01.01.2013

Hochfest der Gottesmutter Maria

Gal 4, 4-7
Lk 2,16-21

Warum machen wir eigentlich so viel Aufhebens um den Jahreswechsel. Es ist doch ein Abend und ein Morgen wie jeder andere auch: die Sterne ändern ihre Bahn nicht, die Zeit läuft gleichgültig weiter, die Uhr schlägt zwölfmal wie in jeder anderen Nacht auch.
Warum der große Aufwand, der um den Jahreswechsel getrieben wird? Mit Feuerwerk und Glockengeläut, mit Festessen, Champagner und Sekt? Ein Jahr ist zu Ende. Ein Neues beginnt. Na und?
Ich will niemand die Freude an all den Dingen rauben; aber ich weiß auch, nicht allen ist nach ausgelassener Freude zumute; bei uns allen trifft der Jahreswechsel einen Nerv - und der kann schmerzen.
So möchte ich behutsam an diesen Nerv rühren, der sich am Jahreswechsel zu Wort meldet und sich nicht so leicht verdrängen läßt: es ist die Grunderfahrung, dass unser Leben endlich und vergänglich ist; dass vieles vergeblich war und ist, was wir mit Liebe und Hingabe beginnen und was schließlich doch mißlingen und scheitern kann.
Die modernen Menschen sprechen von „Frust“ und werfen die „Flinte ins Korn“, weil sie die Schattenseiten des Lebens nicht verkraften. Aber die Vergänglichkeit gehört zu unserem Leben dazu und auch die Vergeblichkeit so vieler Dinge, die wir tun. Wir müssen sie nur annehmen und positiv verwandeln.
Doch das ist leichter gesagt als getan! Denn es läßt sich nicht bestreiten: wir sind wieder ein Jahr älter geworden. Wir spüren das an unseren Kräften, an zunehmenden Leiden und Gebrechen; und längst nicht jeder kann sagen, das vergangene Jahr sei ein gesundes Jahr für ihn gewesen.
Ein gutes Stück unseres Lebens ist jedenfalls dahin und zwar unwiederbringlich. Gewiß das alte Jahr hat auch manches Erfreuliche für uns gebracht. Dafür sollten wir danken! Vielleicht hat sich auch manches Problem für uns gelöst; vielleicht kam manches wieder in Ordnung, was wie ein Stein auf unserer Seele lag. Eine Fülle kleiner und größerer Freuden hat uns das vergangene Jahr beschert, wir sind nicht nur älter geworden sondern auch in vielen Beziehungen auch reifer und reicher.
Wissen sie, ich habe manchesmal den Eindruck als würden die Menschen in dieser Welt nichts dazu lernen. Jedes Jahr wünschen wir uns den Frieden für diese Welt, wünschen uns Gerechtigkeit und Wohlergehen. Und es geht nie so in Erfüllung, wie wir es uns gewünscht hätten. Und dann beginnen wir dem lieben Gott Vorwürfe zu machen. Aber er kann wirklich nichts dafür. Wir selber sind die Schuldigen, Gott gibt uns Menschen auch in diesem neuen Jahr 2007 wieder neue Chancen und Möglichkeiten. Möchten wir sie doch nützen und nicht vertun. All die vielen Glückwünsche, die uns erreichen könnten eine Aufforderung an uns sein: tragen wir doch bei zu einer besseren und glücklicheren und auch friedlicheren Welt in unserem kleinen und bescheidenen Lebensbereich! Hinter all diesen Wünschen steckt aber noch etwas anderes: dass unser Leben glückt, das können wir nicht einfach machen. Das hängt auch nicht einfach vom äußeren Erfolg ab, vom Gehalt oder von der Karriere. Dass unser Leben glückt, hängt besonders an den menschlichen Beziehungen, in denen wir leben. Ob ich in Isolation lebe oder in ständiger Auseinandersetzung mit den Menschen, die mich umgeben, in Sorge um mein Ansehen und meinen Ruf, oder ob ich gelassen und geduldig bin, offen für die anderen neben mir, offen für ihre Freundlichkeit und Liebe, aber auch offen für ihre Not und ihr Leid, für ihre Erwartungen an mich - das alles bestimmt die Qualität meines Lebens. Ob ich mich von anderen tragen lassen kann, ob ich mich ihnen öffne, dass sie mich auch in meiner Not, mit meinen Grenzen annehmen und trösten können, ob ich in Angst vor der Zukunft, vor meinem eigenen Leben krampfhaft mich selbst zu behaupten versuche oder in Hoffnung und Vertrauen auch meine Schwächen annehmen kann - all das trägt dazu bei, ob mein Leben glücken kann.
Es ist etwas anderes, was mich von außen trifft und etwas anderes, wie ich damit umgehe. Da sagt einer: Hauptsache Gesundheit! Sicher ist das ein hohes Gut! Aber was nutzt mir die Gesundheit, wenn ich an zerbrechenden menschlichen Beziehungen selbst zerbreche? Manche Krankheit kann ich leichter ertragen, wenn ich spüre, dass Menschen zu mir halten und mich tragen. Leid kann mich niederdrücken und kaputt machen, aber vielleicht kann ich auch anders damit umgehen, so dass ich später erkenne, wie ich daran gereift bin. Krisen können notwendig sein, damit ich aus alten Sackgassen herauskomme und sich mir neues Leben öffnet. Erfolg kann blind machen. Macht über andere kann mich zur Selbstherrlichkeit verführen. Es gibt so viele Möglichkeiten, schöpferisch mit den Menschen und Dingen umzugehen. Es ist gut, wenn wir in dieser Jahreswende darüber einmal nachdenken und vielleicht auch mit jemand darüber sprechen. Vielleicht können andere uns für unsere Lebensmöglichkeiten öffnen, die wir selbst noch gar nicht entdeckt haben. Vielleicht ist unser Leben voll von ungeborenen Möglichkeiten.
Die Schrifttexte des heutigen Tages begleiten uns auf diesem Weg in das Neue Jahr, machen uns Mut für das schöpferische Umgehen mit unserem Leben, mit den anderen Menschen. Gottes Segen begleitet uns. Der schöne Segenstext aus dem Alten Testament: „Der Herr lasse dein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig!“ Dieses Segensbild ist genommen von einem kranken Kind über das sich der Vater und die Mutter beugt. Es ist noch krank, aber das Leuchten des Angesichts über ihm bricht den Bann. Es ist nicht mehr allein, neue Hoffnung kann aufkeimen. „Der Herr wende dir sein Antlitz zu!“ Das ist Begegnung Auge in Auge. Das kann man nur erleben, wenn man selber aufrecht geht, dem anderen ins Angesicht schaut mit offenen Augen. So dürfen wir Gott begegnen, trotz aller Schuld und Kleingläubigkeit! Dann wird sein Blick in unser Innerstes hineinfallen, in die Tiefen, die vor uns selbst noch verborgen sind. Dieser Segen kann uns begleiten in das Neue Jahr.
Denn Gott hat sich noch nicht verausgabt mit seiner Schöpfung, mit uns. „Als die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn.“ Maria verstand das alles noch nicht ganz. Aber sie bewahrte alles und bewegte es in ihrem Herzen. Wer soll es auch begreifen: Gott sandte seinen Sohn, ein wehrloses Kind. Man gab ihm den Namen Jesus. So geht Gott mit den Menschen um, so wird er ihnen, wo wird er mir ganz nahe. Er kann auch in meinem Leben einen neuen Anfang machen!
Er kann mit unserer Welt einen neuen Anfang machen. Denn alles, was wir jetzt für uns selbst bedacht haben, das müssen wir noch einmal für unsere ganze zerrissene Welt durchbuchstabieren, die unter Gewalt blutet und unter Hunger und Durst dahinsiecht. Da gilt das Gleiche wie für jeden Menschen. Gott ist mit dieser Welt noch nicht zu Ende, und deswegen brauchen und dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben, weder für uns noch für die Welt. Und „Hoffen geschieht im Tun des nächsten Schrittes“ wie es der Theologe Karl Barth einmal formuliert hat. Wir können uns also getrost auf den Weg machen. Wünschen wir also einander ein glückliches und frohes Jahr und Gottes Segen dazu! Wünschen wir in einer Hoffnung wider alle Hoffnung ein friedlicheres neues Jahr für unsere Welt und Gottes Segen dazu. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

01.01.2013

Hochfest der Gottesmutter Maria Version a

Hochfest der Gottesmutter Maria
Elisabethinen

Es ist eine ganz eigenartige Auswahl von Schrifttexten für den heutigen Festtag vorgesehen, kurze Texte, die aber im Grunde das ganze Weltgeschehen zur Sprache bringen, nicht das äußere Geschehen, sondern das, was unserer Welt von Gott her angeboten wird und was wir uns an jedem Tag des Neuen Jahres ins Bewußtsein rufen lassen müssen. Und gerade was uns da gesagt und wie es gesagt wird, gibt uns auf ungewohnte Weise zu denken, vielleicht besonders, wenn uns das alles am ersten Tag des neuen Jahres gesagt wird, ohne dass diese Texte etwas ausdrücklich zum Neujahrstag ausdrücken wollen.
In beiden Texten wird auch Maria nur kurz erwähnt, der doch der heutige Tag geweiht ist. Da erwähnt Paulus nur die Geburt des Gottessohnes aus der „Frau“ und spielt hier eindeutig auf die Paradieserzählung an, wo die Frau, Eva, durch ihr Nein zu Gott die Schöpfung in eine Katastrophe geführt hatte. Maria hatte durch ihr „Ja“ zu Gott das Eintreten Gottes in diese Welt ermöglicht. Hier kommt die Frage auf: Brauchte Gott dieses Ja eines Menschen, um die Erlösung zu bewerkstelligen? Hätte er nicht andere Möglichkeiten gehabt? Das steht außer Frage! Aber es zeigt sich, wie sehr Gott die Freiheit des Menschen schätzt, dass er ihn nicht überrumpeln will, nicht einmal mit seiner Erlösungstat, sondern dass er die Bereitschaft eines Menschen wünschte, die stellvertretend für alle Menschen dieses Jawort sprach.
Und nun folgen in knappen Sätzen die Folgerungen aus diesem „Ja“ Mariens: wir sind freigekauft, wir sind „Söhne und Töchter“ Gottes, sein Geist ist in unserem Herzen, wir dürfen ihn mit kindlichen Bezeichnung „Abba“, „mein lieber Vater“ anreden. Gott erhebt uns Menschen zu einer erhabenen Größe und Würde.
Wir lesen das, wir wissen das; aber es erfüllt noch nicht unser Herz. Und so müssen wir immer wieder wie die Hirten den Weg zur Krippe gehen um die ganze Liebe Gottes zu erspüren und die Würde zu der er uns erhoben hat. Die Hirten, so heißt es „eilten“ nach Bethlehem. Wir hingegen lassen uns Zeit. Wir haben oft auch gar nicht das Bedürfnis zur Krippe zu kommen. Zu sehr sind wir bedrängt von all unseren Fragen und Nöten, zu sehr sind wir gebunden an die vielen Dinge, die uns unsere Welt bietet. Aber wir haben sie langsam und heimlich von Gott, der sie uns geschenkt hat, losgekoppelt. Wir verstehen die Sprache der Dinge nicht mehr, die allesamt von der Größe Gottes künden. Und so verlieren wir uns zu oft an sie und lieben die Geschöpfe losgelöst von Gott und sie sollten uns doch zu Gott und zur Liebe zu ihm verhelfen.
Die Hirten fanden drei Personen, Maria, Josef und das Kind in einer Krippe. Hatte sich ihre Eile wirklich gelohnt? Was hatten sie denn erwartet? Immerhin waren es nicht Menschen, die ihnen den Weg zur Krippe gewiesen hatten, sondern Engel. Somit war ihre Erwartung auf etwas Staunenswertes gerichtet. Und was sie fanden war die gleiche Armut, die auch sie in ihrem täglichen Leben kannten. Sie erzählten von ihrer himmlischen Erscheinung und alle staunten über den merkwürdigen Kontrast zwischen der erhabenen Botschaft der Engel und dem, was sie vorfanden. Sie machten staunend die Entdeckung, dass Gott genau dort einen Platz suchte, wo auch sie ihren Platz hatten, dass Gott genau in die Armut herniederstieg, in der sie auch ihr Leben zubrachten. Und sie entdeckten, dass Gott für sie kein weit Entfernter, Unnahbarer Gott sein wollte, sondern dass er ihre Nähe suchte.
Von Maria wird hier aber etwas Bemerkenswertes ausgesagt: sie bewahrte alles, was geschehen war und erwog es in ihrem Herzen. Offensichtlich war auch sie überrascht von dem Vorgehen Gottes, von der Art und Weise, wie er in diese Welt eintreten wollte. Sie hatte das Wirken Gottes in ihrem Herzen aufgenommen, sie hat sich ihm total gewidmet. Und wenn wir den weiteren Weg der Gottesmutter verfolgen, dann werden wir merken, dass es da Vieles gab, was ihren Glauben und ihr Vertrauen herausgefordert hat, was sie bewahren mußte in ihrem Herzen.
Und was ist nun mit uns? Was können wir aus diesen Texten mitnehmen? Ich glauben, dass es wichtig ist, dass wir uns vor Augen halten, dass sich Gott auch von uns finden läßt, vorausgesetzt wir suchen ihn. Wir wissen alle, was „suchen“ bedeutet. Sie erinnern sich vielleicht, dass ich ihnen einmal die Geschichte erzählt habe, wie ein Schüler zu seinem Meister kam und ihn bat, er möge ihm helfen, Gott zu finden. Der Meister führte in an einen Fluß, hielt ihm den Kopf unters Wasser bis dass er fast erstickte. Der erschreckte Schüler, der nach Luft rang, wunderte sich über diese Vorgangsweise. Aber der Meister sagte zu ihm: „Wenn du mit der gleichen Anstrengung wie du nach Luft gerungen hast nach Gott gesucht hättest, dann hättest du ihn schon gefunden.“
Diese kleine Geschichte ist deutlich genug und wenn wir ehrlich zu uns selber sind, dann müssen wir ja wohl feststellen, dass unsere Suche nach Gott nicht immer mit großer Energie geschieht. Gott suchen in der Ereignissen unseres Lebens. Es sind nicht immer die Sternstunden, in denen wir Gott entdecken. Es sind oft gerade die Stunden der Dunkelheit und des Schmerzes in denen uns Gott in besonderer Weise nahe ist, es sind oft die dunklen Farben, die unserem Leben den nötigen Kontrast geben, um die Spuren Gottes zu entdecken. Es gibt jedenfalls keine Situation in unserem Leben, wo Gott uns sozusagen entschwunden wäre.
Wenn wir die Art der Gottesmutter nachahmen, sind wir jedenfalls gut beraten. Wir müssen vieles in unserem Leben im Herzen bewahren, weil wir eben vieles, was geschieht nicht verstehen im großen Zusammenhang unseres Lebens, weil wir Vieles nicht zu deuten wissen wegen unserer engen Perspektive. Und so müssen wir so manches Unverstandene und Unbegreifliche ruhen lassen, in unserem Herzen speichern und darauf vertrauen, dass nichts in unserem Gott entgleitet, ja dass er sogar aus unseren Fehlern und Schwächen heraus, uns die Möglichkeit geben kann, ihn zu finden.
So mögen wir dieses Neue Jahr unter dem Schutz der Gottesmutter mit einer großen Zuversicht beginnen. Mögen in diesem Jahr nicht nur unsere Geldscheine und Münzen neu sein, mögen wir auch mit einem Neuen Schwung uns auf die Suche nach Gott in unserem Leben begeben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

