07.10.2012: 27. Sonntag im Jahreskreis

27. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,2-16

Hier geht es um die christliche Ehe als Sakrament mit all ihren hohen Anforderungen. Vom theologischen Verständnis her ist die christliche Ehe ein Abbild des Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Daher kommt ihr Anspruch auf Unauflöslichkeit. Wir wissen alle, dass diese hohe Forderung nicht immer erfüllt wird. Das hat verschiedene Gründe: die Menschen haben heute eine größere Lebenserwartung als in früheren Zeiten, Frauen sind nicht mehr so abhängig von ihren Männern, emanzipiert, wie man das heue nennt, selbständig. Eine Ehe kann zerbrechen und auch das hat wieder verschiedene Gründe. Eine Ehegemeinschaft die zerbrochen ist kann für beide Partner zum Martyrium werden. Wiederverheiratet Geschiedene dürfen nicht zu den Sakramenten gehen. Schon wieder eine Verschärfung der Situation.
Aber machen wir uns eines klar. Gesetze bleiben Gesetze aber sie bedürfen einer Interpretation, die Gesetze über die Ehe wie jedes andere Gesetz auch. Wir müssen in der Kirche nach Wegen suchen, nach handhabbaren Lösungen, wenn Menschen in ihrer Liebe scheitern. Jesus selbst musste keine Detailregeln aufstellen; aber er ist mit Menschen, die gescheitert sind ungewöhnlich barmherzig umgegangen. Ihm ging es vor allem darum, die Personwürde der Menschen zu schützen. Noch vor allen kirchenrechtlichen Ableitungen müssen wir uns fragen, wie wir heute mit der Person- und Menschenwürde umgehen. Es geht immer um Menschen, um ganz konkrete Personen. Jeder Einzelne ist mehr als ein Kostenfaktor, mehr als eine Arbeitskraft, mehr als ein Lustobjekt, mehr als ein medizinischer oder juridischer Fall. Von dieser Sicht her ergibt sich die Herausforderung an die Kirche, mit Menschen.
Es geht mir heute aber besonders um den Satz, den Jesus zu seinen Zuhörern spricht: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Das hört sich zunächst eigenartig an, besonders wenn wir an unsere ganze hochgelehrte Theologie denken, an all das, was je über Gott gesagt und geschrieben wurde, an all die vielen Glaubenssätze und kirchlichen Vorschriften. All das ist sicherlich wichtig und notwendig und doch ist es nicht alles, vor allem ist es nicht das Entscheidende. Wir leben in einer Zeit, die zwar immer wieder Jahre des Kindes feiert; aber von einem Kind lernen zu sollen – und das meint ja das Wort Jesu – das ist ein wenig viel verlangt. Kinder sollen von den Erwachsenen lernen. Das tun sie auch. Sie ahmen exakt das Verhalten der Erwachsenen nach, besonders in ihrem Konsumverhalten und in ihrem Egoismus, wenn wie älter geworden sind.
In einer Diskussion im Fernsehen äußerten sich einige Fachleute besorgt über die abnehmende Kinderzahl. Ein Diskussionteilnehmer kam zu dem Schluß: der Mensch sei im Grunde seiner Seele kinderfeindlich. Dieser Mann machte sich damit zu Sprachrohr einer Meinung, die heute in der Tat keineswegs mehr ganz selten ist: Kinder sind lästig, Kinder engen ein und machen abhängig, Kinder fesseln durch jahrzehntelange Verantwortung, die für die zur Freiheit berufenen Menschen eine unzumutbare Überforderung darstellt. Mit Kindern hat man nichts als Ärger; sie bannen vor allem ihre Mütter in deren besten Jahren ganz und gar fest, so dass sie zu einer beruflichen Karriere oder zu einem vollmundigen Lebensgenuß nicht kommen; denn da sind eben die Kinder, die ihr Recht auf Kosten des Lebensrechts der Eltern, der lebenshungrigen jungen Erwachsenen fordern.
Wir sind sicherlich mit dieser Argumentation nicht einverstanden, obwohl sie auf den ersten Anhieb sehr verführerisch klingt. Wie finde ich denn als Mensch eigentlich das Glück – und um das geht es ja? Genuß allein scheint doch nicht letztlich glücklich zu machen. Echtes Glück hat sehr geheimnisvolle Vorbedingungen. Echtes Glück und echter Lebensgewinn blühen häufig im Verborgenen und gerade dort, wo man sie nicht vermutet. Wir werden das Glück, das Kinder uns vermitteln können, nicht finden, wenn wir sie nur aus dem Blickwinkel der Einengung unserer Freiheit betrachten. Und noch schlimmer: Wir werden blind gegen die Gaben, die Kinder uns durch ihr Sein zu geben vermögen, wir nehmen uns die Möglichkeit, den Reichtum zu fassen, den sie uns schenken.
Nach der Aussage Jesu scheint also die Gottesnähe damit verbunden, so zu werden wie die Kinder. Wie also sind die Kinder? Welche Eigenschaften mag Jesus hier gemeint haben? Sicher doch nicht die der rücksichtslosen kleinen Egoisten. Er muß etwas Ursprünglicheres, Reineres, etwas Unverdorbenes im Auge gehabt haben. Er muß denjenigen Teil des Kindes gemeint haben, den wir im Erwachsenenalter nur noch selten haben, einen verlorenen Zugang zum Glauben, der es erschwert, ins Himmelreich zu kommen. Erschwerend für uns Erwachsene sind doch wohl vor allem zwei Eigenschaften: die des kritischen Verstandes, der lediglich das für wahr halten will, was mit den Sinnen erfaßbar ist, eine eingeschränkte Erkenntnismöglichkeit also, die das realistisch Begreifbare in hochmütiger Überbewertung unseres eingeschränkten Wissensstandes überschätzt. Und als zweite erschwerende Eigenschaft: der Verlust einer zentralen Gegebenheit kindlichen Seins: des Lebens in einem Gefühl von glücklicher Geborgenheit, des Vertrauens und einer Anhänglichkeit, wie es umsorgte Kinder bei liebevollen Eltern ganz unkritisch in ihren ersten Lebensjahren zeigen.
Das also haben wir hochmütig autonom-sein-wollende Erwachsene uns als einen Weg zu Gott-Vater von den Kindern abzuschauen; denn Kinder vermitteln uns nicht nur eine Fülle von elementarer Freude durch das Miterleben eines sich entfaltenden Menschen, durch ihre Anhänglichkeit, durch die sinnvolle Aufgabe, Erzieher zu sein – nein, Kinder können uns, wenn wir nur die richtige Einstellung haben, in der eigenen geistigen Entwicklung in einmaliger Weise förderlich sein: Sie können uns im wahrsten Sinn des Wortes den Himmel aufschließen. Nicht wir sind die – oft mäßigen – Belehrer unserer Kinder – sie können uns durch ihr Sein eine eigentliche, ein zentral richtige und notwendige Daseinshaltung vermitteln.
Kinder haben zwar noch nicht genug Lebenserfahrung, sind infolgedessen noch unseres Schutzes und unserer Unterweisung bedürftig, bis sie der Lebensbewältigung schließlich selbständig gewachsen sind. Dafür haben sie aber Eigenschaften, die wir spätestens jenseits unserer Jugendzeit dringend benötigen, falls wir den Anspruch haben, mehr in diesem Leben zu vollbringen, als uns nur unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie besitzen eben die Eigenschaften, die wir Erwachsene brauchen, wenn wir zum Eigentlichen, zu unserem tiefsten Lebenszentrum vorstoßen wollen. Unsere Kinder sind offen, spontan, gefühlsreich, beweglich, intensiv, unmittelbar, vertrauensvoll, nachdenklich, sie sind aufgeschlossen und zärtlich. Aber sie sind auch angewiesen auf Geleit und Hilfe und dadurch arm und klein im wahrsten Sinn des Wortes. Und gerade diese Eigenschaften hatte Christus doch wohl im Sinn, als er bei der Diskussion mit den Jüngern darüber, mit Hilfe welcher „Leistungen“ man am ehesten einen Anspruch auf ewiges Leben erwerbe, sie auf die Kinder verwies.
Beim Leben mit den Kindern können wir vorbildhaft lernen, worum wir uns in unserem Alltag mühen müssen, um eine Haltung einzunehmen, die es uns möglich macht, in das Reich Gottes zu kommen. Damit ist aber nicht nur das Leben nach dem Tode gemeint, sondern auch die gelebte Wirklichkeit einer veränderten Einstellung bereits in diesem Leben. Ohne Kinder zu leben, hieße dann aber auch: weniger Gelegenheit zu haben am lebendigen Vorbild zu lernen.
Genug der vielen Worte! Lassen sie mich schließen mit einem Text von Rainer Maria Rilke:

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß Dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts
verrät,
so schafft er drin.

P. Paul Mühlberger SJ

14.10.2012: 28. Sonntag im Jahreskreis

Mk 10,17-30
28. So im Jahreskreis

Es gibt entscheidungsfreudige und entscheidungsschwache Leute. Manchen fällt es leicht, sich auf etwas Neues einzustellen; andere tun sich da schon schwerer. Schließlich hat das ja seine Konsequenzen. Das gilt auch für das Leben aus unserem christlichen Glauben. So vor sich hin leben, keinen rechten Schwung haben - diese Erfahrung machen wir auch mit uns selber. Das reden wir uns nicht ein; wir sind so.
Eltern und Lehrer stehen in unseren Tagen mehr denn je vor der Frage, wozu, wofür man Menschen bilden soll. Junge Menschen, die als einzigen Lebenszweck angeben: sie möchten ihren Spaß haben und möglichst viel Geld verdienen, um sich so allerhand leisten zu können, stellen uns als Erziehende vor gewaltige Probleme. Menschen sollen erzogen werden: für welche Aufgaben, für welche Zukunft? Unsere schnellebige Zeit überholt und überrollt sehr rasch Gebrauchsanweisungen und Programme. Es wäre aber entschieden zu wenig, junge Menschen nur mit einem Bankkonto, aber sonst orientierungslos und mit leeren Herzen auf den Weg zu schicken. Evangelium und Lesung haben solche Situationen der Entscheidung vor Augen, Situationen der Frage nach dem rechten Weg und der Ausrüstung dafür.
Unsere alttestamentliche Lesung aus dem Weisheitsbuch wendet sich an junge Menschen, die vor solchen Fragen stehen. Der Verfasser versucht eine Weisung für die sehr weite und bunte Welt der Großstadt Alexandria um die Zeitenwende, mit den vielen Möglichkeiten und Wegen, die sich dem suchenden Geist und dem unruhigen Herzen dort boten. Die Empfehlung aus der Erfahrung und dem Glauben Israels ist einfach und kühn zugleich: Sie rät zum Gebet um Weisheit, zum Mühen um ihre Kostbarkeit - als Ausrüstung für den Weg.
Der Verfasser erinnert seine Leser, sich den König Salomon als Beispiel zu nehmen. Dieser große König Israels hat für seine Regierung statt Macht und Reichtum in einem wunderschönen Gebet am Heiligtum Weisheit erbeten. Wer betet heute noch darum? Aber wer so betet, geht nicht mit der Überheblichkeit des Machers, als Besserwisser an seine Zukunft. Wer um Weisheit betet, weiß um seine Grenzen, um die Unverfügbarkeit letzten Gelingens; er weiß, dass geglücktes Leben verdankt, geschenkt ist. Wer so betet hält sich für dieses Geschenk, für Gottes Antwort offen. Betende Menschen gehen offenen, weiten, aber vertrauenden Herzens in die Zukunft.
Salomon hat um ein hörendes Herz gebetet, um für seine Regierung unterscheiden zu können, was gut und böse ist. Diese Einsicht ist in der Tat kostbarer als alle irdischen Güter; sie ist die Gabe des rechten Umgangs mit den Dingen und Bereichen der Welt. Sie lehrt, alle Güter richtig zu gebrauchen. Wir können uns nichts Besseres wünschen als solche Unterscheidung der Geister im Gebrauch der Gaben des Schöpfers und der Schöpfung. Und wenn einem jungen Menschen diese Fähigkeit des rechten, guten Urteils von Gott geschenkt wird, wenn Eltern, Erzieher etwas davon mitgeben, ist dies ein unersetzlicher Reichtum, der viele Gaben und Güter in sich schließt.
Der junge Mann in heutigen Evangelium steht vor einer großen Frage: „Was muß ich tun?“ Nicht um zu Reichtum zu gelangen, nicht um zu Ansehen zu gelangen - sondern, was muß ich tun, um das ewige Leben zu erlangen. Von vielen Jugendlichen unserer Tage könnten wir keine solche Frage hören. Aber wir können auch nicht ausschließen, dass wir Menschen von heute ständig auf der Suche sind. Wir spüren wie uns das Leben unter den Finger zerrinnt, wir spüren, dass materieller Wohlstand allein nicht genügt, um uns auszufüllen.
Wir würden die Frage vielleicht anders stellen: Wie kann ich ganze Erfüllung finden? Wie kann ich meinem Leben eine endgültige Zukunft geben? Oder: Was muß ich tun, damit ich bleibe, damit ich hier schon Erfüllung finden kann? Die einen treibt diese Frage in eine Lebensgier hinein, die alles und jedes auskostet und sich dabei selber zugrunde richtet. Andere ergeben sich fatalistisch in ihr Schicksal und geben es auf, weiter zu suchen und zu fragen. Wieder andere wie unser junger Mann im Evangelium stellen die Frage an Gott.
Aber haben wir nicht Angst vor der Antwort, vor der Antwort eines Gottes, der die Ziele unseres Lebens kennt, der auch die Weichen kennt, die für unser Leben neu gestellt werden müssen. Und wenn Gott sagt: Alles loslassen, alles hergeben, um so ganz frei zu werden für Gott? Wer würde dies schon fertigbringen, und wer könnte sich das schon leisten?
So zu fragen würde unserem Evangelium nicht gerecht werden. Achten wir darauf, was Jesus für eine Antwort gibt: „Halte die Gebote!“ Gottes Wille und Weisung sind klar bestimmt, und wer sich daran hält, kann sein Lebensziel nicht verfehlen. Aber da ist noch etwas, was uns verunsichert und was wir immer wieder spüren, nämlich der Zweifel, ob das auch wirklich genug ist? Kann ich damit wirklich vor Gott bestehen? Diese Unruhe treibt uns um. Es muß doch noch mehr geben, etwas, was diese Unsicherheit nimmt, die manchmal gar zur Angst wird. Es muß doch mehr geben, das das Herz wirklich zur Ruhe kommen läßt.
Der Hl. Augustinus, dessen Herz von der gleichen Unruhe getrieben war, hat dies einmal unübertrefflich formuliert mit dem Satz „Unruhig ist unser Herz, o Gott, bis es zur Ruhe kommt in dir“. Was uns treibt, ist unser Herz. Es ist unersättlich in seinem Suchen und Streben und darum wird es erst dann zufrieden sein, wenn es an der Quelle trinken kann, die unerschöpflich ist. Und diesem Hunger des Herzens entspricht auch sein Verlangen, nicht etwas, sondern sich selber ganz zu geben, denn nur, wer sich ganz verschenkt, kann sich ganz empfangen, kann vollkommene Erfüllung erfahren.
Der junge Mann war gut, er war in irgend einer Weise sogar ideal. Wir würden uns unter der heutigen Jugend viele solcher Frager wünschen. Wir würden uns viele junge Menschen wünschen, die aus der engen Dimension des nur Materiellen auszubrechen versuchen und eine neue Perspektive gewinnen möchten. Wir möchten uns viele junge Menschen wünschen, die die Frage stellen nach dem ewigen Leben, solche also, die die ganze Perspektive menschlicher Existenz in ihre Frage einschließen.
Der junge Mann unseres Evangeliums kam über die Frage nicht hinaus. Seine viele Güter, das Materielle in seinem Leben hatte eine zu große Zugkraft. Er ahnte die Dimension seines ganzen Lebens; aber er hatte nicht den Mut, den entscheidenden Schritt zu tun.
Für uns ziehen wir eine wichtige Lehre aus dieser Schriftstelle. Eine ehrliche Analyse unseres Lebens ergibt folgenden Tatbestand: Das materielle Leben, der Besitz der Güter, der Wohlstand spielen die entscheidende Rolle. Das Übernatürliche, das was nach diesem Leben kommt, ist für uns weniger von Bedeutung. Das heißt im Klartext: Es fehlt uns die nötige Rangordnung der Dinge, wir können oft nicht entscheiden, was für uns wichtig und nicht wichtig ist. Um diese Weisheit des Herzens müssen wir immer und immer wieder beten.
Wir leben immer in einer Entscheidungssituation, wir werden immer wieder gefragt, immer wieder herausgefordert. Das Leben selbst mit all seinen Unsicherheiten und Bedrängnissen stellt uns immer wieder diese Fragen! Oft ist Resignation unsere Antwort, eine Unmöglichkeit für die richtige Entscheidung und Weichenstellung von unserer Seite.
Dem steht gegenüber der letzte Satz unseres Evangeliums: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich“.
Und genau das ist unsere Chance, das ist das rettende Wort, das Gott uns zuruft. Geben wir unserem Leben eine neue Chance, öffnen wir ihm eine neue Perspektive! Auch für unser Leben gibt es noch ungeahnte Möglichkeiten, weniger von uns selbst, aber um so mehr von Gott her. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

