11.10.2015

28. Sonntag im Jahreskreis
Weish 7,7-11
Mk 10, 17-30
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„Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“
Was denken sie, wenn sie diesen Satz lesen. Da gab es irgendwo einen Arzt, der seinem Patienten auf Grund seiner Lebensgewohnheiten auf seinem Handy die noch übrige Zeit seines Erdenlebens vorausberechnet hat. Nein, bitte so nicht. Es geht nicht darum in einer ständigen Ängstlichkeit auf den Rest unserer Tage zu blicken, es geht letztlich um die Erringung von Weisheit. Sind sie schon einmal einem weisen Menschen begegnet? Da muss kein Vielwisser gewesen sein, der unter Umständen ein ganzes Lexikon im Kopf, das muss viel eher ein Mensch sein, der die Welt in der er lebt und sein eigenes Leben in Einklang bringen kann. Das muss ein Mensch sein, der die richtige Perspektive für sein Leben und das ganze Drumherum im Blick hat. Von dieser Weisheit sind wir alle wohl noch weit entfernt. Wir merken das am ehesten, wenn uns manchmal die Arbeit über den Kopf wächst, wo wir in Situationen kommen, wo wir nicht ein noch aus wissen. Während wir ängstlich auf der Suche nach Lösungen hilflos herumtorkeln findet der Weise schnell wieder einen Halt, weil er es versteht, die Dinge in sein Leben einzuordnen. So ein weiser Mensch kann sogar in seinem Leid einen Sinn finden, weil es ihm hilft, reifer zu werden und verständnisvoller für das Leid anderer Menschen und weil er last not least an etwas glaubt, nicht an ein blindes Schicksal, sondern an einen persönlichen Gott, der durch sein Leiden allem menschlichen Leid einen Sinn gab.
Der junge Mann, der uns im Evangelium begegnet ist, hatte diese Weisheit nicht. Er war fromm, er hielt die Gebote und er hatte auch eine Perspektive, die über das materielle Leben hinausging, denn „er wollte das ewige Leben gewinnen“. Als ihn Jesus aber zu einer höheren Art der Nachfolge berief, stieg er aus. Die Forderungen Jesu waren ihm zu hoch, denn er war sehr reich.
Der junge Mann liegt ganz im Trend, wenn er Jesus fragt: „Was muss ich tun?“ Oder noch besser: „Was soll ich noch alles tun?“
Für mich ist das nicht nur eine Frage, sondern auch eine Aussage über sein Gottesbild und sein Glaubensverständnis. Denn er meint offensichtlich, dass er nur genügend tun muss um das ewige Leben zu erlangen. Dabei vergisst er aber, dass man das ewige Leben gar nicht gewinnen kann, denn es gehört uns ja schon. Er glaubt an einen Gott, der eine Leistung von ihm verlangt, an einen Gott, der mitrechnet, ob er wohl genug gute Taten aufweist –doch er vergisst, dass dieser Gott ihm vor aller Leistung schon das Leben geschenkt hat.
Nun gibt es also keine Leistung, mit der man sich den Himmel verdienen könnte. Dennoch ist es nicht ganz egal, wie man handelt. Und daher gibt Jesus dem Mann doch einen Auftrag, mit dem dieser nicht gerechnet hatte. Und das geht ihm zu weit. Er möchte die Sicherheit des Lebens nicht aufgeben für die Unsicherheit der Gefolgschaft Jesu.
Es wäre nun leicht, mit dem Finger auf ihn zu zeigen, weil er dazu nicht bereit ist. Doch steht er stellvertretend für die meisten Christen seit der Urkirche. Denn mit dieser Aussage Jesu ist der Stachel der Besitzlosigkeit dem Christentum von Anfang an eingesetzt. Es wurde nie das generelle Lebensprinzip der Christen, völlig besitzlos zu sein. Und nur wenige Menschen haben es geschafft, diese Radikalität aufzubringen, wirklich alles für ein Leben in der Nachfolge herzugeben: vor wenigen Tagen haben wir einen davon, Franz von Assisi, gefeiert.
Jesus sagt aber auch nicht, dass nur die Besitzlosen ins Himmelreich kommen; er meint nur: Besitz und großer Reichtum stellen eine Gefahr dar. Die Gefahr lautet: Der Besitz könnte dazu führen, zu meinen, ich kann mir selber alles leisten oder alles richten; ich bin nicht abhängig von anderen. Und das kann zur Frage führen: Wozu brauche ich da einen Gott? Und jetzt sind wir wieder dort, wohn unsere Lesung uns geführt hat: bei der Weisheit.
Die wahre Weisheit ist es, sein Herz an die richtigen Dinge zu hängen. Weisheit hilft, mit dem Besitz so umzugehen, dass man nicht von ihm besessen ist. Damit wird der Reichtum nicht abgewertet – ganz im Gegenteil: Die Bibel schätzt Reichtum und Besitz an sich sehr hoch ein und er gilt als Geschenk Gottes mit der abzuleitenden Verantwortung des rechten Umgangs mit ihm. Doch die große Frage ist eben, wie klug man mit dieser Gabe Gottes umgeht. Ein solcher weiser Umgang wird von einem Sannyasi, einem indischen Wandermönch, berichtet:
„Der Sannyasi hatte den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen, als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte: ‚Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein! ‘ ‚Welchen Stein? ‘ fragte der Sannyasi. ‚Letzte Nacht erschien mir Gott Shiwa im Traum‘, sprach der Dörfler, ‚und sagte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen Sannyasi finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.‘ Der Sannyasi durchwühlte seinen Sack und zog einen kostbaren Stein heraus. ‚Wahrscheinlich meinte er diesen hier‘, als er dem Dörfler den Stein gab. ‚Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.’ Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Wahrscheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war so groß wie ein menschlicher Kopf. Er nahm den Diamant und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den Sannyasi bei Anbruch der Dämmerung und sagte: ‘Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglichte, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben. ‘“

Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz
Nochmals die Eingangsfrage: „Was muss ich tun um das ewige Leben zu erlangen?“ – Die entlastende Antwort der heutigen Schriftstellen auf diese Frage lautet: Ich muss Gott nicht erst gnädig stimmen, denn er liebt mich wie ich bin. Ich muss mir auch den Himmel nicht verdienen, denn er gehört mir grundsätzlich als Kind Gottes ja schon.

Dennoch ist damit nicht einem Relativismus das Wort geredet: dass es sowieso egal ist, was man tut. Denn ich kann mir mit meinem Tun den Weg zu diesem Himmelreich auch verbauen; ihn mühsam machen oder auf Abwege geraten. Die Gefahr zu solchen Abwegen sieht Jesus in großem Besitz gegeben, weshalb er dazu rät, diesen abzulegen bzw. für die Armen einzusetzen.

Wenn auch für die meisten von uns wohl nicht die radikale Besitzlosigkeit einzelner Heiliger oder Ordensleute den gangbaren Weg darstellt, so bleibt dennoch die Frage als Stachel und Mahnung bestehen, die da lautet: Woran hänge ich mein Herz? Denn dort, wo mein Schatz ist, da ist auch mein Herz.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

18.10.2015

18.10.2015 Weltmissionssonntag

HIRTENWORT ZUM WELTMISSIONS-SONNTAG 2015

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch. Sie ist gesandt, das Evangelium Jesu Christi allen Menschen zu verkündigen, die Frohbotschaft der Erlösung bis an die Enden der Erde zu tragen. Die Kirche, das sind wir alle: das pilgernde Gottesvolk. Daran erinnerte vor 50 Jahren das Zweite Vatikanische Konzil mit der Veröffentlichung des Dekrets über die Missionstätigkeit der Kirche („Ad Gentes“). Daran wollen wir auch heute, am Weltmissions-Sonntag, der auf der ganzen Welt gefeiert wird, erinnern. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch (AG 2): Mission gehört untrennbar zur Identität derKirche, weil es die wesentliche Aufgabe der Kirche und jedes einzelnen Getauften ist, allen Menschen Christus zu zeigen, die menschgewordene Liebe Gottes.
Zwar hat sich die Kirche heute fast bis an die Enden der Erde ausgebreitet – die Mehrzahl der etwa 1,2 Milliarden Katholiken lebt in Lateinamerika, Afrika, Asien und Ozeanien – dennoch hat auch die Zahl derer, die Christus noch nicht kennen, zugenommen. Wie einst seine Jünger, so sendet Christus uns heute auf die Straßen der Welt, um Sein Evangelium allen Völkern bekannt zu machen. Längst kommt die Mehrzahl der Missionare nicht mehr aus Europa, sondern aus Asien, Afrika und Lateinamerika. Die Mission geht überwiegend nicht mehr von Europa aus, sondern findet in weltkirchlichen Dimensionen statt: Afrikanische Missionare wirken in afrikanischen Ländern oder bauen die Kirche in Asien auf, südamerikanische Missionare verkünden das Evangelium in Südostasien. Ja, heute kommen Missionare aus früheren Missionsgebieten auch zu uns! Ihr Zeugnis für das Evangelium berührt, denn gerade sie, die in ärmeren Lebensumständen aufgewachsen sind, bezeugen uns die Kraft der Hoffnung, die Christus schenkt.
Zu Beginn dieses Jahres besuchte Papst Franziskus jenes Land Asiens, das unzählige Missionare in alle Welt entsendet:
