01.01.2015

Hochfest der Gottesmutter Maria
Gal 4,4-7
Lk 2,16-21





Hinter dem „guten Rutsch“, den viele Menschen sich vor dem Jahreswechsel wünschen, steht mehr als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Er enthält den Wunsch nach einem angenehmen Hinübergleiten in einen neuen Zeitabschnitt. Das diese Wort mit „rutschen“ gar nichts zu tun hat, ist den meisten Menschen unbekannt. Dieses Wort ist einfach der jüdische Ausdruck für das Neujahrsfest. Je nach Stimmungslage feiern wir diese Nacht auf verschiedenste Weise: leise, zu den Klängen des Donauwalzers oder auch laut. Scheinbar versucht der Mensch immer wieder durch Lautstärke seine eigene Unsicherheit zu übertönen. Und um die geht es ja an diesem Tag besonders. Denn jede Veränderung macht Angst, auch wenn es nur eine neue Jahreszahl ist. Zum Jahreswechsel haben ja die Angstmacher und auch die Angst-Beschwichtiger Hochsaison. Das Befragen des Horoskops, das Bleigießen und der Alkoholkonsum haben ja eines gemeinsam: Den Kampf gegen die Angst.
Es ist auch nicht verwunderlich, dass die Menschen in solchen Situationen auch nach einem religiösen Halt suchen, nach einer letzten Orientierung. Während es nach überstandenem Katzenjammer bei den meisten Menschen wieder im gewohnten Trott weitergeht, versuchen die Schrifttexte des heutigen Festes eine wesentliche Antwort auf unsere Unsicherheiten zu geben.
Es ist eine ganz eigenartige Auswahl von Schrifttexten für den heutigen Festtag vorgesehen, kurze Texte, die aber im Grunde das ganze Weltgeschehen zur Sprache bringen, nicht das äußere Geschehen, sondern das, was unserer Welt von Gott her angeboten wird und was wir uns an jedem Tag des Neuen Jahres ins Bewusstsein rufen lassen müssen. Und gerade was uns da gesagt und wie es gesagt wird, gibt uns auf ungewohnte Weise zu denken, vielleicht besonders, wenn uns das alles am ersten Tag des neuen Jahres gesagt wird, ohne dass diese Texte etwas ausdrücklich zum Neujahrstag ausdrücken wollen.
In beiden Texten wird auch Maria nur kurz erwähnt, der doch der heutige Tag geweiht ist. Da erwähnt Paulus nur die Geburt des Gottessohnes aus der „Frau“ und spielt hier eindeutig auf die Paradieserzählung an, wo die Frau, Eva, durch ihr Nein zu Gott die Schöpfung in eine Katastrophe geführt hatte. Maria hatte durch ihr „Ja“ zu Gott das Eintreten Gottes in diese Welt ermöglicht. Hier kommt die Frage auf: Brauchte Gott dieses Ja eines Menschen, um die Erlösung zu bewerkstelligen? Hätte er nicht andere Möglichkeiten gehabt? Das steht außer Frage! Aber es zeigt sich, wie sehr Gott die Freiheit des Menschen schätzt, dass er ihn nicht überrumpeln will, nicht einmal mit seiner Erlösungstat, sondern dass er die Bereitschaft eines Menschen wünschte, die stellvertretend für alle Menschen dieses Jawort sprach.
Und nun folgen in knappen Sätzen die Folgerungen aus diesem „Ja“ Mariens: wir sind freigekauft, wir sind „Söhne und Töchter“ Gottes, sein Geist ist in unserem Herzen, wir dürfen ihn mit kindlichen Bezeichnung „Abba“, „mein lieber Vater“ anreden. Gott erhebt uns Menschen zu einer erhabenen Größe und Würde.
Wir lesen das, wir wissen das; aber es erfüllt noch nicht unser Herz. Und so müssen wir immer wieder wie die Hirten den Weg zur Krippe gehen um die ganze Liebe Gottes zu erspüren und die Würde zu der er uns erhoben hat. Die Hirten, so heißt es „eilten“ nach Bethlehem. Wir hingegen lassen uns Zeit. Wir haben oft auch gar nicht das Bedürfnis zur Krippe zu kommen. Zu sehr sind wir bedrängt von all unseren Fragen und Nöten, zu sehr sind wir gebunden an die vielen Dinge, die uns unsere Welt bietet. Aber wir haben sie langsam und heimlich von Gott, der sie uns geschenkt hat, losgekoppelt. Wir verstehen die Sprache der Dinge nicht mehr, die allesamt von der Größe Gottes künden. Und so verlieren wir uns zu oft an sie und lieben die Geschöpfe losgelöst von Gott und sie sollten uns doch zu Gott und zur Liebe zu ihm verhelfen.
Die Hirten fanden drei Personen, Maria, Josef und das Kind in einer Krippe. Hatte sich ihre Eile wirklich gelohnt? Was hatten sie denn erwartet? Immerhin waren es nicht Menschen, die ihnen den Weg zur Krippe gewiesen hatten, sondern Engel. Somit war ihre Erwartung auf etwas Staunenswertes gerichtet. Und was sie fanden war die gleiche Armut, die auch sie in ihrem täglichen Leben kannten. Sie erzählten von ihrer himmlischen Erscheinung und alle staunten über den merkwürdigen Kontrast zwischen der erhabenen Botschaft der Engel und dem, was sie vorfanden. Sie machten staunend die Entdeckung, dass Gott genau dort einen Platz suchte, wo auch sie ihren Platz hatten, dass Gott genau in die Armut herniederstieg, in der sie auch ihr Leben zubrachten. Und sie entdeckten, dass Gott für sie kein weit Entfernter, Unnahbarer Gott sein wollte, sondern dass er ihre Nähe suchte.
Von Maria wird hier aber etwas Bemerkenswertes ausgesagt: sie bewahrte alles, was geschehen war und erwog es in ihrem Herzen. Offensichtlich war auch sie überrascht von dem Vorgehen Gottes, von der Art und Weise, wie er in diese Welt eintreten wollte. Sie hatte das Wirken Gottes in ihrem Herzen aufgenommen, sie hat sich ihm total gewidmet. Und wenn wir den weiteren Weg der Gottesmutter verfolgen, dann werden wir merken, dass es da Vieles gab, was ihren Glauben und ihr Vertrauen herausgefordert hat, was sie bewahren musste in ihrem Herzen.
Und was ist nun mit uns? Was können wir aus diesen Texten mitnehmen? Ich glauben, dass es wichtig ist, dass wir uns vor Augen halten, dass sich Gott auch von uns finden lässt, vorausgesetzt wir suchen ihn. Wir wissen alle, was „suchen“ bedeutet.
Wir müssen aber zu unserer Schande gestehen, dass wir es mit der „Suche nach Gott“ nicht sehr ernst genommen haben. Wir hätten Gott suchen sollen in den Ereignissen unseres Lebens. Es sind nicht immer die Sternstunden, in denen wir Gott entdecken. Es sind oft gerade die Stunden der Dunkelheit und des Schmerzes in denen uns Gott in besonderer Weise nahe ist, es sind oft die dunklen Farben, die unserem Leben den nötigen Kontrast geben, um die Spuren Gottes zu entdecken. Es gibt jedenfalls keine Situation in unserem Leben, wo Gott uns sozusagen entschwunden wäre. Es geht in unserem Glauben nicht in erster Linie darum einen Gebots- und Verbotskatalog einzuhalten, es geht auch nicht in erster Linie um das Kirchenrecht und die Dogmen des Glaubens, es geht in erster Linie um einen persönlichen Kontakt mit Gott. Und da sind wir eben oft nicht bereit, die nötigen Voraussetzungen zu erfüllen, vor allem die Stille zu pflegen, in der die leise und unaufdringliche Stimme Gotte vernehmbar wird.
Wenn wir die Art der Gottesmutter nachahmen, sind wir jedenfalls gut beraten. Wir müssen vieles in unserem Leben im Herzen bewahren, weil wir eben vieles, was geschieht nicht verstehen im großen Zusammenhang unseres Lebens, weil wir Vieles nicht zu deuten wissen wegen unserer engen Perspektive. Und so müssen wir so manches Unverstandene und Unbegreifliche ruhen lassen, in unserem Herzen speichern und darauf vertrauen, dass nichts in unserem Gott entgleitet, ja dass er sogar aus unseren Fehlern und Schwächen heraus, uns die Möglichkeit geben kann, ihn zu finden.
So mögen wir dieses Neue Jahr unter dem Schutz der Gottesmutter mit einer großen Zuversicht beginnen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.01.2015

2. Sonntag nach Weihnachten
Eph 1,3-18
Jo 1,1-18
__________________________________________________

Vorwörter in Büchern werden meist überschlagen oder nur sehr oberflächlich gelesen. Sicherlich gibt es Vorwörter, die mehr oder weniger uninteressant sind, wo sich ein Autor nur bei denjenigen bedankt, die ihm bei seinem Werk zur Seite gestanden sind. Aber es gibt auch Vorwörter, die sehr inhaltsreich sind, wo wir in den Geist eines Werkes eingeführt werden.
Ein solches Vorwort liegt uns auch beim Johannesevangelium vor Augen. Dieser Text zählt mittlerweile zu den prominentesten, einflußreichen Vorworten der Weltliteratur. Er begann seinen Siegeszug, als er in die Liturgie des Weihnachtsfestes aufgenommen wurde. Seitdem entfaltet er einen ganz eigenen Zauber, eine besondere Kraft. Seine Fähigkeit, Türen zu öffnen und Herzen zu erschließen, bewährte sich unzählige Male immer dann, wenn die Geburt Jesu gefeiert wurde, das große Eröffnungsmoment unserer christliche geprägten Kultur. Jesus wurde zum Vorzeichen, zum Vorwort, das eine unerwartet geschichtsmächtige Entwicklung auslöste. Diese Dynamik ist noch längst nicht ausgeschöpft, sie nimmt weiter zu.
Wir müßten als Christen einen grundlegenden Optimismus leben können. Auf Schritt und Tritt sehen wir in unserem Europa wie es vom Christentum geprägt ist. Denken sie sich einmal in unseren Städten alle Kirchen aus dem Stadtbild weg oder alle imposanten Klosteranlagen? Denken sie sich weg alle unsere christlichen Feste und unser christlich geprägtes Brauchtum, alle Gipfelkreuze und Marterln an unseren Weggabelungen? Und was bleibt aus unserem Leben übrig, wenn wir alles das, was mit Glauben zu tun hat über Bord werfen?
Ja, unser altes Europa besteht nicht nur aus dem Euro und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, bei denen sehr oft nur gewinnorientiert gehandelt wird. Unser Europa hat auch eine Seele und wehe, wenn diese in unseren Überlegungen keine Rolle mehr spielt. In unserem Europa gab es vor Zeiten heftige Auseinandersetzungen religiöser Natur und sogar Glaubenskriege; aber es ist nicht minder gefährlich Gott einfach tot zu schweigen, ihn zu ignorieren oder ihn ins Museale zu verdrängen.
Was aber ist der Inhalt dieses johanneischen Vorworts? Da kommt zunächst die Tatsache der göttlichen Existenz zur Sprache. Denken sie jetzt bitte nicht, die Sache sei ein für allemal für uns geklärt. Taucht sie nicht aus geheimen Winkeln unseres Herzens immer wieder auf? Beunruhigt sie uns nicht, wenn es darauf ankommt unseren Hoffnungsanker auszuwerfen? Ist es nicht manchmal auch die bange Frage, die sich in zunehmendem Alter an uns heranschleicht, die auch zuweilen den Priester selbst bedrängt, der doch sein ganzes Leben, seine ganze Existenz der Verkündigung dieses Gottes widmet?
Es gibt drei Möglichkeiten, Erfahrungen über Gott zu machen. Aus der Betrachtung der Schöpfung ahnten die Menschen seit es sie gibt etwas über das göttliche Wesen über ihnen. Dann die Gotteserfahrung der Menschen der Bibel. Hier gewinnt das Bild von Gott bereits überwältigende Konturen: Gott der Schöpfer, von dem alles ausgeht, Gott, der Retter in der Mosesgeschichte, Gott der Partner des Menschen in seiner Geschichte. Schließlich mündet dieser Erfahrungsbereich bei den Propheten in das Bild eines väterlichen und mütterlichen Gottes. Und was uns Jesus über Gott erzählt, das ist sozusagen Information aus erster Hand, ist er doch selbst der Sohn Gottes.
Die Gotteserfahrungen der Bibel sind zunächst Fremderfahrungen. Wichtig sind die eigenen Erfahrungen, die wir über Gott machen können. Gott wirkte nicht nur in der Vergangenheit, er ist auch heute in unserer Welt und in unserem eigenen Leben tätig. Das sagt ja der erste Satz des Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Gott ist also einer, der vernehmbar ist wie ein Wort, wie eine Botschaft. Gott hat etwas zu tun in der Geschichte und Gegenwart des Menschen und des eigenen Lebens.
Aber: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Ja, das ist die Tragik, dass Gott im Leben so vieler Menschen noch dasteht wie ein Fremder vor der Tür, der nicht eingelassen wird.
Hat man im vorigen Jahrhundert Gott gleichsam wissenschaftlich aus der Welt hinaus argumentiert und sind wir heute dahinter gekommen, dass eine wissenschaftliche Gottesleugnung irreal ist und nicht greift, so schnürt man heute die Mogelpackungen des liberalen Indifferentismus. Und hier wird die Gottesfrage tabuisiert. Gott ist kein Gesprächsthema mehr. Das Ergebnis ist das Gleiche. Das Credo der Christen ist in unserer Umwelt recht leise geworden. Es trägt weiter individuellen Bekenntnischarakter.
Da hilft es auch nicht, wenn sich so mancher Politiker mit dem Papst zusammen fotografieren läßt. In unseren Parlamenten wird schon längst nicht mehr gebetet und der Religionsunterricht wird auch immer wieder als Streitfrage lanciert. Zum Glück ist noch viel christliches Gedankengut in unserem Leben verankert, das wirksam wird ohne dass Gott ausdrücklich als der Urheber genannt wird.
Diese kleine Analyse soll nicht dazu beitragen, uns zu deprimieren, so wenig wie eine Predigt dazu beitragen soll, Menschen niederzudrücken. Vielleicht haben wir in unseren innerkirchlichen Auseinandersetzungen langsam darauf vergessen, das Positive zu sehen. Gläubige Menschen tun das sowieso. Worauf es ankommt in unserem persönlichen Leben und in unserer Zeit ist, dass die Botschaft des Prologs in ihrer Prägnanz von uns zu Kenntnis genommen wird und zwar so, dass sie unser Leben formen und beeinflussen kann. Können wir es fertig bringen, unsere Tür zu Gott offen zu halten, glauben wir daran, dass durch unser Leben und Tun und Beten bewirkt wird, dass viele Menschen die Türe ihres Herzens Gott öffnen?
Wir hören gerade zum Jahreswechsel viele Prognosen über die Zukunft. Und wenn sie sich an die Prognosen vergangener Jahre erinnern, so werden wie feststellen können, dass sie nicht in Erfüllung gegangen sind. Die einzige Prognose, der Erfüllung verheißen ist, ist die die Gott uns gibt. Die Schubkraft des Johannesprologs wird uns auch in den kommenden Jahren zu Verfügung stehen. Gott weicht unserer Welt nicht aus, Gott ist bereit, immer wieder einzusteigen in unsere irdischen Turbulenzen, er läßt den Menschen nicht mehr los, erhört nicht auf mit seinem Klopfen.
Menschen, denen der Prolog des Johannes zu Herzen geht, schreiben „Zukunft“ anders. So bleibt das Johanneswort unterwegs und wirksam, findet den Weg zu immer neuen Adressaten. Viele sind nötig, um diesen „Brief an die Zukunft“ zuzustellen; es ist eine Freude, eine Auszeichnung, daran beteiligt zu sein. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

