05.04.2012: Gründonnerstag

05.04.2012: Gründonnerstag

Es ist eine dramatische Botschaft, die uns heute verkündet wird. Vom Abschied Jesu von seinen Jüngern ist die Rede, vom Verrat des Judas und von der demütigen Haltung Jesu bei der Fußwaschung. Überschrieben ist die heutige Frohe Botschaft mit dem Satz: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“
Wie wird Jesus das empfunden haben, dass da einer seiner Jünger, seiner Auserwählten, zum Verräter wird. Zugegeben, keiner seiner Jünger hat in dieser Stunde die tiefsten Hintergründe seiner Sendung verstanden. Noch beim Einzug in Jerusalem waren ihre Hoffnungen auf einen politischen Messias wieder aufgeflammt. So nimmt man an, Judas habe Jesus mit Gewalt durch seinen Verrat in die Enge treiben wollen, damit er sich endlich an die weltliche Macht setzt. Er hatte seine eigenen Vorstellungen vom Messias, die sich aber nicht erfüllt haben.
Was die Jünger auch nicht begriffen haben war die demütige Tat der Fußwaschung. Von den Jüngern wäre es keinem eingefallen an seinen Kollegen diesen Dienst zu verrichten, der Aufgabe eines Haussklaven war. Jesus selbst gürtet sich mit einem Leinentuch und beginnt dem sich dagegen wehrenden Petrus die Füße zu waschen. Und Jesus knüpft vor den verblüfften Jüngern eine Lehre daran. So wie ich getan haben, so sollt auch ihr tun und einander die Füße waschen. Ihr seid zum Dienen da, nicht zum herrschen. Leider hat das die Kirche in der Folgezeit vielfach vergessen.
Und dann kommt die Szene, wo sie sich zum Mahl niedersetzen. Paulus beschreibt sie genau in der heutigen Lesung. Eine einfache Geste mit einfache n Mitteln des Alltags spielen jetzt eine Rolle: Brot und Wein, Dinge des täglichen Gebrauchs, die tägliche Nahrung. Brot, Produkt menschlicher Mühe und menschlicher Arbeit. Vom Korn zu fertig gebackenem Brot gibt es eine Reihe von Verwandlungsprozessen, desgleichen auch beim Wein. Jesus nimmt nun die Ergebnissen menschlichen Tuns und spricht über diese Gaben: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Und: Tut diese zur Erinnerung an mich!
Über dieses Wort ist viel herum diskutiert worden, große und ausführliche theologischen Traktate habe zu begreifen versucht, was letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen ist. Romano Guardini, der große Münchner Theologe bringt es auf den Punkt: Hier gibt es nichts zu begreifen und herumzudeuteln. Die Worte Jesu sind im Glauben so zu nehmen wie sie gesprochen wurden und wie sie überliefert worden sind.
Und dieses Geheimnis der Eucharistie, der Danksagung, feiern wir täglich und sind gerade im Begriffe es wieder zu feiern. Und wir müssen uns bewusst werden, dass es da um etwas ganz Großes geht. Es ist dies die tiefste Begegnung, die uns mit Jesus möglich ist. Wir nehmen ihn in uns auf wie eine Nahrung. Und wenn wir ihn aufnehmen, dann wandelt er uns um, dann werden wir ihm immer ähnlicher werden.
Denken wir daran, wenn die die Hl. Kommunion empfangen? Steckt im Kommunionempfang nicht schon zu viel Routine dahinter. Wie bereiten wir uns vor, diesen hohen Gast aufzunehmen, wieweit sind wir bereit, den eucharistischen Herrn auch im alltäglichen Leben, also außerhalb der Kirche, Raum zu geben? Spielt nicht auch immer die Erwartung des Judas immer wieder in unser Leben hinein – einen Messias schon, aber er muss meinen Vorstellungen entsprechen? Wird nicht der Gedanke des Dienens in der Fußwaschung im alltäglichen Leben in Gedanken des Herrschens umfunktioniert?
Sie sehen, da gibt es eine ganze Menge von Fragen an uns selber, die wir uns immer wieder stellen müssen, wenn wir die Nachfolge Jesu ernst nehmen. Wer zum Tisch des Herrn geht tut das sicherlich auch im Bewusstsein der eigenen Unwürdigkeit. Aber wer ist schon würdig, wenn es um die Begegnung mit Gott geht? Petrus war es nicht und die anderen Apostel auch nicht, große Heilige haben sich immer als unwürdige bezeichnet. Aber Jesus hat sich immer den scheinbar Unwürdigen zugewandt, wenn sie nur ein offenes Herz hatten.
Jesus nimmt mit diesem Mahl Abschied von seinen Freunden. Aber was bleibt? Erinnerungen, die verblassen, Spuren, die sich verlieren? Nein, diese Freundschaft, dieser Bund mit den Menschen soll bestehen bleiben in ganz konkreten Zeichen, im Zerbrechen des Brotes und im Dienst aneinander. Auf diese Weise bleiben Freundschaft und tiefe Verbundenheit mit Gott und untereinander bestehen. Heute werden wir in besonderer Weise daran erinnert: Wie dieses Brot zerbricht, wird auch Jesus zerbrochen, aber nicht um zugrunde zu gehen, sondern um Nahrung für alle Menschen zu sein, die sich zum Tisch des Herrn eingeladen fühlen. Kein einsames Zerbrechen, sondern ein Ausgeteilt werden, eine Lebensbegleitung für uns Menschen, kein Tod für sich selbst, sondern Vorankündigung für die Vollendung aller. Diese Freundschaft trägt die Nähe Gottes in sich.
Der Gründonnerstag mahnt uns aber auch, dieses große Geschenk des gemeinsamen Brotbrechens und Mahlhaltens nicht abzuschwächen in Ersatzformen vereinfachter Feiern, weil es immer weniger Vorsteher bzw. Priester gibt.
„Gut, dass es die Pfarre gibt“, das Motto der vergangenen Pfarrgemeinderatswahl. Zu ergänzen: Gut, dass es die Gemeinde gibt. Sie wird aber nur besehen können, wenn dieses wichtige Element des Brotbrechens weiter garantiert bleibt, wenn sich die Buntheit und Vielfalt der Menschen auch in einer etwas breiteren Vielfalt der Zugangsbestimmungen in den Dienstämtern der Kirche zeigt, denn Brot ist ein lebenswichtiges Nahrungsmittel, nicht nur für unser irdisches Dasein, sondern auch „Brot des Lebens“, von dem Jesus selber sagt, dass Er es ist.
Jesus schenkt sich in den Gestalten von Brot und Wein. Brot öffnet jeden Mund. Möge dieses Brot auch unseren Mund öffnen, nicht nur um zu essen, sondern auch , um Gutes zu sagen, um einzuladen, um zu verzeihen, um Brücken zu bauen, Freundschaften anzubahnen und zu festigen zu Gott, zum Nächsten, zum Frieden in uns selbst. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

07.04.2012: Osternacht

07.04.2012: Osternacht

Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln.
Der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer, der im April 1945 im Konzentrationslager Flossenburg getötet wurde, hat uns diesen markanten Satz geschenkt. Wie viele Menschen verzweifeln in der Not und Ungerechtigkeit der politischen Verhältnisse oder in der Sorge um die Zukunft unseres Planeten und auch des persönlichen Lebens? Wie viele verzweifeln angesichts von Verbrechen oder in bedrückender persönlicher Schuld? Wieviel Verzweiflung bringen Trauer und Leid um liebe Verstorbene, und wieviel Verzweiflung gibt es durch die Angst vor dem eigenen Sterben?
Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln. Er sieht die Hand Gottes hinter allem Geschehen, die Hand, die sich dem Sohn entgegenstreckt und ihn auferweckt hat von den Toten. Die gleiche Hand, die sich Christus entgegengestreckt hat, streckt sich auch uns entgegen in allen Bedrängnisse und Nöten.
Wir wissen heute über die Auferstehung Jesu mehr als die Frauen, die in der Morgenfrühe zum Grab gingen, um den Herrn zu salben. Sie waren voll von Traurigkeit. Für sie war Jesus tot, unwiederbringlich dahin gegangen an den Ort, von dem niemand zurückkehrt. Für sie und die Jünger war eine Welt zusammengebrochen, eine Welt der Erwartungen eines rettenden und befreienden Messias. Allerdings mußten sie enttäuscht werden, denn ihre Erwartungen waren zum großen Teil falsch. Sie wurden enttäuscht, das heißt von einer Täuschung befreit, da sie sich einen irdischen Messias erwarteten, einen König mit politischen Interessen, einen Messias, der Posten und Ämter verteilt. Im Laufe ihres Zusammenseins mit Jesus ahnten sie immer mehr, dass er etwas ganz anderes bringen wollte als das, was sie sich erwarteten.
Die Frauen waren die ersten beim Grab, und sie waren auch die ersten, die glaubten. Die Frauen hatten eine Aufgabe zu erfüllen. Sie wollten den Leichnam Jesu salben. Und als sie ihn nicht fanden, meinten sie, er sei gestohlen worden. Wir wissen aus den anderen Auferstehungsberichten, dass die Jünger Jesu nicht leicht zu Glauben an die Auferstehung fanden. Erst als Jesus ihnen wiederholt erschien, kamen sie langsam zum Glauben an die Tatsachen, dass er lebt.
Geben wir es ehrlich zu, auch für uns ist der Glaube an die Auferstehung von den Toten nicht immer ein einfacher Glaube, auch wenn alles in unserem Leben voller Hunger nach einem Weiterleben nach dem Tode ist. Der Tod ist etwas, mit dem wir Menschen uns nicht abfinden können. Und wir können uns auch nicht abfinden mit dem bißchen Leben, das wir haben. Es ist uns einfach zu kurz und auch zu wenig ausgefüllt. Diese beiden Tatsachen allein weisen schon darauf hin, dass unsere Existenz auf eine größere Erfüllung hin ausgelegt ist.
Interessant ist nebenbei auch, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod bei allen Völkern und zu allen Zeiten zutiefst ausgeprägt ist. Ja, für manche Völker war das irdische Leben geringer geachtet als das Weiterleben im Jenseits, so bei den alten Ägyptern und den Etruskern, die für ihre Toten ganze Städte bauten, deren Reste man heute noch sehen kann.
Natürlich sind die Menschen auch immer bemüht gewesen, dem Auferstehungsglauben aus dem Weg zu gehen nach dem Motto: Was ich nicht begreifen kann, das darf es einfach nicht geben. Aber das wäre zu kleinlich gedacht sowohl über unser eigenes Leben als auch über die Möglichkeiten Gottes. So meinte manche, es gäbe bloß ein Weiterleben in Andenken der Menschen oder in den Werken, die ein Mensch geschaffen hat.
Allem Denken der Menschen ist aber eines gemeinsam: Die Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit. Aber wenn ich meine Existenz in einen anderen hinein verlegen könnte, wäre es möglich über die Todesgrenze hinaus zu gelangen. Nur müßte dieser andere jemand sein, der selbst nicht vergänglich, sondern unsterblich ist. Und ich müßte mit diesem anderen so eng verschmolzen sein, dass selbst der Tod diese Bindung nicht zerstören kann. Damit sind wir aber bei der Osterbotschaft angelangt; bei jener ungeheuren Nachricht, dass jemand auf der Erde gelebt hat, der durch den Tod hindurchgegangen ist, den das Grab nicht festgehalten hat. Damit sind wir aber auch angelangt bei der ungeheuren Nachricht, dass es auch für uns einen Weg durch den Tod hindurch gibt, weil Jesus Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene uns die Möglichkeit gibt, in sein göttliches Leben einzutauchen.
Aber denken wir doch auch einmal daran, wie viele Menschen an der Osterbotschaft vorbei laufen, ohne dass diese ihnen etwas bedeutet. Vielleicht gehören wir selber manchesmal zu diesen Menschen. Es ist wichtig, dass Ostern nicht der Vergangenheit angehört, nicht bloß eine nette Geschichte bleibt, sondern in uns selber lebendig wird. Gott hat uns einen Zugang zum Leben erschlossen. Das ist auch so ein Satz, der so viel bedeutet, und den wir oft so gedankenlos hören. Aber wir sollten hellhörig werden, wenn es um das Leben geht, wenn es um unser Leben geht! Gott will uns neu schaffen! Wissen sie, was das für einen jeden von uns bedeutet. Nirgends spricht das Neue Testament vom Weltuntergang, sondern von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wir werden zwar nach der Auferstehung mit uns selbst identisch sein aber eine Vollkommenheit sondergleichen besitzen. Und der Tod ist besiegt. Jener Tod, der uns immer wieder niederdrückt, der uns immer dann ans Herz greift, wenn wir am Grab eines geliebten Menschen stehen oder wenn wir an unseren eigenen Tod denken, dem keiner von uns ausweichen kann.
Und immer wieder hören wir: Das Grab ist leer. Diese Botschaft von einem leeren Grab war für die frühe Christengemeinde in Jerusalem so etwas wie eine Siegestrophäe. Es bedeutet, dass unsere Wege nicht nur Kreuzwege sind, sondern dass wir sie auch als Osterwege verstehen müssen.
Als die Auferstehungserzählung beginnt ist es Nacht. Eine Frau, allein, unterwegs. Die Dunkelheit weicht ihren Schritten nicht. Und was in ihr ist, ist nicht weniger Nacht. Aber sie geht. Mit traumwandlerischer Sicherheit weiß sie, dass sie nicht zu Hause bleiben darf. Sie muß hinaus, sie muß dem, der tot ist, einen letzten Liebesdienst erweisen. Sie muß Abschied nehmen. Sie will ihrem Schmerz und ihrer Trauer einen Ort geben. Sie weiß nicht, dass der Weg durch die Nacht der Beginn ihres Osterweges ist. Sie weiß nichts von all dem, was auf sie zukommt, nichts vom weggerollten Stein, vom aufgeräumten Schweißtuch, von den merkwürdigen Begegnungen mit Engeln und mit Jesus. Sie weiß nur, dass sie dorthin muß, wo es am dunkelsten ist.
Auch für uns beginnt Ostern mit dem Weg zu den Dunkelheiten, zu den Gräbern unseres Lebens, dorthin also, so könnte man es auf uns hin münzen, wo das Leben, wo Hoffnung und Liebe verschlossen liegen. Wie sollen wir sehen, ob die Gräber unserer Hoffnung tatsächlich noch verschlossen sind, wenn wir nicht nachschauen? Glauben wir der Schrift, so werden auf uns weggeschaffte Steine warten, lichtdurchflutete Grabkammern, zusammengefaltete Leichentücher, vielleicht sogar himmlische Wesen, vertraute Fremde und ein neuer Auftrag: die Botschaft der Osternacht auch durch unser eigenes Leben der dunklen Welt zu verkünden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.04.2012: Ostersonntag

