04.10.2013

Freitag, 4. Oktober 2013 - Marienkirche Steyr

Predigt über Franziskus von Assisi

gehalten von Mag. Ewald Kreuzer OFS, Mitglied des Franziskanischen Säkularordens (OFS), Theologe und Zeremoniär an der Marienkirche Steyr



Als am 13.03.2013 erstmals ein Lateinamerikaner, der argentinische Kardinal aus Buenos Aires, der Jesuit Jorge Mario Bergoglio, zum Papst gewählt wurde und zur Überraschung vieler den Namen "Franziskus" annahm, rückte der Heilige aus Assisi aus dem 12./13. Jhd. mit einem Schlag ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Und in den Kreisen der vielfältigen franziskanischen Ordensfamilie, der auch ich angehöre, ging das geflügelte Wort um: "Nun ist Franziskus nach 800 Jahren endlich auch im Vatikan angekommen!"

Wer war dieser Frate Poverello, dieser "arme Bruder" aus Umbrien, wie er sich selber bezeichnete?

Unzählige Bücher wurden über ihn geschrieben. Sie haben Titel wie "Franziskus - Rebell und Heiliger" (Niklaus Kuster), "Der letzte Christ" (Adolf Holl), "Zärtlichkeit und Kraft. Franz von Assisi, mit den Augen der Armen gesehen"(Leonardo Boff).

Sein Leben wurde mehrfach verfilmt, am bekanntesten wohl der Film "Bruder Sonne, Schwester Mond" von Franco Zeffirelli (1972)

Viele Lieder, Gedichte, Romane gibt es über Franziskus, ja sogar Musicals und sogar eine Oper über das Leben dieses ungebrochen aktuellen Heiligen wurde komponiert von Olivier Messiaens: „Saint François d'Assise“.

Das Schicksal so bedeutender Personen wie Jesus, Mahatma Gandhi oder eben Franz von Assisi ist es, dass sie zwar sehr geachtet, ja sogar verehrt und als leuchtendes Vorbild gepriesen werden, in der tatsächlich gelebten Praxis aber bestenfalls als Ideal gelten, das leider nie erreicht werden kann.

So heißt es denn bei den Franziskanern in heiter-kritischer Ironie und Selbsterkenntnis: "Wir sind zwar Franziskaner, aber Franz is kaner ..."

Was ist so faszinierend an Franziskus und was macht es gleichzeitig doch so schwer, ihn zu verstehen und seinen Weg der Christus-Nachfolge auch selbst zu wagen?

Da ist zunächst seine Radikalität.
Franziskus lebte das Evangelium radikal (radex, lat. = die Wurzel), d.h. von der Wurzel, ohne Abstriche, "sine glossa", wie er immer betonte.
Ohne beschwichtigende Auslegung und beruhigende Kommentare zu herausfordernden Bibelstellen wie etwa den Ruf Jesu in die Nachfolge:

"Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.“ (Mt 19,21 EU)

„Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd.“ (Lk 9,3 EU)
„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Lk 9,23 EU)
Franziskus war kritisch gegenüber allem, was das Wort Gottes, den menschgewordenen Christus, verwässerte, entschärfte, und seien es selbst die Theologen. "Nur nicht den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschen ...".

Er nahm Jesus beim Wort und praktizierte, was sein Meister ihm auftrug.

Und er hörte dessen Stimme, die ihm auftrug, das verfallene Haus seiner Kirche wieder aufzubauen.

Franz begann dieses Werk der Erneuerung der Kirche zunächst mit Steinen und Mörtel und setzte es fort mit einer geistigen und spirituellen Erneuerung, von der Tausende Menschen ergriffen wurden und die auch die Päpste in ihren Bann zog.

Es wird erzählt, dass Innozenz III., der wohl mächtigste und einflußreichste Papst der Kirchengeschichte, in der "dunklen Nacht" der Kirche einen Traum gehabt hätte, in dem ein einfacher, armer Mann die einstürzende Kirche mit seinen Händen gestützt hätte.

"Wo die Not am größten, da ist Gottes Gnade am nächsten", heißt es.

Radikal war Franziskus nicht nur in seiner asketischen Lebensweise und in seiner Nachfolge Jesu, sondern auch in seiner Haltung der Demut, der Dankbarkeit und der Liebe seinen Mitmenschen und allen Lebewesen gegenüber, ja selbst den Naturelementen von Wasser, Feuer, Luft und Erde. Er sah sie alle an als Gottes gute Geschöpfe, als unsere Schwestern und Brüder.

Der Frieden war ihm auch ein wichtiges Anliegen. Franziskus sagte, dass ihm der Herr selbst geoffenbart habe, wie er und seine Brüder die Menschen, denen sie begegnen, grüßen sollten, nämlich mit den Worten: "Der Herr schenke euch den Frieden!"
"Pace e bene" - "Frieden und alles Gute", das ist seitdem der immer wieder neu erklingende Ruf, den ich bei meinen Besuchen bei franziskanischen Menschen in aller Welt von jung bis alt höre und selbst auch gerne weitergebe.

Als Europas christliche Kreuzritter aufbrachen, um auf Aufforderung des Papstes die heiligen Stätten im Heiligen Land von den Muslimen zu "säubern", und zuvor erst einmal sozusagen "en passant" im Vorbeimarschieren auch Konstantinopel, das christliche Rom des Ostens, brutal plünderten, da machte selbst Franziskus, der sonst so gehorsame Sohn der Kirche, nicht mehr mit.

Statt zu kämpfen oder zumindest gegen die Feinde zu beten, wie es von ganz oben angeordnet wurde, führte er auf seine Weise einen gewaltfreien "interreligiösen Dialog" mit dem islamischen Sultan. Und war schwer beeindruckt von der Art, wie die Muslime Gott, den sie "Allah" nannten, fünfmal am Tag in demütiger Gebetshaltung verehrten. Man schied freundlich und in Frieden voneinander. Den Kreuzrittern war eine so konfliktfreie Begegnung mit den Muslimen nicht beschieden und die meisten von ihnen blieben unfreiwillig, wenn auch in ihrer Seele getröstet mit dem vollkommenen Ablass der Kirche, auf palästinischer Erde liegen.

Am Ende seines Lebens - gestern Abend am 3. Oktober des Jahres 1226 - legte Franziskus das Letzte an ihm ab, was ihm überflüssig erschien. Viel war es ohnehin nicht mehr, nur mehr sein zerschlissener Habit.

Nackt ließ er sich auf den humus legen, auf die bloße Erde, aus der Gott einst den Menschen geformt hatte und auf die sich Gottes Sohn gewürdigt hatte, selbst als Mensch zu den Menschen zu kommen.

In seinen letzten Worten rief Franziskus seine Brüder auf, endlich mit der Christus-Nachfolge anzufangen und ernst zu machen.

Dann gab er seinen erschöpften Leib und sein Leben durch Schwester/Bruder Tod seinen von ihm so sehr geliebten Schöpfer dankbar zurück.

Den heutigen Gedenktag verbringt der Papst nicht in Rom, sondern in Assisi, der Stadt des großen italienischen Heiligen. Er will am Franziskus-Grab beten und viele verschiedene Gruppen und Menschen treffen.

"Für mich ist Franziskus der Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt", sagt der römische Franziskus. "Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!"

Mit Franziskus sei der Frühling in die Welt eingezogen, schreibt Thomas von Celano, sein Biograph.

Gerade eben ist ein neues Buch über Franziskus erschienen. Geschrieben hat es der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff. Der Papst hat es schon ganz oben auf seiner Wunschliste stehen. Der Titel des Buches lautet: „Franziskus von Assisi und Franziskus von Rom: ein neuer Kirchenfrühling?“

Das Fragezeichen hinter dem Buchitel könnte auch durch ein Rufzeichen ersetzt werden. Vorausgesetzt wir alle arbeiten an diesem ersehnten Frühling in der Kirche mit, du und ich, denn bekanntlich macht eine einzige Schwalbe noch keinen Frühling, und wenn es auch eine römische Schwalbe ist.

06.10.2013

27. So im Jahreskreis
Lk 17, 5-10
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Haben Sie mit Ihrem Glauben schon einen Berg versetzt oder einen Baum entwurzelt? Nein? Dann müssen wir, wenn wir das Evangelium recht verstehen, zugeben, dass unser Glaube schwach ist. Und wir meinen doch immer, wir hätten genug Glauben. Aber was glauben wir denn wirklich? Geben wir vielleicht doch dem Slogan Raum, der da sagt: „Glauben heißt nichts wissen“. Wir sind Sinnenmenschen, wir nehmen das für wahr, was sich unseren Sinnen darbietet, unseren Augen, unseren Ohren, unserem Tast- und Geschmackssinn. Die Wissenschaft lehrt uns aber, dass unsere Sinne nur einem kleinen Ausschnitt der Realität unserer Welt zeigen. Schon eine kleine Fledermaus und der Dackel Waldi haben ein größeres Hörvermögen als wir. Und mit unseren Augen können wir nur einen Bruchteil der Wirklichkeit wahrnehmen, selbst unsere besten Elektronenmikroskope stoßen an eine Grenze. Von den Bewegungen der Elektronen, die um den Atomkern kreisen, können wir nur die Spuren nachweisen, ohne sie selbst sehen zu können. Ja, wenn wir nur das als wirklich annehmen würden, was uns die Sinne bieten, würden wir die ganze Wirklichkeit übersehen. Und doch sind die wesentlichen Dinge im menschlichen Leben, die, die wir mit den Sinnen nicht mehr erfassen können. Die Wissenschaft arbeitet nur mit drei Parametern: Zählen, wiegen und messen. Das sind die Dinge, die für die menschliche Forschung die Grundlagen bieten. Was ist aber mit Dingen wie der menschlichen Liebe? Mit Zählen, wiegen und messen werden wir wohl nie ergründen, was Liebe ist. Und da stoßen wir auf eine wichtige Erkenntnis: die Liebe ist eine Sache des Glaubens. Natürlich gibt es spürbare und wenn sie wollen auch messbare Zeichen der menschlichen Liebe: die Umarmung, einen Kuss, die Blume, die der liebende Gatte seiner Frau schenkt. Aber was Liebe wirklich ist, ist ein „Geheimnis des Glaubens“. Es ist er sicherlich aufgefallen, dass wir diesen Satz immer nach der Wandlung sprechen.
Wenn wir das alles überdenken, dann scheint es mit der Behauptung „Glauben heißt nichts wissen“ nicht allzu weit her zu sein. Nur engstirnige Köpfe können sich mit dieser Lösen in ihrem Leben zufrieden geben. Also kommen wir zur Erkenntnis: unser Glaube ist schwach. Wir können keinen Berg versetzen, haben auch gar nicht einmal versucht, und wir können auch allein mit unserem Glauben keinen Baum entwurzeln und ihn an anderer Stelle wieder einpflanzen. Halten wir diese Tatsachen einmal fest. Und allein diese Erkenntnis unseres schwachen Glaubens ist schon ein Gewinn und ein Fortschritt.
Jesus wollte uns durch die Erkenntnis unseres schwachen Glaubens keineswegs mutlos machen. Jesus hat von seinen Jüngern nie etwas verlangt, was sie nicht leisten können. Was er ihnen sagen wollte, war, dass es ausreiche, wenn ihr Glaube so groß sei wie ein Senfkorn. Die Jünger verstanden das sofort. Senfkorn war ein Bild für etwas winzig Kleines, dem man nichts zutrauen konnte. Es war das kleinste der damals bekannten Samenkörner, und gleichwohl wurde daraus, im krassen Gegensatz zu seiner Winzigkeit, ein Strauch von beachtlicher Größe. Die Vögel konnten sich darin wohlfühlen und zwitschern. „Glaube wie ein Senfkorn“ heißt also, es muss nur etwas da sein, etwas zumindest wie ein Suchen nach Halt und Verlässlichkeit des Lebens in Gott. Dann entwickelt sich das Ganze schon in die richtige Richtung.
Das kann sofort kritische Fragen in uns auslösen. Haben wir etwas von dieser existentiellen Ernsthaftigkeit des Glaubens in uns? Und sei es auch nur von der Größe eines Senfkorns? Oder begnügen wir uns mit den ritualisierten Formen des Glaubens, ohne davon existentiell ergriffen zu sein?
Dann scheint unser Evangelium eine Bruchstelle aufzuweisen, die zu dem Vorhergehenden nicht passt. Er spricht mit einem Mal von etwas ganze Anderem, und noch dazu in einer Weise, die wir nicht mehr mittragen können: von einem Sklaven im Dienst seiner Herrn ist da die Rede, der sich nichts auf sich einbilden soll. Ohne auf die sozialkritische Komponente der Sklaverei einzugehen, erläuterte Jesus den Aposteln, dass sie wie ein Sklave alles tun sollen, was ihnen befohlen wurde. Wessen Sklaven aber sind die Apostel? Wer ist ihnen gegenüber befehlsbefugt? Wohl nicht die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Jesus ist der einzige Befugte, den Aposteln befehlen zu können. Und das ist zunächst für viele von uns der Anfang unseres Weges mit Gott: nach den Geboten zu leben, wie wir es wahrscheinlich mehr oder weniger seit unserer Kindheit an tun in einer Art Glauben, der sich keine großen Gedanken macht. So steht am Anfang unserer Beziehungen zu Gott dieses, möchte ich sagen, sklavische Erfüllen seines Willens. Das ist nicht immer leicht und jeder, der sich auf den Weg mit Gott macht, wird das schnell merken und nach Auswegen und Ausflüchten suchen. Später ist das nicht mehr nötig, denn der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes lässt uns immer tiefer erkennen, dass Gott alles aus Liebe tut. Der Weg des Gehorsams führt zur Einsicht, dass Jesus alles mitgeteilt hat, was er von seinem Vater gehört hat. Und wenn er alles erfasst hat, was das Vater sagt, braucht der Jünger Christi nicht mehr daran zu denken, als Sklave seine Schuldigkeit Gott gegenüber zu tun, sondern er wird ein Freund des Herrn, der in Liebe alles für Jesus und mit Jesus tut.
Jetzt verstehen wir auch, warum Jesus ausgerechnet das Beispiel der Sklaven heranzieht, um die Apostel zu einem starken Glauben zu führen. Der Glaube muss wachsen, und zwar zunächst durch das treue Einhalten aller Weisungen Gottes – das ist das Stadium des Sklaven - , bis er stark genug ist, um allein von Jesus her zu leben, in vollem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes und in der Bereitschaft, alles aus Liebe zu Jesus zu verlassen und gering zu achten – das ist das Stadium der Freundschaft.
Und das ist genau unser Weg – ein menschlicher Weg, der an uns wohl Forderungen stellt, aber uns nicht überfordert. Aber es ist ein Weg und ein Weg bedeutet auch immer Bewegung. Und in der sollen wir bleiben, damit auch unser kleiner Glaube wachsen kann. Amen.



Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich pflanzen, dass Du weiter wächst.
Dass du wirst zum Baume, der uns Schatten wirft.
Früchte trägst für alle, alle, die in Ängsten sind.

Kleiner Funke Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich nähren, dass du überspringst,
dass du wirst zur Flamme, die uns leuchten kann,
Feuer schlägt in allen, allen, die im Finstern sind.

Kleine Münze Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die teilen, dass du Zinsen trägst.
Dass du wirst zur Gabe, die uns leben lässt,
Reichtum selbst für alle, alle, die in Armut sind.

Kleine Träne Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die weinen, dass dich jeder sieht,
dass du wirst zur Trauer, die uns handeln macht,
Leiden lässt mit allen, allen, die in Nöten sind.

Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die streuen, dass du manchmal bremst,
dass du wirst zum Grund, der uns halten lässt,
Neues wird mit allen, allen, die in Zwängen sind.

P. Paul Mühlberger SJ

07.10.2013

7. Oktober 2013 - Patrozinumsfest der Marienkirche Steyr

Einführende Worte in das Fest,
gehalten von Mag. Ewald Kreuzer OFS, Mitglied des Franziskanischen Säkularordens (OFS), Theologe und Zeremoniär an der Marienkirche Steyr

An der Außenmauer der Steyrer Marienkirche befindet sich ein grünes Schild mit der Aufschrift: "Marienkirche - Unsere Liebe Frau vom Siege. Erbaut um 1478. Ehemalige Klosterkirche der Dominikaner."

Der geschichtliche Hintergrund dazu ist der unerwartete Sieg der christlichen Flotte über das viel stärkere Heer der muslimischen Türken am 7. Oktober 1571 in Lepanto am Ionischen Meer vor dem Eingang zum Golf von Patras im heutigen Griechenland. Es war die Seeschlacht mit den meisten an einem Tag Gefallenen.

