06.04.2014

5. Fastensonntag
Jo 11, 1-45





In früheren Zeiten wurden in den Tagen der Fastenzeit den Katechumenen, die sich auf die Taufe vorbereiteten, die längsten Evangelienstücke des Neuen Testaments vorgelesen. Auf diese Weise versuchte man, in ihnen die größten Erwartungen zu wecken. Sie hörten beispielsweise die lange Erzählung von der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen oder die nicht kürzere Schilderung von der Heilung des Blinden. Selbstverständlich fehlte der Bericht von der Auferweckung des Lazarus nicht.
Die drei Menschen, denen sich Jesus in diesen Evangelien zuwendet, repräsentieren die drei großen Verwundungen, die uns am meisten ängstigen: der unstillbare Durst nach Glück, die leibliche, seelische und geistige Blindheit, die vielfältigen Formen des Leides und des Todes. Daher offenbart sich Jesus gerade in diesen drei Evangelien als Heilmittel in Person; denn er ist das lebendige Wasser; er ist das Licht der Welt; er ist die Auferstehung und das Leben.
Hier kommen wir an die letzten Tiefen des Johannesevangeliums, denn Johannes will uns nicht nur mitteilen, was Jesus sagt oder tut. Viel wichtiger ist ihm, mitzuteilen, was Jesus ist. Weil man aber Jesus nicht definieren kann, deshalb bedient sich Johannes der Symbole. Wer ist also Jesus? Johannes antwortet; er ist lebendiges Wasser, das unsere Wünsche erfüllt; er ist das Licht, das unsere Nacht erleuchtet; er ist das Leben, das uns aus unseren Gräbern holt.
Zugleich dramatisiert Johannes diese Symbole in einer unvergleichlichen Art und Weise: Jesus ist lebendiges Wasser; aber er stillt den Durst der Frau am Jakobsbrunnen mit ewigem Wasser: Jesus ist das Licht der Welt; aber er schenkt dem Blindgeborenen nicht nur das Licht der Augen, sondern vor allem das Licht des Glaubens. Jesu ist Leben und Auferstehung; aber am Grab des Lazarus sehen wir, wie er seinen Freund von den Fesseln des Todes befreit.
Im Evangelium heißt es: „Lazarus war krank. Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank“. Man könnte jeden Menschen einen Lazarus nennen; denn jeder Mensch ist von irgendeinem Leiden gezeichnet. Aus diesem Grunde haben unsere Krankheiten viele Namen. Lazarus aber hatte einen Freund, das heißt: jeder kranke Mensch hat Jesus zum Freund, der ihn rettet; denn „Jesus“ heißt: Ich bringe Hoffnung und Zuversicht, ich schenke Auferstehung und Leben.
Schon die alten Heiden sagten, das Wort „Freund“ sei ein göttliches Wort. Wer einem anderen ein Freund ist, der ist ihm nahe. Er kann sich in ihn hineinfühlen und hat Mitleid mit ihm, wenn es ihm nicht gut geht. Er ist respektvoll und treu. Wenn es aber unseren ganzen Glauben ausmacht, dass in Jesus Gott unser Freund geworden ist, dann können wir sagen: Er gibt uns niemals auf, am allerwenigsten in Zeiten der Not, der Angst und des Todes. Daher brauchen wir uns nicht zu fürchten. Er bringt uns Licht in dunkelster Nacht
Beim Propheten Ezechiel steht geschrieben: „So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf“. Im heutigen Evangelium ruft Jesus mit lauter Stimme: „Lazarus, komm heraus!“
Doch mir scheint, das Wort: „Komm heraus!“ ruft Jesus uns nicht erst am Ende unserer Tage zu. Dieser Ruf dringt vielmehr jeden Tag an unser Ohr: „Komm heraus aus dem Grab deiner Unfähigkeiten und Ängste! Komm heraus aus dem Grab deiner Lauheit und Lässigkeit, deiner alten Gewohnheiten und Süchte! Komm heraus aus dem Grab deines Egoismus und deiner Bequemlichkeit. Ich, dein Gott, werde Feuer in dich legen, damit dein Herz wieder brennt! Komm heraus aus dem Grab deines unsolidarischen Lebens, dass das Gewissen einschläfert. Ich werde dir Schätze zeigen, nach denen sich zu leben lohnt.“
Wir müssen heraus aus dem Grab unserer Zweifel, unserer Traurigkeit und unserer inneren Dunkelheit; denn Jesus will uns Licht sein. Wir aber sollen mithelfen, dass Licht in die Welt kommt. Mit jedem Menschen, den wir froh machen, bringen wir Licht in unsere Welt.
Wenn wir nur ein wenig die Augen öffnen für die Welt in der wir leben, so befinden sich die Gräber nicht nur auf den Friedhöfen. Sie sind mitten unter uns. Sie sind dort, wo Menschen aufgehört haben nach dem Sinn ihres Daseins zu fragen, dort wo sie nicht mehr fähig sind, in den Geschöpfen die Spuren ihres Schöpfers zu sehen.
Friedrich Nitzsche hat in seinem Werk: „Die fröhliche Wissenschaft“ die Situation erkannt, die Gräbersituation der menschlichen Gesellschaft, welche Gott aus ihrer Welt hinausgeworfen hat und nicht erkannt hat, dass sie dadurch ihre eigene Existenz verleugnet hat. Er erzählt von einem verrückten Menschen, der am hellen Vormittag auf dem Markt mit einer Laterne herumlief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott!“ Und dann kommt er zu der Einsicht: „Wir haben ihn getötet!“ Wir haben ihn umgebracht, weil wir ihn nicht mehr haben wollten, weil er uns nicht mehr ins Konzept passte. Was nun geschieht, darüber schreibt Nitzsche:
„Was taten wir, als wir die Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?“
So hat der ungläubige Nitzsche doch sehr deutlich geahnt, in welchem Grab eine Welt sich einschließt, die Gott verdrängt, ihm keinen Raum mehr gibt, selbst den schweren Stein vor das Grab wälzt, der es verschließt.
Somit gewinnt die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus eine neue Perspektive. Wir erkennen, dass wir selbst zu den im Grab Eingeschlossenen gehören, wenn wir uns nicht auf die Seite dessen stellen, der allein das Leben ist und der allein von den Toten auferwecken kann. Wir gehören zu den Menschen, die Gott anerkennen, aber wir müssen uns besinnen auf unsere Aufgabe in der Welt, in der wir leben. Ihr Schicksal darf uns nicht gleichgültig sein. Ahnen wir, wieviel dem Glaubenden und dem aus diesem Glauben Betenden, möglich ist. Wir müssen den Mut haben in dem kleinen Kreis, in dem sich unser Leben abspielt den lebendigen und lebenspendenden Christus gegenwärtig zu setzen. Wir müssen uns anstrengen und versuchen die Steine vor den Gräbern der Menschen wegzuwälzen, damit Jesus wieder die Worte hineinrufen kann: „Lazarus, ich sage dir, stehe auf!“
Nur er kann dieses Wort sprechen, wir können aber diesem Wort die Wege bereiten – nicht zuletzt durch unser stilles Gebet, das der Welt in schweren Zeiten immer wieder Heil gebracht hat. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

19.04.2014

Osternacht
Mt 28,1-10
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Wir können uns heute einmal ehrlich die Frage stellen, wie es mit unserem Glauben an die Auferstehung, an ein Weiterleben nach dem Tod bestellt ist. Wenn wir ehrlich sind, sind die Zweifel an dieser Glaubenswahrheit immer wieder in uns gegenwärtig. Wir sehen die vielen Gräber auf unseren Friedhöfen und niemand ist von dort zurückgekommen, um uns eine Botschaft von „drüben“ zu übermitteln. Wie steht es also um den Menschen? Was darf er erhoffen, an was darf er vernünftigerweise glauben?
Machen wir einen Schritt zurück ins Alte Testament, in das Buch Genesis, wo von der Erschaffung des Menschen die Rede ist. Da heißt in einer der Erzählweisen, die wir heute gehört haben, dass Gott den Menschen als sein Abbild erschaffen hat, in einer anderen Version erzählt die Bibel, der Mensch sei aus dem Staub der Erde geformt und Gott habe ihm den Atem des Lebens in seine Nase geblasen.
In dieser naiven Erzählweise kommt die Wahrheit der menschlichen Existenz an den Tag. Staub der Erde, das ist vergängliche Materie, Atem des Lebens, das ist Geist, der Geist Gottes selbst und somit unvergänglich.
Der Mensch lebt also in einer Spannung zwischen Vergänglichkeit und dauerhaftem in ihn eingegossenem Leben. Diese Spannung zeigt sich in unserem unstillbaren Hunger nach Leben und Glück.
Unser Auferstehungsglaube hat also einen Hintergrund, der aus unserer eigenen Urerfahrung stammt und sich somit zusammenfügt mit den Auferstehungserwartungen die wir in der ganzen Menschheitsgeschichte wahrnehmen. Aber die letzte Glaubensklarheit hat uns die Auferstehung Jesu geboten. In ihr vollendet sich die menschliche Erwartung von Leben und die Zurückweisung des Todes in das, was er eigentlich ist, in eine Neugeburt in die Dimension Gottes hinein.
In tiefer Traurigkeit treffen wir die beiden Frauen, die nach dem Grab sehen wollten. Was sie am Grab Jesu erlebten, erschütterte sie zutiefst. Zeichen am Himmel, in Engel, der den Stein vom Grab weg wälzt und so das Grab öffnet. Der Stein schreit es gleichsam in die Welt hinaus: Das Grab ist kein Grab mehr. Es ist zum Ort des Lebens geworden. Mögen noch so viele Grabsteine unsere Gräber schmücken, über ihnen breitet sich unsichtbar wie in Siegestor die Hoffnung aus: Jesus lebt und mit ihm auch ich. Das Zeichen des weggewälzten Steines am Grab ist eine Osterbotschaft für uns alle Wir müssen uns an dieser Stelle auch die Frage stellen, ob wir es nicht alle nötig hätten, dass der eine oder andere Stein von unseren Herzen weggewälzt wird. Was uns beschwert, belastet, niederdrückt, was mit der Zeit hart und gefühllos geworden ist. Ostern läutet eine Wandlung der Herzen ein, wie sie der Prophet Ezechiel den Israeliten verheißen hat: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“.
Dann lädt der Osterengel zur Besichtigung des Grabes ein. Die Botschaft des Engels von der Auferstehung Jesu löst bei den beiden Frauen ein doppelte Reaktion aus: Furcht und Freude. Und Jesus begegnet ihnen selbst und gibt ihnen den Auftrag, die Botschaft den Jüngern zu verkünden. Immer noch ist Furcht in ihren Herzen ob der Gewaltigkeit dessen, was sie erlebt haben aber auch große Freude.
Die Jünger Jesu, wo waren denn die? Die hielten sich versteckt aus lauter Angst, die Frauen waren wieder einmal die Mutigeren und somit die ersten Boten der Auferstehung Jesu.
Wenn wir Jahr für Jahr diese Botschaft hören so laufen wir Gefahr, dass sie nicht tief genug in uns eindringt. Und sie ist immerhin das zentrale Geheimnis unsere Glaubens, das wir bei jeder Eucharistiefeier feiern: Tod und Auferstehung Jesu. Mit diesem Glauben können wir leben, mit diesem Glauben an die Auferstehung können wir die Brüchigkeit unserer menschlichen Existenz in Kauf nehmen, in diesem Glauben konnten unzählige Christen früher und vielmehr auch heute ihr Leben hingeben.
Christus ist wahrhaft auferstanden. Diese im wahrsten Sinn des Wortes Hoffnung schenkende, kraftspendende und in der Menschheitsgeschichte einmalige Botschaft verkündet die Kirche heute der ganzen Welt. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. Unserer so oft durch Leiden, Sünden, Schwächen und Grenzen gekennzeichneten menschlichen Existenz erstrahlt das Licht, das alle Finsternis vertreibt, Jesus Christus. In seiner Auferstehung wurde das Leben für uns alle neu geschaffen und uns eine Zukunft in der ewigen Gemeinschaft mit Gott geschenkt. Amen.

