07.04.2013

2. Sonntag in der Osterzeit
Jo 20, 19-31



Armer Thomas, was haben wir mit dir gemacht? Für ganze Generationen von Christen hast du als schlechtes Beispiel des Zweifels herhalten müssen, damit wir mit dem Finger auf dich zeigen konnten. Schau an, dieser da, der hat gezweifelt, und zwar wie! Er hat den Herrn versucht, er war nicht zufrieden damit, dass der Herr auferstanden ist, dass er lebt und sich seinen Freunden gezeigt hat. Nein, Thomas ist unverschämt. Er sagt, er kann nur glauben, wenn er seine Hände in die Wunden des Herrn legen kann.
Er hat es nicht miterlebt, als der Herr durch die verschlossenen Türen kam und plötzlich vor den erstaunten Jüngern stand. Er war einer von den Zwölf, gehörte also zum inneren Kreis. Da kann man schon fragen: Wieso war er nicht dabei? War seine Betroffenheit über den Tod Jesu so groß, dass er sich einfach von der Gemeinschaft distanziert hat? Wir kennen diese Situation ja alle aus unserer eigenen Erfahrung: Wenn uns ein besonderes Leid trifft, dann wollen wir einfach für uns allein sein, dann verkriechen wir uns in die Isolation.
Was hat Thomas gewollt? Er hat den Auferstandenen berühren wollen, um glauben zu können.
Nein, er hat viel mehr gewollt – er hat Gott berühren wollen.
Das wäre doch eine feine Sache, Gott berühren zu können. Berührung ist einfach etwas ganz anderes als das Sehen oder das Denken über etwas oder das Hören. Im Berühren nähern wir uns einer Sache ganz anders. Wir nähern uns auch einem Menschen ganz anders. Das wird dann deutlich, wenn wir uns einem Menschen besonders verbunden zeigen wollen. Dann wollen wir ihn berühren, wollen ihn umarmen. Die Berührung ist für unser Leben etwas Wichtiges. Nicht umsonst sagen wir, wenn wir etwas verstanden haben, wir hätten es „begriffen“. Ich habe „Begriffen“, was du mir gesagt hast. Begreifen ist noch mehr als Verstehen.
Beim kleinen Kind können wir beobachten, wie wichtig das Be-Greifen fürs Begreifen ist. Die Dinge werden in die Hände genommen, zum Mund geführt, rundherum abgelutscht, weggeworfen, noch einmal in die andere Hand genommen. Das kleine Kind macht hier etwas Ähnliches wie wir, wenn wir etwas verstehen wollen; dann müssen wir es von verschiedenen Seiten her abtasten, und sei es auch nur in der Vorstellung. Welcher Beliebtheit erfreuen sich Wühltische in Kaufhäusern, in denen man die Waren auch einmal mit den Händen berühren kann.
Nun, Thomas will nicht nur sehen, ihm geht es um mehr. Das müssen wir uns einmal genauer ansehen. Sind nicht die anderen Jünger, denen sich der Auferstandene zeigt, merkwürdig verschwommen geschildert im Vergleich zu Thomas? Von den anderen wird kein Name genannt. Und dann tritt Thomas in den Vordergrund und zwar mit einer scheinbar unverschämten Forderung, und er wird ganz lebendig geschildert. Er stellt eine Bedingung für seinen Glauben; er will nicht auf das erstbeste Trugbild hereinfallen, nein, er will seinen Meister berühren.
Wenn ich mir vorstelle, was sich Thomas mit diesen Worten wünscht, klingt es für mich immer, als wollte er Jesus noch einmal wehtun. Statt die Wunden heilen zu lassen, will er daran rühren. Schlimm genug, dass er den anderen nicht glaubt. Er äußert ja, dass er Jesus nicht einmal glaubt, wenn er vor ihm steht. Er will ihn berühren, auf die Gefahr hin, dass die Wunden noch einmal aufplatzen.
Jesus hat oft den Unglauben seiner Jünger getadelt und beklagt. Was wird jetzt passieren? Wir wissen es: Jesus kommt Thomas im wahrsten Sinn des Wortes entgegen. Er erscheint den Jüngern noch einmal, und es wird von dieser Begegnung sonst nichts berichtet, als dass Jesus dem Thomas anbietet, ihn so zu berühren, wie es Thomas vorher gefordert hatte. Keine Verurteilung des ungläubigen Thomas. Kein Vorwurf.
Wir sind nicht in der glücklichen Lage, Jesus berühren zu können. Für uns gilt immer noch das Wort Jesu, das er zu Thomas sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Aber es sind uns dennoch Berührungen Jesu möglich. Ein anderes Wort des Herrn führt uns da ein wenig weiter, wenn er sagt: „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr an mir getan.“ Wir können unseren Gott berühren, jeden Tag, ganz einfach. Wir können das in unserer Umgebung tun, immer dann, wenn wir eine Wunde tatsächlich berühren und betasten; wir können das tun, indem wir uns einem Menschen zuwenden, seine Not wahrnehmen und nicht einfach darüber hinwegsehen. Wenn wir das getan haben, dann haben wir Gott berührt.
Vielleicht klingt das ein wenig harmlos und wenig zufrieden stellend. Aber möchte uns Jesus nicht sagen, dass es in unserem religiösen Leben nicht nur darauf ankommt, in frommen Erinnerungen am Leben Jesu uns zu ergehen, sondern dass wir wissen, dass uns nahe ist, und das nicht nur in seiner Gegenwart als Auferstandener, nicht nur durch seine Gegenwart im Sakrament, sondern auch in den vielen verletzten Menschen unserer Tage. Wenn Thomas die Wunden Jesu sehen wollte und nicht nur das, sie auch berühren wollten, die Wunden eines Gottes, der sich für uns verletzen ließ, so sehen wir auch heute die vielen Wunden von Menschen, die doch den Leib der Kirche bilden, seinen Leib, den Leib des Auferstandenen. Als Auferstandener hat Jesus seine Wunden behalten als sichtbares Zeichen seiner Verletzlichkeit, seiner Liebe zu uns Menschen. Wir haben keinen Gott, der wie die anderen Götter ist, keinen Gott, der unbeteiligt und uninteressiert ist am Los der Menschen. Wir haben keinen Gott, den wir bequem verehren können; ab und zu ein kleines Opfer und es ist in Ordnung. Wir haben keinen Gott, der uns in Ruhe lässt und den wir in Ruhe lassen. Wir haben vielmehr einen Gott, der uns in Jesus ein menschliches Antlitz zeigt und der uns darauf aufmerksam macht, dass jeder Mensch die Spuren Gottes in seinem Antlitz trägt, mag dieses Antlitz auch entstellt sein und unansehnlich. Vielleicht wäre unsere Zuwendung zu den verwundeten Menschen unserer Tage der Schlüssel, der auch uns den Glauben vermitteln könnte.
Gott ist in der Wirklichkeit unseres Lebens zu finden, unter allen Dingen, die wir berühren und begreifen können!
Es war einmal eine gläubige und fromme Frau, die Gott liebte. Jeden Morgen ging sie in die Kirche. Unterwegs riefen ihr die Kinder zu, Bettler sprachen sie an, aber sie war so in sich versunken, dass sie nichts wahrnahm.
Eines Tages ging sie wie immer die Straße hinab und erreichte gerade rechtzeitig zum Gottesdienst die Kirche. Sie drückte an der Tür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Sie versuchte es heftiger und fand die Tür verschossen.
Der Gedanke, dass sie zum ersten Mal in all den Jahren den Gottesdienst versäumen würde, bedrückte sie. Ratlos blickte sie auf und sah genau vor ihrem Gesicht einen Zettel an der Tür.
Darauf stand: „Ich bin hier draußen!“

P. Paul Mühlberger SJ

14.04.2013

3. Sonntag in der Osterzeit
Jo 21, 1-19



In immer neuen Versionen wird uns in den Ostergeschichten der Evangelien der Auferstandene vorgestellt. So verschieden und widersprüchlich die einzelnen Erzählungen auch sein mögen, sie haben doch nur eine Absicht, zu erklären und zu bezeugen: Der gekreuzigte Jesus lebt in neuer, unvorstellbarer Lebensfülle. Auch das heutige Evangelium bietet uns einen Anschauungsunterricht „in Sachen Ostern“. Ich will drei österliche Aspekte herausgreifen:
Da ist zunächst die Begegnung mit dem Auferstandenen im Berufsalltag der Fischer. Was haben sie gemacht, die Jünger und Apostel nach der Auferstehung des Herrn. Zunächst sind sie wieder an ihre gewohnte Arbeit zurückgekehrt, an den See, zu ihren Booten und ihren Fischen. Jesus hatte sie noch im Ungewissen gelassen über das, was er mit ihnen vorhatte. Die Szene, die Johannes uns hier schildert hat große Ähnlichkeiten mit der Begebenheit als Jesus seine Jünger vor drei Jahren berufen hatte. Wieder einmal hatten sie eine Nacht vergeblich gearbeitet, nichts gefangen. Sie können Jesus, der am Ufer steht, nicht einmal etwas zum Essen anbieten. Und dann kommt der Auftrag: Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus! Und als sie das Netz einholten, war es voll von Fischen. Und nun erinnert sich Johannes, das dieses Ereignis schon einmal geschehen war und er sagt zu den anderen: Es ist der Herr!
Denken wir da nicht auch ein wenig an unsere eigene Hilflosigkeit, an all die vergeblichen Stunden und Tage, in denen unsere Netze leer blieben, denken wir da nicht an all die Zeiten, wo wir versucht waren, alles aufzugeben, weil uns alles vergeblich schien. Und dann ist es das Erstaunliche, dass auch an unseren Ufern, an den Ufern der Vergeblichkeit, immer wieder der Herr steht. Oftmals ist er von uns nicht so einfach erkennbar. Es ist vielleicht ein Mensch, der uns Mut zuspricht oder unser Gebet, durch das uns wieder neuer Mut geschenkt wird. Es geht um eine Offenbarung, wie es Johannes am Anfang seiner Erzählung auch ausdrückt: Jesus offenbarte sich seinen Jüngern noch einmal, es war am See von Tiberias. Und Offenbarung ist ein Geschenk, wir dürfen mit diesem Geschenk rechnen, aber wir können es nicht berechnen. Worauf es ankommt ist, dass wir uns auf Gott einlassen, dass wir mit ihm rechnen, in allen Situationen unseres Lebens. Der Glaube schenkt mir ein Gespür, dass eine bestimmte Situation Anrufcharakter hat und dass der Auferstandene mich durch sie anspricht oder Er mir begegnet in einem unbekannten Jemand.
Der auferstandene Jesus lädt wie schon zu seinen Lebzeiten vor seinem Kreuzestod die Seinen ein zu einem Mahl. Seine Praxis hat sich nicht geändert. Die Siebenzahl der Jünger ist eine Zahl der Fülle und steht stellvertretend für die Unzähligen, die zum Ostermahl geladen sind, wie übrigens auch die Zahl 153 symbolisch zu stehen ist.
Und nun müssen wir uns ein wenig in Petrus hineindenken. Er war sich nicht sicher, was Jesus nun mit ihm anfangen würde; er hatte ihn immerhin dreimal verleugnet. Er wartet auf ein kleines Wort von ihm, auf ein Zeichen der Vergebung. Und da beginnt Jesus an ihn drei Fragen zu stellen. Drei gleiche Fragen: Simon Petrus, liebst du mich mehr als diese? Vor der Gefangennahme Jesu hatte sich Petrus ja gleichsam über die anderen Jünger gestellt: „Wenn auch alle an dir irre werden, ich nicht!“ Nun ist er mit seiner Antwort ein wenig bescheidener geworden: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe!“ Vielleicht hat sich Petrus einen Tadel erwartet, wie wir es getan hätten, so ein wenig mit dem erhobenen Zeigefinger: Du hast große Worte gebraucht und im entscheidenden Augenblick bist du doch schwach geworden, du hast dich übernommen, Petrus! Aber nichts von alledem. Jesus verzeiht in einer Art und Weise, die zwar die Verfehlung wieder gut machen lässt aber in keiner Weise beschämt.
Und Petrus hat etwas gelernt, etwas, das auch wir immer wieder zu lernen hätten: dass wir die eigenen Schwächen und Unfähigkeiten, ja selbst die eigenen Fehler aufgehoben wissen in der mächtigen Hand Gottes. Es kommt auf das Miteinander an, dass wir uns mit Gott so stark verbunden wissen, dass uns unsere eigene Unfähigkeit und Schwäche nicht mehr allzu sehr niederdrückt, ja dass selbst unsere Fehler uns nicht mehr so belasten dürfen, dass wir deswegen die große Liebe Gottes vergessen und seine Bereitschaft an unserer Seite zu bleiben.
Und dann spricht Jesus zum Schluss das bedeutsame Wort: „Folge mir nach! Und dieses Wort gilt auch für jeden von uns. Wir wissen, dass unsere Nachfolge dort ihr Ziel hat, wohin Jesus uns vorausgegangen ist, um auch uns an seiner Seite eine Wohnung zu bereiten. Der Weg dorthin wird dem seinen ähnlich sein, er geht auch für uns durch Kreuz und Leiden hindurch, durch Misserfolg und Trostlosigkeit, auch mitunter durch Zweifel. Aber wir sollen überall, wo wir hinkommen und dort wo wir leben die Botschaft von der Auferstehung verkünden, die Kunde vom Sohn Gottes, der weiterhin lebendig unter uns weilt und jedem von uns an der Seite steht.
Zweitrangige Fragen verdecken heute das Christuszeugnis und die Christenverkündigung, und untereinander geht es auch nicht immer sehr christlich zu; Polarisierung nennen wir das. Wir können nicht so tun, als gäbe es keine Konflikte; aber wir dürfen den Blick nicht verlieren für das Wesentliche: Gottes Willen zu suchen und in Liebe zu tun. Wer die Liebe verletzt, kann sich nicht auf Jesus Christus berufen. Vielleicht auch sollten wir immer wieder und erneut über das nachdenken, was wesentlich für die Kirche ist, denn die Kirche kann nicht von oben und durch Gesetze reformiert werden; Reform der Kirche geschieht durch Bezeugung des Glaubens und durch das Wirken des Geistes; nur darin erweist sich schlussendlich, was gottgewollt, was göttlich – und damit einzig letztverbindlich – ist an dieser Gemeinschaft.
Um das zu erkennen und erfahren, braucht es Mut, Vertrauen auf diesen Geist Gottes, Geduld und Gelassenheit. Im Zuge des Petrusverhörs vor dem Hohen Rat formuliert es ein Ratsherr so: Wenn etwas von Menschen stammt, wird es vergehen; stammt es aber von Gott, so kann es nicht unterbunden werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