8.04.2012: Ostersonntag

Jo 20, 1-18

Es war der erste Tag der Woche, und es war frühmorgens. Noch war es dunkel, aber soviel konnte Maria von Magdala schon sehen: Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Das Grab war leer. Schock oder Freude? Sie lief zu Petrus und dem anderen Jünger, wahrscheinlich ist es Johannes. Auch sie gingen hinaus zum Grab. Von Petrus heißt es: Er sah. Von dem anderen Jünger sagt die Schrift: Er sah und glaubte.
Nun waren die drei mit einem offenen, das heißt auch leeren Grab konfrontiert. Die ganze Logik ihrer bisherigen Erfahrung war durcheinander. Ihre Phantasie schwankte zwischen Lähmung und Elektrisiertsein. Der schon fast verglommene Docht der Hoffnung ich ihrem Herzen begann noch einmal Feuer zu fangen.
Marie von Magdala hatte nicht nur ihren Herrn verloren. Sie hatte auch den Ort ihrer Trauer, das Grab verloren. Petrus war ein Wort abzuringen. Er war vorsichtig geworden mit Reden und Deuten. Von ihm heißt es nur: Er sah. Der andere Jünger hat keine inneren Sperren: Er sah und glaubte. Nein, dieser Jesus ist nicht weggetragen worden. Er lebt, er ist nicht tot.
Als Johannes sein Evangelium aufschrieb – etwa um die Jahrhundertwende – wussten die Christen sehr genau, was mit dem Wort „glauben“ gemeint war. Da waren die Zeugen, die dem Auferstandenen begegnet waren. Da war Paulus, der von einem Verfolger zu einem Boten geworden war. Da waren die vielen in Israel, die in Jesus den Messias erkannt hatten und ihm folgten. Und da waren „die anderen“ – wir nennen sie oft „Heiden“ – die auf das Zeugnis der Boten hin in Jesus ihren Herrn erkannten. In weiten Teilen des römischen Reiches gab es die Gemeinden derer, die an Jesus glaubten. Man nannte sie „Anhänger des Neuen Weges“ und später auch „Christen“. Egal was sie vorher waren und woher sie kamen, durch Jesus, den Auferstandenen, waren sie zu etwas Neuem geworden. Neues Leben hatte sie ergriffen. Durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist waren sie zu einer neuen Gemeinschaft geworden – zur Kirche.
Auch wir stehen jedes Jahr erneut vor dem leeren Grab und vor der Botschaft von der Auferstehung. In diesem Glauben ist unsere ganze Hoffnung umschlossen, mit dieser Botschaft im Herzen besuchen wir die Gräber unserer Lieben, aus dieser Hoffnung heraus geben wir unserem Leben seinen Sinn und seine Deutung.
Und dennoch ist der Auferstehungsglaube für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2000 in Deutschland informiert darüber, dass der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu und an die Auferstehung der Toten unter den jungen Leuten zwischen 15 und24 kaum noch Akzeptanz findet.
Das Desinteresse am Osterglauben ist nur ein, wenn auch gewichtiges Beispiel für das Debakel des christlichen Glaubens in unserem Land. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist vor allem auf eine völlig auf den unmittelbaren Spaß und auf ständige Neuheitserlebnisse ausgerichtete Gesellschaft zu verweisen, in der andere und ernstere Fragen des Lebens aus dem Bewusstsein der jungen Leute verdrängt werden. Aber auch für viele aus der älteren, inzwischen vom Leben ganz gehörig durchgebeutelten Generation ist die christliche Osterbotschaft so etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Unglaubliches, dass sie Skepsis und Ablehnung auslöst.
Wer wird also uns jenen Stein vom Grab wegwälzen, jenen Stein, der endgültige Verschlossenheit zu besiegeln scheint? Die Gräber, in die wir eingeschlossen sind, es sind gar viele: der eigene, unausweichliche Tod, Krankheit, Angst, gestörte und zerstörte Beziehungen, Depression und Isolation, Misserfolge im Leben. Der Stein, den weder die Frauen noch andere wegwälzen müssen. Eine andere Macht hat ihn schon von der Stelle geräumt: Nur von Gott her können unsere Gräber geöffnet werden! Da ist von der Sonne die Rede, die über dem Grab aufgeht und Licht in die Szenerie des Todes bringt. Da wird der junge Mann genannt, im lichtfarbenen Gewand, von göttlicher Herkunft also, der zur rechten, nach antiker Vorstellung auf der Glück bringenden Seite sitzt – der Bote einer anderen Welt, der Bote des Lebens in einer Gräberwelt des Todes. Dazu kommt die Verheißung des jungen Mannes: „Er geht euch nach Galiläa voraus“ – nach Galiläa, in das Land ihres Alltags, ihres Berufes und ihrer Familie, nach Galiläa, dem Bild auch für unseren Alltag. Da sind die Frauen, die mit Zittern, Entsetzen und Furcht auf die Botschaft des jugendlichen Engels reagieren. In der Sprache der Bibel heißt dies: Sie ahnen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat, wissen aber nicht, wie.
Gott wird nun erfahren als einer, der befreit aus allen Gräbern der Welt, der wieder neues Leben schafft. Niemals lässt Gott den Menschen los, Gott weicht nicht zurück vor Unrecht und Unfrieden in der Welt und schon gar nicht vor dem Tod. Er gibt uns die Hoffnung, durch ein christliches Sterben hindurch in sein vollendetes Leben zu gehen; wir dürfen glauben, dass auch unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes an ihr Ziel gekommen sind. Der Tod zwingt die Liebe nicht in den Sarg, löst sie nicht auf ins Nichts!
Wir können auch aufatmen unter der Zentnerlast unserer Sorgen, unter der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, unter den Weltproblemen, die uns bedrücken. Denn Ostern versichert uns, dass noch ein anderer um uns weiß. Ostern beflügelt uns, die Lasten des Lebens miteinander zu teilen, es weckt die Phantasie in uns, was wir vielleicht doch noch tun und besser tun können. Österliche Menschen erheben ihre Hand im Namen des Auferstandenen, um zu versuchen, was unmöglich erscheint. Sie wälzen die Steine weg, die auf den Herzen der Menschen liegen, die Menschenherzen verschließen wie Gräber. Auf einem Poster von amnesty international ist der Spruch eines Häftlings zu lesen: „An dem Tag, an dem dein Brief kam, blühte eine Rose in meiner Zelle auf“ – ein beredtes Beispiel dafür, was österliche Menschen vermögen.
Zahlreiche Darstellungen zeigen den Auferstandenen mit einer Fahne in der Hand. Fahnen sind heute eher dekorative Elemente von Paraden und Prozessionen. Ursprünglich dienten sie als Richtungs- und Sammlungszeichen für Heerscharen. Inmitten einer anders denkenden Gesellschaft mag uns der Auferstandene mit der Fahne ein Zeichen sein, uns um ihn zu scharen und weiter der Spur zu folgen, die durch seine Auferweckung von den Toten seit fast 2000 Jahren in unserer Geschichte gelegt ist. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.04.2012: 2. Sonntag in der Osterzeit

15.04.2012: 2. Sonntag in der Osterzeit

Joh 20, 19-31

Wie stehen Sie zum Hl. Thomas? Der Beinamen „ungläubig“, den man ihm zugelegt hat, hat doch wohl den Beigeschmack eines Tadels. Oder ist er Ihnen sympathisch gerade wegen seiner „Ungläubigkeit“? Wir sollten jedenfalls nicht hart mit ihm verfahren, denn er hat Vieles mit uns gemeinsam. Oder sind Sie so sicher in Ihrem Glauben an die Auferstehung? Hat sich in Ihr Denken nicht hin und wieder der Gedanke eingeschlichen: Ist das auch wirklich so geschehen, wie es in der Bibel berichtet wird? Kann ich mich drauf verlassen? Aber wie wir uns als gläubige Menschen kennen, verdrängen wir solche Gedanken immer gleich, gilt doch der Zweifel vielfach als Sünde, was allerdings nicht der Fall ist. Hingegen sind Zweifel immer wieder auch ein Ansporn, sich mit einer Sache näher auseinander zu setzen, wie hier mit dem Ereignis der Auferstehung.
Wie dem auch sei, ob ungläubig, ob Zweifler, Thomas hat jedenfalls den anderen Jüngern nicht geglaubt, als sie ihm sagten: „Wir haben den Herrn gesehen.“
Warum hat ihnen Thomas nicht geglaubt? Warum wollte er handfeste Beweise? Er hatte eigentlich keinen Grund, die Glaubwürdigkeit der anderen zu bezweifeln. Er kannte sie seit vielen Monaten. Er konnte ihnen zwar manches vorhalten: ihren Ehrgeiz, wenn sie darüber stritten, wer von ihnen der Größte sei; ihre Verständnislosigkeit für die Kinder, die zu Jesus gebracht wurden; ihre Feigheit bei der Gefangennahme Jesu. Aber Thomas hatte keinen Grund, sie für Menschen zu halten, die allzu leicht einer Täuschung oder einer Einbildung zum Opfer gefallen wären.
Warum also hat Thomas ihnen nicht geglaubt? Es ist leicht einzusehen: Für ihn hing sehr viel davon ab, ob Jesus wirklich lebte oder ob er tot war. Wenn Jesus tot war, dann hatte Thomas sich mit der Nachfolge Jesu geirrt. Dann musste er jetzt heimlich, still und leise nach Hause zurückkehren und das Leben fortsetzen, das er vor seiner Berufung geführt hatte. Wenn die anderen Apostel aber recht hatten und Jesus wirklich auferstanden war, dann sah sein künftiges Leben ganz anders aus; dann hatte er in die Welt hinauszugehen und die Auferstehung zu verkünden.
Eine solche Lebensentscheidung will wohlbegründet sein! Hatte nicht Jesus selber dazu geraten? „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Aber es erhebt sich noch eine Frage. Warum war er nicht bei den anderen Jüngern. Da hätte er doch selber Jesus sehen können? Vielleicht hat er etwas getan, was wir auch bisweilen tun, wenn wir mit einer Sache nicht zu Rande kommen: er hat sich zurückgezogen, er hat die Gesellschaft seiner Freunde gemieden, er wollte allein sein. Er hat sich isoliert, zurückgezogen in seine eigene Traurigkeit und Ratlosigkeit.
Wie haben Jesus und die anderen Jünger auf die Zweifel des Thomas reagiert? Die Jünger haben ihm seine Zweifel offenbar nicht verübelt. Jedenfalls haben sie ihn daraufhin nicht weggeschickt, sondern ihn weiterhin in ihren Kreis kommen lassen. Die Glaubenden duldeten den Zweifler in ihrer Mitte.
Hatten sie keine Angst, dass er sie mit seinen Zweifeln ansteckte? Anscheinend nicht. Ihr Glaube war fest genug, dass sie seine Zweifel nicht fürchteten.
Und wie reagierte Jesus auf den Zweifel des Thomas? Typisch menschlich wäre es gewesen zu sagen: Thomas war bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen nicht da: sein Pech! Nicht so Jesus. Er geht auf die Bedenken des Thomas ein, lässt seine Hand in seine Seite legen, wie Thomas es gewünscht hatte, gleichsam als Vorbedingung für seinen Glauben. So hätte Jesus nicht gehandelt, wenn er den Wunsch des Thomas als unverschämt empfunden hätte. Und die Worte: „Sei nicht ungläubig sondern gläubig!“ lassen sich auch als Ermutigung statt als Vorwurf verstehen. Und Thomas braucht Mut, um zu gestehen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Gesehen und berührt hatte er Jesus von Nazareth, den er als Mensch kannte und der zuvor am Kreuz gestorben war; geglaubt und bekannt hatte er, was seine Augen nicht sehen und seine Hände nicht begreifen konnten: dass dieser Jesus sein Herr und sein Gott war. Es ist das einzige Mal, dass Jesus in den Evangelien ausdrücklich Gott genannt wird, nicht Sohn Gottes oder Messias, sondern Gott.
Dieses Evangelium ist wichtig für uns alle in unserer eigenen Glaubenssituation. Wir sind immer beides: Glaubende und Zweifelnde. Wir haben nichts Handgreifliches vor uns, nur das Zeugnis derer, die den Auferstandenen gesehen und berührt und mit ihm gesprochen haben. Und der Glaube an den Auferstandenen und an die Auferstehung wird ein Glaube bleiben, so wie die wichtigsten Dinge im menschlichen Leben Dinge des Glaubens und nicht des Begreifens oder des Wissens sind. Und es völlig normal, dass wir auf Grund unserer eigenen Zweifel immer wieder zum Nachdenken und auch zum Beten angeregt werden. Denn der Glaube ist nicht etwas, das wir uns durch gelehrtes Studium erwerben könnten, er ist ein Geschenk von Gott.
Für manche Menschen ist der Glaubenszweifel eine Sünde. Sie trauen sich nicht, eigene Gedanken zu hegen und Fragen zu stellen. Wie auch immer sie das begründen, auf Jesus können sie sich dabei nicht berufen. Vielleicht haben sie es früher im Beichtunterricht so gehört, in der Christenlehre oder in der Predigt, in Zeiten, als vom mündigen Christsein und von der Verantwortung aller für die Weitergabe des Glaubens noch nicht die Rede war. Doch schon der Katechismus von 1955 unterschied zwischen Glaubensschwierigkeiten, die keine Sünde sind, und schuldhaften Glaubenszweifeln. Im Geist des Konzils sagt der Erwachsenenkatechismus von 1985: „Nicht erst heute ist der Glaube fragender, suchender, angefochtener Glaube, der erst unterwegs ist. Die Wirklichkeit, in der wir leben, spricht ja oft genug eine ganz andere Sprache als das Wort Gottes...Nicht zuletzt scheinen die Absurditäten des Lebens, das ungerechte Leiden und das oft grausame Sterben, der Botschaft von der Liebe Gottes Hohn zu sprechen. Der Glaubende soll und darf solchen Fragen nicht ausweichen...“
Unerbittlich stark ist der Hunger nach Leben und die Sehnsucht nach Glück in unserem Leben. Viele Menschen suchen diese Dinge an der Oberfläche, sie jagen Dingen nach, die sie nicht endgültig erfüllen können. Das, was ihr Herz ausfüllen könnte, das verdrängen sie, schieben es beiseite. In dieser Gefahr sind wir auch immer wieder. Niemand von uns kann sich dem Zug der Zeit und ihren Strömungen entziehen. Jesus lässt sich von Thomas berühren, weil er weiß, dass wir Menschen von Zeit zu Zeit eine kleine Sicherheit brauchen, einen kleinen Berührungskontakt mit jenem Glauben, der unser ganzes Leben berührt. Möge Gott, der unsere menschliche Schwäche kennt auch in unserem Leben immer wieder auf uns eingehen und immer wieder ein kleines Licht für uns anzünden, das uns das Glauben leichter und freudiger macht, damit unser eigener Glaube für die anderen Menschen sichtbar wird. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