20.04.2014

Ostersonntag
Jo 20, 1-18
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Es war der erste Tag der Woche, und es war frühmorgens. Noch war es dunkel, aber soviel konnte Maria von Magdala schon sehen: Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Das Grab war leer. Schock oder Freude? Sie lief zu Petrus und dem anderen Jünger, wahrscheinlich ist es Johannes. Auch sie gingen hinaus zum Grab. Von Petrus heißt es: Er sah. Von dem anderen Jünger sagt die Schrift: Er sah und glaubte.
Nun waren die drei mit einem offenen, das heißt auch leeren Grab konfrontiert. Die ganze Logik ihrer bisherigen Erfahrung war durcheinander. Ihre Phantasie schwankte zwischen Lähmung und Elektrisiertsein. Der schon fast verglommene Docht der Hoffnung ich ihrem Herzen begann noch einmal Feuer zu fangen.
Marie von Magdala hatte nicht nur ihren Herrn verloren. Sie hatte auch den Ort ihrer Trauer, das Grab verloren. Petrus war ein Wort abzuringen. Er war vorsichtig geworden mit Reden und Deuten. Von ihm heißt es nur: Er sah. Der andere Jünger hat keine inneren Sperren: Er sah und glaubte. Nein, dieser Jesus ist nicht weggetragen worden. Er lebt, er ist nicht tot.
Als Johannes sein Evangelium aufschrieb – etwa um die Jahrhundertwende – wussten die Christen sehr genau, was mit dem Wort „glauben“ gemeint war. Da waren die Zeugen, die dem Auferstandenen begegnet waren. Da war Paulus, der von einem Verfolger zu einem Boten geworden war. Da waren die vielen in Israel, die in Jesus den Messias erkannt hatten und ihm folgten. Und da waren „die anderen“ – wir nennen sie oft „Heiden“ – die auf das Zeugnis der Boten hin in Jesus ihren Herrn erkannten. In weiten Teilen des römischen Reiches gab es die Gemeinden derer, die an Jesus glaubten. Man nannte sie „Anhänger des Neuen Weges“ und später auch „Christen“. Egal was sie vorher waren und woher sie kamen, durch Jesus, den Auferstandenen, waren sie zu etwas Neuem geworden. Neues Leben hatte sie ergriffen. Durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist waren sie zu einer neuen Gemeinschaft geworden – zur Kirche.
Auch wir stehen jedes Jahr erneut vor dem leeren Grab und vor der Botschaft von der Auferstehung. In diesem Glauben ist unsere ganze Hoffnung umschlossen, mit dieser Botschaft im Herzen besuchen wir die Gräber unserer Lieben, aus dieser Hoffnung heraus geben wir unserem Leben seinen Sinn und seine Deutung.
Und dennoch ist der Auferstehungsglaube für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2000 in Deutschland informiert darüber, dass der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu und an die Auferstehung der Toten unter den jungen Leuten zwischen 15 und24 kaum noch Akzeptanz findet.
Das Desinteresse am Osterglauben ist nur ein, wenn auch gewichtiges Beispiel für das Debakel des christlichen Glaubens in unserem Land. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist vor allem auf eine völlig auf den unmittelbaren Spaß und auf ständige Neuheitserlebnisse ausgerichtete Gesellschaft zu verweisen, in der andere und ernstere Fragen des Lebens aus dem Bewusstsein der jungen Leute verdrängt werden. Aber auch für viele aus der älteren, inzwischen vom Leben ganz gehörig durchgebeutelten Generation ist die christliche Osterbotschaft so etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Unglaubliches, dass sie Skepsis und Ablehnung auslöst.
Wer wird also uns jenen Stein vom Grab wegwälzen, jenen Stein, der endgültige Verschlossenheit zu besiegeln scheint? Die Gräber, in die wir eingeschlossen sind, es sind gar viele: der eigene, unausweichliche Tod, Krankheit, Angst, gestörte und zerstörte Beziehungen, Depression und Isolation, Misserfolge im Leben. Der Stein, den weder die Frauen noch andere wegwälzen müssen. Eine andere Macht hat ihn schon von der Stelle geräumt: Nur von Gott her können unsere Gräber geöffnet werden! Da ist von der Sonne die Rede, die über dem Grab aufgeht und Licht in die Szenerie des Todes bringt. Da wird der junge Mann genannt, im lichtfarbenen Gewand, von göttlicher Herkunft also, der zur rechten, nach antiker Vorstellung auf der Glück bringenden Seite sitzt – der Bote einer anderen Welt, der Bote des Lebens in einer Gräberwelt des Todes. Dazu kommt die Verheißung des jungen Mannes: „Er geht euch nach Galiläa voraus“ – nach Galiläa, in das Land ihres Alltags, ihres Berufes und ihrer Familie, nach Galiläa, dem Bild auch für unseren Alltag. Da sind die Frauen, die mit Zittern, Entsetzen und Furcht auf die Botschaft des jugendlichen Engels reagieren. In der Sprache der Bibel heißt dies: Sie ahnen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat, wissen aber nicht, wie.
Gott wird nun erfahren als einer, der befreit aus allen Gräbern der Welt, der wieder neues Leben schafft. Niemals lässt Gott den Menschen los, Gott weicht nicht zurück vor Unrecht und Unfrieden in der Welt und schon gar nicht vor dem Tod. Er gibt uns die Hoffnung, durch ein christliches Sterben hindurch in sein vollendetes Leben zu gehen; wir dürfen glauben, dass auch unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes an ihr Ziel gekommen sind. Der Tod zwingt die Liebe nicht in den Sarg, löst sie nicht auf ins Nichts!
Wir können auch aufatmen unter der Zentnerlast unserer Sorgen, unter der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, unter den Weltproblemen, die uns bedrücken. Denn Ostern versichert uns, dass noch ein anderer um uns weiß. Ostern beflügelt uns, die Lasten des Lebens miteinander zu teilen, es weckt die Phantasie in uns, was wir vielleicht doch noch tun und besser tun können. Österliche Menschen erheben ihre Hand im Namen des Auferstandenen, um zu versuchen, was unmöglich erscheint. Sie wälzen die Steine weg, die auf den Herzen der Menschen liegen, die Menschenherzen verschließen wie Gräber. Auf einem Poster von amnesty international ist der Spruch eines Häftlings zu lesen: „An dem Tag, an dem dein Brief kam, blühte eine Rose in meiner Zelle auf“ – ein beredtes Beispiel dafür, was österliche Menschen vermögen.
Zahlreiche Darstellungen zeigen den Auferstandenen mit einer Fahne in der Hand. Fahnen sind heute eher dekorative Elemente von Paraden und Prozessionen. Ursprünglich dienten sie als Richtungs- und Sammlungszeichen für Heerscharen. Inmitten einer anders denkenden Gesellschaft mag uns der Auferstandene mit der Fahne ein Zeichen sein, uns um ihn zu scharen und weiter der Spur zu folgen, die durch seine Auferweckung von den Toten seit fast 2000 Jahren in unserer Geschichte gelegt ist. Amen.

27.04.2014

2. Sonntag in der Osterzeit
Joh 20,19-31
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Glauben und Wissen – ein uraltes Thema verquickt mit vielen Auseinandersetzungen. Phil Bosmans schreibt einmal darüber:

Glauben ist etwas anderes als religiöses Wissen,
etwas anderes als das Akzeptieren von festumschriebenen Wahrheiten,
etwas anderes als das Festhalten an Glaubenssätzen,
tastend und suchend,
fragend und bittend um Licht für das Leben.
Bis Gott eines Tages
auf dich zukommt
und dich seine Gegenwart spüren läßt
in den tausend Dingen des Alltags.

Dieses Wort erinnert uns daran, dass Glauben nicht erlernbar ist wie das Einmaleins. Glauben ist eher eine Herzensangelegenheit. Auf der anderen Seite liegt der Glaube nicht jenseits aller Vernunft. Glaube ohne Vernunft wird zum Aberglauben. Deshalb möchte ich fragen: Wie fühle ich Gott, damit ich glauben kann, ohne dabei meine Vernunft über Bord werfen zu müssen.
Vielleicht besteht beim Problem des Glaubens ein zu starkes Festhalten am bloß Begreiflichen, also an dem was ich zählen, wiegen und messen kann. Dass diese drei wissenschaftlichen Methoden nicht ausreichen, um unser Leben verständlich zu machen, das wissen wir. Sie reichen höchstens dazu aus um zu erklären, warum eine Kugel rollt oder warum ein Gegenstand fällt oder warum ein Flugzeug fliegt. Aber die wichtigen Dinge unseres Lebens sind Dinge des Glaubens und nicht des Wissens.
Bei der Suche nach verschiedenen Antworten ist mir ein Gespräch von Hermann Hesse mit seiner Mutter aufgefallen: Er behauptet, wenn er wieder gläubig werden sollte, müßte erst jemand kommen, des es gelänge, ihn zu überzeugen. Darauf entgegnete seine Mutter:
„Wahrscheinlich wird der niemals kommen, der dich überzeugen wird. Aber allmählich wirst du selber erfahren, dass es ohne Glauben im Leben nicht geht. Denn das Wissen taugt ja nichts. Jeden Tag kommt es vor, dass jemand, den man genau zu kennen glaubte, etwas tut, was einem zeigt, dass es mit dem Kennen und Gewißwissen nichts war. Und doch braucht der Mensch ein Vertrauen und eine Sicherheit. Und da ist es immer besser, zum Heiland zu gehen als zu einem Professor oder zu einem Politiker oder zu sonst jemanden.“
Hermann Hesse ist mit der Antwort nicht zufrieden. Er wendet ein, dass die Menschen vom Heiland auch nicht viel wissen. Aber seine Mutter ist unnachgiebig. Sie erzählt von Menschen, die soviel von Jesus wußten, dass sie durch ihn in tiefer Not Halt fanden. Aber dann sagt sie:
„Ich weiß gut, dass das dich nicht überzeugen kann. Der Glaube geht nicht durch den Verstand, so wenig wie die Liebe. Du wirst aber einmal erfahren, dass der Verstand nicht zu allem hinreicht, und wenn du so weit bist, wirst du in der Not nach allem langen, was wie ein Trost aussieht. Vielleicht fällt dir dann manches wieder ein, was wir heute geredet haben.“
Die Mutter von Hermann Hesse behauptet, der erste Schritt zum Glauben besteht darin, zu verstehen, dass sich das Leben nicht verstehen läßt. Es gibt Stunden, da wird das Leben auf das gestoßen, was es vom Wesen her ist und bleibt: eine Frage.
Das muß Thomas in unserem Evangelium erfahren. Er versteht das Leben nicht mehr. Alles ist für ihn zur Frage geworden. Seine Reaktion darauf ist verständlich. Er zieht sich zurück. Jede schnelle Antwort erträgt er nicht. Die Ablenkung und Verdrängung der bestandenen Hoffnung tut gut und schmerzt zugleich. Er kann den Antworten der Anderen auf seine einsam machende Frage keinen Glauben schenken, weil der Glaube eigene Erfahrungen braucht.
In dieser Haltung geht unbewußt Thomas den ersten Schritt auf den Glauben zu. Er kann seinen Zweifel eingestehen. Er läßt sich durch voreilige Antworten nicht überrumpeln. So bleibt er authentisch. Seinen ganzen Trost, seine Enttäuschung, seine Fragen macht er vor den anderen offenkundig. Auch wenn er dadurch zum Außenseiter wird: Thomas setzt sich mit seinen Freunden, die von der Auferstehung berichten, auseinander.
Das ist der erste Schritt in den Glauben: sich nichts vormachen. Ein Sprichwort sagt: „Wo der Glaube lebt, singt der Zweifel die zweite Stimme.“
So beginnt Glaube: den Zweifel in mir wahrnehmen, ihn zulassen, ihn in mir singen hören, unter der Zulassung der Angst und ihn dann aussprechen lernen.
Noch eine andere Haltung des Thomas wäre zu benennen, um einen Weg des Glaubens aufzuzeigen. Thomas sieht in seiner Glaubensunsicherheit nicht am Leid Jesu vorbei. Denn hier steht der Glaube auf dem Prüfstand. Wenn das Leid Leid bleibt und der Tod das letzte Wort behält, dann ist aller Glaube eine Zumutung. Deshalb will Thomas die Wunden sehen. Er will sehen, was Gott mit diesem Leid gemacht hat. Denn wie sollte Gott bleiben, wenn das Leid, das nicht zum Ansehen war, nicht durch ihn selbst gewandelt würde. So beginnt Glaube! Der glaubend Zweifelnde nimmt Anstoß am Leid, läßt es nicht zu, will wissen, wie Gott dazu steht.
Der Evangelist Johannes berichtet, dass Jesus, als der Auferstandene, die Fragen und Unsicherheiten des Thomas gewürdigt hat. Jesus zeigt in der Begegnung mit ihm: Gott macht nicht Halt vor unserem Zweifel. Nicht die Zweifellosigkeit ist die Bedingung für die Gottesbegegnung. Sondern umgekehrt: Um des menschlichen Fragens willen, kommt Gott auf uns zu, sucht nach uns, teilt sich uns mit, spricht unsere Sprache und schenkt uns in der Mitte des Herzens Erfahrungen, die über den Kopf hinauswachsen.
Und noch etwas wird in dem Zusammenhang Jesu mit Thomas offenbar: Der, der am Kreuz gelitten hat, ist derselbe, der nun als der Auferstandene vor ihm steht. Der Auferstandene und der Gekreuzigte sind identisch. Nur darin wird deutlich, dass Gott am Leid nicht vorbeigesehen hat. Nur so wächst der Glaube, dass Go9tt stärker ist als der Tod.
Wie wird Glauben? Wenn wir diese Frage beantworten wollen, dann müssen wir noch eine Begebenheit des Evangelium wahrnehmen: Alles was Thomas nach der Begegnung mit dem Auferstandenen zu sagen hat ist ein Gebet: „Mein Herr und mein Gott!“ Das kürzeste Gebet im Neuen Testament. Die ganze Betroffenheit ist darin zu spüren. Es ist ein Gebet, ganz und gar aus dem Staunen geboren. Martin Buber sagt: „Gebet ist das Fühlbarwerden Gottes!“
Indem Thomas seinem Zweifel Raum gibt, indem er das Leiden als Angriff gegen Gott und den Menschen empfindet und indem er die Nähe derer sucht, die Christus erfahren haben, wird er selbst zum Zeugen der Auferstehung und damit zu Beter.
Ich hoffe, diese paar Gedanken werden für sie ein wenig nachdenkenswert sein, denn die Auferstehung betrifft zutiefst unser Leben und alle unsere menschliche Hoffnung. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