21.04.2013

4. Sonntag in der Osterzeit
Jo 10, 27-30



Ist es ihnen auch schon aufgefallen, dass viele Menschen nicht mehr vom Beruf sprechen, sondern vom Job. Was ist da eigentlich der Unterschied? Nun, Job, das ist etwas zum Geldverdienen, Job ist etwas, das man annimmt, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet und das man wieder weglegt, wenn andere Möglichkeiten auftauchen, eine bessere Stellung, ein günstigeres finanzielles Angebot. „Beruf“, das ist etwas, zu dem man sich innerlich hingezogen fühlt. Da wird nicht in erster Linie aufs Geld geschaut, sondern darauf, ob das, was ich tun werde mich auch menschlich ausfüllt, ob es meiner Veranlagung und Begabung entspricht.
Mit der geistlichen Berufung scheint es da nochmals eine besondere Sache zu sein. Diese Berufung scheint in all den Berufskatalogen, die heutzutage durch die Schulen wandern, in all den Informationsstunden, die gehalten werden überhaupt nicht auf. Man hat fast die Meinung, es handle sich bei dieser Berufung um irgendetwas Irreales, nicht Wirkliches, um eine Art Traumbild oder um eine Sache für besonders religiös Begabte. Der Priester- und Ordensberuf wird zwar von der heutigen Gesellschaft geschätzt, aber kaum mehr angestrebt. Die Gründe sind vielfältig.
Da ist einmal die Lebenssituation heutiger junger Menschen. Was heute bei vielen jungen Menschen zählt, das ist das momentane Erleben. Die Antwort eines jungen Menschen auf die Frage nach dem Sinn des Lebens war: Ich möchte meinen Spaß haben. Und dazu dienen vielerlei Dinge. Ein junger Mensch von heute kann sich allerhand leisten in unserer Wohlstandsgesellschaft. Jeder kann sich seinen Spaß verschaffen dank dem vielfältigen Unterhaltungsangebot unserer Gesellschaft. Mit 18 macht man den Führerschein und wahrscheinlich steht mit der Matura auch schon das Auto vor der Tür. Und so lange die Eltern für den finanziellen Bedarf des jungen Menschen aufkommen, spielt auch eine längere Studiendauer keine Rolle mehr. Filme und Zeitschriften sorgen dafür, dass die Wünsche junger Leute immer konsumorientiert bleiben.
Und die religiöse Situation in unseren Familien? Ich glaube, es ist am schlimmsten, wenn die Erwachsenen, die Erziehung zu leisten hätten, dem Religiösen gegenüber uninteressiert sind. Das Religiöse spielt auf weite Strecken keine Rolle mehr. Es wird nicht mehr gemeinsam gebetet und auch nicht mehr der Gottesdienst besucht. Und so bekommt der junge Mensch in seiner ganzen menschlichen Entwicklung eingeflößt, das Religion eigentlich keine Rolle spielt, sie dient gerade noch als Serviceleistung für familiäre Höhpunkte: so die Taufe, die Firmung, die Hochzeit und das Begräbnis. Das wäre auch schon alles.
Nun wird uns allmählich klar, dass das nicht der Boden sein kann, auf dem religiöse Berufe gedeihen. Dabei möchte ich klar zum Ausdruck bringen, dass ein junger Mensch nicht von Natur aus unreligiös ist, ganz im Gegenteil, sein Interesse an Religion verliert er erst durch eine eindimensionale Erziehung und durch eine falsche Wertorientierung. Und es ist auch nicht so, als ob Gott nicht auch heute Menschen berufen würde. Aber seine Rufe werden nicht mehr gehört, dringen nicht mehr vor bis zur Tiefe der menschlichen Seele. Es ist schon zu viel verschüttet als dass ein Anruf Gottes noch gehört werden könnte, geschweige denn, dass Bereitschaft entstünde ihm auch zu folgen.
Sollen wir also jetzt mit dem Beten um geistliche Berufe aufhören, weil es anscheinend doch nichts bringt. Seien wir ehrlich, das haben wir uns doch alle schon einmal gedacht. Vielleicht sollten wir auch einmal daran denken, ob Beten allein genug ist? Ob nicht auch von uns eine Änderung erforderlich wäre, ob nicht unser Zeugnis zu schwach ist, namentlich das Zeugnis derer, die in einem geistlichen Beruf stehen. Sehen sie, wir können nicht die Zeit einfach zurückschrauben. Wir können uns auch nicht immer einen Krieg oder eine Notzeit wünschen, damit die Menschen wieder zur Vernunft kommen und mehr an Gott denken. Und solche Gedankengänge gibt es wirklich bei so manchen Menschen. Wir können als Priester und Ordensleute und auch als Christen auch nicht einfach alles mitmachen, was so die Welt in Atem hält, wir brauchen nicht mit aller Kraft modern zu sein und wir brauchen auch nicht unsere Gottesdienste zu multimedialen Shows umzugestalten.
Aber irgendetwas müßte es doch an Veränderungen geben. Und es müßte auch ein wenig mehr Mut geben in all den Dingen, die der Lebenssituation der Jugendlichen ein wenig mehr entspricht. Wir müssten auf irgendeine neue Weise zeigen können, dass der Dienst als Priester, als Ordensmann oder Ordensfrau glücklich machen kann, glücklich von innen heraus. Wir müssten zeigen können, dass der Dienst für Gott an den Menschen erfüllen kann und nicht weltverneinend zu sein braucht. Ich habe einmal für eine Reisegruppe der Post einen Einführungsvortrag für eine Ägyptenreise gehalten. Und danach wunderten sich die Zuhörer, dass ich ein „Pfarrer“ bin, der auch so etwas macht. Ich mache in meinen Ferien immer Reisleiter für ein Reisebüro. Da fragte einmal ein Mann im Büro nach: „Wenn da als Reiseleiter ein P. Mühlberger angeführt ist, das wird doch nicht eine zu fromme Reise sein, wo nur gebetet wird.“
Diese Meinung ist symptomatisch für viele Menschen, die meinen, dass sich mit einem geistlichen Beruf eine Einengung ereignet. Da wird immer noch ein Bild der Frömmigkeit tradiert, das einseitig ist. Wenn wir heute als Berufene zu den Menschen gehen und sie ansprechen, dann braucht die Welt, die ja immerhin eine Schöpfung Gottes ist, nicht draußen zu bleiben, dann braucht auch der Humor nicht zu kurz zu kommen und dann braucht ein junger Mensch seine vielfältigen anderen Begabungen nicht einfach einzufrieren, sondern er kann sie in sein religiöse Tun einbauen und mit ihnen arbeiten.
Es ist interessant, dass heute religiöse Berufungen nicht allein und ausschließlich aus sogenannten frommen Familien kommen. Es gibt auch viele suchende Menschen, die zu einem religiösen Beruf finden aus der Situation ihrer Suche nach Glauben und Sinn des Lebens. Somit ergibt sich auch die Notwendigkeit, jungen Menschen bei der Sinnfindung zu helfen. Das Jammern über die triste Glaubenssituation junger Menschen bringt uns nicht weiter. Wir müssen in einer neuen Zeit neue Wege und Möglichkeiten finden sowohl was das Priestertum anbelangt als auch im Ordensleben. Wir können heute nicht mehr bloß abwarten, dass wer kommt, vielmehr müssen wir auf die jungen Menschen zugehen, allerdings mit dem nötigen Fingerspitzengefühl. Und dieses Zugehen besteht nicht darin, dass wir uns auf die Trendebene unsere Zeit begeben, so sein wollen, wie es Jugendliche auch sind. Das würde uns nur lächerlich machen. Aber wir müssen junge Menschen dort abholen, wo sie stehen, wir müssen ihre Situation verstehen, ihre Probleme und ihre Sprache. Sie erwarten sich von uns sicherlich mehr als dass wir uns ihnen angleichen. Sie erwarten sich Verständnis aber auch ein klärendes Wort, sie erwarten sich, dass man sie ernst nimmt aber ihnen auch eine rettende Hand reicht, wo es nötig ist. Sie erwarten sich ein Eingehen auf ihre Frage aber auch ein entschiedenes, wenn nötig hartes Wort.
Dass viele Jugendliche heute anderes sein wollen, als wir Erwachsene, das haben sie sicherlich auch schon bemerkt: zerfetzte Kleidung, Irokesenhaarschnitt, ungepflegtes Äußeres, Ringe in den Ohren, den Lippen oder sonstwo. Wir schütteln darüber den Kopf und lachen. Aber ist es von den Jugendlichen her nicht auch ein Signal: Wir wollen anders sein als ihr, wir haben eure Plattheiten satt und vielleicht auch eure Frömmigkeit hinter der manchmal nicht viel steckt, wir wollen lieber unseren Geschwindigkeitsrausch mit unseren schnellen Fahrzeugen, wir wollen lieber untertauchen in den Rausch unserer Drogen. Wir wollen uns keine Gedanken über die Zukunft machen, weil wir von euch Erwachsenen keine Zukunft erwarten. Zu oft habt ihr uns enttäuscht. Gebt uns eine Orientierung und vor allem: lebt sie uns vor!
Wenn Jesus im heutigen Evangelium vom Guten Hirten spricht, so versteht er sich nicht als Beherrscher einer willenlosen Herde. Es wird darauf hingewiesen, dass der Hirt jedes seiner Schafe kennt, dass er eine Stimme hat, auf die die Schafe hören, und dass ihm die Schafe folgen.
Haben wir auch eine Stimme, die gehört wird? Können wir selber auch hören? Denn unser Sprechen setzt voraus, dass wir auch hinhören können auf den Gesprächspartner, auf das was ihn bedrängt und bedrückt, auf das wonach er fragt und eine Antwort haben möchte.
Und: Kennen wir die Menschen, mit denen wir es zu tun haben? Sie sind nicht immer einfach, ich weiß das von der Schule her; aber sie sind doch immer wieder bereit auf das, was man sagt, wenn sie wissen, dass hinter unserer Rede der Versuch dahintersteckt, den anderen zu verstehen. Und folgen uns die Menschen nach? Sicherlich, wenn sich unser Zeugnis nicht nur auf Worte beschränkt, sondern unser ganzes Leben umfaßt.
Warum in unserer Gesellschaft die Priester- und Ordensberufe so drastisch schwinden, das ist nicht nur die Schuld junger Menschen, die sich dem Anruf Gottes versagen, das ist auch die Schuld von Menschen, denen es nicht mehr gelingt, Verständnis für das Religiöse zu wecken, denen es nicht mehr gelingt, das Freudige der Berufung hervorzukehren. Das soll aber keine Schuldzuweisung sein. Der Sachverhalt ist komplizierter. Aber wir sollten Gott am heutigen Tag und immer wieder um folgendes bitten: dass er uns den nötigen Blick gibt für unsere Zeit, dass wir merken, was ihr fehlt, dass es uns gelingt junge Menschen wieder anzusprechen und zu fordern und ihnen die Inhalte zeigen, die ihr Leben herausholen aus einer bloßen Konsum- und Genußwelt. Zugegeben, wir sind in der ganzen Frage ziemlich hilflos. Aber Gott könnte uns auch einen Weg zeigen, wie wir unsere eigene Hilflosigkeit überwinden können. Darum wollen wir ihn bitten, ihn den Herrn der Ernte und den Rufer, der die Herzen der Menschen berühren kann. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

28.04.2013

5. Sonntag in der Osterzeit
Jo13, 31-35

Ein kleines Mädchen und seine Mutter besuchten die Kirche. Das Kind fragte: „Mama, wohnt hier der liebe Gott?“ Die Mutter: „Was denkst du?“ Darauf das Kind: „Der Opa hat gesagt, Gott ist da in dem Kästchen“ – das Kind zeigt auf den Tabernakel – „wo das heilige Brot aufgehoben wird, aber ich glaub´ nicht, dass der liebe Gott sich so einsperren läßt.“
Ich denke, wach und lebendig hat das Kind erfaßt, dass hier ein grobes Mißverständnis besteht zwischen der Andersartigkeit und Größe Gottes und der Tendenz des Menschen, Gott an bestimmten Punkten festmachen zu wollen. Bleiben wir bei der Frage des Kindes und werfen wir einen Blick in die Tradition: bereits im Alten Testament finden wir eine große Spannung. Gott wohnt nicht im Tempel, und die Himmel der Himmel fassen ihn nicht. Die Israeliten bereiteten auf ihrem Wüstenzug für Gott einen eigenen Bereich mitten unter ihren eigenen Wohnstätten: das Bundeszelt. Wir sind heute mit Zelten vertraut, aber das Zelten ist nicht als eine bloße Urlaubsromantik zu verstehen. Gott wird begriffen als einer, der mit seinem Volk mitzieht, Gott wird begriffen als ein Gott der Offenheit, denn ein Zelt ist häufig nach allen Seiten geöffnet, um belebenden Wind hineinzulassen. So findet sich Offenheit als zentrale Kategorie Gottes mit veränderter Akzentuierung auch im Neuen Testament. Gott wohnt in den Herzen derer, die ihn lieben, und der Mensch Jesus ist die Stätte der Gegenwart Gottes schlechthin.
In diesem Zusammenhang muß die Vision von der neuen Stadt Jerusalem gesehen werden. Johannes beschreibt mit ihr die Erneuerung der ganzen Schöpfung. Und mittendrin, in ihrer Mitte wird Gott sein. Die Mitte: das, was alles zusammenhält, das, was die Verbindung zwischen den einzelnen Orten und Menschen ausmacht. Nun kann es zu einer ganz unmittelbaren und innigen Beziehung zwischen Gott und Mensch kommen.
Was kennzeichnet Gottes Anwesenheit? Es ist die Befreiung von allen menschlichen Leiderfahrungen: kein Tod, keine Klage, keine Trauert und keine Mühsal – mit diesen Worten kommt Gott selbst bei Johannes zu Wort.
Dieses Bild, die Beschreibung eines zärtlich-mütterlichen Gottes, der keine Träne ungetröstet und ungetrocknet läßt spricht uns unmittelbar an. Aber, so könnten sie mich fragen, entspricht das unserer Erfahrung? Natürlich, es ist ein Bild der Zukunft. Es ist der Blick in eine Zukunft, die Gott dem Menschen schenkt. Wenn wir dagegen unsere eigenen Zukunftsbilder und Zukunftshoffnungen anschauen, dann entdecken wir ihn unserer Zukunft doch etwas, was auch mit unserer eigenen Planung zusammenhängt, mit einer Planung, die nicht immer aufgeht. Zu oft spielen uns die verschiedenen Ereignisse unseres Lebens einen Streich, machen uns einen Strich durch die Rechnung: eine plötzliche Krankheit oder der Tod; die Kinder entwickeln sich ganz anders als erwartet; das angehäufte Geld macht einen doch nicht glücklich; und jeder bekommt es früher oder später zu spüren: Trotz aller Anstrengung bleibt die Zukunft wie ein weites, unbekanntes Land und ein Buch mit sieben Siegeln.
Ist das, was Johannes da in seiner Vision sagt nicht zu schön um wahr zu sein? Was berechtigt Johannes zu solchen Hoffnungen, zu solchen Träumen?
Den kleinen Gemeinden in Kleinasien auf der Schwelle zum 2. Jahrhundert ging es im Gegensatz zu uns heute alles andere als gut. Während bei uns die Glaubensfreiheit staatlich garantiert ist, mußten damals die Gemeinden Verfolgungen erleiden, die ungeheure Dimensionen erreichten.
Erntet man bei uns für seinen Glauben schlimmstenfalls ein müdes Lächeln, bedeutete damals das Bekenntnis zu dem einen und einzigen Herrn den sicheren Tod. Denn der einzige Herr zu sein, das beanspruchte ebenso auch der Kaiser für sich, und wehe dem, der diesem Anspruch nicht genügte.
Heute kennen viele von uns monate – und jahrelanges Leiden und Weinen, andauernde Verfolgung und drückende Armut in der Regel nur aus dem Fernsehen. Die Christen damals litten wirklich und augenblicklich, weil sie um keinen Preis ihren Glauben aufgeben wollten, selbst um den Preis des Lebens nicht.
Es sind also Menschen, für die die Gegenwart mehr als trostlos ist, ohne Perspektive, die Schlimmes ertragen haben und damit rechnen können, noch Schlimmeres erleben zu müssen. Für sie ist Zukunft nicht mehr das, was sie beeinflussen, geschweige denn gestalten können. Ihre einzige Hoffnung: Die Zukunft liegt ganz und gar in Gottes Hand, ist ausschließlich sein Geschenk, seine Verheißung, sein Heil.
Was habe Johannes und seine Gemeinde uns zu sagen? Fragen wir aber auch: Was wollen sie uns nicht sagen?
Ich meine: Johannes will uns nicht sagen: Legt die Hände in den Schoß, Gott wird es schon machen. Seiner Gemeinde waren die Hände gebunden, uns sind sie es nicht, im Gegenteil. Ich meine, was Johannes uns sagen will, sind vor allem zwei Dinge. Das eine: Eure Zukunft liegt nicht nur in eurer Hand. Denkt daran: Trotz allen Planens und Vorsorgens kann es so weit kommen, dass alles Leben dunkel und ohne jede Aussicht ist. Denkt daran, dass eure Möglichkeiten begrenzt sind. Aber dann vertraut darauf: Unser Gott wird stärker sein, er wird am Ende das letzte Wort haben.
Allerdings: Noch haben wir seine Kraft und seine Macht nicht ganz erkannt, noch scheint er sich verborgen zu halten, noch sind anscheinend die Mächte des Untergangs und des Todes stärker, aber das wird nicht so bleiben. Euer Gott ist ein Gott der Zukunft. Das heißt auch: Er ist der einzige, der euch wirklich Zukunft verheißen kann – nicht aber eure Versicherungen, eure krisenfesten Pläne, eure selbstgemachten Vorkehrungen. Denn, ob einer diesem Gott wirklich traut, das wird auch sichtbar daran, dass er frei vom Zwang ist, dem sterblichen Leben Ewigkeiten abtrotzen zu müssen; unmögliche Ewigkeiten an Glück, Jugend, Wachstum, Fortschritt und Wohlstand.
Dann gibt es noch einen zweiten Gedanken: Traut euren Hoffnungen und Träumen, auch wenn es gegen jede Vernunft ist, ja sogar dann, wenn die Gegenwart überhaupt keinen Ansatzpunkt mehr für eine gute Zukunft bietet. Laßt euch von eurer Hoffnung nicht abbringen! Und das nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit, so wie man einem Todkranken aus Barmherzigkeit nicht jede Möglichkeit der Hoffnung nehmen will, auch wenn man selbst es doch viel besser zu wissen meint.
Nein, vielleicht ist sogar das Hoffen gegen alle Vernunft, das Vertrauen auf Gottes Macht gegen alle Ausweglosigkeit das untrüglichste Zeichen der verborgenen und doch durch nichts zu überbietenden Gegenwart Gottes. Denn er ist derjenige, wie Augustinus sagt, der „unser Herz unruhig gemacht hat“, und man darf ergänzen: gerade die Herzen derer, denen die Gegenwart überhaupt nichts mehr zu bieten hat und die nach menschlichem Ermessen keinen Ausweg mehr wissen. Er ist der Ursprung der menschlichen Sehnsucht, dass alles Erlittene, alles Dunkle nie ganz endgültig sein wird.
Um noch einmal zu unserer kleinen Begebenheit vom Anfang zurückzukommen. Gott möchte nicht eingesperrt bleiben in unserem Tabernakel. So nehmen wir ihn auch heraus, wenn wir zur hl. Kommunion gehen und nehmen ihn auf als Speise. Und so empfangen wir auch am Ende der Hl. Messe einen Sendungsauftrag. Und dieser Auftrag möchte uns sagen: Lebt so, dass die Menschen, denen ihr begegnet, etwas von diesem Gott spüren, von der Hoffnung, die er uns schenkt, von der Freude, die er uns gibt, mitten in allen Dunkelheiten unseres Lebens. Macht diesen Gott lebendig durch euer Leben hindurch, dass die Hoffnung die ihr habt auch auf die Menschen übergreift. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

