01.07.2012: 13. So im Jahreskreis

13. Sonntag im Jahreskreis
Mk 5, 21-43

Es sind gleich zwei Geschichten, die uns im Evangelium dieses Sonntags erzählt werden: die Geschichte einer Krankenheilung und die einer Totenerweckung. Und zwei Menschen sind es, die Jesus um seine Hilfe angehen: eine kranke Frau, die an Blutfluß leidet und ein Mann, der um seine Tochter bangt. Weiter hören wir von Menschen, die sich um Jesus drängen.
Viele Menschen, so wird erzählt, folgen Jesus. Ihm ging der Ruf eines Wundertäters voraus. Er hatte Aufsehen erregt, Erwartungen geweckt – vielleicht auch nur Neugierde oder Sensationslust. Als die Sache nicht so lief wie erwartet, als Jesus offenbar zu spät kam – die Tochter des Synagogenvorstehers war bereits tot -, da winkten die Leute ab. Er solle sich nicht weiter bemühen. Gib´s auf! Als Jesus nicht aufgibt, als er davon spricht, das Mädchen schlafe nur, lachten sie ihn aus. Zuschauer: abwartend, skeptisch, schwankend, ungläubig.
Steckt davon nicht auch etwas in uns, wenn wir, wie diese Menschen am Rande des Geschehens, nur bis zu Jesus, dem Wundertäter, vordringen? Wenn es auch uns vorrangig darum geht, ob Jesus nun Wunder gewirkt hat oder nicht. Am Ende der Geschichte, als das Menschenunmögliche eintritt du ein junges Mädchen wieder zum Leben erweckt wird, geraten die Leute ausser sich vor Entsetzen. Ob sie daraufhin an Jesus, den verheißenen Messias geglaubt haben, davon hören wir nichts Bloßer Wunderglaube reicht nicht aus. Damals in Israel nicht – dies zeigt die Verwerfung Jesu trotz der von ihm gewirkten Wunder – und auch heute nicht. Glaube muß tiefer ansetzen.
Schauen wir zunächst auf diese Frau, an der viele Ärzte herumkuriert hatten und die dabei um ihr ganzes Vermögen gebracht worden war. Eine Frau mit Blutungen galt in Israel als unrein. Sie war vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, musste jeden Kontakt meiden. Wer sie berührte, wurde ebenfalls unrein. Eigentlich durfte sie sich nicht in der Menge bewegen, durfte auch Jesus nicht berühren. Sie konnte ihn auch nicht öffentlich um Heilung bitten, dann hätte sie ihr Leiden offenbaren müssen, hätte den Zorn der Leute auf sich gezogen. Doch unsere Frau setzt alles auf eine Karte. Sie missachtet die Vorschriften ihrer Religion, drängt sich von hinten an Jesus heran. Und weil sie ihre Not nicht herausschreien darf, ihn nicht berühren will, da berührt sie wenigstens sein Gewand. Und Jesus spürt es und er erhört diese wortlose Bitte. Doch er besteht darauf, dass sie öffentlich sage, welches ihr Begehren war. „Sie sagte die ganze Wahrheit“, so unser Text. Alle sollten es hören, alle sollten es wissen, dass Jesus nicht die Auffassung der jüdischen Religion teilt, Blutungen machten unrein. „Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein“, sagt er. Geheilt ist sie, sie soll leben können.
Nach einer sehr alten Tradition stand am Kreuzweg Jesu eine Frau: Berenike, Veronika. Sie hat Jesus das Schweißtuch gereicht, in dem sich sein geschundenes Antlitz abgebildet hat. Und dann weiß eine spätere Legende davon zu erzählen, dass Veronika dieselbe Frau war, die Jesus von ihrem Blutfluß geheilt hatte. Vielleicht will diese Geschichte sagen, dass die von ihrem körperlichen Leiden geheilte Frau später noch eine tiefere Heilung erfahren hat. Möglicherweise ist sie wirklich Jesus nachgefolgt und konnte wahrnehmen, dass Jesus mehr ist als ein Wundertäter, mehr als ein Heiler. In der glaubenden und liebenden Hinwendung zu Jesus erkannte sie ihn als den Heiland und Erlöser der Menschen. Diese Frau würde dann alle jene Menschen verkörpern, die am Leidensweg Jesu gestanden haben, die daran geglaubt haben, dass das scheinbare Scheitern Jesu nicht dessen Ende bedeutete. Gegen den Augenschein! Auf seinem Weg ans Kreuz, in den Tod, sind alle seine Wunder scheinbar Lügen gestraft worden. Galten nichts mehr. „Anderen hat er geholfen“, so seine Widersacher, „sich selbst kann er nicht helfen“. Obwohl alles dagegen sprach, gab es dennoch Menschen, die an das Wunder glauben, das nur Gott zu wirken vermag: Gott wird Jesus aus dem Tod erretten.
Wie geht es mit, wenn augenfällige Wunder ausbleiben? Wenn in meinem Leben einiges anders kommt, als ich es mir erhofft habe? Wenn ich von einer Krankheit nicht geheilt werde? Wenn eine erstorbene Liebe nicht wieder zu beleben ist? Wenn mir zugefügte Verletzungen nicht heilen wollen? Kann ich dann noch daran glauben, dass Gott meine Wunden heilen wird, mich innerlich heil werden läßt? Solche Heilungswunder kann nur Gott vollbringen. An uns liegt es, ihm dies zuzutrauen.
Doch nun zurück zur Tochter des Jairus. Auf dem Weg zu ihr kommen schon die Leute seines Hauses. „Es ist umsonst“, so sagen sie. „Bemühe den Meister nicht mehr länger! Deine Tochter ist soeben gestorben.“ Wie modern auch das klingt. Beten sind Worte ins Leere, so sagen manche. Alles umsonst. Da ist kein Ohr, das unser Flehen hörte. Doch Jesus: "„Dein Bitten war nicht umsonst! Glaube nur und hab Vertrauen. Auch wenn die öffentliche Meinung es anders meint. Lass sie reden, lass sie lachen. Ja sie lachten als Jesus sagte, das Mädchen sei nicht tot, es schlafe nur. Bei Lazarus hat Jesus auch so gesagt: „Lazarus ist nicht tot, er schläft nur“. Der Tod ist nur wie ein Schlaf. Und man erwacht zum ewigen Leben. Doch Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Und so sagt Jesus: „Mädchen, steh auf.“ Und sofort stand es auf und Jesus fordert die erstaunten Eltern auf, sie sollten ihrer Tochter zu Essen geben.
Lukas schärft den Leuten ein, sie sollten das Geschehene nicht weiter erzählen. Damit wollte er erreichen, dass man in ihm nicht den bloßen Wunderheiler sieht die die tiefe Botschaft übersieht, die er bringen wollte. Und die Geschichte ist weiter erzählt worden, immer wieder, damit sie in denen, die sie hören Glauben weckt: Ja, ich darf Gott zutrauen, dass er durch Jesus Kranke geheilt und Tote auferweckt hat, und dass er dies getan hat, um Jesus als den verheißenen Messias zu bestätigen. Als den, der uns das Leben Gottes bringt. Es sollte durch aussergewöhnliche, die Macht des Menschen überschreitende Zeichen offenkundig werden, dass Gott wirklich unter uns gegenwärtig ist. Aber Jesus ist nicht gekommen, um Krankheiten zu beseitigen, den Prozeß unseres leiblichen Zerfalls zu verhindern oder gar den Tod rückgängig zu machen. Der Tochter des Jairus, auch dem Lazarus, blieben in dem ihnen zurückgeschenkten Leben Krankheiten und zuletzt der Tod nicht erspart.
Hoffen möchten wir jedoch auf einen Gott, der allem, mit Menschenaugen gesehen Aussichtslosen, Vergeblichen, Todgeweihten den Stachel des Endgültigen nimmt. Wir wollen hinter die Wunder zu dem hinfinden, der das Wunder selbst ist. Jesus ist das Wunder Gottes in dieser Welt. Im Glauben an ihn könnten wir dann Erfahrungen von Scheitern, von Krankheit und Tod schon jetzt zu Erfahrungen von Hoffnung werden. Dies wäre das eigentliche Wunder in unserem Leben, mögen auch die Wunder ausbleiben, die wir uns erträumen. Ein solches Wunder dürfen wir Gott zutrauen. Er hat uns in Jesus aus unserer Todesverfallenheit errettet und wird uns ein Leben schenken über dieses Leben hinaus. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.07.2012: 14. So im Jahreskreis

14. Sonntag im Jahreskreis
Mk 6, 1b-6


Das Wort vom „Propheten, der in seiner Heimat nichts gilt“ ist auch heute noch aktuell. Gerade die gute Lebenserfahrung kann einem dabei ein Schnippchen schlagen, wenn man in der Begegnung vor lauter Einschätzungen dem anderen keine Chance mehr läßt, anders zu sein als das Bild, das schon von ihm angefertigt wurde. In diese Kommunikationsfalle ist Jesus bei seinen Zeitgenossen ebenfalls geraten. Und nicht nur Jesus. Mit ihm und seiner Botschaft auch Gott selbst. Gott läßt sich aber nicht von den Vor-urteilen der Menschen in Schubläden pressen.
Was ist denn geschehen an diesem Sabbat in der Synagoge von Nazareth. Ich nehme an, dass in diesem kleinen Ort ganz gewöhnliche und auch fromme Menschen zu Hause waren. Man hat Jesus eingeladen in der Synagoge zu sprechen. Es war ja immerhin auch interessant nicht immer den gleichen Rabbi zu hören, sondern auch einmal einen anderen. Wir wissen leider nicht, was Jesus gepredigt hat, welchen Text aus der Thora er sich vorgenommen hat. Wir wissen nur, dass die Zuhörer zunächst staunten, sowohl über das, was er sagte, als auch über das, wie er es sagte. Sie staunen über seine Weisheit und erinnern sich, dass so manche Wunderberichte ihnen zu Ohren gekommen sind.
Und da kommen sie mit Jesus nicht mehr zurecht. Den kennen wir doch, wir kennen seine Mutter, wir kennen seinen Vater, wir kennen seine Verwandtschaft. Wie kommt er nun dazu, sich als etwas Besonderes auszugeben, er, der Sohn ganz einfacher Leute, den sie seit seiner Kindheit und Jugend kennen? Und so lehnen sie ihn ab.
Vorurteile! Wir kennen das Wort, wir kennen, was sich dahinter verbirgt. Und ich kann ihnen sagen: wir Menschen haben eine ganze Menge von Vorurteilen. Und das ist nicht ungefährlich, denn diese Vorurteile hindern uns Dinge neu kennen zu lernen, hindern uns Menschen in ihrer Eigenart zu begreifen und zu verstehen, engen schlichtweg unsere Erkenntnis ein.
Auf Bahnhöfen bleibt es einem kaum erspart Wartezeiten auf sich zu nehmen. Eine beliebte Übung besteht dann oft darin, in diesen Zwischenzeiten Leute zu beobachten. Mir auszudenken, was der oder diejenige so mache? Woher sie komme? Welchen Beruf er habe? Wohin sie fahre? Bei einer ersten Begegnung zweier Menschen versucht jeder, den anderen einzuschätzen: Wer ist der andere? Wie er wirkt, sein wird, reagiert? Welche Meinung hat der andere?
Warum verhalten Menschen sich so? Warum verhalte ich mich so? Ich denke, daß dies eine natürliche Schutzmaßnahme ist. Dies Vorgehen schenkt Sicherheit, gibt einem die Illusion, den anderen zu kennen. Ich kann mich innerlich auf die eine oder andere Reaktion, Vorgehensweise vorbereiten. Kann den unliebsamen Moment ausschließen, überrascht zu werden. Ich kann mich auf den anderen einstellen.
Das alles ist gleichzeitig der Nährboden für viele Vorurteile. Mit klaren Urteilen läßt es sich eben besser leben. Wenn meine Vorurteile, sei es über die Jugend von heute, sei es über die Kirche, dann nach meiner Beurteilung eintreten, dann fühle ich mich wohl. „Ich hab´s ja immer schon gesagt“. Allerdings hat diese Gewißheit einen Nachteil. Neues kann man so über einen Mitmenschen nicht mehr erfahren. Es engt den Horizont ein. Aber beiden geht nicht: Schubladendenken und offenzubleiben für den anderen. Und so gehört es zur größten Falle in der Begegnung zweier Menschen, wenn jeder als selbstverständlich voraussetzt, daß sein Standpunkt der einzig richtige sei, die eigene Einschätzung praktisch fehlerlos ist.
Jeder kennt sie, diese Situationen, in denen wir gar nicht mehr dem anderen den Ausweg lassen, daß er sich anders verhält, als wir es gewohnt sind und erwarten. Was geschieht, wenn ein Nachbar, der morgens im Lift immer gerade an ihnen vorbeischaut, sie plötzlich grüßt? Das kann verwirren. Solch Ungewohntes kann den ganzen Tag durcheinanderbringen: Das Ritual, der Ablauf ist gestört, das Vorurteil wurde nicht bestätigt. Ja es könnte unter Umständen sogar eine Krise auslösen. Einer verhält sich nicht mehr gemäß seiner ihm zugedachten Rolle. Einer bricht aus einem lange Zeit bestätigten Schema plötzlich aus. Sehr peinlich wird es dann, wenn sie erfahren, daß der Nachbar monatelang seine schwerkranke Frau pflegte und sein Kopf voll von Sorgen um seine Frau war.
Das Evangelium berichtet uns vom Verhalten der Leute in Nazareth Jesus gegenüber. Den kennt man ja von Kind auf. Er hat dreißig Jahre unter ihnen gewohnt und gearbeitet. Da kann man sich als Nachbar doch wohl ein Urteil bilden. Der soll drüben in Kafarnaum Wunderdinge vollbracht haben? Der soll etwas Besonderes sein? Davon hätten wir zuerst etwas merken müssen.
Die Leute von Nazareth denken so wie die meisten Menschen: Wer außerordentliche Dinge tut, muß auch außerordentlich leben; muß sich abheben vom gewöhnlichen Alltag, der darf kein normales Leben führen. So haben sich die Bewohner von Nazareth schnell ein Urteil über Jesus zurecht gemacht.
Jesus fiel für seine Zeitgenossen sozusagen aus der Rolle als er in der Synagoge lehrte und vielleicht eine neue Auslegung der Schrift lehrte. Zunächst so einleuchtend, daß er wegen seiner Weisheit gerühmt wird, doch dann werden seine Zuhörer sofort von ihren Vorurteilen attackiert: Woher hat er das alles? Wir kennen ihn doch. Er ist ja nur des Zimmermanns Sohn und seiner Frau Maria. Mitten im gewohnten Ablauf eines Sabbats, im gängigen Ritual dörflicher Gottesverehrung bildet sich dieser Jesus ein, mehr zu sein als alle anderen im Dorf. Gut, man muß zugeben, da steckt viel Weisheit hinter seinen Worten und es gibt auch einige unerklärliche Vorkommnisse mit seiner Person, aber was nicht sein darf, darf einfach nicht sein.
Dieses Vorurteil schließt damit aber nicht Jesus, sondern auch Gott mit ein. Gott stecken sie in eine andere Schublade. Gott hat sich wie bei Moses in großen Wundertaten zu zeigen. Er hat einen Messias zu schicken, der mit Engelsmacht die Römer aus dem Lande wirft. Er soll Israel mit Macht retten. Und wenn er es nicht so wie erwartet tut? Pech gehabt! Dann wird es nicht anerkannt.
Wenn seine Landsleute offen gegenüber Jesus gewesen wären, hätten sie etwas Neues lernen können. Denn es ist ein durchgehendes Prinzip der Heilsgeschichte, daß Gott seine Macht und Größe gerade im Kleinen und Unauffälligen offenbart.
Nicht ein großes und mächtiges Volk, sondern ein kleines und ohnmächtiges Volk wird zum Träger göttlicher Verheißung erwählt. Nicht in der Weltstadt Rom, sondern im verschlafenen Dorf Bethlehem wird der Heiland der Welt geboren. Jesus verwendet für seine Botschaft einfache Worte und Bilder, und doch entfachen sie eine ungeheure Wirkung. Jesus beruft und sendet als Träger seiner Botschaft kleine Leute, Fischer vom See Genesareth.
Jesus setzt sein Wirken in der Kirche und durch die Kirche fort in schlichten alltäglichen Zeiten: Ein Stück Brot, ein Schluck Wein, ein wenig Öl, fließendes Wasser, eine Berührung mit der Hand - sie werden zu Trägern der göttlichen Liebe, des Heils und der Versöhnung. Im Kleinen vollzieht sich das Große.
Das Prinzip des Verborgenen, Kleinen, Alltäglichen ist maßgebend auch für unser christliches Handeln: Das Evangelium verkünden, am Reich Gottes mitzuarbeiten, an der Erlösung des Menschen und der Welt mitwirken vollzieht sich nicht in spektakulären Aktionen sondern im normalen menschlichen Alltag: dort, wo Eltern ihre Kinder erziehen, Ärzte sich der Kranken annehmen, Lehrer ihre Schüler unterrichten, die Kranken für die Gesunden beten, die Gesunden ihrer Arbeit nachgehen; in all dem kann sich Christsein verwirklichen.
Sichtbares Beispiel, ja maßgebendes Modell verborgen gelebten Christseins ist Maria, die Gottesmutter. Sie, die nach den Worten des Engels „voll der Gnade“ ist, lebt aus der Fülle dieser Gnade ein Leben der Verborgenheit und Unauffälligkeit in Nazareth. Sie begleitet ihren Sohn auf seinem Weg bis unter das Kreuz. An ihr können wir ablesen, und von ihr können wir lernen, daß im Kleinen das Große, im Normalen das Einmalige, im Verborgenen das Höchste geschieht: die Rettung der Welt durch ihren Sohn nach dem ewigen Willen des Vaters im Himmel. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.07.2012: 15.Sonntag im Jahreskreis