21.10.2012: 29. So im Jahreskreis Missionsonntag

Weltmissionssonntag

Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der davon gehört hatte, dass an einem fernen Ort eine heilige Flamme brenne. Wenn ich dieses Licht besitze, so dachte er, dann habe ich Leben und Glück für immer. Und so machte er sich auf, um das Licht zu sich nach Hause zu holen. Auf dem Heimweg bekam er große Angst. Er fürchtete, die Flamme könne ihm erlöschen, und er sorgte sich sehr um sie. Da begegnete ihm ein Fremder. Dieser fror bitterlich und bat ihn deshalb: „Gib mir von deinem Feuer!“ Zunächst zögerte der Mann; er wollte ja das Licht für sich haben, und er hatte Angst, es könne ihm ausgehen. Schließlich teilte er doch mit dem Fremden. Als er nun weiterlief, geriet er in einen starken Sturm. So sehr er das Licht auch zu schützen versuchte, die Flamme erlosch. Was nun? Den Weg zurückzugehen an den fernen Ort, wo die Flamme brannte, das war zu weit, das würde er nicht mehr schaffen. Da erinnerte er sich an den Fremden, mit dem er das Licht geteilt hatte. Er ging zu ihm und ließ sich von ihm das erloschene Licht wieder anzünden. Weil er bereit gewesen war zu teilen, konnte er jetzt, als er selbst in Not war, das Licht wieder empfangen.
Besser kann man die eigentliche Geschichte vom Ursprung und vom Wesen der Weltmission nicht verdeutlichen. Seitdem es Kirche gibt, gibt es auch die Missionsarbeit der Kirche; gibt es den Auftrag des Herrn: „Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Wer angerührt ist von diesem guten Gott, der kann das einfach nicht für sich behalten. Wir können und dürfen nicht davon schweigen, was wir gesehen und gehört haben, sagt Petrus selbst vor Gericht. Bei wem das Licht der Frohen Botschaft gezündet hat, der muß einfach von diesem Licht weitergeben und mit allen Menschen teilen. Kirche und Mission bedingen sich gegenseitig und setzen einander voraus. So haben Christen aller Zeiten, aller Rassen und Nationen die Flamme des Glaubens und der Liebe am Brennen gehalten, zum Leuchten gebracht und mit anderen geteilt. Und wie die Geschichte erzählt, haben Fremde immer wieder gebeten: gebt uns von diesem Licht des Glaubens und der Liebe, teilt es mit uns, wir wollen nicht länger frieren in der Kälte des Unglaubens. So sind Fremde zu Freunden geworden und die Kirche ist zur Weltkirche gewachsen über alle inneren und äußeren Grenzen. Und sie hat dabei im Heiligen Geist das Angesicht der Erde erneuert.
Ich weiß nicht, welche Vorstellung sie mit dem Missionsgedanken verbinden. Lange vorbei sind allerdings die Vorstellungen von der Begegnung der Missionäre mit Kannibalen und Löwen. Der berühmte „Nickneger“, der da und dort noch eine Weihnachtskrippe ziert. Für die meisten Menschen besteht das missionarische Tun einfach nur aus einer hin und wieder getätigten Geldspende, vielleicht liest man hin und wieder auch noch eine Missionszeitschrift. Die Länder, in denen heute unsere Schwestern und Missionare arbeiten sind auch keine geheimnisumwitterten Abenteuergebiete. Wir verbringen heute in diesen Ländern vielfach unseren Urlaub, wohlaufgehoben in Hotels der Luxusklasse. Wir achten den selbstlosen Einsatz von Menschen, die mit den Ärmsten der Armen in den Elendsquartieren der Slums das Leben teilen, wir hören von Bischof Kräutler in Südamerika, der sich unter ständiger Bedrohung für die Rechte der Entrechteten einsetzt. Und wir stellen fest, dass die Verkündigung des Christentums heute nicht mehr losgelöst sein kann von der Sorge um den Menschen. Das ist ja auch die Methode Jesu gewesen, der Kranke geheilt und Traurige getröstet hat. Unsere Missionierung darf sich auch nicht über die Kulturen der einzelnen Völker einfach hinwegsetzen. Seit dem zweiten vatikanischen Konzil sprechen wir von „Inkulturation“ und meinen damit, dass wir das kulturelle Erbe der anderen Völker zu respektieren haben und dass wir ihnen kein westliches Christentum aufzwängen dürfen. „Allen alles werden“ das ist der Leitspruch eines Missionars von heute.
Aber auch die Schwerpunkte der Mission haben sich verschoben. Während bei uns der Glaube „verdunstet“, wird er anderswo aufbrechen und feste Formen gewinnen. Wir sind heute selbst zum Missionsland geworden. Eine neue Form des Heidentums setzt sich durch. Wir beginnen das Christentum abzustreifen oder es in ertragbare Formen zu gießen, während es doch eine weltverändernde Kraft sein sollte. Wir passen unser Christentum aber der Welt an und meinen damit modern zu sein und unserem Glauben einen Dienst erwiesen zu haben. Aber damit verleugnen wir auch eine wichtige Wurzel unseres gemeinsamen Lebensraumes Europa. Was können und wollen wir den Völkern des Ostens geben in diesem neuen Europa? Ich denke da vor allem an die Menschen in der ehemaligen DDR. Viele von ihnen sind nicht mehr getauft. Was können wir westliche Christen diesen Menschen mitgeben? Sind es bloß die Werte eines gehobenen Lebensstandards oder volle Supermärkte? Wie erleben die Menschen anderer Denkweise unser Christsein?
So gesehen beginnt der Missionsgedanke bei uns selber, bei unserem eigenen Christsein. Haben wir den Mut zu einer Umkehr? Spüren wir die Verantwortung, unser Christsein so zu leben, dass es in den Augen der Fernstehenden sympathische Züge gewinnt, nicht aber bloß im Sinne eines Nach-dem- Munde-Redens, sondern in aller Folgerichtigkeit und Konsequenz.
Haben sie auch beobachtet, dass nicht nur wir Christen missionieren. Es sind viele Sekten am Werk, viele religionsähnliche Gemeinschaften, die da allerhand versprechen, ohne es letztlich halten zu können. Junge Mormonen stehen sich die Füße wund, sprechen die Vorübergehenden an und suchen sie zu gewinnen. Sie verpflichten sich für zwei Jahre zu einer missionarischen Tätigkeit. Und unsere bekannten „Zeugen Jehowas“ sehen wir auch mitten in unseren geschäftigen Straßen stehen mit ihrem „Wachtturm“. Verlangen sie einmal von einem katholischen Christen, er solle etwas Ähnliches tun. Abgesehen, dass diese Art von Werbung nicht unsere Art ist, so würden die wenigsten das tun wollen. Ich habe mir schon darüber Gedanken gemacht, ob gerade von jungen Christen nicht zu wenig verlangt wird. Von einem Menschen, namentlich von einem jungen Menschen nichts zu verlangen, heißt ihn nicht ernst nehmen. Und wir haben da vielleicht allzusehr auf die bequeme Karte gesetzt. Und wir verlangen auch nicht allzu viel von uns selbst. Ich möchte da sicherlich nicht sie ansprechen. Sie sind ja hier. Und das ist ja das Problem, dass genau die Leute, denen man etwas sagen möchte nicht anwesend sind. Aber ein Großteil der Menschen begnügt sich mit einem Konsumieren des Christlichen. Ich merke das spätestens, wenn ich eine Trauung halte. Trauung mit Messen, weil das feierlich ist. Aber mir hat neulich ein Teilnehmer an einer solchen Trauung gesagt: Es ist doch eigentlich beschämend, dass die Menschen nicht wissen, wie sie sich in der Kirche aufzuführen haben, dass sie nicht einmal die einfachsten Antworten der Liturgie kennen. Die Kinder werden noch zur Taufe gebracht. Das ist ein Familienfest. Auf die Frage nach der religiösen Erziehung wird zwar positiv geantwortet, aber in Wirklichkeit wird von der Seite der Eltern und Paten nichts dergleichen geboten. Und die Firmung ist für viele junge Leute die letzte Gelegenheit zu einem Kirchenbesuch. Nachher ist vielfach Pause. Ja - und dass ich nicht vergesse: das Begräbnis wird noch gewünscht, wie wir in Wien sagen „a schene Leich“. Nach diesen „Höhepunkten“ unter Anführungszeichen ist für viele sogenannte Christen Schluß. Der Kirchenbeitrag ist dann oft der letzte Stein des Anstoßes, um sich von der Kirche endgültig zu verabschieden.
Es ist gut, das alles einmal zu sehen, weil es uns aufrütteln kann, denn von einer gewissen schleichenden Lethargie sind wir alle bedroht.
Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen!“ Verlieren sie nicht den Mut, missionarisch tätig zu sein. Es gibt viel Leben in der Kirche. Sie ist lebendig und sie muß und wird lebendig bleiben durch uns. Vertiefen sie immer wieder ihren Kontakt mit Gott durch das Gebet, nützen die Möglichkeiten, die die Sakramente uns bieten. Bleiben sie auch wachsam für ihre Umgebung. Sie ist unser Missionsgebiet. Bleiben sie auch wach für das, was in der Welt geschieht. Das muß immer auch ein Anliegen unseres Gebets sein. Wissen sie, dass die Heilige Theresia von Lisieux die Patronin der Missionen ist. Sie, die keinen Schritt aus ihrem strengen Kloster herausgekommen ist! Nur durch ihr Gebet und durch ihr Opfer!
Ergriffensein von Gott, das wird die Basis sein, auf der sich unser missionarisches Leben aufbaut Der Kapuzinerpater Walbert Bühlmann, der viele Jahre Missionar in Afrika war, erzählt:
In Tansania traf ich einen jungen Mann, der im letzten Grad tuberkulös war und den man nicht mehr heilen konnte. Ich wollte ihn auf die Taufe vorbereiten, doch erkundigte ich mich zuerst aus Neugierde etwas nach seinem Weltbild. Meine Frage: „Was weißt du von Gott? Was tut Gott?“ Auf diese Frage kann man natürlich viele Antworten geben. Aber es würden wohl wenige Christen eine so schöne Antwort geben wie jener „Heide“ sie mir gab. Nach einem Moment der Überraschung kam die Klare Antwort: „Anatuangalia“: „Er schaut uns an!“ Also jener Heide praktizierte das, was man in der Spiritualität Leben unter den Augen Gottes nennt. Ich konnte ihm nur bestätigen: „Das ist sehr schön. Dieser Gott, der dich und mich und alle Menschen anschaut, hat Dinge für uns getan, die du noch nicht weißt.“ Ich fing an zu erzählen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Der todkranke junge Mann hörte staunend zu und glaubte.
Gott schaut uns an! Hoffentlich ist unser Leben so, dass wir es in aller Bescheidenheit Gott darbieten können. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

26.10.2012: 30. Sonntag im Jahreskreis

30. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,46-52

Blind zu sein ist ein schweres Schicksal: „Bartimäus, du siehst nicht die strahlende Sonne am blauen Himmel von Jericho. Du erblickst nicht die hohen Palmen und die Blumenpracht der Oase. Du kennst nicht das Antlitz deiner Mutter und das Gesicht deines Vaters. Du bist behindert, deshalb ein Aussenseiter, und zudem noch ein Bettler, angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit deiner Mitmenschen. Ja, du trägst ein schweres Schicksal, Sohn des Timäus.“
Wie eine Filmszene habe ich vor Augen, was Markus so anschaulich erzählt. Viele Menschen strömen aus engen Gassen und Straßen zusammen, ein buntes lebhaftes Gemisch aus Jung und Alt, die einen vornehm gekleidet, die anderen armselig. Hier und da, abseits, an Straßenrändern und in Häusernischen kauern, bettelnd: Aussätzige, Blinde, Verkrüppelte. Sie werden kaum beachtet, die Menge ist zu stark mit sich beschäftigt und mit dem, der gerade im Mittelpunkt des Interesses steht: Jesus.
Da plötzlich ein aufdringlicher Ruf: „Sohn Davids, Jesus!“ Die Köpfe fahren herum, die Gesichter überrascht, befremdet, ärgerlich, ja empört. Ihr Blick fällt auf den Bettler. Er ist zerlumpt, abstoßend, seine Augen sind farblos und tot, sein Gesicht ist ein einziger Schrei: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Wer ist dieser Blinde? Er ist kein Namenloser. Bartimäus hat einen Platz in Jericho, vielleicht sogar einen Stammplatz, aber nicht als geachteter Bürger, sondern als Bettler. Er ist vom normalen Leben ausgegrenzt. Er kann nicht seinen eigenen Augen trauen, er muß dem trauen, was andere sehen. Das macht ihn mißtrauisch. Sein Mißtrauen aber isoliert ihn von seiner Familie, von seinen Freunden. Zudem ist er als körperlich Behinderter völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Das demütigt ihn. Seine Augen sind blind, sein Inneres ist düster. Er ist ohne Perspektive.
Ohne Perspektive – scheinbar, denn da ist noch ein Funke Hoffnung in ihm. Der wird geweckt, als Bartimäus von Jesus hört. Hat er nicht schon anderen geholfen? Bartimäus nimmt seine ganze Kraft zusammen und legt sie in seinen lauten Hilfeschrei. Mit den Augen des beginnenden Glaubens sieht der Blinde in dem Mann aus Nazareth den Gesandten Gottes. Aber noch findet er keinen Zugang zu ihm, denn die Leute stellen sich ihm in den Weg. Sie fahren ihm über den Mund; sie wollen ihn mundtot machen.
Sie reagieren ganz natürlich. Jesus ist jetzt der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollen ihn ganz für sich haben. Sie sind nur noch Auge und Ohr für ihn und deshalb blind für die Not der anderen. Als sich der Blinde so lautstark einmischt, fühlen sie sich gestört.
Es gibt Christen, die reagieren wie diese Leute. Die übersehen geflissentlich, dass zwar die Anhänglichkeit an Jesus wichtig ist, dass aber Jesus sehr klar und deutlich unsere Aufmerksamkeit auf den Nächsten und seine Not hinlenkt. Und so macht uns die Reaktion Jesu zunächst schmunzeln Er geht nicht selber zu Bartimäus hin, nein, er wendet sich zuerst an die Leute, die sich ärgern. Diese beauftragt er, Bartimäus herzurufen. Das ist eine sehr gute Pädagogik! Jesus korrigiert das Verhalten der Menschen. Er bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Sie fangen an zu verstehen, und tun jetzt das Gegenteil von vorher: Sie sprechen Bartimäus Mut zu.
Auffallend ist, wieviel jetzt in Bewegung kommt! Bartimäus muß aufstehen, auf Jesus zugehen und seinen Wunsch nach Heilung öffentlich aussprechen. Jesus geht also nicht, von Mitleid gerührt, zum Kranken hin und heilt ihn. Vielmehr mobilisiert er die inneren Kräfte des Blinden, indem er ihn auffordert, selbst aktiv zu werden. Er fragt ihn nach seinem Willen zur Heilung und weckt dadurch das Vertrauen in seine Gesundung. Und Bartimäus wird heil: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Sein Glaube hatte ihm geholfen.
Es ist ja immerhin interessant, dass Jesus den Glauben des Bartimäus als auslösendes Element für seine Heilung nennt. Diese Verbindung von Glauben, Vertrauen und dem Wunder Jesu kommt immer wieder in der Frohen Botschaft vor. Und das sollte uns eigentlich in unserm eigenen Glauben Mut machen. Wenn auch unser eigenes Tun manchmal sehr gering ist, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind, sie bilden die Grundlage für die Wunder Gottes in unserem Leben. Und diese Tatsache ist tröstlich für einen jeden von uns.
Aber dazu noch eine Frage: Gehören wir nicht auch unter die Blinden? Natürlich können wir hoffentlich alle mit unseren leiblichen Augen sehen. Doch sie kennen auch das Sprichwort: „Liebe macht blind“. Starke Gefühle können einen Menschen blind werden lassen. Auch Hass, Wut und Eifersucht können blind machen. Sie werfen oft ein sehr einseitiges Licht auf einen Menschen, das die positiven Seiten eines anderen nicht mehr erkennen läßt.
Auch Fanatismus macht blind. Das sehen wir gerade in unseren Tagen wieder in den Ereignissen im Nahen Osten. Fanatismus ist meist ein Gemisch aus starken Gefühlen wie Hass und Wut, enthält darüber hinaus aber auch ein sich Festkrallen an „unumstößlichen“ Prinzipien. Fanatismus stützt sich auf ein Gesetz und wendet dieses so unerbittlich an, dass der Mensch, der damit getroffen werden soll, nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich gibt es da noch die Betriebsblindheit. Aufgeschlossene Unternehmen holen sich von Zeit zu Zeit Berater von außen, um die Organisation ihres Betriebes einmal mit fremden Augen anschauen zu lassen. Manche Dinge und Gewohnheiten unseres Lebens gehörten vielleicht verändert; aber weil es immer so war, mag es auch so bleiben. In gewissem Sinn betriebsblind werden die meisten Menschen ihren eigenen eingeübten Lebensabläufen gegenüber. Jeder hat so seine blinden Flecken, Punkte, auf die er nicht gerne hinschaut, Verhältnisse, an denen er nicht gerne rüttelt.
Was viele von uns von Bartimäus unterscheidet ist die Tatsache, dass wir uns unserer Blindheit bzw. unserer Sehschwächen meist nur wenig oder überhaupt nicht bewußt sind und darum auch gar nicht mehr das Bedürfnis haben, geheilt zu werden.
Blenden wir wieder zurück zur Eingangsszene und vergleichen wir sie mit unseren jetzigen Erkenntnissen. Der geschlossene Kreis um Jesus ist aufgebrochen. Bartimäus steht nicht mehr im Abseits, sondern ist in die Gemeinschaft miteinbezogen. Die Leute haben einen Blick bekommen für die Not des Mitmenschen. Die Heilung hat nicht nur Bartimäus verändert, sondern auch das Umfeld. Der Geheilte lernt nun seinen eigenen Augen zu vertrauen und die anderen sind von ihrer Blindheit gegenüber den naheliegenden Nöten anderer gelöst.
Verlassen wir langsam Jericho und das Geschehen, das sich dort abspielte. Nehmen wir aber die Anfrage in unseren Alltag mit: Wo entdecken wir Menschen wie Bartimäus? Wo verhalten wir uns manchmal wie die Leute von Jericho? Und welche Blindheit muß Jesus uns nehmen? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

01.11.2012: Allerheiligen

Allerheiligen

Die Seligpreisungen. Wir hören sie jedes Jahr am Allerheiligenfest. Sie bilden eine Schlüsselstellung in der Frohbotschaft, aber sie klingen manchmal so unwirklich, fast möchte ich sagen undurchführbar. Ist das eine Botschaft für besonders Auserwählte, die abgehoben von der heutigen Wirklichkeit leben? Nein, es ist eine Botschaft, die mit ihren hohen Ansprüchen uns heutige Menschen ansprechen muss. Die Seligpreisungen der Bergpredigt sind Jesusworte. Sie gehören zur Weltliteratur. Sie kommen vom höchsten Himmel und aus der tiefsten Seele. In ihnen berühren sich Himmel und Erde, menschliche Sehnsucht und göttliche Verheißung. Ihre Auslegungen füllen Bibliotheken. Und diese Bergpredigt war immer auch die große Orientierung für alle die Menschen, die wir als Heilige verehren.
Und heute feiern wir das fest ihres gelungenen Lebens. Da dürfen wir den Blick ruhig einmal weit machen. Er geht über die mit den großen Namen hinaus: Martin, Benedikt, Franziskus, Elisabeth, Maximilian Kolbe, Mutter Teresa und wie sie alle heißen mögen. Und dazu gehören auch alle die Menschen, die auf unseren Friedhöfen ruhen und die mit mehr oder weniger großem Einsatz doch versucht haben aus ihrem Leben etwas zu machen. Für jeden war am Ende ja die Frage entscheidend: Bist du Mensch gewesen, bist du du selbst gewesen, bist du so gewesen, wie Gott dich gedacht hat: friedfertig, barmherzig, achtsam, versöhnlich, gerecht, großzügig, geschwisterlich? Heute geht es nicht um die Perfektionisten. Es geht nicht um die mit dem verbissenen Gesicht der „Alles-richtig-Macher“. Vie sympathischer sind die mit den heiteren Zügen, die wissen, was Leben ist in seinem Auf und Ab, in Versuch und Irrtum, in Abkehr und Umkehr. Heilige, das sind die Menschen, die wahrhaft Mensch gewesen sind und deren Leben gelungen ist. Heilige, das sind die Menschen, die arm gewesen sind vor Gott. Gemeint ist hier nicht die materielle Armut, sondern die Anerkennung der eigenen Geschöpflichkeit, das Bejahen Gottes im eigenen Leben trotz aller Glaubenszweifel und Irrwege im menschlichen Leben. Heilige sind Menschen, die erkannt haben, dass es im Leben nur darum geht, sich von Gott beschenken zu lassen, die sich nicht scheuen, Gott immer wieder ihre leeren Hände entgegenzustrecken.
Die heilige Therese von Lisieux, fühlte sich vor Gott als ein Mensch mit leeren Händen. Eines ihrer Gebete lautete: „Am Abend meines Lebens werde ich mit leeren Händen vor Dir erscheinen; denn ich bitte: Zähle meine guten Werke nicht, Herr! All unsere Gerechtigkeit ist voller Fehler in Deinen Augen. Ich will mich also mit Deiner Gerechtigkeit bekleiden und mit deiner Liebe dich selbst empfangen.“
Manchmal sträubt sich ja allerhand in uns, wenn wir daran denken, dass auch wir heilig sein sollen. Wir fühlen uns nicht als Heilige. In früheren Heiligenbiographien sind uns die Heiligen eher als religiöse Monster erschienen, die Höchstleistungen in der Nächstenliebe und Opferbereitschaft vollbracht haben. Da hat uns sofort wenig Appetit auf das Heiligwerden gemacht. Heute sehen wir bei unseren großen Heiligen auch ihre menschliche Not, ihr Ringen um das Gute, das Durchstehen einer großen Gottverlassenheit in weiten Strecken ihres Lebens. Und das macht sie uns sympathisch und gibt auch unserem Leben eine Chance.
Um bei der Bergpredigt zu bleiben, dem Leitbild für ein heiliges Leben: sie ist auch für uns lebbar. Es gibt den Reichen mit der sozialen Verantwortung, der Geld hat, aber nicht daran hängt. Es gibt die „Lautlosen“, die an einem Krankenbett sitzen und einen unheilbar Kranken zu trösten verstehen. Es gibt Menschen, die immer ein ermunterndes Wort parat haben und unter deren Augen man sich wohlfühlt. Es gibt die Frauen und Männer, die nicht nur wissen, wie „es“ richtig wäre, sondern die sich in eine Beratungsstelle setzen, zuhören und nach Wegen, ja auch nach Auswegen suchen. Es gibt diese endlose Liste gelungenen Lebens. Egoisten können damit nichts anfangen. Und Frömmler auch nicht. Rechthaber übrigens auch nicht. Heilige sind Menschen, die gut sind, weil gut sein schön ist. Jesus muss sie förmlich daran erinnern, dass sie nicht leer ausgehen: Euer Lohn im Himmel wird groß sein.
Menschen, die zum Gelingen des Lebens anderer beitragen, dürfen sicher sein, dass ihr eigenes Leben gelingt. Man kann dies natürlich alles zuerst von andern erwarten oder sogar fordern. Nur, dadurch wird die Welt nicht anders. Anders wird sie nur, wenn ich selbst die Seligpreisungen zu leben beginne: Ich möchte ein Mensch sein, der ohne Gewalt auskommt, ich möchte Frieden stiften, wo sich andere am Unfrieden aufreiben und wieder andere sich am Unfrieden freuen. Ich möchte arm sein vor Gott, ich möchte von Herzen bitte und danke sagen können, weil ich weiß, dass alles Geschenk ist und nicht selbstverständlich. Ich will nicht auf mein Recht pochen, wenn anderen dadurch Unrecht geschieht. Ich will ein Mensch mit einem reinen Herzen sein; wenn ich ja sage, will ich ja meinen, und wenn ich nein sage, will ich nein meinen.
Das Fest Allerheiligen sollte uns doch ein wenig nachdenklich machen. Wir wollen uns nicht an den großen Heiligen messen, wir können sie auch nicht nachahmen, vielfach lebten sie in einer anderen Zeit und unter anderen Verhältnissen. Es geht um unser eigenes Leben, wo Gott einmal die einfache Frage stellen wird: „Bist du die Persönlichkeit gewesen als die ich dich erdacht habe? Natürlich bist du nicht formvollendet, das lasse meine Sorge sein, das zu ergänzen, was du in deinem Leben nicht mehr fertig gebracht hast. Den letzten Schliff, die letzte Vollkommenheit bekommst du von mir geschenkt, so wie ich die auch deine Anlagen geschenkt habe.“
Leistungsdenken ist Gott fremd, aber er möchte, dass wir wach sind und unsere Möglichkeiten nützen um den Forderungen der Bergpredigt gerecht zu werden.
Martin Buben erzählt uns aus den chassidischen Geschichten folgendes: Ein junger Mensch kommt zu einem Rabbi und stellt ihm die Frage: „Was kann ich tun, um die Welt zu retten?“ Der Weise antwortet: „So viel, wie du beitragen kannst, dass morgens die Sonne aufgeht.“ „Aber was nützen dann alle meine Gebete und guten Taten, mein ganzes Engagement?“ fragt der junge Mensch. Darauf der Weise: „Sie helfen dir wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