06.01.2015

Erscheinung des Herrn
Jes 60,1-6
Mt 2,1-12
________________________________________________________________



Sie sind wieder unterwegs, unsere Sternsingergruppen. Junge Menschen und Kinder sind es, die wieder an unsere Türen pochen und mit einem frommen Lied und einem Gedicht für die Missionsarbeit der Kirche um finanzielle Unterstützung bitten. An die Türen unserer Häuser und Wohnungen schreiben sie einen alten christlichen Haussegen: C+M+C, die Abkürzung für „Christus mansionem benedicat“, auf Deutsch: „Christus segne dieses Haus.“ Das was die Sternsinger tun geht zurück auf jene Geschichte, die wir eben gehört haben. Es ist die Geschichte von den drei sternkundigen Männern. Übrigens, in der Bibel steht nicht, dass es drei waren, es wird nur von sternkundigen Männern aus dem Osten erzählt. Die Wissenschaft von den Gestirnen war in der Antike gerade in den Ländern des Vorderen Orient sehr hoch entwickelt. Seltene Gestirnskonstellationen wurden mit besonderen Ereignissen in Verbindung gebracht. Mit Hilfe der heutigen Technik kann man die Stellung der Gestirne bis in die Zeit um Christi Geburt zurückverfolgen und feststellen, dass es damals wirklich eine besondere Erscheinung am Himmel gab. Drei Sterne standen von unserer Erde aus gesehen so hintereinander, dass sie wie ein einziger großer Stern aussahen.
Was uns an der Geschichte der sternkundigen Männer beeindruckt ist, dass sie auf die Himmelserscheinung reagiert haben. Eine Verheißung gab es ja von der Geburt eines großen Königs und nach diesem haben sie sich auf die Suche gemacht. Suchende Menschen waren sie, nicht solche, die still sitzen und abwarten. Suchende Menschen, wie auch wir, falls wir nicht resigniert und das Suchen aufgegeben haben. Es ist die Botschaft von Gott und seinem Verhältnis zu den Menschen. Diese Botschaft gibt es und sie dringt in allen Religionen zu uns. Aber es ist notwendig, diese Botschaft nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern ihr nachzugehen, einen Zugang zu ihr zu suchen.
Die weisen Männer fallen nicht auf irgendetwas herein, sie fragen nach und lassen sich nicht so einfach abspeisen, es sind Menschen, die suchen, es sind Menschen, die sich Gedanken machen über ihr Leben und seinen Sinn. Sie machen sich Gedanken darüber wofür es sich lohnt zu leben. Sie suchen nach Antworten auf ihre Fragen. Sie suchen nach einem Ziel, und letztlich suchen sie nach Gott.
Und so gehen sie einem Stern nach. In den Augen ihrer Mitmenschen vielleicht ein verrücktes Unternehmen, einem unerreichbaren Gestirn nachzugehen. Aber sie sehen nicht nur den Stern, sie sehen auch die Verheißung, die mit ihm verbunden ist und die man nur erreicht, wenn man dem Stern folgt.
Ich stelle mir schon manchesmal die Frage, ob es nicht auch in unserem Leben hin und wieder so einen Stern gibt, nicht eine hell strahlende Sonne, sondern das kleine, winzige Licht eines Sternes? Und ob wir dieses kleine Lichtlein in unserem Leben nicht allzu leicht übersehen, ob es nicht überblendet wird von so vielen hellen Lichtern, hinter denen sich aber Verheißung verbirgt. Vielleicht braucht es hin und wieder eine Nacht in uns, damit wir den Stern sehen können. Eine Nacht und damit meine ich die Dunkelheit, die manchesmal in unsere Seele hereinbricht, die Hoffnungslosigkeit und Traurigkeit, die uns oft bedrückt, die innere Leere, die uns quält. Ob wir nicht in solchen Situationen den Stern eher sehen als in der gleißenden Helligkeit aller anderen Lichter? Gerade in der inneren Dunkelheit der Seele kann dieser Stern für uns sichtbar werden.
Und dann müssen wir ihm folgen, das heißt, wir müssen uns mitunter auf einen mühsamen Weg machen. Nicht von ungefähr kommen die Weisen aus der Ferne. Sie stehen für alle Menschen auf der Erde und man hat sie nicht ohne Sinn gleichgesetzt mit den Vertretern der bekannten Erdteile. Wie diese merkwürdigen Leute auf ganz verschiedene Weise zur Krippe kommen, so können auch wir zur Krippe und zum göttlichen Kind gelangen. Hier an der Krippe wird uns alles gesagt, was für unser Leben von Bedeutung ist, hier bekommen wir die Antwort auf alle unsere Fragen, hier wird unsere innere Leere ausgefüllt, hier wandelt sich der Stern ganz plötzlich zu einem hellen Licht. Hier ist Gott zu finden und alle können ihn finden, denn Gott hat ein weites Herz. Er wartet auf uns.
Die Weisen lassen sich nicht täuschen. Weder von der Macht eines Herodes noch von seinen schönen Worten und sie geben auch dann nicht auf, als ihnen der Stern für eine Weile entschwindet. Sie wissen, dass er da ist. Sie bleiben ihrem Stern treu und auch ihrer Suche nach Gott. Ihr zielstrebiges Wandern ist ein Aufruf an uns alle: Lasst euch nicht mürbe machen von traurigen Zeiten in eurem Leben. Lasst euch nicht klein kriegen von Fehlern und Fehlschlägen. Gebt eure Träume und Ziele nicht auf.
Ja und dann kommen sie ans Ziel und sie finden keinen König, wie sie ihn sich vorgestellt haben, keinen König in einem prachtvollen Palast und in herrliche Gewänder gekleidet – sie finden ein armes, frierendes Kind, dürftig beschützt von zwei armen Menschen. Und sie fallen nieder und huldigen diesem Kind.
Wir sollten uns gegebenenfalls offen halten dafür, dass wir Gott auf eine andere Weise finden als wir uns ihn vorgestellt haben. Dafür müssen wir bereit sein, sonst laufen wir Gefahr, dass wir an ihm vorbei gehen. Er nützt alle Möglichkeiten, uns zu treffen. Für manche Menschen war ein Buch der Anlass zu einer Gottesbegegnung, für einen anderen ein Gespräch mit einem Menschen, wieder ein anderer entdeckte in plötzlich in der Stille des eigenen Herzens. Er ist allerdings nicht laut, er drängt sich nicht auf, er ist so bescheiden wie das Kind in der Krippe.
Diese Begegnung mit dem Gotteskind hat die Weisen verändert. Es heißt ja im Bibeltext: Sie zogen auf einem anderen Weg in ihr Land zurück. Die Begegnung mit Gott hat sie verändert. Und das geschieht auch mit uns immer wieder. Der Kontakt mit Gott verändert unser Leben. Wir bekommen eine andere, weitere Perspektive, wir können all die Dinge unseres Lebens in einem neuen Licht sehen und einordnen oder zumindest überzeugt sein, dass alles in unserem Leben von dieser Begegnung her einen neuen Sinn bekommt, selbst das Leid und die Dunkelheit.
So wollen wir unserem Stern folgen. Zwar gehen wir auf unserem Lebensweg noch zwischen Dunkel und Hoffnung, zwischen Sorge und Tröstung dahin; bisweilen sind wir auch versucht Ausschau zu halten nach anderen Lichtern. Doch schauen wir aus nach dem großen Licht, das Gott selber ist und das sich hinter unserem kleinen Stern verbirgt. Gott erhellt unser Leben, er nimmt weg von uns das Dunkel des Nicht-Verstehens, der Orientierungslosigkeit, der Angst und Sünde. Er schenkt Frieden und Freude, Gelassenheit und Sicherheit auf dem Weg durch diese Zeit. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.01.2015 a

Taufe Jesu
Jes 42,5a.1-4.6-7
Mk 1,7-11
________________________________________________________