Der damalige Papst Pius V., ein Dominikaner, hatte zuvor die Gläubigen aufgerufen, den Beistand Gottes mit dem Rosenkranzgebet zu erflehen. Der Erfolg jener Schlacht wurde deshalb der Fürsprache Mariens zugeschrieben und zur Erinnerung daran dieser Gedenktag am 7. Oktober in der Kirche eingeführt, auch bekannt unter dem Namen "Rosenkranzfest".

Eine besondere Aktualität erlangte dieser Gedenktag heute genau vor 75 Jahren am 7. Oktober 1938, als der damalige Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer angesichts der Machtergreifung Hitlers in Österreich 7000 Jugendlichen im Stephansdom die Worte zurief: "Nur einer ist Euer Führer, Euer Führer ist Christus, wenn Ihr ihm die Treue haltet, werdet Ihr niemals verloren gehen."

Die Predigt des Kardinals und die spontane Versammlung der Jugendlichen danach auf dem Stephansplatz führte tags darauf zu einer wütenden Reaktion der Hitlerjugend, die das Palais des Erzbischofs gewaltsam erstürmte.

Auch heute feiert der Wiener Kardinal Christoph Schönborn einen Gottesdienst abends um 18 Uhr im Stephansdom, bei dem der verfolgten Christen in aller Welt gedacht und für sie gebetet wird, besonders jener, die in islamischen Ländern im arabischen Raum, in Afrika und Asien unter der Verfolgung wegen ihres Glaubens zu leiden haben.

Aber auch in europäischen Ländern gibt es heute Formen von Diskriminierung, Benachteiligung und Intoleranz gegenüber Christen wie z.B. die zunehmende Verdrängung christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum, die Relativierung der christlicher Ehe- und Wertvorstellungen und den mangelnden Lebensschutz in der Gesetzgebung.

Alle diese Anliegen dürfen wir der Fürbitte Mariens anvertrauen, ohne sie und das Rosenkranzgebet als geistliche "Kriegswaffe" zu instrumentalisieren.

Wir können den Namen des heutigen Festes "Unsere Liebe Frau vom Siege" auch so verstehen, dass uns die Gottesmutter beisteht auf unserem Weg der Nachfolge Jesu, ihres Sohnes, und dass sie uns mit all ihrer mütterlichen und schwesterlichen Liebe zum Sieg über die Sünde und über alles Böse führt, das uns von Gott entfremdet.

13.10.2013

28. Sonntag im Jahreskreis
Lk 17, 11-19
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Da werden auf überraschende Weise zehn Aussätzige geheilt, und nur ein einziger kehrt zurück, um sich bei dem zu bedanken, der ihn gesund gemacht hat; von den neun anderen hört man nichts mehr.
Nun ist das Evangelium nicht deswegen geschrieben worden, um uns immer wieder daran zu erinnern, wie schlecht die Welt und ihre Menschen doch sind. Und man hat seine Geschichte auch nicht deswegen bis heute überliefert, weil darin sinnvolle Lebensweisheiten nach dem Motto „Nun seid doch bitte etwas dankbarer“ gesammelt wären.
Stattdessen geht es von der ersten bis zur letzten Seite der Heiligen Schrift um eine heilvolle Beziehung: nämlich um das Verhältnis Gottes zu den Menschen - und damit eben auch zu uns. Und alles dreht sich einzig und allein darum, wie das Angebot Gottes bei uns ankommen - oder eben nicht ankommen kann. Mit anderen Worten: Es geht um die ausgestreckte Hand Gottes, die uns erreichen will, die uns herausführen und uns festhalten will.
Und vor diesem Hintergrund klingt das Evangelium von den zehn Aussätzigen völlig anders: Auch wenn es anfangs vielleicht nahe lag, sich aufgrund der eigenen Erfahrungen mit dem brüskierten Jesus zu identifizieren und über die Undankbarkeit der Menschheit zu klagen, stehen wir im Grunde genommen zweifelsfrei auf der Seite der geheilten Aussätzigen. Uns, die wir krank waren, wurde Heilung zuteil; wir sind diejenigen, die unverdientermaßen wieder gesund werden durften; und wir haben Grund zur Dankbarkeit.
„Aber was ist denn geschehen“, werden sie möglicherweise fragen, „wofür sollte ich dankbar sein? - Worin liegt denn meine Heilung? - Und vor allem, welches war meine Krankheit?“
Vielleicht kann uns das biblische Krankheitsbild des Haut-Ausschlags, des Aussatzes, weiterbringen: Denn ich bin mir sicher, dass jeder von uns wie einer, dessen Haut verletzt ist, tief in seiner Seele seine „wunde Stelle“ hat; dass es für uns alle ganz empfindliche und schmerzhafte Bereiche gibt, die andere nicht berühren dürfen und für man sich möglicherweise sogar schämt. Wie die Aussätzigen in antiker Zeit leben wir mit unseren unansehnlichen Verletzungen in uns isoliert, lassen - was das betrifft - niemanden an uns heran, meinen, es sei schon alles so in Ordnung, sondern uns ab und richten uns in unserer Verwundung ein. Wir umwickeln unsere Krankheit mit dickem Mull, und meinen dann manchmal sogar, es gäbe sie nicht mehr. Und solange, wie uns niemand anfasst und uns zu nahe kommt, wie uns niemand auf unsere „wunden Stellen“ anspricht, leben wir schmerzfrei und haben mitunter sogar unsere kleinen Freuden. Und ständig schlagen wir in unserer Seele die Klapper, die verhindert, dass wir uns mit uns selbst konfrontieren.
Von was hat uns der Herr erlöst, von welcher Krankheit hat er uns befreit und wofür könnten wir ihm dankbar sein, so hatten wir gefragt. Und eine Antwort könnte etwa so lauten:
Weil Gott sich unserer Wirklichkeit stellt, weil wir wissen, dass er keine „Berührungsängste“ mit unseren „wunden Punkten“ und unseren „schwarzen Flecken“ hat, könnten auch wir erlöst sein von dem pausenlosen Mühen, uns selbst und anderen etwas vormachen zu müssen; könnten auch wir geheilt sein von jener verhängnisvollen Kraftanstrengung, die Welt so zurechtrücken zu müssen, dass sie für uns erst erträglich ist; und könnten auch wir frei sein von dem Druck, in einer Unwahrhaftigkeit existieren zu müssen, die niemand unbeschadet überstehen kann.
Wir können dann - endlich! - uns und die Welt so betrachten, wie sie wirklich ist. Kardinal J.H. Newman hat einmal gesagt: „Alles ist das, was es ist - und nichts anderes“. Das ist, wenn man so will, die Heilung von der Sünde, denn Sünde heißt, in einer Schein-Welt leben; in einer Welt zu leben, in der bestimmte Dinge nicht vorkommen dürfen.
Es bleibt die Frage, ob wir es verkraften können, den dicken Verband unserer Ängstlichkeit abzurollen und unsere eigenen Wunden zu betrachten, und ob wir bereit sind, dem Herrn unseren Aussatz zu zeigen. Es bleibt die Frage, ob wir bereit sind, aus unserer Isolation auszubrechen und uns zum Herrn aufmachen. Und es bleibt die Frage, ob wir als Geheilte wieder in die Isolation zurückkehren, ohne auch nur zu ahnen, was mit uns geschehen ist. Daraus müssten wir nämlich die Konsequenzen ziehen. Es genügt nicht, geheilt zu sein, es muss uns auch der wichtig sein, der uns geheilt hat.
Aber wenn es uns gelingt und wir den Mut aufbringen, - mit der Kraft des Heiligen Geistes - unsere Verletzungen zu erkennen und zu ihnen zu stehen, dann hat der Ruf „Herr, erbarme dich meiner“ einen ganz neuen und existentiellen Klang - dann spüren wir, was Heilung und Gesundwerden heißt, und dann merken wir wie wirkungsvoll unser Aufschrei, sprich , unser Gebet war.
„Undank ist der Welten Lohn“ - das mag so sein; aber zum Glück
ist das nicht alles. Denn Dankbarkeit, unbeschreibliche Dankbarkeit, ist die Folge aus dem Geschenk der Kindschaft Gottes. Wer begriffen und erfahren hat, was Heilen und Vergeben bedeutet, - egal, ob er nun Christ, Moslem oder Skeptiker ist - der kann eigentlich immer zur zurückkehren, Gott danken und loben, und dies als Eucharistie feiern.
Nicht ohne Grund nennen wir die Heilige Messe auch „Eucharistiefeier“. Und die feierliche Präfation wird eingeleitet mit den Worten: „Lasst uns danken dem Herrn, unserem Gott“. Und der Priester fährt dann fort: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir Vater, immer und überall zu danken.“
Da mag nun manch einer sagen: Halt, Moment einmal, darf er denn das? „Immer und überall danken“: Das scheint doch ziemlich unangemessen zu sein, maßlos übertrieben. Die Worte des Gottesdienstes könnten ruhig ein wenig zurückhaltender sein. Gewiss gibt es im Leben viele Dinge, für die wir dankbar sein müssen, aber doch auch vieles, wofür wir es nicht sein können. Es könnte etwa so heißen: „Es ist würdig und recht, dir zwar nicht für alles, aber doch für einiges zu danken...“ Aber kaum ist der Satz formuliert, bleibt er uns im Hals stecken. So geht es offenbar auch nicht; das wäre eine Beleidigung Gottes. Denn: Wenn Gott gut ist, dann muss all das, was er schickt, irgendwie etwas Gutes sein oder zu etwas Gutem dienen: nicht nur das, was wir als gut empfinden, sondern auch das, was uns wehtut.
In dieser Hoffnung sind wir schon heute überzeugt, dass sich uns eines Tages alles klagende und bohrende „Warum“ auflöst in reine, staunenserfüllte Dankbarkeit. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

20.10.2013

29. Sonntag im Jahreskreis
Lk 18, 1-9
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Wahrscheinlich haben wir alle unsere Erfahrungen mit Menschen, die unsere Nerven arg strapazieren. Ich denke beispielsweise an Kinder, die so lange quengeln, bis sie von ihren Eltern ihren Willen bekommen, oder an Menschen, die nicht eher Ruhe geben, bis sie das Erbetene erhalten. Wenn Menschen uns ständig mit kleinen oder großen Bitten beanspruchen, dann kommt irgendwann einmal der Zeitpunkt, da wir ärgerlich ausrufen: “Du gehst mir auf die Nerven!”
Diese gewöhnliche, sich stets wiederholende Erfahrung des alltäglichen Lebens kleidet Jesus in eine Geschichte. Er erzählt von einem Richter, der offensichtlich kein Jude war. Vielmehr handelt es sich um einen der bezahlten Rechtssprecher, die entweder von Herodes oder von den Römern in ihr Amt eingesetzt worden waren. Diese Richter waren ziemlich berüchtigt. Besaß der Kläger weder Einfluß noch Geld, so brauchte er sich keine Hoffnung zu machen, dass ihm auch nur im geringsten geholfen wurde.
Zu einem solchen Richter kam immer wieder eine Witwe, damit er ihr gegen ihren Widersacher Recht verschaffe. Seit sie ihren Mann verloren hatte, war sie mittellos, rechtlos und schutzlos. Daher schien es hoffnungslos, dass sie vor einem solchen Richter ihr Recht erlangen werde. Dennoch gab sie nicht auf. Sie griff zur einzigen Waffen, die sie besaß. Das war ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer. Da sich der gottlose Richter nicht auf ihr Bittgesuch einlassen wollte wurde sie immer zudringlicher, bis sie ihm dermaßen auf die Nerven ging, dass er sich schließlich sagte: Damit ich endlich meine Ruhe habe, will ich ihr zu ihrem Recht verhelfen. Zudem befürchtete er, sie könnte ihm am Ende noch eine blaues Auge schlagen, so dass er vor aller Öffentlichkeit als der Blamierte dastünde.
Diese Witwe stellt Jesus seinen Jüngern als Vorbild vor Augen. Von ihr sollen sie lernen, welch eine Macht dem unaufhörlichen Bitten zu eigen ist. Was aber für das Bitten gilt, das gilt erst recht für das Beten. Wer allezeit betet und darin nicht müde wird, dem gibt Gott mit Sicherheit, worum er bittet. Denn wenn schon das beharrliche Bitten einer hilflosen Witwe selbst einen ungerechten Richter besiegen kann, um wieviel mehr wird unser ausdauerndes Gebet Erhörung finden bei dem gerechten und liebenden Gott. Mit anderen Worten: Wer inständig, geduldig und beharrlich um etwas bittet, dem sagt Jesus, dass Gott ihm mit Gewißheit zu Hilfe kommt.
Ich ahne wohl, dass sie mir an dieser Stelle gern ins Wort fallen möchten, denn unsere Erfahrungen beim Beten sind leider ein wenig anders. Wie oft haben wir gebetet um irgendetwas, um die Gesundheit um einen Erfolg und es hat sich die Erhörung nicht eingestellt. Wir haben gelernt, dass Gott uns erhört, wenn wir zu ihm rufen. Dabei stellen wir uns vor, dass er unsere Bitten so prompt und zufriedenstellend erfüllt wie ein Automat, in den wir etwas hinein geworfen haben. Hier kann uns bewußt werden, welches Bild nicht wenige Menschen von Gott haben. Sie sehen ihn ihm nichts anderes als einen Wunscherfüllungsautomaten. Mir ist aufgefallen, dass ihm Evangelium vom Gebet an den Vater die Rede ist, an den Vater, der weiß, was wir brauchen, an den Vater, der nicht auf wunderbare Weise unser Leben verändert, der uns aber auf Grund unseres Gebetes die Kraft gibt die verschiedenen Situationen des Lebens zu meistern, unser Gebet geht zum Vater, der die Nichtigkeit vieler unserer Wünsche erkennt, der uns letztlich nicht etwas geben möchte, was uns schadet, was uns wesentliche Erfahrungen des Lebens wegnimmt. Eines ist sicher: Keines unserer Worte, die wir an Gott richten, geht verloren. Wenn wir einmal bei Gott sind werden uns die Augen aufgehen und wir werden genau erkennen, welche Wirkung jedes unserer Gebete gehabt hat, auch der Gebete, die andere Menschen für uns sprechen.
Aber, ist der Glaube an das Gebet in uns noch lebendig? Wie steht es mit der Beharrlichkeit unseres Gebetes? Spielt das Beten in unserem Leben überhaupt noch eine Rolle? Und wir müssen uns auch fragen: Könnte der tiefere Grund unserer Gebetslosigkeit nicht darin liegen, dass uns unsere Beziehung zu Gott schleichend verloren gegangen ist?
Das Leben Jesu zeigt uns, dass echtes Beten nur aus einer innigen Beziehung zu Gott erwächst. Dabei versteht Jesus unter echtem Beten ein Beten, das alle Nöte und Wünsche offen ausspricht und sich doch vertrauensvoll dem Willen Gottes unterordnet. Solches Vertrauen sprich aus dem Wort des Hl. Augustinus: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“, das heißt: in deiner Personmitte, dort, wo deine tiefsten Wünsche sind. Wie sollten ihm also deine Anliegen und Sorgen gleichgültig sein? Wir müssen allerdings auch bedenken, dass uns Gott bei unserem Beten immer wieder auch Anregungen für unser eigenes Tun gibt. Beten und dann abwarten was Gott tun wird, das wäre wohl zu leichtfertig von Gott gedacht.
Die Witwe, von der Jesus in seinem Gleichnis erzählt, macht uns Mut. Sie sagt uns: Das Bitten in Beharrlichkeit und Geduld findet Erhörung. Wir dürfen Gott sozusagen auf die Nerven gehen. Wer seine Beziehung zu Gott pflegt, der gewinnt die Zuversicht, dass sein Beten nie umsonst ist, der geht von seinem Gebet immer wieder getröstet und aufgerichtet weg. Zudem macht er die Erfahrung, dass Gottes Hilfe oft anders als erwartet kommt; aber sie kommt, wenn auch zuweilen mit Verspätung, wie wir aus unserer Sicht meinen.
Ich möchte schließen mit einigen Sätzen, die Karl Rahner am Ende seines Buches „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ schreibt: „Auf das Reden über das Gebet kommt es letztlich nicht an, sondern auf die Worte, die wir selbst zu Gott sagen….Sie können leise, arm und schüchtern sein. Sie können wie silberne Tauben in den Himmel Gottes aus einem frohen Herzen aufsteigen, oder sie können sein wie der unhörbare Lauf bitterer Tränen- Sie können groß und erhaben sein wie der Donner, der sich in den hohen Bergen bricht, oder schüchtern wie das scheue Geständnis einer ersten Liebe. Wenn sie nur von Herzen kommen….Dann hört sie Gott. Dann wird er keines dieser Worte vergessen….Und dann wird er uns geduldig zuhören…bis wir ausgeredet haben, bis wir unser ganzes Leben ausgeredet haben.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