02.11.2012: Allerseelen

Allerseelen

Der große Forscher versunkener Kulturen, Johann Jakob Bachofen, hat einmal den Satz geprägt: Auf der Straße der Gräber sind wir in das Land der Vergangenheit gewandert. Seit es überhaupt Menschen gibt, haben sie sich um ihre Toten gekümmert, ihnen durch ihre Fürsorge eine Art von zweitem Leben zu geben versucht. Wie Menschen lebten, was sie liebten, was sie fürchteten, was sie erhofften und was sie verabscheuten, nirgends erfahren wir es so genau wie aus den Gräbern, die uns als Spiegel ihrer Welt geblieben sind. Und nirgendwo erleben wir die frühe Christenheit so nahe und so gegenwärtig wie in den Katakomben: Wenn wir durch ihre dunklen Gänge wandern, ist es, als ob wir selbst die Zeitlinie durchschritten hätten und von denen angeschaut würden, die hier ihren Schmerz und ihre Hoffnung aufbewahrt haben.
Warum eigentlich ist das so? Es mag viele Gründe geben; der eigentliche ist wohl doch, dass der Tod uns heute genauso angeht wie damals, und wenn uns so viel Damaliges fremd geworden ist - der Tod ist der gleiche geblieben. In den oft ungelenken Inschriften, die Eltern ihren Kindern, Gatten einander gewidmet haben, in dem Schmerz und der Zuversicht, die daraus sprechen, erkennen wir uns selber wieder. Mehr noch: vor der dunklen Frage des Todes suchen wir alle nach einem Anhalt, der uns hoffen lässt, nach einer Wegweisung, nach einem Trost.
Warum fürchten wir uns eigentlich vor dem Tod? Warum hat die Menschheit nie glauben mögen, dass hinter ihm schlechthin nichts mehr kommt? Es gibt viele Gründe. Wir fürchten uns vor dem Tod zunächst einfach, weil wir Angst vor dem Nichts haben, vor dem Hinaustreten ins völlig Unbekannte. Wir lehnen uns gegen ihn auf, weil wir nun einmal nicht glauben können, dass so viel Großes und Sinnvolles, das in einem Leben gewachsen ist, plötzlich ins Nichts zerfallen soll. Wir wehren uns gegen ihn, weil Liebe Ewigkeit verlangt und weil wir die Zerstörung der Liebe nicht hinnehmen können, die er mit sich bringt. Wir fürchten den Tod, weil keiner das Gefühl ganz abschütteln kann, dass es ein Gericht geben werde, vor dessen Nähe uns die Erinnerung all unseres Versagens unbeschönigt aufsteigt, die wir sonst so geschäftig zu verdrängen wissen. Die Frage des Gerichts hat der Grabkultur aller Epochen ihren Stempel aufgedrückt. Die Liebe, die den Toten umgibt, soll ihn schützen; dass ihn so viel Dank begleitet, kann beim Gericht nicht ohne Wirkung bleiben - so dachten und denken die Menschen.
Wir aber heute sind rational geworden, so meinen wir wenigstens. Wir gehen nicht aufs Ungefähre, wir wollen Bestimmtes. Daher will man auch die Frage des Todes nicht auf die Weise des Glaubens lösen, sondern mit nachprüfbaren, empirischen Erkenntnissen. So sind vor einiger Zeit Berichte von klinisch Toten zu einer schaurig-schönen Lieblingslektüre geworden, die freilich wieder im Abklingen begriffen ist. Die Beruhigung, die sie mitteilten, trägt nicht weit. Es mag ja ganz amüsant sein, für einige Stunden irgendwo im Zimmer über sich selbst zu schweben und heiter und gerührt auf seinen eigenen Leichnam und die trauernden Hinterbliebenen herunterzuschauen, aber eine Ewigkeit lang kann man sich auf diese Weise gewiss nicht beschäftigen. So manche Menschen suchen im Spiritismus direkten Kontakt mit der Welt jenseits des Todes. Doch auch da sind die Aussichten trübe. Denn was man finden kann, sind nur Duplikate unseres hiesigen Lebens. Aber welchen Sinn sollte es eigentlich haben, ortlos und endlos noch einmal so weiterexistieren zu müssen? Das ist in Wirklichkeit eine Exakte Beschreibung der Hölle. Ein zweites, nicht mehr befristetes Doppel unseres bisherigen Lebens wäre in der Tat Verdammnis auf immer. Unser irdisches Leben hat seinen zeitlichen Rahmen, uns so kann man es bestehen; ewig könnte man es nicht ertragen. Aber was dann eigentlich? Den Tod wollen wir nicht und das Leben, das wir kennen, wollen wir nicht auf immer. Ist der Mensch ein Widerspruch in sich selbst, ein Irrtum der Natur?
Wandern wir mit diesen Fragen im Herzen noch einmal die Wege der Katakomben entlang. Nur wer im Tod Hoffnung erkennen kann, kann auch das Leben aus Hoffnung führen. Was hat den damaligen frühen Christen so heitere Zuversicht gegeben, die uns im Dunkel der unterirdischen Gänge noch heute anspricht? Zunächst: sie waren sich auch im völlig im Klaren darüber, dass der Mensch aus sich allein genommen, gänzlich aufs empirisch Fassbare beschränkt, keinen Sinn ergibt. Sie waren sich auch im Klaren darüber, dass eine bloße Verlängerung unserer jetzigen Existenz ins Unbegrenzte hinein absurd wäre. Wenn schon in dieser Zeitlichkeit Isolation tödlich ist und nur die Liebe uns trägt, dann kann ewiges Leben nur einer ganz neuen Totalität der Liebe, die alle Zeitlichkeit überschreitet, Sinn haben. Weil die Christen von damals dies wussten, sahen sie auch, dass der Mensch nur verständlich ist, wenn es Gott gibt. Und dieser Gott war aus seiner unbekannten Ferne heraus in ihr Leben eingetreten, indem er sagte: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“. Und noch andere Worte leuchteten in das Dunkel des Todes hinein. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. In die Angst des Gerichts fiel Licht aus dem, was Jesus dem gekreuzigten Gewalttäter von seinem eigenen Kreuz her gesagt hatte: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“. Vor allem: Er war auferstanden, und er hatte gesagt: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen...Ich gehe euch voraus, euch dort eine Platz zu bereiten“. Gott war nicht mehr ein fernes Wesen - er war da. Es gab ihn wirklich. Er hatte sich gezeigt, und er war zugänglich.
Dann aber löste sich alles andere von selbst. Denn wenn es Gott gibt und wenn dieser Gott den Menschen gewollt hat und will, dann ist klar, dass seine Liebe das kann, was die unsere vergeblich will: den Geliebten über den Tod hinaus am Leben halten. Unsere Friedhöfe mit ihren Zeichen der Anhänglichkeit und Treue sind eigentlich solche Versuche der Liebe, den anderen irgendwie festzuhalten, ihm noch ein Stück Leben zu geben. Und ein wenig lebt er ja auch wirklich noch in uns fort - nicht er selbst, aber etwas von ihm. Gott kann mehr festhalten - nicht nur Gedanken, Erinnerungen, Nachwirkungen, sondern eine jeden als ihn selbst. Die frühen Christen hatten begriffen: Wenn du über den Tod hinaus bestehen willst, dann musst du möglichst viel von dem in dich aufnehmen, was ewig ist: Wahrheit, Gerechtigkeit, das Gute. Je mehr du davon in dir hast, desto mehr bleibt von dir, desto mehr bleibst du. Oder besser: du musst dich an dies Ewige hängen, so dass du ihm zugehörst und an seiner Ewigkeit teilnimmst: Hänge dich an Christus, er trägt dich durch die Nacht des Todes, die er selbst durchschritten hat. Unsterblichkeit wird hier zu etwas ganz Neuem. In den Händen Gottes sein und so eins mit allen Geschwistern, die er uns geschaffen, eins mit der Schöpfung - das ist erst das wirkliche Leben, auf das wir jetzt nur aus Nebeln hinblicken. Ohne Antwort auf die Gottesfrage bleibt der Tod ein grausames Rätsel, und jede andere Antwort führt ins Widersprüchliche. Wenn aber Gott ist, der Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt hat, dann gibt es ewiges Leben, und dann ist auch der Tod eine Straße der Hoffnung.
Diese neue Erfahrung ist es, die den Katakomben ihr besonderes Gepräge gibt. So viel von den Bildern, durch die Ungunst der Zeiten auch zerbröckelt oder verblasst ist, über die Jahrhunderte hin haben sie nichts von dem Glanz und vor allem von der Wahrheit der Hoffnung verloren, aus der sie geboren sind. Da sind die Jünglinge im Feuerofen; Jonas, der aus dem Bauch des Ungeheures wieder ans Licht geworfen wird; Daniel in der Löwengrube und viele andere, am schönsten der Gute Hirt, dessen Führung man sich angstlos anvertrauen kann, weil er den Weg weiß, auch durch das finstere Tal des Todes. „Der Herr ist mein Hirte. Nichts wird mir fehlen...Muss ich auch wandern inmitten der Schatten des Todes, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir...“
Und wenn wir aufgefordert werden, nach Heiligkeit zu streben, weil nur Heiliges Gott begegnen kann, dann wollen wir uns vor Augen halten, dass Heiligkeit auch für uns erschwinglich ist. Ich habe da neulich eine sehr gute Geschichte gelesen, die ich ihnen zum Schluss erzählen möchte.
Es war einmal ein so gottesfürchtiger Mann, dass sich sogar die Engel freuten, wenn sie ihn sahen. Aber trotz aller Heiligkeit hatte er keine Ahnung davon, dass er tatsächlich heilig war. Er ging ganz einfach seinen täglichen Arbeiten und Pflichten nach, und die Güte, die von ihm ausging, war so natürlich wie der Duft, den die Blumen verströmen, oder das Licht, das Straßenlampen in der Dunkelheit verbreiten.
Seine Heiligkeit lag darin, dass er die Vergangenheit eines jeden Menschen vergaß und jeden so nahm, wie er jetzt gerade war. Er schaute über die äußere Erscheinung eines jeden Menschen hinweg und sah in dessen inneres Wesen, wo jeder unschuldig und ohne Fehler war, noch nicht wissen, was er einmal tun würde. Auf diese Weise liebte der Mann alle Menschen und vergab jedem, den er traf, und er sah darin überhaupt nichts Besonderes, weil es ganz einfach seiner Betrachtungsweise entsprach.
Eines Tages sagte ein Engel zu ihm: „Gott hat mich zu dir geschickt. Wünsch dir etwas, und es wird dir erfüllt werden! Möchtest du etwa die Fähigkeit zu heilen?“ - „Nein“, sagte der Mann, „mir ist es lieber, wenn Gott selbst heilt.“ _ „Möchtest du die Gabe haben, Sünder wieder auf den rechten Weg zu bringen?“ - „Nein“, sagte der Mann, „es kommt mir nicht zu, an Menschenherzen zu rühren. Das sollten die Engel tun.“ - „Möchtest du ein solches Vorbild an Tugend werden, das die Menschen veranlasst werden, dir nachzueifern?“ - „Nein“, sagte der Mann, „denn dann würde ich ja die Aufmerksamkeit der anderen auf mich ziehen.“ - „Was wünscht du dir dann?“ fragte der Engel: „Die Gnade Gottes“, lautete die Antwort, „wenn ich die besitze, habe ich alles, was ich mir wünsche.“ „Du musst dir schon irgendein Wunder wünschen“, sagte der Engel, „oder es wird dir eins aufgenötigt.“ - „Gut, dann bitte ich um folgendes: Es möge Gutes durch mich geschehen, ohne dass ich es merke.“
So wurde beschlossen, dem Schatten des heiligen Mannes Heilkräfte zu verleihen. Wann immer sein Schatten auf den Boden fiel, vorausgesetzt, es geschah hinter seinem Rücken, wurden die Kranken geheilt, wurde das Land fruchtbar, sprudelten Quellen hervor, und die Gesichter derer, die von Kummer und Sorgen gezeichnet waren, blühten wieder auf.. Aber der Heilige Mann erfuhr davon nichts, weil die Aufmerksamkeit der anderen so auf seinen Schatten konzentriert war, dass sie den Mann vergaßen. So wurde sein Wunsch, durch ihn möge Gutes geschehen, er selbst aber vergessen werden, in vollem Maße erfüllt. Das wäre doch ein Wunsch für jeden von uns? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.11.2012: 31. Sonntag im Jahreskreis

31. Sonntag im Jahreskreis
Mk 12,28b-34

Die allermeisten unserer Predigthörer fühlen sich erleichtert, dass aus der Drohbotschaft früherer Zeiten eine Frohbotschaft geworden ist. Dann kann man aber auch zuweilen hören, wir Prediger machten es uns und unseren Hörern zu leicht, wenn wir immer nur über die Liebe predigen, keine Forderungen mehr stellen und das Wort Sünde tunlichst vermeiden, vom Teufel und von der Hölle ganz zu schweigen. Diese Forderungen wären berechtigt, wenn die Liebe als Freibrief erscheinen würde für sündhaftes Tun, wie es Zarah Leander in früheren Zeiten einmal besungen hat: „Kann denn Liebe Sünde sein“. Die älteren von uns können sich an diesen Schlager vielleicht noch erinnern. Ja, die Liebe kann auch Sünde sein, wenn sie für etwas ausgegeben wird, was alles andere ist als Liebe.
Der große Kirchenlehrer Augustinus hat den Satz geprägt: „Liebe – und dann tue, was du willst.“ Dieses Wort kann mißverstanden werden, wenn man nicht weiß, was Augustinus darunter versteht. Er meint mit seinem Wort eine Liebe, die dem Menschen von Gott ins Herz gesenkt ist. Und wenn wir dieser Liebe Raum geben, dann können wir nur Gutes tun. Dass wir uns dieser Liebe auch verweigern können, weiß jeder von uns. Nichts hätten wir ernster zu nehmen als die Sünden gegen die Liebe.
Was bezweckte unser Schriftgelehrter mit dieser Frage? Wollte er Jesus aufs Eis führen? Die Juden hatten insgesamt 365 Gebote und Verbote zu beachten. Konnte Jesus aus dem Wust der Vorschriften jenes Gebot herausfinden, das an Bedeutung alle anderen überragte? Aber nehmen wir einmal an, der Schriftgelehrte meinte es ernst und darum erhält er auch von Jesus eine klare und eindeutige Antwort. Diese Antwort, die Jesus gibt, ist nichts anderes als das Glaubensbekenntnis eines jüdischen Menschen: Es gibt nur einen Gott und ihn muß man lieben mit all seinen Fähigkeiten und mit seiner ganzen Kraft. Was Jesus noch anfügt steht nicht mehr im Zusammenhang mit diesem Glaubensbekenntnis: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit überschreitet Jesus das Alte Testament. Gottes – und Nächstenliebe finden sich unabhängig voneinander an zwei verschiedenen Stellen der alttestamentlichen Schriften und stehen noch nicht in einem inneren Zusammenhang.
Bei Jesus sind hingegen Gottes- und Nächstenliebe aufeinander bezogen. Sie leben voneinander. Ohne die Liebe zum Mitmenschen wäre die Liebe zu Gott eine Selbsttäuschung. Und der Nächstenliebe fehlte ohne die Gottesliebe die innere Kraft. Teresa von Avila hat dies so gesagt: „Wir können niemals zu vollkommener Nächstenliebe gelangen, wenn sie nicht aus der Wurzel der Gottesliebe hervorwächst.“
Wenn Jesus nun sagt: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, so war das eine ungeheure, ja provokante Aussage. Besonders in der damaligen Zeit, der Zeit des Spätjudentums, hingen die Gesetzeslehrer und Schriftgelehrten alles an der perfekten und rigorosen Erfüllung ihrer hundertfachen Vorschriften auf und machten das Heil der Menschen von der Einhaltung des Gesetzes abhängig. Und da sagt Jesus, dass alle Weisungen des Alten Testaments in dieser zweifachen Liebe zusammengefaßt sind, dass sie sich alle herleiten von der liebenden Beziehung des Menschen zu Gott und der Liebe zu unseren Mitmenschen. Alles muß sich an der Liebe messen lassen!
Wie messen wir aber die Liebe zum Nächsten? Wir haben ja in Bezug auf die Nächstenliebe manchmal sehr geteilte Ansichten. Manchen Menschen lieben wir nämlich nicht und das sprechen wir sogar aus. Wir können ihn nicht lieben, weil er uns vielleicht einmal etwas angetan hat oder einfach deshalb, weil er uns nicht zu Gesicht steht oder weil er eine andere Meinung hat als wir.
Wenn wir jedoch von der Aussage Jesu nichts wegstreichen wollen und auch nichts uminterpretieren wollen, dann müßten wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Und uns selbst verstehen wir wohl zu lieben, obwohl wir manchmal doch auch ein wenig nachdenken müßten, ob das auch noch die richtige Liebe ist mit der wir uns selbst bedenken, ob da nicht manchmal etwas von falscher Liebe im Spiel ist.
Eines dürfen wir allerdings nicht tun: Liebe mit Gefühl verwechseln. Natürlich ist Liebe sehr oft mit Gefühlen verbunden; aber sie stellen sich eben nicht immer ein und wenn wir unsere Liebe immer nur von Gefühlen abhängig machten, dann wäre sie eine sehr wankelmütige Angelegenheit. Vielleicht sollte man die Liebe zum Nächsten auch besser mit Gerechtigkeit in Verbindung bringen. Das hieße dann: dem Nächsten gerecht werden, ihm das geben was er braucht, was er von uns erwarten darf, eine natürliche Freundlichkeit, Hilfe, wenn er in Not ist, Zeit für ihn haben, wenn er uns braucht und anderes mehr.
Phil Bosmans drückt das in einem seiner Texte sehr gut aus, wenn er sagt:

Liebe ist, wenn dir das Leid anderer weh tut, wenn du den Hunger von Millionen am eigenen Leib spürst, wenn die Einsamkeit und die Angst, die Not und die Verzweiflung der Kleinen und Schwachen dein eigenes Herz zerreißen.

Liebe ist nicht schwach, Liebe ist nicht blind, Liebe ist nicht die negative Haltung: Ich tue ja nichts Schlimmes. Liebe ist keine passive Verträglichkeit. Kein Prüfen des anderen, ob er wohl der Liebe wert ist.

Lieben heißt konkrete Menschen lieben, so wie sie sind, jeden Tag, auch wenn der tägliche Umgang für die gegenseitige Achtung manchmal mörderisch werden kann.

Menschen deshalb lieben, weil sie so „liebenswürdig“ sind, endet im Fiasko. Menschen sind nicht immer liebenswert, dass man sie von selber gern hat. Feinden vergeben und Gegner gern haben, Böses mit Gutem vergelten ist übermenschlich, wenn es nicht einen höheren Grund gibt und eine tiefere Motivation.

