01.01.2014

Hochfest der Gottesmutter Maria

DerBeginn eines neuen Jahres ist für viele der Anlass, auf der einen Seite Rückschau zu halten und sich zu fragen: Was hat das vergangene Jahr gebracht? Was bleibt? Was möchte ich mitnehmen in das gerade angefangene Neue Jahr? Andererseits schaut man aber auch auf das neue Jahr mit seinen 365 unbeschriebenen Kalenderblättern. Was kommt auf mich zu? Welche Veränderungen bringt das neue Jahr? Werde ich seinen Herausforderungen gerecht werden? Werden meine Erwartungen erfüllt werden? Das ist manches, was wir am Jahresbeginn bedenken und in unserem Herzen Hin- und herbewegen. Und dann noch die wesentlichste Frage, die wir nicht übergehen sollten: Wir wird sich die Botschaft dieses neugeborenen Kindes in dieser unserer Welt durchsetzen? Wenn wir an die Werbetechniken unserer großen Konzerne denken, dann nimmt sich die Werbung im Stall von Bethelehm recht dürftig aus. Gott scheint von der modernen Werbung einfach nichts zu verstehen. Um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, sucht er sich nicht zugkräftige Personen aus, die über entschrechenden Einfluss verfügen – er nimmt dazu Hirten. Um voll und ganz ermessen zu können, was das heißt, muss man sich vorstellen, welche Rolle Hirten im damaligen Palästina spielten: Diese Hirten waren nicht freundliche alte Männer – dazu haben sie sich erst bei uns als Krippenfiguren entwickelt. Von den Hirten damals wissen wir, dass das meist Leute waren, die keine gesicherte Arbeit fanden oder zu keiner anderen Arbeit taugten – Gelegenheitsarbeiter also. Wer den Beruf eines Hirten ausübte, der war bei Gerichtsverhandlungen nicht einmal zeugnisfähig, seine Aussage galt nichts. Die Weihnachtsgeschichte erzählt uns also kein Idyll; es ist gar nichts Rührendes daran, wenn berichtet wird, dass diese Leute nun plötzlich auftreten und die Nachricht von der Geburt eines Kindes verbreiten – eines Kindes durch das das Friede Gottes in diese Welt kommen soll. Die Reaktion: „Alle, die es hörten, wunderten sich über die Worte der Hirten.“ Diese priesen und rühmten Gott nach ihrer Rückkehr. Und was macht Maria? „Maria aber“, so heißt es in der Bibelübersetzung von Friedolin Stier, „hielt alles diese Wort verwahrt und fügte sie in ihrem Herzen zusammen.“
Maria erscheint hier als Vorbild des Glaubens. Ich geht es nicht um oberflächliche Sensationsgier und den Reiz des Ungewöhnlichen, sondern um ein wirkliches Bedenken, Meditieren und Aufnehmen der Worte und Ereignisse, die ihr geschenkt wurden. Es geht hier nicht primär um eine verstandesmäßige Durchdringung, sondern um eine geistliche Vertiefung, um eine „Ver-herzung“ des Geschehens.
Was hier von Maria erzählt wird, ist meinen Gefühlen zum Jahreswechsel nicht fern. Vielleicht ergeht es ihnen ähnlich: Ich habe gerade in unserer schnelllebigen Zeit, manchmal den Eindruck: Wir können mit unserem Herzen und unserem Verstand den vielen Ereignissen und Herausforderungen unseres Lebens gar nicht mehr folgen. Wir leben vor uns hin, einJahr folgt auf das andere, aber Sinn und Verbindung zwischen den einzelnen Erfahrungen und Lebensstationen sind nicht erkennbar. Ständig neue Ereignisse, Techniken, Ideen und Moden stürzen auf uns ein.
Wir müssten Innehalten, hinhorchen, genau wahrnehmen, das eine oder andere länger im Herzen bewegen. Wir müssten lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Wir müssten lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gerade in den schnellen und immer schneller werdenden Abläufen unserer Zeit käme es darauf an, Halt zu finden. Gerade in der ständig zunehmenden Informationsflut käme es darauf an, in all dem Geschwätz und aller Oberflächlichkeit das heilende Wort zu suchen und zu finden. – Aber wie?
Vielleicht kann uns an dieser Stelle ein Ordensvater, der hl. Franz von Sales (1567-1622) helfen. Franz von Sales lehrte die Menschen vor allem die kleinen Tugenden wie Geduld, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und auch die Achtsamkeit. Achtsam sollen wir durch den Tag gehen. Hilfreich ist dabei die sogenannte „Vorbereitung auf den Tag“. Franz von Sales rät, sich am Morgen eine kurze Zeit der Besinnung zu gönnen, um so auf die Ereignisse und Begegnungen und Arbeiten des Tages schauen zu können und sie unter den Segen Gottes zu stellen. Während des Tages kann man sich zwei oder drei Sekunden daran erinnern, dass Gott bei einem ist, dass wir in seiner Gegenwart leben und arbeiten. Nützen wir jeden dieser kommenden Tage, dass wir das, was uns bewegt und was wir im Herzen tragen, Gott hinzuhalten. Der Blick auf Maria, die ihr Leben und die Verheißungen Gottes in ihrem Herzen bewahrte und zusammenfügte, kann uns helfen, diese Chance zu nutzen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

05.01.2014

Jo 1,1-18
2. Sonntag nach Weihnachten

Was wäre, wenn Jesus vor 2014 Jahren nicht geboren worden wäre? – Nun, zunächst einmal wären wir dann jetzt nicht hier versammelt. Auch ist sehr frag-lich, ob dann dieses Gebäude, diese Kirche hier, überhaupt stehen würde. Weihnachten, das Fest, das wir in dieser Zeit immer noch begehen, würde es schlichtweg nicht geben.
Vielleicht würde eine andere Religion in die Bresche springen. Vielleicht hätte das Judentum mehr Anhänger, vielleicht auch der Islam oder fernöstliche Reli-gionen, vielleicht gäbe es eine starke heidnische Bewegung, eine Ablehnung jeglichen Gottesglaubens, einen sich durchsetzenden Mehrheitsatheismus.
Auch wenn Geschäftsleute beim Gedanken an den Ausfall des Weihnachtsfestes erschauern mögen – sie wären mit Sicherheit findig genug, schnell andere Anlässe als Ersatz für die verlorenen Umsätze zu kreieren, wie etwas heute schon mit Halloween, dem Valentinstag oder auch dem Muttertag.
Manche Kritiker des Christentums hingegen werden sagen: Wenn Jesus vor gut 2000 Jahren nicht geboren worden wäre, dann würde der Welt nicht viel feh-len, im Gegenteil: Der Menschheit wären einige überaus unheilvolle Ereignisse wie etwa die Kreuzzüge und anderes mehr erspart geblieben.
Doch ist es wirklich so einfach? Wäre die Welt tatsächlich eine bessere gewor-den ohne das Christentum? Würde nicht etwas sehr Wesentliches fehlen, ja etwas zutiefst Entscheidendes – ohne Jesu Geburt, Leben und Sterben hier auf Erden?
Ein recht unverdächtiges Zeugnis hierzu stammt von dem Schriftsteller und Li-teraturnobelpreisträger Heinrich Böll. Es ist sehr bekannt, wenngleich kaum in der ganzen Länge zitiert wird, in der es erst seine beeindruckende Kraft entwi-ckelt. Böll schrieb vor vielen Jahren:
„Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube an Christus, ich glaube, dass über 800 Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern können, und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstel-lungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“
Diese Botschaft steht auch im Hintergrund des Textes, den wir im heutigen Evangelium gehört haben. Es ist der Prolog, mit dem Johannes sein Evangelium eröffnet. Johannes führt uns in das Leben und die Existenz Jesu nicht mit einer reich ausgeschmückten und anschaulichen Kindheitsgeschichte ein, wie wir sie im Lukasevangelium lesen. Er spricht vielmehr abstrakt von dem, was Christi Kommen in diese Welt kennzeichnet, was der Kern seiner Menschwerdung ist, worauf es ankommt.
Das tut Weihnachten gut, wenn auch einmal in dieser Weise davon die Rede ist: gedanklich anstrengend, etwas spröde, durchaus schwierig. Nichts gegen die Engel und die Hirten, nichts gegen die Magier und den Stern, das ist alles gut, wichtig und schön selbst dann noch, wenn es einmal nicht ganz geschmackvoll dargestellt wird. Die Evangelisten haben uns damit etwas gesagt, ohne das wir viel ärmer wären. Aber es darf auch die Reflexion dessen geben, was Weihnachten bedeutet.
Das tut Weihnachten gut, wenn die Geburt des Kindes auch aus der Perspektive der Ewigkeit gesehen wird. Johannes beginnt sein Evangelium mit einer herben und anspruchsvollen Theologie: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott … Durch das Wort ist alles geworden … Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Der Sohn des ewi-gen Vaters wird „Wort“ genannt. Er ist das Wort. Wer mit diesem Wort zu tun hat, Hat es mit Gott zu tun. Von diesem Wort sagt Johannes, dass es ein schöp-ferisches Wort ist. Alles Geschaffene wurde durch dieses Wort, das für die Menschen Licht und Leben bedeutet. Hier ist das Wort, das nicht leer werden kann, weil dieses Wort Gott selbst ist.
Dieses Wort ist Fleisch geworden. Das ist Weihnachten. Gott wurde Mensch, nicht zum Schein, sondern ganz und gar. Gottes Wort bekommt Hand und Fuß, im wahrsten Sinn des Wortes. Damit hat Gott seinen Namen endgültig und ein-deutig wahr gemacht. Wenn Gott sich im Alten Bund dem Mose mit Namen vorstellt: Jahwe – „Ich bin da für euch“, so ist das sehr tröstlich, aber im Vollzug des Glaubens an diesen Gott auch immer mehrdeutig. Gott hatte keinen ein-deutigen „Ort“. Nun sagt er sein letztes Wort, zeigt uns sein wahres Gesicht. Gott ist sichtbar, betastbar geworden in seinem Sohn. In ihm hat er sich end-gültig und unwiderruflich in unsere menschliche Welt hinein gesprochen. Er, durch den alles geschaffen wurde, hat Menschennatur angenommen, damit der Mensch fähig werde zum Göttlichen.
Immer wieder habe ich das Problem: Entweder stelle ich mir Gott zu groß vor – oder zu klein. Wenn ich beispielsweise an den Schöpfer denke dann geraten meine Gedanken angesichts unvorstellbarer Räume sehr schnell ins Schwim-men. Wenn ich an das Kind in der Krippe denke, dann schrumpft Gott leicht zur idyllischen Winzigkeit. Meine Vorstellungskraft steht mir im Wege. Ob ich Gott nicht angesichts dieses Evangeliums neben mich stellen sollte? Weil er Mensch ist wie ich? – Das nimmt Gott nichts von seiner Bedeutung (wie sollte es auch!), aber meiner Vorstellungskraft ist geholfen. Da geht jemand mit mir, der ist nicht nur unvorstellbar groß oder idyllisch klein, sondern er ist mal dieses oder jenes, je nachdem wo wir beide gerade sind. Und über diesen Gott kann ich staunen. Er gibt mehr als wir zu erhalten wünschen. Gott will uns nie weniger geben als sich selbst. Christus ist gekommen, um uns anzusprechen als seine Geschwister, uns einzuladen, sich wie ein Kind seinem Vater anzuvertrauen und in seinen Händen zu ruhen. Er kam nicht als „Notlösung“ für verfahrene Situa-tionen, nicht um uns Arbeit abzunehmen, die wir selber zu leisten vermögen. Er ist vielmehr gekommen, das zu tun, was allein zu leisten nicht imstande sind: uns zu erlösen von der Schwere der Erde, die uns unfähig macht für Gott.
Gott hat einen Dialog mit den Menschen begonnen, aus dem der Mensch nicht mehr entlassen wird.
Das tut uns gut, wenn wir nach der Romantik des Heiligen Abends noch einmal die herbe und anspruchsvolle Theologie des Johannesprologs von der Mensch-werdung Gottes bedenken. Denn das bringt uns Gott nahe – auf Dauer. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ
Quelle: „Der Prediger und Katechet“ 1/2014

06.01.2014

Erscheinung des Herrn
Mt 2,1-12

Die Heiligen Drei Könige-Reliquien

Ursprung und Geschichte der Reliquien der Heiligen Drei Könige sind bis ins 12. Jahrhundert nur in legendarischer Form überliefert. Danach soll die hl. Helena, die Mutter des Kaisers Konstantin I., auf einer Pilgerfahrt in Palästina um das Jahr 326 die Gebeine der Könige gefunden und mit sich genommen haben. Nach einer Legende aus dem 12. Jahrhundert soll Bischof Eustorgius von Mailand († um 350) einige Jahre später die Reliquien als Geschenk des Kaisers erhalten und persönlich nach seinem Bischofssitz Mailand überführt haben. In der diesem Bischof geweihten Basilika des Hl. Eustorgius in Mailand lassen sich die Reliquien der Heiligen Drei Könige erstmals geschichtlich nachweisen. 1158 wurden sie angesichts der ersten Belagerung Mailands durch Friedrich Barbarossa von der außerhalb der Stadtmauern gelegenen Basilika des Hl. Eustorgius in den Glockenturm der in der Stadt befindlichen Kirche St. Georg geschafft.
Nach der Eroberung Mailands erhielt der damalige Kölner Erzbischof Rai-nald von Dassel die Gebeine 1164 als Geschenk von Kaiser Barbarossa. In dem Geschenk des Kaisers drückte sich auch eine politische Absicht aus. Die Gebeine der sozusagen "ersten christlichen Könige" sollten dem Reich Barbarossas eine sakrale Rechtfertigung ohne Abhängigkeit vom Papst verleihen. Am 23. Juli 1164 gelangten die Reliquien nach Köln, wo sie bis heute im Kölner Dom verehrt werden. 1903 wurde ein Teil der Reliquien an die Mailänder Basilika des Hl. Eustorgius zurückgegeben.

