04.10.2014

Franziskus Ansprache Ewald Kreuzer



4. Oktober 2014
Predigt von Mag. Ewald Kreuzer OFS in der Marienkirche Steyr

Liebe Gottesdienst-Gemeinde!

Der heutige 4. Oktober ist ein ganz besonderer Tag in den drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam.
Die Juden feiern heute ihren höchten Feiertag: das JOM KIPPUR Fest, den großen Versöhnungstag.
Die Muslime begehen von heute bis Dienstag nächster Woche ihr Opferfest.
Und wir katholische Christen gedenken heute des Heiligen Franziskus von Assisi, eines Heiligen, von dem sich über die Konfessionen und Religionen hinweg zahlreiche Menschen, besonders auch junge, angesprochen und ermutigt fühlen, auch in ihrem Leben Gott zu entdecken.

Franziskus gehört laut einer internationalen Umfrage zu den 10 wichtigsten Persönlichkeiten des 2. Jahrtausends.
Biographen, Geschichtsschreiber, Künstler, Umwelt- und Tierschützer, Musiker und Filmemacher haben sich mit ihm auseinandergesetzt.
Wenn man in der Internet-Suchmaschine google den Namen "Franziskus" eingibt, erhält man innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde weit über eine Million Einträge.

Nicht zuletzt hat sich der im Vorjahr zum Papst gewählte Argentinier und Jesuit Jose Mario Bergoglio entschlossen, den Namen dieses Heiligen aus dem 12./13. Jahrhundert als seinen offiziellen Papst-Namen anzunehmen.
Übrigens zum ersten Mal in der Geschichte der Päpste.
800 Jahre hat es gedauert, bis Franziskus vom kleinen, mittelalterlichen Städtchen Assisi in Umbrien endlich am Sitz der Katholischen Kirche im römischen Vatikan angekommen ist!

Ich bin seit 17 Jahren Mitglied des Franziskanischen Säkularordens (OFS), der vor dem 2. Vatikanischen Konzil auch "Dritter Orden des hl. Franziskus" hieß. Ihm gehörten auch Franz Jägerstätter, Papst Johannes XXIII und auch der hl. Pfarrer von Ars an.

Was ist es, wovon sich Menschen auf der ganzen Welt von Franziskus so angezogen fühlen und warum gerade er zu jenen gehört, deren Leben und Botschaft auch nach 800 Jahren die Menschen noch immer in ihren Bann zieht und ungebrochen aktuell ist?

Ich glaube, es ist vor allem seine Authentizität, seine Glaubwürdigkeit, wie Franziskus Jesus nachgefolgt ist, wie er in einer für uns Wohlstandschristen oft erschreckenden Radikalität das Evangelium und die Nachfolge Jesu gelebt hat, dass schon zu seinen Lebzeiten viele meinten, ein "zweiter Christus" wäre da über die Erde geschritten.
Ein zeitgenössischer Theologe und Schriftsteller gab seinem Buch über Franziskus den provokant-ehrlichen Titel: "Der letzte Christ".

Franziskus hat nicht lange gelebt. Von 1181/82 bis 1226.
Als er mit 44 Jahren in Assisi starb, am nackten Boden seines geliebten Portiuncula-Kirchleins, da besass er an irdischen Werten nur das, was er an seinem Körper trug.

Und dennoch hat er, als er seinen Tod nahen fühlte, noch ein Testament diktiert. Es ist uns erhalten geblieben und zählt neben dem "Sonnengesang" zu den wohl kostbarsten Dokumenten des "Frate Poverello", des "armen Bruders", wie Franziskus sich selbst genannt hat.

Was aber kann ein ARMER der Nachwelt schon hinterlassen?
Was steht im Testament dieses heiligen Menschen drinnen, der am Lebensende nicht mehr besaß, als was er auf dem Leibe trug?
Nur das, was jeder Mensch – egal ob reich oder arm – an andere weiterschenken kann: seine ERFAHRUNGEN.
Und die hatte Franziskus auch in seiner an Jahren kurz bemessenen
Lebenszeit reichlich gemacht:
Erfahrungen mit seinen Mitmenschen, Erfahrungen mit sich selbst und Erfahrungen mit Gott.
Und an all diesen Erfahrungen wollte Franziskus seine Nachwelt gerne teilhaben lassen.
Das war sein Vermächtnis, das war sein Geschenk, das war sein letzter Wille.

Welche Erfahrungen läßt Franziskus in sein Testament niederschreiben?
Jene, die für ihn am wichtigsten waren und die sich tief in seine Seele eingeprägt haben, weil sie ihn verändert und verwandelt haben!

Gleich zu Beginn seines Testaments beschreibt Franziskus den entscheidenden Wendepunkt seines bisherigen Lebens: die Begegnung mit einem an Lepra leidenden Aussätzigen, die ihn zutiefst aufgewühlt und innerlich komplett verwandelt hat.

Hören wir es mit seinen eigenen Worten:
"So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu
beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt." (Testament 1-3)

Für Franziskus ist die Begegnung mit dem Aussätzigen ein "Schlüsselerlebnis", eine Bekehrung, der entscheidende Wendepunkt in seinem bisherigen Leben. Franziskus macht dabei die erstaunliche und unerwartete Erfahrung:
wenn ich auf die Eingebung des Herrn höre und Barmherzigkeit walten lasse, dann werde ich selbst von der Barmherzigkeit und Gnade des Herrn erfaßt.

Ihm geht auf, was Nachfolge Christi in der Praxis des täglichen Lebens bedeutet: gerade weil Jesus sich auch unter die Armen und Kranken begeben hat, um ihnen zu helfen und sie zu heilen, will es Franziskus genau so tun.

Noch viele andere wichtige Glaubens- und Lebenserfahrungen beschreibt Franziskus in seinem Testament, das es wirklich wert ist, gelesen und näher betrachtet zu werden.
Ich fasse einige der Erfahrungen des hl. Franziskus zusammen, die er uns in seinem Testament hinterlassen hat (von denen wir vielleicht die eine oder andere auch schon selber machen durften):
1. In jedem Menschen, bevorzugter Weise gerade in den kranken, notleidenden, armen, unscheinbaren Menschen, die oft als "nicht sozialverträglich" oder "gesellschaftstauglich" etikettiert werden, offenbart sich der HERR und will unsere Seele in der persönlichen, direkten Begegnung mit ihm verwandeln. Nicht im Wegschauen, sondern im Hinsehen, nicht in der Abwehr, sondern in der Hinkehr zu dem, wovor wir Angst haben, was uns unangenehm ist und weh tut, geschieht Umkehr, Verwandlung, Heilung, Erlösung!
2. Der Glaube an Gott ist keine Eigenleistung von uns, sondern immer geschenkter Glaube aus Gnade. Wem es geschenkt ist, auch noch im gekreuzigten Christus die uns erlösende Liebe Gottes am Werk zu sehen, darf sich dankbar schätzen. Wer diesen Glauben (noch) nicht teilen kann, den dürfen wir nicht verurteilen oder gar verdammen, sondern ihn in geduldiger Liebe und im Gebet mittragen.
3. Die Feier der Eucharistie und das Wort Gottes sind für Franziskus "heilige Geheimnisse", denen er größte Wertschätzung und Hochachtung entgegen bringt. In ihnen erkennt er die demütige Liebe Gottes zu uns Menschen.
4. Seine Weg- und Glaubensggefährten sind für Franziskus ein Geschenk, das der Herr ihm gab, und die er sich nicht selbst ausgesucht hat. Wie tröstlich auch für uns, dass wir als Schwestern und Brüder nicht alleine sind mit unseren Fragen und Zweifeln, unseren Ängsten und Sorgen, sondern dass wir als Kirche gemeinsam unterwegs sind. Diese Kirche bedarf einer ständigen Erneuerung, Verbesserung, Vervollkomm-nung, und sie geschieht in eben dem Maße, wie wir selbst bereit sind, uns zu erneuern, zu verändern und verwandeln zu lassen.
Jemand hat einmal gesagt: "Wenn dein Gebet dich nicht verändert, dann ändere dein Gebet!"
5. Ohne Frieden geht gar nichts. Wer nicht im Frieden lebt – mit sich, mit seinen Mitmenschen, mit Gott – der ist ein unzufriedener Mensch und wird leicht zum Zyniker, zum Nörgler, zum Störefried.
Christus kann uns diesen Frieden schenken, wenn wir ihm unser Herz öffnen. Und wir können und sollen diesen empfangenen Frieden dann weiterschenken an alle, die sich ebenfalls danach sehnen.

Zuletzt könnten wir uns selber die folgenden Fragen stellen:
Wie würde wohl unser Testament aussehen?
Was könnten wir da hineinschreiben und anderen weitergeben?
Welche Erfahrungen wollen wir unserer Nachwelt hinterlassen?

Dienstag, 7. Oktober 2014

05.10.2014

27. So im Jahreskreis
Mt 21,23-44
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Das Weinberg-Gleichnis gewährt uns einen Einblick in die Lebenswelt Israels zur Zeit Jesu. Ursprünglich war daran gedacht, dass das "Land der Verheißung" nicht in einem hohen Maße den Großgrundbesitzern gehören sollte, sondern allen, die Gott aus der Knechtschaft Ägyptens befreit hatte. Dass jeder frei und unabhängig leben könne, das war das große Ideal der Wanderer durch die Wüste.

Doch mit der Zeit übernahm Israel die Struktur, die es im Land Kanaan vorfand. Reiche, zum Teil Gauner, nahmen immer mehr Land in Besitz. Der Umfang der Ländereien wurde oft so groß, dass die Felder und Weinberge von ihren Besitzern selbst nicht mehr allein bewirtschaftet werden konnten. Sie übergaben Teile oder auch das gesamte Anwesen Pächtern, die einen Teil des jährlichen Ertrags an den Eigentümer abzuliefern hatten. Dieses System war in sich nicht übel oder verwerflich, wenn es nicht zahlreiche Großgrundbesitzer gegeben hätte, die bewusst Kleinbauern in den Ruin trieben. In Zeiten der Not lieh man den Kleinbauern Geld zu Wucherzinsen mit der Absicht, ihren Besitz einzukassieren, sollten die Bauern nicht pünktlich ihre Schulden abbezahlen.

Der Gutsbesitzer in unserem Gleichnis gehörte offensichtlich nicht zu dieser Sorte Landverpächter. Solide bringt er den Weinberg auf Vordermann, ehe er ihn Pächtern übergibt, da er zu verreisen gedenkt. Seinen Anteil an den Früchten lässt er sich nicht bringen, was eigentlich üblich war. Er schickt seine Knechte, nimmt damit den Pächtern einen Teil ihrer Arbeit ab. Sein Gut-Sein wird vonseiten der Pächter jedoch nicht belohnt. Im Gegenteil: Sie scheuen sich nicht zu morden, um selbst Besitzer der in Pacht befindlichen Grundstücke zu werden. Damit erweisen sie sich in ihrer Gesinnung noch gemeiner als die raffgierigen Großgrundbesitzer, auf die viele im Land zornig waren.

Klar und mit einer gewissen Schärfe trägt Jesus seinen Zuhörern das Gleichnis vor, damit sie - vor allem die Pharisäer und Schriftgelehrten unter ihnen - sich zur Überprüfung ihres eigenen Handelns herausgefordert fühlten. Die Übertragung der handelnden Personen im Gleichnis auf die Gegenwart war leicht und ohne weitere Erklärungen von jedem der Zuhörer zu vollziehen. Der Herr des Weinbergs ist Gott, die Pächter sind die Zuhörer, die Boten und Knechte des Weinbergsbesitzers die Propheten, die fast alle umgebracht wurden, der Sohn ist Jesus selbst. Schonungslos legt Jesus den Zuhörern dar, was aus dem von Jahwe angelegten Weinberg des Gottesvolkes geworden ist.
Nach Jesu Tod und Auferstehung und mit der Ausbreitung des Christentums hatte sich ein neues Volk Gottes geformt. Diesem neuen Volk Gottes gehören Juden wie Heiden an. Israel ist nicht mehr alleiniger Träger des Heils. Die Mitgliedschaft beim neuen Gottesvolk ist nicht gebunden an eine Nationalität, sondern ergibt sich aus dem Streben und dem Bemühen, Gott wohlgefällige Früchte zu bringen. Diese Menschen, gleich welcher Nationalität sie angehören, sind die im Evangelium erwähnten neuen Pächter. Die gläubig gewordenen Heiden lernten, sich zusammen mit den gläubigen Juden-Christen als das neue Volk Gottes zu verstehen. Sie nehmen Jesus ernst, der den Jüngern den Auftrag erteilte, alle Völker in seine Jüngerschaft als Volk Gottes zu führen.

Als Seelsorger möchte Matthäus mit dem Blick auf das alte Israel die Christen warnen, mit der Zeit in ein gleiches Verhalten abzurutschen wie Israel. Denn die Gefahr bleibt zu jeder Zeit, Gott seinen zu Recht erwarteten Anteil nicht abzuliefern.

Der Evangelist richtet seine Warnung an jeden einzelnen. Jeder soll sein Gewissen erforschen, seine Gesinnung prüfen, sein Bestreben in der Liebe stärken und kraftvoll erhalten; und wo es nötig ist, einen neuen Anfang setzen. Dabei geht es dem Evangelisten an dieser Stelle seines Evangeliums nicht um die Qualität oder Menge der Früchte; es geht um die Qualität der Pächter.

Damit sind auch wir herausgefordert, uns zu fragen: Welche Gesinnung trage ich in mir? Stellen wir uns diese Frage mit der Sorge, die Matthäus bewegte. Er will uns nicht nerven, aber zur Wachsamkeit drängen. Zurückschauen sollen wir und eine ehrliche Bestandsaufnahme tätigen. Was ist aus mir geworden? Als eine Art Weinberg, so können wir im übertragenen Sinn sagen, hat Gott unser Inneres angelegt. Mit unseren Talenten und Fähigkeiten, mit der uns gegebenen Kraft, mit dem Boden, auf dem wir stehen, mit den Sonnenstrahlen, die uns erreichen, sind wir ein Weinberg, der Früchte bringen kann. Wir sind nicht festgelegt, welche Qualität sie aufzuweisen haben. Sodann können wir überlegen, welch schützenden Zaun wir um uns errichten wollen, um Gefährdungen von uns abzuhalten. Auch eine Kelter können wir uns einbauen. Die Kelter mit ihrer Presse war dazu da, aus den Trauben den Saft zu gewinnen. Unsere Besinnungsfrage könnte heißen: Wie kann ich aus den Früchten, die ich bringe, noch Edleres, den Wein, herausholen? Die Pächter des Weinbergs hätten dem Besitzer sicher Trauben abliefern können oder Wein. Beides hätte dieser wahrscheinlich als das ihm Zukommende angenommen. Meine Früchte der Kelter aussetzen heißt im übertragenen Sinn: Mein Gut-Sein nicht beenden, wo es unter Druck kommt, mir Kraft, Zeit und Nerven kostet, nicht anerkannt wird, keine Erwiderung findet, mir Nachteile einbringt, aus Neid Gegnerschaft hervorruft.

Gut-Sein wird nicht immer belohnt. Diese Erfahrung machte der Weinbergbesitzer, diese Erfahrung machen wir. Aber durch die Kelter gegangenes Gut-Sein wird zu einer qualitativ höheren Gabe und als Baustein gelegentlich zu einem Eckstein, selbst wenn es von manchen nicht anerkannt, geschätzt oder sogar verworfen wird.
Was wird unser Motiv sein, was sollte uns bewegen, ein Weinberg zu sein, der gute Früchte hervorbringt? Es wird vor allem Dankbarkeit gegenüber Gott sein. Wer in Ruhe bedenkt, mit welcher Sorge uns Gott umgibt in seiner Liebe zu uns, der wird Gott sagen: Ich möchte dir, meinem Gott, danken durch die Früchte, die ich bringe. Denn wunderbar und groß ist dein Anteil daran, dass ich fähig bin, gute Früchte zu bringen. Selbst wenn ich krank, schwach, alt, behindert bin, kann ich Früchte tragen - Früchte des Wohlwollens, der Liebe, des Verzeihens, des Trostspendens oder der Ermutigung. Dir, meinem Gott, überbringe ich als Tribut und Gabe: Dank, Lobpreis, Verehrung, mein Vertrauen in dich und mein erneutes Ja zu dir und deinem Willen, meine Mühe.