05.05.2013

6. Sonntag in der Osterzeit
Off 21,10-14.22-23

„Schlösser, die im Monde liegen“, das war die Anfangszeile eines Operettenliedes aus Frau Luna von Paul Lincke – ein Werk, das heute wohl nur noch Liebhaber dieser Art von Musik kennen werden. Aber von Mondschlössern und Luftschlössern sprechen wir immer noch, und wir bauen selbst fleißig daran. Wer hätte sich noch nie ein kleines Luftschloß geleistet? Die Gegenwart wirkt oft bedrückend, die Zukunft trübe. Auf den Flügeln der Phantasie gelingt uns eine Flucht in eine rosigere Welt, wo wir ungestört unseren Wunschträumen nachhängen können. Nur haben Luftschlösser die unangenehme Eigenschaft, daß sie zerplatzen wie die sprichwörtliche Seifenblase, wenn sie mit der harten Realität zusammenstoßen.
Aber, so wäre jetzt kritisch weiter zu fragen, geht denn die Bibel so viel anders vor? Was sollen wir denn von dem halten, was uns in der Offenbarung des Johannes der Seher von seinen Visionen erzählt? Er sieht wie im Traum die Himmelsstadt von oben herab schweben. Er beschreibt sie in all ihrer überwältigenden Pracht: ein Material wie Edelstein, Engel als Wächter auf den Zinnen, eine wunderbare Ordnung mit zwölf symmetrisch angeordneten Toren, alles erleuchtet von nie versiegendem Licht. Das klingt zu schön, um wahr zu sein, und die bohrende Frage bleibt: Ist es mehr als Phantasie?
Eine Beobachtung hilft uns einen Schritt weiter. Diese Beschreibung der Himmelsstadt steht am Schluß der ganzen Bibel. Sie entspricht in dieser Position dem Anfang, dem allerersten Kapitel des Buches Genesis mit dem Schöpfungsbericht. Dort war es so: Gott hat in das Chaos Ordnung gebracht und die Welt gebildet. Er hat die Finsternis in ihre Grenzen gewiesen und das Licht erschaffen. Dieses schöpferische Handeln Gottes kommt aber erst in der Endzeit restlos an sein Ziel. Jetzt bedarf es z.B. auch dieser Lichter, der Sonne und des Mondes, nicht mehr, weil alle Macht der Finsternis endgültig besiegt ist. Von nun an gibt es keine Nacht mehr, heißt es wenig später im Text, während der Schöpfungsbericht durchaus noch den regelmäßigen Rhythmus von Tag und Nacht vorsieht. Zwischen Anfang und Ende erstreckt sich eine lange, lange Geschichte, angefüllt mit Wirren und Katastrophen und Kriegen und Schuld. Um das zu sehen, brauchen wir nur in der Bibel zu blättern oder die eigene nähere und fernere Vergangenheit zu bedenken. Aber das alles bleibt doch eingespannt in die Klammer an den beiden Eckpunkten Anfang und Ende: Gottes Handeln umfaßt den ganzen Lauf der Welt. Er will und er wird ihre Wege zum Guten lenken.
Beachten wir auch dies: „Einen Tempel sah ich nicht in der Stadt“, so der Verfasser der Johannesoffenbarung. Wir können auch sagen: Eine Kirche, ein Dom, eine Kathedrale ist nicht mehr vorgesehen. Wieso das? Wird hier die Kirche nicht mehr im Dorf gelassen? Nun, das Haus aus Stein ist zwar die Wohnstatt Gottes in der Menschenwelt. Aber das wird in jener Zukunft nicht mehr notwendig sein. Es wird eine andere Form der Anwesenheit Gottes geben, viel umfassender und viel direkter, als wir zu erträumen wagen. Die ganze Stadt, der ganze Wohnraum der Menschen, ist zum Gotteshaus geworden. Immer und überall werden die Menschen ihm begegnen und in direkter Kommunikation mit ihm stehen.
Noch einmal: Bleibt das nicht trotz allem reine Vertröstung auf eine ferne Zukunft und insofern wenig hilfreich für die eigene Gegenwart? Darauf zwei Versuche einer Antwort aus den Texten heraus.
Erstens: Es fällt auf, daß die Namen der zwölf Apostel auf den Fundamenten der Gottesstadt verzeichnet stehen. Auch die Kirche ist ihrem Selbstverständnis nach auf dieses Fundament gegründet. Das heißt, daß es bei all dem immer auch um die Kirche geht, und zwar um die Kirche, wie wir sie erleben. Sie wird mit ihrem vollkommenen Zukunftsbild konfrontiert, dies aber so, daß die Zukunft bereits in die Gegenwart hineinreicht. Manchmal blitzt in ihrem Leben hier und jetzt schon etwas von der Herrlichkeit Gottes auf.
Zweitens: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinen Worten festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“. Ein außerordentlich kühnes Wort aus dem Johannesevangelium, aber so steht es da. Und mit diesem Wort greift die Zukunft schon in unsere Gegenwart hinein.
Gott bei den Menschen, Gott in den Menschen. Gott in mir. Lassen wir das ruhig einmal in uns einwirken: Gott lebt in mir, er ist mir innerlicher als ich mir selbst. Das ist das Heil. Das ist die Mitte unseres Glaubens. Da beginnt schon Auferstehung mitten im alten Leben, das noch vom Tod bedroht ist. Da geht es nicht zuerst um das Fürwahrhalten von irgendwelchen Geschehnissen damals oder von festen Glaubenssätzen, nicht um Pflichterfüllung und Gebot. Glaube ist zuallererst die Begegnung zwischen Personen, wie sie nur in der Liebe geschehen kann.
Wer einen anderen wirklich liebt, der weiß, daß er mit ihm noch nicht bis ans Ende gelangt ist. Liebe ist ein ständiges Abenteuer, das immer noch für Überraschungen gut ist. Liebe ist nicht fertig mit dem anderen, sondern mit ihm unterwegs. So sind wir auch mit Gott unterwegs, und er mit uns. Wir wissen nicht über ihn Bescheid – und brauchen das auch nicht. Die Liebe kann manche Fragen offen lassen, sie hat einen langen Atem. Wir wissen nicht über Gott Bescheid, aber wir haben Erfahrungen mit ihm gemacht. Deswegen sind wir hier. Wir wollen uns aufs Neue seiner Nähe unter uns vergewissern, um dann getrost und mutig in die kommende Woche zu gehen. Gott nimmt Wohnung bei uns, und er bleibt bei uns, wenn wir ihm nicht kündigen.
Dann ist da noch das Wort vom Beistand, dem Hl. Geist. Es gibt ja manche unter uns, die in ihrem Glauben durch die Entwicklungen der letzten Jahre, durch die Auseinandersetzungen in der Kirche verunsichert worden sind. Früher, da war alles klar und sicher, so sagt man, da wußte man, woran man war. Die neue Unsicherheit spiegelt sich auch in manchen Leserbriefen unserer Kirchenzeitungen. Gläubige sehnen sich zurück nach der klaren Weisung des Papstes und des Lehramtes und verurteilen die innerkichlichen Kritiker als Widersacher, die alles in Unordnung bringen.
Für mich ist dies schon eine Frage an den Glauben aber nicht so sehr an feste Glaubenssätze als vielmehr an das Wirken des Heiligen Geistes, der nicht aufgehört hat, die Jüngerschaft Jesu zu lehren und auf den rechten Weg zu bringen. Ich glaube nicht nur an Gottes Geist gestern und vorgestern, sondern auch heute und morgen. Ich sehe da nicht ein Schwächerwerden des Glaubens, sondern eine neue Chance zu glauben. Uns wird heute deutlicher, daß der Glaube nicht das selbstverständliche Produkt von Erziehung, Schule und Familie ist, sondern meine eigene Glaubensentscheidung. Gott nimmt Wohnung bei mir. Er wohnt durch den Geist in meinem Inneren. Das ist der letzte Grund meines Glaubens.
Wenn es für die Kirche gilt, daß der Geist Gottes sie durch Aufregung und heftige Auseinandersetzungen hindurch zu neuen Ufern führt, dann darf ich ihm das auch für mein eigenes Leben, für meinen Glauben zutrauen. Alle Erfahrungen meines Lebens, die guten und die dunklen, können mich die Nähe Gottes, sein Wohnen in mir, in neuem Licht erscheinen lassen, wenn auch oft erst im Rückblick auf eine längere Entwicklung. Im Augenblick der Krise scheint er weit weg. Erst hinterher erkenne ich, daß er mitten darin war.
So können wir denn auch in den Krisen und Auseinandersetzungen unserer Tage getrost auf dem Weg bleiben und dem Geist zutrauen, daß er auch uns und die alte Kirche wieder jung macht und noch tiefer in die Wahrheit Jesu einführt. Denn über unserem ganzen Lebens- und Glaubensweg und über dem ganzen Weg der Kirche bis zur Vollendung steht das österliche Wort der Verheißung: Wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Amen.

P Paul Mühlberger SJ

09.05.2013

Christi Himmelfahrt
Lk 24,46-53

Wohin ist Jesus verschwunden? Diese Frage ist nicht so dumm, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Wo ist Jesus hin? „In den Himmel natürlich“, werden sie sagen. Nur, daß damit die zweite Frage schon im Raum steht: „Wo ist denn dieser Himmel?“ Nun ließe sich wieder sagen, daß der Himmel nicht irgendwo ist, daß er kein Ort ist, sondern ein Zustand. Aber sehr schnell ist die Frage doch wieder da: Wo findet denn dieser Zustand statt?
Wir Menschen können nicht anders. Wir sind in Zeit und Raum hineingebunden. Wir orientieren uns Tag für Tag an der Zeit, die wir durchleben, und an dem Raum, in dem wir uns bewegen. So hat Gott uns geschaffen. Deshalb suchen wir die Antworten auf das, was uns bewegt, auch in diesen Kategorien.
„Wo ist Jesus hin, und wo ist der Himmel?“ Erzählen sie einem Kind von der Himmelfahrt Jesu, und es wird genau diese Fragen stellen und noch eine andere hinzufügen: „Warum?“ Aber, wenn das Kinderfragen sind, warum halten wir uns damit auf? Haben wir nicht etwas Besseres zu tun? Ist unser Glaube nicht aufgeklärt genug, um darüber hinweggehen zu können?
Doch niemand von uns kann sagen: Ich habe begriffen, bevor er das, was er begriffen zu haben glaubt, einem Kind erklären kann. Der erste Schritt dazu ist, selbst wieder die Kinderfragen zu wagen und dabei neu nach Antworten zu suchen.
Seit die Bilder laufen lernten, haben biblische Monumentalfilme die Himmelfahrt Jesus mehr oder minder theatralisch dargestellt. Ohne Wolken kommt keiner aus. Je älter der Film, umso melodramatischer ist er. Und meist bricht über die Jünger dann auch noch ein ohrenbetäubendes Halleluja herein, das sie so richtig spüren läßt, daß Jesus die arme Erde weit hinter sich gelassen hat und jetzt in anderen Sphären schwebt.
Die Evangelien sind da viel zurückhaltender. Matthäus spricht nüchtern von einer Abschiedsszene, bei der Jesus die Jünger in alle Welt sendet und ihnen seine bleibende Gegenwart zuspricht: „Ich bin bei euch bis zur Vollendung der Welt“. Auch Markus beschreibt weder ein Unten noch ein Oben. Nur Lukas erzählt von einem Emporgehobenwerden und Auffahren in den Himmel. Von Wolken keine Spur, nur die Apostelgeschichte läßt Jesus in einer Wolke scheiden.
Trotzdem macht das – allerdings enttheatralisierte – Bild der Wolke hier Sinn. Daß Wolken eine besondere Bedeutung haben wissen wir aus dem Alten Testament. Dort ist die Wolkensäule das Zeichen der Anwesenheit Gottes. Gerade die Wolkensäule überwindet das Oben und Unten, weil Gott, der Unsichtbare und Unfaßbare, in ihr bei seinem Volk ist. Er zieht vor ihm her, als es aus Ägypten flieht. Eine Wolke zeigt seine Anwesenheit auf dem Sinai an. Da, wo Gott zeigen will, daß er nicht irgendwo ist, sondern anwesend, da wird die Wolke sichtbar. Damit die, deren Augen nur das Diesseitige in der Welt erkennen können, hinter dem Schleier der Wolke das Jenseitige zu erspüren vermögen.
Vielleicht wäre der kindlich einfachste Weg zu begreifen der, die Perspektive zu ändern und anders zu fragen. Nicht: „Wo ist Jesus hin?“, sondern: „Warum sehen ihn die Jünger nicht mehr?“ Nicht: „Was hat sich für Jesus verändert?“, sondern: „Was hat sich für die Jünger verändert?“ Die Antwort, die das Bild der Wolke uns gibt, ist einfach. Jesus ist nicht weg, er ist immer noch da, nur die Jünger und auch wir sehen ihn nicht mehr. Seine Gegenwart hat sich verändert, sie ist verborgen und doch ganz intensiv.
Bleiben wir bei den Kinderfragen: Warum? Warum können wir ihn nicht mehr sehen, mit ihm reden, seine Nähe mit Händen greifen? Es wäre doch alles viel schöner, viel leichter, viel besser. Es ist vielleicht so etwas wie Erwachsenwerden. Für die Jünger bricht eine neue Zeit an. Sie sollen Jesus nicht wehmütig hinterherschauen. Sie müssen Verantwortung übernehmen für sich selber und für die Welt. Ein Kind, das von der Mutter getrennt wird, wird ihr eine Weile nachschauen und dann merken, daß sie das nicht näher bringt. Es muß lernen, ihre Nähe in den großen und kleinen Zeichen und Erinnerungen zu finden. Sie vor allem zu finden in sich selbst. Dann fängt es schnell an, sein Leben selbständig auszurichten.
Den Jüngern geht es ähnlich. Scheinbar von Jesus getrennt, müssen sie ihn neu finden, in sich selbst, in den anderen, in den Zeichen seiner Gegenwart, vor allem im Brechen des Brotes, in der Eucharistie. Er ist nicht weg, er ist anders da. Er fordert ihre Verantwortung heraus, ihm nachzuleben: überzeugend, gewinnend, heilend, liebend. Nur weil Jesus die Jünger – und uns – allein gelassen hat, sind wir wirklich Verantwortliche geworden. Das ist Gottes Wille für seine Welt: daß die, die zu ihm gehören, nicht hinter verschlossenen Türen und in geschlossenen Clubs Jesu Nähe genießen, sondern ihn der Welt weitergeben. Überall da, wo wir in diesem Sinne, in seinem Sinne, reden und handeln, ist er bei uns, ganz da, ganz nah.
Den Jüngern wurde dazu noch Pfingsten geschenkt. Uns übrigens auch. Jesus traut uns also einiges zu. Viele Menschen ahnen nicht, wie groß Jesus von uns denkt, was er uns alles zutraut. Es ist so ähnlich wie die Geschichte von dem Adler und den Hühnern:
Ein Mann fand ein Adler-Ei und legte es in das Nest einer gewöhnlichen Henne. Der kleine Adler schlüpfte mit den Küken aus und wuchs zusammen mit ihnen auf. Sein ganzes Leben lang benahm sich der Adler wie die Küken, weil er dachte, er sei ein Küken aus dem Hinterhof. Er kratzte in der Erde nach Würmern und Insekten. Er gluckerte und gackerte. Und ab und zu hob er seine Flügel und flog ein Stück, genau wie die Küken.
Jahre vergingen, und der Adler wurde sehr alt. Eines Tages blickte er ehrfürchtig empor. „Wer ist das?“ fragte er seinen Nachbarn. „Das ist der Adler, der König der Vögel“, sagte der Nachbar. „Aber reg dich nicht auf. Du und ich sind von anderer Art.“ Also dachte der Adler nicht weiter an diesen Vogel. Er starb in dem Glauben, ein Küken im Hinterhof zu sein.
Die Geschichte geht traurig aus. Aber ein ähnliches Schicksal kann uns Menschen auch passieren, wenn wir nicht anfangen, uns unserer Würde bewußt zu werden. Es geht nicht in erster Linie darum, daß wir uns vor Gott immer nur als Sünder hinstellen, wir sind vielmehr Gottes Ebenbild und es wäre undankbar, diese Tatsache zu vergessen. Wir sind geschaffen nach Gottes Ebenbild, aber Menschen haben uns gelehrt, wie Hühner zu denken, und noch denken wir, wir seien wirklich Hühner, obwohl wir Adler sind. Breitet eure Schwingen aus und fliegt! Und seid niemals zufrieden mit den hingeworfenen Körnern! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