27.04.2014

2. Sonntag in der Osterzeit

Armer Thomas, was haben wir mit dir gemacht? Für ganze Generationen von Christen hast du als schlechtes Beispiel des Zweifels herhalten müssen, damit wir mit dem Finger auf dich zeigen konnten. Schau an, dieser da, der hat gezweifelt, und zwar wie! Er hat den Herrn versucht, er war nicht zufrieden damit, dass der Herr auferstanden ist, dass er lebt und sich seinen Freunden gezeigt hat. Nein, Thomas ist unverschämt. Er sagt, er kann nur glauben, wenn er seine Hände in die Wunden des Herrn legen kann.
Was hat Thomas gewollt? Er hat den Auferstandenen berühren wollen, um glauben zu können.
Nein, er hat viel mehr gewollt – er hat Gott berühren wollen.
Das wäre doch eine feine Sache, Gott berühren zu können. Berührung ist einfach etwas ganz anderes als das Sehen oder das Denken über etwas oder das Hören. Im Berühren nähern wir uns einer Sache ganz anders. Wir nähern uns auch einem Menschen ganz anders. Das wird dann deutlich, wenn wir uns einem Menschen besonders verbunden zeigen wollen. Dann wollen wir ihn berühren, wollen ihn umarmen. Die Berührung ist für unser Leben etwas Wichtiges. Nicht umsonst sagen wir, wenn wir etwas verstanden haben, wir hätten es „begriffen“. Ich habe „Begriffen“, was du mir gesagt hast. Begreifen ist noch mehr als Verstehen.
Beim kleinen Kind können wir beobachten, wie wichtig das Be-Greifen fürs Begreifen ist. Die Dinge werden in die Hände genommen, zum Mund geführt, rundherum abgelutscht, weggeworfen, noch einmal in die andere Hand genommen. Das kleine Kind macht hier etwas Ähnliches wie wir, wenn wir etwas verstehen wollen; dann müssen wir es von verschiedenen Seiten her abtasten, und sei es auch nur in der Vorstellung. Welcher Beliebtheit erfreuen sich Wühltische in Kaufhäusern, in denen man die Waren auch einmal mit den Händen berühren kann.
Nun, Thomas will nicht nur sehen, ihm geht es um mehr. Das müssen wir uns einmal genauer ansehen. Sind nicht die anderen Jünger, denen sich der Auferstandene zeigt, merkwürdig verschwommen geschildert im Vergleich zu Thomas? Von den anderen wird kein Name genannt. Und dann tritt Thomas in den Vordergrund und zwar mit einer scheinbar unverschämten Forderung, und er wird ganz lebendig geschildert. Er stellt eine Bedingung für seinen Glauben; er will nicht auf das erstbeste Trugbild hereinfallen, nein, er will seinen Meister berühren.
Wir sind nicht in der glücklichen Lage, Jesus berühren zu können. Für uns gilt immer noch das Wort Jesu, das er zu Thomas sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“. Aber es sind uns dennoch Berührungen Jesu möglich. Ein anderes Wort des Herrn führt uns da ein wenig weiter, wenn er sagt: „Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr an mir getan.“ Wir können unseren Gott berühren, jeden Tag, ganz einfach. Wir können das in unserer Umgebung tun, immer dann, wenn wir eine Wunde tatsächlich berühren und betasten; wir können das tun, indem wir uns einem Menschen zuwenden, seine Not wahrnehmen und nicht einfach darüber hinwegsehen. Wenn wir das getan haben, dann haben wir Gott berührt.
Vielleicht klingt das ein wenig harmlos und wenig zufriedenstellend. Aber möchte uns Jesus nicht sagen, dass es in unserem religiösen Leben nicht nur darauf ankommt, in frommen Erinnerungen am Leben Jesu uns zu ergehen, sondern dass wir wissen, dass uns nahe ist, und das nicht nur in seiner Gegenwart als Auferstandener, nicht nur durch seine Gegenwart im Sakrament, sondern auch in den vielen verletzten Menschen unserer Tage. Wenn Thomas die Wunden Jesu sehen wollte und nicht nur das, sie auch berühren wollten, die Wunden eines Gottes, der sich für uns verletzen ließ, so sehen wir auch heute die vielen Wunden von Menschen, die doch den Leib der Kirche bilden, seinen Leib, den Leib des Auferstandenen. Als Auferstandener hat Jesus seine Wunden behalten als sichtbares Zeichen seiner Verletzlichkeit, seiner Liebe zu uns Menschen. Wir haben keinen Gott, der wie die anderen Götter ist, keinen Gott, der unbeteiligt und uninteressiert ist am Los der Menschen. Wir haben keinen Gott, den wir bequem verehren können; ab und zu ein kleines Opfer und es ist in Ordnung. Wir haben keinen Gott, der uns in Ruhe läßt und den wir in Ruhe lassen. Wir haben vielmehr einen Gott, der uns in Jesus ein menschliches Antlitz zeigt und der uns darauf aufmerksam macht, dass jeder Mensch die Spuren Gottes in seinem Antlitz trägt, mag dieses Antlitz auch entstellt sein und unansehnlich. Vielleicht wäre unsere Zuwendung zu den verwundeten Menschen unserer Tage der Schlüssel, der auch uns den Glauben vermitteln könnte.
Gott ist in der Wirklichkeit unseres Lebens zu finden, unter allen Dingen, die wir berühren und begreifen können!
Es war einmal eine gläubige und fromme Frau, die Gott liebte. Jeden Morgen ging sie in die Kirche. Unterwegs riefen ihr die Kinder zu, Bettler sprachen sie an, aber sie war so in sich versunken, dass sie nichts wahrnahm.
Eines Tages ging sie wie immer die Straße hinab und erreichte gerade rechtzeitig zum Gottesdienst die Kirche. Sie drückte an der Tür, doch sie ließ sich nicht öffnen. Sie versuchte es heftiger und fand die Tür verschossen.
Der Gedanke, dass sie zum erstenmal in all den Jahren den Gottesdienst versäumen würde, bedrückte sie. Ratlos blickte sie auf und sah genau vor ihrem Gesicht einen Zettel an der Tür.
Darauf stand: „Ich bin hier draußen!“

04.05.2014

3. Sonntag in der Osterzeit
Lk 24, 13-35

Es fällt uns allen nicht schwer, uns mit den zwei Jüngern zu identifizieren. Es sind dies zwei Menschen, die eine schwere Enttäuschung erlebt hatten. Es war kein materieller Verlust, auch nicht nur der Verlust eines lieben Menschen, sondern auch der Verlust der Botschaft, die dieser Mensch gebracht hatte. Mit seinem grausamen Tod war nun in ihnen alles zerstört, alle Hoffnung zerbrochen. Und so brechen sie vom Ort ihrer grausamen Enttäuschen, von Jerusalem auf, um in ihre Heimat zurückzukehren, um wieder ihrer Beschäftigung nachzugehen. Drei Jahre des Beisammenseins mit Jesus hatten in ihnen große Hoffnungen geweckt. Drei Jahre hatten sie von Jesus, ihrem Meister, die große Botschaft von Gott vernommen, der in ihm selbst unter ihnen gegenwärtig war.
Jerusalem liegt schon eine Wegstrecke hinter ihnen. Ihr Jerusalem und unser Jerusalem, der Ort wo sie von einer tiefen Trauer überfallen wurden, weil sie einen schweren Verlust erleiden mußten und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Jerusalem liegt dort, wo Menschen in irgendeiner Weise bedrückt sind, weil sie an etwas schwer zu tragen haben. Jerusalem liegt dort, wo Menschen eine schwere Enttäuschung erfahren haben, wo ihre Pläne zerschlagen und ihre Träume zerbrochen sind, wo man sich fragt: „Warum muß das alles sein?“
Aber wie verhalten wir uns in solchen oder in ähnlichen Situationen? Wir wollen weg vom Ort unserer Traurigkeit; wir wollen Abstand von allem finden und nach Möglichkeit all das Gewesene vergessen. So ergeht es uns heute; so erging es den Emmausjüngern damals.
Und somit ist die Emmausgeschichte keine fremde Geschichte, sie ist vielmehr die unsrige. Zugleich wird hier deutlich, wie ähnlich sich doch alle Menschen sind, mögen sie auch zu den verschiedensten Zeiten oder an den unterschiedlichsten Orten leben.
Es ist klar, dass sie immer wieder darüber reden, dass sie das gegenseitig besprechen, was sie bedrückt. Zufällig begegnete den beiden Männern ein fremder Wanderer. Sie wußten nicht woher er kam und wohin er wollte. Dieser fremde Wanderer war Jesus selbst; aber sie erkannten ihn nicht. Jesus gab sich nicht gleich zu erkennen, sondern er tat das psychologisch Richtige, indem er die beiden dazu nötigte, ihre Erlebnisse durch ihr Gespräch aufzuarbeiten. Dabei kommt das Bild zutage, das sie sich von Jesus gemacht hatten und das nun einer Korrektur bedürfte. Sie sahen ihn als einen Propheten, also als einen, der im Namen Gottes sprach. Doch kamen sie nicht klar darüber, dass gerade die religiösen Führer ihres Volkes Jesus dem Tod überlieferten. Und sie hatten gehofft, dass Jesus Israel erlösen werde. Wie bei allen Jüngern Jesu klang da die Hoffnung auf eine irdische Erlösung durch, die Hoffnung auf ein irdisches Reich mit Jesus als König. Sie erwähnen auch, dass das alles schon drei Tage her ist, haben aber vergessen, dass Jesus seine Auferstehung nach drei Tagen angekündigt hatte. Die Berichte der frommen Frauen, die ihnen vom leeren Grab erzählt hatten, machten auf sie scheinbar keinen Eindruck.
Jesus hob nun ihre Probleme mit äußerster Behutsamkeit in einen größeren Horizont. Schritt für Schritt öffnete er ihnen die Augen dafür, dass alles, was Gott zuläßt, und mag es für uns noch so unverständlich sein, einen tiefen Sinn hat.
Aufgrund seiner zuhörenden Anteilnahme verwandelt sich der Fremde alsbald in einen Vertrauten. Daher baten sie ihn: „Herr, bleibe bei uns!“ Und er blieb bei ihnen, bis sie durch das Brechen des Brotes erkannten, wer dieser Begleiter in Wirklichkeit war. Diese kleine Geste, diese kleine Handbewegung, die ihnen so vertraut war, machte ihnen seine Gegenwart bewußt. Da verstanden sie, dass uns nichts genommen werden kann, ohne dass es uns in größerer Weise wieder geschenkt wird und dass in jedem Zusammenbruch ein neuer Aufbruch liegt.
Wir sind von unserem Glauben her zutiefst überzeugt, dass Gott in unserem Leben zugegen ist, dass der auferstandene Christus auch uns begleitet wie die beiden Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus. Und wir können uns bei ihm aussprechen. Das tut uns immer gut, dieses schlichte einfache Reden mit Christus, so wie es uns vom Herzen kommt. Da hat auch immer wieder eine Klage ihren Platz über so viel Unverstandenes in unserem Leben, über so viel Unklarheiten und Kümmernisse, die wir haben.
Und Jesus wird sich auch uns zu erkennen geben, wenn wir ihm in unseren Gedanken Raum geben, wenn wir uns daran gewöhnen nach unserem eigenen Reden still zu werden und in uns hineinzuhören, was er in unserem Herzen spricht, was er auch zu uns spricht durch so manches aufmunternde und klärende Worte, das andere Menschen an uns richten. Es wird in der Emmauserzählung sehr deutlich: Wo Menschen tief enttäuscht sind, wo sie nur noch ihre zerbrochenen Vorstellungen sehen, wo Traurigkeit ihr Herz gefangenhält, da ist ihnen der Auferstandene immer nahe. Er läßt sie nicht allein. Weil er um sie weiß, geht er ihnen nach und reiht sich unaufdringlich unter sie ein.
Von dieser Überzeugung lebt unser österlicher Glaube. Er sagt uns: „Wirf nicht alles hin, wenn du nicht mehr weiter weißt, wenn du keine Zukunft mehr siehst. Glaube vielmehr, dass der Auferstandene bei dir ist. Sprich mit ihm über alles, was dich bedrängt und bedrückt. Dann aber vernimm, was er dir zu verstehen gibt." Auf diese Weise kommen auch wir nach Emmaus, einem Ort, von dem man heute gar nicht mehr sagen kann, wo er lag. Aber was macht es! Nur eine kurze Wegstrecke von Jerusalem, dem Ort des Leidens und der Enttäuschung entfernt. Denn Emmaus ist immer der Ort, an dem uns die Augen aufgehen, weil wir sehen, dass der Auferstandene mit uns auf dem Weg war, um uns wissend und uns zu einem guten Ziel begleitend.
So erweist sich der Weg von Jerusalem nach Emmaus als ein Wandlungsweg, den wir alle gehen müssen, um als Menschen innerlich reifer und reicher zu werden. Daher dürfen wir sagen: Wir alle sind auf dem Weg nach Emmaus, aber wir gehen diesen Weg nicht allein. Zugleich erweist sich Emmaus nicht als Ende, sondern vielmehr als ein neuer Anfang; denn gemeinsam mit dem Auferstandenen gibt es keine Sackgassen, sondern mit ihm werden alle unsere Wege zu wirklichen Lebenswegen. Amen,



P. Paul Mühlberger SJ

04.05.2014

3. Sonntag in der Osterzeit
Jo 21,1-14
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Die Auferstehungsberichte sagen immer wieder dasselbe aus: Jesus, der tot war, er lebt wieder. Beim genaueren Hinhören merken wir aber, dass die Situation, in der der Herr seinen Freunden erscheint jeweils eine verschiedene ist. Da sind es zunächst die Ängstlichen, die sich in einen Raum eingesperrt haben und das Geschehen nicht wahr haben wollten, dann ist es Maria von Magdala, die einen Toten sucht um sich an seinem Grab auszuweinen. Dann sind da die Emmausjünger, die gänzlich eingesponnen in ihren Schmerz wieder im Begriff sind, nach Hause zu gehen zu ihrer früheren Beschäftigung, es sind die, für die mit dem Tod Jesu eine Welt zusammengebrochen ist. Dann ist da Thomas, der sich in seiner Enttäuschung von seinen Freunden zurückgezogen hat und der nicht bereit ist dem Zeugnis der Anderen zu glauben, der selbst sehen und berühren möchte.
Und dann gibt es die Situation, von der wir heute im Evangelium gehört haben. Einige von den Jüngern Jesu treffen wir wieder am See Genesaret an bei ihrer gewohnten Beschäftigung. Man hat hier den Eindruck, es handle sich um eine Gemeinde im Zustand der Auflösung, in der jeder aus Entmutigung versucht ist, seine eigenen Wege zu gehen, sich in Sicherheit zu bringen und die gemeinsame Sache aufzugeben. Tatsächlich aber haben wir hier eher das Bild einer Arbeitsgemeinschaft vor uns, in der sich die Freunde der ersten Stunde treffen, die Jesus schon in den ersten Tagen gerufen hat – Petrus, Natanael, die beiden Zebedäussöhne, dazu noch Thomas und zwei andere, deren Namen nicht genannt sind. Simon erscheint in der Liste als Erster an prominenter Stelle. Johannes möchte damit sicher betonen, dass Jesus an seiner Stellung als „Fels“ nicht rütteln möchte. Im Anschluß an unseren Text steht ja dann auch die dreimalige Frage Jesu nach seiner Liebe – die Andeutung der Wiedergutmachung der dreimaligen Verleugnung des Petrus.
Es spielt sich hier die gleiche Situation ab, die es bei der ersten Begegnung am See gegeben hat: sie fingen nichts in dieser Nacht. Und Jesus steht am Ufer – und sie erkennen ihn nicht. Er nach dem reichen Fang erkennt Petrus seinen Herrn und Meister.
Was wir uns immer wieder fragen müssen ist wohl dies: welche Bedeutung hat die Auferstehung für unser eigenes Leben? Wir sind groß geworden mit der jährlichen Auferstehungsprozession, die in früheren Zeiten mit großem Prunk gefeiert wurde. Wir kennen die Texte des Neuen Testaments, die uns von der Auferstehung Jesu berichten; aber hat die Tatsache unser Leben verändert? Sie werden sagen: ich glaube natürlich daran. Aber genügt das? Es scheint Jesus wesentlich zu sein, dass diese Auferstehung auch verkündet wird, dass sie aus unserem Leben hinausdringt in alle jene Schichten und Kreise von Menschen, die ihr Leben in einer platten, materialistischen Perspektive leben. Jesus, der Auferstandene gibt seinen Jüngern einen Auftrag für die Welt, in der sie leben. Die Art und Weise wie wir mit unserem Leben umgehen, die Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft, die wir für andere Menschen haben, die Geduld mit der wir den Menschen begegnen, die Worte, die wir mit ihnen sprechen: das alles gibt Zeugnis von unserem Glauben an die Auferstehung. Und den braucht unsere Welt, die wieder im Begriffe steht, sich zu zerfleischen.
Und dass wir Jesus erkennen auch am Ufer unseres Lebens. Er steht da uns wir erkennen ihn nicht. Und wir sollten ihn kennen lernen in den Ereignissen unseres Lebens, in Worten die uns ansprechen, in Begegnungen mit den Menschen, auch in all dem was uns an Ereignissen trifft. Das wäre wohl auch die Aufgabe unserer täglichen Gewissenserforschung, dass wir merken, wo der Herr für uns da gewesen ist. Aus dem Bewußtsein der Gegenwart Gottes in unserem Leben können wir sehr viel Kraft schöpfen.
Und dass wir dahinter kommen, dass Jesus uns braucht, dass er auch durch uns den Menschen begegnet und sie anspricht. So werden wir zu Menschen, die in dieser Welt leben, in ihr die Spuren Gottes erkennen und in ihr auch den großen Auftrag erkennen, den uns Gott gegeben hat, jedem Einzelnen von uns.