15.Sonntag im Jahreskreis
Mk 6,7-13


Immer wieder sehen wir sie auf unseren Strassen stehen, die Zeugen verschiedener religiöser oder pseudoreligiöser Gemeinschaften, mit dem Wachturm in der Hand oder mit der Mormonenbibel. Sie sprechen die Leute, die vorbeigehen an und laden sie ein zu einem Gespräch. Wenn ich an solchen Leuten vorbei gehe kommt mir immer wieder der Gedanken: würden wir als Christen das auch tun? Würden wir als Christen den Mut und die Courage haben, öffentlich für unseren Glauben Zeugnis zu geben und für ihn zu werben?
Wir verkündigen in unseren Kirchen, in Büchern und Zeitschriften und in den verschiedenen anderen Medien; aber so in der Öffentlichkeit, mitten im Trubel der vorbei hastenden Menschen – das ist sicherlich nicht unsere Art. Und dennoch sind wir zum Zeugnis geben berufen. Jesus selber sendet seine Jünger aus, zu zweien und mit der Macht über die unreinen Geister.
Das ist ja interessant was da gesagt wird, dass Jesus seinen Jüngern Macht gab über die unreinen Geister, letztlich über das Böse in dieser Welt, über das Gottfeindliche. Gilt das auch heute noch, gilt das auch noch für uns. Es wäre eine leere Botschaft, wenn das nicht auch für unsere Zeit stimmen würde. Kurzum, wir entnehmen, dass unserem christlichen Leben eine von Gott geschenkte Macht innewohnt, die es zu gebrauchen gilt, wenn sich die Frohe Botschaft Gottes auch unter unseren Zeitgenossen ausbreiten und zur Wirkung kommen soll.
Das geht aber nicht so wie mit dem Zauberring im Märchen, mit dem Ringe, den man am Finger dreht und der einem dann Macht verleiht. Wenn Jesus Menschen sendet, um seine Botschaft an die Menschen heranzubringen, dann ist von diesem Boten etwas gefordert. Es kann doch nur einer ein guter Zeuge sein, der über eine Tatsache einen guten Bescheid geben kann, der sich das, was er sagt auch zu Eigen gemacht hat. Und das ist ja nun gerade der springende Punkt: Kann ich ein glaubhafter, ein glaubwürdiger Zeuge sein?
Man kann heutzutage bei vielen Christen ein großes Wissensdefizit über die eigene Glaubenslehre feststellen. Irgendwann in der Schule hat man dieses oder jenes gelernt und dann war der Schlußpunkt, weiter ist man nicht mehr gekommen, keine weitere Information, kein religiöses Buch, das man gelesen hätte, keine gute Zeitschrift, die auf religiöse Fragen unserer heutigen Zeit eingeht. Und so sind wir geworden wie Vertreter eine Ware, die dieselbe gar nicht kennen. Glauben wir wirklich allen Ernstes, dass so einer ein glaubwürdiger Vertreter für eine Ware sein kann, der sie selber nicht einmal kennt?
Um gute Verkünder der Frohen Botschaft zu werden, damit wir den Auftrag Jesu erfüllen können, ist von uns allen noch viel Aufbauarbeit zu leisten. Aber wenn wir auch alles Wissen um den Glauben in uns angespeichert hätten, wäre das für die Verkündigung noch zu wenig. Bloßes Wissen allein genügt nicht. Auch eine perfekte, stilistisch vollkommene Predigt lockt noch niemand hinter dem Ofen hervor, wenn das Leben mit ihr nicht übereinstimmt.
Charles de Foucauld schrieb einen bedeutenden Text:

Apostel sein –wie?
Durch Güte, Zärtlichkeit, Bruderliebe,
tugendhaftes Beispiel, Bescheidenheit und Sanftmut,
die immer so anziehend und christliche sind;

bei einigen, ohne ihnen jemals ein Wort über Gott oder die Religion zu sagen,
indem man sich geduldet, wie Gott sich geduldet,
indem man gut ist, wie Gott gut ist,
indem man ein zärtlicher Bruder ist und betet;

bei anderen, indem man so weit von Gott spricht,
wie sie es aufnehmen können....

Vor allem in jedem Menschen einen Bruder (eine Schwester) sehen....,
in jedem Menschen ein Kind Gottes sehen,
einen Menschen, der durch das Blut Jesu freigekauft worden ist,
ein von Jesus geliebtes Wesen........

Uns den kämpferischen Geist austreiben..........
Wie weit ist es
Von der Art, wie Jesus handelte und sprach,
bis zum kämpferischen Geist derer,
die keine oder schlechte Christen sind
und Feinde sehen, die bekämpft werden müssen.

Wahrscheinlich fehlt es uns auch immer wieder an der nötigen Zuversicht, an einem gesunden Selbstbewusstsein als Christen. Jesus hat uns als „Salz der Erde“ bezeichnet, das heißt, wir habe die Fähigkeit, unserer Welt die nötige Würze zu geben bereits erhalten in der Taufe und in der Firmung. Wir müssen nur mit diesen Geschenken arbeiten. Jesus gibt uns „Macht über die unreinen Geister“. Und deren sind viele in unserer Welt. Es braucht keine großen Überlegungen, dass feststellen können, wie in unserer Welt der Haussegen schief hängt. Viele zerstörerische Mächte sind am Werk und wir haben die Macht ihnen entgegen zu wirken.
Markus erzählt schließlich noch, wie Jesus seine Jünger aussendet. Sie sollen von Jesus selbst Zeugnis geben – indem sie so handeln wie Jesus selbst: Dämonen austreiben und Kranke heilen. Auch hier ist es nicht nur ein Wort, das auszurichten ist – sondern das ganze Leben der Jünger hat sich an der Botschaft, am Auftrag auszurichten. So sollen wie auf ihrer Verkündigungsreise nichts mitnehmen. Das kommt uns ein wenig eigenartig vor, wenn wir sehen mit welchem technischen Equipement wir heute an die Verkündigung herangehen. Gemeint ist mit dem Auftrag Jesu wohl etwas Tieferes: dass wir immer daran denken, dass nicht wir es sind mit unserer Verkündigung, die die Herzen der Menschen treffen, sondern dass Gott selber es ist, der durch uns spricht. Letztlich ist jede Bekehrung sein Werk. Wir leisten nur eine kleine menschliche Vorarbeit, eine Basis, die aber sehr wichtig ist. Wir sollen also nicht nur auf menschliche Mittel vertrauen, sondern auf das, was Gott am Menschen tun kann.
Und was sollen sie machen, wenn sie auf taube Ohren stoßen, was sollen sie tun, wenn man ihre Botschaft nicht annimmt. Dann sollen sie den Staub von ihren Füssen schütteln. Das heisst doch wohl, sie sollen sich durch den Misserfolg nicht deprimieren lassen, denn Misserfolg kann auf das Leben eines Menschen einen schädigenden Einfluß haben, kann ihn mutlos machen. Gott hat viele Möglichkeiten, einen Menschen anzusprechen. Und vielleicht war unser bescheidener Versuch bloß der erste Anstoß in einer Reihe von anderen.
Jesus hat uns einmal in einer seiner Reden die Vögel des Himmels vor Augen gestellt, die locker und leicht durch die Luft schweben und vom himmlischen Vater ernährt werden. Nehmen wir unser Leben nicht manchesmal doch ein wenig zu schwer? Könnte wir mit ein wenig mehr Vertrauen auf Gott unser Leben nicht angstfreier und sorgloser machen. Das Wenige, das wir oft tun können erschreckt uns; aber wir vergessen, dass Gott auf unserer kleinen Basis anfängt, seine Geschenke aufzuhäufen.
Der englische Schriftsteller Chesterton hat einige treffliche Worte über die Leichtigkeit gesagt: „Ein Vogel ist behende, weil er weich ist. Ein Stein ist hilflos, weil er hart ist…..es ist leicht, schwer zu sein, schwer leicht zu sein…...Als Petrus für einen Augenblick – im Blick auf den Herrn – ganz vertraute, war er so leicht, dass er über das Wasser gehen konnte!“-
Nichts ist schwer, sind wir nur leicht! Das wäre eine wunderbare Lebensregel für die Boten Jesu heute, die sich selbst und ihre Aufgabe oft genug viel zu schwer nehmen.
Am Ende unseres Lebens wird uns allen von Gott selbst ein Zeugnis ausgestellt werden, in dem beurteilt wird, ob wir tatsächlich seine Zeugen waren oder nicht. Zeuge sein heißt ja, nicht nur für sich selbst verantwortlich sein, sondern auch für andere, ihnen etwas von Gott weiter zu sagen.
Lassen wir uns wieder neu von Gott in Dienst nehmen – und wir brauchen keine Angst zu haben vor dem letzten Zeugnistag am Ende des Lebens. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