27.10.2013

30. Sonntag im Jahreskreis
Lk 18,9-14



Denen, „die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“, erzählt Jesus das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner.
Diese genaue Beschreibung der Adressaten macht deutlich, wo das Problem liegt. Es liegt nicht darin, von der eigenen Gerechtigkeit überzeugt zu sein. Wenn ich versuche, gerecht zu leben, als Christ zu leben, als Staatsbürger zu leben, in gelingenden Beziehungen zu leben, dann ist es gesund und normal, davon auch überzeugt zu sein. Ich kann nicht leben, wenn ich mein Lebensfundament und meine Grundgewißheit ständig anzweifle. Da kann nicht das Problem dieses Evangeliums liegen. Entsprechend kann das Problem beim Pharisäer auch nicht darin liegen, dass er Gutes tut und davon redet. Das ist gesund und normal - und ich wünschte mir, dass Christen, die Gutes tun, die ein rechtschaffenes Leben führen, auch davon überzeugt wären.
Das Problem beginnt, wenn ich anfange, aufgrund dieser gesunden Basis andere zu verachten, wenn ich anfange zu vergleichen und zu werten: die sind schlechter, die sind unmoralischer, die sind kein Umgang für mich, die sollen sich erst einmal bessern. Verhalte ich mich so, dann tue ich Unrecht - und meine Gerechtigkeit ist dahin!
Auf einer Spruchkarte fand ich das Gedicht von Maria Nels: „Wenn man nach außen den Menschen misst,
ich weiß es von mir, wie falsch es ist.
Da scheint oft arm, was innen reich,
da scheint oft hart, was innen weich,
da scheint oft eng, was innen weit,
da scheint oft Lust, was innen Leid,
da scheint oft schwarz, was innen Licht -
drum: Richte nicht!“

Wenn du richtest, wirst du deiner eigenen Gerechtigkeit nicht gerecht, vor allem aber: du wirst deinem Nächsten nicht gerecht. Wie oft stehst du selbst als der Beschämte da, wenn du gerichtet hast. Es ist ein Thema vieler Märchen, in denen sich Leben spiegelt: Der hässliche, unappetitliche Frosch ist ein Königssohn, das Aschenputtel wird zur Königin, der Bettler ist König
In einem offenen Bekenntnis eines jungen Menschen habe ich folgende Worte gefunden: „...Seit Jahren schon laufe ich mit einer Maske umher. Ich habe es gelernt, wie man es macht, seine Schwächen zuzudecken und die Gefühle zu verbergen. Ich tue so, als fiele mir alles in den Schoß, als irre ich niemals, als hätte ich weder Sehnsucht noch Heimweh. Warum bin ich nicht so, wie ich wirklich bin? Wenn ich allein und für mich bin, fällt mir die Maske vom Gesicht. Wenn dann einer käme und sagte, ich mag dich trotzdem, ich will dich so, wie du bist....“
Die vielfältigen Masken, mit denen wir Menschen durchs Leben gehen, sind so bunt und schillernd wie das Leben selbst. Darum ist es eine so schwierige - allerdings auch sehr wichtige - Kunst, einen Menschen zu durchschauen, ihn bis aufs Herz, bis in den innersten Kern kennen zu lernen. In vielen Situationen versuchen Menschen sich zu verschleiern, mit schönen, ausgeklügelten Worten hinters Licht zu führen, mit eleganten Zeugnissen und Papieren zu täuschen.
Gott schaut hinter jede Maske, einem jeden von uns direkt ins Herz. Er lässt sich von uns nicht täuschen. Einer, der es versuchte, Gott zu täuschen, begegnet uns im Gleichnis des heutigen Evangeliums. Er steigt hinauf zum Tempel. Es ist der vornehme Pharisäer, seiner Würde voll bewusst. Er fühlt sich, wenn die Leute sich tief vor ihm verneigen. Er entgegnet den Gruß mit einem kleinen Kopfnicken. So stellt er sich im Tempel hin vor Gott. Er stellt sich auf, er macht sich geradezu zu einem Denkmal seiner eigenen Persönlichkeit. Er weiß genau, wer er ist. Er weiß, was sich gehört. In den Tempel geht man, um zu beten. Er betet bei sich selbst; das heißt: Er betet nicht zu Gott, er führt ein Selbstgespräch. In der Ursprache heißt dies: Er spricht vor sich hin: „Was bin ich doch ein guter Mann. Ich versäume keinen Sonntagsgottesdienst. Ich habe nie eine schwere Sünde getan, die kleinen Sünden brauche ich nur einzuschließen. Das Herr-ich-bin-nicht-würdig empfinde ich als einen höchst überflüssigen Text.“
Fünfmal sagt der Pharisäer des Gleichnisses „ich“. Mehr kann man an Selbstbewußsein, an Stolz und Überheblichkeit nicht erwarten. Man müsste ihn fragen können, ob er Hungernde speist, Nackte bekleidet, Obdachlose aufnimmt, Kranke besucht. Dazu, würde er wahrscheinlich antworten, gibt es staatliche und kirchliche Einrichtungen. Für ihn ist es wichtiger, dass er in Kommissionen und Sitzungen seinen Einfluss geltend machen kann. Man könnte es auf eine einfache Formel bringen: Er ist nichts, er spielt nur eine Rolle. Wie oft am Tag begegnet er uns in all den Menschen, die eine Maske tragen. Und wenn wir zu Hause in den Spiegel schauen, könnten wir ein Gesicht erkennen, das dem des Pharisäers nicht ganz unähnlich ist.
Der andere ist gleichzeitig mit ihm hinaufgestiegen zum Tempel. Er ist ein Zöllner; ein Mann, der sein Geschäft macht und aus der Tasche anderer Leute lebt. Dass er verhasst ist beim Volk, das weiß er. Er ist nun einmal so einer, denn aus seiner Haut kommt so leicht niemand heraus. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, auf billige Weise durchs Leben zu kommen, ist es nicht leicht, umzuschalten, ein ehrlicher Mensch zu werden. Dessen ist sich der Mann voll bewusst: Sein Leben müsste anders sein. Trotzdem, gerade deswegen, geht er in den Tempel. Er tut das sicher nicht zum ersten Mal. Er weiß schon, wenn er nach Hause geht, sind die guten Vorsätze wieder weg. Er steht da, nicht aufgestellt wie eine Paradepuppe. Er steht da wie einer, den man in den Arm nehmen möchte, damit er nicht zusammenbricht. Sein Gebet enthält kein einziges Ich. Der Inhalt seines Gebetes ist Gott: „Gott sei du mir gnädig.“ Mehr sagt er nicht. Ein Zeichen setzt er dazu, ein Zeichen, wie wir es heute nicht mehr allzu sehr lieben: er schlägt an die Brust. Es ist ein uraltes Zeichen, mit dem man sich schuldig bekennt. Auf dem Parkett des Tempels kommt er sich vor wie ein Bettler. Trotzdem tut es ihm gut, hier zu beten. Er darf sein Herz vor Gott ausschütten. Mit diesem Trost geht er nach Hause, denn Gott setzt niemanden vor die Tür.
Der Zöllner erkennt seine Schuld als Sünde. Er weicht dem Schmerz und der Reue nicht aus. Er scheut nicht den Schmerz der Beschämung, dass er einen falschen Weg eingeschlagen hat, und dass er dadurch Beziehungen zu anderen Menschen belastet, ja vielleicht zerstört hat. Er flieht nicht vor seiner Schuld, sondern stellt sich der Unsicherheit, die sich aus der Suche nach Neuorientierung ergibt. Arm und leer steht er vor Gott und erfährt, dass er angenommen ist.
Beide stecken in uns: Pharisäer und Zöllner. Dieser Spannung müssen wirf uns wohl ein Leben lang stellen. Jesus lädt uns ein, nicht entmutigt zu sein, wenn wir in uns den Pharisäer entdecken. Stattdessen sollen wir in uns den Zöllner entfalten. Es ist möglich, dass uns dies Angst macht, weil wir uns dabei so verletzlich und schwach vorkommen. Doch vor Gott dürfen wir das sein im Vertrauen auf seine vergebende Liebe. Vor ihm brauchen wir uns nicht unserer Leistungen zu rühmen; vor ihm dürfen wir mit leeren Händen stehen. Mit leeren Händen sind wir empfänglicher für sein Heil als mit vollen.
Diesen göttlichen Maßstab will uns die Beispielerzählung bei Lukas deutlich machen. Wichtig ist dabei: Jeder von uns muss bemüht sein, Anruf und Gebot Gottes zu erfüllen und Gerechtigkeit und Liebe für alle zu verwirklichen. Wer den Armen und Hungernden nach Möglichkeit mitgibt, handelt besser als der, der alles für sich behält.
Aber niemand darf meinen, mit dem, was er tut, Gott Genüge tun zu können. Als Sünder bedürfen wir Menschen immer und allezeit der alles umfassenden Liebe Gottes. Wer Gott vorrechnet, was er tut, wer sich selbst für besser hält als den irrenden Mitmenschen, der rechnet nicht damit, dass wir alle von Gott Beschenkte sind, Beschenkte von einem Gott, der trotz unserer menschlichen Unzulänglichkeit uns seine Liebe und seine Gaben nicht entzieht. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

03.11.2013

31. Sonntag im Jahreskreis
Lk 19, 1-10



In seinem Roman Raskolnikow aus dem Jahre 1923 erzählt Dostojewski von einem Alkoholiker. Marmeladow ist sein Name. Wie immer, so sitzt er auch an diesem Abend in einer düsteren Schenke. Nachdem er abgewartet hatte, bis es im Zimmer ruhig geworden war, erklärte er: „Es müßte doch so sein, dass jeder Mensch irgendwo hingehen könnte. Denn es kommen Zeiten, wo man sich unbedingt an irgendjemand wenden muß....Es müßte doch so sein, dass jeder Mensch wenigstens eine Stelle hätte, wo man auch mit ihm Mitleid hat!“
Dieses Wort entspricht nicht nur der Wahrheit. Es zeigt zugleich wie sehr sich jeder danach sehnt, wenigstens von einem angenommen, verstanden und menschlich behandelt zu werden. Aber damit war jener Alkoholiker noch nicht am Ende. In seinem Rausch erträumt er sich, wie es ihm im Letzten Gericht ergehen wird. Lallend sagt er:
Mitleid aber wird der mit uns haben, der mit allen Mitleid hat und der alles und alle verstanden hat....Und er wird allen der Richter sein und wird vergeben, wie den Guten, so auch den Bösen...Und wenn er mit allen schon fertig sein wird, dann wird er auch zu uns sprechen: `Komm auch ihr! Kommt, ihr Betrunkenen, kommt, ihr Schwächlinge, kommt!´ Und wir alle werden vortreten, ohne uns zu schämen....Dann aber werden die Weisen und Klugen ausrufen: `Herr, warum nimmst du denn diese auf?´ Und er wird sagen: `Ich nehme sie auf, ihr Weisen, ich nehme sie auf, ihr Klugen, weil kein einziger von ihnen sich dessen für würdig gehalten hat.´ Und er wird uns seine Hände entgegenstrecken, und wir werden niedersinken....Dann werden wir alles verstehen!“
Dass dies nicht nur der Traum eines völlig Verzweifelten ist, dafür tritt kein anderer als Jesus immer wieder in seinen Reden und mit seinen Taten ein. Und er tut es mit göttlicher Autorität. Wer also wissen will, wie Gott denkt und urteilt, der muß auf Jesus schauen. Das hat Zachäus getan.
Es mag zwischen jenem Alkoholiker Marmeladow und diesem Oberzöllner Zachäus viele Unterschiede geben. Der Hauptunterschied springt einem sofort ins Auge: Jener Trinker war bettelarm. Daher schickte er seine Tochter auf die Straße, damit sie mit ihrer Liebe den Männern das Geld aus der Tasche hole. Zachäus hingegen war sehr reich. Er machte sein Geld, indem er die Leute rücksichtslos überforderte. Daher hatte er das Unglück und die Tränen vieler auf dem Gewissen.
Wenn es aber stimmt, dass sich alle Menschen irgendwo begegnen, dann gilt es auch für dieses beiden. Denn einsam verlassen und allein fühlten sie sich beide. Aus diesem Grund sehnte sich nicht nur Marmeladow nach einem Stückchen Himmel; auch in Zachäus gab es diese Sehnsucht. Und weil auch er deutlich spürte, dass es Zeiten gibt, wo man sich unbedingt an jemand wenden muß, kletterte er auf einen Baum, um Jesus auf seinem Weg durch die Stadt wenigstens zu sehen.
Doch plötzlich und völlig unerwartet erfuhr er, was Marmeladow sich erträumte: Bevor er Jesus sehen konnte, hatte Jesus ihn, den reichen Mann mit dem kranken Herzen, bereits erkannt. Noch verwunderlicher aber war, dass Jesus ihn wie einen Freund ansprach: „Zachäus, komm schnell herunter; denn heute muß ich bei dir einkehren!“ So ist Jesus: Von jedem Menschen hält er etwas. Selbst dem Sünder begegnet er mit Achtung und Zuneigung. Von dieser Zuwendung tief betroffen, stieg Zachäus eilig hinab und nahm Jesus freudig bei sich auf. Als das die Leute, die Weisen und Klugen, sahen, empörten sie sich und sagten: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt!“ Hätten sie Jesus gefragt, warum er das tue, er hätte ihnen gewiß geantwortet: „Ich tue es, weil er sich dessen am wenigsten für würdig gehalten hat.“
Doch der eigentliche Grund lag tiefer. Jesus wollte in das Haus des Zachäus, um auf diese Weise in dessen Existenz einzukehren. Indem Zachäus ihn in sein Dasein aufnahm, erfuhr er das Heil. Daher konnte er auf einmal loslassen, was er bislang krampfhaft festzuhalten suchte: „Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ Hier zeigt sich: Die anderen sind für ihn keine Objekte mehr, die man ausnehmen kann, sondern Mitmenschen, die er zu verstehen und zu unterstützen suchte.
Was erfährt also derjenige, der Jesus – wie Zachäus – in seine Existenz aufnimmt? Es wird ihm etwas zuteil, womit er nie gerechnet hatte: Mit Jesus zieht der Himmel Gottes in ihn ein. Damit hat er alles, was seine Sehnsüchte erfüllt. Sein Suchtverhalten verflüchtigt sich, vor allem seine Selbstsucht, die die Wurzel aller Süchte ist. Das gilt für Marmeladow, das gilt für Zachäus, das gilt für uns; denn irgendwo zwischen diesen beiden hat jeder seinen Standort.
Vielleicht sagt hier der eine oder andere: „Das Ganze liegt doch schon zweitausend Jahre zurück. Und außerdem: Zachäus hatte Jesus vor sich; er war in sein Haus gekommen; er war ihm also greifbar nahe. Was aber habe ich? Wie weit entfernt ist Jesus uns Menschen von heute?
Obwohl gut zu verstehen ist, was dieser Hinweis sagt, so sollten wir nicht übersehen, dass Gottes Wort ein und dasselbe ist, gleichgültig, ob es damals durch den irdischen Jesus an Zachäus oder heute durch den auferstandenen Herrn an uns ergeht. In seinem Wort ist Jesus Christus gegenwärtig; in ihm geht er durch die Jahrhunderte; in ihm wird er wirksam; denn damals wie heute ist es sein Wille, in unser Dasein einzukehren. Wer also heute sein Wort hört und es in sich aufnimmt, der nimmt Jesus Christus auf, wie Zachäus ihn damals aufgenommen hat.
„Heute muß ich in deinem Haus bleiben“, sagt Jesus. Und von Zachäus wird gesagt: „Er nahm ihn freudig bei sich auf.“ Wort Gottes und Antwort des Menschen: Wo sich beides verbindet, da verbinden sich Gott und Mensch, da kommt es zum Heil.
Wenn Jesus heute durch unsere Stadt ginge, bei wem würde er bleiben wollen? Wir können dazu nur sagen: Bei jedem, der sich irgendwo und irgendwie verloren weiß und sich nach einem Stückchen Himmel sehnt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.11.2013

