01.01.2012

01.01.2012

Hinter dem „guten Rutsch“, den viele Menschen sich vor dem Jahreswechsel wünschen, steht mehr als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Er enthält den Wunsch nach einem angenehmen Hinübergleiten in einen neuen Zeitabschnitt. Das diese Wort mit „rutschen“ gar nichts zu tun hat, ist den meisten Menschen unbekannt. Dieses Wort ist einfach der jüdische Ausdruck für das Neujahrsfest. Je nach Stimmungslage feiern wir diese Nacht auf verschiedenste Weise: leise, zu den Klängen des Donauwalzers oder auch laut. Scheinbar versucht der Mensch immer wieder durch Lautstärke seine eigene Unsicherheit zu übertönen. Und um die geht es ja an diesem Tag besonders. Denn jede Veränderung macht Angst, auch wenn es nur eine neue Jahreszahl ist. Zum Jahreswechsel haben ja die Angstmacher und auch die Angst-Beschwichtiger Hochsaison. Das Befragen des Horoskops, das Bleigießen und der Alkoholkonsum haben ja eines gemeinsam: Den Kampf gegen die Angst.
Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Menschen in solchen Situationen auch nach einem religiösen Halt suchen, nach einer letzten Orientierung. Während es nach überstandenem Katzenjammer bei den meisten Menschen wieder im gewohnten Trott weitergeht, versuchen die Schrifttexte des heutigen Festes eine wesentliche Antwort auf unsere Unsicherheiten zu geben.
Es ist eine ganz eigenartige Auswahl von Schrifttexten für den heutigen Festtag vorgesehen, kurze Texte, die aber im Grunde das ganze Weltgeschehen zur Sprache bringen, nicht das äußere Geschehen, sondern das, was unserer Welt von Gott her angeboten wird und was wir uns an jedem Tag des Neuen Jahres ins Bewusstsein rufen lassen müssen. Und gerade was uns da gesagt und wie es gesagt wird, gibt uns auf ungewohnte Weise zu denken, vielleicht besonders, wenn uns das alles am ersten Tag des neuen Jahres gesagt wird, ohne dass diese Texte etwas ausdrücklich zum Neujahrstag ausdrücken wollen.
In beiden Texten wird auch Maria nur kurz erwähnt, der doch der heutige Tag geweiht ist. Da erwähnt Paulus nur die Geburt des Gottessohnes aus der „Frau“ und spielt hier eindeutig auf die Paradieserzählung an, wo die Frau, Eva, durch ihr Nein zu Gott die Schöpfung in eine Katastrophe geführt hatte. Maria hatte durch ihr „Ja“ zu Gott das Eintreten Gottes in diese Welt ermöglicht. Hier kommt die Frage auf: Brauchte Gott dieses Ja eines Menschen, um die Erlösung zu bewerkstelligen? Hätte er nicht andere Möglichkeiten gehabt? Das steht außer Frage! Aber es zeigt sich, wie sehr Gott die Freiheit des Menschen schätzt, dass er ihn nicht überrumpeln will, nicht einmal mit seiner Erlösungstat, sondern dass er die Bereitschaft eines Menschen wünschte, die stellvertretend für alle Menschen dieses Jawort sprach.
Und nun folgen in knappen Sätzen die Folgerungen aus diesem „Ja“ Mariens: wir sind freigekauft, wir sind „Söhne und Töchter“ Gottes, sein Geist ist in unserem Herzen, wir dürfen ihn mit kindlichen Bezeichnung „Abba“, „mein lieber Vater“ anreden. Gott erhebt uns Menschen zu einer erhabenen Größe und Würde.
Wir lesen das, wir wissen das; aber es erfüllt noch nicht unser Herz. Und so müssen wir immer wieder wie die Hirten den Weg zur Krippe gehen um die ganze Liebe Gottes zu erspüren und die Würde zu der er uns erhoben hat. Die Hirten, so heißt es „eilten“ nach Bethlehem. Wir hingegen lassen uns Zeit. Wir haben oft auch gar nicht das Bedürfnis zur Krippe zu kommen. Zu sehr sind wir bedrängt von all unseren Fragen und Nöten, zu sehr sind wir gebunden an die vielen Dinge, die uns unsere Welt bietet. Aber wir haben sie langsam und heimlich von Gott, der sie uns geschenkt hat, losgekoppelt. Wir verstehen die Sprache der Dinge nicht mehr, die allesamt von der Größe Gottes künden. Und so verlieren wir uns zu oft an sie und lieben die Geschöpfe losgelöst von Gott und sie sollten uns doch zu Gott und zur Liebe zu ihm verhelfen.
Die Hirten fanden drei Personen, Maria, Josef und das Kind in einer Krippe. Hatte sich ihre Eile wirklich gelohnt? Was hatten sie denn erwartet? Immerhin waren es nicht Menschen, die ihnen den Weg zur Krippe gewiesen hatten, sondern Engel. Somit war ihre Erwartung auf etwas Staunenswertes gerichtet. Und was sie fanden war die gleiche Armut, die auch sie in ihrem täglichen Leben kannten. Sie erzählten von ihrer himmlischen Erscheinung und alle staunten über den merkwürdigen Kontrast zwischen der erhabenen Botschaft der Engel und dem, was sie vorfanden. Sie machten staunend die Entdeckung, dass Gott genau dort einen Platz suchte, wo auch sie ihren Platz hatten, dass Gott genau in die Armut herniederstieg, in der sie auch ihr Leben zubrachten. Und sie entdeckten, dass Gott für sie kein weit Entfernter, Unnahbarer Gott sein wollte, sondern dass er ihre Nähe suchte.
Von Maria wird hier aber etwas Bemerkenswertes ausgesagt: sie bewahrte alles, was geschehen war und erwog es in ihrem Herzen. Offensichtlich war auch sie überrascht von dem Vorgehen Gottes, von der Art und Weise, wie er in diese Welt eintreten wollte. Sie hatte das Wirken Gottes in ihrem Herzen aufgenommen, sie hat sich ihm total gewidmet. Und wenn wir den weiteren Weg der Gottesmutter verfolgen, dann werden wir merken, dass es da Vieles gab, was ihren Glauben und ihr Vertrauen herausgefordert hat, was sie bewahren musste in ihrem Herzen.
Und was ist nun mit uns? Was können wir aus diesen Texten mitnehmen? Ich glauben, dass es wichtig ist, dass wir uns vor Augen halten, dass sich Gott auch von uns finden lässt, vorausgesetzt wir suchen ihn. Wir wissen alle, was „suchen“ bedeutet.
Wir müssen aber zu unserer Schande gestehen, dass wir es mit der „Suche nach Gott“ nicht sehr ernst genommen haben. Wir hätten Gott suchen sollen in den Ereignissen unseres Lebens. Es sind nicht immer die Sternstunden, in denen wir Gott entdecken. Es sind oft gerade die Stunden der Dunkelheit und des Schmerzes in denen uns Gott in besonderer Weise nahe ist, es sind oft die dunklen Farben, die unserem Leben den nötigen Kontrast geben, um die Spuren Gottes zu entdecken. Es gibt jedenfalls keine Situation in unserem Leben, wo Gott uns sozusagen entschwunden wäre. Es geht in unserem Glauben nicht in erster Linie darum einen Gebots- und Verbotskatalog einzuhalten, es geht auch nicht in erster Linie um das Kirchenrecht und die Dogmen des Glaubens, es geht in erster Linie um einen persönlichen Kontakt mit Gott. Und da sind wir eben oft nicht bereit, die nötigen Voraussetzungen zu erfüllen, vor allem die Stille zu pflegen, in der die leise und unaufdringliche Stimme Gotte vernehmbar wird.
Wenn wir die Art der Gottesmutter nachahmen, sind wir jedenfalls gut beraten. Wir müssen vieles in unserem Leben im Herzen bewahren, weil wir eben vieles, was geschieht nicht verstehen im großen Zusammenhang unseres Lebens, weil wir Vieles nicht zu deuten wissen wegen unserer engen Perspektive. Und so müssen wir so manches Unverstandene und Unbegreifliche ruhen lassen, in unserem Herzen speichern und darauf vertrauen, dass nichts in unserem Gott entgleitet, ja dass er sogar aus unseren Fehlern und Schwächen heraus, uns die Möglichkeit geben kann, ihn zu finden.
So mögen wir dieses Neue Jahr unter dem Schutz der Gottesmutter mit einer großen Zuversicht beginnen. Amen.

06.01.2012: Erscheinung des Herrn

06.01.2012: Erscheinung des Herrn

Das griechische Wort „Epiphanie“, das dem heutigen Fest seinen Namen gibt, heißt „Erscheinung“. Schon damit wird jedem, der Gott sucht, etwas Wichtiges gesagt: Kein Mensch kann Gott unmittelbar erkennen. Wir können ihn immer nur als den erfahren, der in den verschiedensten Dingen dieser Welt in Erscheinung tritt. So ist es heute, so war es damals.
Ich denke an Edith Stein, die ungläubige, aber Gott suchende Philosophin, die als Karmelitin während der Naziherrschaft ums Leben kam. In den dunkelsten Tagen ihres Lebens war sie bei ihrer Freundin zu Besuch. Dort fiel ihr ein Buch in die Hand. Sie las darin die ganze Nacht. Als sie es am Morgen ausgelesen hatte, sagte sie: „Das ist die Wahrheit!“ Dieses Erlebnis wurde zur Sternstunde ihres Lebens und Ursache eines radikalen Neubeginns. In einem Buch also war ihr Gottes Wirklichkeit aufgegangen.
Dem jungen gottlosen Dichter Paul Claudel war Gottes lichtvolle Nähe in der Kathedrale von Paris während eines weihnachtlichen Gottesdienstes erschienen. Ein Knabenchor sang gerade das Magnifikat. Da geschah auf einmal etwas Unerwartetes, das für das ganze Leben des Dichters bestimmend sein sollte. Claudel bekennt: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte….Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben! Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Es ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ignatius von Loyola ging der Stern Gottes auf dem Krankenbett auf. Augustinus wurde durch eine Kinderstimme zu ihm hingeführt. Sie alle erlebten, was auch die drei Weisen aus dem Morgenland zur Wende ihres Lebens brachte. Sie erfuhren das Aufleuchten von Gottes Liebe in etwas ganz Alltäglichem. Oft sind es Nebensächlichkeiten, die auf einmal voller Licht sind und die uns so zu einem Stern werden.
Vielleicht fragen sie an dieser Stelle, wann wir selbst einmal in dieser Weise Gottes Liebe und Nähe erfahren durften? Ein östlicher Mönch antwortet darauf: „Jeder Mensch kann am Abend Gott zumindest für drei Dinge danken.“ Überlegen wir, ob dies stimmt. So kann uns zum Bewusstsein kommen, wie oft Gott den Stern seiner Liebe auch uns in unscheinbaren Dingen und alltäglichen Ereignissen aufleuchten lässt.
Wenn man die Kapitelle der mittelalterlichen Kathedrale von Autun in Burgund betrachtet, entdeckt man dort eine wunderbare Darstellung der drei Könige. Man sieht sie friedlich ruhend unter einer großen decke beieinander kauernd. Ein Engel rüttelt sie auf und zeigt auf den Stern. Fast ist es, als ob man ihn sagen hörte: „Wacht auf, schaut, ein wunderbarer Stern ist aufgegangen. Macht euch auf den Weg, selbst wenn er beschwerlich sein wird und folgt dem Stern!“
Wer dem menschgewordenen Herrn Jesus Christus begegnen will, muss sich aufrütteln lassen, aufwachen, die Augen öffnen und sich aufmachen, um dem Leuchten des Sterns zu folgen. Wenn Gott sich zurückgezogen hätte und in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, dann könnten wir heute nicht dieses fest feiern. Gott aber hat sich nicht gescheut, aufzubrechen und in die Dunkelheit der Welt hinabzusteigen und dadurch die Dunkelheit der Welt zu erhellen, wenn auch zunächst nur schwach und unscheinbar und von wenigen bemerkt. Es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, wir Christen hätten einen anderen Weg zu gehen.
Immer wieder sucht Gott uns auf seine Weise zu begegnen, um uns auf den Weg zu Jesus zu bringen. Wir sehen es deutlich im Hinblick auf die drei Weisen. Wenn sie auch keine Könige waren, so waren es doch königliche Menschen. In Ungewissheit und Wagnis nahmen sie Abschied von ihrer kleinen und vertrauten Welt. Mutig und mit Gottvertrauen verließen sie ihr bisheriges Leben und machten sich auf einen mühsamen Weg ins Unbekannte. So erweisen sie sich als Menschen, die nicht in Vordergründigem die Sinnerfüllung ihres Lebens suche, in denen vielmehr die Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen lebt.
In dieser Sehnsucht gingen die drei Weisen ihren Weg. Nie gaben sie auf. Als der Stern sie verließ, als man ihnen in der Stadt mit Verständnislosigkeit, List und lüge begegnete, brachen sie das Begonnene nicht ab. Ruhig und besonnen verfolgten sie ihr Ziel. Und als sie es erreicht hatten, wurden sie nicht irre, als sich der von ihnen gesuchte König als ein einfaches Kind erwies, das nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren worden war. Auf der Suche nach Gott fanden sie ihn im Antlitz dieses Kindes.
Weil sie einem Stern folgten, sind sie für uns zu einem Stern geworden, durch den uns aufgeht, was Glaube eigentlich bedeutet: „Sich herausrufen lassen aus seinen Sicherungen und Absicherungen; sich auf den Weg machen, den Gott uns durch seine Zeichen weist; nicht aufgeben, wenn dieser Weg ins Dunkel führt.“
Es ist verwunderlich: Obwohl diese Weisen von niemandem auf die Knie gezwungen werden konnten, knien sie sich vor diesem Kind nieder, um in ihm Gottes unergründliche Liebe anzubeten. Von „Anbetung“ ist heute nur noch selten die Rede. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: „Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich von Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Je mehr der Mensch Mensch wird, umso mehr wird er von de3m Bedürfnis gepackt, anzubeten.“ In ihrer Anbetung offenbaren die drei Weisen ihr königliches Herz.
Die Tatsache, dass sie auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehrten, bringt unter anderem zum Ausdruck, dass sie durch die Anbetung Gottes in diesem Kind andere Menschen geworden waren; denn Menschen, die in Jesus Gott gefunden haben, machen immer eine radikale Wandlung durch. Sie lassen sich ihre Weisungen von oben, vom Himmel geben. Das ist das Geheimnis ihrer Menschlichkeit. Von solcher Menschlichkeit ist bei Herodes wenig zu finden. Er schaut nicht nach oben; er schaut auf sich selbst. Daher ist er zu allem fähig. Es ist uns ein Wort überliefert, das Herodes gesprochen haben soll und das uns zeigt, wer er wirklich war: „Wenn ich tot bin, wird keiner weinen, aber ich werde dafür sorgen, dass viele Tränen fließen.“ Im Gegensatz zu Herodes denken die Weisen nicht von sich, sondern von Gott her: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“
Offenheit, Einfachheit und Frömmigkeit, das sind die königlichen Tugenden der Weisen. Wo sie sich in uns entfalten, da werden wir unsererseits zu Weisen und zu einem Stern für manchen anderen. Als die Füße der drei Könige nach Bethlehem liefen, da ist ihr Herz zu Gott gepilgert. Machen wir uns auch auf den Weg und gehen wir in unserem alltäglichen Leben in Wort und Tat Zeugnis von der ungebrochenen Kraft der Liebe, der Versöhnung und des christlichen Glaubens, damit auch unsere Mitmenschen das Leuchten des Sterns am nächtlichen Himmel erkennen und der Kraft gelebter Liebe trauen können. Versuchen wir – bei all unserer Unzulänglichkeit – unsere christlichen Visionen in die Tat umzusetzen, um so mit unseren Herzen zu Gott zu pilgern. Amen.

