangen. Gott ist letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen und alle unsere menschlichen Worte sind zu schwach, um etwas über ihn auszusagen.
Nun, wenn wir in das Neue Testament hineinschauen, dann merken wir, daß der Begriff „Dreifaltigkeit“ dort nicht vorkommt. Es sind nur wenige Stellen, die Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug nennen. Und doch rechnet das Neue Testament an jeder Stelle mit der lebendigen Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Sie wird in Jesus selbst gegenwärtig. Immer wieder spricht er vom Vater, aus dem er ist, und vom Geist, den er senden wird.
Das Neue Testament kennt auch keine Formelhaftigkeit. Es sind Menschen, die die Dogmen machen. Ist das falsch? Sicher werden Dogmen in einer sich wandelnden Zeit, in der sich auch die Verständnishorizonte der Wirklichkeit ändern, schwierig, sogar unverständlich, erklärungsbedürftig. Aber wo immer es Menschen gibt, brauchen sie etwas, an das sie sich halten können. Menschen brauchen den Kodex einer gemeinsamen Erinnerung, auch Sätze über Gott, auf die sie immer wieder verläßlich zurückgreifen können. Das entbindet sie aber nicht, auch das Verstehen immer wieder neu zu suchen.
Die Frage nach der Dreifaltigkeit ist für mich die Frage: Was weiß ich von Gott? Es ist nicht viel und doch wieder eine ganze Menge.
Ich erfahre mich als Geschöpf, das sich nicht selber gemacht, sondern sein Leben empfangen hat. In einer Welt, die, so belastet sie ist, doch wunderbar bleibt, grandios, herrlich. Eine Welt, die sich nicht selbst ins Dasein gebracht hat, sondern in der ich die Spuren Gottes erkenne, die mich ehrfürchtig staunen läßt. Das weiß ich ahnend von Gott.
Ich erlebe mich als Mensch in einer Geschichte von Menschen. Auch in einer Glaubensgeschichte, in der Israel einen besonderen Platz einnimmt. Es ist eine Geschichte, in der Menschen erfahren haben, daß der Schöpfer kein anonymes Etwas ist, sondern ein Du, ein Ich-bin-da. Und es gehört auch zu den großen Erfahrungswerten Israels, daß der Schöpfer es nicht beim Schaffen beläßt, sondern mitgeht, eingreift, nahe ist, sich seiner Welt zuwendet. Das weiß ich ahnend von Gott.
Und ich erfahre mich als Christ in einer Gemeinschaft von Christen, die erfahren haben, weitererzählen und bezeugen, daß Gott noch weiter geht, daß er den Menschen sein Gesicht gezeigt hat, nicht fern, sondern hautnah. In Jesus, der als Mensch unter Menschen Gott ganz und gar gegenwärtig macht. Wer ihn sieht, der sieht den Vater im Himmel Und es geht noch weiter: dieser Gott holt uns aus der Sterblichkeit dieser Welt heraus so wie er Jesus aus dem Tod herausgeholt hat und wir werden einmal dort sein wo Gott ist und werden sein Leben mit ihm teilen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Manchmal frage ich mich, wie ich das wissen kann. Ich spüre, daß mein Wissen und Verstehen damit längst überschritten sind, daß ich selber überschritten bin. Jesus hat das den Geist genannt. In einer Weise, die deutlich macht: Hier ist nicht irgendeine Energie am Werk, eine Kraft, die sich kanalisiert und bei Nichtgefallen abstellen läßt, sondern ein Du. Ein Du, das in mir zu mir spricht und mich manchesmal begeisternd überfällt.
Gott hat den Menschen bis heute nicht geoffenbart, wer er ist, sondern was er tut. Er hat nicht sein Wesen den Menschen kundgetan, sondern sein Handeln. Gott ist nicht ein Gott „an und für sich“, sondern ein Gott „für die Menschen“. Darin liegt die frohe Botschaft von dem einen Gott in drei Personen: Gott ist in seiner Liebe zu den Menschen unerschöpflich. Er sucht immer neue Wege und begnügt sich nicht mit einer Einbahnstraße ewigen Einerleis für seine Offenbarung. Kein Winkel menschlicher Geschichte, kein Ort dieser Welt, keine Zeit sind von der Möglichkeit ausgenommen, Gott zu erfahren.
Ein Prisma aus feingeschliffenem Glas halte ich in meiner Hand. Sonnenstrahlen fallen darauf und werden in vielfältiger Weise gebrochen. Sie zeichnen farbige Streifen auf das Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Ein kleiner Käfer kriecht darüber. Durch die verschiedenen Brechungen des Lichts ist er bald in blaue, bald in rote Farbe getaucht. Und doch ist er immer nur von dem einen Licht beschienen, wird er immer nur aus der einen Quelle erleuchtet.
Diese kleine Begebenheit läßt etwas erahnen von dem Geheimnis des einen Gottes in drei Personen, zu dem wir uns als Christen bekennen. Da wandern wir über unsere Welt und erfahren ganz unterschiedliche Weisen der Gottesoffenbarung. Wie der Käfer sind wir bald in dieses, bald in jenes Licht des göttlichen Wirkens getaucht. Und wie der Käfer könnten wir vielleicht annehmen, daß es verschiedene Lichtquellen sind, die uns abwechselnd beleuchten, je nach dem Standpunkt, den wir gerade einnehmen.
„Gott ist Licht, und keine Finsternis ist ihn ihm“, so lesen wir im ersten Johannesbrief. In seinem Licht läßt er uns das Licht schauen. Er leuchtet uns auf als Vater, wenn wir seine Schöpfermacht, seine liebende Führung oder seine vergebende Güte erfahren. Wir erkennen ihn als Sohn, wenn er uns nahe ist, wie Jesus, unser Bruder, uns nahe ist. Wir erfahren ihn als heiligen Geist, wenn wir uns von seinem belebenden und vorwärtstreibendem Atem berührt fühlen. Und dennoch: es ist immer ein und dasselbe Licht, das uns aufscheint, aber gebrochen in drei Personen.
Bruchstückhaft ist unser Wissen über Gott, eine simple menschliche Annäherung an sein Wesen. Und doch finde ich ihn ihr den dreifaltigen Gott mitten in meinem Leben. Und das ist das Konkreteste, was es gibt. Amen.

12.06.2011: Pfingsten, Joh 20, 19-23

Die Angst saß den Jüngern Jesus im Genick. Sie Angst vor den eigenen Landsleuten. Jesus haben sie getötet und so befürchten sie für sich das gleiche Schicksal. Trüb muss es in ihrem Herzen ausgesehen haben. Jesus ist in seiner Sichtbarkeit von ihnen gegangen und nun wissen sie nicht, was sie mit seiner Botschaft, die sie verkünden sollten, anfangen sollen. Die Angst lähmt sie und sie haben beschlossen, sich einzusperren.
Und in dieser Situation erscheint ihnen Jesus. Er wünscht ihnen Frieden, er sendet sie aufs Neue und beschenkt sie mit dem Heiligen Geist. Und dann gibt er ihnen die Vollmacht, Sünden zu vergeben. Das alles geschah in den ersten Tagen nach der Auferstehung Jesu. 50 Tage danach berichtet die Apostelgeschichte vom stürmischen Pfingstereignis.
Der Friede, den Jesus seinen Jüngern wünscht und schenkt ist ein großes Gut. Wir leben in Zeiten, in denen es friedlos zugeht: in der großen Weltpolitik und auch im eigenen Herzen. Wenn wir das Wort „Frieden“ in Zusammenhang bringen mit innerer Unruhe, dann wissen wir, was damit in unserem eigenen Leben gemeint ist. Was macht uns denn letztlich unruhig, was raubt uns immer wieder den inneren Frieden? Das sind genau die Dinge des Alltags, unsere kleinen und größeren Sorgen, Probleme, die anstehen und auf eine Lösung warten. Dazu kommt noch bei vielen Menschen die Angst in ihrem Leben zu kurz zu kommen, das im Leben nicht erreicht zu haben, was man sich vorgenommen hatte, die Angst vor einer Krankheit, schließlich die Angst vor dem Tod.
Wenn Jesus vom Frieden spricht, dann ist das bei ihm kein leeres Wort. Aber es ist ein Geschenk, das wir annehmen müssen. Schauen wir einmal, welche Aussagen Jesus über Gott macht und sein Verhältnis zu uns. Jesus warnt uns vor der unnötigen Sorge, erwarnt uns vor jenem Mangel an Vertrauen Gott gegenüber, wo wir es verlernt haben, von Gott etwas zu erwarten. Wenn es uns gelänge ein großes Vertrauen zu haben, dann würden alle unsere ängstlichen Sorgen schwinden, dann könnte der Friede in unserem Herzen Platz greifen, jener Friede von Gott, den wir als Vater ansprechen dürfen.
Dann haucht Jesus seine Jünger an und gibt ihnen seinen Geist. Erinnern sie sich noch an ihre Religionsstunden, wo über die Gaben des Heiligen Geistes gesprochen wurde? Die Gabe der Weisheit, die Gabe des Verstandes und der Einsicht, die Gabe des Rates und der Stärke, die Gabe der Erkenntnis und der Wissenschaft, die Gabe der Frömmigkeit und der Furcht des Herrn. Wenn wir einmal gründliche überlegen, was mit diesen Gaben ausgesagt wird, dann merken wir, dass es sehr wertvolle und unser Leben tragende Geschenke sind. Mit diesen Geschenken können wir leben, können wir unser Leben gestalten im Sinne Jesu.
Unmittelbar nach dem Geschenk des Hl. Geistes steht die Vollmacht der Sündenvergebung. Das scheint für Jesus sehr wichtig zu sein. Aber was ist die Sünde? Viele Menschen können heute keine Antwort mehr darauf geben. Sie sind autark, sie gestalten ihr Leben selbst ohne vor Gott in irgendeiner Weise Rechenschaft geben zu müssen. Sünde ist grundsätzlich alles, was unser Verhältnis zu Gott trübt und belastet. Durch die Sünde wird unsere Empfänglichkeit für die Gaben des Geistes Gottes geschmälert. Und die schwerste Sünde, die nicht vergeben werden kann, ist die Sünde wider den Hl. Geist. Das wird oft missverstanden. Es handelt sich bei dieser Sünde um eine Haltung, die Gott ganz bewusst ablehnt. Bei einer solchen Einstellung ist es wohl klar, dass da keine Vergebung möglich ist, weil die Voraussetzungen fehlen.
Und somit sind der Friede und die Vergebung die Voraussetzung für unsere Verkündigung. Und die ist uns genauso aufgetragen, wie sie den Jüngern Jesus aufgetragen wurde. Es muss eine Verkündigung der Frohen Botschaft sein, die aus unserem Leben ausgeht. Unser Leben in unserer Umgebung ist bereits eine Verkündigung. Sie geschieht ja nicht allein durch Worte, sondern auch durch unser gesamtes Tun.
Aber machen wir doch noch einen Blick auf unsere heutige Lesung. Da wird uns das Herabkommen des Hl. Geistes unter zwei Bildern geschildert, unter dem Bild vom Sturm und unter dem Bild vom Feuer. Vom Sturm, den man selber nicht sieht; aber wir nehmen seine Wirkungen war, wie die die Blätter der Bäume schüttelt, wie die Segel der Schiffe füllt und sie in Fahrt bringt, wie er das Meer aufwühlt. So ist es auch mit dem Geist Gottes: wir sehen ihn nicht, aber wir spüren seine Wirken in allen Menschen, die Gutes tun, in allen Menschen, die Liebe schenken und im Sinne Jesu handeln. Und dann das Feuer! Es spendet Licht und Wärme und es verzehrt sich, es läutert und reinigt. Beides, sowohl Feuer und Sturm sind Symbole für das Leben.
Was der Heilige Geist in uns bewirken möchte, das ist lebendige Veränderung. Schauen sie, was aus den furchtsamen Jüngern geworden ist. Sie haben plötzlich ihre Angst verloren und den Mut gehabt in die Welt hinauszuziehen und Jesu Botschaft zu verkünden. In einem Pfingstgebet von Karl Barth heißt es: „Liebe Vater, gib uns den Heiligen Geist, damit wir mutig werden zu dem kleinen und doch so großen Schritt, der uns herausführt aus unseren kleinen Tröstungen hinein in die große Hoffnung auf dich.“
Sollen uns jetzt auch noch die kleinen Tröstungen genommen werden, mit denen wir uns durch manchen grauen Alltag gerettet haben? Mit der Zeit entwickelt man ja eine gewisse Fertigkeit, mit immer wiederkehrenden Schwierigkeiten über die Runden zu kommen. Da gibt es bewährte Sprichwörter oder Lebensweisheiten, gute Ratschläge von wohlmeinenden Mitmenschen, allgemein verständliche Psychologie und medizinische Grundsätze. Sie helfen, aber sie können auch die Nebenwirkung haben, dass man sich an sie gewöhnt. Man gibt sich damit zufrieden, die nächste Stunde zu überstehen oder den laufenden Tag. Es gibt eine Gewöhnung an die kleine Tröstung; auf große Veränderungen ist man nicht mehr eingestellt. Zum Durchbruch in eine lebendigere Zukunft fehlt die Kraft oder die Hoffnung.
Ich haben da einen Satz in Erinnerung, von dem ich gar nicht weiß, von wem er stammt, aber er bedeutet mir sehr viel: „Wir würden staunen, was Gott aus uns machen würde, wenn wir uns ihm zur Verfügung stellten!“ Hört sich gut an; aber wollen wir uns auch Gott ganz anheimgeben, ist es nicht ein wenig gefährlich, um den Geist Gottes zu bitten? Haben wir nicht dabei immer wieder die Angst er könnte unser Gebet ernst nehmen?

05.06.2011: 7. Sonntag in der Osterzeit

Joh 17, 1-11a
Sicher haben sie schon erlebt, wie schwierig es sein kann, verschiedene Charaktere und Interessen unter einen Hut zu bringen, eine gemeinsame Basis für ein Gespräch, für das Zusammenleben und Zusammenarbeiten zu finden. Ohne gemeinsamen Nenner lebt man nicht mit, sondern neben- oder gar gegeneinander. Aber Zusammenhalt und Solidarität fallen keiner Gemeinschaft in den Schoß. Es ist immer ein neues Suchen und Sich-Bemühen. Rückschläge und Enttäuschungen sind unvermeidlich. Gibt es Hilfen auf diesem Weg zu Einheit und Einigkeit? In der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte werden uns einige gute Tips gegeben.
Wir begegnen darin einer bunt gemischten Gesellschaft, „einmütig versammelt“. Da sind die Apostel Jesu: Petrus, der Hitzkopf, spontan und oft unüberlegt. Johannes und Jakobus, die Jesus sicher nicht ohne Grund „Donnersöhne“ genannt hatte. Thomas, der Rationalist, der nur glaubt, was er sieht. Matthäus, der ehemalige Zöllner, der sich bestimmt auch jetzt noch auf Geldgeschäfte versteht. Simon aus der Partei der Zeloten, welche die Römer mit Gewalt aus dem Land vertreiben wollten. Jeder ist ein Typ für sich. Dazu sind da auch noch die Frauen, Maria, die Mutter Jesu und seine Verwandten, die auch Brüder genannt werden. Von ihnen wissen wir weniger als von den Aposteln. Aber sicher waren unter ihnen ganz verschiedene Charaktere. Doch sie sind „einmütig“ beieinander – und das nicht nur für ein paar Stunden. Nein, tagelang beten sie gemeinsam um den Heiligen Geist. Und auch nach Pfingsten wird von ihnen berichtet, dass sie „ein Herz und eine Seele“ waren.
Was hält diese so verschiedenen Menschen zusammen? Die Antwort ist für uns wichtig, denn irgendwie erkennen wir uns selber mitten unter ihnen. Die Antwort ist wichtig, denn vielleicht kann sie uns helfen um Bemühen, um eine gemeinsame Basis in unseren Familien und auch in der Kirche.
Drei Säulen sind es, welche diese Menschen zusammenhalten. Zunächst ist es der gemeinsame Glaube an Jesus, den Auferstandenen. Es ist nicht ein Glaube an Dogmen oder Glaubenssätze. Solcher Sachglaube wirkt oft eher trennend als einend, das erfahren wir heute zur Genüge. Diese Menschen glaubten an jemanden, an Jesus, von dem sie wußten, dass er geheimnisvoll mitten unter ihnen war. Er hatte ja versprochen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“.
Dann ist es die gleiche Blickrichtung, welche diese bunte Gruppe zusammenhält, eine gemeinsame Hoffnung. Sie erwarten den Heiligen Geist, den Tröster, den Jesus ihnen vor seinem Abschied versprochen hatte. Sie haben ein gemeinsames Ziel: die neue Zukunft im Reich Gottes. Sie wissen zwar nicht wie das konkret aussehen wird. Aber sie zweifeln nicht an Jesu Zusage. Das schenkt ihnen Kraft, Vertrauen und Einmütigkeit.
Schließlich ist das einmütige Gebet eine tragende Kraft. Gemeinsam glauben und in die Zukunft schauen drängt zum Miteinander-Beten. Sie werden zwar nicht alle mit den gleichen Worten gebetet haben, aber sie beten alle um dasselbe, das ist ausschlaggebend. Dieses gemeinsame Tun macht ihr Gebet so stark, dass es vermag, den Heiligen Geist herabzurufen.
Spüren sie die Aktualität für uns heute? Wie steht es z.B. mit dem Glauben? Trennt oder vereint er? Wenn es nur ein Glaube an Dogmen und Glaubenssätze ist, fehlt ihm das tragende Fundament, und nur zu leicht zersplittert man sich in verschiedene Meinungen und Richtungen. Mitte und einigendes Band des christlichen Lebens ist ja nicht eine Sache, sondern eine Person, ein lebendiges Du. Warum streiten wir uns so oft über „etwas“, anstatt uns zu versammeln und zusammenzufinden um „jemanden“? Wohl der Familie, der Pfarrei, den Kirchen, deren gemeinsamer Nenner eine lebendige Gottesbeziehung ist! Sie werden glaubwürdig sein für die zerrissene Welt.
Auch die gemeinsame Blickrichtung ist nicht selbstverständlich. Zu sehr werden wir von unseren eigenen Problemen, von den Anforderungen des Augenblicks beansprucht. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir uns darum bemühen, wieder einen Blick für die verheißene Zukunft Gottes zu bekommen. Denn aus den vielen Augenblicken unseres Lebens entsteht Zukunft. Und ich denke, die Zukunftshoffnungen und auch die Zukunftsängste sind gar nicht so verschieden bei Alt und Jung, in Afrika und Europa. Sie werden zwar anders formuliert und ausgedrückt, aber im Grunde ersehnen und erhoffen alle – bewußt oder unbewußt -, was Jesus uns verheißen hat: erfülltes, sinnvolles Leben über den Tod hinaus. Eine wirklich einende Perspektive – wenn wir sie nur ernst nehmen würden.
Das Gebet als einende Kraft ist heute vielfach der Geschäftigkeit, dem Streß und Leistungsdruck zum Opfer gefallen. Wir haben keine Zeit mehr, um gemeinsam zu beten – nicht einmal am Sonntag. Dabei klagen wir über die Geistlosigkeit im Alltag und in der Welt und vergessen ganz, dass wir um den Geist, der alles erfüllen und sinnvoll machen kann, beten könnten – miteinander und füreinander, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch daheim in den Familien.
Wir haben im heutigen Evangelium jenes Gebet gehört, das Jesus bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern gesprochen hat. In der wichtigsten Stunde seines Lebens wendet er sich an seinen Vater im Himmel. „Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht“. Darum war es ihm in seinem ganzen Leben gegangen: Gott als den Vater bekannt zu machen, mit den Menschen über ihn zu reden, ihn als den befreienden, lebendigen und lebendigmachenden Gott zu verkünden. Und weil Jesus den Jüngern diese Botschaft anvertraut hat, und auch uns, darum betet er für sie. Sie sollten in der Welt sein, aber nicht von ihr. Die Maßstäbe ihres Denkens und Tuns sollten den Geist Gottes atmen. Ihr Leben und Wirken sollte die Welt von innen her verändern und neu gestalten. Dabei, so bittet er, sollte der Vater sie vor dem Bösen bewahren, damit sie das geistgewirkte Neue nicht mit den ewig alten Mitteln von Gewalt und Unterdrückung zu erreichen suchten.
Dieses Gebet Jesu macht uns schlagartig klar, wo – für alle Zeit – die Maßstäbe zu finden sind, nach denen das Tun seiner Jünger beurteilt werden kann. Die Geschichte der Kirche und auch unsere eigene Geschichte ist neben aller Nachfolgegeschichte immer auch eine Verweigerungs- und Verirrungsgeschichte, die uns und deshalb natürlich auch anderen zeigt, wie tief sich Jesu Jünger in den Netzen der Welt verstrickt haben und verstricken.
Wie war das doch gleich, als Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedete? Er hatte ihnen die Füße gewaschen, das hatten sie nicht erwartet. Er hat von seinem Verräter gesprochen, ein starkes Stück, und Petrus vorausgesagt, dass gerade er ihn verleugnen werde. Er hatte ihnen von seinem Weg zum Vater erzählt und seine Beziehung zu ihnen, den Jüngern, in das Bild vom Weinstock und den Reben gebracht. Weil er ihnen allen „klaren Wein“ einschenken wollte, hat er ihnen auch vorausgesagt, dass „die Welt“ sie hassen werde. Er hatte ihnen den Geist als Beistand und Lehrer verheißen, der sie in ihrer Trauer trösten werde; und er hatte sie ermutigt, in der Bedrängnis standhaft zu bleiben. Dann hatte er zu beten begonnen.
Folgen wir seinem Beispiel. Amen.