06.01.2013

Erscheinung des Herrn
Jes 60, 1-6
Mt 2,1-12

An diesem Festtag erinnere ich mich immer an den Kölner Dom, wo in einem kostbaren Schrein die Gebeine der Heiligen Drei Könige ruhen. Ich zweifle allerdings an ihrer Echtheit. Die Gebeine wurden nach der Legende von der Kaiserinmutter Helena nach Konstantinopel gebracht. Sie wurden dann dem Bischof von Mailand geschenkt von wo sie dann nach Köln kamen. Außerordentlich verschieden werden im ganzen Schrifttum des Mittelalters die Geschenke gedeutet und ausgelegt. Im Malerbuch vom Berge Athos sind ihre Dreiheit und ihre Namen festgelegt: Caspar, Melchior und Balthasar. Auf diese Tradition geht die Anbringung von C+M+B an unseren Türen zurück. Die Geschenke, deren Auslegung Bände füllen bekommen auch ihre Deutung: Das Gold bezeichnet den dem König gebührenden Weisheitsschatz, der Weihrauch das ergebungsvolle Opfer und Gebet, die Myrrhen die reinhaltende Kraft der Selbstbeherrschung. Außer Unterscheidung in drei Lebensalter, die sich vom 12. Jahrhundert an geltend macht, tritt um 1300 der Jüngste als Mohr in Darstellung und Spielen auf. Auch werden die Drei Könige als Vertreter der damals bekannten drei Weltteile, Asien, Europa und Afrika angesprochen.
Übrigens, den Stern gab es wirklich! In der Zeit damals gab es eine merkwürdige Himmelserscheinung. Mehrere Sterne bildeten eine seltene Konstellation, so dass sie von unserer Erde aus betrachtet sich wie ein einziger besonders heller Stern ausnahmen. Diese Situation kann heute in jedem modernen Planetarium dargestellt werden.
Aber, was bedeuten sie heute für uns? Brauchen wir sie an der Krippe? Genügt uns nicht das Jesuskind mit Maria und Josef? Jedenfalls hat die Geschichte der Drei Könige und die fromme Beschäftigung mit ihr für die Menschen im Laufe der Jahrhunderte so viel Lebenshilfe, soviel Sicherheit, soviel Kraft zur Überwindung auch schwerer Schicksale bereitgestellt, dass allein dies hinreichend deutlich macht, dass die Heiligen Drei Könige so etwas wie ein Weihnachtsgeschenk des Lieben Gottes sind.
Auf der Basis einer solch positiven Grundeinstellung zu den Heiligen Drei Königen drängt es mich, die frommen Männer ein wenig abzuklopfen, was sie für uns Gutes und Hilfreiches einbringen können. Mir fielen drei Tätigkeiten auf, die den Heiligen Drei Königen in besonderer Weise zu Eigen sind. Sie machen geradezu ihren Charakter aus.
Das erste Charakteristikum: Sie suchen und forschen! Sie suchen Gott und lernen, ihm im Menschen zu begegnen. Ist es nicht ein Defizit unseres religiösen Lebens, dass wir das Suchen verlernt haben, wo doch Jesus einmal sehr eindeutig sagt: „Suchet und ihr werden finden, klopfet an und es wird euch aufgetan werden“. Ist es uns klar und bewusst geworden, dass wir alle auf der Suche sind, dass wir alle unterwegs sind. Sollen nicht selbst unsere immer wieder hochsteigenden Zweifel uns zu einer Suche anregen? Die Situation des Suchens ist uns ja aus dem Alltag wohl bekannt. Wir haben einen Schlüssel verlegt und brauchen ihn dringend. Aber wo ist er. Wir drehen alles um, suchen nach unserer früheren Position und kommen endlich darauf, dass es in dieser Lage auch vernünftig wäre, den Hl. Antonius anzurufen, dem Patron der Suchenden. Nun, in religiöser Hinsicht gewinnen wir doch die Überzeugung, dass uns eine solche existentielle und gründliche Suche meist abgeht. Vielmehr sind wir gewohnt, unsere Zweifel in eine Ecke zu schieben, sie zu verdrängen und sich nicht mehr weiter mit ihnen zu beschäftigen.
Während wir einen verloren gegangenen Schlüssel verzweifelt suchen, weil wir ohne ihn nicht ins Haus kommen, bringt uns das Entschwinden oder gar der Verlust des Glaubens kaum in Schwierigkeiten. Und wenn sich jemand entschieden hat, den Glauben neu zu suchen, wo soll er mit der Suche beginnen? „Wo hast du ihn zuletzt gehabt?“ Diese Frage hört man oft von teilnehmenden Mitsuchenden. Ja, was hat meinem Glauben einen Depscher versetzt, wo hat er Schaden genommen, wo ist er ausgelaufen? Vielleicht war es ein Ärger mit der Kirche und ihrem Bodenpersonal, oder es war etwas, das wir einen Schicksalsschlag nennen, der uns aus der Bahn geworfen hat oder auch, und das ist wohl der häufigste Fehler: Wir sind lau geworden, haben aufs Beten vergessen und die Hl. Messe war auch nicht mehr so wichtig. Genau da müssen wir mit der Suche beginnen.
Und dann: miteinander reden. Es haben doch viele Menschen die gleichen Probleme. Mit diesen sollten wir uns austauschen. Es ist merkwürdig aber wahr, dass Gott uns in solchen Gesprächen vieles mitteilen kann und es für gewöhnlich auch tut. Das ist auch ein Aspekt der Menschwerdung, dass er auch immer wieder zugegen ist in unseren menschlichen Gesprächen. Kurzum gesagt, wenn wir uns nicht selber auf die Suche begeben, ist selbst der hl. Antonius machtlos.
Das zweite Charakteristikum: Sie fallen nieder und beten an. Gott suchen, ihm im Menschen zu begegnen und tiefe Freude daran empfinden, das führt dazu, dass sie niederfallen und anbeten. Wer anbetet bringt damit zum Ausdruck, dass er nicht für selbstverständlich nimmt, wer, was oder wie ihm etwas begegnet, dass er die Wunder im Alltag nicht übersieht und sich die Zeit für ihre Wahrnehmung nimmt, für eine dankbare Wahrnehmung.
Wenn man die drei Gebetsarten: Bittgebet, Dankgebet und Anbetung reihen würde, dann würde die erste Stelle wohl das Bittgebet einnehmen, an zweiter Stelle das Dankgebet und zu allerletzt würde die Anbetung rangieren. Während das Bittgebet und das Dankgebet einen sehr persönlichen Bezug haben ist Gebet der Anbetung ein zweckfreies Beten, einzig und allein auf die Ehre und Verherrlichung Gottes hingerichtet. Wir kennen solche Anregungen zum anbetenden Gebet aus unserer Liturgie und aus unserem religiösen Brauchtum, etwas wenn das Allerheiligste ausgesetzt ist oder wenn wir in diesen Tagen vor der Krippe stehen und staunend das göttliche Wunder auf uns wirken lassen. Die Anbetung kann auf ein wörtliches formuliertes Gebet verzichten. Sie besteht einfach darin, dass wir vor Gott und seiner Gegenwart schweigend verharren. Sie ist in ihrer Wortlosigkeit eine der wertvollsten Gebetsarten und erinnert mich immer an zwei Liebende, die ohne Worte zu machen doch ihre ganze Liebe zum Ausdruck bringen. In dieser Haltung der Anbetung kann es dann oft geschehen, dass uns Gott einen großen Trost schenkt, eine tiefe innere Bereitschaft zu einem Leben mit ihm.
Und nun noch das dritte Charakteristikum: Sie verschenken ihre Schätze. Die Heiligen Drei Könige erscheinen uns als Schenkende. Sie wollen nicht für sich behalten, was ihnen wertvoll ist. Sie machen die Erfahrung, dass sie im Schenken die Beschenkten werden. Mit unserem Glauben haben wir uns grundsätzlich auf einen solchen Weg eingelassen. Er speist sich aus der Überzeugung, dass man gerade im Verschenken zum Beschenkten wird. Aber wir wissen alle gut, wie schnell wir in die Gefahr geraten, eher Sammler und Jäger zu sein als Hergeber und Wegschenker. Was können wir aber schenken? Was können wir Gott anbieten als etwas das er noch nicht hat? Es ist ganz einfach: Unsere Liebe. Das ist die freieste Entscheidung, die wir treffen können und während unseres ganzen Lebens ringt Gott um diese unsere Entscheidung. Mit der Freiheit, die er uns geschenkt hat, gab er uns diese einmalige Möglichkeit, ihm selber ein Geschenk zu machen.
So seien wir dankbar, dass die Heiligen Drei Könige von heute ab an der Krippe stehen und wir es in ihrer Haltung der Suchenden, der Anbetenden und der Schenkenden mit ihnen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

13.01.2013

Fest der Taufe Jesu

Jes 40, 1-5,9-11
Lk 3, 15-16,21-22

Wir haben von unserer eigenen Taufe nichts mitbekommen, höchstens die Empfindung des kühlen Taufwasser, das uns über den Kopf gegossen wurde. Eigentlich hat man uns ja in der Taufe eine Religion aufgedrängt. Es hat uns niemand nach unserem Einverständnis gefragt, wir hätten ja auch keine Antwort geben können. Und so geht immer wieder die Frage um, ob die Kindertaufe sinnvoll ist, ob es nicht besser wäre, sie erst zu spenden, wenn der betreffende Täufling weiß worum es geht und wenn er sein Einverständnis dazu gibt. Da erhebt sich überhaupt die Grundfrage nach einer wertfreien Erziehung und ich muss ihnen gleich am Anfang sagen, dass es die nicht gibt. Jedes Kind wird von seiner Geburt an mit den Werten konfrontiert, die ihm von den Eltern und anderen Erwachsenen vorgelebt werden. Und somit wird das Kind in eine ganz bestimmte Wertwelt hineingeboren und davon geprägt. Erst in der Pubertät kann es eine eigene Entscheidung treffen und die Wertewelt der Erwachsenen bejahen oder ablehnen.
Wir sehen sehr deutlich welche Verantwortung Eltern übernehmen, die ihr Kind taufen lassen. Leider müssen wir in unseren Tagen feststellen, dass die Wertewelt der Erwachsenen brüchig geworden ist und somit werden die Taufe, die Erstkommunion und die Firmung mehr als Brauchtumsriten gefeiert ohne deren religiöse Tiefe zu berühren.
Mit der Taufe wird ein Mensch konfrontiert mit seiner Realität als Geschöpf, jawohl als Geschöpf. Wir sind in unserer Existenz nicht nur von unseren leiblichen Eltern abhängig, sondern letztlich und entscheidend auch von Gott. Diesen Aspekt nehmen viele unserer Zeitgenossen allerdings nicht mehr war, weil sie an äußeren Werten hängen bleiben wie es das sind die Gesundheit, das Geld, das Lebensglück und eine total missverstandene Freiheit. In der Taufe wird uns diese Tatsache wieder so recht bewusst. Es soll uns klar gesagt werden, dass wir als Geschöpfe nicht bloß Sklaven irgendeines göttlichen Wesens, sondern Geschöpfe sind, denen die ganze Liebe Gottes gilt. Das macht sich kund in der Erzählung von der Taufe Jesu, wo vom Himmel her die Stimme Gottes hörbar wird: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe“.
Und von diesem Sohn heißt es: Die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes ist erschienen. Machen wir uns bewusst was das heißt: Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Es ist ein Gott vor dem wir keine Angst zu haben brauchen. Es schleicht sich ja immer wieder in unser Leben die Angst vor Gott ein, etwas wenn wir an den Augenblick denken, da wir vor ihm hintreten werden. Was wird er zu unserem Leben sagen? Wie wird er uns richten? Nein, Furcht vor Gott ist nicht am Platz, vor einem Gott, der zutiefst in unsere Menschlichkeit herabgestiegen ist.
Der Prophet Jesaja drückt es schon aus, dieses Verhältnis Gottes zu uns Menschen, wenn er von Gott sagen lässt: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus“. Was da nicht alles zerbrochen ist in unserem Leben? Manchmal durch eigene Schuld aber auch durch die Verhältnisse, in denen sich unser Leben abspielt. Zerbrochene Beziehungen zwischen den Menschen und zerbrochene Beziehungen zu Gott selbst. Diese Aussage vom geknickten Rohr weist deutlich darauf hin, dass selbst die aussichtsloseste Situation im Leben eines Menschen doch noch Hoffnung in sich birgt, weil Gott für uns immer Auswege aus jeder oft so aussichtslosen Lagen hat.
Und dann der glimmende Docht. Schauen sie eine Kerze an, die sie gerade ausgeblasen haben. Der Docht raucht noch eine Weile, aber dann erlischt er endgültig. Was bei uns im Leben nicht alles gerade noch am Glimmen ist? Unser Glaube, der sich oft als sehr schwach erweist, unsere Hoffnung, die oft so müde und matt ist, unsere Liebe, die oft keine Kraft mehr hat. Gott hat die Macht und auch den Willen den glimmenden Docht auch in unserem Leben wieder zum leuchten zu bringen.
Schon immer hat man sich gefragt, warum Jesus, der Sündenlose, die Taufe „zur Vergebung der Sünden“ empfangen wollte. Warum bestand er darauf? Weil er sich einreihen wollte, weil er mit den Sündern in einer Reihe stehen wollte, um ihr Schicksalsgefährte zu sein, um sie in ihrem Lebensmut zu stärken, um sie durch seine Nähe von der Fixierung an das Böse zu heilen. Helmut Gollwitzer hat das einmal so ausgedrückt: „Tiefste Teilnahme am Geschick des Menschen, sich selbst preisgebendes Eintreten für die Sünder, Übernahme ihrer Schuld auf sich selbst, das ist der Sinn der Taufe Jesu“. Diese Teilnahme am Geschick des Menschen zeigt sich auch daran, dass er sich mit den Sündern an denselben Tisch setzt und schließlich in einer Reihe mit zwei Verbrechern kreuzigen ließ.
Das ist seine Größe. Wir erfahren sie, wenn wir ihn dazwischen lassen, wenn wir ihn unter uns aufnehmen und ihn an unsere Wunden heran lassen. Wo wir das tun, öffnet sich auch über uns der Himmel und auch wir hören eine Stimme, die zu uns spricht: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Was bedeutet dieser Zuspruch? Vor allem dies: „Du bist von Gott angenommen und geliebt, so wie du bist.“ Nichts anderes wollte uns Jesus durch sein Wort und durch sein Leben sagen.
„Du bist mein geliebtes Kind!“ In diesem Bewusstsein schrieb der Evangelist Johannes: „In seiner Gegenwart werden wir unser Herz beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles“. Bemerkenswert ist der Kommentar, den Romano Guardini dazu schreibt: „Es gibt ja doch Augenblicke, in denen die Erkenntnis des Verfehlten und Versäumten einem jeden den Mut nimmt, weil alles ausweglos scheint…, in denen keine Reue zustande kommt, weil man nicht mehr weiß, was recht und was falsch ist.., in denen Entschlüsse und Lebenspläne nichts helfen, weil man sich selber nicht mehr glauben kann…Für einen solchen Augenblick hat Johannes diesen Satz geschrieben: Gib dich hinein in das Wissen Gottes, mit allem was du bist. Ohne zu grübeln, noch dich zu rechtfertigen. Er weiß, und das ist genug.“
Hier erfahren wir, was biblischer Glaube bedeutet: Das Sichhineingeben in die Liebe Gottes, mit allem, was man ist, ohne zu grübeln, noch sich zu rechtfertigen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