08.01.2012: Fest der Taufe des Herrn, Mk 1,7-1

08.01.2012: Fest der Taufe des Herrn, Mk 1,7-11

Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unserem Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen.

14.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis

14.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis

Joh 1, 35-42
Wenn sie einmal überlegen, wie sie jene Menschen kennen gelernt haben, die heute zu ihren besten Freunden zählen, so ist jede dieser Geschichten interessant und irgendwie einmalig. Aber es zieht sich doch auch ein roter Faden durch all dieses Kennenlernen.
Kennenlernen kann durch bloßen Zufall geschehen. Z.B. es ist kein Tisch mehr frei im Restaurant, wohl aber ein Platz an einem teilweise besetzten Tisch. „Darf ich mich zu ihnen setzen?“ - „Bitte, nehmen sie Platz.“ - Man sollte es nicht für möglich halten, was aus einem so einfachen Dialog an Bekanntschaft und sogar Freundschaft entstehen kann.
Meistens aber - so kann ich wenigsten von mir sagen - habe ich meine Freunde auf eine andere Art und Weise kennen gelernt. Etwa so: Man wird jemand vorgestellt oder auf jemanden hingewiesen oder man lernt ihn kennen, weil man ihn einmal oder öfter bei anderen Freunden getroffen hat.
Das Kennen lernen der Jünger folgt wohl eher dieser zweiten Art. Sie gehören bereits zum Freundeskreis dieses Johannes, des Täufers vom Jordan. Und eben der stellt diese seine Freunde zwar nicht direkt vor, aber er weist sie auf Jesus hin.
Der erste Hinweis wird wohl ein direktes Zeigen mit dem Finger gewesen sein. „Seht!“ Der zweite Hinweise klingt dann so geheimnisvoll, dass die Jünger sicherlich aufgemerkt haben: „Das Lamm Gottes!“ An was haben sie wohl in diesem Augenblick gedacht?
An das Paschalamm, das beim Auszug aus Ägypten geschlachtet wurde? An Isaak und die Opferung des Widders auf dem Berge Moab? An den Sündenbock, den der Hohepriester einmal im Jahr - beladen mit den Sünden des Volkes - in die Wüste hinausgetrieben hat? Jedenfalls hat es die Jünger so fasziniert, dass es spontan zum nächsten Schritt gekommen ist, der für jedes Kennen lernen entscheidend ist.
Die Jünger tun diesen Schritt mit der harmlosen Frage: „Wo wohnst du?“ Diese Frage zielt tiefer als sie lautet. Eigentlich wollten sie wissen: Wer bist du überhaupt? Was tust du? Was willst du? Was willst und kannst du für uns sein? Bist du gar der, auf den unser Volk wartet? Und so in der Seele bewegt gehen sie mit ihm. Und einer von ihnen erinnert sich genau: Es war um die zehnte Stunde. Dass sich Johannes, der Evangelist noch in seinem hohen Alter als er das Evangelium schrieb genau an die Zeit erinnerte, da er Jesus kennen lernte und bei ihm weilte zeigt, welchen riefen Eindruck er von dieser ersten Begegnung empfangen hatte.
Wir würden gerne wissen, was sie damals gesprochen haben, welche Fragen sie an Jesus gestellt haben und was er ihnen zur Antwort gab. Wir wissen es nicht. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn was Jesus wollte und sprach das steht auf den weiteren Seiten des Johannesevangeliums für uns und alle späteren Generationen aufgeschrieben. Eines stand jedenfalls an diesem Abend bereits fest: Die Jünger waren von dieser ersten Begegnung so fasziniert, dass der Prozess des Kennenlernens weitergehen konnte.
Wie man wohl heute Jesus kennen lernt? Wer weist heute auf Jesus hin als auf den Retter, als auf einen der ein Programm bringt nach dem es sich zu leben lohnt? Früher geschah das in der Familie, wo noch gebetet wurde und wo man noch miteinander in der Bibel las und die Heiligen Geschichten weiter erzählte. Sicherlich kennt heutzutage jeder Jesus von Nazareth. Seine Botschaft kennen schon bedeutend weniger. Für so manche Menschen von heute ist er auch einer der vielen Gurus, die den Menschen Heil und Glück verheißen, für andere ist er der Superstar, den man in seinem Verhalten nicht begreift und ihn zurechtmodelt nach dem eigenen Geschmack. Für uns ist Jesus einer, der in seiner Kirche gegenwärtig ist. Aber wer weiß heute schon Bescheid über die Kirche? Wenn von Kirche die Rede ist, reagieren die Menschen sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von Aggressivität bis hin zur Gleichgültigkeit. Viele lieben auch die Kirche. Manche denken nur noch an das Kirchengebäude in der Mitte des Dorfes oder an hervorgehobenen Plätzen der Städte. Zumindest die Kirchengebäude gehören noch zum allgemeinen Bewusstsein. Was wären die vielen Reisen ohne die Besichtigung von Kirchen.
Aber genau in dieser Kirche ist Jesus, der Sohn Gottes gegenwärtig. In dieser Kirche, die eine lange Geschichte hinter sich hat, die nicht immer eine heilige Geschichte war, denn die Menschen in der Kirche haben ihre Erscheinung und ihr Bild immer wieder entstellt. Aber immer ist in Zeiten der Krise oder der Erstarrung in der Kirche der Ruf nach Reform laut geworden. Reform bedeutet aber nicht blindwütiges Experimentieren oder Einreißen von Strukturen. Reform bedeutet vielmehr Rückbesinnung. Reform meint, dass wir uns an den eigenen Ursprüngen orientieren und messen müssen.
Die Zeit Jesu war eine unruhige Zeit. Ein besetztes Land, viel Armut, übertriebene religiöse Forderungen. Und was sollte der Messias? Was erwartete man sich von ihm. Zunächst sicher etwas Politisches. Mit der Vorstellung des Messias war die Vorstellung eines irdischen Herrschers verbunden. Er sollte die Römer aus dem Land treiben, er sollte schließlich der König über Israel werden. Ich meine wohl, dass die Jünger Jesu auch von dieser Idee erfasst wurden und dass sie sich zunächst von ihrer Nachfolge auch eine persönliche Besserstellung erwarteten. Das zeigt unter anderem auch die Bitte der Mutter zweier Jünger, die an Jesus herantrat und zu ihm sagte: „Lass meine Söhne in deinem Reich zu deiner Rechten und zu deiner Linken sitzen“. Das zeigt die Verwirrung der Jünger als Jesus von seinem Leiden sprach und das zeigt ihre Hilflosigkeit, nachdem Jesus gekreuzigt wurde.
Dieses Kennenlernen Jesu war ein langer und mitunter schmerzhafter Lernprozess.
Und uns ergeht es nicht anders. Es ist in unserem Glaubensleben nicht damit getan, dass wir im Allgemeinen ein göttliches Wesen anerkennen. Es ist auch nicht damit getan, dass wir uns die Erfahrungen des Volkes Gottes aus dem Alten Testament zu eigen machen, es ist auch nicht damit abgetan, dass wir die Botschaft Jesu in einigen Punkten bejahen, meist in solchen, die uns angenehm sind und die schmerzhaften und fordernden Dinge auslassen oder uminterpretieren bis sie nicht mehr wehtun.
Es geht auch bei uns um die Kernfrage: „Meister, wo wohnst du?“ Und wenn er dann auch zu uns sagt: „Komm und sieh!“, dann müssen wir mit ihm gehen und uns auf seine Botschaft voll und ganz einlassen. Wir müssen uns an der Hand nehmen und führen lassen, wir müssen lernen, wir dürfen auch dem Unverstandenen und Dunklen nicht aus dem Weg gehen.
Und so werden wir unsere eigenen und ganz persönlichen Erfahrungen mit Jesus und somit mit Gott machen. Jesus hat einmal dem Philippus geantwortet: „Wer mich sieht, der sieht auch den Vater“. Das heißt im Klartext: So wie ich zu euch bin, so ist Gott zu euch!
Und ich bin sicher, dass es bei unserer Suche nach Gott auch so eine Stunde gibt, die sich uns ganz tief einprägt, so dass wir sie noch nach vielen Jahren genau kennen. Amen.