29.05.2011: 6. Sonntag im Jahreskreis

Joh 14,15-21

An Bahnhöfen können wir täglich rührende Abschiedsszenen erleben. Ein Händedruck, eine Umarmung. Neulich dauerte am Wiener Westbahnhof eine Umarmung so lange, dass der Zug ohne den Betreffenden samt dem Gepäck wegfuhr. Nicht selten wird bei solch einem Abschied auch ein Geschenk ausgetauscht, etwas was an denjenigen erinnern soll, den man nun Tage, Wochen oder Jahre nicht mehr sehen wird. Durch das Abschiedsgeschenk bleibt gleichsam etwas vom anderen da, ein Stück er selbst; umso mehr, je persönlicher das Geschenk ist.
Am Sonntag vor Christi Himmelfahrt hören wir heute im Evangelium vom Abschiedsgeschenk Jesu an seine Jünger und damit auch an uns: vom göttlichen Beistand.
Was ist das für ein Geschenk? Mit Händen und Augen läßt es sich nicht erfassen und doch verleiht es den Jüngern die Kraft, die Botschaft Jesu machtvoll weiter zu sagen, Kranke zu heilen und böse Geister zu vertreiben. Ein Erlebnis aus meiner Kindheit ist mir da eingefallen, wie mich die Mutter einmal in den Keller schickte, um Getränke zu holen. Ich ging nicht gern in den Keller, er war dunkel und irgendwie unheimlich. Als ich der Mutter von meiner Angst erzählte, sagte sie nur: „Du mußt keine Angst haben, ich bin ja da!“ und weiter meinte sie: „Laß alle Türen offen stehen und wenn etwas ist, dann rufe mich einfach!“ Ein mulmiges Gefühl hatte ich dennoch, als ich die Treppen zum Keller hinunterstieg. Unten angelangt entwich mir dann der Schrei wie von selbst, der Schrei nach meiner Mutter. Und wie erleichtert ich war, als ich ihre raschen Schritte hörte und ihre Stimme durchs Treppenhaus klang. „Ist etwas passiert?“ Von da an war es nicht mehr notwendig nach ihr zu rufen: ich wußte, sie würde da sein.
Ist es nicht das, was Jesus uns ins Herz schreiben wollte: „Habt keine Angst, ich bin ja da!“ So kommt in seinem Abschiedsgeschenk jene frohe Botschaft Gottes neu zum Ausdruck, die schon Moses vor dem Dornbusch vernahm. „Ich bin da.“ Gott ist in Rufweite. Das Abschiedsgeschenk Jesu, der Tröster, der Beistand, ist der Garant für die schützende und helfende Nähe Gottes, er ist die Rufbereitschaft Gottes in unserem Leben. Wenn es darauf ankommt ist er zur Stelle. Freilich wird uns unser Leben dadurch nicht abgenommen, die Lebensstufen – und seien sie auch manchmal steil und dunkel – müssen wir schon selbst begehen. Aber Gott ist es, der uns begleitet und der uns in allen Passagen unseres Lebens die Kraft zu deren Bewältigung gibt.
Diese Zusage Gottes, dieser Beistand, will erfahren werden. Wie das Kind im Keller ganz selbstverständlich nach der Mutter ruft, um zu testen ob sie es tatsächlich hört, brauchen wir Christen die Erfahrung, dass der Beistand Gottes anwesend ist und unser Leben tatsächlich begleitet. Immer wieder geraten wir in brenzliche Situationen: Phasen der kleineren oder größeren Krisen, der Orientierungslosigkeit, der Angst. Wenn auch das Sackgassenschild auf dem Lebensweg noch so bedrohlich und endgültig erscheint, nicht selten findet sich doch ein tragbarer, ja vielleicht sogar ein bereichernder Ausweg. Solche kleineren oder größeren Lösungen, als Wirken des göttlichen Beistandes gewertet und nicht als Produkte des Zufalls entwertet, werden unser Vertrauen in Gottes Rufbereitschaft wachsen lassen und uns helfen, die Stufen unseres Lebens – auch die dunklen – mutig zu beschreiten.
Voraussetzung für das große Geschenk Gottes ist, dass wir in seiner Liebe bleiben. Wenn der Geist Gottes und Jesu in uns wohnt, so werden wir zu Trägern dieses Geistes. Durch uns kann er an andere Menschen weitergeschenkt werden. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir uns immer wieder am Leben Jesu orientieren. Die sogenannten Abschiedsreden, aus denen unser Text stammt bilden sozusagen das Vermächtnis, das Testament Jesu, das er am Abend vor seinem Tod den Jüngern übergibt. Schon deswegen gilt: Was hier steht, ist wichtig. Es will Wegweisung sein, Anleitung für ein Leben, das der Vorstellung Jesu entspricht.
Der Abschnitt enthält keine Detailanweisungen, und er ist nicht rezepthaft verfaßt. Er beschränkt sich auf wenige Aussagen, die in ihrer Grundsätzlichkeit eine Erläuterung brauchen. Den Rahmen bildet der Hinweis auf die Grunddimension jedes christlichen und kirchlichen Engagements: Jesus spricht von der Liebe zu ihm, die sich darin zeigt, dass wir seine Gebote halten, was heißen will: dass sie leben so wie er selbst.
Ein Stück früher im Evangelium ist nachzulesen, was Jesus mit Liebe meint. Nach dem letzten Mahl wäscht Jesus den Menschen, die mit ihm versammelt sind, die Füße. Dies ist Zeichen intensivster und äußerster Zuwendung. Darin drückt sich eine Dienstbereitschaft gegenüber den anderen aus, die auch vor einer Sklavenarbeit nicht zurückschreckt, die sich für nichts zu gut ist, die sich ganz auf den anderen Menschen ausrichtet, einstellt und für ihn verbraucht. Liebe ist für Jesus von Nazareth nicht einfach ein Gefühl, sondern die bedingungslose Ausrichtung auf das Du des Menschen, so wie er es selbst in der Beziehung zu Gott erfahren hat. Der Evangelist versucht, es so gut wie möglich zu umschreiben: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch“. Beziehung, Da-Sein, Gemeinschaft in der intensivst möglichen Weise – das ist Liebe, wie Jesus sie lebt.
Das ist nun auch der Auftrag, den Jesus seiner Nachfolgegemeinschaft gibt. Sie sollen so tun, „wie er“, heißt es unmittelbar nach der Fußwaschung, und wir haben erneut diesen Auftrag gehört. Die Ausrichtung weg von der eigenen Person, hin auf Gott und auf die Mitmenschen ist dafür wohl unverzichtbar. Sie entspricht dem, was das Beispiel Jesu vorgibt und was Jesus meint, wenn er von „Liebe“ spricht.
„Ihr werdet meine Gebote halten“, folgert der Evangelist aus dieser Haltung der Liebe. Die Sprache befremdet ein wenig, aber nicht so der Inhalt. Im Johannes-Evangelium wird uns keine Bergpredigt überliefert, auch kein Gesetzteskatalog, auch keine andere Verhaltensnorm außer eben dieser einen: Liebe. Das bedeutet weder, dass der Evangelist z.B. die zehn Gebote nicht kannte, oder auch, dass er sie geringschätzen wollte. Es ist vielmehr eine konsequente Folgerung aus der Norm, die Jesus vorgibt. Denn wer liebt, braucht kein Rezept für sein Verhalten. Was in den zehn Geboten steht, ergibt sich dann von selbst.
Das Beispiel zwischenmenschlicher Beziehungen hilft uns hier, die Probe auf´s Exempel zu machen. Um zu wissen, dass ich dem geliebten Menschen mit Achtung begegne, dass ich das geliebte Du weder bestehlen, belügen oder sonst mißbrauchen darf – dazu muß ich nicht in einem Verhaltenskatalog nachschlagen, das weiß und empfinde ich selbst aus der Tiefe meines Gewissens. Jesus verpflichtet uns nicht auf ein neues Gesetz, sondern auf eine neue Haltung, die Liebe.
Die Wahrheit von Gottes Geist besteht keineswegs in komplizierten oder vielschichtigen Aussagen über unseren Glauben. Gottes Geist kann vielmehr bezeugen und vermitteln, wie das Leben in unserem Gott selbst aussieht, wie da Beziehung geschieht zwischen dem Vater und dem Sohn und umgekehrt. Der Geist vermittelt uns den Zugang für diese beziehungsvolle Welt in Gott. Das ist die „Wahrheit“ die er uns lehrt, ja eher doch: in die er uns hinein nimmt, die er uns eröffnet, uns als liebenden Menschen.
Wir empfangen die Geschenke Gottes, besonders das Geschenk des Hl. Geistes nicht nur für uns privat. Wir sollen es weiterschenken. Wie oft in unserem Leben wurden uns selbst die Geistgaben Gottes durch andere Menschen vermittelt. Dass wir den Geist Gottes nicht auslöschen, sondern dass wir uns ihm öffnen und ihn weitertragen, dafür wollen wir inständig bitten. Amen.

22.05.2011: 5. Sonntag in der Osterzeit

Joh. 14,1-12

Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Kaum einer von uns hat mehr einen Durchblick für all das was sich in unserer Zeit ereignet. Da ist einmal der unerhörte Aufschwung der Wissenschaft in allen Gebieten. Wir sind heute schon so vernetzt, das wir in Gefahr kommen, Gefangene unseres Netzwerks zu werden. Kinder hocken heute stundenlang vor dem Computer und surfen im Internet. Dass unser Fernseher über 100 Programme 24 Stunden täglich ausspuckt das ist uns schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir werden verwirrt auch durch das Zeitgeschehen. Die Weltwirtschaft ist für den Menschen, der nicht Fachmann ist, nicht mehr zu durchschauen. Und dann: eine Krise nach der anderen: Kriege, Aufruhr, Naturkatastrophen. Fürwahr, eine verwirrende Zeit.
Und da hinein sagt Jesus das Wort: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Kommen wir mit diesem Wort Jesu noch zurecht? Paßt dieses Wort noch in unsere Zeit hinein? Ist es für unsere Situation noch gültig?
Es heißt auch nicht einfach: Laßt euch nicht verwirren! Es heißt: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Und mit dem Herzen ist die Personmitte des Menschen gemeint, das was ihn im Tiefsten trägt und ordnet. Das heißt, der Mensch braucht eine Mitte, er braucht etwas, das ihm Sinn verheißt auch über die verwirrenden Zeit- und Tagesereignisse hinweg. Und das ist unser Glaube an Gott, unser Glaube ganz konkret an Jesus Christus.
Ein Reisender, der in einem Flugzeug sitzt, hat ein natürliches Vertrauen auf viele Dinge: dass die Maschine in der er fliegt in Ordnung ist, das der Pilot fähig ist mit dem Ding umzugehen, dass die Bodenstationen den Luftraum genügend überwachen. Und so sitzt der Reisende in seiner Maschine und trinkt seinen Kaffee und liest die Zeitung und hat keine unbegründete Angst.
Aber geht es mit unserem Vertrauen auf Gott und auf Jesus genau so? Bei einem Flugzeug haben wir handgreifliche Dinge vor uns, wir sind über das Geschehen informiert, bei Jesus scheint es da gewisse Schwierigkeiten zu haben. Natürlich glauben wir an Gott; aber ist unser Glaube so beschaffen, dass er für das Leben taugt? Es kann doch nicht genügen, das Glaubensbekenntnis aufsagen zu können, der Glaube muß vielmehr in unserem Leben fest verankert sein, er muß die Grundlage unserer Existenz bilden. Tut er das? Kennen wir Jesus so gut, dass er und seine Lehre für uns und für unsere Zeit wirksam sein können?
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Kommt nicht die Orientierungslosigkeit und die Angst so vieler Menschen daher, dass ihren Weg nicht kennen? Es ergeht uns oft wie einem Wanderer, der die Orientierung verloren hat und sehnsüchtig nach der nächsten Markierung sucht, der sich mühsam durchfragen muß wo es lang geht. Und wie oft landen wir in unserem Leben in Sackgassen, wo der Weg plötzlich aufhört und nicht mehr weiterführt. Und wie oft ist unser Weg als Christen derart mühsam, dass wir immer wieder auf jene Menschen schielen, die für sich den bequemsten und komfortabelsten Weg ausgesucht haben. Und wie oft passiert es uns, dass wir uns an den Wegrand setzen und nicht mehr weitergehen wollen, weil uns alles so sinnlos erscheint. Unser Weg ist der Jesu. Und Jesus macht uns keine Illusionen darüber, dass dieser Weg streckenweise auch ein Kreuzweg sein kann, er macht uns aber auch keine Illusionen darüber, dass sein Weg zum Ziel führt, mag es für uns manchmal noch so uneinsichtig sein.
Und die Wahrheit. Wir fragen uns doch manchesmal: Stimmt das eigentlich wirklich, was ich glaube und worauf ich mein Leben aufbaue. Es gibt so viele Lehren, die von sich behaupten, sie hätten die Wahrheit. Ich möchte nicht alle Wahrheiten aufzählen, die die Botschaft Jesu beinhaltet. Aber die Grundlage der Lehre und der Wahrheit, die Jesus uns gebracht hat besteht in der Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen und besteht in dem Auftrag, den er uns gegeben hat für unsere Welt.
Dann ist da noch das Wort vom Leben. Wir wissen alle, was Leben ist. Und wir haben alle den gleichen Eindruck: Es ist uns zu kurz und es ist zu wenig ausgefüllt. Auf lange Strecken unseres Lebens befriedigt es uns nicht, läßt zu wünschen übrig. Das ist unsere Lebenssehnsucht die ihre Ursache in der Teilnahme am Leben Gottes ist, die uns mit unserer Seele geschenkt ist. Wir wissen es aus unserer eigenen Erfahrung mit unserem Leben, dass die Gefahr einer Torschlußpanik immer gegeben ist. Das ist die Angst in unserem Leben zu kurz gekommen zu sein, schlecht abgeschnitten zu haben, das ist die Angst, dass uns das Leben etwas schuldig geblieben ist. Aber dieses Vakuum können wir nicht damit befriedigen, dass wir uns auf die Jagd nach irdischen Gütern begeben.
Da spricht Jesus noch ein anderes verheißendes Wort: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen.....Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“ Jesus erweitert unsere Perspektive. Er sagt: Hier könnt ihr nicht euer vollkommenes Glück finden, dazu ist diese Welt nicht imstande, es euch zu schenken. Das kann nur Gott und er wird es auch tun. Ich finde es sehr schön, dass Jesus hier das Bild von einer Wohnung gebraucht, weil wir uns das vorstellen können. Wir wissen was eine Wohnung für uns bedeutet, Räume, die wir uns nach unserem Geschmack eingerichtet haben, wo wir zu Hause sind, wo wir uns gerne zurückziehen, wo wir unsere Gäste empfangen, wo wir geborgen sind. Jesus verheißt uns da nicht irgendwas Abstraktes, nicht etwas, das uns als Menschen nicht entspricht. Er kann es nicht im Detail schildern, das würden wir in unserem jetzigen Zustand nicht erfassen. Aber dass wir daheim sein werden, das sagt uns Jesus ganz deutlich.
Philippus stellt dann noch eine Frage, die auch unsere Frage ist: Zeig uns den Vater! Zeig uns Gott! Wir wollen sehen, wie Gott ist, wie er zu uns ist. Und Jesus antwortet ganz einfach: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Das ist großartig. Endlich haben wir das bekommen, was wir uns schon so lange gewünscht haben – ein Bild von Gott. Und von da her ist es interessant, das Neue Testament noch einmal genau durchzulesen um herauszufinden, welche Züge dieses Gottesbild trägt. Es heißt in der Weihnachtsliturgie: Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Das sagt doch wohl alles und das sollte uns genügen, um unsere verschiedenen Verwirrungen ins Lot zu bringen. Aber das sollte uns auch darauf aufmerksam machen, dass da eine gewaltige Forderung auf uns zukommt, vor der wir uns nicht drücken dürfen. Wenn wir den Weg Jesu mitgehen, dann sollen auch wir das ausstrahlen, was er ausgestrahlt hat, dann sollen die Menschen durch uns hindurch ein Bild von Gott bekommen können, dann sollte Christus in uns Gestalt gewinnen. Vielleicht läuft es da kalt über den Rücken, wenn wir merken, wie weit entfernt wir davon sind, ja, dass wir vielleicht noch nicht einmal daran gedacht haben, dass das von uns gefordert und eingefordert wird.
Ja, es ist eine wirklich Frohe Botschaft, die wir da erhalten, eine Botschaft, die der Verwirrung an den Kragen geht, eine Botschaft, die einen Weg weist, eine Wahrheit aufzeigt und ein unvergängliches Leben verheißt. Amen.