22.04.2012: 3. Sonntag in der Osterzeit

22.04.2012: 3. Sonntag in der Osterzeit

Lk 24,35-48

An einem Nachmittag in einer belebten Geschäftsstraße: ein junges Mädchen saß auf einer Leiter und hielt ein Stück Karton in der Hand, zeigte es den Menschen, die vorübergingen. Und was stand darauf? „Ich habe keinen Kontakt mit Höheren Mächten“. Das sollte wohl so eine Art von Provokation sein. Sie sagte dann auch zu einem älteren Herrn, der an sie Fragen stellte: "„Ich glaube nicht an Gott! Gott ist eine Erfindung der Menschen!“ Worauf der Herr antwortete: „Gott, das ist die Natur!“
Ich habe mir dann die Frage gestellt: Warum macht das ein junger Mensch? Wenn er nicht an Gott glaubt, warum versucht er das an einem eher kalten Nachmittag von einer Leiter herunter den Menschen zu sagen. Vielleicht sollte es keine Provokation sein, sondern eher ein Hilfeschrei, der Hilfeschrei eines jungen Menschen, der keinen Kontakt mit einem Höheren Wesen hat, vielleicht weil er ihn nicht will, vielleicht weil er ihn nicht finden kann. Das alles geschah an einem Abend auf einer unserer geschäftigen Straßen, unweit unserer schönen und prunkvollen Kirchen, dass ein junger Mensch seine Kontaktlosigkeit zu einem höheren Wesen, sprich zu Gott herausschreit und die vorbeigehenden Menschen damit konfrontiert.
Ich kann mir denken, dass einige Menschen wohl über solch eine Demonstration nachdenklich geworden sind. Wie ist das eigentlich mit meinem eigenen Gottesglauben? Ist Gott für mich auch nur die Natur? Ist Gott für mich auch nur eine Erfindung des Menschen? Diese Behauptung ist übrigens nicht neu. Schon bei einem griechischen Komödiendichter um 400 v. Chr. finden wir sie. Wissen sie, es kommen immer wieder Stunden, in denen wir uns gewichtige Fragen stellen. Und so eine gewichtige Frage ist eben die nach Gott. Manchmal genügen uns nicht mehr unsere prachtvollen Gotteshäuser, die von der Gläubigkeit unserer Vorfahren Zeugnis ablegen. Für viele Menschen sind sie nur mehr Museen und keine Orte der Begegnung mit Gott mehr.
Ich stelle mir aber noch eine andere Frage: Was ist in den letzten beiden Generationen geschehen, dass so viele Menschen mit der Kirche und mit Gott nichts mehr anfangen können? Eines muß ich allerdings entschieden verneinen: dass man der Jugend von heute religiöse Interesselosigkeit vorwerfen könnte. Das zeigt schon der Trend zu den verschiedenen Sekten. Ich habe auch meiner vielfachen Tätigkeit mit Jugendlichen, sowohl in der Schule als auch außerschulisch den Eindruck, dass geradezu ein Hunger nach religiösen Dingen vorhanden ist. Und sie beginnen zu verhungern, wenn es uns Erwachsenen nicht gelingt, ein glaubwürdiges Zeugnis für unser Christentum abzulegen. Das ist das einzige, was zählt und was ernst genommen wird. Der religiöse Zugang zu Menschen geschieht nicht durch eine Lehre, auch nicht durch Gesetze und Vorschriften, sondern durch das Beispiel des Lebens. Durch unser Leben und durch unser Beispiel wird die Kraft des Evangeliums sichtbar und spürbar. Wir brauche nicht auf eine Leiter zu klettern mit einer Schrifttafel in der Hand, wo drauf steht: Gott lebt! Unser Leben muß Zeugnis dafür ablegen. Das sagt auch der Schlußsatz der heutigen Frohen Botschaft: „Ihr seid Zeugen dafür!“ Wofür? Für den lebendigen Christus, den Sohn Gottes, Zeugen für einen Gott, der auch heute noch unserer Welt nicht Lebewohl gesagt, sich von ihr distanziert hat. Aber unsere Welt denkt in ganz anderen Kategorien. Wirtschaft, steigende Arbeitslosigkeit, nationalistische Spannungen, steigende Leistungen, das sind heute unsere Probleme, die uns ganz massiv beschäftigen. Aber in all unseren Diskussionen, die wir um ein neues Europa führen fehlt die Dimension des Geistes, jenes christlichen Geistes, der von den Anfängen des Christentums her unser Europa gestaltet hat und aus unserer Kultur nicht weg zu denken ist. Und diesen Geist klammern wir heute bewußt aus. Wir brauchen ihn scheinbar nicht mehr. Wir machen alles selber. Natürlich, wir müssen uns mit wirtschaftlichen Fragen intensiv beschäftigen; aber sie werden ohne den Geist christlicher Solidarität nicht zu lösen sein.
Ich sehe es ihnen an, dass sie mir jetzt eine Frage stellen möchten. Die Frage: Was kann ich tun? Sind nicht meine Möglichkeiten gleich Null? Absolut nicht! Die ganze Kehrtwendung fängt nämlich beim Einzelnen an. Sie fängt damit an, dass wir Ernst machen mit dem, was unter dem Stichwort Neuevangelisierung zu verstehen ist. Damit ist eine Orientierung nach der Botschaft Jesu gemeint. Wir ahnen nicht, welche geistigen Quellen im Evangelium versteckt sind. Wir nehmen noch nicht war, wie modern die Orientierungshilfen sind, die uns die Frohe Botschaft Jesu bietet.
Johannes Chrysostomus, der Patriarch von Konstantinopel und Zeitgenosse des jungen Augustinus im 5. Jahrhundert n. Chr. schreibt in einem Kommentar zu den Paulusbriefen folgende Sätze: „Leuchtet wie Licht in der dunklen Welt; man braucht so etwas nicht zu sagen, wenn unser Leben wirklich leuchtete. Es brauchte keine Belehrung, wenn wir wirklich Taten sprechen ließen. Es gäbe keine Heiden, wenn wir wahre Christen wären, wenn wir die Gebote Christi hielten. Aber: dem Geld huldigen wir genauso wie sie, die Heiden, ja, noch mehr als sie. Vor dem Tod haben wir Angst, so wie sie. Armut fürchten wir, so wie sie. Krankheiten ertragen wir schwerer als sie. Wie sollen sie vom Glauben überzeugt werden? Durch Wunderzeichen? Wunder geschehen nicht mehr. Durch unser Verhalten? Das aber ist schlecht. Durch Liebe? Keine Spur davon zu sehen. Darum werden wir auch einst nicht nur über unsere Sünden, sondern auch über den Schaden Rechenschaft ablegen müssen, den wir angerichtet haben.“ Soweit Chrysostomus. Was dieser Mann am Beginn eines christlichen Europa gesagt hat, gilt unverändert für unser neues europäisches Vorhaben. Das entscheidende ist letztlich immer wieder der Mensch und das, was er tut. Schöne Worte allein genügen nicht.
„Ihr seid Zeugen dafür!“ Zeugen für die wirkliche Auferstehung des Gekreuzigten, Zeugen für den Frieden, der uns angeboten ist, Zeugen für die Vergebung der Sünden, für die Erfüllung der Schrift in der Person des Jesus von Nazaret. Für dieses Zeugnis ist uns die Gabe des Vaters verheißen: der Heilige Geist, die „Kraft aus der Höhe“. Das Zeugnis der Zeugen ist vor allem ihr österliches Leben, das vom Geist des Auferstandenen geformt und geprägt ist. Dieser Geist will auch uns erfassen und uns zum Zeugnis befähigen. Wenn wir um den Geist bitten und uns ihm wie eine offene Schale hinhalten, schenkt er uns eine neue Lebensqualität und eine Ausstrahlungskraft, die nicht von dieser Welt ist.
Dr. Paul Ladurner schrieb einmal in einer Kirchenzeitung: „Bisher hieß es: österliche Pflichten, eheliche Pflichten, Sonntagspflichten, Fastenpflichten und mit einem Wort: Christenpflichten! Wie wär´s mit einer Schubumkehr? Mit österlichen Freuden, ehelichen Freuden, Sonntagsfreuden, Fastenfreuden, mit einem Wort: Christenfreuden? Geht es letztlich um die Botschaft der Liebe? Um eine Botschaft ohne Zwang, ohne Drohung, ohne Strafe, eben um die Botschaft der Freude?“
Österliches Christsein und daraus erwachsend österliches Zeugnis ist zuerst und vor allem Freundschaft mit Jesus Christus und nicht die Erfüllung eines Pflichtenkatalogs von „Du sollst“ und „Du mußt“. In einer Freundschaft ist nicht Pflicht vorherrschend, sondern Liebe und Freude.
In einem österlichen Spruch eines Unbekannten heißt es - und darin ist sehr schön ausgesagt, was ich ihnen ans Herz legen will: „Als ich das Leuchten in deinen Augen sah, die Kraft in deinen Taten erlebte und die Liebe in deinem herzen erahnte, hatte ich das Gefühl von Auferstehung.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

29.04.2012: 4. Sonntag in der Osterzeit

29.04.2012: 4. Sonntag in der Osterzeit

„Religion ja - organisierte Religion nein!“ - so oder ähnlich lautet unter den Megatrends 2000 das Ergebnis neuester Meinungsforschung zum Thema „Religion in der heutigen Gesellschaft“. Organisierte Systeme sind nicht gefragt, weder demokratische noch religiöse. Offenheit für einen letzten Sinn, für den Geheimnischarakter des Lebens, für das Numinose im Kosmos sind jedoch allenthalten verbreitet. Die Soziologen sprechen seit Jahren von der „unausrottbaren“ Religiosität unserer Gesellschaft. Man ist fasziniert von esoterischen Ideen und Praktiken, von Strömungen, in denen die Natur geradezu mystifiziert wird, von alten Mythen und neuer Gnosis, von allerlei Sekten und Gruppierungen. Institutionelle Formen und Formeln der Religion und des Glaubens hingegen nehmen ab. Man spricht von einer „diffusen“ Religiosität. Ja, man könnte die Einstellung vieler oft sogar präzisieren: „Religion ja - personaler Gott nein!“. Die Versuchung, auf dem Hintergrund dieser religiösen Landschaft sich von der kirchlichen Religiosität weitgehend zu lösen, ist groß, auch für den, der sich bislang als katholischer oder evangelischer „Normalschrist“ verstanden hat.
In dieser Situation wird uns ein Text aus dem 1. Johannesbrief vorgetragen. Er scheint im ersten Moment kaum Hilfe und Orientierung zu bieten, kaum eine größere Klarheit zu schaffen und unseren Bedürfnissen und Fragen zu entsprechen. Die Reden von den „Kindern Gottes“ wirkt eher frömmelnd, auf keinen Fall attraktiv für einen heutigen Menschen. Doch fragt man nach dem „Sitz im Leben“ dieses Briefes, dann lösen sich unsere Vorurteile vielleicht auf: Er war an Christen gerichtet, die von Leuten beeinflusst und in die Enge gedrängt sind, die sich vordergründigen religiösen Ideen geöffnet haben; von Leuten, die einen neuen und endgültigen Zugang zu Gott zu haben meinen, die in schwärmerische Religiosität verfallen sind. Die Antwort, die der Text zu geben scheint könnte in ihrer Schlichtheit auch für uns zu einer christlichen Orientierung unserer eigenen, im Grunde gar fragwürdig gewordenen Religiosität werden.
Mit unverhohlenem Stolz sprechen die frommen Israelis in ihrem Land von den „Kindern Israels“. „Wir heißen Kinder Gottes und sind es“. Das gilt auch für uns. Kinder Gottes zu heißen und zu sein, das hat seine eigene Qualität. Als „Kinder Gottes“ sich zu verstehen - das muss kein infantiles Gerede sein! Wenn man es wirklich versteht klingt es geradezu wie ein christlicher Hoheitstitel. Gemeint ist die besondere, enge und vertrauensvolle Beziehung, in der wir als Christen zu Gott stehen. Dies beinhaltet Geborgenheit in Gott, Angenommen sein durch ihn. Das bedeutet eine unwahrscheinliche innere Freiheit. „Kinder Gottes zu sein“ beschreibt die neue Realität, in der wir als Christen leben dürfen.
Kinder sind noch nicht erwachsen, Kinder haben noch ihre Zukunft vor sich, ihr Lebensentwurf ist noch nicht abgeschlossen. Sie wissen, dass sie auf andere angewiesen und noch nicht am Ziel sind. So steht uns als Christen noch etwas bevor, so haben wir noch etwas zu erwarten: die „Schau Gottes“. Die Begegnung mit ihm von Angesicht zu Angesicht ist das, was wir für die Zukunft erhoffen dürfen, was unsere irdische Existenz verwandeln, uns gottähnlich machen wird.
Dieser Text aus dem Johannesbrief kann uns Christen von Heute das Vertrauen zu einem Gott vermitteln, der um uns weiß, von dem wir uns angenommen wissen dürfen. Er wehrt aller überzogenen Schwärmerei innerhalb und außerhalb der Kirche, die meint, Gotteserfahrungen geradezu abrufen zu können, gleichsam in der Tasche zu haben. Dieser Brief ist ein Vademecum, mit dessen Inhalt man als Christ auch in der heutigen Zeit, auch in einem unübersichtlich gewordenen religiösen Milieu leben kann.
Das Evangelium gibt uns Antwort und sagt etwas aus über die Frage nach der richtigen Führung. Wem sollen wir uns anvertrauen. Dem guten Hirten darf das Schaf getrost vertrauen. Wehe aber, es fällt einem falschen Führer zum Opfer. Ausdrücklich warnt das Johannesevangelium vor den falschen Führern, die überall lauern. Sie führen die Gemeinde nicht mit dem nötigen Einsatz, sie machen sich aus dem Staub, wenn Probleme auftauchen.
Das Angebot an Stimmen, die uns Führung verheißen, wird ständig größer. Der Markt für die Führung zum Seelenglück ist beinahe unüberschaubar. Wie lässt sich in dieser Stimmenvielfalt die Stimme des guten Hirten erkennen? Dafür gibt es eine Leitfrage: Gilt die Stimme dem Menschen oder dem finanziellen Nutzen? Der gute Hirte hat ein Herz für den Menschen, er kennt seine Schäfchen, er lässt sie nicht im Stich. Die Autoren der Esoterikliteratur leisten keine spürbare Lebenshilfe, sie erfreuen sich aber garantiert guter Einnahmen. Auf dem expandierenden Therapiemarkt sind die Psychologen fragwürdig, die vor allem an hohen Rechnungsbeträgen interessiert sind. In der Sektenlandschaft ist der Machtmissbrauch bekannt. Psychisch labile Menschen lassen sich aber leicht einfangen. Scientology verspricht geistig-seelischen Fortschritt durch die Teilnahme an teuren Kursen. Stattdessen ist das Ziel aber psychische Abhängigkeit, um den Schäfchen besser das Fell abziehen zu können. Leben in Fülle wird propagiert, aber das große Geld wird auf jeden Fall gemacht.
Wir hören also viele Stimmen. Um die gefährlichen und verführerischen von den tragenden und führenden unterscheiden zu können, müssen wir äußerst wachsam sein. Die Stimme des Guten Hirten will uns nicht ausnutzen und missbrauchen. Der Gute Hirt ist bereit, uns auf seinen Schultern zu tragen, wenn wir selbst nicht mehr laufen können. Es gibt kaum tröstlichere Worte als die, die uns im Psalm 23 aufgeschrieben sind, wo vom Guten Hirten die Rede ist:
Hören wir diesen Text in der Übersetzung von Martin Buber:

Er ist mein Hirt, mir mangelt´s nicht.
Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich.
Die Seele bringt er mir zurück, er leitet mich in wahrhaftigen Gleisen um seines Namens willen.-
Und muss ich gehen durch Todschattenschlucht, fürcht ich nicht Böses,
denn du bist bei mir, dein Stab, deine Stütze - die trösten mich.
Du rüstest den Tisch mit meinen Drängern zugegen,
streichst das Haupt mir mit Öl, mein Kelch ist Genügen.
Nur Gutes und Holdes verfolgen mich nun all Tage meines Lebens,
ich kehre zurück zu Deinem Haus für die Länge der Tage.