11.05.2014

4. Sonntag in der Osterzeit
Jo 10,1-10
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Entscheidungen sind nicht immer einfach. Manchmal kostet es uns viel Kraft, die richtige zu treffen, manchmal irren wir uns. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was ist gut und richtig? Was ist ausschlaggebend für unsere Entscheidung? Selbst Fehlentscheidungen in kleinen alltäglichen Dingen haben Folgen, wenn auch oft korrigierbare. Wenn es aber um Leitbilder geht, um unsere allgemeinen Lebenswerte, unseren Lebenssinn, dann ist es fatal, in die verkehrte Richtung zu gehen. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was sollen wir den jungen Menschen von heute weitergeben?
Das Johannesevangelium antwortet im Bild des guten Hirten auf die Frage nach der richtigen Führung. Dem guten Hirten darf das Schaf getrost vertrauen. Wehe aber, es fällt einem falschen Führer zum Opfer. In der Gegenüberstellung wird deutlich, was den guten Hirten ausmacht: Der gute Hirte läßt seine Schafe nicht im Stich, ihm liegt das Leben der Schafe am Herzen, er verschafft ihnen Weide und schützt sie wirksam vor Dieben und Wölfen. Dagegen trägt der bezahlte Hirt nicht die volle Verantwortung. Er flieht, wenn es brenzlig wird. Er läßt die Schafe im Stich, um sich selbst zu retten.
Mögen wir eigentlich dieses Bild noch? Ein Schafstall – ein Hirte – eine Herde. Bilder aus einer für uns fremden Welt. Dazu kommt noch bei uns die Vorstellung des Gegängelt-Werdens einer Schafherde, die der Hirtenhund zusammenhalten muß, der sie in die Richtung treibt, die der Hirte vorschreibt. Soll das vielleicht ein Bild sein von der gegenwärtigen Kirche? Dabei bleibt es kein Geheimnis mehr, dass die Herde sich mehr und mehr verläuft und dass selbst die Hirten rarer werden. Und dazu kommt noch, dass sie sich über den Weg nicht im einig zu sein scheinen. Während der religiöse Markt boomt, schrumpfen die christlichen Kirchen mehr und mehr.
Dabei waren die Chancen für Religion nie größer als heute. Die jetzt noch fortschreitende Säkularisierung wird irgendeinmal in die andere Richtung schwenken. Unter den Menschen von heute gibt eine explizite religiöse Suche. Aber durch die momentane Imageschwäche der Kirche treten mehr und mehr fundamentalistische Tendenzen auf und auch esoterische Deutungen unseres Lebens. Alles in allem, langsam glauben die Menschen nicht mehr an ihre volle Erfüllung in einem diesseitigen Leben.
Es wird uns klar, dass sich die Kirche hier vor eine enorme Aufgabe gestellt sieht. Sie soll dem Menschen von Heute in seiner „psychischen Obdachlosigkeit“ in einer neuen Weise Beheimatung bieten. Aber es gibt in der Kirche selbst auch so manche Wölfe im Schafspelz, solche, die von heute auf morgen alles umkrempeln wollen. Und es gibt auch solche, die eine nahezu panische Angst haben vor neuen Wegen. Es gibt solche, die von einer Autorität überhaupt nichts halten und es gibt solche Menschen, die nur nach Anweisungen von oben leben wollen. Da erhebt sich natürlich auch die Frage nach dem Wirken des Hl. Geistes in der Kirche. Man kann ihm über seine Wege keine Vorschriften machen. Er wirkt manchmal von oben her und nicht selten auch von unten. Und jetzt kommen wir schon wieder in Schwierigkeiten. Wie sollen wir erkennen können, wo der Hl. Geist sichtbar wird in der heutigen Zeit. Wo ist seine Stimme herauszuhören unter den vielen Stimmen, die sich in unserer Zeit erheben? Sicherlich ist seine Stimme nicht dort, wo gegen die Liebe gefehlt wird, wohl aber duldet er Auseinandersetzungen. Er ist nicht dort wo Stellung gegen die Kirche bezogen wird und er ist auch nicht dort, wo man sich nach eigenen Gelüsten eigene Lehren zurechtzimmert. Er ist nicht dort wo Spaltungen provoziert werden, sondern dort zu finden, wo man mit der Liebe als Basis, mit der Liebe zur Kirche verständlicherweise, nach neuen Wegen sucht. Erstaunlich ist es immer wieder, wenn wir uns erinnern, dass Heilige Männer und Frauen immer treu zur Kirche stehen wollten, zu der Gemeinschaft, die Jesus gegründet hat, auch wenn diese Kirche in ihren Vertretern nicht immer das beste Bild abgab.
Maßgeblich für unsere Orientierung ist immer noch die Lehre Jesu, seine Botschaft! Und die war seinerzeit revolutionär und explosiv zugleich. So manche der Zuhörer Jesu faßten seine Lehre als eine Zumutung auf. Andere erklärten ihn als verrückt. Aber was ist uns selbst von dieser verändernden Kraft der Lehre Jesu geblieben? Wahr ist, dass Veränderungen mitunter als störend empfunden werden. Und die Forderungen des Christentums sind geeignet unser oft doch ein wenig zu gemütliches Dasein fordernd zu unterbrechen. Diese Hl. Messe, die wir jetzt miteinander feiern beinhaltet den Zündstoff für unser Leben. Was da geschieht ist uns klar: Jesus wird wirklich unter uns gegenwärtig, wird uns zur Speise. Und am Ende der Feier steht die Sendung: Lebe jetzt so, dass der christliche Geist aus deinem Leben heraus spürbar in Erscheinung tritt. Da wird doch allerhand von uns verlangt. Und wir dürfen auch mit den nötigen Impulsen von Gottes Geist her rechnen, mit Impulsen gerade auch für unsere Zeit.
Das Gleichnis vom Guten Hirten und von den Schafen ist keineswegs ein Gleichnis, das uns zum gedankenlosen Hinterhertrotten veranlassen möchte. Es sagt vielmehr sehr viel aus über unsere Bindung an den Hirten, das ist Jesus selbst. Er kennt den Weg für unsere Zeit. Von ihm heißt es, dass er uns zu einer guten und reichhaltigen Weide führen möchte, aber das setzt voraus, dass wir uns nicht von ihm trennen. Und dann heißt es: „Sie folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme“. Können wir sie heraushören aus dem Chor der Stimmen, die alles Mögliche verheißen: Wirtschaftswachstum, Genuß und Konsum, einseitige Bindung an das Diesseits. Es ist nicht egal, welcher Stimme wir Gehörs schenken.
Niemand weiß heute Rezepte für eine Neugestaltung auch in unserer Kirche und für unser christliches Leben. Ansätze und Überlegungen sind vorhanden. Es geht nicht um eine respektlose Abstoßung bisheriger Werte, es geht aber auch nicht darum, dass wir auf Dingen sitzen bleiben, während sich die Welt weiterbewegt. Es geht nicht darum, dass wir uns ständig dieser Welt anpassen, deren Maxime bei weitem nicht immer die Unsrigen sind; aber es geht darum, dass wir diese Welt mit dem Geist Jesu erfüllen. Nehmen wir die Mühe auf uns, in dieser Welt christliche Akzente zu setzen, nehmen wir es Ernst, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt zu sein?“ Aus der Kirche austreten ist wohl die geistloseste Variante für einen Menschen, dem es mit der Botschaft Jesu ernst ist; aber in dieser konkreten Kirche, die heute auch eine leidende Kirche ist in all ihrer Menschlichkeit, auf die Führung durch Gottes Geist zu vertrauen, darauf kommt es an.
Mögen der Kirche die nötigen Menschen geschenkt werden, die es verstehen, die Herde im Sinne des guten Hirten zu leiten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

18.05.2014

5. Sonntag in der Osterzeit
Joh. 14,1-12
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Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Kaum einer von uns hat mehr einen Durchblick für all das was sich in unserer Zeit ereignet. Da ist einmal der unerhörte Aufschwung der Wissenschaft in allen Gebieten. Wir sind heute schon so vernetzt, das wir in Gefahr kommen, Gefangene unseres Netzwerks zu werden. Kinder hocken heute stundenlang vor dem Computer und surfen im Internet. Dass unser Fernseher über 100 Programme 24 Stunden täglich ausspuckt das ist uns schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Wir werden verwirrt auch durch das Zeitgeschehen. Die Weltwirtschaft ist für den Menschen, der nicht Fachmann ist, nicht mehr zu durchschauen. Und dann: eine Krise nach der anderen: Kriege, Aufruhr, Naturkatastrophen. Fürwahr, eine verwirrende Zeit.
Und da hinein sagt Jesus das Wort: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Kommen wir mit diesem Wort Jesu noch zurecht? Paßt dieses Wort noch in unsere Zeit hinein? Ist es für unsere Situation noch gültig?
Es heißt auch nicht einfach: Laßt euch nicht verwirren! Es heißt: Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Und mit dem Herzen ist die Personmitte des Menschen gemeint, das was ihn im Tiefsten trägt und ordnet. Das heißt, der Mensch braucht eine Mitte, er braucht etwas, das ihm Sinn verheißt auch über die verwirrenden Zeit- und Tagesereignisse hinweg. Und das ist unser Glaube an Gott, unser Glaube ganz konkret an Jesus Christus.
Ein Reisender, der in einem Flugzeug sitzt, hat ein natürliches Vertrauen auf viele Dinge: dass die Maschine in der er fliegt in Ordnung ist, das der Pilot fähig ist mit dem Ding umzugehen, dass die Bodenstationen den Luftraum genügend überwachen. Und so sitzt der Reisende in seiner Maschine und trinkt seinen Kaffee und liest die Zeitung und hat keine unbegründete Angst.
Aber geht es mit unserem Vertrauen auf Gott und auf Jesus genau so? Bei einem Flugzeug haben wir handgreifliche Dinge vor uns, wir sind über das Geschehen informiert, bei Jesus scheint es da gewisse Schwierigkeiten zu haben. Natürlich glauben wir an Gott; aber ist unser Glaube so beschaffen, dass er für das Leben taugt? Es kann doch nicht genügen, das Glaubensbekenntnis aufsagen zu können, der Glaube muß vielmehr in unserem Leben fest verankert sein, er muß die Grundlage unserer Existenz bilden. Tut er das? Kennen wir Jesus so gut, dass er und seine Lehre für uns und für unsere Zeit wirksam sein können?
„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Kommt nicht die Orientierungslosigkeit und die Angst so vieler Menschen daher, dass ihren Weg nicht kennen? Es ergeht uns oft wie einem Wanderer, der die Orientierung verloren hat und sehnsüchtig nach der nächsten Markierung sucht, der sich mühsam durchfragen muß wo es lang geht. Und wie oft landen wir in unserem Leben in Sackgassen, wo der Weg plötzlich aufhört und nicht mehr weiterführt. Und wie oft ist unser Weg als Christen derart mühsam, dass wir immer wieder auf jene Menschen schielen, die für sich den bequemsten und komfortabelsten Weg ausgesucht haben. Und wie oft passiert es uns, dass wir uns an den Wegrand setzen und nicht mehr weitergehen wollen, weil uns alles so sinnlos erscheint. Unser Weg ist der Jesu. Und Jesus macht uns keine Illusionen darüber, dass dieser Weg streckenweise auch ein Kreuzweg sein kann, er macht uns aber auch keine Illusionen darüber, dass sein Weg zum Ziel führt, mag es für uns manchmal noch so uneinsichtig sein.
Und die Wahrheit. Wir fragen uns doch manchesmal: Stimmt das eigentlich wirklich, was ich glaube und worauf ich mein Leben aufbaue. Es gibt so viele Lehren, die von sich behaupten, sie hätten die Wahrheit. Ich möchte nicht alle Wahrheiten aufzählen, die die Botschaft Jesu beinhaltet. Aber die Grundlage der Lehre und der Wahrheit, die Jesus uns gebracht hat besteht in der Botschaft von der Liebe Gottes zu uns Menschen und besteht in dem Auftrag, den er uns gegeben hat für unsere Welt.
Dann ist da noch das Wort vom Leben. Wir wissen alle, was Leben ist. Und wir haben alle den gleichen Eindruck: Es ist uns zu kurz und es ist zu wenig ausgefüllt. Auf lange Strecken unseres Lebens befriedigt es uns nicht, läßt zu wünschen übrig. Das ist unsere Lebenssehnsucht die ihre Ursache in der Teilnahme am Leben Gottes ist, die uns mit unserer Seele geschenkt ist. Wir wissen es aus unserer eigenen Erfahrung mit unserem Leben, dass die Gefahr einer Torschlußpanik immer gegeben ist. Das ist die Angst in unserem Leben zu kurz gekommen zu sein, schlecht abgeschnitten zu haben, das ist die Angst, dass uns das Leben etwas schuldig geblieben ist. Aber dieses Vakuum können wir nicht damit befriedigen, dass wir uns auf die Jagd nach irdischen Gütern begeben.
Da spricht Jesus noch ein anderes verheißendes Wort: „Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen.....Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten.“ Jesus erweitert unsere Perspektive. Er sagt: Hier könnt ihr nicht euer vollkommenes Glück finden, dazu ist diese Welt nicht imstande, es euch zu schenken. Das kann nur Gott und er wird es auch tun. Ich finde es sehr schön, dass Jesus hier das Bild von einer Wohnung gebraucht, weil wir uns das vorstellen können. Wir wissen was eine Wohnung für uns bedeutet, Räume, die wir uns nach unserem Geschmack eingerichtet haben, wo wir zu Hause sind, wo wir uns gerne zurückziehen, wo wir unsere Gäste empfangen, wo wir geborgen sind. Jesus verheißt uns da nicht irgendwas Abstraktes, nicht etwas, das uns als Menschen nicht entspricht. Er kann es nicht im Detail schildern, das würden wir in unserem jetzigen Zustand nicht erfassen. Aber dass wir daheim sein werden, das sagt uns Jesus ganz deutlich.
Philippus stellt dann noch eine Frage, die auch unsere Frage ist: Zeig uns den Vater! Zeig uns Gott! Wir wollen sehen, wie Gott ist, wie er zu uns ist. Und Jesus antwortet ganz einfach: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“
Das ist großartig. Endlich haben wir das bekommen, was wir uns schon so lange gewünscht haben – ein Bild von Gott. Und von da her ist es interessant, das Neue Testament noch einmal genau durchzulesen um herauszufinden, welche Züge dieses Gottesbild trägt. Es heißt in der Weihnachtsliturgie: Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes. Das sagt doch wohl alles und das sollte uns genügen, um unsere verschiedenen Verwirrungen ins Lot zu bringen. Aber das sollte uns auch darauf aufmerksam machen, dass da eine gewaltige Forderung auf uns zukommt, vor der wir uns nicht drücken dürfen. Wenn wir den Weg Jesu mitgehen, dann sollen auch wir das ausstrahlen, was er ausgestrahlt hat, dann sollen die Menschen durch uns hindurch ein Bild von Gott bekommen können, dann sollte Christus in uns Gestalt gewinnen. Vielleicht läuft es da kalt über den Rücken, wenn wir merken, wie weit entfernt wir davon sind, ja, dass wir vielleicht noch nicht einmal daran gedacht haben, dass das von uns gefordert und eingefordert wird.
Ja, es ist eine wirklich Frohe Botschaft, die wir da erhalten, eine Botschaft, die der Verwirrung an den Kragen geht, eine Botschaft, die einen Weg weist, eine Wahrheit aufzeigt und ein unvergängliches Leben verheißt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.05.2014