Was Lesung und Evangelium uns heute darstellen, das ist voll mit Bildern und Symbolen. Solche Bilder und Symbole wollen die Tiefendimensionen des Lebens aufdecken. Sie wollen uns die Wahrheit über unser Leben aufleuchten lassen und hindeuten auf das, worauf es letztlich ankommt. Ich will kurz drei von diesen Symbolen herausgreifen und sie etwas näher betrachten.
Da ist zunächst das Licht, dargestellt vor allem im Stern, dem die Könige folgen. Dieser Stern bringt alles in Bewegung und er, er allein, führt zum Ziel. Voll von Symbolik ist auch der Text der Lesung aus dem Propheten Jesaja. Er beginnt mit dem Zuruf: „Auf, werde Licht!“ Wir Menschen sind aufgerufen, herauszutreten aus der Finsternis, die über der Erde und dem eigenen Leben liegt. Wir sollen dem Licht entgegen gehen. Dieses Licht ist Jesus. Deshalb bleibt der Stern, dem die Könige folgen stehen über dem Ort, wo Jesus, der menschgewordene Gott, geboren war.
Ein weiteres Symbol ist der Weg. Die Könige machen sich auf den Weg, den der Stern weist. Er ist offensichtlich lang, dieser Weg. „Sie kommen von ferne“, sagt die Lesung. Und es gibt Hindernisse und Bedrohungen. In Jerusalem verlieren die Könige die Orientierung. Sie müssen nachfragen und Herodes ist dem Pro-jekt nicht wohl gesonnen. Der gehört auf die Seite der Finsternis. Aber die Kö-nige lassen sich nicht beirren. Sie gehen den Weg, den der Stern weist bis sie das Ziel gefunden haben.
Am Ziel bringen die Könige ihre Gaben dar. Das ist unser drittes Symbol. Es sind Kostbarkeiten, die von den Königen dargebracht werden. On „Schätzen der Völker“ spricht die Lesung. Jeder König schenkt die Gabe, die ihm zu Eigen ist und die er für wichtig hält: der Eine Gold, der Andere Weihrauch und der Dritte Myrrhe. In diesen Geschenken erfüllt sich die Geschichte von den drei Königen. Sie erfüllt sich in Hingabe und Anbetung und nicht zuletzt in grenzenloser Freu-de. Es erfüllt sich, was die Lesung prophezeit: „Dein Herz wird vor Freude be-ben und sich weiten“.
Diese Bilder und Symbole: was sagen sie uns heute? Wie können sie uns heute Wahrheit und Freude vermitteln?
Es liegt heute viel Finsternis über der Erde und Dunkelheit gibt es in jedem Le-ben. Immer wieder müssen wir erfahren, wie ungewiss unser Leben ist. Wir müssen und mit Ängsten herumschlagen und oft genug scheitern wir. Wir ver-suchen herauszukommen aus solcher Finsternis. Wir suchen Licht. Wir suchen nach einem Stern, der uns Orientierung gibt. Nun gibt es vielerlei Sterne und Sternchen. Es gibt nicht nur Licht, sondern auch Irrlichter. Wir kommen nicht daran vorbei, uns immer wieder die Frage zu stellen: wer ist für mich der Stern, der mein Leben leitet und bewegt? Ist es ein Stern, der mich zu Gott führt? Und was tue ich, um im Licht zu leben und selber Licht zu sein?
Jede und jeder von uns ist auf dem Weg seines Lebens, so wie es die drei Könige waren. Auch unser Lebensweg erscheint manchmal lang und hart. Auch da gibt es Irrwege und die Gefahr, die Orientierung zu verlieren. Wo hole ich mir die Kraft, um meinen Weg Tag für Tag zu gehen und nie aufzugeben? Inwiefern lasse ich mich dabei vom Stern leiten, den Gott in meinem eigenen Herzen hat aufleuchten lassen? Lebe ich meinen Glauben? Pflege ich ihn?
Und schließlich: ist mir bewusst, dass das ganze Leben letztlich ein Geschenk ist? Ich sollte meine speziellen Eigenschaften und Talente entdecken, ich sollte sie nutzen, ich sollte sie meinerseits zum Geschenk machen für meine Mitmen-schen und so auch mein eigenes Leben bereichern. Und ich sollte dankbar sein für das Geschenk, das Gott für mich ist.
Dem König Herodes stehen die drei Männer mit ihren verschiedenen Titeln ge-genüber. Sie sind ein Symbol für die Offenheit. Diese Weisen sind keineswegs die Sicheren, die alles wissen, die auf alles eine schnelle Antwort bereit haben, sondern es sind die Suchenden – nach dem richtigen Weg, nach der Wahrheit, nach dem Licht, nach demjenigen, der noch über ihnen steht.
Gott suchen – das verbirgt sich hinter dem langen Weg der Weisen aus dem Orient. Diese Suche ist eine Lebensaufgabe und ich habe den Eindruck, dass sie mit zunehmendem Alter immer drängender wird. Glücklich kann man sich nen-nen, wenn man Wegweiser findet, die ehrliche und überzeugende Antworten geben. Gott finden, das ist ein riesiges Geschenk, das sich uns an der Krippe offenbart. Für die Hl. Drei Könige war Gott eine Wirklichkeit, die zu suchen sich lohnt. Wenn heute viele Menschen das anders sehen, wenn Gott für sie keine Wirklichkeit mehr ist, dann brauchen sie einen Stern, der sie neu fragen und neu suchen lässt, um auch auf die letzten und tiefsten Fragen des Menschen überzeugende Antworten zu finden. Wer sind diese Sterne?
Sich auf den Weg machen kann auch für Glaubende gelten. Wir müssen in un-serem Leben immer wieder neu nach Gott fragen und ihn immer wieder neu zu entdecken versuchen. Die Welt ist unentwegt im Umbruch, ständig verändern sich somit auch ihre Fragestellungen, sodass immer neue Aufbrüche erfolgen müssen. Wer dazu bereit ist, wird bald merken, dass es ein erfülltes Leben gibt trotz vieler unerfüllter Wünsche.
Die Könige aus dem Morgenland waren großartige Menschen. Mitten in ihrem irdischen Glanz haben sie den Himmel im Auge behalten. Sie haben Zeichen entdeckt, von denen sie sich haben führen lassen. Modern gesprochen, müssen wir feststellen, dass sie Heiden waren; aber Gott war dennoch schon bei ihnen. Die großartige deutsche Dichterin Gertrud von le Fort hat diese Erkenntnis in ihren „Hymnen an die Kirche“ wunderbar formuliert, wenn sie Gott sagen lässt:
„Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter,
ich war dunkel in den Sprüchen aller ihrer Weisen.
Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher.“
Gott ist überall anwesend, an jedem Ort können wir ihn finden. Aber wir müs-sen uns auf den Weg machen und ihn suchen. Manchmal liegen Wüsten dazwi-schen. Aber ein ehrlicher Sucher wird ihn finden. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

12.01.2014

Fest der Taufe Jesu
Mt 3,13-17
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Niemand von uns kann sich an seine eigene Taufe erinnern. Vielleicht gibt es irgendein altes vergilbtes Bild, auf dem wir unsere Verwandtschaft erkennen und mitten drin sind wir, ein kleines Bündel Mensch, eingehüllt in ein schönes Taufkleid. Und vielleicht hat uns die Mutter erzählt, wie wir uns bei unserer Taufe aufgeführt haben – oft so gar nicht sehr würdig und unsere Eltern hatten alle Hände voll zu tun, um den kleinen Schreihals einigermaßen zu bändigen.
Und so fragen manche, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein Neugeborenes zu taufen. Sollte man nicht warten, bis der junge Mensch selber fähig ist, zu entscheiden, ob es christlich leben will oder nicht? Ist die Taufe und somit das Christentum nicht dem Menschen aufgezwungen? Jedoch, man ist draufgekommen, dass es keine wertfreie Erziehung gibt, man ist dahintergekommen, wie wichtig die Erziehungsaufgabe der Eltern ist. Das was sie vorleben, die Werte, die ihnen wichtig und bedeutsam sind, die übernimmt der junge Mensch zunächst. Er in der Pubertät beginnt er sie zu hinterfragen und bildet sich seine eigene Meinung und entscheidet sich in der Firmung selbständig für ein christliches Leben.
Das Kind lernt also durch das Vorbild seiner Eltern die wichtigen menschlichen Grundhaltungen, die, so natürlich sie auch sein mögen, doch wichtige Voraussetzungen für den religiösen Glauben sind. Das Kind lernt auf seine Eltern zu vertrauen. Es läßt sich vom Vater in die Luft werfen und wieder auffangen, es weiß, dass es eine Hand gibt, die man ergreifen kann, wenn man Hilfe sucht. Das Kind weiß, dass es sich bei der Mutter ausweinen kann und dass es Antwort bekommt auf seine kindlichen Fragen. Es lernt seine kleinen kindlichen Gebete und erfährt, dass auch die Eltern selbst zu einem väterlichen und mütterlichen Gott ihre Hände erheben.
Das wäre sozusagen der ideale Zustand in der Erziehung eines Kindes. Wir wissen, dass heute viele Kinder ohne religiöse Unterweisung heranwachsen, ja, dass ihnen vielfach auch die natürliche Geborgenheit im Kreis der Familie fehlt, dass es ihnen an Zuwendung mangelt, weil die Eltern keine Zeit mehr für die Kinder haben. Wir machen heute die Erfahrung, dass Kinder nicht mehr beten können, dass ihnen die Hl. Messe nichts mehr bedeutet und auch die Beichte ihnen nichts mehr gibt, weil diese Dinge auch bei den Erwachsenen keine Rolle mehr spielen. Und nicht selten wird die Taufe zu einem leeren Zeremoniell und weder Eltern noch Paten halten das Versprechen ein, das sie gegeben haben, ihrem Kind eine christliche Erziehung zu vermitteln.
Und wir als Erwachsene, deren Taufe schon viele Jahrzehnte zurückliegt, wie leben wir als Getaufte? Ist uns die natürliche kindliche Beziehung zu Gott nicht auch schon vielfach verloren gegangen? Sollten wir nicht auch wieder von den Kindern lernen? Das scheint eine merkwürdige Zumutung zu sein! Denn für gewöhnlich lernen doch die Kinder von den Erwachsenen; aber sie erinnern sich an die Stelle aus dem Evangelium wo Jesus sagt: „Wenn ihr nicht werden wie die Kinder könnt ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“
Nicht dass wir kindisch werden sollten – das ist hier sicherlich nicht gemeint; aber eine kindliche, aufgeschlossene Haltung Gott gegenüber würde uns nicht schlecht anstehen. Denn nicht nur Kinder haben bisweilen Angst, auch wir sind von ihr nicht verschont in unserem Leben. Aber zu wem gehen wir damit, wessen Hand können wir ergreifen, wo können wir uns ausweinen. Wo haben wir den Eindruck, dass uns jemand hält und auffängt, wenn uns das Leben bisweilen herumwirbelt? Das und so manches andere könnten wir von den Kindern lernen und genau das meint Jesus, wenn er uns die Kinder als Vorbild vor Augen stellt.
Aber wir sind müde geworden. Müdigkeit kann ein Krankheitssymptom sein oder auch ein Zeichen von seelischer Überforderung. Es gibt eine seelische Müdigkeit, die allen Schwung raubt und lustlos in den Tag hineinleben läßt. Gerade die letzte Art ist heute weit verbreitet. Und doch: Müdigkeit gehört zu menschlichen Leben. Auch die Menschen der Bibel kannten die Müdigkeit. Und oft waren es sogar die besonders frommen, heiligen, von denen erzählt wird, dass sie müde und erschöpft waren oder gar in Versuchung gerieten, aufzugeben. Sogar Jesus selbst kannte die Müdigkeit.
Gott rechnet mit den Grenzen unserer Kraft. Und Gott möchte uns wieder aufbauen, uns aus unserer Müdigkeit herausreißen. Aber das tut er nicht so von oben herab, sondern er steigt selbst zu uns hernieder. Er macht sich müde für uns, er wird schwach, um uns Kraft zu geben. Und so steht er nun im Jordan vor Johannes mitten unter all den müden, schwachen und sündigen Menschen, die aber eines gemeinsam haben: den Willen zur Umkehr, zur Besserung, zur Änderung ihres Lebens. Niemand kennt ihn, nur Johannes darf erkennen, wer er ist und eine Stimme vom Himmel spricht über ihn: „Das ist mein geliebter Sohn an dem ich mein Wohlgefallen habe.“
Gott ist eine einzigartige Gemeinschaft mit uns Menschen eingegangen. Er durchbrach in Jesus von Nazareth die traditionellen Denk- und Verhaltensmuster und schuf um sich herum eine neue Welt der Beziehungen. Er hat keine Berührungsängste im Umgang mit Zöllner, Dirnen und Aussätzigen. Er will durch seine Solidarität zeigen: So wie ich mich mit all diesen Menschen an einen Tisch setze, mich mit ihnen taufen lasse, so lädt Gott selbst die Menschen in seine Gemeinschaft ein.
Ein Märchen könnte uns helfen, diese Botschaft in ihrer Bedeutung für uns besser zu begreifen. Es erzählt von einem Land, in dem eine strenge Tradition den Menschen verbietet, zum Himmel aufzuschauen. Der Himmel, so wird gesagt, habe eine entsetzliche und todbringende gelbe Farbe. Deshalb müssen alle Menschen in diesem Land tiefgebeugt durchs Leben gehen. Da gerät eines Tages ein Liebespaar auf einer Wiese ins Stolpern. Als beide auf dem Boden liegen, hebt das Mädchen den Kopf, um das Gesicht des Freundes zu betrachten. Dabei erblickt es ein Stück vom Himmel und entdeckt: Der Himmel ist blau! Da läuft der Junge mit erhobenem Kopf in die Stadt mit dem befreienden Ruf: „Der Himmel ist blau!“ Wegen dieser Lästerung will man ihn hinrichten. Doch die Soldaten des Kommandos, vom Blick des Jungen irritiert, schielen zum Himmel, anstatt auf ihn zu zielen. Damit ist der Bann gebrochen. Von nun an gehen die Menschen aufrecht durchs Leben.
„Das Land der Gebeugten“ existiert es nicht mitten unter uns? Da gibt es viele, die innerlich „zu“ sind, gebeugt durch Sorgen um andere oder Probleme, die sie mit sich selber haben. Für zwei Drittel der Menschheit ist der Ausblick auf ein menschenwürdiges Leben in Freiheit und ohne Hunger verschlossen. Für viele Katholiken in unserem Land scheint die Kirche zu einem „Land der Gebeugten“ geworden zu sein, ohne Hoffnung auf eine gesunde Erneuerung, die nicht immer nur im Heraufführen von neuen Dingen bestehen muß.
Die Liebe, so sagt das Märchen, öffnet den Blick zum Himmel. Wir können wieder aufrecht gehen, wir können wieder unser Haupt erheben, wir brauchen nicht zu resignieren, wir dürfen als Getaufte, als von Gott geliebte Menschen durch unser Leben gehen.
Vielleicht merken wir an dieser Stelle auch, wie widersinnig angesichts der schwierigen Verhältnisse zurzeit in unserer Kirche die Tatsache eines Kirchenaustritts ist. Jene Menschen haben nicht erkannt, dass mit dem Austreten der Kirche in keiner Weise gedient ist, sie haben ihre Aufgabe in dieser Kirche nicht erkannt und nehmen äußere Anlässe zu einem willkommenen Vorwand, um ihr ausgetretenes Gewissen zu beruhigen. Möge es ihnen nicht gelingen.
Aber wir haben nicht zu urteilen. Wir haben aber wohl die Aufgabe in unserer Kirche über alle Menschlichkeiten hinaus das zu leben, was Jesus uns vorgelebt hat. Möge uns in Einheit mit Christus dem Herrn auch das Wohlgefallen Gottes beschieden sein. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