P. Paul Mühlberger SJ

06.05.2012: 5. Sonntag in der Osterzeit

06.05.2012: 5. Sonntag in der Osterzeit

Joh 15, 1-8

Es war während einer Bibelrunde, wo genau dieser Text betrachtet wurde, den wir soeben gehört haben. In diesem Text sollte darauf hingearbeitet werden, die lebensvolle Beziehung eines Christen zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Überraschenderweise aber blieben die meisten Leute an der Drohung mit dem Feuer hängen. Für sie war das Bild vom Verbrennen der dürren Rebzweige stärker als der Impuls des lebenspendenden Weinstocks.
Damit sind wir auf eine Seite des Christenseins gestoßen, die wir in unserer Zeit häufig verdrängen. Was die Höllenprediger in vergangenen Zeiten zu viel des Guten getan haben, ist heute in den Hintergrund getreten. Vielleicht liegt es auch an den Mitteln, mit denen in früheren Zeiten die Möglichkeit des Scheiterns besprochen worden ist. Ich lehne es ab, mit Angstmacherei zu arbeiten. Dafür ist mir die Botschaft vom guten Gott zu schade. Das Feuer des Bildwortes vom Weinstock ist nicht das Höllenfeuer, nicht der Feuersee, in dem die unsterblichen Seelen ewige Qualen leiden. Es ist schlicht das Feldfeuer, in dem nutzlose Abfälle beseitigt werden. In der vorliegenden Schriftstelle geht es sicherlich nicht um die Spekulation mit Bildern von Brandwunden und sadistischen Quälereien mit dem Feuer. Es stellt anschaulich die Möglichkeit der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit vor Augen, die einen jeden Menschen überfallen kann, wenn er Bilanz seines Lebens zieht.
Ich frage mich immer öfter, ob uns Christen die Dringlichkeit und die Notwendigkeit des Fruchtbringens hinreichend bewußt ist. An den Früchten, die wir bringen, wird unser Leben einmal bemessen werden. Dabei stehen auch wir unter einem gewissen Erfolgsdruck. Die Forderung Frucht zu bringen gilt aber nicht nur dem einzelnen im Sinne von „Rette deine Seele“, dem früheren Leitgedanken der Volksmissionen, sie gilt der Kirche als ganzer und auch jeder einzelnen Gemeinde.
Es wäre einseitig und zu kurz gegriffen, wollten wir das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, von der Aufforderung in inniger Verbindung mit Christus zu bleiben, einfach individuell persönlich zu verstehen im Sinne: Siehe zu, dass du mit Jesus Christus in Kontakt bleibst, dass deine mystische Gemeinschaft mit ihm nicht verkümmert oder verloren geht. Dies ist nur eine Dimension dieser Jesusrede. Die meines Erachtens noch wichtigere wird erst sichtbar, wenn wir uns den Bezug zum Alten Testament vergegenwärtigen. Das Bild vom Weinstock ist nicht neu. Die Propheten vergleichen Israel mit einem Weinberg oder Weinstock. Gott ist der Winzer. Sein Volk bringt nicht die erwarteten Früchte.
Wenn nun Christus von sich sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“, so erhebt er damit den Anspruch, dass er der Wurzelstock eines neuen Gottesvolkes ist. Die Jünger, die mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, bringen die ersehnten Früchte. Er und seine Jünger sind der neue Weinstock Gottes. Gott ist der Winzer. Er pflegt seinen Weinstock, reinigt ihn, schneidet ab, was dürr und nutzlos ist.
Es geht hier wirklich einmal darum, dass wir uns ernstlich fragen, wie unsere Verbindung mit Jesus beschaffen ist. Es fällt ja immerhin auf, dass in unserem Text das Wort „bleiben“ nicht weniger als neunmal verwendet wird. Wenn Jesus dieses Wort so betont, will er sicher etwas unterstreichen. Zunächst verwendet er das Wort in einem Beispiel. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie am Weinstock bleibt. Ohne diese Verbindung würde die Rebe verdorren und absterben. Dann überträgt Jesus das Bild auf die Verbindung seiner Freunde zu ihm selber. Auch die Anhänger Jesu können nur Frucht bringen, wenn sie den Zusammenhalt mit ihrem Meister nicht verlieren.
Jesus beschreibt diese Verbindung noch genauer. Er sagt, dass es seine Worte sind, die in seinen Jüngern bleiben sollen. Ein Wort, das man hört, kann sein wie ein Windhauch. Es wird gesprochen und verweht, ohne dass es Eingang findet in den Hörer. Ein Wort kann sein wie ein Hammerschlag, der einen bleibenden Eindruck schafft, ein Wort kann sein wie ein Wunder, welches das Leben eines Menschen nachhaltig verändert. Ein Wort kann ein Vermächtnis sein, das in einem Menschen weiterlebt und wirkt. Wenn das, was er gesprochen hat, in seinen Jüngern fortbesteht, lebt und wirkt er selber in ihnen.
Man liebt heute in vielerlei Angeboten das englische Wort „light“, was „leicht“ bedeutet. Das Wort hört man auch manchesmal in einem religiösen Zusammenhang. Im Klartext heißt das: es besteht der Trend zu einer christlichen Bequemlichkeit. Wir lieben die Harmonie. Gott ist gut, sagen wir. Beim Lied vom „Strengen Richter aller Sünder“ singen wir nicht mehr mit. Beichten waren wir schon lange nicht mehr. Wir glauben nicht mehr, dass man alle Gebote so ernst nehmen müssen, auch nicht die Vorschriften der Kirche. Im „Zustand der Todsünde leben“ – nicht einmal den Begriff kennen wir noch. Dass man vor der Ehe schon jahrelang zusammenlebt und dass das nicht in Ordnung ist, können wir uns nicht mehr vorstellen. Gott hat wohl andere Sorgen. Statt Droh-Botschaft: Froh-Botschaft. In der Bibel überschlagen wir die unangenehmen Stellen oder interpretieren sie nach unserem Geschmack. Glaube light! Heißt die Parole. In der Gemeinde gehen wir lieb miteinander um. Nur keine Konflikte. Alles möglichst harmonisch. In der Gestaltung des Gottesdienstes suchen wir krampfhaft nach immer neuen Gags und nach Action, um die Einschaltquoten zu verbessern.
Wer gibt schon zu, dass es bei alldem langweilig geworden ist in der Kirche. Was saftig ist und vital, was spannend ist und starke Gefühle auslöst, was kreativ ist und kritisch, das ist bei uns nicht gefragt. Stattdessen gibt es eine Inflation von Wörtern, von Worthülsen und frommen Phrasen. Und viel bedrucktes Papier. Und das Schlimmste daran: Das alles ist folgenlos. Folgenlos deshalb, weil das Wesentliche nicht mehr betrachtet wird. Es geht in unserer Messfeier z.B. nicht um einen Unterhaltungseffekt, es geht nicht um eine Show oder wie man jetzt sagt um ein Event. Man kann ja leider auch mit unklug gewählten Gestaltungsbeigaben die Sache selbst verwässern.
Doch genug damit. Ich habe wieder einmal das Gefühl, ich habe den falschen Leuten gepredigt. Diejenigen, denen ich das sagen wollte, sind leider nicht hier, sind abwesend, nicht nur in dieser Kirche, sondern überhaupt in den Kirchen. Die denen ich das sagen wollte sitzen schon längst in ihrem Auto und fahren ins Grüne oder schlafen sich einmal aus. Die, denen ich das sagen wollte, würden sich vielleicht die Ohren zuhalten, weil sie die Dinge gar nicht hören wollen. Die, denen ich das sagen wollte, wollen keine Rebe sein und kümmern sich auch nicht um den Weinstock und ans Früchte bringen denken sie nicht. Sie machen es sich leicht, denn die Höllenbilder von Breughel und Bosch sind für sie nur Kunst und religiöse Phantasie und Dante „Göttliche Komödie“ erfüllt sie nicht mehr mit Schaudern.
Wenn ich etwas über mich sagen soll? Ich habe keine Angst vor Gott und ich habe auch keine Angst vor dem Teufel, weil ich in der Freundschaft mit Gott lebe. Aber ich habe immer ein wenig Angst vor mir selbst, weil ich zurückblickend sagen kann, dass mein Fruchtbringen nicht so gewaltig war. Oder war es das doch – bei jedem von uns? Haben wir nicht doch in unserem Leben gute Früchte gebracht und es ist uns verborgen. Welchen Einfluß hatte unser Gebet in unserer Welt und bei unseren Mitmenschen? Wie viele unsere Opfer, Mühen und Nöte haben Segen gebracht für die Menschen? Sehen sie, wenn ich daran denken, dann schwindet die Angst dahin- die Angst vor mir selbst – denn ich weiß: mein bescheidener Kontakt mit dem Weinstock hat in mir doch bewirkt, dass ich Früchte hervorbrachte. Es war nichts in meinem Leben umsonst und nichts sinnlos, weil mein Leben immer in Zusammenhang mit dem Erlöser gewesen ist.
Man soll und kann heute nicht mehr einem Menschen mit einer Höllenpredigt Angst machen. Aber es ist gut, wenn wir uns Menschen immer wieder erinnern an unsere Verantwortung, denn auch der Satz gehört zur Frohen Botschaft, wo es heißt: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“
Mit welchem Recht könnten wir gerade diesen Satz aus dem Evangelium ausstreichen? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

13.05.2012: 6. Sonntag in der Osterzeit

13.05.2012: 6. Sonntag in der Osterzeit

Joh 15, 9-17

Wir hören heute, kurz vor Christi Himmelfahrt, ein Evangelium aus den Abschiedsreden Jesu. Seine Worte haben – wie jedes letzte Vermächtnis – ein besonderes Gewicht; sie betreffen die Zukunft der Jünger. Dabei fällt der durchwegs positive Tenor der Worte Jesu auf. Für „Abschiedsreden“ ist das nicht selbstverständlich. Man stelle sich ein besorgte, liebende Mutter vor, die sich von ihrem Sohn verabschiedet: wie sie alle möglichen Gefahren an die Wand malt und davor warnt und welche Mahnungen sie ihrem Sohn mit auf den Weg gibt! Anders Jesus; schauen wir einmal auf einige zentrale Aussagen.
Zunächst sichert Jesus seinen Jüngern seine Liebe zu. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich auch euch geliebt.“ Diese Aussage müssten wir uns einmal auf der Zunge zergehen lassen. Dann würde so mancher Pessimismus und manche Hoffnungslosigkeit schwinden. Und in dieser Liebe sollen wir bleiben. Ist das eigentlich so schwer? Ja und nein. Denn in der Liebe Gottes bleiben bedeutet nicht ein still halten und abwarten. Wir müssen nur einmal darauf achten, wie sich die Liebe Gottes in Jesus gezeigt hat. Wenn wir den Einsatz Jesu für die Botschaft seines Vaters beachten, dann können wir uns nicht mehr bequem zurücklehnen, dann sind auch wir zum Handeln aufgerufen. Und worin besteht unsere Tätigkeit? „Wenn ihr meine Gebote haltet, werden ihr in meiner Liebe bleiben". Und nun können wir sie alle einmal durchgehen, jene 10 Gebote, die Moses im Auftrag Gottes am Sinai den Israeliten gegeben hat, jene grundlegenden 10 Punkte, die menschliches Leben in seiner ganzen Fülle garantieren, unser Verhalten gegenüber Gott, den Menschen und den Dingen.
Es wäre zu kurz gesehen und sogar ein Missverständnis immer nur das „du sollst“ und „du sollst nicht“ zu sehen, so wie es ein Autofahrer tun würde, der sich über die Leitplanken ärgert, die seine Straße begrenzen. Die Gebote sind keineswegs Einengungen, sie stellen vielmehr eine Aufgabe dar. Und wenn seinerzeit die Israeliten aus den 10 Geboten 365 Vorschriften gemacht haben, so erhebt sich die Frage: steckt hinter dem Flechtwerk menschlicher Auslegungen auch wirklich noch die Liebe. Um die geht es ja schlussendlich. Sagt doch der Kirchenlehrer Augustinus: „Liebe und dann tue, was tue willst.“ Dieser Satz klingt zunächst gefährlich, meint aber schließlich genau das, was Jesus gemeint hat.
Im Rahmen der 10 Gebote, im Rahmen der Liebe sollen wir nun tätig werden, Frucht bringen, wie es im Evangelium heißt. Tätig werden in unserer Welt, unter den Menschen und somit auch vor Gott, indem wir seinen Plan mit seiner Schöpfung mehr und mehr Gestalt werden lassen.
Die Welt braucht uns. Ihre Schreie sind nicht zu überhören. Die Zeichen der Zeit, vermögen wir sie noch zu deuten? Können wir sie überhaupt noch lesen? Wir leben in einem Klimawechsel. Scheinbar braut sich was zusammen. Stehen die Zeichen auf Sturm? Lange Zeit haben wir gedacht: es geht alles so weiter. Die Sonne scheint, die Wirtschaft läuft, der Rubel rollte und auch der Euro. Und auf einmal müssen wir feststellen: die Nadeln rieseln, die Blätter fallen und das nicht nur im Herbst. Wir stehen im Regen, im sauren Regen. Just in dem Moment, wo wir denken die Bäume wachsen in den Himmel, beginnen sie zu sterben.
Die Armut und Not vieler Menschen schreit zu Himmel; aber scheinbar haben viele Menschen keine Antenne mehr für diese Signale. Sie schreit zum Himmel; aber sie verödet vor dem Fernseher. Die Armut wächst und zugleich der Luxus. Die Starken werden stärker und die Schwachen schwächer. Das treibt unsere Gesellschaft auseinander. Und die Politiker lähmen sich gegenseitig.
Dann das große Schlagwort von heute: „Entertainment“, Unterhaltung. Talk-Shows am laufenden Band. Die Unterhaltungsindustrie läuft auf Hochtouren. So flach wie möglich, ja nicht in die Tiefe gehen. Die Vermüllung belastet nicht nur unsere Umwelt, sondern auch Hirne und Herzen. Neil Postman hat den Satz geschrieben: „Wir amüsieren uns zu Tote.“ Es ist chic, Positionen zu vertreten, wie jemand Staubsauger oder Spülmaschinen vertritt, ohne dass das Herz dabei eine Rolle spielt, geschweige denn das Leben. Wir verlernen jene Entschiedenheit, mit der man eben nur so und nicht auch anders denkt und handelt. Was ist noch heilig? Fast alles ist käuflich!
Sie könnten jetzt einwenden: Was soll das alles in einer Predigt? Aber gerade diese aufgezählten Punkte sind die Herausforderungen, denen wir uns als Christen stellen müssen. Man hört manchmal den Vorwurf: Die Kirche ist zu politisch, sie soll sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Und doch geht es uns was an. Die Schöpfung geht uns an, die Menschen gehen uns an, so wahr es uns um Gott geht. Wir können doch nicht einfach nur unser frommes Schäfchen ins Trockene bringen wollen und dabei tatenlos mit ansehen, wie unsere Gesellschaft immer weiter auseinandertreibt und wie das Christentum für viele Menschen zur Staffage wird und die christlichen Kirchen zu Museen.
Offensichtlich verliert ja der Glaube zusehends an Boden. Viele stellen das genüsslich fest und denken: Jetzt sprießen in dem entstehenden Vakuum Aufklärung und Humanität nur so aus dem Boden. Weit gefehlt! Desorientierung und Aberglaube breiten sich aus. Und an die Stelle des Glaubens an den menschenfreundlichen Gott ist längst die gnadenlose „Religion des Marktes“ getreten. In ihrem Bann bringen wir uns bei, dass die Ellenbogen wichtiger sind als das Herz. Längst ist die Seele an den Markt verkauft, und wir wundern uns, dass das soziale Klima frostig geworden ist und viele frieren und erfrieren. Geld zählt mehr als Glaubensüberzeugung, als Aufrichtigkeit; und da wundern wir uns über Korruption und Gewalttätigkeit – schon bei Kindern und Jugendlichen: Wir werden uns noch viel mehr wundern. Wir können Gesetze schaffen und härter anwenden, soviel wir wollen: Es wird sich wenig ändern, wenn die notwendigen Voraussetzungen in unseren Köpfen und Herzen ausbleiben. Die Krise in Umwelt und Gesellschaft ist eine Krise des Menschen. Er hat leider vielfach vergessen, wer Herr der Schöpfung ist.
Haben wir, haben sie und ich, in dieser Situation überhaupt noch Chancen? Sicherlich. Aber nicht wir allein und auch nicht aus unserer eigenen Kraft. Aber es sollte uns deutlich werden, welche verändernden Kräfte in uns stecken, wenn Gott hinter uns steht. Jesu Lehre hat immerhin die Welt verändert, wenn auch nicht immer verbessert. Jesus hat vielmehr den Keim, den Samen zur Weltveränderung in unsere Hände gelegt. Haben wir vielleicht schon zu lange aufs Eis gelegt, konserviert? Oder haben wir ihn auf den falschen Acker gesät oder warten wir bis ein anderer für uns die Initiative ergreift. Der Geist Christi um den wir in diesen Tagen immer wieder beten, ist nicht von gestern, er ist heute wirksam. Wo der Geist Jesu lebendig ist, da herrscht ein anderes Klima, da ist man wach füreinander. Da haben Fremde Platz an unseren Tischen. Da kommen all die in den Blick, die sonst hinten herunterfallen. Wo der Geist Jesu herrscht, da dürfen Gebeugte sich wieder aufrichten und aufatmen, da finden Schuldige Vergebung. Wo der Geist Christi herrscht, da wird die Welt nicht schöngeredet, da wächst Zivilcourage zum klaren Wort gegen das Verdrängen des sozialen Unrechts, gegen Politikverdrossenheit und kulturelle Belanglosigkeit.
Wir müssen uns nicht verstecken. Wir dürfen uns gar nicht verstecken. Wir können uns sehen lassen. Wir können in aller Öffentlichkeit bekunden, wes Geistes Kinder wir sind. Wir sollten Schluss machen mit jeder Art von Selbstmitleid und sollten unsere Kräfte nicht internen Reiberein vergeuden. Wir sollen, um mit den Worten des Paulus zu sprechen, den „Geist nicht auslöschen“.
Ja, da müsste doch Freude aufkommen, dass Gott in uns so große Stücke setzt, da müsste doch Freude aufkommen, auch angesichts der nicht immer erfreulichen Entwicklung in unserer Welt. Und die Freude ist berechtigt, den Hoffnungslosigkeit und Missmut und Resignation sind nie Zeichen eines echten christlichen Geistes gewesen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