12.05.2013

120513
7. Sonntag in der Osterzeit
Joh 17,20-26
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Immer wieder berichtet das Evangelium vom Gebet Jesu zu seinem Vater. Und der Inhalt seiner Gebete ist vor allem die Einheit. So wie Jesus und der Vater eins sind, so sollen auch wir eins sein. Aber dem ist leider nicht so. Schon zur Zeit der Apostel gab es in den Christengemeinden immer wieder Strömungen, die die Einheit störten. Der Apostel Paulus musste da schon manchmal sehr hart eingreifen. Wenn wir in der Geschichte der Kirche blättern wird es uns sehr deutlich bewusst, wie viele Spaltungen es da gegeben hat. Nach den Spaltungen im frühen Christentum gab es im Jahre 1054 die große Kirchenspaltung zwischen den Christen des Westens und den Christen des Ostens. Im 16. Jahrhundert zerbrach auch die Einheit der Christen im Abendland. Diese Spaltung begann in Deutschland und breitete sich über die westliche Welt aus. Ihre Folgen zeigten sich in jeder Schulklasse und in vielen Familien. Und heute finden wir eine ganze Reihe christlicher Gruppierungen bis hin zu den verschiedenen Sekten.
Die Bemühungen um Einheit sind vorhanden und es ist auch schon viel geschehen. Die Achtung der verschiedenen Gruppierungen voreinander hat zugenommen. Wir stehen einander nicht mehr als Feinde gegenüber und behandeln uns gegenseitig nicht mehr als Ketzer. Wir sind heute wieder auf dem Weg zueinander. Es sind aber immerhin 400 Jahre vergangen bis sich in unserem Jahrhundert die Einstellung der getrennten Christen zueinander zu ändern begann. Wir können heute miteinander beten und miteinander reden und über alles Trennende das Gemeinsame des christlichen Glaubens neu entdecken.
Und wir haben es auch aufgegeben, die Schuldfrage zu stellen. Wer hat diese Spaltungen veranlasst? Und dabei müssen wir wohl ehrlicherweise feststellen, dass wir nicht den so genannten „Abgefallenen“, die Schuld zuweisen dürfen, sondern auch uns selbst. Denn es hat zur Zeit der großen protestantischen Spaltung viele Missstände in der Kirche gegeben. Die Frage: Was haben wir im Laufe der Jahrhunderte aus unserem Christentum gemacht ist berechtigt. Und auch die Frage: Was machen wir heute aus unserem Christentum?
Ein Franziskaner berichtet in einem Reisetagebuch aus dem Jahre 1501 über die Missstände in Deutschland: Es gab damals zwar viele Wallfahrten, aber nur wenige Leute kamen zur Messe, fast keiner ging zur Kommunion. Die Priester waren schlecht ausgebildet, die hohe Geistlichkeit lebte in vornehmen Häusern und Schlössern. Sie gingen lieber auf die Jagd als sich um ihre Geistlichen zu kümmern. Sie führten Kriege gegeneinander.
Noch schlimmer soll es in Rom ausgesehen haben. Wundert uns da noch, dass Martin Luther mit seiner Kritik an der Kirche einen bereiten Boden fand? Zu spät aber immerhin doch hat das Konzil von Trient wieder Ordnung in die Kirche hineingebracht, aber die Folgen der Spaltung waren nicht wieder gut zu machen.
Ich denke da immer wieder auch an Papst Johannes XXIII. Als der 77-jährige Erzbischof von Venedig das Petrusamt übernahm, sprachen viele von einem „Übergangspapst“. Sie meinte, der könne in dem hohen Alter nur noch weniges für die Kirche tun – er sei eben ein Mann der Übergangszeit. Das Wort sollte sich in einer ganz anderen Bedeutung bestätigen. An dem neuen Papst fiel vor allem seine Menschlichkeit und Güte auf. Dieser Mann sprach eine neue Sprache, setzte neue Zeichen. Auch Menschen, die dem christlichen Glauben fern standen, waren beeindruckt, fanden plötzlich die Kirche wieder interessant. Viele Christen aus den von Rom getrennten Kirchen horchten auf, weil dieser Mann ihnen in einer ganz neuen Weise entgegenkam. Er sprach als erster Papst nach der Reformation nicht mehr von der Rückkehr der „verlorenen Söhne“ in das Vaterhaus, sondern vom gemeinsamen Suchen aller Christen nach der verlorenen Einheit. Sein Herzenswunsch war das, worum Jesus für seine Freunde gebetet hat: „Dass alle eins seien!“ Schon im Jahre 1959 erklärte er: Wir sind alle an der Trennung mitschuldig….Wir wollen keinen historischen Prozess aufziehen. Wir wollen nicht aufzuzeigen versuchen, wer Recht oder wer Unrecht hat. Die Verantwortung ist geteilt. Wir wollen nur sagen: Kommen wir zusammen, machen wir den Spaltungen ein Ende.
Papst Johannes XXIII. machte einen mutigen Schritt. Zur großen Überraschung der Christen in der gesamten Welt berief er ein allgemeines Konzil ein. Es sollte die Kirche erneuern und ihre Türen für die Menschen unserer Tage öffnen. Zu diesem Konzil lud der Papst nicht nur alle Bischöfe de Welt, sondern auch Vertreter der orthodoxen und protestantischen Kirchen ein.
Dieses II. Vatikanische Konzil hat nach dem Willen Johannes XXIII. weder Verurteilungen ausgesprochen noch neue Glaubenssätze verkündet. Es versuchte vielmehr, für unsere Zeit neu zu sagen, wie Christen heute nach dem Evangelium leben können.
Dieser Papst könnte uns zum Vorbild diene für unsere eigenen Schritte im Sinne der Einheit. Denn wir dürfen sicherlich nicht einfach abwarten, dass da irgendjemand etwas tut. Wir sind selber aufgerufen aufeinander zuzugehen und so die Einheit zu fördern. Gemeinsames Gebet, das gegenseitige Kennen lernen, das Anerkennen dessen, was wir gemeinsam haben und die praktische Zusammenarbeit mit allen Christen in sozialen Fragen, das wäre der gangbare Weg der Annäherung.
Aber eines müssen wir noch bedenken: Einheit besteht nicht in der Uniformierung. Einheit besteht nicht darin, dass alle das Gleiche denken und das Gleiche tun. Einheit kann und muss auch in der Vielfalt bestehen. Wir sind zu sehr befangen von unseren westlichen Denkweisen und berücksichtigen es nicht, dass etwa in Asien die Ausdrucksmöglichkeiten anders sind als bei uns, dass dort die gemeinsame Eucharistiefeier sich ein wenig anderer Ausdrucksformen bedienen wird als in unseren Kirchen. Es soll auch bei uns die altehrwürdige Form der lateinischen Messe geben können und auch die deutsche Messe ohne dass die jeweils andere Form des Feierns gering geschätzt würde.
Aber immer noch spielt eine gewisse Angst in unserem Verhalten eine Rolle: die Angst vor dem Neuen und Ungewohntem. Aber warum haben wir so viel Angst vor dem Neuen, wo wir doch auch wissen, dass der Heilige Geist der Geist der Erneuerung ist und dass er bei seiner Kirche bleibt und sie vor Fehlwegen bewahren wird? Übrigens, auch Jesus brachte viel Neues in die Gemeinschaft des Judentums. Und unsere Zeit verlangt nach einem neuen Gewand des Glaubens, nach neuen Ausdrucksformen. Dass bei all diesen Bemühungen die eine oder andere Sache im Strassengraben landet ist klar; aber wir dürfen nicht deshalb, weil es Missbräuche geben kann einfach hinter unserer Zeit zurück bleiben.
Aber beten müssen wir, beten im Sinne Jesu und so leben müssen wir, dass das, was aus unserem eigenen Leben ausstrahlt anderen Menschen die Möglichkeit gibt, zu glauben, so leben müssen wir, dass die Kirche durch uns als das erkannt wird, was Jesus von ihr wollte und wozu er sie gestiftet hat: als Gemeinschaft derer, die an ihn glauben und die durch ihren Glauben Zeugnis von ihm und von Gott geben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

19.05.2013

1. Predigt:

Pfingstsonntag
Jo 20,19-23





Das Pfingstfest bietet sich an als Frühlingsfest, als ein Zwischenurlaub oder doch wenigstens für ein paar freie Tage. Dem Osterfest und vor allem dem Weihnachtsfest wird viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Sagt uns das Pfingstfest etwas, das wir nicht missen möchten? Könnten wir einem fragenden Rede und Antwort stehen, wenn er etwas über dieses Fest und über Gott und den Hl. Geist erfahren möchte?
Ist das Unbehagen nicht das vorherrschende Gefühl, wenn das Gespräch auf den Hl. Geist kommt? In unseren Gebeten und Liedern ist von der Kraft und den Gaben des Hl. Geistes die Rede: Aber gehört das zu unserem alltäglichen Erfahrungsbereich? Ist unsere Kirche, ist unsere Gemeinschaft geprägt von diesem Hl. Geist und spüren wir etwas von seiner Macht? Oder war das vielleicht nur etwas für die Urkirche und für den Papst und die Bischöfe?
Es gibt eine jüdische Legende, die von vier großen jüdischen Theologen erzählt. Diese durften Gott im Paradies schauen. Als sie zurückkommen, sind alle Leute erschrocken, denn die vier sind ganz verstört. Der Erste, so erzählt die Legende, warf sich mit zitternden Gliedern auf sein Lager, nahm weder Speise noch Trank zu sich und starb nach wenigen Tagen. Den Zweiten bedrängten die ungeheuren Bilder, die er gesehen hatte. Er kam mit seinem Leben nicht mehr zurecht und versank im Wahnsinn. Dem Dritten erscheint sein Leben auf einmal ganz und gar sinnlos. „Was wir hier haben, ist doch ganz und gar nichtig im Vergleich zum Ewigen!“, so rief er und warf verzweifelt allen Glauben von sich. Der Vierte schließlich, Rabbi Akiba, sagte: „Wir sind tot, gemessen an seinem Leben, wir sind eng und klein vor seiner Unendlichkeit, wir sind Toren vor seiner ewigen Weisheit. Dennoch hält er seine Hand über uns und hat uns dieses Leben gegeben, damit wir darin wirken zu seiner Ehre.“ Und er fing an, von ihm zu sprechen – mit den armen Worten dieser Erde-
Die Legende schließt: „Er begann von ihm zu reden – mit den armen Worten dieser Erde.“ Unsere Worte sind arm, heißt es da. Unsere menschliche Sprache reicht nicht aus, angemessen über Gott zu sprechen, unsere Worte sind zu klein. Gott ist unendlich größer als wir ahnen. Dabei, denke ich, ist es ganz wichtig, dass wir uns das gerade hier im Gottesdienst ins Bewußtsein rufen. Hier sprechen wir ja immer wieder von Gott und beten zu ihm. Es ist ein großes Wagnis, was wir da tun; denn ganz begreifen werden wir Gott nie.
„Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die volle Wahrheit führen.“ So sagt Jesus im Evangelium in seinen Abschiedsreden an seine Jünger. Sie sind jahrelang mit im zusammen gewesen, sie haben erlebt, mit welcher Güte er auf die Menschen zuging. Und doch haben sie noch nicht begriffen, wie er im Tiefsten war. Die Jünger sind erst auf dem Weg in die volle Wahrheit. Diese können sie nicht aus sich finden. Jesus verspricht ihnen aber den Geist, die Nähe Gottes. Der Hl. Geist muß uns helfen, damit wir etwas von Gott begreifen und erahnen können.
Der Abschied von Jesus bedeutete für die Jünger eine tiefgreifende Veränderung ich ihrem Leben, die nur schwer zu ertragen war. Mit dem Pfingsttag ging für sie der gewohnte und vertraute Weg in der Nähe Jesu zu Ende und etwas Neues begann. Dieses Neue konnte beginnen, weil sie nicht allein waren. Der Hl. Geist begleitete die Jünger auf ihrem Weg, der Welt die Liebe Gottes zu verkünden. Pfingsten war der Wendepunkt in ihrem Leben. Er bedeutete Aufbruch und Neuanfang. Sie mußten erfahren, dass Gott genau dort anfing, wo sie selbst keine Möglichkeit mehr sahen. Die Jünger stellten sich Gott zur Verfügung. Der Weg, den sie dabei gingen, war nicht immer voller Sonnenschein, da gab es auch Verfolgung und Martyrium, wie Jesus es vorhergesagt hatte. Aber sie gingen diesen Weg dennoch, diesen neuen Weg des Lebens. Sie wagten diesen Aufbruch im Vertrauen auf den beistand des Hl. Geistes.
Die Jünger von damals und die vielen heiligen Frauen und Männer in der Kirche zu verschiedenen Zeiten haben Großes geleistet, weil sie sich ganz auf die Zusage Jesu eingelassen haben: „Ich werde euch den Beistand senden, den Hl. Geist“. Wir können daraufhin vielleicht resignierend fragen: Wie ist das aber bei uns? Wie sieht dieses Wort vom beistand für uns heute aus in unserer Welt? Wir dürfen zuversichtlich glauben: Wie es der Herr sagt, meint er wirklich uns alle, so wie wir sind, auch wenn wir manchmal meinen, in dieser Welt nur ein kleines Licht zu sein. So wie wir sind, nimmt Gott uns in seinen Dienst, als Zeugen des Hl. Geistes in diese Welt hineinzuwirken.
Ich denke, spürbar ist dieser Geist überall dort, wo Menschen füreinander einstehen, auch ohne zu fragen, was sie dafür bekommen. Spürbar ist dieser Geist, wo Menschen in Treue zueinander stehen in guten und in schweren Tagen. Spürbar ist dieser Geist bei vielen jungen Menschen, die bewußt mit ihren Fähigkeiten die Zukunft des eigenen Lebens in die Hand nehmen und ein Stück ihrer Welt gestalten. Spürbar ist dieser Geist, wo Menschen beten – in der Familie, in Krankheit und Alter, in der Gemeinde – und sich so zu ihrer Beziehung zu Gott bekennen und aus ihr leben. Es gibt in dieser Welt nicht nur negative Entwicklungen, es gibt unendlich viele gute Zeichen – oft im Stillen und Verborgenen -, wo etwas spürbar ist vom guten Geist Gottes.
Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat mit Recht gesagt: „Das Sitzfleisch ist die eigentliche Sünde gegen den Hl. Geist.“ Wer sich dem Hl. Geist anvertraut, der kann nicht anders als aufbrechen und Neues wage im Umgang mit Gott und den Menschen, der wird es nicht immer einfach haben, der wird auch anecken. In jedem neuen Aufbruch steckt neue Hoffnung und in jedem neuen Weg, den der Geist mit uns geht, das Zeugnis von festem Lebensmut. Überall, wo Menschen hoffen und so selbst ein Stückchen Hoffnung werden für andere; überall, wo Menschen zunächst das Gute sehen und nicht das Schlechte; überall, wo Menschen ein „Ja“ sagen zur Welt und zu ihrem Leben, dort wird ein Stück Pfingstereignis lebendig, dort wird Gottes Hl. Geist erfahrbar. Wer von diesem Geist ergriffen ist, blickt und geht mit frischem Mut und froher Hoffnung in die Zukunft. Darum unsere Bitte: Komme, Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Hoffnung und Liebe! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ


2. Predigt:

Pfingstsonntag
Joh 20, 19-23 oder Joh 15, 26-27; 16,12-15
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Ein Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit macht uns eins unmissverständlich deutlich: Der Mensch strebt nach dem Größeren, nach dem Vollkommenen. Und als Inbegriff dieses Größeren ist ihm stets der Geist erschienen. In keinem materiellen Gut, sondern im Geist erblickte er die wahre Erfüllung. Mehr als alle materiellen Siege und durch alle wirtschaftliche Macht zeichnen sich Geschichtsepochen durch ihr Geistesleben aus. Denn das Vordergründige, das, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, verlangt nach einer Vergeistigung. Die Schranke des Materiellen will überstiegen sein. Der Mensch erfährt die Bewegung, und er sucht den Beweger; er sieht den Strom und fragt nach der Quelle; er verspürt die Wirkung und ahnt die Ursache; er lebt und fragt nach dem, was der Sinn des Lebens ist. Und so ist er von jeher über sich hinaus verwiesen worden auf den Ursprung, auf den Geist.
Es kommt darauf an, dass wir uns wieder auf die Größe des Geistes besinnen, auf den Primat des Geistes vor der Materie, der Seele vor dem Leib. Seit Gott im Paradies dem Menschen mit seinem Geist angehaucht hat, ist er in der Lage, alles Vordergründige und Materielle zusammenzunehmen und zu durchdringen in der Kraft des Geistes. Und nur von dort gelingt der Brückenschlag zu dem, der die Grundlage alles wahrhaft Geistigen ist: zum Hl. Geist.
Und so heißt es heute in der Liturgie auch mit Recht: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“ Nun, das wäre ja schön, wenn so mit einem Schlag alles neu würde, wenn die Kriege aufhörten, die Ungerechtigkeit und der Terror, wenn Krankheit und Tod besiegt wären. Wie schön wäre es, wenn mit einem machtvollen Brausen vom Himmel die Welt in einem Augenblick verändert würde. So betrachtet ist das Pfingstfest ein Ausdruck unserer tiefen menschlichen Sehnsucht nach einer heilen Welt. Deshalb ist es eigentlich seltsam, dass dieses Fest, das doch eine urmenschliche Sehnsucht zum Thema hat, im Volksempfinden relativ wenig Widerhall findet. Verglichen mit anderen kirchlichen Festen, gibt es nur wenig typisch pfingstliches Brauchtum. Vielleicht sind wir einfach zu desillusioniert: Wir glauben ja doch nicht daran, dass mit einem machtvollen Brausen alles neu wird, wie damals in Jerusalem.
Vielleicht aber ist Pfingsten auch zu anspruchsvoll. Wir haben uns ja ganz gut eingerichtet in dieser „unheilen“ Welt, haben uns arrangiert mit der Welt, wie sie nun einmal ist. Und es ist unbequem, sich wachmachen zu lassen. Aber das genau will der Geist Gottes: uns wachrütteln, uns aufwecken aus dem Schlaf der Bequemlichkeit und Sicherheit, aus dieser lähmenden resignativen Stimmung nach dem Motto: „Es hat ja doch keinen Sinn. Es ändert sich ja doch nichts. Was kann ich da schon tun?“ Im Grunde wissen wir ganz genau: Die Welt ändert sich nicht, wenn wir uns nicht ändern. Die Welt wird nicht heiler, wenn wir nicht „neue Menschen“ werden. Und genau das macht es so schwer und so unbequem.
Die Schwierigkeit ist: Pfingsten fällt nicht so einfach vom Himmel. Die Schilderung des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte wird manchmal so verstanden, als käme eines Tages der Heilige Geist und würde endlich aufräumen in dieser Welt und Ordnung schaffen. Aber das ist ein schlimmes Missverständnis. Der Heilige Geist bleibt machtlos, solange wir nicht wollen, solange wir uns ihm verschließen. Der Heilige Geist benutzt uns nicht wie willenlose Werkzeuge. Er will uns als Mitarbeiter. Und das macht es so schwer und unbequem. Gott und sein Geist wollen uns in die Verantwortung nehmen. Wir würden staunen, was Gott mit uns machen würde, wie sich die Welt verändern würde, wenn wir uns nur mit unseren Begabungen und Fähigkeiten Gottes Geist zur Verfügung stellen würden. Dass das nicht immer leicht und einfach ist, wird uns bestenfalls dann klar, wenn wir anzuecken beginnen, wenn wir auf Widerstand stoßen, wenn wir den Zorn derer zu spüren bekommen, die nicht wollen, dass sich etwas verändert, jedenfalls nicht im Sinn des göttlichen Geistes.
Das Kommen des Geistes Gottes wird in anschaulichen Bildern geschildert: Im Bild vom Feuer und im Bild vom Sturm. Feuer ist ein sprechendes Bild für das Wesen von Gottes Geist, für seine Eigenart des Wirkens. In der Wärme, in der Kraft des Feuers können Menschen die Nähe Gottes, auch seine Herausforderung erkennen. Das Bild von den Zungen vermittelt überdies den Eindruck der Lebendigkeit. Seit der Erzählung vom brennenden Dornbusch ist Feuer ein Zeichen für Gottes Anwesenheit. Auch diese ist lebendig, beweglich, sie bewirkt etwas, ist nicht in sich ruhend. Im Kommen des Geistes mit Zungen wie von Feuer wird jeder Mensch in diese Lebendigkeit, in diese Gottesgegenwart hineingenommen. Zungen wie von Feuer sind kein ruhiges, kein beschauliches Bild. Da tut sich etwas, es bewegt sich, lebt.
So auch in Jerusalem. Alle versammelten Menschen hören es in ihren Sprachen. Dieses sogenannte Pfingstwunder hat schon immer die Phantasie der Menschen und ihre Sehnsüchte angeregt. Was beim Turmbau von Babel zerstört wurde, weil Menschen Himmel und Erde verbinden wollten, das ist jetzt wieder hergestellt: An Pfingsten beginnen die Menschen, einander erneut zu verstehen. Dies ist nicht möglich, weil etwa der Turmbau jetzt gelungen wäre, sondern weil Gott dazu in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi die Möglichkeit schafft: Durch Jesus Christus hat Gott Himmel und Erde verbunden.
Wie steht es also mit unserer Bereitschaft, uns von diesem Geist Gottes ansprechen zu lassen. Ist es die Angst, die uns daran hindert, sitzen wir auch wie die Jünger hinter verschlossenen Türen? Sich auf diesen Geist zu besinnen, das ist der Anruf des Pfingstfestes. Er, der das Urchaos ordnete, er, der seiner Kirche Mut zum lebendigen Zeugnis gab, er kann auch uns befähigen, die Augen zu erheben und die Welt in das Gottesleben hineinzuführen.
Aber so fragen viele, wo ist der Geist? Lässt er sich überhaupt noch verspüren? Die Heilige Schrift vergleicht den Geist mit dem Windhauch, den man nicht ohne weiteres dingfest machen kann. Der Geist Gottes lärmt nicht, er zwingt den Menschen nicht. Aber er ist da, er ist am Werk. Wer bei schönem, sommerlichen Wetter durch eine grünende Landschaft geht, der spürt wenig vom Wasser und doch ist das Wasser überall am Werk: in der Luft, in jeder Erdkrume, in jeder Pflanze. So ist es auch mit dem Geist Gottes. Er wirkt verborgen, er ist wie das Säuseln des Windes, aber er ist da als das Band zwischen Christus und seiner Kirche. Und so werden wir ihn nur im konzentrierten Hinhören, aufmerksamem Gebet vernehmen und verstehen können. Im Gebet ergreift der Geist Gottes von uns Besitz und verändert, vergeistigt die Welt.
Unsere Zeit weiß wenig vom Hl. Geist. Deshalb tut uns das Pfingstfest not. Feiern wir es mit Bedacht und beten wir inständig mit der Liturgie der Kirche: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

26.05.2013

Dreifaltigkeitssonntag
Joh 16,12-15





Hermann Volk, der Professor und spätere Kardinal von Mainz, erzählte einmal aus seiner ersten Kaplanszeit: „Ich hatte gerade meine erste Predigt auf meiner ersten Stelle gehalten. Nach der Messe kam ich in die Sakristei, und der Pastor sagte mir: „Die Predigt hat wohl nur der Heilige Geist verstanden.“ Hermann Volk sagte im Rückblick auf diese Erfahrung: „Was sollte ich machen. Es war das Dreifaltigkeitsfest.“
So erging es mir auch in meinem Theologiestudium. Die Lehre von der Dreifaltigkeit hörte sich wie hoch komplizierte Spekulation über das Verhältnis von Person und Wesen, von Einheit und Dreiheit an. So heißt es auch jetzt noch in der Präfation zum heutigen Fest: „So beten wir an im Lobpreis des wahren und ewigen Gottes die Sonderheit in der Personen, die Einheit im Wesen und die gleich Fülle in der Herrlichkeit.“ Verstehen sie das?
Nein, da ist nicht Jesus gekommen und hat eine komplizierte Lehre über Gott verkündet. Da haben sich auch nicht kluge Theologen hingesetzt, um das Geheimnis Gottes zu entschlüsseln, sondern da haben Menschen von ihren befreienden und beglückenden Erfahrungen mit Gott erzählt. Die komplizierten Gedanken kamen erst viel später. Schauen wir deshalb auf die Glaubenserfahrungen der jungen Gemeinden, die uns näher sind als die späteren theologischen Deutungsversuche.
Viele Menschen haben in der Begegnung mit Jesus gespürt, dass der unendlich Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens, uns in Jesus ganz nahe gekommen ist. In ihm ist Gott gleichsam greifbar geworden. In ihm hat er sich gezeigt nicht als der gewaltige Richter der Sünder, sondern als der Vater, der verzeiht und alle zu sich ruft, um ihnen Leben und Heil zu schenken. Gott ist nicht der Ferne und unnahbare, sondern erfahrbar in diesem Menschen, der ganz anders ist als die anderen, der auf die Menschen zugeht, gerade auf die, die sonst keine Hoffnung mehr haben. Er gibt ihnen ihre Würde zurück, die ihnen von Gott geschenkt ist. Da haben Menschen das erkannt, was ihnen Jesus immer wieder angedeutet hatte: Jesus ist der Sohn Gottes, ganz wie der Vater. Jesus ist die menschliche Nähe Gottes. In der heutigen Lesung heißt es: „Durch ihn haben wir den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung."
Das anfängliche Vertrauen auf Jesus war bedroht durch sein Kreuz. Wie konnte man die Nähe Gottes in Jesus und sein schreckliches Sterben zusammenbringen? Doch die Erfahrung des Auferstandenen bestärkte die Hoffnung der Jünger auf ihn. Sie blieben zusammen in seinem Namen. Da spürten sie: Er ist zwar nicht mehr sichtbar unter uns, aber sein Geist ist noch lebendig, als ob er hier selbst unter uns wäre. Wir spüren, dass jetzt von uns solche Kräfte ausgehen wie damals von ihm, dass wir in seinem Geist miteinander und mit den Menschen neben uns umgehen können. Sein Geist lässt uns in der Bedrängnis nicht untergehen, schenkt uns vielmehr Mut mitten in aller Angst und Hoffnung in aller Bedrohung. Wir können von ihm Zeugnis geben, seine frohe Botschaft verkünden in dem Vertrauen, dass sein Geist uns führt.
Diesen Gott suchen wir, den tröstenden, den wegweisenden. Aber wo finden wir ihn. Da gibt es doch die nette Geschichte von den zwei Mönchen, die lasen miteinander in einem alten Buch, dass es am Ende der Welt einen Ort gäbe, an dem sich Himmel und Erde berührten. Einen Ort, an dem seinen Macht offenbar wird und das Reich Gottes anfängt. Sie beschlossen, ihn zu suchen und nicht eher umzukehren, ehe sie ihn gefunden hätten. Sie durchwanderten die Welt, bestanden unzählige Gefahren, erlitten alle Entbehrungen. An diesem Ort sei eine Tür, so hatten sie gelesen. Man brauchte nur anzuklopfen und einzutreten und befände sich im Reich Gottes. Schließlich fanden sie, was sie suchten. Sie klopften an die Tür, bebenden Herzens sahen sie, wie sie sich öffnete. Und als sie eintraten, standen sie zu Hause in ihrer Klosterzelle und sahen sich gegenseitig an. Da begriffen sie: Der Ort, an dem das reich Gottes beginnt und sich Gottes Macht für uns Menschen zeigt, befindet sich auf der Erde, genau an der Stelle, die Gott uns zugewiesen hat. Genau an dem Ort an dem wir leben, zeigt uns Gott seine Liebe. Wir brauchen nur das Herz und unsere Augen zu öffnen, damit wir sie erfahren.
So wuchs der Glaube an den dreifaltigen Gott: der Vater als Urgrund allen Lebens, der Sohn als die menschliche Nähe dieses Gottes, der durch seinen Geist anwesend und wirksam bleibt unter uns. Wir dürfen staunend erleben, dass Gott etwas an uns liegt. Das ist ja alles andere als selbstverständlich. Wir dürfen staunend erfahren, dass er uns liebt. Ich kann zu ihm kommen. Sein Geist lebt in mir. Ich habe unmittelbar Zugang zu ihm.
Aber manchesmal bleibt Gott in unserem Leben doch ein Fremder. Wir stellen uns Gott ja doch immer so vor, dass er irgendwie zu uns passt; so, wie wir ihn brauchen, wie er unserer Sehnsucht, unseren Beziehungserfahrungen, unserer Glaubens- und Unglaubensgeschichte entspricht: in den Bildern, die sich uns eingeprägt haben und unsere Sehnsucht ausdrücken. Wir holen Gott an uns heran und machen ihn uns verwandt. Und er will uns ja nahe sein. So wird daran nichts Unerlaubtes sein.
Aber sperren wir Gott nicht geradezu ein in unsere Lebensperspektiven und Vorstellungshorizonte? Reduzieren wir ihn nicht zu dem, den wir brauchen, zur Ergänzung dessen, was uns fehlt? Messen wir ihn nicht ab nach dem menschlich-allzumenschlichen Maß unserer Bedürfnisse. Er ist – so sagen es die frühchristlichen Theologen – der Unermessliche, für den das Maß unserer Begriffe und Vorstellungen viel zu klein ist. Er ist außerhalb der Netze, mit denen wir die Wirklichkeit einfangen und verfügbar machen wollen. Er ist freilich nicht außerhalb, um sich uns zu entziehen oder unsere Sehnsucht zu enttäuschen. Er ist außerhalb, um uns immer wieder neu herauszufordern, zu überraschen, staunend zu machen, staunend zu machen darüber dass die Unermesslichkeit unserer Welt gerade nur eine Ahnung von seiner Größe gibt, staunend darüber, dass Gott die Liebe ist, die alle Ausweglosigkeit und allen Zweifel zu heilen vermag, staunend darüber, dass Gott unsere Zukunft ist, wenn wir uns einmal ganz aus der Hand geben müssen. Er ist der gute Ort, an dem wir ankommen dürfen, wenn wir nichts mehr wollen und von uns aus nichts mehr erreichen können. Wenn wir uns selbst genommen werden, so nimmt Gott, der Unermessliche, uns an sich. Das ist das Geheimnis aller Geheimnisse-
Gott will nicht in sich bleiben. Er bezieht uns ein in die Fülle seines Lebens. Alles reden darüber bleibt Stückwerk, auch die schlauen Gedanken der Theologen. Wie könnten unsere Worte und Gedanken auch ihn, den unbegreiflichen Gott einfangen. Alle Not und Bedrängnis unseres Lebens sind kein Argument gegen diesen Gott. Er lässt uns wie Jesus in der Bedrängnis bestehen, schenkt uns Geduld und Kraft, er ermöglicht die Hoffnung gegen alle Hoffnung, Hoffnung auf die volle Anteilnahme an seinem Leben. Denn die Liebe Gottes ist schon ausgegossen in unsere Herzen und weckt die Hoffnung auf mehr, auf ihn selbst.
Da geht es nicht mehr um schlaue Worte oder um komplizierte Definitionen, sondern um unsere Antwort: um staunende Dankbarkeit und Liebe. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