15.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis

15.01.2012: 2. Sonntag im Jahreskreis

1 Sam 3,3b-10.19
Joh 1, 35-42
Ich habe mir schon des öfteren Gedanken gemacht, wie eigentlich eine Berufung zustande kommt. Und auch von anderen Menschen wurde ich oft gefragt, wie man das wohl merkt, wenn man zu etwas berufen ist. Klar wurde mir folgendes: da gibt es keinen Blitz vom Himmel, da kommt auch nicht eigens ein Engel und da hört man auch keine Stimme vom Himmel. Berufung geschieht still, bescheiden und doch einladend. In unserer Zeit spricht man allerdings nicht mehr viel von einer Berufung. Das Wort „Job“ hat dem Wort „Beruf“ den rang abgelaufen. In meinem eigenen Leben war die Berufung kein Geistesblitz sondern ein langsames Gefallenfinden an der Lebensweise der Ordensleute, der Jesuiten, in deren Internat auf dem Freinberg ich acht Jahre lang die Schule besuchte. Und ich bin dahintergekommen, dass Gottes Stimme sich hinter den Dingen des Alltags verbirgt, dass Gottes Stimme und Gottes Ruf sich klärt im Gespräch mit verständigen Menschen.
So stellt sich jedem, der sein Leben nach Gott ausrichten will die Frage: Wie und wo kann ich Gott hören? Am liebsten wäre es uns natürlich, Gott würde so menschlich direkt über Mund und Ohr sprechen, wie er bekanntlich im dem Film „Don Camillo“ mit seinem Pfarrer redet.
Die Samuelgeschichte, die wir in der Lesung gehört haben aber zeigt uns: Das Problem ist weniger, dass Gott nicht sprechen würde. Das Problem ist vielmehr, ob wir seine Botschaft heraushören aus den Stimmen der täglichen Umgebung, und ob wie die Konsequenzen daraus ziehen. Und so meint Samuel, dass Eli zu ihm spricht und er erkennt die Stimme Gottes nicht gleich. Er sprang auf und wollte bereit sein, aber wozu? Erst der Rat des erfahrenen Eli half ihm die Stimme des Anrufers zu erkennen und sich für Gottes Auftrag zur Verfügung zu stellen.
Gibt es auch in unserem Leben eine Rufgeschichte? Wenn wir in unsere Vergangenheit zurückschauen, erkennen wir vielleicht, dass auch wir angerufen worden sind: durch ein äußeres Ereignis, das unsere Pläne umgeworfen hat, oder ganz leise und von aussen kaum wahrnehmbar, durch ein Wort in einem Gespräch oder den Blick in die Augen eines Menschen, die plötzlich zur inneren Gewißheit führten: „Ich bin gemeint“.
Wie erkenne ich ob Gott mich ruft? Bin ich überhaupt willens, mich rufen zu lassen? Oder halte ich mir die Ohren zu? Viele Fragen – und dennoch sollten wir ruhig und gelassen bleiben. Samuel wurde angewiesen, sich wieder schlafen zu legen und zu warten. Wenn es Gottes Stimme war, würde sie noch einmal rufen. Und tatsächlich rief ihn Gott ein drittes Mal. Sammel stand schnell auf und antwortete, was Eli ihm geraten hatte: „Rede Herr, dein Diener hört.“
Gott nimmt Samuels ganzes Leben in Beschlag, und Samuel versagt sich ihm nicht. Er wird später Elis Platz einnehmen, er wird die letzte und größte Richtergestalt in Israel. Er ist es, der zuerst Saul und dann den jungen David zum König salben wird.
Samuel wird von Gott bei seinem Namen angerufen: Aber Gott zwingt ihn nicht, er gibt ihm die Chance, auf diesen persönlichen Anruf zu antworten. Gott erwartet zuerst nicht eine bestimmte Leistung, er will die Zustimmung des Menschen. Und dann wächst er langsam in seine Berufung hinein und erkennt, was Gott von ihm haben will.
Mit der Berufung der Jünger war es nicht anders. Johannes weist seine Jünger auf Jesus hin und bezeichnet ihn als das „Lamm Gottes“. Und zwei seiner Jünger gehen Jesus einfach nach. Sie getrauen sich nicht, ihn anzusprechen, ihn zu fragen. Erst als sich Jesus umwendet und sie fragt, was sie wollen, da geben sie aus ihrer Verlegenheit heraus die Antwort: „Rabbi, wo wohnst du?“ Das bedeutet, sie wollen ihn dort aufsuchen wo er daheim ist. Die Wohnung bedeutet den Intimbereich eines Menschen. Man lädt nicht jeden in seine Wohnung ein. Wohnung ist der Bereich, wo man zu Hause ist. Und somit sind diese ersten Jünger in ihrer Frage eigentlich doch sehr direkt. Sie wollen nicht ein billiges Geplauder mit Jesus, sondern sie wollen dort hin, wo er daheim ist. Interessant wäre es, wenn Johannes doch ein wenig erzählt hätte, was sie dort erlebten. Aber darüber schweigt er sich aus. Aber aus dem folgenden Satz können wir erahnen, welchen Eindruck die „Wohnung“ Jesu und das Verweilen ihn ihr in seiner Gegenwart auf ihn gemacht hatten. Den ganzen Tag blieben sie bei ihm. Und Johannes erinnert sich noch in seinem hohen Alter, als er sein Evangelium schrieb, genau an die Stunde, wo das die Begegnung mit Jesus geschehen war: Es war um die zehnte Stunde, also etwa um vier Uhr nachmittag.
Die Begegnung mit Jesus bringt sie in Bewegung, obwohl sie nur einen Tag bei ihm blieben. Denn Andreas, der Bruder des Simon Petrus, geht zu seinem Bruder und bekennt: „Wir haben den Messias gefunden.“ Andreas war es, der seinen Bruder zu Jesus führte. Da müssen wir uns aber doch auch überlegen, ob wir nicht auch solche hinführende Menschen zu Jesus sein könnten. Nein, wir brauchen uns nicht an die Straßenecke zu stellen und die Menschen ansprechen. Das Hinführen zu Jesus geschieht durch unser Leben, durch unser sympathisch gelebtes Christentum, durch eine Lebensweise in Einfachheit, Freude und Natürlichkeit in der hin und wieder bei passender Gelegenheit auch das richtige ansprechende Wort nicht fehlen darf.
Wir leben in einer sonderbaren Zeit: Wir haben viele Kontakte aber wenig Begegnungen. Internet und Handy schaffen Verbindungen rund um den Globus. Überall sind wir erreichbar, über all kann ich mich in kürzester Zeit hinbewegen, leicht und fast mühelos. Und gerade in unserer Zeit der großen Kommunikationsmöglichkeiten werden Begegnungen, echte Begegnungen immer seltener.
Wenn es uns gelänge, nicht bloß die Berufung Gottes abzuwarten, sondern das berufende Wort auch zu suchen, in einer Erwartungshaltung zu sein, die damit rechnet, dass Gott mich irgendwann in meinem Leben besonders anspricht. Dann wäre das geradezu ideal. Denn Gott sucht mich, er sucht den Kontakt mit mir.
Aber wo? Ganz einfach: Im Tätigsein, im Denken, im Überlegen, im Reden und Gestalten. Gott sucht den Menschen. Selbst unter Kochtöpfen sagt die Heilige Teresa von Avila bist Du zu finden. Gott sucht uns auf den Strassen unserer Stadt, in Behörden, in Wartezimmern, in Kaufhäusern, im Menschengewühl, er sucht uns in den Nachrichten am Abend, in Bildern und Worten, im Geschehen der Zeit. Er sucht uns in den Nachrichten der Zeitung, in Büchern, in der Begegnung, im Gespräch, im Gebet.
Gottes leise Stimme sagt: Laß dich finden. Ich bin überall.
Amen.

22.01.2012: 3. Sonntag im Jahreskreis

22.01.2012: 3. Sonntag im Jahreskreis

Jona 3,1-5.10
Mk 1,14-20

Wir haben die Geschichte des Jonas gehört, wenigstens einen Teil davon. So einfach, wie der Ausschnitt der Jonasgeschichte vermuten lässt ist es nämlich nicht zugegangen. Jonas bekam zunächst von Gott einen eher unangenehmen Auftrag: er sollte in der Stadt Ninive eine Drohung Gottes ankündigen. Nun, wer macht das schon gerne? Ninive war eine große Stadt, der Sitz der assyrischen Großkönige, die über Jahrhunderte hin eine Eroberungspolitik verfolgten und jeden Widerstand erbarmungslos niederwarfen.
Dem Jonas war die Sache jedenfalls lästig und er wollte sich durch Flucht dem Auftrag entziehen. Diese Passage fehlt in unserer heutigen Lesung. Was tat er? Er bestieg ein Schiff, das ihn weit weg bringen sollte, möglichst weit weg. Doch so einfach war es für ihn nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los und wie es damals üblich war, sah man das Unwetter als ein Strafgericht der Gottheit an und suchte einen Schuldigen. Und da begriff Jonas, dass er der Schuldige war und ließ sich von den Matrosen ins Meer werfen. Ein Fisch brachte ihn wieder an die Küste und er konnte nun seinen Auftrag ausführen. Seine Predigt reduzierte sich auf ein Minimum. Sein Widerwille ist deutlich spürbar. Nur einen Satz bringt er über die Lippen um sich mit ihm möglichst schnell seines Auftrags zu erledigen: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“. Er nennt weder seinen Auftraggeber noch den Grund für die Gerichtsaussage. Dennoch trifft seine Drohbotschaft die Bewohner der Stadt. Sie ahnen, dass in ihr eine Warnung verpackt ist, ihren Lebensstil weiter zu verfolgen, dass ihnen eine Frist gesetzt ist, eine Frist zur Umkehr und damit die Chance, dem angekündigten Untergang zu entgehen.
Eine seltsame Geschichte. Das mit dem Fisch dürfen sie allerdings nicht wörtlich nehmen. Die Jonasgeschichte ist eine Lehrerzählung, die auf einen ganz bestimmten Punkt unserer Einstellung Gott gegenüber aufmerksam machen möchte: Man kann vor Gott nicht davonlaufen, vor ihm gibt es keine Distanz und wäre sie auch noch so groß, vor ihm gibt es kein Versteck, in das man sich verkriechen könnte. Irgendwie können wir mit diesem Jonas aber auch mitempfinden. Es gibt auch in unserem Leben dieses Davonlaufen, dieses sich Verkriechen-wollen, vor allem dann, wenn es sich um unangenehme Dinge handelt.
Dieser Umkehr der Bewohner Ninives antwortet Gott mit seinem Erbarmen: Ihn reut das angedrohte Urteil und er führte die Strafe nicht aus. Aber die Geschichte des Jonas geht noch weiter und es ist interessant, sie zu verfolgen. Noch saß ihm die Angst in den Knochen. Und da wurde Jona zornig. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Gott seine Strafe nicht über die Stadt kommen ließ. „Ganz und gar missfiel es ihm“, heißt es wörtlich im Alten Testament. Er richtet ein Gebet an seinen Gott. „Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“
Jona weigert sich, den Glauben an den gnädigen Gott so zu akzeptieren, dass die Gnade und Güte Gottes auch für die eigentlich dem Gericht verfallenen Sünder gilt.
Und wie reagiert Gott auf diesen Protest seines Propheten? Er erweist sich auch dem zornigen Jona gegenüber als gnädig und geduldig. Seine Frage: „Ist es recht von dir, zornig zu sein?“ ist voll gütiger Ironie. Gott schlägt nicht drein, sondern will durch seine Frage den Jona weiterführen. Ob der sich aber weiterführen lässt? Er hat sich jedenfalls eine Laubhütte gebaut und wartete in ihrem Schatten ab, was weiter mit Ninive geschehen würde. Offensichtlich hat er die Hoffnung auf Gottes Gericht über die Einwohner der Stadt noch nicht aufgegeben. Aber die Drohbotschaft erfüllt sich nicht.
Wie Gott nun an dem zornigen Propheten arbeitet, ist ein Meisterwerk erzählerischer Kunst – ein Kabinettstück überlegenen Humors. Er lässt einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der ihm Schatten geben und seinen ärger vertreiben sollte. Jonas Bosheit wandelt sich in eine große Freude über die kleine Erleichterung, die Gott ihm mit der Rizinusstaude und ihrem Schatten gewährt hat.
Aber Jonas Freude währt nicht lange. Am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging sandte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er fast ohnmächtig wurde und sich den Tod wünschte.
Dieser Reaktion des Jona begegnet Gott mit der Frage: „Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein?“ Gott packt also den Jona dort, wo er sich gerade befindet. Ninive ist für Jona schon vergessen; ihn grämt nur mehr der Verlust der schattenspendenden Pflanze – ging es ihm doch nie um mehr als um sein kleines Ich, einschließlich seiner engen und kleinen Theologie. Von diesem kleinen Gottesbild will Gott ihn wegholen, aber wieder versagt der Prophet. Er versteift sich wie ein trotziges Kind.
Noch ein letztes Wort spricht Gott zu Jona. Frei zusammengefasst sagt er folgendes: Dir ist leid um den Rizinusstrauch, mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt in der mehr als 120.000 Menschen leben, die nicht einmal rechts von links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh.
So stellt Gott dem großen Zorn des Propheten sein großes Mitleid mit Menschen und Tieren, seinen Geschöpfen, gegenüber.
Diese Geschichte ist nicht historisch zu verstehen. Es ist eine Geschichte über das Erbarmen Gottes. Wie das ganze Alte Testament die Erfahrungen spiegelt, die Israel mit Gott machte, so spiegelt auch die Jonasgeschichte eine wunderbare Gotteserfahrung wider. Einige Punkte könnten für unser eigenes Leben bedeutsam sein: Es ist nicht sinnvoll, vor Gott uns seinem Auftrag davonlaufen zu wollen. Gott bleibt doch auf unserer Spur und holt uns immer wieder ein, fordert uns immer wieder auf, unsere innere Angst zu überwinden und sich ganz auf ihn einzulassen. Zum anderen: Gott denkt unsere Wege mit, er holt uns da ab wo wir sind, er steigt auf unsere Situation ein und diese Situationen die ganz gewöhnlichen unseres Lebens. Und weiter: Gott verliert niemals die Geduld mit uns Menschen. Es ist keine Situation so aussichtslos, dass wir dem Tod den Vorzug geben sollten vor dem Leben. Und noch weiter: Gott ist barmherzig, er erbarmt sich seiner Schöpfung. Und die Künder dieses Erbarmens sind wir.
Sind wir nicht aber auch manchesmal in der Situation des Jona, dass wir mit einem gewissen inneren Wohlgefallen gerne ein Strafgericht sehen würden über die Menschen, die in dieser Welt Böses tun und Gott nicht anerkennen wollen?
Sprechen wir es nicht auch manchmal aus: Gott sollte einmal dreinschlagen? Hätten wir nicht auch manchesmal eher den Wunsch, dass die Bösen verderben, als dass sie sich bekehren?
Das Evangelium von heute passt punktgenau zu unserer alttestamentlichen Lesung dazu. Die Jünger, die weggerufen werden von ihrer alltäglichen Beschäftigung, von ihrer einfachen Arbeit mit denen sie sich Tag für Tag ihr Brot verdienen. Sie haben den Mut, mit Jesus mitzugehen und sie werden ihn kennen lernen als den Gütigen und Barmherzigen. Sie werden lernen, dass das Dreinschlagen nicht die Lösung menschlicher Probleme sein kann, sondern nur die Güte und Barmherzigkeit.
Ahnen wir, wozu wir aufgerufen sind! Unser ganzes Leben soll diesen barmherzigen Gott künden und unser Beten soll uns dazu die Kraft erwirken. Manchmal braucht es auch für uns so einen Sturm und einen Fisch, der uns zurückholt aus einem falschen Gottesbild, so dass wir daraus lernen, dass Liebe und Güte und Barmherzigkeit die großen Kräfte sind, die imstande sein können, unsere Welt zur Umkehr zu bewegen.
Zum Schluss noch ein kleiner Text zum Nachdenken:

Ich bin ein Meister im Ausweichen, Herr.
Alles dient mir zum Vorwand.
Ich schütte mich zu mit Arbeit;
Ich decke mich ein mit Verpflichtungen;
Ich dröhne mir den Kopf zu
Mit meinen Terminen.