13.01.2013

Fest der Taufe Jesu Version a

Fest der Taufe Jesu
Version a

Gelegentlich der Taufe Jesu werden wir mit einem prophetischen Text konfrontiert, der bis in unsere Tage hinein aktuell geblieben ist. In diesem Text ist Wesentliches über Jesus ausgesagt. Die Jahre, in denen Isaias seine Worte schrieb waren bedrängte Jahre. Es war etwa um das Jahr 550 v.Chr. Damals lag Jerusalem in Trümmern, und die meisten Bewohner waren im Exil, in der Verbannung. An den Flüssen Babylons warteten die frommen Juden auf eine Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimat. Man hatte ihnen alles genommen, nicht nur die alte Heimat, sondern auch den Tempel; aber der Glaube ist ihnen erhalten geblieben, dank der Botschaft der Propheten, die nicht müde wurden, die Menschen immer wieder aufzurichten und zu trösten.
Was da von diesem Gottesknecht gesagt wird, das bezieht sich auf den Messias. Er ist einer, an dem der Vater sein Wohlgefallen hat. Er wird keiner sein, der laute und dröhnende Botschaften von sich gibt. Und dann kommen die schönen und tröstlichen Sätze: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“
Ein glimmender Docht brennt in der Tat nicht. Aber er ist auch nicht aus! Ein geknicktes Rohr ist in der Tat keine gesunde, aufrecht wachsende Pflanze. Aber niemand weiß, ob sie sich nicht doch wieder erholt. Jesus will, dass, dass der glimmende Docht und das geknickte Rohr ihre Lebenschance behalten. Das ist das Programm des Messias, zu dem sich der Vater bekennt und den er ganz eindeutig „geliebter Sohn“ nennt. Jesus ist dieser Sohn mit seiner unglaublichen Geduld und Weite. Einfühlsam und behutsam im Umgang mit allem Glimmenden und Angeknacksten, das sind die Eigenschaften des Sohnes Gottes. Behutsamkeit zeigt er gerade mit all denen, die sich etwas zu Schulden kommen lassen, mit denen, die schwer zu tragen haben, auch zuweilen an der eigenen Schuld.
Was gibt es Hoffnungsloseres als ein Schilfrohr, das der Wind zerbrochen hat? Was gibt es Aussichtsloseres als einen glimmenden Docht wieder neu zur Flamme werden zu lassen? Und das ist doch auch sehr oft unsere Situation, die Situation vieler Menschen. Wie trostvoll ist es, zu wissen, dass Gott einem Menschen auch dann noch Chancen einräumt, wenn nach menschlicher Sicht keine Hoffnung mehr besteht.
Schon zu Beginn wird ihm, dem Messias kein durchschlagender Erfolg in Aussicht gestellt. Bereits die Art, wie er seinen Auftrag anzupacken und durchzuführen hat, unterscheidet sich von allen alten und neuen Gesetzen des Managements. Äußeres Gepränge und Getue entsprechen gar nicht seinem Stil. Er bedarf weder der Flüsterpropaganda noch marktschreierischer Reklame; public relation ist auch nicht seine Stärke. In Hektik und Trubel der Massenveranstaltungen ist er nicht zu finden, wie er auch nicht viel von Programmreden und Regierungserklärungen hält; mit unseren Lautsprecheranlagen auf Marktplätzen, in Kaufhäusern und bei öffentlichen Veranstaltungen würde er sich wohl schwertun.
Dieser Geistgesalbte wird auch nicht gewalttätig, wenn es darum geht, andersdenkenden, ja übelgesinnten Menschen den Willen Gottes mitzuteilen. Den Angeschlagenen gibt er nicht noch den Rest, sondern kümmert sich liebevoll um die gescheiterten Existenzen, um die Randsiedler der Gesellschaft, die er nicht noch mehr an die Wand drängt und, wenn möglich, unschädlich macht. Er stellt sich nicht ins Scheinwerferlicht, um in weltlicher oder geistlicher Garderobe bewundert zu werden, sondern er ist bei denen zu finden, die ärmlich gekleidet sind oder überhaupt nicht. Er stellt sich zu denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und im Dunkeln sitzen müssen. Er stützt und fördert, was schwach ist, ermutigt zum Leben und bringt es durch.
Und so steht nun Jesus in all seiner Einfachheit und Bescheidenheit vor Johannes dem Täufer am Jordan. Der Jordan, das ist die Trennungslinie zwischen Wüste und Wasser, eigentlich eine Trennungslinie zwischen Leben und Tod. Was trieb die Menschen alle hinaus zu Johannes, dem Täufer. Einen Teil sicherlich aus Neugierde, viele aber auch, weil sie in sich das Bedürfnis spürten, sich zu ändern, zu besseren Menschen zu werden. Was trieb Jesus zu Johannes? Jesus selbst hatte keine Umkehr nötig; aber wollte sich in die Schar der sündigen Menschen einreihen, um seine Solidarität mit ihnen zu bekunden, um ihnen zu zeigen, dass er bereit ist, die Sünden der Menschen zu tragen bis hinauf zum Kreuz, das den Schlusspunkt zu unserer endgültigen Erlösung setzte.
Aber Erlösung muss angenommen werden, sie braucht unser Ja, unsere Bereitschaft. Für gewöhnlich leben wir doch ziemlich selbstzufrieden dahin und meinen, keine Änderung nötig zu haben. Für das Sakrament der Beichte schwindet immer mehr und mehr das Verständnis. Und wenn wir zur Beichte gehen und missmutig immer wieder die gleichen Fehler bekennen, könnte uns doch der Gedanke kommen, ob wir nicht doch in unserem Leben einiges korrigieren könnten, ob wirklich alles so weiterlaufen müsse wie immer. Aber die Umkehr erfordert eine gewaltige Leistung von uns und sie erfordert vor allem ein großes Vertrauen auf den helfenden Gott, der letztlich unsere Umkehr bewirkt, wenn wir ihm in unserem Leben Raum geben.
Über Jesus öffnete sich der Himmel und der Geist Gottes schwebte wie eine Taube auf ihn herab. Dieses außergewöhnliche Ereignis brauchen auch wir immer wieder. Dass sich über uns der Himmel öffnet, das könnte bedeuten, dass es in unserem Leben hin und wieder Augenblicke der Gnade gibt, in denen wir deutlicher erkennen, was Gott für uns Menschen bedeutet. Es ist immer wieder erschütternd, wenn man feststellen Muss, dass uns die großen Botschaften Gottes eigentlich kaum mehr berühren: von Gott geliebt zu sein, in seiner Hand geborgen sein, Verzeihung erlangen zu können, berufen zu sein für ein ewiges Leben an der Seite Gottes: berührt uns das wirklich noch. Wir sind alle diese Worte so sehr gewöhnt, zu sehr gewöhnt, als dass sie noch jene Aufregung in uns bewirken könnten, die der Start zu einem neuen Leben ist.
Unsere Zeit mit ihrer Schnelllebigkeit und ihren oft so fadenscheinigen Werten lässt alles, was mit Gott zu tun hat verblassen. Aber dieses heutige Fest am Ende der weihnachtlichen Feiertage sollte uns in Erinnerung bringen, dass es jetzt darum geht, Weihnachten in uns lebendig zu erhalten, dass wir ahnen, was Gott von uns erwartet. Und was erwartet er? Dass unser religiöses Leben bewusster wird, unsere Umkehr konkrete Formen annimmt und wir so anderen Menschen unser Christentum vorleben können. Möge Gott uns diese Gnade schenken, dass wir in einer oberflächlich gewordenen Welt die Botschaft des liebenden Gottes immer mehr und mehr begreifen dürfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

20.01.2013

2. Sonntag im Jahreskreis

Jo 2, 1-11

Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana zählt zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments. Was wir jedoch zu kennen meinen, wird schnell zum langweiligen Immer-Demselben. So laufen wir Gefahr, nicht mehr genau hinzuhören. Doch nehmen wir uns die Chance, uns selbst in dieser Geschichte wieder zu finden.
Viele Brautleute suchen sich dieses Evangelium für ihre Hochzeitsfeier aus, wozu der Titel der Geschichte schnell verleitet. Doch geht es in ihr gar nicht oberflächlich um eine schöne, gelungene Hochzeitsfeier. Das Johannesevangelium schildert zunächst eine große Peinlichkeit! Braut und Bräutigam haben wohl nicht genügend vorgesorgt. Der Wein ging ihnen aus. Die absehbare Folge davon wäre ein schnelles Ende der Feier gewesen. Mehr oder weniger enttäuscht, murrend und kritisierend hätten die Gäste den Heimweg angetreten. Zur Blamage wäre noch das unvermeidliche Gerede hinzugekommen. Das Fest wäre als gesellschaftliche Katastrophe ausgelaufen.
Genau da setzt Jesus an. Nach dem Johannesevangelium beginnt sein öffentliches Wirken ausgerechnet auf einer Hochzeit, und noch dazu mit einem Weinwunder. Seine Mutter hatte den drohenden Mangel schon vorausgesehen und ihn auf die sich anbahnende Krise hingewiesen. Maria zeigt sich als Sorgende. Zu jeder Feier gehören einfach genügende Mengen an Essen und Trinken. Jesus lässt sich bei seinem Wirken jedoch von keiner menschlichen Beziehung bestimmen, nicht einmal von seiner eigenen Mutter. Sie lässt sich aber nicht irremachen, auch wenn sie mit für unsere Ohren herben Worten zurechtgewiesen wird: „Jetzt ist noch nicht meine Stunde.“ Jesus wirkt zu seiner eigenen Zeit, er setzt seine Zeichen nicht auf Bestellung. Aber er setzt sie. Und dann im Übermaß.
In Wirklichkeit klingt der Satz: „Was willst du von mir, Frau?“ nur für unsere Ohren und für unsere gewohnte Übersetzung ein wenig ärgerlich. Im griechischen Originaltext steht da: „Ti emoi kai soi, gynai“. Und das heißt zunächst übersetzt: „Was ist zwischen mir und dir“. Wir würden in unserer Sprache etwa übersetzen: “Mach dir keine Sorgen, wir verstehen uns schon, zwischen uns gibt es doch keine Probleme.“
An der Menge Wein werden die Gäste eine ganze Zeit zu trinken gehabt haben. Aus dem bereitgestellten Wasser wurden etwa 600 Liter Wein; das bedeutet: der Wein geht nicht aus. Und der ihn kredenzt ist nicht knauserig, sondern großzügig bis zur Verschwendung. Hier wird nicht der übliche Hochzeitswein gereicht. In Quantität und Qualität übertrifft dieser Wein alles bisher Kredenzte. Er wird auch nicht in der üblichen, berechnenden Weise ausgeschenkt: Am Anfang das Gute, und dann - wenn es niemand mehr so recht merkt - das Geringere und Billigere, sondern genau umgekehrt. Dem Bräutigam wird daher zu Unrecht vom Tafelmeister ein heftiger Vorwurf gemacht. Er handle nicht in der üblichen Weise, zunächst den guten Wein vorzusetzen und dann, wenn es die angetrunkenen Gäste nicht mehr merken, den geringeren aufzutischen. Jesus hat hier die Ordnung umgekehrt. Das Beste. kommt nicht immer als erstes.
Aber es kommt uns beim Anhören dieses Evangeliums auch noch ein anderer Gedanke. Es fällt auf, die Betonung auf eine kleine Nebensächlichkeit legt: er erzählt, dass die Diener die Krüge mit Wasser füllte. Und dann sagt er dazu: Sie füllten sie bis zum Rande!
Ich bin fest davon überzeugt, dass Johannes diese sogenannt „Kleinigkeit“ nicht ohne Grund erwähnt. Warum betont er dieses Detail? Nun, diese ganze Geschichte wirft auch ein Licht auf unser eigenes Erleben und Erfahren.
Es passiert in unserem Leben doch des Öfteren, dass auch uns der Wein ausgeht. Plötzlich stecken wir irgendwo fest und kommen nicht mehr weiter. Ein Problem stellt sich aus unlösbar heraus, wir kommen mit unserer Arbeit nicht zurecht, wir haben keine Energie mehr, sind müde, wollen nicht mehr, sehen in vielen Dingen keinen Sinn mehr. Der Wein ist uns ausgegangen. Ausgegangen ist der Wein des Gesprächs, ausgegangen ist der Wein der Zärtlichkeit, des Verständnisses, ausgegangen ist der Wein der Kommunikation. Sicher haben sie es schon erfahren, dass der Gedanken eintrat: Schluss, es geht nichts mehr. Etwa bei einem häuslichen Konflikt oder unter großer Arbeitslast, bei Krankheit oder einem Unfall, beim Tod eines lieben Menschen, bei Enttäuschung, Misserfolg oder dem Scheitern einer Beziehung. Vielleicht hilft hier der Gedanke an Kana: „Es geht doch! Wider Erwarten!“ Was sollen wir also tun? Ganz einfach: das, was wir gerade noch vermögen. Nicht sagen: mit Wasser geben ich mich nicht ab, das ist nicht die Lösung. Sondern: das wenige, was wir tun können, das wollen wir auch tun, auch wenn es zunächst nach nichts ausschaut, selbst wenn es nur Wasser ist. Nur auf dieser Basis, auf unserem Tun geben wir auch Gott eine Chance für sein Wirken.
Wir erleben es immer wieder, wie ein paar armselige menschliche Worte in einem anderen Menschen allerhand auslösen können. Ja manches Mal scheint es uns Gott sehr deutlich zu machen, dass nicht wir es sind, die wirken, sondern er selbst. Das könnte uns in unserem kleinen Alltag mit all seinen Unerfülltheiten und all seinen Schwächen wieder Mut machen. Und das sollte es auch!
Was bewirkt dieses Zeichen? Zunächst einmal hilft es den Brautleuten aus ihrer peinlichen Situation heraus. Und dann bewirkt es auch den Glauben von Jesu Jüngern. Sie glauben nicht nur an eine Sache, an das Geschehene
sondern an seine Person. Die Jünger verfallen nicht in eine bloße Bewunderung ihres Herrn, sondern gelangen zu einer persönlichen Glaubensbeziehung. Ihnen wird ihre eigene Unzulänglichkeit bewusst, aber auch die Macht Jesu, dessen erste Schritte ins öffentliche Leben sie begleiten. Geschehen heute auch noch solche Wunder? Ja! Sie geschehen überall dort, wo sich der Mensch vertrauensvoll an Gott wendet und dabei nicht vergisst, die Basis zu legen, auf der Gott wirkt. Sie haben es sicher schon erlebt, wie sich im zwischenmenschlichen Bereich eine verfahrene Situation ändern kann, wenn man wieder aufeinander zugeht, wenn wir das wenige tun, wozu wir noch imstande sind.
Wenn wir das Evangelium nicht nur betrachten unter dem Aspekt, ob das alles historisch wirklich so passiert ist, sondern fragen, was die Geschichte für mich, für uns bedeuten kann, dann können wir darin Perspektiven für das eigene Leben entdecken. Aber leider haben wir vielfach unser Leben von Gott abgekoppelt. Nicht so, dass wir nicht gläubige Menschen wären, sonst wären sie ja nicht hier in der Kirche; aber so, dass wir Gott nichts mehr zutrauen. Es werden in unserem Leben immer wieder Wunder möglich, nicht solche, die die Naturgesetze aufheben, aber solche, die uns Mut machen, die uns Kraft geben, die uns aus der Angst und der Not des täglichen Lebens herausreißen. Und so können wir ganz einfach heute beten: Lieber Gott, ich gebe dir das Wasser meines Lebens und ich fülle meine Krüge bis zum Rand und gebe dir somit die Möglichkeit, dass du es wandelst in den Wein des Lebens. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