17.05.2012: Christi Himmelfahrt

17.05.2012: Christi Himmelfahrt

Mk 16, 15-20

Christi Himmelfahrt ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Kein Wunder, ist doch der Himmelfahrtsbericht in der Apostelgeschichte selber eine Art Gemälde. Das typische Himmelfahrtsbild hat drei Teile, besser gesagt drei Ebenen. Oben wird das Ziel der Himmelfahrt gezeigt, der Himmel. Er wird durch Wolken angedeutet, sie sind nach der Heiligen Schrift das Zeichen der Gegenwart Gottes. Oft schweben in den Wolken Engel, und Gott Vater erwartet seinen auffahrenden Sohn. Die Bildmitte zeigt immer Jesus Christus, wie er aufwärts schwebt. Unten auf der Erde, Christus nachblickend, stehen die Apostel, bei ihnen die zwei Männer in weißen Gewändern, wie die Apostelgeschichte erzählt.
Auch wenn dieses Bild als Glaubensaussage, nicht als Bildreportage zu verstehen ist, eignet es sich gut für eine Betrachtung.
Stellen sie sich im Geist einmal die Hauptperson, den auffahrenden Christus vor: Wie sieht er aus? Vor allem: Was hat er in den Händen?
Ich habe einmal ein Reklamebild gesehen, ich weiß nicht mehr, wofür es geworben hat; es zeigte einen Mann, der durch die Luft segelt, nur einen Koffer in der Hand - eine lustige Darstellung! Gar nicht lustig, vielmehr bedrückend sind Bilder, die Menschen auf der Flucht zeigen; wir kennen sie aus den Jahren nach dem Krieg, wir kennen sie aus den Fernsehberichten über Zentralafrika. Menschen schleppen ihre letzten Habseligkeiten in einem Koffer mit sich oder ziehen sie auf einem Leiterwägelchen hinter sich her.
Was trägt Jesus mit sich, was nimmt er von dieser Erde mit zu seinem Vater im Himmel? Jesu Hände sind leer. Allenfalls hat ihm der Maler eine Fahne in die Hand gegeben, die der Betrachter unschwer als Symbol für seinen Sieg über den Tod zu deuten weiß.
Als Jesus diese Welt verläßt und zum Vater geht, da sind seine Hände leer. Aber nicht ganz leer. Noch immer sind in ihnen die Male der Nägel, die der Apostel Thomas berühren durfte. Jesus hat von allem, was er hier auf Erden sein Eigen nannte, nichts in die Ewigkeit mitgenommen außer seinen Wundmalen. Sie sind Zeichen seiner großen Liebe zu uns, „durch seine Wunden sind wir geheilt“.
Auch wir sind zu dieser Herrlichkeit gerufen, in die Christus uns vorausgegangen ist. So heißt es im heutigen Tagesgebet. Und auch für uns gilt: Von all dem, was wir hier auf Erden unser eigen nennen, werden wir nichts in die Ewigkeit mitnehmen. All die Dinge, für die wir schuften und Geld ausgeben, werden wir einmal den lachenden Erben hinterlassen, fragt sich nur, ob sie darüber lachen oder eher den Kopf schütteln werden.
Nur das, was wir aus Liebe getan haben, werden wir in die Ewigkeit mitnehmen. Welch eine befreiende Botschaft, die Christi Himmelfahrt an uns richtet! Sie nimmt von uns den Druck, noch mehr leisten zu müssen, noch mehr haben zu wollen. Sie schenkt uns eine innere Gelassenheit und Heiterkeit des Herzens. Christus, in den Himmel auffahrend, mit leeren Händen, nur mit den Malen der Liebe gezeichnet: Dieses Bild lohnt in den Alltag mitgenommen zu werden.
Ich denke aber heute auch an den Satz von Bert Brecht, der einmal gesagt hat: „Über der Welt sind die Wolken; sie gehören zur Welt. Über den Wolken ist nichts.“ Mit diesem Wort wollte er betonen, dass es keine andere Welt gibt. Wenn die Menschen nach dem Tod nicht weiterleben können, dann sollen sie sich nicht auf das Jenseits vertrösten lassen. Diese Welt ist unser Auftrag; sie ist das Größte, was wir haben.
Tatsächlich hat auch Jesus unmittelbar vor seiner Himmelfahrt seine Apostel auf die Welt verwiesen: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet der gesamten Schöpfung das Evangelium!“ Jesus hat keineswegs die Welt einfach übersprungen; er hat sie als Aufgabe gestellt. Die Jünger gerieten allerdings in ein äußerst schwieriges Dilemma: Auf der einen Seite standen sie vor dem riesigen Auftrag, der ganzen Welt die Botschaft Gottes zu bringen; auf der anderen Seite mußten sie erfahren, dass derjenige vor ihren Augen emporgehoben wurde, der ihr Garant und ihre Stütze war. Wie konnten sie nun diesen Auftrag erfüllen?
Auf diese Not der Apostel reagiert der Evangelist mit der Feststellung: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Dieses letzte Wort des Markusevangeliums hat sicher großes Gewicht.
Als Jesus auf der Erde mit seinen Jüngern zusammenlebte, stand er ihnen in allen Fragen und Problemen bei. Er hat mit ihnen gesprochen, sie beraten, ermutigt, getröstet. Das war an diesem oder jenem Ort in Israel. Sein Wirken aber war immer örtlich begrenzt. Wenn er jetzt weggeht, hat das zur Folge, dass er von nun an überall in der Welt bei seinen Jüngern sein kann. So hat der Evangelist die Feststellung „der Herr stand ihnen bei“ für die Zukunft gesprochen - bis in unsere Tage. Dieses wichtige Wort hat Bedeutung für die ganze Kirche in allen Zeiten und an jedem Ort der Welt. Eine neue Form der Gegenwart wurde möglich, weil Christus in den Himmel aufgenommen wurde.
Der Evangelist schreibt: „Der Herr bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Viele Menschen sind für ihn in den Dienst gegangen; sie haben sein Wort verkündet, sein Denken und Wirken von Generation zu Generation weitergetragen. Zunächst beschreibt Jesus die Zeichen aus dem Verständnis seiner Zeit: Sie werden Dämonen austreiben, in anderen Sprachen reden, Schlangen können ihnen nichts antun, und tödliches Gift kann ihnen nicht schaden. Sie werden Kranken die Hände auflegen und sie gesund machen. Aber wie ist das heute? Wo erleben wir solche Zeichen in unserer Umgebung?
Dämonenaustreibungen und Krankenheilungen haben heute ein anderes Gesicht. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Als der italienische Ministerpräsident Moro von den Roten Brigaden entführt und 1973 ermordet wurde, hat noch im gleichen Jahr seine Tochter die Mörder ihres Vaters im Gefängnis besucht. Sie wollte diesen Männern in ihrem Namen und im Namen ihrer Familie vergeben. Als persönliche Motive, den Mördern zu verzeihen, führte die Tochter von Moro an: „Erstens bin ich Christin, und für Christen stellt Verzeihung eine Notwendigkeit, nicht nur ein Gebot dar. Zweitens, an meiner Stelle wäre mein Vater ebenso hingegangen, um das zu tun, was man ein Werk der Barmherzigkeit nennt. Und drittens war mein Weg zu den Mördern meines Vaters auch ein tiefes persönliches Erlebnis für mich“.
Durch einen solchen Akt der Verzeihung werden Dämonen der Gewalt und der Rache ausgetrieben. Hier wird in einer anderen Sprache geredet, die die Welt nicht spricht und vielleicht nicht einmal versteht. Hier werden Schlangen der Bosheit angefaßt und ihr Gift unschädlich gemacht. Hier werden Menschen, die geistig, seelisch, politisch, menschlich krank sind, wieder geheilt. Das Versprechen Jesu an seine Apostel, das so unverständlich und unrealistisch klingt, ist in höchstem Maße aktuell und realisierbar.
Wer so sein christliches Leben versteht, hat sich nicht von dieser Welt abgewandt, sondern ihr ein menschliches Gesicht gegeben. Die Welt bleibt uns immer aufgegeben; aber sie ist nicht das Letzte. Das Fest von der Himmelfahrt Christi weist über unser irdisches Leben hinaus. Einer ist uns vorausgegangen und hat uns die Wohnung bereitet, die uns einmal aufnehmen soll. Und wenn wir Gott gefunden haben, dann werden wir seltsamer Weise auch die Erde wieder finden, da Gott nichts so einfach verschwinden läßt, was er in Liebe geschaffen hat und wovon er selbst gesagt hat, es sei gut. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

27.05.2012: Pfingstsonntag

27.05.2012: Pfingstsonntag

Jo 20, 19-23

Unsere Kirche feiert verschiedene Fest, welche zum Herzen dringen, darunter drei sogenannte Hochfeste; aber während Weihnachten durch den Hl. Nikolaus, Maria Empfängnis und die Adventszeit, Ostern dagegen durch Aschermittwoch, Fastenzeit und Karwoche entsprechend angekündigt, vorbereitet, und gewissermaßen eingeläutet werden, ist Pfingsten ohne jeden klerikalen Countdown ganz plötzlich einfach da, und wenn man nicht genug aufpaßt erfährt man vom Pfingstfest nur die traurige Bilanz der Verkehrsunfälle auf unseren Straßen.
Während Weihnachten und Ostern die ganz großen Ereignisse eines Menschenlebens, Geburt und Tod behandeln, spielt Jesus Christus in Pfingsten gar nicht persönlich mit, es fehlt sozusagen der Hauptdarsteller und der Normalverbraucher weiß oft gar nicht, worum es bei diesem Fest so richtig geht.
Es gibt zu diesem Fest auch keine typischen Geschenke wie zu Weihnachten und zu Ostern. Es gibt nur das Geschenk des Geistes. Aber was sollen wir damit anfangen. Und so könnte man in Abwandlung zu Goethes Dichtung „Reineke Fuchs“ sagen: „Pfingsten, das schwierigste Fest war gekommen“.
Was fangen wir also mit dem Pfingstfest an? Zunächst müssen wir feststellen das Jesus das Kommen des Hl. Geistes als ein großes Geschenk an uns Menschen verstanden hat. In der Hl. Schrift wird der Geist Gottes unter zwei Bildern dargestellt: unter dem Bild des Sturmes und dem Bild des Feuers. Die Schilderung der Bibel will nicht eine Bildreportage sein, sondern will uns nur auf die wesentlichen Geschenke Gottes hinweisen, die wir durch den Hl. Geist erfahren. Wir wissen, was Wind oder Sturm ist. Ihn selbst sehen wir allerdings nicht, wir spüren nur seine Auswirkungen, wie er die Zweige der Bäume bewegt, wie wir uns gegen ihn anstemmen müssen um voranzukommen. Und auch das Feuer ist für uns ein deutliches Bild. Durch einen kleinen Funken entsteht es und es brennt, solange es etwas Brennbares gibt. Es spendet Licht und Wärme. Und wir erfahren aus dem Neuen Testament, dass die Apostel durch die Sendung des Hl. Geistes umgewandelt, verändert wurden.
Man könnte erklärend zum Pfingstfest auch sagen: Gott teilt von seiner Lebensfülle mit. Wie Wasser die Wüste zum Leben bringt, so wirkt Gottes Geist in der „Wüste“ menschlicher Not. Und so geht die Rede vom Heiligen Geist jeden an, der bewußt als Christ leben will. Die Sakramente der Taufe und der Firmung sind mit einer besonderen Geistgabe verbunden. Wie kann sie wirksam werden? Wie wird ein Mensch empfänglich für den Geist Gottes? Wie wird ein Mensch so, dass ein guter Geist, der Geist Gottes auch von ihm ausgeht?
Gottes Geist hat eine innere Dynamik in sich; wer von ihm erfaßt wird, kann nicht unbeweglich-starr bleiben, sondern wird in Bewegung gesetzt. Bewegung aber bedeutet Wachstum, Entwicklung, Veränderung - auch Korrektur, Loslassen von Altgewohntem. Oft gehört Mut dazu, seine Meinung zu korrigieren. Andererseits kann Veränderung auch Flucht vor sich selbst und vor der eigenen Überzeugung sein. Dann braucht es mehr Mut, beim Bisherigen zu bleiben als sich zu verändern. Gottes Geist wird in der Begegnung erfahren. Beziehung zum unsichtbaren Gott ist schwer; meist gelingt sie nur in der Begegnung mit dem sichtbaren Menschen. Jemand kann sich dem Geist Gottes öffnen, indem er auf den anderen zugeht - das kann ein Fremder oder ein Freund sein, daheim oder auf dem Arbeitsplatz oder sonstwo.
Zum Geist gehört Leidenschaft, aber nicht Fanatismus und Schwärmerei. Typisch für den Fanatismus ist Besessenheit von einer Idee, die jede andere Auffassung ablehnt. Schwärmerei lebt oft nur von Gefühlen, die so schnell wieder vergehen können wie sie gekommen sind. Der Geist Gottes in uns ist es auch, der uns verantwortlich macht für andere. Je mehr ein Mensch von der Nähe Gottes betroffen wird, umso mehr ist er auch befähigt, anderen von dem, was er selbst erfahren hat, mitzuteilen. Vom Geist Gottes heißt es auch, dass er das Angesicht der Erde erneuern will. Und das fängt beim einzelnen Menschen an. Dazu braucht es Bereitschaft, Offenheit und Tun. Aber das Eigentliche ist Geschenk Gottes. Die Begegnung mit Gottes Geist verwandelt und erlöst. Meist geschieht solche Erneuerung nicht in einem Augenblick, auch nicht allein bei der Firmung, sondern ein Leben lang Deshalb ist ein „geisterfülltes“ Leben spannend und voll von Überraschungen, aber auch mühsam.
Wie man sieht könnte uns das Pfingstfest auf allerhand wichtige Dinge in unserem religiösen leben aufmerksam machen. Gott hat uns nicht nur seinen Sohn geschenkt, damit er eine Zeitlang auf unserer Erde gegenwärtig war. Diese Gegenwart sollte fortdauern und zwar durch uns. Wenn sie meine Predigten regelmäßig gehört haben, wird ihnen aufgefallen sein, daß ich immer wieder darauf hingewiesen haben wie wichtig es ist, dass wir im Sinne Jesu unser Leben leben, , sondern daß wir gleichsam ein zweiter Christus werden, dass die Gegenwart Gottes in dieser Welt auch durch uns hindurch sichtbar und spürbar wird.
Es hat einmal jemand gesagt, es sei einigermaßen gefährlich, um den Heiligen Geist zu bitten. Es könnte ja immerhin sein, dass er unser Beten und Bitten wörtlich nimmt und beginnt, uns zu verändern. Davor erschrecken wir ja immer wieder, denn im Grund unseres Herzen wollen wir keine Veränderungen, solange alles nach der alten Art und Weise doch irgendwie funktioniert. Dass der Geist Gottes manchmal spontane Wege geht, hat sich im Leben des Papstes Johannes XXIII. gezeigt. Er war selbst völlig überrascht, als ihm kaum drei Monate nach seiner Wahl zum Papst der Gedanke kam, ein Konzil für die ganze Kirche einzuberufen. Am 25. 1. 1959 teilte er seinen Plan der Weltöffentlichkeit mit. Die Reaktion war höchst unterschiedlich. Diejenigen, die vor jeder Erneuerung Angst hatten, fürchteten, es könnte sich in der Kirche etwas ändern. Es sei doch alles richtig in der Kirche, meinten sie. Andere jedoch sahen darin ein Zeichen der Hoffnung, weil sie erwarteten, dass sich endlich einiges ändern werde. Der Papst selbst sagte, dass ihm die Idee zum Konzil vom Geist Gottes geschenkt worden sei. Als ein Kardinal ihn fragte, was das Konzil solle, öffnete der Papst die Fenster und erwiderte Nur: „Frische Luft“.
Tatsächlich hat das 2. Vatikanische Konzil die Kirche verändert wie kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert. Sie nahm Abschied von vielen veralteten Vorstellungen und beschloß, neue Wege zu gehen. Die Beziehungen zu den anderen Religionen wurden verbessert. Das Verhältnis zu den Juden wurde auf eine neue Basis gestellt. Die Gewissensfreiheit wurde proklamiert. Die Liturgie wurde erneuert und die Feier der Eucharistie in der Landessprache erlaubt. In den Kulturen der Dritten Welt begann das Christentum nach dem Konzil heimisch zu werden. Dort teilen die Christen seither die Zeit so ein: vor dem Konzil - nach dem Konzil. Johannes XXIII. hat den Abschluß des Konzils nicht mehr erlebt. Er starb Pfingsten 1963, also am Tag des Heiligen Geistes. Die Beschlüsse des von ihm einberufenen Konzils sind für die Erneuerung der Kirche bis heute wirksam.
Ob Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes weiterhin ein Fest bleiben wird mit dem wir uns schwer tun, mit dem wir nicht viel anfangen können, das hängt auch von uns ab. Es ist ein Fest der Herausforderung und gleichzeitig ein Fest der Zuversicht, den die Kraft des Geistes Gottes ist nicht zu unterschätzen. Der gleiche Geist, der am Anfang der Schöpfung über den Wassern schwebte und das Weltall gestaltete, der gleiche Geist, der dem Menschen eingehaucht wurde und ihn so über das bloß Materielle hinaushob, der gleiche Geist ist auch uns geschenkt und möchte in uns wirksam werden, möchte uns erneuern und das Angesicht der Erde. Unsere Bereitschaft für diesen Geist ist die notwendige Voraussetzung für sein Wirksamwerden in uns. Es ist zu hoffen, dass das auch den vielen Firmlingen dieser Tage bewußt ist. Pfingsten, kein Fest, mit dem wir nichts anfangen können, Pfingsten auch kein Fest der Menschen, die sich in riesigen Autokolonnen in den Süden begeben, Pfingsten aber ein Fest für alle die, denen das Schicksal der Welt und der Menschen in ihr nicht gleichgültig ist und die den Mut haben, Gott für die Gestaltung seiner und unserer Welt ihre Mitarbeit anzubieten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