Gelegentlich der Taufe Jesu werden wir mit einem prophetischen Text konfrontiert, der bis in unsere Tage hinein aktuell geblieben ist. In diesem Text ist Wesentliches über Jesus ausgesagt. Die Jahre, in denen Isaias seine Worte schrieb waren bedrängte Jahre. Es war etwa um das Jahr 550 v.Chr. Damals lag Jerusalem in Trümmern, und die meisten Bewohner waren im Exil, in der Verbannung. An den Flüssen Babylons warteten die frommen Juden auf eine Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimat. Man hatte ihnen alles genommen, nicht nur die alte Heimat, sondern auch den Tempel; aber der Glaube ist ihnen erhalten geblieben, dank der Botschaft der Propheten, die nicht müde wurden, die Menschen immer wieder aufzurichten und zu trösten.
Was da von diesem Gottesknecht gesagt wird, das bezieht sich auf den Messias. Er ist einer, an dem der Vater sein Wohlgefallen hat. Er wird keiner sein, der laute und dröhnende Botschaften von sich gibt. Und dann kommen die schönen und tröstlichen Sätze: „Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“
Was gibt es Hoffnungsloseres als ein Schilfrohr, das der Wind zerbrochen hat? Was gibt es Aussichtsloseres als einen glimmenden Docht wieder neu zur Flamme werden zu lassen? Und das ist doch auch sehr oft unsere Situation, die Situation vieler Menschen. Wie trostvoll ist es, zu wissen, dass Gott einem Menschen auch dann noch Chancen einräumt, wenn nach menschlicher Sicht keine Hoffnung mehr besteht.
Schon zu Beginn wird ihm, dem Messias kein durchschlagender Erfolg in Aussicht gestellt. Bereits die Art, wie er seinen Auftrag anzupacken und durchzuführen hat, unterscheidet sich von allen alten und neuen Gesetzen des Managements. Äußeres Gepränge und Getue entsprechen gar nicht seinem Stil. Er bedarf weder der Flüsterpropaganda noch marktschreierischer Reklame; public relation ist auch nicht seine Stärke. In Hektik und Trubel der Massenveranstaltungen ist er nicht zu finden, wie er auch nicht viel von Programmreden und Regierungserklärungen hält; mit unseren Lautsprecheranlagen auf Marktplätzen, in Kaufhäusern und bei öffentlichen Veranstaltungen würde er sich wohl schwertun.
Dieser Geistgesalbte wird auch nicht gewalttätig, wenn es darum geht, andersdenkenden, ja übelgesinnten Menschen den Willen Gottes mitzuteilen. Den Angeschlagenen gibt er nicht noch den Rest, sondern kümmert sich liebevoll um die gescheiterten Existenzen, um die Randsiedler der Gesellschaft, die er nicht noch mehr an die Wand drängt und, wenn möglich, unschädlich macht. Er stellt sich nicht ins Scheinwerferlicht, um in weltlicher oder geistlicher Garderobe bewundert zu werden, sondern er ist bei denen zu finden, die ärmlich gekleidet sind oder überhaupt nicht. Er stellt sich zu denen, die auf der Schattenseite des Lebens stehen und im Dunkeln sitzen müssen. Er stützt und fördert, was schwach ist, ermutigt zum Leben und bringt es durch.
Und so steht nun Jesus in all seiner Einfachheit und Bescheidenheit vor Johannes dem Täufer am Jordan. Der Jordan, das ist die Trennungslinie zwischen Wüste und Wasser, eigentlich eine Trennungslinie zwischen Leben und Tod. Was trieb die Menschen alle hinaus zu Johannes, dem Täufer. Einen Teil sicherlich aus Neugierde, viele aber auch, weil sie in sich das Bedürfnis spürten, sich zu ändern, zu besseren Menschen zu werden. Was trieb Jesus zu Johannes? Jesus selbst hatte keine Umkehr nötig; aber wollte sich in die Schar der sündigen Menschen einreihen, um seine Solidarität mit ihnen zu bekunden, um ihnen zu zeigen, dass er bereit ist, die Sünden der Menschen zu tragen bis hinauf zum Kreuz, das den Schlusspunkt zu unserer endgültigen Erlösung setzte.
Aber Erlösung muss angenommen werden, sie braucht unser Ja, unsere Bereitschaft. Für gewöhnlich leben wir doch ziemlich selbstzufrieden dahin und meinen, keine Änderung nötig zu haben. Für das Sakrament der Beichte schwindet immer mehr und mehr das Verständnis. Und wenn wir zur Beichte gehen und missmutig immer wieder die gleichen Fehler bekennen, könnte uns doch der Gedanke kommen, ob wir nicht doch in unserem Leben einiges korrigieren könnten, ob wirklich alles so weiterlaufen müsse wie immer. Aber die Umkehr erfordert eine gewaltige Leistung von uns und sie erfordert vor allem ein großes Vertrauen auf den helfenden Gott, der letztlich unsere Umkehr bewirkt, wenn wir ihm in unserem Leben Raum geben.
Über Jesus öffnete sich der Himmel und der Geist Gottes schwebte wie eine Taube auf ihn herab. Dieses außergewöhnliche Ereignis brauchen auch wir immer wieder. Dass sich über uns der Himmel öffnet, das könnte bedeuten, dass es in unserem Leben hin und wieder Augenblicke der Gnade gibt, in denen wir deutlicher erkennen, was Gott für uns Menschen bedeutet. Es ist immer wieder erschütternd, wenn man feststellen muss, dass uns die großen Botschaften Gottes eigentlich kaum mehr berühren: von Gott geliebt zu sein, in seiner Hand geborgen sein, Verzeihung erlangen zu können, berufen zu sein für ein ewiges Leben an der Seite Gottes: berührt uns das wirklich noch. Wir sind alle diese Worte so sehr gewöhnt, zu sehr gewöhnt, als dass sie noch jene Aufregung in uns bewirken könnten, die der Start zu einem neuen Leben ist.
Unsere Zeit mit ihrer Schnelllebigkeit und ihren oft so fadenscheinigen Werten lässt alles, was mit Gott zu tun hat verblassen. Aber dieses heutige Fest am Ende der weihnachtlichen Feiertage sollte uns in Erinnerung bringen, dass es jetzt darum geht, Weihnachten in uns lebendig zu erhalten, dass wir ahnen, was Gott von uns erwartet. Und was erwartet er? Dass unser religiöses Leben bewusster wird, unsere Umkehr konkrete Formen annimmt und wir so anderen Menschen unser Christentum vorleben können. Möge Gott uns diese Gnade schenken, dass wir in einer oberflächlich gewordenen Welt die Botschaft des liebenden Gottes immer mehr und mehr begreifen dürfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.01.2015 b

Fest der Taufe des Herrn
Mk 1,7-11
________________________________________________________________



Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unserem Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

18.01.2015

2. Sonntag im Jahreskreis
Joh 1, 35-42
________________________________________________________________





Ich habe mir schon des öfteren Gedanken gemacht, wie eigentlich eine Berufung zustande kommt. Und auch von anderen Menschen wurde ich oft gefragt, wie man das wohl merkt, wenn man zu etwas berufen ist. Klar wurde mir folgendes: da gibt es keinen Blitz vom Himmel, da kommt auch nicht eigens ein Engel und da hört man auch keine Stimme vom Himmel. Berufung geschieht still, bescheiden und doch einladend. In unserer Zeit spricht man allerdings nicht mehr viel von einer Berufung. Das Wort „Job“ hat dem Wort „Beruf“ den rang abgelaufen. In meinem eigenen Leben war die Berufung kein Geistesblitz sondern ein langsames Gefallenfinden an der Lebensweise der Ordensleute, der Jesuiten, in deren Internat auf dem Freinberg ich acht Jahre lang die Schule besuchte. Und ich bin dahintergekommen, dass Gottes Stimme sich hinter den Dingen des Alltags verbirgt, dass Gottes Stimme und Gottes Ruf sich klärt im Gespräch mit verständigen Menschen.
So stellt sich jedem, der sein Leben nach Gott ausrichten will die Frage: Wie und wo kann ich Gott hören? Am liebsten wäre es uns natürlich, Gott würde so menschlich direkt über Mund und Ohr sprechen, wie er bekanntlich im dem Film „Don Camillo“ mit seinem Pfarrer redet.
Die Samuelgeschichte, die wir in der Lesung gehört haben aber zeigt uns: Das Problem ist weniger, dass Gott nicht sprechen würde. Das Problem ist vielmehr, ob wir seine Botschaft heraushören aus den Stimmen der täglichen Umgebung, und ob wie die Konsequenzen daraus ziehen. Und so meint Samuel, dass Eli zu ihm spricht und er erkennt die Stimme Gottes nicht gleich. Er sprang auf und wollte bereit sein, aber wozu? Erst der Rat des erfahrenen Eli half ihm die Stimme des Anrufers zu erkennen und sich für Gottes Auftrag zur Verfügung zu stellen.
Gibt es auch in unserem Leben eine Rufgeschichte? Wenn wir in unsere Vergangenheit zurückschauen, erkennen wir vielleicht, dass auch wir angerufen worden sind: durch ein äußeres Ereignis, das unsere Pläne umgeworfen hat, oder ganz leise und von aussen kaum wahrnehmbar, durch ein Wort in einem Gespräch oder den Blick in die Augen eines Menschen, die plötzlich zur inneren Gewißheit führten: „Ich bin gemeint“.
Wie erkenne ich ob Gott mich ruft? Bin ich überhaupt willens, mich rufen zu lassen? Oder halte ich mir die Ohren zu? Viele Fragen – und dennoch sollten wir ruhig und gelassen bleiben. Samuel wurde angewiesen, sich wieder schlafen zu legen und zu warten. Wenn es Gottes Stimme war, würde sie noch einmal rufen. Und tatsächlich rief ihn Gott ein drittes Mal. Sammel stand schnell auf und antwortete, was Eli ihm geraten hatte: „Rede Herr, dein Diener hört.“
Gott nimmt Samuels ganzes Leben in Beschlag, und Samuel versagt sich ihm nicht. Er wird später Elis Platz einnehmen, er wird die letzte und größte Richtergestalt in Israel. Er ist es, der zuerst Saul und dann den jungen David zum König salben wird.
Samuel wird von Gott bei seinem Namen angerufen: Aber Gott zwingt ihn nicht, er gibt ihm die Chance, auf diesen persönlichen Anruf zu antworten. Gott erwartet zuerst nicht eine bestimmte Leistung, er will die Zustimmung des Menschen. Und dann wächst er langsam in seine Berufung hinein und erkennt, was Gott von ihm haben will.
Mit der Berufung der Jünger war es nicht anders. Johannes weist seine Jünger auf Jesus hin und bezeichnet ihn als das „Lamm Gottes“. Und zwei seiner Jünger gehen Jesus einfach nach. Sie getrauen sich nicht, ihn anzusprechen, ihn zu fragen. Erst als sich Jesus umwendet und sie fragt, was sie wollen, da geben sie aus ihrer Verlegenheit heraus die Antwort: „Rabbi, wo wohnst du?“ Das bedeutet, sie wollen ihn dort aufsuchen wo er daheim ist. Die Wohnung bedeutet den Intimbereich eines Menschen. Man lädt nicht jeden in seine Wohnung ein. Wohnung ist der Bereich, wo man zu Hause ist. Und somit sind diese ersten Jünger in ihrer Frage eigentlich doch sehr direkt. Sie wollen nicht ein billiges Geplauder mit Jesus, sondern sie wollen dort hin, wo er daheim ist. Interessant wäre es, wenn Johannes doch ein wenig erzählt hätte, was sie dort erlebten. Aber darüber schweigt er sich aus. Aber aus dem folgenden Satz können wir erahnen, welchen Eindruck die „Wohnung“ Jesu und das Verweilen ihn ihr in seiner Gegenwart auf ihn gemacht hatten. Den ganzen Tag blieben sie bei ihm. Und Johannes erinnert sich noch in seinem hohen Alter, als er sein Evangelium schrieb, genau an die Stunde, wo das die Begegnung mit Jesus geschehen war: Es war um die zehnte Stunde, also etwa um vier Uhr nachmittag.
Die Begegnung mit Jesus bringt sie in Bewegung, obwohl sie nur einen Tag bei ihm blieben. Denn Andreas, der Bruder des Simon Petrus, geht zu seinem Bruder und bekennt: „Wir haben den Messias gefunden.“ Andreas war es, der seinen Bruder zu Jesus führte. Da müssen wir uns aber doch auch überlegen, ob wir nicht auch solche hinführende Menschen zu Jesus sein könnten. Nein, wir brauchen uns nicht an die Straßenecke zu stellen und die Menschen ansprechen. Das Hinführen zu Jesus geschieht durch unser Leben, durch unser sympathisch gelebtes Christentum, durch eine Lebensweise in Einfachheit, Freude und Natürlichkeit in der hin und wieder bei passender Gelegenheit auch das richtige ansprechende Wort nicht fehlen darf.
Wir leben in einer sonderbaren Zeit: Wir haben viele Kontakte aber wenig Begegnungen. Internet und Handy schaffen Verbindungen rund um den Globus. Überall sind wir erreichbar, über all kann ich mich in kürzester Zeit hinbewegen, leicht und fast mühelos. Und gerade in unserer Zeit der großen Kommunikationsmöglichkeiten werden Begegnungen, echte Begegnungen immer seltener.
Wenn es uns gelänge, nicht bloß die Berufung Gottes abzuwarten, sondern das berufende Wort auch zu suchen, in einer Erwartungshaltung zu sein, die damit rechnet, dass Gott mich irgendwann in meinem Leben besonders anspricht. Dann wäre das geradezu ideal. Denn Gott sucht mich, er sucht den Kontakt mit mir.
Aber wo? Ganz einfach: Im Tätigsein, im Denken, im Überlegen, im Reden und Gestalten. Gott sucht den Menschen. Selbst unter Kochtöpfen sagt die Heilige Teresa von Avila bist Du zu finden. Gott sucht uns auf den Strassen unserer Stadt, in Behörden, in Wartezimmern, in Kaufhäusern, im Menschengewühl, er sucht uns in den Nachrichten am Abend, in Bildern und Worten, im Geschehen der Zeit. Er sucht uns in den Nachrichten der Zeitung, in Büchern, in der Begegnung, im Gespräch, im Gebet.
Gottes leise Stimme sagt: Laß dich finden. Ich bin überall.
Amen