27.01.2013

3. Sonntag im Jahreskreis

Lk 1,1-4;4, 14-21

In seine Heimatstadt ist Jesus gekommen, in jenen kleinen Ort, von dem man bezweifelte, dass von dort etwas Gutes kommen konnte, in jenes kleine Nest, hingeklebt an den Hängen der Berge, nur ein paar Gehstunden vom See Genezareth entfernt. Dort wuchs er auf, dort haben in alle gekannt, ihn und Maria, seine Mutter und Josef, den Zimmermann. Wenn wir die Legenden ausklammern, die spätere Generationen über seine Kindheitsjahre erfunden haben, dann fiel Jesus in Nazareth durch nichts auf. Er war genau so wie die anderen Kinder des Ortes.
Dann kam eine Zeit, wo Jesus in Nazareth nicht zu sehen war. Er sammelte Jünger um sich, war eine lange Zeit in der Wüste, um sich auf seine Aufgabe vorzubereiten. Und eines Tages, es war an einem Sabbat, erschien er plötzlich wieder in der Synagoge.
Und in dieser Synagoge, an diesem Sabbat, geschieht etwas, das die ganze versammelte Gemeinde in Aufregung versetzte. Zunächst lief alles planvoll ab. Man reichte dem Gast die Thora, die Bibel, er schlug die betreffende Stelle auf, die ohnehin alle kannte. Es war eine Textstelle aus dem Propheten Isaias, die auf den kommenden Messias hinwies. Es war eine Botschaft für die Armen, es war eine Botschaft für die Gefangenen, eine Botschaft für die Blinden und für die Zerschlagenen. Keiner regte sich mehr auf über diesen Text, er war ja durch die ständige Wiederholung hinlänglich bekannt. Die Aufregung setzte er dann ein als Jesus die Stelle auf sich bezog, als er sagte, dass er derjenige sei, den Gott gesandt hatte. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr soeben gehört habt, erfüllt“. Dieser Satz brachte die Menge hoch. Man war daran gewöhnt auf das Erscheinen des Messias zu warten, so dass das Warten zu einer Geisteshaltung der Erstarrung geführt hatte. Man wartete eben, rechneten aber nicht mit dem Kommen des Messias.
Bei dieser Überlegung müsste uns ja etwas aufstoßen. Wir glauben ja auch an viele Dinge, rechnen aber nicht damit, dass sie eintreffen. Nehmen wir nur einmal unsere Gebete. Es sind Gebet für die verschiedenen Anliegen, die wir haben, es sind Gebete um den Frieden, es sind Gebet um unser Wohlergehen. Aber wir haben negative Erfahrungen gemacht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auf unser Gebet hin nicht die gewünschte Erhöhung folgt, trotz unserer Gebete wird es mit dem Frieden in der Welt nicht besser, trotz unserer Gebete bleiben unsere Sorgen und Nöte weiterhin bestehen. Das ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, die sie mir sicherlich unterschreiben werden. Auf gut Deutsch, wir sind verunsichert. Wir zweifeln; aber nicht laut, sondern tief in unserm Inneren. Und das nagt und frisst heimlich und leise unser Vertrauen auf.
Hat uns aber unser Gebet nicht genügend Anstösse dazu geliefert, welche Möglichkeiten wir selber haben, um etwas für den Frieden zu tun, für unser Wohlergehen? Solange wir unser Bittgebet bloß mit einem Erhörungsautomatismus verbinden, vestehen wir das Gebet falsch. Aber Gott wird auch das Geringe, das wir tun können mit seinem Segen und seiner Erhörung beschenken.
Die Menschen, die damals in der Synagoge waren, waren Menschen wie wir auch. Und wenn wir damals in der Synagoge gesessen wären, hätten wir vielleicht nicht anders gehandelt. So wie dieser Jesus kam, war er für seine Zeitgenossen nicht akzeptabel. Sie hatten andere Erwartungen. Vor allem störte es sie, dass er ja einer von ihnen war, ihr Zeitgenosse, unter ihnen groß geworden. Sie kannten ihn zu gut, um ihm das abzunehmen, dass er der Messias sein sollte. Ja, in Kafarnaum hatte er Wunder gewirkt, dort hatte er Zeichen gesetzt. Dort sind die Blinden sehend geworden, dort hat es Wunder gegeben. Und heute in Nazareth erzählt er nur davon, daheim tut er nichts.
Warum ereignen sich heute nicht auch die Wunder von denen Jesus spricht? Warum ereignen sich nicht auch in unserem Leben Wunder? Nun, wenn Jesus in einer so ernüchternden Art und Weise in unsere Welt eintritt, wenn er so kommt, wie ihn niemand erwartet hätte, dann hat das eine Bedeutung. Und die Lehre daraus ist die: wir gehören zu dieser Welt. Wir sind nicht Zuseher und Statisten, die allein von Gott Heil und Heilung erwarten dürfen. Wir selber müssen unser Teil dazu beitragen. Wenn Jesus so tief in unsere menschliche Situation hineinsteigt so liegt darin ein deutliches Signal. Die Menschen in der Synagoge staunten über die Rede Jesu; aber beim Staunen blieb es auch. Sie hätten sich fragen sollen: Warum geschehen anderswo die Wunder und nicht bei uns? Und Jesus hätte zur Antwort gegeben: Weil anderswo der Glaube vorhanden ist, der bei euch fehlt, weil anderswo die Bereitschaft auch zum eigenen Handeln vorhanden ist. Ihr seht mich nur an als einen von euch; aber ihr erkennt nicht und glaubt mir nicht und wollt nicht erkennen, dass Gott in meiner Person zu euch gekommen ist. Meine menschliche Nähe zu euch stellt sich wie eine Barrikade zwischen mir und euch auf.
So glaubten sie ihn zu kennen und kannten ihn doch nicht. Sie waren so festgefahren in ihren Vorstellungen vom Messias, dass sie ihn nicht annahmen als er ihren Vorstellungen nicht entsprach.
Ich bin der Überzeugung, dass für einen jeden von uns eine Begegnung mit Gott möglich ist, überall und zu jeder Zeit. Und diese Begegnung ist nicht an besondere Orte und an besondere Zeiten gebunden. Sie ist für den Menschen möglich, der fähig ist hinter die Dinge und Ereignisse seines Lebens zu schauen. Unser Leben läuft zwar in naturgebundenen Bahnen ab; aber durch die Tatsache, dass Gott in uns wohnt bieten alle unsere Erlebnisse und Erfahrungen die Möglichkeit, Gottes Stimme zu hören. Somit gibt es nichts Bedeutungsloses in unserem Leben, mag das was wir erleben freudig oder leidvoll sein: alles prägt uns, alles trägt zur Vervollkommnung unseres Lebens bei. Vieles in unserem Leben ist zunächst unbegreiflich und darum auch immer wieder die aufkommende Frage: Warum geschieht das mir? Warum lässt Gott das zu? Unser irdisches Leben ist nun einmal eingebunden in einen natürlichen Ablauf, in einen Aufbau und einen Verfall, ausgesetzt den verschiedensten störenden Einflüssen von innen und von außen. Und es wäre falsch alles Üble, das wir erleben als den Willen Gottes zu interpretieren. Gott will weder das Leid noch will er den Tod, das sind alles Dinge, die mit unserer menschlichen Natur gegeben sind. Was Gott tut ist, dass alle diese Dinge für unser Leben einen besonderen Wert bekommen, dass sie uns reifen lassen, dass sie letztlich auch unserem Glauben eine besondere Kraft verleihen. Wie ein Bildhauer aus einem rohen Steinblock durch verschiedenes Werkzeug und verschiedene starke Schläge ein Bildwerk formt, so werden auch wir geformt durch jedes einzelne Erlebnis unseres Menschseins. Das ist es was Erlösung meint, dass alles sinnvoll wird, alles wertvoll, alles von Bedeutung. Insofern wäre es schön und interessant, wenn wir unser Leben überschauen könnten, gleichsam wie aus der Vogelperspektive alle die inneren Zusammenhänge erkennen würden, die unser Leben ausmachen.
Aber leider stehen wir oft ratlos an den einzelnen Punkten unseres Lebens, manchmal wie in einer tiefen Schlucht über die wir nicht hinaussehen und verlieren nicht selten den Glauben an die größeren Zusammenhänge.
Darum ist das Meditieren unseres Lebens wenigstens einmal am Tag, am besten am Abend von so großer Bedeutung. Dass wir uns fragen, was wohl die einzelnen Erlebnisse unseres Tages für uns bedeuten könnten. Und dass wir bei dieser Gelegenheit auch unseren Glauben erneuern, dass auch das Unverstandene, das Unbegreifliche von Gott her in einen großen Sinn hineingenommen ist.
Die Zuhörer Jesus in der Synagoge von Nazareth wurden an Jesus irre, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprach. Sie erwarteten sein Kommen – aber nicht heute, nicht hier und nicht jetzt, nicht in einer solchen Art und Weise – und sie erkannten ihn nicht. Wir sollten mit diesen Menschen allerdings nicht zu hart ins Gericht gehen, weil wir uns in unserem ganz gewöhnlichen Alltag gar nicht zu sehr von ihnen unterscheiden.
Aber wir könnten aus dieser Begebenheit eine Lehre ziehen, damit wir nicht die gleichen Fehler begehen wie sie. Wir müssen damit rechnen, dass Gott da ist in unserem Leben, in unserem Alltag, punktgenau dort, wo wir uns befinden und dass uns der Glaube an ihn und seine Gegenwart fähig macht hinter all unseren Lebensereignisse den Sinn wenigstens zu erahnen und an ihn zu glauben, wenn wir ihn auch nicht immer begreifen. Möge uns Gott dazu helfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