In den Weisungen der Bergpredigt gibt es die so genannte „Goldene Regel“: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Und er fügt hinzu: „Darin besteht das Gesetz und die Propheten, d.h. die gesamte alttestamentliche Überlieferung. Damit wäre für die Gesetzeswächter der Skandal perfekt. Das soll alles sein? Ja, das ist wirklich alles. Wir wissen nämlich für uns selber sehr genau, was uns gut tut. Wir müßten das nur auf unser Verhalten andern gegenüber anwenden. Keiner von uns hat es nämlich gern, wenn über ihn Übles geredet wird. Die Schlußfolgerung daraus zu ziehen, ist aber nicht immer leicht. Teresa von Avila hat versucht, die „Goldene Regel“ auf ihr Leben in der klösterlichen Gemeinschaft anzuwenden: „Ich hatte mir den Grundsatz tief eingeprägt“, so schreibt sie, „über keinen Menschen etwas erfahren zu wollen oder zu sagen, was ich nicht wollte, dass man es von mir sagte.“
Wir merken, dass der Primat der Liebe alles andere ist als eine minimalistische Moral, mit der wir es uns leicht machen können. Jesus geht aufs Ganze, wenn er die Liebe zum Maßstab unseres Handelns macht. Wenn wir uns diesen Maßstab innerlich zu Eigen machen, dann können wir, wie Augustinus sagt, wirklich tun, was wir wollen. Denn dann ist unser Tun von nichts anderem geleitet als von der Lieben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.11.2012: 32. Sonntag im Jahreskreis

32 Sonntag im Jahreskreis
Mk 12, 38-44

Wie kann man nur so unvernünftig sein, den ganzen Lebensunterhalt wegzuschenken, um dann schließlich auf die Mildtätigkeit anderer Menschen angewiesen zu sein? Aber immerhin, Jesus lobt die Spendefreudigkeit der armen Witwe. Er sitzt mit seinen Jüngern beim Opferkasten des Tempels und beobachtet die Menschen, die da ihre Spenden abgeben. Da kam dann diese arme Frau. Sie war noch dazu eine Witwe. Und eine Witwe lebte im damaligen Israel in einer besonders schwierigen Situation, weil sie niemand hatte, der letztlich für sie Sorge trug.
Der Vorgang des Feldopfers für den Tempel spielte sich nach einem festgesetzten Ritual ab: der Spender übergab seine Gabe dem diensttuenden Priester, dieser stellt die Höhe des Betrags und den Bestimmungszweck fest, er prüfte die Echtheit des Geldes und legte das Geld dann in den Opferkasten. Somit war das ganze Gebaren der Opfernden geradezu auf Öffentlichkeit abgestellt. Was die arme Witwe in den Opferkasten war, war nicht der Rede wert. Für Jesus war aber diese Gabe von Bedeutung. „Habt ihr das gesehen?“, so könnte er seine Jünger gefragt haben. Freilich haben sie etwas gesehen, nämlich die Gold- und Silbermünzen, die die Leute spendeten, aber die arme Witwe war ihnen nicht aufgefallen.
Warum lobt Jesus diese Frau? Er erklärt es auch: viele haben nur von ihrem Überfluss gegeben, die Witwe aber gab alles, was sie hatte, ihren ganzen Lebensunterhalt. Den Reichen hat ihre Spende nicht wehgetan, sie könnten sich eher damit brüsten, die Witwe aber hatte alles gegeben, was sie hatte.
Was sollen wir aus dieser Begebenheit für uns entnehmen? Wir spenden auch. Gerade jetzt, in der Zeit vor Weihnachten flattern uns ja die Bettelbriefe wieder in unsere Briefkästen. Alle möglichen Organisationen wollen etwas haben. Und wir Österreicher sind nicht knauserig. Wir haben immer wieder unsere Spendenfreudigkeit bewiesen. Wir haben deswegen nicht Kraut und Kartoffel essen müssen und auf den Sprit fürs Auto mussten auch nicht verzichten. Manche Spender brüsten sich noch mit ihrer Wohltätigkeit. Vor laufender Kamera halten sie einen riesengroßen Überweisungsscheck in Händen, damit es ja alles sehen können, wie mildtätig sie sind. Kurios ist es auch, dass man in Ratgebern für Manager lesen kann: regelmäßig etwas spenden ist wichtig für ein positives Lebensgefühl. Und für manche Menschen, die an ein Leben nach dem Tod glauben ist das auch heute noch so etwas wie eine Anzahlung auf ein himmlisches Konto, eine Art Versicherungsprämie für die Ewigkeit.
Es wäre zu kurz gegriffen wollten wir aus dieser Begebenheit des Evangeliums herauslesen, es ginge nur ums Geld. Mir fällt da ein, was heute vielen Menschen fehlt, was sie überhaupt nicht mehr haben, schon gar nicht im Überfluss haben. Sie ahnen schon, was ich meine: Zeit. Jetzt gerade schenken wir Zeit, die Zeit, die wir beim Gottesdienst verbringen, Zeit für einen Krankenbesuch, den wir oft aus Verlegenheit so lange verschieben, bis es zu spät ist. Die Zeit für einen Brief, nicht nur für eine kurzatmige Mailnachricht. Die Zeit für ein Gebet, die Zeit, jemand in Ruhe und Aufmerksamkeit zuzuhören, endlich auch die Zeit, um für Gott ganz da zu sein, auf ihn hinzuhören in der Stille.
Vielleicht haben sie sich auch manchesmal schon Gedanken darüber gemacht, was wir als Menschen Gott eigentlich geben könnten, wo er doch alles hat und unsere Geschenke nicht braucht. Nun, es gibt aber doch etwas, was er, so komisch das klingen mag, nicht hat: unser Geschenk der Zeit für ihn, unser Vertrauen auf ihn! Wir Menschen kommen doch immer wieder dahinter, dass wir für Gott keine Zeit haben. Ein paar flüchtige Gebet, einen Gottesdienst, wo wir bisweilen auf die Uhr schauen, wie lange er wohl noch dauern wird. Und die Ausrede, wir hätten keine Zeit zum Beten ist uns ja allen geläufig. Dabei bräuchte es zum Beten gar keine Zeit. Paulus mahnt einmal seine Christengemeinden, sie sollten allezeit beten und er meint damit, dass es auf eine Haltung ankommt. Auf eine Grundhaltung, in der unser ganzes Leben zum Gebet wird. Wir sollten in dem Bewusstsein leben, dass Gott in uns Wohnung genommen hat, dass wir, wie es Paulus sagt, Tempel des Heiligen Geistes sind und dass der Geist Gottes in uns wohnt. Wie könnte unser Leben ausschauen, wenn wir in diesem Bewusstsein leben würden?
Aber wir empfinden uns oft als Unfähige, im Glauben schwache Menschen, oft voller Zweifel und verborgener Ängste, die wir nicht einmal uns selber eingestehen möchten. Auch das wäre ein Geschenk an Gott, dass wir ihm unser ganzes leben anempfehlen, es ihm schenken, unser Torso, unsere Unfähigkeit zum Beten und zum Vertrauen.
Der Ausspruch eines Heiligen hat mich immer tief getroffen, der gesagt hat: “Wir würden staunen, was Gott aus uns machen würde, wenn wir uns ihm ganz hinschenken würden!“ Das ist es, was uns aufbauen müsste, das Bewusstsein, dass alles, was wir Gott schenken, letztlich wieder auf uns zurückfließt, dass unsere Hingabe an ihn als reiches Geschenk von ihm wieder auf uns zurückkommt.
Das hat auch die arme Witwe gewusst, als sie ihre letzten Groschen in den Opferkasten geworfen hatte.

Der Dichter Joachim Ringelnatz hat über das Schenken ein schönes Gedicht geschrieben:

Schenke groß oder klein,
aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten
die Gaben wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.
Schenke dabei
was in dir wohnt
an Meinung, Geschmack und Humor,
so dass die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.
Sei eingedenk,
dass dein Geschenk
Du selber bist.



P. Paul Mühlberger SJ

17.11.2012: 33. Sonntag im Jahreskreis

33. Sonntag im Jahreskreis
Mk 13, 24-32
Was sollen wir bloß mit diesem Evangelium anfangen? Denn schließlich wird niemand von uns ernsthaft damit rechnen, dass dieses von Jesus geschilderte Ereignis – dieses „Aus-den Fugen-geraten“ – noch zu seinen Lebzeiten eintritt. Aber so dürfen wir nicht fragen. Denn dieses Evangelium liefert uns alles andere als ein Horoskop über den Weltuntergang. Wenn wir nämlich genau hinhören, antwortet es sehr wohl auf Fragen, die uns hier und heute beschäftigen, uns nicht zur Ruhe kommen lassen, ja manchmal sogar in Angst und Schrecken versetzen.
Aber auch der, der nicht gleich überall den Weltuntergang kommen sieht, wird trotzdem ein Ende todsicher noch erleben, nämlich sein ganz persönliches Weltende in seinem Sterben.
Was haben wir also letztlich in der Hand? Die Versuchung ist groß zu sagen: Es kommt sowieso, wie es kommen muss! Lasst uns also essen und trinken und die weißen Strände der armen Länder genießen – denn morgen sind wir tot! Nach uns die Sintflut!
Der Text des Evangeliums, den wir soeben gehört haben ist einer der unglaublichsten und unheimlichsten des Evangeliums; fremd klingt er für heutige Ohren und zieht dennoch zugleich in seinen Bann.
Der Text fordert eine Reaktion heraus: Ängstliche Menschen werden noch ängstlicher oder verdrängen ihre Angst; nachdenkliche erkennen Parallelen zur Kriegsbedrohung unserer Tage, zu den Umweltkatastrophen, zum Hunger in vielen Gebieten der Erde; kritische reden von apokalyptischer Schwärmerei und meinen, Jesus habe sich geirrt; ernstzunehmende Christen aber glauben, hinter diesen Worten des Evangeliums noch immer ihre Zukunftshoffnung zu entdecken, ja sie empfinden bei diesem Text sogar noch Zuversicht in dem Glauben, zu den „Auserwählten als allen vier Windrichtungen“ zu gehören. Was ist davon zu halten?
Sicherlich haben wir es nicht mit einer reportagehaften Beschreibung des Weltendes zu tun. Jesus macht in seiner Aussage eine Vorausschau, die trotz der Bildersprache sehr realistisch ist. Er reißt eine gewaltige Perspektive auf, aber nicht um uns zu ängstigen, sondern vielmehr um uns Mut zu machen, damit wir inmitten der Wirrnisse unserer Zeit den Überblick nicht verlieren, damit wir in all der Lebensbedrohung unserer Zeit das Licht nicht übersehen, das Gott uns angezündet hat, damit wir nicht in den Irrglauben verfallen, als hätte Gott seine Welt vergessen und ließe sie einfach dahin trudeln.
Für unsere Zeit können wir die apokalyptischen Zeichen sogar noch zuspitzen und verschärfend benennen: Im jedem Jahr werden in unserer Welt täglich 40.000 Kinder verhungern, 250.000 werden täglich geboren. Das Zusammenleben der Völker könnte dann immer mehr einem Pulverfass gleichen.
Im Musical „Hair“ das in den 70er Jahren einen so großen Erfolg hatte gibt es einen Song mit folgendem Text:

„Hat´s der Mensch nicht weit gebracht
und von seinem Wissen wunderbar Gebrauch gemacht
und forscht immer weiter
und wird noch gescheiter!
Hat´s der Mensch nicht weit gebracht?
Ja, das kann man sagen!“

Wie reagieren Menschen, wenn sie mit der Angst vor der Zukunft konfrontiert sind? Ich möchte sie mit drei verschiedenen Reaktionsweisen konfrontieren:
Je bedrohlicher die Welt wird, desto mehr schießen Endzeitpropheten wie die Pilze aus dem Boden. Und der Trend wird sich noch verstärken.
Trugpropheten, nennt sie Fridolin Stier. Sie werden auftreten und uns überschütten mit Droh- und Gerichtsreden. Sie werden Wege (wohl eher Irrwege als Auswege!) aufzeigen, wie die Menschen dem Gericht am Ende der Welt werden entgehen können.
Es ist ganz schön schwierig, den Zustand der Welt - im Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung - zu sehen und nicht zu resignieren! Das ist die zweite denkbare Reaktion der Menschen. Wie viele sind da, die resigniert und in der trostlosen Haltung des „Man-kann-ja-doch-nichts-machen“ leben. Und wenn die Resignation noch stärker an der Seele nagt, gehen viele den Weg der „Beruhigung“ durch Drogen oder pendeln zwischen Alkohol- und Arbeitssucht. Manche ziehen sich zurück ins private stille Glück der eigenen vier Wände, sofern wenigstens dort von Glück die Rede sein kann.
Eine dritte Reaktion könnten Christen, die furchtlos ihren Glauben leben, der Welt anbieten: Sich der Angst stellen angesichts des Zustands der Welt, die dramatischen Dinge nicht verdrängen, sondern sie wahrnehmen und spüren, wie viel Angst das wirklich macht. Im Wahrnehmen steckt das „wahr“-Nehmen, das keinem - sich selbst nicht und auch nicht den anderen - eine „falsche“ Hoffnung macht. Jedoch dann kommt das entscheidende „Aber“. Aber das Ende ist niemals das „Ende“! Immer kommt Gott. Das will besagen: die Zukunft des Menschen und die Zukunft der Welt werden niemals einfach ins Bodenlose fallen. Das sagt der Glaube der Christen. Denn „sie werden den Menschensohn, kommend in Wolken, mit viel Kraft und Herrlichkeit sehen. Er wird die Engel aussenden und sammeln seine Erwählten von den vier Winden“. Das heißt doch: Gegen alle Hoffnung bietet Gott uns Rettung an, stellt er uns ein Licht der Hoffnung auf, fordert uns auf, gegen alle Resignation anzukämpfen, macht uns Mut mit unserem kleinen Leben einen Funken Hoffnung in diese Welt hinein zu tragen.
Gerade in einer Welt, in der Gott keine Rolle mehr zu spielen scheint, gewinnt unsere Glaube und unser Leben nach ihm eine besondere Bedeutung. Selbst Friedrich Nitzsche, den man immer als glaubenslosen Menschen abtut, hat in manchen seiner Text versteckt immer wieder den Aufschrei nach Gott. Es ist ein Aufschrei nach dem Ende der scheinbaren Sinnlosigkeit. So heißt es in seinem Werk: „Die fröhliche Wissenschaft“ von einem Menschen, der am helllichten Tag eine Laterne anzündet und nach Gott zu suchen beginnt:
„Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet, ihr und ich. Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir die Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein oben und ein unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Ist es nicht kälter geworden?
Dieser Text macht uns nachdenklich. Nitzsche sieht sehr klar, dass mit dem Verlust des Glaubens der Platz frei geworden ist an dem sich die Hoffnungslosigkeit und die Resignation und auch die Angst festsetzen. Und aus dieser Sackgasse möchte uns das Wort Jesu herausreißen. Es versetzt uns klar und deutlich in die Wirklichkeit unserer Welt und es zeigt uns aber auch die Perspektive aus der unsere Hoffnung kommt: wir sollen uns nicht vor der Wirklichkeit verschließen, wir sollen sie wahrnehmen, sie wird uns ohnehin jeden Tag durch die verschiedenen Medien deutlich vor Augen geführt. Wir sollen aber auch erkennen, was unsere Welt retten kann: das wir sie und unser eigenes Leben wieder in Beziehung zu Gott bringen, dass wir uns, um beim Ausdruck Nietzsches zu bleiben, wieder an Gott ketten und unsere Aufgabe in dieser Welt deutlich erkennen. Und diese besteht nicht im Dulden und Abwarten, sondern im Tun, im deutlichen Leben unseres christlichen Glaubens, der keine Flucht aus der Wirklichkeit sein soll, sondern ein Ernstnehmen der göttlichen Realität und ihrer weltverändernden Kraft Das kleine Stückchen Welt, in dem wir wirken und leben könnte durch uns beeinflusst werden. Und die ganze Welt mit all ihren Problemen und Nöten könnte durch uns verändert werden, indem wir sie immer wieder in unseren Gebeten vor Gott hintragen.
So hoffe ich, dass dieses Evangelium ihnen nicht die Angst vermehrt hat, sondern die Hoffnung und die Zuversicht. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.11.2012: Christkönig

25.11.2012: Christkönigsfest
Joh 18, 33b-37
Es gibt eine Erfahrung, die uns manchmal schwer zu schaffen macht: Gott scheint verschwunden zu sein. Diese Erfahrung machen wir zunächst in der Welt, so wie wir sie erleben. Wissenschaft und Technik haben in ihr einen vorherrschenden Platz. Das Geheimnis in der Welt scheint auf das „Noch-nicht-Wissen“ zusammengeschrumpft. Das Machbare steht so im Vordergrund, dass es kein „Unmöglich“ mehr zu geben scheint. Sogar der Bauplan der Menschen ist total erforscht und der Streit um Versuche mit Genen und Embryonen zumachen bewegt die Gemüter.
Diese mehr allgemeine Erfahrung setzt sich fort in einer weiteren Tatsache, mit der wir auch immer wieder konfrontiert werden. Menschen signalisieren, dass Gott für ihr Leben seine Bedeutung verloren habe. Es hat oft den Anschein, als ob er für sie nie existiert hätte.
Und wir selber machen die Erfahrung, dass wir phasenweise in Krisen und Zweifel geraten, ob Gott den existiert, wo er ist und wie er sich zeigt. Andererseits müssen wir aber sagen, dass wir den Glauben an Gott nur durchhalten können, wenn wir etwas von ihm erfahren. Wo ist uns aber am ehesten der Zugang zu ihm gegeben, wo wird uns ein gangbarer Weg gezeigt, der uns zu ihm führt?
Das Evangelium vom heutigen Fest macht uns klar, wie Gott sich in unserer Welt und in unserem Leben in Erfahrung bringen will: Er tut dies als wehrlose Liebe. Gott ist ganz und gar unaufdringlich, so dass die Gefahr besteht, dass er übersehen wird. Gottes Art, sich in seinem Sohn unter uns Menschen zu zeigen, ist für die, die meinen, genau zu wissen, wie Gott zu sein habe, geradezu ein Ärgernis. Sie klagen ihn an und bringen ihn vor Gericht, denn „er hat Gott gelästert“. Pilatus, dem er als Angeklagter überstellt wird, spottet über ihn: „Bist du ein König? Wo ist dein Reich? Wie zeigt sich deine Macht?“ Wohl weniger aus seiner eigenen Überzeugung heraus, sondern mehr, weil das Volk es verlangte und damit droht, Pilatus beim Kaiser anzuzeigen, wenn er Jesus nicht verurteilte, gibt er Jesus zur Hinrichtung am Kreuz frei.
Die ihn am Kreuz sehen, spotten über ihn. „Was ist das für ein Gott, der wehrlos am Kreuz verblutet? Tu doch was, Gott, steig herab und zeig, wie mächtig du bist!“ Er aber schweigt – ohnmächtig.
Es gibt Gottesbilder, die einen ganz anderen Gott zeichnen. Wir können etwa an den Psalm 29 denken. Dort heißt es unter anderem: „Die Stimme des Herrn ertönt mit Macht….Der Herr zerschmettert die Zedern des Libanon….Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer….Sie wirbelt Eichen empor, reißt ganze Wälder kahl. In seinem Palast rufen alle: O herrlicher Gott!“ Oder wir hören das Siegeslied des Moses am Schilfmeer, das von einem Gott singt, vor dem die ganze Streitmacht des Pharao vor Furcht erstarrt. So erfahren wir Gott nicht. Wir wollen Gott auch nicht so erfahren, wie ihn diese Bilder darstellen: als drohende, schreckliche Macht, über dessen Handeln die Menschen entsetzt sind.
Wir haben von solchen Gottesbildern wohl auch deshalb Abschied genommen, weil die Möglichkeiten, die die Menschen heute selber haben, um Furcht und Schrecken zu verbreiten, ungeheuerlich sind. Für uns Christen hat Gottes Bild eine konkrete Gestalt angenommen. Es ist Jesus von Nazareth, in dem Gott seine Allmacht zur wehrlosen Liebe werden lässt. Er wird zu einem Gott, mit dem die Menschen machen was sie wollen, zu einem Gott, der ohnmächtig in dieser Welt scheint. Er ist wehrlose Liebe – und die ist stärker als der Tod.
Und so kommt Gottes Sohn am Kreuz uns Menschen ganz in die Nähe, in unsere persönliche Nähe, die wir ja selber Leidende und Gequälte sind. Aber, so könnten sie fragen, was bringt das, wenn Gott in seinem Leiden so in unsere Nähe tritt? Genügt es uns, dass da jemand mit uns mitleidet oder erwarten wir mehr? Ja, wir erwarten mehr von diesem König am Kreuz und mit Recht tun wir das.
Es ist eine gefährliche Tendenz in unseren Tagen zu spüren: die Revolte gegen das Kreuz. In einer Schule fängt die Demontage des Kreuzes an, in einem Regierungssaal wird es abgelehnt. Wann wird es von den Gipfeln unserer Berge verschwinden und aus unseren Wohnzimmern? Es ist gefährlich und für unser Christsein entstellend, wenn wir Jesus vom Kreuz herunterholen und ihm eine weltliche Krone aufsetzen wollen. Es ist einigermaßen befremdend, wenn die Kirche heute Werbemittel gebraucht, die den weltlichen Medien entlehnt sind. Da zählt nur Jugendlichkeit, Kraft, Attraktivität und Technik. Ob man mit solchen Werbemethoden auch nur einen einzigen in die Kirche bringt ist für mich mehr als fraglich. Aber man kann halt schlecht Propaganda machen mit einer Klosterfrau am Krankenbett und mit einem alten Pfarrer, der zwei Pfarreien betreut und sich ein „in-Pension-gehen“ nicht leisten kann.
Ein König am Kreuz, mit dem lässt sich nicht leicht Propaganda machen, aber er weist hin auf die Wahrheit unseres Lebens. Er gibt durch seinen Tod Zeugnis für die Wahrheit, die er gebracht hat und die wir weiterzutragen haben. Wir dürfen diese Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod nicht missverstehen. Sie ist nicht schwächlich. Ganz im Gegenteil! Wir können am Leben Jesu lernen, was sie ist. Mit großer Entschiedenheit tritt er auf. Er deckt Strukturen auf, die den Menschen zum wehrlosen Objekt machen. Er heilt nicht nur da und dort einmal einen Kranken, hat nicht nur für diesen oder jenen ein gutes Wort übrig, will nicht nur, dass vereinzelt etwas Gutes geschehe in unserer Welt, sondern er will, dass die Menschen nicht mehr mit den Menschen machen, was sie wollen. Dafür will er ein Zeichen sein, und er lässt es deshalb zu, dass man mit ihm macht, was man will.
Sieht es in unserer Welt und ihrer Geschichte so aus, als käme er damit an ein Ziel? Wenn man heute nahe daran ist, Manipulationen mit menschlichen Embryonen zuzulassen, für Forschungszwecke, um Krankheiten zu bekämpfen und später vielleicht als Organlager, dann zweifelt man daran, dann merkt man, dass der Mensch mit dem Menschen macht, was er will ohne sich um einen Gott und sein Gebot zu kümmern. Und all das geht so still und leise vor sich, dass sich der Normalbürger dessen gar nicht mehr bewusst wird und schließlich vor vollendeten Tatsachen steht.
Wenn aber Jesus für uns bis zum Tod am Kreuz gegangen ist, dann wissen wir, dass er die Hoffnung für unser Menschengeschlecht nicht aufgibt und dass er auf uns seine Hoffnung setzt, dass wir seine Wahrheit in diese Welt hineintragen.
Es wird immer wieder gesprochen von der Trennung zwischen Kirche und Politik. Aber diese Trennung darf das Christentum nicht in ein Ghetto hineintreiben, wo wir zwar im Gotteshaus fromm singen dürfen aber sonst nichts mehr zu melden haben. Schon die alten Griechen haben den Satz geprägt, der Mensch sei ein „Zoon politikon“, ein politisches Wesen. Und der Christ ist ein Menschen und somit auch für das was geschieht verantwortlich.
Dankbar müssen wir sein für die Königstat Jesu am Kreuz und Zuversicht müssen wir haben, dass er imstande ist, die manchmal so verschlafene Christenheit wieder aufzuwecken; aber nicht um das Christentum zu genießen, sondern es mit der eigenen Kraft und mit der Kraft, die von Gott kommt weiterzutragen in alle Bereiche dieser Welt hinein. Amen