25.01.2015

3. Sonntag im Jahreskreis
Jona 3,1-5.10
Mk 1,14-20
_______________________________________________________________



Wir haben die Geschichte des Jonas gehört, wenigstens einen Teil davon. So einfach, wie der Ausschnitt der Jonasgeschichte vermuten lässt ist es nämlich nicht zugegangen. Jonas bekam zunächst von Gott einen eher unangenehmen Auftrag: er sollte in der Stadt Ninive eine Drohung Gottes ankündigen. Nun, wer macht das schon gerne? Ninive war eine große Stadt, der Sitz der assyrischen Großkönige, die über Jahrhunderte hin eine Eroberungspolitik verfolgten und jeden Widerstand erbarmungslos niederwarfen.
Dem Jonas war die Sache jedenfalls lästig und er wollte sich durch Flucht dem Auftrag entziehen. Diese Passage fehlt in unserer heutigen Lesung. Was tat er? Er bestieg ein Schiff, das ihn weit weg bringen sollte, möglichst weit weg. Doch so einfach war es für ihn nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los und wie es damals üblich war, sah man das Unwetter als ein Strafgericht der Gottheit an und suchte einen Schuldigen. Und da begriff Jonas, dass er der Schuldige war und ließ sich von den Matrosen ins Meer werfen. Ein Fisch brachte ihn wieder an die Küste und er konnte nun seinen Auftrag ausführen. Seine Predigt reduzierte sich auf ein Minimum. Sein Widerwille ist deutlich spürbar. Nur einen Satz bringt er über die Lippen um sich mit ihm möglichst schnell seines Auftrags zu erledigen: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“. Er nennt weder seinen Auftraggeber noch den Grund für die Gerichtsaussage. Dennoch trifft seine Drohbotschaft die Bewohner der Stadt. Sie ahnen, dass in ihr eine Warnung verpackt ist, ihren Lebensstil weiter zu verfolgen, dass ihnen eine Frist gesetzt ist, eine Frist zur Umkehr und damit die Chance, dem angekündigten Untergang zu entgehen.
Dieser Umkehr der Bewohner Ninives antwortet Gott mit seinem Erbarmen: Ihn reut das angedrohte Urteil und er führte die Strafe nicht aus. Aber die Geschichte des Jonas geht noch weiter und es ist interessant, sie zu verfolgen. Noch saß ihm die Angst in den Knochen. Und da wurde Jona zornig. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Gott seine Strafe nicht über die Stadt kommen ließ. „Ganz und gar missfiel es ihm“, heißt es wörtlich im Alten Testament. Er richtet ein Gebet an seinen Gott. „Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“
Jona weigert sich, den Glauben an den gnädigen Gott so zu akzeptieren, dass die Gnade und Güte Gottes auch für die eigentlich dem Gericht verfallenen Sünder gilt.
Und wie reagiert Gott auf diesen Protest seines Propheten? Er erweist sich auch dem zornigen Jona gegenüber als gnädig und geduldig. Seine Frage: „Ist es recht von dir, zornig zu sein?“ ist voll gütiger Ironie. Gott schlägt nicht drein, sondern will durch seine Frage den Jona weiterführen. Ob der sich aber weiterführen lässt? Er hat sich jedenfalls eine Laubhütte gebaut und wartete in ihrem Schatten ab, was weiter mit Ninive geschehen würde. Offensichtlich hat er die Hoffnung auf Gottes Gericht über die Einwohner der Stadt noch nicht aufgegeben. Aber die Drohbotschaft erfüllt sich nicht.
Wie Gott nun an dem zornigen Propheten arbeitet, ist ein Meisterwerk erzählerischer Kunst – ein Kabinettstück überlegenen Humors. Er lässt einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der ihm Schatten geben und seinen ärger vertreiben sollte. Jonas Bosheit wandelt sich in eine große Freude über die kleine Erleichterung, die Gott ihm mit der Rizinusstaude und ihrem Schatten gewährt hat.
Aber Jonas Freude währt nicht lange. Am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging sandte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er fast ohnmächtig wurde und sich den Tod wünschte.
Dieser Reaktion des Jona begegnet Gott mit der Frage: „Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein?“ Gott packt also den Jona dort, wo er sich gerade befindet. Ninive ist für Jona schon vergessen; ihn grämt nur mehr der Verlust der schattenspendenden Pflanze – ging es ihm doch nie um mehr als um sein kleines Ich, einschließlich seiner engen und kleinen Theologie. Von diesem kleinen Gottesbild will Gott ihn wegholen, aber wieder versagt der Prophet. Er versteift sich wie ein trotziges Kind.
Noch ein letztes Wort spricht Gott zu Jona. Frei zusammengefasst sagt er folgendes: Dir ist leid um den Rizinusstrauch, mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt in der mehr als 120.000 Menschen leben, die nicht einmal rechts von links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh.
So stellt Gott dem großen Zorn des Propheten sein großes Mitleid mit Menschen und Tieren, seinen Geschöpfen, gegenüber.
Diese Geschichte ist nicht historisch zu verstehen. Es ist eine Geschichte über das Erbarmen Gottes. Wie das ganze Alte Testament die Erfahrungen spiegelt, die Israel mit Gott machte, so spiegelt auch die Jonasgeschichte eine wunderbare Gotteserfahrung wider. Einige Punkte könnten für unser eigenes Leben bedeutsam sein: Es ist nicht sinnvoll, vor Gott uns seinem Auftrag davonlaufen zu wollen. Gott bleibt doch auf unserer Spur und holt uns immer wieder ein, fordert uns immer wieder auf, unsere innere Angst zu überwinden und sich ganz auf ihn einzulassen. Zum anderen: Gott denkt unsere Wege mit, er holt uns da ab wo wir sind, er steigt auf unsere Situation ein und diese Situationen die ganz gewöhnlichen unseres Lebens. Und weiter: Gott verliert niemals die Geduld mit uns Menschen. Es ist keine Situation so aussichtslos, dass wir dem Tod den Vorzug geben sollten vor dem Leben. Und noch weiter: Gott ist barmherzig, er erbarmt sich seiner Schöpfung. Und die Künder dieses Erbarmens sind wir.
Sind wir nicht aber auch manchesmal in der Situation des Jona, dass wir mit einem gewissen inneren Wohlgefallen gerne ein Strafgericht sehen würden über die Menschen, die in dieser Welt Böses tun und Gott nicht anerkennen wollen?
Sprechen wir es nicht auch manchmal aus: Gott sollte einmal dreinschlagen? Hätten wir nicht auch manchesmal eher den Wunsch, dass die Bösen verderben, als dass sie sich bekehren?
Das Evangelium von heute passt punktgenau zu unserer alttestamentlichen Lesung dazu. Die Jünger, die weggerufen werden von ihrer alltäglichen Beschäftigung, von ihrer einfachen Arbeit mit denen sie sich Tag für Tag ihr Brot verdienen. Sie haben den Mut, mit Jesus mitzugehen und sie werden ihn kennen lernen als den Gütigen und Barmherzigen. Sie werden lernen, dass das Dreinschlagen nicht die Lösung menschlicher Probleme sein kann, sondern nur die Güte und Barmherzigkeit.
Ahnen wir, wozu wir aufgerufen sind! Unser ganzes Leben soll diesen barmherzigen Gott künden und unser Beten soll uns dazu die Kraft erwirken. Manchmal braucht es auch für uns so einen Sturm und einen Fisch, der uns zurückholt aus einem falschen Gottesbild, so dass wir daraus lernen, dass Liebe und Güte und Barmherzigkeit die großen Kräfte sind, die imstande sein können, unsere Welt zur Umkehr zu bewegen. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

01.02.2015

4. Sonntag im Jahreskreis
Mk 1, 21-28
___________________________________________________

Wir haben eben das Evangelium gehört, das uns über die Heilung eines Besessenen erzählt, oder – um es mit einem Fremdwort zu sagen – über einen Exorzismus. Das Thema ist uns geläufig. Es gibt da sogar einige moderne einschlägige Filme. Das interessiert ja die Menschen immer, wenn irgendetwas Dämonisches sich in unseren Alltag einschleicht. Allein, wenn wir das Wort „Exorzismus“ hören, dann spüren wir, dass wir bei diesem Thema vorbelastet sind. Teufelsaustreibung fällt einem da ein, finsteres Mittelalter, seltsame Rituale, unheimliche Praktiken, Sekten und manch anderes mehr. Auch für die Kirche ist das ein heikles Thema. Finstere Abgründe der menschlichen Seele tun sich da auf.
Was ist denn eigentlich unter Besessenheit zu verstehen? In diesem Begriff steckt das Wort „Besitz“. Ein Besessener ist jemand, der nicht Herr über sich selbst ist, sondern im Besitz eines anderen. Wir brauchen nicht gleich an den Teufel zu denken, wenn wir von Besessenheit sprechen. Menschen können heute von vielen Dingen besessen sein. Manche sind es von ihrem Auto oder von ihrem Hobby, von ihren Minderwertigkeitsgefühlen oder von ihrem Neid, von ihrer Herrschsucht oder ihrer Angst. Besessenheit ist weit verbreitet. Es sollte uns zu denken geben, dass nahezu 90% unserer Bürgerinnen und Bürger kalt gelassen werden vom Zerbrechen und Scheitern anderer Menschen. Es gelte als normal, dass in unserer Leistungsgesellschaft manche eben nicht mitkommen und liegen bleiben. Wo gehobelt werden, da fielen eben auch die Späne. Ist dies nicht auch ein Anzeichen von Besessenheit? Wenn wir so unbarmherzig, so unsolidarisch denken und handeln können, was für ein Geist ist da in uns gefahren? Oder wenn bei Gewalt vielen nichts anderes einfällt als Gegengewalt, wenn Haß nur mit noch größerem Haß beantwortet wird, was für ein Geist ist dies?
Und wir wollen nicht außer Acht lassen, dass es auch Menschen gibt, die vom Bösen besessen sind. Und da drängt sich doch auch die Frage auf, woher das Böse überhaupt in diese Welt hineinkommt. Wenn die Welt nach der Aussage des Schöpfungsberichtes gut ist, und das wird ja auch im Text wiederholt gesagt, dann fragen wir doch: Woher kommt das Böse? Von Gott kann es nicht kommen, denn Gott ist gut. In früheren Zeiten dachte man sich die Welt belebt von guten und bösen Geistern. Wir wollen heute nicht mehr so denken. Zu viel Schlimmes ist an den Menschen geschehen durch diese Denkweise, wenn wir nur an die Inquisition und an die Hexenverbrennungen des Mittelalters denken. Petrus spricht einmal das Wort: „Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlingen könnte“. Ist es also völlig absurd das Böse als Unheil stiftende Welt als eine Wirklichkeit anzunehmen? Allzu sehr ist das Bild vom Teufel verniedlicht und mißbraucht worden du wir wissen über diese Angelegenheit theologisch auch zu wenig. Wir können nur ausgehen von der eigenen Erfahrung und von den Erlebnissen, die wir täglich in unserer Welt wahrnehmen. Und die Apokalypse, die Geheime Offenbarung des Johannes schildert ja die Endzeit als einen massiven Kampf zwischen den göttlichen und den widergöttlichen Mächten.
Der Besessene des Evangeliums hat eine klare Erkenntnis von Jesus, er weiß wer er ist. Und er schreit es auch heraus, was er befürchtet, das Verderben, das dem droht, der das Böse ist und der sich willig und bereit dem Bösen öffnet. Der heutige Besessene fällt indes nicht sonderlich auf, er unterscheidet sich zunächst nicht von den anderen, den normalen Menschen. Vielleicht liegt der Grund darin, weil heutzutage eine gewisse Art von Besessenheit schon das Normalstadium geworden ist und weil man sich mit dem Bösen in seinen verschiedenen Formen schon abgefunden hat. Und da ist die Gefahr groß, wo sich sozusagen der Teufel harmlos gibt, wo er nicht mehr ernst genommen wird, genau da hat er seine größten Erfolge.
So kommt es, dass sich die Menschen aus einer allzu freizügig gelebten Sexualität gar nichts mehr daraus machen, dass Eigentumsdelikte als Kavaliersdelikte gelten. Vielen Menschen scheint alles erlaubt zu sein, sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich gegenüber einer höheren Macht, nicht einmal mehr vor sich selbst und der Welt in der sie leben. Und Gott? Er wird zwar nicht mehr bekämpft wird aber auch nicht mehr beachtet. Die Verharmlosung des Bösen ist Satans größter Triumph.
Wir können die Erzählung des Markus aus dem heutigen Evangelium ohne weiteres auch anders interpretieren. Bei dem Besessenen handle es sich um einen Geisteskranken über dessen Unterbewußtsein Jesus Macht hatte. Wir können überhaupt eine ganze Menge aus dem Evangelium uminterpretieren bis hin zur Auferstehung Jesu. Die Frage ist nur, ob wir da nicht gewaltig an der Botschaft Jesu vorbeigehen, nur weil es uns als altmodisch und nicht mehr zeitgemäß erscheint von der Macht des Bösen in dieser Welt zu sprechen. Es ist aber eine Aussage, die im Neuen Testament immer wieder auftaucht: die Macht Jesu über die gottfeindlichen, über die dämonischen Mächte. Und in dieser Auseinandersetzung steht auch der Mensch. Er kann nicht neutral bleiben, er muß sich entscheiden. Aber das muß uns Menschen auch gesagt sein: die entscheidende Macht gehört dem Guten Geist. Das zeigt sich in der ganzen Aussage der Botschaft, die Jesus bringt. Das zeigt sich überall dort, wo jemand von Gottes Geist erfüllt ist.
Aber die unreinen Geister sind immer noch am Werk. Wie ergeht denn uns? Wenn wir die Botschaft Jesu hören, regt sich da nicht auch gelegentlich ein innerer Angstschrei, dass da jemand unser Leben beschneiden möchte? Liegt da nicht sofort die Erklärung parat, dass das alles nicht so ernst zu nehmen sei und im Alltag anders aussehe? Sind wir noch so wach, dass es uns innerlich unruhig macht, wenn wir etwas getan haben, was nicht dem Guten entsprach und macht es uns nicht ruhig und froh, wenn wir im Sinne Jesu und nach seinem Herzen Gutes getan haben?
Wir sollten es aushalten können, wenn uns andere Menschen um unserer Einstellung willen belächeln und als überholt erklären. Der griechische Philosoph Plato schrieb schon 400 Jahre vor Christus, dass die Menschen den vollkommenen Gerechten nicht ertragen und darum verfolgen würden und „dass er zuletzt nach allen Mißhandlungen gekreuzigt werden wird“. Das hat sich an Jesus von Nazareth grausam bewahrheitet.
Die Tatsache des Bösen in unserer Welt, die wir jeden Tag neu erleben, soll uns nicht in Schrecken versetzen. Wir brauchen keine Angst vor dem Bösen zu haben, denn wir gehören zu Christus, wir denken seine Gedanken, wir sinnen nach über seine Worte, wir versuchen seine Botschaft und seinen Geist in unsere Welt zu tragen und leisten somit einen Betrag zur Heilung der vielen Besessenheiten von denen unsere Welt geplagt wird. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.02.2015

