02.04.2015

Gründonnerstag

Es ist eine dramatische Botschaft, die uns heute verkündet wird. Vom Abschied Jesu von seinen Jüngern ist die Rede, vom Verrat des Judas und von der demütigen Haltung Jesu bei der Fußwaschung. Überschrieben ist die heutige Frohe Botschaft mit dem Satz: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“
Wie wird Jesus das empfunden haben, dass da einer seiner Jünger, seiner Auserwählten, zum Verräter wird. Zugegeben, keiner seiner Jünger hat in dieser Stunde die tiefsten Hintergründe seiner Sendung verstanden. Noch beim Einzug in Jerusalem waren ihre Hoffnungen auf einen politischen Messias wieder aufgeflammt. So nimmt man an, Judas habe Jesus mit Gewalt durch seinen Verrat in die Enge treiben wollen, damit er sich endlich an die weltliche Macht setzt. Er hatte seine eigenen Vorstellungen vom Messias, die sich aber nicht erfüllt haben.
Was die Jünger auch nicht begriffen haben war die demütige Tat der Fußwaschung. Von den Jüngern wäre es keinem eingefallen an seinen Kollegen diesen Dienst zu verrichten, der Aufgabe eines Haussklaven war. Jesus selbst gürtet sich mit einem Leinentuch und beginnt dem sich dagegen wehrenden Petrus die Füße zu waschen. Und Jesus knüpft vor den verblüfften Jüngern eine Lehre daran. So wie ich getan haben, so sollt auch ihr tun und einander die Füße waschen. Ihr seid zum Dienen da, nicht zum herrschen. Leider hat das die Kirche in der Folgezeit vielfach vergessen.
Und dann kommt die Szene, wo sie sich zum Mahl niedersetzen. Paulus beschreibt sie genau in der heutigen Lesung. Eine einfache Geste mit einfachen Mitteln des Alltags spielen jetzt eine Rolle: Brot und Wein, Dinge des täglichen Gebrauchs, die tägliche Nahrung. Brot, Produkt menschlicher Mühe und menschlicher Arbeit. Vom Korn zu fertig gebackenem Brot gibt es eine Reihe von Verwandlungsprozessen, desgleichen auch beim Wein. Jesus nimmt nun die Ergebnissen menschlichen Tuns und spricht über diese Gaben: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Und: Tut diese zur Erinnerung an mich!
Über dieses Wort ist viel herum diskutiert worden, große und ausführliche theologischen Traktate habe zu begreifen versucht, was letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen ist. Romano Guardini, der große Münchner Theologe bringt es auf den Punkt: Hier gibt es nichts zu begreifen und herumzudeuteln. Die Worte Jesu sind im Glauben so zu nehmen wie sie gesprochen wurden und wie sie überliefert worden sind.
Und dieses Geheimnis der Eucharistie, der Danksagung, feiern wir täglich und sind gerade im Begriffe es wieder zu feiern. Und wir müssen uns bewusst werden, dass es da um etwas ganz Großes geht. Es ist dies die tiefste Begegnung, die uns mit Jesus möglich ist. Wir nehmen ihn in uns auf wie eine Nahrung. Und wenn wir ihn aufnehmen, dann wandelt er uns um, dann werden wir ihm immer ähnlicher werden.
Denken wir daran, wenn die die Hl. Kommunion empfangen? Steckt im Kommunionempfang nicht schon zu viel Routine dahinter. Wie bereiten wir uns vor, diesen hohen Gast aufzunehmen, wieweit sind wir bereit, den eucharistischen Herrn auch im alltäglichen Leben, also außerhalb der Kirche, Raum zu geben? Spielt nicht auch immer die Erwartung des Judas immer wieder in unser Leben hinein – einen Messias schon, aber er muss meinen Vorstellungen entsprechen? Wird nicht der Gedanke des Dienens in der Fußwaschung im alltäglichen Leben in Gedanken des Herrschens umfunktioniert?
Sie sehen, da gibt es eine ganze Menge von Fragen an uns selber, die wir uns immer wieder stellen müssen, wenn wir die Nachfolge Jesu ernst nehmen. Wer zum Tisch des Herrn geht tut das sicherlich auch im Bewusstsein der eigenen Unwürdigkeit. Aber wer ist schon würdig, wenn es um die Begegnung mit Gott geht? Petrus war es nicht und die anderen Apostel auch nicht, große Heilige haben sich immer als unwürdige bezeichnet. Aber Jesus hat sich immer den scheinbar Unwürdigen zugewandt, wenn sie nur ein offenes Herz hatten.
Jesus nimmt mit diesem Mahl Abschied von seinen Freunden. Aber was bleibt? Erinnerungen, die verblassen, Spuren, die sich verlieren? Nein, diese Freundschaft, dieser Bund mit den Menschen soll bestehen bleiben in ganz konkreten Zeichen, im Zerbrechen des Brotes und im Dienst aneinander. Auf diese Weise bleiben Freundschaft und tiefe Verbundenheit mit Gott und untereinander bestehen. Heute werden wir in besonderer Weise daran erinnert: Wie dieses Brot zerbricht, wird auch Jesus zerbrochen, aber nicht um zugrunde zu gehen, sondern um Nahrung für alle Menschen zu sein, die sich zum Tisch des Herrn eingeladen fühlen. Kein einsames Zerbrechen, sondern ein Ausgeteilt werden, eine Lebensbegleitung für uns Menschen, kein Tod für sich selbst, sondern Vorankündigung für die Vollendung aller. Diese Freundschaft trägt die Nähe Gottes in sich.
Der Gründonnerstag mahnt uns aber auch, dieses große Geschenk des gemeinsamen Brotbrechens und Mahlhaltens nicht abzuschwächen in Ersatzformen vereinfachter Feiern, weil es immer weniger Vorsteher bzw. Priester gibt.
„Gut, dass es die Pfarre gibt“, das Motto einer Pfarrgemeinderatswahl. Zu ergänzen: Gut, dass es die Gemeinde gibt. Sie wird aber nur besehen können, wenn dieses wichtige Element des Brotbrechens weiter garantiert bleibt, wenn sich die Buntheit und Vielfalt der Menschen auch in einer etwas breiteren Vielfalt der Zugangsbestimmungen in den Dienstämtern der Kirche zeigt, denn Brot ist ein lebenswichtiges Nahrungsmittel, nicht nur für unser irdisches Dasein, sondern auch „Brot des Lebens“, von dem Jesus selber sagt, dass Er es ist.
Jesus schenkt sich in den Gestalten von Brot und Wein. Brot öffnet jeden Mund. Möge dieses Brot auch unseren Mund öffnen, nicht nur um zu essen, sondern auch , um Gutes zu sagen, um einzuladen, um zu verzeihen, um Brücken zu bauen, Freundschaften anzubahnen und zu festigen zu Gott, zum Nächsten, zum Frieden in uns selbst. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