Nehmen wir die Sorge des Matthäus nicht auf die leichte Schulter. Wir sind getauft, bekennen uns auch grundsätzlich zu Gott und Jesus Christus. Aber Gott wünscht sich auch, dass wir Früchte bringen. Beschnitten, die Taufform der Israeliten, und gottgläubig waren die Juden auch. Nur die Früchte, die sie hätten bringen können und die sich Gott von ihnen wünschte, fehlten bei vielen. Dass sich dies bei uns nicht wiederholen möge, darum ringt Matthäus.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

12.10.2014

28. Sonntag im Jahreskreis
Mt 22, 1-14
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Was in dieser Geschichte erzählt wird, könnte heute eigentlich nicht mehr passieren. Wer wollte heute nicht bei einem Festessen dabei sein, zu dem ein Königshaus einlädt. Nicht das Ablehnen einer solchen Einladung ist heute das Problem; das Problem ist vielmehr, eine solche Einladung überhaupt zu bekommen. Durch sie fühlt man sich aufgewertet. Das ist jedenfalls der Gedanke, der mir beim Lesen dieses Textes spontan kam: das würde heute nicht mehr passieren!
Wir wissen alle, dass es sich bei der Geschichte, die Jesus erzählt, um ein Gleichnis handelt. Das Festmahl ist das Himmelreich; der König ist Gott; der Kronprinz ist Jesus, der Sohn Gottes. Die Knechte sind die Propheten, die über Jahrhunderte hinweg die Einladung Gottes ausgesprochen haben. Und die Eingeladenen sind das Volk Gottes, vor allem seine Führer, die Hohenpriester, die Ältesten, die Schriftgelehrten und die Pharisäer. Sie alle lehnen die Einladung ab. Aber nicht nur das tun sie. Sie schlagen den Sohn, der diese Geschichte erzählt, einige Monate später ans Kreuz.
Die Begründungen, die sie für die Ablehnung der Einladung geben, klingen sehr modern: „Ich habe meine Geschäfte! Meine Arbeit ist mir wichtiger! Mir fehlt die Zeit für ein solches Vergnügen! Im Moment geht es jedenfalls nicht!“ Diese Gründe erscheinen mir keineswegs fremd. Ist es nicht sonderbar: Wenn es sich um die Einladung einer renommierten Persönlichkeit geht, dann findet man in der Regel immer Zeit; geht es aber um die Einladung Gottes, dann fehlt es uns nicht an Entschuldigungen. Man denke nur an die Feier der heiligen Eucharistie. Wo bleiben da die Eingeladenen?
Obwohl nun die Einladung, von der Jesus in seinem Gleichnis spricht, abgelehnt wird, bleibt sie trotzdem bestehen. Nur ergeht sie jetzt völlig unerwartet nicht mehr an die, die glaubten, sie gehörten immer schon dazu, sondern an alle Menschen, an alle Guten, aber auch an alle Bösen. Das verdeutliche Jesus durch sein Bildwort: „Geht hinaus auf die Straßen!“ Damit will er sagen: „Wo auch immer die Menschen herkommen, holt sie alle in den Festsaal.“ Man stelle sich einmal all die Guten und Bösen vor, die sich im Festsaal versammeln. Doch hier gilt: Es ist gleichgültig, wie dein Leben früher ausgesehen hat; wichtig ist einzig und allein, dass du die Einladung annimmst und in einem hochzeitlichen Gewand erscheinst. Abgewiesen wird nur, wer ohne hochzeitliche Bekleidung kommt.
Wahrscheinlich fragen sie an dieser Stelle, was auch mich immer wieder bewegt: Wie kommen all diese armen Schlucker von den Hecken und Sträuchern und vom Straßenrand an ein Hochzeitskleid? Und warum hat nur einer keines? Wenn sie es am Hauseingang von den Dienern des Königs bekamen, dann kann man sich nur schwer vorstellen, dass für diesen einen ein Kleid fehlte. Es ist doch undenkbar, dass er gesagt hat: „Mich interessiert nur das Festmahl, mehr nicht!“
Auch an dieser Stelle spüren wir, dass es sich um ein Gleichnis handelt. Das hochzeitliche Gewand muss also mehr bedeuten. Wer sind denn diese Neueingeladenen? Es sind die Armen und Verschmutzten, die Hoffnungslosen, die Ausgestoßenen und Mutlosen. Es sind die, an denen das Leben vorbeiläuft. Viele von ihnen haben sich bereits aufgegeben. Sie sehen keine Zukunft mehr. Manche von ihnen sind sogar kriminell, sei es aus ihrer Situation heraus, sei es aus Schwäche, sei es aus Wut oder Trotz gegenüber einer selbstgerechten Gesellschaft. Bislang stehen sie jedenfalls am Rande. Außer der Polizei und das Passkontrolle interessiert sich keiner für sie. Jetzt haben auch sie auf einmal eine Chance; denn jetzt sind sie drin und stehen nicht mehr draußen vor der Tür. Mit dieser Einladung bekommen sie wieder Mut, Hoffnung und Zukunft. Für diejenigen, die im Staub der Straße zu ersticken drohten und im Dreck der Schuld immer tiefer versackten, tut sich ein neuer Weg auf. Jetzt atmen sie auf und sehen Licht in ihrer Dunkelheit. Sie nahmen die Einladung nicht nur an; durch sie sind sie wie verwandelt. Mit ihr wollen sie ein neues Leben beginnen.
Das hochzeitliche Gewand, von dem Jesus spricht, ist also aus vielen Fäden gewoben. Es besteht aus Reue, aus gutem Willen, aus neuem Lebensmut und vor allem aus der Dankbarkeit, dass einer einem eine neue Chance gibt. Nicht Selbstgerechtigkeit, Berechnung oder Augenauswischerei kennzeichnet sie, sondern der ehrliche Wille, neu anzufangen. Wenn du wirklich neu beginnen willst, dann ist das dein Hochzeitskleid. Dann gehörst du dazu; dann bist du drin. Was vorher war, das zählt nicht mehr.
Damit wird deutlich, wer dieser Mann ohne hochzeitliches Gewand ist. Er nimmt mit, was er bekommen hat. Er verknüpft das Angenehme mit seinem üblichen Lebensstil. Er zieht sich nicht um, er ändert sich nicht. Das könnte ihn ja daran hindern, noch aus anderen Angeboten Profit zu schlagen. Dieses Verhalten ist uns nicht fremd, so alt diese Geschichte auch ist. Für solche Leute braucht der König keinen Rausschmeißer; sie katapultieren sich selbst hinaus.
Übersehen wir am Schluss nicht das Wort, das vielen von uns Angst macht, auf einmal aber sehr tröstlich klingt, wenn man es richtig liest: „Viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt.“ An dieser Stelle sehe ich die vielen von den Straßen. Von ihnen wird nur ein einziger herausgeschickt. Das dreht das Wort um; denn das heißt für mich: Was auch war und was in der nächsten Woche auch passieren mag, immer habe ich die Chance, mich umzuziehen und das Hochzeitskleid anzulegen.
Ich meine, es gibt drei Gruppen von Menschen: solche, die glauben, Gott nicht nötig zu haben, die mit ihm nichts anfangen können, die sich aber auch in ihrer Oberflächlichkeit nicht die geringste Mühe machen, ihn in ihrem Leben zu entdecken; eine andere Gruppe sind die, die in ständiger Angst leben, die ihre eigene Vergangenheit zu erdrücken scheint und die somit gelähmt sind für ihre Gegenwart. Und eine dritte Gruppe, und ich hoffe, wir gehören zu dieser, lebt in der Gewissheit der Liebe Gottes und seiner unendlichen Barmherzigkeit, gelöst und voller Vertrauen, gemäß dem Wort des Paulus: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

19.10.2014

29. Sonntag im Jahreskreis
Mt 22, 15-21
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Jeder der seinen Lohnzettel ansieht merkt, dass jedes Monat ein nicht unerheblicher Betrag an Steuern zu entrichten ist. Wir kommen gar nicht mehr in die Versuchung, die Frage nach der Erlaubtheit zu stellen. Der Steuerbetrag wird einfach abgezogen. Wir wissen allerdings, dass mit unseren Steuern viele Dinge des öffentlichen Lebens finanziert werden, wichtiges wie der Straßenbau und die Müllabfuhr, vielleicht auch so manches, mit dem wir nicht so ganz einverstanden wären, aber das erfahren wir Gott sei Dank nicht.
Für einen Israeliten zur Zeit Jesu hatte die Frage nach der Erlaubtheit des Steuerzahlens eine andere Perspektive. Das Land war von einer heidnischen Macht besetzt und von den Steuergeldern wurden auch die Opfer in den heidnischen Tempeln finanziert. Als die Pharisäer Jesus die Frage stellten: „Ist es erlaubt dem Kaiser Steuern zu zahlen“ war das für die Fragenden kein moralisches Problem, sie wollten Jesus vielmehr eine Falle stellen. Die Frage war so abgestimmt, dass auf jeden Fall etwas gegen ihn ins Treffen geführt werden konnte. Der ganze rhetorische Aufwand war inszeniert, um belastendes Material gegen Jesus zu finden, obwohl ihre Ablehnung bereits feststand. Aber sie wollten diese von ihm selbst als richtig bestätigt bekommen. Doch Jesus durchschaut dieses Unternehmen und entlarvt die Leute mit einer Münze, die sie bei sich tragen, mit denen sie ihre Steuern bezahlen. Die Vorderseite der Münze zeigte das Bild des Kaisers, die Rückseite trägt die Wort: „Pontifex maximus“ auf deutsch „Hoherpriester“. Sie war gängiges Zahlungsmittel und zugleich Kultsymbol, Wahrzeichen für die universale Vergöttlichung staatlicher Macht.
Kein Wunder, dass die Fragesteller nicht die Antwort bekommen, die sie erwarten. Jesus gibt ihre scheinheiligen Vorwände zurück und antwortet souverän: Das Geld mit dem ihr bezahlt trägt das Bild des Kaisers. Macht also mit ihm aus, welche Steuern zu zahlen sind und was er mit diesen Steuern tut. Gebt ihm, was ihm zusteht. Aber gebt Gott, was Gott zusteht.
Jesu Gegner erhalten die Antwort auf eine Frage, die sie gar nicht gestellt haben, die aber für ihre religiöse Existenz die entscheidende ist. „Gebt Gott, was Gott zusteht.“
Um die Steuern des Staates kommen wir nicht herum, die können wir nicht ablehnen, aber was ist mit den Ansprüchen Gottes, was schulden wir ihm? Über dieses Thema hat Jesus unentwegt gesprochen, das ist der eigentliche Inhalt seiner Predigt. Gegenüber dem Anspruch Gottes rücken alle irdischen Dinge an zweite Stelle. Alle irdischen Bezüge, auch der Staat, sind vorläufig, vergänglich und sind Gott und seiner Herrschaft unterzuordnen. Bleibend ist nur das Reich Gottes, für das es sich mit aller Entschiedenheit einzusetzen gilt. Gott begnügt sich nicht mit einer zweiten Stelle, auch nicht mit dem Rest, der vom Kaiser übrigbleibt. Gott fordert auch von uns seinen Teil. Aber so müssen wir auch fragen: Braucht Gott etwas von uns? Haben wir nicht alles von ihm? Ist Gott angewiesen auf unsere Verehrung, auf unsere Aufmerksamkeit? Wenn Gottes Glück darin bestünde, dass seine Liebe von den Menschen erwidert wird, dann wäre er nicht immer sehr glücklich.
Nein, wir brauchen ihn, nicht er uns. Wenn wir unser Menschsein ernst nehmen, wenn wir es in seiner ganzen Wirklichkeit sehen, dann müssen wir uns eingestehen, dass unsere ganze Existenz von Gott kommt, dass wir sie nicht aus uns selbst haben. Uns das einzugestehen dürfte ja in Wirklichkeit nicht allzu schwer fallen. Und doch gehen viele Menschen an dieser Wahrheit vorbei. Wenn ich mich aber als Geschöpf Gottes ernst nehme, wenn ich sehe, dass dieser Gott ein liebendes Verhältnis mit mir angebahnt hat, dann ist es allerdings eine logische Folgerung, dass auf diesen liebenden Gott reagiere. Das ist auch der erste Satz im Exerzitienbuch des Hl. Ignatius von Loyola wenn er sagt: „Der Mensch ist dazu erschaffen Gott zu loben und ihm zu dienen.“ Darum möchte ich noch einmal betonen, dass bei unserem Gebet und bei unseren Gottesdiensten nicht um eine Befriedigung göttlicher Bedürfnisse geht, sondern um eine dankbare Anerkennung unserer Wirklichkeit. Und es ist sehr traurig, dass diese Wirklichkeit von vielen Menschen unserer Zeit nicht mehr wahrgenommen wird. Gott spielt keine Rolle mehr in ihrem Leben, sie haben ihn ausgeblendet aus ihrem Denken und aus ihrem Handeln. Gott ist zur Nebensache herabgesunken. Für viele Menschen sind die Beziehungen zu ihm bestenfalls zu einer reinen Pflichterfüllung herabgesunken.
Gebt Gott, was Gottes ist. Man könnte auch sagen: Gebt euch das, was ihr eurer Existenz schuldig seid.
Was Ignatius von Loyola weiter sagt rundet unsere Weltanschauung positiv ab: „Die Welt ist für uns da“. Das ist eine erfreuliche Feststellung. Christentum hat also mit Weltverachtung nichts zu tun. Gerade in der Welt, in der liebevollen Schöpfung Gottes erkennen wir seine Spuren, gerade die Welt könnte uns den Blick öffnen zu ihm hin. Aber sie tut es nicht, weil wir den letzten Schritt nicht vollziehen, den Schritt vom Geschenk zum Schenkenden. Wir sind wie Kinder geworden, die ein Geschenk auspacken und dabei den nicht beachten von dem sie es bekommen haben.
Aus dem Geschenk der Welt in der wir leben müssen wir aber noch etwas ableiten, diesmal eine moralische Verpflichtung: wir müssen in der Welt die richtigen Entscheidungen treffen, das zu tun was gut ist und das zu unterlassen was böse ist.
Es sollte aus der Betrachtung unseres heutigen Evangelientextes für uns ein großer Trost erwachsen. Dieser Trost besteht darin, dass wir uns unserer Verantwortung Gott gegenüber wieder neu bewußt werden, dass wir Gott das geben, was ihm zusteht. Denn eines hat er nicht von selbst: unsere Liebe und Zuneigung zu ihm. Diese ist das einzige Geschenk, das wir Gott machen können, das einzige worauf er wartet und worauf er ein Recht hat. Denken wir daran, dass der Mensch das einzige Wesen ist, das bewußt auf die Schöpfung Gottes reagieren kann, das bewundernd Gott den Dank zujubeln kann. Wahrscheinlich besteht darin der ganze Zweck der Schöpfung, dass Gott mit seiner Liebe seine Geschöpfe umfängt, uns Menschen in seine Liebe hineinnimmt und wir Gott geben, was ihm zusteht, indem wir seine Liebe erwidern. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