4. Sonntag im Jahreskreis
Mk 1, 21-28
___________________________________________________

Wir haben eben das Evangelium gehört, das uns über die Heilung eines Besessenen erzählt, oder – um es mit einem Fremdwort zu sagen – über einen Exorzismus. Das Thema ist uns geläufig. Es gibt da sogar einige moderne einschlägige Filme. Das interessiert ja die Menschen immer, wenn irgendetwas Dämonisches sich in unseren Alltag einschleicht. Allein, wenn wir das Wort „Exorzismus“ hören, dann spüren wir, dass wir bei diesem Thema vorbelastet sind. Teufelsaustreibung fällt einem da ein, finsteres Mittelalter, seltsame Rituale, unheimliche Praktiken, Sekten und manch anderes mehr. Auch für die Kirche ist das ein heikles Thema. Finstere Abgründe der menschlichen Seele tun sich da auf.
Was ist denn eigentlich unter Besessenheit zu verstehen? In diesem Begriff steckt das Wort „Besitz“. Ein Besessener ist jemand, der nicht Herr über sich selbst ist, sondern im Besitz eines anderen. Wir brauchen nicht gleich an den Teufel zu denken, wenn wir von Besessenheit sprechen. Menschen können heute von vielen Dingen besessen sein. Manche sind es von ihrem Auto oder von ihrem Hobby, von ihren Minderwertigkeitsgefühlen oder von ihrem Neid, von ihrer Herrschsucht oder ihrer Angst. Besessenheit ist weit verbreitet. Es sollte uns zu denken geben, dass nahezu 90% unserer Bürgerinnen und Bürger kalt gelassen werden vom Zerbrechen und Scheitern anderer Menschen. Es gelte als normal, dass in unserer Leistungsgesellschaft manche eben nicht mitkommen und liegen bleiben. Wo gehobelt werden, da fielen eben auch die Späne. Ist dies nicht auch ein Anzeichen von Besessenheit? Wenn wir so unbarmherzig, so unsolidarisch denken und handeln können, was für ein Geist ist da in uns gefahren? Oder wenn bei Gewalt vielen nichts anderes einfällt als Gegengewalt, wenn Haß nur mit noch größerem Haß beantwortet wird, was für ein Geist ist dies?
Und wir wollen nicht außer Acht lassen, dass es auch Menschen gibt, die vom Bösen besessen sind. Und da drängt sich doch auch die Frage auf, woher das Böse überhaupt in diese Welt hineinkommt. Wenn die Welt nach der Aussage des Schöpfungsberichtes gut ist, und das wird ja auch im Text wiederholt gesagt, dann fragen wir doch: Woher kommt das Böse? Von Gott kann es nicht kommen, denn Gott ist gut. In früheren Zeiten dachte man sich die Welt belebt von guten und bösen Geistern. Wir wollen heute nicht mehr so denken. Zu viel Schlimmes ist an den Menschen geschehen durch diese Denkweise, wenn wir nur an die Inquisition und an die Hexenverbrennungen des Mittelalters denken. Petrus spricht einmal das Wort: „Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlingen könnte“. Ist es also völlig absurd das Böse als Unheil stiftende Welt als eine Wirklichkeit anzunehmen? Allzu sehr ist das Bild vom Teufel verniedlicht und mißbraucht worden du wir wissen über diese Angelegenheit theologisch auch zu wenig. Wir können nur ausgehen von der eigenen Erfahrung und von den Erlebnissen, die wir täglich in unserer Welt wahrnehmen. Und die Apokalypse, die Geheime Offenbarung des Johannes schildert ja die Endzeit als einen massiven Kampf zwischen den göttlichen und den widergöttlichen Mächten.
Der Besessene des Evangeliums hat eine klare Erkenntnis von Jesus, er weiß wer er ist. Und er schreit es auch heraus, was er befürchtet, das Verderben, das dem droht, der das Böse ist und der sich willig und bereit dem Bösen öffnet. Der heutige Besessene fällt indes nicht sonderlich auf, er unterscheidet sich zunächst nicht von den anderen, den normalen Menschen. Vielleicht liegt der Grund darin, weil heutzutage eine gewisse Art von Besessenheit schon das Normalstadium geworden ist und weil man sich mit dem Bösen in seinen verschiedenen Formen schon abgefunden hat. Und da ist die Gefahr groß, wo sich sozusagen der Teufel harmlos gibt, wo er nicht mehr ernst genommen wird, genau da hat er seine größten Erfolge.
So kommt es, dass sich die Menschen aus einer allzu freizügig gelebten Sexualität gar nichts mehr daraus machen, dass Eigentumsdelikte als Kavaliersdelikte gelten. Vielen Menschen scheint alles erlaubt zu sein, sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich gegenüber einer höheren Macht, nicht einmal mehr vor sich selbst und der Welt in der sie leben. Und Gott? Er wird zwar nicht mehr bekämpft wird aber auch nicht mehr beachtet. Die Verharmlosung des Bösen ist Satans größter Triumph.
Wir können die Erzählung des Markus aus dem heutigen Evangelium ohne weiteres auch anders interpretieren. Bei dem Besessenen handle es sich um einen Geisteskranken über dessen Unterbewußtsein Jesus Macht hatte. Wir können überhaupt eine ganze Menge aus dem Evangelium uminterpretieren bis hin zur Auferstehung Jesu. Die Frage ist nur, ob wir da nicht gewaltig an der Botschaft Jesu vorbeigehen, nur weil es uns als altmodisch und nicht mehr zeitgemäß erscheint von der Macht des Bösen in dieser Welt zu sprechen. Es ist aber eine Aussage, die im Neuen Testament immer wieder auftaucht: die Macht Jesu über die gottfeindlichen, über die dämonischen Mächte. Und in dieser Auseinandersetzung steht auch der Mensch. Er kann nicht neutral bleiben, er muß sich entscheiden. Aber das muß uns Menschen auch gesagt sein: die entscheidende Macht gehört dem Guten Geist. Das zeigt sich in der ganzen Aussage der Botschaft, die Jesus bringt. Das zeigt sich überall dort, wo jemand von Gottes Geist erfüllt ist.
Aber die unreinen Geister sind immer noch am Werk. Wie ergeht denn uns? Wenn wir die Botschaft Jesu hören, regt sich da nicht auch gelegentlich ein innerer Angstschrei, dass da jemand unser Leben beschneiden möchte? Liegt da nicht sofort die Erklärung parat, dass das alles nicht so ernst zu nehmen sei und im Alltag anders aussehe? Sind wir noch so wach, dass es uns innerlich unruhig macht, wenn wir etwas getan haben, was nicht dem Guten entsprach und macht es uns nicht ruhig und froh, wenn wir im Sinne Jesu und nach seinem Herzen Gutes getan haben?
Wir sollten es aushalten können, wenn uns andere Menschen um unserer Einstellung willen belächeln und als überholt erklären. Der griechische Philosoph Plato schrieb schon 400 Jahre vor Christus, dass die Menschen den vollkommenen Gerechten nicht ertragen und darum verfolgen würden und „dass er zuletzt nach allen Mißhandlungen gekreuzigt werden wird“. Das hat sich an Jesus von Nazareth grausam bewahrheitet.
Die Tatsache des Bösen in unserer Welt, die wir jeden Tag neu erleben, soll uns nicht in Schrecken versetzen. Wir brauchen keine Angst vor dem Bösen zu haben, denn wir gehören zu Christus, wir denken seine Gedanken, wir sinnen nach über seine Worte, wir versuchen seine Botschaft und seinen Geist in unsere Welt zu tragen und leisten somit einen Betrag zur Heilung der vielen Besessenheiten von denen unsere Welt geplagt wird. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.02.2015

6. Sonntag im Jahreskreis
Mk1, 40-45
__________________________________________________



Mit fünfundfünfzig in den Vorruhestand, mit sechzig unbrauchbar auf den Arbeitsmärkten der Zeit. Den Wunsch nach Teilnahme, nach Dabeisein und Zugehörigkeit buchen sie in die Verlustspalten ihrer Bilanzen, ihre Rede vom verdienten Ruhestand, ihre Mahnung zur Schonung klingt hohl, als würde man von heute auf morgen nicht mehr wissen, wer man ist.
Die Jüngeren haben Recht. Sie müssen ihre Erfahrungen machen, sie sind die Computergeneration, sie sind an der Reihe, sie bringen ihr Wissen und Können an solange es neu ist. Zurücktreten, abtreten, aber wohin mit der noch nicht verbrauchten Kraft. Wer frägt nach Erfahrung, gewonnen in Beruf und Leben. Viele verlieren ihr Selbstwertgefühl. Herr, schenke uns Bereitschaft zu weiterem Tun. Kinder, Schüler, Kranke, Alte, Asylbewerber, Einsame warten auf Menschen, die nicht geizen müssen mit ihrer Zeit. Erfülle unser aller Leben mit Sinn. Schenk uns Freude in jeder Lebenszeit. – Das war ein Text von Theresia Hauser.
Was hat er mit dem heutigen Evangelium zu tun. Ich kann ihnen sehr einfach die Situation der Aussätzigen zurzeit Jesu schildern. Sie waren ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. Ein Priester erklärte den Aussätzigen nach einer eingehenden Untersuchung, wie sie im Buch Levitikus beschrieben ist, für unrein. Er war ein von Gott Gestrafter, er mußte abseits der menschlichen Gesellschaft leben. Mit einer Klapper und dem ständig wiederholten Ruf „Unrein“ mußte er die Menschen in seiner Umgebung warnen. Zusammen mit anderen Aussätzigen beklagte er sein Schicksal oder ergab sich blind darein und erlebte und beobachtete den Fäulnisprozeß seines eigenen Körpers.
Aber es gibt auch heute Aussätzige. Sie versammeln sich an bestimmten Punkten der Stadt mit ihren Flaschen; sie sitzen verschämt im Arbeitsamt; sie wohnen in Containern und suchen Asyl; sie leben von der Sozialhilfe, sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden; sie haben Aids. Wir können die Litanei noch lange fortsetzen. Die Aussätzigen sind mitten unter uns. Sie erleben dasselbe, was Aussätzige zurzeit Jesu erfahren mussten: ausgeschlossen vom normalen Leben, gemieden von den anständigen Bürgern, ohne Zukunft. Wer heilt ihren Aussatz?
Jesus hatte keine Berührungsängste. „Er berührte ihn und sagte: Ich will es: Werde rein!“ Jesus schert sich nicht um die hygienischen Vorschriften und um die Voruteile der Menschen. Man kann sich denken, was das für einen Schock bedeutete für die Umstehenden, auch für seine Jünger. Weil er keine Berührungsängste hat, geht eine heilende Kraft von ihm aus. Aber zuerst mußte der Aussätzige etwas tun. Er mußte seine Isolation durchbrechen und sich einen Weg hin zu Jesus bahnen. Wir können uns schon vorstellen, wie sich das abgespielt hat. Zunächst hat er von Jesus gehört, auch von seinen wunderbaren Heilungen. Dann kommt ihm der zaghafte Gedanke: Vielleicht auch ich? Und er bricht auf, macht sich auf den Weg. Seine Hoffnung läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, läßt ihn alle Barrieren durchstoßen, nimmt ihm die Angst vor den Menschen, die vor ihm zurückweichen bis er endlich vor dem steht, der vor ihm nicht die Flucht ergreift und der sich auch nicht abwendet, um seine Entstellungen nicht sehen zu müssen und seinen Gestank nicht riechen zu müssen.
Ganz einfach klingt das, was da gesprochen wird, fast so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“ und „Ich will es, werde rein!“
Und was ist das aktuelle, das für uns Wichtige dieser Erzählung? Wenn wir unser Christentum verstehen als Nachfolge Jesu, wenn wir uns verstehen als von Ihm in Dienst Genommene, als solche, die sein Werk weiterführen sollen in dieser Welt, dann sollten auch wir uns verstehen als Heilende, als Menschen, die der Not der Welt Einhalt gebieten, so weit es in unserer Macht steht. Wir sollten die Grenzen überwinden, die wir immer wieder zwischen uns und den Notleidenden aufrichten. Vielleicht haben wir in unserer religiösen Erziehung davon zu wenig mitbekommen. Da ging es vor allem um Sündenvergebung, um die Beziehung zu Gott. Sicher, das war auch ein Anliegen Jesu, aber eben nicht allein und nicht isoliert vom konkreten leben der Menschen. Es geht ihm um das Heilsein des ganzen Menschen, um seine Befreiung von allen Unheilsmächten die ihn unterdrücken, und es geht ihm um die Überwindung der Spaltung zwischen den Menschen. Alle Heilungsgeschichten Jesu führen zu einer neuen Kommunikation unter den Menschen, wo Isolierungen und Grenzen aufgehoben und überwunden werden.
Wenn wir von der Nachfolge Jesu hören, dann stellen wir uns dabei schnell irgendetwas Besonderes vor, etwas Aussergewöhnliches und Anstrengendes. Hier wird uns ein ganz naher und moderner Weg eröffnet: Überall da, wo wir den vielfältigen Aussatz in unserer Welt nah und fern zu überwinden suchen, wo wir Kontakt aufnehmen mit den betroffenen Menschen, wo wir ohne Berührungsängste mit ihnen sprechen und sie als Menschen in ihrer besonderen Situation wahrnehmen, ohne sie zu verurteilen, da leben wir in der Nachfolge Jesu, da gehen auch von uns heilende Kräfte aus. Da sind wir oft selbst die Beschenkten, die sich auf diesen Weg eingelassen haben.
Aber es geht auch darum, dass wir uns selber bereit machen für diesen Auftrag. Denn auch wir leben nicht selten in einer Isolation, eingekapselt in unser eigenes Ich, in unsere eigenen Sorgen und Probleme. Und nicht selten finden wir uns in einer Isolation Gott gegenüber, den wir manchmal nicht so ernst nehmen, dass er durch uns in dieser Welt etwas wirken möchte. Es geht darum, dass wir an uns arbeiten, damit wir zu vertrauenden Menschen werden, zu Menschen mit einem gesunden christlichen Selbstbewußtsein. Wir sind nicht die armen Alleingelassenen, wir sind die reich Beschenkten, jeder von uns trag in seinem Herzen die Fülle der Geschenke Gottes, die reichen Möglichkeiten mit denen er durch uns an den Menschen seine heilende Kraft zeigen und zur Wirkung bringen möchte.
Werden wir zu Heilbringern im Namen und in der Kraft des Herrn und freuen wir uns darüber, dazu berufen zu sein.