32. Sonntag im Jahreskreis
Lk 20,27-38

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Zu allen Zeiten haben sich Menschen gefragt, wie denn das sei „nach dem Tode“; und zu allen Zeiten haben Menschen auch eine Antwort auf diese Frage gegeben. Die Antwort: „Nach dem Tod ist alles aus“ dürfte nicht die älteste Antwort sein. Zuviel Oberflächlichkeit und egoistische Berechnung schwingen in dieser Antwort mit.
Es war eine kniffelige Frage, mit der die Sadduzäer Jesus in die Falle locken wollten. Anders als die Pharisäer leugnete diese aristokratische Priesterklasse die Auferstehung der Toten, weil sie dafür keinen Hinweis im Gesetz des Moses finden konnte und weil nur dieses für sie Geltung hatte.
Es war die Geschichte einer Einkreisung, die sich hier abspielte. Jesus war nach Jerusalem gekommen, dem Ort seiner letzten Auseinandersetzung mit den Gegnern. Seine Jünger hatte er darauf vorbereitet; wie viel sie davon verstanden hatten, sollte sich bald zeigen. Der Einzug in Jerusalem deutete jedenfalls nicht auf sein schreckliches Ende hin. Trotzdem mischte sich in die begeisterten Hosannarufe auch die unverhohlene Warnung der Pharisäer, dass er seine Jünger zum Schweigen bringen sollte. Die Tempelreinigung und die harten Worte über die Führer des Volkes bestärkten seine Jünger noch in der Siegerstimmung. Die geschickte Antwort auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer zeigte Jesus als überlegenen Gesprächspartner, den man nicht so einfach aufs Kreuz legen konnte. Trotzdem hatte sich eine unheilige Allianz gegen ihn verbündet; Menschen, die sich gegenseitig gar nicht so sehr mochten, fanden sich plötzlich unter einem gemeinsamen Ziel zusammen: er muss weg.
Die Frage nach der Auferstehung der Toten war ein echter Höhepunkt, denn worüber ließe sich trefflicher streiten als über Fragen solchen Schwierigkeitsgrades. Der Fall, den sie konstruierten war im Vorderen Orient so grundsätzlich möglich. Es heißt im Gesetz des Moses: „Wohnen Brüder beisammen und stirbt einer von ihnen, ohne einen Sohn zu haben, dann soll sich die Frau des Verstorbenen nicht nach auswärts an einen fremden Mann verheiraten. Ihr Schwager gehe zu ihr hin, nehme sie zur Frau und leiste an ihr die Schwagerpflicht“ (Dtn 25, 5f). Angenommen, ein Mann stirbt und hinterlässt seine Frau kinderlos, dann war sein Bruder verpflichtet, dessen Frau zu heiraten, um dem ersehnten Stammhalter zum Leben zu verhelfen, die Familienehre zu retten und den Namen weiterzugeben. Soweit ist ja alles in Ordnung. Aber angenommen, dass auch diese Ehe das gleiche Schicksal ereilt und das gleich siebenmal in Folge, was dann? Nun ja, Extreme machen anschaulich. Wenn es stimmten sollte, was mit der Auferstehung der Toten behauptet wurde, dann ist diese Frau mit sieben Männern verheiratet gewesen; bei welchem wird sie nun die Ewigkeit verbringen? Für die Sadduzäer war es ein ernstes Problem, selbst wenn es uns etwas seltsam anmutet. Für sie galt: Leben ist Leben, vor dem Tod und nach dem Tod. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das Leben nach dem Tod mehr als nur die gedachte Verlängerung des Lebens sein sollte.
Jesus konnte es sich aber vorstellen und begeht die „kriminelle Sünde der Differenzierung“ wie es Heinrich Böll einmal bezeichnet, zu der er auch die Fragesteller auffordert: Die Welt der Auferstandenen ist nicht bloß die natürliche Verlängerung und Wiederherstellung dessen, was vor dem Tod als Leben bezeichnet wird. Leben in der Auferstehung ist etwas völlig Neues. Es gibt keinen nahtlosen Übergang, kein Hinübergleiten, ohne dass wir den Unterschied so recht merken würden. Heiraten, so sagt er, gehört zur Ordnung dieser Welt. Das Warten auf einen Stammhalter, die Weitergabe des Namens, die Rettung der Familien-, hier wohl besser der Mannesehre, sich einen Namen zu machen und sich so in die Geschichte der Welt, das sind alles recht irdische Gedanken, die nicht auch noch in der Ewigkeit Geltung haben müssen. Was als ehrenwerte Tradition und heilige Ordnung gilt, ist oftmals nichts anderes als das institutionalisierte Unrecht an einem Teil der Menschheit, nämlich den Frauen. In Gottes neuer Welt gilt eine neue Art des Existierens, auch eine neue Art der Beziehungen der Menschen untereinander. In Gottes neuer Welt gilt zum Beispiel auch eine versöhnte Verschiedenheit der Geschlechter, eine neue Art und Weise der Liebe. „Engelgleich“ nennt Jesus diese Art der Beziehung. Wer Gott geschaut hat, der ist nicht nur auf eine neue Art und Weise lebendig, für den ändern sich auch die Nuancen der Beziehung zum Nächsten. „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir....wir sind von seiner Art“, sagt Paulus den Athenern in der Apostelgeschichte.
Ob das nur die Sadduzäer nicht begreifen konnten, und ob die Pharisäer das begriffen hatten? Können wir uns denn vorstellen, wie Gottes neue Welt aussieht und welche Folgen unser Glaube an die Auferstehung von den Toten für das „Leben vor dem Tode“ hat? Es geht ja in der Frohen Botschaft des heutigen Tages nicht um eine Aussage über die Ehe, schon gar nicht um ein Urteil über ihren Wert; auch geht es nicht um die Höherbewertung der Ehelosigkeit. Aber wenn die Menschen unsterblich sind, bedarf es der Ehe nicht mehr. So widerlegt Jesus die Sadduzäer auf die gleiche Weise, wie sie ihn theologisch zu widerlegen versuchten. Für den Hörer heute steht damit zunächst nur fest: Wir werden auferstehen. Jesus lässt keinen Zweifel an der Auferstehung der Toten.
Diese Aussage wurde für die frühen Christen Zentrum der christlichen Botschaft schlechthin. Mehr als die Worte bringen dies die Deutungen der altchristlichen Kunst zum Ausdruck. Zu den ältesten Christusdarstellungen gehört das Bild des Christus im Philosophengewand. Für die Zeitgenossen damals war die Absicht einer solchen Darstellung völlig klar. Denn nach der Auffassung der antiken Philosophie durfte nur der als Philosoph gelten, der Antwort auf die Frage nach dem Tod wusste. Wenn die frühen Christen ihren Herrn als den Philosophen abbildeten, dann sagten sie unmissverständlich: Christus hat uns Antwort gegeben auf die Frage nach dem Tod. Seine Antwort aber ist die Botschaft von der Auferstehung.
Damit steht für uns fest, dass es eine Auferstehung gibt. An dieser Stelle aber taucht das Problem der Sadduzäer wieder auf: Möchten wir nicht auch gern erfahren, wie diese Auferstehung, wie dieses ewige Leben aussieht? Werden wir unsere individuelle Persönlichkeit bewahren? Wie steht es um unsere menschlichen Beziehungen hier auf dieser Welt und im ewigen Leben? Werden uns die Menschen, die uns viel bedeuten, nahe sein? Jesus kommt es in der Auseinandersetzung nur darauf an, dass es eine Auferstehung gibt. Und doch gibt uns das Evangelium vom heute die Richtung an, in die wir weiterdenken können: Gott, der ein Gott der Lebendigen ist, ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auch in der kommenden Welt werden wir nicht namenlose, unpersönliche Wesen sein. Wir dürfen vielmehr hoffen, dass wir in unserem ganz persönlichen Menschsein, das wir auf Erden angenommen haben, zu Gott gelangen und in ihm verewigt werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

17.11.2013

33. Sonntag im Jahreskreis
Lk 21,5-19





Fast am Ende des Kirchenjahres hören wir aus dem Lukasevangelium Jesu Rede vom Ende der Welt Diese Rede ist keine leichte Kost und wir sind in Gefahr, dass wir schnell abschalten, wenn wir diese Worte hören. Aber, sind uns diese Worte, diese Ankündigungen wirklich so fremd? Leben wir nicht mitten drinnen all den Kriegen und Unruhen, hören wir nicht auch in unseren Tagen immer wieder von Hungersnöten und Seuchen irgendwo in der Welt?
Aber ist eine Endzeitstimmung wirklich für uns ein dominantes Lebensgefühl? Sicherlich nicht! Denn das Ende wollen wir nicht, wir wollen das volle Leben, wir wollen Spaß haben und uns amüsieren und das Leben genießen. Trotzdem tut es gut, einmal der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der Wirklichkeit unserer Welt und der Wirklichkeit unseres eigenen Lebens.
Wir wissen, dass alles Schöne nicht ewig dauert. Feste gehen zu Ende, Ferien gehen zu Ende. Auf der Erde ist alles vergänglich. Und überall kann uns das Ende einholen, ob wir wollen oder nicht. Ich meine nicht den Weltuntergang und die Wiederkehr Jesu, die die Jünger im Blick haben. Zu Ende geht das Leben jedes einzelnen Menschen. Mit jedem neuen Tag gehen wir dem Ende entgegen. Wir müssen es aushalten, den Zeitpunkt unseres Endes nicht zu wissen; wir können aber sicher sein, dass wir es einmal beenden müssen, wie die Natur im Winter die Blätter verliert. Im November spiegelt die Natur das Ende wider. Der Tod mitten im Leben. Der Tod läßt sich nicht ganz verdrängen, auch wenn wir so tun, als ob er uns nicht trifft. Dem Ende unseres Lebens schauen wir also besser in die Augen. Das betont auch Jesus in seiner Rede vom Ende.
Jesus öffnet uns in seiner Rede einen weiten Horizont. Und wenn auch seine Worte sehr hart sind, etwa, wenn er vor seinen Zuhörern vom Untergang des Tempels spricht, so liegt doch in der Perspektive, die Jesus gibt etwas Tröstliches. Wir sind ja immer in der Gefahr, unseren Horizont zu verlieren, das Ziel zu vergessen. Und dieses Ziel steht im Schlußsatz unseres heutigen Evangeliums: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das ewige Leben gewinnen.“
Und was in der Zwischenzeit passiert, das soll uns nicht entmutigen. Und dazu gibt Jesus einige Anweisungen für unser Verhalten: „Laßt euch nicht entmutigen! Laßt euch nicht verführen!“ Und er weist hin auf die falschen Propheten, die auftreten werden. Falsche Propheten, die ein irdisches Paradies verkünden, das es niemals geben wird, falsche Propheten, die das Lebensglück nur ins Diesseits verlagern, falsche Propheten, die die Botschaft Jesu nach ihrem eigenen Geschmack verdrehen und auslegen, so wie es Paulus einmal sagt: Es werden Zeiten kommen, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich zu seinem eigenen Ohrenkitzel Lehrer beschafft.
Unter den sicher vielfältigen Verführungen unserer Zeit möchte ich einen „falschen Propheten“ klar benennen, Er ist allgegenwärtig in unseren Wohnungen, zieht unsere Kinder maßlos in seinen Bann und prägt auch uns mehr, als manchen Zeitgenossen lieb ist: Der Fernseher. Es sind die Bilder, die mit uns spielen. Und wir haben es gelernt, uns zu amüsieren. Das Fernsehen verheißt uns immer wieder die Entspannung pur. Erlösung vom Alltagstrott, eine heile Welt, Spaß und Vergnügen und das 24 Stunden lang. Sogar die tragischen Nachrichten des Tages werden von vielen als eine spannende Unterhaltung konsumiert. Sie berühren uns nicht mehr. Und wenn wir nicht aufpassen, dann verwechseln wir mit der Zeit das Fernsehen mit der realen Welt So wie im Fernsehen soll das Leben sein: Traumhaft und ewig jung. Echtes Leben im Fernsehen würde sich kaum jemand anschauen wollen. Aus dem Fernsehen muß der Trost für den Alltag her, besonders am depressiven Sonntagabend.
Indem Jesus die Katastrophen der Endzeit anspricht, nimmt er ihnen ihren Stachel. Die frühen Christen erwarteten die Wiederkunft Christ noch zu ihren Lebzeiten, wir wissen heute, dass die sogenannte Endzeit der ganze Zeitraum ist vom Auftreten Jesu in unserer Menschlichkeit bis zum Ende der Welt. Wann das sein wird wissen wir nicht. Wir sind aber imstande, die Geschehnisse in dieser Welt einzuordnen in den großen Gang der Schöpfung. Erklären können wir uns viele Dinge nicht. Das gibt dann oft Fragen, die wir offen oder wenigstens scheu in unserem Herzen stellen: Warum läßt Gott das zu, warum betrifft das gerade mich? Wie ist der liebende Gott vereinbar mit all den gräßlichen Dingen, die auch an unschuldigen Menschen geschehen. Auf all diese Fragen sind wir oft ohne Antwort und wir wissen keine Lösungen. Was wir wissen ist, dass sich das Heil, das Gott uns anbietet nicht allein auf den irdischen Bereich beschränkt, sondern darüber hinausgeht. Und somit ist das ganze Weltgeschehen ein Wechselspiel zwischen dem Angebot Gottes an uns Menschen durch das der Friede und das Wohlergehen der Menschen gesichert wären einerseits und dem freien Willen der Menschen andererseits. Sie bringen es ja immer wieder zustande, sich gegen Gott zu heben, sie greifen immer wieder nach der verbotenen Frucht des Paradiesbaumes, von der gesagt wurde: wer davon ißt, der wird wie Gott. Und es ist sehr gefährlich, wenn sich der Mensch an die Stelle Gottes erhebt, wenn er sich Dinge anmaßt, die nur dem Schöpfer zustehen. Nach Friedrich Nitzsche, dem „Ungläubigen“ endet dieser Mensch im Chaos, der die Erde von ihrer Sonne loskettete und nun erleben muß, wie jede Orientierung verschwindet. Heute wird Gott kaum mehr bekämpft. Was viel gefährlicher ist, er wird totgeschwiegen, lächerlich gemacht. Wir merken das an den verschiedensten Entfremdungen verschiedener Feste. Allerheiligen wird zum Halloween und der Hl. Nikolaus wird zur Schokoladenfigur. Statt dem Christkind gibt es den Weihnachtsmann mit seinem von Elchen gezogenen Schlitten, der die Geschenke im Großkaufhaus einkauft. Und selbst das, was mit dem Christkind aufgeführt wird spottet jeder Beschreibung. So kann man jetzt schon in der Post einen Brief vom Christkind bestellen. Und dann die Weihnachtskrippe in teuerster Ausführung, die armselige Krippe wird für teures Geld käuflich. Von den Engeln möchte ich erst gar nicht reden. Sie wurden von machtvollen Geistwesen zu harmlosen Nakedeis herabgewürdigt.
Ja, diese Endzeit hat es in sich! Wer da standhaft bleibt, die Versuchungen rechtzeitig ortet und erkennt und nicht mit ihnen mittut, der ist wahrhaft selig zu preisen.
Merkwürdig ist ja auch der scheinbare Widerspruch, wo Jesus zunächst davon erzählt, dass man Menschen dem Tode überliefern wird und dann sagt: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“. Da öffnet sich ja wieder die große Perspektive Gottes, die das menschliche Leben nicht nur im irdischen Bereich beheimatet weiß sondern auch in der Geborgenheit Gottes. In jener Geborgenheit, die im ewigen Leben ihre Erfüllung findet.
Die frühen Christen, die dachten die Wiederkunft des Herrn stehe unmittelbar bevor, hörten zu arbeiten auf und Paulus mußte massiv dagegen einschreiten. Auch wir stehen in unserer Zeit vor der Gefahr uns zurückzuziehen, so, als ginge uns die böse Welt nichts mehr an. Aber wir sind für diese Welt verantwortlich und müssen sie stützen durch unser Tun und unser Gebet und müssen dem Bösen Einhalt gebieten auf allen fronten und mit allen unseren Möglichkeiten – und das alles ohne Angst und ohne jene Panik, in die alle Menschen geraten für die Gott nichts mehr bedeutet, für die es keinen Halt mehr gibt. Wir sind trotz aller Widrigkeiten geborgen in Gott – möge er uns diese Zuversicht immer wach erhalten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.11.2013