28.05.2012: Pfingstmontag

28.05.2012: Pfingstmontag

Vermutlich kommt jeder einmal zur Überzeugung: „Hier ist nichts mehr zu machen!“ So kann es sein, wenn wir an einer schweren Last zu tragen haben; wenn wir in einer verfahrenen Situation stecken, aus der wir – wie wir meinen – nicht mehr herauskommen; wenn es zwischen uns und anderen scheinbar unüberwindliche Differenzen gibt. Dann fühlen wir uns wie in einem öden Land, in dem etwas abgestorben ist, das uns lieb und teuer war.
Doch der Reichtum unserer Erfahrung ist immer größer, als es uns augenblicklich zum Bewußtsein kommt. Das vergessen wir oft. Wir glauben beispielsweise, wir seien am Ende. Dann aber veränderte sich unverhofft die Situation. Wir sahen plötzlich einen neuen Weg. Zunächst wollten wir es gar nicht wahrhaben. Dann aber durften wir erkennen, dass es tatsächlich weitergehen konnte. Wer von uns hätte nicht schon einmal eine solche Erfahrung gemacht?
Ein Mensch fand sein leben immer weniger lebenswert. Es brachte ihm nicht die ersehnte Erfüllung. Dann aber fand er auf einmal mitten in seiner Verzweiflung eine neue Basis, von der aus ihm unerwartet eine neue Zukunft aufblühte.
Ein Ehepaar machte die Erfahrung, dass seine frühere Beziehung mit den Jahren mehr und mehr verebbte. Es erschien ihm unmöglich, sie wieder zu beleben. Doch dann ergab sich die Gelegenheit zu einem vertrauten Gespräch, mit dem sich etwas Neues zu entwickeln begann.
Menschen, so hört man sagen, sind nach einem Mißerfolg, nach einer schweren Krankheit, nach ihrer Pensionierung oder nach dem Tod des geliebten Partners nicht mehr dieselben. Nicht selten verkümmern sie. Doch so muß es nicht sein. Wie vielen Leidensgenossen ist gerade in ihrer Einsamkeit eine neue Dimension aufgegangen. Als Menschen sind sie gewachsen. Sie begannen, intensiver zu leben.
Dort wo man nichts mehr machen kann, beginnen oft erst die entscheidenden menschlichen Möglichkeiten und Aufgaben, die das Sinnlose in Sinnvolles verwandeln.
Solche Erfahrungen erinnern uns an das erste Pfingstfest. Denn auch die Jünger teilen sie mit uns. Auch sie waren der Überzeugung: Hier ist nichts mehr zu machen.“ Die Bibel erzählt, aus Angst vor den Juden hätten sie die Türen verschlossen. Nicht nur die Haustüre, auch ihre Herzenstüre war zu. Da trat Jesus in ihre Mitte und sagte zu ihnen: „Friede sei mit euch!“ Dass der Auferstandene durch die verschlossenen Türen gehen kann, läßt seine göttliche Gestalt erkennen.
Hier ist einem Mißverständnis vorzubeugen: Jesus kehrte nicht auf die Erde zurück, nachdem er zu seinem Vater in den Himmel aufgefahren war; vielmehr erschien er als der zu seinem Vater Aufgefahrene seinen Jüngern. Als solcher gibt er ihnen den Heiligen Geist und mit ihm eine neue Zukunft. Er schenkt ihnen seinen Frieden, wie ihn die Welt nicht geben kann, und seine Freude, die alle Angst und Trauer besiegt.
Was ist das für ein Friede? Worin besteht der Friede der Welt und worin besteht der Friede, denn Gott mit seinem Heiligen Geist schenkt. Die Welt kann keinen richtigen Frieden geben, denn sie vermag mit allem, was sie bieten kann nicht den Durst unseres Herzens zu stillen. Der Friede, den Gott schenkt liegt nicht in Äußerlichkeiten. Auch wenn er ein Geschenk ist, müssen wir ihn suchen. Ich sitze gern, wenn ich auf Reisen bin irgendwo am Strand des Meeres und schaue auf das Wasser. Sie werden merken, es ist immer in Bewegung, manchmal heftig mit großen Wellen, manchmal ist die Oberfläche nur leicht gekräuselt. Aber Bewegung gibt es allemal. Nun, wenn es stürmisch wird, wenn die Oberfläche aufgewühlt ist, so ziehen sich die Fische in die Tiefe zurück. Dort ist es nämlich ruhig, dort herrscht nicht die Aufgewühltheit der Oberfläche.
Dieses Bild vom Meer könnten wir mit unserem Leben vergleichen. Bei uns ist doch immer etwas los. Es vergeht kein Tag, ja nicht einmal eine Stunde, wo wir nicht von irgendetwas mehr oder weniger aufgewühlt werden. Das stört unseren Frieden, das stört das Leben, macht uns unfähig zur Freude. Wenn es uns gelänge auch die ruhige Tiefe unserer Seele auszuloten, dort wo Gott wohnt, wenn wir auf ihn vertrauen könnten, dann könnten uns die Stürme an der Oberfläche den inneren Frieden nicht rauben.
Ein Arzt erzählte die Geschichte von einer sehr kranken Frau, die diesen Frieden hatte. Sie war Mutter von vier Kindern und wurde kurz vor der Geburt des fünften mit einer schweren Blutung in die Klinik eingeliefert. Ihr Zustand war lebensbedrohlich. Sie spürte das und sagte zu ihrem Mann: „Ich muß wohl sterben, segne die Kinder!“ Dieser erwiderte ihr: „Verstehst du den Herrgott noch?“ Darauf sagte sie: „Nein, ich verstehe ihn nicht!“ Doch mit einem Lächeln fügte sie hinzu: „Aber ich bin ganz mit ihm einverstanden!“ Wenige Minuten später war sie tot: Der Arzt fügt dieser für ihn unvergeßlich Erfahrung hinzu: „Ihre Religion war Einverständnis mit dem Geist, aus dem Anfang, Mitte und Ende hervorgehen. Der Geist verstand sie, und sie verstand ihn, ohne zu begreifen.“
Daraus ergeben sich drei Konsequenzen: Zunächst: Das Wort „Da ist nichts mehr zu machen!“ ist kein pfingstliches Wort. Daher sollten wir nie ganz den Mut verlieren. Der pfingstliche Geist entzieht uns den Grund zu aller Resignation, weil er uns stets einen Weg weist, den man gehen kann. Oft sieht er ganz anders aus als wir dachten. Das ist pflingstlicher Glaube.
Der Einbruch des Geistes bewirkt immer einen Aufbruch. Aufbruch bedeutet Öffnung von innen her. Aufgrund solcher geistgewirkten Öffnung erfuhren die Jünger eine neue Grundstimmung des Lebens. Mit innerer Zuversicht verfolgten sie ihr Ziel, das ihnen der Geist Gottes eingegeben hatte. Das ist pfingstliche Hoffnung.
Die vom Geist Gottes gewirkte Freude überwindet in uns alle apathischen und lustlosen Elemente und weckt unsere ungenutzten Kräfte. Hinzu kommt, dass es der Geist nicht unterläßt, dem von ihm entfachten Feuer der Begeisterung die entsprechende Kühlung beizugeben. Daher unterscheidet sich das Feuer pfingstlicher Begeisterung von jeder Art Strohfeuer. Die geistgewirkte Begeisterung ist vielmehr so etwas wie "nüchterne Trunkenheit“. Sie ist das Geheimnis pfingstlicher Liebe.
Pfingstlicher Glaube, pfingstliche Hoffnung und pfingstliche Liebe – das ist es, was unseren grauen Alltag in einen pfingstlichen Alltag verwandeln könnte. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

03.06.2012: Dreifaltigkeitssonntag

03.06.2012: Dreifaltigkeitssonntag

Mt 28, 16-20

Wer ist Gott? Diese Frage haben wir uns sicherlich schon oft gestellt. Und auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten. Keine ist erschöpfend. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird an einen Punkt kommen, wo er sagen muss: Gott ist mehr. Mehr, als ich denken kann, mehr, als andere mir sagen können, mehr als wir alle verstehen können.
Dieses „Mehr“ Gottes feiern wir heute als das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Der eine Gott ist der dreifaltige Gott. Vielleicht werden sie mir jetzt sagen: Das verstehe ich noch weniger. Dieses heilig-dunkle Zahlenspiel mit göttlichen Personen, Naturen und Wesenheiten, verpackt in hochtheologische Sätze ist mir fremd. Ja, es ist nicht nur fremd, es verunsichert mich sogar. Was hat dieser Gott meinem konkreten Leben zu tun? Mit der Last meines Alltags, der Not unserer Welt, der Sehnsucht nach Heilung und Heil? Die Dreifaltigkeit ist davon so weit entfernt wie der Himmel von der Erde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wären wir Christen arm dran. Nicht nur, dass wir uns bei jedem Kreuzzeichen stillschweigend selbst verleugnen müssten. Schlimmer. Wir stünden da als armselige Jünger, die sich an einen Gott hängen, der so kompliziert geworden ist, dass er uns in keiner Weise mehr zugänglich ist.
Vielleicht ist es ja der Begriff selbst, der uns zurückschrecken lässt: Dreifaltigkeit. Als könne man Gott auf eine Formel bringen, ihn sauber aufnotieren auf Rechenpapier und die griffige Formel dann anwenden, wenn man sie braucht. Das Dumme ist nur, dass wir sie schon längst nicht mehr brauchen. Wir haben ja uns eigene Götter geschaffen. Manchmal scheint es so, als hätten wir die Rede von der Dreifaltigkeit in den Giftschrank der Theologie gesperrt und machten einen großen Bogen darum.
Es wäre ein großes Missverständnis der Theologie, würde sie meinen, sie könne Gott in ihre Begriffe einfangen. Gott ist letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen und alle unsere menschlichen Worte sind zu schwach, um etwas über ihn auszusagen.
Nun, wenn wir in das Neue Testament hineinschauen, dann merken wir, dass der Begriff „Dreifaltigkeit“ dort nicht vorkommt. Es sind nur wenige Stellen, die Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug nennen. Und doch rechnet das Neue Testament an jeder Stelle mit der lebendigen Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Sie wird in Jesus selbst gegenwärtig. Immer wieder spricht er vom Vater, aus dem er ist, und vom Geist, den er senden wird.
Das Neue Testament kennt auch keine Formelhaftigkeit. Es sind Menschen, die die Dogmen machen. Ist das falsch? Sicher werden Dogmen in einer sich wandelnden Zeit, in der sich auch die Verständnishorizonte der Wirklichkeit ändern, schwierig, sogar unverständlich, erklärungsbedürftig. Aber wo immer es Menschen gibt, brauchen sie etwas, an das sie sich halten können. Menschen brauchen den Kodex einer gemeinsamen Erinnerung, auch Sätze über Gott, auf die sie immer wieder verlässlich zurückgreifen können. Das entbindet sie aber nicht, auch das Verstehen immer wieder neu zu suchen.
Die Frage nach der Dreifaltigkeit ist für mich die Frage: Was weiß ich von Gott? Es ist nicht viel und doch wieder eine ganze Menge.
Ich erfahre mich als Geschöpf, das sich nicht selber gemacht, sondern sein Leben empfangen hat. In einer Welt, die, so belastet sie ist, doch wunderbar bleibt, grandios, herrlich. Eine Welt, die sich nicht selbst ins Dasein gebracht hat, sondern in der ich die Spuren Gottes erkenne, die mich ehrfürchtig staunen lassen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Ich erlebe mich als Mensch in einer Geschichte von Menschen. Auch in einer Glaubensgeschichte, in der Israel einen besonderen Platz einnimmt. Es ist eine Geschichte, in der Menschen erfahren haben, dass der Schöpfer kein anonymes Etwas ist, sondern ein Du, ein Ich-bin-da. Und es gehört auch zu den großen Erfahrungswerten Israels, dass der Schöpfer es nicht beim Schaffen belässt, sondern mitgeht, eingreift, nahe ist, sich seiner Welt zuwendet. Das weiß ich ahnend von Gott.
Und ich erfahre mich als Christ in einer Gemeinschaft von Christen, die erfahren haben, weitererzählen und bezeugen, dass Gott noch weiter geht, dass er den Menschen sein Gesicht gezeigt hat, nicht fern, sondern hautnah. In Jesus, der als Mensch unter Menschen Gott ganz und gar gegenwärtig macht. Wer ihn sieht, der sieht den Vater im Himmel Und es geht noch weiter: dieser Gott holt uns aus der Sterblichkeit dieser Welt heraus so wie er Jesus aus dem Tod herausgeholt hat und wir werden einmal dort sein wo Gott ist und werden sein Leben mit ihm teilen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Manchmal frage ich mich, wie ich das wissen kann. Ich spüre, dass mein Wissen und Verstehen damit längst überschritten sind, dass ich selber überschritten bin. Jesus hat das den Geist genannt. In einer Weise, die deutlich macht: Hier ist nicht irgendeine Energie am Werk, eine Kraft, die sich kanalisiert und bei Nichtgefallen abstellen lässt, sondern ein Du. Ein Du, das in mir zu mir spricht und mich manchesmal begeisternd überfällt.
Gott hat den Menschen bis heute nicht geoffenbart, wer er ist, sondern was er tut. Er hat nicht sein Wesen den Menschen kundgetan, sondern sein Handeln. Gott ist nicht ein Gott „an und für sich“, sondern ein Gott „für die Menschen“. Darin liegt die frohe Botschaft von dem einen Gott in drei Personen: Gott ist in seiner Liebe zu den Menschen unerschöpflich. Er sucht immer neue Wege und begnügt sich nicht mit einer Einbahnstraße ewigen Einerleis für seine Offenbarung. Kein Winkel menschlicher Geschichte, kein Ort dieser Welt, keine Zeit sind von der Möglichkeit ausgenommen, Gott zu erfahren.
Ein Prisma aus feingeschliffenem Glas halte ich in meiner Hand. Sonnenstrahlen fallen darauf und werden in vielfältiger Weise gebrochen. Sie zeichnen farbige Streifen auf das Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Ein kleiner Käfer kriecht darüber. Durch die verschiedenen Brechungen des Lichts ist er bald in blaue, bald in rote Farbe getaucht. Und doch ist er immer nur von dem einen Licht beschienen, wird er immer nur aus der einen Quelle erleuchtet.
Diese kleine Begebenheit lässt etwas erahnen von dem Geheimnis des einen Gottes in drei Personen, zu dem wir uns als Christen bekennen. Da wandern wir über unsere Welt und erfahren ganz unterschiedliche Weisen der Gottesoffenbarung. Wie der Käfer sind wir bald in dieses, bald in jenes Licht des göttlichen Wirkens getaucht. Und wie der Käfer könnten wir vielleicht annehmen, dass es verschiedene Lichtquellen sind, die uns abwechselnd beleuchten, je nach dem Standpunkt, den wir gerade einnehmen.
„Gott ist Licht, und keine Finsternis ist ihn ihm“, so lesen wir im ersten Johannesbrief. In seinem Licht lässt er uns das Licht schauen. Er leuchtet uns auf als Vater, wenn wir seine Schöpfermacht, seine liebende Führung oder seine vergebende Güte erfahren. Wir erkennen ihn als Sohn, wenn er uns nahe ist, wie Jesus, unser Bruder, uns nahe ist. Wir erfahren ihn als heiligen Geist, wenn wir uns von seinem belebenden und vorwärtstreibendem Atem berührt fühlen. Und dennoch: es ist immer ein und dasselbe Licht, das uns aufscheint, aber gebrochen in drei Personen.
Bruchstückhaft ist unser Wissen über Gott, eine simple menschliche Annäherung an sein Wesen. Und doch finde ich ihn ihr den dreifaltigen Gott mitten in meinem Leben. Und das ist das Konkreteste, was es gibt. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