03.02.2013

4. Sonntag im Jahreskreis

Lk 4, 21-30

Vor Jahren schrieb Harvey Cox sein vielgelesenes Buch „Stadt ohne Gott?“ Darin heißt es: „Die Welt ist zur Aufgabe des Menschen geworden und ist seiner Verantwortung übergeben. Der moderne Mensch ist Kosmopolit. Die Welt ist seine Stadt geworden, und seine Stadt hat sich zur Welt erweitert. Der Prozess, der dies in Szene gesetzt hat, wird von uns Säkularisierung genannt.“
Tag für Tag erleben wir das Zusammenrücken der Welt; allabendlich erreichen uns die neuesten Nachrichten aus den fernsten Ländern. Wir erfahren von den großen Errungenschaften menschlicher Technik. Was hat Gott noch in einer Welt zu vermelden, die in ihrem Übermut sich selbst zu Gott machen möchte. Wenn der Mensch sich zu Gott macht verliert er seine Verantwortlichkeit. Er ist schon nahe daran, menschliche Embryonen zu klonen und sich so ein Ersatzteillager von Organen anzulegen – allerdings auf Kosten des ungeborenen Lebens. Andererseits wird der Mensch doch immer wieder in seine Schranken gewiesen. Durch gewissenlose Verachtung der Natur hat er es so weit gebracht, dass wir uns zu fragen beginnen: Was kann ich überhaupt noch mit ruhigem Gewissen essen, welche Luft kann ich noch beruhigt atmen?
Natürlich werden die Menschen immer wieder behaupten, sie würfen Gott nicht hinaus, sie hätten ja nichts gegen ihn, im Gegenteil, sie würden seine Kirchen als wichtige Objekte des Fremdenverkehrs in Ordnung halten und pflegen. Aber sie bedenken nicht, dass der Hinauswurf Gottes aus unserer Welt im Detail geschieht, in kleinen Schritten. Die Moralforderungen der Kirche werden als zu streng und nicht mehr zeitgemäß über Bord geworfen wie einen unnötigen Ballast, die eheliche Treue wird in fast jeden Kinofilm ad absurdum geführt, die Schöpfung wird skrupellos ausgebeutet und zerstört. Das alles hat zu tun mit dem Hinauswurf Gottes aus unserer Welt.
Manchmal begegnen uns im Evangelium nebensächliche Sätze, etwa Ortsbeschreibungen, denen wir keine große Bedeutung beimessen. Auch im heutigen Evangelium ist ein Satz, den man leicht überlesen kann, ohne zu bedenken, was sich dahinter verbirgt. Lukas schreibt: Sie trieben Jesus zur Stadt hinaus und brachten ihn an den Abhang des Berges und wollten ihn hinabstürzen.
Welche Konsequenzen werden die Menschen ziehen müssen, wenn sie Gott aus der Stadt, aus ihrem Leben vertreiben? Im Letzten geht es um die Frage, ob wir auch ohne Gott und ohne Religion auskommen können. Es ist keineswegs sicher, wie die Manipulation am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens sich gestalten wird. Es ist keineswegs sicher, ob der Zusammenhang zwischen Religion und Ethik in Zukunft noch gesehen wird.
In diesen offenen Fragen stecken Befürchtungen. Der Blick in die Geschichte, in das Dritte Reich, in den Kommunismus oder Liberalismus lassen uns Schlimmes ahnen. Denn das haben wir gelernt: Wer Politik ohne Gott betreiben will, macht die Welt kaputt. Wo eine Welt ihre letzten Werte aufgibt, wo nicht mehr Verankerung des Lebens im Glauben gesucht wird, da ist die Gesellschaft gefährdet. Und wenn ein nie gekannter Traditionsbruch hinzukommt, der auch den christlichen Glauben und die Kirche erfasst, dann ist der besorgte Blick in die Zukunft schon begründet. Wer Gott los ist, muss sich selbst Halt geben. Wer Gott vertreibt, verliert seinen Wegweiser. Eine Stadt ohne Gott wird – trotz aller Vergnügungen – eine tote Stadt.
Neben der Frage „Stadt ohne Gott?“ steht auch die nach dem Leben des einzelnen Menschen ohne Gott. Jeder kann Gott aus seinem Leben vertreiben. Wie aber ist dann das Leben zu meistern?
Das Evangelium schildert die gegen Jesus aufgebrachte Menge. Jesus „funktioniert“ nicht in den Augen seiner Mitmenschen – weil er ihnen nicht gehorcht. Er gehorcht mit seiner Botschaft nur Gott. Er weiß sich eben dieser Sendung verpflichtet. Jesus bringt die biblischen Beispiele von der Witwe in Sarepta bei Sidon und vom Syrer Naaman. Beide stehen außerhalb des Volkes Israel und gerade sie haben durch die Propheten Elija und Elischa Hilfe und Heilung erfahren. Diese Worte machen die Bewohner Nazareths natürlich- und aus ihrer Sicht auch logischerweise wütend.
Trotz ihrer feindlichen Gesinnung behält die aufgebrachte Menge nicht die Oberhand. Die Bibel bleibt optimistisch. Jesus geht unbesiegt durch die Menge. Wie oft lässt sich Gott an den Rand drängen – bis zur Bedeutungslosigkeit. Auf einmal ist er wieder da – in einem Ereignis, in einer Frage, in einem Schicksal in einem Menschen. Er zeigt sich mächtig und stark, auch wenn die Menschen sich mächtiger zeigen; er schreitet weiter, auch wenn die Menschen nein sagen. Der Kardinal Newman hat das einem so wunderbar ausgedrückt als er schrieb:
„Die Zeit ist voller Bedrängnis, die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch: Nie schritt Christus mächtiger durch diese Erdenzeit....“
Treffend berührt die heutige Evangelienstelle unsere menschliche Situation. Wir entnehmen ihr, dass unser Heil und das Heil der Welt in Reichweite sind. Was die Bewohner von Nazareth nicht erkannt haben. Sie möchten sich zwar ihres berühmten Sohnes rühmen, sich aber nicht von ihm in ihrem Leben verunsichern lassen. Jesus möchte ihnen den Willen Gottes verkünden, einen Willen, der nicht gegen den Menschen steht, sondern der ihr Heil und ihre Heilung will, der den Armen und Verletzten Gottes heilende Nähe verkündet. Selbst diese frohe Botschaft lehnen die Landsleute ab, weil sie ihre eigenen Wunder sehen, letztlich aber doch in Ruhe gelassen werden wollen. Umdenken, umkehren, einen Neuanfang wagen – das liegt nicht in ihrem Sinn.
Aber was bringt uns weiter, uns Christen, in dieser scheinbar so gottentfremdeten Welt? Sehen sie, wir sind gewohnt alles in Statistiken zu erfassen, es gibt Statistiken über Kirchenaustritte und Kircheneintritte, es gibt Statistiken über den Gottesdienstbesuch und es gibt Statistiken über das Glaubensverhalten der jungen und der älteren Menschen. Aber eine Statistik ist, wie der Name schon sagt, etwas Statisches, das Aufzeigen eines momentanen Zustands, höchstens noch der Tendenz nach oben und nach unten.
Was wir Christen aber heute brauchen, das ist die Bewegung. Unser Christentum muss sich wandeln von einer bloßen Pflege der eigenen Frömmigkeit zu einem apostolischen Sendungsbewusstsein. Jeder von uns hat eine prophetische Sendung. Jeder kann mit seinem Leben etwas von Gott ausdrücken und für andere erfahrbar machen, was nur durch ihn erfahren werden kann. Jeder hat mit seiner Lebensgeschichte etwas von Gott zu erzählen, was nur durch ihn gesagt werden kann. Von dieser prophetischen Sendung und von unserer „heilenden Ausstrahlung“ darf uns niemand abhalten – auch nicht die Nächsten in unserer Umgebung, die uns gern auf ihre Bilder und Vorstellungen festlegen wollen. Wir dürfen weder Mutlosigkeit noch Pessimismus und Resignation in diese Welt hineintragen. Nur unser freudig du echt gelebtes Christentum vermag Sauerteig und Licht zu sein für die Welt in der wir leben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.02.2013

5. Sonntag im Jahreskreis

Lk 5,1-11

„Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.“ Diese Situation kennen wir und diese Situation kennen viele Menschen unserer Tage. Da ist die Klage eines Jugendlichen, der auch auf seine 50. Bewerbung eine Absage erhält. Das ist die Klage eines 45jährigen, der immer nur hören muss, er sei zu alt für einen neuen Arbeitsplatz. Die Klagen gehen weiter: Da wird eine Frau mit ihren Kindern von der Sozialhilfe abhängig, weil ihr Mann sie verlassen hat und der Sucht verfallen ist. Sie arbeitet und arbeitet und kommt nicht mehr hoch.
Da sind die Eltern, die sich bemüht haben, ihren Kindern den Glauben vorzuleben, und die nun erfahren müssen, dass ihre Kinder ganz andere Wege gehen. Da ist der Religionslehrer, der die Kinder auf die Erstkommunion vorbereitet und der erleben muss, dass 14 Tage später kaum noch ein Kind zum Gottesdienst kommt, oder der Pfarrer, der trotz aller seiner Bemühungen erleben muss, dass seine Kirche am Sonntag immer leerer wird.
Wir könnten die Reihe der leeren Netze noch fortführen. Jeder und jede von uns könnte mit persönlichen Erfahrungen dazu beitragen. Leere Netze tun weh. Sie haben sicher unterschiedliche Gründe, die oft nicht beim einzelnen Menschen liegen. Doch werden sie als Enttäuschung erfahren, auch als persönliches Versagen. Man fühlt sich ohnmächtig. Enttäuschung und Wut überschwemmen uns von innen. Resignation und Traurigkeit machen sich breit. Es fehlt ja nicht an Sachverstand und Einsatz. Aber das bringt nichts.
Mir fällt hier immer wieder Charles de Foucauld ein, ein Heiliger unserer Zeit. Mit 16 Jahren verliert er seinen Glauben und führte ein haltloses Leben. In den Jahren 1883 bis 1884 machte er eine waghalsige Forschungsreise durch Marokko. Ende 1886 erlebte er seine Bekehrung, er wurde Priester und lebte ein bescheidenes Leben mitten unter den verlassensten Menschen der Sahara. 1916 wird er von Aufständischen bei einem Überfall getötet. Von ihm wird erzählt, dass er nur einen einzigen Menschen getauft hat, eine alte Frau, die im Sterben lag.
Ich habe mir oft gedacht: war das Leben dieses Menschen wirklich so wirkungslos? Warum blieben seine Netze trotz seines heiligen Lebens so leer?
Oder gibt es auch Netze, die wir nicht sehen und die vielleicht voll sind? Gibt es Wirkungen und Früchte unseres Lebens, die wir nicht unmittelbar sehen und wahrnehmen? Ich glaube fest daran, so wie ich fest daran glaube, dass kein einziges unserer Gebete ohne Wirkung bleibt, kein einziges unserer guten Werke und entsprechende Frucht. Ich denke mir das oft bei meinem Wirken in der Schule. Die Früchte einer religiösen Erziehung sind nicht sofort zu sehen, man kann sie nicht sogleich mit dem Netz an Land ziehen. Manchmal, oft sehr viel später sehen wir aus dem, was wir gesät haben eine kleine Blüte kommen und manchesmal auch eine schöne Frucht. Aber vieles bleibt für unsere Augen unsichtbar. Wir werden bei Gott einmal die Zusammenhänge unseres Tuns und unserer Gebete sehen, wir werden dankend und Gott preisend sehen dürfen, wie viel Fisch wirklich im Netz unseres Lebens drinnen sind.
Selbst Jesus hatte keinen unmittelbaren Erfolg. Ja noch viel schlimmer, sein Leben endete mit einem Misserfolg nach außen hin. Immer mehr Menschen trennten sich von ihm. Die Jünger, die bis zuletzt blieben, flohen, als die Leidensgeschichte Jesu begann. Was blieb denn Jesus als sichtbarer Erfolg?
Und da gibt es einen ganz entschiedenen Auftrag: Werft eure Netze erneut zum Fang aus! In den Augen der Jünger sinnlos. Die Fische ziehen sich bei Helligkeit in die Tiefe zurück. Auch die Müdigkeit der Fischer spricht dagegen. Aber: „Auf dein Wort hin!“ Jesus kämpft entschieden an gegen jede Art von menschlicher Resignation, der wir nur allzu oft verfallen. Er kämpft dagegen an, die Dinge unseres Lebens bloß aus dem menschlichen Blickwinkel zu sehen, nur die Kräfte der Natur und des menschlichen Tuns anzuerkennen. Jesus eröffnet uns die Perspektive göttlichen Tuns und göttlicher Möglichkeiten, die dem glaubenden und vertrauenden Menschen offen stehen. Es geht um einen Glauben, der imstande ist, Berge zu versetzen und es geht um die Macht des Gebets.
Und es war kaum zu glauben, sie fingen eine so große Zahl von Fischen, dass ihre Netze zu reißen drohten, sie konnten die Fülle der gefangenen Fische kaum an Land bringen. Das kann also geschehen - auch in unserem Leben! Vielleicht haben sie auch schon solche Erfahrungen gemacht, dass plötzlich etwas gelang, um das man sich lange vergeblich bemüht hatte, oder dass einem etwas völlig unerwartet geschenkt wurde: Erfahrungen der Freude und des Glücks, Erfahrungen der Liebe, gelungene Versöhnung, das Gefühl der Geborgenheit inmitten aller Fragen und Sorgen. All das bläst die negative Erfahrung nicht weg, aber es lässt darin nicht untergehen. Es lädt darüber hinaus ein zur Dankbarkeit, weil wir wissen, dass nicht unser Sachverstand und unsere Arbeit das erreicht haben, sondern dass es uns geschenkt wurde, aber nicht ohne unseren Sachverstand und unseren ganzen Einsatz. Der wunderbare Fischfang ist das Ergebnis des Auftrags Jesu und des Einsatzes der Fischer. Gott schenkt seine Wunder nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch.
Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass wir die vollen Netze nicht so konkret beschreiben können wie die leeren. Es sind vielleicht kleine, unscheinbare Erfahrungen in unserem Leben, Dinge, die wir gar nicht als von Gott kommend in unser Leben einordnen und die doch Zeichen sein können für die Fülle, die Gott zu geben bereit ist, wenn wir immer wieder unsere Netze auswerfen.
Und nun folgen sie ihm nach. Sie lassen alles liegen und stehen und gehen mit ihm. Das Zeichen hat sie gepackt. Petrus bezeichnet sich spontan als Sünder, das heißt als einen, der drauf kommt, wie wenig er bis jetzt Vertrauen gehabt hat, wie sehr er den Zweifeln in seinem Leben und dem Kleinmut den Vorzug gegeben hatte. Jesus sagt: „Fürchte dich nicht!“ Wagen wir es, uns dieser Herausforderung zu stellen? Jesus ruft auch uns. Wir brauchen dafür nicht alles zu verlassen und anderswohin zu gehen. Aber eines müssen wir verlassen: unsere Mutlosigkeit, unsere Hoffnungslosigkeit, unsere Traurigkeit und unsere Resignation. Unser See ist dort, wo wir sind. Und auf diesem See wollen wir es wagen, unsere Netze auszuwerfen, wir wollen es wagen mit unseren bescheidenen Kräften. Vielleicht erleben wir jetzt schon, anfangshaft und voll Verheißung, dass etwas gelingt, überraschend und zugleich voll Zukunft. Er geht voran. Das Gelingen liegt bei uns - und bei ihm. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