19.01.2014

2. Sonntag im Jahreskreis
Jo 1, 29-34
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In unserer recht nüchternen Sprache sind Bilder selten geworden. Symbole sind fremd und müssen übersetzt werden. In unserer Lebenswelt ist die unmittelbare Erfahrung des Miteinander von Mensch und Natur weithin nicht mehr gegeben. Wenn daher ein Tier als Symbol gebraucht wird, haben wir größere Mühe, mit einem solchen Bild zurechtzukommen, als die Menschen, die in einem ländlich geprägten Umfeld leben.
Wenn zu Jesu Lebzeiten vom Lamm gesprochen wurde, dann war zunächst einmal die unmittelbare Erfahrung mit diesen Tieren gegeben. Die Schafzucht war eine wichtige Lebensgrundlage Israels. Das Lamm selbst wird zu einem Symbol für das Volk Israel. Erfahrung und Verheißung sind daran geknüpft. In der Nacht ihres Aufbruchs aus Ägypten verzehren die Israeliten ein Lamm. Der Augenblick der Befreiung ist gekommen, denn Gott führt sie heraus aus der Sklaverei. Damit verbindet sich die Hoffnung auf ein neues Land, das Gott dem Volk verheißen hat. Das Mahl heißt Aufbruch, und Aufbruch heißt Rettung, und das Lamm wird zum Zeichen, dass Gott rettet.
Eine weitere Aussage wird in das Bild vom Lamm verwoben. Wiederum geht es um die Befreiung, und der Befreier ist der Messias. Im Buch Jesaja wird er als ein Lamm bezeichnet, Gottes Knecht wird er genannt, einer, den die Menschen in seinem Wert nicht erkennen und den sie verachten. Er hat nichts Strahlendes an sich, und doch hat Gott auf ihn seine Hoffnung gesetzt. Durch ihn wird den Menschen die Rettung zuteil.
Wenn also im heutigen Evangelium Johannes der Täufer vom Lamm Gottes spricht, dann wissen seine Zuhörer, was er meint. Sie sind gespannt, was er ihnen von diesem Lamm nun weiter erzählen wird. Und da kommt auch schon der bedeutsame Satz: Dieses Lamm nimmt die Sünde der Welt hinweg. Haben die Zuhörer des Johannes das erwartet? Im Allgemeinen sehnte man sich zurzeit Jesu auf andere Aktivitäten des Messias. Das Land war arm und unterdrückt, alles schrie nach Befreiung. Warum kam aber nicht diese Botschaft? Warum kam nicht die Botschaft vom Zusammenschluss aller verfügbaren Kräfte und zum Kampf gegen jede Form der Unterdrückung? Bloß die Sünde hinweg nehmen, das brauchte man eigentlich gar nicht. Und was ist die Sünde der Welt? Diese Sünde der Welt scheint so gefährlich zu sein, dass der Befreiung von ihr absolute Priorität zukommt.
In einer ersten Antwort können wir auf diese Frage antworten: Die Sünde der Welt ist der Unglaube. Dieser Unglaube ist der Zweifel daran, dass Gott den Menschen wirklich retten und zum Leben führen kann, es ist der Zweifel daran, dass wir Menschen zu unserem Heil wirklich Gott brauchen und unser Heil nicht selber schaffen können. Auch für diesen Unglauben gibt es ein Symbol: Es ist das goldene Kalb. Sie kennen alle die Geschichte aus dem Alten Testament, wo Moses auf den Berg zu Gott steigt, um die Gebote in Empfang zu nehmen. Aber das Volk macht sich in seiner Abwesenheit ein Goldenes Kalb und betet es an. Das Goldene Kalb bedeutet den Rückfall ins Heidentum, den Abfall von Gott. Aus eigener Kraft sind wir stark, was wir brauchen können wir uns selber beschaffen, alles in der Welt ist machbar. Die Folge dieses Unglaubens aber ist die Gewalt. Sie besagt, dass wir als Menschen einander nicht trauen können, dass wir uns voneinander abgrenzen müssen, einander beobachten müssen, damit wir losschlagen können, bevor der andere losschlägt.
„Vertraut diesem Lamm, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“, sagt Johannes. Dass die Sünde der Welt hinweg genommen wird, heißt nicht, dass es sie nicht mehr gibt, sondern dass sie ohne „Wenn und aber“ aufgedeckt wird. Es wird ersichtlich wie Menschen gegeneinander und nicht miteinander leben. Der Weg der Gewaltlosigkeit, der die Menschen zueinander führt, damit sie miteinander leben, läuft aber all jenen zuwider, die auf Kosten anderer leben möchten. Sie sagen sich: „Wo käme die Welt hin, wenn sie so leben würde, wie Jesus von Nazareth es vorschlägt!“ Das Lamm ist deshalb gefährlich, es muss verschwinden. Denn was würde geschehen, wenn wirklich jeder Mensch dem anderen seine Wange hinhalten würde? Es würde nicht mehr geschlagen, wenn es sich so verhielte, es gäbe auch keine Geschlagenen mehr.
Jesus lebt dieses neue Leben. Sein Wort stimmt mit seinem Leben überein. Er stirbt, weil er sich der Gewalt nicht unterwerfen möchte. Er möchte keine Steine in Brot verwandeln, er möchte nicht der Versuchung zur Macht erliegen. Deshalb sagen jene, die Angst um ihre Macht bekommen, dass er ein Gotteslästerer sei, und sie verurteilen ihn. Er aber entlarvt die falschen Gottesbilder. Er zeigt, dass Gott den Menschen nicht klein macht, sondern dass er groß von ihm denkt. Damit macht er deutlich, dass die Sünde der Welt dort am Werk ist, wo Menschen versuchen, andere Menschen für ihre Zwecke zu missbrauchen.
Indem Johannes der Täufer Jesus das Lamm Gottes nennt, weist er auch auf das Schicksal hin, das Jesus bevorsteht. Er wird getötet werden von denen, die einen liebenden, barmherzigen und verzeihenden Gott nicht zulassen wollen. Ihnen passt ein Gott, der sich wie ein Vater, wie eine Mutter um seine Kinder sorgt, nicht in den Kram, weil sie nicht um Gott und nicht um Menschen besorgt sind, sondern nur um ihr eigenes Wohl, und dies auf Kosten anderer.
Sehen wir zu, was wir mit dem Erwählten Gottes in unserem eigenen Leben anfangen. Schlimm für uns wäre, würden wir nicht die Worte der Frohen Botschaft auf uns selbst beziehen. In unserer schwierigen Zeit wird von jedem von uns Äußerstes verlangt. Es ist nicht leicht, gegen den Strom zu schwimmen, aber gerade darauf käme es heute an. Es ist nicht einfach, die Gesinnung eines Lammes zu übernehmen, wenn man sich in einer Schar heulender und hungriger Wölfe befindet. Es ist auch nicht einfach, seinen eigenen Konsum und seine Bedürfnisse in Grenzen zu halten, wenn unsere Bedürfnisse dauernd künstlich hochgeschraubt werden. Und es ist auch nicht einfach auf der Seite eines Gottes zu stehen, den die Welt schon längst ins Abseits geschoben hat.
Es ist unschwer vorauszusagen, welche Lebenseinstellungen heute den größeren Sinn bringen. In Wirklichkeit lebt eine Vielzahl unserer heutigen Zeitgenossen in einer großen Kurzsichtigkeit. Sie verkürzen ihr Leben um eine gewichtige Dimension. Menschen räumen die Regale unserer Welt und unseres Lebens ab und denken nicht daran, dass sie eine Gabe sind, ein Geschenk, das dankbar und mit Verantwortung empfangen werden will.
Unsere Kirche liegt nicht ohne Grund in Schwierigkeiten und in geringem Ansehen. Wird sie mit dem alten Europa zugrunde gehen? Geht in unseren Tagen vielleicht eine „Erfolgsstory“ zu Ende. Tagtäglich erfahren wir es, dass kaum noch etwas aufgenommen wird von dem, was wir weitergeben wollen. Wir fühlen uns manchmal wie Staffelläufer, die sich die Seele auf dem Leib rennen, aber niemanden vor sich sehen, dem sie den Stab in die Hand drücken können. Sind wir die „Letzten“, die letzten Christen? Sind wir es, die da scheitern, die das Erbe verschleudern oder vergraben, um kein Risiko einzugehen?
Welchen Auftrag könnte uns Jesus heute geben? Er könnte sagen: Wieso siehst du so finster in die Zukunft. Ich halte noch all meine Gaben bereit für dich, wenn du nur den Mut hast mit deinem Leben dich an die Verkündigung der Frohen Botschaft zu wagen. Ich habe nur mit ein paar Leuten angefangen und das waren nicht einmal die Gescheitesten und Erfolgversprechendsten. Aber sie haben ein großes Vertrauen zu mir gehabt. Und das ist das, was zählt! Meine Botschaft hat viele Reiche überlebt und viele übermütige Herrscher. Aber von einem einzigen Menschen, der mir seine Hand reicht, geht so viel Segen und gehen so viele Möglichkeiten aus, dass es für einen aufkommenden Pessimismus einfach keinen Raum gibt. Ich nehme als das Lamm Gottes die Sünden hinweg, die deinen und die der ganzen Welt. Aber wenn du dich von der Bosheit deines Lebens distanziert hast, dann lass dein Licht leuchten, dann mache du als Salz der Erde den Menschen die Frohe Botschaft schmackhaft. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