22.07.2012: 16.Sonntag im Jahreskreis

16.Sonntag im Jahreskreis
Mk 6,30-34


Jesus hat seine Jünger ausgesandt, um zu predigen und um zu heilen. Diese ihre Tätigkeit hatte eine Voraussetzung: sie lehrten nicht in ihrem eigenen Namen, sondern mit der Vollmacht Jesu und in unbedingtem Vertrauen auf ihn. Und nun kommen sie zurück, müde und abgespannt. Es muss sie ganz schön hergenommen haben, denn der Andrang der Menschen zu ihnen war groß, so dass sie kaum zum Essen Zeit hatten.
Und nun wollte ihnen Jesus eine Zeit des Ausruhens gönnen. Das zu Hören tut gut; aber leider dauerte die Ruhe nicht lange. Trotz allem Ruhe- und Rückzugsbedürfnis erfasste Jesus das Mitleid mit den Menschen, die er wie Schafe ohne Hirten erlebte.
Jesus weiß um das Leben der Menschen. Es braucht den Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, Anspannung und Entspannung. Kein Mensch kann nur arbeiten. Menschen können nicht nur auf Hochtouren sein. Sie brauchen auch Erholung und Ruhe, Stille und Beten. Menschen, die immer nur schuften, werden irgendwann leer. Wer nur immer schafft und für andere da ist, ohne selbst aufzutanken, der wird hohl und ausgebrannt.
Wir brauchen immer wieder Ruhe und Möglichkeiten zum Ausspannen. Die Zeit, die wir uns hin und wieder dazu nehmen ist keine verlorene Zeit. Im Gegenteil, sie ist die Voraussetzung für eine gute Arbeit. Viele Menschen genießen in diesen Tagen ihren wohlverdienten Ausstieg aus der Tretmühle Arbeit. Was sie allerdings daraus machen, ist sehr unterschiedlich und hängt nicht nur davon ab, wo sie den Urlaub verbringen, sondern auch wie sie ihn gestalten.
Die einen nutzen die kostbare Zeit, um endlich tun zu können, wofür sonst keine Zeit bleibt; sie reisen, lesen, kochen, besuchen Kulturgüter und Freunde. Andere erholen sie von den Strapazen der Arbeit und des Berufslebens im eigenen Garten, im Wellness-Club, am Meer, auf einer Insel oder auf dem Balkon.
Es gibt da eine Geschichte, die vom Apostel Johannes erzählt wird. Es wird erzählt, dass der Apostel Johannes gerne mit seinem zahmen Rebhuhn spielte. Eines Tages kam ein Jäger zu ihm. Er wunderte sich, dass Johannes, ein so angesehener Mann, spielte. Er hätte doch in der Zeit viel Gutes und Wichtiges tun können. Deshalb fragte er: „Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?“ Johannes schaute ihn verwundert an. Warum sollte er nicht spielen? Warum verstand der Jäger ihn nicht? Er sagte deshalb zu ihm: „Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?“ „Das darf man nicht“, gab der Jäger zur Antwort. „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich dann einen Pfeil abschießen wollte, hätte der Bogen keine Kraft mehr.“
Johannes antwortete: „Junger Mann, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspanne und einfach spiele, dann habe ich keine Kraft mehr für eine große Anspannung, dann fehlt mir die Kraft, das zu tun, was notwendig ist und den ganzen Einsatz meiner Kräfte fordert.“
Und es kommt ja wirklich allerhand auf uns zu. Wenn wir uns alle gerne einmal auf eine Insel zurückziehen, so müssen wir andererseits auch feststellen, dass wir selber keine Insel sind, dass wir vielfach Geforderte sind, in einer Welt der Orientierungslosigkeit und der Not. Die Hirtensorge, die der Prophet Jeremias heute in der Lesung anspricht geht nicht nur die oberen Zehntausend etwas an, sondern jeden von uns. Die Hirten sollten schwache Tiere stärken, kranke verarzten, verletzte verbinden, versprengte heimführen, verirrte suchen und die gesunden verpflegen und hüten. Das alles lässt sich unschwer in unsere eigene Situation und unser eigenes Leben übersetzen.
Wir tragen alle Verantwortung für das Umfeld, in dem wir tätig sind: als Vater oder Mutter, als Lehrer oder Schüler, als einfacher Arbeiter oder als betender Mensch. Bei dem biblischen Weheruf am Anfang unseres Textes geht es nicht um einzelne oder kleinere Verstöße, die weniger ins Gewicht fallen, sondern um die grobe Sorglosigkeit der Hirten, die letztlich die Existenz der Herde bedroht. Die den verantwortungslosen Führern angedrohte Strafe ist nicht verschlüsselt oder diplomatisch, sondern eindeutig und hart formuliert. Gott selbst zitiert die Pflichtvergessenen vor Gericht und ahndet persönlich die Bosheit ihres Treibens. Das könnte und sollte auch uns ein Anstoß sein, einmal darüber nachzudenken, wo und wem gegenüber wir Verantwortung tragen. Ich denken da an konkrete Menschen, die große Sorgen haben, die sich mit Problemen und Zweifeln herumschlagen müssen und unter Depressionen leiden. Der moderne Mensch neigt dazu, immer und überall auf seine Rechte zu pochen. Wer darauf verzichtet, gilt vielfach als verklemmt und zurückgeblieben. Natürlich hat jeder neben seinen Pflichten auch Rechte, aber nicht selten werden diese dann in Anspruch genommen, wenn einem die überzeugenden Argumente ausgegangen sind. Die Rechte des Hirten in der Bibel werden niemals überbetont, eindeutig steht die dienende und schützende Funktion des Hirten im Vordergrund.
Dieses Dienen erschöpft sich nicht in Gefälligkeiten oder einem nichts sagenden Aktivismus, die häufig nur über die eigentlichen Aufgaben hinwegtäuschen, sondern in einem selbstlosen und verantwortbaren Einsatz zum Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft.
Doch der Prophet Jeremias ist nicht so naiv anzunehmen, dass dies den Menschen jederzeit aus eigener Kraft gelingt. Er betont darum, dass Gott selbst, er als der eigentliche Hirt, die Initiative ergreift. Selbst wenn er zugelassen hat, dass seine Herde zerstreut wurde, jetzt setzt er alles ein, die zerstreuten Schafe zu retten, indem er sie in das verheißene Land führt, um so ein neues, großes und starkes Gottesvolk zu schaffen. Doch wie soll man sich das vorstellen?
Auch darauf weiß der Prophet eine Antwort. Gott verheißt seinem Volk für die Zukunft einen neuen, pflichtbewussten Führer, der dem Unheil ein Ende bereitet und ein Zeitalter des Friedens heraufführt. Dieser von Gott eingesetzte König, ein echter Nachkomme Davids, wird sachkundig und gewissenhaft die Aufgaben seines Amtes erfüllen und im Land Recht und Gerechtigkeit zur Geltung bringen. Recht und Gerechtigkeit, sie und nicht diplomatisches Taktieren oder kriegerische Erfolge bilden das Fundament seiner Herrschaft, die ihren Anfang und Bestand ganz dem Handeln Gottes und nicht menschlicher Betriebsamkeit verdanken.
Schließlich hören wir auf die Aufforderung zum Ausruhen die Barmherzigkeit Jesu mit den Menschen heraus. Und diese Barmherzigkeit wünschen wir uns auch in unserer Kirche, gerade wenn sie in diesen Jahren nach neuen Wegen zu den Menschen sucht: Mitleid und Barmherzigkeit mit jenen, in deren Leben es zu Brüchen und Abstürzen gekommen ist. Das Leben verläuft nicht immer geradlinig, auch wenn wir das so gerne hätten. Lebensentwürfe scheitern, Ehen zerbrechen, Menschen machen Fehler und sündigen. Hätte Jesus zu all diesen Menschen gesagt: „Für euch gibt es keinen Platz bei mir“? Kaum vorstellbar. „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen“. Und nicht nur die Kirchenleitungen brauchen diese Augen des Mitleids und der Barmherzigkeit – wir selbst haben sie dringend nötig. Frage sich jeder und jede einmal: Wie begegne ich Menschen, die nach meinem moralischen Empfinden falsch leben? Wie begegne ich Menschen, die schuldig geworden sind? Sofort mit Ablehnung und Verurteilung? Oder zunächst mit Mitleid und Barmherzigkeit?
Das Leben Jesu und seine Botschaft sprechen eine eindeutige Sprache: das Nein zur Sünde und das Ja, das Mitleid und die Barmherzigkeit dem Sünder gegenüber. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

29.07.2012: 17. Sonntag im Jahreskreis

17. Sonntag im Jahreskreis
Jo 6-15

Wir kennen heute keinen Hunger mehr, nicht mehr den Hunger, der sich nach dem Krieg breit machte, oder den Hunger, der sich in den Dürregebieten der Erde immer mehr ausbreitet. Wir kennen die Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen und großen traurigen Augen und dem Kampf um jedes Reis- oder Maiskorn in der Schüssel. Aus Nordkorea wurden uns vor wenigen Jahren Bilder zugespielt, wo Menschen auf Grund einer großen Hungersnot sogar das Gras zu essen versuchten.
Und wenn wir heute Hunger haben, dann können wir ihn sofort stillen mit all den köstlichen Dingen, die uns unsere Supermärkte bieten. Wenn wir heute von Hunger sprechen, dann meinen wir meist eine andere Art von Hunger, den Hunger nach Liebe, den Hunger nach Heimat und nach Geborgenheit und wie sonst die Hungersarten des Menschen noch heißen mögen.
Jesus hat Verständnis für den Hunger der Menschen, die einen langen Weg mit ihm mitgezogen sind und ihm zugehört haben. Es ist interessant, dass Jesus seine Jünger um Rat fragt: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ Die Jünger sind nun ratlos angesichts der großen Menschenmenge. Und diese Hilflosigkeit soll ihnen zum Bewusstsein kommen. Auch uns kommt sie immer wieder zum Bewusstsein, gerade dann, wenn wir vor Situationen in denen wir helfen wollen und nicht können. Philippus dreht zuerst einmal den Geldbeutel um und da kommt ihm seine Hilflosigkeit erst recht zum Bewusstsein, denn es scheint nicht viel drinnen gewesen zu sein. Und Andreas entdeckt einen kleinen Jungen, der so schlau war, sich eine Wegzehrung mitzunehmen, nicht viel aber für ihn dürfte es gereicht haben: fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Doch für die Menge reichte das natürlich nicht aus, so die Feststellen des Andreas.
Und nun kommt das Erstaunliche! Jesus lässt sich von dem kleinen Jungen die Brote und Fische geben und daraus wird unter seinen Händen die Nahrung für die ganze versammelte Zuhörerschaft Jesu. Jesus wirkt also sein Wunder nicht aus dem Nichts heraus. Er nimmt das Wenige das die Menschen haben als Voraussetzung für sein großes Brotwunder.
Diese Situation ähnelt in vielfacher Beziehung auch der unseren. Angesichts der Not, die uns umgibt fallen wir oft in die Versuchung der Resignation, sind der Meinung, dass das, was wir tun können nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein ist, nicht ausreichend und dann tun wir oft gar nichts anstatt das Wenige im Vertrauen darauf einzusetzen, dass Gott daraus etwas Großes machen kann. Ich habe es schon oft gesagt und betont, dass wir erst durch unser menschliches Tun, auch wenn es noch so unbedeutend erscheint die Voraussetzungen für die Wunder Gottes schaffen. Die Liebe und väterliche Sorge fließt durch unsere oft sehr schwachen menschlichen Kanäle.
Es geht Jesus aber nicht allein um den Hunger des Leibes. Am Ende unseres heutigen Berichts steht etwas, das uns nachdenklich machen sollte. Die Menschen erkennen in Jesus einen Propheten und hatten vor ihn mit Gewalt zum König zu machen. Das wäre für sie ein richtiger König, der dafür sorgen würde, dass sie keine Not mehr leiden müssten, ein König, der ihnen ein Schlaraffenland auf dieser Erde schaffen würde. Sie verstehen das Zeichen der Brotvermehrung nicht. Sie verstehen nicht, dass Jesus nicht nur den leiblichen Hunger zu stillen imstande ist, sondern vor allem den Hunger der Seele. Sie verstehen nicht, was Johannes im weiteren Verlauf des Textes sagen wird, dass Jesus selbst das Brot ist, das vom Himmel kommt und das der Welt das Leben gibt.
Dieses Brot vom Himmel, den Leib Christi reicht er uns immer wieder zur Speise, damit wir durch diese Nahrung immer mehr verwandelt würden, angeglichen an ihn selbst, ein zweiter Christus, wie Paulus es formuliert.
Brot und Wein, wir nennen diese beiden Gaben in den Gebeten der Liturgie, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit.
Da kam eines Tages der Weizen zu Gott und sagte: „Herr der Welt. Wenn du mich für die Menschen gemacht hast, warum hast du mich denn nicht so gemacht, dass sie mich einfach so essen können, wie ich bin? So müssen sie mich erst dreschen, mahlen, das Mehl zu Teig verarbeiten und anschließend noch backen. Findest du nicht, dass das sehr umständlich ist?“
Gott antwortete: „Es ist für dich und für die Menschen gut, dass ich euch so gemacht habe, wie ihr seid. Sprechen wir zuerst von dir. Du kannst so nicht prahlen: Ich allein halte die Menschen am Leben und gebe ihnen Kraft. Die Menschen können kein Stück Brot essen, wenn sie es nicht vorher zubereiten und dazu brauchen sie Wasser, Feuer und ihre eigenen Hände. Jetzt zu den Menschen: Es wäre nicht gut für sie, wenn sie am Morgen aufstünden und das essen schon fix und fertig vorfänden. Stattdessen müssen sie zuerst arbeiten, säen, pflanzen, ernten, dreschen, mahlen Teig machen, backen. Erst dann können sie Brot essen, wie geschrieben steht: Damit er Brot gewinnt von der Erde, welches das Herz des Menschen erfreut.
Der Weizen ging fort, dann kamen die Weintrauben, um sich bei Gott zu beschweren. Sie sagten: „Herr der Welt, du hast uns so gemacht, dass die Menschen uns gleich essen könnten, wie wir sind. Stattdessen sammeln sie uns ein, zerquetschen uns in einer Presse und machen Wein aus uns. Warum lässt du das zu?“
Gott erwiderte ruhig: „Ihr solltet froh sein, statt euch zu beklagen. Es ist nämlich für den Menschen gut, dass sie arbeiten müssen und euch nicht gleich essen, wie ihr seid. Wenn die Menschen arbeiten, freuen sie sich über das Gelingen ihrer Arbeit, wie geschrieben steht: Damit er Wein gewinnt, der das Herz des Menschen erfreut.
Da handelte es sich um Verwandlungen, die der Mensch durchführt. Brot und Wein, in einem langen Arbeitsprozess vom Menschen geschaffen und zugleich Grundlage für die letzte und großartigste Verwandlung, die jedes Mal bei der Feier der heiligen Eucharistie geschieht. Gott nimmt die Fruchte unserer Arbeit und wandelt sie um in seine Gegenwart. Ohne Brot und Wein gäbe es keine Eucharistie, das war so der Wille und der Plan Gottes. Und so ist es auch mit allem, was wir tun. Gott kann es verwandeln. Und da ist nichts zu klein und auch nichts zu gering, dass es unter den Hängen Gottes nicht zu etwas Großem werden könnte.
Sollte uns das nicht wieder Mut machen in all den Sorgen um unser persönliches Heil und um das Heil der Welt? Unser geringes Tun, unsere schüchternen Gebete bekommen in der Hand Gottes eine große Chance und Wirkkraft. Was Gottes Allmacht aus unserem kleinen Beitrag zu tun vermochte, das wird uns Staunenden einmal offenbar werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