05.04.2015

Ostersonntag
Jo 20, 1-18
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Es war der erste Tag der Woche, und es war frühmorgens. Noch war es dunkel, aber soviel konnte Maria von Magdala schon sehen: Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Das Grab war leer. Schock oder Freude? Sie lief zu Petrus und dem anderen Jünger, wahrscheinlich ist es Johannes. Auch sie gingen hinaus zum Grab. Von Petrus heißt es: Er sah. Von dem anderen Jünger sagt die Schrift: Er sah und glaubte.
Nun waren die drei mit einem offenen, das heißt auch leeren Grab konfrontiert. Die ganze Logik ihrer bisherigen Erfahrung war durcheinander. Ihre Phantasie schwankte zwischen Lähmung und Elektrisiertsein. Der schon fast verglommene Docht der Hoffnung ich ihrem Herzen begann noch einmal Feuer zu fangen.
Marie von Magdala hatte nicht nur ihren Herrn verloren. Sie hatte auch den Ort ihrer Trauer, das Grab verloren. Petrus war ein Wort abzuringen. Er war vorsichtig geworden mit Reden und Deuten. Von ihm heißt es nur: Er sah. Der andere Jünger hat keine inneren Sperren: Er sah und glaubte. Nein, dieser Jesus ist nicht weggetragen worden. Er lebt, er ist nicht tot.
Als Johannes sein Evangelium aufschrieb – etwa um die Jahrhundertwende – wussten die Christen sehr genau, was mit dem Wort „glauben“ gemeint war. Da waren die Zeugen, die dem Auferstandenen begegnet waren. Da war Paulus, der von einem Verfolger zu einem Boten geworden war. Da waren die vielen in Israel, die in Jesus den Messias erkannt hatten und ihm folgten. Und da waren „die anderen“ – wir nennen sie oft „Heiden“ – die auf das Zeugnis der Boten hin in Jesus ihren Herrn erkannten. In weiten Teilen des römischen Reiches gab es die Gemeinden derer, die an Jesus glaubten. Man nannte sie „Anhänger des Neuen Weges“ und später auch „Christen“. Egal was sie vorher waren und woher sie kamen, durch Jesus, den Auferstandenen, waren sie zu etwas Neuem geworden. Neues Leben hatte sie ergriffen. Durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist waren sie zu einer neuen Gemeinschaft geworden – zur Kirche.
Auch wir stehen jedes Jahr erneut vor dem leeren Grab und vor der Botschaft von der Auferstehung. In diesem Glauben ist unsere ganze Hoffnung umschlossen, mit dieser Botschaft im Herzen besuchen wir die Gräber unserer Lieben, aus dieser Hoffnung heraus geben wir unserem Leben seinen Sinn und seine Deutung.
Und dennoch ist der Auferstehungsglaube für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2000 in Deutschland informiert darüber, dass der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu und an die Auferstehung der Toten unter den jungen Leuten zwischen 15 und24 kaum noch Akzeptanz findet.
Das Desinteresse am Osterglauben ist nur ein, wenn auch gewichtiges Beispiel für das Debakel des christlichen Glaubens in unserem Land. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist vor allem auf eine völlig auf den unmittelbaren Spaß und auf ständige Neuheitserlebnisse ausgerichtete Gesellschaft zu verweisen, in der andere und ernstere Fragen des Lebens aus dem Bewusstsein der jungen Leute verdrängt werden. Aber auch für viele aus der älteren, inzwischen vom Leben ganz gehörig durchgebeutelten Generation ist die christliche Osterbotschaft so etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Unglaubliches, dass sie Skepsis und Ablehnung auslöst.
