07.07.2013

14. Sonntag im Jahreskreis
Lk 10,1-12.17-20

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Es ist schon eine Zumutung. Da ruft Jesus aus der Menge derer, die sich ihm angeschlossen haben, zweiundsiebzig Männer heraus und schickt sie einfach auf den Weg. Unter Bedingungen, die sich niemand von uns heute wohl von einem unserer Bischöfe gefallen ließe. Sie sollen nichts mitnehmen, sie sollen angewiesen sein auf andere, und sie haben nicht einmal die Anweisung, besonders höflich zu sein. Aber das, was uns der Evangelist hier schildert, ist keine Utopie, es ist die Missionspraxis der frühen Kirche. In der Urkirche war es so, daß nicht nur die zwölf Apostel die Botschaft verkündigten. Außer ihnen trugen viele andere Männer und Frauen zur Bezeugung und Ausbreitung des Evangeliums bei. Die Briefe des heiligen Paulus und die Apostelgeschichte lassen uns dies erkennen; denken wir nur an Paulus selbst, an das Ehepaar Priska und Aquila oder an die in der Gemeinde wirkende Phoebe. Diese Tatsache erinnert uns daran, daß die Ausbreitung der Frohen Botschaft nicht die Aufgabe der Priester und Ordensleute allein ist. Wir alle sind dazu aufgerufen Und eine Berufung ist immer auf irgendeine Weise überraschend. Überraschend deswegen, weil sie nicht auf besonderen Begabungen und Leistungen des Berufenen aufbaut, sondern allein auf der Autorität dessen, der beruft. In einer Zeit, in den selbsternannten Gurus Hochkonjunktur haben ist die Erinnerung daran wichtiger denn je. Sendung erfordert Mut. Mut, sich dem Handeln Gottes zu überlassen und nicht menschlichem Kalkül. Jede Berufung wird somit zu einer Zu-Mutung an die Berufenen selbst wie an die, für die sie berufen sind.
Eine Sendung ist immer auch ein Risiko. „Wie Schafe unter die Wölfe“, heißt es bei Lukas. Auch darin steckt die Erfahrung der frühen Kirche. Wer sich senden läßt, weiß, daß er keine marktgängige Ware im Gepäck hat. Die Frohe Botschaft vom Reich Gottes ist die beste Nachricht überhaupt, aber sie ist nicht einfachhin gefällig. Sie ist immer zugleich auch ein Widerspruch. Widerspruch gegen alte Gewohnheiten und gegen die Gleichgültigkeit. Widerspruch gegen die Sünde. In einer Gesellschaft, die Glück zur wohlfeilen Ware auf dem Markt der Möglichkeiten erklärt, ist die Botschaft Jesu oft wenig erwünscht. Das ist das Risiko der Sendung, gestern und auch heute.
Die Ernte ist groß, die Sache drängt. Aber die Anweisungen, die Jesus seinen Boten gibt, sind uns nicht recht verständlich. Sie weichen ab von all jenen Mitteln, die wir selbst auswählen würden, wenn wir etwas erreichen wollen. So sendet Jesus seine Jünger aus ohne Geldbeutel, ohne Vorratstasche, angewiesen auf die Gastfreundschaft anderer. Sie sollen essen, was sie vorgesetzt bekommen, und sie sollen in dem Haus bleiben, das sie als erstes aufgenommen hat. Sie sollen nicht versuchen, sich vorzuarbeiten von Haus zu Haus, zum besten Essen und zur bequemsten Unterkunft. Sie sollen unabhängig sein von allem und allen außer Gott. Solche Anspruchslosigkeit ist ein Zeichen, das sehr wohl verstanden wird. Große Heilige lehren uns das wie Franz von Assisi und Menschen unserer Zeit wie Mutter Teresa. Es scheint als müßten wir die Zeichenhaftigkeit gesendeter Existenz neu entdecken.
Das Verhalten, das Jesus empfiehlt, nimmt sich zunächst sonderbar aus. Die Jünger sollen niemand unterwegs grüßen. Diese Forderung geht auf eine Anweisung des Alten Testamentes zurück. Es handelt sich dabei nicht um eine Anweisung zur Unhöflichkeit. Die Formel besagt nur soviel: Man soll sich nicht mit nebensächlichen Dingen aufhalten, solange größere Aufgaben warten. So meint Jesus hier: Geht zielstrebig vor. Konzentriert euch auf das, was ihr vorhabt. Das ist wichtig, nichts anderes. Verquatscht euch nicht und laßt euch nicht von eurem Ziel zu weit abbringen. Der Weg dorthin gehört schon dazu. Seid innerlich schon bei dem, auf das ihr jetzt zugeht. Das Auf-dem-Weg-Sein ist schon ein Teil der eigentlichen Sache. Mit der inneren Einstellung fängt es schon an.
„Wenn ihr dann in einem Haus aufgenommen worden sei, so bleibt in diesem Haus und eßt und trinkt, was euch vorgesetzt wird.“ Das bedeutet: Lebt mit den Menschen mit, zu denen ihr gesandt seid! Sondert euch nicht ab und haltet euch auch nicht für etwas Besseres. Ihr seid nur die Boten. Lebt das vor, an das ihr glaubt und überlaßt es Gott, die Seelen der Menschen aufzurufen mit denen ihr zusammenlebt.
Noch etwas wird uns im heutigen Evangelium vermittelt: Wer sich von Christus gesandt weiß, der braucht vor Gegnern nicht allzuviel Angst haben. Vielmehr darf er davon ausgehen, daß die Kraft der Botschaft größer ist als die Angriffe der Gegner. Da zeigt sich bei den Jüngern schon darin, daß in ihrem Umfeld dämonische Kräfte machtlos wurden.
Auch die Abweisung der Frohbotschaft gehört zu den Erfahrungen des Boten. Das klare Wort Jesu lautet: „Dann geht!“ Verbunden mit dem markanten Zeichen, den Staub von den Füßen zu schütteln. Verbunden mit dem Drohwort von Sodom und Gomorrha. Sendung ist nicht Mission um jeden Preis. Sie respektiert die Freiheit des anderen, die das verantworten müssen. Wer sich bemüht, muß sich nicht in Selbstvorwürfen verzehren, sondern darf loslassen und sich denen zuwenden, die offen sind.
Und die Botschaft ist einfach. Sie lautet: Unser Herr wird bald zu euch kommen, und mit ihm kommt das Himmelreich in die menschliche Welt. Wo immer sein Schatten hinfällt oder sein Wort ertönt, da beginnen sich verkrampfte Zustände zu lösen. Es sieht so aus, als sei in seinem Umfeld der Satan gestürzt. Und wenn auch die strengen und unleidlichen Umstände noch genauso aussehen mögen wie zuvor, sie können einem Menschen, der sich an Jesus festgebunden hat, nicht mehr wirklich etwas anhaben. Da haben die Jünger gespürt, so berichtet das Evangelium, als sie zu Jesus zurückkamen. Sie berichteten freudig davon, daß sie innere Kraft spürten. Die alles Vereinnahmende und wie dämonisch Wirkende vor ihnen fliehen ließ. Da weist Jesus sie darauf hin: Das ist noch nicht die letzte Absicht der Botschaft. Diese heißt vielmehr: Die Namen aller, die dazu gehören, sollen im Himmel eingeschrieben sein; das bedeutet: Zu Gott gehören, das ist unsere Würde. Das Ziel allen Verkündens und allen kirchlichen Tuns muß darum heißen: Menschen mit Jesus verbinden, damit sie im Reich des Ewigen beheimatet werden. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

14.07.2013

15. Sonntag im Jahreskreis
Lk 10,25-37
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Ratgeber-Berufe haben Zulauf, Ratgeber-Bücher haben Konjunktur, Ratgeber für alle Lebenssituationen. Da eine sich ausweitende Single-Gesellschaft auf die Ratgeberqualitäten des Milieus, der Tradition, der Familie weitgehend verzichtet, rückt das Do-it-your-self-Prinzip in die Mitte oder der ganz persönliche Coach. Vor allem Ratgeber-Bücher für die Fragen nach Glück und Sinn und auch nach Heil sind heute im Angebot reich vertreten.
Vielleicht steht der Gesetzeslehrer, der heute im Evangelium Jesus anspricht und eine Auskunft haben möchte in der langen Reihe der Ratsuchenden gestern und heute. Es ist nicht irgendein Rat, den er sucht, es ist nicht eine beliebige Frage, die er beantwortet haben möchte, sondern eine für sein Leben sehr entscheidende. Allerdings ist seine Frage nicht ehrlich gestellt. Lukas betont, dass es dem Gesetzeslehrer darum geht, Jesus eine Falle zu stellen. Jesus jedoch übersieht das boshafte Element und die Hinterlist des Fragenden, er nimmt im Gegenteil den Fragenden sehr ernst, indem er den Gesetzeslehrer dazu antreibt, sein eigenes Wissen, sein Lebenswissen und sein Fachwissen in eine taugliche Antwort umzusetzen. So führt Jesus den Fragenden zur Selbsthilfe und den Gesetzeslehrer in die Weisheit der mosaischen Tradition. Und das ziemlich erfolgreich: Grund und Ziel des gemeinsamen Lebens der Menschen untereinander und mit ihrem Gott sind im klassischen Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe oder genauer im Dreifachgebot, der Gottes- Nächsten- und der Selbstliebe ausgesprochen. Damit ist also die Frage beantwortet, also erledigt.
Ist sie es wirklich? Im Kopf vielleicht, denn die Vernunft der Fragen und Antworten ist erwiesen. Aber das Herz und die Hand fragen weiter. So auch der Gesetzeslehrer. Wie kann dieses dreifache Gebot gelebt werden? Wie wird es mir zum Lebensweg? Wer ist dann mein Nächster? Jesus nimmt bereitwillig diese Frage auf und trägt nun die bekannte Beispielserzählung vom „barmherzigen Samariter“ vor. Hier führt Jesus die Theorie und Praxis des Dreifachgebots zusammen. Vernunft und Glauben verbinden sich in der Einsicht: Gottes Liebe ist universal – ich und der Nächste sind die Geliebten Gottes. Oder ganz konkret: Im Nächsten begegnet mir der Partner der Liebe Gottes, der mir die Liebe Gottes bringt und der zugleich auf meine Liebe wartet. In diesem wechselseitigen Lieben und Geliebtwerden finde ich mein Glück.
In unserem heutigen Evangelium kommt uns das Herzstück der jüdischen und der christlichen Glaubensüberzeugung ganz unauffällig, so im Nebenbei, fast lächelnd entgegen: „Gott ist Liebe“, die alle und alles umfängt. Wir Menschen sind die Partner dieser überraschenden Liebe und so zugleich in dieser Liebe mit allen Menschen verbunden. Folglich begegnet uns im Nächsten ausdrücklich jemand, den Gott lieb hat, der auf unseren Respekt, auf unsere Hilfe, auf unsere Liebe wartet. Erst im Hin und Her in einer aktiven Wechselbeziehung der Liebe der Menschen untereinander beginnt die Liebe Gottes sich als Menschenliebe voll auszuwirken.
Es ist die Großtat des Ratgebers Jesus, dass er das göttliche Gebot der Gottesliebe und das Gebot der Nächstenliebe einander gleichordnet und mit dem Gebot der Selbstliebe verknüpft und damit lebbar macht. Denn diese eine Liebe Gottes und der Menschen will (bei aller Unterschiedlichkeit der Liebespartner) gelebt werden: von jedem, zu jeder Zeit, an jedem Ort, unter allen Umständen. Das ist die Zielvorgabe des Reiches Gottes. Zugleich ist jedoch auch zu erkennen: so staunenswert es ist, dass Gott sich damit begnügt, in unserer kleinen Nächstenliebe mitgeliebt zu werden, so herausfordernd ist zugleich die Einsicht: dass unsere unscheinbare, ganz selbstverständliche, alltägliche Nächstenliebe der untrügliche Maßstab unserer Gottesliebe ist.
Wenn wir ganz isoliert auf unser Sonntagsevangelium schauen, dann will es so scheinen, als ginge es hier allein um die Frage nach dem wahren Leben, die ja von Jesus kompetent beantwortet wird. Wenn wir aber auf den Gesamtplan des Lukasevangeliums schauen, dann geht es eher ums Tun als ums Denken, eher ums Leben als ums Wissen. Nicht von ungefähr fragt der Gesetzeslehrer: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ und bekommt zweimal von Jesus gesagt: „Handle danach, und du wirst leben!“
Halten wir uns die Erzählung Jesu noch einmal vor Augen. Wir kennen sie und wir finden sie schön und lehrreich. Und wir tadeln auch den Priester und den Leviten, die an dem Überfallenen vorüber gingen und ihm nicht geholfen hatte. Natürlich hatten sie ihre Gründe. Wenn sie zum Opfergottesdienst in den Tempel unterwegs waren mussten sie kultisch rein sein und jede Berührung mit Blut tat ihrer Reinheit Abbruch. Somit hatten sie ein ruhiges Gewissen, als sie an dem niedergeschlagenen Mann vorbei gingen. Ausgerechnet ein Samariter, eigentlich ein Volksfeind, weil Juden und Samariter verfeindet waren, ausgerechnet dieser Samariter nimmt sich des Juden an. Und er tut es in überschwänglicher Weise: er verbindet ihn, bringt ihn zur Herberge, bezahlt den Wirt und will wiederkommen bei seiner Rückreise und nach ihm schauen.
Wir müssen nun wohl oder übel diese Geschichte Jesu, dieses Gleichniserzählung in unser eigenes Leben umsetzen. Wo gibt es Liegengebliebene an unserem Wegrand, an denen wir vorbei gegangen sind? Wo gibt es Menschen, die auf ein tröstendes Wort gehofft hatten, das wir ihnen nicht gesagt haben? Es gibt Situationen wo ein anderer Mensch Hilfe braucht und wir wären auch dazu fähig, aber irgendwie finden wir eine geeignete Ausrede, dass wir ihm die Hilfe verweigern. Oft ganz zu schweigen, dass wir manchesmal unsere Hilfe so anbieten, dass wir nur das Notwendigste tun und es dem Menschen, dem wir helfen, spüren lassen, wie unangenehm uns das alles ist, geschweige denn, dass wir unsere Phantasie einsetzen, bei unserer Hilfe alle unsere Möglichkeiten spielen lassen. Wie dankbar Menschen sein können, denen wir selbstlos und ohne uns viel bitten zu lassen, helfen, das haben wir wohl schon alle einmal erfahren.
Dieses dreifache Gebot der Liebe schließt aber auch eine richtig verstandene Liebe zu sich selbst ein. Es gibt Menschen, die in äußeren Taten der Liebe scheinbar aufgehen, sich selbst aber dabei vernachlässigen. So eine Liebe hält auf die Dauer nicht durch. Und da stellt sich uns die scheinbar eigenartige Frage: Mag ich mich? Habe ich auch die richtige Liebe zu mir selbst, zu mir, mit allen guten Veranlagungen und auch allen schlechten Eigenschaften. Mag ich mich, oder bin ich mir selbst zuwider? Natürlich kann man die Eigenliebe auf die Spitze treiben, so dass wir den Menschen neben uns gar nicht mehr wahrnehmen; aber aus der positiven liebenden Einstellung zur eigenen Persönlichkeit erwächst auch die Kraft, den Mitmenschen zu lieben, nicht nur den angenehmen und sozusagen „liebenswerten“ sondern auch den, gegen den wir eine Abneigung haben. Liebe ist keine reine Gefühlssache sondern erwächst aus dem Herzen. So wird der liebende Mensch, der Samariter in uns zum Träger der Liebe Gottes. Und von Jesus Christus kommt uns die Kraft zu, liebende Menschen zu sein.
So wundert es nicht, dass die Prediger der frühen Jahrhunderte im Osten wie im Westen in Jesus Christus nicht nur den Ratgeber und Lehrer erkennen, sondern den eigentlichen Samariter; sein ganzes Leben und Wirken wird als aktiver Samariterdienst verstanden. In allegorisierender Sprechweise wird ausgemalt, wie Jesus Christus die Wunden, die äußeren und die inneren Wunden der verletzten Menschen weltweit auswäscht, verbindet und zur endgültigen Genesung in die Herberge des Reiches Gottes und der Kirche führt. Der Samariter Jesus Christus ist der Heiland der Menschen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