07.06.2012: Fronleichnam

07.06.2012: Fronleichnam

Wenn wir heute Fronleichnam feiern und in besonderer Weise dabei die Eucharistie verehren, tun wir zunächst nichts anderes als eine uralte Erinnerung wachhalten. Denn vielleicht gibt es in der religiösen Menschheitsgeschichte nichts Umwerfenderes und Unwahrscheinlicheres als den Glauben und die Zuversicht des religiösen Teils der Menschheit, dass Gott im Leben der Menschen anwesend ist; dass er menschliches Leben begleitet, erlöst und vollendet. Schon am Anfang der Welt, so heißt es im Schöpfungsbericht, war Gott anwesend und ordnete alles. Er hat den ersten Menschen Leben und Dasein gegeben und ihn als sein Ebenbild geschaffen, als Krone der Schöpfung und der Evolution. Das Alte Testament lebt seinen Glauben aus dem Bewußtsein, dass Gott einen Bund mit den Menschen geschlossen hat und dass es darauf ankommt, diesen Bund zu leben und zu bezeugen - in Zeiten der Freude wie auch der Prüfung und des Leidens.
Die Freundschaft mit Gott bedeutet nicht Exklusivität. Allen Menschen sollte die Botschaft zuteil werden, dass sie nicht allein gelassen sind in den Nöten und Beschwerden des Alltags. Damit eine solche Botschaft überhaupt verstanden werden kann, hat Gott selbst die Voraussetzungen dafür geschaffen. Er hat sozusagen in der ganzen Schöpfung Spuren hinterlassen; er hat alle Lebewesen mit Hoffnungen und Sehnsüchten ausgestattet, die sie immer wieder drängen und treiben, nach Gott und nach dem letzten Sinn aller menschlichen Wege zu fragen. Sehr schön hat dies Paulus zum Ausdruck gebracht. Er spricht davon, dass die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen, sehnsüchtig auf die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes wartet. Dass sie in Geburtswehen liegt und in der Hoffnung lebt, von jeder Sklaverei und Verlorenheit befreit zu werden. So scheint jede Unruhe und Angst darauf angelegt, wie ein Motor menschlichen Lebens von innen her zu treiben, bis es seine Ruhe und Erfüllung gefunden hat in Gott, dem Ursprung und Ziel aller Dinge.
Wie sehr wir Menschen nach handgreiflichen Dingen auch in unserem Glauben verlangen, das weiß Gott und darum hat er uns ein Sakrament hinterlassen, dass alles menschliche Begreifen übersteigt, das aber gerade weil es ein Geheimnis des Glaubens ist, die tiefste Liebe Gottes offenbart. Wir sagen heute Dank dafür, dass der Herr nicht nur in der Erinnerung, nicht nur in den Worten des Evangeliums, sondern auch in einem Zeichen bei uns bleiben wollte, das man mit den Sinnen wahrnehmen kann. Nach seinem Auftrag nehmen wir heute Brot und Wein, sprechen das Dankgebet darüber und empfangen beides als Leib und Blut Christi wieder. Aber heute am Fronleichnamstag begehen viele Christen dieses Sakrament nicht nur wie an einem Sonntag oder an einem Feiertag. Sie gehen statt dessen hinaus, feiern irgendwo in der Gemeinde unter freiem Himmel Eucharistie, und dann ziehen sie - das Zeichen des Heiligen Brotes in ihrer Mitte - über die geschmückten Straßen und Plätze zum Gotteshaus. Vier Altäre gibt es, von denen aus die Gegenwart des Herrn und mit ihr der Segen Gottes gleichsam über die vier Himmelsrichtungen, also über die ganze Erde, ausgebreitet wird.
Diese Geste - die Prozession, das festlichen In-die-Welt-Hineingehen mit Christus, der alles umfassende Segen -, all das ist nicht bloß fromme Zutat. Es versinnbildet vielmehr etwas von der Innenseite dessen, was wir Sonntag für Sonntag tun. Mehr noch als heute war früher geläufig, dass die Heilige Messe ihren Mittel- und Höhepunkt nicht in der Predigt und auch nicht in der Hl. Kommunion hat, sondern: in der Wandlung. Wir bringen unser Brot und unseren Wein zum Altar. Und war sagen mit Recht, es seien dies die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Ein zahlreiche Wandlung, die das Korn und die Traube durchmacht, ehe es Brot und Wein gibt. Aber unsere Wandlungskette ist schließlich erschöpft. Das letzte Wort der Wandlung spricht Christus der Herr selbst, indem er das von uns Dargebotene nimmt und es in seine Gegenwart wandelt. Aber eines ist wichtig, dass wir es wahrnehmen. Die Voraussetzung dazu wird von uns her erwartet. Ohne unser Brot und ohne unseren Wein geschieht keine Verwandlung durch Christus. Das ist überhaupt ein Geheimnis des göttlichen Wirkens, dass unsere menschlichen Voraussetzungen notwendig sind. Bei jedem Wunder der Heilung heißt es doch: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen“ und bei der Hochzeit zu Kana füllen die Diener die Krüge mit Weine und sie füllen sie randvoll. Das betont Johannes eigens, um damit zu sagen: Was wir tun können, auch wenn es nur darin besteht, Wasser in Krüge zu leeren, das sollen wir mit großer Vollkommenheit tun, um die Vorbedingung zu schaffen für das, was nur Gott tun kann.
In dieser heiligen Wandlung ergreift Gott ein kleines Stück der Welt und wird darin gegenwärtig. Und wenn wir Jesus in der heiligen Kommunion empfangen, übrigens der tiefste Kontakt, den wir mit Gott haben können, dann kann das nicht etwas sein, was wir nur für uns behalten, sondern muß der Welt, in der wir leben weiter gegeben werden. Es heißt im lateinischen Text der Messe am Schluß: Ite missa est - und das wurde übersetzt: Geht die Messe ist nun zu Ende. Und das Volk antwortete: Deo gratias - Gott sei Dank. Das ist leicht mißverständlich. Es heißt aber: Geht, nun seid ihr gesendet, nun nehmt eure Aufgabe in der Welt war. Wenn Christus in euch lebt, dann muß von euch auch etwas von diesem Christus ausstrahlen, dann müßt ihr in gegenwärtig setzen in der Welt, in der ihr lebt, auf dem Platz, wo sich euer Leben abspielt, dann muß Jesus Christus durch euch wieder neu gegenwärtig werden mitten unter uns, mitten in dieser Welt.
Das ist eine Aufgabe, die uns herausfordert. So verstanden wird die Eucharistiefeier ein neues Leben bekommen. Man kann sie nicht mehr absitzen wie eine lästige Pflicht und sich darüber aufregen, dass die Predigt nicht gut war und die Lieder alt und abgesungen. Wir haben erkannt, worauf es ankommt in dieser heiligen Feier!“
Fronleichnam wagt einen großen Blick nach vorne, in die Zukunft. Das Fest zeigt unserer Welt, dass sie Gott noch nicht verlassen hat, dass sie Zukunft hat. Und das müssen wir ihr immer wieder sagen.
Bert Brecht sagte einmal zu einem Freund über ein Mädchen, das beide kannten: „Sie war nicht schön. Aber sie hätte es werden können, wenn es ihr jemand gesagt hätte.“ Etwas Ähnliches tun wir heute: Wir sagen unserer Welt, in der wir leben, was sie sein wird, damit sie zu werden beginnt, was sie in Wahrheit ist.
Gegen diesen Blick nach vorn gibt es auch Widerstand. Er kann zäh sein. Die Sprache unseres Glaubens nennt ihn „Sünde“. „Sünde“ kommt von „sondern“, absondern. Sünde ist der Versuche, Gott auszuschließen aus einer Frage, einer Entscheidung des Lebens, auszuschließen aus der Weise, wie Menschen miteinander und auch mit der Erde umgehen. Das Eigenartige dabei: Nirgends, wo der Mensch versucht, Gott auszuschalten - nirgends wehrt sich Gott dagegen. Er drängt und zwingt sich nicht auf. Der Mensch erhält seinen Willen - und mit ihm die Konsequenzen daraus.
Es wird Zeiten im Leben eines jeden Menschen geben, da ihm scheinen möchte, dass die ganze Welt nur noch gottverlassen ist, weil nichts mehr zusammenpaßt und zusammengeht in ihr für ihn. Das heutige Fest widerspricht dieser Versuchung zur Resignation. Es stachelt zu aufständischer Hoffnung an. Mit Fronleichnam bekennen wir unsere Hoffnung, dass Gott, dass die Wandlung über alle Hindernisse und Zerrissenheiten hinweg doch stärker sein wird. Auch in jedem von uns. Jedesmal, wenn wir gläubig Eucharistie feiern, geht unsere Verwandlung ein Stück weiter. Gott sei Dank. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.06.2012: 10. Sonntag im Jahreskreis

10.06.2012: 10. Sonntag im Jahreskreis

In einer großen Tageszeitung war im Januar 1997 folgende Notiz zu lesen: „Ein mutiger Pfarrer aus der Schweiz geht aufs Ganze: er nimmt´s mit dem Teufel auf! Weil ihm die Teufelsaustreibungen zweier Pfarrer im Kanton Zürich auf den Wecker gehen, lädt er den Teufel ein, ihn besessen zu machen, und wenn er das kann, dann stiftet er an eine wohltätige Institution 10.000 Franken. `Der Teufel ist doch nur Folklore´ sagt er, `damit will die Kirche doch nur die Leute schrecken! ´ Tatsächlich glauben viele Menschen, dieses Relikt aus dem Mittelalter endlich abschütteln zu müssen. Im Fasching gibt es zwar eine tolle Maske ab, aber sonst ist er lächerlich: der schwarze Geselle mit seinen Hörnern. Der den Grill in der Hölle heizt und die Menschen reinlegen möchte, er hat endgültig ausgedient...“
Vor diesem Hintergrund kommt uns das heutige Evangelium schon etwas peinlich vor. Da setzt sich Jesus mit seinen Gegner auseinander, die ihm vorwerfen, mit dem Teufel im Bund zu stehen: Sie sagen, er sei mit Beelzebul, dem Anführer der Dämonen, im Bunde. Und Jesus kontert: Wie kann der Satan den Satan austreiben? Er verwendet hier das übliche Wort für Teufel: Satan, auf Hebräisch: der Widersacher. Nach dem Zeugnis der Bibel gibt es reine Geistwesen, die sich gegen Gott stellen. Jesus macht in Gleichnissen deutlich, dass er mit ihnen nichts gemeinsam hat, denn das muß ja jeder einsehen: wenn er Satan wäre, würde der Satan ja gegen sich selbst vorgehen, das ist ja logischerweise wohl nicht möglich! Gleichzeitig macht Jesus hier und in vielen anderen Reden klar, dass er mit der Realität des Satans rechnet.
Zurück aber zum heute umstrittenen Teufel: viele Menschen lachen zwar über ihn, sind aber erschüttert und stehen vor dem Ende ihres Weltbildes, wenn sie so grauenhafte Nachrichten wie folgende hören:
Ein Sextäter mißbraucht ein zehnjähriges Mädchen und tötet es. Oder: eine Autobombe zerfetzt 20 Menschen. Oder. Ein Amokläufer tötet über 30 Schulinder und bringt sich dann selber um. Oder: ein Ausländerwohnheim wird in Brand gesteckt: fünf Bewohner kommen in den Flammen um.
Mit welcher Brutalität heute Gewalt und Verbrechen sich breitmachen und wie oft aus Neid, Haß, Rache und Eifersucht das Glück eines anderen zerstört wird, das schlägt uns x-mal in den Schlagzeilen der Tageszeitungen und in jeder Tagesschau entgegen. Es gibt eine Kraft, die alles zerstören will, das personifizierte Böse. Wir können sagen: das Böse in Menschengestalt - das ist der Teufel! Wir müssen schon mit Blindheit geschlagen sein, wenn wir das Böse in der Welt nicht sehen würden. Die Menschheitsgeschichte ist zugleich die Geschichte des Bösen im Menschen.
Und immer wieder versuchte der Mensch eine Erklärung dafür: So glaubte die Geistesrichtung des Dualismus, dass es zwei Prinzipien des Seins gibt: das Gurte und das Böse. Beide liegen im Kampf, und man weiß nicht, wer einmal siegen wird. Das Gute ist mehr das Geistige, das Böse das Körperliche. Weil die frühe Kirche sich mehr von dieser Geistesrichtung als von der Bibel leiten ließ, kam es auch zu dem gestörten Verhältnis zu allem Leiblichen und vor allem zu Sexualität, worunter heute noch viele zu leiden haben.
In der griechischen Mythologie ist es Pandora, die aus Rache den Behälter über die Menschen ausschüttet, in dem alles Böse und alles Leid, das über die Menschen kommen kann, enthalten ist.
Schon im ersten Buch der Bibel, im Schöpfungsbericht, in der Bildgeschichte vom Essen der verbotenen Frucht, wird klar, dass das Böse in der Freiheit des Menschen begründet ist. Gott hat uns frei geschaffen: also können wir uns auch gegen ihn entscheiden. Die Schlange ist hier Symbol des Bösen; weil der Mensch sich zur Mitte machen möchte, also selbst Gott sein möchte, muß er das Paradies verlassen. Gottesferne ist die Ursache für alles Böse. Interessant ist hier der Glaube der Moslems: Sie sehen im Teufel eine Kraft in oder außerhalb des Menschen, die ihn von Gott entfernen möchte. Während des Fastenmonats Ramadan sind die Pforten der Hölle geschlossen und der Satan gefesselt, weil sich die Menschen wieder neu Allah zuwenden.
Von daher ist auch das uralte Rätsel von der „Sünde wider den Hl. Geist“, von der heute Jesus redet, zu verstehen. Ich will selbst Gott sind, ich traue Gott nichts zu und lebe damit in der Gottesferne. Gerne bezeichnet man die Hölle als das ewige Ich und den Himmel das ewige Du und Wir! Wenn ich ständig nur mich selbst suche und die Mitmenschen immer nur benütze nach dem Motto: „Ich liebe mich und dazu brauche ich dich!“, dann wächst das Böse in mir, dann entsteht Gottesferne, in deren Dunst der Satan, das Böse sich breitmacht.
Schon daraus geht hervor, dass uns das Böse nicht einfach überkommen kann, dass wir dem Teufel nicht einfach ausgeliefert sind. Thomas von Aquin, der große Kirchenlehrer, sagt dazu folgendes: „Das Böse ist Mangel an Gutem!“ Umgekehrt sagt das: je mehr wir uns für das Gute einsetzen, je mehr wir in der Gegenwart Gottes leben, desto weniger hat das Böse eine Chance. Der lebendige Kontakt mit Gott ist die beste Möglichkeit, mit dem Bösen fertig zu werden. Insofern gilt der Satz von Papst Johannes XXIII. uneingeschränkt: „Wer glaubt, zittert nicht!“ Das Böse kann also nicht einfach „passieren“: Bis jemand so weit kommt, dass er einen umbringt, hat er schon viele Fehlentscheidungen gegen seine Mitmenschen gefällt. Und hier ist ein Ansatzpunkt für unseren Alltag: dass wir unsere kleinen und größeren „Fouls“ gegenüber unseren Mitmenschen wieder neu unter die Lupe nehmen.
Wir werden uns heute wieder den Friedensgruß reichen: der und die neben uns sind stellvertretend für alle Menschen da, mit denen ich lebe. Wir zeigen damit, dass uns der Mitmensch nicht gleichgültig ist, und wir verlassen so aufs Neue die Todesszene des Bösen, in die wir während der Woche so leicht geraten.
Wir sind also nicht hilflos dem Bösen ausgesetzt, aber eines stimmt: Dem Bösen in die Augen zu sehen und handeln - das ist sicherlich die beste Alternative. Denn: eine Maus, die sich über Katzen lächerlich macht, ist dem Tode ausgeliefert.
Hier zum Schluß eine nachdenkliche Geschichte von Franz Kafka: „Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag, Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese lagen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ - „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.
In unzähligen Filmen spielt die Macht des Bösen eine große Rolle. Wir erleben Menschen, die sich dem Bösen öffnen, in denen sich das Böse festsetzt. Wir heutige Christen sind in der großen Gefahr, dass wir das Böse, die eigene Schuld überhaupt leugnen, sie mit allerlei Ausreden zu beseitigen suchen. Wenn es im „Vater unser“ heißt: „Dein Reich komme“, so wollen wir doch auch daran denken, dass es von jedem einzelnen von uns abhängt, ob die Güte Gottes und seine Liebe sich in unserer Welt durchsetzen oder nicht. Insofern ist Religion niemals eine Privatsache. Der gute wie auch der böse Mensch ist mit einer enormen Strahlkraft ausgestattet. Möge durch uns die Güte und Liebe Gottes in dieser Welt mehr und mehr sichtbar und spürbar werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