05.08.2012: 18. So im Jahreskreis

18. So im Jahreskreis
Jo 6, 24-35


Man hört manchmal die Parole: „Jesus ja - Kirche nein.“ Sie bedeutet: Zu Jesus, zu seiner Lehre und zu seiner Art zu leben sage ich ja; aber die Kirche, so wie sie sich mir konkret darbietet, lehne ich ab. Wer das ehrlich meint und nicht bloß so dahersagt, den muß das heutige Evangelium nachdenklich machen.
Die Vorgeschichte haben wir an den beiden letzten Sonntagen gehört: Jesus hat Tausende mit fünf Gerstenbroten und zwei Fischen gesättigt. Das war ein Zeichen. Der leibliche Hunger weist hin auf ein einen anderen, tieferen Hunger, nennen wir ihn den Hunger der Seele oder den Hunger nach einem sinnerfüllten Leben. Wie Jesus den leiblichen Hunger mit Brot gestillt hat, so vermag er auch jenen anderen Hunger zu stillen: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben“.
„Ich bin das Brot des Lebens, das vom Himmel herabgekommen ist.“ Das war für die meisten Hörer Jesu ein ungeheuerlicher, vermessener Anspruch. Als Brotgeber, als Brotkönig hätten sie ihn gern gesehen. Aber als Sohn Gottes, der vom Himmel gekommen ist, wollten sie ihn nicht anerkennen. „Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen?“ Gewiß, Josef und Maria waren ehrenwerte Leute, aber nur Menschen wie du und ich; und ihr Sohn spricht plötzlich vom Brot des Lebens. Nein, damit hatte dieser Handwerker den Mund zu voll genommen.
Was sagt Jesus dazu? Er versucht nicht, seinen Anspruch mit Argumenten zu untermauern oder zu verteidigen. Er macht auch keine Abstriche, um besser anzukommen. Er sagt vielmehr: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt.“ Mit anderen Worten: Der Glaube an ihn ist ein Geschenk des Vaters, eine Gnade Gottes, über die wir nicht verfügen können. Deshalb hütet sich Jesus, jene, die nicht glauben, zu verachten oder abfällig über sie zu reden, wie es die sogenannten Frommen aller Zeiten gern tun.
Irgendwie wird doch beim Hören dieser Evangeliumsstelle in uns der Wunsch wach, unser Verhältnis zu diesem Geschenk Gottes, dem „Brot des Lebens“ wieder neu zu überdenken. Brot ist ein Nahrungsmittel, das wir sicherlich täglich zu uns nehmen. Kaum einer schätzt mehr das Brot auf dem Tisch. Und doch ist das Brot zum Träger göttlichen Lebens für uns geworden, jenes Brot, von dem es im Gebet nach der Wandlung heißt, es sei die „Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit“. Das Weizenkorn durchläuft unter unseren Händen eine Lange Kette von Verwandlungen ehe es zum Brot wird. Aber dann ist es irgendwo Schluß. Über das Brot selbst kommen wir nicht hinaus. Gott aber schon. Er nimmt das Brot und wird unter seiner Gestalt unter uns gegenwärtig. Glauben wir das? Und wenn, was bedeutet uns dieses Geschenk Gottes? Was bedeutet dieses Brot den Menschen? Wieviele lassen sich ernähren mit diesem Brot? Das gewöhnliche Brot rettet nicht vor dem Tod. Das heißt im Klartext: Viele Menschen nehmen das Leben nicht ernst, viele Menschen gehen an der eigentlichen Sinnfrage ihres Lebens vorbei, ihr Spüren nach der Wirklichkeit ihres Lebens bleibt irgendwo stecken. Die Grundfragen nach dem Leben stellen sich die Menschen nicht mehr, sie verharren im Oberflächlichen. Was ist der Grund dafür? Kann seine, daß viele Menschen gar keine höhere Perspektive für ihr Dasein wollen. Es könnte sie nervös machen, wenn sie plötzlich draufkommen, dass sie einen wesentlichen Teil ihres Lebens gar nicht gelebt haben. Und somit ist für so manche Menschen ein Brot, das vom Himmel herabkommt kein Diskussionsgegenstand, schon gar nicht etwas, das Leben vermittelt - und doch ist es so!
Die Frage nach dem jenseitigen und zugleich diesseitigen Gott ist aber auch in unserer Welt bei vielen denken Menschen eine brennende Frage, die auch in der Literatur immer wieder eine besondere Stelle einnimmt. Und diese Frage nach Gott entzündet sich nicht selten an seiner scheinbaren Passivität dieser von ihm geschaffenen Welt gegenüber. Sie kennen ja alle die Aussprüche vieler Menschen, die Gott immer wieder Vorwürfe machen wollen, warum er das Böse in dieser Welt zuläßt, warum er nichts dagegen unternimmt. Namentlich nach den bösen Tagen des Naziregimes und der Konzentrationslager ist in der modernen Literatur die Frage laut geworden: Wo war Gott als dies alles geschah? Wo ist Gott im Geschehen unserer Tage? Und auf diese Frage dürfen keine banalen Antworten gegeben werden. Vielleicht müssen wir die Frage einfach stehen lassen, denn es wäre zu billig, unseren Glauben an den Nagel zu hängen, nur weil es uns an Erklärungen für das Verhalten Gottes fehlt.
Die Frage nach dem scheinbar abwesenden Gott ist übrigens keine neue Frage. Sie tauchte schon im frühen Christentum auf. Es geht ja eigentlich gar nicht um eine Abwesenheit Gottes, sondern um eine Abwesenheit des Menschen. Er steht nicht mehr vor Gott, er hat Gott aufgegeben und begibt sich so immer mehr in den Sog böser Mächte. Der moderne Mensch ist so autark geworden, dass er sich an nichts mehr binden möchte, am wenigsten an eine moralische Macht. Er schafft sich selber seine Gesetze, so einfach nach dem Nützlichkeitsstandpunkt. Er fragt nicht mehr nach dem Willen Gottes mit dieser Welt, sondern nach seinem eigenen Spaß in dieser Schöpfung und er tut was er will. Aber es ist interessant: er kann nicht neutral bleiben du sein Verhalten bleibt auch nicht ohne Auswirkungen auf die Schöpfung in der er lebt.
Und so dürfen wir uns nicht wundern über all die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten, die wir in unserer Welt wahrnehmen. Wenn der Mensch verlernt, Hunger zu haben nach dem Brot, das Gott ist, dann nimmt er eine andere Nahrung zu sich, eine Nahrung, die nicht das Leben gibt.
Revidieren müssen wir unser Bild von Gott allemal. Er greift nicht immer ein in die Perversitäten der Menschen, um die Welt ins Lot zu bringen. Nur der glaubende, mit Gott verbunden Mensch hat die Macht die Welt im positiven Sinn zu verändern, nur der Mensch, der sich an Gott bindet, schafft Heil für diese Welt.
Ein großer Fehler ist es immer gewesen, wenn die Menschen das Heil in außergewöhnlichen Dingen gesucht haben. Brot bedeutet ihnen nichts, es ist zu einfach; aber wir können es nicht ändern: Gott kam und kommt im Brot, Gott erreicht uns im Schlichten und Einfachen. Aus der Verbindung mit Gott kommt das Leben, aus dem Brot der Eucharistie erwächst uns die Kraft, unser Leben mit seiner ganzen Fülle zu leben, aus dem Brot vom Himmel allein erwächst die Chance nach einer Umkehr dieser Welt.
Unser Gott ist nicht zu durchschauen und auch nicht zu begreifen. Aber wenn wir seine kleinen Zeichen ernst nehmen, kann daraus etwas Großes geschehen, etwas Weltrettendes, Heilbringendes. Und genau das brauchen wir heute und auch morgen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

12.08.2012: 19. So im Jahreskreis

19. So im Jahreskreis
Jo 6, 41-51

Vielleicht sind sie auch schon etwas müde und erschöpft durch ein Kaufhaus gegangen und schließlich in der Bücherecke stehen geblieben. Und dort war dann alles zu finden, was sie im Augenblick gerade gebraucht hätten, ein Buch etwa mit dem Titel: „Wege zu einem neuen Bewußtsein“ oder „Neue Energie durch neues Denken“. Oder es wird ganz einfach versprochen: „So machen sie mehr aus ihrem Leben“. Und nachdem sie dann in dem einen oder anderen Buch geblättert haben, haben sie sich beim Weitergehen gedacht: Wenn das so einfach wäre. Man kauft das richtige Buch, liest es, und alle Probleme sind gelöst.
Im Evangelium von heute spricht Jesus nicht nur von einem neuen, sondern sogar von einem ewigen Leben. Und den Zugang zu diesem ewigen Leben bilden keine Geheimkenntnisse und keine langwierige Versenkung. Es heißt nur: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“
Das klingt ungewöhnlich. Und selbst wenn die frühe Gemeinde bei diesen Worten sofort an das Herrenmahl gedacht hat: Wie kann die Feier der Eucharistie dieses bleibende und gültige Leben garantieren? Ist das nicht etwas zu einfach gedacht? Und würde das nicht bedeuten, dass von diesem Leben alle ausgeschlossen sind, die nicht am Herrenmahl teilnehmen?
Aber es geht nicht darum jemand auszuschließen, sondern uns, die wir an Jesus glauben wird etwas sehr wichtiges gesagt. Das ewige Leben ist ein Geschenk, das unserer menschlichen Natur nicht mit Selbstverständlichkeit zusteht. In der Heiligen Kommunion geschieht die tiefste Verbindung, die uns Menschen mit Gott möglich ist. Aber aus dieser Verbindung leiten sich auch Konsequenzen ab. Es kann jemand täglich die heilige Kommunion empfangen – aber was ist, wenn er nicht sein Leben im Sinn Jesu gestaltet. Würde da nicht ein großer Widerspruch sichtbar zwischen dem was er als Speise empfängt und dem was er lebt? Wenn unser Glaube sich auf Jesus beruft, dann muß man das auch an unserem Leben ablesen können. Und dann kann man nicht so tun als ginge es einem nichts an, dass Jesus heilend und befreiend auf die Menschen seiner Zeit gewirkt hat. Da kann man nicht mit einem Achselzucken darüber hinwegsehen, dass Jesus auf jede Gewalt verzichtet hat und aufgefordert hat, sogar noch dem Feind die Hand zu Versöhnung zu bieten.
Dieses Lebensprogramm Jesu hat seinen Ausdruck gefunden in dem Mahl, das er mit seinen Jüngern gefeiert hat. Er hat keinen Katalog von neuen geboten und Verboten aufgestellt. Jesus wollte eine Gemeinschaft stiften, die Gott und die Welt mit neuen Augen sieht: Wo das Vertrauen die Angst überwindet und wo aus der Sorge um uns selbst die Bereitschaft wird, füreinander Verantwortung zu übernehmen, dort fängt das neue Leben ganz von selbst an. So hat Jesus auch selbst das Brot und den Wein nicht einfach in seinen Leib und sein Blut verwandelt, sondern auch durch seinen Tod und seine Aufopferung am Kreuz uns seine Liebe bis zum Äußersten gezeigt.
Die Juden begannen untereinander zu streiten. Ihr Verständnis von dem was Jesus sagte bewegte sich nur auf der Oberfläche. Aber wie hätten wir reagiert, wenn wir an ihrer Stelle gewesen wären? Aber Jesus schwächt seine Aussage nicht ab, im Gegenteil, er betont immer wieder: Das Essen seines Leibes und das Trinken seines Blutes eint mit Gott und bewirkt das ewige Leben. Und trotzdem müssen wir sagen, dass es auch möglich wäre, trotz des Empfanges der Kommunion am Leben vorbeizugehen, weil es eben nicht nur um die Feier des Abendmahls geht, sondern auch um das Mitgehen auf dem Kreuzweg und den Einsatz des eigenen Lebens.
So macht uns auch der Text aus dem Epheserbrief des Hl. Paulus das Leben nicht gerade leicht. Und vielleicht ist dieser Text zu verstehen wie eine Erweiterung dessen, was Jesus mit Kommunion gemeint hat und mit dem Leben in seiner Gegenwart. Es geht um das Nutzen der Zeit und um die sorgfältige Führung des eigenen Lebens. Im praktischen Leben spielt die Zeit ja eine wichtige Rolle. Alle Kosten werden in der Wirtschaft nach der Zeit berechnet, wir müssen unsere Arbeitszeit nutzen und auch unsere Freizeit. In der Praxis setzen wir also voraus als verfügten wir über die Zeit. Aber wir lernen mitunter auch durch unsere eigene Erfahrung, dass die Zeit ein Geschenk ist, das wir sie nicht einfach haben wie einen festen Besitz.
Der ehemalige sowjetische Staatspräsident Gorbatschow hat das sinnige Wort bekannt gemacht: „Wer die Zeit verpaßt, den bestraft das Leben“. Er hat dies in einer brisanten politischen Situation gesagt, doch läßt sich das durchaus ins alltägliche Leben übertragen. Wir alle kennen die Situation des Augenblicks. Unser Leben lebt ja weniger von der Alltäglichkeit, sondern vielmehr vom besonderen Augenblick, vor allem im Positiven. Nicht nur, dass es nicht selten darauf ankommt, etwas nicht zu verpassen; wir wissen alle, wie sehr es darauf ankommt, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Mit anderen Worten: Wir sind zu Entscheidungen herausgefordert. Dem Menschen sind Entscheidungen möglich, ja er wird gleichwohl zu Entscheidungen gezwungen. Wir können Fehler dabei machen; der größte Fehler ist allerdings, Entscheidungen zu vermeiden. Nicht ohne Grund kennt die Bibel das Phänomen „Zeit“ in erster Linie als „Entscheidungszeit“.
Jeder Satz des Apostels ist hier bedeutsam, besonders wenn er sagt: Begreift, was der Wille des Herrn ist!“ Und da kommen wir wieder exakt zurück zu unserer Johannesstelle aus dem Evangelium. Eucharistie bedeutet ein Zweifaches: Mahl und Opfer. Beides gehört untrennbar zusammen. Im Mahl empfangen wir die innige Verbindung mit Jesus, seine Leben und seinem Leiden. Das ist aber mehr als eine fromme Erinnerung. Das fordert auch uns auf, dem Mahl, d.h. der Gemeinsamkeit mit Jesus, unsere Tat folgen zu lassen. Das was Paulus einmal sagt: Wir sollten ein zweiter Christus sein, das wir hier äußerst aktuell. Die Frohe Botschaft der Erlösung dringt nicht in unsere Welt hinein, wenn wir sie nicht aktualisieren, wenn wir nicht ganz bewußt versuchen, im Geist Christi unser Leben zu führen. Und so besteht unser religiöses Leben nicht bloß aus dem Trost, den uns Gott immer wieder schenkt, sondern auch aus dem Aufnehmen unseres eigenen Kreuzes und darin, dass wir uns „von seinem Geist erfüllen lassen“.
An all das sollten wir denken, wenn wir Sonntag für Sonntag den Leib des Herrn empfangen. Mit diesem Empfang ist eine Aufgabe verbunden und eine harte Verantwortung. Bitten wir den Herrn, dass wir ihr gerecht werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