15.05.2011: 3. Sonntag in der Osterzeit

Es fällt uns allen nicht schwer, uns mit den zwei Jüngern zu identifizieren. Es sind dies zwei Menschen, die eine schwere Enttäuschung erlebt hatten. Es war kein materieller Verlust, auch nicht nur der Verlust eines lieben Menschen, sondern auch der Verlust der Botschaft, die dieser Mensch gebracht hatte. Mit seinem grausamen Tod war nun in ihnen alles zerstört, alle Hoffnung zerbrochen. Und so brechen sie vom Ort ihrer grausamen Enttäuschen, von Jerusalem auf, um in ihre Heimat zurückzukehren, um wieder ihrer Beschäftigung nachzugehen. Drei Jahre des Beisammenseins mit Jesus hatten in ihnen große Hoffnungen geweckt. Drei Jahre hatten sie von Jesus, ihrem Meister, die große Botschaft von Gott vernommen, der in ihm selbst unter ihnen gegenwärtig war.
Jerusalem liegt schon eine Wegstrecke hinter ihnen. Ihr Jerusalem und unser Jerusalem, der Ort wo sie von einer tiefen Trauer überfallen wurden, weil sie einen schweren Verlust erleiden mußten und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Jerusalem liegt dort, wo Menschen in irgendeiner Weise bedrückt sind, weil sie an etwas schwer zu tragen haben. Jerusalem liegt dort, wo Menschen eine schwere Enttäuschung erfahren haben, wo ihre Pläne zerschlagen und ihre Träume zerbrochen sind, wo man sich fragt: „Warum muß das alles sein?“
Aber wie verhalten wir uns in solchen oder in ähnlichen Situationen? Wir wollen weg vom Ort unserer Traurigkeit; wir wollen Abstand von allem finden und nach Möglichkeit all das Gewesene vergessen. So ergeht es uns heute; so erging es den Emmausjüngern damals.
Und somit ist die Emmausgeschichte keine fremde Geschichte, sie ist vielmehr die unsrige. Zugleich wird hier deutlich, wie ähnlich sich doch alle Menschen sind, mögen sie auch zu den verschiedensten Zeiten oder an den unterschiedlichsten Orten leben.
Es ist klar, dass sie immer wieder darüber reden, dass sie das gegenseitig besprechen, was sie bedrückt. Zufällig begegnete den beiden Männern ein fremder Wanderer. Sie wußten nicht woher er kam und wohin er wollte. Dieser fremde Wanderer war Jesus selbst; aber sie erkannten ihn nicht. Jesus gab sich nicht gleich zu erkennen, sondern er tat das psychologisch Richtige, indem er die beiden dazu nötigte, ihre Erlebnisse durch ihr Gespräch aufzuarbeiten. Dabei kommt das Bild zutage, das sie sich von Jesus gemacht hatten und das nun einer Korrektur bedürfte. Sie sahen ihn als einen Propheten, also als einen, der im Namen Gottes sprach. Doch kamen sie nicht klar darüber, dass gerade die religiösen Führer ihres Volkes Jesus dem Tod überlieferten. Und sie hatten gehofft, dass Jesus Israel erlösen werde. Wie bei allen Jüngern Jesu klang da die Hoffnung auf eine irdische Erlösung durch, die Hoffnung auf ein irdisches Reich mit Jesus als König. Sie erwähnen auch, dass das alles schon drei Tage her ist, haben aber vergessen, dass Jesus seine Auferstehung nach drei Tagen angekündigt hatte. Die Berichte der frommen Frauen, die ihnen vom leeren Grab erzählt hatten, machten auf sie scheinbar keinen Eindruck.
Jesus hob nun ihre Probleme mit äußerster Behutsamkeit in einen größeren Horizont. Schritt für Schritt öffnete er ihnen die Augen dafür, dass alles, was Gott zuläßt, und mag es für uns noch so unverständlich sein, einen tiefen Sinn hat.
Aufgrund seiner zuhörenden Anteilnahme verwandelt sich der Fremde alsbald in einen Vertrauten. Daher baten sie ihn: „Herr, bleibe bei uns!“ Und er blieb bei ihnen, bis sie durch das Brechen des Brotes erkannten, wer dieser Begleiter in Wirklichkeit war. Diese kleine Geste, diese kleine Handbewegung, die ihnen so vertraut war, machte ihnen seine Gegenwart bewußt. Da verstanden sie, dass uns nichts genommen werden kann, ohne dass es uns in größerer Weise wieder geschenkt wird und dass in jedem Zusammenbruch ein neuer Aufbruch liegt.
Wir sind von unserem Glauben her zutiefst überzeugt, dass Gott in unserem Leben zugegen ist, dass der auferstandene Christus auch uns begleitet wie die beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus. Und wir können uns bei ihm aussprechen. Das tut uns immer gut, dieses schlichte einfache Reden mit Christus, so wie es uns vom Herzen kommt. Da hat auch immer wieder eine Klage ihren Platz über so viel Unverstandenes in unserem Leben, über so viel Unklarheiten und Kümmernisse, die wir haben.
Und Jesus wird sich auch uns zu erkennen geben, wenn wir ihm in unseren Gedanken Raum geben, wenn wir uns daran gewöhnen nach unserem eigenen Reden still zu werden und in uns hineinzuhören, was er in unserem Herzen spricht, was er auch zu uns spricht durch so manches aufmunternde und klärende Worte, das andere Menschen an uns richten. Es wird in der Emmauserzählung sehr deutlich: Wo Menschen tief enttäuscht sind, wo sie nur noch ihre zerbrochenen Vorstellungen sehen, wo Traurigkeit ihr Herz gefangenhält, da ist ihnen der Auferstandene immer nahe. Er läßt sie nicht allein. Weil er um sie weiß, geht er ihnen nach und reiht sich unaufdringlich unter sie ein.
Von dieser Überzeugung lebt unser österlicher Glaube. Er sagt uns: „Wirf nicht alles hin, wenn du nicht mehr weiter weißt, wenn du keine Zukunft mehr siehst. Glaube vielmehr, dass der Auferstandene bei dir ist. Sprich mit ihm über alles, was dich bedrängt und bedrückt. Dann aber vernimm, was er dir zu verstehen gibt." Auf diese Weise kommen auch wir nach Emmaus, einem Ort, von dem man heute gar nicht mehr sagen kann, wo er lag. Aber was macht es! Nur eine kurze Wegstrecke von Jerusalem, dem Ort des Leidens und der Enttäuschung entfernt. Denn Emmaus ist immer der Ort, an dem uns die Augen aufgehen, weil wir sehen, dass der Auferstandene mit uns auf dem Weg war, um uns wissend und uns zu einem guten Ziel begleitend.
So erweist sich der Weg von Jerusalem nach Emmaus als ein Wandlungsweg, den wir alle gehen müssen, um als Menschen innerlich reifer und reicher zu werden. Daher dürfen wir sagen: Wir alle sind auf dem Weg nach Emmaus, aber wir gehen diesen Weg nicht allein. Zugleich erweist sich Emmaus nicht als Ende, sondern vielmehr als ein neuer Anfang; denn gemeinsam mit dem Auferstandenen gibt es keine Sackgassen, sondern mit ihm werden alle unsere Wege zu wirklichen Lebenswegen. Amen.

01.05.2011: 2. Sonntag in der Osterzeit

Joh 20,19-31

Glauben und Wissen – ein uraltes Thema verquickt mit vielen Auseinandersetzungen. Phil Bosmans schreibt einmal darüber:
Glauben ist etwas anderes als religiöses Wissen,
etwas anderes als das Akzeptieren von festumschriebenen Wahrheiten,
etwas anderes als das Festhalten an Glaubenssätzen,
tastend und suchend,
fragend und bittend um Licht für das Leben.
Bis Gott eines Tages
auf dich zukommt
und dich seine Gegenwart spüren läßt
in den tausend Dingen des Alltags.

Dieses Wort erinnert uns daran, dass Glauben nicht erlernbar ist wie das Einmaleins. Glauben ist eher eine Herzensangelegenheit. Auf der anderen Seite liegt der Glaube nicht jenseits aller Vernunft. Glaube ohne Vernunft wird zum Aberglauben. Deshalb möchte ich fragen: Wie fühle ich Gott, damit ich glauben kann, ohne dabei meine Vernunft über Bord werfen zu müssen.
Vielleicht besteht beim Problem des Glaubens ein zu starkes Festhalten am bloß Begreiflichen, also an dem was ich zählen, wiegen und messen kann. Dass diese drei wissenschaftlichen Methoden nicht ausreichen, um unser Leben verständlich zu machen, das wissen wir. Sie reichen höchstens dazu aus um zu erklären, warum eine Kugel rollt oder warum ein Gegenstand fällt oder warum ein Flugzeug fliegt. Aber die wichtigen Dinge unseres Lebens sind Dinge des Glaubens und nicht des Wissens.
Bei der Suche nach verschiedenen Antworten ist mir ein Gespräch von Hermann Hesse mit seiner Mutter aufgefallen: Er behauptet, wenn er wieder gläubig werden sollte, müßte erst jemand kommen, des es gelänge, ihn zu überzeugen. Darauf entgegnete seine Mutter:
„Wahrscheinlich wird der niemals kommen, der dich überzeugen wird. Aber allmählich wirst du selber erfahren, dass es ohne Glauben im Leben nicht geht. Denn das Wissen taugt ja nichts. Jeden Tag kommt es vor, dass jemand, den man genau zu kennen glaubte, etwas tut, was einem zeigt, dass es mit dem Kennen und Gewißwissen nichts war. Und doch braucht der Mensch ein Vertrauen und eine Sicherheit. Und da ist es immer besser, zum Heiland zu gehen als zu einem Professor oder zu einem Politiker oder zu sonst jemanden.“
Hermann Hesse ist mit der Antwort nicht zufrieden. Er wendet ein, dass die Menschen vom Heiland auch nicht viel wissen. Aber seine Mutter ist unnachgiebig. Sie erzählt von Menschen, die soviel von Jesus wußten, dass sie durch ihn in tiefer Not Halt fanden. Aber dann sagt sie:
„Ich weiß gut, dass das dich nicht überzeugen kann. Der Glaube geht nicht durch den Verstand, so wenig wie die Liebe. Du wirst aber einmal erfahren, dass der Verstand nicht zu allem hinreicht, und wenn du so weit bist, wirst du in der Not nach allem langen, was wie ein Trost aussieht. Vielleicht fällt dir dann manches wieder ein, was wir heute geredet haben.“
Die Mutter von Hermann Hesse behauptet, der erste Schritt zum Glauben besteht darin, zu verstehen, dass sich das Leben nicht verstehen läßt. Es gibt Stunden, da wird das Leben auf das gestoßen, was es vom Wesen her ist und bleibt: eine Frage.
Das muß Thomas in unserem Evangelium erfahren. Er versteht das Leben nicht mehr. Alles ist für ihn zur Frage geworden. Seine Reaktion darauf ist verständlich. Er zieht sich zurück. Jede schnelle Antwort erträgt er nicht. Die Ablenkung und Verdrängung der bestandenen Hoffnung tut gut und schmerzt zugleich. Er kann den Antworten der Anderen auf seine einsam machende Frage keinen Glauben schenken, weil der Glaube eigene Erfahrungen braucht.
In dieser Haltung geht unbewußt Thomas den ersten Schritt auf den Glauben zu. Er kann seinen Zweifel eingestehen. Er läßt sich durch voreilige Antworten nicht überrumpeln. So bleibt er authentisch. Seinen ganzen Trost, seine Enttäuschung, seine Fragen macht er vor den anderen offenkundig. Auch wenn er dadurch zum Außenseiter wird: Thomas setzt sich mit seinen Freunden, die von der Auferstehung berichten, auseinander.
Das ist der erste Schritt in den Glauben: sich nichts vormachen. Ein Sprichwort sagt: „Wo der Glaube lebt, singt der Zweifel die zweite Stimme.“
So beginnt Glaube: den Zweifel in mir wahrnehmen, ihn zulassen, ihn in mir singen hören, unter der Zulassung der Angst und ihn dann aussprechen lernen.
Noch eine andere Haltung des Thomas wäre zu benennen, um einen Weg des Glaubens aufzuzeigen. Thomas sieht in seiner Glaubensunsicherheit nicht am Leid Jesu vorbei. Denn hier steht der Glaube auf dem Prüfstand. Wenn das Leid Leid bleibt und der Tod das letzte Wort behält, dann ist aller Glaube eine Zumutung. Deshalb will Thomas die Wunden sehen. Er will sehen, was Gott mit diesem Leid gemacht hat. Denn wie sollte Gott bleiben, wenn das Leid, das nicht zum Ansehen war, nicht durch ihn selbst gewandelt würde. So beginnt Glaube! Der glaubend Zweifelnde nimmt Anstoß am Leid, läßt es nicht zu, will wissen, wie Gott dazu steht.
Der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus, als der Auferstandene, die Fragen und Unsicherheiten des Thomas gewürdigt hat. Jesus zeigt in der Begegnung mit ihm: Gott macht nicht Halt vor unserem Zweifel. Nicht die Zweifellosigkeit ist die Bedingung für die Gottesbegegnung. Sondern umgekehrt: Um des menschlichen Fragens willen, kommt Gott auf uns zu, sucht nach uns, teilt sich uns mit, spricht unsere Sprache und schenkt uns in der Mitte des Herzens Erfahrungen, die über den Kopf hinauswachsen.
Und noch etwas wird in dem Zusammenhang Jesu mit Thomas offenbar: Der, der am Kreuz gelitten hat, ist derselbe, der nun als der Auferstandene vor ihm steht. Der Auferstandene und der Gekreuzigte sind identisch. Nur darin wird deutlich, dass Gott am Leid nicht vorbeigesehen hat. Nur so wächst der Glaube, dass Go9tt stärker ist als der Tod.
Wie wird Glauben? Wenn wir diese Frage beantworten wollen, dann müssen wir noch eine Begebenheit des Evangelium wahrnehmen: Alles was Thomas nach der Begegnung mit dem Auferstandenen zu sagen hat ist ein Gebet: „Mein Herr und mein Gott!“ Das kürzeste Gebet im Neuen Testament. Die ganze Betroffenheit ist darin zu spüren. Es ist ein Gebet, ganz und gar aus dem Staunen geboren. Martin Buber sagt: „Gebet ist das Fühlbarwerden Gottes!“
Indem Thomas seinem Zweifel Raum gibt, indem er das Leiden als Angriff gegen Gott und den Menschen empfindet und indem er die Nähe derer sucht, die Christus erfahren haben, wird er selbst zum Zeugen der Auferstehung und damit zu Beter.
Ich hoffe, diese paar Gedanken werden für sie ein wenig nachdenkenswert sein, denn die Auferstehung betrifft zutiefst unser Leben und alle unsere menschliche Hoffnung. Amen.

24.04.2011: Ostersonntag, Joh 20, 1-18

Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln. Aber wir sind manchmal nahe daran. Gerade in diesen Tagen, wo wir dauernd kriegerische Auseinandersetzungen in vielen Teilen unserer Welt erleben. Und wir fragen uns: hat sich die Botschaft Jesu so wenig durchgesetzt, dass wir immer noch die primitivste Art wählen müssen, um Meinungsverschiedenheiten auszutragen. Wir neigen den Teufel zu bagatellisieren; aber zeigt sich nicht im Weltgeschehen, dass das Böse, das Brutale, der Haß sehr massiv vorhanden ist, dass es Menschen gibt, die besessen sind vom Bösen.
Unsere Situation deckt sich interessanterweise mit dem was Jesus einmal über die Endzeit gesagt hat. Da heißt es bei Matthäus:
„Ihr werdet von Kriegen hören, und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn ein Volk wird sich gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere, und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben....“
Warum aber muß es das alles geben? Ganz einfach, weil es die Freiheit des Menschen gibt, der sich dem Guten verschließen und dem Bösen öffnen kann. Und diese Freiheit nimmt Gott dem Menschen nicht. Aber jedes Jahr zu Ostern zeigt er den Menschen den Auferstandenen Sohn, zeigt ihm die Möglichkeit sein Leben in der Nachfolge des Auferstandenen zu gestalten, zeigt ihm in allem Elend ein Licht. Vielleicht ist es im Leben der vielen Vertriebenen so dunkel, dass sie das Licht nicht mehr sehen können, und es gibt auch Menschen, die dieses Licht nicht sehen wollen. Mag es ihnen ein wenig leuchten durch die Hilfsbereitschaft, die wir diesen Menschen angedeihen lassen.
Wie viele Menschen verzweifeln in der Not und Ungerechtigkeit der politischen Verhältnisse oder in der Sorge um die Zukunft unseres Planeten und auch des persönlichen Lebens? Wie viele verzweifeln angesichts von Verbrechen oder in bedrückender persönlicher Schuld? Wieviel Verzweiflung bringen Trauer und Leid um liebe Verstorbene, und wieviel Verzweiflung gibt es durch die Angst vor dem eigenen Sterben?
Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln. Er sieht die Hand Gottes hinter allem Geschehen, die Hand, die sich dem Sohn entgegenstreckt und ihn auferweckt hat von den Toten. Die gleiche Hand, die sich Christus entgegengestreckt hat, streckt sich auch uns entgegen in allen Bedrängnisse und Nöten.
Da stoßen wir heute im Evangelium auf eine Frau vor dem Grab Jesu, eine Frau, der das Leben arg mitgespielt hat. Sie wird beschrieben als eine Frau, aus der Jesus sieben Dämonen ausgetrieben hat. Trotzdem war sie letztlich offen für die Begegnung mit Jesus. Er konnte in einer so umfassenden Weise in ihr Leben treten, dass sich dadurch alles für sie veränderte. Kein Wunder, dass sie als die gesehen wird, die Jesus mit dem kostbaren Nardenöl gesalbt hat. Kein Wunder, dass sie gesehen wird als die Frau, die in den schweren Stunden Jesu am Kreuz in seiner Nähe ist. Maria von Magdala hat erfahren, wie sehr du wie tief die Liebe einen Menschen verwandeln kann. Sie hat erfahren, dass die Liebe stärker ist als der Tod.
Wir wissen heute über die Auferstehung Jesu mehr als die Frauen, die in der Morgenfrühe zum Grab gingen, um den Herrn zu salben. Sie waren voll von Traurigkeit. Für sie war Jesus tot, unwiederbringlich dahin gegangen an den Ort, von dem niemand zurückkehrt. Für sie und die Jünger war eine Welt zusammengebrochen, eine Welt der Erwartungen eines rettenden und befreienden Messias. Allerdings mußten sie enttäuscht werden, denn ihre Erwartungen waren zum großen Teil falsch. Sie wurden enttäuscht, das heißt von einer Täuschung befreit, da sie sich einen irdischen Messias erwarteten, einen König mit politischen Interessen, einen Messias, der Posten und Ämter verteilt. Im Laufe ihres Zusammenseins mit Jesus ahnten sie immer mehr, dass er etwas ganz anderes bringen wollte als das, was sie sich erwarteten.
Die Frauen waren die ersten beim Grab, und sie waren auch die ersten, die glaubten. Die Frauen hatten eine Aufgabe zu erfüllen. Sie wollten den Leichnam Jesu salben. Und als sie ihn nicht fanden, meinten sie, er sei gestohlen worden. Wir wissen aus den anderen Auferstehungsberichten, dass die Jünger Jesu nicht leicht zu Glauben an die Auferstehung fanden. Erst als Jesus ihnen wiederholt erschien, kamen sie langsam zum Glauben an die Tatsachen, dass er lebt.
Geben wir es ehrlich zu, auch für uns ist der Glaube an die Auferstehung von den Toten nicht immer ein einfacher Glaube, auch wenn alles in unserem Leben voller Hunger nach einem Weiterleben nach dem Tode ist. Der Tod ist etwas, mit dem wir Menschen uns nicht abfinden können. Und wir können uns auch nicht abfinden mit dem bißchen Leben, das wir haben. Es ist uns einfach zu kurz und auch zu wenig ausgefüllt. Diese beiden Tatsachen allein weisen schon darauf hin, dass unsere Existenz auf eine größere Erfüllung hin ausgelegt ist.
Interessant ist nebenbei auch, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod bei allen Völkern und zu allen Zeiten zutiefst ausgeprägt ist. Ja, für manche Völker war das irdische Leben geringer geachtet als das Weiterleben im Jenseits, so bei den alten Ägyptern und den Etruskern, die für ihre Toten ganze Städte bauten, deren Reste man heute noch sehen kann.
Natürlich sind die Menschen auch immer bemüht gewesen, dem Auferstehungsglauben aus dem Weg zu gehen nach dem Motto: Was ich nicht begreifen kann, das darf es einfach nicht geben. Aber das wäre zu kleinlich gedacht sowohl über unser eigenes Leben als auch über die Möglichkeiten Gottes. So meinte manche, es gäbe bloß ein Weiterleben in Andenken der Menschen oder in den Werken, die ein Mensch geschaffen hat.
Allem Denken der Menschen ist aber eines gemeinsam: Die Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit. Aber wenn ich meine Existenz in einen anderen hinein verlegen könnte, wäre es möglich über die Todesgrenze hinaus zu gelangen. Nur müßte dieser andere jemand sein, der selbst nicht vergänglich, sondern unsterblich ist. Und ich müsste mit diesem anderen so eng verschmolzen sein, dass selbst der Tod diese Bindung nicht zerstören kann. Damit sind wir aber bei der Osterbotschaft angelangt; bei jener ungeheuren Nachricht, dass jemand auf der Erde gelebt hat, der durch den Tod hindurchgegangen ist, den das Grab nicht festgehalten hat. Damit sind wir aber auch angelangt bei der ungeheuren Nachricht, dass es auch für uns einen Weg durch den Tod hindurch gibt, weil Jesus Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene uns die Möglichkeit gibt, in sein göttliches Leben einzutauchen.
Aber denken wir doch auch einmal daran, wie viele Menschen an der Osterbotschaft vorbei laufen, ohne dass diese ihnen etwas bedeutet. Vielleicht gehören wir selber manchesmal zu diesen Menschen. Es ist wichtig, dass Ostern nicht der Vergangenheit angehört, nicht bloß eine nette Geschichte bleibt, sondern in uns selber lebendig wird. Gott hat uns einen Zugang zum Leben erschlossen. Das ist auch so ein Satz, der so viel bedeutet, und den wir oft so gedankenlos hören. Aber wir sollten hellhörig werden, wenn es um das Leben geht, wenn es um unser Leben geht! Gott will uns neu schaffen! Wissen sie, was das für einen jeden von uns bedeutet. Nirgends spricht das Neue Testament vom Weltuntergang, sondern von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wir werden zwar nach der Auferstehung mit uns selbst identisch sein aber eine Vollkommenheit sondergleichen besitzen. Und der Tod ist besiegt. Jener Tod, der uns immer wieder niederdrückt, der uns immer dann ans Herz greift, wenn wir am Grab eines geliebten Menschen stehen oder wenn wir an unseren eigenen Tod denken, dem keiner von uns ausweichen kann.
Und immer wieder hören wir: Das Grab ist leer. Diese Botschaft von einem leeren Grab war für die frühe Christengemeinde in Jerusalem so etwas wie eine Siegestrophäe. Es bedeutet, dass unsere Wege nicht nur Kreuzwege sind, sondern dass wir sie auch als Osterwege verstehen müssen.
Als die Auferstehungserzählung beginnt ist es Nacht. Eine Frau, allein, unterwegs. Die Dunkelheit weicht ihren Schritten nicht. Und was in ihr ist, ist nicht weniger Nacht. Aber sie geht. Mit traumwandlerischer Sicherheit weiß sie, dass sie nicht zu Hause bleiben darf. Sie muß hinaus, sie muß dem, der tot ist, einen letzten Liebesdienst erweisen. Sie muß Abschied nehmen. Sie will ihrem Schmerz und ihrer Trauer einen Ort geben. Sie weiß nicht, dass der Weg durch die Nacht der Beginn ihres Osterweges ist. Sie weiß nichts von all dem, was auf sie zukommt, nichts vom weggerollten Stein, vom aufgeräumten Schweißtuch, von den merkwürdigen Begegnungen mit Engeln und mit Jesus. Sie weiß nur, dass sie dorthin muß, wo es am dunkelsten ist.
Auch für uns beginnt Ostern mit dem Weg zu den Dunkelheiten, zu den Gräbern unseres Lebens, dorthin also, so könnte man es auf uns hin münzen, wo das Leben, wo Hoffnung und Liebe verschlossen liegen. Wie sollen wir sehen, ob die Gräber unserer Hoffnung tatsächlich noch verschlossen sind, wenn wir nicht nachschauen? Glauben wir der Schrift, so werden auf uns weggeschaffte Steine warten, lichtdurchflutete Grabkammern, zusammengefaltete Leichentücher, vielleicht sogar himmlische Wesen, vertraute Fremde und ein neuer Auftrag: die Botschaft der Osternacht auch durch unser eigenes Leben der dunklen Welt zu verkünden. Amen.