26.01.2014

3. Sonntag im Jahreskreis
Mt 4,12-23

Es ist die Kunst eines Clowns, mit Heiterkeit zur Nachdenklichkeit zu führen. Das sehen wir beispielsweise am russischen Clown Oleg Popow. Zu seinen unvergeßlichen Auftritten gehört die folgende Szene:
Noch beherrscht die Dunkelheit das große Zirkuszelt. Nach einigen Augenblicken leuchtet ein Scheinwerfer auf und wirft einen Lichtkreis in das Rund der Manege. In viel zu großen Schuhen, in einem viel zu weiten Mantel und mit einem Köfferchen in der Hand watschelt der Clown aus dem Dunkel und schreitet auf den Lichtfleck zu. Kaum hat er ihn erreicht, läßt er sich nieder und rekelt sich darin, als wärme er sich in der Sonne. Doch dieses Vergnügen ist nur von kurzer Dauer; denn das Licht eilt an eine andere Stelle der Manege. Der Clown verfolgt es. Dieses Mal legt er sich mit seinem ganzen Körper auf das Licht, um es festzuhalten. Doch vergebens! Das Licht läuft ihm erneut davon.
Der Clown probiert es noch einmal. Jetzt versucht er, das Licht in seinen Koffer einzufangen. Es scheint ihm zu gelingen; denn als er den Koffer schließt, ist der ganze Zirkus dunkel. Dann öffnet er den Koffer und schüttet das Licht mit weiten Bewegungen in das dunkle Zelt. Im Zirkus wird es sonnenhell. Und alle atmen auf.
Hier zeigt sich etwas von der Zaubermacht des Clowns. Aufgrund seiner Lebenserfahrung und seiner Menschenkenntnis weiß er, dass alles, was er bringt, einfach und verständlich sein muß. Das lernt er nur durch lange Übung. Im festen Glauben an das Gelingen Schritt für Schritt weitergehen, das ist das Lebensprinzip des Clowns, wie es das Lebensprinzip aller ist, die aus ihrem Leben etwas machen.
Wofür aber möchte Oleg Popow seinen Zuschauern die Augen öffnen? Dafür, dass man ohne Licht nicht leben kann. Ohne Licht fällt der Mensch auf sich selbst zurück. Das Leben scheint ihm unerträglich schwer. Das Licht bewirkt hingegen, dass der Mensch sich für Größeres öffnet. Auf diese Weise verliert er sich selbst aus den Augen. So findet er sein inneres Gleichgewicht und mit ihm sein Wohlbefinden und sein Glück. Er wird fähig, sich seiner Arbeit und dem Leben hinzugeben.
Das Licht hat also eine unglaublich befreiende Wirkung. Das gilt schon von jedem Lichtstrahl, der auf uns fällt; es gilt auch von jeder Lichtgestalt, der wir begegnen dürfen; es gilt vor allem von Jesus Christus, dem Licht in Person, dem Licht der Welt. Auf ihn vorausblickend, sagte der Prophet Jesaja, er sei das helle Licht, das dem Volk, welches im Dunkel lebte, aufging und denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, erschien.
Es fällt nun auf, dass der Evangelist Matthäus mit dieser Feststellung unmittelbar den Hinweis verbindet: „Von da an begann Jesus zu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“. Das bedeutet doch, dass sich das Licht keinem aufzwingt. Zugleich verstehen wir in diesem Zusammenhang, was mit „Umkehr“ gemeint ist. Sie ist der Ruf: „Komm ans Licht!“. Viele Menschen folgen diesem Ruf nicht. Sie fürchten sich vor dem Licht. Daher bleiben sie lieber in der Finsternis, obwohl sie deutlich spüren, dass dies kein Leben ist.
Umso bedrängender wird für uns die Frage: „Wie kommen wir ans Licht?“ Stellen wir diese Frage in biblische Bezüge, so öffnen sich uns viele Wege. Von ihnen wollen wir zwei skizzieren.
Gehen wir zunächst von einer Frage aus, die Jesus einmal den Schriftgelehrten stellte: „Warum habt ihr so böse Gedanken im Herzen?“. Verwandeln wir diese Anfrage in eine Einladung, dann lautet sie: „Meide alle finsteren Gedanken!“ Wo wir solche Gedanken in uns zulassen, da vergiften sie unsere Gefühle und lähmen unsere Stimmungen; denn immer sind es unsere Gedanken, die über unsere Gefühle und Stimmungen entscheiden. Das bedeutet: Die einzige Ursache nahezu all unserer Leiden, wie auch aller Kriege im Kleinen und im Großen, ist die Finsternis in unserem Denken. Daher ruft uns die Bibel immer wieder zur Umkehr auf und versteht darunter die Wende vom finsteren zum lichtvollen Denken. Ans Licht kommt demnach, wer seine Seele zur Heimstätte lichtvoller Gedanken macht.
Einen anderen Weg zum Licht weist uns der Psalmist mit seinem Wort: „Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten“. Dieses Wort erinnert an Moses. Er war auf den Sinai hinaufgestiegen, um zu beten. Dann heißt es wörtlich: „Während Moses vom Berg hinunterstieg, wußte er nicht, dass die Haut seines Gesichtes Licht ausstrahlte, weil er mit dem Herrn geredet hatte“. Gebete sind Straßen in die Ewigkeit. Sie sind Brücken zu einem liebenden Du im Himmel. Daher hat das gläubige Gebet, das ein Mensch nach bestem Können verrichtet, eine verwandelnde Kraft: Es macht ein trauriges Herz froh, ein armes reich, ein törichtes weise, ein enges weit, ein verzagtes kühn, ein schwaches stark, ein blindes sehend, ein schmutziges rein, ein dunkles hell. Es zieht den großen Gott in unser kleines Dasein, und es trägt auch unser kleines Dasein zu ihm empor.
Aufgrund seiner ärztlichen Erfahrungen sagt Alexis Carrell: „Ich habe als Arzt erlebt, wie Menschen, bei denen jede andere Behandlung versagt hatte, durch die stille Macht des Gebetes aus Krankheit und Trübsinn emporgehoben wurden. Es ist die einzige Macht der Welt, die anscheinend die sogenannten „Naturgesetze“ überwinden kann.
Wo der Mensch sein kleines Herz mit lichtvollen Gedanken füllt und wo er im Gebet zu dem aufblickt, der sein Gesicht leuchtend macht, da kann er gar nicht anders, als das in ihm gegenwärtige Licht in diese Welt zu geben. So tut er genau das, was Oleg Popow am Ende seiner Vorstellung getan hat. Nachdem er das Licht in seinem kleinen Koffer eingefangen hatte, öffnete er ihn und schüttete es in das große Zirkuszelt. Damit will er sagen: Schon ein wenig Licht kann eine dunkle Welt erhellen. Daher heißt es in der chinesischen Weisheit: „Kannst du kein Licht am Himmel sein, dann sei wenigstens eine Lampe bei dir zu Hause.“

P. Paul Mühlberger SJ

02.02.2014

Darstellung des Herrn
Lk 2,22-40

Das heutige Fest, das gewöhnlich „Maria Lichtmess“ genannt wird, trägt in der Ostkirche von seinem Ursprung im Evangelium her den Titel „Fest der Begegnung“. Eine kleine Geschichte aus dem osteuropäischen Judentum soll uns an das Festtagsevangelium heranführen. Sie erzählt von der Begegnung zweier Rabbis. Der eine, Jehuda, erfuhr unterwegs, dass Rabbi Schimon in der entgegengesetzten Fahrtrichtung auf ihn zukomme. Deshalb verließ Jehuda sein Fahrzeug und ging Schimon entgegen. Aber auch jener hat vom Nahen seines Kollegen gehört, war ausgestiegen und dem anderen entgegengeeilt. „Schalom“ - Friede - riefen sie einander zu und umarmten sich. Dann sprach Jehuda, nun sei ihm der Sinn des Spruchs aufgegangen: Mensch und Mensch begegnen sich, Berg und Berg nicht!
Wenn Menschen sich starr und unbeweglich verhalten, hart wie Felsgestein bleiben, auf andere von oben herabschauen, wird Begegnung niemals stattfinden. Wenn dagegen Menschen einfach und bedürftig, suchend und erwartungsvoll Ausschau halten nach Neuem, nach Größerem, das sie nicht selbst in Händen haben, das sie nur als Gnade empfangen können, ereignet sich Begegnung. Von solchen Menschen, die nie auf dem hohen Ross gesessen, die immer offen aufeinander zugegangen sind, berichtet Lukas in seinem Evangelium
Da ist eine junge Frau unterwegs. Unterwegs in den Jerusalemer Tempel. Hunderte, Tausende legen diesen Weg mit dem gleichen Anliegen Jahr für Jahr zurück: Zwei glückliche Eltern tragen ihr Kind in den Tempel, wollen es dem Schutz Gottes unterstellen, seinen Segen erbitten, es dem Herrn anvertrauen und ein kleines Opfer darbringen.
Da kreuzt ein Fremder auf, ein Unbekannter, den es in den Tempel gezogen hat und der, wie es sich im Gespräch herausstellt, mit einer großartigen Verheißung, einem noch nicht eingelösten Versprechen lebt. Er spricht Josef und Maria an. Seine ganze Freude bricht aus ihm heraus. Überwältigt nimmt er das Kind in seine Arme. Fassungslos drückt er an sich, was er erträumt und ersehnt hat. Seine Hoffnung hat Hand und Fuß bekommen. Seine Augen dürfen sehen, und seine Erwartung ist erfüllt. Er kann jetzt in Frieden sterben. Gottes langersehntes Heil ist da. Das Licht für alle Völker leuchtet in seinen Augen wider.
Josef und Maria wissen gar nicht, wie ihnen geschieht. Sie kommen aus dem Staunen gar nicht heraus. Und Simeon setzt noch ein prophetisches Wort drauf: Ihr Kind soll ein Zeichen sein. Es wird Widerspruch ernten und die Gedanken der Menschen offenkundig machen. All das wird Schmerz mit sich bringen.....Ist er wirr, der alte Herr? Weiß er, was er sagt? Was hat das zu bedeuten? Sicher haben sie Hoffnung für ihren Jesus. Sicher wünschen sie ihm Heil und Zukunft, Erfolg und Anerkennung. Sicher glauben sie, dass Gott mit diesem Kind Großes vorhat, dass Gott es wollte, aber......
Kaum ist ein Augenblick Ruhe, da taucht Hanna auf. Sie ist eine alte Frau, die ihren Lebensabend im Tempel verbringt. Die Schicksalsschläge ihres Lebens haben sie nicht von Gott weggebracht, sondern näher zu ihm hingeführt. Sie ist mit ihm in dauerndem Gespräch und erlebt Tag für Tag, mit wie wenig sie auskommt.
Auch sie wirft einen Blick auf das Kind und fängt an, Gott zu loben und zu preisen. Und sie sucht das Gespräch mit all den Leuten, die im Tempel sind, die ihre Hoffnung auf Gott setzen und ganz fest glauben, dass sie von ihren Sorgen und Problemen nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch seine Hilfe loskommen, weil er der Erlöser und der Retter ist.
Mit diesen Eindrücken geht die junge Familie heim. Das Kind wächst und gedeiht. Dass Gott mit seinem Wohlwollen mit ihm ist, ist deutlich. Alles geht einen guten Gang.
Ob Maria und Josef diese Szenen im Tempel vergessen haben? Sicherlich nicht. Sie werden ihnen Kopfzerbrechen bereitet haben und nachgegangen sein. Was hatte das wohl alles zu bedeuten?
Lukas erzählt uns mit diesen Begegnungen, wie sehnsüchtig das Gottesvolk des ersten Bundes den Messias erwartete. Obwohl die Verheißung, dass der Retter kommt uralt ist und obwohl die Menschen mit dieser Botschaft alt geworden sind, ist die Sehnsucht ungebrochen, jugendlich, überschwänglich, freudig. Die Gewissheit: Er ist da! Tut gut, erfüllt das Herz mit Freude, gibt die Sicherheit: Nun kann ich loslassen. Ich habe nicht umsonst geglaubt, gehofft, gebetet und auf Gott zugeklebt. So ist unser Evangelium eine Geschichte erfüllter Hoffnung, gültig für alle Lebenswege. Der Retter ist da. Das gilt auch, wenn das Kreuz seinen Schatten in die Szene und auf das eigene Leben wirft.
So dürfen auch wir an diesem Festtag drei Dinge von Simeon und Hanna lernen:
Es gibt heute viele Menschen, denen Sehnsucht und Hoffnung fremd ist. Viele sagen: Mir fehlt nichts! Ich habe alles! Worum sollte ich beten? Mein Leben ist gelebt! Ich bin zufrieden! Ich kann mir viele Dinge leisten! Ich brauche niemand! Das Haus ist gebaut, die Kinder versorgt, die Enkel tun gut! Was soll da noch kommen? Hoffentlich geht alles so weiter! Diesen Menschen sagen Simeon und Hanna: Es gibt mehr als das. Es gibt mehr als du machen und schaffen konntest. Es gibt ein großartiges Geschenk: Leben ohne Grenzen, Licht ohne Dunkel, Liebe ohne Leistung, Freude mit verwandelten Tränen, unvorstellbare Fülle. Geborgenheit und Ruhe in Gott, Frieden mit mir, gestillte Sehnsucht, die loslassen lässt, weil ich so viel Heil, so viel Güte sehen darf.
Es gibt heute auch Menschen, die sehen nur noch schwarz, nur noch Probleme, deren Angst und Bedenken verstellen den Blick auf die Zukunft, die nehmen nur noch Zerstörung und Begrenztheit wahr. All denen sagt dieses Fest heute: Überseht die kleinen Hoffnungszeichen nicht! Nehmt jedes Neugeborene wahr als Gottes gewollte und durch Liebe geschenkte Zukunft! Achtet auf jedes neue Lebenszeichen! Nehmt um euch herum wahr, wo sich Lebensknospen und Hoffnungszeichen befinden, und bewertet sie nicht als Täuschung, sondern traut ihnen zu, was in ihnen steckt!
Die Hoffnung des Simeon und der Hanna gründet in Gottes Wort, in seiner Verheißung. Und dieses Wort haben sie durchgetragen durch all die Etappen und Wegabschnitte ihres Lebens. Dieses Wort hatten sie bei sich auf den breiten Straßen des Erfolgs, auf den Pfaden der Liebe, auf den mühsamen Treppen, in den Abgründen der Sorgen und den Schluchten des Leides. Aber in diesem Wort war Gott gegenwärtig. Dieses Wort haben sie in ihrem Herzen bewahrt, auf ihr Leben abgefragt, vielleicht manches mal verständnislos bedacht und gelesen, aber nicht vergessen. Und deshalb waren sie so wach, als das Wort Gottes in Erfüllung ging, als er einlöste, was sein Wille ist: Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.
Zu all dem, so glaube ich, wollen uns die beiden heute bringen. Lassen wir sie zu uns reden. Freuen wir uns, dass wir - dank ihnen - dabei sein dürfen und ihren Lobpreis mitsingen: Im Blick auf dich und im Hören auf dein Wort wird unser Leben heil! Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