Christkönigsfest
Lk 23.35-43
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Schon seit Jahren ergießen sich aus zahlreichen Fernsehkanälen Fluten von Quizsendungen auf allen nur möglichen Wissensgebieten. Wer da übermütig daneben rät, scheidet aus. Dasselbe gilt für alle anderen Arten von Qualifikationen, meistens in sportlichen Disziplinen: Wer verliert scheidet aus!
Wer sich nicht an die Spielregeln der Partei oder einer Berufslobby hält, wird disqualifiziert. Das ist nicht nur der übliche Verhaltenskodex, sondern schon eine Art Grundgesetz. Wie das gemeint ist und wie das praktiziert werden kann, wird uns im heutigen Evangelium geradezu exemplarisch vor Augen geführt.
Denn Jesus hielt sich bei den meisten seiner öffentlichen Auftritte und erst recht bei seinen Predigten längst nicht mehr an die überlieferten jüdischen Gesetze, Gepflogenheiten und Reglements, und damit war er schon ausgeschieden. Der Verlierer hängt am Kreuz und ist disqualifiziert. Es geht einem durch Mark und Bein, wenn man sich nach dem Bericht des Evangeliums ausmalt, wie die so genannten Führer des Volkes – von den Römern ganz zu schweigen – offenkundig Schlange stehen, um Spott und Hohn über Jesus auszugießen, einschließlich des einen mitgekreuzigten Verbrechers. Sie zerreißen sich ihre Mäuler und lästern: „Wenn du der erwählte Messias Gottes bist, der König der Juden, dann hilf dir doch selbst! Steig doch einfach herunter vom Kreuz!“ Und einige Sätze weiter heißt es bei Lukas: „Alle seine Bekannten aber“, wahrscheinlich auch seine Jünger, „standen in einiger Entfernung vom Kreuz und schauten alles mit an“.
Bevor wir nun voller Entsetzen den Mund vollnehmen über das feige Verhalten seiner Freunde, sollten wir uns lieber fragen lassen: In welchem Abstand stehen wir denn in unserem Leben, in unserem Alltag, hier und heute, vom Kreuz Christi entfernt?
Was haben wir eigentlich vom Kreuz Christi begriffen oder was empfinden wir dabei, bei diesem Kreuz, das in unserem Wohnungen hängt oder um unseren Hals als Schmuckstück baumelt, das übrigens in den islamischen Ländern strengstens verboten ist und das selbst bei uns – einem christlichen Abendland – aus den Kassenzimmern entfernt werden muss, wenn jemand durch den Anblick Christi Kreislaufstörungen bekommt. So könnte man den vorhin zitierten Satz sinngemäß so formulieren: „Das Volk Gottes, die Christen in Europa, stehen da und schauen zu!“
Doch bleiben wir mit unserer Kreuzbetrachtung bei uns, in unserer kleinen Welt. Möchten wir wirklich diesen disqualifizierten Christus als Herrn und Mittelpunkt unseres Lebens bejahen und damit vor den Augen der Welt selbst als Disqualifizierte gelten? Da stehen wir doch lieber in einiger Entfernung – und das nicht nur räumlich, sondern auch innerliche und zeitlich. Der soll doch am Sonntag sein Kreuzesopfer gefälligst allein vor leeren Tribünen – sprich Kirchenbänken – feiern. Bereits die Mehrzahl unserer getauften Landsleute denken und leben leider schon lange so desinteressiert, ja religiös geradezu abgebrüht und narkotisiert
Wer soll das begreifen? Nur einer beginnt das Geheimnis des Verlierers zu verstehen, kein Jünger, sondern ausgerechnet ein Verbrecher: „Jesus, denk an mich, wenn du mit deiner Königsmacht kommst!“ Und Jesus, der auf all die spöttischen Anspielungen kein Wort gesagt hatte, antwortet ihm spontan ohne irgendein peinliches Verhör: „Amen, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“
Und mit einem Mal, so könnte man sagen, hat sich die Szene verändert und gewandelt: Das Entscheidende geschieht nun da oben – zwischen diesen beiden Verlierern am Kreuz. Da öffnet sich ein Mensch mit all seiner Schuld dem göttlichen Geheimnis der Liebe und erntet dafür unbewusst die ersten Früchte des Sühnopfers Jesu. Wie bei einer Ouvertüre kündigt sich bereits Jesu Sieg über den Tod an, und zwar in einer Blankovollmacht für ein jenseitiges Paradies. Die Mächte des Bösen am Fuß des Kreuzes können dabei eigentlich nur den leiblichen Tod verwalten. Die Macht der Liebe oben am Kreuz degradiert sie zu bloßen Leichenbeschauern.
Wer sich an Jesus hält, hat somit schon den Tod mit dem Leben eingetauscht. Der Nächste, der dies zu begreifen beginnt, ist wiederum ein Außenseiter, ein Heide, der römische Hauptmann mit seiner Vorahnung: „Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn“.
Und die anderen, seine Bekannten, seine Jünger – vielleicht auch wir – stehen immer noch in einiger Entfernung und begreifen rein gar nichts. Vielleicht trifft da der Satz zu, den ich einmal über das Geheimnis des Kreuzes gelesen habe: „Je näher wir im Leben an der Kreuz heranrücken, desto weiter entfernt sich der Tod.“
Wenn uns also die Kirche heute zur Christkönigsfeier einlädt, dann nicht am Kreuz vorbei. Soviel haben wir heute mitbekommen. „Jesus, denk an mich“, bittet der Schächer. Jesus, denk an mich, sagen wir auch heute. Denk an mich, wenn ich am Kreuz meiner eigenen Schuld festgenagelt bin – wenn ich meine Mitmenschen nur „von oben“ und nicht mit der nötigen Liebe behandelt habe – wenn ich nicht zur Versöhnung bereit war – wenn umgekehrt meine Mitmenschen mich disqualifiziert haben – wenn ich dem Spott über meine religiöse Überzeugung ausgeliefert bin – wenn ich der Dumme bin, weil ich mir wegen meiner Kinder vieles nicht leisten kann – wenn ich selbst von kirchlicher Seite keinen Dank erhalte, obwohl ich mich in der Gemeinde fast Tag und Nacht engagiere – wenn ich enttäuscht werde, indem meine Ehrlichkeit und Güte ausgenützt werden. Dann gib auch mir zur Antwort: „Ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Heute! Das heißt, bereits in diesem Leben können wir uns durch Christi königliche Vollmacht für unsere Auferstehung qualifizieren.
In diesem Sinne feiern wir auch jetzt am Christkönigsfest in der Eucharistie Jesu Tod und Auferstehung nicht „in einiger Entfernung“, sondern hier an diesem Tisch, der in wenigen Augenblicken gedeckt sein wird für das königliche Mahl bei dem Jesus die bedeutsamen Worte spricht: „Wenn ich am Kreuz über der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.“

P. Paul Mühlberger SJ

01.12.2013

1. Adventsonntag
Mt 24,29-44

Erschrecken löst innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Kaskade von Rektionen in unserem Körper aus. Wir sind mit einem Schlag hellwach, der Blutdruck steigt, Adrenalin wird in unserem Körper ausgeschüttet, wir reißen die Augen auf, wenden uns in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und suchen mit hellen Sinnen das Umfeld ab, um die Ursache des Geräusches ausfindig zu machen. Währenddessen stehen wir fast reglos, bis wir sicher sind, dass keine Gefahr droht, und wir uns wieder zu entspannen beginnen. Diese automatische Schreckreaktion ist eine evolutionäre Anpassung, um bei Gefahr schnell reagieren zu können. Sie hilft uns, bei Bedrohungen so zu handeln, dass wir ohne Schaden davonkommen können.
Der Advent beginne mit einer geistlichen Schreckreaktion. Die Sonne verfinstert sich, der Mond scheint nicht mehr, die Sterne fallen vom Himmel und die Kräfte des Himmels werden erschüttert. Wenn wir diese Ankündigungen einen Moment ernst nehmen, dann ist es die apokalyptische Katastrophe am Ende der Zeiten, die uns hier vor Augen geführt wird. Nur weil wir mit großer Sicherheit davon ausgehen dürfen, dass es nicht schon morgen geschieht, erschrecken wir nicht allzu sehr über diese Prophezeiung Jesu.
Doch steht dieses Evangelium deswegen am Beginn der Adventszeit, um zu erschüttern und wachzurütteln. Es soll uns erschrecken. Der Jesuitenpater Alfred Delp, der nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 von den Nationalsozialisten festgenommen und in Berlin zum Tod verurteil wurde, hat während seine Gefängnisaufenthaltes Meditationen über die Adventsonntage verfasst. Er musste dies zum Teil mit gefesselten Händen tun, auf winzigen Zetteln, die dann als Geheimbotschaften aus dem Gefängnis geschmuggelt wurden. Er schreibt zum ersten Adventsonntag:
„Den innersten Sinn der Adventszeit wird nicht verstehen, wer vorher nicht zu Tode erschrocken ist über sich selbst und seine menschlichen Möglichkeiten…Einsicht in und Erschrecken über die Ohnmacht und Vergeblichkeit des menschlichen Lebens hinsichtlich einer letzten Sinngebung und Erfüllung. Ohnmacht und Vergeblichkeit sowohl als Seinsgrenze wie als Schuldfolge. Dabei zugleich das helle Bewusstsein, dass letzte Sinngebung und Erfüllung dazu gehören.“
Es lässt sich einfach sagen: Der Advent konfrontiert uns mit der Vergänglichkeit der Welt, nicht zuletzt unserer eigenen. Das Himmelsgewölbe, das Gott einst fest gegründet hat, beginnt zu wanken, und Sonne, Mond und Sterne, nach deren steter Bewegung sich Wanderer und Seefahrer orientierten, jene Garanten kosmischer Ordnung fallen vom Himmel und versagen ihren Dienst. Der Mensch steht nackt und schutzlos vor der Tatsache, dass sein Leben nur ein Windhauch ist; dass die Welt, in der wir leben, einst dem Untergang geweiht sein wird. Was macht da Sinn, wenn alles dem Vergehen preisgegeben ist?
Frühere Zeiten konnten sich in dieser Seinsverlorenheit mit dem Gedanken an Gott trösten, der als der Ewige der Verlorenheit des Lebens einen Bestand jenseits aller Vergänglichkeit sichern kann. Uns modernen Menschen ist dieses sichere Vertrauen auf Gott schwer geworden. Existiert er wirklich hinter oder über oder jenseits aller geschaffenen Welt? Wartet jenseits dieser Wirklichkeit tatsächlich ein unendlich guter Gott, der unserem Leben und allem, was es ausmacht, ewige Erfüllung undBestand gibt?
Zugespitzt ist diese Frage wie bei kaum einem anderen bei Friedrich Nitzsche. In der „Fröhlichen Wissenschaft“ schreibt er von einem Narren, der die Verlorenheit des Lebens wie kein anderer spürt, und der droht, daran irre zu werden:
„Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen? Sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich. Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?“
Die Seins- und Gottverlorenheit ist die Nacht, in die wir im Advent bis zu ihrem Scheitel und Wendepunkt vorstoßen. Das Weihnachtsfest liegt nicht zufällig zur Wintersonnwende, am dunkelsten Punkt des Jahres. Wir werden geistig hineingeführt ins „Alleinsein mit unserem Nichtsein“ wie es Thomas Mann ausgedrückt hat. Die große Frage ist, was wir an diesem Scheitelpunkt der Nacht vorfinden? Die Vernichtung unseres Daseins, in der alle Erinnerung erstirbt und der Mensch sich selbst unwiderruflich genommen wird? Oder die bergende Begegnung mit einem guten Gott, der dem Nichts Einhalt gebietet und unser Dasein aufnimmt in sein ewiges Sein? Es ist der unbestechliche Zauber des Weihnachtsfestes, dass die Kirche an diesem dunkelsten Punkt der menschlichen Denkmöglichkeiten ein Licht der Hoffnung anzündet und ein Kind die Zukunft jenseits aller Zukunft verheißt.
Der Beginn des Advents ist markiert durch das Erschrecken. Wir sollen aufwachen aus falscher Sicherheit, auch aus Glühweinduft und milden Adventsliedern, die das Gemüt betäuben. Das Erschrecken macht wach und konfrontiert uns mit der Grundfrage, ob die Welt – auch meine ganz persönliche – dem dunklen Nichts entgegen strebt oder einer hellen Erfüllung bei Gott. Gibt einen letzten Sinn und ein letztes Ziel dieser Welt oder müssen wir uns damit abfinden, dass alle Sinnkonstruktionen des Menschen – sogar die Hypothese Gott – relativ sind und mit dem Tod zusammenbrechen?
Die Antwort darauf kann nur eine Frage des Glaubens oder des Unglaubens sein. Aber der Advent mit seinen großen Verheißungsbildern kann helfen, uns neu in die Entscheidung zu bringen, ob wir Glaubende sind: zu glauben, dass Gott unserer Verlorenheit in seinem Sohn und Gotteskind wirklich entgegen kommt und unser Menschsein in ihm ewigen Sinn undBestand erhält. Wenn wir daran glauben können, dann beginnt der Advent zu leuchten. Dann sind die Kerzen, die wir entzünden, nicht nur Vertröstungsfeuer, sondern Boten des ewigen Lebens. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.12.2013