21.07.2013

16. Sonntag im Jahreskreis
Lk 10, 38-42



Nun, wie würden Sie das Verhalten dieser beiden Schwestern beurteilen? Können Sie sich hineindenken in die Marta, die sich bei der Bewirtung abrackert, während ihre Schwester seelenruhig zu Füssen Jesu sitzt und zuhört?
In Marta steigt der Zorn hoch über ihre Schwester und sie sagt das auch ganz offen heraus, allerdings über den Kopf der Schwester zu Jesus hin. Er soll sie auf ihr Verhalten aufmerksam machen. Und Marta erhält von Jesus eine Antwort, die sie nachdenklich machen sollte: „Du kümmerst dich um Vieles…eines nur ist notwendig. Maria hat den besseren Teile erwählt“.
Und wir? Auch wir kümmern uns um Vieles, müssen uns um Vieles kümmern, das ist unser Leben. Wir müssen arbeiten, ja wird pausenlos beschäftigt, Getriebene vom Leistungsdruck, haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir einmal eine Pause machen, die Seele ein wenig baumeln lassen. Und selbst wenn wir wollten – so leicht kommen wir vom Arbeitsdruck nicht mehr los. Und dann ist ja auch noch die Familie da mit all ihren Ansprüchen und Forderungen.
Ja, wir kümmern uns um Vieles. Aber was ist mit dem einen Notwenigen? Was ist das denn, von dem behauptet wird, dass wir es vernachlässigen? Ist es das Hören auf Jesus und seine Botschaft? Ist es eine Mahnung zur Stille, zur Besinnung auf uns selbst? Nun, wenn wir einmal in unser Leben hinein hören, so müssen wir leider feststellen, dass wir oft sehr oberflächlich leben. Die äußeren Tätigkeiten füllen uns so sehr aus, das wir für uns selber, geschweige denn für einen Plausch mit Gott keine Zeit mehr finden, nicht einmal in der jedes Jahr so sehnsüchtig erwarteten Urlaubszeit. Da tauchen dann noch spezielle Probleme auf. Es ist interessant, dass viele Eheprobleme nicht nur im Alltag, sondern gerade in der Urlaubszeit auftauchen, wo plötzlich der äußere Druck der Arbeitswelt aufhört und die Partner in der Familie auf sich selbst zurückgeworfen sind. Da ist der Ehepartner, den man sonst zu wenig gesehen und nur das Notwendige an Gesprächen ausgetauscht hat, da sind die Kinder mit ihren eigenen Fragen, die Kinder, für die oft zu wenig Zeit da war. Und viele Menschen werden sich bewusst, dass sie die Ruhe einfach nicht mehr aushalten, dass sie die Öffnung zu ihrem Unterbewusstsein mit all den aus ihm aufsteigenden Fragen und auch Ängsten und Unsicherheiten nicht mehr ertragen können. Und da man nicht in einem Augenblick von der Hektik des Alltags zu einer halbwegs ausgeglichenen Verfassung kommt, spitzen sich so manche Fragen zu, werden oft erst offenbar.
Kann sein, dass unsere Sympathien für die beiden Schwestern ein wenig schwanken. Und das ist recht so, denn wir können keiner Tätigkeit die absoluten Priorität zukommen lassen. Die äußere Tätigkeit ist genauso wichtig wie die innere Sammlung und Ausrichtung. Es kommt also vor allem auf die Dosierung an.
Der Heilige Benedikt von Nursia, wir haben seinen Gedenktag vorige Woche gefeiert, hat eine Ordensgemeinschaft gegründet, den ersten Mönchsorden überhaupt, die Benediktiner. Das Kloster Montecassino, das im zweiten Weltkrieg total zerstört, jetzt aber wieder aufgebaut wurde, ist seine Gründung. Benedikt hat auch ein umfangreiches Regelwerk für das Zusammenleben der Mönche aufgestellt. Der Kernsatz dieser Regel besteht nur aus drei Worten: Bete und arbeite! Das scheint uns nicht sehr weltbewegend zu sein und dennoch ist es zu Zeit des Hl. Benedikt neu und sehr aktuell und sollte es auch für uns sein. Handarbeit war zur Zeit des Heiligen, im 5. Jh. eine Sache der Sklaven, eine eher wenig geschätzte Tätigkeit. Benedikt erhob sie zum Rang eines Gebetes. Man bedenke es wohl: so verstanden ist auch die Arbeit ein Sprechen mit Gott. Und wenn man noch dazu bedenkt, dass die Arbeit des Menschen dem Schöpfergebot Gottes entspricht, so wir die menschliche Arbeit, was immer sie auch sein möchte zu einem Erfüllen des Willens Gottes.
Nun so weit werden wohl die wenigsten Menschen denken, was uns nicht daran hindern sollte, dass wir es als Christen tun. „Alles meinem Gott zu Ehren…“, das Lied aus dem Gotteslob kennen sie alle. Aber in diesem Satz ist das Eigentliche ausgesagt, was man früher als „Gute Meinung“ bezeichnet hat. Und somit bekommt unsere ganz gewöhnliche menschliche Tätigkeit, in der Küche, an der Maschine, in der Erziehung der Kinder, den Rang eines Gottesdienstes.
Und somit gehören beiden Tätigkeiten der Schwestern zusammen, die Arbeit der Marta und das Zuhören der Maria. Der Christ kann in Geschäftigkeit, Aktivität, durch seiner Hände Arbeit und all sein täglich notwendiges Tun Gott dienen, wenn er weiß, warum er es tut, und wenn er die Geschäftigkeit nicht Herr über sich werden lässt; er kann aber auch durch zu viel Beschaulichkeit, Frömmigkeit und Innerlichkeit den Blick verlieren für das, was die Menschen von ihm erwarten und brauchen. Es gilt also, immer wieder zu überdenken, ob alles sinnvoll ist, was wir tun, ob es auch wirklich mein Leben und das Leben anderer fördert, ob nicht auch mancher Leerlauf und manche Sinnlosigkeit dabei ist. Fragen und prüfen müssen wir uns, ob wir nicht durch ein maßloses Aktivsein eigene Schwächen überdecken, wirklichen Begegnungen ausweichen, Selbsterkenntnis und Selbstfindung verhindern.
Wenn wir aber das Viele nicht verhindern können, wenn wir manches einfach tun müssen, wenn wir vielfach gebraucht werden, und wenn uns die vielen Tätigkeiten auch sinnvoll erscheinen, dann lernen wir aus dem Evangelium, das Viele in ein Verhältnis zu dem Einen zu bringen. Das heißt: wir müssen im Vielerlei unseres Tuns Punkt und Stellen der Konzentration, der Meditation, des Kraftschöpfens und Auftankens finden, damit wir nicht aufgefressen und verbraucht werden. Solche Kraftquellen können sein:
Minuten der Stille und der Besinnung, die wir in unseren Tagesablauf einbauen, ein Tag der Stille in der Natur, im Haus, bei der Familie, Konzentration auf ein Musikstück oder ein Buch, ein Gespräch oder eine Begegnung mit jemandem, sich jemand „zu Füssen setzen und zuhören“.
Ich denke da an den Rat eines chassidischen Rabbis, der gesagt hat: „Wenn du dein Tun täglich erneuern willst, dann bring Gott den ersten Gedanken dar, den du nach dem Erwachen denkst. Wenn du das vollziehst, dann wird dir Gott helfen, dass du den ganzen Tag mit ihm verbunden bleibst und jegliches Ding sich an den ersten Gedanken bindet.“
Und Ignatius von Loyola gibt uns noch ein sehr einfaches Rezept: Wir müssen Gott in allen Dingen finden lernen. Überall entdecken wir in der Welt seine Spuren, auch wenn sie oft durch menschliches Versagen verschüttet sind. Und so gehören Beschaulichkeit und Gebet und das Tun zusammen. Durch das Gebet schenkt uns Gott immer wieder jene Impulse und Anregungen, die wir brauchen, um durch unsere Tätigkeit weltverändernd zu wirken. Also: nicht Marta oder Maria, sondern Maria und Marta; aber in der nötigen Dosierung. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

28.07.2013

1. Predigt:

17. Sonntag im Jahreskreis
Lk 11, 1-13

Haben Sie sich schon einmal über Ihr Beten Gedanken gemacht? Wir müssen wohl zugeben, dass unser Sprechen mit Gott manches Mal zur Routine wird wie so vieles, was wir alltäglich tun. Es wäre also nützlich, dass wir uns einmal fragen: was geschieht denn, wenn wir beten? Wird unser Gebet auch gehört, bewirkt es irgendwas? Oder ist es bloß ein Monolog in den luftleeren Raum hinein.
Rein psychologisch gesehen ist unser Gebet einmal ein Aussprechen von all dem, was in uns vorgeht. Es gibt ja immerhin in unserem Bewusstsein und auch im Unterbewusstsein ein reiches Repertoire an Freuden, Befindlichkeiten und Problemen. Und so geschieht beim Beten zunächst einmal, dass wir das formulieren, was sich in uns abspielt. Das ist zunächst schon einmal heilsam, auch wenn man davon absieht, dass sich dieses Sprechen ja an Gott richtet. Was der Psychiater heute um teures Geld bewirkt, das geschah, wenn es sich nicht um krankhafte Phänomene handelte, in jeder ehrlichen Beichte. Der Psychologe versucht das aus dem Menschen herauszulocken, was den Menschen belastet. In der Beichte reden wir vom „Lossprechen“ und sollten bedenken, dass allein schon das Sich-Ausreden eine heilsame Wirkung hat. Denn, sich seinen Fragen und Problemen und seinem ganzen Leben gegenüberstellen, bannt schon vieles, was den Menschen krank machen könnte.
Tauschen wir aber einmal den Gesprächspartner aus, statt des Psychologen nehmen wir Gott. Gott ist für den Menschen nicht irgendein Gesprächspartner, sondern die höchste Autorität überhaupt. Der Psychologe kann in das Leben des Menschen nicht eingreifen, er kann nur sichtbar werden lassen, was verborgen ist. Vergeben, also Heilung von Grund auf bewirken, ist ihm nicht möglich. Das geschieht nur im Sakrament durch den Priester, der an Christi statt die Worte der Vergebung und somit der Heilung spricht. Jeder, das aufrichtig gebeichtet hat und nicht nur einen überholten Beichtspiegel heruntergebetet hat, wird dieses Gefühl der Erleichterung und Befreiung kennen, das durch die Lossprechung gegeben ist.
Aber auch außerhalb der Beichte sprechen wir uns von vielem los, das heißt, wir beten zu Gott, den wir nicht sehen und der auch kein Gesprächspartner im üblichen Sinn ist, denn er scheint zunächst keine Antwort zu geben, er erwidert nichts auf unsere Worte an ihn. Oder antwortet er doch? Liegt seine Erwiderung auf unsere Worte an ihn vielleicht in einer anderen Ebene? Hören wir vielleicht gar nicht hin auf das, was uns Gott als Antwort geben möchte?
Schauen wir uns einmal das „Vater unser“ an, jenes exemplarische Gebet, das Jesus selber seinen Jüngern gelehrt hat, als diese ihn baten, sie das Beten zu lehren. Dieses „Vater unser“ besteht aus lauter Bitten. Nehmen wir eine heraus: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen“. Diese Bitte verstehen wir natürlich nicht so, dass wir uns jetzt hinsetzen und warten bis die Semmeln vom Himmel fallen, wie seinerzeit das Manna in der Wüste. Diese Bitte macht uns aufmerksam, dass wir selber für unsere tägliche Nahrung sorgen müssen. Gott schuf die Grundlagen, er lässt das Korn wachsen, säen, ernten, dreschen, backen müssen wir selbst.
Wir beten in jeder Hl. Messe um den Frieden. Woher kommt er? Auch der Friede fällt nicht vom Himmel, sondern diese Bitte wandelt sich zu einer Aufgabe für uns selber. Und wenn wir um Gesundheit beten ergeht ja auch eine Aufforderung an uns selber: achte auf deine Gesundheit, treibe keinen Raubbau an ihr, suche einen Arzt auf, wenn es dir nicht gut geht.
Man könnte die Beispiele noch weiter führen; aber sie sehen ja selber was es mit dem Gebet auf sich hat: wir werden aufmerksam auf das gemacht, was wir zu tun haben. Erst auf Grund des eigenen Tuns beginnen dann die Wunder Gottes.
Ich bin überzeugt, dass keines unserer Gebetsworte, die wir an Gott richten, verlorengeht. Was wir uns aber auf alle Fälle vor Augen halten müssen: Gott ist kein Automat, der jeden unsere Wünsche erfüllt; der uns aber auf unser Gebet hin immer all das schenkt, was wir zu Leben brauche. Und das ist auch so gesagt im letzten Satz des heutigen Evangeliums: “ …der Vater im Himmel wird den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten“. Und genau diesen Hl. Geist brauchen wir in unserem Leben! Er weiß, was uns nottut und das ist nicht immer auch das, was wir uns in unserem Gebet wünschen.
Etwas sehr menschlich Erfreuliches kommt in der kleinen Geschichte zu Ausdruck, die Jesus als Beispiel für unsere Gebetshaltung empfiehlt: wir sollten Gott gegenüber durchaus auch lästig sein. Mit dieser menschlichen Situation zeigt uns Jesus, dass es bei unserem Beten sehr menschlich zugehen kann. Ich meine damit, dass wir vor Gott, um mit ihm zu reden, kein eigenes Vokabular brauchen. Unsere eigene hausbackene Sprechweise tut es auch. Und Jesus meint auch, dass die Themen und Bitten durchaus uns angepasst sein können. Selbst unsere Zerstreuungen beim Gebet, die wir oft wie einen lästigen Hund, der uns nachbellt, verscheuchen wollen, können zum Thema eines Gebets werden, betreffen diese sogenannten „Zerstreuungen“ ja unser konkretes Leben mit all seinen Sorgen und Belastungen und gehören somit ins Gebet hineingenommen.
Nun, der langen Rede kurzer Sinn steht auch in unserem Evangelium: Bitten, suchen, anklopfen. An unser Tun wir appelliert! Die Disposition schaffen für das Wirken Gottes.
Unter uns gesagt: es wird im Himmel einmal interessant sein, zu erfahren, welche Wirkungen Gebete gehabt haben, seine es unsere eigenen oder die anderer Menschen für uns. Da werden wir wahrscheinlich aus dem Staunen nicht mehr herauskommen.

Paul Roth hat einen schönen Text geschrieben:

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Auge, das ausschaut,
wo du bist,
weil du mir fremd geworden.

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Arm,
den ich nach oben recke,
um dir zu zeigen,
wo ich bin,
inmitten von Milliarden Menschen.