12.08.2012: Maria Himmelfahrt

Maria Himmelfahrt

Maria, eine Schwester von uns

Es ist üblich, an diesem Fest ein Loblied auf Maria zu singen. Aber die Botschaft des heutigen Festes sagt uns doch ein wenig mehr. Es soll uns zu Bewusstsein kommen, dass es eine Frau ist, von der wir heute so Großes sagen. Und wir sollten gerade in unserer Zeit, in der man so viel von Emanzipation spricht in wenig nachdenken, über die Stellung der Frau in unserer Kirche. Wir hören heute die verschiedensten Stimmen, die die Stellung der Frau in der Kirche aufwerten wollen bis hin zur Forderung des Frauenpriestertums. Nun, man soll verschiedene Denkmodelle durchdenken dürfen. Ich glaube aber, dass wir uns zunächst auf das Wesentliche besinnen sollten, was das Frausein auch in der Kirche ausmacht und das wir das in seinem Wert schätzen sollten
Die Begebenheit, von der wir gehört haben, nennen wir Mariä Heimsuchung und ihr Magnifikat. Da steht am Anfang keine hehre Gestalt, wie wir sie aus vielen tausend Bildern des Ostens und Westens aller Jahrhunderte kennen. Am Anfang steht eine ganz junge Frau, fast ein Mädchen noch von vielleicht 15 oder 16 Jahren, aus so genannten kleinen Verhältnissen. Sie ist tief verwurzelt in der Frömmigkeit ihres Volkes. Dort hat sie ihre Heimat. Die Schrift nennt als eine, die zu den “anawim”, gehörten, den Armen.
Sie sind Gottes liebstes Volk. Bei unseren vielen Diskussionen hätte sie wahrscheinlich zu denen gehört, die sich nicht zu Wort melden, denen man kein Gehör schenkt. In allem könnte sie unsere Schwester sein - nein, sie ist unsere Schwester. Heute stellen wir ihr eine Frage, die uns alle bewegt. Wie hast du geglaubt? Wie war das in deinem Leben mit dem Glauben?
Hier bin ich Die erste Antwort ist die, die sie bei der Ankündigung der Geburt Jesu gesagt hat. “Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast.” Ich bin bereit. Sie geht das Risiko ein ohne Vorbehalt, radikal.
Was frappiert an dieser Antwort? Die Tatsache, dass ein junger Mensch den Mut hat, nicht zu sagen: Was soll aus meinem Leben werden, sondern sich in Gott hineinfallen lässt; dass er sich nicht absichert; dass er nicht hin und her fragt: Wer weiß und wer kann wissen, sondern “ohne Seil” springt. Nur so kann am letzten Endes dem lebendigen Gott begegnen. Da gilt auch nicht die Frage nach der Selbstverwirklichung. Die einzige Wahrheit von Selbstverwirklichung ist die Mariens: Ich lasse mich ganz in Pflicht nehmen; ich überspringe meine eigenen Mauern und vergesse mich zugunsten des Rufes, der mich trifft. Das ist die Dialektik der Selbstverwirklichung vor Gott: Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer es verliert, der wird es retten.
Maria sagt uns aber noch eine andere Antwort: Es war ein leidvoller Weg des Glaubens. Nicht dass ich gehadert hätte, doch Gott hat mir einiges zugemutet - oder soll ich sagen: zugetraut? Das ging so weit, dass seine eigene Verwandtschaft Jesus für verrückt erklärte.
Ich habe nie daran gezweifelt, dass Gott Wege geht und führt, die ich nicht verstehe und die anders laufen, als ich es mir gedacht habe. Ich habe mein Wort an Gott nie aufgekündigt. Ich bin im Schmerz an seiner Seite geblieben. Das war mein Glaube.
Und ich habe auf dem Weg meines Glaubens eine große Entdeckung gemacht: Dass Gott mit den Kleinen ist, mit denen, die so leicht übersehen werden und die nichts zu sagen haben.
Nach diesen Überlegungen drängt sich mir aber eine neue Frage auf: Was ist mit dem Fraulichen und dem Mütterlichen in unserer heutigen Kirche. Wir verehren Maria und sie hat eine ganz bedeutende Stelle im Erlösungswerk Jesu.
Nehmen sie es mir nicht übel, wenn ich anschließend noch einiges sagen möchte über die Einzigartigkeit des Frauseins und was diese in unserer heutigen Kirche bedeuten könnte.
Wir feiern heute, dass Gott eine Frau, Maria, ehrt und ihr große Würde zuteil werden lässt. Wenn eine Frau in unserer Kirche so hoch und ihrer Würde entsprechend geehrt wird, welche Stellung hat die Frau in unserer Kirche? Sie wissen, dass das Erscheinungsbild unserer Kirche weitgehend anders aussieht, dass die Kirche von Männern geprägt ist. Wie wäre es, wenn Frauen ihrer Art nach ein wenig mehr mitgestalten könnten? Natürlich tun sie das auch heute schon. Denken wir an die vielen Ordenfrauen, die sich der Kranken und der Alten annehmen, denken wir an die viele Frauen, die im Dienst der Seelsorge arbeiten und das Pfarrleben aufrechterhalten. Aber, könnte es nicht noch ein wenig mehr sein?
Und dabei spielen Frauen eine so wichtige Rolle im Evangelium! Den ersten priesterlichen Dienst tut eine Frau, Maria: vom Hl. Geist Jesu empfangen und ihn den Menschen schenken! Nichts anderes ist priesterlicher Dienst bis auf den heutigen Tag! Unter dem Kreuz Jesu halten ihm Frauen die Treue, und auch die ersten Zeuginnen der Auferstehung sind Frauen.
Schon in der Schöpfungsgeschichte wird erzählt: Erst als der Mann nicht mehr allein in der Schöpfung ist, als Mann und Frau zusammen sind, sagt Gott: So ist es sehr gut! Und er bindet das Geheimnis der Fruchtbarkeit an das Miteinander beider!
möchte mit Ihnen nachdenken über die besondere Be-Gabung der Frau (mit aller Begrenztheit der menschlichen Perspektive!), die für die Gestaltung des kirchlichen Lebens von besonderer Bedeutung sind, wenn sie sich entfalten dürfen.
Empfangen
Ich glaube, dass die Frau aus ihrer körperlich-seelischen Verfassung heraus eine höhere Sensibilität für das Empfangen hat. Was eine Frau empfindet, wenn sie neues Leben empfängt, wird kein Mann ganz nachempfinden und in gleicher Weise erspüren können.
Empfangen, das ist aber die Grundhaltung der Kirche im Blick auf das Heil Gottes, denn Gott ist es, der den Anfang macht, die Kirche empfängt zunächst, bevor sie weitergeben kann. So sagt Paulus: “Ich gebe euch weiter, was ich vom Herrn empfangen habe”.
In der Kirche, glaube ich, ist diese Be-Gabung der Frau verkürzt auf die Position, zu empfangen, was Männer erdacht und gemacht haben. Sie empfängt Predigten, Theologie, Hirtenworte, Gesetze und Normen, gemacht von Männern, gedeutet von Männern. Wo und wie haben wir Männer in der Kirche das Empfangen gelernt? Wie würden Predigten, Theologie, kirchliche Gesetzbücher, Moralnormen aussehen, wen Frauen beteiligt wären am Prozess des Empfangens von Gott her, beteiligt an der Ausgestaltung? Mit Sicherheit anders!
Ich glaube, in dieser Dimension, “von Gott empfangen” hat die Frau eine besondere Gabe, die in der Kirche auf fast allen Ebenen doch ein wenig vernachlässigt worden ist und wird. Ich begrüße darum alle Ansätze, die erfreulicherweise zu sprießen beginnen, in denen die Frau mit dieser Gabe an der Gestaltung der Kirche mitwirkt.
Sensibilität für das Leben
Die Frau hat aus ihrer vom Schöpfer empfangenen Be-Gabung eine hohe Sensibilität für das Leben. Sie hat intensiven Kontakt mit dem Leben. Wird ihr ein Kind geschenkt, trägt sie es neun Monate lang im eigenen Leib, ihr Blut fließt in den Adern des neuen Lebens. Sie hat Herzkontakt mit dem neuen Leben - und nach der Geburt Hautkontakt; und sie stillt das neue Leben. Frauen haben eine intensive Beziehung zum Leben. Wohl darum sind sie am Grab Jesu zu finden, weil sie sich mit dem Tod nicht abfinden können. Frauen sind es darum auch, die als erste begreifen können, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt. Frauen sind Anwälte des Lebens. Darum hat diese Be-Gabung der Frau in der Kirche immer einen besonderen Platz gehabt an der Seite des Lebens, an der Seite der Leidenden und Sterbenden, auch an der Seite von Kindern, die ins Leben hineinwachsen.
Wo in der Geschichte der Kirche neue Lebenshoffnungen aufblühten, waren immer Frauen beteiligt wie z.B. in der franziskanischen Bewegung die oft verschwiegene heilige Klara an der Seite des Franziskus. Sie hat mit ihrem fraulichen Charisma diesen Anfang des neuen Lebens für die Kirche erspürt und gefördert.
Ich meine, wir brauchen auch heute diese Be-Gabung der Frau für das Leben auf allen Ebenen der Gestaltung von Leben in der Kirche, auch auf der Ebene von Leitung. Frauen gehören überall dorthin, wo neues Leben erspürt werden soll, wo neuem Leben die Bahn gebrochen werden soll: auf Konzilien, in Diözesanleitungen, in Gemeindeleitung...Neues Leben wächst aus der Fruchtbarkeit - und Fruchtbarkeit hat Gott nun einmal nicht nur im körperlichen Sinn an das Miteinander von Männern und Frauen gebunden.



Emotionalität und Zärtlichkeit
Die Frau hat meist ein größeres Gespür für Emotionalität und Zärtlichkeit. Die Frau geht behutsam, feinfühlig mit dem neuen Leben um - ich vertraue jedenfalls, die meisten tun es.
Solche Feinfühligkeit und Zärtlichkeit braucht die Welt: im Umgang mit der Schöpfung, mit dem Menschen, in einem weltweiten Gespür für die Würde, das Lebensrecht und die Lebenssehnsucht des Menschen.
Und ich glaube, die Kirche braucht solche Feinfühligkeit und Zärtlichkeit. Wir sind in vielen Bereichen eine verbürokratisierte Kirche geworden, in der Frauen meist nur die Rolle von Sekretärinnen haben. Die Feinfühligkeit und Zärtlichkeit der Frau könnte die Kirche insgesamt menschenfreundlicher mitgestalten, das Klima des Umgangs miteinander einfühlsamer machen.
Was wir von Maria lernen können, was Frauen von ihr lernen können ist die demütige Bescheidenheit aber auch das Bewußtsein ihrer einmaligen Sendung. Alle Emanzipationsbestrebungen, auch innerhalb gewisser christlicher Kreise gehen oft am wesentlichen des Frauseins vorbei, unterschätzen undignorieren die spezifischen Tugenden der Frau und werden ihr so nicht gerecht.
Und dennoch müssen wir feststellen: Was der Kirche in reichem Maß von Gott geschenkt ist, sind Frauen - und gleichzeitig: was ihr immer noch zu sehr fehlt, sind Frauen! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