P. Pau Mühlberger SJ.

02.12.2012: 1. Adventsonntag

02.12.2012: 1. Adventsonntag
Lk 21, 25-28.34-36

Der dänische Philosoph Sören Kiergegaard erzählte einmal von einem guten Mann, der uns auf unserem Weg durch den 1. Advent begleiten soll. In den schwierigen Situationen seines Lebens bat er immer nur um das eine: „Herr, gib mir einen großen Gedanken!“ Er war sich nämlich bewusst, dass nur ein großer Gedanke Situationen verwandeln kann. Daher hatte er sich angewöhnt, mit einem großen Gedanken in alles hineinzugehen, was schwer auf ihn zukam. Schon von daher empfiehlt es sich, mit einem großen Gedanken in den neuen Tag hineinzugehen; denn es ist der große Gedanke, der Schweres in Tragbares verwandelt.
Natürlich gibt es auch kleine Gedanken. Aber ihnen fehlt die entscheidende Kraft. Sie haben keine Hebelwirkung. Außerdem muss man annehmen, dass es ohne einen großen Gedanken auch kein großes Leben gibt; denn unser Leben ist immer das, wozu unsere Gedanken es machen. Daher ist es gut, sich dann und wann zu fragen: „Gibt es in meinem Leben einen wirklich großen Gedanken?“
Der Große Gedanke, den ich Ihnen in diesen 1. Advent hineingeben möchte, findet sich in der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen. Er lautet: „Semper incipe – Fange immer wieder an!“ Gibt es zum Advent, mit dem ein neues Kirchenjahr beginnt, eine bessere Einladung als diese? Warum gibt es eigentlich diesen fortwährenden Neuanfang? Man fragt sich: Wann hat das einmal ein Ende?
Nachdenklich macht uns jedoch die Erfahrung, dass der dauernde Neuanfang eine Grundgegebenheit unseres Lebens ist. Was ist denn unser aller Leben anderes als ein ständiger Neubeginn? Wer genau hinschaut, bemerkt sogar, dass wir kaum über Anfänge hinauskommen. Selbst ein Mensch, der sehr alt geworden ist, gewinnt zunehmend den Eindruck, mit dem Leben überhaupt erst zu beginnen. „Das Leben fasziniert mich immer mehr“, sagte Pablo Casals. „Je älter ich werde, desto größer wird das Geheimnis“ schrieb Romano Guardini.
Sonderbar! Man könnte meinen, mit den Jahren werde man sich selbst immer vertrauter und durchsichtiger; doch das Gegenteil ist der Fall. Hier ahnen wir etwas vom Geheimnis des Advents. Obwohl wir nicht über Anfänge hinauskommen, kommt ein immer größer werdendes Geheimnis auf uns zu. Wenn man also sagt, unser ganzes Leben sei ein Advent, so zeigt sich hier der Grund: In jedem Ende schenkt uns Gott in Wirklichkeit einen neuen Anfang und mit ihm die Einladung zu einem intensiveren Leben. Lassen wir uns also ein auf den Advent unseres Lebens!
Aber bevor der neue Anfang geschieht, ereignet sich noch etwas Schreckliches. Wir haben es im Evangelium gehört. Da ist doch die Rede von einer gewaltigen Naturkatastrophe, ein Weltuntergangsszenario wird da heraufbeschworen. Aber selbst in dieser angsterfüllten Situation steckt ein neuer Anfang: „Wenn all das beginnt, dann erhebt eure Häupter und richtet euch auf, denn eure Erlösung naht.“
Aufschauen sollen wir, wie etwas Kleines zu etwas Großem aufschaut. Und da liegt ja wohl der Gedanke an ein Kind nahe. Das Kindlichste am Kind ist wohl sein Aufblick. Weil es so klein ist, muss es zwangsläufig nach oben schauen. So wird es empfänglich für das, was von oben kommt. Die kommende Erlösung ist also mit der Haltung des Kindes anzunehmen. Machen wir einen kurzen Blick auf Gott selbst: auch er wurde ein Kind, als ein Kind ist er uns zum ersten Mal begegnet, als ein Wehrloser, als ein Hilfsbedürftiger als ein Angewiesener kam er in dieser Welt. Bezeichnend ist ja auch die Erzählung im Neuen Testament wo es heißt: „Man brachte Kinder zu Jesus damit er ihnen die Hände auflegte. Als die Jünger das sahen, wiesen sie die Leute schroff ab. Jesus aber rief die Kinder zu sich und sagte: Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran. Denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich. Wahrlich das sage ich euch: Wer das reich Gotte nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“.
Das ist eine Art Schubumkehr. Von Kindern lernen! Natürlich nicht ihre Ungezogenheiten, aber ihre Grundhaltungen, ihr natürliches Vertrauen zu ihren Eltern, ihre Unvoreingenommenheit, ihre positive Lebenseinstellung, ihre Entdeckerfreudigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen. Und so ergeht wohl auch die Aufforderung an uns, das in den Tiefen unseres Herzens verschüttete Kind wieder zu beleben. Warum haben wohl die Jünger damals die Leute mir ihren Kindern so schroff abgewiesen? Weil sie das Kind in sich selbst nicht mehr zum Zuge kommen ließen; weil das Kind in ihnen erstarrt war; weil sie mit dem Kind in sich fertig waren. Daher auch ihre mangelnde Offenheit für das, was nur der Himmel geben kann.
Man muss also ein Kind werden, um zu können, wozu der Evangelist Lukas einlädt: „Richtet euch auf, und erhebt eure Häupter“. Darin sieht er den Anfang unserer Erlösung. Wer den kindlichen Aufblick zu seinem Wesensblick gemacht hat, der wird erlöst von der Anhänglichkeit an die Vergangenheit und von der Angst vor der Zukunft. Es wird ihm möglich sein, im Heute Gottes zu leben. Auf diese Weise werden, wie der Evangelist sagt, alle Rausch- oder Betäubungsmittel überflüssig.
Was das Ganze aber doch schwierig macht, ist der Umstand, dass wir jedes Jahr einen Neuanfang versucht haben, der mit der Erkenntnis geendet hat, dass wir doch die alten geblieben sind.
Da kam zu einem Weisen einst ein Mann, um sich bei ihm Rat zu holen. „Wie viele Gottesdienste habe ich in den Jahres meines Lebens bereits besucht“, sagte er, „wie viele Predigten habe ich gehört, wie viele fromme Bücher gelesen? Doch kaum etwas ist mir von allem geblieben, kaum etwas hat sich dadurch in meinem Leben geändert. Heute noch plagen mich dieselben Fehler, die ich schon vor zehn oder zwanzig Jahren machte. Was soll ich tun?“
Der Weise zeigte auf einen Korb und sagte ihm: „Nimm diesen Korb, geh damit zum Brunnen, füll ihn mit Wasser, und komme zu mir zurück.“ Der Mann tat es. Doch kaum hatte er den Brunnen verlassen, da war das geschöpfte Wasser bereits auf der Strecke geblieben. Der Weise schickte ihn ein zweites und ein drittes Mal. Doch das Ergebnis war das gleiche. Da sagte der Weise:
„Dreimal bist du mit dem Korb zum Brunnen gegangen. Er konnte das Wasser nicht festhalten. Doch indem das Wasser durch ihn hindurch ging, wurde er von seinem Schmutz gereinigt. Manches fiel von ihm ab. Dadurch ist er ansehnlicher und schöner geworden. Ähnlich ergeht es uns: Auch wir können das Wort Gottes, das wir hier und dort hören, nicht festhalten. Aber indem es durch uns hindurchgeht, wie das Wasser durch jenen Korb, reinigt es uns. So fällt manches von dem ab, was wir mit uns herumschleppen. Wir fühlen uns erleichtert, und das Leben erscheint uns unbeschwerter.“
Ja, das wollte ich ihnen mitgeben für ihren Weg durch den Advent, einen großen Gedanken an das Wesentliche, an die unausrottbare Hoffnung eines Kindes und dass es keine noch so große Katastrophe in unserem Leben geben kann, die nicht ihre Erlösung fände. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.12.2012: Unbefleckte Empfängnis Marias

Mariä Empfängnis
Lk 1, 26-38


Nach dem ersten vorweihnachtlichen Einkaufssamstag haben die Geschäftsleute zumindest teilweise gejubelt. Die Umsätze sind besser ausgefallen als ursprünglich angenommen. Das Weihnachtsgeschäft floriert, wenn auch viele kaum mehr wissen, was sie schenken sollen.
Ich vermute, dass mit Weihnachten ein Geschäft zu machen ist, solange dieses Fest unsere Sehnsucht nach einer heilen, oder zumindest heileren Welt anzusprechen vermag. Menschen möchten Geborgenheit erleben, Frieden, einander eine Freude bereiten. Wenigstens einen Augenblick lang soll die Welt in Ordnung sein.
Wenn wir uns aber in der Welt umsehen, wie sie uns von den Medien vermittelt wird, treffen wir auf vieles, was uns beunruhigt: Terrorakte, Terrorbekämpfung, Wirtschaftskrisen mit Streiks und umstrittene Sanierungsmaßnahmen, Konflikte zwischen den Völkern, religiös gefärbte Parteiungen und vieles mehr.
Und wir kommen zu dem Schluss: Unsere Welt ist nicht heil. Spätestens nach dem traurig berühmten 11. September und seine Folgen sind auch wir friedensgewohnten Europäer aufgewacht. Wir sind gezwungen worden, unsere Illusion von Wohlstand und Wirtschaftswachstum, die einmal alle Menschen erreichen und heilen werde, in Frage zu stellen.
Trotzdem: Die Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen in Frieden zusammen leben. Bleibt bestehen. Der Dezember mit seinen langen Nächten vermag die dunklen Seiten unseres Lebens zu verkörpern und weckt unsere Sehnsucht, dass diese auch überwunden werden können. Diese Jahreszeit verstärkt unseren Hunger nach einem Licht, das die Dunkelheiten unseres Lebens überwindet.
Das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens nimmt ähnlich wie der Advent diese Motive auf und bietet uns eine Antwort aus dem Blickwinkel des Glaubens.
In der Lesung haben wir einen Ausschnitt aus der Erzählung vom Sündenfall des Menschen gehört. Diese versucht auf ihre Weise die Frage nach der Herkunft des Bösen in der Schöpfung zu beantworten. Sie sieht die Wurzel alles Bösen im Misstrauen und in der Eigenmächtigkeit des Menschen gegenüber seinem Schöpfer und dass dieser Mensch sich anmaßt selber wie Gott sein zu wollen. Er geht seinen eigenen weg und muss schließlich erkennen, dass er letztendlich nackt und schutzlos dasteht.
Als Kind habe ich mich immer gewundert, dass ein einziger Apfel soviel Unheil auslösen konnte. Ich habe damals noch nicht verstanden, dass es um mehr geht als um einen materiellen Schaden. Die Überlieferung der jüdisch-christlichen Religion weiß, dass wir Menschen neben der Frage nach der persönlichen Schuld noch viel tiefer in Zusammenhänge von Sünde und Schuld verstrickt sind. Diese kommen in der Erzählung zum Ausdruck. Wenn etwas verkehrt läuft oder wenn sich ein Unglück ereignet, sind wir gewohnt zu fragen, wer oder was daran schuld war. Wenn die Schuld bei einem Menschen liegt wird er dafür zur Verantwortung gezogen. Es gibt aber auch Schuld, die sich nicht restlos und klar auflösen lässt. Wenn etwa eine größere Personen Gruppe darin verwickelt ist, sprechen wir von Kollektivschuld oder von schuldhaften Strukturen.
Im religiösen Bereich sprechen wir auch von Erbschuld. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass jeder Mensch in eine Situation hineingeboren wird und unter Umständen aufwächst, die bereits mit Schuld vorbelastet ist. Neben der Rede von der Erbschuld gibt es auch noch den begriff der Erbsünde. Er meint eine vorgegebene Gottferne des Menschen, die nur von Gott selbst überwunden werden kann.
Maria ist von allem Anfang ihres Lebens an aus diesem Zusammenhang von Schuld und Sünde herausgenommen, lautet das Geheimnis des heutigen Festes. Vom Anfang an sei sie vom Bösen unbeinträchtigt geblieben. Es ist müßig, für diese Glaubensüberzeugung eine historischen oder gar naturwissenschaftlichen beweis zu suchen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
In dieser Überlieferung – sie ist um viele Jahrhunderte älter als die dogmatische Deklaration des Glaubenssatzes am 8. Dezember 1854 – drückt sich die Hoffnung aus, dass wir Menschen den Zusammenhängen des Bösen und der Schuldhaftigkeit nicht rettungslos ausgeliefert sind. Gott selbst wird das Böse überwinden. Er bringt Licht in die dunklen Seiten unseres Lebens. Jesus Christus ist das Licht, das unser Dasein erleuchtet. Wir leben zwar nicht in einer heilen Welt, aber Gott wird die Welt heilen.
An der menschlichen Gestalt Mariens sehen wir, ähnlich wie an der menschlichen Gestalt Jesu von Nazareth, wie ein Mensch aussieht, der nicht in die Zusammenhänge von Schuld und Sünde verwickelt ist. Beide sind nach außen hin Menschen wie wir auch. Was sie von uns unterscheidet, ist ihre persönliche Nähe zu Gott und die hohe menschliche Integrität, die von dieser Gottesnähe ausgeht.
Und so feiern wir Maria als einen Menschen, der ganz von der Liebe Gottes ergriffen wurde. Und wenn wir feiern, was Gott an Maria getan hat, dann bekennen wir: Er kann auch an uns so handeln. So wie er mit Maria einen einmaligen und unverwechselbaren Plan hatte, so hat er auch jedem von uns seine persönliche Lebensaufgabe zugedacht, einmalig und unverwechselbar. Und er hat uns das nötige Rüstzeug mitgegeben, die nötigen Talente und Fähigkeiten. Sie gilt es zu erkennen. Es ist unsere Lebensaufgabe, unsere Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten. Und das ist ein Geschehen, das das ganze Leben hindurch andauert. Selbst noch im Alter muss der Mensch immer wieder seinen Platz finden, wenn er plötzlich merkt, dass es zwickt und zwackt, dass Ohren und Beine nicht mehr so gehorchen wie vor dreißig Jahren; wenn er auch erfahren muss: Ich kann nicht mehr alles, die Kraft wird weniger, ich muss mich einschränken. Auch da gilt es noch zu erkennen: Womit kann ich noch meinen Mitmenschen dienen, was ist mein Platz, was hat ER für mich geplant.
Nehmen wir von diesem Fest mit nach Hause, dass auch wir Begnadete sind. Und wenn wir fragen: Was ist Gnade? Kardinal Joseph Ratzinger gibt uns eine schöne Antwort:
„Gnade ist Angeschautsein von Gott, unser Berührtwerden von seiner Liebe. Und Maria ist die, die sich furchtlos, demütig und glaubend in diesen Blick hineingestellt hat, so dass er der Weg ihres Lebens wurde. Sie redet uns an diesem Tag an und gibt dem Fest so seinen wahren Gehalt. Sie sagt uns: Lass dich anschauen von Gott. Du brauchst nicht Angst zu haben, dass es ihn vielleicht gar nicht gibt oder dass er zumindest zu weit weg ist von uns und in diese Welt weder hereinschauen kann noch will. Trau ihm! Lass dich anschauen, denn er ist da. Er sieht dich an, und wenn du dich in seinen Blick hineinstellst, dann rührt es dich an, und dann erkennst du ihn, und dann wirst du ihm folgen….zum andern fürchten wir: Wenn er mich wirklich anschaut, dann wird er mir vielleicht auch meine kleinen Freiheiten wegnehmen; es könnte gefährlich sein, unter seinem Blick zu stehen. Wir erinnern uns wie Adam plötzlich nicht mehr von ihm angeschaut werden will, weil er Gott nicht mehr als Freund, sondern als Konkurrenten ansieht…..Maria aber sagt uns: Hab keine Angst! Fürchte dich nicht, dass er dein Leben eingeengt, dass das fröhliche und Schöne daraus zerstört werden könne, wenn er dich sieht. Lass die anschauen von ihm. Gerade dann, nur dann, wird dein Leben recht, weil Liebe nicht nur anschaut, sondern anrührt und in dir selbst schöpferisch wirkt und dich Liebe, dich die Schönheit der Welt, die Wahrheit Gottes auch in den leidenden Menschen entdecken lässt.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.12.2012: 2. Adventsonntag