Manchmal ist mein Gebet
wie eine Hand,
die ich vor meine Augen lege,
um alles abzuschirmen,
was mir den Blick
zu dir verstellt.

Manchmal ist mein Gebet
so wie ein Fuß,
der fremde Boden prüft,
ob er noch trägt,
und einen Weg sucht,
der mich zu dir bringt.

Manchmal ist mein Gebet
nur ein gebeugter Kopf,
zum Zeichen meiner Not
und meiner Schuld,
und spricht von Hoffnung
auf ein neues Leben.

Einmal wir mein Gebet
nur noch das Auge sein,
das in dein Auge blickt.
Dann gibt es nur noch Schau
und keine Worte mehr.
Herr, komme, komme, bald.

P. Paul Mühlberger SJ



2. Predigt:

17. Sontag im Jahreskreis
Lk 11,1-13

Herr, lehre uns beten! Können wir uns mit dieser Bitte identifizieren? Können wir das denn nicht: beten? Können wir es so, dass in dem, was unsere Lippen bewegt auch wir selber vorkommen, dass wir in unser Gebet das mitnehmen, was uns bedrängt, was uns bewegt oder begeistert? So wie wir oft mit Gott umgehen – kein Wunder, dass er stumm bleibt, wir bedienen uns seiner, setzen ihn als Erfüllungsgehilfen unserer Wünsche ein; wie ein Art Super-Butler soll er heranschaffen, wonach uns gerade der Sinn steht. Ja, es ist richtig: in unserem heutigen Evangelium ermutigt uns Jesus geradezu, in unserem Gebet ganz nachdrücklich, sogar zudringlich auf Gott zuzugehen. Aber ebenso deutlich ist doch: Wir sollen Gott um das bitten, wozu er gut ist; wir sollen ihn um das bitten, was er geben kann und geben will.
Aber gehen wir noch ein wenig den Gedanken unseres Gleichnisses nach. Zwei Hinweise helfen zu einem besseren Verständnis. Die Häuser der einfachen Leute bestanden zurzeit Jesu aus einem einzigen Raum. In einem Teil des Raumes war der Boden etwas erhöht. Dort hatte jedes Familienmitglied seine Matte ausgebreitet, und so hat die ganze Familie eng zusammengedrängt geschlafen. Auf den Dörfern war um das Haus eine Steinmauer gezogen. Der Zugang war ebenso verriegelt wie die Haustür. Es war also ziemlich umständlich und mühsam, aufzustehen, um jemandem etwas zu geben.
Auf der anderen Seite war Gastfreundschaft selbstverständlich. Jeder wäre ins Gerede gekommen, der einen Freund abgewiesen hätte. Von daher war es klar, dass der Mann aufsteht, vielleicht die ganze Familie weckt, und seinem Freund die Brote gibt.
Aber selbst wenn der Mann die Gastfreundschaft verletzen würde, dann würde er trotzdem aufstehen und ihm die Brote geben, wenn der Freund nicht nachgibt und unverschämt weiter schreit. Jesus will uns damit offensichtlich Mut machen, Gott gegenüber zudringlich und sogar unverschämt zu sein und nicht aufzuhören, zu ihm zu rufen.
Mit zwei Vergleichen will uns Jesus offensichtlich weiter Mut machen. Kein Vater gibt seinem Sohn eine Schlange, wenn er ihn um einen Fisch bittet, und keinen Skorpion, wenn er ihn um ein Ei bittet. Wenn Väter schon gut sind zu ihren Kindern, dann wird Gott uns erst recht gute Gaben geben.
Und noch einmal versichert uns Jesus: bittet, dann wird Gott auch geben. Das klingt gut, und das hören wir gerne. Aber unsere eigene Erfahrung und die Erfahrung vieler anderer Menschen scheint dem zu widersprechen. Seit Jahrhunderten beten wir bei jeder Eucharistiefeier um den Frieden. Wir treffen uns zum Friedensgebet in der Kirche. Wir beten in den Fürbitten und zu Hause um den Frieden. Und das Ergebnis? Jeden Tag erschrecken uns aufs Neue die Bilder aus Afrika oder dem Nahen Osten. Immer wieder lesen oder hören wir von Kriegen überall in der Welt und von zahllosen grausamen anderen Dingen. Und wie oft haben wir für kranke Angehörige und Freunde gebetet! Sie sind trotzdem nicht gesund geworden, sondern gestorben. Wie oft haben wir in persönlichen Schwierigkeiten und Nöten um Hilfe gebetet! Über viele ist trotzdem das Unglück oder die Katastrophe gekommen.
Für gewöhnlich beschäftigen wir uns kaum mit solchen Überlegungen. Sie können ja dazu führen, dass wir auf Grund dieser negativen Erfahrungen das Gebet überhaupt bleiben lassen. In einem Bibelkreis kam eines Tages auch das Gespräch auf das Beten. Die Meinungen gingen hin uns her. Die einen meinte, beten hilft – die anderen meinten: es hilft doch nicht. Nach einer Weile sagte eine Frau: ich war vor kurzem sieben Wochen im Krankenhaus; ich habe erfahren, dass beten hilft.
Damit war die Debatte zu Ende. Jetzt hätten die anderen sagen müssen: ich habe die gleiche Erfahrung gemacht oder ich habe eine andere gemacht. Das wollten oder konnten sie nicht. Es fiel auf, dass die Frau nicht gesagt hat: ich bin durch das Beten gesund geworden. Sie hat es viel offener ausgedrückt: ich habe erfahren, dass beten hilft. Ich sehe da einen Zusammenhang zur Überzeugung von Albert Schweitzer. Er hat gesagt oder geschrieben: „Gebete ändern nicht die Welt. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen ändern die Welt!“
Das setzt allerdings eine ganz bestimmte Art zu beten voraus. Wir sind immer wieder in Versuchung, auf Gott einzureden und ihn davon zu überzeugen, was – nach unserer eigenen Vorstellung – für uns und andere gut ist. Manchmal ist es auch einfach Hilflosigkeit Wenn wir uns in eine Kirche setzen dann fallen uns immer wieder die Menschen aus unserem Freundes- und Bekanntenkreis ein, dann fällt uns immer wieder die Not unzähliger Menschen ein, die Hilfe brauchen, die ich ihnen nicht geben kann. Dann fangen wir an, sie mit Namen zu nennen, dann beginnen wir vor Gott die Not aufzuzählen und gleichsam vor ihn hinzustellen. Wir tun das in der Überzeugung, dass Gott helfen kann und helfen will. Diese Aufzählung kann manchmal lange dauern. Wir werden dabei immer ruhiger und können uns allmählich öffnen und hören, was Gott uns sagen will. Dieses hörende Beten kann mich langsam verändern und damit meine Einstellung und mein Verhalten zu anderen Menschen und Situationen. Je mehr wir hörende Beter werden, umso mehr werden wir selber verändert, umso mehr werden wir selber verändert, um so mehr können wir verändern. Nach dem Willen Jesu sollen wir beides tun: Gott zudringlich bestürmen und hörend beten.
In der Hl. Schrift steht irgendwo der Satz: Wir wissen nicht, um was wir beten sollen. Und dieser Satz stimmt. Wir wissen es wirklich nicht, was wir von Gott brauchen. Da wir Menschen nur von Augenblick zu Augenblick leben, fehlt uns in unserem Wünschen die nötige Perspektive. Wir müssen oft durch viel Not und Unsicherheit hindurch, was wir so gerne durch unser Gebet beseitigen möchten; aber wissen wir überhaupt, ahnen wir es, dass auch eine schwere Zeit in unserem Leben für uns wichtig und manchmal notwendig ist. Gerade dann, wenn wir uns durch unser Leben hindurchkämpfen müssen gewinnen wir oft wesentliche Erfahrungen. Das heißt nun nicht, dass wir nicht alle unsere Wünsche vor Gott hintragen sollten. Das sollen und müssen wir tun; aber der Satz aus dem Vater Unser sollte in unserem Hinterkopf immer wieder mitschwingen: Gib uns das Brot, das wir brauchen.
Ich werde es letztlich Gott überlassen, dass er mir das gibt, was mir nottut. Das setzt natürlich ein nicht geringes Maß an Vertrauen voraus. Darum schärft uns Jesus ein, dass unser Gebet zu einem Vater geht, dass unser Gebet eine väterliche Liebe anspricht, in der wir uns geborgen wissen dürfen. Wenn wir zurückdenken, was wir als Kinder für Wünsche gehabt haben, manchmal sogar gefährliche Wünsche, so sehen wir als Erwachsene ein, dass uns unsere Eltern damals so manchen Wunsch, so manche Bitte mit Recht nicht erfüllt haben, dass es eine Verweigerung aus Liebe war.
Herr, lehre uns beten! Mag dieser Satz wieder über allen unseren Gebeten stehen, damit wir bereit sind, die Gaben von Gott zu empfangen, die für uns gut sind. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.08.2013

1. Predigt:

18 Sonntag im Jahreskreis
Lk 12,13-21
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Machen sie sich auch Gedanken, ob sie richtig abgesichert sind, durch einen Bausparvertrag, durch eine Lebensversicherung, durch Kapitalanlagen, oder was man da heute so macht? Immer wieder bekommen wir Anbote von den verschiedensten Versicherungen und jedes Mal verunsichert uns das ein wenig. Sorgen wir genug vor für den Fall der Fälle?
Kein Zweifel, man muss heute Vorsorge treffen, muss sich absichern für die Zukunft. Alles andere wäre im letzten unverantwortlich. Wir wollen ja schließlich niemandem zur Last fallen. So gesehen ist das, was der Mann im Gleichnis macht, das Jesus heute erzählt, eigentlich ganz in Ordnung: Er baut vor, er macht sich Gedanken, wie er die gute Ernte, die ihm in diesem Jahr beschert wird, gut anlegen kann, um sich abzusichern, um damit Vorsorge zu treffen für schlechtere Zeiten. Was hat Jesus dagegen? Das ist doch eigentlich nur korrekt und in Ordnung. Trotzdem kommt der reiche Mann im Gleichnis nicht gut weg: „Du Narr“, sagt Gott zu ihm. Warum? Was macht er eigentlich falsch?
Was meint Jesus mit diesem Gleichnis? Ist es verwerflich, eine Altersvorsorge zu treffen, eine Krankheits-und Pflegeversicherung abzuschließen? Oder gar eine Lebensversicherung? Ist es denn wirklich Narretei, wenn wir für die Zukunft vorausplanen und versuchen, uns einigermaßen abzusichern? Ist Jesus wirklich so naiv, dass er von uns erwartet, einfach blauäugig in den Tag hinein zu leben?
Es ist offensichtlich, dass es so nicht gemeint sein kann. Obwohl der Gedanke, sorglos und frei und unabhängig einfach in den Tag hinein zu leben – wie ein Heiliger Franziskus –auch manchesmal etwas Faszinierendes hat. Aber darum geht es Jesus nicht. Worum es in diesem Gleichnis eigentlich geht, das wird deutlich, wenn man einmal ganz genau hinhört, was der reiche Bauer hier sagt. Er führt eine Art Selbstgespräch, als er überlegt, wie er mit der großen Ernte umgehen soll. Und in diesem kurzen Gespräch kommt ein Wort dauernd vor: Insgesamt siebenmal kommt in diesen wenigen Zeilen das Wort „Ich“ vor. Und das ist es, was Jesus hier anprangert. Der Mann kann nur noch an sich selbst denken: „Ich“, „Ich“ und wieder „Ich“. Das ist nicht der Sinn des Lebens, sagt Jesus, dass wir nur und ausschließlich an uns selbst denken. Wir leben nicht einfach nur für uns selbst. Unser Leben gehört nicht uns. Deshalb kann Gott zu dem Mann dann sagen: „Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern!“ Das bedeutet doch: Unser Leben ist uns nicht einfach nur für uns selbst geschenkt, sondern wir leben immer auch für andere. Unser Leben gehört nicht uns wie ein Besitz, es ist uns anvertraut, geliehen. Und es wird erst dann sinnvoll, wenn wir auch die anderen in den Blick nehmen. Der Sinn des Lebens ist es nicht bloß, dass es mir gut geht, dass ich es mir gut gehen lasse, nicht das „Ich“ steht im Vordergrund, sondern das „Du“ und das „Wir“. Das ist die Botschaft, die Jesus mit diesem Gleichnis vermitteln will. Und diese Botschaft ist brandaktuell.
Wir leben in einer Gesellschaft, die zunehmend individualistisch wird. Immer mehr Menschen heute leben und empfinden so wie der Mann im Evangelium: Sie suchen nur ihren Spaß, ihre Sicherheit und glauben, darin liegt der Sinn des Lebens, dass ich für mich möglichst viel heraushole. Aber das ist ein Irrtum. Auf einem T-Shirt eines jungen Menschen stand da der Spruch: „Ich mache was ich will!“ Ist das nicht genau das Lebensgefühl vieler Menschen, als ob es im Leben nur darum geht, das zu machen was ich will. Und es scheint das größte Glück zu sein, wenn ich mir alles leisten kann, was ich will. Nur, das ist nicht der Sinn des Lebens. Und Menschen, die im Grunde alles haben, was sie wollen, spüren das auch ganz schnell: Geld allein und Reichtum und alle Freiheiten – das allein macht nicht glücklich, das macht unser Leben noch nicht sinnvoll.
Die Lesung aus dem Kolosserbrief des Apostels Paulus öffnet uns noch eine weitere Perspektive. Da heißt es: „Ihr seid mit Christus auferweckt, darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische“. Wenn der Apostel uns anhält, unseren Sinn nicht auf das Irdische, sondern auf das Himmlische zu richten, dann will er damit nicht sagen, dass wir uns aus dieser Welt zurückziehen sollen. Vielmehr hält er uns an, das Irdische im Licht der Ewigkeit zu sehen. Damit bekommt der Christ einen neuen Wertmassstab, es ist der Gottes und nicht der Menschen. Wie bisher geht er seinen täglichen Pflichten nach; doch er erfüllt sie auf eine neue Weise. Für ihn ist beispielsweise das Geben wichtiger als das Nehmen, das Dienen bedeutsamer als das Herrschen, das Verzeihen höher als die Vergeltung.
Wie dies geschehen kann, zeigt Stephanus. Wegen seines Glaubens hatte man ihn gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Wörtlich heißt es von ihm: „Er aber, voll des heiligen Geistes, blickte zum Himmel empor und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“.
Was Stephanus widerfuhr, widerfährt jedem Christen, der den Blick nach oben zu seiner Wesenhaltung gemacht hat. Auch über ihm wird sich der Himmel öffnen. Wahrscheinlich haben wir alle schon solche Augenblicke erleben dürfen: in jener Situation, da wir uns nicht von der alltäglichen Betriebsamkeit und der vermeintlichen Zeitnot verschlucken ließen, sondern trotz aller Beschäftigung und Arbeit Minuten fanden, um uns still niederzuknien und das Antlitz Gottes zu suchen; als wir ja sagten zu etwas, das uns schwer fiel; als wir nicht zurückschlugen, obwohl man uns Unrecht tat; als wir mutig für unseren Glauben eintraten, ohne dabei die Liebe zu verletzen; als wir uns nicht von einer dunklen Leidenschaft niederreißen ließen, sondern Gott und uns selber treu blieben; als wir unsere Schuld offen und ehrlich bekannten; als wir einen Menschen annahmen, obwohl er uns keineswegs sympathisch war. Haben wir in solchen oder ähnlichen Augenblicken, da wir nach oben schauten und dem Höheren dienten, nicht auch erfahren dürfen, wie sich über uns der Himmel öffnete und unser Herz rein und lichtvoll wurde.
Auf dem Weg nach unten veräußert sich der Mensch; auf dem Weg nach oben verinnerlicht er sich. So wächst ihm der Himmel mehr und mehr ins Herz hinein. Der französische Dichter Victor Hugo erzählt einmal von einer alten Frau, die über die Straße geht. Sie hat Kinder erzogen und Undank geerntet, gearbeitet und lebt im Elend, geliebt und ist allein geblieben. Dennoch ist sie frei von allem Hass und hilft, wo sie kann. Jemand sieht sie ihren Weg gehen und sagen: „ Das muss einen Morgen haben!“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ


2. Predigt:

18. Sonntag im Jahreskreis
Lk 12,13-21



Sehr befremdlich wirkt auf viele von uns dieses schroffe, ablehnende Verhalten Jesu gegenüber einem Hilfe suchenden Menschen, der von seinem älteren Bruder sein Erbteil bekommen möchte; befremdlich für jeden, der Jesu Gerechtigkeitssinn bislang zu schätzen wußte. Befremdlich erst recht, wenn man weiß, dass Gesetzeslehrer damals gerne um Alltagsentscheidungen angegangen wurden und deren Entscheid auch respektiert wurde. Befremdlich wirkt auch Jesu Warnung vor Habsucht und Reichtum auf jeden nüchtern denkenden und – erst recht unter den heutigen Verhältnissen – vorsorgenden Menschen. Befremdlich schließlich, wenn Jesu Beispielerzählung nahezulegen scheint, dass der frühe Tod eines Reichen Gottes Vergeltung gegenüber diesem Menschen darstellt.
Der erste Eindruck hält zwar beim genaueren Hinhören auf den Text nicht stand. Befremden will uns der Evangelist mit dieser Überlieferung aber sehr wohl: Er will uns aufrütteln, aufmerken lassen, unruhig machen. Er verhehlt nicht: Jesus ist einer, der vor der Habsucht warnt, vor dem „mehr und immer mehr haben wollen“ wie es wörtlich heißt.
Habsucht, eines der großen Vergehen der Heiden nach Überzeugung des damaligen Judentums, ist in der Tat stets eine der größten Versuchungen des Menschen bis zum heutigen Tag. Das reiche Angebot, das uns in allen Lebensbereichen gemacht wird ist verlockend wie nie zuvor: Reisen, Konsumgüter aller Art und immer wieder etwas Neues. Manche Menschen scheinen niemals mit dem zufrieden zu sein, was sie haben. Kaum kommt ein neues Produkt auf den Markt ist man mit dem was man hat nicht mehr zufrieden. Und es ist eigenartig, dass bei den vielen Möglichkeiten, die wir Menschen heute haben die Fähigkeit des Genießens mehr und mehr verschwindet. Die Menschen decken sich zwar mit Gütern aller Art ein, haben aber oft kaum Zeit mit ihnen umzugehen. Und viele stürzen sich in Schulden, leben über ihre Verhältnisse.
Und da erzählt Jesus eine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem es sehr gut geht und der sich aufgrund seines Wohlstandes seine Pläne macht. Er besitzt genug an materiellen Gütern und möchte diese nun in vollem Umfang genießen. Und da steht wie ein Paukenschlag der Satz Jesu: „Du Narr, noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern.“
Das ist der Wermutstropfen, der sich in alle unsere menschlichen Unternehmungen mischt. Ich habe letztlich nicht alles in der Hand. Es gibt wichtigere Dinge als die bloße Sorge um die materielle Zukunft. Dennoch bleibt die Frage: Können wirtschaftliche Planung und materielle Vorsorge für die Zukunft unmoralisch, unchristlich sein? Wohl kaum! Unterläßt man diese, fällt man nur anderen zu Last und schädigt sie. Mit diesem Evangelium ist auch kein Wort gesagt gegen Gründlichkeit und Fleiß und auch nichts gegen das Bemühen um Wohlergehen, Urlaub zu machen, auszuspannen und ein wenig zu genießen, zu essen und zu trinken, Freude am Leben zu haben.
Worum es Jesus letztendlich geht, wird in der Parabel deutlich, die er erzählt. Sie ist als Selbstgespräch gestaltet. Siebenmal taucht darin das Wort „Ich“ auf. Der Bauer wird als einer charakterisiert, der nur mit sich selbst redet, der nur um sein Ich kreist. Er ist ein Egozentriker. Bei seinem Planen und Tun lässt er Gott und die andern draußen. Er ist ganz und gar auf seinen Besitz fixiert. Nicht das „Sein“ prägt ihn sondern das „Haben“ – so würde es Erich Fromm ausdrücken. Er stellt sich nicht mehr die Frage nach dem Sinn seines Daseins.
Dieser reiche Kornbauer steckt leicht auch in uns. Weil das pure Wohlstandsdenken schnell zur Egozentrik führt, darum warnt Jesus vor der Habsucht. Das bloße „haben wollen“ und „haben müssen“ macht uns zu unfreien und letztlich zu unmenschlichen Menschen.
Uns anders zu verhalten als dieser Mann in der Parabel ist die Konsequenz dieser Einsicht.
Es geht zunächst einmal darum, dass wir eine klare Sicht unserer menschlichen Wirklichkeit haben. Unser Leben ist begrenzt und immer wieder gefährdet. Keinen Tag, ja nicht einmal den Augenblick haben wir im Griff. Auf der anderen Seite hat unser Leben eine ewige Perspektive. Wir sind unvergänglich. Wir haben ein Leben, das uns niemals genommen werden kann. Aber dieses Leben ist an Gott gebunden. Er hat uns eine Schöpfung anvertraut, die für uns zur Aufgabe wird. Er ruft uns auf zu unserer sozialen Verantwortung. Wir dürfen nicht nur auf die Mehrung unseres eigenen Wohlstandes sehen, sondern auch auf die Menschen für die wir Verantwortung tragen. Wir dürfen irdische Güter nicht nur aufhäufen, sondern müssen auch lernen mit ihnen umzugehen, sie zu teilen. Wir dürfen das „immer mehr haben wollen“ nicht zur eigenen Lebensmaxime machen, wir dürfen anderen nicht jede materielle Chance abschneiden, ihnen nicht jeden Lebensraum nehmen. Andere Menschen am eigenen Wohlstand teilnehmen zu lassen ist eine große Aufgabe. Ebenso wesentlich ist es, all unser Planen und Sorgen dem Blick Gottes auszusetzen. „Die Welt liegt dem Christen zwar sehr am Herzen, aber das herz des Christen hängt nicht an der Welt“ hat einmal ein bedeutender Theologe gesagt.
Rembrandt hat im Jahre 1627 ein Bild vom reichen Kornbauern gemalt, ohne es so zu benennen: Ein einzelner Mann, gekleidet in die Tracht der damaligen niederländischen Oberschicht, prüft im Schein einer Kerze eine seiner zahlreichen Goldmünzen. Er ist umgeben von zahlreichen Büchern und Papieren, letztendlich vergänglichem Plunder. Auf einem der Dokumente sind hebräische Schriftzeichen zu erkennen – wohl um den biblischen Bezug anzudeuten. Die ins Licht getauchte Szene verflüchtigt sich ins Dunkel der den Mann umgebenden Nacht. Nichts Lebendiges sonst, weder Mensch noch Tier, sind auf dem Gemälde zu erkennen.
Dieses Werk setzt ins Bild, wovor Jesus warnt: den einsamen, isolierten Egozentriker, dessen Licht allein leblose Dinge ausmachen, ein Licht, das schnell verlöschen kann. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.08.2013

19. Sonntag im Jahreskreis
Lk 12,32-48

Die „kleine Herde“ ist zu einem Schlagwort in der pastoralen Diskussion der letzten Jahre geworden. Das war zum einem beeinflusst durch die immer weiter zurückgehenden Zahlen von Gottesdienstbesuchern und kirchlich Engagierten, das ist zum anderen der massive Einbruch von Kirchensteuern und der daraus notwendige Abbau kirchlicher Strukturen, das heißt im Klartext: wenn das Geld fehlt muss man Einschränkungen machen.
Da gibt es dann diejenigen, die sagen, man müsse sich angesichts der Säkularisierungstendenzen zurückziehen, die „kleine Herde“ pflegen und sich bewusst gegen die Mehrheit absetzen. In der seelsorglichen Arbeit habe man sich auf die „Kernkompetenzen“ zu reduzieren und von allem zu verabschieden, was nicht zum „eigentlichen“ Geschäft der Kirche gehöre.
Dann gibt es die anderen, die sagen genau das Gegenteil. „Jetzt erst recht“, heißt es da. Weil die Welt und die gesellschaftliche Situation so sind, wie sie nun einmal sind, haben wir uns besonders anzustrengen. Hinaus müssen wir gehen, wie weiland Paulus auf den Areopag haben wir uns auf die Straßen und Plätze zu stellen, um offensiv die Botschaft zu verkünden. Wir müssen Strategien entwickeln, um den Herausforderungen adäquat begegnen zu können.
Und was sagt uns Jesus im heutigen Evangelium dazu? Welcher pastoralen Richtung gehört er an, welcher Strategie gibt er den Vorzug?
Wie immer, lässt sich Jesus nicht für die eine oder für die andere Richtung vereinnahmen. Er hat einen eigenen Stil und weist uns damit einen besonderen Weg, um den Anforderungen der Zeit zu begegnen.
Zunächst macht er einmal klar, dass die Schätze der Welt relativ sind. Das ist für die Aufgabe der Kirche heute eine große Entlastung. Wir müssen uns anstrengen in unserer Arbeit, aber wir werden nicht alles schaffen. Hier liegt ein Widerspruch zur Perfektionsmaxime in unserer Gesellschaft. Werbung, Ökonomie und oft auch die Politik suggerieren, dass alles machbar ist. Bei der Politik merken wir als mündige Staatsbürger selber, wenn es nicht weitergeht. Die Wirtschaft hat Suggestionsmöglichkeit genug, uns ihre Allmacht im wahrsten Sinne des Wortes zu „verkaufen“.
Wir Christen wissen, dass wir nicht perfekt sind und nie perfekt sein werden. Wir können uns mühen, am Reich Gottes mitzubauen. Fertigstellen können wir es nicht! Damit relativiert sich der Begriff der „kleinen Herde“ um vieles und erleichtert das Leben. Wir können nicht alles.
Das bedeutet aber nicht, sich in den Sessel fallen zu lassen und die Schäfchen, die schon im Trockenen sind, auch dort zu belassen. Auch dagegen wendet sich Jesus in seiner Rede. Er spricht davon, gegürtet zu bleiben, die Lampen müssen weiter leuchten, die Menschen müssen wach sein, wenn es an die Tür klopft. Das Zweite Vatikanische Konzil spricht davon, auf die Zeichen der Zeit zu achten. Wir spotten oft über den Zeitgeist, können ihn aber auch in Teilen wenigstens als Zeichen der Zeit zu interpretieren versuchen. „Haltet euch bereit!“ heißt sich bereithalten für die Überraschungen, die dieses Leben, die diese Gesellschaft und die auch Gott bringt. Selbst wenn viele Menschen heute fertig mit Gott sind, er ist es nicht. Die vielen Geschichten in der Bibel geben ein beredtes Zeugnis von der Liebe Gottes, der sich immer wieder den Menschen zuwendet, der sich immer wieder suchen lassen will.
Wer ist nun angesprochen? Petrus fragt kritisch nach. Auch hier ist Jesu Rede klar, so dass sie auch für uns zur Richtschnur werden kann. Er spricht von den Knechten und Mägden, denen ein Vermögen anvertraut wurde. Das Vermögen ist hier, unter uns, die frohe Botschaft. Uns allen ist sie zu mehren anvertraut. Leider hat das Wort „Mission“ in den letzten Jahren einen bitteren Beigeschmack bekommen. Mission, richtig verstanden, heißt aber nichts anderes, als zu den eigenen Überzeugungen zu stehen, eine eigene Richtschnur für das Leben zu haben, Kriterien in die gesellschaftliche Auseinandersetzung einzubringen, anderen von der eigenen Hoffnung Zeugnis zu geben, ohne jemand zu zwingen, die eigenen Ideen zu teilen. Das ist das Wesen des Dialogs.
Niemand darf bei dieser Aufgabe beiseite stehen. Die Aufregungen in den letzten Jahren sind groß in vielen Teilen unserer Kirche. Was soll dieses oder jenes Konzept? Was wollen „die da oben“ schon wieder? Noch ein pastoraler Prozess? Schon wieder weniger Geld? Warum werden die Kirchen geschlossen? Sonntagsarbeit, Flüchtlingspolitik Zölibat ja oder nein – diese Fragen bewegen uns, werden immer wieder an die Kirche und die Politik gestellt.
Im Licht des heutigen Evangeliums sehen diese Entwicklungen eine wenig anders aus. Wir sind alle gefordert, uns angesichts der Situation, die oft bedrohlich klingt, Gedanken zu machen. Die Probleme in der heutigen Kirche gehen uns alle etwas an. Säkularisierung, die Gottesfrage, weniger Taufen, die vielen Ehescheidungen, weniger religiöse Bildung: Das sind nicht nur die Themen der Seelsorgeabteilungen der Generalvikariate, sondern sie gehen uns alle an. Wir sind alle aufgefordert, mit dem Vermögen, das wir von unseren Vätern und Müttern tradiert bekommen haben, zu wuchern.
Selbst wenn die Herde klein ist, darf sie sich nicht um den wärmenden Ofen scharen. Sie muss raus aus dem Stall und Kontakt suchen. Darauf hat der bekannte Theologe Karl Rahner schon vor fast 35 Jahren hingewiesen. In Vorbereitung der Würzburger Synoden schreibt er. „Je kleiner die Herde Christi im Pluralismus der heutigen Gesellschaft wird, um so weniger darf sie sich eine Mentalität des Gettos und der Sekte leisten, um so offener muss sie nach außen sein, um so genauer und mutiger muss sie sich im jeweils gegebenen Fall fragen, wo wirklich die Grenzen liegen, die die Kirche und eine ungläubige Welt voneinander trennen.“
Wo liegen die Grenzen unserer Möglichkeiten? Der Schatz, den wir erhalten haben, ist jedenfalls grenzenlos. Unsere Macht jedoch ist begrenzt. Aber da, wo wir Möglichkeiten haben, mit der Frohen Botschaft Lebenszinsen zu erzeugen, dürfen wir nichts unversucht lassen. Fürchtet euch nicht! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.08.2013