26.10.2014

30. Sonntag im Jahreskreis
Mt 22,34-40
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Jesus wird nach dem Hauptgebot gefragt und Jesus antwortet. Fragen wir ihn auch heute: Was ist denn das besonders Wichtige, das Erste, was schlechthin Priorität haben sollte unter all dem, was wir tun? Seine Antwort im Evangelium schließt sich einer jahrhundertealten Offenbarung an. Sie klingt aus einem Munde neu und wirkt durch sein Leben überzeugend. Sie soll auch heute wieder bei uns neu werden, frisch, wie aus der Quelle: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.- Du sollst deinen Nächsten liebe wie dich selbst“.
Wer das erste Knopfloch verfehlt, so sagt ein Sprichwort, der kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande. Das braucht nicht lange erklärt zu werden - die Erfahrung zeigt es. Einen Mantel falsch zuknöpfen, bringt die ganze Kleidung in Unordnung. Das gilt aber nicht nur für den Mantel. Auch mit Dingen des Glaubens kann das passieren. Zur Zeit Jesu z.B. zählten die jüdischen Schriftgelehrten sage und schreibe 248 religiöse Gebote und 365 religiöse Verbote, und wer es mit seinem Glauben ernst meinte, der musste sich darum bemühen, all diese Gebote und Verbote zu achten und zu halten, ausnahmslos. Allerdings: Wer konnte sich in einem Glauben wohl fühlen, dessen Kleid so viele Knöpfe und Knopflöcher hatte? Wer konnte sich da noch mit dem Zuknöpfen zurechtfinden? Kein Wunder, wenn viele sagten: Damit komme ich nicht zu Rande! Kein Wunder, wenn viele Jesus von Nazareth nachliefen, anstatt auf die Pharisäer und Schriftgelehrten zu hören. Denn sie merkten: Jesus geht es nicht um die vielen nebensächlichen Knöpfe und Knopflöcher des Lebens, mögen sie sich in noch so zahlreichen Verboten und Anweisungen niedergeschlagen haben; Jesus geht es um das eine Entscheidende: um die Frage, wie der Mensch seine Fähigkeit zum Leben und zum Lieben entfalten kann, und wie er sich darin zu öffnen vermag für seine Mitmenschen und für Gott. Es geht ihm darum, das erste, das wichtigste Knopfloch zu finden, und das ist die Liebe.
Ich habe neulich jemandem die Frage gestellt: „Womit würde sie beginnen?“ Die Antwort war: „Mit der Liebe zu Gott“. Meine Gegenfrage: „Wie liebt man Gott?“ Betroffenes Schweigen. Darauf sagte ich: „Ich würde mit der Liebe zu mir selbst anfangen“
Das würde ich jedenfalls als Basis wichtig finden. Vielleicht sagen ihr jetzt, dass das egoistisch ist, man solle doch nicht zu sehr auf sich selber schauen. Nun, es kommt natürlich darauf an, wie man die Liebe zu sich selbst auffasst. Sie kann darin bestehen, dass wir den Nächsten hinausdrängen aus unserem Lebensbereich, sie kann darin bestehen, dass wir den Nächsten missbrauchen und ausbeuten für unsere eigenen Zwecke. Aber was ist mit einem Menschen los, der sich selber nicht mag, der mit sich selber uneins ist? Ist ein solcher Mensch wohl fähig, Liebe weiter zu schenken? Sich selber lieben, das heißt vielerlei. Zunächst einmal, dass ich mich bemühe, die Gaben und Begabungen, die Gott mir gab richtig zu vervollkommnen und zu benützen, Liebe zu sich selbst heißt auch auf seine Gesundheit zu achten, sich den nötigen Freiraum zur Erholung zu verschaffen, heißt auch zu lernen, die schönen Dinge des Lebens genießen zu können. Es gibt viel zu viele Menschen, die in der Hektik unserer Arbeitswelt schier nicht mehr zu sich selber kommen, die zwar alles an materiellen Gütern besitzen aber keine Zeit mehr finden, sich an ihnen zu erfreuen.
Mit dieser Einstellung zu uns selber haben wir dann auch die richtige Voraussetzung für die Liebe zum Mitmenschen. Es klingt paradox, aber wenn wir für uns selbst keine Zeit haben, dann haben wir sie auch nicht für den Mitmenschen! Und dann kommt natürlich auch die Frage: Wie mache ich denn das: den Nächsten lieben. Nun, es gibt da einige Grundregeln. Wichtig ist, dass wir uns in einen anderen Menschen hineindenken lernen. Ich möchte das Gemeinte mit einer kleinen Geschichte illustrieren. Kam da einmal ein Mann zu einem Seelenarzt und klagte ihm sein Leid. In seiner Ehe stimmte es nicht mehr. Ständig Krach und Streit! Und dabei war der Mann erst zwei Jahre verheiratet. Der alte Pfarrer putzte seine Brille und sagte: „Wie man in den Wald hineinruft, so hallt es zurück! Eine Frau braucht Pflege (ein Mann übrigens auch). Probieren sie es einmal mit kleinen Aufmerksamkeiten, Blumen mitbringen usw.! Der Mann nahm sich diesen Rat sehr zu Herzen und kam am nächsten Tag schwer bepackt nach Hause. In der linken Hand trug er eine riesige Schachtel Pralinen, in der rechten Hand einen gewaltigen Blumenstrauß. Unter den Arm hatte er zwei Flaschen Rotwein geklemmt, und in der Jackentasche waren zwei Kinokarten.
‘Guten Abend, Lieselotte’, sagte er. ‘Wie bin ich froh, dass ich wieder bei dir bin. Hier habe ich Wein, Pralinen und Blumen. Es ist höchste Zeit, dass wir wieder einmal einen gemütlichen Abend halten. Und morgen gehen wir ins Kino - und du, seit du die neue Frisur hast, siehst du glatt mindestens fünf Jahre jünger aus.’
Sprach´s und verstummte; denn seine Frau sank verwirrt in einen Sessel und brach in Tränen aus. ‘Auch das noch’, schluchzte sie. ‘Unser Thomas hat die Masern, die Heizölrechnung konnte ich nicht zahlen, der Apfelstrudel ist angebrannt - und jetzt kommt auch mein Mann noch heim und ist total betrunken.’
Ein Witz nur und doch steckt allerlei Weisheit drin. Die Weisheit vom Blick auf den andern, die Weisheit von den alltäglichen Kleinigkeiten, ohne die keine Liebe auf die Dauer leben kann. Sicher hier stark übertrieben; aber trotzdem kann man sich nicht oft genug fragen, was der andere gern hat, was er liebt und was ihn interessiert.
Niemand wird sich total in den anderen hineindenken können; denn er hat ja auch eigene Interessen, die sehr berechtigt sind. Und weil man „den Nächsten lieben soll wie sich selbst“, wird es ohne gesunde Selbstliebe auch keine richtige Nächstenliebe geben.
Eine andere Lebensweisheit, die zur Erlangung der Nächstenliebe gehört ist, dass wir lernen das Gute im Anderen zu sehen. Anerkennen, Danken, Loben! Das gehört entscheidend zu einem vernünftigen Umgang mit Menschen und kann das Klima ganz entscheidend verbessern. Wenn wir uns selber fragen: Anerkennung wird uns immer wichtiger sein als Kritik. Wir brauchen nur die Augen ein wenig offen zu halten, um zu sehen, wie der andere neben vielen schlechten auch eine Fülle von guten Eigenschaften hat und großen Wert darauf legt, dass man sie sieht und anerkennt. Zur Illustration den Bericht eines Mannes, der in einem Psychologiekurs folgenden Auftrag bekam: Versuchen wie einmal eine Woche lang, so gut sie können, ein freundliches Gesicht zu machen und alle Menschen, die ihnen begegnen, gut und hilfreich zu behandeln. „Zunächst war ich sehr überrascht. Dann wurde ich ziemlich nachdenklich. Ich stellte fest, dass ich meiner Frau seit mindestens 10 Jahren - außer dem Üblichen - kaum mehr eine wirkliche Aufmerksamkeit erwiesen hatte. Sie hatte ihre Welt, ich die hatte die meine. Irgendwie lebten wir aneinander vorbei.“
Und noch etwas ganz Wichtiges, das mit der Nächstenliebe zu tun hat: Zuhören können! Viele Missverständnisse entstehen oft, weil man überhaupt nicht hinhört, was der andere eigentlich will und meint. Weil man vorschnell urteilt, sofort mit Patentrezepten zur Hand ist, und ich nicht einmal ausreden lässt. Der Mensch will nun einmal reden und sich aussprechen. Wie oft habe ich es erlebt, dass jemand zu mir kam, dem ich in keiner Weise helfen konnte. Am Ende bekommt man dann zu hören: „Ich wusste von vornherein, dass sie mir keinen Weg zeigen konnten. Trotzdem bin ich so froh, dass sie mir zugehört haben. Ich sehe jetzt viel klarer, und es ist mir viel leichter ums Herz. Es kostet uns viele Zeit, dieses Zuhören, aber es wird uns reicher machen, reif, weit und verständnisvoll.
Und zum Schluss noch eine wichtige Voraussetzung für die Nächstenliebe: Tolerant sein!
Haben sie schon einmal darüber nachgedacht, dass kein Heiliger dem andern völlig gleicht? Sicher sind alle irgendwie fromm, doch jeder auf seine Weise. Oft bringen sie völlig neue und ungewohnte Ideen mit, die zum Gängigen in großem Widerspruch stehen. Und so hat jeder Mensch seine eigene Note. Und diese persönliche Note sollte man pflegen. Es geschieht oft, dass man blindlings versucht, andere nachzuahmen, und so seine eigene Persönlichkeit völlig verbiegt und vermurkst. Und so müssen wir auch dem Nachbarn seine Note lassen, und er legt Wert darauf, dass man sie ihm lässt. Es ist uns nicht erlaubt, ihm meinen Lebensstil aufzuzwingen. Wie oft zerbricht eine Ehe, weil der Mann nie darüber nachgedacht hat, dass er eine Frau geheiratet hat, die ganz anders ist als er selber, die anders reagiert, eben als Frau und die ein Recht darauf hat. Mancher meint, er habe da einen Kameraden in sein Leben eingeführt, der einfach alles mitzumachen hat, was „ihm“ Spaß macht. Lassen wir doch den anderen in Ruhe, der eine erholt sich im Schwimmbad, der andere rennt stundenlang durch die Wälder. Der eine hat gern langes Haar, der andere gern kurzes.
Das war sicherlich keine erschöpfende Auskunft über die Nächstenliebe, aber es sollen einige Punkte aufgewiesen sein, über die nachzudenken sich auf alle Fälle lohnt.
Und was ist mit der Gottesliebe? Ja, die steckt im Gesagten drin, denn wie kann einer sagen, er liebe Gott, wenn er seinen Mitmenschen nicht mag. Freilich erschöpft sich die Gottesliebe nicht bloß in der Menschenliebe. Sie erwidert die Liebe Gottes durch das eigene Gebet und durch die Erinnerung an den Auftrag Gottes, dass wir seine Liebe zu den Menschen weiter zu tragen hätten.
Und das wollen wir wieder versuchen, dass wir Mut zu uns selbst bekommen, den Mitmenschen achten und ernst nehmen und daran denken, dass alle Liebe von Gott ihren Ausgang nimmt und zu ihm wieder zurückkehrt. Amen.

P Paul Mühlberger SJ

01.11.2014

Allerheiligen
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Wer kommt in das Himmelreich? Wer ist ein Heiliger? Wenn wir in den Heiligenkalender hineinschauen, könnten wir fast mutlos werden. Da wimmelt es von heiligen Bischöfen und Päpsten, von mystisch hoch begnadeten Ordensfrauen und charismatisch begabten Mönchen, da gibt es die Märtyrer, die oft unter schauerlichen Qualen für ihren Glauben ihr Leben hingaben. Aber wo ist da noch ein Platz für einen Normalverbraucher? Wo ist da Raum für uns, die wir doch ein so alltägliches Leben führen, ohne große Höhepunkte, wo wir uns gleichsam mühsam auf dem Weg des Glaubens dahinschleppen?
Kennen sie übrigens den Heiligen Dismas? Er ist der erste Mensch, der heiliggesprochen wurde; nein, nicht durch den Papst nach einem langwierigen Heiligsprechungsprozeß, sondern von Jesus höchstpersönlich. Ich darf sie unter das Kreuz führen. Im Lukasevangelium heißt es: Einer der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde, wandte sich an ihn: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“.
Diese erste Heiligsprechung durch Jesus schenkt uns allen Zuversicht. Sie gibt auch uns Hoffnung und macht uns Mut, denn was bedeutet Heiligsein anderes als in der Freundschaft mit Gott zu stehen, auch dann, wenn wir zu dieser Freundschaft erst nach langen Irrwegen zurückfinden würden.
Die Frau eines Arztes wurde einmal gefragt: „Möchten sie eine Heilige sein?“ Sie antwortete: „Ich habe nicht die Seele einer Heiligen; und wenn ich ehrlich sein soll: ich möchte auch keine Heilige sein, denn ein Heiliger hört auf, Mensch zu sein.“
Vergessen wir nicht, dass es sich bei den Heiligen auch um Menschen handelt. Sind nicht manchmal unsere Heiligenbeschreibungen nur darauf aus, das Wunderbare und Sensationelle im Leben eines Menschen zu betonen und vergessen sie nicht darauf auch hinzuweisen, dass es sich bei jedem Heiligen auch um einen Menschen handelt, der auch durch die Tiefen menschlichen Lebens geschritten ist.
So sind die großen Heiligen unseres Kalenders so etwas wie die Spitze eines Eisbergs. Die meisten Heiligen sind unbekannt. Das besagt aber nichts über ihren Weg, über ihr Leben, über ihr großes Zeugnis vor Gott und den Menschen. Für uns sind sie namenlose, Unbekannte, so wie wir es einmal sein werden. Doch nicht vor Gott. Gerade das macht sie zu Heiligen, dass Gott sie kennt, dass ihnen das großartige Wort in hohem Maße gilt: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben; mein bist du.“
So ist das Fest Allerheiligen ein Fest der Hoffnung. Das stellt allerdings einige Fragen an uns. Christen sind Menschen, die die Wirklichkeit Gottes festhalten und mit ihr rechnen. Das heißt ja: glauben. Mit demselben Recht kann man sagen: Christen sind Menschen, die die Zusagen Gottes annehmen, darauf bauen und sich darauf verlassen. Das heißt: sie hoffen. Hoffnung ist die Rückseite derselben Medaille, die Glauben heißt. Trotzdem kann beides im Leben eines Menschen auseinanderklaffen. Es kann einer sagen: ich glaube, und ist doch von nur sehr geringer Hoffnung. Er ist voller Enttäuschungen. Die schleichende Krankheit unserer Zeit ist die Hoffnungslosigkeit. Sie scheint sich überall festsetzen zu wollen. Auch bei jungen Menschen finden wir schon Hoffnungslosigkeit. Das Leben im Augenblick, das viele junge Menschen nur im Genuß des Jetzt leben und keine Ausblicke haben, dass ihnen die Zukunft scheinbar egal ist, das ist ein alarmierendes Zeichen. Hoffnungslosigkeit auch bei vielen alten Menschen. Von ihnen sagte man einmal, sie seien die Weisen unter den Menschen, satt geworden von guter Erfahrung des Lebens; deswegen geehrt und angenommen von jedermann. Gibt es nicht heute gerade unter ihnen die vielen, die nichts mehr erwarten und die ohne Hoffnung sind? Und warum? Sie sind allein gelassen. Sie scheinen vergessen zu sein, oft gerade noch geduldet in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen können und die auch sie nicht mehr versteht. Ein alter Mensch, der sich wie ein Vergessener dahinschleppte, sagte einmal: „Niemand erwartet mich.“
Ja aber, stimmt denn das? Erwartet ihn wirklich niemand? Im Verhältnis der Menschen mit- und zueinander mag es stimmen. Die Wirklichkeit ist jedoch größer und reich weit über das hinaus, was wir unmittelbar sehen und erfahren. Unter der Oberfläche unseres Festes ist ein lauter Zuruf zu vernehmen. „Du wirst erwartet.“ Endgültig. Für immer, mit der Zusicherung, dass deine Erwartungen erfüllt werden. Endlich, nach vielleicht langer Zeit des Tragens von Last und der Anfechtung, ob alles einen Sinn habe. Es ist ein Zuruf der Hoffnung und Ermutigung, der vom Ziel her denen entgegen kommt, die noch auf dem Weg sind. Es ist ein Zuruf vieler Stimmen, es ist ein Zuruf von all denen, die wir in den kommenden Tagen auf unseren Friedhöfen besuchen. Es ist ein Hoffen mit Gewißheit und Zuversicht, hoffen in eine Gemeinschaft hinein, die keine Trübung kennt, weil Gott der Rufende ist, der alle anderen Stimmen erst möglich macht.
Aber wir empfangen vom Fest Allerheiligen noch eine andere Botschaft. Man hat Heilige als Menschen bezeichnet, durch die die Liebe Gottes hindurchleuchtete. Und wir selber begegnen immer wieder Menschen deren Begegnung auch eine Begegnung mit Gott ist. Sind wir selber aber auch solche Menschen? Können die Menschen mit denen wir zusammenleben durch uns etwas von der Liebe Gottes erfahren, können sie durch uns einen Schimmer jenes Lichtes bemerken, das von Gott ausgeht?
Ich möchte ihnen zum Schluß noch einen Text von Martin Gutl vorlesen:

Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft,
uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein!
Da wird unser Staunen von neuem beginnen. Wir werden Lieder singen, Lieder, die Welt und Geschichte umfassen.
Wir werden singen, tanzen und fröhlich sein: denn er führt uns heim:
aus dem Hasten in den Frieden aus der Armut in die Fülle.
Wenn Gott uns heimbringt aus den engen Räumen, das wird ein Fest sein!
Und die Zweifler werden bekennen: Wahrhaftig, ihr Gott tut Wunder!
Er macht die Nacht zum hellen Tag. Er läßt die Wüste blühen!
Wenn Gott uns heimbringt aus den schlaflosen Nächten, aus dem fruchtlosen Reden, aus den verlorenen Stunden, aus der Jagd nach dem Geld, aus der Angst vor dem Tod, aus dem Kampf und aus Gier, wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!
Dann wird er lösen die Finger der Faust, die Fesseln, mit denen wir uns der Freiheit beraubten.
Den Raum unseres Lebens wird er weiten in alle Höhen und Tiefen, in alle Längen und Breiten seines unermeßlichen Hauses.
Keine Grenze zieht er uns mehr.
Amen.