Wer wird also uns jenen Stein vom Grab wegwälzen, jenen Stein, der endgültige Verschlossenheit zu besiegeln scheint? Die Gräber, in die wir eingeschlossen sind, es sind gar viele: der eigene, unausweichliche Tod, Krankheit, Angst, gestörte und zerstörte Beziehungen, Depression und Isolation, Misserfolge im Leben. Der Stein, den weder die Frauen noch andere wegwälzen müssen. Eine andere Macht hat ihn schon von der Stelle geräumt: Nur von Gott her können unsere Gräber geöffnet werden! Da ist von der Sonne die Rede, die über dem Grab aufgeht und Licht in die Szenerie des Todes bringt. Da wird der junge Mann genannt, im lichtfarbenen Gewand, von göttlicher Herkunft also, der zur rechten, nach antiker Vorstellung auf der Glück bringenden Seite sitzt – der Bote einer anderen Welt, der Bote des Lebens in einer Gräberwelt des Todes. Dazu kommt die Verheißung des jungen Mannes: „Er geht euch nach Galiläa voraus“ – nach Galiläa, in das Land ihres Alltags, ihres Berufes und ihrer Familie, nach Galiläa, dem Bild auch für unseren Alltag. Da sind die Frauen, die mit Zittern, Entsetzen und Furcht auf die Botschaft des jugendlichen Engels reagieren. In der Sprache der Bibel heißt dies: Sie ahnen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat, wissen aber nicht, wie.
Gott wird nun erfahren als einer, der befreit aus allen Gräbern der Welt, der wieder neues Leben schafft. Niemals lässt Gott den Menschen los, Gott weicht nicht zurück vor Unrecht und Unfrieden in der Welt und schon gar nicht vor dem Tod. Er gibt uns die Hoffnung, durch ein christliches Sterben hindurch in sein vollendetes Leben zu gehen; wir dürfen glauben, dass auch unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes an ihr Ziel gekommen sind. Der Tod zwingt die Liebe nicht in den Sarg, löst sie nicht auf ins Nichts!
Wir können auch aufatmen unter der Zentnerlast unserer Sorgen, unter der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, unter den Weltproblemen, die uns bedrücken. Denn Ostern versichert uns, dass noch ein anderer um uns weiß. Ostern beflügelt uns, die Lasten des Lebens miteinander zu teilen, es weckt die Phantasie in uns, was wir vielleicht doch noch tun und besser tun können. Österliche Menschen erheben ihre Hand im Namen des Auferstandenen, um zu versuchen, was unmöglich erscheint. Sie wälzen die Steine weg, die auf den Herzen der Menschen liegen, die Menschenherzen verschließen wie Gräber. Auf einem Poster von amnesty international ist der Spruch eines Häftlings zu lesen: „An dem Tag, an dem dein Brief kam, blühte eine Rose in meiner Zelle auf“ – ein beredtes Beispiel dafür, was österliche Menschen vermögen.
Zahlreiche Darstellungen zeigen den Auferstandenen mit einer Fahne in der Hand. Fahnen sind heute eher dekorative Elemente von Paraden und Prozessionen. Ursprünglich dienten sie als Richtungs- und Sammlungszeichen für Heerscharen. Inmitten einer anders denkenden Gesellschaft mag uns der Auferstandene mit der Fahne ein Zeichen sein, uns um ihn zu scharen und weiter der Spur zu folgen, die durch seine Auferweckung von den Toten seit fast 2000 Jahren in unserer Geschichte gelegt ist. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Gebet für die Absturzopfer:

"Gott, wo warst du?"

Regionalbischof Dieter Geerlings hat am Mittwoch (25.03.2015) an einer Trauerfeier für die Schülerinnen, Schüler und Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums in Haltern teilgenommen, die tags zuvor beim Absturz eines Germanwings-Flugzeugs in den französischen Alpen ums Leben gekommen waren. Der Weihbischof sprach ein selbst verfasstes, bewegendes Gebet, das kirchensite.de dokumentiert:

Da sind wir. Da bin ich.
Gestern noch voll von Zukunft, von Leben.
Und jetzt voll von Entsetzen, ohne innere Sprache,
ohnmächtig, voll von Trauer – der Tod.
Wer von uns ist nicht aus der Fassung geraten?
Fassungslos?

Die Gedanken bei den Eltern und Geschwistern, den Familien,
ihr unvorstellbares Leid über den Tod ihrer Kinder, der Angehörigen.
Wo am Morgen noch alles so gut war.

Die Gedanken bei den Mitschülern, die abgestürzt sind,
bei all denen, die ums Leben gekommen sind,
bei den Lehrerinnen, den Kollegen.
Das Gemeinsame, das Verbindende mit ihnen
ist plötzlich abgebrochen,
weg
zu Hause, in der Klasse,
die Freundschaften, Gespräche und, und ...