13.03.2011: 1. Fastensonntag, Mt 4,1-11

Jesus geht zu Beginn seines öffentlichen Lebens in die Wüste. Die Wüste ist in der Glaubensgeschichte Israels Ort der Erprobung ihres Glaubens. Gott zieht mit ihnen in die Wüste. Aber ihre Gotteserfahrungen in der Wüste sind zeitweise so dünn, dass sie nur noch das Wort der Zusage, aber nicht mehr die Erfahrung seiner Nähe haben. So erliegen sie der Versuchung, Gott abzuschreiben und stattdessen auf ein goldenes Kalb zu bauen. Gott schenkt ihnen aber die Erfahrung, dass er trotz Versuchungen und Glaubensabfall zu seinem Volke steht, es in der Wüste nicht allein läßt, es aus der Wüste herausführt. An diesen Ort geht Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Es ist ja eigentlich selbstverständlich, dass jemand, der eine wichtige Botschaft zu verkünden hat, zunächst einmal überlegt, wie er diese Botschaft zu den Menschen bringen kann, zu all den Menschen, die ihre Ohren voll haben von verschiedensten Botschaften
Matthäus schildert diese Versuchung Jesu sehr plastisch, indem er das was in Jesus geschieht nach außen sichtbar macht in der Gestalt des Teufels, der mit Jesus eine Unterredung beginnt. In diesen drei Versuchungen geht es um Dinge, die Menschen dieser Welt immer wieder gebrauchen, wenn sie versuchen Einfluß auf die Menschen zu gewinnen. Steine zu Brot machen – das ist die Versuchung, den natürlichen Hunger der Menschen zu stillen. Sattheit macht den Menschen gefügig, macht ihn hörig gegenüber dem, der ihnen den Magen füllt. Schon die Herrscher im alten Rom wußten, das, wenn sie für das immer wieder unzufriedene Volk „Brot und Spiele“ veranstalteten. Sie boten den Menschen einen äußerlichen Spektakel, um den Hunger nach dem Wesentlichen zu unterbinden.
Die zweite Versuchung, die an Jesus herangetragen wird ist die Versuchung zur Show, zum äußerlichen Glanz. Sich von der Zinne des Tempels herunter zu stürzen, das wäre doch etwas, das die Menschen in Erstaunen versetzen könnte. Das wäre doch etwas, womit man Anhänger gewinnen könnte. Aber auch diese Versuchung lehnt Jesus entschieden ab.
Die dritte Versuchung ist die zur Macht. Wir wissen sehr wohl, das Mächtige, wenigsten so lange sie an der Macht sind über Anhänger nicht zu klagen haben. Und vielleicht hätten wir Jesus gerade zur Macht geraten. Er hätte sie ausüben können. Er hätte auftreten können mit äußerlichen Machterweisen, die dem Volk das nötige Staunen abgerungen hätten, er hätte auftreten können mit der Macht des lebendigen Gottes; aber er übte keine Macht aus.
Was wollte er? Wie wollte er die Botschaft von seinem Vater an uns herantragen? Nicht als Brotmessias, nicht als Showmessias und auch nicht als Machtmessias. Er kam vielmehr in aller Bescheidenheit und Menschlichkeit auf uns zu. Das Evangelium gibt uns Zeichen genug davon.
Vielleicht denken sie sich beim Anhören dieser Evangelienstelle auch: Wieso konnte Jesus als der Sohn Gottes überhaupt versucht werden, wieso mußte er nach Wegen für seine Verkündigung suchen? Bedenken wir aber: Jesus war nicht nur Sohn Gottes, er war auch ein Mensch und von ihm heißt es am Ende der Kindheitsgeschichte: „Er nahm zu an Alter und Weisheit vor Gott und den Menschen“. Es gehört zur Herablassung des Gottessohnes, dass er auch in seiner Verkündung und in seinen Überlegungen menschliche Wege ging, in denen sich die Pläne seines Vaters ihm zeigten.
Das ist alles recht gut und schön; aber es liegt doch sehr nahe, die Wüste nicht nur zu betrachten aus der Sicht eines Touristen, der mit dem Bus durch sie führt oder mit dem Flugzeug sie überquert oder sie nur als Fotomotiv betrachtet. Auch in unserem Leben gibt es die Wüste. Die Wüste als Lebenssituation, das ist bedrückend. Mancher fühlt sich wie in der Wüste, in der er verhungert, verdurstet, in der er umzukommen droht, in der die wilden Tiere wach werden, in der er vergeblich nach den Engeln ausschaut, die ihm dienen. Über Nacht können wir in der Wüste einer schweren Krankheit sein. Von heute auf morgen findet sich einer in der Wüste der Arbeitslosigkeit, in der Wüste einer ungesicherten und bedrohten Existenz wieder. Für andere heißt die Wüste Einsamkeit, Alleinsein, Trauer und Verlust. Schleichend rutschen wir oft hinein in die Wüste der Sinnlosigkeit; wir haben oberflächlich gelebt, wir haben uns hinreißen lassen vom Sog des Arbeitens, des Schaffens, haben uns keinen Raum genommen, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, der Seele Nahrung zu geben. Und irgendwann werden wir wach in der Wüste, fragen uns, was das alles soll, und dann haben wir oft keine Reserven, aus denen wir eine Antwort schöpfen könnten.
Nicht nur als Einzelner, auch als Gesellschaft können wir uns in der Wüste vorfinden. Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft heute zumindest am Rand der Wüste ist. Vieles, was das Leben lebenswert, reich und blühend macht, ist verlorengegangen. Vielleicht ist die Wüste auch wie im Evangelium beschrieben ein Ort der wilden Tiere, in der Das „Wilde“ auf- und ausbricht. Und es sind viele „wilde Tiere“ mit denen wir heute als Gesellschaft leben müssen. Ich denke da an die brutale Gewalt, mit der viele Menschen konfrontiert sind, ich denke an den Mißbrauch von Frauen und Kindern, ich denke an das wilde Tier der Profitsucht, das Menschen und Familien zerstört – wahrlich an wilden Tieren fehlt es in unserer Zeit nicht.
Die Wüste stellt den Menschen auf eine harte Probe. In der Wüste fallen Sicherheiten und Annehmlichkeiten weg. Wir sind allein mit uns selber, vielleicht mit ein paar Weggefährten. Und die Wüste stellt auch den Glauben des Menschen auf eine harte Probe. Angesichts von Krankheiten, von unbegreiflichem Schicksal, angesichts des Verlustes eines lieben Menschen, angesichts von Enttäuschung und Sinnlosigkeit, angesichts der „wilden Tiere“ stellen viele die Frage: Wo ist denn Gott? Warum läßt er das alles zu? Warum führt er ausgerechnet mich in die Wüste? Oder kommen nicht alle in die Wüste nur dass es manche gar nicht merken? Gibt es ihn überhaupt, diesen Gott, von dem ich in meiner Wüste so wenig spüre? Die Lebenswüsten werden dem Menschen, der sich glaubend mit Gott verbunden hat, oft zu Glaubenswüsten. Ich kann sie gut verstehen, die Menschen, denen in der Wüste die Knie weich werden und der Glaube schwach. Die Anfechtung kennt der Glaube in der Wüste bis auf den heutigen Tag. Weil Gott so weit weg scheint, weil seine Ferne so schwer auszuhalten ist, baut sich mancher, um wenigstens etwas zu haben, woran er sich halten kann, ein „goldenes Kalb“: Arbeit, Karriere, Reichtum und vieles Andere.
Wenn nun die Wüste Anteil an jedem Menschenleben ist, zum Menschsein dazugehört, dann wollte Jesus wohl in allem uns gleich sein, als er in die Wüste ging. Jesus sagt mir durch seine Wüste: Ich teile deinen Weg.
Jesus geht in die Wüste, lebt mit wilden Tieren – und Engel dienen ihm; ein Bild dafür, dass Gott ihn nicht im Stich läßt. Wenn wir am Aschermittwoch die Fastenzeit begonnen haben, dann war das auch ein Schritt in die Wüste. Ich verzichte in dieser Zeit auf so manches, was ich sonst wie selbstverständlich habe, bereite mir sozusagen selber ein Stück Wüste. Diese Wüste soll mir helfen, zu unterscheiden, was ich im Leben wirklich brauche und was nicht. Sie soll mir aber auch helfen, Gott in der Wüste zu entdecken, die Engel, die mir dienen, zu erkennen, weil ich sie so leicht übersehe. Boten dieses Gottes sind die Engel, die Jesus dienen. Wenn wir Gottes Spuren erkennen wollen, ist es gut, wenn wir einen Blick für die Engel gewinnen. Ob mir das in dieser Fastenzeit gelingt, seinen Engel in meinem Leben zu erkennen? Ob ich sie erkenne, Gottes Engel, auch wenn sie ganz andere, ganz alltägliche Namen tragen, den Namen eines Menschen an meiner Seite, den Namen „Zufall“, den Namen „Glück gehabt“, den Namen „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe!“ Mein Gott, der mir seine Engel in meine Wüste schickt, ist ein Gott des Lebens, er ist ein Gott, der trägt und der führt und der nicht im Stiche lässt. Möge uns das in dieser Fastenzeit immer mehr ins Bewußtsein kommen. Amen.

06.03.2011: 9. Sonntag im Jahreskreis

Mt 7,21-27

Jeder von uns weiß, was „Schicksalsschläge“ sind. Vielleicht blieben wir selbst bislang von ihnen verschont; aber gewiß kennen wir den einen oder anderen, dessen Leben durch solche Schläge völlig verändert wurde. Man denke beispielsweise an Eltern, die auf tragische Weise ihr Kind verloren; an eine Frau, die den allzu frühen Tod ihres Mannes beklagt und nun allein dasteht; an einen wirtschaftlichen Ruin, der einen Unternehmer an den Rand seiner Existenz brachte; an einen Unfall, eine Krankheit, ein schweres Leid, eine enttäuschte Liebe, ein missbrauchtes Vertrauen…Bereits diese Aufzählung zeigt, dass der Katalog der menschlichen Schicksalsschläge kein Ende kennt.
In solchen Zeiten brauchen wir all unsere Kraft, um Herr der Situation zu werden. Wie gut, wenn wir dann einen Tröster haben, der uns nicht beschwichtigt, sondern jene Lebenskräfte in uns weckt, die uns bestehen lassen. Hier zeigt sich, dass mit jedem Schicksalsschlag immer ein Doppeltes gegeben ist, das, was uns schlagartig trifft, und das, was wir aus einem solchen Augenblickmachen. Da Schicksalssituationen immer Offenbarungssituationen sind, kann man gerade in ihnen erkennen, wer wir in Wirklichkeit sind.
Wir können Schicksalsschlägen gegenüber eine verschiedene Einstellung haben. Zunächst ist schon einmal die Furcht davor bedeutsam. Die Angst vor dem, was vielleicht einmal über uns kommen könnte, sei es nun eine Krankheit oder sonst ein Übel, macht uns schon empfänglich dafür, dass das Befürchtete in unserem Leben eine Chance hat. Angst zerstört die Zuversicht, lähmt das Vertrauen, macht verwundbar. Angst vor etwas kann uns so richtig den Boden unter den Füssen entziehen.
Und da erzählt Jesus das Gleichnis vom Hausbau. Darin sind die verheerenden Regengüsse, Wasserfluten und Stürme Bilder für selbstverschuldete Schicksalsschläge. Schauen wir daher zunächst auf die Vorgegebenheiten, mit denen es die Erbauer von Häusern damals in Palästina zu tun hatten.
Im Sommer trockneten viele Flüsse aus. Was zurückblieb, war ein sandiges Strombett ohne Wasser. Setzte dann im September der Herbstregen ein, so konnte das Strombett die heranflutenden Wassermassen nicht fassen.
Man stelle sich einen Mann vor, dem im Sommer auf der Suche nach einem Bauplatz ein einladender Sandstreifen ins Auge fällt. In seiner Kurzsichtigkeit errichtete er darauf ein Haus, ohne auf ein festes Fundament zu achten. Als dann wenige Monate später die Regengüsse einsetzten, die Wasserfluten anschossen und die Stürme tobten, da gingen ihm die Augen auf; denn diesen furchtbaren Gewalten konnte das Haus nicht standhalten. Wie konnte es dazu kommen? In seiner Torheit scheute er die Mühe, die ein gediegener Hausbau erfordert.
Einem solch törichten und kurzsichtigen Menschen schickt Jesus einen klugen und weitsichtigen Mann voraus. Als er nach einem Bauplatz Ausschau hielt, kam ihm ein sandiger Boden nicht einmal in den Sinn; denn er wusste um die katastrophalen Folgen. Daher richtete er seine Augen ausschließlich auf felsigen Untergrund. Obwohl es ihm viel Mühe, Kraft, Geduld und Zeit kostete, die entsprechenden Fundamente zu legen, ging er nicht von seinem Vorhaben ab; denn weder die Winterstürme noch die Regenmassen noch die Wasserfluten konnten seinem Haus einen Schaden zufügen.
Mit diesem Gleichnis möchte Jesus deutlich machen, wie notwendig es ist, den Bau unseres Lebens auf den richtigen Grund zu errichten. Nur dann ziehen wir uns keine selbstverschuldeten Schicksalsschläge zu. Und sollte uns dennoch von irgendwoher ein hartes Schicksal zugemutet werden, wo wird unser Leben zwar völlig verändern, aber es wird uns nicht brechen. Damit erhebt sich die wichtige und doch so einfache Frage: Wie gebe ich meinem Leben ein Fundament, das allen Prüfungen standhält? Die Antwort, die Jesus gibt, lässt sich so formulieren: „Wer meine Wort hat und danach handelt, der verankert sein Leben in den Tiefen Gottes, So kann ihn nichts umwerfen; denn er ist in Gott verwurzelt. Wer hingegen meine Worte hört, aber nicht danach handelt, dessen Leben wird ein tragisches Ende haben.“
Hören und Tun – das ist also das Fundament, auf dem das wahre christliche Leben ruht. Mit dem Worte Gottes ist es nämlich keineswegs so, dass es sich unmittelbar erschließt. Vielmehr geht es einem erst auf, wenn man danach handelt. Und so gibt es eine Frömmigkeit des Redens. Dazu gehört das, was wir Gott immer wieder als Bitten vortragen. Dazu gehört all das, was wir anderen an guten Ratschlägen geben, sehr oft, ohne sie selber in unserem Leben zu befolgen. Dann die Frömmigkeit des Hörens. Das Wort Gottes, das wir immer wieder hören läuft an uns ab, wie ein starker Regen, der zwar eine Überschwemmung verursachen kann, aber nicht in den Boden eindringt. Dann die Frömmigkeit des Tuns. Muss ich mich ja selber als Priester immer wieder mit der frage konfrontieren, ob ich das, was ich anderen Menschen predige und rate auch selber tue. Und das ist leider oft nicht der Fall. Es ist so wie mit dem Schwimmen-lernen. Auf dem Trockenen lässt es sich leicht üben: das Atmen, die richtigen Bewegungen; aber so richtig schwimmen lernt man doch ernst, wenn man auch mit dem Element Wasser in Kontakt kommt. Da spürt man plötzlich, dass es einen trägt, dass man nicht so einfach untergeht, dass man aber auch etwas dazu tun muss: ein klein wenig mit den Händen und Füssen herumrudern, dann bleibt man oben. Diese Erfahrung ist wichtig. Und so gibt es auch im religiösen Leben immer wieder wichtige Erfahrungen, die nur durch das Tun entstehen.
Wenn einer in sich hineinhört, wird er oft in seinen Gedanken die Stimme Gottes vernehmen, der ihn tröstet, der ihm rät, der ihm neue Wege aufzeigt. Wenn einer betet, wird er sehr bald erfahren, dass das Gebet uns auf eine Ebene hebt, die die angstvolle Situation, in der wir uns vielleicht befinden, übersteigt, dass das Gebet Ruhe schenkt und Klarheit gibt und Kraft, um eine Situation durchzustehen, wenn wir sie schon nicht ändern können. Er wird erfahren, dass das Gebet eine Kraft ist, die von oben kommt und nicht ein Monolog, von dem man sich nichts verspricht.
Es geht somit auch um den Willen des Vaters im Himmel. Möglich, dass sie sich auch die Frage stellen: was will denn eigentlich der Vater im Himmel? Braucht er meine Dienste? Braucht er mein Gebet und mein Hinhören? Nein, sicherlich nicht! Aber wir brauchen das alles, denn das ist der Schlüssel, der uns die Tür öffnet zu den Schätzen des allmächtigen Gottes.
Jeder von uns hat im religiösen Bereich schon vieles erfahren: wir kennen die Erfahrungen des jüdischen Volkes mit ihrem Gott, niedergeschrieben im Alten Testament. Wir kennen die Erfahrungen so vieler heiliger Männer und Frauen aus der ganzen Geschichte des Christentums. Was aber ist mit unseren eigenen Erfahrungen. Sie sind es ja, die uns prägen, Fremderfahrungen können uns höchstens dazu ermutigen, eigene Erfahrungen zu machen.
Welchen Grund legen wir also in unserem Leben? Wählen wir den Sand oder wählen wir den Felsen. Auf dem Sand geht es zunächst einmal leichter, auf dem Felsen wird es schwieriger, aber dafür haltbarer. Nun, ich glaube Paulus hat den Satz geschrieben: Unser Grund ist Christus. Plausibel also für einen Christen. Aber handeln wir auch danach? Amen.