2. Adventsonntag, Marienfest
Lk 1, 26-38
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Maria Empfängnis ist für viele ein eher schwieriges Fest. Das Dogma „Zu Ehren der Heiligen und Ungeteilten Dreifaltigkeit, zu Schmuck und Zierde der jungfräulichen Gottesmutter, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zur Mehrung der christlichen Religion, in der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und der Unseren erklären, verkünden und definieren Wir: Die Lehre, dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erretters des Menschengeschlechtes, von jedem Schaden durch die Erbsünde unversehrt bewahrt wurde, ist von Gott geoffenbart und darum von allen Gläubigen fest und beständig zu glauben“, wurde von Papst Pius IX. In seinem Apostolischen Schreiben „Ineffabilis Deus“ am 8. Dezember 1854 verkündet.
Dieser Text ist heute kaum noch geeignet, die in ihm ausgesprochene Absicht zu erreichen, dennoch aber, so meine ich, lohnt es sich, dem Inhalt dieses Glaubenssatzes nachzuspüren und ihn für unsere Zeit fruchtbar zu machen. Mir scheint es eine heilsame Antithese zu dem gegenwärtigen Wunsch, alles machen zu können und die Leistung zu vergötzen. Maria wollte gerade nicht machen, sie sagte Ja zu der Zumutung Gottes, das Heil zu empfangen. Sie ging einen neuen Weg und dieser Weg erwies sich als weitaus heilsamer und fruchtbarer als alle Versuche des Menschen, selbst das Heil zu erlangen, das Heil zu machen.
In der kleinen Szene des Evangeliums des Tagesevangeliums ist kunstvoll verdichtet und dramatisch gestaltet das Geheimnis unseres Heils bezeugt. Gott sendet seinen Engel zu Maria: Die Einleitung stellt die Weichen für das, was nun folgt. Gott hat seine Hand im Spiel und nicht nur das, er ist der Handelnde, von ihm geht alles Weitere aus. Gott ist die Welt und ihm sind auch die Menschen nicht gleichgültig. Er schaut dem Erdengeschehen nicht bloß interessiert aus der Distanz zu, er sucht Nähe, er engagiert sich, redet den Menschen an, spricht sich ihm selbst zu in seinem menschgewordenen Wort. „Du Begnadete“ lautet seine Anrede für Maria. „Du bist von mir angesehen, geachtet, geehrt. Ich kenne dich, ich will mit dir zu tun haben.“
Das Evangelium berichtet nichts von besonderen Vorzügen Marias. Sie wird uns als ganz normale junge Frau vorgestellt, die ihre Lebenspläne schmiedet und sich gerade auf die Hochzeit mit ihrem Verlobten Josef vorbereitet. Sie weiß selbst nicht, wodurch sie den Besuch des göttlichen Boten verdient hat und versteht zunächst überhaupt nicht, was sich hier ereignet. Für mich ist das der eine entscheidende Punkt. Ein Mensch wird mit einer Erfahrung konfrontiert, die er nicht gemacht hat, mit der er nicht rechnen und auf die er sich nicht vorbereiten konnte.
Nicht menschliches Planen und Können ist hier gefragt, weder auf das Machen noch auf das Leisten kommt es jetzt an, sondern genau auf das Gegenteil: still zu werden, hinhorchen zu lernen, fähig werden, zu empfangen. Der Engel spricht, ihm steht das Wort zu, ein Wort, das alles zerschlägt, was eben noch der Hauptinhalt von Marias Leben war. Sie wird empfangen, das Leben wird in ihr heranwachsen, ganz anders allerdings, als Maria sich das erhofft hatte und auch ganz anders, als Menschen es sich überhaupt vorstellen können. Maria wehrt sich nicht dagegen, sie lässt sich darauf ein, sie sagt Ja zu dem völlig Neuen und Undenkbaren, das da in ihr Leben einbricht. Das ist für mich der zweite entscheidende Punkt dieser Geschichte vom Leben und seinen überraschenden Möglichkeiten, seinen erlösenden Kräften, die in ihm stecken.
Maria hat für mich gerade deswegen eine so überragende Bedeutung, weil mir in ihr ein Mensch begegnet, der fruchtbar wurde, weil er empfangen konnte. Wörtlich genommen gehört diese Gewissheit zu den biologischen Grundkenntnissen eines jeden Erwachsenen. Umso überraschender ist für mich allerdings an anderen und auch an mir selbst zu beobachten, wie wenig diese Tatsache unser normales Leben bestimmt. Wer empfängt, der gilt eher als Schwächling, der selbst nicht genügend leistet, der auf Unterstützung und Hilfe, auf die Gaben der Stärkeren angewiesen ist. „Geben ist seliger denn Nehmen“ ist ein sicherlich berechtigter Slogan, ins Leben aber führt er nicht, denn Geben ist nur die eine Seite. Wer sie allein anschaut und verherrlicht, führt sich und andere in die Irre. Auch das ist im Grund eine Binsenwahrheit, und dennoch treten wir alle sie ständig mit Füßen.
Jener Adam, an den die Lesung aus dem Alten Testament in der Lesung unseres Festes erinnert, ist in uns allen sehr lebendig. Das Pflücken vom Baum der Erkenntnis, das selber Wissen, Machen und Haben Wollen gehört zu den Urbedürfnissen eines jeden Menschen und es ist sehr wichtig, dass jeder dieses Bedürfnis in sich spürt und es verwirklicht. Der Schöpfer hat ja schließlich zu seinen Geschöpfen nicht gesagt: „Setzt euch hin, sperrt eure Hände, Augen, Ohren und Münder auf und wartet, was dann kommt.“ Das „macht euch die Erde untertan“ ist ein klarer Auftrag zu handeln und etwas aus den Talenten zu machen, die uns übergeben wurden. Aber auch hier, im Gleichnis von den Talenten, ebenso wie bei den Schöpfungserzählungen steht vor dem Tun das Empfangen. Beides gehört zusammen. Das ist nicht nur eine Lebensweisheit, das ist auch theologisch höchst brisant, wenn es um die Frage unseres Heiles geht. Kein Mensch kann sich selbst erlösen, auch wenn jeder dies im Grunde seines Herzens immer wieder versucht. Sich selbst erlösen durch Wohlverhalten, durch Opfer, durch gute Taten, das sehe ich als die Urversuchung des Menschen an. Er möchte unabhängig sein, bei niemandem, auch bei Gott nicht in Schuld stehen, denn nur so kann er sein eigener Herr sein. Damit aber stellt er sich gegen den, der immer schon, von allem Anfang an sein Herr ist und bleibt. Ins Heil kann dieser Weg nicht freilich nicht führen, das macht uns die Paradiesgeschichte mit ihrer Sündenfallerzählung deutlich und das ist aktuell geblieben auch in unseren Tagen.
Maria geht einen anderen Weg. Sie lässt sich anreden, begnaden, von Gott „überschatten“. Sie wehrt sich nicht dagegen, von ihm abhängig zu sein. Damit erkennt sie an, was sie immer schon war: ein Geschöpf, dazu berufen, leben zwar nicht aus sich selbst heraus, aber in sich zu haben. Diese Wahrheit anzunehmen, sich das Leben von Gott schenken zu lassen, es empfangen zu können, ist die heilsame, die heilende Alternative zu jenen Allmachtswünschen und jener zerstörerischen Hektik, der das Leben entgleitet, je mehr man versucht, es zu beherrschen.
Es ist nicht leicht, Marias Weg zu gehen, sich anzunehmen als jemand, der abhängig ist von seinem Schöpfer. Maria konnte es, weil sie von Gott dazu begnadet, befähigt wurde. Das bedeutet für mich die Anrede des Engels und darin sehe ich den tiefen Sinn des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis jener Frau, die uns zeigt, wie das Heil in die Welt kommt und wie wir alle heil werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.12.2013

3. Adventsonntag
Jak 5,7-10; Mt 11,2-11



Wie lange können Menschen – ein Einzelner oder eine Gruppe – in Erwartung leben? Diese Frage steht in gewisser Weise hinter der heutigen Lesung aus dem Jakobusbrief, denn die Christen hatten nach dem Tod Jesu seine Wiederkunft für die allernächste Zeit erwartet. Doch je länger es dauerte, umso mehr schwand ihre Hoffnung. Die Euphorie, die die frühen Bekehrungen geprägt hatte, drohte zu erlahmen, je mehr der Alltag die Christen einholte. Und zu diesem Alltag gehörten eben auch Leid, Krankheit und Zweifel, aber auch der Ärger übereinander – so wie wir es in der Lesung gehört haben. In dieser Situation versucht der Schreiber des Jakobusbriefes, die Erwartung neu zu beleben, indem er gegen die Resignation seiner Gemeinde noch einmal betont: Der Herr kommt und er kommt bald.
Nun könnten wir heute sagen: Das mit der Naherwartung ist nicht mehr unser Problem. Schließlich sind inzwischen 2000 Jahre ins Land gegangen und der Herr ist nicht wiedergekommen. Also Schluß mit dem Warten!
Doch ganz so einfach wird es nicht gehen, denn wir müßten zumindest einen ganz erheblichen Teil unserer liturgischen Texte umschreiben, außerdem müßten wir etliche biblische Texte für überholt und unbrauchbar erklären. Wir sollten also zumindest sehr genau prüfen, ob uns diese Texte wirklich nichts mehr zu sagen haben. Wir könnten uns z.B. fragen: Was erwarte ich eigentlich? Worauf setze ich meine Hoffnung, meine Sehnsucht? Was erwarte ich und von wem?
Sehr schnell wird sich dann zeigen, dass sich unsere Erwartungen und Hoffnungen nicht nur auf vordergründige Erlebnisse und materielle Befriedigungen richten, wie uns in der Konsumgesellschaft oft vorgegaukelt wird. Hinter dem Suchen und Streben nach dem Kick, dem Mehr oder dem Anderen – dem, was wir bisher noch nicht kennen oder noch nicht haben, steckt die Sehnsucht und die Hoffnung nach dem ganz Anderen – nach dem Ultimativen – dem Absoluten – letztlich nach Gott. Aber es braucht – gerade in unserer Zeit – ein starkes Herz, um die Erwartungen aufrecht zu erhalten und die nötige Geduld aufzubringen, sich nicht mit Vordergründigkeiten zufrieden zu geben. Manchmal verursacht es sogar Leid – psychisches oder auch körperlich spürbares Leid, sich nicht abzulenken – sich keine heile Welt vorzugaukeln – sich nicht die Befriedigung jetzt und sofort zu verschaffen?
Und manchmal macht sich auch inmitten unserer Erwartungen der Zweifel breit: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Das war die Frage Johannes des Täufers als er im Kerker des Herodes lag und auf seine Hinrichtung wartete. Johannes, jener gewaltige Prediger, der Wegbereiter ist nun von Zweifeln geplagt. Hat er sich in der Person Jesu geirrt, ist er vielleicht doch nicht er Erwartete? Warum tut er nichts für ihn, warum tut er nichts für sich? Kann das der ersehnte Messias sein, der gerade bei den führenden religiösen Persönlichkeiten seiner Zeit nicht ankommt, ja sogar massiv abgelehnt wird?
Der Messias zeigt sich anders als Johannes es sich vorgestellt hatte. Fast nichts von all den Bildern, Ansichten und Vorstellungen, in die sich der Täufer hineingelebt und deren Wahrheit ihn überzeugt hat, ist bei Jesus zu finden. Er lebt anders und seine Worte und Zeichen lassen sich in anderen Tönen und Farben vernehmen. Da beginnt er zu zweifeln. Die eindeutige Welt seiner Bilder und Vorstellungen zerbricht. Daher die Frage: „Bist du der Kommende?“
Mir scheint, auch in dieser seiner tiefen Glaubensnot verhält sich Johannes vorbildhaft. Wieso? Er geht mit seinen Anfechtungen nicht irgendwo hin. Vielmehr fragt er bei Jesus selbst an. Das heißt für uns: Wende dich in deinen Nöten, Ängsten und Sorgen nicht an irgendeine Adresse. Geh mit all dem zuallererst zu Jesus. Breite alles, was dich quält, vor ihm aus, und sprich mit ihm darüber; denn in solchen Situationen hilft oft weder Menschenweisheit noch Menschenrat. Nur wer den Weg zu Jesus findet, um sich vor ihm zu öffnen, wird eine Antwort finden. Aufgrund dieser Erfahrung schrieb Goethe von sich selbst: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“
Jesus nimmt die Täuferfrage sehr ernst. Er fegt die Täuferbilder des Kommenden nicht einfach hinweg. Jesus weiß, was die Wahrheit dieser Bilder für den Täufer bedeuten. Gott ist in seinem Gesalbten tatsächlich der Kommende. Aber er kommt unter anderen Bildern. Deswegen heißt es bei Jesus: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“
Das ist aber eigentlich gar nicht die Antwort auf die Frage des Johannes. Es ist vielmehr eine Aufzählung von Taten, die Jesus als einen Erlöser ausweisen. Es sind Aussagen die im Alten Testament sehr direkt das Wirken des Messias ausweisen. Mit anderen Worten: Jesus gibt Johannes und damit auch uns zu verstehen: Was die Welt in Wirklichkeit erlöst, ist nicht die Gewalt einer Axt, sondern allein die mitfühlende und mitleidende Liebe. Das heißt: Der Gott, den Jesus verkündet, ist ganz anders, als ihn Johannes vor Augen hatte; denn der Gott, den Jesus offenbarte, ist der unbedingt liebende Vater, der jedem nachgeht, selbst dem schlimmsten Verbrecher, ja gerade ihm, um ihn für die Ewigkeit zu gewinnen.
Daraus ergibt sich für uns: Der Fahrplan Gottes verläuft anders als der Fahrplan des Menschen. Der Fahrplan des Menschen läßt sich mit den Worten umschreiben: Zuerst leben und dann sterben. Aber was ist das für ein Leben? Ein bißchen Glück, ein bißchen Urlaub, ein bißchen Geld, ein wenig Anerkennung und ein wenig Vergnügen. Doch je älter man wird, umso dunkler und hoffnungsloser wird dieses Leben. Schließlich wird man zum alten Eisen gezählt, auch wenn man in früheren Jahren viel geleistet hat.
Der Fahrplan Gottes sieht anders aus. Er lautet: Zuerst sterben und dann leben. Sterben bedeutet hier nichts anderes, als sich in etwas hineinverlieren, das größer ist als wir. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Feststellung, zu der Dostojewsky am Ende seines Romans „Die Dämonen“ kommt. Dort heißt es: „Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, dass der Mensch sich immer vor etwas unermeßlich Großem beugen kann.....Selbst der dümmste Mensch braucht unbedingt etwas ganz Großes.“

P. Paul Mühlberger SJ

22.12.2013

4. Adventsonntag
Mt 1,18-24



Aus dem Advent, der Zeit der Erwartung treten wir dem Fest selbst, der Erfüllung entgegen: „Mit der Geburt Jesu aber war es so.“ – Nicht schon das Geburtsgeschehen selbst steht im Zentrum des heutigen Evangeliums, sondern die Begleitumstände, die im Vorfeld dieses Ereignisses angesiedelt sind. Was möchte uns der Verfasser dazu sagen? Er spricht vom Außergewöhnlichen, er tut es auf seine Weise, in seiner Sprache. Folgen wir also nochmals dem Text.
Es ist eine besondere Mutterschaft von der hier gesprochen wird. Der Abschnitt kreist um ein Thema, nämlich um die Eigenart dieser Mutterschaft. Nicht von ungefähr kommt der Evangelist darauf zu sprechen. Unmittelbar davor hatte er sein Evangelium mit einem Stammbaum begonnen, in dem er die Herkunft Jesu auf David und auf Abraham zurückführt: „Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ – so lautet der erste Satz. Immer vom Vater auf den Sohn geht die Ahnenreihe weiter, bis schließlich, in der letzten Generation vor Jesus, der Stammbaum auf die Mutter übertragen wird.
Der Evangelist setzt die damalige Eheschließ8ngspraxis voraus: nach der Einigung über den Brautpreis zwischen Brauteltern und Bräutigam wurde der Ehevertrag geschlossen. Damit galten Braut und Bräutigam als verheiratet. Der Ehevertrag stand unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die Braut unberührt in die Ehe ging. Daher blieb sie weitere neun bis zwölf Monate in ihrem Elternhaus, erst dann erfolgte die sogenannte „Heimführung“, die feierliche Hochzeit also und der Beginn des gemeinsamen Lebens.
Aber die Situation wird heikel. Josef erfährt etwas, dass seine Welt zusammenbrechen läßt. Maria erwartet ein Kind, und zwar nicht von ihm, sondern – wie es heißt – vom Heiligen Geist. Der noch nicht eingeweihte Josef sieht dahinter etwas ganz anderes als den Heiligen Geist. Zwar bleibt er ein Ehrenmann. Nach jüdischem Recht hätte er Maria öffentlich als Ehebrecherin verklagen können. Doch Josef nur der Gedanke, sie heimlich zu entlassen. Daher nennt ihn die Schrift gerecht, das heißt: barmherzig, fromm.
In der Tat: Josef tut, was er als Nichteingeweihter tun kann. Als redlicher Mensch steht er da. Aber – und das bleibt von da ab bestimmend für das gesamte Evangelium – dort, wo es um das Wohl seines Sohnes geht, greift Gott ein. Die Engelserscheinung im Traum verdeutlicht Gottes Engagement. Da vernimmt er plötzlich eine andere Stimme als die ihm vertraute Stimme seines Gewissens, seiner Vernunft und seines herkömmlichen Glaubens. Sie teilt ihm das Unerwartete mit: Das Kind, an dem er Anstoß genommen hatte und das er verwerfen wollte, ist die leibhaftige Verheißung Gottes. Gott selbst ist im Lebensanfang Jesu wirksam, und zwar in einer einzigartigen, bis dahin nicht gekannten Weise und Intensität. Diese Botschaft wird zum Wort aus der jüdischen Bibel in Beziehung gesetzt, um damit anzudeuten, dass Gott grundsätzlich schon immer so gehandelt hat wie jetzt, darin bestimmt von der Absicht, mit den Menschen zu sein. Jetzt, in der Erwartung dieses Kindes, wird diese Zuwendung gleichsam personifiziert, und deshalb handelt Gott in dieser außergewöhnlichen Weise. Mit dem Auftrag zur Namensgebung wird nach jüdischem Recht die Stellung und Aufgabe des Vaters an Josef übertragen. Der Name „Jesus“ bedeutet übersetzt: „Gott ist Befreiung und heil“ Damit ist gesagt: Jesus wird die Aussichtslosigkeit und die Zwänge dieser Welt sprengen; er wird eine neue Zukunft eröffnen, weit über das hinaus, was je von Menschen für möglich gehalten wurde.
So spielen sich im Leben des Josef und auch im Leben Mariens zwei Ebenen wieder: zum einen die Ebene des menschlich Begreifbaren und zum zweiten die Ebene des Göttlichen für unser menschliches Begreifen nicht Zugänglichen. Auch wir leben in diesen beiden Ebenen, mit dem einen Unterschied, dass wir die Sensibilität für das Göttliche verdrängt oder verloren haben. Wir rechnen oft nicht mehr mit dem Eingreifen Gottes in unserem Leben. Würden wir hinhören und hineinhören in unser Leben, so würden wir sehr schnell merken, dass da oft die Stimme Gottes zu uns spricht, nicht laut, nicht aufdringlich und auch nicht zwingend, sondern vielmehr einladend und lockend. Interessant ist ja auch in diesem Zusammenhang, dass hier bei Josef der Traum eine so wichtige Rolle spielt, jener Traum, in dem Josef die Gewissheit über das Geschehen Gottes erlangt. Was geschieht denn eigentlich, wenn wir träumen? Vielfach werden Tagesreste im Traum verarbeitet, Dinge, die uns beschäftigen, Ereignisse, die wir nur unbewußt wahrnehmen. Wir geben heute nicht allzuviel auf Träume und messen dem Traum auch nicht eine Bedeutung zu, die ihm nicht zukommt. Aber immerhin kommt der Traum aus unserem Inneren, gibt oft wieder, was wir seelisch nicht verarbeitet haben und das häufig verschlüsselt, in Symbolen.
Wir würden allzu gerne wissen, was da zwischen Maria und Josef gesprochen wurde, nachdem Maria von ihrer Base Elisabeth als schwangere Frau heimkehrte. Wir wissen es nicht; aber es gab sicherlich eine Auseinandersetzung. Im Traum jedenfalls hat Josef die Eindeutige Klarheit bekommen. Früher dachte man sich ja überhaupt den Traum, in dem der Mensch nicht bewußt lebt, in dem er sich also gegen Gedanken nicht wehren kann, als Möglichkeit für Gott, dem Menschen etwas zu sagen.
Auch wir würden für die verschiedenen Situationen unseres Lebens zu gerne ein klärendes Wort von Gott hören, gerade dann, wenn unsere menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind, wenn wir keine Auswege aus unseren Situationen mehr finden. Wir könnten diese klärenden Worte auch von Gott bekommen, wenn wir die Fähigkeit in uns wach werden ließen, hinzuhören auf ihn, aufmerksam zu werden auf die vielen kleinen Spuren Gottes in unserem Leben. Es erreichen uns so viele Worte, die uns ansprechen und Mut machen, wir erhalten oft viel Klarheit im Gespräch mit anderen Menschen und in der Stille, wo so die Gedanken aus unserem Inneren hochsteigen, geben wir Gott immer wieder die Möglichkeit, uns etwas zu sagen.
So kann diese Frohe Botschaft in ihrer ganzen Dramatik doch auch uns sagen, dass Gott auch in unserem Leben nicht stumm bleibt, dass er sich auch in unserem Leben als der Erlösende, als der Rettende zeigen möchte. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.12.2013