P: Paul Mühlberger SJ

02.11.2014

Allerseelen
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Es beginnt der Monat November. Das Fest Allerseelen folgt dem Allerheiligentag auf dem Fuß und gibt ihm sein Novembergepräge. Der Monat November ist ja grau und gräu-lich. Dunkle Tage, lange Nächte. Monat der Depression, Friedhofsbesuch und Gräbersegnung. Das Jahr stirbt. Was im Oktober noch Erntedank war und bunte Blätter, das ist jetzt Denken ans Ende und an den Tod. Mit dem Allerseelenfest beginnt auch eine Zeit des Suchens, Nachdenkens, Nachsinnens über das Ziel, das Warum und Wohin unseres Lebens. Das kann Grund seine zur Verzweiflung: Alles ist vergänglich, und auch mein Ende wird irgendwann vor mir stehen. Die Alten gehen uns nur einige Schritte voraus. Was ich liebte und liebe, vergeht oder ist vergangen, nichts wird bleiben. Für viele ist dieser Monat voller Erinnerungen, die das Herz schwer machen. Lähmende Trauer um vergangene Liebe, Sorgen um gegenwärtiges Missgeschick, Angst vor einer Zukunft, zu der auch Alter gehört wie Sterben und Tod. Aber es kann auch Grund sein zur Hoffnung: Alles, was vergeht, ist aufgehoben bei Gott. Die ich liebte, habe ich verloren. Die Erde trägt sie nicht mehr. Aber sie haben sich selbst nun ganz gefunden, getragen und gehalten von Gott.
Wenn wir das Fest der Seelen feiern, dann denken wir an unsere lieben Seelen. Wir denken an unsere Lieben, unsere Eltern, Großeltern, Ehemänner, Ehefrauen, Kinder, Geschwister. Wir denken an unsere verstorbenen Freunde. Wir denken an alle, von denen wir Zärtlichkeit empfangen haben und das Lieben lernten. Wir feiern die Erinnerung an alle, denen wir uns verdanken, die uns Wurzeln gaben und Zukunft. Wir halten die Zeit an, die über so viele schon hinweggegangen ist, und lassen zu, dass unser Herz sie noch nicht vergessen hat. Wir denken an unsere lieben Seelen. Wir haben Freunde im Jenseits.
Wenn wir das Fest Allerseelen feiern, dann erinnern sich aber viele auch an Verletzungen, Schmerzen und Mangel, die sie erlitten haben. Viele unterschiedliche Gefühle sind damit verbunden: Trauer, aber auch die stille, kaum eingestandene Wut der Verlassenen, Groll und Schuldgefühle, und die Frage nach dem Warum. Viele, die trauern und den November erleben, fühlen sich entwurzelt und verlassen, verunsichert, wie Blätter im Herbst. Viele fühlen sich abgerissen, dem Sturm des Schicksals überlassen, dem Sturz ins Bodenlose der eigenen Hoffnungslosigkeit. Enttäuscht von Gott und der Welt. Dann ist das Fest Allerseelen so schwer zu ertragen, der November so grau, wenn ich mich selbst so abgerissen fühle, unheil in mir oder unversöhnt mit denen, die mich prägten. Wie viel ist das an schmerzlicher Erinnerung, an Verletzungen. Wie viel an Schmerz und an Wut ist da zuzulassen und auszusprechen. Wie viel ist das zu erinnern, zu erzählen und zu betrauern, zu verzeihen und zu versöhnen.
Novemberfest – Allerseelen. Fest von Erinnerung und Trauer. Es ist ja gnadenlos, wie unsere Zeit das Vergessen pflegt und über die Verletzungen hinweggeht. Mit gut gemeinten Sprüchen, die aber das Herz hart machen oder neue Wunden schlagen. Das Leben muss ja weitergehen, man kann sich nicht so hängen lassen, Sprüche vom Zusammenreißen, vom festen Willen. Oder darf es eine Beruhigungstablette sein?
Wenn es um Erinnerungen geht und um Trauer, dann haben viele Angst vor den Gefühlen, die dabei frei werden, vor den Tränen, vor der Nähe, vor dem Leid, vor dem Schmerz. Und wenn das Leid auch in der eigenen Seele nistet, wir versuchen, den Schmerz zu vermeiden, „dass das Leben weitergeht“, und merken nicht, wie ohne den Schmerz auch die Freude schal wird, wie ohne die Ausschläge zur Lust und zum Schmerz ein armes Leben entsteht, ohne Höhepunkte, ohne Leidenschaft, und ohne Liebe. Es geht dabei nicht um die Verherrlichung des Leides. Es geht nur darum, dass der Schmerz und die Trauer zum Leben gehören, und dass das einzige Gegenstück des Lebens die Empfindungslosigkeit ist. Wer liebt, setzt sich aus. Wer sich unempfindlich macht, ist tot.
Wenn wir das Fest Allerseelen feiern, dann kann unsere Trauer ein Haus finden, wo sie wohnen könnte. Das Gefühl und die Trauer können ein Asyl finden in unserer harten Welt, dass uns der Staub aus den Augen gewaschen wird durch die Aufrichtigkeit unserer Tränen, denen echtes Lächeln wieder folgen kann. Dass es wieder warm und lebendig werden kann in uns. Wenn wir auch die Gefühle des Allerseelentages zulassen und durchtragen, wenn wir das Tal der Trauer durchgehen, kann wirklich Reifung in uns werden und Stärke.
Von der Hoffnung reden die liturgischen Texte des heutigen Tages. Das Evangelium bietet uns dazu das Bild an von Wohnungen, die am Ende unserer Lebensreise auf uns warten. Das Neue Testament ist voll von Bildern, die Sinn und Ziel unseres Lebens zeigen wollen. Sie reden von Hochzeitsmahl, Wohnungen, von Heimführen und Erfüllung. Lassen wir uns diese Hoffnungsbilder nicht nehmen. Sie sind das Beste, was wir Christen der Welt zu bieten haben. Die Hoffnung darauf, dass auch unsere Lieben und unsere Liebe aufgehoben sind bei Gott.
Hiob! Im Alten Testament ist er der Inbegriff des Gequälten, der festhält an dieser Hoffnung gegen alle Hoffnung: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und ich werde Gott anschauen. Hoffnungsbilder: Dass wir am Ende unseres Lebens eins sind mit dem Kosmos, mit den Menschen vor und nach uns, mit ihm, der in seinem Tod die Liebe selbst geworden ist. Hoffnung auf ein Wiedersehen! Hoffnung auf Leben.
Der Monat November hat begonnen, der vorletzte Monat des Jahres. Für uns Christen ist der Tod immer das Vorletzte: Es steht noch etwas aus. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

09.11.2014

Weihe der Lateranbasilika
Jo 2, 13-25
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Wie kommt man zu Gott? Auf den ersten Blick hat diese Frage mit dem Evangelium des heutigen Tages wenig zu tun. Hier geht es doch nicht um Gottsuche, sondern um die eindeutige und unmißverständliche Kritik Jesu an den Mißständen des Tempelbetriebs.
Und der zornige Jesus kommt uns ja eigentlich gar nicht ungelegen. Er erschreckt uns nicht und er ängstigt uns nicht, ganz im Gegenteil: Der zornige Jesus, der sie einfach umwirft, die Tische der Geldwechsler, die die vielen fremden Währungen in die für den Tempel gültige Währung umtauschen. Der zornige Jesus, der die Opfertierverkäufer mit der Peitsche hinausjagt. Der zornige Jesus, der alle vertreibt, die den Tempel zum Warenhaus machen. Diese Handlung Jesu bringt in enorm konzentrierter Form seine religiöse Grundhaltung zum Ausdruck, bringt ihn aber auch in eine gefährliche Konfrontation mit den Mächtigen in Religion und Politik.
Da der Maßstab aller Handlungen Jesu das „Leben in Fülle“ für die Menschen ist, gerät er zu zahlreichen gesellschaftlichen und religiösen Vorschriften in kritische Distanz: Sein Kontakt mit Frauen, seine Mahlgemeinschaft mit Geächteten, seine Zuwendung zu den Sündern, seine therapeutischen Aktivitäten am Sabbat, sein großzügiger Umgang mit Speise- und Reinheitsvorschriften, alle diese Grenzüberschreitungen der damaligen Üblichkeiten bringen ihn in Konflikt mit den Mächtigen, die Interesse daran und Profit davon haben, dass die Verhältnisse bleiben wie sie sind.
Im Hintergrund dieses Konflikts um den Tempel steht freilich ein noch viel weitreichenderer Zusammenhang. Bereits die Propheten Israels, in deren Spur Jesus von Nazareth sich bewegt, haben den Kult insgesamt und den Tempelbetrieb insbesonders scharf kritisiert.
Kerngefahr des frommen Menschen ist dabei der Wahn, zu meinen, dass mit dem kultischen Handeln, z.B. den dargebrachten Opfern, dem Besuch des Tempels, dem Ableisten der Vorschriften, das „Eigentliche“ des göttlichen Willens bereits erfüllt sei. Schon Hosea hält 750 Jahre vor Jesus dagegen: Gott will keine Opfer – er will die alltägliche Barmherzigkeit. Vorrangig sind die praktisch geübte Solidarität, die gesellschaftliche Gerechtigkeit, die gelebte Geschwisterlichkeit.
Zu oft meinen wir, wenn diese Stelle der Bibel hören oder lesen: da geht es gar nicht um uns, so meinen wir und reiben uns die Hände. Es könnte allerdings sein, dass wir uns täuschen. Dass doch nicht die anderen gemeint sind, sondern wir selbst. Dass es gar nicht um die Tische der Wechsler und die Stände der Verkäufer geht, sondern um uns selbst. Jesus wußte nur zu gut, dass sie morgen wieder da sein würden, dass der Betrieb weitergehen würde wie bisher. Der rege Handel im Tempel hatte schließlich doch keinen davon abgehalten, zu Gott zu kommen.
Doch da ist sie wieder, die Frage vom Anfang: Wie kommt man zu Gott? Die Antwort scheint einfach: Wir machen so weiter wie immer. Das Opfertier wird gekauft, das Opfertier wird geschlachtet, die Tempelsteuer bezahlt, alles hat seine Ordnung und schon scheint sie da zu sein: die Beziehung zu Gott.
Hier hinein trifft die große Herausforderung Jesu. Nichts ist in Ordnung. Nichts kann so einfach weitergehen wie bisher. Nicht einmal der Tempel, das große Zeichen der Gegenwart Gottes, kann letztlich garantieren, dass der Mensch Gott wirklich begegnet.
„Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.“ Es ist in der Tat völlig unsinnig, zu glauben, irgendjemand könnte dieses riesige Bauwerk tatsächlich in so kurzer Zeit wieder aufbauen. Der Evangelist Johannes läßt in der Gestalt, die er dem Text gegeben hat, auch die Jünger zunächst einmal unverständig dastehen. Erst nach der Auferstehung, heißt es bei ihm, geht ihnen das Licht auf, begreifen sie, was für eine Herausforderung in diesen Worten wirklich steckt.
Vielleicht haben wir dieses Evangelium schon zu oft gelesen und das Wort vom Niederreißen des Tempels schon zu oft überlesen. Dieses Wort bedeutet eine radikale Umkehr der Perspektiven. Weder ein Bauwerk, noch altehrwürdige Regeln und Zeremonien garantieren den Zugang zu Gott. Er liegt nicht in Steinen und Vorschriften, er liegt in einer Person. In Jesus selbst. Er ist der andere Tempel, in ihm ist Gott ganz und gar gegenwärtig. Zu Gott kommen erhält eine völlig neue Qualität. Es ist die Qualität des persönlichen Du, des Du zu Jesus Christus, er ist der Zugang für uns zu Gott.
Das Wort vom zerstörten und neu errichteten Tempel bekommt so eine ganz eigene Dimension. Es geht nicht um den Aufbau von Steinen, um eine großartige menschliche Leistung. Es geht um den Aufbau von Beziehungen. Es geht um die Freundschaft mit Gott.
Damit wird alles auf den Kopf gestellt. Nicht über das Opfer aus Menschenhand geschieht das Heil. Es geschieht als Geschenk Gottes an uns. Alle althergebrachten Regeln des Kultes werden umgeworfen wie die Tische der Geldwechsler, wenn nicht der Geist Jesu dahinter steht. Nicht wir stimmen Gott gnädig durch Opfer und Tempelsteuer, sondern Gott selbst erweist sich barmherzig, indem er sich in Jesus radikal verschenkt. Was hier geschieht ist keine Revolution der Tempelordnung, sondern die Revolution alles Wissens darüber, wie der Mensch zu Gott kommt: nicht indem er gibt, sondern indem er sich geben läßt. Kein Opfer erkauft Gottesnähe, Gott schenkt sie, ohne auch nur je eine angemessene Gegengabe erwarten zu können, ausser unser Hingabe und Empfangsbereitschaft.
Es ist schon eigenartig, wie wir die Texte der Bibel immer wieder mit unserem eigenen Leben konfrontieren können. Wie hinter diesen Worten und Taten Jesu etwas steckt, was auch unser Leben, unsere Situation betrifft. Und betroffen sollten wir doch alle immer wieder vom Wort Gottes sein. Er will uns nicht zur biederen Selbstzufriedenheit aufrufen, sondern zur Umkehr, zur Korrektur unseres Verhaltens und unseres Denkens. Es geht nicht in erster Linie, dass wir nach einem Sündenbock suchen, dass wir Schuldige ausfindig machen, auf die das Wort Jesu zutrifft, sondern dass wir uns selbst unter den von Jesus Gemeinten erkennen. Jesus gibt uns keine Argumente in die Hand gegen andere. Er stellt uns die Frage nach uns selbst. Nur Menschen mit offenem Herzen, als Menschen, die eine ganz persönliche Beziehung zu Gott suchen und annehmen, können wir zu ihm finden. Die Frage lohnt sich, sie ist sogar lebenswichtig: Welche Beziehung habe ich zu Christus?
Ist er es, den ich an mein Leben heranlasse, mit dem ich mein Leben teile? Ist er es, dem ich mich anvertraue und dem ich zutraue, dass er meinem Dasein Sinn gibt? Ist er es, auf den ich zugehe, in der sicheren Hoffnung, dass er mich seine Auferstehung hineinnehmen wird?
Es lohnt sich, dieses Evangelium immer wieder neu zu lesen. Die Frage, die es uns stellt, ist nicht die Frage nach der Vollmacht Jesu, den Tempel zu reinigen. Es ist die Frage nach der Vollmacht, die wir Christus über unser Leben einräumen. Hin und wieder ist es gut, sie ganz persönlich zu beantworten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

16.11.2014

33. Sonntag im Jahreskreis
Mt 25,14-30
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Wer hat, dem wird gegeben werden. Das erinnert uns sehr an unsere eigene Zeit, wo die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Da hat sich anscheinend seit der Zeit Jesu nicht allzu viel geändert. Wer heute Geld hat der bekommt leicht noch mehr: er erhält ohne Mühe Kredite und Verbindungen, und er ist reich genug, um sich ausrechnen zu lassen, wie man um das Steuerzahlen herumkommt. Auf den aber, der nicht hat, lauern die Haie, um ihm auch noch das Wenige abzunehmen, was er hat.
Auch die Geschichte, die Jesus erzählt, könnte heute spielen. Wir müssen sie nur in die Begriffe des heutigen Kapitalmarktes übersetzen. Ein Talent ist eine Währung, die dem Wert von 40 kg reinem Silber entspricht, d.h. etwa 5000 €. Der Besitzer teilt sein Barvermögen auf drei seiner Mitarbeiter auf. Dem Tüchtigsten gibt er das meiste. Dann verreist er. Er hofft nicht nur, dass er bei seiner Rückkehr sein Geld noch vorfindet, sondern erwartet auch, dass es inzwischen gut gearbeitet und ordentliche Gewinne gebracht hat. Entsprechend groß ist seine Befriedigung über die Mitarbeiter, die es geschafft haben, dass sich das Kapital in der Zwischenzeit verdoppelte. Und entsprechend groß ist sein Ärger über diesen Versager, der das Geld nutzlos unter der Erde dahingammeln ließ.
Das alles soll nun ein Gleichnis dafür sein, wie es im Reich Gottes zugeht? Man muß schon sagen, dass Jesus uns gelegentlich recht harte Nüsse zum Knacken aufgibt. Er tut das offensichtlich mit Absicht. Denn er weiß, dass die Einsicht, auf die wir selbst gekommen sind, besser schmeckt und viel nahrhafter ist als eine noch so wahre Lehre, die uns fix und fertig serviert wird. Deshalb erzählt er gerne Rätsel und Gleichnisgeschichten. Überlegen wir also: Was kann die Geschichte von den Talenten heute für uns bedeuten?
Der nichtsnutzige Diener wird hinausgeworfen in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ihn erwarten. Wird so etwas schlußendlich auch auf mich, auf uns zukommen? Werden auch wir so unsanft zur Kasse gebeten für alle Versäumnisse unseres Lebens?
Mit dieser Frage, mit dieser Befürchtung nähern wir uns schon dem nichtsnutzigen Diener, haben sein Haltung beinahe schon übernommen. Denn was ist sein Problem? Problematisch ist nicht, dass seine Leistungen weniger ansehnlich, weniger eindrucksvoll sind als die seiner Kollegen. Das Problem des dritten Dieners ist: Er hat Angst, und diese Angst hat sich hochgeputscht zur höchsten Autorität in seinem Leben. Der „Geist der Verzagtheit“ hat ihn übermannt – so sehr, dass nichts mehr übrig ist vom „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“.
Er hat also Angst gehabt. Wovor? Vor dem Risiko. Schließlich hätte er ja das Geld auch bei einer ungünstigen Spekulation verlieren können und wäre dann mit leeren Händen vor seinem Herrn gestanden. Es wäre interessant, was der Herr in einem solchen Fall gesagt hätte. Meine Meinung dazu ist, er hätte den Einsatz seines Dieners gelobt und über den Verlust hinweggesehen.
Was ist, wenn wir auf unsere eigenen Talente schauen? Natürlich haben wir nicht alles richtig und gut eingesetzt. Und vielleicht würden wir aus der Sicht unseres heutigen Lebens so manches anders machen. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir auch vieles eingesetzt. Ich bin halt doch der Meinung, dass das Gute, das ein Mensch tut in der Regel seine schlimmen Taten überwiegt.
Aber nun die Frage: Wenn das so ist, warum überwiegt doch manchmal die Angst in unserem Leben und die Verzagtheit? Wo doch der Mensch von Natur aus auf Vertrauen hin angelegt ist.
Vertrauen – das war für uns alle der erste Schritt. Mit einem großen Satz sind wir in dieses Leben hineingesprungen, lange bevor wir auf eigenen Beinen stehen konnten. Säuglinge unterstellen vertrauensvoll: Wenn ich Hunger habe, dann gibt es Milch. Wenn ich schreie, eilen Zuwendung und Trost herbei. Wenn ich lache, finden die Großen das bezaubernd, sind begeistert. Manchmal könnte man auf die kleinen Kinder so richtig eifersüchtig sein, eifersüchtige deshalb, weil sie mehr vom Leben zu wissen scheinen als wir Erwachsene. Und es ist immerhin interessant, dass Jesus einmal gesagt hat: „Wenn ihr nicht werden wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“.
Leider können wir diesen Glauben der frühen Kindheit nicht festhalten. Wer weitergeht, ins Leben hinein, wird erfahren: Das Vertrauen kann schwach werden, kränkeln, verkümmern. Gegenkräfte treten auf den Plan, greifen das Vertrauen an und zersetzen es, höhlen es aus.
Können wir zurückfinden zu jenem kindlichen Vertrauen, das uns Jesus bei seinem Umgang mit den Kindern so sehr ans Herz gelegt hat? Können wir Gott gegenüber zu jenem vertrauensvollen Verhalten finden, wie es die Kinder zu Vater und Mutter haben?
Unser Vertrauen muss zusammengehen mit unserer Freude und Dankbarkeit über die Talente, die Gott uns gegeben hat. Nein, wir gehören nicht zu denen, die die Talente eingegraben haben, obwohl wir manchmal in Gefahr sind, sie zu verstecken. Vielleicht fehlt uns manchesmal auch ein gesundes Selbstbewußtsein, die Freude an unserem Christsein und an unserer Berufung, vielleicht fehlt uns die Freude darüber, dass Gott uns etwas zutraut und das er von uns erwartet, dass unser Christsein eine Ausstrahlung hat. Es geht darum die Frohe Botschaft in unserem Leben sichtbar werden zu lassen.
Und was uns noch fehlt ist das Bewußtsein, dass durch unser christliches Leben in unserer Welt etwas bewegt wird. Es wäre interessant, zu wissen, welche Wirkungen etwa unser Gebet hat, wie vielen Menschen Gott auf Grund unseres Betens besondere Gnaden schenkt, es wäre interessant zu wissen, wie sich das Gebet vieler Menschen für uns in unserem Leben ausgewirkt hat. Wir werden es einmal erfahren und darüber staunen.
Aber jetzt, in diesem Leben, in dem uns viele Zusammenhänge noch verborgen sind, sollen wir doch die Gewißheit in uns tragen, dass unser Leben eine Bedeutung hat, eine einmalige Bedeutung und dass wir Gott dankbar sein dürfen für die vielen Gaben und Talente, die er auch uns gegeben hat. Setzen wir sie ein, schaffen wir die Voraussetzungen, dass Gott unser geringes eigenes Tun als annimmt und es ergänzt durch die Gaben, die nur er schenken kann.
Alles ist Gnade. Aber die Mitwirkung mit dieser Gnade geschieht durch unsere guten Werke, durch den Einsatz unserer Persönlichkeit, um Christus, wie Paulus es einmal gesagt hat, in seiner vollendeten Gestalt darzustellen.
Wir wollen in Dankbarkeit gegenüber Gott und seinen Erwartungen an uns diese Heilige Messe feiern an deren Schluß der Sendungsauftrag steht: lebt so, dass Christus durch euch in dieser Welt sichtbar bleibt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23.11.2014