27.02.2011: 8. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 6, 24-34

Kann man diese Sorglosigkeit, von der Jesus hier spricht wirklich ernst nehmen?
Verlangt Jesus von uns, dass wir einfach in den Tag hinein leben sollen ohne an die Zukunft und an die lebensnotwendigen Dinge zu denken? Walter Dirks, ein kompetenter und angesehener Gesellschaftswissenschaftler aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, hat einmal geschrieben: „Einige Heilige sind für ihre Sorglosigkeit berühmt. Teresa von Avila gründete Klöster, Maria Ward gründete Schulen, Franziskus gründete gar nichts – jene Frauen machten Schulden und verließen sich auf die Vorsehung, dieser machte nicht einmal Schulden. Es gibt vereinzelt solche Kostgänger des lieben Gottes auch heute noch, sie könnten eine Funktion haben, und es ist anzuraten, sie zu respektieren: Freiheit bleibt auch in solchen Grenzfällen ein kostbarer Wert.“
Walter Dirks meint auch hier das Freiwerden von übergroßer Sorge. Und dann kommt er auf die soziale Verpflichtung zu sprechen: „Verbrecherisch wäre es volkswirtschaftlich sorglos auf langfristige Vorsorge zu verzichten. Solche Konsequenzen würden nicht nur uns selbst, nicht nur die uns besonders anvertrauten Mitmenschen, sondern die ganze Menschheit und am meisten die Ärmsten, die unterentwickelten Zonen rasch in die Katastrophe führen.“
Man sollte auch nicht übersehen, dass zurzeit Jesu die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig anders waren als in unserer hoch komplizierten, globalen Gesellschaft. Jesus richtet seine Worte an diejenigen, die mit ihm durch die Städte und Dörfer von Galiläa, Judäa und Samarien zogen. Sie konnten mehr als wir darauf vertrauen, dass der jeweilige Tag sie mit dem Lebensnotwendigen versorgt.
Also hat auf Grund dieser Sicht diese Evangelienbotschaft für uns scheinbar nichts zu sagen? Dann hätte man besser für den heutigen Sonntag ein anderes Evangelium wählen sollen! Aber es steckt hinter der Aufforderung zur Sorglosigkeit viel mehr dahinter als man oberflächlich ahnt.
Das Evangelium von heute beginnt mit dem Hinweis, dass niemand gleichzeitig zwei Herren dienen kann: Gott und dem Mammon. Mammon darf man nicht einfach mit Geld oder Vermögen übersetzen. Mit Mammon ist alles gemeint, das Menschen in großer oder kleiner Menge auf eine im Grunde unlautere Art erwerben: Sei es Geld, Besitz, Ruhm, Ehre, Titel, Posten. Letztere anzustreben – zum Beispiel ein gutes Einkommen, Reichtum, Ansehen Einfluss steht nicht automatisch im Widerspruch zu Gott. Viel Gutes, wie Gott es wünscht, kann oft nur deswegen getan werden, weil es Wohlhabende, Einflussreiche oder Menschen mit solidem Einkommen gibt, die mit den Gaben und Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht geizen, sondern sie teilen und zum Wohle anderer einsetzen.
Jesus will auch nicht das Gewinnstreben als solches madig machen; er lehnt es aber dort ab, wo es unlauter geschieht. Bei dem Gebrauch des Wortes „Mammon“ werden Jesus alle jene vor Augen gestanden haben, die durchaus regelmäßig ihre Gebete verrichteten, die Fasttage einhielten, zu den gemeinsamen Gebetszeiten in den Tempel gingen, gut und begeistert von Gott sprachen, aber keine Hemmungen an den Tag legten, zu betrügen, zu bestechen, jemanden raffiniert auszunutzen, mit Hinterhältigkeit Land zu erwerben, Ellbogen einzusetzen, unlautere Posten zu ergattern, im Trüben zu fischen.
Nach dieser Klärung wendet sich Jesus der Sorge zu. Die ängstlich überzogene Sorge ist es, die er ins Visier nimmt, weil sie mit der ihr anhaftenden Verzagtheit oft den Blick für Wichtigeres verstellt. Wie an anderen Stellen der Bibel können wir auch hier beobachten, dass Jesus sich nicht wie ein giftiger Ankläger oder polternder Kritiker gebärdet. Mit Feingefühl nähert er sich den Menschen. Zu sehr kennt er die Härten des Lebens. Er kann nachempfinden, dass Menschen Angst befällt und sie gefangen nimmt. Unsicher und schnelllebig ist vieles im Leben. Wechsel und Änderungen kündigen sich längst nicht immer beizeiten an, sodass man sich darauf vorbereiten könnte. Böse Überraschungen schleichen sich oft an, stehen über Nacht vor der Tür, erschrecken und wecken das Gefühl der Überforderung.
Angst empfinden – das ist Jesus klar – ist nicht von vornherein etwas total Negatives. Angst lässt aufmerken, vorsichtig werden, nicht unbedacht und gedankenlos ans Werk gehen. Diese positive Angst will Jesus uns auf keinen Fall nehmen. Aber es gibt auch die unnötige, von uns überzogene und übersteigerte Angst. Ihr wendet er sich zu. Seiner aufmerksamen Beobachtung ist nicht entgangen, dass ängstliche Sorge oft dort entsteht, wo die Sorge Gottes um uns Menschen und das Vertrauen auf ihn aus dem Blick gekommen sind. Jesus unterstellt dafür keine Böswilligkeit oder Gleichgültigkeit. Umso mehr wirbt er mit seinen Bildern für eine Besinnung. Mit dem Hinweis auf die Vögel, die Lilien, das Gras für die Gott sorgt, möchte Jesus alle Verzagten zur Erneuerung ihres Vertrauens in Gott führen. Wenn Gott die Natur wachsen, gedeihen und nicht untergehen lässt, warum sollten wir Menschen dann daran zweifeln, dass Gott nicht auch für uns Sorge trägt. Wir sind ihm viel zu wertvoll, als dass er uns übersehen und vergessen könnte. Dies sollten wir uns immer wieder bewusst machen und tief einprägen, um unsere Ängste in einem vernünftigen und erträglichen Rahmen zu halten.
Wir wissen nicht, wie ernsthaft die Menschen damals Jesu Worte angenommen und bedacht haben. Auch wir müssen uns entscheiden, jeder für sich, wie wir mir Jesu Worten umgehen wollen. Ich gehe davon aus, dass wir, die wir hier sind, schon gute Erfahrungen mit dem Gottvertrauen gemacht haben. Gottvertrauen schenkt Kraft, führt aus der Enge heraus, reduziert die Angst, lässt uns gelassener an die Aufgaben des Alltags und des Lebens gehen. Gottvertrauen öffnet uns die Augen, sodass wir die Situationen erkennen, wo Hilfe des Himmels uns zuteilwurde und begleitet hat. Überzogene Angst nimmt uns die Sicht für Gottes Hilfe und Beistand, in die wir eingebettet sind selbst dann, wenn sogenannte Schicksalsschläge an uns herantreten.
Eine Bitte und eine Aufforderung gibt uns Jesus noch mit auf den Weg, die ich folgendermaßen formulieren möchte. Ich höre Jesus sagen: Wenn ihr euch schon sorgt – und tut dies, denn vernünftige Sorge gehört zum Menschen – dann verliert nicht das Reich Gottes aus dem Blick. Diese Sorge ist wichtiger als die Sorge um Essen und Trinken, Kleidung, Freizeitgestaltung.
Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit nicht vergessen heißt z.B.: Mit dafür Sorge tragen, dass Aussöhnung geschieht, den Kleinen und Schwachen zu ihrem Recht verholfen wird, Menschen in ihrer Not Beistand und Hilfe erfahren, über Gott und seine Weisungen nicht ein Schleier gehängt wird, dass der Glaube bei Entscheidungen berücksichtigt wird.

13.02.2011: 6. Sonntag im Lesejahr A

Mt 5, 16-37

Heinz Rühmann war seinerzeit dankbar dafür, dass er „diesen großen Text“ auf eine Schallplatte sprechen durfte. Friedrich Dürrenmatt nennt sie die „Rede der Reden“- Augustinus rühmt sie als die „vollkommene Predigt“. Exegeten charakterisieren sie als „biblisches Urgestein“, als „Mitte und Summe des Evangeliums“ oder als „Eingangspforte zum Himmelreich“. Gemeint ist die Bergpredigt.
Beim „normalen“ Gottesdienstbesucher, der das Sonntagsevangelium hört, werden diese Verse aus der Bergpredigt vermutlich eher zwiespältige Gefühle wecken und ihn mit einer gewissen Ratlosigkeit zurücklassen. Gibt es jetzt noch mehr Gesetze als es sie schon im Alten Testament gab? Man stelle sich das nur einmal vor: Jeder, der sich im Zorn ereifert gegen seinen Nachbarn, sollte ein Strafverfahren an den Hals bekommen. Und Jeder, der zu einem Kollegen „Du Dummkopf“ sagt, müsste sich sogar vor dem Gericht verantworten. So ist es leicht zu verstehen, wenn dieser Text aus der Bergpredigt in uns zwiespältige Gefühle zurücklässt. Gewiss, die eine oder andere Textstelle weckt auch unmittelbare Sympathie. Aber die meisten Verse lösen doch eine gewisse Ratlosigkeit und einen gefühlsmäßigen Widerstand aus. Wird da das Heil nicht von verschärften Gesetzen erwartet? „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wird es weg!“ - „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, ist in seinem Herzen schon ein Ehebrecher!“ - Riecht das nicht alles nach einem moralischen Rigorismus, der alles verlangt und wenig bringt?
Das kann doch kein Mensch ernst nehmen, das kann doch unmöglich ernst gemeint sein! Das Problem ist nur: Wenn wir erst einmal damit anfangen, das Evangelium nicht wörtlich zu nehmen, dann gibt es kein Halten mehr. Dann braucht man auch den Kreuzestod Jesu nicht wörtlich zu nehmen. Auch nicht seine Auferstehung und Himmelfahrt. Dann braucht man eigentlich den gesamten christlichen Glauben nicht wörtlich zu nehmen! Nun könnten wir raffiniert sein und zurückfragen: „Jesus, du hast so schwer zu verstehende Forderungen aufgestellt. Hast du dich eigentlich selber daran gehalten? Wie war das mit den Pharisäern? Hast du sie nicht „Schlangenbrut“ und „übertünchte Gräber voller Verwesung“ genannt? Du hast zwar gesagt, dass man auch noch die andere Wange hinhalten soll, wenn man eine Ohrfeige bekommt; aber beim Verhör vor dem Hohepriester hast du dich dagegen gewehrt. Wie sollen wir das alles verstehen?
Um zu verstehen, was Jesus will, muss man eine wichtige Unterscheidung treffen und zwei Dinge scharf auseinanderhalten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Nicht-wörtlich-Nehmen und Nicht-ernst-Nehmen! Man kann z.B. viele Worte Jesu schon deshalb nicht wörtlich nehmen, weil es Bilder und Gleichnisse sind. Aber man muss sie unter allen Umständen ernst nehmen und den Sinn dieser Bilder und Gleichnisse ergründen, ihre eigentliche Wahrheit herausfinden. Und so finden wir den Schlüssel zum Verständnis dieses Textes und sagen: Jesus wollte keineswegs das Gesetz des Moses verschärfen und die Moralschraube um einige Windungen weiterdrehen. Der Sinn des Textes liegt darin, dass Jesus sagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werden ihr nicht in das Himmelreich kommen!“ Was aber bedeutet „Gerechtigkeit“ im Alten Testament? Gerechtigkeit heißt für den frommen Israeliten: dem anderen gerecht werden; die Bindungen einhalten, die man eingegangen ist; zu dem stehen, was einem anvertraut ist. Und da gibt es sehr wohl ein weniger und ein mehr. Man kann eingegangene rechtliche und persönliche Bindungen dem Buchstaben nach erfüllen, lieblos, freudlos, - sinnlos. Und man kann über das üblicherweise Gebotene hinaus jemandem entgegenkommen, ihm beistehen, ihn aufrichten und ihm aufhelfen. Jesus steht in dieser Tradition.
Jesus geht den Dingen auf den Grund. Nicht eine bloß nach außen hin zur Schau gestellte Gerechtigkeit zählt, sondern das Verhalten unseres Herzens. Das erste Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich menschlicher Aggressivität. Nicht erst der vollzogene Mord, sondern schon der unversöhnliche Zorn macht den Menschen vor Gott schuldig - deshalb hat er dieselbe Strafe verdient. Solcher Zorn lässt uns vor Gott einem Mitmenschen das Entscheidende schuldig bleiben: die Versöhnung. Denn Versöhnung, zumindest der ernsthafte Versuch damit, das wäre unsere Antwort auf die ständige Aussöhnung Gottes mit uns Menschen. Denn er lässt seine Sonne über die Guten und Bösen leuchten, d.h. er kennt keine Unversöhnlichkeit.
Das zweite Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich der Sexualität. Nicht erst der vollzogene sexuelle Akt, sagt er hier, sondern schon der besitzen-wollende Blick bricht die Ehe. Denn mit einem solchen begehrenden Blick brichst du schon ein in die Ehebeziehung von Mann und Frau. Mit den Augen Jesu, mit den Augen Gottes gesehen, brichst du damit schon ein in die großartige Beziehung Gottes zu den Menschen, die in der Ehe von Mann und Frau sich spiegelt.
Ein weiteres Gegensatzpaar betrifft die menschliche Wahrhaftigkeit: Nicht erst der Meineid ist, sagt Jesus, verwerflich; jedes Reden schon, das nicht von absoluter Lauterkeit getragen ist, stammt vom Bösen - jedes Ja, das eigentlich kein Ja ist und jedes Nein, das eigentlich kein Nein ist. Als Christen dagegen dürfen wir Maß nehmen an Gottes eindeutiger Wahrhaftigkeit und Treue uns gegenüber, an seiner kompromisslosen Solidarität mit den Schwachen und Armen, die er in Jesus gezeigt hat.
Die Forderungen Jesu bedeuten zweifellos eine Verinnerlichung der Gesetzesforderungen. Sie treffen das Übel an der Wurzel, nämlich im Herzen des Menschen. Der Mensch kann sein Gewissen nicht mehr damit beruhigen, dass er kein Gesetz übertreten habe. Eine solche Gesetzesmoral genügt nicht. Das wäre die kritisierte Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer: Jesus beansprucht im Namen Gottes den ganzen Menschen bis in die letzte Ecke seines Herzens. Er lässt ihm keine gesetzliche Hintertür offen, durch die er sich seiner Verantwortung für den anderen entziehen könnte. Jesus hält ein nur am Gesetz orientiertes Handeln zur Regelung menschlicher Beziehungen überhaupt für untauglich - so notwendig Gesetze auch sein mögen. Dieses Unzureichende des Gesetzes deckt Jesus auf und lädt seine Hörer ein, darüber hinauszugehen. Grenzüberschreitung ist ein Wesensmerkmal dieser „größeren Gerechtigkeit“ der Ethik Jesu.
Geben wir es ruhig zu: Die scharfen Forderungen der Bergpredigt sind eine Zumutung. Allerdings nur dann, wenn wir meinen, dass wir sie allein mit menschlicher Willens- und Moralanstrengung bewältigen könnten. Dann müssen wir an der Bergpredigt scheitern und sie als „weltfremd“ oder als eine „Sache für Auserwählte“ abtun.
Für Nicht-Liebende ist das Verhalten von Liebenden, ihre gemeinsame Freude, ihr gemeinsames Verstehen, ihr Einsatz füreinander unverständlich, zuweilen fast abstoßend „übertreiben“. Alles kommt bei der Bergpredigt also darauf an, zuerst die Liebe und Freundschaft Gottes zu entdecken und zu erwidern. Dann werden ihre Forderungen zu Wegen, die uns Gottes Liebe tatsächlich gehen lässt - in Freiheit und Freude. Amen.

06.02.2011: 5. Sonntag im Lesejahr A

Mt 5, 13-16

Dem Dichter Bert Brecht wird das folgende Wort zugeschrieben: “Kopfzerbrechen bereiten mir in der Bibel nicht die Worte, die ich nicht verstehe, sondern die Worte, die ich verstehe.” Es ergeht uns allen vielleicht ähnlich, wenn wir die Worte Jesu hören, die er am Ende der Bergpredigt gesprochen hat: “Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt!”
Es heißt nicht “ihr werden es sein”, und auch nicht “ihr sollt es sein”, sondern “ihr seid es!” Ein Wort Jesu, das uns zu denken geben sollte.
Ich brauche ihnen nicht zu erklären, welche Bedeutung das Salz für den Geschmack einer Speise hat. Jesus nimmt bewusst das Bild vom Salz um seinen Zuhörern etwas Bedeutsames für das Christsein zu sagen.
Der Schweizer Autor Johannes Niederer hat in seinen „Geschichten von gestern für Menschen von heute“ von einem Christen erzählt, der versuchte mit seinem Christsein radikal ernst zu machen. Indem er versuchte, radikal „Salz der Erde“ zu sein, versalzte er gründlich das Leben seiner Mitmenschen. Und indem er sich bemühte, radikal „Licht der Welt“ zu sein, blendete er die anderen.
Eines Sonntags hörte er eine geistreiche Predigt, die bei ihm auf fruchtbaren Boden fiel. Der Prediger sagte etwa so: „Wir können im Alltag zuweilen so radikal christlich sein, dass wir dabei radikal unchristlich werden.“
Und siehe: Unser Christ wurde so „Salz der Erde“, dass er das Leben seiner Mitmenschen würzte. Zudem wurde er mehr und mehr auf eine Weise „Licht der Welt“, dass andere sich im milden Schein seiner Liebenswürdigkeit und Güte erwärmten und erfreuten.
Es ist nicht schwer, die drei Phasen zu erkennen, die dieser Christ durchlief. In der ersten Phase bestand kein wesentlicher Unterschied zwischen ihm und seinen Mitmenschen. Er lebte in der Welt und wie die Welt. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch hatte keinen tief greifenden Einfluss auf sein alltägliches Leben, das im Strom der übrigen dahinfloß. Er dachte und handelte, wie man eben in der Welt zu denken und zu handeln pflegte, um vorwärts zu kommen. Die öffentliche Meinung bestimmte seine Maßstäbe. So war er weder Salz noch Licht.
Wer wird bestreiten, dass es eine ständige Gefahr aller Christen ist, aus Angst, von der Welt abgeschrieben zu werden, das eigene Verhalten dem gängigen Trend anzupassen? Mit solcher Anpassung schwindet das „Unterscheidend-Christliche“ sowie die Glaubwürdigkeit des Christen und der Kirche. Daher schreibt auch der Apostel Paulus in seinem Römerbrief: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr Prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist, was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“
Dieses oder ähnliches muss jenem Mann zu Bewusstsein gekommen sein, als er anfing, sein Christsein radikal ernst zu nehmen. Es ging ihm auf, dass von einem lebendigen und kraftvollen Glauben nur die Rede sein kann, wenn sie der Christ immer wieder aus den Bindungen dieser Welt herausrufen lässt. Er ließ sich herausrufen, um das besondere und Außerordentliche des Christlichen zu tun. Worin besteht es? Darin, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein.
So bot er alle Kraft auf, beides zu werden. Dabei fiel er jedoch in ein anderes Extrem. Er wurde zu einem rücksichtslosen, hartherzigen und verständnislosen Fanatiker. Unter allen Umständen und mit allen Mitteln versuchte er seine Idee seiner Umwelt aufzuzwingen. Kein Wunder, dass der unerleuchtete Christ seine Mitmenschen blendete und ihnen das Leben gründlich versalzte. Daher ging man ihm aus dem Weg. Hätte er im Zustand seiner inneren Vereinsamung nicht jene geisterfüllte Predigt gehört, er wäre sicherlich in seine frühere Lebensweise zurückgefallen.
In seiner Ratlosigkeit war er für das Wort des Predigers disponiert: „Wir können im Alltag zuweilen so radikal christliche sein, dass wir dabei radikal unchristlich werden.“ Dieses Wort holte ihn aus seiner Verschlossenheit heraus. Es öffnete ihn für die Wirklichkeit Gottes, der sich nicht in einer fanatischen Idee, sondern in einer die Menschen liebenden Person offenbart.
Aus einem Aktivisten wurde in der dritten Phase ein Empfangender. Bevor er die anderen verwandeln konnte, musste er selbst verwandelt werden. Das war die wahre Erleuchtung des unerleuchteten Christen. Sie wurde ihm zuteil, indem er sich öffnete, damit Jesus Christus die Wandlungsworte über ihn spreche, die Worte: „Gott liebt dich!“
Allein diese Worte sind es, die den Menschen aus den Bindungen der Welt und von der krankhaften Unruhe des Fanatikers, der sich nicht geliebt weiß, befreien. „Gott liebt dich!“ Wer die Kraft dieser Worte in sich entfalten lässt, der weiß sich von seiner Bedeutungslosigkeit und Namenlosigkeit erlöst. Er fühlt sich bejaht und angenommen.
Wodurch unterscheidet sich denn der Christ vom Nichtchristen? Der Christ hat erfahren, dass Gott in liebt. Diese Erfahrung macht ihn liebenswürdig und gütig: Er gibt weiter, was er empfangen hat. So wird das Handeln des Christen nicht bestimmt durch das Handeln der Menschen, sondern durch das Handeln Gottes an ihm.
Betrachten wir an dieser Stelle die Bilder, die Jesus gebraucht, um das Besondere und Außerordentliche des Christlichen zu veranschaulichen. Immer macht er es so, dass er von den Dingen ausgeht, die zur menschlichen Alltagswelt gehören. Dann aber lenkt er unseren Blick auf das, was wir noch nicht bedacht haben.
Christen sind „das Salz der Erde“. Das Salz gibt den Speisen die Würze. Ohne Salz bleibt das Essen fad. Warum haben heutzutage viele Menschen die Freude am Leben verloren? Warum zweifeln sie am Sinn ihres Daseins? Warum schmeckt ihnen die Arbeit nicht mehr? Liegt es am Leben; liegt es an der Arbeit? Oder liegt es nicht daran, dass sie all dem keine Würze zu geben vermögen? Die Frage ist: Für wen leben wir? Wer nur für sich selber lebt, muss den Geschmack am Leben bald verlieren. Erst im Für-die-anderen-Dasein erschließen sich Sinn und Freude des Lebens. Das Dasein für andere gibt dem Leben seine Würze. Genau das soll am Leben der Christen offenbar werden.
Christen sind zudem „das Licht der Welt“. Lichter sind Orientierungspunkte. Man denke an die Beleuchtung in der Dunkelheit oder an die Ampeln im Verkehr. Sie helfen uns den rechten Weg zu finden und bewahren uns vor vielen Gefahren. Ähnlich sollen die Christen durch ihre Güte und ihre Liebenswürdigkeit den richtigen Weg zeigen und auf die gefahren aufmerksam machen.
Das gilt nicht nur innerhalb der Kirche. „Christentum, das nur bis zur Kirchentür reicht, nützt nicht allzu viel, es sollte überall in unserem Alltagslebensichtbar werden. Als Christen sollte man uns daran erkennen, wie wir mit Verkäufern, Kellnern, Angestellten oder Vorgesetzten umgehen, an der Art, wie wir ein Spiel betreiben oder Autofahren, an der Art, wie wir sprechen, und schließlich auch an dem, was wir lesen. Jesus hat nicht gesagt: `Ihr seid das Licht der Kirche` sondern: ´Ihr seid das Licht der Welt´“.
Salz der Erde und Licht der Welt, inwieweit sind wir es? Amen.