6. Sonntag in der Osterzeit
Jo 14, 15-21

Die Osterzeit geht wieder zur Neige. Schauen wir kurz zurück. Auch in diesem Jahrhaben wir gehört, wie der Engel am leeren Grab die Auferstehung verkündet und sodann der Auferstandene den Jüngern entgegenkommt. Dazu gehört dann auch das Zeugnis der Frauen und der Apostel, der Bericht der Jünger von Emmaus, der ausgeräumte Zweifel des Thomas. Und schließlich hat uns das Bild des Guten Hirten am letzten Sonntag erneut die Wichtigkeit einer vitalen Beziehung zu Jesus Christus erhellt. Die vergangenen fünf Wochen wollten uns wieder im Glauben reifen lassen, damit wir neue Kraft für den Alltag aus dem Osterglauben schöpfen.- Nun ist das freilich nicht immer so einfach, Leben und Glauben unter einen Hut zu bringen.
In unserem Kulturkreis, mitten in einer mehr und mehr säkularisierten Welt, bauen wir im Allgemeinen mit unserem Leben auf die Strategie der Sicherung des Bestandes. Das liegt uns im Blut. Hier einige Beispiele: Im Hinblick auf unseren Besitz und unsere Finanzen wollen wir den Bestand mehren, wenigstens aber wahren. Wenn das nicht möglich ist, sehen wir es als Unglück an. Wir verwenden viel Kraft darauf, unsere Beziehungen zu pflegen. Auch hier soll der Bestand gewahrt werden. Und für die Qualität unserer Beziehungen bis hinein in die eigene Familie, muss man heute viel tun. Damit Beziehungen tragfähig bleiben, muss man in jeder Hinsicht viel investieren. Auch unsere Gesellschaft strengt sich an, den Bestand zu wahren. Überall, wo das nicht geht, z.B. auf dem Arbeitsmarkt, müssen soziale Notfallpläne greifen. Und in der Kirche ist das nicht anders. Wie sehr strengen wir uns mit Zusammenlegungen, Reformen und Strukturveränderungen der pfarrlichen und pastoralen Systeme an, um ja den Bestand zu wahren. Hinter der Theorie der Bestandswahrung steht die irrige Annahme, dass das Leben, dass Beziehungen, dass ein Staat, dass die Kirche, dass diese Welt planbar und machbar sind. Viele wollen es nicht wahrhaben, dass das wahre Leben Geschenk bleibt. Heile Welt, Gesundheit, Wohlbefinden, Liebe, Ehe, Kindersegen, Erfolg – das alles ist nicht selbstverständlich, nicht planbar und schon gar nicht machbar. Uns ist das einerseits einsichtig, aber der allgemeine Geist der Meinungsmache drängt uns in eine andere Richtung. Schließlich sind wir Kinder unserer Zeit.
Die heutige Frohbotschaft stellt uns eine andere Lebensphilosophie vor. Sie geht eben nicht davon aus, dass wir Kinder unserer Zeit sein sollen. Sie setzt auf unsere wachsende christliche Reife. Und sie stellt uns einen Gott vor, der unsere Freiheit will, der nicht kontrolliert und der keine falsche Abhängigkeit will. Das Evangelium gebietet uns zunächst, nach den Geboten Gottes zu leben. Diese sind als Lebensweisheiten festgeschrieben in den zehn Geboten des Alten Bundes. Sie finden einen Widerhall in den Seligpreisungen des Neuen Testaments. Schließlich reflektiert die Kirche durch die Zeit Gottes gute Ordnung. Und auch, wenn wir die Gebote Gottes nicht im Einzelnen auf Kommando aufsagen können, so haben wir doch in unserem christlichen Gewissen eine Ahnung von dem, was in Gottes Augen gut ist. Der Gradmesser dafür ist, wie das Evangelium sagt, unsere Liebe zu Gott. Und an diesem Punkt wird deutlich, dass uns Gesetze und Vorschriften nur Orientierung seine können. Wichtiger bleibt die Frage, aus welchem Geist wir leben. Jesus Christus versichert uns den „Beistand“ Gottes für unser Leben: „Er ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kennt.“ Was tun wir, damit uns dieser Geist nicht verlässt?
Die Kunst, die uns Christen heute abverlangt wird, ist, Leben und Glauben zusammenzubringen. Es geht darum, immer mehr zu verstehen, dass es nicht um den Bestand des endlichen Lebens, sondern um den Beistand Gottes geht.
Vielleicht erschließt die folgende kleine Geschichte dieses Verständnis:
Einem Bauern gefiel das Wetter gar nicht. Er beschwerte sich beim lieben Gott, dass es regnete, wenn er Sonne brauchte und nur dann die Sonne strahle, wenn es regnen sollte. Gott erlaubte dem Bauern, dass er das Wetter bestimmen könne. Die Sonne schien nun, wann immer es dem Bauern nötig schien. Es regnete nur noch, wenn der Bauer meinte, Regen zu brauchen. Doch als die Ernte kam, war das Erstaunen groß: Kein Ertrag auf dem Feld, keine Frucht am Baum, kein Gemüse im Garten. Da sagte Gott zum Bauern: “Du hast den Wind vergessen!“
Das Evangelium gibt uns heute eine Richtung vor. Das kommende Pfingstfest wird diese Ausrichtung christlichen Lebens noch einmal unterstreichen; Bei alle unserem Tun und Lassen darf Gottes Geist nicht vergessen werden. Ihn gilt es in allen Lebenslagen zu erbitten. Vielleicht ist ihnen aufgefallen, dass sich die Worte „Bestand“ und „Beistand“ nur durch ein kleines „i“ unterscheiden. Ebenso ist es bei den Worten „Leben“ und „Lieben“. Vielleicht sind es eben nur Kleinigkeiten, wie so ein kleiner Buchstabe, die die Weltsicht und die Qualität unseres Lebens aus dem Glauben verändern können.

P. Paul Mühlberger SJ

29.05.2014

Christi Himmelfahrt
Apg 1,1-11
Mt 28,16-20

Immer wieder hören wir in den Evangelien davon, dass die Jünger Jesu alles andere als Übermenschen waren, dass sie vielmehr typisch menschliche Schwächen hatten. Zweifel und Ängste prägten ebenso sehr ihr Wesen wie auch Wankelmut und Kleingläubigkeit, auch gelegentliche selbstsüchtige Fantasien von eigner Macht und Größe waren ihnen keineswegs fremd. Des Öfteren verstanden sie auch nicht so recht, was Jesus eigentlich wollte. Sie durchlitten die erschütternde Erfahrung des Kreuzestodes; sie erfuhren dann die überwältigende Freude des Ostermorgens. An ihrem Wesen änderte sich dadurch wenig. Zwei Einzelheiten, die in der Erzählung von der Himmelfahrt Jesu überliefert sind, zeigen dies noch einmal ganz deutlich. Da wollten die Jünger wissen, ob denn der Herr in absehbarer Zeit das Reich Israel wieder aufbauen werde. Und wenig später dann, nachdem eine Wolke Jesus ihren Blicken entzogen hatte, starren sie wie in einem Schockzustand zum Himmel empor. Sie waren nicht mehr zu bewegen, und es mussten erst zwei Engel auftreten, um sie aus ihrer Starre zu lösen.
Die Jünger verhalten sich also wenig souverän. Sie zeigen wieder einmal ihre Menschlichkeit, aber vielleicht sind sie uns gerade deshalb so sympathisch. Hätten wir uns anders verhalten? Wohl kaum. Aber wir können aus ihrem Verhalten einiges lernen. Auch wir denken über Gott und sein Verhalten der Welt gegenüber sehr oft in rein menschlichen Kategorien. Haben sie nicht auch schon mit dem Gedanken gespielt, dass es schön und auch gerecht wäre, wenn der Herr von Zeit zu Zeit korrigierend in den Lauf der Welt eingreifen würde. Wer hätte sich nicht schon gewünscht, dass endlich ein Machtwort von Himmel schallen möge, so wie es uns die Geschichten aus dem Alten Testament berichten. Aber hinter unseren so ehrenwert scheinenden Wünschen stecken doch oft unsere eigenen Absichten. Auf der anderen Seite gibt es Formen falsch verstandener Frömmigkeit, in denen man nur noch gebannt auf den Himmel starrt und dabei übersieht, welche Herausforderungen die Welt gerade an uns stellt. Die beiden Verhaltensweisen, die Erwartung eines aktiven Eingreifens Gottes in das Weltgeschehen oder die totale Abwendung von der Welt, mögen diametral entgegengesetzt scheinen. Doch haben sie beide dieselbe Wurzel: Man möchte sich aus der Verantwortung für sein eigenes Leben und für die Mitmenschen stehlen und alles dem Himmel überlassen.
Als Christen glauben wir, dass uns Gott durch die Auferweckung Jesu Christi aus den Fesseln des Todes befreit hat. Ein erlöstes Leben bedeutet aber keinesfalls gleichzeitig ein bequemes Leben. Gewiss, die Richtung ist klar und das Ziel ist sicher, doch muss sich noch immer jeder selbst auf den Weg machen. Genau das taten auch die Jünger, als sie nach Pfingsten den Auftrag Jesu richtig verstanden hatten. In der heutigen Zeit fragt man sich natürlich: Aber was hat denn dieser Aufbruch bewirkt? Was hat sich denn wirklich zum Besseren gewandelt? Wenn wir in die Weltgeschichte hineinschauen, so müssen wir leider feststellen, dass sich da nicht viel getan hat. Zwei große Kriege in einem Jahrhundert, ausgefochten von Christen! Und auch heute. Es entsteht der Eindruck, dass das Christentum seine würzende Kraft verloren hat, dass das Salz schal geworden ist. Und wenn man hört, dass Stimmen laut werden, die die Kreuze in öffentlichen Räumen verboten haben wollen und die in unserem neues Europa nicht mehr anerkennen wollen, dass das Christentum eine der Wurzeln unseres europäischen Lebensraumes bildet, dass Kunst und Kultur immer noch Zeugen dessen sind, was unsere Vorfahren geglaubt und bekannt haben. Auch die Kirche hat sich im Laufe ihrer Geschichte immer wieder in Schuld und Sünde verstrickt.
Also auf den ersten Blick schaut die Bilanz nicht rosig aus und wenig positiv. Aber machen wir uns klar: Wie befreiend war es für die Menschen, sich nicht mehr von launischen Göttern und deren finsteren Machenschaften abhängig zu wissen! Was für ein Fortschritt ist es, dass die großen Herrscher nicht mehr als Gottkönige gesehen werden und entsprechende Opfer verlangen! Und wenn der Mensch – wohlgemerkt: jeder Mensch – ein Abbild Gottes ist, was bedeutet das für die menschliche Würde! Und dann der Gedanke, dass die Ehe zwischen Mann und Frau ausschließlich auf der gegenseitigen Liebe beruhen soll! Gewiss gehen die in Gang gesetzten Entwicklungen oft quälend langsam und unter manchen Rückschlägen vor sich: Aber heißt es nicht, es stehe uns nicht zu, Zeiten und Fristen zu kennen? Die Zeichen eines neuen Geistes dürfen wir aber gerade in unserer Zeit nicht übersehen. Denn Er ist ja das große Abschiedsgeschenk Jesu.
An diesem Fest Christi Himmelfahrt ist es in vielen Gemeinden Brauch, in einer Prozession durch Feld und Flur oder auch durch die Stadt zu ziehen. Das bringt zeichenhaft zum Ausdruck: Wir wollen uns umsehen in dieser Welt; ihre Sorgen und Nöte bewegen uns und wir wollen unserer Verantwortung für das menschliche Leben gerecht werden. Es mangelt ja nicht an großen Herausforderungen; ich nenne nur die Frage der sozialen Gerechtigkeit, die Ausbeutung der Schöpfung und die Sinnkrise in der westlichen Welt. Dass sie bis an die Grenzen der Erde gehen sollen, das hat Jesus seinen Jüngern aufgetragen. Dass wir in alle Randbereiche des menschlichen Daseins gehen sollen, so hat Papst Franziskus diesen Auftrag aktualisiert.
Was hat uns Jesus hinterlassen? Er hat uns die Kirche gegeben. In den Schoß der Kirche hat er alles hineingelegt, was wir für unser ewiges Heil brauchen: das lebensspendende Wort Gottes in der Bibel, den wahren Glauben, die Kraft und die heilende Wirkung der Sakramente, die Bergpredigt als Erfüllung der Wegweisung zum richtigen Leben als Christen nach den Zehn Geboten.
Ausdrücklich ist die Gegenwart des Geistes Jesu, des Heiligen Geistes angesprochen. In diesem Geist ist uns alles an Gnade und Hilfe von oben zugesagt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