09.02.2014

5. Sontag im Jahreskreis
Mt 5, 13-16

Dinge, die nicht viel kosten, genießen für gewöhnlich nicht allzu viel Wertschätzung. Was fast nichts kostet, das ist eben auch nicht kostbar. So käme heute niemand auf die Idee, gewöhnliches Salz, das man billig in jedem Supermarkt kaufen kann, für etwas Wertvolles zu halten. Das sah früher ganz anders aus. Spuren davon finden sich noch heute in unserer Sprache. Das Wort Salär beispielsweise erinnert noch heute daran, dass römischen Legionären ihr Gehalt zeitweise in Form von Salz ausbezahlt wurde. So wertvoll waren die weißen Kristalle damals, dass sie als Zahlungsmittel dienten! Manche Gegenden in unserem Land verdankten ihren früheren Reichtum der Produktion von Salz und dem Handel damit. Salzstraßen zogen sich durch das ganze Land¸ So sorgte das Würzmittel dafür, dass Lebensadern des Austauschs von Waren wie auch geistiger Errungenschaften entstehen konnten. Salz war kostbar. Kostbar durchaus auch in dem Sinne, dass viele Nahrungsmittel erst durch die Verwendung von Salz für lange Zeit als menschliche Kost geeignet blieben – und natürlich, dass sie ihren faden Geschmack verloren.
Dem Dichter Bert Brecht wird das folgende Wort zugeschrieben: “Kopfzerbrechen bereiten mir in der Bibel nicht die Worte, die ich nicht verstehe, sondern die Worte, die ich verstehe.” Es ergeht uns allen vielleicht ähnlich, wenn wir die Worte Jesu hören, die er am Ende der Bergpredigt gesprochen hat: “Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt!”
Es heißt nicht “ihr werden es sein”, und auch nicht “ihr sollt es sein”, sondern “ihr seid es!” Ein Wort Jesu, das uns zu denken geben sollte.
Ich brauche ihnen nicht zu erklären, welche Bedeutung das Salz für den Geschmack einer Speise hat. Jesus nimmt bewusst das Bild vom Salz um seinen Zuhörern etwas Bedeutsames für das Christsein zu sagen.
Der Schweizer Autor Johannes Niederer hat in seinen „Geschichten von gestern für Menschen von heute“ von einem Christen erzählt, der versuchte mit seinem Christsein radikal ernst zu machen. Indem er versuchte, radikal „Salz der Erde“ zu sein, versalzte er gründlich das Leben seiner Mitmenschen. Und indem er sich bemühte, radikal „Licht der Welt“ zu sein, blendete er die anderen.
Eines Sonntags hörte er eine geistreiche Predigt, die bei ihm auf fruchtbaren Boden fiel. Der Prediger sagte etwa so: „Wir können im Alltag zuweilen so radikal christlich sein, dass wir dabei radikal unchristlich werden.“
Und siehe: Unser Christ wurde so „Salz der Erde“, dass er das Leben seiner Mitmenschen würzte. Zudem wurde er mehr und mehr auf eine Weise „Licht der Welt“, dass andere sich im milden Schein seiner Liebenswürdigkeit und Güte erwärmten und erfreuten.
Es ist nicht schwer, die drei Phasen zu erkennen, die dieser Christ durchlief. In der ersten Phase bestand kein wesentlicher Unterschied zwischen ihm und seinen Mitmenschen. Er lebte in der Welt und wie die Welt. Der sonntägliche Gottesdienstbesuch hatte keinen tief greifenden Einfluss auf sein alltägliches Leben, das im Strom der übrigen dahinfloß. Er dachte und handelte, wie man eben in der Welt zu denken und zu handeln pflegte, um vorwärts zu kommen. Die öffentliche Meinung bestimmte seine Maßstäbe. So war er weder Salz noch Licht.
Wer wird bestreiten, dass es eine ständige Gefahr aller Christen ist, aus Angst, von der Welt abgeschrieben zu werden, das eigene Verhalten dem gängigen Trend anzupassen? Mit solcher Anpassung schwinden das „Unterscheidend-Christliche“ sowie die Glaubwürdigkeit des Christen und der Kirche. Daher schreibt auch der Apostel Paulus in seinem Römerbrief: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr Prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist, was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.“
Dieses oder ähnliches muss jenem Mann zu Bewusstsein gekommen sein, als er anfing, sein Christsein radikal ernst zu nehmen. Es ging ihm auf, dass von einem lebendigen und kraftvollen Glauben nur die Rede sein kann, wenn sie der Christ immer wieder aus den Bindungen dieser Welt herausrufen lässt. Er ließ sich herausrufen, um das besondere und Außerordentliche des Christlichen zu tun. Worin besteht es? Darin, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ zu sein.
So bot er alle Kraft auf, beides zu werden. Dabei fiel er jedoch in ein anderes Extrem. Er wurde zu einem rücksichtslosen, hartherzigen und verständnislosen Fanatiker. Unter allen Umständen und mit allen Mitteln versuchte er seine Idee seiner Umwelt aufzuzwingen. Kein Wunder, dass der unerleuchtete Christ seine Mitmenschen blendete und ihnen das Leben gründlich versalzte. Daher ging man ihm aus dem Weg. Hätte er im Zustand seiner inneren Vereinsamung nicht jene geisterfüllte Predigt gehört, er wäre sicherlich in seine frühere Lebensweise zurückgefallen.
In seiner Ratlosigkeit war er für das Wort des Predigers disponiert: „Wir können im Alltag zuweilen so radikal christliche sein, dass wir dabei radikal unchristlich werden.“ Dieses Wort holte ihn aus seiner Verschlossenheit heraus. Es öffnete ihn für die Wirklichkeit Gottes, der sich nicht in einer fanatischen Idee, sondern in einer die Menschen liebenden Person offenbart.
Aus einem Aktivisten wurde in der dritten Phase ein Empfangender. Bevor er die anderen verwandeln konnte, musste er selbst verwandelt werden. Das war die wahre Erleuchtung des unerleuchteten Christen. Sie wurde ihm zuteil, indem er sich öffnete, damit Jesus Christus die Wandlungsworte über ihn spreche, die Worte: „Gott liebt dich!“
Allein diese Worte sind es, die den Menschen aus den Bindungen der Welt und von der krankhaften Unruhe des Fanatikers, der sich nicht geliebt weiß, befreien. „Gott liebt dich!“ Wer die Kraft dieser Worte in sich entfalten lässt, der weiß sich von seiner Bedeutungslosigkeit und Namenlosigkeit erlöst. Er fühlt sich bejaht und angenommen.
Wodurch unterscheidet sich denn der Christ vom Nichtchristen? Der Christ hat erfahren, dass Gott in liebt. Diese Erfahrung macht ihn liebenswürdig und gütig: Er gibt weiter, was er empfangen hat. So wird das Handeln des Christen nicht bestimmt durch das Handeln der Menschen, sondern durch das Handeln Gottes an ihm.
Betrachten wir an dieser Stelle die Bilder, die Jesus gebraucht, um das Besondere und Außerordentliche des Christlichen zu veranschaulichen. Immer macht er es so, dass er von den Dingen ausgeht, die zur menschlichen Alltagswelt gehören. Dann aber lenkt er unseren Blick auf das, was wir noch nicht bedacht haben.
Christen sind „das Salz der Erde“. Das Salz gibt den Speisen die Würze. Ohne Salz bleibt das Essen fad. Warum haben heutzutage viele Menschen die Freude am Leben verloren? Warum zweifeln sie am Sinn ihres Daseins? Warum schmeckt ihnen die Arbeit nicht mehr? Liegt es am Leben; liegt es an der Arbeit? Oder liegt es nicht daran, dass sie all dem keine Würze zu geben vermögen? Die Frage ist: Für wen leben wir? Wer nur für sich selber lebt, muss den Geschmack am Leben bald verlieren. Erst im Für-die-anderen-Dasein erschließen sich Sinn und Freude des Lebens. Das Dasein für andere gibt dem Leben seine Würze. Genau das soll am Leben der Christen offenbar werden.
Christen sind zudem „das Licht der Welt“. Lichter sind Orientierungspunkte. Man denke an die Beleuchtung in der Dunkelheit oder an die Ampeln im Verkehr. Sie helfen uns den rechten Weg zu finden und bewahren uns vor vielen Gefahren. Ähnlich sollen die Christen durch ihre Güte und ihre Liebenswürdigkeit den richtigen Weg zeigen und auf die gefahren aufmerksam machen.
Das gilt nicht nur innerhalb der Kirche. „Christentum, das nur bis zur Kirchentür reicht, nützt nicht allzu viel, es sollte überall in unserem Alltagsleben sichtbar werden. Als Christen sollte man uns daran erkennen, wie wir mit Verkäufern, Kellnern, Angestellten oder Vorgesetzten umgehen, an der Art, wie wir ein Spiel betreiben oder Autofahren, an der Art, wie wir sprechen, und schließlich auch an dem, was wir lesen. Jesus hat nicht gesagt: `Ihr seid das Licht der Kirche` sondern: ´Ihr seid das Licht der Welt´“.
Salz der Erde und Licht der Welt, inwieweit sind wir es? Amen
P. Paul Mühlberger SJ

16.02.2014

6. Sonntag im Jahreskreis A
Mt 5, 16-37
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Heinz Rühmann war seinerzeit dankbar dafür, dass er „diesen großen Text“ auf eine Schallplatte sprechen durfte. Friedrich Dürrenmatt nennt sie die „Rede der Reden“- Augustinus rühmt sie als die „vollkommene Predigt“. Exegeten charakterisieren sie als „biblisches Urgestein“, als „Mitte und Summe des Evangeliums“ oder als „Eingangspforte zum Himmelreich“. Gemeint ist die Bergpredigt.
Beim „normalen“ Gottesdienstbesucher, der das Sonntagsevangelium hört, werden diese Verse aus der Bergpredigt vermutlich eher zwiespältige Gefühle wecken und ihn mit einer gewissen Ratlosigkeit zurücklassen. Gibt es jetzt noch mehr Gesetze als es sie schon im Alten Testament gab? Man stelle sich das nur einmal vor: Jeder, der sich im Zorn ereifert gegen seinen Nachbarn, sollte ein Strafverfahren an den Hals bekommen. Und Jeder, der zu einem Kollegen „Du Dummkopf“ sagt, müsste sich sogar vor dem Gericht verantworten. So ist es leicht zu verstehen, wenn dieser Text aus der Bergpredigt in uns zwiespältige Gefühle zurücklässt. Gewiss, die eine oder andere Textstelle weckt auch unmittelbare Sympathie. Aber die meisten Verse lösen doch eine gewisse Ratlosigkeit und einen gefühlsmäßigen Widerstand aus. Wird da das Heil nicht von verschärften Gesetzen erwartet? „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wird es weg!“ - „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, ist in seinem Herzen schon ein Ehebrecher!“ - Riecht das nicht alles nach einem moralischen Rigorismus, der alles verlangt und wenig bringt?
Das kann doch kein Mensch ernst nehmen, das kann doch unmöglich ernst gemeint sein! Das Problem ist nur: Wenn wir erst einmal damit anfangen, das Evangelium nicht wörtlich zu nehmen, dann gibt es kein Halten mehr. Dann braucht man auch den Kreuzestod Jesu nicht wörtlich zu nehmen. Auch nicht seine Auferstehung und Himmelfahrt. Dann braucht man eigentlich den gesamten christlichen Glauben nicht wörtlich zu nehmen! Nun könnten wir raffiniert sein und zurückfragen: „Jesus, du hast so schwer zu verstehende Forderungen aufgestellt. Hast du dich eigentlich selber daran gehalten? Wie war das mit den Pharisäern? Hast du sie nicht „Schlangenbrut“ und „übertünchte Gräber voller Verwesung“ genannt? Du hast zwar gesagt, dass man auch noch die andere Wange hinhalten soll, wenn man eine Ohrfeige bekommt; aber beim Verhör vor dem Hohepriester hast du dich dagegen gewehrt. Wie sollen wir das alles verstehen?
Um zu verstehen, was Jesus will, muss man eine wichtige Unterscheidung treffen und zwei Dinge scharf auseinanderhalten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Nicht-wörtlich-Nehmen und Nicht-ernst-Nehmen! Man kann z.B. viele Worte Jesu schon deshalb nicht wörtlich nehmen, weil es Bilder und Gleichnisse sind. Aber man muss sie unter allen Umständen ernst nehmen und den Sinn dieser Bilder und Gleichnisse ergründen, ihre eigentliche Wahrheit herausfinden. Und so finden wir den Schlüssel zum Verständnis dieses Textes und sagen: Jesus wollte keineswegs das Gesetz des Moses verschärfen und die Moralschraube um einige Windungen weiterdrehen. Der Sinn des Textes liegt darin, dass Jesus sagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werden ihr nicht in das Himmelreich kommen!“ Was aber bedeutet „Gerechtigkeit“ im Alten Testament? Gerechtigkeit heißt für den frommen Israeliten: dem anderen gerecht werden; die Bindungen einhalten, die man eingegangen ist; zu dem stehen, was einem anvertraut ist. Und da gibt es sehr wohl ein weniger und ein mehr. Man kann eingegangene rechtliche und persönliche Bindungen dem Buchstaben nach erfüllen, lieblos, freudlos, - sinnlos. Und man kann über das üblicherweise Gebotene hinaus jemandem entgegenkommen, ihm beistehen, ihn aufrichten und ihm aufhelfen. Jesus steht in dieser Tradition.
Jesus geht den Dingen auf den Grund. Nicht eine bloß nach außen hin zur Schau gestellte Gerechtigkeit zählt, sondern das Verhalten unseres Herzens. Das erste Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich menschlicher Aggressivität. Nicht erst der vollzogene Mord, sondern schon der unversöhnliche Zorn macht den Menschen vor Gott schuldig - deshalb hat er dieselbe Strafe verdient. Solcher Zorn lässt uns vor Gott einem Mitmenschen das Entscheidende schuldig bleiben: die Versöhnung. Denn Versöhnung, zumindest der ernsthafte Versuch damit, das wäre unsere Antwort auf die ständige Aussöhnung Gottes mit uns Menschen. Denn er lässt seine Sonne über die Guten und Bösen leuchten, d.h. er kennt keine Unversöhnlichkeit.
Das zweite Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich der Sexualität. Nicht erst der vollzogene sexuelle Akt, sagt er hier, sondern schon der besitzen-wollende Blick bricht die Ehe. Denn mit einem solchen begehrenden Blick brichst du schon ein in die Ehebeziehung von Mann und Frau. Mit den Augen Jesu, mit den Augen Gottes gesehen, brichst du damit schon ein in die großartige Beziehung Gottes zu den Menschen, die in der Ehe von Mann und Frau sich spiegelt.
Ein weiteres Gegensatzpaar betrifft die menschliche Wahrhaftigkeit: Nicht erst der Meineid ist, sagt Jesus, verwerflich; jedes Reden schon, das nicht von absoluter Lauterkeit getragen ist, stammt vom Bösen - jedes Ja, das eigentlich kein Ja ist und jedes Nein, das eigentlich kein Nein ist. Als Christen dagegen dürfen wir Maß nehmen an Gottes eindeutiger Wahrhaftigkeit und Treue uns gegenüber, an seiner kompromisslosen Solidarität mit den Schwachen und Armen, die er in Jesus gezeigt hat.
Die Forderungen Jesu bedeuten zweifellos eine Verinnerlichung der Gesetzesforderungen. Sie treffen das Übel an der Wurzel, nämlich im Herzen des Menschen. Der Mensch kann sein Gewissen nicht mehr damit beruhigen, dass er kein Gesetz übertreten habe. Eine solche Gesetzesmoral genügt nicht. Das wäre die kritisierte Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer: Jesus beansprucht im Namen Gottes den ganzen Menschen bis in die letzte Ecke seines Herzens. Er lässt ihm keine gesetzliche Hintertür offen, durch die er sich seiner Verantwortung für den anderen entziehen könnte. Jesus hält ein nur am Gesetz orientiertes Handeln zur Regelung menschlicher Beziehungen überhaupt für untauglich - so notwendig Gesetze auch sein mögen. Dieses Unzureichende des Gesetzes deckt Jesus auf und lädt seine Hörer ein, darüber hinauszugehen. Grenzüberschreitung ist ein Wesensmerkmal dieser „größeren Gerechtigkeit“ der Ethik Jesu.
Geben wir es ruhig zu: Die scharfen Forderungen der Bergpredigt sind eine Zumutung. Allerdings nur dann, wenn wir meinen, dass wir sie allein mit menschlicher Willens- und Moralanstrengung bewältigen könnten. Dann müssen wir an der Bergpredigt scheitern und sie als „weltfremd“ oder als eine „Sache für Auserwählte“ abtun.
Für Nicht-Liebende ist das Verhalten von Liebenden, ihre gemeinsame Freude, ihr gemeinsames Verstehen, ihr Einsatz füreinander unverständlich, zuweilen fast abstoßend „übertreiben“. Alles kommt bei der Bergpredigt also darauf an, zuerst die Liebe und Freundschaft Gottes zu entdecken und zu erwidern. Dann werden ihre Forderungen zu Wegen, die uns Gottes Liebe tatsächlich gehen lässt - in Freiheit und Freude. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