Maria Himmelfahrt
Offb 11,19a; 12, 1-6a,10.ab
Lk 1, 39-56
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Im Jahre 1950 wurde von Papst Pius XII. in einem feierlichen Akt das bisher letzte Mariendogma verkündet. Darin heißt es wörtlich: „Es ist eine von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit, dass die unbefleckte, immer jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen wurde.“
Man mag es drehen und wenden wie man möchte, dieser Satz wird immer ein bißchen spröde und sperrig erscheinen. Er klingt mehr wie die straffe Erklärung eines Lexikonbegriffs, denn wie eine poetische Sentenz, die zum Glauben verführen könnte oder vielmehr zum Staunen, denn jedes Glauben kommt vom Staunen. Man hat den Eindruck, dass in diesen Satz noch nicht alles hineinverpackt wurde, was über Maria gesagt werden kann oder schon einmal gesagt wurde und viele von uns eigentlich gar nicht mehr so recht verstehen: Maria ist die unbefleckt Empfangene, die ewige Jungfrau, die Gottesmutter, sie wurde mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Was mag das alles heißen?
Es ist ein Glück, dass sich nicht nur gescheite Theologen seit alters her mit Maria beschäftigt haben, sondern dass diese Frau auch eine wichtige Gestalt in der christlichen Kunst war. Wo Dogmen und theologische Lehren manchmal eher Barrieren sind und Zugänge blockieren, können Bilder nämlich Wege sein, mancher Wahrheit des Glaubens auf die Spur zu kommen, sie nicht allein mit den Verstand zu verstehen, sondern sie auch mit dem Herzen auszuloten.
Eine der für mich eindrucksvollsten Darstellungen von der Himmelfahrt Mariens, oder sagen wir besser: von der Aufnahme Mariens in den Himmel, befindet sich in der römischen Basilika Santa Maria in Trastevere, einer der ältesten und bedeutendsten Marienkirchen Roms. Das dortige Mosaik in der Apsis zeigt vor goldenem Grund Christus, der auf einem festlich geschmückten Thron Seite an Seite mit Maria sitzt und ihr den Arm um die Schulter legt, so als wollte er sagen: „Es ist schön, dass du hier bist. Bei mir kannst du dich ausruhen.“ Und Maria, übrigens in das feine Tuch einer byzanthinischen Königin gekleidet und das Haupt mit einer Krone geziert, scheint diesen Zustand in aller Stille zu genießen. Sie fühlt sich angenommen. Sie ist geborgen. Beide, Christus und Maria, blicken abgeklärt und weise in die Ferne und strahlen eine große Ruhe aus, eine Ruhe, der sich wohl kaum jemand entziehen kann, der versucht, dieses Mosaik auf sich wirken zu lassen.
Es ist wirklich so: Wer sich aus dem geschäftigen Treiben Roms in die mächtige Basilika zurückzieht, auf den leuchtet eine andere Welt herab. Eine Welt, in der die schicke Inszenierung keine Rolle mehr spielt, sonder in der der Mensch gefragt ist, nur der Mensch. Es wird heute viel von „Erlebniswelten“ gesprochen. Ich glaube, dass die Welt, die sich in unserem Mosaik und auch in unseren heimischen Darstellungen von Maria Himmelfahrt darstellt, eine Erlebniswelt besonderer Art ist.
Ist ihnen vielleicht schon aufgefallen, dass wir in unserem Land eine große Zahl von Maria-Himmelfahrtskirchen haben? Mit den verschiedensten bildlichen Darstellungen. Mir ist nur die Darstellung in St. Wolfgang im Kopf, sie stellt eine Marienkrönung dar. Aber sonderbarerweise hat Maria nichts Triumphierendes an sich, sondern sie neigt den Kopf und schaut ein wenig traurig auf unsere Erde herab, so als würde ihr unser Zustand in all ihrer Herrlichkeit Schmerz bereiten. So als würde es ihr weh tun, dass uns die wichtigen Ereignisse unserer Heils- und Erlösungsgeschichte nichts mehr bedeuten, dass wir zwar in allen Ecken und Winkeln unserer Erde nach dem Leben suchen aber an der wahren Quelle des Lebens vorbeigehen.
Und wenn sie sich jetzt fragen, was wohl dieses Fest für uns bedeutet, dann entnehmen wird aus ihm eine wichtige Antwort. Das Fest von heute zeigt uns nämlich, was sich der Mensch nach seinem Tod erhoffen darf. Am Ende unseres Lebens mit all seinen Brüchen, mit all den unerfüllten Sehnsüchten und enttäuschten Hoffnungen purzeln wir nicht in eine dunkle Einsamkeit, sondern erleben eine zärtliche Umarmung und ein Angenommensein.
Aber das Christentum in seiner ganzen Realität zeigt uns auch den Kampf, dem wir zur Zeit unseres irdischen Daseins ausgesetzt sind. Es ist ein Kampf oft auf Leben und Tod, dem schon die frühe Christenheit ausgesetzt war für die Johannes auf der Insel Patmos seine „Offenbarung“ schrieb. Trotz der visionären und oft schreckhaften Bilder sollte es ein Trostbuch sein für die verfolgten Christen. Wenn die geheimnisvolle Frau der Lesung nun den Mond unter sich hat, dann will das bedeuten: sie hast die Vergänglichkeit, ja, sie hat den Tod überwunden. Wenn sie von der Sonne umkleidet ist, meint das, dass sie geborgen ist in Gott und dass sie an seinem Glanz Anteil hat. Schließlich tritt in dieser großen Vision auch noch ein Gegenspieler auf, ein Gegenspieler der jungen Kirche: das Untier, ein gewaltiger Drache. Die damals aktuelle Gestalt des Drachen war das römische Weltreich, das gerade den Tempel zu Jerusalem verwüstet hatte und das die junge Christengemeinde immer wieder blutig verfolgte. Der Drache trachtet dem Kind und der Frau nach dem Leben, aber beide werden gerettet. Und die Frau flieht in die Wüste: damit ist gemeint, dass sich die junge christliche Gemeinde von Jerusalem, geschart um die Apostel – und eben auch um Maria retten kann.
Mit diesem Verständnisschlüssel, der uns als Menschen des 21. Jahrhunderts natürlich erst einmal nachgereicht werden muß, mag es uns jetzt gelingen, an die eigentliche Botschaft der Vision des Johannes heranzukommen. Denn die Botschaft ist ausgesprochen aktuell, sie ist gleichsam ein weiterer Schlüssel zum eigentlichen Verständnis dessen, was die Kirche ist und welche zentrale Rolle Maria in ihr spielt. Johannes erblickt im Bild der Frau das neue Gottesvolk, die Kirche. Die Kirche selber wiederum sieht in diesem Bild nicht nur sich selbst, sondern speziell Maria und sagt damit: Kirche und Maria sind eins.
Aus dem Blick auf diese enge Verbindung haben sowohl die einfachen Gläubigen wie auch die Theologen früherer Jahrhunderte gelebt. Heute ist dieses Bewußtsein kaum noch vorhanden. Nicht wenige Katholiken meinen heute, die Marienverehrung sei nur etwas für ewig Gestrige oder für traditionalistische Kreise. Aber die Verehrung der Gottesmutter war seit jeher ungemein wichtig für unseren Glauben. Ohne den Blick auf Maria verliert sich auch der Sinn für das Frauliche und das Mütterliche in der Kirche. Und schließlich, das scheint mir das Schlimmste zu sein: ohne den Blick auf Maria vergißt man allzu leicht, dass die Kirche und ihre Liturgie in erster Linie ein Ort der Gottesbegegnung, des Hörens und Staunens und des Glaubens ist und erst in zweiter oder dritter Linie eine Sache der gut gemachten Gottesdienste. Kirche ist ein Geheimnis und nicht irgendein Großkonzern. Die Kirche und ihre Liturgie sind der Ort wo sich Himmel und Erde begegnen, an dem das Wunderbarste geschieht, was geschehen kann: unseren Augen verborgen, nur unserem Glauben verständlich. Gott, den das ganze Weltall nicht fassen kann, legt sich hinein in unsere Hände.
Wenn wir heute innerhalb dieses geheimnisvollen Geschehens die Himmelfahrt Mariens feiern, dann wünschte ich mir, dass wir es tun in der Gewissheit, dass in Marias hartem und oft unverständlichem Leben unser eigenes Schicksal vorgebildet ist. Und das gilt auch für ihre Himmelfahrt. Feiern wir dieses Gottesdienst in der Gewißheit, dass sie uns im Leben begleitet und im Himmel erwartet. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

18.08.2013

20. Sonntag im Jahreskreis
Lk 12,49-53





Harte Worte, die wir heute im Evangelium gehört haben. Können wir das überhaupt noch eine frohe Botschaft nennen, was aus Jesu Rede klingt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Entzweiung.“? Seine Ansage vom unversöhnlichen Kampf aller gegen alle, vom Riß, der mitten durch die Familien geht, macht uns schaudern. Es trifft uns mitten in unserem Alltag, der ohnehin randvoll ist von Zerrissenheit im engsten Kreis wie in den Gemeinden, in den Kirchen, in der Gesellschaft und unter den Völkern. Kriege und Kämpfe aller Art gehören zu unseren Tagesthemen. Sind wir nicht in diesen Gottesdienst gekommen um aufzuatmen, um uns Kraft zu holen, eben diesen Alltag zu bestehen? Und nun werden wir auch hier mit Kampfparolen empfangen: „Ich bin“, sagt Jesus, „gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen.“ Steht die Welt nicht ohnehin in Flammen? Wo bleiben da die Allversöhnlichkeit und All-Güte, die uns an Jesu Gestalt so kostbar ist?
Um Mißverständnissen vorzubeugen, darf ich daran erinnern: Der so spricht – in der Überlieferung des Lukas – hat nie ein Schwert für seine Überzeugung geschwungen, hat nie einen Menschen aus seiner Gemeinschaft ausgegrenzt oder mit harten Strafen belegt; er hat nie gezögert, Menschen, die sich Gottes Wahrheit verpflichtet wußten, auch als Gegner ernst zu nehmen; dies gibt uns einen Hinweis darauf, in welchem Sinn die Kampfansage Jesu gemeint sein könnte: „Feuer und Schwert“, das muß in irgendeiner Weise mit der Gottesherrschaft zu tun haben, die Jesus in seiner Person nahebringen wollte.
Jesus ist kein weltferner Träumer, der Friedenspolitik betriebe jenseits der harten Realität unserer Welt, wie sie nun einmal ist. Er wußte wovon er redete, als er von der Auseinandersetzung zwischen „Vater und Sohn“, „Mutter und Tochter“ sprach. Hatten ihn nicht seine eigenen Angehörigen zum Verrückten erklärt und versucht, seine Öffentlichkeitsarbeit zu unterbinden?
Er, der sich wohl selber als Prophet verstand, kennt auch den Weg derer, die leidenschaftlich und kompromißlos für die Wahrheit Gottes eintraten, wie sie sie sahen. Das Schicksal der Jeremias z.B. ist ihm wohlvertraut; und aus der Geschichte seines Volkes weiß er, dass Jeremias nur einer jener Männer und Frauen war, die um der Wahrheit willen alles aufs Spiel setzten: Freundschaft und Nähe der Menschen, materielle Güter, Gesundheit und selbst das Leben.
Jeremia „in der Zisterne“, das mag für uns Heutige weit weg sein: ein alternder Mann im Jerusalem des siebten Jahrhunderts v. Chr.; ein Ruhestörer und Nonkonformist, der von den politischen und religiösen Autoritäten aus dem Verkehr gezogen, gequält und in Todesangst gestürzt wird. Aber Jeremias ist kein Einzelfall: die Geschichte der Männer und Frauen, die sich kompromißlos Gottes Wirklichkeit verpflichtet fühlen, ist eine Geschichte des Leidens.
Das weiß Jesus. Er hat es am eigenen Leib erfahren, nicht nur in seiner Familie, sondern auch in den Auseinandersetzungen mit den Rechtgläubigen seines Volkes. Die besonders Frommen, die „Schriftgelehrten“ und andere waren es, die das Volk vor „Häretikern“ zu schützen und Gottes Wahrheit zu verteidigen meinten, als sie ihn schließlich ans Kreuz brachten.
Die Wahrheit leidet immer wieder Gewalt, heute nicht anders als vor zweitausend Jahren. Denken wir an die zahllosen Persönlichkeiten, die – den Augen der Öffentlichkeit verborgen – tapfer und konsequent der von ihnen als Wahrheit erkannten Lebenslinie folgen; Menschen aller Berufs – und Bildungsebenen. Sie alle sind bereit unter Umständen auf berufliche Sicherung, Ansehen, Aufstieg, Gehaltserhöhung zu verzichten, wenn es zur Entscheidung zwischen göttlicher und menschlicher Autorität kommt. Denn dies ist anscheinend der Preis, der zu zahlen ist, wenn Menschen im Bunde mit Gott zu leben versuchen.
In ihnen brennt ein Feuer, das, wenn nicht alle Anzeichen trügen, Gottes brennender Geist selber entfacht hat. Diese Menschen sind Gott begegnet in seiner vielfältigen, geheimnisvollen Wirklichkeit, einem Gott, der die Kraft hat, „einzureissen und aufzubauen“, „zu zerstören und neu zu pflanzen“ und der unter Umständen dazu zwingt, den Streit, die Auseinandersetzung zu suchen, Entzweiung zu riskieren um der Wahrheit willen. Sie tragen eine gewaltige Vision Gottes in ihrem Herzen und haben keine Angst mehr vor den Menschengöttern, sie leben ein Leben, das anscheinend zu den gängigen Vorstellungen quer liegt
In Zeiten gewaltiger Umbrüche und fundamentaler Neuorientierung, wie wir sie heute erleben, muß das wohl so sein: der „neue Wein“ zerreißt die „alten Schläuche“. Und es ist nicht von vornherein ausgemacht, auf wessen Seite Gottes Wirklichkeit und Geist zu finden ist; bei den Neuerern oder bei denen, die krampfhaft Altes zu konservieren trachten.
Glaubhafte Zeugen der Wahrheit verstehen sich nicht als Gottesbesitzer und Wahrheitsfanatiker; vielmehr erfahren sie: Gott ist lebendig und seine Wahrheit ebenfalls. Gott ist für uns manchmal dunkel, dann wieder hell aufleuchtend, wie wir es auch an Jesus erleben. Wir kommen nicht umhin, aus dem Evangelium zu entnehmen, dass Jesus religiös eine Art Störenfried war. Er stellte Vieles in Frage, wies hin auf Neues, er entlarvte Scheinsicherheiten und brachte Lebenskonzepte zum Wackeln.
So bietet das Jesuswort also keinen Trost in schlimmer Zeit? Vordergründig verstanden, sicher nicht. Es zwingt vielmehr zur Entscheidung, es drängt uns, uns zu fragen: Wo stehe ich? Welches ist meine Vision von Gottes Einwohnen in der Welt? Und: Was bin ich bereit, dafür einzusetzen? Wer Gottes Spur in der Geschichte sichtbar machen will, wird Schritt für Schritt in Veränderungen einwilligen müssen. Sich ändern, sich neu orientieren bedeutet auch immer wieder Abschied zu nehmen von lieb gewordenen Dingen. In einem tieferen Sinn also vermitteln die Worte Jesu doch eine Frohe Botschaft. Sie machen Mut, die Wirklichkeit wahrzunehmen wie sie ist – ohne Schönfärberei. Sie geben kraft zu fairer Auseinandersetzung. Gottes Wahrheit kann nicht scheitern, auch wenn obenhin betrachtet, Menschenverachtung, Lüge und Gewalt zu siegen scheinen, dafür steht Jesus als Auferstandener. Wohl aber muß um die Wahrheit gekämpft werden, gestritten werden mit den Waffen des Geistes.
Jesus hat seine Zeit ernst genommen und ist an ihr nicht verzweifelt. Versuchen auch wir, ein wenig von Gottes Geist in unsere Welt hineinzutragen und sie im Positiven zu verändern, wie Gottes Geist uns führen mag. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