17.06.2012: 11. Sonntag im Jahreskreis

17.06.2012: 11. Sonntag im Jahreskreis

Wir treffen immer wieder auf liebe Zeitgenossen, die wissen alles ganz genau. Die wissen ganz genau, wie man Kirche machen muß, damit sie erfolgreich ist. Die haben genau die Patentlösung für Moral und Ethik in der Tasche. Die wissen besser als der liebe Gott, wo das Heil der Menschheit liegt. Ihre unerschütterliche Rechthaberei und ihre fundamentalistische Selbstbehauptung wischen jeden Zweifel vom Tisch. Manche Kreise gefallen sich in dieser vorgeschützten Selbstsicherheit. Auf manche Gemüter wirken sie anziehend, weil da doch alles so furchtbar klar und erklärt ist, weil da alle Wolken des Diskutablen verflogen sind, weil man da Gott und seinen Willen so deutlich hat und meint, ihn verwalten zu können.
Paulus sieht die Dinge schon etwas anders in der heutigen Lesung. Er tastet sich wesentlich vorsichtiger vor. Er geht viel behutsamer mit dem Absoluten um. Seine Sicht des Glaubens läßt uns aufhorchen und kritisch werden. Sein Ansatz mag für viele von uns heute sympathisch und hilfreich sein. Hier seine Thesen:
Fern vom Herrn. Gegen allzu erhitzte Gemüter, die sich beim lieben Gott schon ganz gemütlich eingerichtet haben und bei ihm ganz familiär ein- und ausgehen, erinnert Paulus bescheiden an die Tatsache, dass wir Menschen allesamt auf dieser Erde, auch als getaufte Christen, zunächst noch „fern vom Herrn sind“. Das ist die Ausgangslage für Paulus.
Gewiß, nach Paulus hat Gott der Herr uns erschaffen, ins Leben berufen, er begleitet uns in Gnade und Huld, aber respektiert auch unsere Freiheit. Gott wird alle vor seinen Richterstuhl stellen und die Gerechten ins Leben der Auferstehung führen. Und dennoch läßt Gott sein Geschöpf Mensch trotz aller Führung seinen Lebensweg und Geschichtsweg gehen. Daher kann Paulus sagen, dass der so nahe Gott doch auch unser ferner Gott ist, den nie jemand gesehen hat, dessen Willen wir nicht so direkt kennen, der uns nicht gängelt und an der Leine führt, der uns nicht entmündigt oder gar manipuliert. Gott bleibt bewußt und gezielt in Distanz zur Menschheit. Trotz Erhören unseres Betens und Bittens bleibt Gott immer der ganz jenseitige, unbegreifliche, unsichtbare, transzendente, der sich zwar in Christus offenbart, aber sein bleibendes Geheimnis dadurch nicht zerstört hat.
In der Fremde. Daher wandern wir trotz allem unserem Katechismuswissen, unserer Theologie und Frömmigkeit, trotz erhebender Gotteserfahrung in Kult, Liturgie und Gemeinde letztlich wie Flüchtlinge, Fremde, Heimatsuchende durch die Welt. Niemand weiß genau, wo die Leitplanken unserer Straße zum Heil, die biblischen Heilswege verlaufen. Selbst Lehramt und Bischöfe und Papst suchen tastend und stolpernd, von immer neuen Fragen und Problemen gefordert, den Weg in die Zukunft von Welt und Kirche. Alle spüren dabei, dass das hier, so wie diese Welt aussieht und sich täglich darbietet, nicht das Letzte sein kann, dass unser eigentliches Zuhause, unsere endgültige Heimat hier nicht sein kann.
Schätzen wir mit Paulus unsere Lage aber so ein, dass wir im Grunde hier noch in der Fremde leben, dann dürfen wir uns hier nicht auf ewig einrichten und festbeißen, so als ob wir hier das Paradies auf Erden einrichten könnten. Eine seltsame Weltdistanz und eine auffallende Relativierung der irdischen Verhältnisse sprechen aus diesem wichtigen Bildwort vom Leben in der Fremde, das ja eine große Nachgeschichte und Wirkung in der Bewegung der Mönche, Einsiedler, Orden und Klöster unserer Kirche bekommen hat. Natürlich lebt auch die Kirche als Einrichtung auf dieser Erde in dieser Situation der Fremde; sie ist nicht so perfekt und unantastbar, wie manche sich das vorstellen und wünschen; Kirche ist auch ein Teil unserer Fremde hier.
Glaubend unterwegs, nicht schauend. Wenn wir daher bei uns selbst und bei anderen immer wieder sehen und spüren, wie Glaubenszweifel, Suchen nach Antworten, Leiden unter dem Ungewissen, Fragen an Gott, Ringen mit Gott uns zu schaffen machen, dann dürfen wir sicher gehen, dass es sich da bei uns um eine ganz legitime, normale, ja notwendige Form von Glauben handelt, um eine Art von Glauben, wie Paulus ihn kennt und beschreibt. Glaube ist für ihn ein tastendes Suchen, ein Sich-Einlassen aufs Ungewisse, ein Hoffen wider alle Hoffnung, ein Versuch des Gehens auf jenem Weg, den Jesus Christus uns vorausgegangen ist und er selbst ist, den Paulus einschlug, nachdem ihm der Auferstandene vor Damaskus erschienen war.
Glauben wird hier kombiniert mit dem Kriterium „unseren Weg gehen“. Es gehört also zum Glauben, sich aufzumachen wie Abraham aus Haran nach Kanaan, wie Israel im Exodus aus Ägypten, nicht zu erstarren in vermeintlichen Positionen des Beharrens, sich nicht festsetzen in dem Irrtum, bereits am Ziel zu sein. Das Wegmotiv ist grundlegender Bestandteil des Glaubensvollzugs, nicht nur nach Paulus, sondern nach gesamtbiblischem Zeugnis. Es beinhaltet die Vision vom erahnten, erhofften Ziel, das sich dem gewaltsamen Haben im Schauen entzieht.
Wenn Jesus uns heute zwei Gleichnisse über das Gottesreich erzählt, so läßt sich die Frage nach diesem Gottesreich nicht einschränken auf die Frage nach dem Leben, das nach dem Tod kommt. Jesus verkündet in vielen Gleichnissen, dass Gott jetzt mitten unter uns seine Herrschaft antritt. Nicht irgendwo über den Wolken will Gott regieren, sondern in unserem Leben und auf unserer Erde. Das „Reich Gottes“ ist ein Thema für hier und jetzt, für Gegenwart und Zukunft.
Und immer wieder taucht bei jedem von uns die gleiche Frage auf: Was kann ich als Einzelner schon tun? Und da möchte ich ihnen die wahre Geschichte von dem Mann mit den Bäumen erzählen.
Die Geschichte klingt wie ein Märchen und ist doch wahr. Ein älterer Mann, im Süden Frankreichs, wohl schon über 50. Sein einziger Sohn ist gestorben, dann auch noch seine Frau. Wofür soll er noch leben? Er verläßt seinen Bauernhof unten in einer fruchtbaren Ebene und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Hier lebt er mit seinen 50 Schafen und seinem Hund. Die wasserlose Gegend der Cevennen am Südrand der Alpen gleicht einer Wüste. Vier oder fünf halbverlassene Dörfer mit zerfallenen Häusern gibt es in dieser trostlosen Gegend. Das Klima ist rauh, die Menschen zerstritten. Der alte Mann erkennt, dass diese Landschaft ganz absterben wird, wenn keine Bäume wachsen. So beschließt er, Abhilfe zu schaffen. Immer wieder besorgt er sich einen großen Sack mit Eicheln. Diese sucht er sorgfältig aus. Erst wenn er hundert gute und kräftige gefunden hat, legt er sie in einen Kübel mit Wasser, damit sie sich richtig vollsaugen. Schließlich nimmt er eine Eisenstange und zieht los. An einer geeignete Stelle fängt er an, den Eisenstab in die Erde zu stoßen. So macht er ein Loch und steckt eine Eichel hinein. So pflanzt er Eichen. 100.000 Eichen in drei Jahren. Er hofft, dass wenigstens 10.000 durchkommen. Bäume in einer Gegend, wo es vorher nichts gegeben hat. Zwischen 1910 und 1945 pflanzt dieser einsame Schäfer Hunderttausende Eichen, später Buchen, Ahorn, Birken, Erlen und Ebereschen. Als Elzéard Bouffier, so heißt der Greis, 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen, eine kleines Paradies, wo früher Einöde war. Menschen siedeln sich an, an die 10.000 Menschen leben nun in den Dörfern und keiner davon weiß, wem das neue Glück zu verdanken ist. Ein einziger Mensch mit seinen schwachen Kräften hat genügt, um aus einer Wüste ein Stück „Gelobtes Land“ zu schaffen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.06.2012: Johannes der Täufer

24.06.2012: Johannes der Täufer

Fest des Hl. Johannes des Täufers

Ein Sonntag des Kirchenjahres hat in der Regel Vorrang vor den Gedenktagen der Heiligen. Wir sind es gewohnt, dass Gedenktage von heiligen Männern und Frauen, mögen sie uns noch so vertraut sein, an den Sonntagen unerwähnt bleiben. Hochfeste allerdings, wie heute das Fest Johannes des Täufers, haben ein so starkes Gewicht, dass sogar der Sonntag in den Hintergrund tritt. Das muss uns hellhörig machen.
Im Osten wie im Westen hat die „Geburt Johannes des Täufers“ einen herausragenden Stellenwert. Die griechisch-orthodoxen Kirchen feiern dieses Fest am 7. Jänner, unmittelbar nach der „Erscheinung des Herrn“. Wir feiern dieses Fest sechs Monate vor der Geburt des Herrn.
Johannes ist jener Mann, von den Jesus gesagt hat, dass es keinen Größeren gegeben hat als ihn. Zacharias, der Vater des Johannes sagt voraus, dass dieses Kind „Prophet des Höchsten“ heißen wird. Er wird dem Herrn vorangehen und ihm den Weg bereiten. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.
Also, darin besteht seine Größe, nicht in seiner strengen, asketischen Lebensweise, auch nicht in der großen Bewegung, die seine Bußpredigt am Jordan unter den Menschen auslöste. Seine Größe besteht darin, Vorläufer zu sein, der unmittelbar auf den Messias hinweist. Seine Größe besteht darin, dass er sich klein macht vor dem Größeren, der nach ihm kommt.
Für Johannes war es kein bequemer Weg. Er geriet in Konflikt mit den Machthabern seiner Zeit, denn er hat sich nicht gescheut, ihnen Dinge zu sagen, die sie nicht hören wollten. Er hielt seinem Landesherrn Herodes sein ehebrecherisches Verhältnis mit der Frau seines Bruders vor, was ihm diese nie verzieh. Herodias wartete auf eine günstige Gelegenheit, Johannes umbringen zu lassen. In der weinseligen Laune eines Festgelages gab Herodes ein Versprechen, das ihm zwar im Nachhinein leid tat, das er aber dennoch halten wollte.
Den Pharisäern, den maßgebenden religiösen Führern des Volkes hielt er Heuchelei vor. Er sagte ihnen unmissverständlich, dass sie nicht schon deswegen bei Gott angesehen sind, weil sie von Abraham abstammen. Er fordert Umkehr und spart nicht mit Drohungen: „Jeder Baum, der keine Frucht bringt wird umgehauen und ins Feuer geworfen“.
Gott hat es seinem Boten nicht leicht gemacht. Und als er im Gefängnis lag, kamen ihm Zweifel. Hat er die richtige Botschaft verkündet, den richtigen Messias? Unschwer können wir uns in seine Lage hinein fühlen: warum tut Jesus nichts für ihn, warum rettet er ihn nicht? Und in seiner Not schickt er seine Jünger zu Jesus. In seinen Worten liegt die ganze Verzweiflung dieses Mannes: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten“? Und Jesus weist hin auf die Zeichen, die er gewirkt hat: Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird die Frohe Botschaft verkündet. Das sind die Wahrnehmungszeichen für den Messias aus dem Alten Testament. Und Johannes glaubte.
Und was ist mit uns Christen heute? Sind wir zu Schweigern geworden, zu einer schweigenden Kirche? Sind wir zu einer Institution geworden, die man zwar im öffentlichen Leben nicht missen möchte, die sich aber gefälligst in nicht einmischen sollte. Läuft unser Christentum nur unter dem Motto: Rette deine Seele? Oder scheuen wir die Auseinandersetzung, den Widerstand. Wer mit Machthabern so umgeht wie Johannes der Täufer, darf sich nicht wundern, wenn diese ihn mundtot machen. Aber wir stehen wie Johannes unter dem Auftrag Gottes, dem wir nicht so einfach entfliehen können. Der Apostel Paulus hat das auch in einem seiner Briefe betont, wenn er u seinem Schüler Timotheus sagt: „Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht“.
Das gilt auch für die Kirche heute und das gilt nicht nur für die Kirchenleitung in Rom sondern auch für uns an der Basis. Wir dürfen nicht verschweigen, wozu wir berufen sind. Es gilt die vielen Verfälschungen des Sinnes unseres Lebens zu entlarven. Es geht darum gegen die Aufhebung der grundlegenden Werte des Gemeinschaftslebens zu protestieren. Die Kirche muss eintreten für die Menschenrechte eines jeden Menschen, auch des ungeborenen und sterbenden Menschen. Die Kirche darf den Menschen nicht nach dem Munde reden. Sie muss sagen was falsch und was Unrecht ist. Die Kirche muss sagen, dass sich die Christen nicht einem bequemen Zeitgeist anpassen dürfen, dass ihre Äußerungen nicht ein Nachplappern der öffentlichen Meinung sein darf. Es geht letztlich darum, beharrlich nach dem Willen Gottes zu fragen, auch wenn dessen Durchführung mit Nachteilen verbunden ist.
Was Johannes der Täufer gepredigt hat war ein Aufruf zur Busse und Umkehr. Das heißt nichts anderes als die beharrliche Hinwendung zu Gott, als die tägliche Treue im Leben aus dem Glauben, als das Bekenntnis zu Jesus Christus auch und gerade in den Widersprüchen, die wir als gläubige Christen von unseren Mitmenschen immer wieder erfahren.
Jeder von uns hat an seiner Stelle, mit seinen Möglichkeiten die Berufung wie Johannes der Täufer, Wegweiser auf Gott hin zu sein, ein Finger, der auf Jesus Christus weist durch ein überzeugendes Leben aus dem Glauben, durch das rechte Wort zur rechten Zeit, durch seine tätige Mitverantwortung für den Mitmenschen.
Die Verwandten und Freunde der Eltern des Johannes machten sich bei seiner Geburt Gedanken und fragten: „Was wird wohl aus diesem Kinde werden?“ Großes ist aus ihm geworden! Sicher haben auch unsere Eltern bei unserer Geburt diese Frage gestellt. Im Blick auf unsere Berufung als Christen suchen wir aufrichtig, eine Antwort zu finden. Und wir werden wahrnehmen müssen, dass wir immer wieder zurückgeblieben sind hinter der Antwort der Liebe, die wir Gott auf seine unermessliche Liebe schulden. Wir tun dies aber im Vertrauen auf seine unermessliche Barmherzigkeit.

P. Paul Mühlberger SJ