Christmette
Lk 2 1-14
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Um mit einem kleinen Kind Kontakt aufzunehmen müssen Erwachsene eine Bewegung vollziehen, die für sie eher ungewöhnlich ist: sie müssen sich klein machen, um dem Kind auf der gleichen Augenhöhe begegnen zu können. Im Alltag und im Konkurrenzverhalten der heutigen Leistungsgesellschaft pflegen erwachsene Menschen anderen Menschen nicht gerne auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen. Die Blickrichtung von oben nach unten und von unten nach oben scheint vielmehr vorzuherrschen. So jedenfalls nimmt sich der Blickkontakt zwischen Vor-Gesetzten und Untergebenen aus.
In dieser auf den ersten Blick unscheinbaren, tiefer gesehen aber bedeutungsvollen Körperbewegung erwachsener Menschen drückt sich das Geheimnis von Weihnachten aus: Gott selbst neigt sich zu den Menschen herab, Gott selbst begibt sich auf irdisches Terrain, nicht in seiner Eigenschaft als Schöpfer, sondern als einer, der sich den Gesetzen der Materie unterwirft. Gott möchte den Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Dieses Aug-in-Aug Gottes mit den Menschen ist das Weihnachtswunder schlechthin, wie es der Nürnberger Kantor Nikolaus Hermann in seinem bekannten Lied ausgedrückt hat: er „entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding´“.
Gott vollzieht damit eine Bewegung, die zu derjenigen von uns Menschen im alltäglichen Verhalten quer steht. Denn wir Menschen halten es so oft mit unserem Menschsein nicht aus und wollen werden wie Gott. Wir stehen immer wieder in der Versuchung, unser Menschsein zu verlassen und uns in die Welt Gottes zu erheben. Dies zeigt sich vornehmlich darin, dass wir uns selbst zum Maßstab aller Dinge erheben. Wir geben immer wieder der verführerischen Stimme der Schlange im Paradies nach, die uns zuflüstert: „Ihr werdet sein wie Gott“. In diesem halsbrecherischen Versuch des Menschen diagnostiziert die biblische Botschaft aber die Ursünde des Menschen. Denn diese besteht genau in der vom Menschen vorgenommenen Verwischung des grundlegenden Unterschiedes zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf. Der Götzendienst unserer Zeit ist der Glaube des Menschen an seine vermeintliche Allmacht.
Auf dieses Unterfangen des Menschen antwortet aber Gott selbst an Weihnachten mit seiner befreienden Gegenbewegung. Während der Mensch den Aufstand gegen Gott probt, macht Gott seinen Einstand im Niedersteigen auf den Boden der menschlichen Realität. Damit heiligt Gott die Schöpfung und verleiht unserer Geschöpflichkeit eine Würde, die in uns nicht mehr den wahnwitzigen Trieb aufkommen läßt, selbst werden zu wollen wie Gott. Diese Würde beflügelt uns vielmehr dazu, endlich Menschen zu werden und uns dankbar zu der elementarsten Tatsache unseres Leben zu bekennen, dass wir Geschöpfe Gottes sind und dass dies vollauf genügt.
Gott ist radikal in seiner Menschwerdung! Ein Satz, den wir aus der Weihnachtsgeschichte immer wieder als selbstverständlich und gewohnt hinnehmen lautet: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“. Gott wird ein Kind und damit ein Lebewesen, dessen erster Ton das Schreien ist; ein Lebewesen, das mit Tränen in die Welt eintritt; und ein Lebewesen, dessen erste Gebärden die ausgestreckten Hände sind, die nach Schutz und Geborgenheit rufen. Gott will auf unserer Erde ein Lebewesen werden, das angewiesen ist auf die bergende Liebe von Menschen. Gott will ein Angewiesener werden, um in dieser elementaren Bedürftigkeit Liebe und Zuneigung in uns zu erwecken.
Wenn Gott Mensch wird, dann will er es offensichtlich nicht besser haben als das schwächste Glied unserer Gesellschaft. Nirgendwo ist Gott herrlicher als im demütigen Ausgeliefertsein eines neugeborenen Kindes. Nirgends ist Gott stärker als in der Schwäche des kleinen Kindes. Nirgendwo ist Gott hilfsbereiter als in der Hilflosigkeit eines nach Geborgenheit suchenden Säuglings. Nirgendwo ist Gott allmächtiger als in der freiwillig gewählten Ohnmacht eines weinenden Neugeborenen. Und nirgendwo ist Gott göttlicher als in seiner schlichten Menschlichkeit.
Die ersten Menschen, die Gott in seiner neuen Erscheinungsform begegnen sind die Hirten. Sie lagern auf freiem Feld, sind ebenso heimatlos wie er. Und sie sind auch wach. Damit ergibt sich auch für uns, dass wir nur in der Lebenshaltung einer sensiblen Wachsamkeit des Herzens die frohe Botschaft der Engel in der Weihnachtsnacht vernehmen können. In den Hirten dürfen wir Menschen uns auch heute wieder finden. Es ist ohnehin gut, wenn wir entdecken, dass unsere Krippen nicht einfach idyllisch-romantische Weihnachtsdarstellungen sind, sondern dass in den Krippenfiguren wir selbst dargestellt sind.
Jetzt ist Weihnachten. In dieser Stunde gehen rund um den Erdball viele Erwartungen in Erfüllung, viele Erinnerungen werden wach. Viele Menschen erleben aber gerade in diesen Tagen ihre Einsamkeit. Und viele werden auch nachdenklich über ihren Glauben: bleibt dieses weihnachtliche Geschehen mit all den Erinnerungen an die Kindheit, mit dem festlichen Weihnachtsbaum und der lichterfüllten Kirche und der wunderschönen Krippe nur ein schönes Märchen? Die Existenz Gottes macht ja den Menschen im Allgemeinen keine Schwierigkeiten. Man ist tolerant. „Meinetwegen mag es Gott geben, ich habe nichts dagegen!“ So äußert sich der skeptische Mensch von heute. Ein ferner, ein müder, ein blinder Gott, er nützt nicht, er stört nicht. Aber Gott nah, wach, kraftvoll, präsent, verändert alles. Denn dieser Gott redet uns ins Gewissen. Dieser Gott hat die Weltgeschichte verändert und möchte sie durch uns weiter verändern. Ein Gott, dem das Lachen und Weinen eines jeden Menschen wichtig ist, der schon immer unterwegs ist zu den Menschen und das Gespräch sucht, gibt in dieser seiner Weihnachtsaktivität der ganzen Schöpfung, seiner Schöpfung, eine neue Qualität.
Weihnachten ist verbunden mit Kinderlächeln, Poesie, Seligkeit. Ohne Zweifel! Aber Lächeln versiegt, Poesie verfliegt und Seligkeit verdorrt. Und dann ist Weihnachten in Gefahr, in die Märchenwelt zurückzusinken. Aber Weihnachten muß lebendig bleiben, das Geheimnis der Heiligen Nacht darf nicht mit den verdorrten Christbaumresten im Müll unserer Zeit landen! Weihnachten ist das Grunddatum der Neuen Welt, der Menschengeschichte, die jetzt durch das Bethlehemkind zur Gottesgeschichte gehört. Wenn „Himmel“ so viel wie Gottesraum bedeutet, dann ist seit dem ersten Weihnachtstag „Himmel auf Erden“: Gottesraum in der Menschenwelt. Seit Weihnachten sind die Schranken zwischen heilig und Profan, zwischen göttlich und menschlich niedergelegt. Nicht die Gottesverachtung der Menschen, sondern die Menschenliebe Gottes legt diese frommen Schranken nieder, denn jetzt ist der Himmel auf die Erde gekommen.
Seit Weihnachten ist Gott nicht mehr unzugänglich – in Himmelsferne, sondern in Erdennähe zu entdecken. Er ist längst da, Er wartet – als Schwester, als Bruder des Jesus von Nazareth, gleich nebenan, im Nachbarhaus, im Nachbargesicht, im Nachbarherz. Unglaublich! Vielleicht ist er noch näher in den Augen der Menschen, die wir lieben. Unglaublich!
„Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“ Ja, sie ist sichtbar geworden und muß von einem jeden von uns weitergetragen werden. Es könnte ja sein, dass Menschen auch in unserem Gesicht, in unserem Lächeln, in unseren Worten Gott entdecken, der ja in uns wohnt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.12.2013

Christtag
Jo 1,1-18
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Der Evangelist Johannes war als Schriftsteller das, was man heute gelegentlich eine „Edelfeder“ nennt. Mit dem Prolog zu seinem Evangelium hat er in die vordersten Ränge der Weltliteratur geschrieben. Er beherrscht die Sprache mit einer Eleganz, die seinesgleichen sucht. Er weiß mit Bildern umzugehen. Er spricht vom Wort, das Fleisch wird, und vom Licht, dessen Leuchten die Finsternis nicht annimmt. Merkwürdig. Wie kann ein Wort – etwas, das nur hörbar ist und sich im Gedächtnis festsetzt – Fleisch werden und damit sichtbar sein, angreifbar sein? Und wie kann ein Licht, auch wenn es noch so schwach ist, die Finsternis nicht wenigstens ein bißchen heller machen?
So zu reden, können sich nur Poeten erlauben. Und Johannes war ein Poet. Wenn wir Jahr für Jahr am Christtag den Prolog auf den liturgischen Gabentisch gelegt bekommen, dann funkelt aus dem reichen Schatz der Bibel gewiß einer der schönsten Steine. Wir tun gut daran, ihn wie ein wertvolles Geschenk vorsichtig in unsere Hände zu nehmen, innezuhalten und ihn mit stiller Freude ein wenig genauer zu betrachten.

Die Botschaft von Weihnachten:
Gottes Wort hat einen Namen und ein Gesicht

„Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Dieser Satz ist die zentrale Botschaft von Weihnachten. Er ist der Punkt, an dem die verschiedenen Gedanken des Johannes-Prologs wie Lichtachsen eines Edelsteines zusammentreffen. Das Wort. Damit ist Gottes Wort gemeint. Das Wort, mit dem Gott immer wieder Menschen angesprochen hat und anspricht. Das Wort, von dem die Menschen manchmal träumen, vor dem sie aber auch zusammenschrecken oder das sie überhören. Das erschütternde Wort und das sanfte Wort. Das Wort, das den Bedrückten Trost zuspricht und den Verzweifelten Mut. Das Wort, das in die Verantwortung ruft: Nimm deine Rolle in der Familie, im Beruf, in der Kirche und in der Gesellschaft ernst!
Dieses Wort ist Fleisch geworden. Es hat Menschengestalt angenommen. Es hat einen Namen und ein Gesicht bekommen: Jesus Christus. Seite um Seite wird in den Evangelien erzählt, wie Menschen in seinem Umkreis Heilung erfahren. Die Blinden sehen, die Tauben hören, die Aussätzigen werden rein. Wenn Menschen ihm begegnen, gehen sie getröstet weg. Wer mit ihm zusammentrifft, der faßt neuen Mut. Seite um Seite wird in den Evangelien aber auch berichtet, wie anspruchsvoll er ist. Wer ihm nachfolgt, der läßt die Netze liegen, mit denen er bisher versucht hat, seine Bedürfnisse zusammenzuhalten: den Reichtum, die schnelle Befriedigung, den Egoismus. „Gehe hin und sündige nicht mehr“, das sagt er nicht nur der ehebrüchigen Frau, nachdem er sie vor der Steinigung bewahrt hat, nein, das sagt er jedem, der es hören will.

Die Botschaft von Weihnachten:
Die Theorie hat Hand und Fuß bekommen

Aber kehren wir wieder zurück zu unserem Johannestext." Das Wort ist Fleisch geworden“, das heißt auch: Die Botschaft hat Hand und Fuß bekommen.- „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ „Wer teilt, der vervielfältigt!“ „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!“ Das sind von nun an nicht mehr tollkühne Rezepte von irgendwelchen Weltverbesserern. Christus selbst hat uns seine Botschaft vorgelebt, hat das, was er gesagt hat lebendig werden lassen.
Das Christentum ist nicht in erster Linie eine theoretische Lehre, sondern eine Anleitung zum leben. Ist dieses Wort Gottes in uns schon Fleisch geworden? Strahlt auch aus uns, die wir uns Christen nennen jene Güte und Menschenfreundlichkeit aus, von der die Texte der Heiligen Nacht künden?
So sehen 50 Prozent unserer Bevölkerung in Weihnachten ein fest des Schenkens und des Kaufens, 38 Prozent ein besonderes Fest für die Familie, nur 11 Prozent sehen in Weihnachten ein besinnlich-religiöses Fest.
Jene, die hinter all dem Kaufrausch, den Geschenkebergen, den teils schon sehr mechanisch ablaufenden Ritualen noch zu einer sehr persönlichen Weihnachtsfreude finden, gibt es natürlich auch noch, aber sie geraten zunehmend in die Minderheit. Die Frage nach dem ursprünglichen Sinn des Weihnachtsfestes droht in lächerlichen Debatten, ob jemand an den Weihnachtsmann oder an das Christkind als Geschenkebringer „glaubt“ unterzugehen.
Und das ausgerechnet nach genau 2000 Jahren jener Zeitrechnung, die auf dem Anlass des Weihnachtsfestes beruht: der Geburt Jesu Christi.



Die Botschaft von Weihnachten:
Das Wort Gottes will leuchten

„Das Wort ist Fleisch geworden.“ Und: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt.“ Wir könnten diese beiden Aussagen des Johannesprologs zusammenfassen zu dem Satz: „Das Wort will leuchten.“ Das Wort Gottes, das in die Welt kommt, es ist nicht wie ein Buch, das im Regal allmählich verstaubt. Es ist auch nicht wie eine Homepage, die man ansurft, wenn es einem nützlich erscheint oder wenn einen gerade einmal die Langeweile plagt. Das Wort, das in die Welt gekommen ist will leuchten, es will den Menschen zu Herzen gehen, sie betroffen machen und sie tief verwandeln. Hier spricht Johannes etwas an, was Jahrhunderte später der Mystiker Angelus Silesius sehr markant formuliert hat: „Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren – und nicht in dir, du bliebest doch verloren.“
Das Wort Gottes möchte uns tief durchdringen. Als Licht möchte es bis in die letzten Winkel unseres Herzens leuchten, dorthin, wo wir normalerweise ganz bei uns sind, wo uns manchmal der Neid auffrißt, wo dunkle Ängste abgelagert sind, wo die Sorgen wie Mühlsteine mahlen. Das Wort Gottes möchte aber auch dahin kommen, wo insgeheim Hoffnungen blühen und Träume kultiviert werden. Das Wort Gottes möchte unser ganz konkretes Menschsein ansprechen, möchte uns da erreichen wo wir sind und möchte durch uns hörbar werden, und das trotz oder gerade wegen unserer bescheidenen Möglichkeiten.