Christkönig
Mt 25, 31-46
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Als das Christkönigsfest 1925 anlässlich des Heiligen Jahres von der Kirche eingeführt wurde, da war die Zeit der meisten irdischen Könige vorbei. Mit ihnen war verschwunden, was früher den Menschen Halt und Sicherheit geboten hatte. Nach dem ersten Weltkrieg schien die Welt aus den Fugen geraten. Die Wirtschaft lag am Boden, Hoffnungen waren zerschlagen, von der Zukunft erwartete sich kaum noch jemand etwas Besseres. In dieser verworrenen Lage versuchte die Kirche jenen Orientierung zu geben, die sich nicht mehr auskannten und nach einem Sinn für ihr Dasein suchten. Nicht alles ist zerbrochen, so lautete ihre Botschaft. In dem ganzen Durcheinander gibt es einen sicheren Fels. Der Erlöser hat sich nicht abgemeldet. Auf ihn ist auch dort noch Verlass wo alle anderen Mächte ihre Bedeutung verloren haben. Die Könige dieser Welt mussten in der Mehrheit ihren Thron verlassen, der König Christus aber hat nicht abgedankt. Er herrscht, sein Königtum hat Bestand, nichts und niemand auf der Welt kann seine Herrschaft beeinträchtigen.
Wir haben eben die Magna Charta der christlichen Barmherzigkeit, das Grunddokument von Nächstenliebe und Caritas gehört. Die hohe Bedeutung und der dringende Verpflichtungscharakter dieses Textes wird auch deutlich aus seiner Stellung am Ende des Matthäusevangeliums; dort stehen die letzten Worte und Aufträge Jesu vor seiner Passion; sie haben alle besonderes Gewicht. Vor allem die kühne und überraschende Gleichsetzung des triumphierenden und wiederkehrenden Weltkönigs und höchsten Gerichtsherrn mit den Ärmsten und Geringsten dieser Erde macht die Dringlichkeit dieses Appells zur Nächstenliebe deutlich.
Viele Christen handelten und handeln danach. Im Ausüben und Vollführen und Tun der sieben Werke der Barmherzigkeit legten und legen alle bekannten und unbekannten Heiligen der Nächstenliebe ein gewichtigeres und beredteres Zeugnis von der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft ab als Kaiser, Könige dieser Welt. Und wir sind davon überzeugt, dass ohne diese hohen Maßstäbe christlichen Lebens und ohne die Menschen, die danach leben, unsere Welt in vielem schlimmer aussähe.
Es ist interessant, dass die Gerechten sich dessen gar nicht bewußt waren, dass sie mit ihrem Gutsein und Guttun auch gleichzeitig einen Gottesdienst verrichtet haben, genauso wie die auf der linken Seite die Zusammenhänge zwischen ihrem Tun und der Forderung Gottes nicht begriffen haben.
Irgendwie hat uns Jesus ja unseren Gottesdienst leicht gemacht, indem er alle guten Taten unseres Lebens als ihm selbst erwiesen erklärt.
Damit leistet dieses Evangelium eine sehr weite und, wie ich meine, tröstliche Definition vom christlichen Leben; ich könnte mir vorstellen, dass es sich an Gläubige wendet, die Glaube und Religion recht eng auffaßten und auf Frömmigkeit, Gebetsleistungen, Gottesdienstteilnahme beschränkten. Solche Engführungen hat es immer wieder gegeben. Demgegenüber faßt Jesus Glaube und Frömmigkeit sehr weit: Glaube vollzieht sich und bewährt sich in der Welt. Gottesdienst ist auch Weltdienst. Wenn ich bewußt zu meinen Aufgaben und Rollen stehe, wenn ich sie in Verantwortung zu Schöpfung und Mitmensch ausführe, wenn ich in Partnerschaft und Solidarität mit meinen Mitmenschen umgehe, habe ich etwas vom Wesen des Christentums erkannt und lebe es bereits.
Der Weltgerichtsrede geht es also um wichtige Voraussetzungen für die gelebte Nächstenliebe: Die Bejahung der Welt und des Lebens, die Zuwendung zu Welt und Alltagsgeschehen, die Offenheit und wache Bereitschaft, die Schärfung unserer Sinne für die Erfordernisse des Augenblicks.
Es geht um die Sensibilität im Umgang miteinander, das erkennen, wo Hilfe, Zuspruch, Begleitung und Solidarität nottun; die Geistesgegenwart, im rechten Augenblick das Rechte zu tun, ich auch ein biblisches Ideal.
Es muss auch auffallen, dass den Gerechten des Gerichts erst im Rückblick, im Nachhinein, aufgeht, wie bedeutsam manche Augenblicke und Situationen ihres Lebens waren. Erst im Rückblick stellen sie fest, dass sie Christus begegnet sind; erst im Nachhinein wird ihnen klar, wo sie Zentrales und Fundamentales erlebt und vollzogen haben. In der Situation selbst blieben ihre Augen gehalten, erkannten sie den wahren Stellenwert ihrer Situation keineswegs.
Die ist die tröstliche Botschaft für uns: Lebensrätsel und Lebensfragen lassen sich nicht sogleich beantworten und entwirren; Gottes- und Christuserfahrung sind nichts Alltägliches, Abrufbares und Planbares; erst im Nachhinein, im Nachdenken, im Reflektieren auf das Leben zeigt es sich, wo sich eine solche Erfahrung unbemerkt vollzogen hat. Aus Rückschau und Reflexion kann Glauben werden, aus diesem gläubigen Zurückschauen vieler Menschen und Gruppen ist die Bibel entstanden.
So ist es für unser gläubiges Leben immer wieder erforderlich, bewußt Rückschau zu halten auf kleine und große Abschnitte unseres Lebens, auf den Tag bei der abendlichen Besinnung, auf die Woche beim sonntäglichen Gottesdienst, auf größere Lebensabschnitte in Tagen der Besinnung. Vielleicht machen auch wir dann manch überraschende Entdeckungen, wo wir Christus gedient haben, wo wir ihm begegnet sind.
Diese fundamentale Erfahrung des Glaubens und des gläubigen Lebens geben auch die Legenden wieder, die sich um zwei unserer beliebtesten Heiligen ranken, um den Hl. Martin und dem Hl. Christophorus.
Dem Hl. Martin wird erst im Traum deutlich, dass der Bettler am Stadttor, mit dem er den Mantel geteilt hat, Christus war; darauf ändert er sein Leben. Der Hl. Christophorus ist sein ganzes Leben lang auf der Suche nach dem wahren Herrn und König der Welt. Ganz am Ende seines Lebens, als er ein kleines Kind über den Fluß getragen hat, erkennt er, wer der wahrhaft Größte ist im Reich Gottes; er nimmt die Taufe und dient von nun an dem König, der sich für uns am Kreuz erniedrigt hat und der uns begegnet im Geringsten der Mitmenschen, im Kleinsten der Mitmenschen.
Es gibt kaum eine andere Stelle im Evangelium, die in solcher Radikalität und Eindringlichkeit die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund stellt und damit Jesu Liebesgebot in einer Weise illustriert, wie man es sich dichter kaum vorstellen kann. Menschendienst ist Gottesdienst; menschliche Wärme und Zuwendung wird nicht nur gelobt, sie ist das Einzige, was im Gericht bestehen kann. Jesus selbst hat uns vorgelebt, was in seinem Gericht sich als gültig, als richtig erweist. Ihm ging es in seinen Worten und in seinen taten immer darum, den Menschen in die Mitte zu stellen. Der Mensch soll leben können, aufrecht und befreit von seinen fesseln und Krankheiten. Jesu Anliegen war es, dem Menschen seine ursprüngliche Würde wiederzugeben, die er entweder aus eigener Schuld verschleudert hat oder die ihm andere weggenommen haben. Dieses neue Leben wird spürbar, wo Menschen nicht mehr gegeneinander, sondern mit- und füreinander leben. Wer Jesus begegnete konnte aufatmen, ahnte etwas von der Kraft dieses Lebens.
Schauen wir unseren Herrn und König an und entdecken wir dabei unseren Bruder, unsere Schwester. Schauen wir den Bruder und die Schwester an und entdecken wir dabei in einer neuen Weise unseren Herrn und König. Dann ist es recht, ihn zu loben und anzubeten. Er macht uns das Herz weit zur Gottesliebe und gleichzeitig sendet er uns zu den Menschen. Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschermacht in Ewigkeit. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

30.11.2014

1. Adventsonntag
Jes 63,16b-17
Mk 13,24-37
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Wir leben nicht mehr in einer sichern Welt. Vieles ist ins Wanken geraten, was früher als sicher galt. Die Gedanken der Apokalypse des Johannes von der wir in den letzten Tagen des Kirchenjahres gehört haben, sind uns gar nicht mehr fremd. Überall in der Welt entdecken wir die Spuren des Bösen. Und das nicht nur in der Welt der Terroristen in ihren verschiedenen Gliederungen, sondern auch in unserer westlichen Hemisphäre. Was auf der einen Seite Terror ist, ist bei uns Glaubenslosigkeit, Zügellosigkeit oder können wir nicht gar schon sagen: Sodom und Gomorrha ist wieder aktuell geworden? Und so müssen wir aufgerüttelt, wachgerüttelt werden durch all die Unsicherheiten unserer Tage.
Und da der Advent den Gedanken der Erwartung enthält, müssen wir uns auch fragen, was wir denn wirklich erwarten, was wir erhoffen. Viel steht da heute im Weg. Im Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und vielfach auch im Blick auf unser persönliches Leben scheint Resignation oder gar Verzweiflung die nahe liegende Antwort zu sein. Es gibt da ja auch die Untiefen im eigenen Herzen, die tiefsitzenden Enttäuschungen, das eigene Versagen. Die Hoffnungen ersticken einem im Herzen, wenn man es wagt, die Augen aufzumachen, wenn man nicht zufrieden ist mit dem kleinen Wohlstand, den man sich vielleicht herausschneiden kann aus der allgemeinen Misere.
Von all diesen Erfahrungen brauchen wir nicht abzusehen, wenn wir Advent feiern wollen. Er wäre falsch verstanden wollten wir ihn nur dazu nützen aus unserer Wirklichkeit in die Welt einer bloß kindlichen Weihnachtsvorfreude. Treffen sagt Isaias in der heutigen Lesung: „Wir sind alle Unreine geworden. Wie ein schmutziges Kleid ist unsere Gerechtigkeit.“ So hart setzt der Prophet ein. Er sieht das Elend seines Volkes in der Gefangenschaft, das eigentlich nichts mehr zu erwarten hat.
Und da erinnert er an die Großtaten Gottes. Mit großes Sehnsucht blickt er rückwärts: Was waren das doch für Zeiten! Damals stand Gott zu seinem Volk. Aber jetzt? Er scheint sich zurückzuziehen. Er ist entschwunden. Die Klagen und Gebete erreichen ihn nicht mehr. Er hat uns preisgegeben.
Erkennen wir uns da nicht wieder? Wie viele klagen: Gott kümmert sich scheinbar nicht mehr um seine Welt, unser Beten scheint vergeblich zu sein. Bei Isaias weckt die Klage aber nicht Resignation, sondern wird zu einem Impuls neuer Hoffnung. Es ist doch auch unsere Erfahrung: Wenn wir am Ende zu sein scheinen, dann gibt es oft nur noch zwei Möglichkeiten: Wir geben uns auf, oder die Stunde der Ohnmacht wird gerade zur Stunde des neuen Aufbruchs, der neuen Hoffnung. „Reiß doch die Himmel auf, und steig herab, dass die Berge vor dir erbeben!“ Das ist nichts Idyllisches oder Niedliches. Da reicht kein billiger Trost, der uns weiter schlafen lässt. Da geht es auch nicht um ein paar gemütliche Adventsstunden, sondern um die Grundausrichtung unseres Lebens. Damit ist nichts gesagt gegen einen stimmungsvollen Advent. Aber er muss uns dazu dienen, dass wir uns besinnen, wofür wir da sind, wonach wir uns ausrichten, was für uns wichtig ist; sonst ist der Advent nur ein fromme Flucht, die uns nicht weiterbringt.
Isaias schreibt weiter: „Du bist unser Vater, unser Erlöser von alters her.“ Diese Stelle ist eine der wenigen im Alten Testament, wo Gott „Vater“ genannt wird. Die Erinnerung an den Vater und Erlöser von alters her wird zur Hoffnung. Die Hoffnung wird zur Gewissheit: „Du kommst denen entgegen, die recht handeln.“
Doch das werden wir nur erkennen, wenn wir uns selbst auf den Hoffnungsweg machen. Wach müssen wir sein, aufgeweckt müssen wir werden. Wach sein müssen wir, damit wir die Zeichen der Zeit erkennen, damit wir uns nicht einlullen lassen von Propaganda und Reklame, damit wir nicht dem allgemeinen Klima der Resignation verfallen. Diese Resignation ist ja wie ein schleichendes Gift, das wir wie unsere Atemluft atmen und das uns erstickt. Und dann haben wir schnell die Sündenböcke für unser eigenes Fehlverhalten.
Aufmerksamkeit und Wachheit wie Jesus sie meint, bedeutet zunächst einmal mit allen Sinnen da zu sein. Jesus lebte diese Weise der Aufmerksamkeit. Er sah die Lilien auf dem Feld, er hörte die Vögel des Himmels, roch den Sauerteig, schmeckte Brot und Wein, fühlte die Nähe der Menschen. Weil er das alles konnte, wurde ihm die ganze Schöpfung zum Schauplatz und auch zur Nähe Gottes. Die Aufmerksamkeit der Sinne verbindet somit Himmel und Erde.
Eine neue Form der Wachsamkeit, wie Jesus sie lebte, ist die Wachsamkeit des Herzens. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, so spricht der Fuchs zum Kleinen Prinzen bei St. Exupery. Hier geht es um das Sehen aus unserer Mitte, aus der Herzensmitte heraus. Jesus selbst sah die Welt mit den Augen des Herzens. In den Kranken sah er die Möglichkeit des Heils und über den gefangenen die Freiheit hereinbrechen. In den trauernden fühlte er die kommende Freude und selbst bei den Toten sah er das Leben. Im Versagen der Menschen sah er die „felix culpa“, die glückliche Schuld.
Die Wachsamkeit des Herzens ist gleichbedeutend mit dem tieferen Blick, der den Grund der Dinge ansichtig macht. Jesus sah mit diesen inneren Augen, und so konnte er in jedem Menschen das göttliche Leben erkennen. In dieser Haltung saß er mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und rief Fischer, Zeloten und Steuereintreiber in seine Nachfolge. Keine noch so trostlose Krankengeschichte, keine noch so machtvolle Abhängigkeit, kein noch so großes Versagen konnte ihn vom Blick mit dem Herzen abhalten. Dieser Blick mit dem Herzen ließ ihn alle Chancen im Leben eines Menschen sehen.
Die Kunst der Wachsamkeit besteht nun darin, ganz in der Gegenwart zu leben: nicht im Gestern, das lange vorbei ist, und nicht im Morgen, der erst noch kommen wird. Die Kunst der Wachsamkeit bedeutet, den Augenblick ernst zu nehmen, denn er ist die einzige Zeit, in der wir das Leben, die Menschen und Gott erfahren bzw. verpassen können. Den Augenblick leben heißt: in ständigem Blickkontakt mit dem zu sein, das Gott mir über den Weg schickt. Wachsamkeit ist etwas ganz einfaches, etwas Elementares. Sie meint, sich auf den Alltag einzulassen mit seinen Begegnungen und Herausforderungen.
Was verändert sich nun durch die Haltung der Wachsamkeit im Vergleich zu unserem gewöhnlichen Leben?
Wer in der Weise der Wachsamkeit lebt, lebt weit intensiver als die, die ihr Leben zwischen Bett, Arbeit und Fernsehen sicher und bequem eingerichtet haben. In dieser Haltung erwerbe ich die Gegenwart. Sie ist die einzige Zeit, die mir wirklich gehört. Sie ist der einzige Ort, den ich gestalten kann. Mit der Gegenwart gewinne ich gleichzeitig die Menschen, die Dinge und die Schöpfung, die mir in jedem Augenblick gegenüber stehen. Sie ist die einzige Chance zu lieben und geliebt zu werden. In ihr begegne ich letztlich Gott selbst.
Somit ist die Botschaft des 1. Adventsonntags eine aufrüttelnde; aber nicht eine ängstigende. Sie ist eine Ermunterung zu einem bewussten und wachen Leben, gegründet auf die eigenen Möglichkeiten, die uns von Gott geschenkt sind und auf die helfende Gegenwart Gottes im eigenen Leben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