17.02.2013

1. Fastensonntag

Lk 4,1-13

„Brot und Spiele“ braucht das Volk, damit es ruhig bleibt. So sagten im alten Rom die Mächtigen. Das ist das Rezept aller Diktatoren. Auch wir in unserer Demokratie sind nicht weit davon entfernt davon. Brot und Spiele, Tarifverträge und Fußball oder Tennis, und das Volk ist ruhig. Alle weitergehenden Sehnsüchte und Hoffnungen werden damit stillgelegt. Gerechtigkeit, Frieden, Menschenrecht und Menschenwürde sind dann nicht so wichtig, schon gar nicht die Beziehung zu Gott, dem Grund und Ziel meines, unseres Lebens.
All diese Versuchungen spiegeln sich im heutigen Evangelium. „Befiehl diesem Stein, zu Brot zu werden!“ - das Brot für das Volk. Auf der Zinne des Tempels: „Stürz dich von hier herab“! - die Spiele, die Sensation, das Wunder. „All diese Macht und die ganze Herrlichkeit dieser Reiche will ich dir geben“ - die Macht der Mächtigen, gleich auf wessen Kosten.
Ich kenne keine Kurzgeschichte, die so treffend und zupackend die Versuchungen auch unserer Zeit, der Mächtigen und Ohnmächtigen, umschreibt wie diese. Wo stehen wir in dieser Geschichte? Weltweit gehören wir zu den Mächtigen, die ihre Macht absichern wollen, mit welchen Mitteln auch immer. Persönlich gehören wir vielleicht zu den Ohnmächtigen, die mit Brot und Spielen zufrieden sind und die Mächtigen dann tun lassen, was sie wollen.
In welcher Situation stand Jesus nun am Anfang seiner öffentlichen Tätigkeit. Was in ihm vorging wird in der Geschichte erzählt, in der der Teufel auftritt und mit Jesus Kontakt aufnimmt. Das, was sich in der Seele Jesu ereignet wird hier nach außen in das Gespräch mit dem Versucher plastisch erzählt. Jesus stand vor der Frage: Wie bringe ich die Botschaft von Gott, meinem Vater an die Menschen heran? Soll es in der üblichen, erfolgversprechenden Art und Weise geschehen, nach der Methode, mit der sonst die Mächtigen dieser Welt sich ihre Anhänger sichern? Den Menschen Brot zu geben, das wäre doch gar nicht so schlecht. Es ist ein Urwunsch des Menschen, Brot zuhaben, innerlich satt zu werden, Heimat zu finden. Da reicht es nicht aus, ein Grundstück zu haben und darauf ein Haus zu bauen. Das geht tiefer. Dahinter steht vielmehr die Frage, was mein Leben im Letzten absichert. Ist es das Gehalt, das mir monatlich aufs Konto gebucht wird? Oder das Vermögen, das ich habe? Reicht das aus? Ist mein Wunsch nach Heimat und Brot schon erfüllt, wenn die Kasse stimmt, der Kühlschrank voll ist und die Filzpantoffel bereitstehen? „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“. Um Heimat zu finden, um satt zu werden, dazu braucht es mehr: etwa Liebe, Beziehung, Offenheit, Vertrauen und Glauben. Ich kann mein Leben nicht mit den Dingen dieser Welt absichern; ich muss es auch nicht. Sicherlich: jeder braucht Geld, um seinen täglichen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das ist klar. Die Frage ist jedoch: Welchen Stellenwert nehmen die materiellen Dinge bei mir ein? Besitze ich mein Geld, oder besitzt mein Geld mich? Habe ich mehr an Reichtum angehäuft, als ich tatsächlich zu einer vernünftigen Sicherung meines Lebensunterhaltes benötige?
Da ist also der Urwunsch des Menschen, Brot und Heimat zu haben, und da ist die Versuchung, sich diesen Wunsch mit Geld und Besitz zu erfüllen. Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht nur vom Brot“, und das Matthäusevangelium ergänzt: „sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“.
Ein zweiter Urwunsch und eine zweite Urversuchung: einen Namen zu haben, angesehen zu sein. Wie gut tut es einem Menschen, anerkannt zu werden, und was inszeniert er nicht alles, damit dies geschieht! Wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest, wird dir alles gehören“, sagte der Versucher. Und so fangen viele an, sich niederzuwerfen und sich anzupassen an das, was die Götzen unserer Zeit von uns erwarten. Etwa der Götze Werbung: dynamisch, aktiv, jung und gesund - das ist sein Idealtyp vom Menschen, und was wird nicht alles getan um diesem Typ zu entsprechen! Wie viele Opfer werden da gebracht, wie viel Zwänge sich auferlegt! Und wie viele begeben sich in falsche Abhängigkeit von anderen, nur um dadurch für sich Lob und Anerkennung zu erheischen.
Da ist der Urwunsch des Menschen, einen Namen zu haben und angesehen zu sein, und da ist die Versuchung, sich dieses Geliebt werden um jeden Preis, notfalls um den Preis von Unterwerfung und Abhängigkeit zu erkaufen. Jesus sagt: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.“ Und dieser Gott ist ein Gott, der die Freiheit und Würde des Menschen will und nicht seine Abhängigkeit.
Ein dritter Urwunsch - und eine dritte Urversuchung: Macht auszuüben, sich entfalten zu können, unabhängig zu sein. Oben, auf der Zinne des Tempels, sagt der Versucher zu Jesus: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab.“ Probier es aus, was soll dir schon passieren, du hast ja Macht! Der Mensch als Macher - selbst ist der Mann, selbst ist die Frau! Hauptsache: Ich ! Aber wohin führt die Macht, wenn die, die sie haben, nur an ihren eigenen Vorteil denken und nicht an das Wohl der anderen? Macht ist nur menschlich, wenn sie dient und hilft. Macht ist nur menschlich, wenn sie den anderen aufrichtet, anstatt ihn klein zu halten. Wie gehen wir um mit der Macht, die wir ausüben? Sind Menschen, die mit mir zu tun haben, nachher ängstlicher, niedergeschlagen, bedrückt, oder wissen sie sich von mir ernst genommen, getröstet, ermutigt?
Da ist der Urwunsch des Menschen, Macht auszuüben, und das ist die Versuchung, nur an seinen eigenen Vorteil zu denken. Jesus sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.“ Er verweist auf die Art, wie Gott seine Macht ausübt. Am Kreuz wird das deutlich: notfalls alles, ja sich selbst hergeben, damit die anderen das Leben haben.
Die Geschichte, die uns heute berichtet wird, spielt in der Wüste. Die Wüste hat in der ganzen Geschichte Israels eine entscheidende Bedeutung seit der Wüstenwanderung des Volkes ins verheißene Land. Die Wüste ist der Ort, wo nichts den Menschen schützt. Er ist der Sonne ausgeliefert, der Trockenheit, den Gefahren - Gott.
Und in der Wüste hat Jesus seine Entscheidung gefällt. Er lehnt es ab, ein bloßer Brotmessias zu sein, er lehnt es ab, die Botschaft von seinem Vater als eine billige Sensationsshow zu präsentieren, und er lehnt es ab, ein bloß äußerliche Macht über die Menschen auszuüben. Und so wird er viele Menschen enttäuschen, gerade diejenigen, die sich unter dem Messias einen Brotkönig erwartet haben, einen Machtmessias, der die politischen Situation in Palästina zurechtrücken sollte und einen Sensationsmessias, der bloß einen billigen Nervenkitzel bietet.
Jesus hat gerade durch die Schlichtheit seiner Verkündigung und durch die Ohnmacht seines irdischen Lebens viele enttäuscht aber auch viele aufgerichtet, gerade diejenigen, die nach mehr verlangten als nur nach Brot, Sensation oder Macht. Es war ein anderes Brot, das er uns gab, es war die Sensation der Botschaft von der väterlichen und mütterlichen Liebe Gottes zu uns Menschen. Es war die Botschaft von der Macht Gottes, der keine Unterdrückung braucht, um die Menschen von seiner Macht zu überzeugen.
Die Versuchungen Jesu sind auch unsere Versuchungen. Unserer Zeit ist gekennzeichnet von Orientierungslosigkeit, von dem Verlust an Werten und Perspektiven. Da bieten sich wieder falsche Messiasse an in Politik, Wirtschaft und verschiedenen Sinnangeboten, die sich als Religion ausgeben. Da ist Entscheidung nötig, Entscheidung in der Wüste unserer Tage. Der Geist Gottes, der Jesus in die Wüste führte und in den Versuchungen bestehen ließ, möge auch uns erfüllen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.02.2013

2. Fastensonntag

Lk 9, 28b-36

Die Verklärung Jesu - eine Sternstunde für die Beteiligten! Zunächst hatte er ganz normal begonnen, dieser Tag im Leben Jesu, im Leben von Petrus und den Brüdern Jakobus und Johannes - und dann wurde es ein höchst ungewöhnlicher Tag: ein Tag, an dem sich der Himmel öffnete und das Licht von Ostern seine Schatten vorauswarf.
Acht Tage zuvor hatte Jesus nach der Aussage des Lukas noch von Verfolgung, Leiden und Tod gesprochen. Er hatte zur Nachfolge und Selbstverleugnung aufgerufen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Er hatte vor dem möglichen Verlust des Lebens gewarnt: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren“. Was einmal in Galiläa so hoffnungsvoll begonnen hatte, schien jetzt - auf dem Weg nach Jerusalem - mehr und mehr auf eine Katastrophe zuzulaufen.
Doch Jesus läßt keine Katastrophenstimmung aufkommen. Er weist zwar auf das Leiden und Sterben des Menschensohnes hin, aber im selben Atemzug verheißt er auch seine Auferstehung am dritten Tag. Er spricht vom Verlust des Lebens, sagt aber zugleich auch: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten“. Und er kündigt das Erscheinen des Gottgesandten an, der in der „Hoheit des Vaters und der heiligen Engel“ kommen wird. In diesen Rahmen stellt der Evangelist die Verklärung Jesu.
Die Verklärung geschieht auf einem Berg. Der Evangelist sagt nicht, auf welchem Berg. Der Überlieferung nach war es der Tabor, jener majestätische Berg, der hoch über der Ebene Jesreel aufragt.
Berge haben seit alters her im religiösen Empfinden der Menschen eine ganz besondere Bedeutung, denn auf ihnen begegnen sich Himmel und Erde. Der Olymp z.B. : er galt in Griechenland als Versammlungsort der Götter. Oder denken wir an die Bedeutung der Berge in zahlreichen Geschichten der
Bibel. So steigt Abraham auf einen Berg, weil er dort seinen Sohn Isaak opfern wollte. Moses erhält von Gott auf dem Berg Sinai die zehn Gebote. Elija macht seine Gotteserfahrung auf dem Berg Horeb.
Auf dem Berg kann der Mensch Gott nahe sein, eine Erfahrung, die auch Jesus macht. Er zieht sich, wie die Evangelien erzählen, immer wieder auf einen Berg zurück, um zu beten. So auch im heutigen Evangelium: „Während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß.“
Lukas läßt das Ereignis der Verklärung aus dem Gebet heraus wachsen. Es heißt: „Während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß.“
Wir dürfen aber nicht einfach dabei stehen bleiben, uns das in Erinnerung zu rufen, was die Jünger damals auf dem Tabor erlebten. Es geht doch einfach auch darum, dass wir uns die Frage stellen, ob eine solche oder ähnliche Gotteserfahrung auch in unserem Leben möglich ist? Und dann noch die Frage, ob es nicht vermessen ist, eine Gotteserfahrung zu verlangen? Ich glaube nicht. Wir werden sie nicht in dieser großartigen und beeindruckenden Weise haben können wie die drei Jünger auf dem Tabor. Aber eine Erfahrung Gottes ist uns immerhin möglich, auch in unserem gewöhnlichen Leben. Wenn sie in der Wüste wandern und plötzlich Schuhabdrücke oder Reifenspuren sehen, dann schließen sie daraus, dass hier ein Mensch gegangen ist, ein Auto gefahren ist. Und so sehen wir unsere Welt, das gewaltige Universum. Und wir sehen eine einfache Blüte, einen Grashalm, einen Baum. Und das alles sind Spuren Gottes, wenigstens für den Menschen, der sich nicht mit einer oberflächlichen Zufallserklärung zufrieden gibt. Und dann gibt es noch das Zeugnis Jesu selbst. Nach einer Zeit, in der die Götter dem Menschen vielfach feindlich gesinnt waren, so dass sie durch Opfer beschwichtigt und gnädig gestimmt werden mußten, zeigt uns Jesus einen väterlichen und mütterlichen Gott, einen Gott, der bereit ist, zu verzeihen, einen Gott, der sich der Schwachen und sogar der Sünder annimmt. Jesus zeigt uns einen Gott, der in der Absicht, die Menschen zu retten bis zum Äußersten geht, einen Gott, der selbst ein Mensch unter uns Menschen wird.
Und zu all dem kommen noch die eigenen persönlichen Gotteserfahrungen. Und diese sind ein besonderes Geschenk. Und ich möchte hier den Geschenkcharakter besonders betonen, weil es einige Sekten gibt, die meinen, wir Menschen könnten mit speziellen Techniken uns eine Erleuchtung erkaufen, selbst bewerkstelligen. Und so wie die Gotteserfahrung nach dem Gebet Jesu erfolgt, so wird sie auch für uns eine Frucht des Gebets sein. Und Beten heißt, dass wir versuchen uns Gott in aller Bescheidenheit zu nähern, indem wir uns all das vor Augen halten, was Jesus über ihn gesagt hat. Das bewirkt Zuversicht und Glauben. Und diese beiden sind der Schlüssel für das Geschenk Gottes. Keiner kann Gott finden, der nicht betet. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass das Gottesbild immer blasser wird, wenn wir das Gespräch mit Gott nicht suchen. Letztlich ist er für uns dann keine Wirklichkeit mehr, wenn wir uns nicht bemühen, ihn anzusprechen. Dann fällt sozusagen der Schatten der Wolke auf uns, der Gott verhüllt. Das hat aber zur Folge, dass alles entfällt, was Gott geben kann: nämlich Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, Hoffnung, Lebensperspektive.
Das Gebet ist wirklich wie ein Lebensfaden zu Gott, der uns im Labyrinth der Welt Wegweisung schenkt. Durch diesen Lebensfaden können wir geistlich gehalten und geleitet werden. Und dann kann uns auch im Schatten der Wolke das Gebet Trost geben; mitten im Leid, wenn wir alles als zwecklos und sinnlos empfinden, kann das Gebet uns Sinn und Zuversicht vermitteln.
Die Jünger werden in die Verwandlung Jesu miteinbezogen. Sie sehen ihn in einem neuen Licht. Sie ahnen, sie erfahren: In Jesus zeigt sich der unsichtbare Gott, der Gott, von dem es heißt, dass er in unzugänglichem Lichte wohnt.
Dieser Gott ist aber niemand anderes als der Gott Israels, der Gott des Moses und des Propheten Elias. Er will den Menschen ganz nahe sein - in niemand anderem als in diesem Jesus, der am Kreuz sterben wird, aber dann vom Tod aufersteht. Die Stimme aus der Wolke sagt es: „Dieser ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“
Und die Jünger haben diese Erfahrung gebraucht. Es sind die gleichen drei Jünger, die dann später im Ölgarten bei Jesus waren, als sie ihn in seiner tiefsten Erniedrigung erlebten. Ob sie sich damals an diese beglückende Stunde am Tabor erinnert haben wissen wir nicht, aber sicher hat ihnen ihre Gotteserfahrung Mut und Kraft gegeben, durchzuhalten auch in allen Augenblicken, in denen Gott unendlich ferne schien.
Das alles trifft doch ganz konkret auch unser Leben in seinem Hin und Her zwischen Glauben und Unglauben, zwischen festen Vertrauen und unseren Zweifeln. Die Momente der Sicherheit, der Zuversicht und der Glaubensfreude, die geben uns Mut und Durchhaltevermögen für die Stunden der Dunkelheit. Und das gilt auch für unsere Kirche. Die Kirche besteht nicht nur aus menschlichen Katastrophen. Ist es nicht erstaunlich, dass unsere Medien zwar immer ziemlich geil an den Mißständen der Kirche herumkritisieren, aber kaum etwas berichten von den positiven Aspekten unserer Kirche, vom Einsatz der Christen in den Ländern der dritten Welt, von den vielen Ordensfrauen, die sich um die Kranken kümmern in den Spitälern und in den Altenheimen und sie berichten auch nicht von den Gebeten unzähliger Menschen, durch diese Gebet wird doch unsere brüchige und zum Teil degenerierte Welt wenigstens so halbwegs in Gang gehalten. Aber das gibt keine Sensationen und von den Sensationen leben doch schließlich unsere Medien. Und glauben sie mir, von der Kirche heute könnte man mehr Positives berichten als Negatives. Und somit dürfen uns Berichte von sensationshungrigen Leuten nicht sonderlich aufregen. Gerade die übertriebene und unseriöse Art, wie heute Schlagzeilen gestaltet werden, läßt uns an der Seriosität der Medien doch sehr stark zweifeln.
Gotteserfahrung? Ja, die gibt es. Und die gibt es neben allen Erfahrungen menschlicher Schwäche in unserem eigenen Leben und im Leben anderer Menschen. Und die Gotteserfahrung auch in unserem Leben mag uns über die menschlichen Schwächen hinwegtragen.