Du weißt genau,
warum ich das mache:
Ich will dich lieber nicht hören.
Ich fürchte deinen Ruf,
ich fürchte den Weg
auf den du mich vielleicht lockst.

Dass du es gut meinst mit mir,
habe ich ungefähr begriffen.
Aber muss ich deswegen so viel ändern,
wie ich insgeheim vermute?

Sei nicht zu nachsichtig mit mir, Herr,
wenn du meine Tricks durchkreuzt,
damit ich zu meiner Berufung finde.

29.01.2012: 4. Sonntag im Jahreskreis

22.01.2012: 3. Sonntag im Jahreskreis

Jona 3,1-5.10
Mk 1,14-20

Wir haben die Geschichte des Jonas gehört, wenigstens einen Teil davon. So einfach, wie der Ausschnitt der Jonasgeschichte vermuten lässt ist es nämlich nicht zugegangen. Jonas bekam zunächst von Gott einen eher unangenehmen Auftrag: er sollte in der Stadt Ninive eine Drohung Gottes ankündigen. Nun, wer macht das schon gerne? Ninive war eine große Stadt, der Sitz der assyrischen Großkönige, die über Jahrhunderte hin eine Eroberungspolitik verfolgten und jeden Widerstand erbarmungslos niederwarfen.
Dem Jonas war die Sache jedenfalls lästig und er wollte sich durch Flucht dem Auftrag entziehen. Diese Passage fehlt in unserer heutigen Lesung. Was tat er? Er bestieg ein Schiff, das ihn weit weg bringen sollte, möglichst weit weg. Doch so einfach war es für ihn nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los und wie es damals üblich war, sah man das Unwetter als ein Strafgericht der Gottheit an und suchte einen Schuldigen. Und da begriff Jonas, dass er der Schuldige war und ließ sich von den Matrosen ins Meer werfen. Ein Fisch brachte ihn wieder an die Küste und er konnte nun seinen Auftrag ausführen. Seine Predigt reduzierte sich auf ein Minimum. Sein Widerwille ist deutlich spürbar. Nur einen Satz bringt er über die Lippen um sich mit ihm möglichst schnell seines Auftrags zu erledigen: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“. Er nennt weder seinen Auftraggeber noch den Grund für die Gerichtsaussage. Dennoch trifft seine Drohbotschaft die Bewohner der Stadt. Sie ahnen, dass in ihr eine Warnung verpackt ist, ihren Lebensstil weiter zu verfolgen, dass ihnen eine Frist gesetzt ist, eine Frist zur Umkehr und damit die Chance, dem angekündigten Untergang zu entgehen.
Eine seltsame Geschichte. Das mit dem Fisch dürfen sie allerdings nicht wörtlich nehmen. Die Jonasgeschichte ist eine Lehrerzählung, die auf einen ganz bestimmten Punkt unserer Einstellung Gott gegenüber aufmerksam machen möchte: Man kann vor Gott nicht davonlaufen, vor ihm gibt es keine Distanz und wäre sie auch noch so groß, vor ihm gibt es kein Versteck, in das man sich verkriechen könnte. Irgendwie können wir mit diesem Jonas aber auch mitempfinden. Es gibt auch in unserem Leben dieses Davonlaufen, dieses sich Verkriechen-wollen, vor allem dann, wenn es sich um unangenehme Dinge handelt.
Dieser Umkehr der Bewohner Ninives antwortet Gott mit seinem Erbarmen: Ihn reut das angedrohte Urteil und er führte die Strafe nicht aus. Aber die Geschichte des Jonas geht noch weiter und es ist interessant, sie zu verfolgen. Noch saß ihm die Angst in den Knochen. Und da wurde Jona zornig. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Gott seine Strafe nicht über die Stadt kommen ließ. „Ganz und gar missfiel es ihm“, heißt es wörtlich im Alten Testament. Er richtet ein Gebet an seinen Gott. „Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“
Jona weigert sich, den Glauben an den gnädigen Gott so zu akzeptieren, dass die Gnade und Güte Gottes auch für die eigentlich dem Gericht verfallenen Sünder gilt.
Und wie reagiert Gott auf diesen Protest seines Propheten? Er erweist sich auch dem zornigen Jona gegenüber als gnädig und geduldig. Seine Frage: „Ist es recht von dir, zornig zu sein?“ ist voll gütiger Ironie. Gott schlägt nicht drein, sondern will durch seine Frage den Jona weiterführen. Ob der sich aber weiterführen lässt? Er hat sich jedenfalls eine Laubhütte gebaut und wartete in ihrem Schatten ab, was weiter mit Ninive geschehen würde. Offensichtlich hat er die Hoffnung auf Gottes Gericht über die Einwohner der Stadt noch nicht aufgegeben. Aber die Drohbotschaft erfüllt sich nicht.
Wie Gott nun an dem zornigen Propheten arbeitet, ist ein Meisterwerk erzählerischer Kunst – ein Kabinettstück überlegenen Humors. Er lässt einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der ihm Schatten geben und seinen ärger vertreiben sollte. Jonas Bosheit wandelt sich in eine große Freude über die kleine Erleichterung, die Gott ihm mit der Rizinusstaude und ihrem Schatten gewährt hat.
Aber Jonas Freude währt nicht lange. Am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging sandte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er fast ohnmächtig wurde und sich den Tod wünschte.
Dieser Reaktion des Jona begegnet Gott mit der Frage: „Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein?“ Gott packt also den Jona dort, wo er sich gerade befindet. Ninive ist für Jona schon vergessen; ihn grämt nur mehr der Verlust der schattenspendenden Pflanze – ging es ihm doch nie um mehr als um sein kleines Ich, einschließlich seiner engen und kleinen Theologie. Von diesem kleinen Gottesbild will Gott ihn wegholen, aber wieder versagt der Prophet. Er versteift sich wie ein trotziges Kind.
Noch ein letztes Wort spricht Gott zu Jona. Frei zusammengefasst sagt er folgendes: Dir ist leid um den Rizinusstrauch, mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt in der mehr als 120.000 Menschen leben, die nicht einmal rechts von links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh.
So stellt Gott dem großen Zorn des Propheten sein großes Mitleid mit Menschen und Tieren, seinen Geschöpfen, gegenüber.
Diese Geschichte ist nicht historisch zu verstehen. Es ist eine Geschichte über das Erbarmen Gottes. Wie das ganze Alte Testament die Erfahrungen spiegelt, die Israel mit Gott machte, so spiegelt auch die Jonasgeschichte eine wunderbare Gotteserfahrung wider. Einige Punkte könnten für unser eigenes Leben bedeutsam sein: Es ist nicht sinnvoll, vor Gott uns seinem Auftrag davonlaufen zu wollen. Gott bleibt doch auf unserer Spur und holt uns immer wieder ein, fordert uns immer wieder auf, unsere innere Angst zu überwinden und sich ganz auf ihn einzulassen. Zum anderen: Gott denkt unsere Wege mit, er holt uns da ab wo wir sind, er steigt auf unsere Situation ein und diese Situationen die ganz gewöhnlichen unseres Lebens. Und weiter: Gott verliert niemals die Geduld mit uns Menschen. Es ist keine Situation so aussichtslos, dass wir dem Tod den Vorzug geben sollten vor dem Leben. Und noch weiter: Gott ist barmherzig, er erbarmt sich seiner Schöpfung. Und die Künder dieses Erbarmens sind wir.
Sind wir nicht aber auch manchesmal in der Situation des Jona, dass wir mit einem gewissen inneren Wohlgefallen gerne ein Strafgericht sehen würden über die Menschen, die in dieser Welt Böses tun und Gott nicht anerkennen wollen?
Sprechen wir es nicht auch manchmal aus: Gott sollte einmal dreinschlagen? Hätten wir nicht auch manchesmal eher den Wunsch, dass die Bösen verderben, als dass sie sich bekehren?
Das Evangelium von heute passt punktgenau zu unserer alttestamentlichen Lesung dazu. Die Jünger, die weggerufen werden von ihrer alltäglichen Beschäftigung, von ihrer einfachen Arbeit mit denen sie sich Tag für Tag ihr Brot verdienen. Sie haben den Mut, mit Jesus mitzugehen und sie werden ihn kennen lernen als den Gütigen und Barmherzigen. Sie werden lernen, dass das Dreinschlagen nicht die Lösung menschlicher Probleme sein kann, sondern nur die Güte und Barmherzigkeit.
Ahnen wir, wozu wir aufgerufen sind! Unser ganzes Leben soll diesen barmherzigen Gott künden und unser Beten soll uns dazu die Kraft erwirken. Manchmal braucht es auch für uns so einen Sturm und einen Fisch, der uns zurückholt aus einem falschen Gottesbild, so dass wir daraus lernen, dass Liebe und Güte und Barmherzigkeit die großen Kräfte sind, die imstande sein können, unsere Welt zur Umkehr zu bewegen.
Zum Schluss noch ein kleiner Text zum Nachdenken:

Ich bin ein Meister im Ausweichen, Herr.
Alles dient mir zum Vorwand.
Ich schütte mich zu mit Arbeit;
Ich decke mich ein mit Verpflichtungen;
Ich dröhne mir den Kopf zu
Mit meinen Terminen.

Du weißt genau,
warum ich das mache:
Ich will dich lieber nicht hören.
Ich fürchte deinen Ruf,
ich fürchte den Weg
auf den du mich vielleicht lockst.

Dass du es gut meinst mit mir,
habe ich ungefähr begriffen.
Aber muss ich deswegen so viel ändern,
wie ich insgeheim vermute?

Sei nicht zu nachsichtig mit mir, Herr,
wenn du meine Tricks durchkreuzt,
damit ich zu meiner Berufung finde.