02.03.2014

8. Sonntag im Jahreskreis A
Mt 6, 24-34





Kann man diese Sorglosigkeit, von der Jesus hier spricht wirklich ernst nehmen?
Verlangt Jesus von uns, dass wir einfach in den Tag hinein leben sollen ohne an die Zukunft und an die lebensnotwendigen Dinge zu denken? Walter Dirks, ein kompetenter und angesehener Gesellschaftswissenschaftler aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, hat einmal geschrieben: „Einige Heilige sind für ihre Sorglosigkeit berühmt. Teresa von Avila gründete Klöster, Maria Ward gründete Schulen, Franziskus gründete gar nichts – jene Frauen machten Schulden und verließen sich auf die Vorsehung, dieser machte nicht einmal Schulden. Es gibt vereinzelt solche Kostgänger des lieben Gottes auch heute noch, sie könnten eine Funktion haben, und es ist anzuraten, sie zu respektieren: Freiheit bleibt auch in solchen Grenzfällen ein kostbarer Wert.“
Walter Dirks meint auch hier das Freiwerden von übergroßer Sorge. Und dann kommt er auf die soziale Verpflichtung zu sprechen: „Verbrecherisch wäre es volkswirtschaftlich sorglos auf langfristige Vorsorge zu verzichten. Solche Konsequenzen würden nicht nur uns selbst, nicht nur die uns besonders anvertrauten Mitmenschen, sondern die ganze Menschheit und am meisten die Ärmsten, die unterentwickelten Zonen rasch in die Katastrophe führen.“
Man sollte auch nicht übersehen, dass zurzeit Jesu die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig anders waren als in unserer hoch komplizierten, globalen Gesellschaft. Jesus richtet seine Worte an diejenigen, die mit ihm durch die Städte und Dörfer von Galiläa, Judäa und Samarien zogen. Sie konnten mehr als wir darauf vertrauen, dass der jeweilige Tag sie mit dem Lebensnotwendigen versorgt.
Also hat auf Grund dieser Sicht diese Evangelienbotschaft für uns scheinbar nichts zu sagen? Dann hätte man besser für den heutigen Sonntag ein anderes Evangelium wählen sollen! Aber es steckt hinter der Aufforderung zur Sorglosigkeit viel mehr dahinter als man oberflächlich ahnt.
Das Evangelium von heute beginnt mit dem Hinweis, dass niemand gleichzeitig zwei Herren dienen kann: Gott und dem Mammon. Mammon darf man nicht einfach mit Geld oder Vermögen übersetzen. Mit Mammon ist alles gemeint, das Menschen in großer oder kleiner Menge auf eine im Grunde unlautere Art erwerben: Sei es Geld, Besitz, Ruhm, Ehre, Titel, Posten. Letztere anzustreben – zum Beispiel ein gutes Einkommen, Reichtum, Ansehen Einfluss steht nicht automatisch im Widerspruch zu Gott. Viel Gutes, wie Gott es wünscht, kann oft nur deswegen getan werden, weil es Wohlhabende, Einflussreiche oder Menschen mit solidem Einkommen gibt, die mit den Gaben und Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, nicht geizen, sondern sie teilen und zum Wohle anderer einsetzen.
Jesus will auch nicht das Gewinnstreben als solches madig machen; er lehnt es aber dort ab, wo es unlauter geschieht. Bei dem Gebrauch des Wortes „Mammon“ werden Jesus alle jene vor Augen gestanden haben, die durchaus regelmäßig ihre Gebete verrichteten, die Fasttage einhielten, zu den gemeinsamen Gebetszeiten in den Tempel gingen, gut und begeistert von Gott sprachen, aber keine Hemmungen an den Tag legten, zu betrügen, zu bestechen, jemanden raffiniert auszunutzen, mit Hinterhältigkeit Land zu erwerben, Ellbogen einzusetzen, unlautere Posten zu ergattern, im Trüben zu fischen.
Nach dieser Klärung wendet sich Jesus der Sorge zu. Die ängstlich überzogene Sorge ist es, die er ins Visier nimmt, weil sie mit der ihr anhaftenden Verzagtheit oft den Blick für Wichtigeres verstellt. Wie an anderen Stellen der Bibel können wir auch hier beobachten, dass Jesus sich nicht wie ein giftiger Ankläger oder polternder Kritiker gebärdet. Mit Feingefühl nähert er sich den Menschen. Zu sehr kennt er die Härten des Lebens. Er kann nachempfinden, dass Menschen Angst befällt und sie gefangen nimmt. Unsicher und schnelllebig ist vieles im Leben. Wechsel und Änderungen kündigen sich längst nicht immer beizeiten an, sodass man sich darauf vorbereiten könnte. Böse Überraschungen schleichen sich oft an, stehen über Nacht vor der Tür, erschrecken und wecken das Gefühl der Überforderung.
Angst empfinden – das ist Jesus klar – ist nicht von vornherein etwas total Negatives. Angst lässt aufmerken, vorsichtig werden, nicht unbedacht und gedankenlos ans Werk gehen. Diese positive Angst will Jesus uns auf keinen Fall nehmen. Aber es gibt auch die unnötige, von uns überzogene und übersteigerte Angst. Ihr wendet er sich zu. Seiner aufmerksamen Beobachtung ist nicht entgangen, dass ängstliche Sorge oft dort entsteht, wo die Sorge Gottes um uns Menschen und das Vertrauen auf ihn aus dem Blick gekommen sind. Jesus unterstellt dafür keine Böswilligkeit oder Gleichgültigkeit. Umso mehr wirbt er mit seinen Bildern für eine Besinnung. Mit dem Hinweis auf die Vögel, die Lilien, das Gras für die Gott sorgt, möchte Jesus alle Verzagten zur Erneuerung ihres Vertrauens in Gott führen. Wenn Gott die Natur wachsen, gedeihen und nicht untergehen lässt, warum sollten wir Menschen dann daran zweifeln, dass Gott nicht auch für uns Sorge trägt. Wir sind ihm viel zu wertvoll, als dass er uns übersehen und vergessen könnte. Dies sollten wir uns immer wieder bewusst machen und tief einprägen, um unsere Ängste in einem vernünftigen und erträglichen Rahmen zu halten.
Wir wissen nicht, wie ernsthaft die Menschen damals Jesu Worte angenommen und bedacht haben. Auch wir müssen uns entscheiden, jeder für sich, wie wir mir Jesu Worten umgehen wollen. Ich gehe davon aus, dass wir, die wir hier sind, schon gute Erfahrungen mit dem Gottvertrauen gemacht haben. Gottvertrauen schenkt Kraft, führt aus der Enge heraus, reduziert die Angst, lässt uns gelassener an die Aufgaben des Alltags und des Lebens gehen. Gottvertrauen öffnet uns die Augen, sodass wir die Situationen erkennen, wo Hilfe des Himmels uns zuteilwurde und begleitet hat. Überzogene Angst nimmt uns die Sicht für Gottes Hilfe und Beistand, in die wir eingebettet sind selbst dann, wenn sogenannte Schicksalsschläge an uns herantreten.
Eine Bitte und eine Aufforderung gibt uns Jesus noch mit auf den Weg, die ich folgendermaßen formulieren möchte. Ich höre Jesus sagen: Wenn ihr euch schon sorgt – und tut dies, denn vernünftige Sorge gehört zum Menschen – dann verliert nicht das Reich Gottes aus dem Blick. Diese Sorge ist wichtiger als die Sorge um Essen und Trinken, Kleidung, Freizeitgestaltung.
Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit nicht vergessen heißt z.B.: Mit dafür Sorge tragen, dass Aussöhnung geschieht, den Kleinen und Schwachen zu ihrem Recht verholfen wird, Menschen in ihrer Not Beistand und Hilfe erfahren, über Gott und seine Weisungen nicht ein Schleier gehängt wird, dass der Glaube bei Entscheidungen berücksichtigt wird.