30.01.2011: 4. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 4, 12-23
Von Heinrich Fries, dem bekannten Theologen der Konzilszeit stammt folgender Gegentext zu unserem heutigen Evangelium von der Bergpredigt:
„Verraten sind die Armen, denn sie haben nichts einzubringen.
Verraten sind die Leidtragenden, denn sie sind ausgeschlossen aus der Gesellschaft.
Verraten sind die Sanftmütigen, denn sie werden an den Rand gedrückt.
Verraten sind, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn Macht geht vor Recht und Geld regiert die Welt.
Verraten sind die Barmherzigen, denn Undank ist der Welten Lohn.
Verraten sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden übers Ohr gehauen.
Verraten sind die Friedfertigen, denn sie werden zwischen die Fronten geraten.
Verraten sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn am Ende ist doch alles umsonst.“
Sind sie nicht auch erschrocken, wie sehr das alles auf unsere Welt passt, zu alles dem, wovon wir täglich lesen und hören, wie schnell Mann und Frau verraten sind in den unseligen Verhältnissen unserer Welt und wie weit wir noch entfernt sind von der neuen und gerechten Welt Gottes, die uns Jesus bringen wollte?
Wenn man die Seligpreisungen liest, so denkt man doch zunächst unwillkürlich an eine Utopie, an Sätze, die sich gut und schön anhören, aber in unserer realen Welt nicht zu verwirklichen sind.
„Sie werden…sie werden…sie werden…“, „Sie werden getröstet werden“, „Der Lohn wird groß sein im Himmel“, spöttelt Bert Brecht und ist der Meinung, dass hier Vertröstung auf einen St. Nimmerleinstag geschieht. Aber so war es von Jesus nicht gemeint, zumindest nicht nur, sondern Jesus meint unser konkretes leben hier und jetzt.
Was da gesagt wird ist die Umkehrung dessen, was man sonst denkt und tut, sozusagen als vernünftiger Mensch. Jesus allerdings verrückt unsere Perspektive um 180 Grad. Wie können die Armen, die Gütigen, die Leidenden, die Hungernden und Dürstenden, die Verfolgten und alle Andern dieser Art seliggepriesen werden? Sie können es auf Grund des Geheimnisses, das den Sinn der ganzen Bergpredigt bedeutet: sie orientieren sich an Gott, statt an der Welt, an dem Gott, der unser Herr und Vater ist – und gewinnen damit höchstes Glück. Das aber bedeutet in der Tat eine Umkehrung des Denkens.
Am Anfang der Bergpredigt steht die Armut. Armut geht gegen den Sinn der Welt. Denn die Welt will Reichtum und wird davon unselig. Sie geht daran zugrunde. Nun, wir erleben ja unsere Armut immer wieder, denn wir werden immer wieder an die Grenzen unserer Möglichkeiten gestoßen. Unsere Armut ist immer wieder ein Ärgernis für uns. Und da werden dann unsere vielfältigen Versuche aktuell, wie wir unsere Armut mit materiellen Dingen zudecken. Es ist möglich, inneren Schmerz und innere Leere (sprich Armut) mit Einkaufsorgien zu überdecken. Man kann innere Leere mit ablenkenden Dingen füllen, mit Musik, mit Literatur, selbst mit caritativen Aktivitäten und anregenden Gesprächsrunden, mit fröhlichen Gesellschaften, mit Sport und mit Fernsehen. Das ist ja alles nicht schlecht, das sind ja Werte in unserem Leben, das ist sicherlich lebensbereichernd. Aber sie merken: Das Wort „reich“ ist schon darin enthalten. Es gibt eine feine Linie der Unterscheidung. Gebrauche ich alle diese schönen und edlen Dinge und Möglichkeiten als Narkose, damit ich meine innerliche Armut und Leere nicht wahrnehme oder kann ich sie dankbar annehmen ohne sie als lebensnotwendig haben zu müssen? Wir sind die Armen, aber reich darin, uns zu betäuben. Wir betäuben den Schmerz, der uns im Leben immer wieder überfällt, und damit betäuben wir auch die Sehnsucht nach ihm, nach Gott, der unser endgültiger Reichtum ist und es auch bleiben wird, wenn wir alle irdischen Güter zurücklassen müssen.
Und noch etwas: wir sind arm, weil wir grundsätzlich Beschenkte sind, weil wir letztlich ohne Gott nicht denkbar sind. Diese Tatsache anzuerkennen, das bedeutet in Wirklichkeit das, was man unter „arm sein vor Gott“ oder „arm sein im Geiste“ versteht. In diesem Sinn gehört die Armut zur Wirklichkeit unseres Lebens dazu. Und all die Dinge, die das Leben uns schenkt, ins besonders auch alles Schöne und Erquickende dürfen wir als Geschenk dieses liebenden Gottes betrachten. Das wäre die Werteskala nach der wir unser Leben ausrichten müssen. Wir merken, dass es auf den inneren Zusammenhang ankommt, dass wir die Dinge dieser Welt nicht losgelöst von dem betrachten dürfen, der sie uns schenkt und sie uns zur Verfügung stellt, vor allem, dass sie uns nicht den Blick verstellen dürfen auf Ihn, der unser Anfang und auch unser Ziel ist.
Die Seligpreisungen sind nicht nur eine Bestandsaufnahme unserer Wirklichkeit, sondern auch das großartige Bild eines freien und deswegen auch eines glücklichen Menschen. Manche Bibelexegeten haben auch entdeckt, dass die Seligpreisungen in zwei Hälften zerfallen, die zueinander parallel gebaut sind wie Ursache und Wirkung, wie Haltung und Verhalten. Zum Beispiel kann ich nur dann anderen mit Güte und Geduld begegnen, wenn ich zutiefst um meine eigene Bedürftigkeit nach Verständnis und Liebe weiß. Oder: Der Mensch, der Trauer, überhaupt Gefühle zulassen kann, der noch weinen kann, wird in der Lage sein, die Welt mit reinen Augen, mit einem reinen Herzen zu sehen und in ihr auch Gott zu schauen. Die Sanften, die keine Gewalt anwenden, nicht weil sie Feiglinge sind, sondern weil sie die Gewalt in ihrem eigenen Herzen überwunden haben – diese Menschen werden verfolgt und gejagt, weil sie eine fortwährende Provokation für die Reichen und Gewalttätigen sind. Ein Jünger Jesu, einer, der versucht so zu leben wie Jesus selber, dem wird es auch so ergehen wie Jesus, machen wir uns da gar nichts vor. Aber eines ergibt sich ganz klar: die Menschen, die ein jesusähnliches Schicksal erleiden mussten, waren mit Sicherheit nicht die Unglücklichten auf dieser Welt, sie haben die Fülle gelebt und die Freiheit und damit auch die Freude.
Wenn wir wissen wollen, wie ein freier Mensch aussieht, brauchen wir uns nur die den Text der Seligpreisungen zu vertiefen. Da ist der Mensch beschrieben, der keine Angst mehr hat, weil er sich von Gott angenommen weiß, obwohl er noch nicht fertig ist. Dieser Mensch braucht sich nicht zu verstellen, sich als mehr auszugeben, als er in Wirklichkeit ist. Alle Masken und Fassaden werden überflüssig. Dieser Mensch braucht sich nicht ins Rampenlicht zu stellen, er hat keine Machtkämpfe nötig. Dieser Mensch muss nicht um Erfolg oder Misserfolg bangen, weil er alles aus der Hand Gottes empfängt.
Es geht eine große Linie durch alle Seligpreisungen. Sie alle zeigen die große Umkehr von der Welt zu Gott und das Verständnis der Welt als Gabe dieses Gottes. Die Seligpreisungen sind die Hindeutungen auf einen Schatz, der unendlich ist wie Gott selbst. Sie erinnern sich wohl an den Satz, der Jesus an den Beginn seines öffentlichen Wirkens gesagt hat: „Kehrt um, denn das Reich Gottes ist nahe!“ Das Reich Gottes ist angebrochen, aber es muss noch angenommen werden. Aber das ist nicht eine Aufgabe für die Zukunft, sondern für das Heute. Die Seligpreisungen enthalten nichts von der Aufhebung des Todes, die freilich erst mit der Vollendung des Gottesreiches eintreten kann, aber sie enthalten das was das Reich Gottes schon heute bereit hält. Denn heute gibt es die Armen, denen es gehört; heute sollen die Leidenden getröstet werden, die nach der Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden gesättigt werden; heute dürfen die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten fröhlich und getrost sein. Die Seligpreisungen fordern ein Verhalten von Heute und bieten eine Verheißung für Heute. Die Seligpreisungen sind im wahrsten Sinn des Wortes eine „verrückte Botschaft“ weil Jesus durch sie die Wertskala des Menschen zurechtgerückt hatte. Amen.

27.01.2011: 3. Sonntag im Jahreskreis A

Mt 4, 12-23
„Hast du was, dann bist du was“ ist ein Grundsatz unserer Zeit. Ein alter Bauer sagte deshalb zu seinem priesterlichen Sohn: Junge, ohne Grundstück bist du nichts. Ich kaufe dir als Alterssitz ein Stück Land und baue für dich ein Haus darauf.“ Ansehen und Sicherheit werden vom Haben her begründet; daher spricht man heute von der Habensmentalität unserer Gesellschaft.
Ein anderer Grundsatz unserer Zeit lautet: „Wer nicht wirbt, der stirbt“. Geschäfts- und Wirtschaftsunternehmen stecken riesige Summen in die Werbung; auch politische Parteien und Ideenträger bedienen sich moderner Werbemethoden. Die Werbefachleute raten auch der Kirche, mit Plakaten, Werbespots in Kinos und im Fernsehen und mit Anzeigen in Zeitungen für ihre Sache zu werben. Sie sagen zu den Verantwortlichen der Kirche: Ihr habt eine gute Ware, aber eine schlechte Verpackung.
Jesus aber hat sich all diese Methoden nicht zu Eigen gemacht. Er arbeitet nicht mit Tricks, Versprechungen oder Seelenmassage. Während die Werbefachleute der Kirche raten, das Gesetz Gottes an menschliche Bedürfnisse, Interessen und Maßstäbe anzugleichen, fragt Jesus umgekehrt: Wie können die Menschen auf die Ebene Gottes gehoben werden? Jesus wollte sie gerade aus der Enge des Habenwollens hinausführen und ihnen neue Lebensweiten erschließen. Er setzt weder auf Haben noch auf Werbung, sondern auf Berufung. „Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen“.
Und das nennt er: Licht in diese Welt bringen. In diese unsere Welt, die so hell erleuchtet scheint. Wir leben immer im Licht, nicht nur im Licht der Sonne, sondern auch unsere Nächte sind erleuchtet. Ein Großteil unserer Arbeit wird in hell erleuchteten Räumen verrichtet, Geschäftswelt und Freizeitmilieu sind von Leuchtreklamen durchflimmert und durchflutet. Hinzu kommt die „Flimmerkiste“ in den eigenen vier Wänden. Zweifellos haben wir mehr Licht als je zuvor. Aber ist dadurch unser Leben heller geworden? Sehen wir dadurch schon mehr und klarer? Wo viel Licht ist, kann auch viel Schatten sein. Gibt es trotz der vielen Lichtquellen unserer Welt nicht auch sehr viel Dunkelheit und zugleich ein Sehnen der Menschen nach einem Licht, das nicht nur leuchtet, sondern auch unser Leben hell macht?
Bei Jesus geht es um ein Licht, das jenen zu leuchten beginnt, die im Schatten des Todes leben – und das sind wir alle. Und so mündet seine Verkündigung in einem einzigen Satz: „Kehrt um! Das Himmelreich ist nahe“.
Und dann beruft er seinen Jünger. Wohlgemerkt, er bietet ihnen keinen Job an, sondern einen Beruf. Und dieses Wort kommt von „Berufung“, es geht also im etwas, das man sich nicht selber nehmen kann. Und wer bereit ist, diesem Ruf zu folgen, der muß sich auf Jesus einlassen. Er führt Wege, die wir nicht vermuten und die unserer menschlichen Auffassung oft zuwiderlaufen. Ich habe mir oft Gedanken gemacht, wie das möglich war, dass die Jünger Jesu nur auf ein einfaches Wort von Jesus hin alles liegen und stehen lassen haben und mit ihm gegangen sind. Sicher, Johannes der Täufer hat auf Jesus hingewiesen als auf den Messias. Und damals erwarteten sich die Menschen einen eher politischen Messias, einen, der Ordnung im Land schafft und sich dann zum König krönen läßt und der dann denen, die von der ersten Stunde mit ihm waren, gute Posten gibt. Aber im Laufe ihres Beisammenseins haben die Jünger gelernt, was Jesus wirklich wollte.
Wer Jesus folgt, gewinnt zunächst nicht dazu, wird nicht reicher. Im Gegenteil: Nachfolgen heißt, alles zu verlassen – Besitz, Arbeit, Familie, eigene Interessen. Ohne diesen Verlust kann der Mensch wohl nicht auf die Ebene Gottes gehoben werden und neue Lebensperspektiven gewinnen. Um den Menschen für neue Aufgaben frei zu machen, befreit Jesus ihn von drei Fesseln.
Jesus trennt die Gerufenen von ihrer Gesichertheit an der Welt. „Wer neue Erdteile entdecken will, muß den Mut haben, alle Küsten aus dem Auge zu verlieren“ sagte einmal André Gide. Viele Menschen bleiben aus Sorge um ihr Leben zu sehr in Küstennähe; da kann nicht so ganz viel passieren. Weil wir uns
nicht auf die Weite des Meeres hinauswagen und uns den Stürmen und Wellen nicht aussetzen, können wir auch keine neuen Ufer entdecken. Jesus aber verlangt, die Küstennähe der irdischen Sicherheiten aufzugeben und allein auf ihn zu vertrauen – auf Biegen und Brechen. Diese mutige Nachfolge verschafft Freiheit und führt zu neuen Ufern, die die Welt nicht kennt.
Jesus trennt die Gerufenen von einer falschen Bindung an sich selbst. Ein indianisches Sprichwort sagt: „Wer auf sich selbst schaut, leuchtet nicht.“ Hier kommen unsere ganzen Werbemethoden ins Spiel. Jesus will uns zum Du hin befreien. Unser Denken soll sich nicht ständig um unser eigenes Ich drehen; wir sollten nicht unentwegt über unser Selbstverständnis, über Strukturen und Kompetenzen nachdenken, sondern auf andere schauen, ihre Nöte und Probleme sehen und darauf zu reagieren versuchen.
Jesus trennt die Gerufenen von einer ungerechtfertigten Erwartung an die Zukunft. „Liebe in der Zukunft gibt es nicht; sie ist immer in der Gegenwart“ sagte der russische Dichter Tolstoi einmal. Alle Zukunftsgestaltung, über die in unserer Zeit so viel nachgedacht wird, hat im Heute ihren Grund. Wir können das Morgen nicht verändern, wenn wir nicht jetzt damit beginnen. Anette von Droste-Hülshoff hat gesagt: „Die Morgen morden unser Heute“. Und die gestaltende Kraft der Zukunft kann nur die Liebe sein, die wir heute Gott und den Menschen schenken. Weil Gott die Liebe ist, kann nur durch sie der Mensch auf die Ebene Gottes gehoben werden.
Allzu gern möchten wir die Berufung auf wenige Auserwählte eingrenzen: auf Apostel, Priester, Ordensleute oder einzelne Gestalten, die in der Geschichte etwas bewegt haben. Wenn das so wäre, könnte uns das heutige Evangelium kalt lassen. Tatsächlich aber meint es jeden von uns. Zwar soll nicht jeder seinen Beruf aufgeben oder seine Familie verlassen, aber jeder ist berufen, in irgendeiner Weise Menschenfischer zu sein. Jeder soll an seiner Stelle dazu beitragen, den anderen zur Entfaltung zu bringen, ihn aus seinen Ängsten und Nöten zu befreien und ihm Hoffnung zu geben.
Hilde Domin hat diese Berufung eindrucksvoll umschrieben, wenn sie in ihrem kleinen Gedicht sagt:

Unsere Kissen sind naß
von den Tränen
verstörter Träume.
Aber wieder steigt
aus unseren leeren
hilflosen Händen
die Taube auf.

Die Taube der Hoffnung, die Gott uns in die Hand gegeben hat, aufsteigen zu lassen in den Herzen der Menschen – das ist die Aufgabe der Menschenfischer heute. Amen.