05.02.2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

05.02.2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

Hiob 7,1-4,6-7
Mk 1, 29-39

Das Buch Hiob, aus dem wir die heutige Lesung gehört haben ist ein merkwürdiges Buch. Es berührt eine Thematik, der wir am liebsten immer ausweichen möchten: die Thematik der Krankheit und des Leidens. Es gibt in unserem Leben immer wieder Augenblicke, wo wir die Ungesichertheit unseres menschlichen Lebens sehr deutlich spüren. Wie ein Damoklesschwert hängt über uns die Angst vor dem Leiden, die Angst vor einer Krankheit, besonders wenn wir hören, dass andere Menschen davon betroffen sind. Hoffentlich erwischt es mich nicht, ist dann oft unser erster Gedanke. Wir verlassen gerne wieder das Krankenhaus, wo wir einen Besuch gemacht haben oder das Altenheim. Gott sei Dank bin ich wieder draußen, Gott sei Dank geht es mir halbwegs gut. Und dann stürzen wir uns wieder hinein in unseren Alltag.
Das Buch Hiob ist eine Lehrgeschichte. In einer Einleitung redet der Teufel mit Gott und Gott lobt seinen getreuen Hiob. Aber der Teufel sagt: So lange es ihm gut geht, wird er dir schon treu bleiben; aber nimm ihm einmal all das weg, was sein Leben schön und angenehm macht, dann wird er dir fluchen. Und das geschieht auch. Hiob verliert seinen Besitz und zuletzt auch seine körperliche Gesundheit. Und seine Freunde kommen und versuchen ihn zu trösten. Es gelingt ihnen aber nicht. Was ist ihm geblieben, wie er da mit Geschwüren bedeckt vor seinem Haus sitzt und über sein Leben nachdenkt?
Es ist die Not des Lebens, die sich spürbar macht im Altwerden. Man ist an seine Grenzen gekommen. Das macht sich bemerkbar einerseits in den körperlichen Beschwernissen. Nichts geht mehr so, wie früher. Die Lebenskraft, das Gehöhr, die Muskeln haben abgenommen. Ich kann nicht mehr das, was ich früher konnte. Der Leib ist unansehnlich geworden. Der Faden des Lebensteppichs neigt sich dem Ende zu. Und zugleich die Frage: Ist mein Lebenswerk vollbracht? Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
Es wäre die Botschaft Jesu keine Frohbotschaft, wenn sie nicht in den schwierigen Situationen unseres Lebens und gerade in diesen uns ein tröstendes Wort zurufen möchte. Keinen billigen Trost, sondern einen Trost, der in die Tiefe unseres Herzens vordringt. Und da steht heute im Evangelium Jesus, der Heilende. Ein Tag voller Heilungen wird uns da geschildert. Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus und die vielen Kranken und Besessenen, die zu Jesus strömen und sich von ihm Heilung erwarten.
Die Menschen, die ihre Kranken und Leidenden zu Jesus bringen mögen einem weiten Weg hinter sich gebracht haben. Nichts kann sie von ihrem Vorhaben abbringen: weder die Strapazen, die es bedeutete, Kranke zur damaligen Zeit zu transportieren, noch das Risiko der Enttäuschung. Warum tun sie das? Warum ermöglichen sie kranken Menschen die Begegnung mit Jesus? Woher kommen ihr Vertrauen und ihre Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte?
Ich beneide die Menschen der damaligen Zeit schon ein wenig um diese Möglichkeit, ihre Kranken einfach zu Jesus bringen zu können. Wir können das leider nicht. Oder vielleicht doch? Heute sind wir das Zeichen, durch das Jesus zu den Menschen kommt. Durch uns kann den Menschen die Nähe Gottes spürbar und glaubhafter werden: durch unseren Besuch, unser Da-Sein, unser Mitleid, Mitaushalten, stummes Dasitzen, vielleicht auch Mitweinen. Durch die Zeit, die wir uns für den leidenden Menschen nehmen, durch geduldiges Zuhören, geschenkte Zuwendung, zarte Berührung kann Heilung geschehen. Oft zwar nicht in spektakulärem Sinn. Aber es ist auch schon ein Wunder, wenn ein Mensch wieder Trost und Mut bekommt, seinen schweren und schmerzhaften Weg weiter zu gehen.
Aber wir haben oft zu wenig Zeit füreinander. Zu sehr bedrängen uns unsere eigenen Fragen und Probleme, zu sehr sind wir mit unseren eigenen Leiden beschäftigt. Manchmal aber könnte die Zuwendung zu den leidenden Menschen unser eigenes Leid ins richtige Lot bringen. Manchmal könnten wir auch aus dem geduldigen Leiden der Menschen Trost und Zuversicht für uns selber schöpfen.
Das Buch Job gibt noch keine zufriedenstellende Antwort auf den Sinn des Leidens der Menschen. Zu sehr ist man zur damaligen Zeit noch befangen vom Glauben, das Leid des Menschen hätte seinen Ursprung in einer Sünde für die er gestraft würde. Dem Job bleibt nur das blinde Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, die sich am Ende zeigen wird.
Und wir sollten auch keine billigen Erklärungen für unser Leiden suchen. Wahr ist jedenfalls, dass unser seelischer Schmerz über unser Leiden größer ist als das körperliche Leiden selbst. Was unsere Seele bedrückt, das ist die Frage nach dem Sinn. Das Tier leidet schließlich auch; aber sein Leiden ist ein anderes als das der Menschen. Schuld am Leiden des Menschen ist seine Seele. Sie ist nichts anderes als ein Vorausgeschenk des Lebens Gottes selbst an uns. Wir tragen sein Leben schon in uns und damit den unstillbaren Hunger nach einem dauernden Glück und nach einem beständigen Leben. Dem materiellen Menschen ist die Vergänglichkeit seines Lebens mit seiner Natur gegeben. Mit der geistigen Seele hat uns Gott selbst eine unstillbare Hoffnung gegeben. Und in dieser Spannung zwischen unserem materiellen und geistigem Dasein Leben wir. Und diese Spannung gilt es auszuhalten.
Wenn wir das erkannt haben, dann schwindet zwar nicht das Leid; aber unser Leben wird Heil, weil wir eine Hoffnung haben, weil wir eine Erwartung haben. Und dieses Heil wollte uns Jesus vermitteln und dieses Heil ist es, das wir durch unser Leben weiter tragen sollten. Jesus gibt uns auch Hinweise, wie wir für uns dieses Heil erkennen und finden könnten. Er betete an einem einsamen Ort. Wir wären sehr neugierig, was Jesus da zu seinem Vater gesagt hat. Vielleicht hat er gar keine Worte gemacht, sondern nur einfach sich in die Gegenwart seines Vaters versetzt und sich von da die Kraft geholt, zu den Menschen zu gehen und sie gesund zu machen. Und von den Menschen heißt es: sie suchten ihn.
Diese beiden Dinge sollten wir beherzigen. Wir dürfen unseren Fragen nicht ausweichen, wir dürfen sie nicht verdrängen, sondern müssen uns ihnen stellen. Menschliches Gebet und menschliches Tun, diese beiden Dinge gehören zusammen. Sie bilden die Voraussetzung dafür, dass Jesus auch uns Heilung schenken kann.
Ich habe da einen sehr schönen Text gefunden, den ich ihnen zum Schluß vorlesen möchte. Es ist ein Gebet mit einem Kranken und leidenden Menschen.
Der Herr des Lebens segne dich und heile dich. In deiner Krankheit stehe er dir bei. Er richte dich auf, und – wenn die Zeit dafür reif ist – lasse er deinen Leib gesunden. Deiner Seele schenke er Vertrauen. Er gebe dir, wenn du es brauchst, den Mut, auszuruhen von der Unruhe des Lebens, so lange, wie es dir gut tut. Er gebe dir zur rechten Zeit die Kraft, wieder aufzustehen und dich dem Leben zuzuwenden, das dir vielleicht zu hart erschien. Er lasse dich die Wurzel und den Sinn deiner Krankheit sehen und helfe dir, ihre Botschaft zu erkennen. Er gebe dir ein gutes Gefühl für dich selbst, dass du rechtzeitig spürst, was dir an die Nieren geht, was dir auf den Magen schlägt oder den Atem nimmt. Denn er liebt dein Wohlergehen und nicht deine Not. Das gewähre dir der Gott, der das Leben geschaffen und dessen Sohn die Kranken geheilt hat: ja, er segne dich. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

05.02.2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

05.02.2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

Hiob 7,1-4,6-7
Mk 1, 29-39

Tagtäglich erreichen uns Hiobsbotschaften: schreckliche Katastrophenbilder in den abendlichen Fernsehnachrichten, Mitteilung über Erkrankungen von Freunden und Bekannten, Arbeitslosigkeit, drohende Kriegsgefahr und vieles andere mehr. Die Reihe des Negativen, die uns immer wieder erreicht, könnte man beliebig fortsetzen. Nun, der Name „Hiobsbotschaften“ kommt ja von der Geschichte aus dem Alten Testament, die wir in der Lesung gehört haben. Für den Job der Bibel überschlugen sich die Mitteilungen über Unglück und Leid so sehr, dass es ihn selbst geradezu erdrückte und seinen Freunden die Sprache verschlug. Ja, beim Buch Job denken wir gerne an unsere eigenen Leidenserfahrungen und sehen uns an der Seite dieses Job. Doch die biblische Erzählung will mehr als eine Solidarität im Leid, mehr als Mit-Leid, so wichtig dies auch sein mag.
Die Geschichte des Job wirft die Frage nach der Ursache des menschlichen Leidens auf. In der Rahmenerzählung der Jobsgeschichte hat das Leid eine läuternde, eine prüfende Funktion. Da tritt der Teufel am Anfang auf den Plan und hört, wie Gott seinen treuen Diener Job lobt. Da meint der Teufel: Der kann ja leicht fromm sein, es geht ihm gut, er ist sehr wohlhabend – da ist es kein Wunder, dass er dich lobt. Aber nimm ihm einmal alles das weg, was er hat, dann wird es mit seinem Lob Gottes bald aus sein, dann wird er dir fluchen.
Und Gott gibt dem Teufel Gewalt über den Job. Seine ganze Familie kommt bei den verschiedensten Katastrophen ums Leben und er verliert auch sein ganzes Hab und Gut; aber immer noch bleibt er Gott treu. Da erlaubt Gott dem Satan an die Gesundheit des Job heranzugehen und er schlägt ihn mit Aussatz. Job ist so ekelerregend, dass ihn sogar die eigene Frau aus dem Haus wirft – und so sitzt er nun vor der Tür seines eigenen Hauses und ist allein und von allen verlassen.
Seine Freunde kommen und suchen einen Grund für sein Leiden. Vielleicht liegt dieser Grund in einer vergangenen Schuld. Aber der Trost der Freunde kann dem Job nicht helfen. Er ringt sich zuletzt zu dem Ausspruch durch: „Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen, der Name des Herrn sei gepriesen.“
In all den Klagen des Job drückt sich aber keine Hoffnungslosigkeit aus. Wenn das Buch Job auch die bedrückenden Seiten des menschlichen Lebens sieht, so will es aber gerade keiner Hoffnungslosigkeit das Wort reden. Es ist wichtig, dass wir aus dem Text heraushören, dass Job jemand anspricht, dass er seine Klagen nicht in den leeren Raum hinausschreit. Job macht Gott auf sein Schicksal aufmerksam. Er klagt vor Gott und in seiner Menschlichkeit klagt er auch an. Wenn er auch Gottes Handeln nicht versteht, so setzt er doch sein ganzes Vertrauen auf ihn, der für ihn der Urgrund des Lebens ist.
Allein die Klage nimmt den abgerissenen Lebensfaden des Menschen wieder auf. Job zeigt, dass die leidvolle und oft so unglückliche menschliche Existenz nur im Gespräch mit Gott ertragen werden kann. In einem Gespräch, das nicht davor zurückschreckt, ihm, diesem Gott, laut und deutlich zu sagen, was das Leben bedrückt. Job zeigt, dass Klage notwendig ist und den Blick öffnet. Klagen ist somit menschlich und wir dürfen und müssen auch Gott menschlich begegnen. Klage ist somit auch eine Äußerung unseres Vertrauens, weil wir ja immerhin in einer wichtigen Lebenssituation Gott ansprechen. Klage ist ein Aufschrei aus unserer verkürzten menschlichen Perspektive hinein in die Weite und helfende Gerechtigkeit Gottes.
Es sollte uns zu denken geben, wenn diese biblische Klage in unseren Gebeten keinen Platz mehr haben sollte. Wenn man aufmerksam die Psalmen liest, dann kommen darin sehr oft Klagen vor. Der Mensch steht vor Gott und schildert ihm seine oft ausweglose Situation. Aber am Ende des Gebetes ist bereits der Dank vorhanden. So groß ist das Vertrauen des bedrängten Beters auf den heilenden und helfenden Gott.
Der Satz, der mir aus dem heutigen Evangelium ins Auge gesprungen ist, geht in die gleiche Richtung: „Alle suchen dich!“ Wer sind diese? Es sind die Kranken, es sind die Besessenen, es sind alle, die Heilung brauchen. Sie alle liegen vor der Haustür Jesu. Sie suchen ihn, weil sie krank sind. Sie suchen ihn, weil sie Vertrauen zu ihm haben. Sie erwarten Heilung und haben das Mögliche getan, um zu ihm zu gelangen. Viele haben sich selbst hingeschleppt in seine Nähe, manche werden Freunde gefunden haben, die sie auf ihrem Weg unterstützt haben.
Und was ist mit uns? Sind wir auch unter den Suchenden? Sind wir auch unter den Kranken, unter den Heilung Bedürftigen? Da braucht es wohl für so manchen Menschen noch eine Erkenntnis seiner eigenen Bedürftigkeit. Das ist für manchen schwer bis unmöglich in einer Zeit, in der wir alles selber machen wollen bis zur Ausrottung des Bösen in der Welt. Das ist schwer in einer Zeit, wo der Glaube an den barmherzigen und heilenden Gott geschwunden ist. Sicher ist, wir haben noch nicht alles getan, um einen Weg zu Gott zu finden und damit fehlen die Voraussetzungen, die bei allen Wundern Jesu notwendig sind. Es heißt nicht umsonst immer wieder bei den Heilungen Jesu: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen“. Und somit sind die Voraussetzungen, die wir schaffen, die Grundlage für alle Wunder Jesu auch im eigenen Leben.
Jesus heilt aber nicht nur die Krankheiten des Leibes, er treibt auch die Dämonen aus. Und wenn man auch nicht mehr wie in der Antike, die Ganze Welt mit Dämonen durchsetzt sieht, so sind sie doch noch in Vielzahl am Werk: die Dämonen der Ungerechtigkeit, die Dämonen des Hasses, die Dämonen des Krieges. Wir Menschen haben immer wieder unsere Waffen gesegnet, jene Waffen, die letztlich ein Zeichen menschlicher Hilflosigkeit sind, alle jene Waffen, die in den Müll der Geschichte gehören. Aber das Böse kann man nicht mit Granaten und Skut-Raketen bekämpfen. Ich denke da immer wieder an das Wort, das Jesus zu Petrus gesprochen hatte, als dieser einmal sein Schwert zog um dreinzuschlagen: Petrus, stecke dein Schwert in die Scheide! Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen“.
Was uns bleibt ist neben allen unseren menschlichen Anregungen den Weg zu Jesus zu finden, ihn zu suchen und ihn zu bitten, unser Leben heil zu machen und die Dämonen jeglicher Art aus uns auszutreiben, damit uns der Rückfall in die Barbarei und Unmenschlichkeit erspart bleibt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