2. Adventsonntag
Lk 3 1-6

Lukas bietet uns für den Auftritt Johannes des Täufers eine großartige Kulisse. Tiberius, Pilatus, Herodes, Philippus und Lysanias werden zitiert, die großen Köpfe der damaligen Politik. Sie bilden den Hintergrund für Johannes den Täufer, der an die Gegend des Jordan zieht und dort überall Umkehr predigt und die Taufe zur Vergebung der Sünden. Es ist die große Geschichte mit glanzvollen Namen und Titeln, die zur Staffage, zum Bühnenbild für das wird, was Lukas erzählt. Er zeigt, was wirklich große Geschichte ist.
„Da erging das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“
Bleiben wir in der Wüste. Sie ist ein besonderer Ort. Viele Geschichten erzählen von ihr. Weit ab vom alltäglichen leben begegnen sich Menschen selbst, halten die Einöde aus, entdecken Perspektiven für ihr Leben. Sie gewinnen Abstand. Sie sind mit ihren Erfahrungen allein. Sie fangen an, ihr Leben abzuwägen, ilanz zu ziehen. Nichts stört sie. Nichts lenkt sie ab. Aber es gibt auch keine Möglichkeit, die Flucht anzutreten. Die Wüste lässt sich nur ganz auskosten.
Johannes ist in der Wüste. In der Wüste hört er den Ruf Gottes. Er wird als Prophet berufen. Das ist jetzt sein Weg, sein Auftrag. Was ihn bewegt, in die Wüste zu gehen? Lukas gewährt uns keinen Blick in seine Seele. Nur dass er der Sohn des Zacharias ist, sagt er. Sohn eines alten Priesters, der mit seiner hochbetagten Frau, Elisabeth, den Vorläufer des Messias in das Leben begleitet. Lukas erzählt: Es ergeht das Wort Gottes an Johannes. Alles, was ab jetzt zu sagen ist, steht unter dieser Voraussetzung. Gott selbst kommt zu Wort, wenn Johannes Menschen zur Umkehr ruft, wenn er die Taufe zur Vergebung verkündigt, wenn er Menschen tauft.
Viele Menschen ziehen an den Jordan. Werden förmlich angezogen. Dabei ist die Botschaft, umzukehren, sich taufen zu lasen, neu anzufangen, weder spektakulär noch liegt sie in der Luft. Was sich so trocken und dürr anhört - wie die Wüste – stellt den einzigen Ausweg dar, das Leben zu gewinnen. Ein Leben, das vor Gott bestehen kann – und auch vor Menschen gut ist und gut tut.
Auch heute gehen Menschen in die Wüste. Meist sind es Touristen, die für einige Tage einen Wüstentrip machen und dann wieder in ihr Hotel zurückkehren. Sie haben nichts vom Geheimnis der Wüste mitbekommen außer den Bildern von ihren Kameras. Aber es gibt auch Menschen, die mit einer anderen Intention in die Wüste gehen. Es sind dies Menschen, die Wege suchen auf denen sie anders werden können. Sie nehmen die Wüste bewusst in ihre Lebensplanung auf. Sie wollen Zeit für sich gewinnen, Zeit, Unwichtiges vom Wichtigen zu trennen, ins Reine zu kommen mit sich und den anderen Menschen. Sie wollen falsche Bindungen loswerden, sie wollen frei werden. Gerade der Ort, der gemeinhin keine Wege hat - die Wüste - hilft, Wege zu entdecken. Denn die Wüste hat keine ausgetretenen Pfade, keine Sackgassen, keine Verbotsschilder. Es ist die Wüste, in der das Wort Gottes ergeht: als ein Ort, an dem es nur Gott gibt – und die Dämonen in der eigenen Seele. Die Wüste des eigenen Lebens auszuhalten, darauf käme es an. Denn auch unsere menschlichen Wüsten wie sie auch immer heißen mögen bieten einen Angriffspunkt für Gott, um unsere Seele im guten Sinn erschüttern zu können, um in unsere Leere hinein sein Wort zu sprechen, um in unsere Oft so schmerzenden Wunden sein heilsames Öl zu gießen, um in unserem Zweifeln ein Licht aufleuchten zu lassen.
Über Dämonen reden wir nicht mehr. Aber viele Menschen haben sie schon kennen gelernt und sind in ihren Bann geraten: Dämonen heißen: Angst und Resignation, Hass und Vorurteil, Rache und Neid. Sie legen sich wie Schlingen um den Hals eines Menschen, fesseln die Füße, ziehen die Sinne zusammen. Wer von ihnen besetzt ist, wird von ihnen nackt ausgezogen und getrieben. Dämonen sind Wegelagerer und Lebensdiebe.
Aus der Wüste kommt der Ruf: Kehrt um! Und das ist ein Ruf, der aus dem Bannkreis der Dämonen hinausführt und einen Weg frei macht, ohne dass die Wegelagerer weiter ihr Unwesen treiben mit Hass, Angst und Verzagtheit. Es ist ein guter Weg, der uns vor die Augen kommt, wenn wir umkehren. Vertrauen überwindet die Angst. Hoffnung nimmt es mit der Verzagtheit auf. Und Liebe – um in diesem schönen Dreiklang zu bleiben – macht dem Hass ein Ende. Paulus spricht von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, in die wir geführt werden. Das verbirgt sich in dem kleinen Satz, der eine große Geschichte erzählt: „Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden.“
Die Adventszeit, eigentlich eine Bußzeit, ist zu einer lauten und hektischen Zeit heruntergekommen. Dabei ist es hilfreich, nachdenklich zu werden und sich zu fragen: Was besetzt mich? Was hält mich gefangen? Was steht zwischen uns Menschen?
Wir wollen Lukas noch einmal auf die Finger sehen! Er kennt die Geschichte Gottes mit den Menschen gut. In seinem Evangelium gibt er Jesaja das Wort. Es ist das Wort eines Gastes, der aus reicher Erfahrung zu uns spricht: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden. Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt.“
Als Jesaja das sagt, war Israel in der Verbannung in Babylon und total unterdrückt. Jesaja erzählt von einem freien Weg, von einem weiten Blick und vom Kommen Gottes. Alle Menschen werden das Heil sehen, das er mitbringt! Das ist eine bemerkenswerte Pointe. Lukas weiß warum der Jesaja das letzte Wort lässt: Denn Gott selbst kehrt um! Er hält das harte Urteil, das er über die Menschen, über sein Volk gesprochen hat, nicht aufrecht. War sein erstes Wort Liebe, so soll es auch sein letztes sein. Die Welt soll heil werden: ohne zerrissen zu sein, Zweifel zu säen, Angst zu machen. Das bringt Gott mit. Ohne Vorbehalt. Er kommt!

P. Paul Mühlberger SJ

16.12.2012: 3. Adventsonntag

3. Adventsonntag
Phil 4,4-7
Lk 3,10-18


Die Geburt eines Kindes ist in der Regel ein freudiges Ereignis. Zwar verbindet sich mit jeder Geburt auch ein wenig Angst wegen der Ungewissheit, was aus diesem Kind einmal werden wird; doch die Grundstimmung der Freude kann dadurch nicht gelöscht werden. Das erlebt man immer wieder in der Begegnung mit vielen jungen Müttern und Vätern. Schon die Erwartung der Geburt erfüllte ihre Gedanken und ihre Gespräche, ja fast alle ihre täglichen Handgriffe mit Freude.
Ich sage dies im Hinblick auf das Geburtsfest Jesu, das wir in einer Woche feiern. Ist auch dieses Fest für uns ein freudiges Ereignis? Diese Frage lässt mich unwillkürlich an eine bestimmte Stelle in einem der Romane des russischen Dichters Dostojewski denken. Dort heißt es: „Es war schon dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert. Wie viele verdrossene Gesichter unter den einfachen Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle vereinender Gedanke.“
Obwohl sich diese Beobachtung auf ein ganz anderes Land, auf eine ganz andere Zeit mit ganz anderen Menschen und auf eine ganz andere Situation beziehen, umschreiben sie in treffender Weise auch unsere vorweihnachtlichen Verhaltensweisen. Wie wenig spiegeln sich auf unseren Gesichtern die hellen Lichterketten und die angestrahlten Schaufenster wider! Wie selten sehen wir ein Lachen oder ein Lächeln selbst bei denen, die mit voll gepackten Taschen heimeilen! Das trifft keineswegs nur für die einfachen Leute zu.
Warum ist das so? Vielleicht dürfen wir darauf antworten: Weil der Inhalt der gefüllten Taschen die trüben Sorgen nicht aus unseren Gesichtern vertreiben kann. Noch tiefer greift die Vermutung: In der ganzen Menge gibt es keinen gemeinsamen, alle verbindenden Gedanken. Mit anderen Worten: In all unseren weihnachtlichen Bemühungen ist uns der gemeinsame, alle vereinende Gedanke verloren gegangen – der Gedanke an das freudige Ereignis der Menschwerdung Gottes.
Wie sehr dies zutrifft, zeigt uns der Hinweis, den nicht wenige Eltern ihren Kindern geben: „Wenn du nicht brav bist, dann kommt das Christkind nicht zu dir.“ Dabei bemerken sie nicht, wie sehr sie mit dieser Pädagogik das Geheimnis von Weihnachten missbrauchen und verfremden. Ist denn Gott Mensch geworden, weil wir so brav sind und bei uns alles in Ordnung ist? Gewiss nicht; denn der Grund für Gottes Menschwerdung ist alles andere als die Belohnung für unser Wohlverhalten. Vielmehr trifft das Gegenteil zu! Er wurde Mensch, weil wir alle Sünder sind, weil uns Elend, Not und Schuld gefangen halten. Gerade weil bei uns nichts in Ordnung ist, wurde er Mensch, um uns in all dem, was uns bedrückt und belastet, nicht allein zu lassen. Er wurde Mensch um uns aus diesem Tal der Tränen herauszuführen und uns zu zeigen, was menschenmöglich ist, wenn man sich von ihm an die Hand nehmen lässt. Das ist der weihnachtliche Gedanke Gottes; er ist der tiefste Grund unserer Freude auf dem Weg zum bevorstehenden Fest.
Wie tief diese Freude das menschliche Herz erfüllen kann, zeigt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi. Als Paulus diesen Brief im Jahre 58 von Rom aus schrieb, saß er bereits vier Jahre im Gefängnis und sah mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit seinem Tod entgegen. Die Philipper dagegen standen noch am Anfang ihres Weges als Christen, und dunkle Tage, Gefahren und Verfolgungen lagen unausweichlich auch vor ihnen. Dennoch schrieb ihnen Paulus: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts“.
Die Freude, die Paulus hier meint, ist also alles andere als ein enthusiastischer Jubel. Sie ist keine Hochstimmung, kein seliges Gefühl, in dem man die ganze Welt umarmen möchte; denn ein solches Gefühl vergeht so schnell wie der Gegenstand, an dem man sich freut.
Die Freude, zu der uns Paulus aufruft, ist anderer Art. Es ist eine Freude, die die Augen nicht vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod und dem Zerfall verschließt. Diese Freude übersieht auch diejenigen nicht, die sich heute nicht satt essen können. Zudem weiß sie um all diejenigen, die sich einsam und verlassen fühlen. Sie vergisst nicht jene, die ohne Hoffnung in unseren Krankenhäusern liegen. Dennoch bleibt sie sich bewusst, dass weder das persönliche Leid noch das ganze Elend der Welt ewig dauert; denn sie lebt aus dem unverbrüchlichen Glauben, dass der menschgewordene Gott in all das eingegangen ist, dass er es durchgelitten und überwunden hat, so dass der Tod nicht das letzte in unserem Leben ist. Daher betet die Kirche gerade in diesen Tagen: „Zeige uns den rechten Weg durch die vergängliche Welt, und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche.“
Dieser Blick auf das Unvergängliche schenkt uns mit der Freude eine innere Gelassenheit, die die eigenen Mühen zwar ernst, aber nicht zu ernst nimmt. Sie kennt das Elend, aber sie lässt sich von ihm nicht erdrücken. Sie spürt die Sorgen, aber sie lässt sich von ihnen nicht auffressen. Das mag ein wenig befremdlich klingen. Doch das Eigentümliche ist, dass Gott uns sagt, wir seien in jedem Fall für die Freude geschaffen. Wenn man die Freuden dieser Welt verlassen muss, dann nur, um größere zu finden. Das bestätigt eine kleine Notiz, die mir in einmal in die Augen fiel. Sie macht darauf aufmerksam, dass es in der Weltliteratur kein Buch gibt, in dem so viel wie in der Bibel von der Freude die Rede ist. 2800- mal komme sie darin vor. Sollte uns das nicht nachdenklich machen?
Weihnachten – ein freudiges Ereignis! Wir schenken, weil sich Gott geschenkt hat. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. Wir dürfen gelöst sein, weil Gott uns erlöst hat. Eine Freude, die nur im Gefühl besteht, lässt uns am Ende der Weihnachtstage sagen: „Schade, jetzt ist wieder alles vorbei!“ Die Freude aber, zu der uns Paulus aus dem Gefängnis heraus aufruft, bleibt, auch wenn die Weihnachtstage vergangen sind. Auch in den dunkelsten Stunden unseres Lebens will sie uns ermutigen und Tragen. Von dieser Freude sagt Jesus in seinen Abschiedsreden, dass nichts und niemand sie uns nehmen kann.
Einen Satz sollten wir uns aber noch einprägen und mitnehmen. Den Satz, wo Paulus sagt: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“. Freude kann auch weitergeschenkt werden. Und das ist ja unsere besondere Aufgabe als Christen, dass wir das weiterschenken, was Jesus uns gebracht hat, dass die Menschen, die uns begegnen, etwas von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren dürfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23.12.2012: 4. Adventsonntag

4. Adventsonntag

Das Christliche steht in unserer Welt nicht hoch im Kurs. Weihnachten aber hat Hochkonjunktur. Auch die, die nicht viel vom Christlichen wissen, möchten Weihnachten feiern. Einer hat gesagt: „Die meisten Menschen feiern Weihnachten, weil die meisten Menschen Weihnachten feiern.“
Es ist immer der Gleiche, was die Menschen in der vorweihnachtlichen Zeit in Bewegung bringt: Traditionspflege, Familiensinn, Festesfreude und sicherlich auch eine Spur religiöser Sehnsucht. Es soll nicht abgestritten werden, dass das Werte sind. Doch Advent und Weihnachten bedeuten mehr. Advent und Weihnachten haben mit dem lebendigen Gott zu tun.
Da gab es einmal in einer prächtigen Kirche zu Weihnachten eine riesige Panne. Beim feierlichen Einzug in die Kirche bemerkte der Kaplan, dass in der Krippe das Jesuskind fehlte. Es war in Reparatur gegeben und wahrscheinlich vom Küster nicht zurückgeholt worden. Man kann ja einmal etwas vergessen. Das ist bei allen Vorbereitungen zu Weihnachten kein Wunder. Der Kaplan flüsterte dem Pfarrer das Fehlen des göttlichen Kindes zu. Dieser, an liturgische Mißgeschicke gewöhnt, flüsterte zurück: „Gelassenheit, junger Mann! Vielleicht wird es niemand bemerken.“ Und tatsächlich: Es fiel keinem Kirchgänger auf. Als am nächsten Tag die Kinder zur Krippe kamen, hatte der Küster es rechtzeitig besorgt. Den Kindern wäre das Fehlen vermutlich aufgefallen.
Auf einer Karte aus Amerika stand da der sinnvolle Spruch:“ Bring Christ back to Christmas“ Wie war dieser Spruch geworden ist. Es geht auch darum Christus in unsere Zeit hereinzuholen, den Sohn Gottes, dem es darum ging bei seiner Menschwerdung, unter uns gegenwärtig sein zu können.
Geben wir diesem Sohn Gottes wieder eine Chance! Unsere Zeit ist nicht einfach. Und wir geraten in Gefahr, Gott und Welt auseinander zu dividieren. Und das sollte eigentlich nicht sein. Sehen wir sie einmal an, die Welt in der wir leben: Denken sie an die Naturkatastrophen, die Überschwemmungen in der Mitte des Jahres, wo so viele Menschen ihren ganzen Besitz verloren haben, denken sie an die brutalen Terroranschläge in Spanien, Nordirland, Israel und Ägypten, denken sie an die ständig wachsende Gewalt im öffentlichen und privaten Leben einer Gesellschaft, in der menschliches Leben immer weniger gilt. Denken sie an die vielen Entführungen und Mordanschläge, an die zerbrechenden Familienbande, Abtreibungen, an Kindermißbrauch und steigende Jugendkriminalität. Das alles trägt nicht dazu bei, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen.
So verlieren manche Menschen auch einiges an Hoffnung, wenn sie in unsere Kirche hineinschauen. Es ist da so einiges in Bewegung geraten. Und manche Menschen fragen sich, ob man sich dieser Kirche noch weiter anvertrauen kann, wenn sie selber scheinbar so unsicher ist. Jedoch, die Kirche ist kein Trachtenverein, wo über alle Zeiten hinweg die gleichen Trachten getragen, die gleichen Lieder gesungen werden. Kirche muß heute in den Auseinandersetzung unserer Zeit Position beziehen. Kirche muß auf dem weg bleiben, suchend und nachdenkend, und die verschiedenen Gruppen in der Kirche müssen fähig werden miteinander in Demut zu reden und dürfen sich nicht gegenseitig an die Wand drängen. Und es ist gerade das ein Zeichen von Lebendigkeit, wenn Stimmen des Suchens und des Nachdenkens laut werden. Dass manches Wort zu hart ist und manche Meinung zu einseitig, das mag vorkommen. Aber es ist wie mit einer Suppe: sie ist nicht deshalb schlecht, weil sie zu heiß ist. Lassen wir sie ein wenig abkühlen, dann wird sie genießbar.
Ja, aber wer bringt nun wirklich das Christkind in unsere Welt hinein, wer macht denn Christus sichtbar in unserer unruhigen Zeit? Da gibt es im heutigen Evangelium die Geschichte von Elisabeth und Maria. Diese beiden Frauen sind Partnerinnen Gottes. Beide tragen Boten des Heiles in ihrem Leib: Johannes und Jesus. Beide riskieren mit ihrem antwortenden Ja viel, ja ihr ganzes Leben. Aber so ist das eben in einer Liebesgeschichte. Unter diesem Preis gibt es keine Liebe. Darauf wartet Gott. Er will nicht Marionetten seiner Macht, sondern Partner seiner Liebe. Johannes, der Wegbereiter, Jesus, der Weg selbst, die Wahrheit und das Leben. Es ist doch eigentlich seltsam, dass in all den Auseinandersetzungen unserer Tage der Name Jesus kaum auftaucht. Er hat uns doch den Weg gezeigt und er hat uns keine kleinlichen Vorschriften gegeben, kein Rezept, das ein für allemal und für jede Zeit Gültigkeit hätte. Er hat uns ein einfaches Gebot gegeben: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst und liebe Gott. Das ist alles! Und nun müssen wir eben selber dazusehen, wie wir diesen Jesus wieder in die Krippe unserer Alltäglichkeiten hineinbekommen. Nun müssen wir auch eine Bestandsaufnahme machen, welche Wünsche wohl die Menschen für Weihnachten haben. Ein Test also! Die Menschen investieren so allerhand zu Weihnachten und mancher stürzt sich in Schulden. Was soll es also sein, was macht Weihnachten aus? Sollen die Weihnachtsmänner jünger oder älter sein? Soll es auch Weihnachtsfrauen geben? Und die Engel? Weiß oder rosarot? Und die Kerzen? Glatt oder gedreht. Engel scheinen kein Problem zu sein. Einerseits sind sie vom aufgeklärten Publikum als religiöses Phantom belächelt, andererseits von der Esoterik-Welle neuerdings verlangt und begrüßt. Tannen-beziehungsweise Fichtenreisig scheint da unproblematisch. Meint zumindest der Laie. Doch: Soll es wirklich grün sein, grün wie die Hoffnung und der Umweltschutz? Oder silbern oder golden, den Luxus des Festes assoziierend? Keine einfache Frage. Auch Glocken sollen und müssen sein, denn ohne Gebimmel wirkt die Optik stumm. Und wie soll der Weihnachtsmann kommen? Im herkömmlichen Schlitten oder nicht besser mit dem Auto. Das Auto würde einen leichten Frust erzeugen, weil man an die unerfreuliche Parkplatzsuche denkt, der Schlitten könnte eher zum Einkauf von Wintersportartikeln animieren.
Ja, aber natürlich! Was ist mit der Krippe. Einerseits die zentrale Wahrheit, andererseits ein konservatives Signal. Jesus, Maria und Josef im gestanzten Dutzend oder als barocke Kostbarkeiten? Hirten, Schafe, Könige? Sterne, glänzend oder elektrisch illuminiert?
Diese Überlegungen eines Standlbesitzers regen zum schmunzeln an, aber das Schmunzeln sollte uns eigentlich sehr schnell vergehen, wenn wir bedenken, was wir aus dem Weihnachtsfest gemacht haben, aus der harten Realität des Kommens Gottes zu uns. Kaum ein Gedanke, wie wir durch unser Leben ein wenig sichtbar machen könnten, das Gott gekommen ist. Aber der Obdachlose wird weiterhin auf den Kirchenstufen sitzen und abgespeist werden mit einigen Schillingen. Und was ist mit den vielen Armen, die nicht betteln, denen aber dennoch so vieles im Leben fehlt, ein kleines Gespräch, eine Aufmerksamkeit, ein wenig Zuwendung.
Da gab es einmal in einer Schule ein Weihnachtspiel. Der Text war perfekt, die Kinder hatten ihn gut auswendig gelernt. Aber das Stück nahm plötzlich eine unerwartete Wendung. Und das geschah bei der Herbergsuche. Maria und Josef klopften an die Tür. Der Wirt öffnete - und zum Staunen aller Zuseher ließ er die Hl. Familie sofort eintreten und bot ihnen für die Geburt des Kindes ein warmes Zimmer an.
Diese Wendung waren die Leute nicht gewohnt. Und das Weihnachtsspiel fand ein jähes Ende.
Wie wäre es, wenn wir auch dem heurigen Weihnachten eine andere Wendung geben würden? Wie wäre es, wenn wir die Krippe nicht zudenken würden mit all den kostbaren Geschenken? Wie wäre es, wenn wir die Krippe ansehen würden als die Wirklichkeit unserer Welt. Wir müßten die Krippe als eine Aufforderung begreifen, dass Gott sein Kommen von uns fortgesetzt wissen möchte in unserem Alltag. Dann könnte Weihnachten etwas länger dauern als bis zum Abräumen des Christbaums. Dann würden wir dieses Jesuskind nicht länger nur ausnützen zum Ankurbeln unserer Geschäfte, sondern dieses Kind würde hinweisen auf unsere Aufgaben in unserer Welt, zum, Sichtbarmachen dessen, was vor 2010 Jahren geschah und was auch heute sich noch ereignen könnte, dass Gottes Sohn wieder eine Krippe bekommt in unserer Welt. Amen.