07.12.2014

2. Adventsonntag
Mk 1.1-8
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„Anfang der Heilsbotschaft von Jesus Christus“, so hieß es eben im Evangelium, und ich glaube, dass keine Zeit uns mehr aufschließt und empfänglicher macht für diese Botschaft als die adventliche Zeit. Zu keiner Zeit sehnen wir uns mehr nach dem, was unser Leben erhellen könnte, als in dieser Jahreszeit, in der das Dunkel alles beherrscht und das Licht des Tages nur wenige Stunden erhellt. Heilsbotschaft! Wer sehnte sich nicht danach, dass wieder heil wird, was krank und verwundet ist in seinem Leben. Wer sehnte sich nicht danach, dass Glück, Freude und Friede in sein Leben einkehren? Und genau das will diese Botschaft vom Christus, dem Heiland, dem Sohn Gottes, uns immer neu schenken. Sie ist der kostbare Schatz, aus dem wir immer wieder Altes und Vertrautes und doch auch immer wieder Neues hervorholen können.
Wenn wir eine heilvolle Geschichte erzählen können, dann geht es uns wie Kindern: Wir wollen sie und können sie immer wieder hören und beginnen ähnlich wie das Evangelium, ja, so hat das angefangen in der Wüste und mit Johannes, der den Beinamen der Täufer erhielt. In der Wüste, wo kein Laut die Stille durchbricht. In der Wüste, in der nicht nur das Klopfen des eigenen Herzens, sondern auch die leise Stimme Gottes vernehmbar wird. Dort in der Wüste erhebt Johannes seine Stimme: „Bereitet dem Herrn den Weg. Macht seine Pfade gerade!“ Gott will kommen und wird kommen, aber wir müssen ihm einen Weg bahnen. Wir müssen die krummen Pfade verlassen, auf denen wir oft genug gehen, das heißt, wir müssen alles das aus dem Weg räumen, was Gott hindert, zu uns zu kommen. Wir müssen aufhören mit dem ewigen Wenn und Aber und uns klar für ihn entscheiden.
Die Botschaft des Johannes ist eindeutig: Laßt euch taufen! Bekehrt euch, damit eure Sünden vergeben werden! Die Taufe, die Johannes fordert, ist eine Taufe für alle. Alle haben sie nötig. Die soll sinnfälliges Zeichen dafür sein, dass sich die Menschen reinigen wollen von allem Bösen. Das Untertauchen ist wie eine Art Begrabenwerden, so wie es Paulus später deuten wird, ein Begraben des alten Menschen, der der Sünde und dem Bösen verfallen ist, und herauskommen soll ein neuer Mensch, der bereit ist, die Wege Gottes zu gehen. Darum verlangt Johannes nicht nur die Taufe, sondern gleichsam auch das Bad des Herzens, wenn er mit der Taufe die Bekehrung verlangt, Reinigung durch das Bad der Taufe, Reinigung durch das demütige Bekenntnis und Bereitschaft zur Umkehr, das ist Wegbereitung, wie wir sich auch heute noch vollziehen können und müssen, wenn wir Advent, d.h. Gottes Kommen bei uns erleben und erfahren wollen.
Die Leute sind damals in Scharen zu diesem seltsamen Mann am Jordan gekommen. Sie hatten wohl andere Erwartungen als das, was ihnen Johannes sagte. Das Volk Israel wartete auf den Messias und mit ihm auf eine radikale Veränderung der politischen Lage. Sollte etwa Johannes der Erwartete sein? Aber der redete doch ganz anders, als sie es sich vom Messias erwarteten.
Wir warten auf Weihnachten. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Fest. Was erwarten wir von Weihnachten? Ein paar freie Tage? Eins schönes, friedliches Zusammensein mit der Familie? Erinnerungen an längst vergangene Kindheitserlebnisse? Worauf hoffen wir? Dass sich Spannungen lösen, auf Besserung er politischen oder sozialen Lage?
Was macht Weihnachten eigentlich so auffallend faszinierend für viele Menschen in unserem Land, auch bei denen, denen der Glaube nichts mehr bedeutet? Ist es nur romantische Nostalgie? Oder vielleicht eine unbewußte, undefinierbare Sehnsucht nach ganz Anderem, eine Ahnung, dass Leben mehr sein muß als das, was wir uns leisten können?
Johannes zerstört mit deutlichen, ja harten und provozierenden Worten die Materialistischen Messiaserwartungen seiner Landsleute. Er fordert sie auf zur Umkehr, zur radikalen Umkehr. Da ist nicht von sozialen und politischen Umwälzungen die Rede; da geht es um die Revolution des Herzens. Johannes bezeugt den Messias als das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“.
Aber, ist das noch die Sehnsucht unserer Zeitgenossen? Ist für viele Menschen von heute die Sünde nicht abgeschafft? Abgeschafft zugleich mit der Abkehr von Gott, der nicht mehr anerkannt wird, dessen Realität in Frage gestellt wird. Die Sünde des Paradieses wiederholt sich immer wieder: der Mensch trennt sich von seinem Schöpfer, er nimmt seine Wirklichkeit nicht mehr ernst, er begeht die Dummheit sich von dem loszusagen, der ihn erschuf und im Dasein erhält. Diese Menschen haben keine Erlösung nötig.
So will uns Johannes in dieser vorweihnachtlichen Zeit auf das Eigentliche, auf das Wichtigste von Weihnachten aufmerksam machen.
Unsere Erwartungen sind anderer Art als jene der Menschen damals. Aber sind sie nicht auch typisch materieller Art? Jesus aber wurde Mensch um uns ein Leben mit Gott zu eröffnen. Die Befreiung, die er meinte und brachte, reicht weiter und tiefer als unsere Erwartungen. Auf diesen einen und einzigen Heilsbringer hinzuweisen und die Menschen zu ihm zu führen war der Auftrag Johannes des Täufers. Darum versprach er nicht das goldene Zeitalter, sondern forderte Umkehr.
Wo immer wir statt dieses Zieles Besitz und Genuß und Ansehen unter den Mensch als wichtigstes Lebensziel ansetzen, wo wir alles auf diese eine Karte setzen, verfehlen wir den Sinn unseres Lebens. Das galt für die Zuhörer am Jordan damals, das gilt auch für uns.
Und das Kommen des Heilands zu mir, zu einem jeden von uns: es ist unbedingt ernst zu nehmen. Gott möchte den Menschen begegnen, Gott ist wie einer, der vor der Tür steht und anklopft und dem wir oft in unserem Leben nicht öffnen. Gott ist einer, der bei uns ist in allen Situationen unseres Lebens, aber wir bemerken ihn nicht. Gott ist einer, der zu uns sprechen möchte durch all die Ereignisse unseres Lebens hindurch, aber wir haben kein offenes Ohr für ihn. Die Wege Gottes zu unserem Herzen sind oft verschüttet, verschüttet durch vielerlei Dinge, nicht zuletzt durch unsere Sorgen und durch die Probleme, von denen wir immer glauben, dass wir allein mit ihnen fertig werden müssen. Sicherlich ist all unser Einsatz gefordert; aber die nötige Ruhe in unserem Leben schenkt uns doch jene Gewißheit, dass wir auch Gott etwas zutrauen dürfen.
Gäbe es doch in unserem Leben auch immer wieder Gestalten wie Johannes den Täufer, der die Menschen aufrüttelte, der ihnen zwar harte Worte sagte, aber ihnen auch Mut machte, ihre Bekehrung neu in Angriff zu nehmen.
So sind die aufrüttelnden Worte des Johannes nur der Prolog zur Freudenbotschaft, die heute schon in der Lesung angekündigt wurde: dass uns Trost zuteil wird, dass wir keinen Grund mehr haben, uns zu fürchten. Wäre das nicht etwas, das wir vielen Menschen von heute zurufen sollten, denn für viele geht die Botschaft der Weihnacht und des Advent unter in Geschäftigkeit und im Trubel. Weihnachtsmänner statt dem Christuskind. Und die Krippen, die angeboten werden in allen Größen und Preislagen, sie sind leider zur bloßen Attrappe geworden, zur reinen Staffage. Die wesentlichen Inhalte des Festes sind leider bei vielen verloren gegangen.
Wenn wir selber dem Herrn die Wege zu unserem Herzen bereiten, vielleicht gelingt es uns durch unser eigenes gelebtes Christentum die Herzen so mancher Menschen wieder zu öffnen für das Wesentliche. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

14.12.2014

3. Adventsonntag
Phil 4,4-7
Lk 3,10-18
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Die Geburt eines Kindes ist in der Regel ein freudiges Ereignis. Zwar verbindet sich mit jeder Geburt auch ein wenig Angst wegen der Ungewissheit, was aus diesem Kind einmal werden wird; doch die Grundstimmung der Freude kann dadurch nicht gelöscht werden. Das erlebt man immer wieder in der Begegnung mit vielen jungen Müttern und Vätern. Schon die Erwartung der Geburt erfüllte ihre Gedanken und ihre Gespräche, ja fast alle ihre täglichen Handgriffe mit Freude.
Ich sage dies im Hinblick auf das Geburtsfest Jesu, das wir in einer Woche feiern. Ist auch dieses Fest für uns ein freudiges Ereignis? Diese Frage lässt mich unwillkürlich an eine bestimmte Stelle in einem der Romane des russischen Dichters Dostojewski denken. Dort heißt es: „Es war schon dunkel geworden, und das Wetter hatte sich verändert. Wie viele verdrossene Gesichter unter den einfachen Leuten, die von der Arbeit und aus den Geschäften hastend heimeilen in ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in der ganzen Menge war vielleicht kein einziger gemeinsamer, alle vereinender Gedanke.“
Obwohl sich diese Beobachtung auf ein ganz anderes Land, auf eine ganz andere Zeit mit ganz anderen Menschen und auf eine ganz andere Situation beziehen, umschreiben sie in treffender Weise auch unsere vorweihnachtlichen Verhaltensweisen. Wie wenig spiegeln sich auf unseren Gesichtern die hellen Lichterketten und die angestrahlten Schaufenster wider! Wie selten sehen wir ein Lachen oder ein Lächeln selbst bei denen, die mit voll gepackten Taschen heimeilen! Das trifft keineswegs nur für die einfachen Leute zu.
Warum ist das so? Vielleicht dürfen wir darauf antworten: Weil der Inhalt der gefüllten Taschen die trüben Sorgen nicht aus unseren Gesichtern vertreiben kann. Noch tiefer greift die Vermutung: In der ganzen Menge gibt es keinen gemeinsamen, alle verbindenden Gedanken. Mit anderen Worten: In all unseren weihnachtlichen Bemühungen ist uns der gemeinsame, alle vereinende Gedanke verloren gegangen – der Gedanke an das freudige Ereignis der Menschwerdung Gottes.
Wie sehr dies zutrifft, zeigt uns der Hinweis, den nicht wenige Eltern ihren Kindern geben: „Wenn du nicht brav bist, dann kommt das Christkind nicht zu dir.“ Dabei bemerken sie nicht, wie sehr sie mit dieser Pädagogik das Geheimnis von Weihnachten missbrauchen und verfremden. Ist denn Gott Mensch geworden, weil wir so brav sind und bei uns alles in Ordnung ist? Gewiss nicht; denn der Grund für Gottes Menschwerdung ist alles andere als die Belohnung für unser Wohlverhalten. Vielmehr trifft das Gegenteil zu! Er wurde Mensch, weil wir alle Sünder sind, weil uns Elend, Not und Schuld gefangen halten. Gerade weil bei uns nichts in Ordnung ist, wurde er Mensch, um uns in all dem, was uns bedrückt und belastet, nicht allein zu lassen. Er wurde Mensch um uns aus diesem Tal der Tränen herauszuführen und uns zu zeigen, was menschenmöglich ist, wenn man sich von ihm an die Hand nehmen lässt. Das ist der weihnachtliche Gedanke Gottes; er ist der tiefste Grund unserer Freude auf dem Weg zum bevorstehenden Fest.
Wie tief diese Freude das menschliche Herz erfüllen kann, zeigt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde inPhilippi. Als Paulus diesen Brief im Jahre 58 von Rom aus schrieb, saß er bereits vier Jahre im Gefängnis und sah mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit seinem Tod entgegen. Die Philipper dagegen standen noch am Anfang ihres Weges als Christen, und dunkle Tage, Gefahren und Verfolgungen lagen unausweichlich auch vor ihnen. Dennoch schrieb ihnen Paulus: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts“.
Die Freude, die Paulus hier meint, ist also alles andere als ein enthusiastischer Jubel. Sie ist keine Hochstimmung, kein seliges Gefühl, in dem man die ganze Welt umarmen möchte; denn ein solches Gefühl vergeht so schnell wie der Gegenstand, an dem man sich freut.
Die Freude, zu der uns Paulus aufruft, ist anderer Art. Es ist eine Freude, die die Augen nicht vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod und der Zerfall verschließt. Diese Freude übersieht auch diejenigen nicht, die sich heute nicht satt essen können. Zudem weiß sie um all diejenigen, die sich einsam und verlassen fühlen. Sie vergisst nicht jene, die ohne Hoffnung in unseren Krankenhäusern liegen. Dennoch bleibt sie sich bewusst, dass weder das persönliche Leid noch das ganze Elend der Welt ewig dauert; denn sie lebt aus dem unverbrüchlichen Glauben, dass der menschgewordene Gott in all das eingegangen ist, dass er es durchgelitten und überwunden hat, so dass der Tod nicht das letzte in unserem Leben ist. Daher betet die Kirche gerade in diesen Tagen: „Zeige uns den rechten Weg durch die vergängliche Welt, und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche.“
Dieser Blick auf das Unvergängliche schenkt uns mit der Freude eine innere Gelassenheit, die die eigenen Mühen zwar ernst, aber nicht zu ernst nimmt. Sie kennt das Elend, aber sie lässt sich von ihm nicht erdrücken. Sie spürt die Sorgen, aber sie lässt sich von ihnen nicht auffressen. Das mag ein wenig befremdlich klingen. Doch das Eigentümliche ist, dass Gott uns sagt, wir seien in jedem Fall für die Freude geschaffen. Wenn man die Freuden dieser Welt verlassen muss, dann nur, um größere zu finden. Das bestätigt eine kleine Notiz, die mir in einmal in die Augen fiel. Sie macht darauf aufmerksam, dass es in der Weltliteratur kein Buch gibt, in dem so viel wie in der Bibel von der Freude die Rede ist. 2800- mal komme sie darin vor. Sollte uns das nicht nachdenklich machen?
Weihnachten – ein freudiges Ereignis! Wir schenken, weil sich Gott geschenkt hat. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. Wir dürfen gelöst sein, weil Gott uns erlöst hat. Eine Freude, die nur im Gefühl besteht, lässt uns am Ende der Weihnachtstage sagen: „Schade, jetzt ist wieder alles vorbei!“ Die Freude aber, zu der uns Paulus aus dem Gefängnis heraus aufruft, bleibt, auch wenn die Weihnachtstage vergangen sind. Auch in den dunkelsten Stunden unseres Lebens will sie uns ermutigen und Tragen. Von dieser Freude sagt Jesus in seinen Abschiedsreden, dass nichts und niemand sie uns nehmen kann.
Einen Satz sollten wir uns aber noch einprägen und mitnehmen. Den Satz, wo Paulus sagt: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“. Freude kann auch weitergeschenkt werden. Und das ist ja unsere besondere Aufgabe als Christen, dass wir das weiterschenken, was Jesus uns gebracht hat, dass die Menschen, die uns begegnen, etwas von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erfahren dürfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