26.08.2012: 21. Sonntag im Jahreskreis

21. Sonntag im Jahreskreis
Joh 6,60-69

Sie können sich noch erinnern, dass ich bei meiner letzten Predigt am vergangen Sonntag betont habe, wie wichtig es ist, sein eigenes Leben mit allen seinen Ereignissen mit Gott zu konfrontieren, um Gott die Möglichkeit zu geben durch die Ereignisse hindurch zu uns zu sprechen. Sicherlich gibt es in unserem Glauben Dinge, die wir einfach so hinuntergeschluckt haben, die uns aber dennoch Schwierigkeiten bereiten. In der Schule und in der Predigt wird immer wieder über die Inhalte des Glaubens gesprochen und wir konsumieren all das ohne uns darüber Gedanken zu machen. Es gibt Menschen, die kümmern sich um Gott keinen Deut; aber wir sind Glaubende, wir sind irgendwann einmal von der Botschaft des Evangeliums angesprochen worden, merken aber immer wieder wie saft- und kraftlos unser Glaube in Wirklichkeit ist. Ein kleines Wackeln würde manchmal genügen, um das ganze Gebäude ins Wanken zu bringen.
Auch in diesem Evangelium sagten die Zuhörer Jesu: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Ist ihnen diese Aussage wirklich so fremd? Ärgern sie sich wirklich über den scheinbaren Unverstand der Zuhörer Jesu von damals? Ich würde ihnen nicht so sehr böse sein, denn was Jesus ihnen da sagte überstieg ihr Fassungsvermögen bei weitem.
Seien wir ehrlich mit unseren Fragen an unseren Glauben. Es wird uns gut tun und zu mancher Klärung führen. Die Frage etwa: Ist unser Glaube am Ende nicht vielleicht doch nur eine Einbildung, eine nützliche Krücke für die Psyche von Lebensuntüchtigen, ein Trostpflaster für Zeiten der Not? Behindert er nicht, aufs Ganze gesehen, ein ungezwungenes Leben oder macht es sogar unmöglich?
Genau das Gleiche fragte sich auch immer wieder das Volk Israel. Es war nach vierzig Jahren Wanderschaft durch die Wüste im Lande der Kanaanäer seßhaft geworden. Und nun sah es, dass diese heidnischen Stämme in vielen Dingen unbeschwerter lebten, obwohl - oder gerade weil - sie nicht an Jahwe glaubten und darum auch nicht seine Gebote zu halten hatten. In dieser Situation zwang der Richter Josua die Israeliten sich zu entscheiden: für oder gegen Jahwe! Weichen wir nicht einer solchen Entscheidung zu oft aus?
Zweifel begegnen wohl jedem von uns. Sie werden nicht zuletzt durch die Vorwürfe ausgelöst, die an uns herangetragen werden. So wird gelegentlich behauptet, die christliche Hoffnung sei nichts anderes als ein fauler Trick, um den eigentlichen Lebensproblemen ausweichen zu können. Aber muß man da nicht zurückfragen: Was ist denn die „eigentliche“ Frage der Menschheit, und zwar zu allen Zeiten? Ist er nicht gerade die Frage, welchen Sinn unser Leben hat und was uns nach der Stunde unseres Todes erwartet? Wir brauchen uns nicht als Miesmachen abqualifizieren zu lassen, nur weil wir diese Frage angehen. In Wirklichkeit spielt sie ja auch eine zentrale Rolle auf dem Markt der Weltanschauungen. Ich möchte ihnen kurz und - zugegeben - sehr vereinfacht einige vorstellen. Sie können dann selbst ihre Auswahl treffen.
Da sind einmal die kollektivistischen Ideologien verschiedenster Art. Nicht nur der Materialismus, sondern auch manche modische Sekten meinen, Sinn und Ziele meines Lebens liege vor allem in meinem Einsatz für das Glück künftiger Generationen. Es gibt sicherlich Menschen, die mit dieser Antwort leben können. Ich sage dies mit einer gewissen Hochachtung vor ihrem Idealismus aber riecht dies nicht stärker nach Vertröstung, als es der christlichen Hoffnungsbotschaft vorgeworfen wird?
In die entgegengesetzte Richtung zielt der „Konsumismus“, wiederum einmal platt materialistisch geprägt, pseudoreligiös verbrämt, in allerlei Subkulturen vertreten und vor allem ganz unreflektiert von der Mehrheit unserer Wohlstandsgesellschaft praktiziert. Sein Dogma lautet: Der Sinn der Lebens liegt im Genuß des einzelnen. Jeder mag für sich selbst sorgen. Was morgen ist, soll uns heute noch keine Sorgen machen. Nach uns die Sintflut. Und eine seltsame Fortschrittsgläubigkeit segnet diese Sicht ab. Ist das eine befriedigende Antwort?
Kein Wunder, dass sich viele Enttäuschte lebensverdrossen einem Fatalismus ergeben. Sie sagen: Das ist nun einmal so, dass der Mensch ein paar Jahre lebt und dann stirbt. Da kann man nichts machen. Und eines Tages geht es mit der ganzen Welt zu Ende. Dann ist eben alles aus. Damit muß man sich abfinden.
In der letzten Jahren sind auch allerlei Gruppierungen mit der Lehre der Reinkarnation, der Wiedergeburtslehre und des Okkultismus auf den Plan getreten. Und da sie wie das Christentum vom ewigen Leben sprechen, erwecken sie bei manchen Leichtgläubigen den Anschein, als sei diese Lehre im Grunde doch christlich. Es geht aber darum, dass hier der Mensch die Chance eingeräumt bekommt oder dazu verdammt wird, sich in mehreren Leben zu reinigen, bis er schließlich zur Vollkommenheit gelangt ist. Religiöse Leistungsideologie möchte ich dies nennen.
Besonders verführerisch sind auch die Antworten mancher Wissenschaftstheoretiker, die darauf verweisen, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sinnlos sei, da doch keine der denkbaren Antworten beweisbar sei. Natürlich läßt sich keine Antwort im naturwissenschaftlichen Sinn beweisen, aber deswegen bereits die Frage zum Tabu zu erklären ist unredlich. Allein ein Blick auf die Dichtung, die Literatur oder den Film der Gegenwart zeigt, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gar nicht unterdrücken läßt.
Und wir kennen die Worte Jesu vom ewigen Leben. Dieses Wort spricht jedem einzelnen und nicht nur einem Kollektiv einen hohen Wert zu, aber auch den Menschen früherer und späterer Zeiten. Jesu Wort versichert uns die Liebe eines persönlichen Gottes, die uns trägt, ob wir es erkennen oder nicht, in guten und in schwierigen Zeiten. Wenn ich weiß, dass mein Leben von Anfang an und für alle Zeiten in der schützenden Hand Gottes liegt, dann kann ich auch fallen ohne zu Grunde zu gehen; dann kann ich auch zuversichtlicher leben. Ich stehe nicht unter dem Zwang des Erfolgs um jeden Preis, jetzt oder nie. Das macht das Herz frei und läßt auch irdisches Glück erst richtig wahrnehmen.
Sie können nun selbst unter diesen verschiedenen Antworten jene auswählen, mit der sie am besten leben können, mit der sie am besten sterben können und mit der sich guten Gewissens Leben weitergeben können. Ich bin überzeugt, dass wir Christen mit der von Jesus empfangenen Botschaft auf die Frage nach dem Sinn des Lebens den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen brauchen. Wir können im Gegenteil ganz ungeniert fragen: Wer weiß etwas Besseres?
Und noch viel wichtiger als die Frage, ob diese oder jene Weltanschauung die bessere ist, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Person, die für die Wahrheit bürgt. Hier komme ich zum gleichen Ergebnis wie Petrus: „Herr, zu wem sollen wir denn sonst gehen? Du allein bist es, der Worte ewigen Lebens hat.“

P. Paul Mühlberger SJ

02.09.2012: 22. Sonntag im Jahreskreis

22. Sonntag im Jahreskreis
Jak 1, 17-18.21b-22.27

Es gibt Worte der Bibel, über die lesen wir hinweg. Sie bleiben an unserer Oberfläche hängen und dringen nicht in die Tiefe, werden nicht lebendig. Was Jakobus in unserer Lesung schreibt, das ist ein solcher Satz. Hören wir ihn noch einmal mit unserer ganzen Aufmerksamkeit: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt.“
Im Leben eines jeden von uns gibt es diese guten Gaben und diese vollkommenen Geschenke. Sie können vielfältiger Art sein: Freude an einem schönen Musikstück, die Nähe eines geliebten Menschen, ein sonniger Urlaubstag. Was uns fehlt ist, dass wir vergessen die Beziehung zu Gott herzustellen. Und wo könnte unsere Spurensuche nach Gott besser beginnen als mit unseren ureigensten Erlebnissen. Diese sind es, in denen uns Gott trifft und anspricht.
Rainer Maria Rilke hat in seiner Lyrik eine Strophe geschrieben, die eine Beziehung zu Gott in seinem Leben uns übermittelt. Er schreibt:

Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin,
wenn ich mich nur in deine Nähe stelle.
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
an deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein Wille geht wie eine Welle
und jeder Tag ertrinkt darin.

Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und steht vor dir wie aller Engel größter:
ein fremder, bleicher und noch unerlöster,
und hält dir seine Flügel hin.

Rilke hat hier eine Erfahrung mit Gott gemacht, eine Erfahrung, die auch jedem von uns offensteht, vorausgesetzt, wir begeben uns auf die Suche nach diesem geheimnisvollen Gott, der sich uns geoffenbart hat und zugleich immer wieder verbirgt. Irgendein Erlebnis hat Rilke die Größe Gottes gezeigt und er hat seine eigene Kleinheit erkannt. Und ich halte diese Erkenntnis auch für unser eigenes Leben für sehr wichtig und bedeutungsvoll. Während sich heute viele Menschen selbstbewusst fühlen, nicht über sich anerkennend, müsste ein Mensch von heute doch auch dazu fähig sein, seine Gebrechlichkeit und seine Kleinheit im Universum und vor allem vor Gott anzuerkennen. Diese Erkenntnis bringt den Menschen in Die Situation eines dankenden und eines bittenden. Nur Gott dem Menschen zeigen, wer er ist. Denn was der Mensch ist, das ist er durch die mitteilende Liebe Gottes. Jakobus drückt das in dem kurzen Satz unüberbietbar aus: Wir sind gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung.
Nur der Mensch verleiht der Schöpfung eine Stimme, nur der Mensch kann loben und kann danken, nur der Mensch kann dem Schöpfergott eine angemessene Antwort geben, ohne ihn bleibt das Universum stumm. Vielleicht schenkt uns Gott in einem gnadenhaften Augenblick einmal das Staunen über diese Tatsache.
Nun wird aber Jakobus gleich konkret. Unsere Erwählung durch Gott und unsere Auszeichnung im Rahmen der ganzen Schöpfung birgt eine große Verantwortung in sich. Jakobus sagt: Hört euch das nicht nur an, sondern handelt danach. Es wäre entschieden zu wenig, uns nur zu sonnen in unserer geschenkten Würde. Wir müssen uns den Blick für die konkrete Not um uns herum bewahren, wir haben Sorge dafür zu tragen, dass sich das Gute in der Welt durchsetzt. Nicht nur unsere eigene Heiligung ist uns aufgegeben, sondern die Heiligung der Welt. Eine schier unerfüllbare Aufgabe; aber sie wäre es nicht, wenn alle Christen und alle gutdenkenden Menschen in ihrem Leben das umsetzen würden, was sie in ihrem Herzen glauben.
Denken wir daran, dass am Ende der Eucharistiefeier, nachdem wir unsere Gaben dargebracht haben, die in Jesu Gegenwart gewandelt wurden, der Auftrag steht: Gehet hin in Frieden! Das ist kein Auftrag für eine erholsame Wochen, das ist ein Aufruf zur Aktion. Alle Energien unseres Lebens sollten eingesetzt werden, damit sich die Botschaft Jesu in dieser Welt mehr und mehr durchsetzt. Wenn sie sich bloß im eigenen Herzen festgesetzt hat, wäre das zu wenig.
Im Evangelium von heute geht es wesentlich um die gleiche Aussage. Sehr energisch geht Jesus hier mit den sogenannten Frommen um, die nach außen alle Gesetze peinlich genau einhielten. Jesus wischt all ihre sogenannte Frömmigkeit hinweg, denn das Wesentlich haben sie vergessen: Die Verehrung Gott allein mit den Lippen ist zu wenig, wenn das Herz nicht dabei ist. Wir dürfen uns aber bei den Anklagen Jesu nicht einfach auf eine Volksgruppe einschießen, die zur Zeit Jesu einen großen Einfluss hatte. Die Haltung des Pharisäers infiziert uns selbst immer wieder in unserer Selbstgerechtigkeit und in unserem „Da kann man halt nichts machen!“ Jesus tadelt in den Pharisäern auch uns, die wir unsere kleinen Taten nicht tun, weil wir für die großen zu schwach sind. Jesus tadelt uns, wenn wir die Hände in den Schoß legen und einfach nur abwarten.
Wenn wir die Bibel aufmerksam lesen, so fällt uns auf, wie sich Gott um den Menschen bemüht, wie er ihn auf seine Größe hinweist aber auch auf seine Gebrechlichkeit, wie er ihm seine Möglichkeiten zeigt, aber auch seine Irrwege und sein Versagen. Und von all dem müssen wir uns ansprechen lassen, damit wir langsam dahinter kommen, dass Gott gar nicht so weit weg von uns ist. Und so möchte ich zum Schluss noch aus dem Stundenbuch von Rainer Maria Rilke eine kleine Stelle zitieren:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten eine Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds -
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.