25.08.2013

21. So im Jahreskreis
Lk 13,22-30
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Es ist nicht zu fassen! Da muss man wohl schon sehr dumm oder moralisch besonders hoch stehend sein, wenn einem nicht auch noch für die größte Torheit eine Entschuldigung einfiele. Und irgendein entlastender Gutachter findet sich meist auch noch.
Was halten sie zum Beispiel davon?
Da kommt ein Mensch morgens ständig zu spät zur Arbeit. Er bekommt reichlich An- und Abmahnungen. Ohne Erfolg. Schließlich fliegt er raus. Weil er in einer Rechtsschutzversicherung ist, klagt er auf Wiedereinstellung bei seiner ehemaligen Firma.- So weit, so schlecht. Aber was dann kommt, raubt einem den letzten Nerv: Der Mensch hat auch wirklich noch recht bekommen. Warum? Weil ihm ein Psychiater bescheinigt hat, er leide unter einem „chronischen Verspätungssyndrom“ (nach einer Zeitungsnotiz). Ja, was sagen sie nun?
Ich bin mir ganz sicher, dass bei Gott solche „windigen“ Entschuldigungen nicht zählen. Ganz offensichtlich gibt es bei ihm einmal einen Zeitpunkt, zu dem die Tür endgültig verschlossen ist. Da helfen dann weder Verweise auf eigene Leistungen noch so genannte gute Beziehungen etwas. Das ist konsequent. Das finde ich richtig.
Allerdings finde ich dennoch dieses Evangelium auch hart. „Weg von mir, ihr habt alle unrecht getan!“ Welches Unrecht denn? Und wieso alle? Und außerdem, wie bringe ich das zusammen: „im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen“, und hier sind es doch wohl nur wenige, die es durch die enge Tür schaffen? - Einerseits: „Ich weiß nicht, woher ihr seid“, andererseits: „Ich kenne die Meinen.“
Ganz offensichtlich kommt es dem Evangelisten Lukas hier sehr darauf an, eindringlich vor einer unguten Sicherheit im Verhältnis zu Gott zu warnen. Darum diese überdeutliche Mahnung Jesu. Man sollte sie nicht abschwächen; denn sie hat ihren Grund.
Sehr leicht nämlich kann es geschehen, dass wir die Güte und Barmherzigkeit Gottes derart verzeichnen, dass der „liebe“ Gott im Grunde zu einem unentschiedenen und willenlosen Wesen wird. Viele stellen sich dann Gott so vor wie einen leicht verkalkten Großvater, der seinen Enkeln zwar hundertmal sagt: „Es gibt jetzt kein Eis“, aber hinter seinem Rücken schon eins bereithält. Das kann doch niemand mehr ernst nehmen. Da wird Gott zum Kuschel-Gott. Andererseits kann es natürlich auch leicht geschehen, dass sich - gerade kirchennahe - Menschen so moralisch unanfechtbar und im Besitz der sicheren Wahrheit fühlen, dass sie bereits mit einem gefüllten Jenseitskonto rechnen. Das allerdings könnte ein verhängnisvoller Irrtum sein. Denn wer seinen Katechismus aufsagen kann, hat noch lange keine Eintrittskarte. Und wer anderen angeblich so genau sagen kann, wo es moralische langgeht, könnte sich am Ende - so Lukas - natürlich auch unverhofft unter den „Letzten“ wieder finden.
Lukas will uns mit seinem Evangelium keineswegs Angst machen. Es bleibt Frohbotschaft. Weil Lukas aber mit unserem menschlichen Schlendrian rechnet, zeichnet er uns einen konsequenten Gott. Darum warnt er vor einem leichtfertigen Umgang mit einem Gott, der nur noch nach unserem Gutdünken handeln darf. Aufmerksamkeit, Konzentration und Vertrauen sind ihm als Glaubenshaltung wichtig, nicht Berechnungen des Endes. Das ist Angelegenheit Gottes.
Deshalb übersetze ich mir die Sache mit den Ersten und Letzten auch so: „Hört auf zu rechnen! Ihr verrechnet euch! Überlasst das Gott! Sein Rechensystem heißt konsequent: Gnade.“
Und dann ist noch dieses Wort vom „Heulen und Zähneknirschen“. Über Jahrhunderte wurde es in so mancher Predigt aufgegriffen, ließen sich doch damit ewige Verdammnis und Höllenqualen dramatisch ausmalen und die Zuhörer in Angst und Schrecken versetzen. Heute gibt es solche Predigten kaum mehr. Aber haben wir nicht gehört, dass Jesus selbst den Menschen Angst macht. Auf die Frage, ob nur wenige gerettet werden, antwortet er weder mit „Ja“ noch mit „Nein“. Seine Antwort ist vielmehr eine Ermahnung: „Bemüht euch mit allen Kräften.“
Gerettet ist derjenige, der am Reich Gottes teilnimmt. Und Jesus verkündet das Reich Gottes. Es fängt mit ihm schon hier auf Erden an. Um diese Botschaft von der Rettung der Menschen geht es in der Antwort Jesu. Wir sollen seine Worte ernst nehmen. Es geht um unser Leben auf dieser Welt. Dieses Leben, die Zeit, die uns gegeben ist, sollen wir nutzen. Jesus hält keine Höllenpredigt. Er macht uns aber den Ernst der Lage deutlich. Wer seine Worte nicht annimmt der ist nicht offen für das Heil, das Jesus bringt; der verfehlt sein Leben!
Das „Bild von der engen Tür“ lässt uns erkennen, wer mit dieser Warnung Jesu besonders angesprochen ist. Es sind Menschen, die nicht durch die Tür passen. Da gibt es z.B. die, die sich dick machen, die sich aufblasen vor anderen. Sie werden wegen ihrer vorgetäuschten Größe von anderen bewundert; und nur wenige merken, wie hohl sie tatsächlich sind. da gibt es des Weiteren die Egoisten, die nicht bereit sind, ihren Rücken krumm zu machen für andere, die sich nicht hinunterbeugen zu denen, die Hilfe brauchen. Und da gibt es die Stolzen, die meinen, sie seien so groß, dass sie auf alle herabschauen können, die sich über ihre Brüder und Schwestern erheben und sich sicher sind, etwas Besseres zu sein.
Sie alle passen nicht durch die enge Tür.
Die Juden zur Zeit Jesu, und gerade die frommen und religiösen Würdenträger, fühlten sich den Nachbarvölkern überlegen. Denn sie gehörten schließlich zum auserwählten Gottesvolk. Sie allein kannten Gottes Gebote und hielten seine Vorschriften penibel. Dafür wurden sie vom Volk bewundert und verehrt. Sie waren zwar Söhne Abrahams, aber dennoch richtet Jesus seine Warnung an sie, weil sie sich stolz und zu selbstsicher gaben. Allein, durch Ämter, Würden und Titel allein erlangt niemand eine Anwartschaft auf das Reich Gottes. Seien wir uns nicht so sicher, dass alles, was wir tun, auch richtig ist. „Wir haben mit euch gegessen und getrunken“, das können auch wir sagen, die wir das eucharistische Mahl halten. Jeder noch so feierliche Gottesdienst ist aber sinnlos, wenn er sich im bloßen Ritual erschöpft, wenn der Glaube nicht auch das Alltagsleben durchherrscht, wenn er nicht unser Handeln gegenüber dem Nächsten bestimmt.
Demut und Solidarität mit den Schwachen sind in unserer Gesellschaft derzeit nicht gerade hoch im Kurs. Viele finden ihren Lebenssinn darin, ihr Ego zu pflegen. Wer sich aufbläst, der wird bewundert. Wer zum Dienst am Nächsten bereit ist, wird kaum noch verstanden, in manchen Kreisen sogar verachtet. Jesus aber meint jedoch auch uns, wenn ermahnt: So hat euer Handeln keinen Sinn, so verfehlt ihr euer Leben!
Wer dagegen die Worte Jesu ernst nimmt und in Demut erkennt, dass er der Hilfe Gottes bedarf, weil die eigenen Kräfte nicht ausreichen; wer bereit ist, seinen Mitmenschen zu dienen, und sich nicht vor ihnen „dick machen“ muss, dem steht das Reich Gottes offen, der lässt sich von Gott retten. Sein Leben hat schon deshalb einen Sinn, weil er hier und jetzt den Menschen etwas von dem Heil erfahrbar macht, das Gott uns einmal in seiner ganzen Fülle schenken will.
Solche Menschen gibt es - Gott sei Dank - in großer Zahl in allen Völkern und auch in anderen Religionen. Es sind Menschen, die sich auf je eigene Weise einsetzen für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, für die Menschenrechte und die Bewahrung der Schöpfung, für die Würde jeder Person und für die gleichen Rechte aller Rassen. Es sind Menschen, die anderen Hoffnung bringen und Heil für Leib uns Seele. Es sind Menschen, die glaubwürdig leben. Und es sind Menschen, die deshalb von den Reichen und Mächtigen oft missverstanden, belächelt und verachtet werden. So werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten.
Und schließlich beendet Jesus seine Rede nach der eindringlichen Ermahnung doch noch Heil verheißend: Er kündigt nämlich allen Menschen das Heil an. Von überall werden die Menschen kommen und im Reiche Gottes zu Tische sitzen. Lesung und Evangelium haben somit die gleiche Aussage. Beide Texte machen deutlich, dass Gott uns nicht verurteilen und verdammen, sondern dass er uns erlösen und retten will: alle Völker und jeden Menschen! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

01.09.2013

22. Sonntag im Jahreskreis
Lk 14,1.7-14
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Es gibt ein altes Kinderspiel “Die Reise nach Jerusalem”. Alle laufen im Kreis um ein paar Stühle herum, und auf ein bestimmtes Signal hin versucht jeder, sich einen Platz, einen Stuhl zu erkämpfen. Im Grunde ist das genau das Bild, das Jesus im Evangelium benutzt, um, wie es dort heißt, den Menschen eine Lehre zu erteilen. Das ganze Leben gleicht manchmal diesem Spiel, es ist wie ein einziger Kampf um die besten Plätze. Jeder versucht nach Kräften, seinen Platz im Leben zu behaupten; jeder sieht zu, dass nicht er am Ende ohne einen guten Platz dasteht und nicht mehr dazugehört. Und wie oft werden auch im Leben, ähnlich wie in diesem Spiel, andere, die sich nicht so gut wehren können, die sich nicht so gut verkaufen können, brutal an den Rand gedrängt, ausgespielt, weggedrückt.
Das scheint heute ja in besonderer Weise ein Phänomen unserer Zeit zu sein. Wir sprechen heute von der “Ellbogengesellschaft” und meinen damit im Grunde genau das. Wen so etwas am Arbeitsplatz passiert, wenn da einer von seinem Platz gedrängt wird, weil sich andere um diesen Platz reißen, dann nennt man das heute “Mobbing”. Aber die Tatsache, dass es diese Begriffe früher nicht gab, heißt nicht, dass es solches Verhalten nicht gab. Ganz offensichtlich gab es dieses Phänomen schon zur Zeit Jesu, denn genau das beobachtet er ja bei den vornehmen Leuten, bei denen er eingeladen ist: dass man sich um die wichtigsten Plätze streitet, dass jeder zeigen will: Ich bin wichtiger, mehr wert, vornehmer, reicher, besser, angesehener als die anderen.
Aber was empfiehlt denn nun Jesus? Was können wir tun, um dieses Bestreben, bei den anderen möglichst angesehen zu sein, möglichst weit vorne dabei zu sein, dieses Bestreben, dass offensichtlich ganz menschlich ist, in den Griff zu bekommen? Was Jesus empfiehlt, hört sich zunächst wie ein fauler Trick an: Setz dich halt scheinbar ganz bescheiden auf den letzten Platz, und dann wird schon einer kommen und dich demonstrativ vor allen Leuten nach vorne zu den wirklich wichtigen Leuten bitten. Im Grunde klingt das nach Berechnung und falscher Bescheidenheit, um so zu Aufmerksamkeit und Ansehen zu kommen.
Dass das nicht so gemeint ist, wird erst deutlich, wenn man sich den Schluss des Evangeliums vor Augen hält. Da spricht Jesus nämlich von denen, die wirklich am Rande stehen, die längst ihren Platz verloren haben in der vornehmen Gesellschaft: das sind die Armen und die Krüppel, die Lahmen und die Blinden; und wir können ergänzen: die vielen, die durch Krieg, Verfolgung oder Vertreibung ihren Platz, ihre Heimat verloren haben und denen nicht selten auch in unserem Land der Eindruck vermittelt wird: Euch wollen wir hier nicht haben, für euch ist hier kein Platz. Oder denken wir an die große Zahl der Arbeitslosen, für die buchstäblich kein Platz mehr da ist in unserer Gesellschaft. Dazu kommen noch die Obdachlosen oder Sozialhilfeempfänger, die Kranken und Behinderten, die alten und pflegebedürftigen Menschen, die das Gefühl haben, abgeschoben worden zu sein. Alle diese, so sagt Jesus, sollte ihr einladen, denen sollt ihr einen Platz geben.
Ich weiß, es gibt viele Argumente, die dann die Entschuldigungsgründe sind für so manches Fehlverhalten: wir sagen, es ist ja recht und schön, was Jesus da meint, aber es ist doch ein wenig unrealistisch: dass eben so viele Arbeitslose gar nicht arbeiten wollen und sich lieber auf unsere Kosten ein bequemes Leben machen, und von den Asylbewerbern werden wir doch nur ausgenutzt. Das sind so einige der gängigen Parolen.
Jesus argumentiert aber andersherum: Er lädt uns ein, die ganze Sache mit den Augen Gottes zu sehen. In Gottes Augen ist jeder Mensch unendlich wertvoll, und zwar unabhängig davon, was er aus seinem Leben gemacht hat, ob er es in seinem Leben zu etwas gebracht hat oder nicht, unabhängig davon, was einer leisten kann oder ob er durch Alter, Behinderung oder Krankheit eingeschränkt ist. Bei Gott hat jeder seinen Platz, und keiner ist wichtiger oder unwichtiger als der andere. Und wenn ich mir vor Augen halte, wie angesehen und wichtig ich selbst in den Augen Gottes bin, dann werde ich frei und unabhängig davon, was die anderen über mich denken. Dann muss ich nicht mehr krampfhaft versuchen, mir in den Augen der Menschen Ansehen zu verschaffen. Dann kann ich mich plötzlich auch für Menschen und Dinge einsetzen, selbst wenn das kein Ansehen einbringt. Dann ich mich vor allem auch für Menschen einsetzen, die in den Auen der Welt scheinbar nutzlos sind und kein Ansehen genießen.
Aber schauen sie sich nur unsere Gesellschaft an, wie sie uns in unserem Massenmedien immer wieder vor Augen geführt wird in ihrer ganzen Hohlheit, schauen sie auf die Betriebe, die ihre Produktionen in Billiglohnländer auslagern um umso größere Gewinne machen zu können. Man tut sich sehr leicht, tausende Leute auf die Straße zu setzen, damit die Aktionäre und Börsespekulanten ja auf ihre Rechnung kommen.
Da kann man nur sagen: Hier sind Jesu Wort in den Wind gesprochen, hier kommt seine Botschaft nicht an, hier wird die christlich-soziale Botschaft
mit Füssen getreten, da können sich ihre Vertreter noch so leutselig geben. Es bleibt oft nur Heuchelei.
Man sollte ja in einer Predigt nicht politisch werden. Aber wenn wir aus unserem Christentum die Politik ausklammern, dann amputieren wir einen wichtigen Lebensbereich.
Ja, es ist leider so, wir sind es gewohnt, die Botschaft Jesu immer wieder nach unserem Maß zu filtern. Manche Dinge nehmen wir sehr wörtlich, andere, die uns nicht behagen gleichen wir an, bis sie uns in den Kram passen. Manche Dinge darf man heute gar nicht mehr laut sagen, wie zum Beispiel, ob die große Arbeitslosigkeit nicht gemildert werden könnte, wenn wir es verständen, die Arbeit gerecht aufzuteilen. Aber mit unseren jetzigen Auffassungen wir sich die Schere zwischen reich und arm immer mehr vergrößern, ganz geschweige von den Armut in der Dritten Welt.
Die Botschaft Jesu wäre Zündstoff und böte Lösungen auch für unsere sozialen Probleme. Aber wir verstehen es sehr gut, sie immer wieder zu entschärfen und trösten uns damit, dass wir ja ohnehin bei der letzten Sammlung etwas gespendet haben; aber es war eben nur unser Geld, nicht unser Herz, das wir geteilt haben.