16.01.2011: 2. Sonntag im Jahreskreis

Jo 1, 29-34
In unserer recht nüchternen Sprache sind Bilder selten geworden. Symbole sind fremd und müssen übersetzt werden. In unserer Lebenswelt ist die unmittelbare Erfahrung des Miteinander von Mensch und Natur weithin nicht mehr gegeben. Wenn daher ein Tier als Symbol gebraucht wird, haben wir größere Mühe, mit einem solchen Bild zurechtzukommen, als die Menschen, die in einem ländlich geprägten Umfeld leben.
Wenn zu Jesu Lebzeiten vom Lamm gesprochen wurde, dann war zunächst einmal die unmittelbare Erfahrung mit diesen Tieren gegeben. Die Schafzucht war eine wichtige Lebensgrundlage Israels. Das Lamm selbst wird zu einem Symbol für das Volk Israel. Erfahrung und Verheißung sind daran geknüpft. In der Nacht ihres Aufbruchs aus Ägypten verzehren die Israeliten ein Lamm. Der Augenblick der Befreiung ist gekommen, denn Gott führt sie heraus aus der Sklaverei. Damit verbindet sich die Hoffnung auf ein neues Land, das Gott dem Volk verheißen hat. Das Mahl heißt Aufbruch, und Aufbruch heißt Rettung, und das Lamm wird zum Zeichen, dass Gott rettet.
Eine weitere Aussage wird in das Bild vom Lamm verwoben. Wiederum geht es um die Befreiung, und der Befreier ist der Messias. Im Buch Jesaja wird er als ein Lamm bezeichnet, Gottes Knecht wird er genannt, einer, den die Menschen in seinem Wert nicht erkennen und den sie verachten. Er hat nichts Strahlendes an sich, und doch hat Gott auf ihn seine Hoffnung gesetzt. Durch ihn wird den Menschen die Rettung zuteil.
Wenn also im heutigen Evangelium Johannes der Täufer vom Lamm Gottes spricht, dann wissen seine Zuhörer, was er meint. Sie sind gespannt, was er ihnen von diesem Lamm nun weiter erzählen wird. Und da kommt auch schon der bedeutsame Satz: Dieses Lamm nimmt die Sünde der Welt hinweg. Haben die Zuhörer des Johannes das erwartet? Im Allgemeinen sehnte man sich zurzeit Jesu auf andere Aktivitäten des Messias. Das Land war arm und unterdrückt, alles schrie nach Befreiung. Warum kam aber nicht diese Botschaft? Warum kam nicht die Botschaft vom Zusammenschluss aller verfügbaren Kräfte und zum Kampf gegen jede Form der Unterdrückung? Bloß die Sünde hinweg nehmen, das brauchte man eigentlich gar nicht. Und was ist die Sünde der Welt? Diese Sünde der Welt scheint so gefährlich zu sein, dass der Befreiung von ihr absolute Priorität zukommt.
In einer ersten Antwort können wir auf diese Frage antworten: Die Sünde der Welt ist der Unglaube. Dieser Unglaube ist der Zweifel daran, dass Gott den Menschen wirklich retten und zum Leben führen kann, es ist der Zweifel daran, dass wir Menschen zu unserem Heil wirklich Gott brauchen und unser Heil nicht selber schaffen können. Auch für diesen Unglauben gibt es ein Symbol: Es ist das goldene Kalb. Sie kennen alle die Geschichte aus dem Alten Testament, wo Moses auf den Berg zu Gott steigt, um die Gebote in Empfang zu nehmen. Aber das Volk macht sich in seiner Abwesenheit ein Goldenes Kalb und betet es an. Das Goldene Kalb bedeutet den Rückfall ins Heidentum, den Abfall von Gott. Aus eigener Kraft sind wir stark, was wir brauchen können wir uns selber beschaffen, alles in der Welt ist machbar. Die Folge dieses Unglaubens aber ist die Gewalt. Sie besagt, dass wir als Menschen einander nicht trauen können, dass wir uns voneinander abgrenzen müssen, einander beobachten müssen, damit wir losschlagen können, bevor der andere losschlägt.
„Vertraut diesem Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“, sagt Johannes. Dass die Sünde der Welt hinweg genommen wird, heißt nicht, dass es sie nicht mehr gibt, sondern dass sie ohne „Wenn und aber“ aufgedeckt wird. Es wird ersichtlich wie Menschen gegeneinander und nicht miteinander leben. Der Weg der Gewaltlosigkeit, der die Menschen zueinander führt, damit sie miteinander leben, läuft aber all jenen zuwider, die auf Kosten anderer leben möchten. Sie sagen sich: „Wo käme die Welt hin, wenn sie so leben würde, wie Jesus von Nazareth es vorschlägt!“ Das Lamm ist deshalb gefährlich, es muss verschwinden. Denn was würde geschehen, wenn wirklich jeder Mensch dem anderen seine Wange hinhalten würde? Es würde nicht mehr geschlagen, wenn es sich so verhielte, es gäbe auch keine Geschlagenen mehr.
Jesus lebt dieses neue Leben. Sein Wort stimmt mit seinem Leben überein. Er stirbt, weil er sich der Gewalt nicht unterwerfen möchte. Er möchte keine Steine in Brot verwandeln, er möchte nicht der Versuchung zur Macht erliegen. Deshalb sagen jene, die Angst um ihre Macht bekommen, dass er ein Gotteslästerer sei, und sie verurteilen ihn. Er aber entlarvt die falschen Gottesbilder. Er zeigt, dass Gott den Menschen nicht klein macht, sondern dass er groß von ihm denkt. Damit macht er deutlich, dass die Sünde der Welt dort am Werk ist, wo Menschen versuchen, andere Menschen für ihre Zwecke zu missbrauchen.
Indem Johannes der Täufer Jesus das Lamm Gottes nennt, weist er auch auf das Schicksal hin, das Jesus bevorsteht. Er wird getötet werden von denen, die einen liebenden, barmherzigen und verzeihenden Gott nicht zulassen wollen. Ihnen passt ein Gott, der sich wie ein Vater, wie eine Mutter um seine Kinder sorgt, nicht in den Kram, weil sie nicht um Gott und nicht um Menschen besorgt sind, sondern nur um ihr eigenes Wohl, und dies auf Kosten anderer.
Sehen wir zu, was wir mit dem Erwählten Gottes in unserem eigenen Leben anfangen. Schlimm für uns wäre, würden wir nicht die Worte der Frohen Botschaft auf uns selbst beziehen. In unserer schwierigen Zeit wird von jedem von uns Äußerstes verlangt. Es ist nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen, aber gerade darauf käme es heute an. Es ist nicht einfach, die Gesinnung eines Lammes zu übernehmen, wenn man sich in einer Schar heulender und hungriger Wölfe befindet. Es ist auch nicht einfach, seinen eigenen Konsum und seine Bedürfnisse in Grenzen zu halten, wenn unsere Bedürfnisse dauernd künstlich hochgeschraubt werden. Und es ist auch nicht einfach auf der Seite eines Gottes zu stehen, den die Welt schon längst ins Abseits geschoben hat.
Es ist unschwer vorauszusagen, welche Lebenseinstellungen heute den größeren Sinn bringen. In Wirklichkeit lebt eine Vielzahl unserer heutigen Zeitgenossen in einer großen Kurzsichtigkeit. Sie verkürzen ihr Leben um eine gewichtige Dimension. Menschen räumen die Regale unserer Welt und unseres Lebens ab und denken nicht daran, dass sie eine Gabe sind, ein Geschenk, das dankbar und mit Verantwortung empfangen werden will.
Unsere Kirche liegt nicht ohne Grund in Schwierigkeiten und in geringem Ansehen. Wird sie mit dem alten Europa zugrunde gehen? Geht in unseren Tagen vielleicht eine „Erfolgsstory“ zu Ende. Tagtäglich erfahren wir es, dass kaum noch etwas aufgenommen wird von dem, was wir weitergeben wollen. Wir fühlen uns manchmal wie Staffelläufer, die sich die Seele auf dem Leib rennen, aber niemanden vor sich sehen, dem sie den Stab in die Hand drücken können. Sind wir die „Letzten“, die letzten Christen? Sind wir es, die da scheitern, die das Erbe verschleudern oder vergraben, um kein Risiko einzugehen?
Welchen Auftrag könnte uns Jesus heute geben? Er könnte sagen: Wieso siehst du so finster in die Zukunft. Ich halte noch all meine Gaben bereit für dich, wenn du nur den Mut hast mit deinem Leben dich an die Verkündigung der Frohen Botschaft zu wagen. Ich habe nur mit ein paar Leuten angefangen und das waren nicht einmal die Gescheitesten und Erfolgversprechendsten. Aber sie haben ein großes Vertrauen zu mir gehabt. Und das ist das, was zählt! Meine Botschaft hat viele Reiche überlebt und viele übermütige Herrscher. Aber von einem einzigen Menschen, der mir seine Hand reicht, geht so viel Segen und gehen so viele Möglichkeiten aus, dass es für einen aufkommenden Pessimismus einfach keinen Raum gibt. Ich nehme als das Lamm Gottes die Sünden hinweg, die deinen und die der ganzen Welt. Aber wenn du dich von der Bosheit deines Lebens distanziert hast, dann lass dein Licht leuchten, dann mache du als Salz der Erde den Menschen die Frohe Botschaft schmackhaft. Amen.

09.01.2011: Lesejahr A, Taufe Jesu, Mt 3, 13-17

In vielen Pfarrbriefen stehen die Zahlen der Taufen, Trauungen, Sterbefälle und Kirchenaustritte des vergangenen Jahres. Diese Zahlen sind nicht ermutigend. Vorbei sind die Zeiten der „Volkskirche“, da alle neugeborenen Kinder getauft und die Schulklassen geschlossen zur Erstkommunion und Firmung geführt wurden. Was soll man davon halten? Wie sollen die Seelsorger und die Gemeinden mit dieser neuen Situation umgehen?
Manche machen es sich leicht. Sie klagen und jammern über den Niedergang des religiösen Lebens und halten die Menschen von heute für schlechter als die von früher. Doch diese Erklärung ist zu billig. Die heutige Generation ist ebenso von Gott geschaffen wie die früheren Generationen und nicht schlechter als sie.
Wir müssen einmal zur Kenntnis nehmen: Wir Menschen von heute denken und empfinden anders als die Menschen von früher, weil sich die Lebensbedingungen grundlegend geändert haben. Dazu ein paar Stichwörter: allgemeiner Wohlstand, Fortschritte in der Medizin, kürzere Arbeitszeit, mehr Freizeit, große Mobilität...Wir haben viel mehr Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, als alle Generationen vor uns. Was man früher nicht zu träumen wagte, ist heute erreichbar geworden. All dies prägt das Denken und Empfinden des heutigen Menschen, auch des gläubigen Christen.
Ich nenne einmal zwei Begriffe, die für das Lebensgefühl von heute typisch sind. Lebensplanung: Man denkt nicht nur an heute und morgen, sondern längerfristig und plant sein Leben wie ein Architekt ein großes Haus. Und Selbstverwirklichung: Mein Leben ist mein Leben, ich habe nur dieses eine, und wenn ich es verpfusche, ist alles verpfuscht; also muss ich sehen, dass ich möglichst viel aus meinem Leben mache; jeder ist seines Glückes Schmied.
Menschen mit einem solchen Lebensgefühl tun sich mit dem Glauben schwer und wissen mit Gott nichts Rechtes anzufangen. Welche Rolle kann man Gott in seiner Lebensplanung zuweisen? Man hat nichts gegen ihn, er ist einfach überflüssig. Zusammen mit ihm ist dann auch die Kirche überflüssig, die auf Gott hinweist. Wozu noch Kirchensteuer zahlen, wenn dieses Geld hinterher zur Selbstverwirklichung fehlt? Viele Gründe für den Kirchenaustritt sind vorgeschoben. Der eigentliche Grund ist: Für meine Lebensgestaltung brauche ich Gott und Kirche nicht. „Ich glaub nix, mir fehlt nix.“ Die meisten dieser modernen Atheisten sind nicht grundsätzlich gegen den Glauben und die Kirche eingestellt, aber sie kommen - wie sie meinen - ganz gut ohne Gott und Kirche aus. Und diese Ungläubigen leben nicht in weiter Ferne; sie sind unsere Nachbarn, Kollegen, und Verwandten. Viele sind getauft, zur Erstkommunion gegangen, kirchlich getraut. Doch Glauben und Beten und Sakramente geben ihnen nichts, wie sie meinen. Sollen wir ihnen deshalb einen Unfall an den Hals wünschen oder eine unheilbare Krankheit, damit sie an ihre Grenzen stoßen? Sollen wir ihnen und uns schlechtere Zeiten herbeiwünschen, damit sie zur Besinnung kommen? Das können wir ja doch nicht im Ernst wollen.
Dann gibt es noch moderne Menschen, für die sind „Lebensplanung“ und „Selbstverwirklichung“ Fremdwörter. Sie richten sich immer nach den anderen; sie tun, was man tut, und tun nicht, was man nicht tut. Ist das eine christlichere Haltung? In gewisser Hinsicht sind diese Menschen selbst-los, d.h. ohne Selbst, ohne persönliches Profil. Eine solche „außen gelenkte“ Grundeinstellung können wir als Christen ebenso wenig gutheißen wie eine egozentrische. Beide machen den Menschen zum Maß aller Dinge, beide weisen Gott in ihrem Leben keine Maß-gebende Rolle zu.
Wir feiern heute das Fest der Taufe Jesu. Mit Jesus tritt ein Mensch mit einer ganz anderen Grundeinstellung vor uns. Er will nicht sich selbst verwirklichen, er richtet sich auch nicht nach den Erwartungen der anderen; er richtet sich ganz auf den Willen des himmlischen Vaters aus. Dieser spricht bei der Taufe zu ihm: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Das ist die Überschrift über das ganze Leben Jesu. Er sagt von sich selbst: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“. Sein letztes Wort am Kreuz wird sein: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“.
Aber was ist nun denn eigentlich der Wille des himmlischen Vaters? Muss ich als Christ wieder einen fremden Willen erfüllen, auch wenn es Gott ist, der ihn mir aufdrängt? Nun, Gott will, und das ist das Eigenartige, meine Selbstverwirklichung. Er will, dass ich ein vollkommener Mensch werde, dass ich meine Anlagen entfalten kann; aber, und das ist wesentlich, diese Selbstverwirklichung ereignet sich nur in einem Gegenüber, in einem Du. Und dieses Du ist Gott, von dem ich mit meiner ganzen Existenz herkomme und dieses Du ist jeder Mensch, dem ich begegne. Jede Selbstwirklichung, die sich von Gott und den Mitmenschen loslöst geht in die Irre.
Die Jünger sind von Jesus beeindruckt; sie merken seine innige Beziehung zum Vater im Himmel und bitten: „Herr, lehre uns beten!“ Und er lehrt sie: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reiche komme, dein Wille geschehe...“Das Vaterunser fasst Jesu Haltung und Botschaft brennpunktartig zusammen: Der Mensch soll Gott zum Mittelpunkt seines Lebens machen, soll es von ihm her deuten und gestalten, soll seine wichtigen Entscheidungen nicht ohne Ihn treffen.
Das steht im krassen Gegensatz zum heutigen Lebensgefühl. In einer katholischen Studentengruppe wurde einmal über den Satz gesprochen: „Gott hat uns erschaffen zum Lob seiner herrlichen Gnade“. Das stieß auf Kopfschütteln, ja auf heftigen Widerstand. Für moderne Menschen ist es unbegreiflich, dass nicht sie selbst die Mitte von allem sein sollen, sondern Gott.
Gott in den Mittelpunkt zu stellen, wie Jesus es getan und gelehrt hat, das soll die Kirche den Menschen aller Zeiten verkünden; das ist das Ziel ihrer Seelsorge. Und es wird uns allen immer wieder gut tun, als gläubige Christen immer wieder unsere Wertordnung zu überprüfen, ob nämlich wirklich noch Gott im Mittelpunkt unseres Lebens steht oder ob sich vielleicht andere Götter in unser Leben eingeschlichen haben. Steht Gott im Mittelpunkt, dann werde ich mein ganzes Leben auf ihn hin beziehen, dann werde ich danken und bitten können, dann weiß ich, dass bei ihm auch Unverstandenes und Schweres gut und liebend aufgehoben ist. Steht Gott im Mittelpunkt meines Lebens, dann weiß ich auch, dass ich keinen Grund zu einer ängstlichen Sorge, schon gar nicht zu einer existenzbedrohenden Angst habe. Steht Gott im Mittelpunkt, dann bin ich von meiner Selbstverwirklichung nicht weit entfernt und dann verläuft auch meine Lebensplanung in den richtigen Bahnen. Amen.