P. Paul Mühlberger SJ

03.03.2013

3. Fastensonntag

Lk 13,1-9

Das Wort von der Bekehrung und das Wort von der Umkehr sind ein geläufiges Vokabular sowohl für die Advents- als auch für die Fastenzeit. Aber seien wir uns ehrlich: wie ernst nehmen wir dieses Wort. Wir sind ja schon bekehrt. Wir glauben an Gott, wir glauben an Jesus Christus seinen Sohn, wir gehen in die Kirche, was hat Bekehrung für uns noch für einen Sinn? Trauen wir es uns zu, dass wir uns noch ändern können? Jede Beichte fordert uns heraus zu einer Veränderung; aber das dauert seine Zeit. Es sind immer wieder die gleichen Fehler, in die wir fallen, es sind immer wieder die gleichen Situationen in denen wir versagen. Und so haben wir die Hoffnung auf eine Bekehrung vielfach schon aufgegeben. Wir fühlen uns doch halbwegs gesichert in der Art und Weise wie wir unser Christentum leben.
Und somit schockiert uns das heutige Evangelium, wo Jesus sagt: „Wenn ihr so weitermacht wie bisher so droht auch euch der Untergang“. Jesus sagt das nicht etwa zu Menschen, die keinen Glauben haben, er sagt es aber zu allen jenen, die zwar die Katastrophen als ein Strafgericht Gottes für die Bösen deuten, für ihre eigene Umkehr und Änderung aber keinen Finger rühren.
Der Anlass für die Rede Jesu ist ja ein Ereignis, das sich zu seiner Zeit ereignete, eine grausame Tat des Landpflegers Pontius Pilatus, der ein Blutbad an heiliger Stätte veranstaltete und auf eine Naturkatastrophe, bei dem der Turm von Schiloach einstürzte. In der Meinung der damaligen Zeit verquickte man solche Ereignisse mit einem Strafgericht Gottes. Dem sündigen Menschen fiel eben was auf den Kopf, er erlitt die Strafe für seine Verfehlungen.
Damit finden wir uns auch ab. Den Sünder soll es nur treffen, der soll nur zahlen für seine Gottlosigkeit. Mit dieser Feststellung stehen wir alle natürlich gut da. Die Schlechten hat es getroffen, wir sind die Braven, uns ist nichts passiert. Dieser Gedankengang ist sehr modern. So hat man auch immer behauptet, Aids sei eine Strafe Gottes für die Menschen. Aber dieser Gedanken von einem Gott, der ständig sich rächend dreinhaut, wenn die Menschen gesündigt haben, entspricht nicht den Gedanken des Neuen Testaments. Aber das eine stimmt: der Mensch trägt die Folgen für seine Untaten. Wir haben jahrzehntelang gegen die Umwelt gesündigt – die Folgen sind unausbleiblich, so wie der Raucher und der Trinker seine Folgeleiden ertragen muss, weil er gegen seine Gesundheit gesündigt hat. Anstatt der verständlichen Verführung zu erliegen, seine Zeit mit Spekulationen zu vertun, ob ein vom Unglück Getroffener schuld ist oder nicht, sagt Jesus: Jeder Mensch ist ein Sünder. Vom Schicksal getroffen werden oder nicht – das sagt nicht über die Schuld oder die Unschuld eines Menschen aus. Wir kämen in Teufels Küche, wenn wir so argumentieren würden. Und schon im Buch Hiob ist diese Verknüpfung abgelehnt worden. Für Jesus ist es hier wichtig, auf die Notwendigkeit und Möglichkeit hinzuweisen, sich von Falschen abzukehren und sich dem Guten mit neuer Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diese Notwendigkeit kann in den Augen Jesu nicht ernst genug genommen werden. Aber dieser Auftrag ist eingebunden in die Wahrheit, dass Jesus wie der Weinbauer beim Weinbergbesitzer für uns eintritt und an uns glaubt. Das möge uns bei Enttäuschung, die wir im Blick auf unsere Bekehrungsversuche erlebt haben, neue Kraft geben, das in unserem Leben zu ändern, was wir ändern können.
Wie Gott gegenüber dem Menschen handelt, das erzählt das Gleichnis, das uns heute berichtet wird. Es ist das Gleichnis von einem unfruchtbaren Feigenbaum. Er soll umgehauen werden, weil er nicht die erwartete Frucht bringt. Aber der Weingärtner gibt dem Baum noch eine Chance. Er verspricht alles zu tun, um dem Feigenbaum doch noch eine Frucht abzugewinnen. „Lass mich die Erde um ihn herum aufgraben, lass mir und ihm Zeit, dass ich mich um ihn kümmere. Vielleicht bringt er ja doch noch Frucht!“ Wie viel Optimismus, wie viel Vertrauen, wie viel Hoffnung, wie viel Geduld und wie viel innere Kraft möglicherweise am Rande der Resignation oder Verzweiflung stecken in diesem kleinen und demütigen Wort- und Satzanfang „Vielleicht“? „Vielleicht bringt er doch noch Frucht“, das ist ein sehr kurzer und sehr schöner Satz der Bibel.
Und dabei wissen wir in dieser Parabel wirklich nicht wie sie ausgehen wird: Wird der Weinbergbesitzer die erbetene Geduld aufbringen und die Bitte des Gärtners erfüllen? Wird es der Feigenbaum dem Gärtner danken und im nächsten Jahr Früchte bringen? Wir wissen es nicht, aber gegen viele enttäuschende Erfahrungen mit der Veränderungsfähigkeit von Menschen stachelt die Parabel doch eher unsere Hoffnung als unsere Skepsis an. Irgendwie ist da doch ein Funke Hoffnung, sonst würde der Weinbauer seinen Herrn nicht um Aufschub bitten. Sonst hätte Lukas diese Parabel wohl auch nicht in sein Evangelium aufgenommen. So bringt er mit ihr die Zusage Gottes zu jeder und jedem von uns: Jesus Christus hat Hoffnung für uns. Mögen wir uns selbst als wenig umkehr- und veränderungsfähig erleben, mögen wir bei anderen fast am Ende unserer Geduld sein: Jesus ist der, der in solchen Situationen die Kraft der Hoffnung für uns und die anderen durchträgt. Denn im Weinbauern dürfen wir Jesus selber wieder erkennen. Er ist der, der das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht.
Aber zu dieser Geduld gibt Jesus eine Ergänzung. Auf das Vielleicht, auf die gewährte Chance, auf die uns geschenkte Zeit fällt der Ernst des ersten Teils des Evangeliums. Parallel zur Geduld Jesu muss auf unserer Seite die Bereitschaft vorhanden sein, mit der Umkehr beginnen zu wollen und mit der gewährten Geduld mitzuarbeiten. Darin unterscheiden wir uns vom Feigenbaum. Für ihn wird alles getan, was von außen her möglich ist, aber er ist eben nur ein Baum, der festgelegt ist und keinen eigenen Willen hat. Wir dagegen sind Menschen, die – wenn auch nicht total – so doch zu einem beachtlichen Teil frei sind und die ihr Leben mit ihrem Willen steuern können.
Wie steht´s mit uns? Bringen wir die erwartet Frucht? Die Umkehr zu der Jesus uns aufruft und die gerade in der Fastenzeit einen so ausgeprägten Platz erhält muss bei mir selbst, bei jedem von uns beginnen. Immer wieder neu. Uns es stellen sich die Fragen: Bin ich gut unterwegs? Brauche ich nicht eine Korrektur in meinem Lebensplan? Lassen wir uns ruhig – gerade in diesen Tagen – auch ein wenig verunsichern und hinterfragen? Wie schaut es mit meinem Lebensbaum aus? Wie schaut es mit meinen Früchten aus? Wie mit meinem Glauben? Wie mit meinen Werken der Barmherzigkeit? Wie schaut es mit meiner Verantwortung und Berufung als getaufter Christ aus – in der Feier und Stärkung der Sakramente, auch dem Sakrament der Versöhnung?
Umkehr heißt auch: die eine oder andere scheinbare „Kleinigkeit“ in meinem Leben zu ändern, ihr eine andere Richtung zu geben, oder die eingeschlagene Richtung zu verstärken. So manche „Kleinigkeit“ hat schon Leben verändert und auch gerettet.
Umkehr heißt aber auch bereit zu sein, Gott erfahren zu dürfen in unserem täglichen Leben, Umkehr heißt auch, abzugehen von den Götzenbildern dieser Welt, skeptisch zu bleiben gegenüber den Scheingöttern des Konsums und der Unterhaltungskultur. Umkehr heißt auch zu glauben an den Sinn unseres Lebens, nicht zu resignieren, wenn uns etwas trifft, für das wir momentan keine Antwort und keine Lösung wissen.
Mit aller Kraft streitet Jesus vor Gott für uns mit dem demütigen und heilsamen „Vielleicht bringt er ja doch noch Frucht!“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.03.2013