21.12.2014

4. Adventsonntag
Lk 1,26-38
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Es ist etwas Seltsames um das Weihnachtsfest. Mehr als an anderen Festen werden in vielen Menschen Sehnsüchte und Ahnungen wach. Es ist eine geheimsnivolle Ahnung, dass das Leben mehr sein muß als Arbeiten, Geldverdienen, Freizeit und Anschaffungen. Vor Jahren hieß es in einem Schlager: „Das kann doch nicht alles sein! Da muß doch noch irgendetwas kommen!“ Das Evangelium dieses vierten Adventssonntags erinnert an die wirkliche Bedeutung dieses Festes. Es ist das Evangelium von der Verkündigung und der Menschwerdung des Sohnes Gottes. Es lohnt sich, über dieses Geheimnis der Menschwerdung ein wenig nachzudenken, es gleichsam in unser Leben hineinzunehmen. Gläubige Menschen beten dreimal am Tag den „Engel des Herrn“, jenes Gebet, das uns an dieses große Geheimnis erinnert.
„Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft.“ Mit dieser Feststellung beginnt unser Evangelium. Es ist eine ungemein wichtige Feststellung: Gott ergreift die Initiative zu unserem Heil. An einem bestimmten Zeitpunkt, an einem bestimmten Ort, bei einem bestimmten Menschen greift Gott in die Geschichte der Menschen ein; Gott kommt auf eine Weise zur Rettung der Menschen, die niemand vermuten konnte. Die Rettung beginnt so, dass niemand sagen kann, er habe sie bewirkt. Ein unbekanntes Mädchen aus einem bedeutungslosen Winkel Palästinas wird zur Mutter des Retters ausersehen, zur Mutter des Sohnes Gottes.
Wir sind in Gefahr, all diese Ereignisse in der Perspektive des Vergangenen zu betrachten, als etwas, was einmal geschehen ist und was wir bewundernd und manchmal auch zweifelnd wahrnehmen. Wie stellen wir uns aber dazu, wenn uns gesagt wird: dieser Einbruch Gottes geschieht auch immer wieder in unserem Leben, kann immer geschehen. Wollen wir das überhaupt? Möchten wir nicht lieber in Ruhe gelassen werden, in Ruhe gelassen auch von den Forderungen Gottes, die uns aus unserer Ruhe und Selbstzufriedenheit aufscheuchen?
Wir können uns ja selber die Frage stellen: Wie habe ich meinen Advent gestaltet? Auf was habe ich gewartet? Hat da Gott und Gottes Menschwerdung auch eine Rolle gespielt, die bedeutendste Rolle? Aber bitte, verwechseln wir nicht die Erwartung mit einem bloßen Abwarten. Das tun wir doch immer wieder gern, dass wir unser Vertrauen in Gott verwechseln mit einem die-Hände-in-den-Schoß-legen. Erwartung ist aber etwas Positives, etwas Anstrengendes. Es hat zu tun mit dem Wort Jesu: „Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan werden, bittet, so werdet ihr empfangen.“
Vertrauen wir auch noch darauf, dass etwas gibt, das nicht allein mit Hilfe unseres Wissens und unserer Technik auf uns zukommen kann, sondern dass es auch die Geschenke und Gaben Gottes gibt?
Maria sagt auf die Botschaft des Engels ein einfaches und schlichtes Wort: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Sie läßt sich ganz und gar auf Gott ein, ohne zu wissen, zu was sie Ja gesagt hat. Gott bricht mit seiner Botschaft, mit seiner Anfrage in ihr ganz gewöhnliches Leben ein und verheißt etwas, das sie nicht verstehen kann. Aber das ist für sie kein Grund, seine Botschaft, seine Anfrage abzulehnen. Sie unterschreibt gleichsam einen Blankoscheck. Sie geht ein Wagnis ein, von dem sie nicht weiß, wie es ausgehen wird. Schon bald sollte sich herausstellen, zu was sie ja gesagt hatte: die Geburt des Sohnes Gottes als Kind armer Leute in der Fremde, die Flucht mit dem Kind vor einem blutrünstigen Tyrannen, das für sie wohl manchmal seltsame Verhalten ihres Sohnes, sein Leiden und Sterben am Kreuz. Ihr Glaube mußte sich in vielen Dunkelheiten bewähren. In einer Wallfahrtskirche wird sie als die „Hohe Frau vom Wagnis“ verehrt.
Denn nichts anderes erwartet Gott von uns: dass wir ohne Vorbehalte offen sind für ihn. Wir sollten uns nicht einschließen in das Gehäuse unseres Ichs. „Das kleine Wörtchen Ich“, sagte der Papst bei einem Besuch in Deutschland, „bestimmt am meisten das Denken und Handeln des Menschen. Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was geht das mich an? Das Anspruchsdenken beherrscht viele Menschen. Es gibt berechtigte Ansprüche, aber auch egoistische Ansprüche, die nur von eigenen Bedürfnissen, von eigenen Nützlichkeitserwägungen bestimmt sind.
Mit einer solchen Einstellung findet der Mensch nicht sein Glück. Gott erwartet vielmehr, dass wir uns mit einem großen Vertrauen auf ihn einlassen, weil er sich auch ganz auf uns eingelassen hat, eben in diesem Geheimnis der Weihnacht. Er erwartet, dass wir unser Leben in seine Hände legen, auch dann und gerade dann, wenn es dunkel wird darin, in Sorgen und Krankheit, in Ratlosigkeit und Angst um die Zukunft.
Ich habe jetzt doch sehr den Eindruck, dass das, was ich bis jetzt gesagt habe, sehr fromm geklungen hat und ich könnte mir vorstellen, dass der Widerhall in eurer Seele gering ist. Aber wenn wir annehmen, dass Gott etwas von Psychologie versteht, dann wird er in unserem Leben nicht der Tür ins Haus fallen. Gott wird uns dort aufsuchen, wo wir sind, er wird uns dort ansprechen, wo wir unterwegs sind, genau dort, wo wir unsere Fragen haben, dort wo wir auf der Suche sind nach einer Lebenseinstellung, dort wo wir nach den Werten unseres Lebens suchen, auch dort, wo wir unsere Zweifel und Fragen haben.
Es gibt auch kein Rezept, dass unsere Begegnung mit Gott und die Art und Weise wie sie stattfinden könnte regelt. Beginnen wir doch mit den einfachen und kleinen und zunächst unscheinbar scheinenden Dingen unseres Lebens. Beginnen wir Gott anzusprechen, in anzusprechen aus unserer Situation heraus. Stellen wir uns den Fragen unseres Lebens und rechnen wir damit, dass er uns in unserem Fragen nicht allein läßt. Mit anderen Worten, beginnen wir damit Gott ernst zu nehmen, als einen, der in unserem Leben gegenwärtig ist und wirksam sein möchte.
„Und das Wort ist Fleisch geworden.“ Das ist wie eine Schlußfolgerung aus Gottes Angebot und aus der Antwort Marias. Es ist somit Realität geworden, was Gott verheißen und wozu Maria ihr Ja gesagt hat. Das ist die Botschaft von Weihnachten und nichts anderes. Das ist der tiefste Grund unserer Freude. Weihnachten darf sich nicht in Äußerlichkeiten erschöpfen. Es darf dieses Fest nicht zu einer künstlichen Friedensinsel entarten. Es wird auch in diesen Tagen schlimm aussehen in der Welt. Trotzdem haben wir Grund zur Freude, weil es nicht aussichtslos ist mit der Welt, in der Gott Wohnung genommen hat und durch uns hindurch gegenwärtig sein und wirken möchte. Wir haben Grund zur Freude, weil Gott sich in Jesus in unlösbarer Weise in unser Schicksal eingelassen hat und uns durch alle Dunkelheiten hindurch zur Fülle eines unzerstörbaren Lebens führen will. Zeigen wir es in unserem Leben allen denen, deren Glaube schwach oder verloren gegangen ist.
Ich habe neulich eine kleine Geschichte gelesen: Ein Rabbi war bei frommen Gelehrten zu Gast. Er überraschte sie mit der Frage: „Wo wohnt Gott?“ Sie lachten über ihn und sagten: „Was redest du! Die ganze Welt ist doch voll von seiner Herrlichkeit.“ Der Rabbi beantwortete seine eigene Frage so: „Gott wohnt dort, wo man ihn einlässt.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.12.2014

Christmette
Tit 2,11-14
Lk 2,1-14
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Was soll ich Ihnen in dieser nächtlichen Feier über das Weihnachtsfest sagen, dass sie nicht ohnehin schon wissen. Die Botschaft ist bekannt, unsere Weihnachtskrippen stellen die Szene in vielfacher Weise dar und auch die Filmindustrie hat das Geschehen mehr oder weniger anspruchsvoll dargestellt. Und somit ist das Weihnachtsfest zu etwas geworden, dass wir mit einer gewissen Routine feiern: Aufputzen des Christbaumes, Aufstellen der Weihnachtskrippe, Abendessen mit seinen Lieben und dann die Bescherung. Möglicherweise auch noch das Absingen von „Stille Nacht“, wenn es die Familie noch schafft. Ja fasst hätte ich den Besuch der Mitternachtsmette vergessen. Das Kapital für die Geschenke ist aufgebraucht, bei etlichen Menschen ist das Konto sogar überzogen worden, aber Hauptsache es sind alle zufrieden. Aber ist das alles?
Nicht umsonst lässt uns die Kirche die großen Geheimnisse unseres Glaubens jedes Jahr in einem reichen Zyklus feiern, weil wir Menschen immer wieder diesen Anstoß brauchen, der uns wieder einmal ins Bewusstsein ruft, was es mit unserem Leben und mit unserer Beziehung zu Gott auf sich hat.
Es ist gar nicht so einfach für uns geschäftige Menschen in diesen Tagen zum Kern des Weihnachtsfestes vorzustoßen. Die Botschaft ist uns zu vertraut, als dass sie uns in ihrer ganzen Tragweite noch ansprechen könnte. Jedes Jahr versuchen wir uns in Stimmung zu bringen und es gelingt uns nicht. Vielleicht deshalb nicht, weil wir in Versuchung sind, das Geschehen der Heiligen Nacht zu sehr zu verniedlichen. Möglich auch, dass der eigentliche Weihnachtstag für viele in einem Erschöpfungszustand erlebt wird nach all den Rennereien und dem Suchen nach den passenden Geschenken.
Was aber erzählt uns das Evangelium wirklich für diese Nacht? Da wird einmal gesagt, dass eine Familie unterwegs ist, nein nicht auf einer Vergnügungsreise, sondern unter beschwerlichen Umständen. Eine schwangere Frau ist es und er ermüdeter einfacher Mann, die da nach einer Herberge suchen. Nach einem kleinen Platz, wo sie sich ausruhen können und wo die Frau in Ruhe ihr Kind zur Welt bringen kann.
Wir kennen alle das Suchen nach einem Platz – es ist meist der Parkplatz, der in diesen Tagen Mangelware war. Wir werden auch immer mit Menschen konfrontiert, die keinen Platz haben, mit den Flüchtlingen, den Heimatlosen. Und nicht zu vergessen all jene Menschen, die zwar eine Wohnung, vielleicht sogar ein schönes Haus haben aber in zerrütteten Verhältnissen leben. Und – haben wir selber eine Heimat? Werden wir nicht in unserem Alltag gejagt und gehetzt, so dass auch wir keinen Platz mehr finden zum Ausruhen? Was uns quält sind Zukunftsängste, die täglichen Probleme, Konflikte und der alltägliche Kleinkram. Da haben wir kein Gehör mehr für jemand der bei uns anklopft und bei uns eine Bleibe sucht, selbst wenn es Gott selber wäre.
Aber auch wenn wir für Ihn keine Zeit haben, wenn wir besetzt sind von unseren eigenen Sorgen und Problemen, Gott geht trotzdem immer wieder auf uns zu. Auch wenn wir ihn in unserem Leben an den Rand drängen, er gibt dennoch nicht auf. Und wenn viele Menschen unserer Tage ganz offensichtlich von Gott nichts mehr wissen wollen oder mit ihm nichts mehr anfangen können: er klopft immer wieder bei uns an. Das ist Weihnachten: Gott gibt nicht auf in seinem Bemühen um uns Menschen. So sehr liegen wir ihm am Herzen.
Und was bemerkenswert ist: Gott macht nicht einmal ein Drama daraus, dass wir Menschen ihm nicht den gebührenden Raum anbieten. Er hat sein Kommen lange angekündigt durch seine Propheten, durch Johannes den Täufer zuletzt. Trotzdem ist nichts vorbereitet und kein Platz da, als er kommt. Und wie reagiert Gott? Als ob es das Selbstverständlichste wäre, kommt er in einer Viehkrippe zur Welt. Wir haben zwar in unseren Weihnachtserzählungen ein kleines Drama aus der Herbergsuche gemacht; aber im Evangelium selbst spielt sie fast gar keine Rolle. Nur in einem Nebensatz wird erwähnt, dass in der Herberge kein Platz war. Mit so viel Verständnis begegnet Gott uns Menschen. Er nimmt es fast gleichmütig hin, dass für ihn in dieser Welt kein Platz ist außer in einem Stall. Er will uns trotzdem begegnen, auch wenn uns in unserer Weihnachtsvorbereitung vieles andere wichtig ist, aber Gott oft nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt – spielt. Er nimmt den Platz den er bekommen kann, Hauptsache, er kann bei uns Menschen sein.
Um uns nicht zu viel in Gefühlen zu baden: es entsteht doch die Frage: Wie reagieren wir auf dieses Geschehen, dass ja in seiner Einmaligkeit vor 2000 Jahren schon geschehen ist und für uns sich zigmale wiederholt hat? Überlassen wir diese einmalige Tat Gottes nach den Feiertagen wieder der Vergessenheit oder stellen wir uns in unserem Leben darauf ein? Nehmen wir diesen anklopfenden Gott ernst oder begnügen wir uns mit der weihnachtlichen Stimmung?
Es gab da einmal in einer Volksschule ein Weihnachtsspiel. Es sollte die Herbergsuche dargestellt werden. Die Rollen wurden verteilt. Es war keine Schwierigkeit Kinder zu finden, die Maria und Josef darstellen wollten; aber den hartherzigen Wirten wollte niemand spielen. Einer hat sich aber dann doch gefunden, nachdem man ihn lange gebeten hatte, die Rolle anzunehmen. Maria und Josef standen also vor der Tür der Herberge und klopften an. Der Wirt öffnete die Tür. Er schaute aber nicht grimmig drein, sondern forderte Maria und Josef höflich auf, hereinzukommen, er wollte ihnen ein Nachtlager geben und sie auch bewirten.
Damit war die Herbergsuche auf eine ungewohnte und sonderbare Weise zu Ende. Die Zuschauer sahen sich erstaunt an – und dann begriffen sie was gemeint war. Das Weihnachtsgeschehen sollte lebendig bleiben. Gott möchte uns nicht als bloß Zuschauer und Bewunderer sondern als Agierende. Die Botschaft vom liebenden und menschenfreundlichen Gott sollte durch jeden von uns weitergetragen werden. Die Menschen, die uns begegnen sollten ein wenig von dieser Liebe Gottes spüren können. Das wäre unsere Aufgabe in unserer Welt. Wir stellen uns sehr oft bei so manchen Ereignissen die Frage: Wo ist denn da Gott, warum tut er nichts, warum hilft er nicht dem Elend in der Welt ab? Aber Gott möchte auch unseren Beitrag, wir sind dazu berufen seine Botschaft in dieser Welt lebendig werden zu lassen.
Wir räumen nach den Feiertagen die Krippe wieder weg; aber die Krippe in unserem Herzen soll bleiben. Das ist der Platz wo Gott in uns wohnt, wo wir ihn immer ansprechen können, wo wir einen lebendigen Kontakt zu ihm aufbauen können. Gelingt uns dies, dann werden auch wir ein wenig die Welt verändern können und Gott in ihr den ihm zustehenden Raum schaffen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.12.2014

Christfest am Tag
Hebr 1,1-6
Jo 1,1-1

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Worte wirken
Es ist nicht leicht zu verstehen, warum das Weihnachtsevangelium Gott gerade als Wort bezeichnet. "Im Anfang war das Wort, das Wort war Gott und das Wort ist Fleisch geworden", sagt es uns. Was ist damit gemeint? Etwas unerhört Großes und Frohmachendes.
Um dem auf die Spur zu kommen, möchte ich sie zu einem kurzen Gedankenexperiment einladen. Stellen sie sich einmal vor, wir alle wären stumm. Kein Wort zwischen uns wäre möglich. Niemand könnte dem anderen etwas sagen; niemand könnte den anderen verstehen. Dann wäre uns doch das weggenommen, was uns erst ganz zu Menschen macht.
Das Wort ist für uns unentbehrlich. Weil wir des Wortes mächtig sind, tragen wir Menschen Namen und benennen wir unsere Mitmenschen mit Namen: Anna und Rosa, Jakob und Hans. Diese Namen sagen aus, dass wir nicht irgendetwas, sondern dass wir jemand sind. Das Wort macht uns zu einmaligen, unverwechselbaren Personen.
Und das Wort ist es, mit dem wir uns gegenseitig in Beziehung setzen und Gemeinschaft aufbauen. Denken Sie an das kleine Wörtlein »Ja«. Was kann da an Zusage drinstecken, bis hin zur Tatsache, dass Menschen sich mit einem einfachen Ja gegenseitig als Mann und als Frau annehmen. Worte binden und verbinden, Worte bringen Sinn und Glück.
Worte können auch trennen und verletzen. Wie viele Ehen und Gemeinschaften, wie viel Sinn und Glück ist schon zerstört worden durch das kleine Wörtlein »Nein«. Worte bringen das Größte und das Gemeinste zum Ausdruck, wozu wir Menschen fähig sind. Das Wort ist uns Instrument zur Wahrheit, aber auch zur Lüge.
Gott wirkt durch das Wort
Wenn wir so bedenken, was das Wort uns Menschen bedeutet, können wir bereits erahnen, was das Weihnachtsevangelium meint, wenn es uns sagt: "Im Anfang war das Wort und das Wort war Gott". Der Anfang, das, woraus alles geschaffen ist und was alles zusammenhält, dieser Ursprung ist nicht irgendetwas, ist nicht blinder Zufall, sondern ist jemand, ist Gott. Und weil alles durch dieses göttliche Wort geworden ist, ist auch alles auf Sinn und auf Beziehung angelegt.
Gott ist der Erste, der solche Beziehung schafft und stiftet. Wenn von Gott gesagt wird, er sei Wort, dann heißt das doch: dieser Gott ist nicht stumm. Nein, er spricht. "Viele Male und auf vielerlei Weise" hat Gott gesprochen, sagt die Lesung. Immer wieder hat Gott sich mit den Menschen in Beziehung gesetzt und diese Beziehungen neu zu knüpfen versucht, auch dann, wenn der Mensch
sie mit seinem »Nein« abgebrochen hatte.