24.12.2012: Christmette

Christmette

Sie kennen sicher das schöne Gedicht von Josef Eichendorff. Ich darf es ihnen vorlesen:

Markt und Straßen steh´n verlassen
Stille erleuchtet jedes Haus;
Sinnend geh´ ich durch die Gassen,
alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
tausend Kindlein steh´n und schauen,
sind so wundervoll beglückt.

Und ich wand´re aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil´ges Schauern,
wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen;
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt´s wie wunderbares Singen:
O du gnadenreiche Zeit.


Und heute?

Markt und Straßen sind verstopft
Grell erleuchtet jedes Haus.
Laut der Motorkolben klopft,
stille Zeit, was wurde d´raus!

Aus den Fenstern Werbung lacht,
buntes Spielzeug, frech geschmückt.
Oh du stille, heilige Nacht
Machst die ganze Welt verrückt!

Möchte fliehen aus den Mauern.
Ach, wo ist das freie Feld?
Feuchter Smog lässt mich erschauern.
Fauler Atem dieser Welt!

Müde leuchten mir die Sterne
Aus der ew´gen Einsamkeit
Nur ein Kind singt in der Ferne:
Oh, du gnadenreiche Zeit“




Wir haben das Weihnachtsfest noch nicht abgeschafft. Es ist noch fest in unserem Brauchtum verwurzelt. Wir lieben dieses Weihnachtsfest und wir können uns oft nicht erklären warum? Vielleicht sind es Erinnerungen an die Kindheit, wo wir an den stillen dunklen Abenden mit den Eltern und Geschwistern zusammensaßen beim Schein einer Kerze und dem Duft von Bratäpfeln, voller Erwartung. Vielleicht sind wir auch hin und wieder zeitig am Morgen in die Roratemesse gegangen und haben auf die alten Texte gelauscht, die von Erlösung und Rettung sprachen.
Wie dem auch sei, wir haben eine starke Bindung an dieses Fest. Und wir haben die dunkle Nacht hell gemacht mit einer Fülle elektrischer Glühbirnen. Und das Neuste: wir schmücken die Häuser mit Lichtgirlanden. Unsere Seelen erheitern wir mit einigen Gläsern Punsch. Vielleicht sind wir am Heiligen Abend auch gar nicht zu Hause, sondern in irgendeinem überfüllten Hotel auf Skiurlaub.
Können wir uns vorstellen, dass es zu Weihnachten einmal keine Geschenke gibt, keine festlich erleuchteten Straßen, keinen geschmückten Weihnachtsbau und keine Lichterketten, sondern nur eine kleine Krippe mit dem Jesuskind drinnen? Nein, das können wir uns nicht vorstellen. Das wäre kein richtiges Weihnachten – so meinen viele.
Und doch ist das der Kern des Weihnachtsfestes: dieses arme, kleine, frierende Kind im Futtertrog. Dieses Kind, das kein gewöhnliches Kind ist, sondern Gott selbst. So hat Gott seine Liebe zu uns gezeigt! Und wenn wir uns zu Weihnachten beschenken, dann nur aus dem Grund, weil Gott uns so einmalig beschenkt hat.
„Gott wird ein Menschenkind, Gott wird einer von uns“. Diese Sätze hat man uns so eingebläut, dass es uns gar nicht mehr zum Bewusstsein kommt, was Gott da eigentlich wirklich getan hat. Man wäre fast versucht zu sagen, Gott wäre da etwas Verrücktes eingefallen. Verstehen sie den Ausdruck richtig: „Verrückt“ als etwas, mit dem niemand gerechnet hat, etwas, das nicht in den gewöhnlichen Rahmen passt, etwas das unseren Glauben herausfordert. Kurz gesagt: Gott hat sich da auf ein gefährliches Terrain begeben, denn er musste damit rechnen, dass die Menschen mit dieser Tatsache nicht zu Recht kommen. Die Menschen, die in ihrer kleinen Perspektive einfassen, was geht und was nicht geht, was in den Rahmen passt und was aus dem Rahmen herausfällt.
Das begann ja alles schon bei der Verkündigung. Da kam der Engel, der Bote des Allmächtigen und kündete diese unaussprechliche Botschaft, der Maria mit dem kleinen aber bestimmten Wörtchen „Ja“ antwortet. Und dann kam alles ins Rollen. Feierlich beschreibt der Evangelist Lukas die Begebenheit.
Warum tut Gott so etwas? Warum liegt ihm so sehr an den Menschen, die doch durch die ganze Geschichte hindurch immer wieder bemüht waren Gott in seinem Himmel zu lassen. Sie wollten von ihm nicht gestört werden in ihrem oft so dümmlichen und zerstörenden Tun. Warum tut Gott so etwas, wo er doch die Menschen und ihre ganze Verehrung nicht braucht, wo er nicht auf sie angewiesen ist in seiner beglückenden Seligkeit?
Es ist ganz einfach zu beantworten: Er liebt uns. Er liebt uns, weil er uns bei der Schöpfung das eingehaucht hat, was wir Seele nennen – und das ist sein eigenes Leben, jener Atem Gottes, der uns unsterblich macht. Und was zu ihm gehört, das muss seiner Liebe wert sein, das kann er nicht untergehen lassen, zu dem muss er stehen.
Begreifen wir, dass wir dieses Geheimnis nicht mit unserem Verstand ergründen können und auch nicht mit unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen. Begreifen können wir es nur mit dem Herzen eines Kindes. Erinnern sie sich an den Satz, den Jesus gesprochen hat: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Das ist das Geheimnis. Die Kinder begreifen es. Und genau dieses Kindsein vor Gott haben wir als Erwachsene Menschen verlernt. Wir wollen etwas begreifen, das nicht begreifbar ist, wir wollen etwas verstehen, das unseren Verstand übersteigt.
Und so stehen wir als erwachsene Menschen vor der Krippe und wissen zunächst mit dem Geschehen nichts anzufangen. Und wenn wir länger davor stehen bleiben, dann werden wir merken: wir werden immer kleiner, wir wachsen immer mehr in dieses Kind hinein, dann streifen wir all das ab, was an Hochmut und Dünkel noch in unserer Seele wohnt und werden wie die Hirten, die in ihrer Armut wussten, was es bedeutet Gott in der Gestalt eines Kindes geschenkt zu bekommen.
Und dann kann es geschehen, dass auch wir wieder zu Menschen werden, zu Menschen, denen es klar wird, dass Gott der Grund und die Erklärung ihres Lebens ist, dass der Mensch kein Zufallsprodukt der Evolution ist, sondern dass von seinem allerersten Anfang in die Liebe Gottes hineingenommen ist.
Und dann drängt es uns nach einer Antwort. Wir können diese große Tat Gottes nicht einfach abhaken und zur Tagesordnung übergehen. Wir können nicht nach Weihnachten den Christbaum abräumen und die Krippe wieder in die Schachtel verpacken und so tun als ob nichts gewesen wäre. Wir müssen reagieren, wir sind zu einer Antwort verpflichtet!
Und die Antwort wird sein: dass wir diese Menschwerdung Gottes in unserer Welt bemerkbar machen. Paulus sagt einmal das geheimnisvolle Wort, wir sollten „Christus anziehen wie ein Gewand“, wir sollten ein „anderer Christus“ werden. Ich weiß, wenn ich das anspreche, dann wiederhole ich mich zum x-ten Mal. Aber es ist mir einfach zu wichtig, es ihnen mitzuteilen. Dieses göttliche Kind, dieser Jesus von Nazareth muss in uns lebendig bleiben. Die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, die er uns gekündet hat, die soll auch in unserem Leben sichtbar und spürbar werden für alle Menschen, denen wir begegnen. Christus wird wieder spürbar gegenwärtig durch einen jeden von uns! Und somit fällt auch der Vorwurf, den wir manchmal Gott machen, in dem wir sagen, er kümmere sich nicht um seine Welt, er müsste eingreifen, auf uns selber zurück. Wir sind als Christen in vielen Belangen lahm geworden, haben die Ausstrahlung verloren, haben unser Christsein versteckt wie ein Licht unter einem Scheffel, haben als Salz der Erde die Kraft verloren, die Welt, in der wir leben wieder schmackhaft zu machen.
Das könnten die Überlegungen sind für uns Menschen, die wir an der Krippe stehen und uns Gedanken machen über das Geschehen der Heiligen Nacht. Es ist allerdings zu befürchten, dass dieses Weihnachtsfest wieder genau so vorübergeht wie in den vergangenen Jahren. Aber es könnte auch geschehen, dass dieses Kind in der Krippe uns die Gnade schenkt, dass seine Botschaft der Liebe uns zutiefst ergreift und unserem Leben eine neue Richtung gibt. Amen.


P. Paul Mühlberger SJ

25.12.2012: Christmette Version a

Geburt Christi
Messe am Tag


Ist es ihnen auch schon aufgefallen, dass es in den Weihnachtserzählungen immer wieder um Menschen geht, die suchen. Da ist beispielsweise Maria. Sie sucht in einer unglaublichen Lebenssituation eine Antwort: „Wie soll das geschehen?“ Dann sucht sie ein Heim bei ihrer Verwandten Elisabeth. Aus diesem Grund sprechen wir in diesem Zusammenhang von „Heimsuchung“. Oder ich denke an Josef, diesen ehrlichen, guten und mutigen Mann. Er sucht einen Ausweg in einer für ihn verworrenen und undurchschaubaren Situation. Dann suchen sie beide, Maria und Josef, eine Herberge, einen Platz, wo sie bleiben können.
Nicht zu übersehen sind die Hirten, von denen es heißt: „Sie lagerten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde“. Wer Wache hält, der sucht Sicherheit, damit nichts Unvorhergesehenes passiert. Als es ihnen dann doch widerfuhr, da gingen sie dem Ereignis nach und fanden doch nur etwas ganz Normales, nämlich eine Mutter mit ihrem Kind.
Darüber hinaus erinnere ich sie an die drei Weise, die von weither nach Jerusalem gekommen waren und fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden“? Ja, selbst Herodes ist auf der Suche. Wenn er auch selbst nicht sucht, so lässt er doch die Gelehrten in den Büchern suchen und seine Henkersknechte von Haus zu Haus.
Nach diesen Hinweisen kann man sagen: Immer geht es um Menschen, die suchen. Ob das nicht auch unsere Situation ist? Sind nicht auch wir Menschen, die suchen? Ja, das Suchen gehört zum Wesen des Menschen. Wer nicht mehr sucht, ist am Ende. Wir suchen Liebe, Anerkennung, Erfolg und Glück. Wir alle suchen Antworten auf die vielen Fragen, die uns täglich bedrängen. Immer aber suchen wir, was WIR wollen. Dabei suchen wir zutiefst uns selbst.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch Gott selbst ein Suchender ist. Gerade durch seine Menschwerdung ist er zu einem Suchenden geworden. Aber er sucht nicht sich selbst, sondern er sucht uns. Ich suche, und Gott sucht. Zeit unseres Lebens sind wir Suchende aber auch zugleich von Gott Gesuchte. Das heißt aber doch: Ich brauche mich nur von ihm finden zu lassen. Aber wir betreiben wohl vor Gott immer ein merkwürdiges Versteckspiel. Aber wohinter verstecken wir uns? Manchmal hinter der Arbeit oder hinter der Hetze des Alltags, dann auch hinter unseren Zielen, Vorstellungen und Träumen. Warum verstecken wir uns? Haben wir etwa Angst vor uns selbst? Haben wir Angst, uns nackt, ohne Masken und ohne Rollen zu zeigen?
Diese Suche Gottes nach uns müsste uns nachdenklich machen? Was hat er davon, dass er uns sucht. Und wie sucht er uns? Nicht wie einen Verbrecher, dem Fallen gestellt werden, sondern er sucht uns, indem er sich mit uns auf die gleiche Stufe stellt. Ein Kind ist es, das uns sucht. Ein Kind, das uns nicht beschämen will mit unserer menschlichen Schwäche, ein Kind, das sich freut, wenn es den findet, dessen Hand es ergreifen möchte. So klein macht sich Gott, das ist das Wunderbare an diesem Fest. Da gibt es keine Angstmache, da gibt es keine Beschämung, da gibt es keine Vorwürfe, da gibt es einzig und allein, das Werben auch um unsere Liebe.
Und was erleben wir so, wenn wir vor der Krippe stehen und uns hineinnehmen lassen in das Geschehen der Heiligen Nacht? Wir beginnen unsere Hochmut und unsere Präpotenz abzulegen, wir werden selber klein wie dieses Kind und stehen plötzlich staunend vor dem größten Wunder Gottes. Und wir lassen uns ein in ein Gespräch mit diesem Kind, denn es ist klar, dass es uns nicht nur finden will, sondern dass es mit uns auch etwas vorhat. Es möchte uns Gott zeigen, Gott wie er ist, wie er sich uns Menschen zuneigt. Und diese Erkenntnis gilt es weiterzutragen, damit das Weihnachtsgeschehen lebendig bleibt.
Bleiben wir aber noch bei den Hirten. Was sie auszeichnet das war ihre Empfänglichkeit für eine Frohe Botschaft. Ihr Herz war nicht angefüllt mit all den Dingen, die in dieser Welt den Reichtum ausmachen. Ich Herz war frei und offen für dieses Kind, das der Erlöser der Welt war. Ja, wir sind zu selbstsicher geworden, haben unser Leben abgesichert nach allen Richtungen. Vieles ist für uns machbar geworden und was wir heute noch nicht können, das wird uns in wenigen Jahren gelingen. Aber für Gott haben wir keinen Platz mehr. Viele Menschen brauchen ihn nicht mehr. Sie meinen, keine Erlösung nötig zu haben und wissen nicht wie sehr sie gerade durch diese Haltung ihren Lebenssinn in Frage stellen.
Aber schauen wir auch auf Maria. Da wird von ihr in unserem Evangelium ein Satz gesagt, den zu überdenken sich lohnt: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ Und geschehen war vieles in ihrem Leben. Der Besuch des Engels mit seiner großen Botschaft, die Ratlosigkeit gegenüber ihrem Bräutigam, dem Hl. Josef, die Flucht nach Ägypten, das waren für Maria Geschehnisse, die sich nicht so leicht in ihr Leben einordnen ließen. Denken wir auch an das Heranwachsen ihres Sohnes in der Einfachheit und Bescheidenheit ihres kleinen Haushalts. 30 Jahre lang geschah nichts, was die Bedeutung ihres Sohnes unterstrich. Und während des öffentlichen Lebens Jesu nahm Maria die ständige Ablehnung ihres Sohnes gerade durch die führenden religiösen Behörden wahr. Bis zuletzt, da sie unter dem Kreuz Jesu stand passierten in ihrem Leben schwer verkraftbare Ereignisse, die ihren ganzen Glauben herausforderten.
Spricht das nicht auch uns an? Auch in unserem Leben gibt es so viel Unverständliches, so viel Unverdauliches, so vieles, das wir nicht so einfach einordnen können in unseren Alltag. Vieles haben wir uns in unserem Leben anders vorgestellt, als es dann tatsächlich eintraf. Und auch mit unserem Glauben tun wir uns nicht immer leicht. Wir kennen alle nur zu gut die vielen Dunkelheiten, die uns das Glauben manchmal sehr schwer machen. Wir müssen sehr oft umdenken, weil die Wege, die wir gehen wollen nicht immer auch die Wege Gottes sind.
Suchende sind wir, aber Suchende mit einer großen Verheißung. Glaubende sind wir aber in dem Bewusstsein, dass auch in unserem Leben für Gott „kein Ding unmöglich“ ist. Und Staunende sind wir, weil es in unserem Leben auch immer wieder dieses Licht gibt, das wir Trost nennen und Gnade, dieses Licht, das uns Gott immer wieder schenkt, um unseren Lebensweg zu erhellen.
Und dieses Licht kommt vom göttlichen Kind. Und je mehr wir uns ihm zuneigen, je mehr wir uns ein kindliches Herz erhalten, desto mehr werden wir empfänglich werden für die große Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, der in unseren Herzen seine Krippe hat. Amen.

25.12.2012: Abendmesse

Johannesprolog

Der Evangelist Johannes war als Schriftsteller das, was man heute gelegentlich eine „Edelfeder“ nennt. Mit dem Prolog zu seinem Evangelium hat er in die vordersten Ränge der Weltliteratur geschrieben. Er beherrscht die Sprache mit einer Eleganz, die seinesgleichen sucht. Er weiß mit Bildern umzugehen. Er spricht vom Wort, das Fleisch wird, und vom Licht, dessen Leuchten die Finsternis nicht annimmt. Merkwürdig. Wie kann ein Wort – etwas, das nur hörbar ist und sich im Gedächtnis festsetzt – Fleisch werden und damit sichtbar sein, angreifbar sein? Und wie kann ein Licht, auch wenn es noch so schwach ist, die Finsternis nicht wenigstens ein bißchen heller machen?
So zu reden, können sich nur Poeten erlauben. Und Johannes war ein Poet. Wenn wir Jahr für Jahr am Christtag den Prolog auf den liturgischen Gabentisch gelegt bekommen, dann funkelt aus dem reichen Schatz der Bibel gewiß einer der schönsten Steine. Wir tun gut daran, ihn wie ein wertvolles Geschenk vorsichtig in unsere Hände zu nehmen, innezuhalten und ihn mit stiller Freude ein wenig genauer zu betrachten.

Die Botschaft von Weihnachten:
Gottes Wort hat einen Namen und ein Gesicht

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Dieser Satz ist die zentrale Botschaft von Weihnachten. Er ist der Punkt, an dem die verschiedenen Gedanken des Johannes-Prologs wie Lichtachsen eines Edelsteines zusammentreffen. Das Wort. Damit ist Gottes Wort gemeint. Das Wort, mit dem Gott immer wieder Menschen angesprochen hat und anspricht. Das Wort, von dem die Menschen manchmal träumen, vor dem sie aber auch zusammenschrecken oder das sie überhören. Das erschütternde Wort und das sanfte Wort. Das Wort, das den Bedrückten Trost zuspricht und den Verzweifelten Mut. Das Wort, das in die Verantwortung ruft: Nimm deine Rolle in der Familie, im Beruf, in der Kirche und in der Gesellschaft ernst!
Dieses Wort ist Fleisch geworden. Es hat Menschengestalt angenommen. Es hat einen Namen und ein Gesicht bekommen: Jesus Christus. Seite um Seite wird in den Evangelien erzählt, wie Menschen in seinem Umkreis Heilung erfahren. Die Blinden sehen, die Tauben hören, die Aussätzigen werden rein. Wenn Menschen ihm begegnen, gehen sie getröstet weg. Wer mit ihm zusammentrifft, der faßt neuen Mut. Seite um Seite wird in den Evangelien aber auch berichtet, wie anspruchsvoll er ist. Wer ihm nachfolgt, der läßt die Netze liegen, mit denen er bisher versucht hat, seine Bedürfnisse zusammenzuhalten: den Reichtum, die schnelle Befriedigung, den Egoismus. „Gehe hin und sündige nicht mehr“, das sagt er nicht nur der ehebrüchigen Frau, nachdem er sie vor der Steinigung bewahrt hat, nein, das sagt er jedem, der es hören will.