P. Paul Mühlberger SJ

09.09.2012: 23. So im Jahreskreis

23. So im Jahreskreis
Mk 7,31-37



Die letzten Sätze des Evangeliums mögen uns doch ein wenig überrascht haben: Jesus heilt einen Taubstummen, und dann heißt es: „Er verbot ihnen, jemand davon zu erzählen“. Das ist eigenartig, ja letztlich widersinnig: Zurückhaltung statt Verkündigung. Großes ist geschehen - es soll unter dem Scheffel bleiben? Und doch ist diese Haltung ganz typisch für die Gestalt Jesu, wie der Evangelist Markus sie uns zeichnet. Jesu Botschaft soll zwar weitergegeben werden, sie soll verkündet werden, aber nicht um der Wunder willen, die Jesus als Zeichen für die Wirklichkeit des Heils setzt und die er auch als solche Zeichen verstanden wissen will. Sie haben nur untergeordnete Funktion gegenüber dem grundsätzlichen Inhalt seines Wirkens; diese Grundaussage aber heißt: Gott liebt uns Menschen, Gott möchte das Heil und das Glück der Menschen. Was steht dem aber entgegen? Wenn Gott das will, warum geschieht es denn nicht? Warum setzt sich in unserer Welt immer wieder das Unheil durch? Warum kommt der größere Teil der Menschheit unseres Planeten nicht zum Glück, oft nicht einmal zu einem bescheidenen Wohlstand?
Vielleicht erkennen wir die Zusammenhänge, wenn wir betrachten, dass Gott es auch in unsere Hände gelegt hat, wie sich unsere Welt entwickelt. Und fragen sie sich auf dieser Grundlage einmal, wie vielen Menschen an diesem Heil gelegen ist, das Gott geben möchte?
Es geht in unserem Evangelium, in der Heilung des Taubstummen um vielmehr als um die Heilung eines kranken Zeitgenossen durch Jesus. In dieser Geschichte spielen Details am Rande eine gewichtige Rolle. Da ist zunächst die Situation des Taubstummen selbst. Wir müssen uns das einmal vorstellen, wenn einer völlig abgeschnitten ist von den Geräuschen der Umwelt, wenn er die Lippen der Menschen sich bewegen sieht, aber keine Stimme hört. Dass ein Taubstummer nicht sprechen kann hängt in erster Linie mit der Taubheit zusammen. Weil er nichts hört, kann er auch nichts artikulieren, obwohl seine Sprachorgane in Ordnung sind.
Wir wissen nicht, wer diese Leute waren, die in eines Tages plötzlich an der Hand nahmen und ihn wegzuführen begannen. Es waren sicherlich Menschen, die von der Not des Taubstummen berührt waren, die sich Zeit für ihn nahmen. Sie bringen ihn nicht nur vor Jesus hin, sondern sie bitten auch für ihn. Der Arme in seiner Isolation war gänzlich auf sie angewiesen.
Isolierte Menschen, Menschen die nicht mehr hören können und die nicht mehr reden können, die sprachlos geworden sind, die gibt es unter uns zur Genüge. Gehörlosigkeit und Sprachlosigkeit möchte ich hier im übertragenen Sinn verstehen. Fragen sie einmal verschiedene Menschen, fragen sie sich selbst, wie es ist mit unserem Hören auf Gott, wie es ist mit unserem Hinhören auf die Fragen unserer Zeit? Fragen sie sich selbst wie es ist mit unserer Sprache Gott gegenüber. Hat sich nicht weitgehend eine Sprachlosigkeit breit gemacht? Sind wir vor Gott nicht stumm geworden, stumm geworden, weil wir verlernt haben, zu hören. Und brauchen wir nicht immer wieder Menschen, die uns an der Hand nehmen und uns den Weg bereiten zu einer Begegnung mit diesem heilenden Gott?
Und sind wir selber nicht für viele Menschen Wegbereiter. Das wäre ja unsere Berufung als Christen. Ja, wir sind zu Stummen geworden und zu Sprachlosen und es ist wichtig, dass wir das Hören und das Sprechen wieder neu entdecken. Die Wunder Gottes könnten auch in unseren Tagen geschehen, wenn wir den Weg in die Nähe Gottes finden würden.
Aber wir staunen heute über ganz andere Dinge als über die göttlichen Wunder. Wir staunen vor unseren technischen Möglichkeiten. Wir staunen über die Schönheiten der Schöpfung; das ist ja nicht einmal schlecht; aber wir haben verlernt, Verbindungen zu knüpfen zwischen der Welt in der wir leben und Gott, der diese Welt erschaffen hat. Und er hat sie gut erschaffen. Einige Male wird im Schöpfungsbericht ausdrücklich erwähnt: Gott sah, das es gut war, was er gemacht hatte. Was wir Menschen mit dieser Schöpfung treiben ist aber leider nicht immer gut. Vor allem haben wir die Perspektive verloren. Wir sind wie Kinder, die ein schön verpacktes Geschenk bekommen haben, dieses auspacken und sich daran freuen; aber auf eines vergessen sie: an den zu denken, von dem sie das Geschenk haben. Die Schöpfung Gottes trägt seine Züge, in der Schöpfung sind seine Spuren zu finden. Wir müssen also wieder die Sprache Gottes heraushören können aus seiner Schöpfung und wir müssen ihm eine Antwort geben. Aber die Sprache kommt immer wieder an eine Grenze. Und zu Gott zu sprechen, das gelingt vielen Menschen nur formelhaft, abstrakt und unpersönlich. Sie haben es nicht gelernt, Gott zu sagen, was sie wirklich empfinden. Gottes Worte zu hören, ihren tieferen Sinn zu verstehen, auch das erscheint vielen Menschen nicht nur heute unmöglich. Gott ist der ganz andere, er ist tot, so verkündete vor wenigen Jahren sogar eine ganze Denkrichtung. Weniger Tiefsinnige begnügen sich mit dem Hinweis, dass Gott in ihrem Leben nicht vorkommt, dass sie ihn noch nie zu sich reden hörten. Demzufolge ist es für sie auch ein sinnloses Unterfangen, mit ihm zu kommunizieren, auf Du und Du mit ihm zu stehen, das zu tun, was für Jesus und viele seiner Jünger bis heute selbstverständlich ist.
Jesus nimmt den Taubstummen beiseite, weg von der Menge und nicht mit einem machtvollen Wort heilt er ihn, sondern indem er ihm den Finger in die Ohren legt und seine Zunge mit Speichel berührt. Der Taubstumme sollte intensiv mit dem heilenden Jesus konfrontiert werden.
Auch einer solchen Konfrontation weichen wir oft aus, meiden die Stille, meiden das Nachdenken über uns selbst. Wir versuchen immer wieder die Probleme um uns herum zu lösen und vernachlässigen unser eigenes Leben und töten somit die Fähigkeit zu hören und zu reden in uns ab.
Wenn sie sich an die Lesung aus dem Buch Jesaja erinnern, die wir gehört haben, so sind die Verheißungen Gottes zahlreich. Aber wer reagiert schon auf sie. Wir hören sie bloß, aber wir lassen uns von ihnen nicht mehr berühren. Würden wir sie ernst nehmen, dann wäre der erste Schritt in unserem Heilungsprozeß bereits getan.
Wunder könnten auch an uns geschehen, wenn wir den Kontakt mit Gott suchen würden, Wunder könnten auch an anderen Menschen geschehen, wenn wir sie in die Nähe Jesu führen könnten, durch unser Leben und unser fürbittendes Gebet. Und auch das Staunen könnte in unserem Leben wieder einen Platz haben, das Staunen über eine Gott von dem es heißt: „Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

16.09.2012: 24 Sonntag im Jahreskreis

24 Sonntag im Jahreskreis

Ist ihnen schon einmal aufgefallen, wieviel in unserer Stadt und in deren Umgebung gebaut wird. Nicht nur neue Wohnhäuser entstehen, auch immer mehr und immer größere, gewaltige Einkaufszentren. Betritt man so einen Einkaufstempel so kommen wir in eine eigenartige Welt. Da sind wir mit all den Dingen umgeben, die wir Menschen brauchen oder auch nicht brauchen, da scheint sich der Mensch alle Wünsche erfüllen zu können, wenn er das nötige Geld hat.
Und nicht genug, es entstehen auch moderne Wallfahrtsorte, sogenannte Erlebniswelten, Ersatzparadiese für moderne Pilgerreisende. Ich denke da besonders als Wallt Diensts Themenpark. Allein das Disneyland in Paris zählte 1997 rund 12,6 Mio. Besucher 600.000 Besucher mehr als die bis dato führende Paris-Attraktion, die gewaltige Kathedrale von Notre Dame und 6,9 Mio. mehr als der Louvre.
Der Wohlstand hat das Leben der Menschen in unserer Welt verändert. Materiell weitgehend versorgt, wird die Frage nach neuen Lebenszielen laut. Man will schon heute, hier und jetzt den Himmel auf Erden erleben. In den neuen Erlebniswelten lebt das Paradies als Insel weiter. Am Ende steht ein durch irdische Faktoren wie Geld, Zeit und Raum eingeschränktes Bild vom Paradies. Früher waren Religionen und die Kirche zuständig gewesen für Heilsversprechen, heute sorgt eine gewaltige Erlebnisindustrie für Glücksversprechungen. Aus der religiös motivierten Kirchengemeinde wird eine Weltgemeinde der Unterhaltungsbranche.
Es wird uns bewußt, dass in unserer Zeit, wo das Streben nach totalem Lebensgenuß so sehr im Vordergrund steht, die Frage des heutigen Evangeliums wieder eine ganz neue Bedeutung gewinnt: Für wen halten die Leute Jesus Christus? Für wen halten sie Jesus, der weit entfernt davon ist, uns ein irdisches Paradies zu verheißen, für wen halten sie ihn, der seinen eigenen Tod voraussagt, nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen gewaltsamen, der scheinbar sein Werk und seine Verkündigung in einem gewaltigen Fiasko untergehen läßt?
Und somit steht die Botschaft Jesu ziemlich gegensätzlich den Wünschen und Erwartungen der heutigen Menschheit gegenüber, sie ist nicht mehr modern, sie deckt nicht mehr die Bedürfnisse des heutigen Menschen ab. Christentum als Gesamtangebot, ohne Abstriche von der Lehre Jesu ist inakzeptabel! Statt dessen bedient sich der moderne Mensch, falls er eine religiöse Anwandlung bekommt in Sachen Religion wie in einem Supermarkt: ein wenig Christentum, ein bißchen Buddhismus und auch vielleicht ein Häppchen Islam. Es ist anscheinend egal, welcher Religion man sich verschreibt, gesucht wird die, die den eigenen Bedürfnissen momentan am besten entspricht. Schon Paulus hat das erkannt als er in einem seiner Briefe schrieb, die Menschen werden sich nach ihrem Gutdünken Lehrer beschaffen und dem folgen, was sie gerne hören wollen. Denken sie bloß an die Aufregung, die das römische Dokument „Dominus Jesus“ hervorrief, wo es genau gegen die Haltung des Relativismus ging, der meint, das Christentum sei nicht mehr der ausschließliche Heilsweg.
Die Absage an den Relativismus bekräftigt das Dokument „Dominus Jesus“. Mit dem Kommen Jesu Christi habe Gott die Kirche für das Heil aller Menschen eingesetzt. Die Kirche betrachte die Religionen der Welt mit „aufrichtiger Ehrfurcht“, „sie schließt aber zugleich jene Mentalität des Indifferentismus aus, der zur Annahme führt, dass eine Religion gleich viel gilt wie die andere“. Die Turbulenzen, die rund um das Dokument entstanden sind betreffen vor allem die Definition, dass die von Christus gestiftete Kirche in der katholischen Kirche verwirklicht ist.
Über diese Wahrheit braucht sich niemand aufzuregen, schon gar nicht ein Christ . Das ist die Grundwahrheit unseres Glaubens, eine Feststellung der eigenen Identität für die wir uns nicht zu schämen brauchen, wir sind ohnedies in Gefahr, dass unsere Anpassung manchmal schon ein wenig zu weit geht.
Da kommt es wieder einmal ans Tageslicht, dass der Glaube an Jesus Christus immer wieder auch Widerstände hervorruft und dass es im Grunde zum Nachdenken anregen müßte, wenn unser Christentum überhaupt niemals zum Stein des Anstoßes würde.
Und so tadelt Jesus selbst den Petrus, den Fels seiner Kirche, weil er die Leidensankündigung Jesus nicht ernst nehmen will. Jesus sagt, er habe nicht das im Sinn was Gott will, sondern das, was die Menschen wollen.
Und dann kommt noch am Schluß der bedeutsame Satz über den Verlust oder den Gewinn des Lebens. Zunächst scheint er widersprüchlich zu sein. Wenn man das Leben retten will, dann verliert man es, wenn man es verliert, dann gewinnt man es. Da ist zunächst die frage interessant: Was macht unser Leben aus? Was bedeutet unser Leben. Besteht es nur aus materiellen Werten, können diese allein unsere Bedürfnisse befriedigen – nun dann genügt uns der Supermarkt, der Einkaufstempel und die Erlebniswelt von Walt Disney. Dass das nicht unser Leben sein kann das merken wir spätestens, wenn wir uns ein wenig auf unserem Globus umschauen und merken, dass nicht alle Menschen mit materiellen Gütern beglückt sind, dann brauchen wir nur in ein Krankenhaus zu gehen und das vielfache Leid der Menschen auf uns wirken lassen, dann brauchen wir nur auf unsere eigenen Gebrechlichkeiten und auf die Mühen des Alters zurückschauen. Unsere Zeit, angefangen von der Werbung bis hin zu den diversen Angeboten ist äußerst jugendorientiert. Das heißt aber, sie weicht der ganzen Realität der menschlichen Lebens aus, geht ihr aus dem weg, verdrängt sie. Und jetzt wird der Satz Jesu schon ein wenig klarer in seiner Bedeutung. Wer nur seine materiellen Bedürfnisse befriedigen will, der versteht das Leben in seiner Ganzheit nicht, der geht am wahren Leben vorbei, der verliert es.
Es muß uns gelingen, unser Leben von innen her zu leben und zu gestalten. Was aber nicht heißt, dass uns die materiellen Dinge gleichgültig sein sollten. Wir dürfen sie benützen, denn sie kommen aus Gottes Hand, aber sie haben ihren Stellenwert und sind nicht als höchstes Gut zu behandeln.
Ich glaube wir können jetzt, jeder für sich, die Frage Jesu einigermaßen beantworten und zu Jesus sagen: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes, und wenn wir auch nicht alles gleich begreifen, wenn wir nicht alles in unserem Leben verstehen, so halten wir doch an dem fest, was du uns gelehrt hast, der du selbst gesagt hast: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23,09.2012: 25. Sonntag im Jahreskreis