Wohin mit unserem Entsetzen,
dem Leid,
der Fassungslosigkeit
– und auch mit der inneren Empörung,
der Klage, Anklage?
Gott?!

Gott, es fällt schwer, deinen Namen zu nennen.
"Ich bin da", bedeutet er.
Aber wo warst du,
bist du jetzt?
Du scheinst so weit weg.

Warum, o Gott,
dieses Leid der Eltern,
das Ende dieser jungen Menschen,
unserer Mitschüler und Lehrerinnen,
das Leben voller Hoffnung?
Ist das dein Wille,
Gott?

Gott, du Unfassbarer,
hörst du unsere, meine Klage?
Wie ohnmächtig sind wir!
Und du?

Gott, wir haben Lichter entzündet.
Lass sie keine Lichter der Illusion sein,
die einfach wieder verlöschen wie das Leben.
Lass sie Lichter deines Lebens werden
durch unsere Tränen hindurch,
für jeden einzelnen Toten.

19.04.2015

3. Sonntag in der Osterzeit
Lk 24,35-48

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Das ist schon ein seltsames Phänomen: Da zeigen Umfragen, dass viele Menschen heutzutage - und zwar auch unter Christen – ihre Probleme haben mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung von den Toten. Aber gleichzeitig gibt es eine fast unglaubliche Hochkonjunktur des Okkultismus; man muss sich nur einmal einschlägige Sendungen im Fernsehen anschauen. Offensichtlich ist es leichter, an unsterbliche Seelen zu glauben, die mit unerledigten Aufgaben als Geister in der Welt herumspuken, oder an Wiedergeburt als an das, was eigentlich zum Fundament unseres christlichen Glaubens gehört: die Auferstehung von den Toten.
Offensichtlich aber ist das kein modernes und neues Phänomen. Denn den Jüngern im Evangelium scheint es ganz ähnlich ergangen zu sein. Obwohl sie schon von den Frauen und von den Emmausjüngern gehört haben, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt, glauben sie es nicht einmal, als er selbst plötzlich vor ihnen steht. Eher schön können sie glauben, dass es sich um einen Geist handelt. Insofern ist das heutige Evangelium brandaktuell. Die Jünger sind ja nicht so sehr die typischen Zweifler wie der Thomas, von dem wir am vergangenen Sonntag gehört haben, der nur glauben will, was er mit eigenen Augen gesehen und was er angefasst hat. Sie sind mehr der Prototyp eines Menschen, der eher etwas Okkultes, Geisterhaftes, eine Erscheinung aus dem Jenseits annehmen will als das schlichte reale Faktum: Der, der am Kreuz gestorben ist, lebt. Er ist auferstanden.
Mit dem heutigen Evangelium will uns aber Lukas vor handgreiflich vor Augen führen, dass die Auferstehung etwas grundsätzlich anderes ist als eine Geistererscheinung, eine Halluzination oder die Wiedergeburt einer unsterblichen Seele. Der Auferstandene ist zum anfassen, zum Berühren. Das ist eine klare und unmissverständliche Botschaft: „Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht!“
Wir sprechen manchmal bei Politikern oder Prominenten davon, dass das eine Persönlichkeit „zum Anfassen“ ist. Gemeint ist damit: Der oder die ist bürgernah und offen, kann auf die Menschen zugehen ohne Überheblichkeit und Arroganz, ohne Berührungsängste. Jemand zum Anfassen, das ist jemand, der eben gerade nicht distanziert auf Abstand geht. Und im Grunde will das Evangelium heute dasselbe zum Ausdruck bringen: Der Auferstandene ist eben nicht ein unnahbarer, geheimnisvoll sich entziehender Geist aus dem Jenseits, sondern der leibhaft Auferstandene, den die Jünger anfassen können, mit dem sie Mahl halten können, der auch jetzt, wie vor seinem Tod, im Mahl Gemeinschaft mit ihnen feiert.