30.05.2013

Fronleichnam
1 Kor 11,23-26
Lk 9,11b-17
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Es dürfte für uns nicht ganz einfach sein, das Evangelium von der wunderbaren Speisung der 5000 Männer auch innerlich nachzuvollziehen. Denn einmal gibt es im Moment niemanden, der fünf Brote und zwei Fische austeilt und zum anderen sind wir hier augenblicklich weder an einem abgeschiedenen Ort, noch leiden wir Hunger. Jeder von uns weiß, dass er am Mittag einen gedeckten Tisch vorfindet und dass ihn weder heute noch morgen der Hunger plagen wird.
Das Evangelium erzählt jedoch von einer Notlage. Menschen sind zu Jesus gekommen, ihm nachgefolgt. Sie wollten ihm zuhören, sich von ihm aufrichten lassen, und nun holt sie die Realität ein. Es wird Abend, der Hunger meldet sich, die Mägen knurren. Was damit gemeint ist, erleben Menschen auch heute noch. Ich denke an eine Frau, die an ihrem Glauben irregeworden war, als ihr Kind schwer krank wurde; mir fällt der Jugendliche ein, der seinen Beruf verlor und der deswegen mit seinem Schicksal und mit Gott haderte: „Warum hast du mir dies angetan?“ Immer wieder werden Menschen in ihren Hoffnungen enttäuscht und verstehen nicht, warum Gott es zulässt, dass unschuldige Menschen leiden und sterben müssen oder dass nach 2000 Jahren Christentum die Welt noch immer so zerrissen und heute mehr denn je in ihrem Bestand bedroht ist. Der Hunger nach Gott, nach Heil, nach Sinn, nach einem gelingenden Leben hat viele Gesichter.
Mit der Not aber wächst auch bei uns die Versuchung, „die Sache“ selbst in die Hand zu nehmen. Wie die Jünger, so haben Menschen immer wieder ihre Lösungen bereit gehabt und sie durchgesetzt. Sie haben Aktionen und Programme entwickelt, sie verändern Strukturen und geben Ratschläge. Ich halte das natürlich in keiner Weise für falsch, aber mir gibt gleichzeitig doch Jesus an sich unsinnige Weisung an die Jünger zu denken: „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Jesus sagt das ausdrücklich, um sie auf ihre eigene Hilflosigkeit hinzuweisen. Eine Situation, in die wir auch immer wieder kommen. Unsere Hilflosigkeit in der eigenen Not und in Anbetracht der Not der Menschen in der Welt kommt uns immer deutlicher zum Bewusstsein.
Wie sollen sie, die kaum etwas haben, das gewaltige Problem lösen? Wie oft geht es Menschen, geht es jedem von uns ähnlich: „Was kann ich schon ausrichten mit meinen wenigen Mitteln. Ich bin zu schwach, habe keinen Einfluss, ich bin nicht sonderlich reich und ich verstehe überhaupt nichts von den großen Zusammenhängen. Wie sollte ich die Not der Völker der Dritten Welt, den Hunger in Afrika lindern können? Ich kann nichts dazu beitragen, die Riesenprobleme dieser Welt zu lösen.
Das Evangelium nimmt jedoch eine überraschende Wendung. Genau der geringe Vorrat der Jünger reicht für Jesus aus, die ganze Menschenmenge satt zu machen. Die Jünger brauchen gar nicht mehr zu haben als diese fünf Brote und die zwei Fische, sie müssen nur bereit sein, ihre Möglichkeiten Jesus zur Verfügung zu stellen. Nicht was der Mensch hat ist entscheidend, sondern das, was er hergibt. Eine paradoxe Logik! Sie erweist sich als Logik des Lebens. Den Mut zu haben etwas herzugeben, sich selbst aufs Spiel zu setzen, darauf kommt es an. Die Jünger bekommen diesen Mut durch Jesu Wort und ernten so aus ihrem Mangel Überfluss.
Es geht aber in der Botschaft Jesus nicht bloß um das natürliche Brot.
Es ging Jesus nicht nur darum, den irdischen Hunger zu stillen und uns geht es auch nicht darum, das Fronleichnamsfest nur zu einem Fest des Teilens zurückzudrehen. Es geht bei diesem Fest um den „Herrenleib“. Das sind ja auch der Sinn und die Bedeutung des Namens dieses Festes. „Fron“ bedeutet im Althochdeutschen „Der Herr“. Und das Wort „Lichnam“ hatte früher die Bedeutung eines lebendigen Leibes, hat also in unserer Sprache eine Bedeutungsverschlechterung erfahren.
Um die Bedeutung dieses Festes zu verstehen müssen wir weit zurückgehen in der Geschichte des israelitischen Volkes. Als das Volk unter die Freiheit erlangte aus der ägyptischen Knechtschaft feierten sie vor ihrem Auszug das Paschamahl. Pascha heißt „Vorübergang“, weil der Todesengel an den Wohnungen der Israeliten vorüberging, als die große Seuche unter den Ägyptern ausbrach. Der Exodus wurde zur großen Befreiungstat Gottes an seinem Volk. Und zur Erinnerung daran feierten die Israeliten jedes Jahr das Paschafest. Auch Jesus feierte es immer wieder mit seinen Jüngern. Zuletzt in der Nach vor seiner Gefangennahme. Bei dieser Feier wurde Brot und Wein unter die Familienmitglieder ausgeteilt. Aber in dieser letzten Feier Jesu mit seinen Jüngern geschah etwas Besonderes und Einmaliges. Jesus fügte den üblichen Worten etwas Neues und Unerhörtes hinzu. Als er das Brot brach und weitergab sagte er: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“. Und zum Wein sagte er: „Das ist mein Blut, das Blut des neuen und ewigen Bundes, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis“.
Das sind unerhörte Worte. Was bedeuten sie? Was ist ihr Sinn? Wie sollen wir sie verstehen?
Romano Guardini, der bedeutende Münchener Theologe sagte einmal, wir sollten nicht herumgrübeln, wie diese Worte zu interpretieren wären. Wir sollten sie so schlicht und einfach nehmen, wie sie Jesus gesagt hat. Unter diesen Gestalten von Brot und Wein verbirgt sich die Gegenwart Gottes, nicht bloß irgendwie symbolisch, sondern wirklich. Etwas Größeres konnte sich Gott wahrlich nicht einfallen lassen als dass er unter den einfachen Gestalten von Brot und Wein unter uns gegenwärtig sein wollte. Und die Jünger haben die Worte auch in ihrer schlichten und tiefen Bedeutung verstanden und immer wieder im Sinne Jesu das heilige Geheimnis gefeiert.
Leider hört man von Kindern immer wieder etwas Eigenartiges, wenn man sie über die Eucharistie fragt. Da kommt immer wieder das Wort vom „heiligen Brot“ auf. Aber ich finde das irreführend, denn der Leib des Herrn ist mehr als bloß ein heiliges Brot.
Und dieser Leib des Herrn ist Nahrung für uns. Der tiefste Kontakt, der uns mit Gott möglich ist stärkt uns in unserem Bemühen, Jesus nachzufolgen, ihn in dieser Welt glaubwürdig darzustellen.
Die Brotvermehrung konnte zustande kommen, weil ein kleiner Bub seine wenigen Brote und seine wenigen Fische hergab. So wurde Nahrung für die Vielen. Auch die Eucharistie verlangt unsere menschlichen Voraussetzungen. Wir bringen Brot und Wein. Übersetzt heißt das, wir stellen Gott unsere menschlichen Möglichkeiten zur Verfügung. Mögen sie auch noch so klein sein, das macht nichts aus. Und auf Grund dieser unserer Gabe, unserer Bereitschaft wirkt Gott immer wieder seine großen Wunder, vor allem das Wunder seiner Gegenwart unter uns. Durch uns möchte Jesus auch in unserer Zeit sichtbar und spürbar gegenwärtig sein. Die Kraft dazu bekommen wir immer wieder durch ihn selbst, der in der Heiligen Kommunion in unserem Herzen einkehrt und Wohnung darin nimmt. Ja, so reden wir, wenn wir von der Heiligen Kommunion sprechen: Jesus kommt in unser Herz, Jesus nimmt Wohnung in uns.
Tragen wir diesen Jesus in unserem Herzen zu den Menschen und hinein in unsere Welt. Das findet heute so schön seinen Ausdruck in der Prozession. Dann wird es sein, dass Jesus durch uns hindurch wieder unter den Menschen sichtbar und spürbar gegenwärtig wird und dass da Leben aufblüht, wo wir Gott durch uns hindurch handeln lassen.

P.Paul Mühlberger SJ

02.06.2013

9. Sonntag im Jahreskreis
Lk 7,1-10



Im Jahre 1978 erschien ein damals viel beachtetes Buch mit dem Titel: „Das Ende der Vorbilder“. Man mag den Titel inzwischen so verstehen, dass richtige Vorbilder heute Mangelware sind. Aber das sagt nichts darüber aus, dass die Menschen nicht nach wie vor nach Vorbildern suchen. Jede Empörung über das Fehlverhalten eines Politikers oder eines Verantwortungsträgers in der Wirtschaft ist wohl so zu verstehen: Immer gibt es die Sehnsucht im Menschen, ich an irgendetwas oder irgendjemanden halten zu können. Wenn eine öffentliche Person scheitert, dann verletzt das diese Sehnsucht. Im Zeitalter der gnadenlosen Transparenz reicht dafür manchmal auch schon ein eher geringer Anlass. Auf diesem Hintergrund ist es gewagt, als Vorbild jemand zu präsentieren, der auf den ersten Blick nicht das Zeug zum Vorbild hat: den Hauptmann von Kafarnaum. Einem gläubigen Juden war ein Nichtgläubiger suspekt. Zudem stand er vermutlich in Diensten der römischen Besatzungsmacht. Daran ändert auch nichts, dass er die Synagoge finanziert hatte. Ihm eine Bitte zu erfüllen, das konnte noch angehen. Aber Jesus lobt ihn, ihn, den Heiden, als Vorbild für Israel. Das ist provozierend.
Aber genau um diese provozierende Botschaft geht es: Wir müssen manches Mal über den Tellerrand hinausschauen. Wir können auch das Vorbildhafte in Menschen entdecken, die anders sind als wir. Lernen können wir auch von dem, der ein Fremder ist, wenn es uns gelingt, die Brille der Vorurteile abzulegen. Das sind Appelle, die man als einigermaßen aufgeschlossener Mensch bejahen kann. Schwierig wird es allerdings, wenn man das konkret für sein eigenes Leben umzusetzen versucht. Wir wissen sehr genau, wie wir immer wieder Andersartiges abstoßen und das hängt oft von Kleinigkeiten ab: der Hautfarbe, von anderen Lebensgewohnheiten und nicht selten auch von der Art wie einer sich kleidet und in der Gesellschaft auftritt.
Lukas mutet seinen Lesern ein Wechselbad der Gefühle zu. Über den Hauptmann sagt er nur Gutes: großzügig, gut zu seinem Sklaven, ungemein höflich gegenüber Jesus, tief gläubig. Doch am Ende bringt Jesus es auf den Punkt: Nicht einmal in Israel habe ich einen solchen Glauben gefunden. Das ist eine tiefe Kränkung, auch wenn sie freundlich in Watte gepackt ist.
Sich den Heidenchristen zuwendend möchte Lukas diesen den Hauptmann als Vorbild des Glaubens vor Augen stellen. Sein Glaube, sein absolutes Vertrauen in Jesus soll auch ihren Glauben bestimmen und auszeichnen. Beiden, Juden- wie Heidenchristen, will Lukas versichern: Das Heil erhalten alle, die an ihn glauben und ihm vertrauen, unabhängig davon ob sie Heiden oder Beschnittene sind, zu den Kleinen oder Sündern zählen, den Zöllnerberuf ausüben oder der Besatzungsmacht angehören.
Das ist das eigentliche Wunder, das Jesus immer wieder wirkt: das Verschenken seiner unbegrenzten Liebe an alle. Die erwähnte Krankenheilung ist für Jesus nichts Besonderes. Sie dient im Grunde nur der Bestätigung seiner Größe und Machtfülle und ist eine Hilfe für die, die noch auf der Suche sind nach dem Wesen Jesu. Das Wunder schlechthin, das Jesus immer wieder wirkt, ist seine Liebe, in die er alle Menschen einschließt.
Der Hauptmann ist ein Glückspilz. Sein Vertrauen in Jesus wird belohnt, wie er es sich wünscht. Wie schön wäre es, wenn auch unsere Bitten an Gott so schnell und unkompliziert Erfüllung fänden.
Sicher haben auch wir uns des Öfteren von Gott erhört gefühlt. Aber wir haben zuweilen auch das Gefühl, dass unsere Bitten und Gebete unerhört blieben. Manche Bitten mögen unberechtigt gewesen sein – aber doch nicht alle! Hier stehen wir vor einem Problem, das sich mit menschlichen Gedanken nicht lösen oder begründen lässt.
Ganz sicher stimmt, dass wir durch manches Leid, das wir mit Gottes Hilfe durchgestanden haben, innerlich gewachsen sind. Wir wurden feinfühliger, einfühlsamer, vorsichtiger um Urteil, wacher für Menschen mit ihren Nöten um uns her. Wir wurden vorbereitet auf Herausforderungen, die später auf uns zukamen und die wir dann bewältigen konnten. Das alles stimmt. Und dennoch bleibt für manche Situationen die Frage offen: Warum hilft mir Gott nicht deutlicher oder mehr, obwohl ich ihn voll Vertrauen und inständig angefleht habe? Eine letzte, befriedigende Antwort werden wir auf diese Frage nicht finden. Aber es gibt im Ansatz einen Gedanken, der uns einleuchten könnte.
Wir Menschen sind zunächst eingebunden in eine materielle Welt und wir sind demzufolge auch eingebunden in alle Beschränkungen des Irdischen: Krankheit, Leid in vielfacher Hinsicht, wir sind niemals ganz und vollkommen glücklich. Auf mehr haben wir eigentlich als Menschen kein Recht. Und wenn es eine Eigenschaft des Menschen ist, dass er ein Glück ohne Grenzen und ein Leben ohne Minderung sucht, so ist das etwas, was mit unserer Seele zu tun hat, mit unserer Seele, die schon eine Garantie für dieses Glück und Leben bietet. Und Gott wird halt nicht immer sich über alle unsere materiellen Begrenzungen hinwegsetzen. Und so kommt das Leid letztlich aus unserer materiellen Gebundenheit und dem Bewusstsein und der Hoffnung unserer Seele auf eine Erfüllung. Und so ganz nebenbei gesagt ist die positive Komponenten unserer Leiden auch das Wachhalten unserer Hoffnung.
Ein Blick auf den Hauptmann kann uns vielleicht helfen, unsere menschlichen Nöte zu ertragen und ohne Verbitterung durchzustehen. Neben dem Vertrauen, das der Hauptmann in Jesus setzt, zeichnet ihn aus, dass er ein tiefes Gespür für die Erhabenheit Jesu und seine souveräne Freiheit des Handelns besitzt. Ich bin nicht würdig, dass du mein Haus betrittst, lässt er Jesus ausrichten. Hinter diesen Worten steckt die Überzeugung: Ich kann dich, Jesus, bitten; aber ich habe kein Anrecht auf deine Hilfe. Wenn du mir hilfst, dann ist das ein reines Geschenk deiner Güte. Und auf irgendeine Weise hilfst du immer. Denn wenn schon die Last nicht von mir genommen wird, dann schickst du mir die Kraft, sie zu tragen, im positiven Sinn; als Teilnahme an deinem Erlösungswerk und demzufolge nicht sinnlos!
Tausend Dinge gewährt uns Gott Tag für Tag neu, sogar ohne dass wir ihn darum bitten. Es sollte uns auszeichnen, dass wir das Vertrauen nicht aufgeben. Gott bleibt auch dann, wen wir ihn nicht verstehen, unser Helfer und Beistand, dem wir nicht genug danken können.
Vielleicht wird das große und eigentliche Wunder Gottes an uns, dass er uns die Kraft schenkt, trotz mancher Enttäuschungen und bleibender Fragezeichen nicht von ihm abzulassen. Das wünsche ich Ihnen und mir.