25. Sonntag im Jahreskreis
Mk 9, 30-37

Wir hören und lesen mit Respekt, mit Genugtuung, aber auch oft mit gewisser Beunruhigung vom Glaubenszeugnis von Christen in der Welt. Bis vor kurzem war es vor allem das Lebenszeugnis unserer Schwestern und Brüder unter der Diktatur des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa. Bis zur Stunde sind es immer wieder Nachrichten, Berichte aus Lateinamerika und so manchen muslimischen Ländern wo Christen wegen ihres Einsatzes im Dienste des Evangeliums für die Armen und Entrechteten in Bedrohung und Gefährdung leben oder Märtyrer geworden sind; denken wir an Erzbischof Oscar Romero, der während eines Gottesdienstes erschossen wurde, an die Ermordung von sechs Jesuiten und ihres Personals vor einigen Jahren. Es gehört mit zur Existenz unseres Glaubens, dass er bisweilen herausgefordert und eingefordert wird.
Lesung und Evangelium erinnern uns heute nachdrücklich daran. Das Weisheitsbuch, dem der Text der alttestamentlichen Lesung entnommen ist, stammt aus einer Stunde der Herausforderung des Glaubens; es zeichnet den Glaubenden als eine lebendige Herausforderung für seine Umwelt; es weiß aber auch, dass das Leben des Glaubenden selbst gefordert ist.
Ort und Zeit der Entstehung des Weisheitsbuches haben manches mit der Situation des Christentums in der Welt von heute gemeinsam. Die Weltstadt Alexandria in Ägypten um die Zeitenwende, vielleicht unter Kaiser Augustus, war schon seit langem ein Anziehungspunkt: wegen der Aufstiegsmöglichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft, vor allem aber auch wegen ihres Angebots an Bildungsmöglichkeiten in Wissenschaft und Kultur, aber auch einer reichen Auswahl von Ideen, Kulten und Impulsen für die religiösen Bedürfnisse. In dieser Situation eines geistigen und religiösen Pluralismus versucht der Autor unseres Weisheitsbuches beziehungsweise unserer Lesung, die Jugend der jüdischen Diasporagemeinde für das Leben vorzubereiten. Er tut dies in einer Art, von der wir nur lernen können: Verwurzelt in der Glaubensüberlieferung Israels, aber auch wohl bewandert in Sprache und Geisteswelt der Gegenwart, wirbt er für Weisheit und Gerechtigkeit, für Bildung, die im Glauben verankert ist.
Es kann nicht ausbleiben, dass der Gerechte, wie der gläubige Israelit dort genannt wird, zur Herausforderung für seine Zeitgenossen wird. Ihr Urteil zeigt, dass er ihnen zu einem unbequemen Spiegel geworden ist. Kein Wunder bei dem Lebensentwurf, von dem gerade vorhin die Rede war, einem Lebensentwurf, der auf schrankenlosen Genuss setzt. Den davon infizierten oder abgefallenen jüdischen Zeitgenossen muss ein Gerechter als lästiger Mahner an die über Bord geworfene Lebensordnung, die Weisung des Moses, erscheinen, als lebendiger Vorwurf mangelnder Bildung aus dem Glauben. Herausforderung ist vor allem sein Glaube an ein Leben über den Tag, ja über den Tod hinaus, an ein Leben, das sich nicht in Banalitäten und Vordergründigkeiten erschöpft, sondern auf die Gemeinschaft mit Gott setzt und von daher auf die Rettung und das Eingreifen dieses Gottes vertraut.
Ob unsere Hoffnung, der Entwurf und die Sicht unseres Lebens jemanden herausfordern? Paulus konnte sagen, dass er wegen der Hoffnung auf die Auferstehung vor Gericht steht. Es müsste eine Hoffnung sein, die nicht durch große, geschwätzige Worte, sondern durch das Tun provoziert!
Der Autor des Weisheitsbuches macht seine jungen Leser und Hörer darauf aufmerksam, dass ihr Leben gefordert ist. Der Anstoß, den sie geben wird allerdings auf sie zurückfallen - als Spott, als Druck der Öffentlichkeit, als spürbare Verfolgung bis zum Tod. Es kann durchaus Kriterium für ein konsequentes Zeugnis des Glaubens sein, wenn die Kirche Kritik erfährt, wo sie für Arme, Flüchtlinge, bedrohtes, hilfloses Leben das Wort ergreift und Satte, Begüterte zum Teilen des Wohlstands aufruft. Glaubenszeugnis, das eine gleichgültig gewordene und abgestumpfte Welt herausfordern kann, muss und wird ein Stück Martyrium, das heißt Blut- und Lebenszeugnis sein.
Und gerade diesem Zeugnis weichen wir oft aus. Es scheint zu oft in Widerspruch zu geraten zu den Wertmaßstäben dieser Welt. Und wir möchten doch auch in dieser Welt etwas gelten. In jedem von uns besteht das Bedürfnis, etwas wert zu sein. Wir möchten für die anderen wichtig sein und etwas darstellen und wir möchten mit unseren Ansichten nicht zu oft anecken. Niemand möchte gern Letzter sein. Das geht sozusagen gegen unsere zweite Natur, gegen das von Kind auf eingelernte Verhalten.
Aber Jesus sagt im heutigen Evangelium: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Das kehrt unser Lebensgefühl total um. Da stellt sich die Frage, ob es denn unsere erste Natur sein soll, das anerzogene Streben nach Rang und Namen, nach einem ersten Platz also schleunigst abzubrechen und Leben ganz anders zu versuchen. Ist es Gottes Wille, dass darin unser Glück besteht?
Doch hier scheint Vorsicht angebracht! Gibt es doch Christen, die unter dem Gesetz der erlernten Opferbereitschaft diesen Weg gingen, aber dadurch gerade nicht zu erlösten und innerlich freien Menschen wurden. Mir steht dabei das Bild einer Frau vor Augen, die im Gespräch müde und erschöpft feststellt: „Ich muss immer nur für die anderen da sein, für meinen Mann, für die Kinder, die als Heranwachsende nicht einfach sind. Ich komme immer zuletzt.“ Hat Jesus das wirklich so gemeint, dass wir für uns selbst nichts mehr beanspruchen sollen. Sicherlich nicht. Wo wäre denn da die frohe Botschaft enthalten als eine Einladung zum Leben? Geht es wirklich darum, das Christsein durch ein Höchstmaß an solcher Dienst-Leistung zu rechtfertigen, verbunden mit dem fatalen Gefühl, dass wir selbst dabei zu kurz kommen?
Dem Evangelium geht es um etwas Anderes. Das wird sichtbar am Kind, das Jesus als lebendiges Zeichen in die Mitte der Jünger stellt. Ein Kind ist machtlos, angewiesen auf Hilfe. Ein Kind hat noch nicht das Spiel der Erwachsenen um Einfluss, Macht und Leistung übernommen. Wir werden eingeladen, mit den Jüngern unsere Kind-Natur sozusagen als unsere erste Natur vor Gott neu zu entdecken. Das bedeutet: Wir alle können unser Leben nur als Geschenk von Gott empfangen. Deshalb dürfen wir vor Gott schwach und unfertig sein wie die Kinder. Dann brauchen wir uns vor uns selbst und vor den anderen nicht dauernd zu beweisen gemäß der erlernten Rangordnung von Oben und Unten, Ersten und Letzten. Wir sind eingeladen, mit dem das Kind sein zu teilen, der selber ganz Kind und Sohn des Vaters im Himmel gewesen ist.
Das deutsche Wort „Letzter“ kommt vom mittelhochdeutschen Wort „lass“, was so viel wie „matt, müde“ bedeutet. Der Letzte ist folglich der Müdeste. Von „Letzter“ lässt sich auch das Wort „ver-letzen“ herleiten. In Jesus macht sich Gott zum Letzten, zu einem verletzbaren, verwundbaren Gott. Er macht sich müde im Dienst an den Menschen aus Liebe. Vor einem solchen Gott brauchen die verwundeten, müden, auf Liebe angewiesenen Menschen keine Angst zu haben.
Auf einer Spruchkarte konnte ich einmal lesen: „Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das Neue Testament ist voll von Begegnungen, die diesen Satz wahrgemacht haben für Menschen, die sich in ihrer Schwäche Jesus anvertraut haben. Heute kann die Kirche ein Ort sein, wo dieser Satz wahr wird: die Kirche, die Gemeinde als Gemeinschaft von Letzten, von Menschen, die sich ihrer Verletzbarkeit und Hilflosigkeit bewusst sind und dies vor Gott und voreinander auch zeigen dürfen. Dorthin sollten wir uns auf den Weg machen: zu einer Kirche, wo Menschen ihr Unfertig sein zeigen und aussprechen dürfen; wo die Liebe sich darin erweist, dass keine Stärke, kein Überlegenheitsgefühl, kein „Oben“ und „Unten“ aufkommt.
Eine solche Liebe muss nicht als Dienstleistung aus Pflichtgefühl erbracht werden. Sie kann aus einem inneren Reichtum leben, der es sich leisten kann, Leben zu teilen, weil es in Fülle da ist. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

30.09.2012: 26. Sonntag im Jahreskreis

26. Sonntag im Jahreskreis
Mk 9,38-43.47-48

Wir haben etwas gegen Angst-und Drohparolen. Davon gibt es allerdings im heutigen Evangelium eine ganze Menge. Es beginnt schon bei der Lesung, wo die Reichen in die Zange genommen werden. Ihr oft unrecht erworbener Besitz wird ihnen mies gemacht mit der Drohung der Zerstörung durch Motten und Rost. Gemeint ist jener Reichtum, der gekoppelt ist mit Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Und im Evangelium geht es den Verführern an den Kragen. Mit den „Kleinen“ sind aber nicht nur die Kinder gemeint, sondern all diejenigen, die zu schwach sind, zwischen Gutem und Bösem klar zu unterscheiden und die selbst nicht in der Lage sind, sich gegen das Böse ausreichend abzugrenzen. Natürlich geht es auch im die Kinder, die in erster Linie gefährdet sind. Sie besitzen noch nicht die Fähigkeit abzuschätzen, was ihnen gut bekommt und was für sie schädlich ist. Sie neigen dazu, alles Neue und Unbekannte unvoreingenommen einmal auszuprobieren. Sie gilt es zu schützen vor Erfahrungen, die sie noch nicht verkraften können, wie etwas vor ihrem Alter unangemessener Sexualität, vor Erfahrungen der Gewalt, vor dem Konsum von Nikotin, Alkohol und den verschiedenen Suchtgiften. Besonders verwerflich ist es, wenn einVertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnis missbraucht wird, um die bei Kindern noch nicht ausreichende Hemmschwelle vor für sie ungeeignete Erfahrungen zu durchbrechen. Das Bild vom Mühlstein unterstreicht die Verwerflichkeit solchen Tuns.
Das Thema der Verführung zum Bösen betrifft aber nicht nur jene, die Kinder dazu verleiten. Die drastischen Beispiele vom Handabschlagen oder Augenausreißen zeigen, wie ernst es Jesus ist, sich gegen das Böse abzugrenzen. Verführung beginnt dort, wo Böses verharmlost wird: ein bisschen Gewalt, ein bisschen Hass, ein wenig Krieg, ein wenig Aufrüstung – nur so zur Unterhaltung.
Gewaltaktionen, wie sie zurzeit die Welt erschüttern und den Frieden gefährden, finden schon längst vorher in den Köpfen statt. Die dabei angewandten Muster werden in Unterhaltungsromanen und Filmen durchgespielt. Das Verharmlosen dieser Gewaltphantasien setzt die Hemmschwelle davor herunter.
Der Dialog zwischen Gott und dem ersten Menschenpaar im Paradies zeigt, wie die Versuchung scheinbar harmlos und mit einleuchtenden Argumenten sich an den Menschen heranmacht. Erst wenn sich der Mensch auf sie eingelassen hat, zeigt sie ihr wahres Gesicht.
In der christlichen Tradition wurden und werden auch heute noch, so unzeitgemäß das auch für manche Ohren klingen mag, sieben Hauptsünden aufgezählt, manches mal werden sie auch als die sieben Todsünden bezeichnet: Stolz (oder Hoffart), Geiz, Neid, Zorn, Wollust (oder Unkeuschheit), Völlerei (oder Unmäßigkeit) und Trägheit. Aufs erste wundert man sich, was daran so schlimm sein soll. Wer kennt diese Gefühle nicht auch schon bei sich selbst? Die so genannten Hauptsünden beinhalten eine verführerisch harmlose Seite. Sie beginnen im Kopf. In ihrer Konsequenz können sie uns kaputt machen, zum Tod führen, in der Konsequenz entfalten sie zerstörerische und todbringende Kräfte.
Die Herausforderung moralischer Reife besteht darin, dass wir lernen, mit diesen Gefühlen und seelischen Kräften umzugehen, sie zu beherrschen und sie ins Positive zu entfalten. Statt Überheblichkeit und Stolz sollen wir ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln, Sparsamkeit und Genügsamkeit statt Geiz, Gerechtigkeitssinn statt Neid, Initiative und Schaffenskraft statt Zorn, Liebesfähigkeit statt Wollust, Genussfähigkeit statt Völlerei, Zielstrebigkeit statt Trägheit. Auch das Gute beginnt im Kopf und im Herzen. Und es ist notwendig, sich diese Ziele und Möglichkeiten bewusst zu machen.
Aber es ist eigenartig. Während man in der Kirche im Mittelalter die Angst vor der Sünde und den folgenden Höllenstrafen schürte, stehen heute viele Menschen dem, was wir unter Sünde verstehen ziemlich gleichgültig gegenüber. Schuld an dieser Situation ist der sich ausbreitende Glaubensschwund. Gott hat ausgedient, die Welt kommt ohne Schöpfer aus, sie erklärt sich selbst. Charles Darwin hat in seinem Buch „Die Entstehung der Arten“ Gott den Prozess gemacht. Er braucht für die Vielfalt des Schöpfungsgeschehens keinen schaffenden Gott mehr. Und 150 Jahre nach ihm manipuliert der Mensch der Mensch den Menschen selbst, greift in seine Genstruktur ein und ist daran das zu tun, was George Orwell in seinem Roman „1984“ für die Zukunft vorausgesagt hatte.
Es ist absurd: auf der einen Seite arbeiten Abtreibungskliniken im Dauerbetrieb, auf der anderen Seite sucht man mit allem möglichen biologischen Experimenten das menschlichen Leben zu verlängern bzw. den Menschen unsterblich zu machen.
Wenn der Glaube, bzw. das Verantwortungsgefühl einem göttlichen Wesen gegenüber schwindet, dann ist eben alles erlaubt, dann gibt es weder ethische noch moralische Grenzen.
Gerade weil dieVerführung immer auch mit einem positiven Mäntelchen daherkommt ist sie so gefährlich. Sie zeigt nicht immer gleich ihr wahres Gesicht. Unter dem Schein des Guten und Vorteilhaften verbirgt sich das Böse und letztlich der Böse, der noch nie so viel Schaden angerichtet hat als heute, wo wir ihn leugnen und als Krampus lächerlich machen.
Wenn es uns gelingt, uns den Blick dafür zu bewahren und zu schärfen, wo das Böse in seiner getarnten Form in uns eindringen möchte, dann haben wir den Kampf schon begonnen. Stellen wir uns an die Seite Christi, der das Böse in der Welt enttarnt hat und der letztlich dem Guten den Sieg verleihen wird. Ob wir uns seiner Führung überlassen und so der Verführung entgegentreten, darauf kommt es an. Es hätte keinen Sinn Angesicht des Zustandes der Welt in der wir leben in die Resignation zu verfallen, während uns doch durch den Beistand des Herrn die Mittel in die Hand gegeben sind, dem Chaos entgegenzutreten. Dazu gehört natürlich auch der Blick für das Gute, das sich auch in unserer Welt immer wieder zeigt. Und da kommen wir zum Anfang unseres heutigen Evangeliums zurück, wo die Jünger Jesu meinen, ein Monopol auf das Gute zu haben. Ich habe Menschen gekannt, die nie in eine Kirche gegangen sind, die auch nicht oft gebetet haben, die keine Christen im üblichen Sinn des Wortes waren. Und es waren gute Menschen, Menschen mit einer großen Liebe in ihrem Herzen. Diese Menschen lebten die Frohbotschaft ohne dass es ihnen bewusst war - anonyme Christen also. Wir können Gott nicht vorschreiben, wie er seine Gnadengaben verteilt, offensichtlich hat er eine größere Verteilerliste als wir so gemeinhin annehmen. Wir aber sollten dankbar sein, dass wir in vollem Bewusstsein ihm nachfolgen dürfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