P. Paul Mühlberger SJ

09.03.2014

1. Fastensonntag
Mt 4,1-11



Jesus geht zu Beginn seines öffentlichen Lebens in die Wüste. Die Wüste ist in der Glaubensgeschichte Israels Ort der Erprobung ihres Glaubens. Gott zieht mit ihnen in die Wüste. Aber ihre Gotteserfahrungen in der Wüste sind zeitweise so dünn, dass sie nur noch das Wort der Zusage, aber nicht mehr die Erfahrung seiner Nähe haben. So erliegen sie der Versuchung, Gott abzuschreiben und stattdessen auf ein goldenes Kalb zu bauen. Gott schenkt ihnen aber die Erfahrung, dass er trotz Versuchungen und Glaubensabfall zu seinem Volke steht, es in der Wüste nicht allein läßt, es aus der Wüste herausführt. An diesen Ort geht Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Es ist ja eigentlich selbstverständlich, dass jemand, der eine wichtige Botschaft zu verkünden hat, zunächst einmal überlegt, wie er diese Botschaft zu den Menschen bringen kann, zu all den Menschen, die ihre Ohren voll haben von verschiedensten Botschaften
Matthäus schildert diese Versuchung Jesu sehr plastisch, indem er das was in Jesus geschieht nach außen sichtbar macht in der Gestalt des Teufels, der mit Jesus eine Unterredung beginnt. In diesen drei Versuchungen geht es um Dinge, die Menschen dieser Welt immer wieder gebrauchen, wenn sie versuchen Einfluß auf die Menschen zu gewinnen. Steine zu Brot machen – das ist die Versuchung, den natürlichen Hunger der Menschen zu stillen. Sattheit macht den Menschen gefügig, macht ihn hörig gegenüber dem, der ihnen den Magen füllt. Schon die Herrscher im alten Rom wußten, das, wenn sie für das immer wieder unzufriedene Volk „Brot und Spiele“ veranstalteten. Sie boten den Menschen einen äußerlichen Spektakel, um den Hunger nach dem Wesentlichen zu unterbinden.
Die zweite Versuchung, die an Jesus herangetragen wird ist die Versuchung zur Show, zum äußerlichen Glanz. Sich von der Zinne des Tempels herunter zu stürzen, das wäre doch etwas, das die Menschen in Erstaunen versetzen könnte. Das wäre doch etwas, womit man Anhänger gewinnen könnte. Aber auch diese Versuchung lehnt Jesus entschieden ab.
Die dritte Versuchung ist die zur Macht. Wir wissen sehr wohl, das Mächtige, wenigsten so lange sie an der Macht sind über Anhänger nicht zu klagen haben. Und vielleicht hätten wir Jesus gerade zur Macht geraten. Er hätte sie ausüben können. Er hätte auftreten können mit äußerlichen Machterweisen, die dem Volk das nötige Staunen abgerungen hätten, er hätte auftreten können mit der Macht des lebendigen Gottes; aber er übte keine Macht aus.
Was wollte er? Wie wollte er die Botschaft von seinem Vater an uns herantragen? Nicht als Brotmessias, nicht als Showmessias und auch nicht als Machtmessias. Er kam vielmehr in aller Bescheidenheit und Menschlichkeit auf uns zu. Das Evangelium gibt uns Zeichen genug davon.
Vielleicht denken sie sich beim Anhören dieser Evangelienstelle auch: Wieso konnte Jesus als der Sohn Gottes überhaupt versucht werden, wieso mußte er nach Wegen für seine Verkündigung suchen? Bedenken wir aber: Jesus war nicht nur Sohn Gottes, er war auch ein Mensch und von ihm heißt es am Ende der Kindheitsgeschichte: „Er nahm zu an Alter und Weisheit vor Gott und den Menschen“. Es gehört zur Herablassung des Gottessohnes, dass er auch in seiner Verkündung und in seinen Überlegungen menschliche Wege ging, in denen sich die Pläne seines Vaters ihm zeigten.
Das ist alles recht gut und schön; aber es liegt doch sehr nahe, die Wüste nicht nur zu betrachten aus der Sicht eines Touristen, der mit dem Bus durch sie fährt oder mit dem Flugzeug sie überquert oder sie nur als Fotomotiv betrachtet. Auch in unserem Leben gibt es die Wüste. Die Wüste als Lebenssituation, das ist bedrückend. Mancher fühlt sich wie in der Wüste, in der er verhungert, verdurstet, in der er umzukommen droht, in der die wilden Tiere wach werden, in der er vergeblich nach den Engeln ausschaut, die ihm dienen. Über Nacht können wir in der Wüste einer schweren Krankheit sein. Von heute auf morgen findet sich einer in der Wüste der Arbeitslosigkeit, in der Wüste einer ungesicherten und bedrohten Existenz wieder. Für andere heißt die Wüste Einsamkeit, Alleinsein, Trauer und Verlust. Schleichend rutschen wir oft hinein in die Wüste der Sinnlosigkeit; wir haben oberflächlich gelebt, wir haben uns hinreißen lassen vom Sog des Arbeitens, des Schaffens, haben uns keinen Raum genommen, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, der Seele Nahrung zu geben. Und irgendwann werden wir wach in der Wüste, fragen uns, was das alles soll, und dann haben wir oft keine Reserven, aus denen wir eine Antwort schöpfen könnten.
Nicht nur als Einzelner, auch als Gesellschaft können wir uns in der Wüste vorfinden. Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft heute zumindest am Rand der Wüste ist. Vieles, was das Leben lebenswert, reich und blühend macht, ist verlorengegangen. Vielleicht ist die Wüste auch wie im Evangelium beschrieben ein Ort der wilden Tiere, in der das „Wilde“ auf- und ausbricht. Und es sind viele „wilde Tiere“ mit denen wir heute als Gesellschaft leben müssen. Ich denke da an die brutale Gewalt, mit der viele Menschen konfrontiert sind, ich denke an den Mißbrauch von Frauen und Kindern, ich denke an das wilde Tier der Profitsucht, das Menschen und Familien zerstört – wahrlich an wilden Tieren fehlt es in unserer Zeit nicht.
Die Wüste stellt den Menschen auf eine harte Probe. In der Wüste fallen Sicherheiten und Annehmlichkeiten weg. Wir sind allein mit uns selber, vielleicht mit ein paar Weggefährten. Und die Wüste stellt auch den Glauben des Menschen auf eine harte Probe. Angesichts von Krankheiten, von unbegreiflichem Schicksal, angesichts des Verlustes eines lieben Menschen, angesichts von Enttäuschung und Sinnlosigkeit, angesichts der „wilden Tiere“ stellen viele die Frage: Wo ist denn Gott? Warum läßt er das alles zu? Warum führt er ausgerechnet mich in die Wüste? Oder kommen nicht alle in die Wüste nur dass es manche gar nicht merken? Gibt es ihn überhaupt, diesen Gott, von dem ich in meiner Wüste so wenig spüre? Die Lebenswüsten werden dem Menschen, der sich glaubend mit Gott verbunden hat, oft zu Glaubenswüsten. Ich kann sie gut verstehen, die Menschen, denen in der Wüste die Knie weich werden und der Glaube schwach. Die Anfechtung kennt der Glaube in der Wüste bis auf den heutigen Tag. Weil Gott so weit weg scheint, weil seine Ferne so schwer auszuhalten ist, baut sich mancher, um wenigstens etwas zu haben, woran er sich halten kann, ein „goldenes Kalb“: Arbeit, Karriere, Reichtum und vieles Andere.
Wenn nun die Wüste Anteil an jedem Menschenleben ist, zum Menschsein dazugehört, dann wollte Jesus wohl in allem uns gleich sein, als er in die Wüste ging. Jesus sagt mir durch seine Wüste: Ich teile deinen Weg.
Jesus geht in die Wüste, lebt mit wilden Tieren – und Engel dienen ihm; ein Bild dafür, dass Gott ihn nicht im Stich läßt. Wenn wir am Aschermittwoch die Fastenzeit begonnen haben, dann war das auch ein Schritt in die Wüste. Ich verzichte in dieser Zeit auf so manches, was ich sonst wie selbstverständlich habe, bereite mir sozusagen selber ein Stück Wüste. Diese Wüste soll mir helfen, zu unterscheiden, was ich im Leben wirklich brauche und was nicht. Sie soll mir aber auch helfen, Gott in der Wüste zu entdecken, die Engel, die mir dienen, zu erkennen, weil ich sie so leicht übersehe. Boten dieses Gottes sind die Engel, die Jesus dienen. Wenn wir Gottes Spuren erkennen wollen, ist es gut, wenn wir einen Blick für die Engel gewinnen. Ob mir das in dieser Fastenzeit gelingt, seinen Engel in meinem Leben zu erkennen? Ob ich sie erkenne, Gottes Engel, auch wenn sie ganz andere, ganz alltägliche Namen tragen, den Namen eines Menschen an meiner Seite, den Namen „Zufall“, den Namen „Glück gehabt“, den Namen „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe!“ Mein Gott, der mir seine Engel in meine Wüste schickt, ist ein Gott des Lebens, er ist ein Gott, der trägt und der führt und der nicht im Stiche lässt. Möge uns das in dieser Fastenzeit immer mehr ins Bewußtsein kommen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

16.03.2014

2. Fastensonntag
Mt 17,1-9 _____________________________________________________





Von jemandem zu sagen, dass er oder sie keinen Durchblick hat, ist eine höchst abfällige Bemerkung; im Geschäftsleben sogar eine vernichtende Kritik. Keinen Durchblick haben, das heißt: die Zusammenhänge nicht erkennen, die Lage falsch beurteilen, fehlerhafte Schlüsse ziehen. Die Folge sind falsche Entscheidungen, die zu einem kleineren oder größeren Chaos führen, vielleicht sogar zum Ruin. Menschen, die keinen Durchblick haben und nicht wissen, wo es langgeht, machen sich und anderen das Leben schwer und kommen leicht in den Ruf, nicht nur Chaoten, sondern Versager zu sein
Der Berg, auf den Jesus seine drei Jünger mitnimmt, ist ein Ort des Durchblicks. Eines völlig überraschenden Durchblicks. Mit einem Mal sehen sie Jesus, wie sie ihn noch nie gesehen haben. Er zeigt sich ihnen in einer völlig neuen Sicht. Er lässt sie durchschauen auf die Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit, die wir nicht erfassen und kartographieren, wohl aber ahnen, spüren, erfahren und glauben können. Die andere Wirklichkeit, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfallen in dem, was wir Ewigkeit nennen. Dass Moses und Elias, die Großen des Alten Bundes, hier erscheinen, hat damit zu tun. So begegnen sie hier den Zeugen des Neuen Bundes, Petrus, Jakobus und Johannes.
Dass Petrus hier Hütten bauen will, ist kein Wunder. Wir sind geneigt, über seine Naivität mitleidig zu lächeln. Aber wir sind nicht anders. Im Gegenteil! Die großen Konzentrationspunkte des Lebens Jesu, zu denen der Tabor zählt, werden vor allem in unserem Jahrhundert als leicht zu buchende und bequem zu erreichende Reiseziele vermarktet. Es ist schön auf dem Tabor. Der Blick geht weit in die fruchtbare Ebene. Für einen Israelbesuch gehört er zum „Muss“. Das schöne Erlebnis einkaufen? Ein bisschen Ewigkeit einkaufen? Gewiss ist dieser Ort ehrwürdig. Aber der Ort selbst vermag nichts, als darauf hinzuweisen, dass es unserem Leben als Christen immer wieder um den Durchblick geht und diesen Durchblick, die richtige Perspektive für unser Leben bietet nicht irgendein Ereignis, auch nicht irgendein Ort, sondern Jesus Christus selbst und seine Botschaft. Wir ertappen uns ja immer wieder, dass wir sehr leicht im Vordergründigen stecken bleiben. Ein paar schöne Stunden, ein paar freudvolle Erlebnisse trösten uns allzu leicht über unsere Probleme und Schwierigkeiten hinweg und oft vergessen wir das eigentliche Ziel. Wir schaffen uns immer wieder Ersatzbefriedigungen und sogar Ersatzreligionen. Wir führen immer wieder den gleichen Tanz um das goldene Kalb auf.
Glückliche Augenblicke können wir nicht festhalten, wir können sie nur dankbar entgegennehmen und sie durchsichtig werden lassen auf Gott, der sie uns schenkt. Die Jünger können aber nicht immer auf dem Berg bleiben. Sie müssen vom Tabor wieder hinunter in die Ebene ihres gewöhnlichen Lebens. Sie werden wieder konfrontiert werden mit den Aussagen Jesu, der von seinem Kreuz und von seinem Leiden spricht. Da müssen sie sich bewähren. Aber das Erlebnis, das sie auf dem Berg hatten, sollte ihnen Trost geben in allen jenen Situationen, in denen sich ihr Blick verengt, in denen die Ereignisse des Lebens den Durchblick zu verstellen drohen, in denen das Ziel unsichtbar wird.
Ich glaube, dass jeder Mensch im Laufe seine Lebens ähnliche Erlebnisse hat, wie sie die Jünger auf dem Tabor hatten, Erlebnisse und Erfahrungen der Sicherheit im Glauben, eine lebendige Hoffnung, als das, was wir im geistlichen Leben mit dem Wort „Trost“ bezeichnen. So ist dieses Evangelium auch zu verstehen als eine Wegbeschreibung zu Durchblicks-Erfahrungen. Jesus nimmt seine Jünger mit auf den Berg. Er setzt Mitgehen voraus, Mitgehen mit Jesus, Sich-einlassen auf ihn, auch auf eine mühsame Bergbesteigung. Das ist die Erfahrung der Mystiker. Auch wenn unseriöse Spiritualitäts-Verkäufer und Seelenfänger uns immer öfter weismachen wollen, mystische Erfahrung ließe sich bequem im Vorbeigehen mitnehmen, die Mystiker aller Jahrhunderte lehren uns, dass sie ihre großen Glaubenserfahrungen auf Wegen gemacht haben, auf denen sie Schritt für Schritt, oft auch hin und her und vor und zurück, sich bemüht haben, mit Jesus verbunden zu sein und ihm in ihrem Leben nachzufolgen.
Um noch einmal auf das Wort vom „Durchblick“ zu kommen, den wir so nötig haben. Kann ja sein, dass wir den Durchblick gar nicht so gerne mögen. Als Jesus vom Ende seines irdischen Lebens spricht, da wehrt sich Petrus gegen diesen Durchblick. Und auch wir wollen uns nicht gern mit dem Ende unseres irdischen Lebens befassen, in Zeiten, in denen es uns gut geht schon gar nicht. Das Wort vom Ende erinnert an den Tod und erweckt eher dumpfe Assoziationen. Eigentlich ist das Wort vom „Ende“ ja schlecht gewählt. Im Lateinischen heißt es „et respice finem“, was übersetzt die Bedeutung hat: Denke an das Ziel! Es geht nicht um ein Ende, sondern um Vollendung, es geht nicht um einen Abbruch des Lebens, sondern um dessen Verwandlung. Die Einstellung zum Heute, zum Weg meines Lebens, hängt entscheidend davon ab, wie ich das Ziel betrachte und einschätze. Wenn ich vom Ende spreche, dann ist allerdings jeder Tag, der vorübergeht, ein Stück Beraubung meines Lebens, dann renne ich ständig gegen die Uhr, und doch bleibt die Uhr am Ende Siegerin. Ist das Ende aber nicht Ende, sondern Vollendung und Verwandlung, dann gehe ich froh und zuversichtlich voran. Dann kann ich manches loslassen, weil es mir nicht genommen, sondern am Ziel in eine bleibende Wirklichkeit hineingenommen wird. Von diesem Ziel her empfange ich auch die Kraft für den Weg, für seine Mühen und Gefahren, für die Bewältigung der Schwierigkeiten und Hindernisse.
Interessant ist, dass es sich bei den Durchblickserfahrungen unseres Lebens nicht um etwas handelt, das aus dem Rahmen fällt. Es geht um Erfahrungen mitten im Alltag. Der Tabor ist nicht zuerst ein Ort, er ist ein Ereignis, das sich überall ereignen kann, wo wir offen sind. Ein anderer Mensch, die Schönheit der Schöpfung, ein Augenblick wirklicher Stille, ein kleiner oder großer Erfolg. Eine Erfahrung des Gebets. Momente, in denen wir spüren: Es gibt mehr. Es gibt sozusagen einen Blick hinter die äußere Wirklichkeit, es gibt einen Blick hinter das vordergründige Glück. Es gibt Momente, in denen wir am eigenen Leibe Auferstehung spüren, Momente, in denen der verklärte und auferstandene Christus erfahrbar wird.
Christen, die sich dafür öffnen, die solche Erfahrungen in ihrem Leben zulassen und sie weitergeben, sind unersetzlich für die Welt. Weil sie wissen, wo es langgeht. Nicht ins Chaos einer sich zerstörenden Diesseitigkeit, sondern in die Herrlichkeit der künftigen Welt. Vielleicht haben wir es noch nicht so richtig bemerkt, aber gerade heute sind Christen mit Durchblick gefragt wie nie. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23.03.2014