05.02.2012: 5. Sonntag im Jahreskreis

12.02.2012: 6. Sonntag im Jahreskreis

Mk1, 40-45

Mit fünfundfünfzig in den Vorruhestand, mit sechzig unbrauchbar auf den Arbeitsmärkten der Zeit. Den Wunsch nach Teilnahme, nach Dabeisein und Zugehörigkeit buchen sie in die Verlustspalten ihrer Bilanzen, ihre Rede vom verdienten Ruhestand, ihre Mahnung zur Schonung klingt hohl, als würde man von heute auf morgen nicht mehr wissen, wer man ist.
Die Jüngeren haben Recht. Sie müssen ihre Erfahrungen machen, sie sind die Computergeneration, sie sind an der Reihe, sie bringen ihr Wissen und Können an solange es neu ist. Zurücktreten, abtreten, aber wohin mit der noch nicht verbrauchten Kraft. Wer frägt nach Erfahrung, gewonnen in Beruf und Leben. Viele verlieren ihr Selbstwertgefühl. Herr, schenke uns Bereitschaft zu weiterem Tun. Kinder, Schüler, Kranke, Alte, Asylbewerber, Einsame warten auf Menschen, die nicht geizen müssen mit ihrer Zeit. Erfülle unser aller Leben mit Sinn. Schenk uns Freude in jeder Lebenszeit. – Das war ein Text von Theresia Hauser.
Was hat er mit dem heutigen Evangelium zu tun. Ich kann ihnen sehr einfach die Situation der Aussätzigen zurzeit Jesu schildern. Sie waren ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. Ein Priester erklärte den Aussätzigen nach einer eingehenden Untersuchung, wie sie im Buch Levitikus beschrieben ist, für unrein. Er war ein von Gott Gestrafter, er mußte abseits der menschlichen Gesellschaft leben. Mit einer Klapper und dem ständig wiederholten Ruf „Unrein“ mußte er die Menschen in seiner Umgebung warnen. Zusammen mit anderen Aussätzigen beklagte er sein Schicksal oder ergab sich blind darein und erlebte und beobachtete den Fäulnisprozeß seines eigenen Körpers.
Aber es gibt auch heute Aussätzige. Sie versammeln sich an bestimmten Punkten der Stadt mit ihren Flaschen; sie sitzen verschämt im Arbeitsamt; sie wohnen in Containern und suchen Asyl; sie leben von der Sozialhilfe, sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden; sie haben Aids. Wir können die Litanei noch lange fortsetzen. Die Aussätzigen sind mitten unter uns. Sie erleben dasselbe, was Aussätzige zurzeit Jesu erfahren mussten: ausgeschlossen vom normalen Leben, gemieden von den anständigen Bürgern, ohne Zukunft. Wer heilt ihren Aussatz?
Jesus hatte keine Berührungsängste. „Er berührte ihn und sagte: Ich will es: Werde rein!“ Jesus schert sich nicht um die hygienischen Vorschriften und um die Voruteile der Menschen. Man kann sich denken, was das für einen Schock bedeutete für die Umstehenden, auch für seine Jünger. Weil er keine Berührungsängste hat, geht eine heilende Kraft von ihm aus. Aber zuerst mußte der Aussätzige etwas tun. Er mußte seine Isolation durchbrechen und sich einen Weg hin zu Jesus bahnen. Wir können uns schon vorstellen, wie sich das abgespielt hat. Zunächst hat er von Jesus gehört, auch von seinen wunderbaren Heilungen. Dann kommt ihm der zaghafte Gedanke: Vielleicht auch ich? Und er bricht auf, macht sich auf den Weg. Seine Hoffnung läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, läßt ihn alle Barrieren durchstoßen, nimmt ihm die Angst vor den Menschen, die vor ihm zurückweichen bis er endlich vor dem steht, der vor ihm nicht die Flucht ergreift und der sich auch nicht abwendet, um seine Entstellungen nicht sehen zu müssen und seinen Gestank nicht riechen zu müssen.
Ganz einfach klingt das, was da gesprochen wird, fast so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“ und „Ich will es, werde rein!“
Und was ist das aktuelle, das für uns Wichtige dieser Erzählung? Wenn wir unser Christentum verstehen als Nachfolge Jesu, wenn wir uns verstehen als von Ihm in Dienst Genommene, als solche, die sein Werk weiterführen sollen in dieser Welt, dann sollten auch wir uns verstehen als Heilende, als Menschen, die der Not der Welt Einhalt gebieten, so weit es in unserer Macht steht. Wir sollten die Grenzen überwinden, die wir immer wieder zwischen uns und den Notleidenden aufrichten. Vielleicht haben wir in unserer religiösen Erziehung davon zu wenig mitbekommen. Da ging es vor allem um Sündenvergebung, um die Beziehung zu Gott. Sicher, das war auch ein Anliegen Jesu, aber eben nicht allein und nicht isoliert vom konkreten leben der Menschen. Es geht ihm um das Heilsein des ganzen Menschen, um seine Befreiung von allen Unheilsmächten die ihn unterdrücken, und es geht ihm um die Überwindung der Spaltung zwischen den Menschen. Alle Heilungsgeschichten Jesu führen zu einer neuen Kommunikation unter den Menschen, wo Isolierungen und Grenzen aufgehoben und überwunden werden.
Wenn wir von der Nachfolge Jesu hören, dann stellen wir uns dabei schnell irgendetwas Besonderes vor, etwas Aussergewöhnliches und Anstrengendes. Hier wird uns ein ganz naher und moderner Weg eröffnet: Überall da, wo wir den vielfältigen Aussatz in unserer Welt nah und fern zu überwinden suchen, wo wir Kontakt aufnehmen mit den betroffenen Menschen, wo wir ohne Berührungsängste mit ihnen sprechen und sie als Menschen in ihrer besonderen Situation wahrnehmen, ohne sie zu verurteilen, da leben wir in der Nachfolge Jesu, da gehen auch von uns heilende Kräfte aus. Da sind wir oft selbst die Beschenkten, die sich auf diesen Weg eingelassen haben.
Aber es geht auch darum, dass wir uns selber bereit machen für diesen Auftrag. Denn auch wir leben nicht selten in einer Isolation, eingekapselt in unser eigenes Ich, in unsere eigenen Sorgen und Probleme. Und nicht selten finden wir uns in einer Isolation Gott gegenüber, den wir manchmal nicht so ernst nehmen, dass er durch uns in dieser Welt etwas wirken möchte. Es geht darum, dass wir an uns arbeiten, damit wir zu vertrauenden Menschen werden, zu Menschen mit einem gesunden christlichen Selbstbewußtsein. Wir sind nicht die armen Alleingelassenen, wir sind die reich Beschenkten, jeder von uns trag in seinem Herzen die Fülle der Geschenke Gottes, die reichen Möglichkeiten mit denen er durch uns an den Menschen seine heilende Kraft zeigen und zur Wirkung bringen möchte.
Werden wir zu Heilbringern im Namen und in der Kraft des Herrn und freuen wir uns darüber, dazu berufen zu sein.

Ein Fisch,
hinausgespült von den Wogen des Meeres
bis zum äussersten Küstenrand.

Dort an den Felsen hängengeblieben.
Vom zurückflutenden Wasser
nicht mehr erfaßt,
liegt er allein,
ringend nach Luft.
Wie er sich biegt,
wie er sich windet
draußen am Rande des Meeres,
so nahe am Wasser!

Da kommt einer
Und wirft ihn ins Meer.
Diesmal ist er gerettet.
Wie oft wird er einen
Barmherzigen treffen?



P. Paul Mühlberger SJ

26.02.2012: 1. Fastensonntag

26.02.2012: 1. Fastensonntag

Mk 1,12-15

Vierzig Tage sind eine lange Zeit für einen Wüstenaufenthalt. Gemeint ist wahrscheinlich die judäische Wüste, die sich östlich von Jerusalem bis hinunter zum Toten Meer erstreckt. Es heißt, dass Jesus von Geist getrieben diese Wüste aufsuchte. Es war die Zeit seiner Vorbereitung für sein öffentliches Wirken, wo sich Jesus sammelte für seinen großen Auftrag, die Botschaft von seinem Vater den Menschen zu verkündigen. Immer wieder haben Menschen die Einsamkeit aufgesucht, um völlig für sich und ihren Gott zu sein. Die Wüste ist ein Ort der Einsamkeit, die Wüste ist ein Ort der Gottesbegegnung. Nichts nimmt uns gefangen – außer Gott; nichts kann uns in Anspruch nehmen, nichts uns ablenken.
Die Wüste muss aber nicht ein Ort sein; vielleicht ist sie eine Zustandsbeschreibung des Menschen. Wir erleben sie ja immer wieder, als jene innere Verlassenheit, aus der wir mit Gewalt immer wieder ausbrechen wollen, anstatt in ihr stille zu halten und darauf zu warten, was Gott uns in unsere Leere und Einsamkeit hinein spricht.
In der Wüste wurde Jesus vom Satan in Versuchung geführt. Markus, von dem wir unser Evangelium des heutigen Tages haben, erzählt nichts Näheres darüber, worin die Versuchung bestanden hat. Von Matthäus erfahren wir in seinem Evangelium mehr. Wenn wir annehmen, dass Jesus sich einmal rein menschlich überlegt hat, wie er die Botschaft seines Vaters den Menschen darlegen wollte, so scheinen uns die drei Versuchungen, die der Satan bringt, verständlich. Welcher Messias wollte er sein? Ein Messias, der irdische Bedürfnisse befriedigt um die Menschen zu gewinnen? Oder ein Messias, der eine Show abzieht und somit die Bewunderung der Massen gewinnt? Oder ein Messias der Macht? Diese drei Versuchungen scheinen uns sehr plausibel, weil sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommen und auch in unserer Zeit präsent sind.
Wir wissen auch, was sich in unseren eigenen Wüsten abspielt, wenn wir einmal ruhig dasitzen und nicht bewusst an etwas denken, sondern einfach das in uns aufsteigen lassen, was sich in der Tiefe der Seele befindet. Da beginnt sich unsere Wüste sehr schnell zu bevölkern mit allen möglichen Gedanken: etwa über unser eigenes Leben – das sich oft mit zu großem Tempo seinem Ende zuneigt, da beginnen die Sorgen in uns hochzukriechen, ob das wohl alles einen Sinn hat, was wir tun, da beginnen Zweifel in uns hochzusteigen, ob wohl das alles stimmt, was wir in unserem Leben geglaubt und gelebt haben. Diese Reihe unserer Wüstenversuchungen könnten wir alle nach Belieben fortsetzen.
Aber nicht nur solche Angst machenden Gedanken steigen in uns hoch. Wenn es bei Jesus heißt: „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ so gibt es auch bei uns den einen oder anderen Engel Gottes, der uns ermutigt, der uns tröstet, der uns zusichert, dass uns Gott niemals näher ist als in der Wüste unseres Lebens. Einen Engel haben wir immer nötig, der uns das gleiche Wort zuruft, das Jesus verkündet hat: „Das Reich Gottes ist nahe: Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.
Umkehren ist ein Schlüsselbegriff der Bibel, der weniger in der substantivischen Form „Umkehr“ als vielmehr in der verbalen „umkehren“ gebraucht wird. Damit soll angedeutet werden, dass es sich nicht um ein einmaliges und abgeschlossenes Ereignis, sondern um einen lebenslangen Vorgang handelt, der ständig der Wiederholung bedarf. Weil wir durch die Sünde verwundete Menschen sind, kommen wir immer wieder vom Wege ab; wir können ohne ständige Kurskorrekturen nicht leben, wir müssen immer wieder umkehren.
Die Aufforderung „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ schließt gleichermaßen Abkehr und Hinwendung ein. Bei der Abkehr geht es auch um die falschen Götter, die wir uns aufbauen und die uns Sicherheit für unser Leben geben sollen. Sie etablieren sich in einem Aberglauben, der so alt ist wie die Menschheit. Gern haben wir in den primitiven Völkern zugeschrieben; wie sollten sie sonst mit den Elementen der Natur, den Mächten des Bösen, mit Angst und Not fertig werden? Wir haben geglaubt, der Aberglaube sei bloß ein Bildungsproblem, das mit fortschreitender Aufklärung überwunden würde. Erstaunt müssen wir aber feststellen, dass er nach wie vor in Blüte steht.
Trotz aller menschlichen Erfolge, trotz der Welt der Technik und des Rationalen, trotz Konsum und Leistung und Machbarkeitsglaube werden die Menschen vom Phänomen der Angst beherrscht. Wer oder was hält den Menschen? Wer oder was sichert die Zukunft? Der Tod ist nicht mehr in das Leben integriert, er ist nicht mehr der zweite Pol einer Ellipse, sondern er wird zu einer Grenze gemacht, die immer wieder hinausgeschoben werden muss. Weil der Tod Ende und Grenze wird, muss sich der Mensch ganz auf das Diesseits konzentrieren; er muss es auskosten und alles mitnehmen, was es bietet. Und das Schlimmste und Belastendste ist dies: Er muss sich selbst Sicherheit und Halt geben. So aber ist der Mensch überfordert, er spürt, dass er dazu nicht in der Leben ist; deshalb sucht er nach Helfern, Sternen, Schicksalen, Wahrsagern und Horoskopen. Im Aberglauben zeigt sich das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und Halt. So kommen falsche Götter ins Spiel, die den Menschen nicht retten können; im Gegenteil: Sie stoßen ihn noch tiefer in Verunsicherung und Angst.
Welch eine Befreiung für den Menschen ist nun die Botschaft des Christentums von einem gütigen Vater, der gleichermaßen mächtig ist. Die Ängste vor dem kommenden Tag, vor der Zukunft, vor dem Versagen, vor der Krankheit, vor dem Tod, das sind hierzulande die wahren Dämonen unserer Zeit. Der Dichter Friedrich Wilhelm Weber hat mit Recht gesagt: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub durchs Fenster. Wo die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“.
Dieser Glaube, den wir in der Fastenzeit vertiefen sollen verweist uns nicht an ein Blindes Schicksal, das brutal zuschlägt, sondern an eine Person, die uns im Evangelium nahe gebracht und die nach der wohl tiefsten bibeltheologischen Aussage „die Liebe“ ist. Unser Leben unterliegt nicht einem Zufall, nicht dem Einfluss von Sternen, es wird auch nicht geschützt von Hufeisen und Talismanen. Unser Leben liegt in der Hand dessen, der gesagt hat: „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ und „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“.
Aus China ist uns ein Wort überliefert, das die Abkehr von den falschen Göttern und die Hinwendung zum wahren Gott und die damit verbundenen Konsequenzen umschreibt: „Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann. Er aber antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“
Wir können unseren Ängsten nicht ausweichen, sie drängen immer wieder an die Oberfläche; aber wir können sie vertrauend in die Hand Gottes legen. Immer dann, wenn wir uns vertrauend auf ihn einlassen wird unsere Angst dahinschmelzen. „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen“, heißt ein Sprichwort aus Äthiopien. Möge uns die Wüste der Fastenzeit Gelegenheit geben, aufmerksam auf das Wort Gottes zu lauschen. Hier werden uns die Maßstäbe vermittelt, die unser eigenes Leben bereichern und der Welt ein menschlicheres Antlitz geben können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.03.2012: 2. Fastensonntag