Die Botschaft von Weihnachten:
Die Theorie hat Hand und Fuß bekommen

Aber kehren wir wieder zurück zu unserem Johannestext." Das Wort ist Fleisch geworden“, das heißt auch: Die Botschaft hat Hand und Fuß bekommen.- „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ „Wer teilt, der vervielfältigt!“ „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!“ Das sind von nun an nicht mehr tollkühne Rezepte von irgendwelchen Weltverbesserern. Christus selbst hat uns seine Botschaft vorgelebt, hat das, was er gesagt hat lebendig werden lassen.
Das Christentum ist nicht in erster Linie eine theoretische Lehre, sondern eine Anleitung zum leben. Ist dieses Wort Gottes in uns schon Fleisch geworden? Strahlt auch aus uns, die wir uns Christen nennen jene Güte und Menschenfreundlichkeit aus, von der die Texte der Heiligen Nacht künden?
So sehen 50 Prozent unserer Bevölkerung in Weihnachten ein fest des Schenkens und des Kaufens, 38 Prozent ein besonderes Fest für die Familie, nur 11 Prozent sehen in Weihnachten ein besinnlich-religiöses Fest.
Jene, die hinter all dem Kaufrausch, den Geschenkebergen, den teils schon sehr mechanisch ablaufenden Ritualen noch zu einer sehr persönlichen Weihnachtsfreude finden, gibt es natürlich auch noch, aber sie geraten zunehmend in die Minderheit. Die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes droht in lächerlichen Debatten, ob jemand an den Weihnachtsmann oder an das Christkind als Geschenkebringer „glaubt“ unterzugehen.
Und das ausgerechnet nach genau 2012 Jahren jener Zeitrechnung, die auf dem Anlass des Weihnachtsfestes beruht: der Geburt Jesu Christi.


Die Botschaft von Weihnachten:
Das Wort Gottes will leuchten

„Das Wort ist Fleisch geworden.“ Und: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ Wir könnten diese beiden Aussagen des Johannesprologs zusammenfassen zu dem Satz: „Das Wort will leuchten.“ Das Wort Gottes, das in die Welt kommt, es ist nicht wie ein Buch, das im Regal allmählich verstaubt. Es ist auch nicht wie eine Homepage, die man ansurft, wenn es einem nützlich erscheint oder wenn einen gerade einmal die Langeweile plagt. Das Wort, das in die Welt gekommen ist will leuchten, es will den Menschen zu Herzen gehen, sie betroffen machen und sie tief verwandeln. Hier spricht Johannes etwas an, was Jahrhunderte später der Mystiker Angelus Silesius sehr markant formuliert hat: „Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren – und nicht in dir, du bliebest doch verloren.“
Das Wort Gottes möchte uns tief durchdringen. Als Licht möchte es bis in die letzten Winkel unseres Herzens leuchten, dorthin, wo wir normalerweise ganz bei uns sind, wo uns manchmal der Neid auffrißt, wo dunkle Ängste abgelagert sind, wo die Sorgen wie Mühlsteine mahlen. Das Wort Gottes möchte aber auch dahin kommen, wo insgeheim Hoffnungen blühen und Träume kultiviert werden. Das Wort Gottes möchte unser ganz konkretes Menschsein ansprechen, möchte uns da erreichen wo wir sind und möchte durch uns hörbar werden, und das trotz oder gerade wegen unserer bescheidenen Möglichkeiten.

Vielleicht sollten wir einmal die Hirten aus unseren Krippen herausnehmen und uns selbst an ihre Stelle stellen. Was würden wir diesem Kind sagen? Was könnte dieses Kind uns sagen? – Wir wissen es, wir haben es schwarz auf weiß in unserer Bibel stehen! Ob es aber auch lebendig wird? Das liegt an uns. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

30.12.2012: Fest der Hl. Familie

Fest der Hl. Familie
Lk 2, 41-52


Wer hätte gedacht, dass es auch in der Hl. Familie Probleme geben könnte? Obwohl uns die Evangelien eher spärliche Informationen über das Leben von Jesus, seiner Mutter Maria und seinem Pflegevater Josef in Nazaret vermitteln, haben wir, wenn wir an diese familiäre Gemeinschaft denken, meistens ein idyllisches Bild vor Augen. Wir stellen uns vor, dass in der Hl. Familie immer Freude und Frieden herrschten und dass ihr Leben zwar nicht ohne Sorgen und gröbere Probleme ablief. Doch zeigt uns gerade das heutige Evangelium, dass es auch im Leben der Hl. Familie Schwierigkeiten gab. Wir hören von einer Episode, die uns nicht nur die Weisheit und Gottessohnschaft Jesu offenbart, sondern auch manches über die Erfahrungen und Empfindungen seiner irdischen Eltern berichtet.
Die Familie von Nazareth – ein Idyll? Ich kann es nicht so sehen. Die Bibel berichtet es anders. Die Heilige Familie ist eine Familie mit Sorgen, Problemen und Schwierigkeiten. Da gibt es äußere Not, extreme Belastungen und Erziehungsschwierigkeiten im Konflikt der Generationen; da gibt es Gerede der Nachbarn und Missgunst in der Verwandtschaft bis hin zu handfestem Einschreitenwollen; da komme der geliebte Sohn mit dem Gesetz in Konflikt und wird – wie fürchterlich für die Mutter - zum Verbrecher erklärt und gekreuzigt. Und die Probleme fangen schon in der Jugend Jesu an:
Als fromme Menschen genügten Maria und Josef Jahr für Jahr der gesetzlichen Wallfahrtspflicht und pilgerten zusammen mit ihren Verwandten und Bekannten zum Paschafest nach Jerusalem. Diesmal erlebten sie auf dem Heimweg eine böse, beunruhigende Überraschung, denn sie stellten fest, dass ihr Sohn nicht dabei war. Sie vermuteten ihn bei den Mitpilgern und hofften, ihn am Abend des ersten Tages wieder zu treffen. Ihre Hoffnung erfüllte sich aber nicht. So mussten sie, nachdem sie den zwölfjährigen Jesus erfolglos bei ihren Bekannten gesucht hatten, nach Jerusalem zurückkehren. Erst nach drei Tagen fanden sie ihn, der im Tempel zurückgeblieben war, zu ihrer Freude wieder.
Das sorgenschwere Erlebnis der Eltern Jesu bei der Wallfahrt nach Jerusalem lässt uns an die Probleme der Eltern von heute denken. Beim Betrachten des zwölfjährigen Jesus im Tempel stellt sich die Frage: Welche Sorgen haben die Eltern heutzutage? Darauf wird so mancher – und wohl nicht ohne Recht – erwidern, dass die Sorgen der Eltern zu allen Zeiten im Prinzip ähnlich oder sogar gleich sind. Man denke beispielsweise nur an den Generationenkonflikt, den es immer schon gab.
Was aber in unserer Zeit bei vielen Eltern, genauer gesagt vielen christlichen Eltern, besonderen Kummer hervorruft, ist das weit verbreitete Problem des Sich-Entfernens der heranwachsenden Kinder von der Kirche. „Herr Pfarrer, wir haben uns immer so viel Mühe gegeben, unseren Kindern den Glauben vorzuleben, und sie machen jetzt leider nicht mehr mit. Sie gehen am Sonntag nicht mehr in die Kirche und zur Beichte schon gar nicht“ – eine schmerzhafte Erfahrung, die viele Eltern den Seelsorgern vortragen, vielleicht sogar eine der schwierigsten Fragen, mit denen man heute als Seelsorger überhaupt konfrontiert wird. Diese Erfahrung ist gewissermaßen das Gegenteil von der Situation, die sich im Jerusalemer Tempel abgespielt hat: Im Unterschied zu Maria und Josef, die den zwölfjährigen Jesus im Gotteshaus gefunden haben, finden viele Eltern ihre Kinder eben nicht in der Kirche. Jeder, der einmal aus dem Mund besorgter Eltern diese Klage gehört hat, weiß, wie viel Schmerz sich dahinter verbirgt und wie groß manchesmal die Schuldgefühle werden, ob man vielleicht doch etwas falsch gemacht hat. Es schmerzt eine gläubige Mutter und ebenso einen bewusst christlichen Vater, wenn sie erfahren, dass ihre eigenen Kinder den von ihnen gezeigten Glaubensweg nicht mehr gehen wollen.
Dieser Schmerz, obwohl anders bedingt, scheint eine gewisse Ähnlichkeit mit dem zu haben, was die Eltern Jesu empfanden. „Sehr betroffen“ sagte seine Mutter zu ihm: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht“. „Betroffen“, „antun“ und „Angst“ – gleich drei Ausdrücke in einem einzigen Vers, die deutlich auf einen tiefen seelischen Schmerz der Eltern Jesu verweisen. Dieser Vers spricht nicht nur von der Verwunderung, sondern auch von der Verwundung der Eltern – eine vorwurfsvolle, eher traurige Frage, aus der man noch die Angst des Suchens heraushört.
Wie lässt sich diesem immer mehr verbreiteten Problem gläubiger Eltern von heute begegnen? Zunächst kann man versuchen, mit den Kindern in ein ernstes Gespräch zu kommen und nicht, wie es heute vielfach bei schwierigen Situationen und Problemen üblich ist, zu schweigen. Auch wenn das Gespräch die Probleme nicht lösen kann, sollte man es doch versuchen. Gespräche sind immer eine bedeutende Hilfe für die Gesprächspartner. Sie helfen, Probleme beim Namen zu nennen und Motive – durchaus nicht ganz durchdachte – zu klären. Bei einem Gespräch müssen wir aber damit rechnen, dass wir selber nicht alles verstehen und auch selber nicht immer verstanden werden. Maria und Josef versuchten das Vorgefallene mit Jesus zu klären, doch sie verstanden nicht, was er ihnen sagen wollte. Seine Antwort klang in ihrer Frageform ziemlich geheimnisvoll für sie.
Wenn aber eine offene Aussprache nicht viel nützt, dann sollte man versuchen, das zu tun, was Maria nach ihrer Rückkehr nach Nazaret tat: „Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen“. Sie merkte sich alles, was mit ihrem Sohn geschehen war und beschäftigte sich weiter damit. Die Sorge um ihr Kind ließ sie nicht in Ruhe. Das Herz ist der richtige Ort für elterliche Sorgen um die Kinder, auch die Sorgen um ihren Glauben. Ein Anliegen, das man im Herzen bewahrt, verschwindet nie aus dem Blickfeld des Menschen und bleibt immer etwas Bedeutendes für ihn. Der Glaube eigener Kinder kann den Eltern nicht gleichgültig sein. Die Sorge um ihren Glauben sollte ein Herzensanliegen im wahrsten Sinn des Wortes sein, denn es geht dabei um eine äußerst wichtige Sache – das Heil der Menschen, die die Eltern am meisten lieben.
Das Herz ist auch der Ort, in dem der Mensch Gott auf intimste Weise begegnet. Im Herzen kann er Gott im Gebet alles anvertrauen, was ihn bedrückt. Dass das Gebet für den Glauben der eigenen Kinder viel bewirken kann, zeigt uns die Bekehrung des Hl. Augustinus. Sie war auch eine Frucht des konsequenten, geduldigen Betens seiner Mutter Monika, einer heute sehr aktuellen Heiligen. Voller Hoffnung bat Monika beharrlich den Herrn um die Gabe des Glaubens für ihren Sohn, und schließlich konnte sie ihn in der Kirche finden.
Zum Schluss noch die Frage: Was ist denn eine christliche Familie? Wir können hier nur unvollständig darauf antworten. Sie ist eine Familie, in der im Blick auf Jesus Christus eine Geborgenheit lebendig ist, die auch dann noch gilt, wenn einem Familienmitglied etwas schief gegangen ist oder er sich schuldig gemacht hat; in der das Gespräch nicht aufhört, auch wenn man den Eindruck hat, dass man nicht zusammenkommen kann, weil die Gräben unüberwindlich scheinen; in der die Liebe lebt, die ernst damit macht, dass die Liebe Jesu Christi keine Grenzen hat und sich selbst auf den erstreckt, der sich einem zum Feind gemacht hat; in der es Vergebung gibt, auch dort, wo es hundertmal näher liegt, die Konsequenzen zu ziehen und sich anderweitig umzusehen; in der das Gebet einen festen Platz hat und auch dort nicht aufhört, wo man auf die Grenzen seiner eigenen Fähigkeiten und seiner eigenen Liebe stößt, weil man Gott anheim stellt, was man selbst nicht leisten kann, in der es Leiden gibt, das auch in der größten Ausweglosigkeit noch aus der Hoffnung lebt.
Beten wir für unsere Familien, besonders für die, die nicht mehr willens oder auch nicht mehr fähig sind, den Glauben zu leben und weiterzutragen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ






31.12.2012: Jahresschlussgottesdienst

Jahresschlussandacht

Stellen sie sich einmal vor, ein Uneingeweihter käme von einem fremden Stern in die Nacht vom 31. Dezember zum 1. Jänner auf unsere Erde; er würde um Mitternacht das Läuten der Glocken, das Feuerwerk, die klingenden Gläser und die sich stürmisch Glück wünschenden Menschen erleben. Welchen Eindruck müsste er von den Erdenbewohnern gewinnen? Wahrscheinlich würde er annehmen, auf der Erde gäbe es nur glückliche Menschen. Wir alle wissen aber, dass es nicht so ist. Daher die Frage: Welchen Grund haben wir Menschen, das alte Jahr auf diese Weise zu beschließen und das neue Jahr so zu beginnen?
Es ist, wie ich meine, die ursprüngliche Freude, noch da zu sein; dieses in wenigen Stunden endende Jahr mit seinen Zwischenfällen und Härten überstanden zu haben und ins neue Jahr kommen zu dürfen. Wo diese Freude aus einem gläubigen Herzen kommt, da wird sie von einer tiefen Dankbarkeit getragen sein. Diese Dankbarkeit gilt vor allem Gott; denn er hat uns alle Tage dieses Jahres geschenkt. Und auch dieses müssen wir hier sagen: Dieses Jahr geht uns nicht verloren. Es ist vielmehr eingeschrieben in das, was die Heilige Schrift „das Buch des Lebens“ nennt. So ist dieses nun bald vergangene Jahr für uns das bleibende Jahr.
Wenn wir dies bedenken, kann uns zu Bewusstsein kommen, wie oft wir dem Anruf Gottes nicht entsprochen haben. Es geht uns auf, dass wir nicht selten zu den Müden und Versagenden gehörten. Doch all das sollte uns am heutigen Abend nicht missmutig oder traurig machen. Denn einmal ist sicherlich auch durch uns in diesem Jahr Gutes geschehen, und zum anderen wird auch dieses Jahr zu einem Jahr des Heiles, wenn wir es in dieser Stunde so, wie es gewesen ist, den Händen Gottes anvertrauen. Wer dies tut, der kann von diesem Jahr dankbar Abschied nehmen. In diesem Glauben bestärkt uns ein baltischer Hausspruch, der lautet:

Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht,
alles ist Gnade.
Fürchte dich nicht!

Wie sehr steht der große Radau, den wir in der Silvesternacht machen im Widerspruch zwischen den grausamen Ereignissen, die wir in unserer Welt erleben: den Terrorismus, die großen Katastrophen geschweigen von den persönlichen Tiefpunkten. Aber der Lärm, den wir machen und der Alkohol, dem wir zusprechen übertüncht nur die ganze innere und äußere Not des Menschen. Umso bedrückender ist dann das Aufwachen am Neujahrstag, wenn neben dem obligaten Kopfweh all das wieder in unser Bewusstsein hereindrängt, was wir so gerne ein für allemal hinter uns gelassen hätten.
Es könnte aber auch sein, dass sich hinter aller Fröhlichkeit, die den Menschen in der Silvesternacht erfüllt, noch etwas anderes verborgen hält, etwas, das der Mensch gerade im Lärm einer solchen Nacht zu verdrängen sucht. Ich meine die Sorge, wie es im neuen Jahr weitergehen wird.
Offenbar spüren wir irgendwie, dass es Dinge gibt, die nicht machbar, nicht berechenbar und vorhersehbar sind. Es gehört eben zu unserem leben, dass es in ihm auch das Unverfügbare gibt, vor dem wir machtlos und wehrlos sind. So weiß am heutigen Abend niemand von uns, ob er im kommenden Jahr ernsthaft erkranken wird. Ebenso kann keiner sagen, wer in ihm aus irgendeinem Grund sterben wird.
Diese Ungewissheit bringt uns zum Bewusstsein: das kommende Jahr gehört nicht uns. Der Oberflächliche schiebt es von sich weg; der Nachdenkliche wird nüchtern und bescheiden; der Gläubige wird beten: „Herr, segne uns, und lass auch im kommenden Jahr dein Angesicht über uns leuchten.“ Hier stellt sich die Frage: Was geschieht eigentlich, wenn wir Segen erbitten?
Wenn wir Segen erbitten, dann ergreifen wir bewusst die Hand Gottes, dann denken wir an all das, was Gott für uns Menschen bedeutet, dann stellen wir unser Leben unter seinen Schutz und nehmen gleichzeitig auch den Auftrag wahr, dass wir auch selber zum Segen sein sollen. Das Erbitten des Segens ist für uns auch eine Aufforderung uns bewusst in das Kraftfeld Gottes hineinzustellen. Es ist eine Aufforderung, die Mittel zu benutzen, die uns Gott zur Verfügung gegeben hat: die Feier der Eucharistie, als einen Ort der tiefsten Begegnung mit Gott, der Empfang des Bußsakraments als eine Tat der Umkehr, das persönliche Gebet als die liebende Aufmerksamkeit für das, was uns Gott sagen will. Dass wir auch immer wieder hineinhorchen in unser eigenes Leben, in seine Ereignisse, mögen sie angenehm oder unangenehm sein, denn gerade in diesen zeigt sich Gott immer wieder. Das bewusste Leben mit Gott wird uns somit aus aller Angst auch vor dem Unvorhergesehenen herausheben und uns zu Menschen machen, die aus ihrem Glauben heraus, bewusst und mit Zuversicht zu leben verstehen.
Paulus schreibt im Epheserbrief den wichtigen Satz: „Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit!“ Und Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte Zeit.“
Was ist das aber, was wir Zeit nennen? Als sich der Hl. Augustinus einmal diese Frage stellte hatte er den Eindruck: „Solange mich niemand danach fragt, ist mir´s als wüsste ich es; doch fragt man mich und soll ich es erklären, so weiß ich es nicht.“ Doch an diesem Tag der Jahreswende genügt es zu wissen, dass das feine Ineinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Phänomen der Zeit ausmacht. Wer dies bedenkt, wird alsbald herausfinden, dass für uns nur die kurze Spanne der Gegenwart greifbar ist. Unsere Vergangenheit ist endgültig vorbei, und unsere Zukunft ist noch nicht. Nur dieser kurze Augenblick der Hier, Jetzt und Heute steht uns zur Verfügung. Nur aus ihm erwächst uns ein erfülltes Leben.
Nicht wenige Menschen verbringen ihre Zeit, indem sie nachsinnen über ihre Vergangenheit und sich ängstigen vor der Zukunft. Darin verbirgt sich eine große Gefahr. Ich meine die Gefahr, dass wir in einem fortwährenden traumhaften Zustand befangen sind oder in einer ständigen Zerstreuung leben und mit ihr in einer schleichenden Oberflächlichkeit und Haltlosigkeit.
Gewiss gehört es zu einem verantwortungsvollen Leben, sich über das Geschehene klar zu werden. Gerade die moderne Psychologie weist uns darauf hin. Ebenso notwendig ist der Blick in die Zukunft. Aber Rückblick und Vorblick sind nur dann von Nutzen, wenn sie uns helfen, unser Leben gegenwärtig zu machen. Den Menschen gegenwärtig zu machen, ist ja auch die verwandelnde Kraft des Evangeliums. Und die Freude, die es uns verspricht, ist die Freude, im Heute Gottes zu leben.
Tolstoi, der russische Philosoph und Schriftsteller, erzählt einmal von einem Regierungschef, der zu einem Einsiedler ging, um ihm einige Fragen zu stellen. „Welches ist der wichtigste Augenblick in meinem Leben? Welcher Mensch ist für mich von entscheidender Bedeutung? Und schließlich: Was macht mein Leben wertvoll?“ Das waren seine Fragen. Der Einsiedler antwortete ihm: „Der wichtigste Augenblick ist immer der gegenwärtige. Der entscheidende Mensch ist immer der, der gerade vor uns steht. Und das das wichtigste Tun besteht darin, dass wir dem Menschen, der jetzt gerade vor uns steht, etwas Gutes tun.“
Mit der Treue zum gegenwärtigen Augenblick verbindet sich eine große Verheißung. Jesus kleidet sie in die Worte: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ Es ist ja auch ein Gesetz unserer Alltagswirklichkeit, dass Größeres nur durch das Zusammenfügen kleinerer und kleinster Elemente entsteht. Auf diese Weise ergibt sich für uns Menschen das ewige Leben.
So wollen wir darauf achten, wie wir unser Leben führen, nicht töricht, sondern klug und die Zeit nutzend. Wie dies geschehen kann, sagen die folgenden Verse, die sie durch das kommende Jahr begleiten mögen:

Gott kennt dein Gestern.
Gib du ihm dein Heute.
Er sorgt für dein Morgen.

P. Paul Mühlberger SJ