Ein Fisch,
hinausgespült von den Wogen des Meeres
bis zum äussersten Küstenrand.

Dort an den Felsen hängengeblieben.
Vom zurückflutenden Wasser
nicht mehr erfaßt,
liegt er allein,
ringend nach Luft.
Wie er sich biegt,
wie er sich windet
draußen am Rande des Meeres,
so nahe am Wasser!

Da kommt einer
Und wirft ihn ins Meer.
Diesmal ist er gerettet.
Wie oft wird er einen
Barmherzigen treffen?



P. Paul Mühlberger SJ

22.02.2015

1. Fastensonntag
Mk 1,12-15
________________________________________________________________

Vierzig Tage sind eine lange Zeit für einen Wüstenaufenthalt. Gemeint ist wahrscheinlich die judäische Wüste, die sich östlich von Jerusalem bis hinunter zum Toten Meer erstreckt. Es heißt, dass Jesus von Geist getrieben diese Wüste aufsuchte. Es war die Zeit seiner Vorbereitung für sein öffentliches Wirken, wo sich Jesus sammelte für seinen großen Auftrag, die Botschaft von seinem Vater den Menschen zu verkündigen. Immer wieder haben Menschen die Einsamkeit aufgesucht, um völlig für sich und ihren Gott zu sein. Die Wüste ist ein Ort der Einsamkeit, die Wüste ist ein Ort der Gottesbegegnung. Nichts nimmt uns gefangen – außer Gott; nichts kann uns in Anspruch nehmen, nichts uns ablenken.
Die Wüste muss aber nicht ein Ort sein; vielleicht ist sie eine Zustandsbeschreibung des Menschen. Wir erleben sie ja immer wieder, als jene innere Verlassenheit, aus der wir mit Gewalt immer wieder ausbrechen wollen, anstatt in ihr stille zu halten und darauf zu warten, was Gott uns in unsere Leere und Einsamkeit hinein spricht.
In der Wüste wurde Jesus vom Satan in Versuchung geführt. Markus, von dem wir unser Evangelium des heutigen Tages haben, erzählt nichts Näheres darüber, worin die Versuchung bestanden hat. Von Matthäus erfahren wir in seinem Evangelium mehr. Wenn wir annehmen, dass Jesus sich einmal rein menschlich überlegt hat, wie er die Botschaft seines Vaters den Menschen darlegen wollte, so scheinen uns die drei Versuchungen, die der Satan bringt, verständlich. Welcher Messias wollte er sein? Ein Messias, der irdische Bedürfnisse befriedigt um die Menschen zu gewinnen? Oder ein Messias, der eine Show abzieht und somit die Bewunderung der Massen gewinnt? Oder ein Messias der Macht? Diese drei Versuchungen scheinen uns sehr plausibel, weil sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommen und auch in unserer Zeit präsent sind.
Wir wissen auch, was sich in unseren eigenen Wüsten abspielt, wenn wir einmal ruhig dasitzen und nicht bewusst an etwas denken, sondern einfach das in uns aufsteigen lassen, was sich in der Tiefe der Seele befindet. Da beginnt sich unsere Wüste sehr schnell zu bevölkern mit allen möglichen Gedanken: etwa über unser eigenes Leben – das sich oft mit zu großem Tempo seinem Ende zuneigt, da beginnen die Sorgen in uns hochzukriechen, ob das wohl alles einen Sinn hat, was wir tun, da beginnen Zweifel in uns hochzusteigen, ob wohl das alles stimmt, was wir in unserem Leben geglaubt und gelebt haben. Diese Reihe unserer Wüstenversuchungen könnten wir alle nach Belieben fortsetzen.
Aber nicht nur solche Angst machenden Gedanken steigen in uns hoch. Wenn es bei Jesus heißt: „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ so gibt es auch bei uns den einen oder anderen Engel Gottes, der uns ermutigt, der uns tröstet, der uns zusichert, dass uns Gott niemals näher ist als in der Wüste unseres Lebens. Einen Engel haben wir immer nötig, der uns das gleiche Wort zuruft, das Jesus verkündet hat: „Das Reich Gottes ist nahe: Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.
Umkehren ist ein Schlüsselbegriff der Bibel, der weniger in der substantivischen Form „Umkehr“ als vielmehr in der verbalen „umkehren“ gebraucht wird. Damit soll angedeutet werden, dass es sich nicht um ein einmaliges und abgeschlossenes Ereignis, sondern um einen lebenslangen Vorgang handelt, der ständig der Wiederholung bedarf. Weil wir durch die Sünde verwundete Menschen sind, kommen wir immer wieder vom Wege ab; wir können ohne ständige Kurskorrekturen nicht leben, wir müssen immer wieder umkehren.
Die Aufforderung „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ schließt gleichermaßen Abkehr und Hinwendung ein. Bei der Abkehr geht es auch um die falschen Götter, die wir uns aufbauen und die uns Sicherheit für unser Leben geben sollen. Sie etablieren sich in einem Aberglauben, der so alt ist wie die Menschheit. Gern haben wir in den primitiven Völkern zugeschrieben; wie sollten sie sonst mit den Elementen der Natur, den Mächten des Bösen, mit Angst und Not fertig werden? Wir haben geglaubt, der Aberglaube sei bloß ein Bildungsproblem, das mit fortschreitender Aufklärung überwunden würde. Erstaunt müssen wir aber feststellen, dass er nach wie vor in Blüte steht.
Trotz aller menschlichen Erfolge, trotz der Welt der Technik und des Rationalen, trotz Konsum und Leistung und Machbarkeitsglaube werden die Menschen vom Phänomen der Angst beherrscht. Wer oder was hält den Menschen? Wer oder was sichert die Zukunft? Der Tod ist nicht mehr in das Leben integriert, er ist nicht mehr der zweite Pol einer Ellipse, sondern er wird zu einer Grenze gemacht, die immer wieder hinausgeschoben werden muss. Weil der Tod Ende und Grenze wird, muss sich der Mensch ganz auf das Diesseits konzentrieren; er muss es auskosten und alles mitnehmen, was es bietet. Und das Schlimmste und Belastendste ist dies: Er muss sich selbst Sicherheit und Halt geben. So aber ist der Mensch überfordert, er spürt, dass er dazu nicht in der Leben ist; deshalb sucht er nach Helfern, Sternen, Schicksalen, Wahrsagern und Horoskopen. Im Aberglauben zeigt sich das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und Halt. So kommen falsche Götter ins Spiel, die den Menschen nicht retten können; im Gegenteil: Sie stoßen ihn noch tiefer in Verunsicherung und Angst.
Welch eine Befreiung für den Menschen ist nun die Botschaft des Christentums von einem gütigen Vater, der gleichermaßen mächtig ist. Die Ängste vor dem kommenden Tag, vor der Zukunft, vor dem Versagen, vor der Krankheit, vor dem Tod, das sind hierzulande die wahren Dämonen unserer Zeit. Der Dichter Friedrich Wilhelm Weber hat mit Recht gesagt: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub durchs Fenster. Wo die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“.
Dieser Glaube, den wir in der Fastenzeit vertiefen sollen verweist uns nicht an ein Blindes Schicksal, das brutal zuschlägt, sondern an eine Person, die uns im Evangelium nahe gebracht und die nach der wohl tiefsten bibeltheologischen Aussage „die Liebe“ ist. Unser Leben unterliegt nicht einem Zufall, nicht dem Einfluss von Sternen, es wird auch nicht geschützt von Hufeisen und Talismanen. Unser Leben liegt in der Hand dessen, der gesagt hat: „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ und „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“.
Aus China ist uns ein Wort überliefert, das die Abkehr von den falschen Göttern und die Hinwendung zum wahren Gott und die damit verbundenen Konsequenzen umschreibt: „Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann. Er aber antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“
Wir können unseren Ängsten nicht ausweichen, sie drängen immer wieder an die Oberfläche; aber wir können sie vertrauend in die Hand Gottes legen. Immer dann, wenn wir uns vertrauend auf ihn einlassen wird unsere Angst dahinschmelzen. „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen“, heißt ein Sprichwort aus Äthiopien. Möge uns die Wüste der Fastenzeit Gelegenheit geben, aufmerksam auf das Wort Gottes zu lauschen. Hier werden uns die Maßstäbe vermittelt, die unser eigenes Leben bereichern und der Welt ein menschlicheres Antlitz geben können. Amen.