01.06.2014

7. Sonntag in der Osterzeit
Joh 17, 1-11a



Sicher haben sie schon erlebt, wie schwierig es sein kann, verschiedene Charaktere und Interessen unter einen Hut zu bringen, eine gemeinsame Basis für ein Gespräch, für das Zusammenleben und Zusammenarbeiten zu finden. Ohne gemeinsamen Nenner lebt man nicht mit, sondern neben- oder gar gegeneinander. Aber Zusammenhalt und Solidarität fallen keiner Gemeinschaft in den Schoß. Es ist immer ein neues Suchen und Sich-Bemühen. Rückschläge und Enttäuschungen sind unvermeidlich. Gibt es Hilfen auf diesem Weg zu Einheit und Einigkeit? In der heutigen Lesung aus der Apostelgeschichte werden uns einige gute Tips gegeben.
Wir begegnen darin einer bunt gemischten Gesellschaft, „einmütig versammelt“. Da sind die Apostel Jesu: Petrus, der Hitzkopf, spontan und oft unüberlegt. Johannes und Jakobus, die Jesus sicher nicht ohne Grund „Donnersöhne“ genannt hatte. Thomas, der Rationalist, der nur glaubt, was er sieht. Matthäus, der ehemalige Zöllner, der sich bestimmt auch jetzt noch auf Geldgeschäfte versteht. Simon aus der Partei der Zeloten, welche die Römer mit Gewalt aus dem Land vertreiben wollten. Jeder ist ein Typ für sich. Dazu sind da auch noch die Frauen, Maria, die Mutter Jesu und seine Verwandten, die auch Brüder genannt werden. Von ihnen wissen wir weniger als von den Aposteln. Aber sicher waren unter ihnen ganz verschiedene Charaktere. Doch sie sind „einmütig“ beieinander – und das nicht nur für ein paar Stunden. Nein, tagelang beten sie gemeinsam um den Heiligen Geist. Und auch nach Pfingsten wird von ihnen berichtet, dass sie „ein Herz und eine Seele“ waren.
Was hält diese so verschiedenen Menschen zusammen? Die Antwort ist für uns wichtig, denn irgendwie erkennen wir uns selber mitten unter ihnen. Die Antwort ist wichtig, denn vielleicht kann sie uns helfen um Bemühen, um eine gemeinsame Basis in unseren Familien und auch in der Kirche.
Drei Säulen sind es, welche diese Menschen zusammenhalten. Zunächst ist es der gemeinsame Glaube an Jesus, den Auferstandenen. Es ist nicht ein Glaube an Dogmen oder Glaubenssätze. Solcher Sachglaube wirkt oft eher trennend als einend, das erfahren wir heute zur Genüge. Diese Menschen glaubten an jemanden, an Jesus, von dem sie wußten, dass er geheimnisvoll mitten unter ihnen war. Er hatte ja versprochen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“.
Dann ist es die gleiche Blickrichtung, welche diese bunte Gruppe zusammenhält, eine gemeinsame Hoffnung. Sie erwarten den Heiligen Geist, den Tröster, den Jesus ihnen vor seinem Abschied versprochen hatte. Sie haben ein gemeinsames Ziel: die neue Zukunft im Reich Gottes. Sie wissen zwar nicht wie das konkret aussehen wird. Aber sie zweifeln nicht an Jesu Zusage. Das schenkt ihnen Kraft, Vertrauen und Einmütigkeit.
Schließlich ist das einmütige Gebet eine tragende Kraft. Gemeinsam glauben und in die Zukunft schauen drängt zum Miteinander-Beten. Sie werden zwar nicht alle mit den gleichen Worten gebetet haben, aber sie beten alle um dasselbe, das ist ausschlaggebend. Dieses gemeinsame Tun macht ihr Gebet so stark, dass es vermag, den Heiligen Geist herabzurufen.
Spüren sie die Aktualität für uns heute? Wie steht es z.B. mit dem Glauben? Trennt oder vereint er? Wenn es nur ein Glaube an Dogmen und Glaubenssätze ist, fehlt ihm das tragende Fundament, und nur zu leicht zersplittert man sich in verschiedene Meinungen und Richtungen. Mitte und einigendes Band des christlichen Lebens ist ja nicht eine Sache, sondern eine Person, ein lebendiges Du. Warum streiten wir uns so oft über „etwas“, anstatt uns zu versammeln und zusammenzufinden um „jemanden“? Wohl der Familie, der Pfarrei, den Kirchen, deren gemeinsamer Nenner eine lebendige Gottesbeziehung ist! Sie werden glaubwürdig sein für die zerrissene Welt.
Auch die gemeinsame Blickrichtung ist nicht selbstverständlich. Zu sehr werden wir von unseren eigenen Problemen, von den Anforderungen des Augenblicks beansprucht. Trotzdem oder gerade deshalb sollten wir uns darum bemühen, wieder einen Blick für die verheißene Zukunft Gottes zu bekommen. Denn aus den vielen Augenblicken unseres Lebens entsteht Zukunft. Und ich denke, die Zukunftshoffnungen und auch die Zukunftsängste sind gar nicht so verschieden bei Alt und Jung, in Afrika und Europa. Sie werden zwar anders formuliert und ausgedrückt, aber im Grunde ersehnen und erhoffen alle – bewußt oder unbewußt -, was Jesus uns verheißen hat: erfülltes, sinnvolles Leben über den Tod hinaus. Eine wirklich einende Perspektive – wenn wir sie nur ernst nehmen würden.
Das Gebet als einende Kraft ist heute vielfach der Geschäftigkeit, dem Streß und Leistungsdruck zum Opfer gefallen. Wir haben keine Zeit mehr, um gemeinsam zu beten – nicht einmal am Sonntag. Dabei klagen wir über die Geistlosi8gkeit im Alltag und in der Welt und vergessen ganz, dass wir um den Geist, der alles erfüllen und sinnvoll machen kann, beten könnten – miteinander und füreinander, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch daheim in den Familien.
Wir haben im heutigen Evangelium jenes Gebet gehört, das Jesus bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern gesprochen hat. In der wichtigsten Stunde seines Lebens wendet er sich an seinen Vater im Himmel. „Vater, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht“. Darum war es ihm in seinem ganzen Leben gegangen: Gott als den Vater bekannt zu machen, mit den Menschen über ihn zu reden, ihn als den befreienden, lebendigen und lebendigmachenden Gott zu verkünden. Und weil Jesus den Jüngern diese Botschaft anvertraut hat, und auch uns, darum betet er für sie. Sie sollten in der Welt sein, aber nicht von ihr. Die Maßstäbe ihres Denkens und Tuns sollten den Geist Gottes atmen. Ihr Leben und Wirken sollte die Welt von innen her verändern und neu gestalten. Dabei, so bittet er, sollte der Vater sie vor dem Bösen bewahren, damit sie das geistgewirkte Neue nicht mit den ewig alten Mitteln von Gewalt und Unterdrückung zu erreichen suchten.
Dieses Gebet Jesu macht uns schlagartig klar, wo – für alle Zeit – die Maßstäbe zu finden sind, nach denen das Tun seiner Jünger beurteilt werden kann. Die Geschichte der Kirche und auch unsere eigene Geschichte ist neben aller Nachfolgegeschichte immer auch eine Verweigerungs- und Verirrungsgeschichte, die uns und deshalb natürlich auch anderen zeigt, wie tief sich Jesu Jünger in den Netzen der Welt verstrickt haben und verstricken.
Wie war das doch gleich, als Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedete? Er hatte ihnen die Füße gewaschen, das hatten sie nicht erwartet. Er hat von seinem Verräter gesprochen, ein starkes Stück, und Petrus vorausgesagt, dass gerade er ihn verleugnen werde. Er hatte ihnen von seinem Weg zum Vater erzählt und seine Beziehung zu ihnen, den Jüngern, in das Bild vom Weinstock und den Reben gebracht. Weil er ihnen allen „klaren Wein“ einschenken wollte, hat er ihnen auch vorausgesagt, dass „die Welt“ sie hassen werde. Er hatte ihnen den Geist als Beistand und Lehrer verheißen, der sie in ihrer Trauer trösten werde; und er hatte sie ermutigt, in der Bedrängnis standhaft zu bleiben. Dann hatte er zu beten begonnen.
Folgen wir seinem Beispiel. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.06.2014

Pfingstsonntag
Apg 2,1-4
Jo 20,19-23
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Ein Blick in die Kulturgeschichte der Menschheit macht uns eins unmissverständlich deutlich: Der Mensch strebt nach dem Größeren, nach dem Vollkommenen. Und als Inbegriff dieses Größeren ist ihm stets der Geist erschienen. In keinem materiellen Gut, sondern im Geist erblickte er die wahre Erfüllung. Mehr als alle materiellen Siege und durch alle wirtschaftliche Macht zeichnen sich Geschichtsepochen durch ihr Geistesleben aus. Denn das Vordergründige, das, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen können, verlangt nach einer Vergeistigung. Die Schranke des Materiellen will überstiegen sein. Der Mensch erfährt die Bewegung, und er sucht den Beweger; er sieht den Strom und fragt nach der Quelle; er verspürt die Wirkung und ahnt die Ursache; er lebt und fragt nach dem, was der Sinn des Lebens ist. Und so ist er von jeher über sich hinaus verwiesen worden auf den Ursprung, auf den Geist.
Es kommt darauf an, dass wir uns wieder auf die Größe des Geistes besinnen, auf den Primat des Geistes vor der Materie, der Seele vor dem Leib. Seit Gott im Paradies dem Menschen mit seinem Geist angehaucht hat, ist er in der Lage, alles Vordergründige und Materielle zusammenzunehmen und zu durchdringen in der Kraft des Geistes. Und nur von dort gelingt der Brückenschlag zu dem, der die Grundlage alles wahrhaft Geistigen ist: zum Hl. Geist.
Und so heißt es heute in der Liturgie auch mit Recht: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“ Nun, das wäre ja schön, wenn so mit einem Schlag alles neu würde, wenn die Kriege aufhörten, die Ungerechtigkeit und der Terror, wenn Krankheit und Tod besiegt wären. Wie schön wäre es, wenn mit einem machtvollen Brausen vom Himmel die Welt in einem Augenblick verändert würde. So betrachtet ist das Pfingstfest ein Ausdruck unserer tiefen menschlichen Sehnsucht nach einer heilen Welt. Deshalb ist es eigentlich seltsam, dass dieses Fest, das doch eine urmenschliche Sehnsucht zum Thema hat, im Volksempfinden relativ wenig Widerhall findet. Verglichen mit anderen kirchlichen Festen, gibt es nur wenig typisch pfingstliches Brauchtum. Vielleicht sind wir einfach zu desillusioniert: Wir glauben ja doch nicht daran, dass mit einem machtvollen Brausen alles neu wird, wie damals in Jerusalem.
Vielleicht aber ist Pfingsten auch zu anspruchsvoll. Wir haben uns ja ganz gut eingerichtet in dieser „unheilen“ Welt, haben uns arrangiert mit der Welt, wie sie nun einmal ist. Und es ist unbequem, sich wachmachen zu lassen. Aber das genau will der Geist Gottes: uns wachrütteln, uns aufwecken aus dem Schlaf der Bequemlichkeit und Sicherheit, aus dieser lähmenden resignativen Stimmung nach dem Motto: „Es hat ja doch keinen Sinn. Es ändert sich ja doch nichts. Was kann ich da schon tun?“ Im Grunde wissen wir ganz genau: Die Welt ändert sich nicht, wenn wir uns nicht ändern. Die Welt wird nicht heiler, wenn wir nicht „neue Menschen“ werden. Und genau das macht es so schwer und so unbequem.
Die Schwierigkeit ist: Pfingsten fällt nicht so einfach vom Himmel. Die Schilderung des Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte wird manchmal so verstanden, als käme eines Tages der Heilige Geist und würde endlich aufräumen in dieser Welt und Ordnung schaffen. Aber das ist ein schlimmes Missverständnis. Der Heilige Geist bleibt machtlos, solange wir nicht wollen, solange wir uns ihm verschließen. Der Heilige Geist benutzt uns nicht wie willenlose Werkzeuge. Er will uns als Mitarbeiter. Und das macht es so schwer und unbequem. Gott und sein Geist wollen uns in die Verantwortung nehmen. Wir würden staunen, was Gott mit uns machen würde, wie sich die Welt verändern würde, wenn wir uns nur mit unseren Begabungen und Fähigkeiten Gottes Geist zur Verfügung stellen würden. Dass das nicht immer leicht und einfach ist, wird uns bestenfalls dann klar, wenn wir anzuecken beginnen, wenn wir auf Widerstand stoßen, wenn wir den Zorn derer zu spüren bekommen, die nicht wollen, dass sich etwas verändert, jedenfalls nicht im Sinn des göttlichen Geistes.
Das Kommen des Geistes Gottes wird in anschaulichen Bildern geschildert: Im Bild vom Feuer und im Bild vom Sturm. Feuer ist ein sprechendes Bild für das Wesen von Gottes Geist, für seine Eigenart des Wirkens. In der Wärme, in der Kraft des Feuers können Menschen die Nähe Gottes, auch seine Herausforderung erkennen. Das Bild von den Zungen vermittelt überdies den Eindruck der Lebendigkeit. Seit der Erzählung vom brennenden Dornbusch ist Feuer ein Zeichen für Gottes Anwesenheit. Auch diese ist lebendig, beweglich, sie bewirkt etwas, ist nicht in sich ruhend. Im Kommen des Geistes mit Zungen wie von Feuer wird jeder Mensch in diese Lebendigkeit, in diese Gottesgegenwart hineingenommen. Zungen wie von Feuer sind kein ruhiges, kein beschauliches Bild. Da tut sich etwas, es bewegt sich, lebt.
So auch in Jerusalem. Alle versammelten Menschen hören es in ihren Sprachen. Dieses sogenannte Pfingstwunder hat schon immer die Phantasie der Menschen und ihre Sehnsüchte angeregt. Was beim Turmbau von Babel zerstört wurde, weil Menschen Himmel und Erde verbinden wollten, das ist jetzt wieder hergestellt: An Pfingsten beginnen die Menschen, einander erneut zu verstehen. Dies ist nicht möglich, weil etwa der Turmbau jetzt gelungen wäre, sondern weil Gott dazu in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi die Möglichkeit schafft: Durch Jesus Christus hat Gott Himmel und Erde verbunden.
Wie steht es also mit unserer Bereitschaft, uns von diesem Geist Gottes ansprechen zu lassen. Ist es die Angst, die uns daran hindert, sitzen wir auch wie die Jünger hinter verschlossenen Türen? Sich auf diesen Geist zu besinnen, das ist der Anruf des Pfingstfestes. Er, der das Urchaos ordnete, er, der seiner Kirche Mut zum lebendigen Zeugnis gab, er kann auch uns befähigen, die Augen zu erheben und die Welt in das Gottesleben hineinzuführen.
Aber so fragen viele, wo ist der Geist? Lässt er sich überhaupt noch verspüren? Die Heilige Schrift vergleicht den Geist mit dem Windhauch, den man nicht ohne weiteres dingfest machen kann. Der Geist Gottes lärmt nicht, er zwingt den Menschen nicht. Aber er ist da, er ist am Werk. Wer bei schönem, sommerlichen Wetter durch eine grünende Landschaft geht, der spürt wenig vom Wasser und doch ist das Wasser überall am Werk: in der Luft, in jeder Erdkrume, in jeder Pflanze. So ist es auch mit dem Geist Gottes. Er wirkt verborgen, er ist wie das Säuseln des Windes, aber er ist da als das Band zwischen Christus und seiner Kirche. Und so werden wir ihn nur im konzentrierten Hinhören, aufmerksamem Gebet vernehmen und verstehen können. Im Gebet ergreift der Geist Gottes von uns Besitz und verändert, vergeistigt die Welt.
Unsere Zeit weiß wenig vom Hl. Geist. Deshalb tut uns das Pfingstfest not. Feiern wir es mit Bedacht und beten wir inständig mit der Liturgie der Kirche: „Sende aus deinen Geist, und das Antlitz der Erde wird neu.“