P. Paul Mühlberger SJ

08.09.2013

23. Sonntag im Jahreskreis
Lk 14,25-33
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Wollte man die Forderungen Jesu, wie sie Lukas hier formuliert, buchstäblich nehmen, dann könnte wahrscheinlich keiner von uns ein wirklicher Jünger Jesu, ja nicht einmal ein wirklicher Christ sein. Dann müssten wir uns beschämt oder enttäuscht oder auch verärgert wieder unseren Positionen zuwenden, unseren Sparkonten, unseren Beziehungen, unseren finanziellen Ansprüchen. Werbewirksam ist jedenfalls dieses Passage aus dem Evangelium nicht.
Aber was steckt dahinter, was wollte Jesus denn eigentlich sagen mit diesen zunächst harten Worten. Die Worte Jesu sind ja keine tote Ware, sondern eine lebendige Größe, die man in jeder Zeit neu hören, neu verstehen und neu übernehmen muss, ohne sie abschwächen zu dürfen.
Als Lukas diese Sätze schrieb, also in den Jahren zwischen 75 und 80 nach dem Tod Jesu übersetzte er sie auch schon für seine Zeit. Und es war damals eine gefährliche Zeit für die Christen. Fast überall wurden sie verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Oder sie galten als weltfremd und wurden als Narren verschrien. Daher musste es sich jeder, der sich auf die Nachfolge Jesu einließ, klar machen, dass er mit entsprechenden Härten zu rechnen hatte. Darüber hinaus rechnete man damals mit einer baldigen Wiederkunft des Herrn. Wenn also nur noch wenig Zeit blieb, um seinen Auftrag zu erfüllen, dann musste alles andere zurückstehen, dann werden alle Bindungen relativ. So dachte man damals.
Doch wir leben fast zweitausend Jahre später. Und der Herr ist immer noch nicht wiedergekommen. Müssen also nicht auch wir seine Worte anders verstehen, als Lukas sie verstanden hat? Zweifellos enthalten die Worte des Herrn einen bleibenden Anspruch. Aber dennoch müssen sie in unsere Situation übersetzt werden. Das ist durchaus legitim und die Kirche hat es in ihrer langen Geschichte immer wieder getan.
Wenn man den ersten Ärger über die Härte der Aussage Jesu überwunden hat, kommen wir dem Kern, dem Gehalt dieser Worte etwas näher. Schauen sie ein wenig auf die Zeit, in der wir leben. Wie viel ist da von Gläubigkeit zu spüren? Wie viele Menschen gibt es, denen Gott überhaupt nichts mehr bedeutet, deren höchste Wertmaßstäbe in der Gesundheit, im Geldverdienen und in einem genussreichen Leben bestehen. Vom Kreuz wollen die Menschen nichts hören, obwohl sie es doch ständig im Rücken haben. Sie laufen vor ihm immer davon und doch ist es nicht abzuschütteln. Es gehört zu unserer materiellen Daseinsweise dazu. Aber die Menschen können mit ihm einfach nichts anfangen, es stört sie, so wie sie der Gedanke an Gott stört, der in ihren Augen ein lästiger Störenfried ist, der mit seinen moralischen Ansprüchen nicht dem Zeitgeist entspricht.
Und da meint Jesus mit seinen Worten doch, dass eine Korrektur unserer Einstellungen unbedingt notwendig wäre. Es geht nicht darum, jemand gering zu achten, es geht auch nicht darum, materielle Werte zu vernachlässigen; es geht aber darum, sie richtig in das eigene Leben einzuordnen. Und es geht darum, Gott jenen Platz zu geben, der ihm zusteht. Er ist der Schöpfer, ohne ihn sind wir nicht existent. Gott Raum zu geben bedeutet nicht, andere Dinge zu vernachlässigen oder sie gar mit Füssen zu treten, es bedeutet vielmehr, sie als sein Geschenk an uns anzusehen und sie mit Dankbarkeit zu benützen.
Der Hl. Franz von Sales hat im Jahr 1608 folgendes geschrieben: “Es ist ein Irrtum, um nicht zu sagen eine Ketzerei, eine Trennungslinie zu ziehen zwischen der Nachfolge Jesu und dem Sportplatz, zwischen Frömmigkeit und Kaufladen, zwischen Nächstenliebe und Haushalt. Es gibt so viele Nachfolgen Jesu wie es Berufe gibt. Sie bilden eine Einheit mit jedem Beruf. Frömmigkeit muss anderes aussehen bei einem Priester als bei einem Handwerker oder einem Hafenarbeiter, anders bei einem Mädchen als bei einer Mutter mit Kindern und anders als bei einem Menschen mit 8o Jahren. Sie richtet sich in ihrer praktischen Verwirklichung nach den Kräften und Aufgaben und Pflichten eines jeden einzelnen. Echte Nachfolge Jesu verdirbt nichts Gutes, sondern sie verschönt und vollendet alles. Je mehr ein Christ aus seiner Religion und seinem Beruf eine Einheit macht, um so liebenswürdiger ist er, um so leichter und selbstverständlicher ist für ihn die Sorge um seine Frau und seine Familie, um so freundlicher und schöner geht es zu an jedem Arbeitsplatz.”
Franz von Sales schrieb diese Worte, um denen zu helfen, die mitten in der Welt leben und nicht glauben können, dass es ihnen möglich sei, ein religiöses Leben zu führen.
Diese Worte sind eine Ermutigung an uns, wo immer wir stehen, was immer wir tun, was immer uns belastet, wo immer wir uns abmühen. Es gibt so viele Arten der Nachfolge Jesu, wie es Menschen gibt. Bei jedem sieht sie anderes aus. Genauso gibt es so viele Kreuze, wie es Lebenssituationen gibt. Das heißt: Mit zehn Jahren sehen meine Nachfolge und mein Kreuz anders aus als mit fünfundzwanzig Jahren. Und mit vierzig Jahren hat man als gläubiger Mensch einen anderen Weg zu gehen und ein anderes Kreuz zu tragen als mit neunzig.
Es ist also nicht die Härte dieser Worte bei Lukas, die uns erschrecken; es ist vielmehr die eigene Inkonsequenz. Statt Gott zu ignorieren sollten wir ihn suchen. Der Agnostizismus, der sagt, man kann über Gott nichts wissen, bedeutet halt doch für den Menschen, der ihn vertritt eine sehr enge Geisteshaltung. Bequem ist er allemal, denn dann braucht man sich ja an nichts mehr zu halten als an die allgemein menschlichen Ansprüche. Die Frage ist nur: wie kann ein denkender Mensch nur so kapitulieren vor einer Frage, die sich die ganze Menschheit immer wieder gestellt hat und die dann in den verschiedensten Religionen ihren Ausdruck suchte?
Wenn man das alles in Ruhe überlegt, so kommt man dahinter, dass die zunächst harten Worte Jesu doch sehr wertvoll für uns sind. Manches muss eben hart gesagt werden, damit wir uns zunächst darüber ärgern aber dann doch nachdenken, wie es eigentlich gemeint ist. Seien wir Gott dankbar für diese Rippenstöße, die uns seine Botschaft immer wieder gibt. Sie reißt uns doch aus unserer Abgestumpftheit heraus. Wir merken es ja selbst wie träge wir oft geworden sind, wie sehr es an Wachheit für die Probleme der Stunde fehlt und auch für die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Das äußert sich in der Redensart: “Ja, man könnte eigentlich!” Doch was ich könnte, das kann ich auch! Warum also tun wir nicht, was wir können? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.09.2013

24. Sonntag im Jahreskreis
Lk 15,1-32
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„Alle Parabeln sind schön......doch unter allen schreiten die drei Parabeln der Hoffnung voran.“ Eine hohe Bewertung des französischen Dichters Charles Péguy. Viele werden sich ihr anschließen. Wir hören Jesus reden. Das ist seine Art. Das ist seine Stimme. Sie dringt heute an unser Ohr und pocht an unser Herz. Wie wird es uns damit gehen? Wie wird es ihm, der uns spricht, mit uns gehen?
Das Evangelium beschreibt die ursprüngliche Situation, da Jesus diese Geschichten erzählt. Kein Gespräch in trauter Runde am freundlichen Abend, vielmehr ein Wort in der Konfrontation mit den Schriftgelehrten und Pharisäern, die ihn anklagen. Jesus spricht sein Wort im Widerspruch zu den Menschen, die sich über sein Verhalten ärgern und über ihn murren, weil er gegen alles gute Herkommen mit offenkundigen Sündern Gemeinschaft pflegt. Hinter ihrem Murren steht ihr Urteil: Der kann doch nicht von Gott kommen, der heilig ist und dem der Weg der Gottlosen ein Greuel ist.
Wir kennen alle diese Geschichte, die Jesus erzählt, wir sind sie gewohnt. Sie sind uns willkommen. Aber sie wird uns tiefer treffen und mehr zu uns sprechen, wenn wir Ähnliches schon erlebt haben wie jener Vater, von dem das Gleichnis erzählt, oder jener Bruder, der über beider Verhalten sich empört, des Bruders wie des Vaters.
Ja, bei der ersten Parabel vom verlorenen Schaf konnte Jesus noch Zustimmung finden, wenn er fragte: Wer von euch, der hundert Schafe hat, läßt nicht die neunundneunzig zurück und geht dem verlorenen nach? Und er konnte auch Einverständnis erwarten mit seiner Geschichte von der Frau, die das Haus ausräumte, um eine einzelne verlorene Drachme zu finden. Mit seiner dritten Geschichte aber ging er doch zu weit. Setzte Jesus da nicht geltendes Recht außer Kraft und schuf neues Recht? Der, der schon einmal das ihm Zustehende bekommen hat, wird ohne Verdienst in Sohnes- und Teilhaberrechte eingesetzt. Aber Jesus redet nicht von menschlichen Verhältnissen, sondern von Gott. Er erzählt nicht von den Zuständen in der alten Welt, sondern vom Übergang in eine neues Leben im Reich Gottes. Wir erkennen daran, wie die ersten beiden Gleichnisse jeweils endigen mit dem bewußt erklärenden Hinweis auf die Wirklichkeit, für die sie transparent sind. „So wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen." Vom Himmel, von Gott und all denen, die mit Gott leben, ist also in diesen Geschichten die Rede.
Alle drei Geschichten, sind Gleichnisse seines Erbarmens, seiner Liebe. Es sind in der Tat Kampfgleichnisse. Mit ihnen zertrümmert Jesus die Götzenbilder, die unangemessenen Vorstellungen, die wir uns von Gott machen. Sie knüpfen aber auch in einer liebenswürdigen Weise an guten menschlichen Verhaltensweisen an, um das noch größere, liebevollere Verhalten Gottes zu zeigen. Das hat es ja gegeben und gibt es immer noch: Hirten, die einem verlorenen Tier nachgehen. So ist Gott, sagt Jesus, einer, der in die Nacht hinausgeht, bei Wetter und Wind, um den Menschen zu suchen. In der Menschwerdung seines Sohnes ist Gott hinter uns hergelaufen.
Gott ist wie eine Hausfrau, sagt Jesus, die nach einer verlorenen Drachme sucht; die gründlich drangeht und sich die Suche Schweiß und Herzklopfen kosten läßt. Gott ist also nicht wie einer, der nur die anderen schuften läßt, er gibt sich selber dran. Aber Gott ist auch nicht wie einer, der sich nur abrackert, menschliche gesprochen, sondern auch einer, der sich überschwenglich freuen kann wie jene Frau, die in ihrem Jubel die Freundinnen und Nachbarinnen zusammenholt. Richtige Freude verlangt nach Mitfreude.
Gott ist wie jener Vater, der seinen Sohn ziehen läßt, ihm seinen Willen läßt, ihn im guten ziehen läßt, mit seinem Segen wohl, so dass die Erinnerung an den guten Vater in seinem Herzen bleibt und wieder hochsteigt, als es soweit ist. Und das ist der Zeitpunkt der tiefsten Erniedrigung und der höchsten Not des Verlorenen. Gott ist wie jener Vater, der den Heimkehrenden von weitem sieht, ja ihn schon erwartet hat. Er ist nicht gekränkt oder gar schadenfroh und er kostet es nicht aus, wie der Sohn langsam näher kommt. Nein, ihm schnürt sich das Innere vor Mitleid zusammen, als er in der elenden Gestalt seinen Sohn erkennt.
Er läuft dem noch Fernen entgegen – in unziemlicher Hast, wenn man die Würde eines orientalischen Patriarchen bedenkt – und fällt diesem heruntergekommenen Menschen um den Hals und küßt ihn. Ein Erklärer der Hl. Schrift hat das einmal so ausgedrückt: Der Kuß Gottes für den verlorenen Menschen, das ist Jesus.
Und was ist mit dem anderen Bruder? Er kapiert nicht was da geschieht. Er hat nie geschätzt, was er daheim hatte, weil er nie etwas verloren hat, weil er nie verlorengegangen ist. Und mit diesem daheim gebliebenen Bruder haben wir sehr vieles gemeinsam. Wir sind nie verloren gegangen, wir haben das väterliche Haus Gottes für uns zur Verfügung gehabt. Wir sind mit der christlichen Religion groß geworden und haben nie große Probleme mit ihr gehabt. Wir hatten auch niemals im Sinn, das väterliche Haus zu verlassen; aber wir haben uns über unseren inneren Reichtum nie besondere Gedanken gemacht. Es war in irgendeiner Weise alles selbstverständlich. Es so, wie wir uns nie Gedanken machen über das Wunderwerk unseres Sehen oder unseres Hörens. Erst wenn wir merken, wie unsere Sehkraft schwindet und unser Gehör schwächer wird, da kommen wir dahinter, welch großen Schatz wir zeit unseres Lebens besessen haben.
Der dankbare Mensch macht sich aber beizeiten schon Gedanken. Er braucht nicht unbedingt die Erfahrung einer großen Not, um an die Schätze zu denken, die er verschmäht hat.
So ist dieses Gleichnis etwas zum Nachdenken für alle, die Gott den Rücken gekehrt haben und auch für alle, die gewisserweise gedankenlos in der Liebe Gottes leben ohne diese große Gnade zu schätzen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