01.03.2015

2. Fastensonntag
Mk 9,2-10
___________________________________________________



Mitten in der fruchtbaren Ebene Jezreel erhebt sich der Berg Tabor, der Berg der Verklärung. Von ihm aus hat man einen weiten Blick über das Land. Schon in frühhistorischen Zeiten befand sich auf diesem Berg ein heidnisches Heiligtum. Heute besteigt jeder Israelreisende diesen Berg, oder fährt mit dem Auto hinauf. Dieser Berg ist der Hintergrund für eine einmalige Offenbarung Jesu an seine Jünger: seine Verklärung.
Die erste Zeit, in der die Apostel mit Jesus zusammen waren, nennt man den galiläischen Frühling. Es ist jene Zeit, in der Jesus durch sein Land zog, predigend und heilend, die Zeit, in der das Volk ihm in Massen zuströmte.
Aber dann kamen auch die Enttäuschungen. In Nazareth, in Jesu Heimatstadt, stieß er auf Ablehnung. Namentlich von den religiös führenden Schichten wurde er immer mehr und mehr abgelehnt. Für die Schriftgelehrten und die Pharisäer war er nicht der Messias. Sie hatten sich sein Kommen anders vorgestellt. Zu ihnen hätte er zuerst kommen müssen und das mit göttlichen Machterweisen, ihre Haltung hätte er einnehmen müssen, jenes starre Erfüllen von Geboten und Vorschriften. Aber Jesus handelte nicht in ihrem Sinn. Er gab sich mit Menschen ab, die von ihnen verachtet wurden. Er war für sie einer, der ihre Religion untergrub.
Jesus begann zu ahnen, dass seine Mission nicht gut ausgehen würde. Zum ersten Mal sprach er von seinem Tod. Entschlossen, seinem Auftrag treu zu bleiben zog er nach Jerusalem. Genau zu diesem Zeitpunkt, der Wende vom galiläischen Frühling zum Leidensweg in Jerusalem, steht das Ereignis, von dem das heutige Evangelium berichtet.
Jesus nahm ein paar Jünger mit auf den Berg Tabor. Berge spielen in der Bibel immer eine wichtige Rolle. Auf dem Berg Sinai wurde das Gesetz gegeben. Berge waren Orte, wo man Gott begegnen konnte. Und dort oben auf dem Berg zeigte sich ihnen Jesus in einer Verklärung. Sie sahen gleichsam in ihm die lichtdurchflutete Gestalt seines göttlichen Wesens. Und mit ihm zwei wichtige Personen aus dem Altentestament: Moses und Elias. Moses, der Überbringer des göttlichen Gesetzes und Elias, der große Prophet. Gesetz und Propheten des Gottesbundes bekennen sich zu Jesus. Die Heilsgeschichte läuft auf ihn zu.
Die Jünger sind ganz benommen. Sie ahnen vielleicht, was da geschieht, aber sie begreifen es nicht. Petrus will den Augenblick festhalten. Er will für die drei hohen Persönlichkeiten Hütten bauen. Aber mit einem Hüttenbau ist ein solches Erlebnis nicht festzuhalten. Es entzieht sich menschlichem Zugriff. Eine solche Sicht und Erfahrung kann nur als Geschenk angenommen werden, das uns Menschen nur für kurze Zeit einen Durchblick gewährt in jene Welt des Göttlichen, die wir nur erahnen können. Gott selbst zeigt sich dem Menschen. Aus der Wolke, neben dem Berg ein anderes wichtiges Bild der unbegreifbaren Nähe Gottes, hören die Jünger seine Stimme. Die Stimme verweist auf Jesus. Auf ihn sollten sie hören, ihm sollten sie folgen, wohin auch immer. Gott ist mit Jesus und mit ihnen auf dem Weg, auch wenn dieser über Jerusalem, die Stadt des Leidens und der Erniedrigung, geht.
Dann ist der Augenblick der Verklärung vorüber. Sie dürfen noch nicht auf dem Berg bleiben. Sie müssen wieder hinunter in die Ebene, mit den anderen Jüngern auf Jerusalem zu. Einen Augenblick durften sie erfahren, worauf alles hinauslaufen sollte: die Auferstehung leuchtete durch das Dunkel der Ungewißheit, durch das Dunkel des Kreuzes. So geht Jesus unbeirrt seinen Weg weiter. Die Jünger, auch die drei vom Berg, folgen ihm nur zögernd. Sie haben nicht die klare Sicht mit der Jesus seinem Leiden und der Vollendung der Erlösung entgegengeht, sie werden seine tiefste Erniedrigung miterleben. Die drei Jünger vom Berg werden beim blutschwitzenden Jesus auf dem Ölberg in seiner nächsten Nähe sein, wie bei seiner Verklärung; aber sie werden schlafen, und sie werden verwirrt sein, weil sie es nicht wahrhaben wollen, dass die Erlösung der Menschen durch das Kreuz geschieht. Ihnen wird erst nach Ostern klar geworden sein, was dieser vorübergehende Augenblick des Lichts und der Nähe Gottes ihnen sagen wollte: Verheißung und Auferstehung durch den Tod hindurch, Verheißung der Vollendung nach aller Mühsal der Nachfolge auf dem Weg des Leidens.
Auch unser Glaubensweg kennt helle und dunkle Erfahrungen, Zeiten, wo wir ganz erfüllt sind von der Nähe Gottes, und Zeiten, wo Dunkel seine Nähe kaum noch erahnen läßt, wo Leid und Trauer uns an ihm zweifeln lassen oder wo der Alltag mit seinen Sorgen und Pflichten uns niederdrückt. Da ist der Glaubensweg Jesu und seiner Jünger ein Zeichen für uns. Beides, der galiläische Frühling und der Leidensweg, die Erfahrung von Gottes Nähe und Ferne, sind verschiedene Stationen auf demselben Weg mit Jesus. Der Glaube ist für uns heute vielfach nicht mehr selbstverständlich. Er ist angefochten durch vielerlei Erfahrungen unserer Zeit und unseres eigenen Erlebens. Da brauchen auch wir immer wieder Ermutigungen, sozusagen einen Berg der Verklärung in unserem eigenen Leben, damit wir die Mühen der Ebene, des alltäglichen Weges, des fremden und des eigenen Leidens durchhalten können.
Es lohnt sich immer wieder, unseren Glaubensweg zu bedenken: es gibt so viele erfüllte Augenblicke in unserem Leben. Solche Augenblicke kann man nicht mit irdischen Mitteln verlängern, gleichsam Hütten darauf bauen. Aber man kann sie in der eigenen Erinnerung festhalten, man kann davon leben. Wir sollten uns dieser Augenblicke nicht bloß in einem wehmütigen Rückblick erinnern, sondern in Dankbarkeit und Freude. Sie haben Bedeutung und sind wichtig für unser Leben. Gott zeigt uns immer wieder wie nahe er uns ist, auch wenn es manchmal dunkel um uns herum wird.
Solche Augenblicke der Vergewisserung können vielfältig sein. Die Erfahrung von Liebe und erfüllter Freude, aber auch von getragenem Leid, von überraschender Hilfe, wo wir uns ganz im Einklang mit unserem Leben, mit Gott gefühlt haben, aber auch alle anderen schönen Erfahrungen unseres Leben, besonders Augenblicke des Gebets und der Meditation, oder auch in der Feier des Gottesdienst. Was könnte man Besseres über unseren Gottesdienst sagen, als dass sie solche Augenblicke der Erfahrung von Gottes Nähe sein könnten, nicht jedesmal, auch nicht für jeden gleich, aber doch immer wieder, für jeden anderes, so wie er sich eben ganz persönlich von Gott berührt fühlt.
Wichtig ist dabei, dass solche Momente uns ganz offen finden, dass wir sie ausschöpfen und in unserer Erinnerung wach halten, damit sie uns Kraft geben für den Weg, für die Nachfolge, auch wenn sie uns ins Dunkel führt. Wir wollen Gott bitten, dass er uns solche Augenblicke wie sie die Jünger auf dem Berg hatten immer wieder schenken möge, Augenblick von denen wir zehren können, von denen wir leben können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.03.2015

3. Fastensonntag
Jo 2, 13-25
__________________________________________________

Wie kommt man zu Gott? Auf den ersten Blick hat diese Frage mit dem Evangelium des heutigen Tages wenig zu tun. Hier geht es doch nicht um Gottsuche, sondern um die eindeutige und unmißverständliche Kritik Jesu an den Mißständen des Tempelbetriebs.
Und der zornige Jesus kommt uns ja eigentlich gar nicht ungelegen. Er erschreckt uns nicht und er ängstigt uns nicht, ganz im Gegenteil: Der zornige Jesus, der sie einfach umwirft, die Tische der Geldwechsler, die die vielen fremden Währungen in die für den Tempel gültige Währung umtauschen. Der zornige Jesus, der die Opfertierverkäufer mit der Peitsche hinausjagt. Der zornige Jesus, der alle vertreibt, die den Tempel zum Warenhaus machen. Diese Handlung Jesu bringt in enorm konzentrierter Form seine religiöse Grundhaltung zum Ausdruck, bringt ihn aber auch in eine gefährliche Konfrontation mit den Mächtigen in Religion und Politik.
Da der Maßstab aller Handlungen Jesu das „Leben in Fülle“ für die Menschen ist, gerät er zu zahlreichen gesellschaftlichen und religiösen Vorschriften in kritische Distanz: Sein Kontakt mit Frauen, seine Mahlgemeinschaft mit Geächteten, seine Zuwendung zu den Sündern, seine therapeutischen Aktivitäten am Sabbat, sein großzügiger Umgang mit Speise- und Reinheitsvorschriften, alle diese Grenzüberschreitungen der damaligen Üblichkeiten bringen ihn in Konflikt mit den Mächtigen, die Interesse daran und Profit davon haben, dass die Verhältnisse bleiben wie sie sind.
Im Hintergrund dieses Konflikts um den Tempel steht freilich ein noch viel weitreichenderer Zusammenhang. Bereits die Propheten Israels, in deren Spur Jesus von Nazareth sich bewegt, haben den Kult insgesamt und den Tempelbetrieb insbesonders scharf kritisiert.
Kerngefahr des frommen Menschen ist dabei der Wahn, zu meinen, dass mit dem kultischen Handeln, z.B. den dargebrachten Opfern, dem Besuch des Tempels, dem Ableisten der Vorschriften, das „Eigentliche“ des göttlichen Willens bereits erfüllt sei. Schon Hosea hält 750 Jahre vor Jesus dagegen: Gott will keine Opfer – er will die alltägliche Barmherzigkeit. Vorrangig sind die praktisch geübte Solidarität, die gesellschaftliche Gerechtigkeit, die gelebte Geschwisterlichkeit.
Zu oft meinen wir, wenn diese Stelle der Bibel hören oder lesen: da geht es gar nicht um uns, so meinen wir und reiben uns die Hände. Es könnte allerdings sein, dass wir uns täuschen. Dass doch nicht die anderen gemeint sind, sondern wir selbst. Dass es gar nicht um die Tische der Wechsler und die Stände der Verkäufer geht, sondern um uns selbst. Jesus wußte nur zu gut, dass sie morgen wieder da sein würden, dass der Betrieb weitergehen würde wie bisher. Der rege Handel im Tempel hatte schließlich doch keinen davon abgehalten, zu Gott zu kommen.
Doch da ist sie wieder, die Frage vom Anfang: Wie kommt man zu Gott? Die Antwort scheint einfach: Wir machen so weiter wie immer. Das Opfertier wird gekauft, das Opfertier wird geschlachtet, die Tempelsteuer bezahlt, alles hat seine Ordnung und schon scheint sie da zu sein: die Beziehung zu Gott.
Hier hinein trifft die große Herausforderung Jesu. Nichts ist in Ordnung. Nichts kann so einfach weitergehen wie bisher. Nicht einmal der Tempel, das große Zeichen der Gegenwart Gottes, kann letztlich garantieren, dass der Mensch Gott wirklich begegnet.
„Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen.“ Es ist in der Tat völlig unsinnig, zu glauben, irgendjemand könnte dieses riesige Bauwerk tatsächlich in so kurzer Zeit wieder aufbauen. Der Evangelist Johannes läßt in der Gestalt, die er dem Text gegeben hat, auch die Jünger zunächst einmal unverständig dastehen. Erst nach der Auferstehung, heißt es bei ihm, geht ihnen das Licht auf, begreifen sie, was für eine Herausforderung in diesen Worten wirklich steckt.
Vielleicht haben wir dieses Evangelium schon zu oft gelesen und das Wort vom Niederreißen des Tempels schon zu oft überlesen. Dieses Wort bedeutet eine radikale Umkehr der Perspektiven. Weder ein Bauwerk, noch altehrwürdige Regeln und Zeremonien garantieren den Zugang zu Gott. Er liegt nicht in Steinen und Vorschriften, er liegt in einer Person. In Jesus selbst. Er ist der andere Tempel, in ihm ist Gott ganz und gar gegenwärtig. Zu Gott kommen erhält eine völlig neue Qualität. Es ist die Qualität des persönlichen Du, des Du zu Jesus Christus, er ist der Zugang für uns zu Gott.
Das Wort vom zerstörten und neu errichteten Tempel bekommt so eine ganz eigene Dimension. Es geht nicht um den Aufbau von Steinen, um eine großartige menschliche Leistung. Es geht um den Aufbau von Beziehungen. Es geht um die Freundschaft mit Gott.
Damit wird alles auf den Kopf gestellt. Nicht über das Opfer aus Menschenhand geschieht das Heil. Es geschieht als Geschenk Gottes an uns. Alle althergebrachten Regeln des Kultes werden umgeworfen wie die Tische der Geldwechsler, wenn nicht der Geist Jesu dahinter steht. Nicht wir stimmen Gott gnädig durch Opfer und Tempelsteuer, sondern Gott selbst erweist sich barmherzig, indem er sich in Jesus radikal verschenkt. Was hier geschieht ist keine Revolution der Tempelordnung, sondern die Revolution alles Wissens darüber, wie der Mensch zu Gott kommt: nicht indem er gibt, sondern indem er sich geben läßt. Kein Opfer erkauft Gottesnähe, Gott schenkt sie, ohne auch nur je eine angemessene Gegengabe erwarten zu können, ausser unser Hingabe und Empfangsbereitschaft.
Es ist schon eigenartig, wie wir die Texte der Bibel immer wieder mit unserem eigenen Leben konfrontieren können. Wie hinter diesen Worten und Taten Jesu etwas steckt, was auch unser Leben, unsere Situation betrifft. Und betroffen sollten wir doch alle immer wieder vom Wort Gottes sein. Er will uns nicht zur biederen Selbstzufriedenheit aufrufen, sondern zur Umkehr, zur Korrektur unseres Verhaltens und unseres Denkens. Es geht nicht in erster Linie, dass wir nach einem Sündenbock suchen, dass wir Schuldige ausfindig machen, auf die das Wort Jesu zutrifft, sondern dass wir uns selbst unter den von Jesus Gemeinten erkennen. Jesus gibt uns keine Argumente in die Hand gegen andere. Er stellt uns die Frage nach uns selbst. Nur Menschen mit offenem Herzen, als Menschen, die eine ganz persönliche Beziehung zu Gott suchen und annehmen, können wir zu ihm finden. Die Frage lohnt sich, sie ist sogar lebenswichtig: Welche Beziehung habe ich zu Christus?
Ist er es, den ich an mein Leben heranlasse, mit dem ich mein Leben teile? Ist er es, dem ich mich anvertraue und dem ich zutraue, dass er meinem Dasein Sinn gibt? Ist er es, auf den ich zugehe, in der sicheren Hoffnung, dass er mich seine Auferstehung hineinnehmen wird?
Es lohnt sich, dieses Evangelium immer wieder neu zu lesen. Die Frage, die es uns stellt, ist nicht die Frage nach der Vollmacht Jesu, den Tempel zu reinigen. Es ist die Frage nach der Vollmacht, die wir Christus über unser Leben einräumen. Hin und wieder ist es gut, sie ganz persönlich zu beantworten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.03.2015