04.03.2012: 2. Fastensonntag

Mk 9,2-10

Mitten in der fruchtbaren Ebene Jezreel erhebt sich der Berg Tabor, der Berg der Verklärung. Von ihm aus hat man einen weiten Blick über das Land. Schon in frühhistorischen Zeiten befand sich auf diesem Berg ein heidnisches Heiligtum. Heute besteigt jeder Israelreisende diesen Berg, oder fährt mit dem Auto hinauf. Dieser Berg ist der Hintergrund für eine einmalige Offenbarung Jesu an seine Jünger: seine Verklärung.
Die erste Zeit, in der die Apostel mit Jesus zusammen waren, nennt man den galiläischen Frühling. Es ist jene Zeit, in der Jesus durch sein Land zog, predigend und heilend, die Zeit, in der das Volk ihm in Massen zuströmte.
Aber dann kamen auch die Enttäuschungen. In Nazareth, in Jesu Heimatstadt, stieß er auf Ablehnung. Namentlich von den religiös führenden Schichten wurde er immer mehr und mehr abgelehnt. Für die Schriftgelehrten und die Pharisäer war er nicht der Messias. Sie hatten sich sein Kommen anders vorgestellt. Zu ihnen hätte er zuerst kommen müssen und das mit göttlichen Machterweisen, ihre Haltung hätte er einnehmen müssen, jenes starre Erfüllen von Geboten und Vorschriften. Aber Jesus handelte nicht in ihrem Sinn. Er gab sich mit Menschen ab, die von ihnen verachtet wurden. Er war für sie einer, der ihre Religion untergrub.
Jesus begann zu ahnen, dass seine Mission nicht gut ausgehen würde. Zum ersten Mal sprach er von seinem Tod. Entschlossen, seinem Auftrag treu zu bleiben zog er nach Jerusalem. Genau zu diesem Zeitpunkt, der Wende vom galiläischen Frühling zum Leidensweg in Jerusalem, steht das Ereignis, von dem das heutige Evangelium berichtet.
Jesus nahm ein paar Jünger mit auf den Berg Tabor. Berge spielen in der Bibel immer eine wichtige Rolle. Auf dem Berg Sinai wurde das Gesetz gegeben. Berge waren Orte, wo man Gott begegnen konnte. Und dort oben auf dem Berg zeigte sich ihnen Jesus in einer Verklärung. Sie sahen gleichsam in ihm die lichtdurchflutete Gestalt seines göttlichen Wesens. Und mit ihm zwei wichtige Personen aus dem Altentestament: Moses und Elias. Moses, der Überbringer des göttlichen Gesetzes und Elias, der große Prophet. Gesetz und Propheten des Gottesbundes bekennen sich zu Jesus. Die Heilsgeschichte läuft auf ihn zu.
Die Jünger sind ganz benommen. Sie ahnen vielleicht, was da geschieht, aber sie begreifen es nicht. Petrus will den Augenblick festhalten. Er will für die drei hohen Persönlichkeiten Hütten bauen. Aber mit einem Hüttenbau ist ein solches Erlebnis nicht festzuhalten. Es entzieht sich menschlichem Zugriff. Eine solche Sicht und Erfahrung kann nur als Geschenk angenommen werden, das uns Menschen nur für kurze Zeit einen Durchblick gewährt in jene Welt des Göttlichen, die wir nur erahnen können. Gott selbst zeigt sich dem Menschen. Aus der Wolke, neben dem Berg ein anderes wichtiges Bild der unbegreifbaren Nähe Gottes, hören die Jünger seine Stimme. Die Stimme verweist auf Jesus. Auf ihn sollten sie hören, ihm sollten sie folgen, wohin auch immer. Gott ist mit Jesus und mit ihnen auf dem Weg, auch wenn dieser über Jerusalem, die Stadt des Leidens und der Erniedrigung, geht.
Dann ist der Augenblick der Verklärung vorüber. Sie dürfen noch nicht auf dem Berg bleiben. Sie müssen wieder hinunter in die Ebene, mit den anderen Jüngern auf Jerusalem zu. Einen Augenblick durften sie erfahren, worauf alles hinauslaufen sollte: die Auferstehung leuchtete durch das Dunkel der Ungewißheit, durch das Dunkel des Kreuzes. So geht Jesus unbeirrt seinen Weg weiter. Die Jünger, auch die drei vom Berg, folgen ihm nur zögernd. Sie haben nicht die klare Sicht mit der Jesus seinem Leiden und der Vollendung der Erlösung entgegengeht, sie werden seine tiefste Erniedrigung miterleben. Die drei Jünger vom Berg werden beim blutschwitzenden Jesus auf dem Ölberg in seiner nächsten Nähe sein, wie bei seiner Verklärung; aber sie werden schlafen, und sie werden verwirrt sein, weil sie es nicht wahrhaben wollen, dass die Erlösung der Menschen durch das Kreuz geschieht. Ihnen wird erst nach Ostern klar geworden sein, was dieser vorübergehende Augenblick des Lichts und der Nähe Gottes ihnen sagen wollte: Verheißung und Auferstehung durch den Tod hindurch, Verheißung der Vollendung nach aller Mühsal der Nachfolge auf dem Weg des Leidens.
Auch unser Glaubensweg kennt helle und dunkle Erfahrungen, Zeiten, wo wir ganz erfüllt sind von der Nähe Gottes, und Zeiten, wo Dunkel seine Nähe kaum noch erahnen läßt, wo Leid und Trauer uns an ihm zweifeln lassen oder wo der Alltag mit seinen Sorgen und Pflichten uns niederdrückt. Da ist der Glaubensweg Jesu und seiner Jünger ein Zeichen für uns. Beides, der galiläische Frühling und der Leidensweg, die Erfahrung von Gottes Nähe und Ferne, sind verschiedene Stationen auf demselben Weg mit Jesus. Der Glaube ist für uns heute vielfach nicht mehr selbstverständlich. Er ist angefochten durch vielerlei Erfahrungen unserer Zeit und unseres eigenen Erlebens. Da brauchen auch wir immer wieder Ermutigungen, sozusagen einen Berg der Verklärung in unserem eigenen Leben, damit wir die Mühen der Ebene, des alltäglichen Weges, des fremden und des eigenen Leidens durchhalten können.
Es lohnt sich immer wieder, unseren Glaubensweg zu bedenken: es gibt so viele erfüllte Augenblicke in unserem Leben. Solche Augenblicke kann man nicht mit irdischen Mitteln verlängern, gleichsam Hütten darauf bauen. Aber man kann sie in der eigenen Erinnerung festhalten, man kann davon leben. Wir sollten uns dieser Augenblicke nicht bloß in einem wehmütigen Rückblick erinnern, sondern in Dankbarkeit und Freude. Sie haben Bedeutung und sind wichtig für unser Leben. Gott zeigt uns immer wieder wie nahe er uns ist, auch wenn es manchmal dunkel um uns herum wird.
Solche Augenblicke der Vergewisserung können vielfältig sein. Die Erfahrung von Liebe und erfüllter Freude, aber auch von getragenem Leid, von überraschender Hilfe, wo wir uns ganz im Einklang mit unserem Leben, mit Gott gefühlt haben, aber auch alle anderen schönen Erfahrungen unseres Leben, besonders Augenblicke des Gebets und der Meditation, oder auch in der Feier des Gottesdienst. Was könnte man Besseres über unseren Gottesdienst sagen, als dass sie solche Augenblicke der Erfahrung von Gottes Nähe sein könnten, nicht jedesmal, auch nicht für jeden gleich, aber doch immer wieder, für jeden anderes, so wie er sich eben ganz persönlich von Gott berührt fühlt.
Wichtig ist dabei, dass solche Momente uns ganz offen finden, dass wir sie ausschöpfen und in unserer Erinnerung wach halten, damit sie uns Kraft geben für den Weg, für die Nachfolge, auch wenn sie uns ins Dunkel führt. Wir wollen Gott bitten, dass er uns solche Augenblicke wie sie die Jünger auf dem Berg hatten immer wieder schenken möge, Augenblick von denen wir zehren können, von denen wir leben können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.03.2012: 3. Fastensonntag