4. Fastensonntag

Lk 15,1-3.11-32

Trennung, Auseinandergehen, sich im Stich lassen – das ist heute an der Tagesordnung. Menschliche Beziehungen zerbrechen wie Glas und hinterlassen unterschiedliche Größen an Scherben. Es bleiben Verwundungen und Verletzungen zurück, an denen Menschen zu leiden haben; sie kommen sich einsam und verlassen vor, stehen hilflos und mittellos da, verfallen in Depressionen und Angst; ihre Hoffnungen und Zukunftspläne für das Leben gehen in die Brüche.
Und wie das im zwischenmenschlichen Bereich so ist, steigen Enttäuschungen, Aggressionen, Wut und Hass auf. Der eine versteht den anderen nicht mehr, will und kann nichts mehr mit ihm zu tun haben, ist für ihn gestorben, wie man so sagt. Aus, Schluss, vorbei mit der Beziehung. Da werden die Türen der Kommunikation, der gegenseitigen Verständigung zugeschlagen, und jeglicher Kontakt wird abgebrochen. Nicht nur die äußerlichen Türen und Fenster, sondern die Türen in das Innerste unseres menschlichen Daseins, die Türen des Herzens werden verriegelt.
Das, was das Evangelium des heutigen Sonntags berichtet, geschieht in unserem Land tagaus, tagein. Kinder trennen sich von ihren Eltern, Ehepartner gehen auseinander, Freundschaften und Kameradschaften brechen, Menschen haben sich nichts mehr zu sagen.
Dieses Gleichnis vom barmherzigen und guten Vater ist eine Geschichte mitten aus dem Leben. Was Jesus uns da heute erzählt, das könnte vor unserer eigenen Haustür passiert sein oder morgen passieren. Aber was er uns mit dieser Erzählung sagen will, das lässt aufhorchen, das widerspricht dem in unserer Gesellschaft allgemein Praktizierten und Gültigen. Das kann unserem Denken und unserem Leben eine ganz neue Richtung geben, und deswegen ist dieses Evangelium eine besondere Kostbarkeit, die unsere Welt hat, eine Perle im Evangelium.
Jesus stellt uns heute wieder einmal seinen überaus geliebten und barmherzigen Vater vor: unseren Gott, der ein Herz für uns Menschen hat. Und so ist Gott: Er vergibt und verzeiht uns, egal, was wir auf dem Kerbholz haben, egal, was sich in unser Leben als Bruch, als Versagen und Schuld, gewollt oder ungewollt, eingeschlichen hat – wenn wir bereit sind, zu ihm umzukehren. Gott ist viel größer als unser kleiner und begrenzter menschlicher Verstand und viel weiter als unser oft so enges Menschenherz. Unser Gott hält wie ein Vater, der sein Kind über alles liebt, seine offenen Arme für uns bereit, damit alle Wege offen sind, sich in diese bergenden Hände hineinfallen zu lassen. Diese weit geöffneten Arme und Hände, die wir uns ruhig einmal bildlich vorstellen dürfen, sind auch Zeichen für das geöffnete Herz, dem sich der verlaufene Mensch wieder anvertrauen darf.
Dieses Gottesbild, das uns Jesus hier vor Augen führt, ist einfach wunderbar! Das, was Jesus uns hier von unserem Gott verkündigt, das ist das Evangelium das ist die Frohe Botschaft. Da steckt keine Abrechnung mit Vergangenem dahinter, da wird uns nicht gedroht, da klingt keine Strafe an. Nein, die Umkehr und Hinkehr zu Gott, das ist Verzeihung und Vergebung, das ist Neuanfang. Da stellt Gott keine Vergangenheitsbewältigung an, sondern da vergisst Gott und lädt zu einem fröhlichen Fest ein und freut sich, dass das Leben einen Neuanfang gefunden hat.
Und da ist noch der zweite Sohn. Er war der Brave, er war der Daheimgebliebene, er hat sich sein Erbteil nicht auszahlen lassen. Sollen wir ihn dafür loben? Er ärgert sich über seinen Bruder und macht dem Vater Vorwürfe. Eigenartig wie er beton darauf hinweist, dass ihm der Vater nie einen Ziegenbock geschenkt hat, um mit den Freunden ein Fest feiern zu können. Diese Anklage an den Vater zeugt von seiner geistigen Enge und der Vater korrigiert ihn: “Alles, was mein ist, ist auch dein!” Er hätte sich das, was er gewollt hat einfach nehmen können. Aber er hat letztlich das, was er beim Vater hatte, nie geschätzt, es war ihm selbstverständlich und so hat er nie die Güte und Größe des Vaters kennen gelernt.
Sein Bruder aber hat leidvoll erfahren müssen, was er beim Vater hatte. Am Tiefpunkt seines Lebens hat er an seine Umkehr gedacht. Der letzte Funke an Hoffnung, der er hatte, hat ihn seinem Vater wieder in die Arme getrieben. Und das ist das Interessante und auch für unser eigenes Leben Bedeutungsvolle, dass auch das Leid, der Bodensatz menschlichen Lebens noch zu einer Quelle der Hoffnung werden kann, dass auch unser menschliches Leid noch zu einer größeren Erkenntnis Gottes verhelfen kann. In diesem Sinne steckt in allen menschlichen Erfahrungen die Gnade der Erlösung, die wohltuende Erkenntnis, dass es im Leben des Menschen nichts Sinnloses geben kann, sondern immer und überall die Möglichkeit besteht, zu Gott mit einer reicheren Erfahrung zurückzukehren. Es ist schon eigenartig, wie auch das Leid und die Not oft der Anstoß zu einem Neubeginn ist, wenn es Situationen gibt, wo alles Unwesentliche von uns abfällt und wir auf dem Grund unserer Seele, die losgelöst ist von allem Nebensächlichen, Gott entdecken. Und von da ist es nur mehr ein kleiner Schritt, um uns von ihm umarmen zu lassen.
Ich glaube, dass wir verstanden haben, was Jesus uns da über Gott sagen will. Können wir das auch in unserem Leben nachvollziehen: Vergeben, vergessen, neu anfangen, neues Leben ermöglichen? Für uns selbst und für andere? Es kostet uns natürlich Kraft. Da müssen wir manchesmal schon auch über den eigenen Schatten springen. Aber wir können dabei nur gewinnen. Gerade die Fastenzeit lädt uns dazu ein: uns von Gott vergeben und verzeihen zu lassen, vielleicht auch wieder einmal das Sakrament der Buße zu empfangen, über das wir uns so leicht herumdrücken.
Der französische Dichter Charles Péguy hat über dieses Gleichnis vom barmherzigen Vater folgendes geschrieben: Wer es zum hundertsten Mal hört, dem ist, als hörte er es zum ersten Mal: “Ein Mann hatte zwei Söhne...” Es ist schön, dieses Gleichnis, bei Lukas und sonst, auf der Erde und im Himmel. Das Gleichnis hat ein Echo geweckt, ein tiefes und starkes Echo in der Welt und im Menschen. Im Herzen des Menschen, im treuen und im treulosen Herzen. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

30.03.2013

Osternacht Kurzansprache

Ich möchte in dieser Stunde, mit einer sehr persönlichen Frage an Sie beginnen: Glauben Sie persönlich wirklich an die Auferstehung von Jesus Christus? Oder antworten Sie: Ich weiß nicht! – Oder gehören Sie zu denen, die sagen: „Ja, ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!“
Ganz gleich wie und wo Sie stehen, das was, was wir in dieser Stunde feiern, ist keine Botschaft von Gestern und auch keine bloße Erinnerung an ein längst vergangenes Geschehen. Diese Botschaft wird für uns zur Gegenwart. Es ist die Botschaft, die uns mit einem leeren Grab konfrontiert, ein Grab in dem vor wenigen Stunden noch ein Leichnam gelegen hatte. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, ist weggewälzt, das Grab ist leer. Und Engel verkünden, dass Jesus lebt.
In dieser Botschaft wird die tiefste Erwartung des Menschen angesprochen: der Hunger nach einem beständigen Leben.
Es geht bei der Auferstehung nicht bloß um die Rückkehr in das irdische Leben, sondern um eine völlig neue Lebensweise. Es geht um ein Leben, das über alle Begrenztheit hinauswächst, wie wir sie in diesem Leben erfahren. Aber diese Botschaft fordert unseren Glauben heraus, Glauben daran, dass auch die Steine von unseren Gräbern weggewälzt werden, den Gräbern, in denen unser Unglaube nistet, in denen die Zweifel zu Hause sind, Gräber der Traurigkeit und der Hoffnungslosigkeit. Wir glauben, dass auch die Gräber unserer Lieben aufgebrochen werden, dass niemand verlorengeht oder in die Sinnlosigkeit und das Nichts versinkt. Diese Botschaft ist der zentrale Punkt in unserem Glauben.
Die Begegnungen und die Erfahrungen mit dem Auferstandenen bilden die wichtigst Grundlage unseres Christseins. Aus diesen Erfahrungen entstand eine sich ausbreitende, mutige und zeugnisbereite Gruppe. Aus diesen Erfahrungen entstanden Gemeinden und eine Weltkirche bis heute.
Ist nicht in dem Licht, das wir heute im Brennen der Osterkerze und an unserer eigenen Kerze erkennen, diese Botschaft flackernd und doch kräftig angedeutet?
Ich wünsche Ihnen, dass dieses Licht Sie begleiten möge!
Ich wünsche Ihnen, dass Sie an die Wirkmächtigkeit unseres Gottes glauben können!
Ich wünsche Ihnen dieses Geschenk des Glaubens, neben all den auch wichtigen und interessanten Erkenntnissen der Wissenschaften und unserer Erfahrungswelt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

31.03.2013

Ostersonntag

Lk 24, 1-12

In der Dunkelheit der Nacht kam Maria von Magdala zum Grab Jesu. Was wollte sie dort? Die Nähe des geliebten Herrn suchen, ihre Traurigkeit dort ausweinen, dort, wo man ihn bestattet hatte. Aber es war nicht nur die Dunkelheit der Nacht, auch in ihrem Herzen war es dunkel, denn ihr war auf grausame Weise etwas genommen worden, was ihrem Leben Sinn gegeben hatte, was ihrem Leben eine neue Wendung gegeben hatte.
Und wir kennen alle die Gefühle und Ängste der Dunkelheit, denn diese gibt es auch immer wieder im eigenen Leben: die persönlichen Dunkelheiten und Ängste, wenn hin und wieder aller Trost schwindet und wir uns allein gelassen wähnen Dazu kommen noch all die Ängste von denen heutzutage die ganze Welt bedroht ist: der um sich greifende Terror, die Brutalität mit der Menschen mit ihresgleichen umgehen.
Eine Frau allein vor dem Grab Jesu. Wo waren seine Jünger? Wo waren die, die beim Einzug Jesu in Jerusalem sich noch so eng um ihn geschart hatten? Wir wissen es – sie hatten sich eingeschlossen aus lauter Angst, dass sie auch das Schicksal Jesu ereilen könnte. Sie gingen nicht zum Grab, weil sie hinter all ihrer Enttäuschung die Türe zugeworfen hatten. Ihre Hoffnung auf ein messianisches Reich, von dem sie immer wieder geträumt hatten, war zerstört. Drei Jahre der Pilgerschaft mit Jesus waren erfolglos gewesen. Sie waren einer Täuschung aufgesessen. An eine Auferstehung dachten sie nicht. Das Wort Jesu, das er bei seiner Leidensankündigung gesagt hatte, dass er auferstehen werde, das war aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht, so furchtbar waren die Eindrücke des Todes Jesu für sie gewesen.
Eine Frau, Maria von Magdala, kauert vor dem Grab und weint und durch ihren tränenverschleierten Blick bemerkt sie plötzlich, dass der Stein nicht mehr vor dem Grabe war. Ihr erster Gedanke: man hat ihn weggenommen, man hat ihn woanders hingelegt. Aber wer sollte denn so etwas tun? Sie geht nicht ins Grab hinein sondern rennt zu Simon Petrus und berichtet ihm das Geschehene. Und dann gibt es einen wahren Wettlauf zum Grab, Petrus und der Jünger, dem Jesus besonders zugetan war, Johannes, liefen zum Grab, um zu sehen, was dort geschehen war. Und sie müssen feststellen: Jesus wurde nicht an einen anderen Ort gelegt. Dort liegen ja die Leinenbinden und das Schweißtuch, mit dem der Kopf Jesu bedeckt war. Das Schweißtuch ist sogar zusammengelegt.
Da hat sich etwas Wunderbares und Außergewöhnliches ereignet. Von Johannes wird gesagt: „Er sah und glaubte.“ Er glaubte daran, dass Jesus auferstanden, wieder lebendig ist. Johannes sieht es vor sich: Jesus hat die Zeichen des Todes, die Tücher, mit denen er eingewickelt war, gleichsam von sich geworfen. Das Leben hat über den Tod gesiegt.
Ist es nicht tröstlich, dass da nichts steht von Freude und Jubel, nicht von einer Begegnung mit dem Herrn, sondern nur von Schrecken, Enttäuschung, Ratlosigkeit und Verzweiflung angesichts des leeren Grabes? Erst im letzten Satz klingt ganz leise der beginnende Glaube des Johannes an.
Auferstehung, das ist für Maria Magdalena und die Jünger etwas so Neues, so Unerwartetes, Unerhörtes, dass sie lange brauchen, um zu verstehen. Und die Begegnung mit dem Auferstandenen lässt noch auf sich warten, aber sie wird ihnen zuteil werden, sowohl Maria von Magdala als auch den Jüngern als diese wieder heimkehren wollten zu ihrer gewohnten Arbeitsstätte. Da ist er den Jüngern von Emmaus begegnet, da hat er mit ihnen gegessen und letztlich all ihre Zweifel behoben. Wie tröstlich für uns, dass sie so mühsam von der Auferstehung des Herrn zu überzeugen waren und davon dass er lebte und unter ihnen gegenwärtig war.
Auch wir stehen immer wieder vor leeren Gräbern, schockiert und weinend, weil wir meinen, es sei alles aus, sei alles ohne Sinn. Wer hat nicht schon einmal solche Gedanken der Hoffnungslosigkeit mit sich herumgetragen? Sogar deutliche Zeichen der Auferstehung können missverstanden werden von dem, der sich zu sehr in Hoffnungslosigkeit und eigene Vorstellungen verbohrt hat. Wir sind heute, 2000 Jahre nach jenem ersten Osterfest, nicht klüger als Maria von Magdala und die Jünger Jesu. Wie ihnen muss auch uns erst der Auferstandene selbst begegnen und uns die Augen öffnen für die Hoffnungszeichen Gottes, damit wir glauben und verstehen können.
Der Stein vor dem Grab steht zunächst nicht für etwas Positives. Er wirkt massiv und endgültig. Jesus ist gestorben und begraben worden. Ein schwerer Stein verschließt das Grab. Am Ostermorgen aber wird diese Endgültigkeit aufgebrochen. Der Stein ist weggewälzt, der Weg zum Leben geöffnet. Steine sind Symbole für Lebloses, Totes und Schweres, mit ihnen verschließt man Gräber. Der Stein des Ostermorgens aber zeigt das Gegenteil. Er wurde bewegt, wurde entfernt. Die harte, leblose Masse, ein Bild für die Schuld der Menschen, konnte den Herrn des Lebens nicht halten. Seine Auferstehung nimmt zwar dem Stein nicht die Härte, der Tod ist auch weiterhin Realität, mit der wir rechnen müssen, sie zeigt aber, der Stein ist beweglich. Christus hat den Stein des Todes weggewälzt und der Menschheit den Weg zum ewigen Leben geöffnet.
Nebenbei ist es immerhin interessant, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod, an eine Auferstehung so tief in der menschlichen Existenz verwurzelt ist, dass dieser Glaube und die damit verbundene Hoffnung den Menschen durch seine ganze Geschichte hindurch nicht verlassen hat.
Heute ist Ostern. Sollen wir nun mitjubeln, auch wenn es uns nicht danach zumute ist? Vielleicht wird es uns wenigstens leise, anfangshaft möglich, wenn wir uns bemühen, unsere eigenen Zweifel und Vorstellungen loszulassen und aufmerksam zu werden auf die leeren Gräber, die es auch in unserem eigenen Leben gibt. Wir können versuchen, sie mit den Augen des Johannes zu sehen und zu glauben, dass sie Zeichen Got6tes für den Anbruch neuen Lebens sind. Es wird nicht immer einfach sein – aber ich kann ihnen versichern, es ist lohnend, sich auf diesen wahrhaft österlichen Weg zu machen! Viele dunkle Stunden unseres Lebens werden dann einen Schimmer vom Osterlicht erhalten, und wir werden, ob wir es wissen oder nicht, zu Zeugen des Auferstehungsglaubens: weniger durch Worte als durch unser Sein; dadurch, dass wir den Glauben und die Zuversicht bewahren, wo andere verzweifeln.
In diesem Sinne möchte ich ihnen allen ein gesegnetes Osterfest wünschen.

P. Paul Mühlberger SJ