Das Ja Gottes zu uns Menschen
Weil Gott Wort und somit aus sich selbst heraus Beziehung ist, tut Gott alles, um die Beziehung mit den Menschen zu retten und auf ein solides Fundament zu stellen. Er spricht sein letztes und endgültiges Wort und das tut er auf eine Weise, die einfach überwältigend ist. "Und das Wort ist Fleisch geworden", sagt das Weihnachtsevangelium. Damit erweist sich Gott als das Wort, das uns Menschen auf Augenhöhe anspricht und das für uns Menschen ganz und gar und ausschließlich Ja ist. Kurz und prägnant hat das der Apostel Paulus zum Ausdruck gebracht, wenn er im zweiten Korintherbrief schreibt: "Gottes Sohn Jesus Christus ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht" (2 Kor 1,19).
Dieses Ja hat Jesus eingelöst, als er in seinem Leben und Sterben sich auch das zu Eigen gemacht hat, was die dunklen Seiten des Menschseins sind: unsere Begrenztheit und Not, unsere Ängste und unser Leiden. Am Kreuz hat er selbst die Schuld der ganzen Menschheit auf sich genommen und die Bitternis des Todes durchlitten, um sogar das schlimmste Nein und die gottwidrigste Finsternis mit seinem Ja zu umfangen. Denn alles, was er angenommen und durchlitten hat, das hat er auch geheilt.
Das Wort ist das Licht in der Finsternis
Deshalb sagt das Weihnachtsevangelium, dass das fleischgewordene Wort für uns Menschen das Licht ist, das in der Finsternis leuchtet. Weil es reines Ja ist, leuchtet dieses Licht allen. Es leuchtet auch denen, die Beziehungen abgebrochen haben, die scheinbar ausweglose Schuld mit sich herumtragen, deren Lebenssinn ausgetrocknet ist, die keine Hoffnung und Zukunft mehr kennen und vielleicht sogar das Leben wegwerfen wollen. Darin besteht das eigentliche Wunder von Weihnachten: weil Gott durch seine Menschwerdung ein Ja zu uns Menschen gesprochen hat, das grenzenlos ist und auch noch die letzten Abgründe des Menschseins ausleuchtet, darum gilt dieses Ja wirklich allen: den Lachenden wie den Weinenden, den Zuversichtlichen wie den Verzweifelten, den Gesunden wie den Kranken.
Sich dem Ja Gottes anvertrauen
"Allen gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben", sagt das Weihnachtsevangelium. Damit lässt es so richtig frisch und unverbraucht die Freude und den Reichtum unseres Glaubens aufleuchten. Was gibt es Schöneres und Größeres, als sich dem Ja, das Gott an Weihnachten zu uns spricht, aufs Neue anzuvertrauen und darauf das eigene Leben zu bauen? Wir tun es, wenn auch wir unser eigenes Leben aus dem Ja heraus gestalten, wenn wir Menschen sind, die trotz allem, was es an Enttäuschungen geben mag, Ja sagen zu den Mitmenschen und zur Welt. Wir tun es, wenn wir aufs neue Ja sagen zu Gott und immer wieder aus der lebendigen Beziehung mit ihm die Kraft schöpfen, das Leben zu gestalten auf Sinn und auf Beziehung hin. Diesem Gott können wir am heutigen Festtag nur Dank sagen und ihn preisen mit den Worten, mit denen das Weihnachtsevangelium schließt: "Wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit".

Quelle Predigtforum

26.12.2014

Fest des Hl. Stephanus
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"Mensch vor der Krippe, bist du bereit, mir nachzufolgen?"

Am 2. Weihnachtstag stellt uns die Kirche vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Sie stellt uns die Frage, inwieweit wir dem Kind in der Krippe, Jesus Christus, folgen wollen.
Wie eine kalte Dusche mitten in die Gemütlichkeit dieser weihnachtlichen Tage wirkt das Fest des Hl.Stephanus und die gehörten Texte des Neuen Testamentes. Eine kalte Dusche ernüchtert, kann darum auch heilsam und befreiend sein. Im Evangelium warnt Jesus seine Jünger hellsichtig, dass sie sich vor den Menschen in Acht nehmen sollen, weil sie diese vor Gericht bringen und in den Synagogen auspeitschen werden.
Diese knallharte Aufforderung zur Wachsamkeit vor den Menschen wird uns ausgerechnet am Tag nach Weihnachten zugemutet, an dem uns die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes verkündet worden ist, und was wir in den Weihnachtsliedern auch heute besingen, die Ehre Gottes und den Menschen Frieden. Wie verträgt sich das miteinander? Die Ausrufung einer Menschenfreundlichkeit von Gott her, der ja aus dieser Freundlichkeit und Liebe selbst Mensch wird in Jesus Christus, und die Warnung Jesu: nehmt euch vor den Menschen in Acht?
Exemplarisch stellt sie uns einen Menschen vor Augen, der als Diakon gewählt und als streitbarer Ansprechpartner der Zeitgenossen sich in die Fußstapfen Jesu begibt. Angefeindet. Opfer einer Hetzkampagne (vgl. Apg 6,11-14). Und doch wortgewaltig und überzeugend. In seiner feurigen Rede (Anmerkung: diese ist in der Leseordnung ausklammert; vgl. Apg 7,1-53) führt Stephanus aus, wie sehr das Gottesvolk immer wieder die Rettergestalten, die Gott ihnen schickt, ablehnt - und damit auch das Heilsangebot Gottes.
Stephanus schenkt seinen Zuhörern nichts. Er nimmt sich kein Blatt vor den Mund, was durchaus damals so üblich war. Er bezeichnet sie als "Halsstarrige, die sich mit Herz und Ohr immer wieder dem Heiligen Geist widersetzen" (vgl. Apg, 7,51). Er nennt sie Verräter und Mörder. Kein Wunder also, dass diese aufs äußerste über ihn empört waren. Die Spaltung zwischen Judentum und urchristlichen Gemeinde ist im Gange.
Der Hörer wird bemerkt haben, dass es Parallelen zwischen dem Weg Jesu von seiner Verurteilung bis zu seinem Kreuz gibt. Der Verfasser der Apostelgeschichte, Lukas, hat dies sehr bewusst so konstruiert. Hier geht es tatsächlich um die Nachfolge Jesu. Bis zu seinem bitteren Ende.
Die Krippe ist der Ort, wo die Hoffnung zur Welt gekommen ist. Der Ort, an dem das Licht der Welt geboren worden ist. Der Ort aber auch der Entscheidung: Mensch, der du vor mir stehst, bist du bereit, mir nachzufolgen? Auch dann, wenn die Kerzen auf dem Christbraum erloschen sind? Auch dann, wenn es für dich ungemütlich wird, du angefragt wirst, manchmal auch belächelt oder gar runtergemacht wirst, weil du dich mit Eifer für mich und Gottes Reich einsetzt?
Mensch, der du vor mir stehst, oder möchtest du dich lieber mit einer oberflächlichen Beziehung mit mir begnügen? So im Sinne: Nützt es nichts, so schadet es nichts. Du bist Christ, weil alle Christen sind. Aber dich und dein Leben berührt das wenig. - Bist du so einer?
Stephanus hatte einen starken Glauben. Doch er war auch erfüllt vom Heiligen Geist, voll Gnade und Kraft. So weiß es zumindest der Verfasser der Apostelgeschichte, Lukas, über ihn auszurichten. Das ist der Grund, warum Stephanus zu einem solchen Zeugnis fähig war.
"... worin auch immer Gottes Macht bestehen mag, der erste Aspekt Gottes ist niemals der des absoluten Herrn, des Allmächtigen. Vielmehr ist es jener Gott, der sich auf unsere menschliche Ebene begibt und sich Grenzen auferlegt." (Jacques Ellul: Anarchy and Christianity) zitiert der Autor in seinem Roman "Die Hütte". Dieser menschgewordene Gott, der sich selbst Grenzen auferlegt, führt den Menschen an seine Grenzen und mutet ihm diese zu.
Das heutige Fest holt uns wieder in die Lebensrealität. Es gibt Widerstand. Es gibt Menschen, die mit einem Böses im Sinn haben. Es gibt Momente der ungerechten Behandlung, sogar des Gerichtes. Vielleicht kennen auch wir das aus unseren eigenen Erfahrungen. Zwischen den Zeilen können wir aber von einem großen Vertrauen lesen. Vertrauen, dass, was auch immer auf einen zukommt, und sei es das Gericht oder der zu erwartende Tod wie bei dem Heiligen dieses Tages oder was auch immer, was Angst macht oder uns meinen lässt, am Ende zu sein, dass da einer längst schon mit seiner Hilfe, dem Geist eures Vaters, wird er im Evangelium von Jesus genannt, entgegengekommen ist. Darin erweist sich erst recht die Menschenfreundlichkeit Gottes. Sie führt uns aus der Enge in die Weite. Und dank diesem Geist sind wir zu Großem befähigt.
Der Heilige Stephanus wurde für viele zu einem Vorbild im Glauben. Viele tragen seinen Namen. Und auch viele andere sind seinem Vorbild in der Nachfolge Jesu bis in den Tod gefolgt. Unzählige in der Kirchengeschichte bis in unsere Zeitgeschichte.
Das Fest des Heiligen Stephanus ist Einladung, mit dem Glauben an Jesus in die Tiefe zu gehen und sich herausfordern zu lassen. Es rüttelt wach und lässt auch uns vielleicht fragen, wo der Heilige Geist in einem selbst am Wirken ist und wozu er uns befähigt, wenn wir uns mit vollem Eifer für eine gute Sache, für den Zusammenhalt in der Familie, für Versöhnung zwischen Streitenden, für die Armen, für das Leben, für die frohe Botschaft einsetzen.

Copyright 2011 predigtforum

31.12.2014

Jahresschlussandacht

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Stellen sie sich einmal vor, ein Uneingeweihter käme von einem fremden Stern in die Nacht vom 31. Dezember zum 1. Jänner auf unsere Erde; er würde um Mitternacht das Läuten der Glocken, das Feuerwerk, die klingenden Gläser und die sich stürmisch Glück wünschenden Menschen erleben. Welchen Eindruck müsste er von den Erdenbewohnern gewinnen? Wahrscheinlich würde er annehmen, auf der Erde gäbe es nur glückliche Menschen. Wir alle wissen aber, dass es nicht so ist. Daher die Frage: Welchen Grund haben wir Menschen, das alte Jahr auf diese Weise zu beschließen und das neue Jahr so zu beginnen?
Es ist, wie ich meine, die ursprüngliche Freude, noch da zu sein; dieses in wenigen Stunden endende Jahr mit seinen Zwischenfällen und Härten überstanden zu haben und ins neue Jahr kommen zu dürfen. Wo diese Freude aus einem gläubigen Herzen kommt, da wird sie von einer tiefen Dankbarkeit getragen sein. Diese Dankbarkeit gilt vor allem Gott; denn er hat uns alle Tage dieses Jahres geschenkt. Und auch dieses müssen wir hier sagen: Dieses Jahr geht uns nicht verloren. Es ist vielmehr eingeschrieben in das, was die Heilige Schrift „das Buch des Lebens“ nennt. So ist dieses nun bald vergangene Jahr für uns das bleibende Jahr.
Wenn wir dies bedenken, kann uns zu Bewusstsein kommen, wie oft wir dem Anruf Gottes nicht entsprochen haben. Es geht uns auf, dass wir nicht selten zu den Müden und Versagenden gehörten. Doch all das sollte uns am heutigen Abend nicht missmutig oder traurig machen. Denn einmal ist sicherlich auch durch uns in diesem Jahr Gutes geschehen, und zum anderen wird auch dieses Jahr zu einem Jahr des Heiles, wenn wir es in dieser Stunde so, wie es gewesen ist, den Händen Gottes anvertrauen. Wer dies tut, der kann von diesem Jahr dankbar Abschied nehmen. In diesem Glauben bestärkt uns ein baltischer Hausspruch, der lautet:

Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht,
alles ist Gnade.
Fürchte dich nicht!

Wie sehr steht der große Radau, den wir in der Silvesternacht machen im Widerspruch zwischen den grausamen Ereignissen, die wir in unserer Welt erleben: den Terrorismus, die großen Katastrophen geschweigen von den persönlichen Tiefpunkten. Aber der Lärm, den wir machen und der Alkohol, dem wir zusprechen übertüncht nur die ganze innere und äußere Not des Menschen. Umso bedrückender ist dann das Aufwachen am Neujahrstag, wenn neben dem obligaten Kopfweh all das wieder in unser Bewusstsein hereindrängt, was wir so gerne ein für allemal hinter uns gelassen hätten.
Es könnte aber auch sein, dass sich hinter aller Fröhlichkeit, die den Menschen in der Silvesternacht erfüllt, noch etwas anderes verborgen hält, etwas, das der Mensch gerade im Lärm einer solchen Nacht zu verdrängen sucht. Ich meine die Sorge, wie es im neuen Jahr weitergehen wird.
Offenbar spüren wir irgendwie, dass es Dinge gibt, die nicht machbar, nicht berechenbar und vorhersehbar sind. Es gehört eben zu unserem leben, dass es in ihm auch das Unverfügbare gibt, vor dem wir machtlos und wehrlos sind. So weiß am heutigen Abend niemand von uns, ob er im kommenden Jahr ernsthaft erkranken wird. Ebenso kann keiner sagen, wer in ihm aus irgendeinem Grund sterben wird.
Diese Ungewissheit bringt uns zum Bewusstsein: das kommende Jahr gehört nicht uns. Der Oberflächliche schiebt es von sich weg; der Nachdenkliche wird nüchtern und bescheiden; der Gläubige wird beten: „Herr, segne uns, und lass auch im kommenden Jahr dein Angesicht über uns leuchten.“ Hier stellt sich die Frage: Was geschieht eigentlich, wenn wir Segen erbitten?
Wenn wir Segen erbitten, dann ergreifen wir bewusst die Hand Gottes, dann denken wir an all das, was Gott für uns Menschen bedeutet, dann stellen wir unser Leben unter seinen Schutz und nehmen gleichzeitig auch den Auftrag wahr, dass wir auch selber zum Segen sein sollen. Das Erbitten des Segens ist für uns auch eine Aufforderung uns bewusst in das Kraftfeld Gottes hineinzustellen. Es ist eine Aufforderung, die Mittel zu benutzen, die uns Gott zur Verfügung gegeben hat: die Feier der Eucharistie, als einen Ort der tiefsten Begegnung mit Gott, der Empfang des Bußsakraments als eine Tat der Umkehr, das persönliche Gebet als die liebende Aufmerksamkeit für das, was uns Gott sagen will. Dass wir auch immer wieder hineinhorchen in unser eigenes Leben, in seine Ereignisse, mögen sie angenehm oder unangenehm sein, denn gerade in diesen zeigt sich Gott immer wieder. Das bewusste Leben mit Gott wird uns somit aus aller Angst auch vor dem Unvorhergesehenen herausheben und uns zu Menschen machen, die aus ihrem Glauben heraus, bewusst und mit Zuversicht zu leben verstehen.
Paulus schreibt im Epheserbrief den wichtigen Satz: „Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit!“ Und Dietrich Bonhoeffer schreibt: „Da die Zeit das kostbarste, weil unwiederbringlichste Gut ist, über das wir verfügen, beunruhigt uns bei jedem Rückblick der Gedanke etwa verlorener Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen gelebt, Erfahrungen gemacht, gelernt, geschaffen, genossen und gelitten hätten. Verlorene Zeit ist unausgefüllte Zeit.“
Was ist das aber, was wir Zeit nennen? Als sich der Hl. Augustinus einmal diese Frage stellte hatte er den Eindruck: „Solange mich niemand danach fragt, ist mir´s als wüsste ich es; doch fragt man mich und soll ich es erklären, so weiß ich es nicht.“ Doch an diesem Tag der Jahreswende genügt es zu wissen, dass das feine Ineinander von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft das Phänomen der Zeit ausmacht. Wer dies bedenkt, wird alsbald herausfinden, dass für uns nur die kurze Spanne der Gegenwart greifbar ist. Unsere Vergangenheit ist endgültig vorbei, und unsere Zukunft ist noch nicht. Nur dieser kurze Augenblick der Hier, Jetzt und Heute steht uns zur Verfügung. Nur aus ihm erwächst uns ein erfülltes Leben.
Nicht wenige Menschen verbringen ihre Zeit, indem sie nachsinnen über ihre Vergangenheit und sich ängstigen vor der Zukunft. Darin verbirgt sich eine große Gefahr. Ich meine die Gefahr, dass wir in einem fortwährenden traumhaften Zustand befangen sind oder in einer ständigen Zerstreuung leben und mit ihr in einer schleichenden Oberflächlichkeit und Haltlosigkeit.
Gewiss gehört es zu einem verantwortungsvollen Leben, sich über das Geschehene klar zu werden. Gerade die moderne Psychologie weist uns darauf hin. Ebenso notwendig ist der Blick in die Zukunft. Aber Rückblick und Vorblick sind nur dann von Nutzen, wenn sie uns helfen, unser Leben gegenwärtig zu machen. Den Menschen gegenwärtig zu machen, ist ja auch die verwandelnde Kraft des Evangeliums. Und die Freude, die es uns verspricht, ist die Freude, im Heute Gottes zu leben.
Tolstoi, der russische Philosoph und Schriftsteller, erzählt einmal von einem Regierungschef, der zu einem Einsiedler ging, um ihm einige Fragen zu stellen. „Welches ist der wichtigste Augenblick in meinem Leben? Welcher Mensch ist für mich von entscheidender Bedeutung? Und schließlich: Was macht mein Leben wertvoll?“ Das waren seine Fragen. Der Einsiedler antwortete ihm: „Der wichtigste Augenblick ist immer der gegenwärtige. Der entscheidende Mensch ist immer der, der gerade vor uns steht. Und das das wichtigste Tun besteht darin, dass wir dem Menschen, der jetzt gerade vor uns steht, etwas Gutes tun.“
Mit der Treue zum gegenwärtigen Augenblick verbindet sich eine große Verheißung. Jesus kleidet sie in die Worte: „Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!“ Es ist ja auch ein Gesetz unserer Alltagswirklichkeit, dass Größeres nur durch das Zusammenfügen kleinerer und kleinster Elemente entsteht. Auf diese Weise ergibt sich für uns Menschen das ewige Leben.
So wollen wir darauf achten, wie wir unser Leben führen, nicht töricht, sondern klug und die Zeit nutzend. Wie dies geschehen kann, sagen die folgenden Verse, die sie durch das kommende Jahr begleiten mögen:

Gott kennt dein Gestern.
Gib du ihm dein Heute.
Er sorgt für dein Morgen.