P. Paul Mühlberger SJ

15.06.2014

Dreifaltigkeitssonntag
Jo 3,16-18
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Wer ist Gott? Diese Frage haben wir uns sicherlich schon oft gestellt. Und auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten. Keine ist erschöpfend. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird an einen Punkt kommen, wo er sagen muss: Gott ist mehr. Mehr, als ich denken kann, mehr, als andere mir sagen können, mehr als wir alle verstehen können.
Dieses „Mehr“ Gottes feiern wir heute als das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Der eine Gott ist der dreifaltige Gott. Vielleicht werden sie mir jetzt sagen: Das verstehe ich noch weniger. Dieses heilig-dunkle Zahlenspiel mit göttlichen Personen, Naturen und Wesenheiten, verpackt in hochtheologische Sätze ist mir fremd. Ja, es ist nicht nur fremd, es verunsichert mich sogar. Was hat dieser Gott meinem konkreten Leben zu tun? Mit der Last meines Alltags, der Not unserer Welt, der Sehnsucht nach Heilung und Heil? Die Dreifaltigkeit ist davon so weit entfernt wie der Himmel von der Erde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wären wir Christen arm dran. Nicht nur, dass wir uns bei jedem Kreuzzeichen stillschweigend selbst verleugnen müssten. Schlimmer. Wir stünden da als armselige Jünger, die sich an einen Gott hängen, der so kompliziert geworden ist, dass er uns in keiner Weise mehr zugänglich ist.
Vielleicht ist es ja der Begriff selbst, der uns zurückschrecken lässt: Dreifaltigkeit. Als könne man Gott auf eine Formel bringen, ihn sauber aufnotieren auf Rechenpapier und die griffige Formel dann anwenden, wenn man sie braucht. Das Dumme ist nur, dass wir sie schon längst nicht mehr brauchen. Wir haben ja uns eigene Götter geschaffen. Manchmal scheint es so, als hätten wir die Rede von der Dreifaltigkeit in den Giftschrank der Theologie gesperrt und machten einen großen Bogen darum.
Es wäre ein großes Missverständnis der Theologie, würde sie meinen, sie könne Gott in ihre Begriffe einfangen. Gott ist letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen und alle unsere menschlichen Worte sind zu schwach, um etwas über ihn auszusagen.
Nun, wenn wir in das Neue Testament hineinschauen, dann merken wir, dass der Begriff „Dreifaltigkeit“ dort nicht vorkommt. Es sind nur wenige Stellen, die Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug nennen. Und doch rechnet das Neue Testament an jeder Stelle mit der lebendigen Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Sie wird in Jesus selbst gegenwärtig. Immer wieder spricht er vom Vater, aus dem er ist, und vom Geist, den er senden wird.
Das Neue Testament kennt auch keine Formelhaftigkeit. Es sind Menschen, die die Dogmen machen. Ist das falsch? Sicher werden Dogmen in einer sich wandelnden Zeit, in der sich auch die Verständnishorizonte der Wirklichkeit ändern, schwierig, sogar unverständlich, erklärungsbedürftig. Aber wo immer es Menschen gibt, brauchen sie etwas, an das sie sich halten können. Menschen brauchen den Kodex einer gemeinsamen Erinnerung, auch Sätze über Gott, auf die sie immer wieder verlässlich zurückgreifen können. Das entbindet sie aber nicht, auch das Verstehen immer wieder neu zu suchen.
Die Frage nach der Dreifaltigkeit ist für mich die Frage: Was weiß ich von Gott? Es ist nicht viel und doch wieder eine ganze Menge.
Ich erfahre mich als Geschöpf, das sich nicht selber gemacht, sondern sein Leben empfangen hat. In einer Welt, die, so belastet sie ist, doch wunderbar bleibt, grandios, herrlich. Eine Welt, die sich nicht selbst ins Dasein gebracht hat, sondern in der ich die Spuren Gottes erkenne, die mich ehrfürchtig staunen lässt. Das weiß ich ahnend von Gott.
Ich erlebe mich als Mensch in einer Geschichte von Menschen. Auch in einer Glaubensgeschichte, in der Israel einen besonderen Platz einnimmt. Es ist eine Geschichte, in der Menschen erfahren haben, dass der Schöpfer kein anonymes Etwas ist, sondern ein Du, ein Ich-bin-da. Und es gehört auch zu den großen Erfahrungswerten Israels, dass der Schöpfer es nicht beim Schaffen belässt, sondern mitgeht, eingreift, nahe ist, sich seiner Welt zuwendet. Das weiß ich ahnend von Gott.
Und ich erfahre mich als Christ in einer Gemeinschaft von Christen, die erfahren haben, weitererzählen und bezeugen, dass Gott noch weiter geht, dass er den Menschen sein Gesicht gezeigt hat, nicht fern, sondern hautnah. In Jesus, der als Mensch unter Menschen Gott ganz und gar gegenwärtig macht. Wer ihn sieht, der sieht den Vater im Himmel Und es geht noch weiter: dieser Gott holt uns aus der Sterblichkeit dieser Welt heraus so wie er Jesus aus dem Tod herausgeholt hat und wir werden einmal dort sein wo Gott ist und werden sein Leben mit ihm teilen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Manchmal frage ich mich, wie ich das wissen kann. Ich spüre, dass mein Wissen und Verstehen damit längst überschritten sind, dass ich selber überschritten bin. Jesus hat das den Geist genannt. In einer Weise, die deutlich macht: Hier ist nicht irgendeine Energie am Werk, eine Kraft, die sich kanalisiert und bei Nichtgefallen abstellen lässt, sondern ein Du. Ein Du, das in mir zu mir spricht und mich manchesmal begeisternd überfällt.
Gott hat den Menschen bis heute nicht geoffenbart, wer er ist, sondern was er tut. Er hat nicht sein Wesen den Menschen kundgetan, sondern sein Handeln. Gott ist nicht ein Gott „an und für sich“, sondern ein Gott „für die Menschen“. Darin liegt die frohe Botschaft von dem einen Gott in drei Personen: Gott ist in seiner Liebe zu den Menschen unerschöpflich. Er sucht immer neue Wege und begnügt sich nicht mit einer Einbahnstraße ewigen Einerleis für seine Offenbarung. Kein Winkel menschlicher Geschichte, kein Ort dieser Welt, keine Zeit sind von der Möglichkeit ausgenommen, Gott zu erfahren.
Ein Prisma aus fein geschliffenem Glas halte ich in meiner Hand. Sonnenstrahlen fallen darauf und werden in vielfältiger Weise gebrochen. Sie zeichnen farbige Streifen auf das Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Ein kleiner Käfer kriecht darüber. Durch die verschiedenen Brechungen des Lichts ist er bald in blaue, bald in rote Farbe getaucht. Und doch ist er immer nur von dem einen Licht beschienen, wird er immer nur aus der einen Quelle erleuchtet.
Diese kleine Begebenheit lässt etwas erahnen von dem Geheimnis des einen Gottes in drei Personen, zu dem wir uns als Christen bekennen. Da wandern wir über unsere Welt und erfahren ganz unterschiedliche Weisen der Gottesoffenbarung. Wie der Käfer sind wir bald in dieses, bald in jenes Licht des göttlichen Wirkens getaucht. Und wie der Käfer könnten wir vielleicht annehmen, dass es verschiedene Lichtquellen sind, die uns abwechselnd beleuchten, je nach dem Standpunkt, den wir gerade einnehmen.
„Gott ist Licht, und keine Finsternis ist ihn ihm“, so lesen wir im ersten Johannesbrief. In seinem Licht lässt er uns das Licht schauen. Er leuchtet uns auf als Vater, wenn wir seine Schöpfermacht, seine liebende Führung oder seine vergebende Güte erfahren. Wir erkennen ihn als Sohn, wenn er uns nahe ist, wie Jesus, unser Bruder, uns nahe ist. Wir erfahren ihn als heiligen Geist, wenn wir uns von seinem belebenden und vorwärts treibenden Atem berührt fühlen. Und dennoch: es ist immer ein und dasselbe Licht, das uns aufscheint, aber gebrochen in drei Personen.
Bruchstückhaft ist unser Wissen über Gott, eine simple menschliche Annäherung an sein Wesen. Und doch finde ich ihn ihr den dreifaltigen Gott mitten in meinem Leben. Und das ist das Konkreteste, was es gibt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