4. Fastensonntag

Mitten in der Nacht kommt Nikodemus zu Jesus. Er kommt weil er ein Anliegen hat, eine Frage, die ihn zutiefst beschäftigt. Es ist eine Frage, oder besser gesagt ein Fragenkomplex, der auch uns beschäftigt oder es tun sollte: wie ist das eigentlich mit Gott und der Welt, wie ist das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Natürlich könnte jeder und jede von ihnen eine Antwort geben, aber eben auch nur eine Antwort, die vielleicht so abstrakt ist, dass sie mit unserem Leben nichts mehr zu tun hat. Es gibt Menschen, die völlig uninteressiert sind über Gott und die Welt nachzudenken. Es hat mir einmal jemand gesagt, er glaube nicht an Gott, wohl aber an irgendein höheres Wesen, vor dem sich der Betreffende natürlich in keiner Weise verantwortlich fühlt, geschweige auch nur im Entferntesten daran zu denken, das dieses höhere Wesen ein liebendes Verhältnis zu ihm haben könnte, dass sogar die eigene Existenz betrifft.
Wenn wir heute das Stiftungsfest unserer Verbindung feiern, dann stellen auch wir uns eine existentielle Frage: Was hat uns dazu getrieben beizutreten? War es nur die Geselligkeit unter Gleichaltrigen? War es die Suche nach einem idealen Lebensstil, oder die Suche nach etwas Extravagantem? War es die Flucht aus dem engen Kreis der Familie? Wir sind dahinter gekommen, dass in der Verbindung Ideale gelebt werden, die den Jugendlichen zum Großteil abhanden gekommen sind. Junge Menschen haben alle Ideale; aber es fehlen ihnen die Vorbilder und die Gemeinschaft in der man diese Ideale auch leben kann.
Kurz und gut, wir haben uns in der Gemeinschaft der Verbindung eingelebt, uns mit ihren Bräuchen und Ritualen vertraut gemacht. Und so scheint ja alles in bester Ordnung zu sein.
Und doch schleicht sich in unser Verbindungsleben auch immer die Gewohnheit ein. Nichts gegen die Gewohnheiten, sie helfen uns, mit den alltäglichen Dingen zurecht zu kommen und lassen uns vergessen, dass wir im Wesentlichen suchende Menschen sind, wie der Ratsherr Nikodemus im heutigen Evangelium.
Ein suchender Mensch war dieser Nikodemus. Und suchende Menschen sollten auch wir sein, vor allem in jenen Fragen, die uns zutiefst betreffen, in den Fragen der Religiosität. Viele Menschen halten religiöses Suchen für eine Illusion. Sie halten sich lieber an die sogenannten „Realitäten“, an das, was sie sehen und verstehen können. Sie haben keine Antenne für Wahrheiten, die über den begrenzten Horizont ihres Verstandes hinausgehen.

Was Gott-Suche heißt
Gott-Suche heißt aus dem Bekannten in das Unbekannte gehen, wie Abraham, Moses, die Exilspropheten, Paulus, und viele mehr ...
Gott-Suche heißt riskieren, weil das Kommende nicht gesehen werden kann.
Gott-Suche und Glauben heißt ohne Netz arbeiten, weil das Ziel nur mit den Mitteln der Freiheit erreicht werden kann. Gott lässt sich nicht vereinnahmen, und man kann Gott nicht vereinnahmen (wie übrigens den oder die andere/n neben mir auch nicht).
Das Ziel der Gott-Suche ist Gott, der in seiner Bedeutung noch von keinem Auge erfasst, von keinem Ohr vernommen, von keinem Herzen gefühlt worden ist. Der weiteste Abstand ist zu durchmessen.
Wer Gott findet, sucht, denn sonst hätte Er den nicht gefunden, den es zu suchen gilt. Es gilt also nicht nur: Wer sucht, findet, sondern wer findet sucht!

In der heutigen Stimmungslage ist eine solche Glaubenssprache, in der Rätselhaftes und Abenteuerliches ausbricht, nicht sehr willkommen, sei es innerhalb oder außerhalb der Kirche. Denn die Erlebnisbeschaffung arbeitet mit einem dicht geflochtenen Sicherungsnetz, das unvermutete Flüge und Abstürze ausschließen soll. Man will »etwas« von Gott, Gott selber will man nicht.

Gott ist das größte, das wichtigste, das schönste Abenteuer unseres Lebens. Gott ist nur im freien Fall zu finden, und mit ihm die ganze Welt - wir nennen das: Vertrauen. Gerade das Vertrauen in Gott schafft uns und die Welt um uns neu. Es lässt ein neues Selbst- und Weltverhältnis entstehen, dessen Frucht die Ehrfurcht ist. Die vertrauensvolle Suche nach dem biblisch bezeugten Gott befreit aus der Umzinglung durch das Reich der Zwecke und Absichten.

22.03.2015

5. Fastensonntag
Hebr 5,7-9
Joh 12,20-33
________________________________________________________________

Als Christus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.
Das war der Anfang unserer heutigen Lesung. Und er ist für mich deshalb sehr bedeutsam, weil er uns etwas über unser Gebet aussagen will, über unser Gebet, das wir oft nur unter großen Mühen verrichten, von dem wir nicht immer überzeugt sind. Manche Menschen meinen, das Gebet sei nur so eine Art Beruhigungsmittel, manche meinen, durch unser Gebet drücken wir uns vor der Wirklichkeit, schieben wir alle Verantwortung auf Gott ab.
Jesus betet. Und da meinen wir doch wohl, dass das Gebet etwas Bedeutendes ist in unserem Leben. Jesus betet. Davon erzählen seine Freunde, davon erzählen auch die Evangelien. Jesus ist ein gläubiger Jude. Und ein gläubiger Jude betet. Er betet in seinem Herzen und in seinem Haus, er betet bei Tisch und in der Synagoge, Im Tempel zu Jerusalem. Wir wissen nicht sehr viel über das persönliche Beten Jesu. Das Lukasevangelium erzählt gern vom betenden Jesus: er trägt betend sein Leben vor Gott hin und empfängt von Gott her die Richtung seines Lebens; betend wird Jesus von der geheimnisvollen Stimme des Hl. Geistes als Gottes geliebter Sohn ausgewiesen und zu seinem Verkündigungsdienst beauftragt; betend verschafft sich Jesus Klarheit über die Wahl seiner Apostel; betend entscheidet sich Jesus für den lebensgefährlichen Weg nach Jerusalem; betend ringt Jesus auf dem Ölberg mit Gott im Angesicht seines bevorstehenden Todes; betend übergibt sich der Sterbende der Hand Gottes.
So wenig wir über den Wortlaut der Gebete Jesu wissen, so zuverlässig sind wir über die Weise, den Ton, über den Stil des Betens Jesu unterrichtet: Kindliche Anhänglichkeit und festes Vertrauen kennzeichnen es. Er spricht Gott mit dem Wort „Abba“ an, was soviel heißt wie „mein lieber Vater“. Diese Beziehungsform Jesu zu seinem Gott, zu seinem Vater und zu unserem Vater schenkt Jesus seinen Freunden im Vaterunser. Der Gott Israels und der Gott Jesu ist der Vatergott aller Menschen.
Wenn Jesus selbst so viel Wert auf das Gebet legt, dann muß es auch für uns sehr bedeutsam sein. Aber - analysieren wir einmal ganz ehrlich unser Gebet! Es besteht meist aus Bitten. Wir sind in Not, wir haben Probleme, wir werden mit unserem Leben nicht fertig. Und wir beten. Das ist ganz in Ordnung. Jedoch, wir haben im Hinterkopf schon den Gedanken daran, dass sich in Wirklichkeit nicht viel ändern wird. Zu oft sind wir schon enttäuscht worden, haben wir nicht das bekommen, wofür wir gebetet haben. Und da kommen wir schon auf einen Fehler darauf, den wir oft beim Beten machen. Wir reden Gott an, tragen ihm unsere Anliegen vor und dann gehen wir wieder weg. Es wäre aber wichtig auch darauf zu warten, was uns Gott sagen möchte. Was er uns aber sagen möchte, das werden wir nicht vernehmen, wenn wir nur einen Redeschwall auf Gott hin loslassen. Es ist wichtig, dass wir auch unsere Situation vor Gott hintragen und das geschieht dadurch, dass wir beginnen mit eigenen Worten zu ihm zu sprechen. Und wenn wir genau mit den Augen Gottes in unser Leben hineinschauen, dann werden wir bald merken, dass es in unserem Leben allerhand zu tun gibt. Es ist doch so, dass Gott immer auch unsere Mitarbeit wünscht, unser eigenes Tun, unser eigenes Bemühen und dann wirkt er erst das Seine. Das heißt, das Gebet hilft uns, darauf aufmerksam zu werden, was wir selber tun können, um uns aus der Patsche zu helfen. Unser eigenes Bemühen und die Kraft Gottes, das soll ineinandergreifen wie die Zahnräder einer Maschine.
Und weil vieles sich nicht erfüllt in unseren Gebeten - wissen wir, was uns guttut. Jesus verheißt uns allerdings, dass unsere Gebete alle erhört werden; aber denken wir daran, dass wir zu einem Vater beten, der weiß, was seine Kinder brauchen. Wir dürfen also das Gebet nicht verwechseln mit einem Automaten, wo man die Münze einwirft und es müßte dann das Gewünschte unten herauskommen. Sonst bearbeitet man den Automaten mit den Fäusten. Haben sie sich schon einmal überlegt, dass auch eine leidvolle Periode in unserem Leben, eine schwierige Situation bedeutsam sein kann? Im Augenblick sehen wir das nicht ein; es ist wie bei einem Puzzelspiel, wo ein Steinchen nirgends dazu zupassen scheint. Und doch gehört es zum ganzen Bild. Wir müssen nur die Geduld haben, das kleine Teilchen ein wenig liegen zu lassen, bis wir den Zusammenhang erkennen.
Wenn die Griechen an die Apostel herantraten mit der Bitte, sie möchten Jesus sehen, dann treffen sie auf einen betenden Jesus, dann finden sie einen Jesus, der sich in sein Leiden hineinbegibt, also in etwas in den Augen der Welt Sinnloses. Aber es war in den Augen Gottes die einzige Möglichkeit, die Menschen zu erlösen, besser gesagt, ihnen Erlösung anzubieten. Und somit ist die Meditation des Kreuzes und auch des Kreuzweges für uns Menschen nicht bloß eine Erinnerung, sondern eine Besinnung.
Ein Kreuzweg bringt bestimmte Themen mit sich. Er bringt zum Beispiel das Thema von der Fußwaschung, das heißt: sich beugen, etwas tun, das eigentlich unter der eigenen Würde ist. Nachvollzug der Menschwerdung eines Gottes, der sich zu uns herabbeugt. Man wird an der Geschichte von Gethsemani lernen, seinen eigenen Willen einzufügen in den größeren Willen Gottes. Man wird an Christus, der vor Pilatus steht, lernen, sein Recht, selbst wenn man es haben sollte, im Zweifelsfall preiszugeben und nicht darum zu kämpfen. Oder man wird, wenn man Christus an der Geißelsäule sieht, erkennen, dass der verwundbare der menschlichere Mensch ist als der robuste. Man wird an der Stelle oder bei dem Bild, wie Christus das Kreuz die Straße hinaufträgt, lernen, was es heißt, die Schuld anderer Leute zu übernehmen. Und man wird, indem man Christus am Kreuz meditiert, lernen, wie über jedes Maß und jede Gebühr der moderne Mensch an seiner Gesundheit und an seinem langen Leben hängt, wo es doch ganz andere Wege gibt, das Leben wirklich zu finden.
Man wird weitergehen zu Ostern und wird sich die Geschichte vom auferstandenen Christus vergegenwärtigen, das Wunder aller Wunder. Denn es ist entscheidend, dass wir die Geschichte Jesu nicht mit seinem Tod am Kreuz enden lassen, sondern mit seiner Auferstehung.
Wir müssen immer wieder lernen, unser Leben in den größeren Zusammenhängen zu sehen. Vieles in unserem Leben verstehen wir, Vieles aber verstehen wir nicht. Wir haben auch nicht immer den Eindruck, dass das Schwache die Welt überwindet und das Böse in ihr. Aber es geht um unsere Schwäche und wir dürfen die Kraft Gottes nicht übersehen, jene Kraft, die in Jesus Christus wirksam war und die auch in uns wirksam sein kann, wenn wir seinen Weg mitgehen mit unserem Kreuz. Amen.

P. Paul MühlbergerSJ