Und zugleich wird damit deutlich – und das ist für unser Heil, für das Erlösungswerk von wesentlicher Bedeutung: Auferstehung ist nicht irgendein Spuk, eine Botschaft aus dem Totenreich, eine Halluzination. Nein, Christus ist wahrhaft auferstanden mit seinem geschundenen und verwundeten Leib. Und diesen von den Wunden gezeichneten menschlichen Leib nimmt er mit zum Vater.
In der Kunst der Gotik ist dieses Glaubensgeheimnis gerne dargestellt worden im Motiv des Gnadenstuhls: Der geschundene Leib des Menschensohnes ist dem Vater in den Schoß gelegt. Damit soll zum Ausdruck kommen: Christus legt seinen menschlichen Leib in der Auferstehung nicht ab, wie man die Arbeitskleidung nach getaner Arbeit am Feierabend ablegt. Die Menschwerdung ist vielmehr eine radikale und unwiderrufliche Entscheidung Gottes: Christus bleibt Mensch, auch wenn er als der Auferstandene und Sohn Gottes zum Vater heimkehrt.
Und das ist für uns Menschen ein wahrhaft heilsamer Gedanke. Denn in Christus, dem auferstandenen und heimgegangenen Menschensohn, hat der Mensch, und zwar jeder Mensch, einen Platz am Herzen des Vaters. Und in den Wunden, die der Leib des Auferstandenen trägt, spiegeln sich all die Verwundungen und Verletzungen, die leiblichen wie die seelischen Wunden, all die Gebrechlichkeiten unseres menschlichen Lebens. In Christus hat Gott die leidende, geschundene Kreatur ständig vor Augen.
Das ist die ganze tiefe Osterbotschaft: es ist eben nicht nur ein Teil von uns zur Auferstehung berufen. Es geht nicht bloß um die unsterbliche Seele, um ein bloßes Weitergeistern eines unsterblichen Geistes. Nein, wir sind ganz, mit Leib und Seele, mit allem, was uns als Menschen ausmacht und geprägt hat, eben auch mit unseren Verwundungen und Verletzungen, mit all den Narben unseres menschlichen Lebens, mit allem, was uns zu dem macht, was wir sind, zum Leben berufen. Nichts ist verloren.
Mit dieser österlichen Botschaft leben wir. Tun wir das aber wirklich? Wir müssen doch alle immer wieder zugeben, dass sich in unser Leben immer wieder ein Stückchen Hoffnungslosigkeit einschleicht, ein Schatten des Zweifels und der Resignation. Wir leben oft innerlich aufgespaltet zwischen dem, wie wir sagen, Himmlischen und Weltlichen. Die Einheit und das Miteinander zu finden fällt uns schwer. Schauen sie sich einmal die barocken Gemälde unserer Kirchen an. Da wird ihnen vielleicht etwas auffallen. Diese Bilder sind fast alle zweigeteilt. In der unteren Bildhälfte sehen wir zum Beispiel das Martyrium eines Heiligen, im oberen Bildteil öffnet sich der Himmel, der den Heiligen krönt. Und diese beiden Bildteile bilden eine unzertrennliche Einheit.
Und genau das sollten wir leben. Wir müssen uns die Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben immer wieder bewusst machen. Wir sollten uns darin üben auch in unserem ganz gewöhnlichen alltäglichen Leben Kontakte zu Jesus, dem Auferstandenen herzustellen, indem wir ihn einbinden in unsere Gedanken, in unsere Sorgen und in unsere Freuden. Dadurch öffnen wir uns für das große Geschenk des Glaubens, wir, die wir nicht mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können. Dann gilt für uns das Wort, das Jesus zu Thomas gesprochen hat: „Selig die nicht sehen und doch glauben!“ Amen.
P. Paul MühlbergerSJ