22.09.2013

25. Sonntag im Jahreskreis
Lk 16,1-13
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„Investieren sie jetzt in ihre Zukunft“, mit dieser Aufforderung suchen Anlageberater potentielle Kunden für ihre Projekte zu begeistern. Und manch einer überlegt sich tatsächlich: „Was soll ich tun mit dem angesparten Geld, vor allem, wenn die Zinsbesteuerung greift? Soll ich es auf dem Sparbuch lassen? Soll ich es für größere Ausgaben ausgeben? Soll ich investieren, z.B. in den Wohnungsbau? Was bringt mir mehr, was lohnt sich mehr, auf längere Sicht hin?
Sorgen um die Zukunft macht sich auch der ungetreue Verwalter aus dem nach ihm benannten Jesusgleichnis. „Was soll ich tun?“ fragt er sich einigermaßen ratlos. Die Alternativen scheinen ihm wenig verlockend: ehrliche Arbeit – schauderhaft! Betteln müssen – demütigend, entsetzlich. In diese Situation hat er sich allerdings selbst hineinmanövriert durch fortgesetzte Betrügereien am Vermögen seines Herrn, das ihm zur Verwaltung anvertraut war. Erneuter Betrug ist auch der Weg, auf dem er aus dieser Zwangslage wieder herausfinden will. Er lässt die Schuldner seines Herrn zu sich kommen, streicht ihre Schuldzinsen und setzt ihre Schuldsummen drastisch herab. Damit verbindet er die Hoffnung, dass sie ihm aus Dankbarkeit Provision gewähren, dass sie ihm Haus und Hof öffnen, wenn sein Herr ihn hinauswirft, und er so sein Unterkommen findet.
Aber es kommt noch einmal anders. Das ursprüngliche Gleichnis, wie Jesus es seinen Zuhörern erzählte, schloss mit den Worten: „Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte“ – der Herr aus dem Gleichnis, wohlgemerkt, der Herr des Verwalters. Angesichts eines so schlitzohrigen Verhaltens gibt er sich geschlagen. Diese Unverfrorenheit verdient schon Bewunderung, nicht Strafe. Wir kennen dieses Motiv im übrigen auch aus der antiken Komödie, wo immer wieder der betrügerische Sklave in Aktion tritt, über dessen Gerissenheit sein Herr trotz des Schadens, den er davonträgt, letztendlich selbst lachen muss. Das zeigt uns nebenbei, was für ein kenntnisreicher, souveräner, manchmal sogar humorvoller Erzähler Jesus war.
Im jetzigen Zusammenhang bei Lukas ist mit dem Herrn, der den Verwalter lobt, der Herr Jesus selbst gemeint. Jesus macht sich das Lob über dessen Verhalten zu Eigen, und das muss uns nun doch vor einige Probleme stellen. Betrug als Alternative zur Arbeit? Doppelter Betrug als Ausweg aus der Krise? Das kann Jesus doch wohl so nicht empfohlen haben, werden wir spontan einwenden. In der Tat liegen die Vergleichspunkte auf einer anderen Ebene. Zwei Dinge vor allem sind übertragbar. Zum einen plant der Verwalter für seine Zukunft; er macht sich Gedanken darüber, wie es weitergehen soll. Zum anderen tut er, wenn auch mit sehr anfechtbaren Mitteln, doch etwas Gutes; er lässt Schulden nach; er erleichtert Menschen, die unter der Last ihrer Schulden stöhnten, ihre Bürde.
Dass wir in dieser Richtung die Lösung zu suchen haben, bestätigt auch der angehängte Deutesatz, mit dem Jesus wieder unmittelbar das Wort ergreift. „Ich sage euch: Verschafft euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr, wenn es zu Ende geht, Aufnahme in die ewigen Wohnungen findet.“ Beide Gedanken finden wir hier wieder: Die Lösung bleibt kurzsichtig, wenn sie nicht auch über den Rand dieses Lebens hinausblickt und das Ende mit bedenkt. Investieren in die Zukunft, ganz sicher ja, aber wir brauchen nicht nur auf Erden ein Dach über dem Kopf, wir brauchen auch eine Bleibe im Himmel, eine ewige Wohnung, an der wir hier und jetzt schon bauen. Damit hängt das zweite eng zusammen: sich Freunde verschaffen mit Hilfe von Geld und Besitz. Freunde dieser Art gewinnt man durch freigebige und großzügige Hilfe, indem man Menschen, die Not leiden, unter die Arme greift, anstatt sie in den Ruin zu treiben. Solche Freunde können beim Gericht als Fürsprecher für uns auftreten, oder die gute Tat spricht für sich selbst und für uns.
Wir können an dieser Stelle sehr aktuell werden. So aktuell, dass einer, der seine Stimme erhebt angegriffen werden könnte. In unserem Land und in ganz Europa gibt es bereits ein ganzes Heer von Arbeitslosen. Die immer weiter voranschreitende Rationalisierung der Arbeitsprozesse macht immer mehr Menschen als Arbeitskräfte überflüssig. Das würde als logische Konsequenz einschließen: wenn weniger Arbeit vorhanden ist, muss es zu einer gerechteren Verteilung der Arbeit kommen. In der Theorie ist das ganz klar. Aber in der Praxis versagt unsere Gesellschaft durch Mangel an Solidarität.
Vielleicht haben sie die Jedermann-Aufführung von den Salzburger Festspielen gesehen. Die neue Inszenierung des „Jedermann“ auf dem Salzburger Domplatz illustriert uns noch einmal die Erzählung der Bibel. Worum geht es da eigentlich? Ein wohlhabender Lebemann will einen Lustgarten für seine Freundin erwerben. Auf dem Weg dorthin trifft er seine Mutter, einen armen Nachbarn und einen Schuldner, die er allesamt rhetorisch gekonnt abspeist. Es wird ein Fest gefeiert, zu dem auch der Tod erscheint. Dieser gewährt Jedermann eine einstündige Frist, in der er sein „Schuldbuch in Ordnung“ bringen kann. Er soll sich auch einen Begleiter suchen, jedoch seine Geliebte, sein Freund, seine Cousins, sein Gesinde und sein als Mammon personifiziertes Geld versagen ihm diesen Dienst. Nur die anfangs schwachen GutenWerke und der Glaube bieten sich ihm an. Jedermann besinnt sich, bekehrt sich, dies alles zugegebenermaßen recht flott, sodass der etwas zu spät gekommene Teufel klein beigeben muss und Jedermann in den Himmel eingeht.
Warum will diesen Jedermann der Teufel holen? Jedermann hat weder Kinder missbraucht, noch gefoltert, Bomben geworfen, mit Drogen gedealt oder jemanden erschossen. Man würde diesen Jedermann wohl nicht einmal als „Kleinkriminellen“ bezeichnen. Der Teufel versucht es halt bei jedem und zieht, gottlob meist doch den Kürzeren. Eigentlich ist Jedermann einer wie jeder Mann und jede Frau, ein „Mensch wie du und ich“, der gar nicht so übermäßig reich ist, sondern der auf das Geld schaut, Bettlern in der Regel nichts gibt, seinen Schuldnern gegenüber auf Gerechtigkeit pocht, zähneknirschend seine Steuern zahlt und Sorge trägt, dass sein Geld gut angelegt ist.
Jedermann ist nicht boshaft, er hat nur vergessen, dass er von dem Glück, das er hat, anderen abgeben könnte. Er ist ein typisch Neoliberaler: Wer arm ist, ist selber schuld. Er hätte sich eben mehr bemühen müssen.
Jedermann ist ein Modell des modernen Menschen, dem auch die scharfe Kritik des Propheten Amos gilt, der um700 v.Chr. im Nordreich wirkte. Er übte scharfe Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem, das die Armen ausbeutet und benachteiligt.
Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt! Ihr sagt:
Wir wollen auch am 8. Dezember Weihnachtseinkäufe machen.
Wir wollen auch an Sonn- und Feiertagen Handel treiben.
Wir lassen in Billigländern produzieren, damit wir unseren Profit maximieren können.
So kann es nicht weitergehen! Es braucht eine Abkehr vom Raubtierkapitalismus, vom Wahn des unbedingten und grenzenlosen Wirtschaftswachstums, es braucht eine bessere und gerechtere Verteilung des Wohlstands, es braucht eine Mindestsicherung, die zum Leben reicht, es braucht eine Abkehr vom Schauen auf den eigenen Vorteil, es braucht Menschen, die ihre Stimme erheben und sich für eine bessere Armutsbekämpfungs- und Verteilungspolitik einsetzen.
Denn du bist nicht schuld daran, dass die Welt so ist wie sie ist.
Aber du bist schuld daran, wenn sie so bleibt.
Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

29.09.2013

26. Sonntag im Jahreskreis
Amos,6, 1a.4-7
Lukas 16, 19-31
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Es kommt nicht oft vor, dass einen Texte der Lesungen erschrecken. Für gewöhnlich hören wir sie mit Fassung und Ehrfurcht, weil wir die meisten Lesungstexte ja schon kennen. Sie beeindrucken uns nicht besonders. Anders heute. Der Prophet Amos lebte im 8. Jahrhundert im Nordreich. Dieses Nordreich erlebte in dieser Zeit eine politische und wirtschaftliche Blüte Es ging gut, wenigstens denen, die Geld und Macht hatten. Und gerade ihnen musste der Prophet Amos das Gericht ansagen: „Weh den Sorglosen, den Selbstsicheren!“
Sie können sich vorstellen, dass es Amos keinen Spaß machte, diese Drohbotschaft mitten in den Wohlstand hinein zu verkünden, mit Drohungen und Vorwürfen zu kommen. Aber er sieht zu klar, wie die führende Schicht ihre Verantwortung für die Armen im Volk Gottes vergisst, und er weiß, wohin das führen wird.
Am Donnerstag brachte das Fernsehen in den Abendnachrichten einen kleinen Bericht über die reichsten Leute Amerikas. Milliarden Dollars liegen auf ihren Konten. Über die Ärmsten dieser Welt wurde nichts berichtet. Was sollen wir mit solchen Berichten anfangen? Sollen wir uns mit den Reichen freuen, oder machen wir uns Gedanken, was die alle mit dem vielen Geld anfangen. Fühlen diese Menschen überhaupt noch eine Spur von Verantwortung, die sie mit ihrem Reichtum auf sich geladen haben?
Warum mich dieser Text so schockiert? Weil die Zeit, in der Amos diese Drohworte gesprochen hat, sich in unseren Tagen wiederholt. Wenn wir auch nur ein wenig in die Geschichte hineinschauen, so hat es diese Situation schon einige Male gegeben. Und der Niedergang, sowohl in moralischer und auch politischer Sicht macht sich ja allerorts bemerkbar.
Ist also Reichtum schädlich? Widerspricht er dem Willen Gottes? Keinesfalls der Reichtum als solcher, sondern was man mit ihm macht. Alles, was dem Menschen an Gaben und Begabungen geschenkt ist ruft auch nach verantwortetem Gebrauch. Wenn einer zwei Brote hat und neben ihm einer verhungert, darf er nicht auf sein Eigentumsrecht pochen, sondern muss teilen. Wenn er das nicht tut, macht er sich schuldig. Eigentum ist gepaart mit Verantwortung. Immer mehr prallt in unserer Welt Armut und Reichtum aneinander. Und es kann die Zeit kommen, in der die Armen aufstehen und sich das nehmen, was ihnen zusteht. Arbeitslose zu schaffen um sich in Billigproduktionsländern einen höheren Gewinn zu verschaffen ist ein Verbrechen, denn den arbeitenden Menschen in diesen Ländern wir dadurch kaum geholfen. Sie leisten Sklavenarbeit auf Kosten des Gewinns der ohnehin schon Reichen.
Das Evangelium schlägt in die gleiche Kerbe. Wir können es kaum anhören, ohne erschüttert zu werden. Der reiche Prasser und der arme Lazarus treten in Gegensatz zueinander. Drastisch haben diese Szene die Maler früherer Epochen etwa des Mittelalters gemalt, den Teufel, der sich der Seele des Prassers bemächtigt und die Engel, die den armen Lazarus in den Schoß Abrahams tragen.
Was die beiden trennt ist nicht mehr als eine Tür. Lazarus lag draußen in seinem Elend, die Hunde leckten seine Geschwüre, der Prasser saß drinnen beim gedeckten Tisch. Was kann man ihm für einen Vorwurf machen, könnten sie fragen? Er hat den Lazarus ja nicht gesehen, die Tür war zu und Lazarus hat auch nicht angeklopft und gebettelt.
Der Vorwurf der dem Prasser gemacht wird liegt nicht darin, dass er reich
war und sich ein üppiges Mahl. leisten konnte. Sein Fehler lag darin, dass er die Armut vor seiner Tür nicht wahrnahm.
Und jetzt befindet er sich nach seinem Tod in einer schrecklichen Situation. Er kann nicht als Entschuldigungsgrund bringen, dass er den Lazarus nicht wahrgenommen hat; er war ganz eingesponnen in seinen eigenen Besitz und hat keinen Blick dafür gehabt, was außer ihm draußen vor sich ging. Damals nicht und schon gar nicht heute können wir es uns leisten, unseren Blick vor der Wirklichkeit der Weltsituation zu verschließen. Bei aller Subjektivität der Berichterstattung in den Medien werden wir reichlich genug über die triste Weltsituation informiert. Wir können auf keinen Fall sagen, wir wüssten nichts von der Not der Menschen.
Und jetzt könnten sie die Frage stellen. Was kann, was soll ich tun? Soll ich jetzt alles an die Armen verschenken? Nein, das brauche sie nicht. Aber den Blick sollen sie sich offen halten für die Not in der Welt und auch für die Not in ihrer Umgebung. Und da fängt unsere Solidarität an. Da werden wir gefordert, nicht nur wir in unserem kleinen Verantwortungsbereich, sondern vor allem auch jene Gruppierungen, die die Wirtschaft in der Hand haben, die Globalisierung bis zum Exzess betreiben, süchtig und skrupellos. Ist es zu viel behauptet, wenn man heute zur Erkenntnis kommt, dass die Regierenden weniger unsere gewählten Mandatare sind, sondern dass die Wirtschaft den Ton angibt. Ich möchte hier nicht politisch werden, aber so ganz zurückziehen sollte sich unser Christentum aus der Politik nicht. Unsere Aufgabe bestehen nicht nur darin schöne Gottesdienste zu feiern, unsere Kirchenbauten zu pflegen, die vielen Menschen doch nur mehr als Kunstmuseen dienen, sondern einmal ernst zu machen zu der einen Forderung der Bergpredigt: „Selig die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit…..“
Dieses Hungern und Dürsten, dieses Verlangen nach einer gerechteren Welt wäre sozusagen der Ausgangspunkt für jedes weitere Bemühen.
Glauben sie, dass es dem Propheten Amos leicht gefallen ist, diese aufrüttelnde Botschaft in den Wohlstand seiner Landsleute hineinzuschreiben? Sie wissen alle, wie heute jene Leute belächelt und nicht ernst genommen werden, die Warnungen aussprechen vor den Konsequenzen, die ein ungerechtes Verhalten weltweit auslösen können. Wir wissen alle, wie wir uns scheuen, die Hand an die offenen Wunden zu legen.
Wir müssen dankbar sein, wenn es auch heute prophetische Menschen gibt, Menschen, die nicht aus der Kirche hinausgehen mit dem Bewusstsein, ihre Pflicht erfüllt zu haben, getröstet worden zu sein durch die frommen Worte einer Predigt, sondern die hinausgehen in dem Bewusstsein, eine Sendung zu haben zu der sich Kraft empfangen haben durch den Herrn, den sie im Sakrament empfangen haben. In jeder Krise ist alles offen. Das Wort „Krise“ bedeutet ja soviel wie „Wendepunkt“. Wohin die Wende geht, das hat Gott in unsere Hände gelegt. Und mit seiner Hilfe dürfen wir auf alle Fälle optimistisch sein. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