06.01.2011: Lesejahr A, Fest der Ersch. des Herrn

Stephan Zweig hat ein berühmtes Büchlein geschrieben. Darin wird geschildert, wie Menschen an bestimmten Nahtstellen der Geschichte eine Chance bekommen haben, durch ihr Handeln etwas Entscheidendes zu vollbringen und so ihrem Leben und dem vieler anderer einen neuen Lauf zu geben. Der Dichter hat seinem Büchlein den Titel gegeben: „Sternstunden der Menschheit“.
Im Evangelium wird uns berichtet von merkwürdigen Männern, die von weither kommen. Sie werden durch einen Stern geführt. Sie finden das göttliche Kind. Sie werden von großer Freude erfüllt. Sie huldigen dem Kind und bringen ihre Schätze dar. Und verschwinden wieder aus der Geschichte. Sicher werden sie sich gesagt haben: Das war unsere Sternstunde. Und dabei könnte man es belassen. Es war eben ihre Sternstunde und nicht die unsere.
Oder hat es doch etwas mit uns zu tun? Nun, uns wird hartnäckig und unerschütterlich versichert: Die Sternstunde der Magier war zugleich die Sternstunde der ganzen Menschheit.
Was da erzählt wird, klingt nach einer erbaulichen Geschichte. Aber erbauliche Geschichten haben es an sich, dass man sie nicht so ganz für bare Münze nimmt. Wir können nicht mehr so naiv staunen, wie wir das als kleine Kinder vielleicht konnten. Wir schieben fromme Legenden in eine Ebene, wo sie uns nicht mehr herausfordern. Sie bewirken ja nicht viel mehr als ein bißchen Rührseligkeit. Sie halten der erfahrbaren Wirklichkeit nicht stand.
Und wenn wir nun alles, was legendärer späterer Zusatz weglassen: dass es drei waren und dass sie Kaspar, Melchior und Balthasar hießen, so bleibt die einfache Erzählung der Bibel übrig, dass es sich um aufmerksame Menschen handelte, die einem Stern nachgingen. Die Länder aus denen diese Männer stammten hatten bereits eine hohe Kenntnis der Sternkunde. Hinter ihrem Aufbruch in ein fernes Land steckte die Erwartung eines großen Ereignisses, das in die Welt hereinbrechen sollte.
Es war nur ein Stern, ein heller Stern zwar, aber doch nur mit einem geringen Licht. Es war nicht die Sonne und auch nicht der Mond, dem sie nachzogen, sondern eben nur ein Stern. Aber bedeutet nicht auch ein kleines Licht sehr viel, wenn es rundherum dunkel ist. Die Angst vor der Dunkelheit steckt ja in jedem Menschen. Daher unsere Sehnsucht nach Licht. Johannes sagt in seinem 1. Brief: „Gott ist Licht“. Zudem sagt uns der Glaube, dass Gott in Menschengestalt erscheint. Wie passen diese Aussagen zusammen? Gott, der Licht ist, erscheint in Menschengestalt? Ist denn die Gestalt eines Menschen etwas Lichtvolles? Sie kann es sein, und wenn es so ist, dann ist das Licht da, nach dem wir uns sehnen. Sagen wir es einfach: Wir sehnen uns nach dem lichtvollen Menschen, in dem Gott auf uns zukommt. Wo aber begegnen wir diesem lichtvollen Menschen? Wir begegnen ihm vor allem in Christus. Das ist das Zeugnis der weisen Sternkundigen, deren Fest wir heute feiern. Auf der Suche nach dem lichtvollen Menschen, in dem Gott auf uns zukommt, erschien ihnen durch göttliche Fügung sein Licht. Da machten sie sich auf. Selbst die dunklen oder gar finsteren Gestalten, auf die sie stießen, konnten sie nicht von ihrem Ziel abhalten. Unbeirrt gingen sie ihren Weg, bis jenes geheimnisvolle Licht, dem sie folgten und das sie ein bestimmtes Haus wies, die Gestalt des Kindes annahm. Da sie in seinem Licht den menschgewordenen Gott erkannten, fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.
Diese Geschenke waren sorgfältig ausgesucht; denn sie entsprechen der Eigenart dessen, dem sie zugedacht waren. So deuten uns die drei Weisen mit ihren Gaben die Wesensart dieses lichtvollen Kindes: Gold ist ein königliches Geschenk. Mit diesem Geschenk bezeugen die Weisen, dass sie in Jesus einen königlichen Menschen erkannten, der nicht mit Gewalt sondern in der Kraft der Liebe Gottes Reich aufbauen wird. Weihrauch ist ein priesterliches Geschenk. Mit ihm bringen sie zum Ausdruck, dass sie in Jesus einen priesterlichen Menschen erkannt haben. Er ist ein priesterlicher Mensch, weil er als Gottmensch eine Brücke zwischen Gott und den Menschen schlägt. Myrrhe hingegen ist eine Totengabe. Mit Myrrhe pflegte man zur damaligen Zeit einen Leichnam zu salben. Dieses Geschenk brachten die Weisen, weil sie in Jesus einen brüderlichen Menschen erkannten, der sein Leben bis in den Tod für die Seinen einsetzen wird.
Können wir aber etwas von diesen Weisen lernen? Sicherlich! Das erste, was an ihnen zu bemerken ist: sie haben ein Zeichen gesehen. Gibt es die auch in unserem Leben? Ja, es gibt Zeichen genug; aber leider haben wir die innere Aufmerksamkeit verloren und dadurch merken wir sie oft nicht mehr. Da sind einmal die Zeichen, die uns das Leben selbst gibt: Ereignisse im eigenen Lebensbereich. Das kann etwas Freudiges sein oder auch etwas Schmerzliches, wie etwa eine Krankheit. Wir können nicht ausweichen, wir müssen lernen damit umzugehen und wir müssen vor allem lernen, wie wir in all unseren menschlichen Situationen mit Gott umgehen und lernen, wie er sich gerade in schwierigen Situationen immer wieder als Helfender zeigt, wie er uns gerade in den Dunkelheiten unseres Lebens immer wieder ein Licht anzündet, einen Strahl der Hoffnung in uns aufgehen läßt. Es gibt Zeichen, die uns Menschen setzen, es gibt Zeichen aus dem, was wir lesen und hören: Zeichen in jeder Menge und ständig!
Als die Weisen den Stern sahen sind sie aufgebrochen. Sie haben das Zeichen nicht einfach registriert, zur Kenntnis genommen, sondern sie haben von diesem Zeichen ansprechen lassen, sie haben das Vertraute verlassen und sind aufgebrochen, voller Glauben und voller Hoffnung. Ist das nicht auch so ein wunder Punkt bei uns, dass wir auf die Zeichen und Einladungen und Begegnungen mit Gott keine Reaktion folgen lassen, dass uns immer wieder die nötige Energie, die nötige Entschlußkraft fehlt, um uns auf den Weg zu machen. Und doch würde ein kleiner Schritt von unserer Seite die Nähe zu Gott wachsen lassen. Wir würden dadurch Gott die Chance geben, uns immer wieder neu zu beschenken. Wer aufbricht muß allerdings manches hinter sich lassen. Man kann eben nicht alles mitnehmen, wenn man sich auf eine Reise begibt. Aber gerade die Loslösung von unnötigem Ballast macht uns empfänglich für die Gaben Gottes.
Dann kommt noch der Weg als solcher. Wege sind nicht immer Autobahnen, und sie sind auch nicht immer optimal ausgeschildert. Steilen und beschwerlichen Wegen weichen wir ja allzu gerne aus. Wenn es manchmal zu anstrengend wird, sind wir auch geneigt, aufzugeben und umzukehren und oft bewegen wir uns im Kreis, weil wir uns für keine Richtung entscheiden können. Und hin und wieder müssen wir auch die Demut aufbringen, nachzufragen. Keiner von uns ist so gut, dass er allein mit seinem Leben fertig werden kann, keiner ist so stark, dass er allein alles tragen kann, was ihm zu tragen aufgegeben ist.
Und dann kommt das Zeichen der „Enttäuschung“. Ich habe in meinem Manuskript dieses Wort unter Anführungszeichen gesetzt, weil ich dieses Wort in wörtlichem Sinn verstanden haben will, als eine Befreiung von einer Täuschung. Gott zeigt sich nicht immer so, wie wir ihn gerne hätten. Sind doch unsere Bilder, die wir uns von ihm machen sehr kleinlich. Im Laufe unseres Umgangs mit Gott lernen wir ihn immer wieder anders kennen. Und wir müssen uns dieser Erkenntnis öffnen, auch wenn wir uns damit manchmal schwer tun. Keinen König in Pracht und Herrlichkeit fanden die Weisen, sondern ein kleines, hilfloses Kind und sie konnten darin die Art Gottes entdecken, wie er sich auf uns Menschen einläßt, dass er in einer Art und Weise kam, die uns allen Schrecken vor ihm nimmt uns aber gleichzeitig mit einer großen Ehrfurcht erfüllt und uns daran denken läßt, dass nicht nur wir aufbrechen müssen um ihn zu finden, sondern dass auch er aufgebrochen ist, um uns zu finden in unserer ganzen menschlichen Armseligkeit. Möge es ihm gelingen, dass er uns findet, dass er uns bereit findet, an seiner Seite unseren Lebensweg zu gehen. Amen.

02.01.2011: Lesejahr A, 2. Sonntag n. Weihnachten

Jo 1, 1-18
Vorwörter in Büchern werden meist überschlagen oder nur sehr oberflächlich gelesen. Sicherlich gibt es Vorwörter, die mehr oder weniger uninteressant sind, wo sich ein Autor nur bei denjenigen bedankt, die ihm bei seinem Werk zur Seite gestanden sind. Aber es gibt auch Vorwörter, die sehr inhaltsreich sind, wo wir in den Geist eines Werkes eingeführt werden.
Ein solches Vorwort liegt uns auch beim Johannesevangelium vor Augen. Dieser Text zählt mittlerweile zu den prominentesten, einflußreichen Vorworten der Weltliteratur. Er begann seinen Siegeszug, als er in die Liturgie des Weihnachtsfestes aufgenommen wurde. Seitdem entfaltet er einen ganz eigenen Zauber, eine besondere Kraft. Seine Fähigkeit, Türen zu öffnen und Herzen zu erschließen, bewährte sich unzählige Male -–immer dann, wenn die Geburt Jesu gefeiert wurde, das große Eröffnungsmoment unserer christliche geprägten Kultur. Jesus wurde zum Vorzeichen, zum Vorwort, das eine unerwartet geschichtsmächtige Entwicklung auslöste. Diese Dynamik ist noch längst nicht ausgeschöpft, sie nimmt weiter zu.
Wir müßten als Christen einen grundlegenden Optimismus leben können. Auf Schritt und Tritt sehen wir in unserem Europa wie es vom Christentum geprägt ist. Denken sie sich einmal in unseren Städten alle Kirchen aus dem Stadtbild weg oder alle imposanten Klosteranlagen? Denken sie sich weg alle unsere christlichen Feste und unser christlich geprägtes Brauchtum, alle Gipfelkreuze und Marterln an unseren Weggabelungen? Und was bleibt aus unserem Leben übrig, wenn wir alles das, was mit Glauben zu tun hat über Bord werfen?
Ja, unser altes Europa besteht nicht nur aus dem Euro und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, bei denen sehr oft nur gewinnorientiert gehandelt wird. Unser Europa hat auch eine Seele und wehe, wenn diese in unseren Überlegungen keine Rolle mehr spielt. In unserem Europa gab es vor Zeiten heftige Auseinandersetzungen religiöser Natur und sogar Glaubenskriege; aber es ist nicht minder gefährlich Gott einfach tot zu schweigen, ihn zu ignorieren oder ihn ins Museale zu verdrängen.
Was aber ist der Inhalt dieses johanneischen Vorworts? Da kommt zunächst die Tatsache der göttlichen Existenz zur Sprache. Denken sie jetzt bitte nicht, die Sache sei ein für allemal für uns geklärt. Taucht sie nicht aus geheimen Winkeln unseres Herzens immer wieder auf? Beunruhigt sie uns nicht, wenn es darauf ankommt unseren Hoffnungsanker auszuwerfen? Ist es nicht manchmal auch die bange Frage, die sich in zunehmendem Alter an uns heranschleicht, die auch zuweilen den Priester selbst bedrängt, der doch sein ganzes Leben, seine ganze Existenz der Verkündigung dieses Gottes widmet?
Es gibt drei Möglichkeiten, Erfahrungen über Gott zu machen. Aus der Betrachtung der Schöpfung ahnten die Menschen seit es sie gibt etwas über das göttliche Wesen über ihnen. Dann die Gotteserfahrung der Menschen der Bibel. Hier gewinnt das Bild von Gott bereits überwältigende Konturen: Gott der Schöpfer, von dem alles ausgeht, Gott, der Retter in der Mosesgeschichte, Gott der Partner des Menschen in seiner Geschichte. Schließlich mündet dieser Erfahrungsbereich bei den Propheten in das Bild eines väterlichen und mütterlichen Gottes. Und was uns Jesus über Gott erzählt, das ist sozusagen Information aus erster Hand, ist er doch selbst der Sohn Gottes.
Die Gotteserfahrungen der Bibel sind zunächst Fremderfahrungen. Wichtig sind die eigenen Erfahrungen, die wir über Gott machen können. Gott wirkte nicht nur in der Vergangenheit, er ist auch heute in unserer Welt und in unserem eigenen Leben tätig. Das sagt ja der erste Satz des Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Gott ist also einer, der vernehmbar ist wie ein Wort, wie eine Botschaft. Gott hat etwas zu tun in der Geschichte und Gegenwart des Menschen und des eigenen Lebens.
Aber: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Ja, das ist die Tragik, dass Gott im Leben so vieler Menschen noch dasteht wie ein Fremder vor der Tür, der nicht eingelassen wird.
Hat man im vorigen Jahrhundert Gott gleichsam wissenschaftlich aus der Welt hinaus argumentiert und sind wir heute dahinter gekommen, dass eine wissenschaftliche Gottesleugnung irreal ist und nicht greift, so schnürt man heute die Mogelpackungen des liberalen Indifferentismus. Und hier wird die Gottesfrage tabuisiert. Gott ist kein Gesprächsthema mehr. Das Ergebnis ist das Gleiche. Das Credo der Christen ist in unserer Umwelt recht leise geworden. Es trägt weiter individuellen Bekenntnischarakter.
Da hilft es auch nicht, wenn sich so mancher Politiker mit dem Papst zusammen fotografieren läßt. In unseren Parlamenten wird schon längst nicht mehr gebetet und der Religionsunterricht wird auch immer wieder als Streitfrage lanciert. Zum Glück ist noch viel christliches Gedankengut in unserem Leben verankert, das wirksam wird ohne dass Gott ausdrücklich als der Urheber genannt wird.
Diese kleine Analyse soll nicht dazu beitragen, uns zu deprimieren, so wenig wie eine Predigt dazu beitragen soll, Menschen niederzudrücken. Vielleicht haben wir in unseren innerkirchlichen Auseinandersetzungen langsam darauf vergessen, das Positive zu sehen. Gläubige Menschen tun das sowieso. Worauf es ankommt in unserem persönlichen Leben und in unserer Zeit ist, dass die Botschaft des Prologs in ihrer Prägnanz von uns zu Kenntnis genommen wird und zwar so, dass sie unser Leben formen und beeinflussen kann. Können wir es fertig bringen, unsere Tür zu Gott offen zu halten, glauben wir daran, dass durch unser Leben und Tun und Beten bewirkt wird, dass viele Menschen die Türe ihres Herzens Gott öffnen?
Wir hören gerade zum Jahreswechsel viele Prognosen über die Zukunft. Und wenn sie sich an die Prognosen vergangener Jahre erinnern, so werden wie feststellen können, dass sie nicht in Erfüllung gegangen sind. Die einzige Prognose, der Erfüllung verheißen ist, ist die die Gott uns gibt. Die Schubkraft des Johannesprologs wird uns auch in den kommenden Jahren zu Verfügung stehen. Gott weicht unserer Welt nicht aus, Gott ist bereit, immer wieder einzusteigen in unsere irdischen Turbulenzen, er läßt den Menschen nicht mehr los, erhört nicht auf mit seinem Klopfen.
Menschen, denen der Prolog des Johannes zu Herzen geht, schreiben „Zukunft“ anders. So bleibt das Johanneswort unterwegs und wirksam, findet den Weg zu immer neuen Adressaten. Viele sind nötig, um diesen „Brief an die Zukunft“ zuzustellen; es ist eine Freude, eine Auszeichnung, daran beteiligt zu sein. Amen.

01.01.2011: Lesejahr A, Hochfest der Gottesmutter

Hochfest der Gottesmutter Maria
Lk 2, 16-21

Heute ist Neujahr, für viele ein Tag mit einem schweren Kopf. Das alte Jahr hat sich ja mit der üblichen Lautstärke und Knallerei verabschiedet. In unseren Städten wurde kräftig gefeiert. Und so beginnt für viele das Neue Jahr nicht gerade mit Wohlbefinden. Und keiner hat sich bei dem Wunsch: “Einen guten Rutsch” etwas gedacht. In einem jüdischen Museum, wo man verschiedene Kultgegenstände sehen kann war auch ein Kissen zu sehen, auf dem neben reichen Verzierungen mit hebräischen Buchstaben das Wort “Rosch” gestickt war. “Rosch” bedeutet in der hebräischen Sprache so viel wie Kopf oder auch Anfang. Anders als man vielleicht denken könnte ist aber dieses Kissen kein Kopfkissen sondern ein Kissen zum Neuen Jahr, zum “Rosch ha Schanah” wie es auf Hebräisch heißt. Unser “Guter Rutsch” hat also nichts mit rutschen zu tun sondern ist der Neujahrswunsch der Juden.
Es ist unserem menschlichen Leben eigen, dass es in ihm immer wieder ein Abschied nehmen und einen Neubeginn gibt. Und es ist gut dass es das gibt, wir Menschen brauchen diesen Rhythmus. In Wirklichkeit ändert sich ja mit dem Jahreswechsel nichts, genau so wenig wie sich das Land ändert, wenn man eine Staatsgrenze überschreitet.
Aber was ändert sich schon? Abgesehen von einem neuen Kalender, den wir auf dem Schreibtisch stehen haben und außer der Neun, die wir statt der Acht setzen müssen? Was hat sich, wenn wir ehrlich sind, in den vergangenen Jahren geändert, außer dass wir älter geworden sind. Aber wir müssen wohl zur Kenntnis nehmen, dass sich Veränderungen nicht immer sprunghaft vollziehen, meist geschehen sie unmerklich und leise. Es ist so wie bei einem Menschen den man täglich sieht und gar nicht bemerkt wie er älter wird, wie die Falten in seinem Gesicht merklicher werden. Erst wenn einen Menschen längere Zeit nicht zu Gesicht bekommen hat, merken wir die Veränderung.
Aber wir brauchen die Initialzündung des Neuen Jahres. Wir brauchen die Nachdenklichkeit, die sich bei jedem Menschen zum Jahreswechsel einstellt. Das Neue Jahr, das vor uns liegt ist doch wohl wieder ein Chance, unser Leben wieder ein wenig mehr in den Griff zu bekommen. Auch wenn wir unsere Gewohnheiten, Verpflichtungen und Einbindungen aus dem vergangenen Jahr weiterführen müssen und wollen, bleibt doch ein wenig der Zauber des Neuen. Und es liegt an uns, ob wir uns der pessimistischen Sicht anschließen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, oder ob wir uns doch eine letzte Ahnung, einen Funken Glaube und Hoffnung erhalten, dass im kommenden Jahr Gott für uns ein besonderes Wort hat.
Ja aber für dieses Wort müssen wir wach und aufmerksam sein. Interessant ist, dass heute im Evangelium wieder die Hirten vorkommen. Sie werden als Menschen geschildert, die den Engel hörten und sich aufmachten und alles so vorfanden, wie es ihnen gesagt worden war. Es heißt im Text: “Sie eilten”, das heißt, sie haben schnell auf die Botschaft des Himmels reagiert. Erst die Bereitschaft, nachzuschauen, ob wirklich etwas an der Sache dran ist, erst ihr Eilen nach Bethlehem bringt sie dazu, das göttliche Kind zu finden und Gott zu loben und zu preisen. Irgendwie war diesen Hirten die Wachsamkeit in Fleisch und Blut übergegangen. Sie lebten von und in Erwartungen, egal ob es sich dabei um religiös-gesellschaftliche Veränderungen oder nur um das bessere Wetter und die Weidegründe für ihre Herde handelte. Sie waren gezwungen, nach dem Ausschau zu halten, was kommen würde.
Die Frage ergeht nun an jeden von uns: Gibt es auch in unserem Leben die Stimme eines Engels? Können wir sie hören? Und – reagieren wir darauf? Ja, es gibt diese Engel, es gibt diese Anrufe der himmlischen Boten, sie erreichen uns in unseren Gedanken, in Worten, die wir hören, in den Ereignissen, die wir erleben.
Und hier kommt der Satz über Maria: “Sie bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach”. Und genau auf das kommt es auch in unserem Leben an. Leider verarbeiten wir das, was wir täglich erleben und erfahren nicht mehr. Wir wischen es weg, wie man eine beschriebene Tafel mit einem Schwamm leer wischt. Und damit löschen wir sehr oft die in den Ereignissen verborgenen Worte Gottes an uns. Vielfach haben wir Menschen auch Angst, in ihr Leben hineinzuschauen. Und diese Angst besteht aber für den gläubigen Menschen nicht, denn der weiß sich in Gottes Hand geborgen mit seinem ganzen Leben, was immer auch geschehen sein mag.
Maria war überzeugt davon, dass in allem Erleben ein tiefer Sinn liegt. Dieser Sinn ist nicht immer an der Oberfläche, er ist nicht immer zu erkennen. Oft braucht es den nötigen Abstand um ihn zu erfassen, den Rückblick über eine längere Periode des eigenen Lebens, um die Mosaiksteinchen unserer Stunden und Tage und Jahre richtig zusammenzufügen. Wenn die Sinnhaftigkeit gegeben ist und geglaubt wird, dann braucht es nur noch ein wenig Geduld, um die tieferen Zusammenhänge in unserem Leben zu erkennen.
Ich habe mich schon manchesmal gefragt, warum dieser erste Tag des Jahres der Gottesmutter geweiht ist und ich komme zu der Überzeugung, dass die Nachahmung ihrer Haltung der beste Einstieg in das Neue Jahr ist. Von ihr können wir lernen, was es heißt in Glauben und Vertrauen immer wieder einen neuen Aufbruch zu wagen. So wird der Neujahrstag zu einem Tag des Innehaltens, an dem wir über das Vergangene nachdenken und es aufarbeiten. Wir können nicht wirklich etwas Neues anfangen, bevor wir das Alte abgelegt haben und zwar mit dem Bewusstsein, dass es hinter uns liegt, zu unserem Leben dazu gehört uns aber nicht mehr belasten darf.
In seinem Buch „50 Engel für das Jahr“ schreibt Anselm Grün, das jede Veränderung in unserem Leben auch einen Abschied verlangt. Nur wenn der Abschied von der alten Umgebung gelingt, kann etwas Neues wachsen. Wir müssen Abschied nehmen von Gewohnheiten, von Lebensabschnitten, von Lebensmustern. Viele können nicht gut leben, weil sie noch an alten Verletzungen hängen, weil sie die Erinnerung an diesen Schmerz immer wieder spüren. Um hier und heute bewusst leben zu können, muss man sich verabschieden von den Kränkungen vergangener Jahre. So können wir offen sein für das Neue, das Gott für uns bereithält.
Seit der Geburt Christi, seit seinem Kommen in diese Welt ist der Besuch Gottes bei uns nicht mehr nur eine bloße Möglichkeit. Auch wenn wir den Besuch eines Engels für eine fromme oder literarische Anwandlung halten, so haben wir doch Gottes Besuch in den vergangenen Weihnachtstagen gefeiert. Es mangelt uns auch nicht an Einladungen Gottes. Es mangelt uns auch nicht an Möglichkeiten, die Stimme Gottes und seines Engels zu hören, es fehlt aber meist die Bereitschaft dazu, der Mut, die Neugierde, die Experimentierlust, uns auf den Anruf Gottes einzulassen und einmal wie die Hirten hinzugehen, um nachzuschauen, was das ist und was daran sein könnte.
Möchten wir doch an der Hand der Gottesmutter und an ihrem Beispiel und ihrer Haltung unser Leben im Neuen Jahr gestalten. Amen.