26.04.2015

4. Sonntag in der Osterzeit
1 Joh 3,1-2
Joh 10,11-18
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„Religion ja - organisierte Religion nein!“ - so oder ähnlich lautet unter den Megatrends 2000 das Ergebnis neuester Meinungsforschung zum Thema „Religion in der heutigen Gesellschaft“. Organisierte Systeme sind nicht gefragt, weder demokratische noch religiöse. Offenheit für einen letzten Sinn, für den Geheimnischarakter des Lebens, für das Numinose im Kosmos sind jedoch allenthalten verbreitet. Die Soziologen sprechen seit Jahren von der „unausrottbaren“ Religiosität unserer Gesellschaft. Man ist fasziniert von esoterischen Ideen und Praktiken, von Strömungen, in denen die Natur geradezu mystifiziert wird, von alten Mythen und neuer Gnosis, von allerlei Sekten und Gruppierungen. Institutionelle Formen und Formeln der Religion und des Glaubens hingegen nehmen ab. Man spricht von einer „diffusen“ Religiosität. Ja, man könnte die Einstellung vieler oft sogar präzisieren: „Religion ja - personaler Gott nein!“. Die Versuchung, auf dem Hintergrund dieser religiösen Landschaft sich von der kirchlichen Religiosität weitgehend zu lösen, ist groß, auch für den, der sich bislang als katholischer oder evangelischer „Normalschrist“ verstanden hat.
In dieser Situation wird uns ein Text aus dem 1. Johannesbrief vorgetragen. Er scheint im ersten Moment kaum Hilfe und Orientierung zu bieten, kaum eine größere Klarheit zu schaffen und unseren Bedürfnissen und Fragen zu entsprechen. Die Reden von den „Kindern Gottes“ wirkt eher frömmelnd, auf keinen Fall attraktiv für einen heutigen Menschen. Doch fragt man nach dem „Sitz im Leben“ dieses Briefes, dann lösen sich unsere Vorurteile vielleicht auf: Er war an Christen gerichtet, die von Leuten beeinflusst und in die Enge gedrängt sind, die sich vordergründigen religiösen Ideen geöffnet haben; von Leuten, die einen neuen und endgültigen Zugang zu Gott zu haben meinen, die in schwärmerische Religiosität verfallen sind. Die Antwort, die der Text zu geben scheint könnte in ihrer Schlichtheit auch für uns zu einer christlichen Orientierung unserer eigenen, im Grunde gar fragwürdig gewordenen Religiosität werden.
Mit unverhohlenem Stolz sprechen die frommen Israelis in ihrem Land von den „Kindern Israels“. „Wir heißen Kinder Gottes und sind es“. Das gilt auch für uns. Kinder Gottes zu heißen und zu sein, das hat seine eigene Qualität. Als „Kinder Gottes“ sich zu verstehen - das muss kein infantiles Gerede sein! Wenn man es wirklich versteht klingt es geradezu wie ein christlicher Hoheitstitel. Gemeint ist die besondere, enge und vertrauensvolle Beziehung, in der wir als Christen zu Gott stehen. Dies beinhaltet Geborgenheit in Gott, Angenommen sein durch ihn. Das bedeutet eine unwahrscheinliche innere Freiheit. „Kinder Gottes zu sein“ beschreibt die neue Realität, in der wir als Christen leben dürfen.
Kinder sind noch nicht erwachsen, Kinder haben noch ihre Zukunft vor sich, ihr Lebensentwurf ist noch nicht abgeschlossen. Sie wissen, dass sie auf andere angewiesen und noch nicht am Ziel sind. So steht uns als Christen noch etwas bevor, so haben wir noch etwas zu erwarten: die „Schau Gottes“. Die Begegnung mit ihm von Angesicht zu Angesicht ist das, was wir für die Zukunft erhoffen dürfen, was unsere irdische Existenz verwandeln, uns gottähnlich machen wird.
Dieser Text aus dem Johannesbrief kann uns Christen von Heute das Vertrauen zu einem Gott vermitteln, der um uns weiß, von dem wir uns angenommen wissen dürfen. Er wehrt aller überzogenen Schwärmerei innerhalb und außerhalb der Kirche, die meint, Gotteserfahrungen geradezu abrufen zu können, gleichsam in der Tasche zu haben. Dieser Brief ist ein Vademecum, mit dessen Inhalt man als Christ auch in der heutigen Zeit, auch in einem unübersichtlich gewordenen religiösen Milieu leben kann.
Das Evangelium gibt uns Antwort und sagt etwas aus über die Frage nach der richtigen Führung. Wem sollen wir uns anvertrauen. Dem guten Hirten darf das Schaf getrost vertrauen. Wehe aber, es fällt einem falschen Führer zum Opfer. Ausdrücklich warnt das Johannesevangelium vor den falschen Führern, die überall lauern. Sie führen die Gemeinde nicht mit dem nötigen Einsatz, sie machen sich aus dem Staub, wenn Probleme auftauchen.
Das Angebot an Stimmen, die uns Führung verheißen, wird ständig größer. Der Markt für die Führung zum Seelenglück ist beinahe unüberschaubar. Wie lässt sich in dieser Stimmenvielfalt die Stimme des guten Hirten erkennen? Dafür gibt es eine Leitfrage: Gilt die Stimme dem Menschen oder dem finanziellen Nutzen? Der gute Hirte hat ein Herz für den Menschen, er kennt seine Schäfchen, er lässt sie nicht im Stich. Die Autoren der Esoterikliteratur leisten keine spürbare Lebenshilfe, sie erfreuen sich aber garantiert guter Einnahmen. Auf dem expandierenden Therapiemarkt sind die Psychologen fragwürdig, die vor allem an hohen Rechnungsbeträgen interessiert sind. In der Sektenlandschaft ist der Machtmissbrauch bekannt. Psychisch labile Menschen lassen sich aber leicht einfangen. Scientology verspricht geistig-seelischen Fortschritt durch die Teilnahme an teuren Kursen. Stattdessen ist das Ziel aber psychische Abhängigkeit, um den Schäfchen besser das Fell abziehen zu können. Leben in Fülle wird propagiert, aber das große Geld wird auf jeden Fall gemacht.
Wir hören also viele Stimmen. Um die gefährlichen und verführerischen von den tragenden und führenden unterscheiden zu können, müssen wir äußerst wachsam sein. Die Stimme des Guten Hirten will uns nicht ausnutzen und missbrauchen. Der Gute Hirt ist bereit, uns auf seinen Schultern zu tragen, wenn wir selbst nicht mehr laufen können. Es gibt kaum tröstlichere Worte als die, die uns im Psalm 23 aufgeschrieben sind, wo vom Guten Hirten die Rede ist:
Hören wir diesen Text in der Übersetzung von Martin Buber:

Er ist mein Hirt, mir mangelt´s nicht.
Auf Grastriften lagert er mich, zu Wassern der Ruh führt er mich.
Die Seele bringt er mir zurück, er leitet mich in wahrhaftigen Gleisen um seines Namens willen.-
Und muss ich gehen durch Todschattenschlucht, fürcht ich nicht Böses,
denn du bist bei mir, dein Stab, deine Stütze - die trösten mich.
Du rüstest den Tisch mit meinen Drängern zugegen,
streichst das Haupt mir mit Öl, mein Kelch ist Genügen.
Nur Gutes und Holdes verfolgen mich nun all Tage meines Lebens,
ich kehre zurück zu Deinem Haus für die Länge der Tage.