Vielleicht sollten wir einmal die Hirten aus unseren Krippen herausnehmen und uns selbst an ihre Stelle stellen. Was würden wir diesem Kind sagen? Was könnte dieses Kind uns sagen? – Wir wissen es, wir haben es schwarz auf weiß in unserer Bibel stehen! Ob es aber auch lebendig wird? Das liegt an uns. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

29.12.2013

Fest der Hl. Familie
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Die Familie steckt heute in einer Krise! Diese Beobachtung werden die meisten von uns bestätigen. Besonders deutlich empfinden es Eltern heranwachsender Jugendlicher: Selten zuvor waren die Generationskonflikte so scharf wie heute. Auch die Ehe als Lebensform wird in Frage gestellt. Wo man die Familie noch hochschätzt, sucht man verzweifelt nach neuen tragfähigen Leitbildern.
Kann das uralte Bild der „Heiligen Familie von Nazareth“ ein solches Leitbild liefern? Zuerst möchte ich vor Kurzschlüssen warnen! Allzu leicht projiziert man nämlich die eigenen Familienideale in die Heimatfamilie von Jesus hinein. Schaut man jedoch genauer hin, merkt man: an dieser Familie war eigentlich nichts „normal“! Gott hatte in sie eingegriffen und alle Pläne umgeworfen, alle Beziehungen verändert. So heißt es dann immer wieder, dass Maria und Josef nicht verstanden, was ihnen mit Jesus widerfuhr.
Hinzu kommt, dass der erwachsene Jesus ein recht distanziertes Verhältnis zur Familie an den Tag legte. Als seine „wahren Verwandten“ bezeichnet er seine Jünger. Viele von ihnen hatte er aus ihren Familien herausgerufen. „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ - das klingt nicht gerade familienfreundlich. Die „neue Familie“ der Gläubigen ist die Gemeinde, die nicht auf den Blutsbanden aufgebaut ist. So wird Jesu Botschaft und Handlungsweise noch einmal zu einer speziellen Krise für die Familie.
Wenn es so etwas wie die „christliche Familie“ geben soll, dann braucht sie jedenfalls andere Grundlagen als die bürgerliche Familie. Die Bedürfnisse des Familienlebens ebenso wie die Interessen der einzelnen Mitglieder müssen zurücktreten, damit Gott den ersten Platz einnimmt! Dann erst wird die Familie von Gott her getragen und geheilt. In dieser Hinsicht nun kann die „Heilige Familie von Nazareth“ tatsächlich Vorbild sein: Jene Familie, an der nichts normal ist, wird eben nicht durch die natürlichen Bindungen zusammengehalten und geprägt, sondern dadurch, dass alle auf Gott hören.
Maria lebt für Jesus, nicht nur, weil er ihr Kind ist, sondern vor allem, weil darin Gottes Auftrag besteht. Dafür nimmt sie alle Konflikte auf sich, die mit den ungewöhnlichen Umständen seiner Geburt zusammenhängen. Dieses Kind lässt sich nicht einfach „bemuttern“. Maria versteht Jesus oft nicht. Schließlich muss sie ihn ganz hergeben.
Jeder Vater möchte in seinen Söhnen sein eigenes Ebenbild wieder finden und gewissermaßen in ihnen weiterleben. Josef jedoch weiß, dass Jesus nicht sein leiblicher Sohn ist. Auch geistig schlägt dieser ganz eigene Wege ein. Gottes Plan kam Josef in die Quere, und er war bereit, in den Hintergrund zu treten.
Jesus selbst lebt zunächst viel von dem vor, worauf sich eine christliche Familie stützen kann: Liebe, Hingabe, Hören auf Gott. Als Kind ordnet er sich seinen Eltern unter. Bald aber folgt er dem Auftrag seines wahren „Vaters im Himmel“ und verlässt den geborgenen Raum von Heimat und Familie.
Jedes der drei Familienmitglieder setzt auf seine eigene Weise Gott an die erste Stelle - nicht das, was ihnen selbst gefällt, oder das, wovon sie glauben, es diene den Familieninteressen. Dies nun ist die Krise der Familie, die Gott verursacht. Genau hier aber beginnt auch die Neuschöpfung der Familie.
Einige Beobachtungen machen darauf aufmerksam. Ich selbst habe gelegentlich miterleben dürfen, wie Jugendliche, die Jesus entdeckt und zu einem persönlich entschiedenen Glauben gefunden hatten, wieder eine bessere Beziehung zu ihren Eltern fanden. Eltern ihrerseits, die aus der Nachfolge Jesu leben, sehen ihre Kinder anders: nicht zuerst als Träger ihrer eigenen Hoffnungen und Vorstellungen, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, die man so ernst nehmen muss, wie Gott sie geschaffen hat. Manche in Krise geratene Ehe wurde dadurch geheilt, dass ein Partner oder sogar alle beiden den Glauben neu fanden und dann auch einander neu begegnen konnten.
Familie damals - Familie heute. Unsere Welt unterscheidet sich von der Welt, in der Jesus aufwuchs. Dennoch, damals wie auch heute war die Familie Belastungsproblemen ausgesetzt. Wenn Menschen mit- und füreinander leben, ist das nie problemlos. Sie müssen lernen, zu geben und zu nehmen; sie müssen eigene Ansprüche und die der Familienmitglieder ausbalancieren und manche Herausforderung bestehen. Die Eltern tun sich oft schwer damit, ihre Kinder in die Unabhängigkeit zu entlassen; die Kinder stellen, besonders in der Pubertät und als junge Erwachsene - den Lebensentwurf der Eltern in Frage.
In der „heiligen Familie“ hat jedenfalls etwas gestimmt, was heute von so manchen Familien nicht mehr gesagt werden kann: sie hatte eine bewusste Ausrichtung auf Gott. In vielen heutigen Familien spielt Religion keine oder nur mehr eine sehr untergeordnete Rolle, vielleicht noch als Erziehungshilfe oder weil sich so manche Eltern bravere Kinder erhoffen wenn sie den Religionsunterricht besuchen. Aber die Wahrheit kommt bald an den Tag. Wenn die Kinder nicht mehr das religiöse Beispiel der Eltern wahrnehmen, empfinden sie religiöse Bindungen und Verpflichtungen bald auch ihrerseits als Luxus, den man leicht entbehren kann. Aber die Erziehung eines Kindes ist eine so gewaltige Aufgabe, dass wir alle Komponenten die diese Erziehung gewährleisten unbedingt beachten müssen. Niemand kann die Zukunft eines Kindes voraussagen. „Was wird wohl aus diesem Kinde werden?“, das war schon die Frage der Leute bei der Geburt Johannes des Täufers und irgendwie stellen wir alle die Frage, wenn ein Kind geboren wird.
Maria erhielt durch zwei Prophezeiungen einen Hinweis auf die Zukunft Jesu: durch Simeon und Hanna. Beides betagte Menschen, die über das Kind weissagten. Er wird das Heil für alle Völker sein! Eine beglückende Weissagung für Eltern eines Neugeborenen. Aber dann auch das Wort, dass sich an Jesus die Geister scheiden werden. Das ist das, was Maria während des öffentlichen Lebens Jesu hautnah miterlebt hat bis hin unter das Kreuz: die Spaltung der öffentlichen Meinung über ihren Sohn. Und dass gerade die führenden Leute der jüdischen Gemeinschaft Jesus ausstießen und nicht anerkannten, das war das Schwert, das ihre Seele durchbohren sollte. Jesus, ihr Sohn sollte nicht von Erfolg zu Erfolg gereicht werden. Was eine Mutter ihrem Kind wünscht, ein sorgenfreies Dasein, Erfolg und Wohlergehen, das musste sie aus der Zukunft ihres Sohnes ausklammern. Jesus ging den Weg, den ihm sein Vater gewiesen hatte und Maria fügte sich darein, obwohl sie nicht alles verstand und darunter litt.
Auch jede Familie von heute wird immer wieder konfrontiert werden mit dem Unverstehbaren. Hat doch jeder Mensch seine eigene Entwicklung und seinen eigenen Weg zu gehen auch in der tiefsten Gemeinschaft zwischen Menschen wie sie die Familie darstellt. Aber die Menschen müssen den Weg des Ehepartners achten und auch den Weg der Kinder. Kinder sind kein Besitz. Wir dürfen sie nicht in Formen pressen, die wir vorgefertigt haben, wir müssen ihnen aber Wegweiser sein und ihnen vor allem dazu verhelfen, dass sie auf den Anruf Gottes hören, der ihnen den für sie ganz persönlichen Weg weist. Das nimmt dann auch alle ängstliche Sorge von uns.
Kurzum gesagt: wenn unsere Familien ihre religiöse Orientierung immer mehr verlieren, wenn Kindererziehung sich nur darin erschöpft einen jungen Menschen in dieser materiellen Welt lebenstüchtig zu machen, dann ist damit nur eine Seite der Erziehung erfüllt. Das ganz persönliche religiöse Beispiel von Vater und Mutter und die behutsame Führung zum Erleben religiöser Werte wird schließlich in jedem Kind das Wirklichkeit werden lassen, was am im Evangelium von Jesus einmal gesagt wird: „Das Kind wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte es mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

31.12.2013

Jahresschlussandacht
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Ein voller Terminkalender aus dem Jahr 2013 liegt vor mir und ein noch nur wenig beschriebener des kommenden Jahres. Jeden Menschen wird es doch irgendwie ein Anliegen sein, am Ende des Jahres eine kleine Rückschau zu halten. Erstens stellen wir doch wohl alle fest, dass das Jahr viel zu schnell vergangen ist. Und was hat sich alles ereignet in so einem Jahr? Erfreuliches und weniger Erfreuliches, die guten Taten, die es gegeben hat und auch unser Fehlverhalten mag uns wieder in der Erinnerung hochsteigen. Und vielleicht neben der Freude über viele schöne Erlebnisse auch ein wenig die Angst vor dem, was wir nach unserer Meinung falsch gemacht haben, was wir an Gutem unterlassen haben.
Nicht gut wäre es, wenn die Angst über die Vergangenheit die Oberhand gewänne. Was passiert ist, das ist passiert. Ich kann es nicht mehr verändern. Ich muss es so stehen lassen. Mir fällt an dieser Stelle ein Bibelwort ein: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch neue Kraft schenken.“ Dieser Satz sagt uns, dass wir alles, was wir mit uns herumschleppen, alles, was das Jahr so mit sich gebracht hat, heute an diesem Altar ablegen dürfen. Ich darf meinen vollen Rucksack hier ablegen. Und wenn wir ihn abgelegt haben, dann dürfen wir uns frei fühlen und erleichtert. Wir dürfen all die vielen guten und weniger guten Erfahrungen und Erlebnisse Gott anvertrauen. Er nimmt alles an und schenkt uns neue Kraft. Um ein anderes Bild zu gebrauchen, ich darf das Tor hinter mir abschließen. Einer hat es einmal so ausgedrückt: „Jeden Tag einen Punkt machen, die Seite umblättern und neu anfangen. Wenn wir keinen Punkt machen, sitzen wir hoffnungslos fest. Geben wir jeden Abend unser voll geschriebenes Blatt ab, so wie es ist. Legen wir es in die Hände eines Vaters, dann können wir morgen neu anfangen.“ Was hier mit dem Blick auf den Tag gesagt wird, das können wir auch auf das ganze Jahr anwenden.
Ich vergleiche das menschliche Leben gerne mit einem Puzzlespiel. Sie kennen das ja. Sie kaufen eine Schachtel mit einem wunderschönen Bild. In der Schachtel ist ein Säckchen mit lauten kleinen, verschieden zugeschnittenen Teilen. Man hat das Bild zerschnitten und wir sollen es wieder zusammensetzen. Je größer das Bild ist, desto schwieriger wird die Aufgabe. Bei einem Puzzlespiel mit 4000 Teilen kann man da ganz schön ins Schwitzen kommen. Dem einzelnen Teilchen sieht man es oft gar nicht an wie es hingehört und doch hat jedes Teilchen seinen bestimmten Platz, sowohl die hellen als auch die dunklen Teilchen.
Mit unserem Leben ist es ähnlich. Alles hat in ihm seinen Stellenwert, seinen Platz. Auch die dunklen Steinchen und die mit denen wir zunächst nichts anzufangen wissen. Auch die gehören zum Bild unseres Lebens dazu, das heißt auch unser Schuldigwerden unser Fehlverhalten. Es ist doch auch immer wieder so, dass wir auch aus unseren Fehlern lernen und dass wir auch durch sie immer wieder auf die große Verzeihung und Barmherzigkeit Gottes hingewiesen werden. Denken sie dabei an den Verlorenen Sohn, der erst durch die Tiefe seines menschlichen Versagens der ganzen Liebe des Vaters innewurde.
Alles kann erlöst werden und Augustinus sagt ein gewagtes Wort, wenn er von der glücklichen Schuld spricht, durch die uns ein so großer Erlöser geschenkt wurde.
Und da liegt nun vor uns dieses Neue Jahr 2014. Es liegt vor uns wie ein unbeschriebener Terminkalender. Das Tor ist geöffnet, wir können in die Ferne schauen. Vieles liegt noch unberührt vor uns. Manches was es bringen wird können wir vielleicht vorausahnen; aber vieles bleibt offen, hängt davon ab, wie wir uns entscheiden, wie wir die Weichen stellen. Vieles ist in diesem Neuen Jahr auch enthalten, was uns Angst macht: die eigene Gesundheit, das Wohl lieber Menschen, die Angst vor einem neuen Krieg, die Angst vor dem Terror. Unsere Welt ist an einem großen Wendepunkt angelangt, Es ist eine stark veränderte Welt und Gesellschaft, die sich uns da auftut, eine Welt unter den Bedingungen der modernen Massenmedien, der alles verbindenden Kommunikation, die so oft verschleiert, verdreht und belügt. Es ist eine Welt, in der große Politiker meinen die Grenze festsetzen zu können zwischen Gut und Böse, was doch nach den Worten der Bibel Gott allein zukommt. Was heute vielfach als Gut bezeichnet wird ist allein das Wirtschaftswachstum und die Bereicherung und Absicherung rein irdischer Güter, immer auf Kosten anderer und ärmerer Menschengruppen. Wir erleben heute eine Ungerechtigkeit wie noch nie in der menschlichen Geschichte. Und kaum jemand begreift, dass das Böse nicht mit Waffengewalt zu bekämpfen ist sondern nur mit einer zunehmenden Gerechtigkeit.
Leider haben sich nicht wenige Menschen in unserem Kulturkreis von den geistigen Wurzeln unserer Zivilisation, von der Botschaft Jesu, von der Bibel entfernt oder sehen in ihr nicht mehr den ihr gebührenden Stellenwert für die Erziehung und Orientierung der gegenwärtigen und kommenden Generationen. Angesichts der aufblühenden Islam-Renaissance weltweit sowie des Vordringens asiatischer Hochreligionen scheint es notwendig und sinnvoll, auch das Sinnangebot der Bibel, das sich in der jüdisch-christlichen Überlieferung entfaltete, verstärkt ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, damit die Identität unseres christlichen Abendlandes gewahrt werden kann.
Trotz des zeitlichen Abstandes zwischen der Entstehung der Bibel und heute, trotz aller veränderten Lebensumstände und aller soziologischen wie technischen Wandlungen und Fortschritte ist der Mensch in seiner Grundbefindlichkeit von Anfang an bis heute doch ziemlich konstant geblieben. Die großen Fragen der Menschheit und des Menschseins sind, seit es Menschen gibt, dieselben: „Was ist der Mensch?“ oder „Kain, wo ist dein Bruder?“. „Woher kommen wir und wohin gehen wir?“. „Was sollen wir tun?“, wie gehen wir mit unseren Aggressionen und Egoismen, mit Gewalt und Krieg um?“. „Wie können Schöpfung und Frieden in Gerechtigkeit bewahrt werden? Wie können wir global überleben?“
Es wird nicht leicht werden in diesem Neuen Jahr. Wir können es uns nicht leisten, uns einfach dahintreiben zu lassen und darauf warten, dass Gott all das tut, was er uns als Aufgabe, als Schöpfungsauftrag überlassen hat. Wir müssen zumindest die Voraussetzungen für das Eingreifen, für die Wunder Gottes in unserer Welt schaffen. Trotz der eigenen Probleme in unserem Alltag dürfen wir den Blick für das Ganze nicht verlieren. Und dabei dürfen wir einen großen Optimismus leben, denn Gott zieht sich nicht von unserer Seite zurück. Handeln und beten wir immer wieder für unsere Welt, beten wir vor allem für die jungen Menschen, die in Gefahr ist, sich eine eigene Fungesellschaft zu schaffen, freilich oft angewidert durch so viele falsche Lebenshaltungen der Erwachsenengesellschaft, die ihre grundsätzliche ideale Einstellung immer wieder zerstört. Beten wir für die Kirche, dass sie sich immer wieder getraut, auf Fehlhaltungen hinzuweisen und beten wir auch für uns selbst, dass wir unser Christentum so leben, dass es ein glaubwürdiges Zeugnis darstellt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