3. Fastensonntag
Jo 4,5-42

Sie werden sicher diese Begebenheit aus dem Leben Jesu sympathisch finden. Jesus im Gespräch mit einer Frau, worüber sich die Jünger wundern, denn das war gegen die gängigen Gepflogenheiten. Dann das Gespräch, das sich zunächst auf zwei ganz verschiedenen Ebenen bewegt um dann schließlich in die große Selbstoffenbarung Jesu einzumünden.
Wer war diese Frau? Sie ist eine Samariterin, gehörte also einer Volksgruppe an, die von den Juden gemieden wurde. Sie waren ein Mischvolk, das sich nach der Eroberung Israels mit den babylonischen Kolonisten vermischt hatte. Die Juden mieden es tunlichst bei ihren Wallfahrten nach Jerusalem durch das Gebiet von Samaria zu ziehen. Von Jesus und seinen Jüngern wird berichtet, dass sie in diesem Land keine Aufnahme fanden, so daß Johannes vorschlug, Feuer auf die unfreundlichen Einwohner zu schicken.
Es wundert uns daher nicht, dass die Frau am Brunnen einigermaßen erstaunt war, als sie von einem Juden mit einer Bitte um Wasser angesprochen wurde.
Wer war diese Frau? Im Verlaufe des Gesprächs lernen wir sie wenigstens einigermaßen kennen. Sie war bei ihrer täglichen Arbeit; oblag es ja den Frauen an jedem Tag das Wasser vom Brunnen zu holen. Und gerade bei dieser alltäglichen Tätigkeit, die ihr sicher unangenehm und mühsam war, ereignet sich diese Begegnung mit Jesus, die vermutlich ihrem Leben eine neue Wende gegeben hat.
Es fällt auf, dass sich der Dialog zwischen Jesus und der Frau auf zwei verschiedenen Ebenen abspielt. Sie redet vom Wasser des Brunnens, Jesus spricht vom „lebendigen Wasser“. Und Jesus macht sie gleichzeitig aufmerksam auf seine eigene Person. Er erweckt ihre Neugier. Und als Jesus sagt, dass man von dem Wasser, das er geben möchte, nie wieder Durst bekommt, reagiert die Frau wieder ganz praktisch. Sie bräuchte in diesem Fall nicht jeden Tag zum Brunnen zu laufen.
Nun wechselt Jesus das Thema und fragt die Frau nach ihrem Mann. Sie soll ihn holen. Das bringt sie einigermaßen in Verlegenheit. In ihrem Umgang mit Männern scheint sie sich nicht so ganz korrekt verhalten zu haben. Nun hat sie Jesus durchschaut. Sie merkt es und fühlt sich betroffen. Gleichzeitig wechselt sie das Thema und stellt ihrerseits eine Frage. Das mit ihren Männern war ihr doch zu peinlich, als dass sie näher darauf eingehen möchte. So greift sie ein altes Streitthema auf: Wo muß man Gott anbeten? Auf dem Berg Garizim in Samaria oder auf dem Tempelberg in Jerusalem? Mit der Erklärung Jesu, dass die Anbetung Gottes keinen bestimmten Ort verlangt, kann sie nichts anfangen. Aber der Messias, wenn er kommt wird nach ihrer Ansicht alles aufklären.
Und nun folgt jenes gewichtige Offenbarung Jesu an die Frau: „Ich bin es, der mit dir redet“.
Jedesmal, wenn ich diese Stelle lese, staune ich über die wunderbare Art und Weise, wie Jesus mit dieser Frau gesprochen hat. Da steckt doch viel Feingefühl dahinter. Da wird ein Mensch innerlich aufgebrochen, ohne dass es ihn verletzt oder beschämt.
Es stellt sich nun für uns die Frage, ob diese Geschichte von der Frau am Jakobsbrunnen nicht auch eine hilfreiche Deutung für unsere eigene Situation sein kann?
Die Samariterin, soweit wir sie kennen hat etliche Enttäuschungen, aber auch einige interessante Erfahrungen hinter sich. Aber sie hat sich gewappnet und gibt sich forsch. Sie spielt das bis heute übliche Spiel, das man in der Gesellschaft zu spielen hat: „Bei mir ist alles o.k.!“ Sie kaschiert die Dunkelheiten ihres Lebens. Das ist ihre Art, das Leben mit seinen Fragen zu meistern: Nur nichts an sich herankommen lassen!
In Jesu Augen ist genau das die Art, das Leben zu verfehlen. Indem er ihre Dunkelheiten aufdeckt, begegnet er mitten im Leben ihrem Tod: „Geh und hol deinen Mann!“ Die Frau versucht bei ihrem kaschierendem Verhalten zu bleiben: „Ich habe keinen Mann.“ Jesus nimmt den Satz auf: „Du hast recht.“ Dann sagt er ihr die ganze Wahrheit ihres Elends, ihrer Enttäuschung wie ihrer unerfüllten Sehnsucht auf den Kopf zu: „Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein richtiger Mann!“
Die Frau ist glücklich, dass es endlich einmal ausgesprochen ist. Jesus hat erreicht, dass sie lernt, ihrer eigenen Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Es ist ihr Glück, ihre wirkliche Befreiung, erfahren zu dürfen, wie Jesus der dauernden Täuschung, der Selbsttäuschung wie der Fremdtäuschung, ein Ende setzt. Wie sonst wäre es vorstellbar, dass sie zu den anderen läuft und ihnen sagt: „Kommt, da ist ein Mann, der ist ein Prophet, er hat mir alles gesagt, was ich getan habe. Vielleicht ist er der Messias!“
In der Geschichte dieser Frau eröffnet sich uns eine von vielen Deutemöglichkeiten: Wenn wir enttäuscht sind über Menschen, enttäuscht sind über unsere Situation oder über uns selbst, aber nicht aufhören, nach dem Quellwasser unseres Lebens zu suchen, dann kann gerade die Tragik in unserem Leben eine Möglichkeit sein, die Gott uns anbietet, unserer ureigenen Wahrheit auf die Spur zu kommen.
Vielleicht will Gott uns durch Ent-täuschungen von unseren Täuschungen über uns selbst befreien. Vielleicht entdecken wir nur so die Wirklichkeit des Satzes: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Vielleicht ist das der vorgesehene Weg, uns in größere Tiefen unseres eigenen Herzens zu führen bis zu den Quellen, die uns, ähnlich wie eine Anne Frank, noch im Schatten des schlimmsten Leides, vielleicht sogar des Todes, sagen lassen: „Und trotz allem glaube ich an das Gute im Menschen.“
Wir dürfen das, weil auch Gott selbst an das Gute in uns glaubt, trotz aller Fehler, die wir haben. Gott kann uns in jeder Situation unseres Lebens ansprechen, wenn wir selbst zum Brunnen gehen um Wasser für unseren Durst zu suchen. Amen.
P.Paul Mühlberger SJ

30.03.2014

4. Fastensonntag
Jo 9, 1-41

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Jesus heilt einen Blinden. Es ist eine der zahlreichen Heilungen, die seinen Ruf als Wundertäter verbreiten. Aber er hat nicht alle Krankheiten geheilt, und die er geheilt hat, sind später doch wieder krank geworden und gestorben. Er hat gewiß aus einem tiefen Mitleid mit den armen Menschen gehandelt. Aber die Heilungen hatten einen tieferen Sinn.
Es gibt eine Krankheit, die schlimmer ist als alle körperlichen Krankheiten. Das ist die Trennung von Gott, das ist die Sünde. Von dieser Krankheit zu befreien ist Jesus gekommen. In der körperlichen Krankheit sah er einen Ausdruck der seelischen Krankheit. In den Heilungen kündigte Jesus somit eine neue Zeit an, die Zeit der Überwindung der Gottentfremdung.
So meinte er auch mit der Blindenheilung mehr als bloß die Wiederherstellung des Augenlichts. Es gibt eine geistige Blindheit, eine Blindheit des Herzens. In unserem Evangelium sind es die Pharisäer, die Jesus ablehnen. Sie lassen sich durch die Zeichen und Wunder, die er wirkte, nicht beeindrucken. Sie weigern sich, ihn als den gottgesandten Messias anzuerkennen. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen von Gott und von dem, was er tun würde oder tun sollte. Daran lassen sie nicht rütteln. Sie haben sich mit ihren eigenen Vorstellungen und Erwartungen wie in einen Käfig eingeschlossen. Darum erkennen sie Jesus nicht. Sie sind blind, „blinde Führer“ des Volkes, wie Jesus sie genannt hat. Den geheilten Blinden schlossen sie aus. Der aber kam zum Glauben an Jesus. Er sieht nun nicht mehr nur mit den leiblichen Augen. Jesus hat ihm die Augen des Herzens geöffnet.
Die Art und Weise wie Jesus den Blinden heilt ist merkwürdig. Er heilt ihn nicht mit einem Machtwort, sondern er macht einen Brei und verschmiert die blinden Augen. Und nun kann ersehen; aber damit ist noch nicht alles gut. Er gerät in eine Kette von Auseinandersetzungen. Die Eltern ziehen sich zurück. Der sehend gewordene Sohn bringt sie nur in Schwierigkeiten. Die Nachbarn wollen es nicht glauben, die Pharisäer wollen es nicht wahrhaben. Sie stoßen ihn aus der Synagoge aus. Doch der sehend gewordene Blinde läßt sich nicht beirren. Keiner kann ihm seine Erfahrung, seine sehenden Augen ausreden. Dann erneut die Begegnung mit Jesus. Jetzt erst sieht er ihn! Das Gespräch mit Jesus öffnet ihm endgültig die Augen seines Herzens. Er wirft sich in stiller Dankbarkeit vor ihm nieder.
Erkennen wir uns in dieser Geschichte wieder? Irgendwo sind wir alle blind, haben wenigstens unsere blinden Flecken. Wir sehen nur was wir sehen wollen. Anderes blenden wir aus. Gewiß, wir sind heute einer Flut von Bildern ausgesetzt. Wir müssen auswählen. Aber nach welchem Maßstab? Selbstgewählte Blindheit ist noch viel schwerer zu heilen, weil ich sie nicht als Not empfinde, weil ich sie gar nicht preisgeben will, weil ich mich gut damit eingerichtet habe. So sind wir unterwegs mit all unserer Blindheit, mit all unseren Dunkelheiten, auch mit der Dunkelheit tief unten in unserem Herzen, in die wir gar nicht hineinzuschauen wagen.
Es ist ein Risiko, wenn wir sehend werden. Wie kann ich meine Untiefen aushalten? Wie gehe ich dann damit um? Welche Konsequenz hat das für mein Verhalten, wenn ich sehend geworden bin für die anderen Menschen in ihrer Not? Und wie reagieren die anderen neben mir, wenn ich sehend geworden bin? Das zeigt uns schon das Evangelium: Die Sehend-Gewordenen sind die Unbequemen. So waren die Propheten immer unbequeme Menschen, weil sie einen Weitblick hatten, der die Mitmenschen in ihrer Bequemlichkeit gestört hat. Auch in unseren Tagen sind die Pharisäer nicht ausgestorben; aber die Sehend-Gewordenen lassen sich das Sehen nicht ausreden.
Es gibt auch heute noch genug geistige Blindheit. Von den zehn Geboten verbietet das zweite, fremde Götterbilder zu machen. Wer tut das schon, mögen wir denken. Das gibt es doch nur in primitiven Religionen. Aber gibt es nicht auch heute moderne Götzenbilder? Götzen des Geldes, des Besitzes, der Karriere, des Erfolges? Gibt es nicht Menschen, die so sehr in der Jagd nach Besitz und Genuß aufgehen, dass sie dabei blind werden für Gott? Dass sie Halt und Freude und Trost in den Sternen und abergläubischen Praktiken suchen, aber blind sind für das Evangelium? Dass sie allen möglichen Heilbringern nachlaufen, politischen Verführern und Sektenhäuptlingen, dass sie an die seltsamsten Lehren glauben, aber nicht dem einen und einzigen wirklichen Heilbringer. Es ist schon etwas Seltsames um die Blindheit von Menschen gegenüber dem eigentlichen Sinn und Ziel ihres Lebens. Wie kommt es, dass Menschen, die mit allem in ihrem Leben vernünftig und sorgfältig umgehen, die kein unverantwortliches Risiko eingehen, die Frage nach Gott und dem Weg zu Gott als unwichtig beiseite schieben, dass sie nicht einmal bereit sind, darüber nachzudenken, und das Risiko eines verfehlten Lebens eingehen? Es gibt eine unbegreifliche geistige Blindheit auch heute. Und weil es sie gibt, geraten Grundwerte ins Wanken, jene Werte, ohne die es kein menschenwürdiges Zusammenleben geben kann: die Achtung vor dem Leben eines jeden Menschen von seine Anfängen bis zum letzten Augenblick, die Achtung vor der Freiheit eines jeden Menschen, Wahrhaftigkeit und Treue. Wenn Gottes Gebote nicht mehr gelten oder dem Zeitgeist angepaßt werden, sollte man sich über die Folgen nicht wundern. Es wird heute viel geklagt über die wachsende Jugendkriminalität, über brutalen Kindesmißbrauch, über Gewalt gegenüber Ausländern, über die zahllosen großen und kleinen Angriffe auf Personen und Sachen. Genügt es, härtere Strafen zu fordern? Genügen die – gewiß berechtigten – Versuche einer Resozialisierung? Muß nicht viel mehr gefragt werden, wo und wie diese Menschen aufgewachsen sind, welche Grundwerte ihnen in Familie und Schule vermittelt, beziehungsweise vorenthalten wurden? Und wenn in einer Erziehung nicht einmal der Ansatz einer Verantwortung vor einer höheren als der staatlichen Autorität vorhanden ist, wie soll dann ein überzeugtes Wertbewußtsein aufgebaut werden?
Jesus will uns Mut machen, sehend zu werden in dem langen Prozeß unseres Lebens, sehend für die anderen Menschen und sehend für uns selber. Das wird auch uns in eine aufregende Geschichte verwickeln. Diesen Weg durch Licht und Schatten weiterzugehen, die Konflikte mit Geduld und Vertrauen, aber auch mit Konsequenz auszutragen, unbeirrbar auf der Spur zu bleiben oder sie immer wieder neu zu finden, das heißt: Glauben. Das führt uns zu dem, der das Licht ist. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