P. Paul Mühlberger SJ

03.05.2015

5. Sonntag in der Osterzeit
1 Joh 3,18-24
Joh 15, 1-8
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Es war während einer Bibelrunde, wo genau dieser Text betrachtet wurde, den wir soeben gehört haben. In diesem Text sollte darauf hingearbeitet werden, die lebensvolle Beziehung eines Christen zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Überraschenderweise aber blieben die meisten Leute an der Drohung mit dem Feuer hängen. Für sie war das Bild vom Verbrennen der dürren Rebzweige stärker als der Impuls des lebenspendenden Weinstocks.
Damit sind wir auf eine Seite des Christenseins gestoßen, die wir in unserer Zeit häufig verdrängen. Was die Höllenprediger in vergangenen Zeiten zu viel des Guten getan haben, ist heute in den Hintergrund getreten. Vielleicht liegt es auch an den Mitteln, mit denen in früheren Zeiten die Möglichkeit des Scheiterns besprochen worden ist. Ich lehne es ab, mit Angstmacherei zu arbeiten. Dafür ist mir die Botschaft vom guten Gott zu schade. Das Feuer des Bildwortes vom Weinstock ist nicht das Höllenfeuer, nicht der Feuersee, in dem die unsterblichen Seelen ewige Qualen leiden. Es ist schlicht das Feldfeuer, in dem nutzlose Abfälle beseitigt werden. In der vorliegenden Schriftstelle geht es sicherlich nicht um die Spekulation mit Bildern von Brandwunden und sadistischen Quälereien mit dem Feuer. Es stellt anschaulich die Möglichkeit der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit vor Augen, die einen jeden Menschen überfallen kann, wenn er Bilanz seines Lebens zieht.
Ich frage mich immer öfter, ob uns Christen die Dringlichkeit und die Notwendigkeit des Fruchtbringens hinreichend bewußt ist. An den Früchten, die wir bringen, wird unser Leben einmal bemessen werden. Dabei stehen auch wir unter einem gewissen Erfolgsdruck. Die Forderung Frucht zu bringen gilt aber nicht nur dem einzelnen im Sinne von „Rette deine Seele“, dem früheren Leitgedanken der Volksmissionen, sie gilt der Kirche als ganzer und auch jeder einzelnen Gemeinde.
Es wäre einseitig und zu kurz gegriffen, wollten wir das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, von der Aufforderung in inniger Verbindung mit Christus zu bleiben, einfach individuell persönlich zu verstehen im Sinne: Siehe zu, dass du mit Jesus Christus in Kontakt bleibst, dass deine mystische Gemeinschaft mit ihm nicht verkümmert oder verloren geht. Dies ist nur eine Dimension dieser Jesusrede. Die meines Erachtens noch wichtigere wird erst sichtbar, wenn wir uns den Bezug zum Alten Testament vergegenwärtigen. Das Bild vom Weinstock ist nicht neu. Die Propheten vergleichen Israel mit einem Weinberg oder Weinstock. Gott ist der Winzer. Sein Volk bringt nicht die erwarteten Früchte.
Wenn nun Christus von sich sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“, so erhebt er damit den Anspruch, dass er der Wurzelstock eines neuen Gottesvolkes ist. Die Jünger, die mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, bringen die ersehnten Früchte. Er und seine Jünger sind der neue Weinstock Gottes. Gott ist der Winzer. Er pflegt seinen Weinstock, reinigt ihn, schneidet ab, was dürr und nutzlos ist.
Es geht hier wirklich einmal darum, dass wir uns ernstlich fragen, wie unsere Verbindung mit Jesus beschaffen ist. Es fällt ja immerhin auf, dass in unserem Text das Wort „bleiben“ nicht weniger als neunmal verwendet wird. Wenn Jesus dieses Wort so betont, will er sicher etwas unterstreichen. Zunächst verwendet er das Wort in einem Beispiel. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie am Weinstock bleibt. Ohne diese Verbindung würde die Rebe verdorren und absterben. Dann überträgt Jesus das Bild auf die Verbindung seiner Freunde zu ihm selber. Auch die Anhänger Jesu können nur Frucht bringen, wenn sie den Zusammenhalt mit ihrem Meister nicht verlieren.
Jesus beschreibt diese Verbindung noch genauer. Er sagt, dass es seine Worte sind, die in seinen Jüngern bleiben sollen. Ein Wort, das man hört, kann sein wie ein Windhauch. Es wird gesprochen und verweht, ohne dass es Eingang findet in den Hörer. Ein Wort kann sein wie ein Hammerschlag, der einen bleibenden Eindruck schafft, ein Wort kann sein wie ein Wunder, welches das Leben eines Menschen nachhaltig verändert. Ein Wort kann ein Vermächtnis sein, das in einem Menschen weiterlebt und wirkt. Wenn das, was er gesprochen hat, in seinen Jüngern fortbesteht, lebt und wirkt er selber in ihnen.