22.06.2014

12. Sonntag im Jahreskreis
Mt 10, 26-33
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Papst Benedikt XVI. hat einmal sinngemäß gesagt, dass das eigentliche Problem unserer Zeit sei, dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet und dass damit Orientierungslosigkeit in die Menschheit hereinbricht, deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen. Das kann Angst machen. Angst tritt in bedrohlich empfundenen Situationen auf. Sie ist ein Schutzmechanismus, der in Gefahrensituationen ein angemessenes Verhalten einleitet. Im Gegensatz zur Angst ist die Furcht rational begründbar, denn sie richtet sich auf etwas Konkretes. Siesignalisiert uns, wenn wir uns zurücknehmen müssen. Sie zeigt an, wenn wir dem Größeren im Leben begegnen.
Fürchtet euch nicht! Das Wort Jesu an seine Jünger, dass sie sich nicht zu fürchten bräuchten, wenn sie die frohe Botschaft in die Welt hinaustragen, dieses Wort, das wie ein Refrain das Evangelium des heutigen Sonntags durchzieht, mag leicht den Anschein erwecken, eine müde Durchhalteparole zu sein, zumal wenn es in unsere Zeit, in unsere Kirche hineingesprochen wird. Wer halbwegs wachen Auges ist, kann ja an allen Ecken und Enden Einbrüche, Auflösungsbewegungen und Abbröckelungserscheinungen erkennen. Der Katholizismus werde sich allmählich damit abfinden müssen, nicht mehr die klare Mehrheitspartei zu sein, was die religiöse Landschaft in unseren Breiten betrifft. So urteilte vor einigen Wochen der Leitartikler einer österreichischen Zeitung. Zahlen für seine Diagnose hatte unser Journalist rasch zur Hand: In Österreich wird der Anteil der Katholiken selbst im optimistischen Fall bis zum Jahre 2050 auf 56% zurückgehen. In Wien wird es in wenigen Jahren rund 30% Menschen ohne religiöses Bekenntnis geben, die Katholiken werden weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.
Aber was bedeuten schon Zahlen? Wer in die Kirchen schaut, sieht auch so, dass die Reihen sich lichten. Und die schon jahrelang dauernde Krise bei den sogenannten „Berufungen“ zu einem kirchlichen Amt oder in die Orden macht ebenfalls nachdenklich. Manche Klostergemeinschaft schwankt angesichts des massiven Nachwuchsmangels. Fragen drängen sich auf: Wie wird die Kirche als Eucharistiegemeinschaft in Zukunft organisiert sein, wenn es zu wenig Priester gibt, noch viel weniger als heute? Und nicht unbedeutend auch: Wie wird die Kirche sich in Zukunft finanzieren, wenn ihr immer mehr Menschen per Austritt den Rücken zukehren?
Mit diesem Szenario vor Augen muß noch einmal gefragt werden: „Fürchtet euch nicht!“ Ist das nicht eine Durchhalteparole in der Kirche unserer Zeit? Ein Satz, der an die Mannschaft noch schnell ausgegeben wird, wenn eigentlich schon alles dem Untergang nahe ist, wenn das Spiel bereits verloren ist? Ein Satz der ausgegeben wird, um die Leute noch ein wenig bei der Stange zu halten? Um sie nicht zu vergrämen? Um gar der Gefahr vorzubeugen, das eigene Gesicht zu verlieren? Wird die Kirche in unseren Breiten tatsächlich einmal vor dem Aus stehen, so die bedrängende Frage, oder wird sie zumindest so ausgedünnt sein, dass sie nicht mehr sein wird, was sie sein soll: Hoffnungsreservoir, sprudelnder Lebensquell, ein Ort, an dem der Geist Gottes spürbar wird, ein Ort, an dem Menschen Mensch sein können.
Ganz gewiß: Ich glaube auf keinen Fall, dass Jesus mit seiner Aufforderung zur Furchtlosigkeit bloß eine Vertröstungsmaschinerie angeworfen hat und über die wahren Tatsachen hinwegtäuschen wollte. Das hat er damals in Galiläa nicht getan, und das tut er auch heute nicht, wenn uns als Christen dieses „Fürchtet euch nicht!“ zugesprochen wird. Sein Wort gilt. Wer nicht nur vom Heil redet, sondern wie Jesus in Wundern dieses Heil auch an Menschen erwirkt, an gebrochenen, leidenden, verachteten Menschen, der meint es ernst. Wer um seiner Grundsätze willen gesellschaftliche Konventionen durchbricht und die Mächtigen vor den Kopf stößt, auf dessen Wort ist zu zählen. Wer schließlich, weil er es den Menschen gut meint, in den Tod geht, wer für das, was er sagt, mit seinem Leben bürgt, dem ist unbedingt zu trauen. Jesus war kein Flunkerer. Friede, Freiheit, Treue, Verantwortung, Gerechtigkeit, Freude auch – von all dem sprach er nicht nur, sondern das war er auch, und das wollte er den Menschen rund um ihn und der ganzen Welt vermitteln.
Trotzdem bleibt die Frage, wie mit unserem Jesuswort angesichts der nicht sehr hoffnungsvollen Situation unserer Kirche heute umzugehen ist. In welche Situation hat Jesus selbst dieses „Fürchtet euch nicht!“ gesprochen? Es ging ihm, glaube ich, um einen Neubeginn. Das, was er selber in der Zeit vor seiner Aussendungsrede gelebt hat, als er unermüdlich und irgendwie leichtfüßig durch die Dörfer und Städte Galiläas zog, dass nämlich die Liebe Gottes ein für allemal in dieser Welt Macht ergriffen hat, das soll jetzt konkrete Gestalt annehmen. Es bedarf der Jünger, die ihre Erfahrung mit dem Messias, mit dem vom Geist Gottes Gesalbten, unter die Leute tragen Es bedarf der Jünger, der Menschen, die am Projekt einer neuen Gesellschaft, einer neuen Kirche mitwirken.
Ob dieses Projekt gelingt, steht jetzt, da Jesus seine Jünger aussendet, noch nicht fest. Man steht eben an einem Neubeginn, und dieser Neubeginn ist von Hoffnung begleitet. Denn Friede, Treue, Freiheit, Verantwortung, Gerechtigkeit und Freude, das sind die besseren Argumente. Man kann den Leib töten, sagt Jesus, die Seele und damit die Sehnsucht aber nicht. Deshalb: „Fürchtet euch nicht! Was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet von den Dächern.“
Was aber hat das mit der Kirche von heute zu tun? Sehr viel. Ich meine, dass auch wir längst an einem Neubeginn stehen. Mit großen Einbrüchen gehen auch Umbrüche einher. Viele Christen wollen mit den erstarrten Systemen von gestern nichts mehr zu tun haben. Das heißt aber nicht, dass sie das Christentum verwässern wollen, das heißt auch nicht, dass sie Glaubenssätze abschaffen wollen. Es geht viel mehr um neue Wege, wie die Menschen von heute in ihrer konkreten Situation neu anzusprechen sind. Sie vertrauen darauf, dass Neues wächst. Sie spüren dem Geist Gottes nach, der weht, wo er will, auch abseits von unseren menschlichen ausgetretenen Pfaden. Es sind Jugendliche, Eheleute, Familien, alte Menschen, die sich - oft über die Generationen hinweg – nicht mit den oberflächlichen Genüssen dieser Welt abspeisen lassen, die auf das Wort Gottes hören und es in ihrem Leben umsetzen. Nicht selten geschieht in Pfarreien ein solcher Neuaufbruch, sehr oft in Familien, hin und wieder auch in ganz weltlichen Bereichen. Es ist eine neue Kirche, oder sagen wir besser, eine neue Gestalt der Kirche. Und denjenigen, die sich auf sie einlassen, ist zugesagt: „Fürchtet euch nicht!“
Hans Urs von Balthasar hat in seinem Buch: „Warum bleibe ich in der Kirche?“ folgendes geschrieben:
Natürlich „sollte“ die Kirche. Sie „sollte“ alles, und viel mehr als sie je kann. Man möchte bloß wissen, ob alle, die sie deshalb verlassen, weil sie nicht erfüllt, was sie von ihr erwarten, anderswo mehr Befriedigung finden. Wenn ich höre: „die Kirche sollte“, so scheint mir das bloß zu sagen: „Ich sollte!“ Um so mehr als ich von der Kirche soviel mehr erhalten, als ich verdiene. Mehr, als was ein Mensch oder eine menschliche Gemeinschaft vermitteln kann. An mir, an uns, liegt es dafür zu sorgen, dass die Kirche dem besser entspricht, was sie in Wirklichkeit ist. Amen.

29.06.2014

Petrus und Paulus

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Das Fest der Apostel Petrus und Paulus vereint zwei sehr unterschiedliche Jünger Jesu in der Verehrung der Kirche. Schon ein schlichter Blick auf die vielen Darstellungen der Apostelfürsten in der christlichen Kunst macht eine Unterschiedlichkeit deutlich, die sich auf viele bereiche erstreckt. Da ist die verschiedene Herkunft und Bildung. Petrus scheint geprägt von seinem Handwerk, dem Fischerberuf, den er am galiläischen Meer ausübt, wo seine Schwiegereltern einen kleinen Betrieb hatten. Er folgt dem Ruf des Herrn, wird eine Perle, ein Edelstein im Kreis der Jünger und tritt durch das einzigartige Bekenntnis zum Messias hervor. Er gehört zum engsten Kreis Jesu bei der Verklärung auf dem Tabor und in der Nacht vor dem Tod des Herrn. Er spürt die Macht der Sünde und des Verrats, aber auch die befreiende Kraft der Reue. Als Zeuge des Auferstandenen spricht er an Pfingsten vor der Welt und wird Erstverantwortlicher der Juden- und Heidenmission.
Paulus dagegen scheint bestimmt von seiner Herkunft aus dem gebildeten und gesetzestreuen Judentum. Er ist ein Verfolger des Neuen Weges, ein Pharisäer, ein fanatischer Bekämpfer der neuaufgekommenen Jesusbewegung. Völlig ohne Toleranz hat dieser Jude in fundamentalistischer und terroristischer Weise Christen verfolgt und umzubringen versucht. Wo wie Stephanus vom wütenden jüdischen Mob gesteinigt worden war so zum Erzmärtyrer der jungen Kirche wurde. So wie Jakobus, der Sohn des Zebedäus, um Jahr 44 vom jüdischen Synedrium zum Tod verurteilt und enthauptet worden ist. An diese heikle Phase erinnert Paulus in unverschleierter Offenheit. Er war ja selbst beteiligt, sogar als treibende kraft. Wie er dazu kam, wird in der heutigen Lesung erzählt, in der Paulus selbst seine große Wende darstellt. Der erhöhte Christus ruft, ja packt ihn auf seinem Weg nach Damaskus. Er darf erfahren, was Gnade bedeutet. Er wird der erste große Theologe der Kirche und ihr bedeutendster Missionar.
Die Unterschiede im Charakter, in der Bildung, in der Weise der Berufung und in ihrem Verhältnis zur Tradition lassen immer wieder den Gedanken an Gegensätze aufkommen. Ich denke da an das erste Apostelkonzil, ein Streit zwischen Petrus und Paulus entstand. Es ging um die Frage, ob die neugetauften Heiden auch das ganze jüdische Gesetz annehmen müssten. Paulus setzte sich gegen Petrus mit seiner Meinung durch und befreite damit das Christentum aus der engen Umklammerung des jüdischen Gesetzes.
Wenn nun das Fest beider Apostel gemeinsam gefeiert wird, so soll dadurch zum Vorschein kommen, wie groß die Vielfalt der Wege und die Weite der Möglichkeiten und Berufungen in der Kirche schon am Anfang waren.
Eine Geschichte führt uns in eine Bildhauserwerkstatt. Da beobachtet ein kleiner Junge über Tage und Wochen den Meister bei der Arbeit. Mit zunehmender Faszination erlebt er, wie sich ein Steinblock zur Figur eines Löwen wandelt – zunächst in einer noch in einer Rohform, allmählich in immer deutlicher werdenden Konturen, schließlich in allen Details. Als der Meister den Feinschliff beendet hatte, kommt der Junge aus dem Staunen nicht heraus. Nachdenklich und neugierig zugleich stellt er dem Bildhauer eine unerwartete Frage: „Wie hast du gewusst, dass in dem Stein ein Löwe drinnen ist?“
Zum Fest Peter und Paul erinnert mich diese Episode an die beiden monumentalen Standbilder der Apostelfürsten, die sich vor der Fassade des Petersdomes in Rom erheben. Würdig und achtungsgebietend erwarten sie die vielen Pilger und Touristen. Es ist schwer, an ihnen vorbeizulaufen, ohne wenigstens einen flüchtigen Blick auf sie zu werfen und sich selbst dabei ein wenig in der Gestalt eines Zwerges zu wähnen.
In der Tat sind es zwei Männer von außerordentlicher Statur die da heruntergrüßen: Petrus, der „Felsenmann“ mit den Schlüsseln des Himmelreiches, und Paulus, der Mann des Wort voll missionarischer Kraft. Petrus, das Haupt der Apostel, und Paulus der Völkerapostel, der auf seinen weiten Missionsreisen dem ganzen Mittelmeerraum das Evangelium brachte.
Kehren wir zurück zu jener Frage: „Wie wusstest du, dass in dem Steinblock ein Löwe drinnen ist? Wir können diese Frage auch umdeuten und auf uns selbst beziehen. Ein unbearbeiteter Steinblock lässt von seinem Endergebnis reichlich wenig erahnen. Ebenso wenig ist von einem Menschenleben im Vorhinein bekannt, welchen Werdegang es haben und zu welcher Gestalt es reifen wird. Wer in Petrus und Paulus bloß die späteren Apostelfürsten sieht, der vergisst, dass die Geschichte ihres Lebens auch einen ganz anderen Verlauf hätte nehmen können.
Wie sind sie zu jenen kirchlichen Vorbildern geworden, als die man sie bereits bald nach ihrem Tode verehrte und als die sie bis heute verehrt werden? Welche Voraussetzungen brachten sie selber für ihre späteren Aufgaben mit und welche Veranlagungen waren dafür eher ein Hindernis? Was kam ihnen ohne eigenes Planen und Bemühen ganz unvermutet zu? Woher bezogen sie die Kraft, um Hindernisse und Gefährdungen auf ihrem Weg zu überwinden? Von welchen Erlebnissen zehrten sie und aus welchen Quellen schöpften sie? Dies sind die Fragen, mit denen wir an Petrus und Paulus herangehen müssen, um nicht bloß auf versteinerte Figuren, sondern auf lebendige Zeugen zu treffen.
Das Grunderlebnis im leben beider Apostel ist eine Begegnung mit Jesus Christus und ein Ruf von Jesus Christus. Dahinter können sie nicht mehr zurück. Petrus begegnet einem irdischen Jesus während der Ausübung seines Fischerhandwerks und folgt ihm spontan nach. Paulus ist zwar dem irdischen Jesus vermutlich nie begegnet, für ihn wird aber eine Begegnung mit dem auferstandenen Christus zum entscheidenden und alles verändernden Ereignis seines Lebens. Diese Christusbegegnung dreht ihn innerlich um. Durch sie wird er von einem unbeugsamen Verfolger der Jünger Jesu zu einem unbeirrbaren Verkündiger von Jesu Botschaft.
Was Petrus und Paulus zu Aposteln werden ließ, kommt ihnen also zunächst nicht aufgrund eigenen Strebens sondern als Geschenk der Gnade Gottes zu. Nicht sie haben den Herrn erwählt, sondern der Herr hat sie erwählt. Sie wurden zu Aposteln, weil Jesus Christus unvermittelt und unverhofft in ihr Leben eintrat, weil er ihre Herzen für sich einnahm und begeisterte, schließlich weil er sie zu einer Neuorientierung ihrer Existenz anstiftete. Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die tiefe Beziehung zu ihm bleibt sodann auch weiterhin die innere Mitte und das harte Kern ihrer apostolischen Berufung.
Beiden, Petrus und auch Paulus, kam zugute, dass sie Menschen waren, die schnell Feuer und Flamme sein konnten, dass sie einen starken Mut zum Wagnis hatten und dass sie auch fähig waren, sich Fehler und Schwächen einzugestehen. Dies waren gewissermaßen die natürlichen Vorgaben, die sie zu ihrem Aposteldienst mitbrachten.
Für beide bedeutete der Aposteldienst aber auch eine oftmals schwierigen und mühevollen Lernprozess. Petrus musste auf seinem Weg der Nachfolge Jesu vor allem lernen, mit Schuld umzugehen. Einerseits kam sein Hitzkopf dem meister immer wieder in die Quere. Andererseits konnten auch Angst und Kleinmut sein Leben regieren. Petrus musste lernen, sich in den Leidensweg seines Herrn einzuordnen. Es wurde ihm aber auch geschenkt zu lernen, wie Versöhnung geschieht. Durch den vertraulichen Blick Jesu nämlich und durch eine ehrliche Antwort auf die Frage „Liebst du mich“: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich lieb habe“.
Der Lernprozess von Paulus war von anderer Art. Er musste von seinem pharisäischen Weltbild abrücken. Er musste lernen, dass es letztlich nicht die peinliche Einhaltung von Gesetzen und Rechtsvorschriften ist, die den Menschen auf seinem Weg zum Heil voranbringt, sondern allen die Gnade Gottes. Nicht weil der Mensch bestimmte Werke und Übungen vollzieht, steht er gerade und richtig vor Gott, sondern weil er sich glaubend dem Erlöser Jesus Christus anvertraut. Daraus folgt dann wie von selbst ein gewisser Lebensstil und Lebenspraxis. „Christus ist das Ende des Gesetzes“: Dieser Satz aus dem Römerbrief erscheint in seiner kantigen Art wie eine Kehrtwendung um 180 Grad von der Glaubenseinstellung, die Paulus aus seiner pharisäischen Ausbildung kannte.
„Wie hast du gewusst, dass in dem Stein ein Löwe drinnen ist?“ Petrus und Paulus wurden Möglichkeiten zuteil, die ihnen niemand zugetraut hätte und von denen sie selber nichts geahnt haben. Wenn wir vor ihnen stehen, mögen wir tun, was sich vor jedem Heiligen zu tun lohnt: sich des eigenen Lebens zu vergewissern, für die erhaltenen Möglichkeiten zu danken und darauf zu vertrauen, dass wir durch die Gnade Gottes weit mehr geschenkt bekommen, als wir durch eigene Leistung vollbringen können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