P. Paul Mühlberger SJ

09.06.2013

10. Sonntag im Jahreskreis
Lk 7,11-17
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Wir schauen gerne in die Schaufenster, Kleider, Schuhe, technische Geräte sind immer ein Anziehungspunkt. Es gibt auch ein Schaufenster, das keine Waren anbietet und vor dem doch immer wieder Leute stehen. Ich denke da an die Auslage eines Bestattungsinstituts. Mal schauen, wenn es wieder erwischt hat. Der Tod und das Sterben ist ein Dauerbrenner in unseren Medien. Nicht so sehr das gewöhnliche Sterben ist da interessant, sondern die Unfälle und die Morde. Und manchesmal kommt uns bei allem auch der Gedanke an den eigenen Tod, den wir allerdings gerne in eine ferne Zukunft verschieben.
Im heutigen Evangelium erleben wir wie Jesus dem Tod begegnet. Es ist eine merkwürdige Situation. Jesus begegnet einer Witwe, die ihren einzigen Sohn zu Grabe tragen muss. Abgesehen vom dem Schmerz, den eine Mutter durchleidet, wenn sie eines ihrer Kinder zu Grabe trägt, wird dieser Frau mit dem Tod ihres einzigen Sohnes auch noch ein hartes Lebensschicksal aufgebürdet. Sie ist Witwe. Der Verlust ihres einzigen Sohnes bedeutet in damaliger Zeit: Von nun an ist sie an den Bettelstab gebunden. Palästina war ein armes Land. Es gab nicht einmal genug Arbeit für die Männer, die für den Unterhalt der Familie zu sorgen hatten. Vielleicht gab es den einen oder anderen guten Menschen, der diese Frau gelegentlich als Magd einstellen würde, aber überwiegend waren die Witwen größter Not ausgesetzt. – besondern in ihrem Alter.
Somit trägt diese Frau nicht nur ihren Sohn zu Grabe, was schon schlimm genug ist, sie muss mit ihm auch alle ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft, alle Erwartungen an ein bisschen mehr Lebensglück begraben. Indem sie durch das Stadttor schreitet, um den Leichnam ihres Sohnes auf den Friedhof zu begleiten, trägt sie auch sich selbst hinaus. Die Stadt, jener Ort, wo Leben sich vollzieht und Lebenswünsche Gestalt annehmen, ist nicht mehr ihr Lebensraum. Sie wird künftig zu denen gehören, die zwar noch nicht gestorben sind, deren Leben aber tot ist. Betteln und warten, bis sich auch bei ihr der Tod meldet und diesmal eher erwartet als abgelehnt wird, das ist ihre Zukunft.
Jesus sah die Frau und es heißt: Er hatte Mitleid mit ihr. Vor Jesu Augen rundet sich das ganze Schicksal dieser Frau. Und so steht er nun vor ihr und stoppt den Leichenzug. Das war zunächst eine pietätlose Handlung, einen Trauerzug um Anhalten zu bringen. Und dann noch das Wort Jesu, das wie ein Hohn in den Ohren der Trauergäste und der Mutter geklungen haben mag: „Weine nicht!“ Und dann die Worte an der Bahre des jungen Mannes: „Ich befehle dir, junger Mann, steh auf!“ Ein Befehlswort an einen Toten, das muss man sich einmal überlegen, was das bedeutet. Nicht die Mühsal der Totenerweckung wie wir sie beim Propheten Elija in der Lesung gehört haben, sondern ein müheloser Machterweis Jesu, der sich somit als Herr über Leben und Tod ausgibt.
Wir stellen uns viele Fragen in Bezug auf den Tod, besonders auf den eigenen Tod. Warum muss das sein? Warum diese Angst vor dem Tod, warum diese Angst vor dem Selbstverlust, vor dem Unbekannten, vor der Trennung von allem, was unser Leben ausmachte?
Das Sterben hat der Mensch gemeinsam mit den übrigen Dingen der Natur, die alle veränderlich und vergänglich sind. Die Pflanze empfindet nichts wenn sie verwelkt und auch das Tier leidet nicht bewusst unter dem Sterben, nur der Mensch. Der Grund dafür geht merkwürdigerweise auf ein Geschenk Gottes zurück auf das wir in unserem materiellen Dasein nicht die geringste Berechtigung haben: unsere Seele, die schon eine Teilnahme am Leben Gottes ist. Von ihr kommt unser Hunger nach einem beständigen Leben und nach einem vollkommenen Glück. Das ist die Spannung, in der sich unser Leben abspielt.
Für uns Christen ist der Tod kein Untergang, sondern die Geburt hinein in die Dimension Gottes. Aber wir haben den Tod verdrängt, obwohl er zu unserem Leben dazugehört. Man trägt nicht mehr Leid, man schafft sich die Friedhöfe wo weit wie möglich aus den Augen, früher lagen die Gräber rings um die Kirchen herum. Man verbirgt die Toten oder man stellt sie, wie in Amerika, als Lebende geschminkt zur Schau. Viele Kinder haben nie einen Toten gesehen, nie einen Sterbenden, vielleicht nicht einmal einen Kranken. Das Tabu des Todes hat das sexuelle Tabu ersetzt. Man weiht Kinder in die Geheimnisse des Lebens“ ein: in Empfängnis, Schwangerschaft, Geburt, bald auch in Empfängnisverhütung, wenn nicht gar Abtreibung, aber man verhehlt ihnen systematisch die Toten und den Tod, und man schweigt zu ihren Fragen, wie man früher schwieg, wenn sie fragten, wie denn die Babys zur Welt kämen. Wir wären übrigens sehr verlegen, wollten wir ihnen antworten. Die alten Redensarten wollen uns nicht mehr über die Lippen und wir kennen keine besseren: „Gott hat ihn zu sich genommen…Gott ist gekommen, ihn zu holen….Es hat dem Herrn gefallen, in abzuberufen“
Sinngebung auf die Frage nach dem Tod fand der Mensch früher in einem sozial-religiösen Rahmen, der ihm seinen Platz zuwies und den Sinn seines Lebens bestimmte. Heute hat der Mensch alle Bindungen fallen gelassen, hat sich aus der Kniebeuge vor Gott erhoben. Er steht aufrecht, aber er steht allein. Gott ist tot und die Natur, scheinbar beherrscht, schwindet dahin. Die Technokraten misshandeln die Umwelt, wie die modernen Künstler die Gegenstände verzerren und verstümmeln. Der Mensch ist zum Gott geworden und weil wir nicht mehr anerkennen, was uns übersteigt, weil wir nur mehr am Oberflächlichen hängen bleiben, versinken wir im Belanglosen.
Jesus spricht von der Auferstehung. „Jeder der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben!“ Das Bedeutet natürlich nicht dass der biologische Tod nicht stattfindet, aber Jesus versichert, dass das in Jesu begonnene Leben durch den Tod nicht unterbrochen wird. Und somit ist es heute schon da in uns.
Nicht die Angst vor dem Tod soll unsere Leben prägen, sondern eine frohe und zuversichtliche Erwartung. Wer sich von der Liebe Gottes beschenken lässt und seinerseits wieder Liebe schenkt, der hat bereits Anteil an dem Ewigen Leben, das uns Gott ein seiner ganzen Fülle zu schenken bereit ist.
Somit ist der Tod die letzte Prüfung unseres Glaubens an das Leben. Leben heißt glauben, also Vertrauen schenken, bereit sein, zu warten auf das, was man noch nicht sieht, und ihm Zeit lassen, sich uns zu enthüllen. Amen.

P Paul Mühlberger SJ

16.06.2013

11. Sonntag im Jahreskreis
Lk 7,36-50
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Vielfach ist in der christlichen Kunst diese Szene dargestellt worden: eine Frau mit aufgelösten Haaren zu Füßen Jesu. Sie salbt Jesu Füße mit demselben kostbaren Salböl, das sie sonst zu ihrer Schönheitspflege verwendet hatte. Sie spricht nichts, sie weint nur vor sich hin. Welche Überwindung muß es für sie gewesen sein in diese Männergesellschaft einzudringen, noch dazu in das Haus eines strenggläubigen Pharisäers. Es wird mit keinem Wort erwähnt, was sie eigentlich so sehr zu bereuen hat. Und Jesus macht ihr auch in keiner Weise irgendwelche Vorwürfe. Daß es sich um eine Frau mit einer sündhaften Vergangenheit handelt, das erhellt aus den Vergebungsworten Jesu.
Aber schauen wir uns die handelnden Personen ein wenig näher an. Da ist zunächst der Gastgeber, der Pharisäer, der korrekte Fromme. Er hat sich selbst nichts zu Schulden kommen lassen, so meint er. Deswegen ist sein Urteil klar und unangefochten: Diese Frau da ist eine Sünderin, Jesus müßte sie kennen, die ganze Stadt kennt sie. Und wenn er wüßte, wer sie ist, dann dürfte er sich von ihr nicht berühren lassen. Jesus scheint das nicht zu wissen und nicht zu spüren. Deswegen steht auch das Urteil des Frommen über Jesus fest. Für Gefühle ist im Leben des Frommen kein Platz. Man muß sich beherrschen und darf sich nicht so gehen lassen. Ekelhaft ist diese Szene für ihn, peinlich. So kann er nicht erkennen, daß sich diese Frau schon von ihrer sündigen Vergangenheit gelöst hat, daß sie ein neues Leben beginnt. Der Fromme nagelt die Sünderin auf ihre Vergangenheit fest. Der Fromme hält die Sünderin in ihrer alten Sünde gefangen. Von der ist für ihn nichts mehr zu erwarten. Er ist fertig mit dieser Frau.
Und da ist die Sünderin selbst. Sie hat offensichtlich in der Begegnung mit Jesus Vergebung erfahren. Und das in einer Form, die sie in keiner Weise beschämt. Da ist kein Wort zu hören von einer Anklage, da ist kein drohender Finger zu sehen. Da ist nur Liebe zu spüren. Jesus hat diese Frau nicht auf ihre Sünde festgenagelt. Das gibt ihr Mut zu ungewöhnlichem Dank. Jetzt kommt sie ohne Rücksicht auf die Menschen und auf das Gerede der Frommen zu Jesus, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen. Sie wagt sich als Frau in diese Männergesellschaft hinein. Sie hat die Kraft dazu, weil sie spürt, daß Jesus anders ist als die anderen, daß er sie annimmt. Das allein ist ihr wichtig. So kann sie von ihrer Rolle loskommen. So kann ein neuer Anfang gelingen. Die ganze bittere Vergangenheit dieser Frau bricht hier auf, die ganze Sehnsucht nach Zuwendung und Liebe, nach Leben. Die Begegnung mit Jesus macht sie frei dazu.
Und Jesus selbst. Er läßt sich von einem frommen Pharisäer einladen. Er geht zu jedem. Er schließt keinen aus, nicht diesen korrekten Frommen, aber auch nicht diese Sünderin. Er will beide nicht auf ihre Vergangenheit festlegen. So löst er den Bann, der über der Frau liegt. Er läßt all ihre Gefühle zu. Ihm sind sie nicht peinlich. Er freut sich offensichtlich über die Hingabe der Frau, in der ihre ganze Sehnsucht nach Leben, nach Berührung, nach Zuwendung deutlich wird. So ermöglicht er ihr in diesem Geschehenlassen einen neuen Anfang.
Aber auch dem Pharisäer will Jesus einen neuen Anfang ermöglichen. Er will ihn aus dem Gefängnis seiner scheinbaren Frömmigkeit herausholen und auch ihn zu wahrer menschlicher Begegnung befreien. So verurteilt er ihn nicht, greift ihn nicht an, sondern erzählt ihm eine Gleichnisgeschichte. Er läßt dem Frommen die Chance, sich in diesem Gleichnis wiederzuerkennen und sich zu größerem Leben zu öffnen. Er will ihn befreien zur Dankbarkeit. Der Ausgang ist offen. Es wird nicht mehr erzählt, wie der Fromme auf dieses Angebot reagiert. Doch alles deutet darauf hin, daß er sich nicht öffnen läßt, weil er glaubt, es nicht nötig zu haben. Keiner hat ihm etwas vorzuwerfen. So lebt er am Leben vorbei.
Und da sind ja auch noch wir selber. Oder erkennen wir uns nicht in einer der handelnden Personen wieder? Vermutlich tragen wir alle etwas von dem Pharisäer, dem korrekten Frommen, in uns. Wir nageln andere gar zu gerne auf ihre Schuld fest, brechen den Stab über sie. Das kann sich auf einzelne Menschen in unserer Nachbarschaft oder Familie, am Arbeitsplatz oder in der Gruppe beziehen. Unsere eigene Frömmigkeit wird oft zu sehr korrekt und hartherzig.
Haben wir auch etwas von der Sünderin und ihrer überschwenglichen Liebe in uns? Lassen wir die Sehnsucht nach Leben und Begegnung in uns zu, oder haben wir all dies schon in den Panzer unseres korrekten Verhaltens eingeschlossen? Ich denke, Jesus will uns einladen, daß auch unser Leben und Verhalten etwas von seiner Kraft in sich hat, Begegnungen zu ermöglichen, Menschen zu befreien aus der Haft ihrer Vergangenheit, aus dem Panzer ihrer allzu großen Korrektheit. Er ist gekommen, damit wir das Leben haben, und zwar das Leben in Fülle. Und Leben, das heißt: Begegnung mit der ganzen Kraft unseres Herzens und unserer Gefühle; Offenheit für den anderen, so daß er keine Angst zu haben braucht vor der Begegnung mit uns; Zuwendung, die es dem anderen leicht macht, sich zu öffnen.
Mit diesem Evangelium will uns Jesus herauslocken zu einem freien, glücklichen und überschwenglichen Leben. Ob es ihm gelingt? Ob wir es lernen, so miteinander umzugehen, wie Jesus mit den Menschen umging?
Es muß uns möglich sein, uns von unserer Vergangenheit, auch von unserer sündhaften Vergangenheit nicht gefangen nehmen zu lassen. Der Satz: „Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe“ scheint mir sehr tröstlich zu sein. Es ist geradezu gesagt, dass selbst die Sünde und ihre Vergebung den Weg zu öffnen imstande sind zu einer größeren Liebe. Der tiefe Kontrast zwischen unserer menschlichen Sündhaftigkeit und der Größe der Verzeihung läßt uns erst die Liebe Gottes zu uns ahnen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23.06.2013