Man liebt heute in vielerlei Angeboten das englische Wort „light“, was „leicht“ bedeutet. Das Wort hört man auch manchesmal in einem religiösen Zusammenhang. Im Klartext heißt das: es besteht der Trend zu einer christlichen Bequemlichkeit. Wir lieben die Harmonie. Gott ist gut, sagen wir. Beim Lied vom „Strengen Richter aller Sünder“ singen wir nicht mehr mit. Beichten waren wir schon lange nicht mehr. Wir glauben nicht mehr, dass man alle Gebote so ernst nehmen müssen, auch nicht die Vorschriften der Kirche. Im „Zustand der Todsünde leben“ – nicht einmal den Begriff kennen wir noch. Dass man vor der Ehe schon jahrelang zusammenlebt und dass das nicht in Ordnung ist, können wir uns nicht mehr vorstellen. Gott hat wohl andere Sorgen. Statt Droh-Botschaft: Froh-Botschaft. In der Bibel überschlagen wir die unangenehmen Stellen oder interpretieren sie nach unserem Geschmack. Glaube light! Heißt die Parole. In der Gemeinde gehen wir lieb miteinander um. Nur keine Konflikte. Alles möglichst harmonisch. In der Gestaltung des Gottesdienstes suchen wir krampfhaft nach immer neuen Gags und nach Action, um die Einschaltquoten zu verbessern.
Wer gibt schon zu, dass es bei alldem langweilig geworden ist in der Kirche. Was saftig ist und vital, was spannend ist und starke Gefühle auslöst, was kreativ ist und kritisch, das ist bei uns nicht gefragt. Stattdessen gibt es eine Inflation von Wörtern, von Worthülsen und frommen Phrasen. Und viel bedrucktes Papier. Und das Schlimmste daran: Das alles ist folgenlos. Folgenlos deshalb, weil das Wesentliche nicht mehr betrachtet wird. Es geht in unserer Messfeier z.B. nicht um einen Unterhaltungseffekt, es geht nicht um eine Show oder wie man jetzt sagt um einen Event. Man kann ja leider auch mit unklug gewählten Gestaltungsbeigaben die Sache selbst verwässern.
Doch genug damit. Ich habe wieder einmal das Gefühl, ich habe den falschen Leuten gepredigt. Diejenigen, denen ich das sagen wollte, sind leider nicht hier, sind abwesend, nicht nur in dieser Kirche, sondern überhaupt in den Kirchen. Die denen ich das sagen wollte sitzen schon längst in ihrem Auto und fahren ins Grüne oder schlafen sich einmal aus. Die, denen ich das sagen wollte, würden sich vielleicht die Ohren zuhalten, weil sie die Dinge gar nicht hören wollen. Die, denen ich das sagen wollte, wollen keine Rebe sein und kümmern sich auch nicht um den Weinstock und ans Früchte bringen denken sie nicht. Sie machen es sich leicht, denn die Höllenbilder von Breughel und Bosch sind für sie nur Kunst und religiöse Phantasie und Dante „Göttliche Komödie“ erfüllt sie nicht mehr mit Schaudern.
Wenn ich etwas über mich sagen soll? Ich habe keine Angst vor Gott und ich habe auch keine Angst vor dem Teufel, weil ich in der Freundschaft mit Gott lebe. Aber ich habe immer ein wenig Angst vor mir selbst, weil ich zurückblickend sagen kann, dass mein Fruchtbringen nicht so gewaltig war. Oder war es das doch – bei jedem von uns? Haben wir nicht doch in unserem Leben gute Früchte gebracht und es ist uns verborgen. Welchen Einfluß hatte unser Gebet in unserer Welt und bei unseren Mitmenschen? Wie viele unsere Opfer, Mühen und Nöte haben Segen gebracht für die Menschen? Sehen sie, wenn ich daran denken, dann schwindet die Angst dahin- die Angst vor mir selbst – denn ich weiß: mein bescheidener Kontakt mit dem Weinstock hat in mir doch bewirkt, dass ich Früchte hervorbrachte. Es war nichts in meinem Leben umsonst und nichts sinnlos, weil mein Leben immer in Zusammenhang mit dem Erlöser gewesen ist.
Man soll und kann heute nicht mehr einem Menschen mit einer Höllenpredigt Angst machen. Aber es ist gut, wenn wir uns Menschen immer wieder erinnern an unsere Verantwortung, denn auch der Satz gehört zur Frohen Botschaft, wo es heißt: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“
Mit welchem Recht könnten wir gerade diesen Satz aus dem Evangelium ausstreichen? Amen.



Du mein Gott,
von Dir sich entfernen heißt fallen,
zu Dir zurückkehren heißt sich erheben,
in Dir bleiben heißt auf sicheren Grund bauen.

Weggehen von Dir heißt sterben,
zurückkehren zu Dir heißt auferstehen,
wohnen in Dir heißt leben.

Keiner verliert Dich, ohne getäuscht zu sein,
keiner sucht Dich, ohne gerufen zu sein,
keiner findet Dich, ohne gereinigt zu sein.

Dich verlassen heißt verlorengehen,
Dich suchen heißt Dich lieben,
Dich sehen heißt Dich besitzen.

Der Glaube drängt uns zu Dir,
die Hoffnung führt uns hin zu Dir,
die Liebe vereinigt uns mit Dir. Amen.

Agustinus



P. Paul Mühlberger SJ