11.03.2012: 3. Fastensonntag

Jo 2, 13-25

Wie kommt man zu Gott? Auf den ersten Blick hat diese Frage mit dem Evangelium des heutigen Tages wenig zu tun. Hier geht es doch nicht um Gottsuche, sondern um die eindeutige und unmißverständliche Kritik Jesu an den Mißständen des Tempelbetriebs.
Und der zornige Jesus kommt uns ja eigentlich gar nicht ungelegen. Er erschreckt uns nicht und er ängstigt uns nicht, ganz im Gegenteil: Der zornige Jesus, der sie einfach umwirft, die Tische der Geldwechsler, die die vielen fremden Währungen in die für den Tempel gültige Währung umtauschen. Der zornige Jesus, der die Opfertierverkäufer mit der Peitsche hinausjagt. Der zornige Jesus, der alle vertreibt, die den Tempel zum Warenhaus machen. Diese Handlung Jesu bringt in enorm konzentrierter Form seine religiöse Grundhaltung zum Ausdruck, bringt ihn aber auch in eine gefährliche Konfrontation mit den Mächtigen in Religion und Politik.
Da der Maßstab aller Handlungen Jesu das „Leben in Fülle“ für die Menschen ist, gerät er zu zahlreichen gesellschaftlichen und religiösen Vorschriften in kritische Distanz: Sein Kontakt mit Frauen, seine Mahlgemeinschaft mit Geächteten, seine Zuwendung zu den Sündern, seine therapeutischen Aktivitäten am Sabbat, sein großzügiger Umgang mit Speise- und Reinheitsvorschriften, alle diese Grenzüberschreitungen der damaligen Üblichkeiten bringen ihn in Konflikt mit den Mächtigen, die Interesse daran und Profit davon haben, dass die Verhältnisse bleiben wie sie sind.
Im Hintergrund dieses Konflikts um den Tempel steht freilich ein noch viel weitreichenderer Zusammenhang. Bereits die Propheten Israels, in deren Spur Jesus von Nazareth sich bewegt, haben den Kult insgesamt und den Tempelbetrieb insbesonders scharf kritisiert.
Kerngefahr des frommen Menschen ist dabei der Wahn, zu meinen, dass mit dem kultischen Handeln, z.B. den dargebrachten Opfern, dem Besuch des Tempels, dem Ableisten der Vorschriften, das „Eigentliche“ des göttlichen Willens bereits erfüllt sei. Schon Hosea hält 750 Jahre vor Jesus dagegen: Gott will keine Opfer – er will die alltägliche Barmherzigkeit. Vorrangig sind die praktisch geübte Solidarität, die gesellschaftliche Gerechtigkeit, die gelebte Geschwisterlichkeit.
Zu oft meinen wir, wenn diese Stelle der Bibel hören oder lesen: da geht es gar nicht um uns, so meinen wir und reiben uns die Hände. Es könnte allerdings sein, dass wir uns täuschen. Dass doch nicht die anderen gemeint sind, sondern wir selbst. Dass es gar nicht um die Tische der Wechsler und die Stände der Verkäufer geht, sondern um uns selbst. Jesus wußte nur zu gut, dass sie morgen wieder da sein würden, dass der Betrieb weitergehen würde wie bisher. Der rege Handel im Tempel hatte schließlich doch keinen davon abgehalten, zu Gott zu kommen.
Doch da ist sie wieder, die Frage vom Anfang: Wie kommt man zu Gott? Die Antwort scheint einfach: Wir machen so weiter wie immer. Das Opfertier wird gekauft, das Opfertier wird geschlachtet, die Tempelsteuer bezahlt, alles hat seine Ordnung und schon scheint sie da zu sein: die Beziehung zu Gott.
Hier hinein trifft die große Herausforderung Jesu. Nichts ist in Ordnung. Nichts kann so einfach weitergehen wie bisher. Nicht einmal der Tempel, das große Zeichen der Gegenwart Gottes, kann letztlich garantieren, dass der Mensch Gott wirklich begegnet.
„Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.“ Es ist in der Tat völlig unsinnig, zu glauben, irgendjemand könnte dieses riesige Bauwerk tatsächlich in so kurzer Zeit wieder aufbauen. Der Evangelist Johannes läßt in der Gestalt, die er dem Text gegeben hat, auch die Jünger zunächst einmal unverständig dastehen. Erst nach der Auferstehung, heißt es bei ihm, geht ihnen das Licht auf, begreifen sie, was für eine Herausforderung in diesen Worten wirklich steckt.
Vielleicht haben wir dieses Evangelium schon zu oft gelesen und das Wort vom Niederreißen des Tempels schon zu oft überlesen. Dieses Wort bedeutet eine radikale Umkehr der Perspektiven. Weder ein Bauwerk, noch altehrwürdige Regeln und Zeremonien garantieren den Zugang zu Gott. Er liegt nicht in Steinen und Vorschriften, er liegt in einer Person. In Jesus selbst. Er ist der andere Tempel, in ihm ist Gott ganz und gar gegenwärtig. Zu Gott kommen erhält eine völlig neue Qualität. Es ist die Qualität des persönlichen Du, des Du zu Jesus Christus, er ist der Zugang für uns zu Gott.
Das Wort vom zerstörten und neu errichteten Tempel bekommt so eine ganz eigene Dimension. Es geht nicht um den Aufbau von Steinen, um eine großartige menschliche Leistung. Es geht um den Aufbau von Beziehungen. Es geht um die Freundschaft mit Gott.
Damit wird alles auf den Kopf gestellt. Nicht über das Opfer aus Menschenhand geschieht das Heil. Es geschieht als Geschenk Gottes an uns. Alle althergebrachten Regeln des Kultes werden umgeworfen wie die Tische der Geldwechsler, wenn nicht der Geist Jesu dahinter steht. Nicht wir stimmen Gott gnädig durch Opfer und Tempelsteuer, sondern Gott selbst erweist sich barmherzig, indem er sich in Jesus radikal verschenkt. Was hier geschieht ist keine Revolution der Tempelordnung, sondern die Revolution alles Wissens darüber, wie der Mensch zu Gott kommt: nicht indem er gibt, sondern indem er sich geben läßt. Kein Opfer erkauft Gottesnähe, Gott schenkt sie, ohne auch nur je eine angemessene Gegengabe erwarten zu können, ausser unser Hingabe und Empfangsbereitschaft.
Es ist schon eigenartig, wie wir die Texte der Bibel immer wieder mit unserem eigenen Leben konfrontieren können. Wie hinter diesen Worten und Taten Jesu etwas steckt, was auch unser Leben, unsere Situation betrifft. Und betroffen sollten wir doch alle immer wieder vom Wort Gottes sein. Er will uns nicht zur biederen Selbstzufriedenheit aufrufen, sondern zur Umkehr, zur Korrektur unseres Verhaltens und unseres Denkens. Es geht nicht in erster Linie, dass wir nach einem Sündenbock suchen, dass wir Schuldige ausfindig machen, auf die das Wort Jesu zutrifft, sondern dass wir uns selbst unter den von Jesus Gemeinten erkennen. Jesus gibt uns keine Argumente in die Hand gegen andere. Er stellt uns die Frage nach uns selbst. Nur Menschen mit offenem Herzen, als Menschen, die eine ganz persönliche Beziehung zu Gott suchen und annehmen, können wir zu ihm finden. Die Frage lohnt sich, sie ist sogar lebenswichtig: Welche Beziehung habe ich zu Christus?
Ist er es, den ich an mein Leben heranlasse, mit dem ich mein Leben teile? Ist er es, dem ich mich anvertraue und dem ich zutraue, dass er meinem Dasein Sinn gibt? Ist er es, auf den ich zugehe, in der sicheren Hoffnung, dass er mich seine Auferstehung hineinnehmen wird?
Es lohnt sich, dieses Evangelium immer wieder neu zu lesen. Die Frage, die es uns stellt, ist nicht die Frage nach der Vollmacht Jesu, den Tempel zu reinigen. Es ist die Frage nach der Vollmacht, die wir Christus über unser Leben einräumen. Hin und wieder ist es gut, sie ganz persönlich zu beantworten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

18.03.2012: 4. Fastensonntag

18.03.2012: 4. Fastensonntag

Joh 3, 14-21

Dieser Nikodemus war ein Nachtmensch. Er kam in der Nacht zu Jesus, um Antwort auf seine Fragen zu bekommen. Bei Tag hat er sich nicht getraut, und das hatte auch seine Gründe; denn er war Schriftgelehrter und Mitglied des Hohen Rates, der obersten jüdischen Behörde. Er hatte die Zeichen und Wunder Jesu richtig gedeutet. Und suchte nun nach Antworten. Und er suchte in der Nacht und diese Nacht gab es nicht nur in der Natur sondern auch in seinem Inneren. Nächte, die uns selber hinreichend bekannt sind, die wir oft schon erlebt haben. Es jene merkwürdige Art von Dunkelheit, in die doch noch ein Spalt ein wenig Licht hereinlässt. Nikodemus folgte diesem Licht und hörte nun das merkwürdige Wort Jesu von der Schlange, die in der Wüste erhöht wurde.
Während des Wüstenzugs des Volkes Israel gab es einmal eine Schlangenplage. Viele Menschen wurden von diesen Tieren gebissen, bis Moses eine eherne Schlange anfertigen ließ und diese auf einem Pfahl vor dem Volk aufstellte. Wer diese Schlange ansah wurde geheilt. Die Schlange spielt auch in der Paradiesgeschichte eine Rolle. Dort verkörpert sie das Böse schlechthin, den Satan selbst. Moses heftet nun eine Schlange an einen Pfahl und somit ist dieses Tier, das den Menschen oft aus dem Hinterhalt angreift sichtbar geworden, die Gefahr ist gebannt. Das Böse ist hiermit besiegt, denn einer Gefahr, der man ins Auge sehen kann, verliert an Gefährlichkeit.
Und nun wechselt das Bild: Jesus weist auf sein eigenes Kreuz hin, auf seine Erhöhung, wie er es ausdrückt. Jeder, der nun auf dieses Kreuz schaut, erfährt Rettung. Aber nicht nur Rettung, sondern er empfängt ewiges Leben.
Und nun kommt aus dem Munde Jesu die große Liebeserklärung an den Menschen. Es ist nicht nur irgendeine Liebe. Ihre Größe wird er sichtlich aus der Tat Gottes, die aus dieser Liebe erwächst: dass er seinen einzigen Sohn dahingibt, das heißt, dass er sich nicht aus dieser Welt heraushält, sondern sich ganz in sie hineinbegibt, indem er alles freiwillig auf sich nimmt, was Menschen leiden. Er lässt sich so behandeln wie Menschen andere Menschen behandeln, er lebt ein Leben, das ihn nicht frei macht von den Beschwerden des menschlichen Lebens, die wir ja zu Teil kennen.
Diese Liebe hat es in sich. Gott distanziert sich von einem sich rächenden Gott. Man könnte ja nach unserem menschlichen Denken ohne weiteres annehmen, dass Gott genug Gründe hätte, uns Menschen allerlei Strafen aufzuerlegen. Aber das war nicht der Sinn und auch nicht Grund für das Kommen Gottes in diese Welt. Die Liebe Gottes will den Menschen nicht zugrunde gehen lassen, obwohl er manchmal den Bodensatz des Lebens verkosten muss, um zur Einsicht und zur Umkehr zu gelangen. Wenn schon vom Gericht gesprochen wird, dann sollte man bedenken, dass im Wort „Gericht“ das Wort „Recht“ enthalten ist. Gerechtigkeit wollte uns Jesus bringen, uns Menschen, die wir so sehr an den Ungerechtigkeiten dieser Welt leiden.
Im Klartext bedeutet die Aussage Jesu: Lasst euch von Gott lieben, entzieht euch nicht seiner Liebe, geht nicht in die Finsternis hinein, wenn Gott euch ein Licht aufstellt. Der Weg zum Licht und zur Liebe Gott ist unser Glaube. Glaubt und tut Taten, die diesem Glauben entsprechen!
Die Botschaft ist also vorhanden, nun muss sie aber in unser Leben integriert werden. Sie muss unser Leben verändern. Wie ist das möglich? Nikodemus zeigt es uns. Wir müssen Kontakt aufnehmen mit Jesus. Die Botschaft, die uns belehrt ist ja vorhanden. Nun soll sie betend in unser Leben eingepflanzt werden, damit so ein kleines Pflänzlein des Glaubens wachsen kann. Aber zu diesem Kontakt mit Jesus nehmen sich viele Menschen nicht die nötige Zeit, obwohl das Gebet nicht eine Frage der Zeit ist. Man kann heute Menschen beobachten, die ständig mit ihrem Handy Kontakt mit ihren Mitmenschen aufnehmen. Es wäre gut und sinnvoll aus unserer Situation, aus unserem Erleben, aus unserer Freude und aus unserem Leid heraus Gott immer wieder anzusprechen, mit einem Satz, mit einem Gedanken. Das wäre jene Vertrauensbasis die Gott als Voraussetzung seines Wirkens in der Regel haben möchte.
Am Beginn des Gespräches mit Nikodemus spricht Jesus von einer neuen Geburt. Die ist an uns in der Taufe Geschehen. Ein neues Leben ist uns da geschenkt worden. Das war der Anfang. Es liegt an unserem eigenen Bemühen aus diesem Ereignis der Taufe heraus unser Leben zu gestalten. Der Getauft ist ein Angeforderter. Man kann den Glauben nicht einfach kaufen und dann in einen Safe legen. Und wenn heute Menschen immer wieder Gott Vorwürfe machen, dass er so wenig in das Weltgeschehen eingreift, so müssten wir auch bedenken, dass Gott von uns erwartet, dass wir diese Voraussetzungen für das Handeln Gottes schaffen. Und diese Voraussetzungen bestehen darin, dass wir selber das Nötige und Menschenmögliche tun, um Unrecht und Not aus der Welt zu schaffen und durch unser eigenes Leben die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar werden lassen.
Nikodemus ist uns ein Vorbild. Er ist ein suchender Mensch und suchende Menschen sollten auch wir sein. Viele Menschen halten religiöses Suchen für eine Illusion. Sie halten sich lieber an die so genannten „Realitäten“, an das, was sie sehen und verstehen können. Sie haben keine Antenne für Wahrheiten, die über den begrenzten Horizont ihres Verstandes hinausgehen. Sie meinen, so schreibt Paulus, „weise zu sein, und wurden zu Toren.“
Welche Folgen das nächtliche Gespräch für Nikodemus hatte, bleibt offen. Später begegnen wir ihm noch zweimal im Johannesevangelium: Einmal, als es im Hohen Rat zu einer Auseinandersetzung um Jesus kommt. Hier wagt es Nikodemus, das Verhalten seiner Parteifreunde zugunsten von Jesus öffentlich in Frage zu stellen. Zum anderen treffen wir ihn beim Begräbnis Jesu, wo er, ungeachtet der Folgen, die das für ihn haben konnte, Jesus den letzten Liebesdienst tut: er brachte hundert Pfund an Salben für die Salbung des Leichnams Jesu.
Wir haben vieles mit diesem Nikodemus gemeinsam. Angefangen vom fragenden Menschen, der die Wahrheit erkennen will, bis hin zu einem Menschen, der sich langsam zu einer Entscheidung für Jesus durchringt, zu einer Entscheidung, die dann in die konkrete Lebenspraxis mündet. Es wird eine Phase geben, in der wir manchesmal nicht mehr wissen, was das Richtige, was das Wahre ist. Eine Phase, in der wir die Wahrheit des jeweiligen Augenblicks einfach tun, in der wir ohne viel zu fragen, einfach spüren: das ist das Richtige, das wird jetzt von mir verlangt, das mache ich. Und die Phase, in der wir wieder neu über die Wahrheit, die sich in unserem Tun erschließt, nachdenken und bereit werden zu einem neuen Aufbruch.
Nikodemus zeigt uns, dass der Glaube an Jesus nicht etwas ist, auf dem man sich ausruhen kann, sondern dass uns weiteres Fragen, weiteres Aufbrechen nicht erspart bleibt. Doch, wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen, wird es sein, dass wir zum Licht kommen, dass es in uns licht wird und dass wir auch für andere Licht sein können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