12. Sonntag im Jahreskreis
Lk 9,18-24

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Unser Glaube ist nicht etwas, das wir in der Hand haben wie einen festen Besitz. Natürlich sind wir gläubige Menschen, natürlich sehen wir im Glauben den Sinn und die Basis unseres Lebens. Aber ob er immer auch so fest ist, dass wir unser ganzes Leben nach ihm ausrichten? Die eigene Erfahrung hat uns ja immer wieder gezeigt, dass auch Zweifel in unserem religiösen Leben ihren Platz haben. Man hat früher die Glaubenszweifel oft als Sünde gebrandmarkt; aber das sind sie nicht. Glaubenszweifel sind etwas für den denkenden Menschen Natürliches. Sie sind ein Hinterfragen von ganz wesentlichen Dingen, die das menschliche Leben betreffen. Glaubenszweifel regen uns an, nachzudenken, nachzulesen, nachzufragen. Und sie können somit dienlich sein für die Vertiefung unseres Glaubens.
Wir wissen nur zu gut, wie wenig es die menschliche Sprache vermag, religiöse Inhalte auszudrücken. Selbst Jesus konnte das nicht, wenn er vom Himmelreich und von seinem Vater gesprochen hat. In Bildern und Gleichnissen redet er zu den Menschen von den Geheimnissen Gottes. Und er, Jesus Christus” ist für uns das größte Geheimnis und auch die Schlüsselperson unseres gesamten Glaubens. Denn er hat legitimiert und in höchstem Auftrag von Gott selbst, seinem Vater, zu uns gesprochen.
Und so ist die Frage Jesu an seine Jünger sehr berechtigt und fordert sie geradezu heraus, sich einmal Gedanken zu machen über ihren Herrn und Meister. “Für wen halten mich die Leute?” Es ist dies auch die letztlich alles entscheidende Frage auch unserer Existenz: Für wen halten wir Jesus von Nazareth? Wer ist er für uns” Was bedeutet er? Welchen Stellenwert hat er für mich? Der Evangelist deutet an, dass Jesus selbst diese Frage als sehr bedeutsam versteht. Sie wird in der zurückgezogenen Einsamkeit gestellt, aus dem Verweilen im Gebet heraus, in der Gemeinschaft mit den Jüngern.
Und so hören wir nun die Vielfalt der möglichen, der verbreiteten Antworten: ein neuer Täufer, ein auferstandener Elias oder ein wiedergekommener Prophet. Heute gibt es noch mehrere Antworten dazu: Jesus, ein guter und edler Mensch, in Anspruch genommen von den Grünen und den Roten, von den Sozialkritikern und den Revolutionären. Aber schweifen wir nicht ab! Wo ist unsere Antwort? Ist sie darunter und den vielen Antworten? Wenn Ja, dann müssten wir uns wohl sagen lassen, dass sie doch ungenügend wäre, denn die Frage wird von Jesus nochmals gestellt und auf die Jünger zugespitzt: “Ihr aber, für wen haltet ihr mich?” Einer antwortet für alle, seine Antwort gilt, und nicht zuletzt um dieses Bekenntnisses willen wird ihm seit jeher ein Vorrang in der Nachfolgegemeinschaft Jesu eingeräumt: Jesus ist der Messias Gottes, d.h. der Christus – davon leiten wir unser aller Namen ab.
Und wenn die Frage an uns gestellt wird: “Wir aber...? Versuchen wir uns hineinzudenken und hineinzufügen in die Antwort des Petrus mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen für unser Leben: Jesus Christus, der Sohn Gottes. Nicht bloß ein Gesandter Gottes, nicht bloß ein edler Mensch mit einem edlen Auftrag, sondern Sohn Gottes, Gott selbst.
Christsein heißt somit, Jesus von Nazareth als Sohn Gottes zu bekennen. Aber da ist offensichtlich noch etwas nachzutragen. Der Evangelist fügt im Munde Jesu noch eine Lektion hinzu. Denn es bedarf des richtigen Verständnisses, damit ein entsprechendes Bekenntnis über Jesus nicht nur ein Bekenntnis mit den Lippen bleibt. Der Christ ist somit einbezogen in den Heilswillen Gottes mit den Menschen, er teilt das Leben Jesu, vollzieht es mit. Das bedeutet für uns, dass wir wie Jesus von Gott in Dienst genommen werden, das heißt, dass wir im eigenen Leben bezeugen müssen, dass dieser Gott ein guter, ein treuer Gott ist, der Heil wirkt über den Tod hinaus.
Bei Christus heißt das: er muss vieles erleiden, er muss verworfen werden wie viele Propheten vor ihm; er muss dafür in den Tod gehen; aber - und übersehen wir das in genau dieser Dringlichkeit nicht! - er muss ebenfalls auferweckt werden, weil Gottes Treue selbst vor dem Tod nicht kapituliert.
Somit bleibt der Auftrag, in einem so umfänglichen Sinn mit der Antwort des Petrus zurechtzukommen, jedem von uns gegeben. Ein solches Verständnis von Wesen und Sendung Jesu bringt natürlich Folgen für all jene, die sich nach ihm Christen nennen. Christsein heißt, einem Jesus anhangen, der in dieser auf Gott ausgerichteten Lebensweise seinen Lebensauftrag versteht. Was das für jene bedeuten kann, die ihren Lebensweg mit Jesus Christus gehen wollen, erklärt uns der Evangelist in den abschließenden Jesussprüchen des heutigen Evangeliums.
Nicht herrschen, sondern dienen; nicht eine falsch verstandene Selbstverwirklichung, sondern Selbsthingabe; nicht Flucht in nur Schönes, sondern Aufnehmen des Kreuzes, das sich uns täglich stellt, also Tragen all dessen, das es zu meistern, zu überwinden, zu bewältigen gilt. Und dann in dieser Weise so tun wie Jesus – eben: ihm nachfolgen.
Wohlgemerkt: Da ist nicht vom Kreuz Jesu die Rede; dieses bürdet er uns nicht auf; auch nicht davon, dass Kreuze gesucht werden müssen; sondern: die vielen großen und kleinen Kreuze, die täglich, also im Alltag, auf unserem Weg stehen – sie sind aufzunehmen und zu meistern. Christsein ist Nachgehen des Weges Jesu. Dieser Weg führt in die Herrlichkeit Gottes, aber seine Eigentümlichkeit ist nicht das Bewahren, sondern das Vergessen des eigenen Ichs.
Deswegen ist in eigentümlicher Umkehr vom Verlieren und Retten des eigenen Lebens die Rede. In seiner Selbsthingabe ein ganzes Leben lang und bis zur Lebenshingabe hat Jesus in Übermaß verwirklicht und empfangen, hat er dieses Leben uns allen gewirkt.
Christsein also heißt so wie Jesus sein, in seiner Nachfolge leben. Diese Verkündigung des heutigen Sonntags ist umfangreich, sie ist inhaltsschwer und tief.
Was für uns bleibt und bleiben muss, ist die Frage Jesu: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Was wir versuchen müssen, ist eine Antwort, die nicht nur von den Lippen kommt, sondern bezeugt wird in unserem Leben. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

30.06.2013

13. Sonntag im Jahreskreis
Lk 9,51-62
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Im Märchen vom „Goldenen Vogel“ wird erzählt, wie ein Königssohn eine Reihe von schwierigen Aufgaben lösen muss, um am Ende das Reich seines Vaters zu erben. Unter anderem geht es auch darum, die Prinzessin vom goldenen Schloss zu gewinnen. Tatsächlich gelingt es dem Prinzen während der Nacht, als alle schlafen, das Herz der Schönen zu erweichen. Sie entschließt sich, mit ihm zu ziehen. Im allerletzten Moment bittet sie ihn, noch einmal ihre ihren Eltern sehen zu dürfen. Aber kaum ist das Mädchen ans Bett der Eltern getreten, da erwacht der Vater und mit ihm das ganze Schloss. Der verwegene Entführer wird verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Das angestrebte Glück liegt wieder in unerreichbarer Ferne.
Im Märchen kommt ein empfindlicher Bereich der menschlichen Entwicklung bildhaft zur Sprache. Viele Menschen bleiben in ihrer Entwicklung auf halbem Weg stehen, weil sie im entscheidenden Moment zögern und sich damit durch ihre Vergangenheit, durch ihre Umgebung und bestimmte Gewohnheiten gleichsam in Dauerhaftnehmen lassen. In ihrer Gewichtigkeit sind solche Ver-haftungen sehr unterschiedlich.
Da hat der eine nach einer Krankheit wieder begonnen zu rauchen. Später ärgert er sich, dass er den günstigen Augenblick für seine Gesundheit nicht genutzt hat. Ein anderer hat als Erwachsener große Mühe, zu seiner eigenen Meinung zu stehen. Er hat als Kind gelernt, dass er nur dann der Liebste ist, wenn er sich möglichst vollkommen den Wünschen seiner Umgebung anpasst. Ein Dritter konnte sich als junger Mensch nicht entschließen, sich vom Elternhaus zu lösen. Jetzt leidet er oft unter der drückenden Abhängigkeit von den Eltern und findet nicht zu einer gesunden Eigenständigkeit. Irgendwo wird wohl jeder von uns spüren, wo er auf ähnliche Weise auf seinem Lebensweg im entscheidenden Moment „ver-haftet“ geblieben ist.
Jesus hat einen Gott verkündet, der die Menschen aus Einengung und Tod zum Leben befreit. Alle, die sich ihm anschließen, sollen in dieser Freiheit leben. Nun waren auch die Menschen damals, wie wir heute, vielem verhaftet. Während er in Armut und Machtlosigkeit seinen Weg nach Jerusalem geht, wo ihn Verurteilung und Tod erwarten, bleiben die Jünger den traditionellen Vorstellungen ver-haftet. Der Gesandte Gottes, dem sie folgen, muss nach ihrer Meinung von allen Anerkennung erfahren. Durch ein Strafgericht vom Himmel, so ihr Wunschdenken, soll Gott seine Macht sichtbar werden lassen.
Diese Vorstellung von seiner Sendung korrigiert Jesus in harter Form. Wer ihm folgt, muss sich dem Gesetz seiner neuen Freiheit unterstellen. Diese Freiheit trägt das Kleid der Armut: Wie ihr Meister sollen auch die Jünger heimatlos werden; sie sollen sich in radikaler Weise von allen Familienbindungen lösen; selbst die heiligsten Pflichten verlieren ihre Bedeutung in dem Augenblick, da Gott die Menschen durch Jesus zur Teilnahme an seinem Leben und seiner Freiheit einlädt. Sind wir unter solchen Bedingungen noch bereit zu sagen: Ich will dir folgen, Herr?
Es geht wohl um Zweierlei: die Härte der Nachfolge-Worte auszuhalten und dahinter den Reichtum der neuen Freiheit zu entdecken, aus der Jesus gelebt hat.
Da ist zum einen die Bereitschaft zur Heimatlosigkeit, die wir mit ihm teilen sollen. Jeder von uns möchte irgendwo zu Hause sein. Diese Sehnsucht treibt uns, wenn wir uns an Menschen binden; wenn wir uns ein dauerhaftes Zuhause einrichten wollen. Aber sind wir dann endgültig zu Hause, wenn wir den oder die Menschen gefunden haben, an die wir uns binden; wenn wir uns so eingerichtet haben, dass wir uns sicher fühlen können?
Jesus bleibt heimatlos, weil er die Sehnsucht nach Heimat im Menschen kannte, aber gleichzeitig auch um die Täuschungen wusste, denen die Menschen in ihrer Sehnsucht nach „ewiger“ Heimat verhaftet sein können. Er war bei Gott zu Hause. Das hat ihn frei gemacht, seinen Weg zu den Menschen zu gehen. Im Grunde geht es in dieser Forderung Jesu nicht um ein Aufgeben menschlicher Heimat und Gemeinschaft, sondern darum, dass wir bei allen irdischen Bindungen das letzt Ziel nicht aus den Augen verlieren. Wir werden doch immer wieder darauf gestoßen und das manchmal in einer sehr harten Art und Weise, genau dann, wenn wir uns unserer Ausgesetztheit und Verletzbarkeit bewusst werden, im Fall einer Krankheit, eines Verlustes oder überhaupt der Brüchigkeit unserer menschlichen Existenz.
Da ist zum anderen die Forderung, sich von Familienbindungen zu lösen. Für unsere menschliche Entwicklung ist es wichtig, von klein auf in der Familie zu erfahren: ich bin geliebt und angenommen. Doch menschliche Liebe ist immer auch zwiespältig. Sie gibt nicht nur. Sie hat auch die Tendenz, festzuhalten und zu klammern. Es gibt sogar die gefährliche Täuschung, vom anderen alles zu erwarten, als wäre er Gott. Solches Klammern an Menschen kann eigenes reifes Menschwerden verhindern und liebesunfähig machen. Wieder geht es darum, Unvollkommenes nicht als Endgültiges zu werten, also zu vergessen, dass alle menschliche Liebe und Bindung letztlich auf die Liebe und Bindung verweist, die wir in Gott haben.
Da ist zu dritten die Forderung, das zurückzustellen, was uns sozusagen „heilig“ ist. Heute sind es wohl nicht so sehr die Gesetze einer geheiligten Tradition, denen wir verhaftet sind. Andere, oft anonyme Autoritäten sind an deren Stelle getreten. Viele Menschen haben gelernt, ihr Leben auf Leistung und Erfolg aufzubauen. Wer könnte es wagen, zu fordern: Lass die Erfolgreichen auf ihre Leistung bauen, du aber folge mir nach, der ich den Menschen nicht nach Leistung und Erfolg beurteile. Viele haben es gelernt, ihre Freiheit im Kaufen, Verbrauchen und Genießen zu entdecken und darin ein Ziel ihres Lebens zu sehen. Wer könnte da sagen: Lass die Verbraucher sich zum Verbrauch gebrauchen lassen, da aber geh und verkünde, dass Gott der Geber und Erhalter allen Lebens ist.
Als Grunderkenntnis aus diesem Evangelium könnten wir mitnehmen, dass es wichtig ist, in unserem Leben die Perspektive nicht zu verlieren. Wir sind irdisch gesehen viele Bindungen verhaftet. Und das ist gut so. Es sind das die Bindungen an die Menschen, die wir lieben, es sind das die Bindungen an die Güter dieser Welt, die uns von Gott gegeben sind. Aber unserer Berufung geht darüber hinaus.
Und wieder steht da als großer Durchblick jene Erkenntnis, die der Heilige Ignatius von Loyola an den Anfang seines Exerzitienbuches stellt:
Der Mensch ist geschaffen um Gott zu loben und zu dienen. Die Dinge der Welt sind für ihn da, und er soll sie richtig gebrauchen. Um das zu können, soll er sich um die nötige Entscheidungsfreiheit bemühen.
Es geht in den Forderungen Jesu weder um Pietätlosigkeit noch um ein Geringschätzen menschlicher und materieller Werte. Es geht vielmehr darum, dass sie uns nicht den Blick auf Gott verstellen, sondern uns vielmehr helfen, ihn zu finden und zu entdecken und somit unserer Berufung als Christen nachzukommen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