die Philippinen,dasdiesjährige Beispielland der Päpstlichen Missionswerke in Österreich. Von den rund 130 Millionen Christen Asiens sind gut 80 Millionen Filipinos. Dieses Land hat nach Ansicht der Päpste unserer Epocheeine ganz „spezielle Berufung zur Mission“ – vor allem in Asien, wo Millionen Menschen bis heute noch nie vom Evangelium der Liebe Gottes gehört haben. Hier entstand 1969 das erste Verkündigungsradio, „Radio Veritas“, das heute in 16 Sprachen in den gesamten südostasiatischen Raum ausstrahlt. Länder wie China, Myanmar, Vietnam und Kambodscha waren lange kommunistische Diktaturen, in denen den Christen jegliche
Missionstätigkeit verboten wurde. Über „Radio Veritas“ konnten die Menschen dennoch die Frohe Botschaft empfangen. Heute noch wird dieser katholische Radiosender zu 80 Prozent von Menschen gehört, die nicht Christen sind, hier aber die Chance haben, der Botschaft Christi zu begegnen. Ohne Ihre Spende zum Weltmissions-Sonntag könnte
„Radio Veritas“ gar nicht existieren: Es gehört zu den vielen segensreichen Projekten, die durch den Solidaritätsfonds der Päpstlichen Missionswerke unterstützt werden, für den am Weltmissions-Sonntag gesammelt wird.
Am Beispiel der Philippinen können wir erkennen, dass Mission auch bedeutet, die Ursachen der tief verwurzelten Ungerechtigkeit zu erkennen und zu bekämpfen, weil sie in krassem Widerspruch zur Lehre Christi stehen. Ein großes Problem ist hier der aus Armut geborene Menschenhandel. Zehntausende Mädchen und junge Frauen aus armen Familien werden zur Ware von skrupellosen Menschenhändlern, die vor allem vom menschenunwürdigen Sextourismus profitieren. Mutige Priester, Ordensleute und christliche Laien gehen in die Slums und zu den Müllhalden, sind den Menschen nahe und geben ihnen die Erfahrung, von Gott geliebt zu sein. Die Kirche betreibt mobile Schulen und gibt Straßenkindern ein Zuhause. Sie ist auf den Philippinen – und in weiten Teilen der Welt – tatsächlich eine arme Kirche bei und für die Armen.
Mission ist gegenseitiges Geben und Empfangen: Verbundenheit, Sich-nahe-sein als Schwestern und Brüder im Glauben an Jesus Christus. Dabei geht es nicht nur um das Teilen der materiellen Ressourcen. Wir sollen auch füreinander beten, aneinander denken, ja voneinander lernen! Aus den Begegnungen mit den Schwestern und Brüdern in aller Welt, deren Freude und Hoffnung Frucht ihres lebendigen Glaubenslebens sind, erhalten auch wir wichtige Impulse für unser eigenes Leben als Glaubende in der modernen Welt.
Der Weltmissions-Sonntag ist den Bischöfen Österreichs ein Herzensanliegen, denn wir tragen nicht nur dafür Verantwortung, Christus in unserer Heimat Österreich sichtbar zu halten, sondern sind dazu gesandt, am Heil der ganzen Welt mitzuarbeiten (vgl. AG 38). Diese Sendung Jesu Christi schließt alle Getauften – das durch die Geschichte pilgernde Gottesvolk – ein. Deshalb bitten wir Sie heute, das Netzwerk der christlichen Nächstenliebe durch Ihr Gebet und mit einer großzügigen Spende zu unterstützen. Durch Ihre Mithilfe sichern die Päpstlichen Missionswerke die Grundversorgung der 1180 Missionsdiözesen, damit allen Menschen die Liebe Gottes verkündigt werden kann.

Mit der Bitte um die mütterliche Fürsprache Mariens für die Mission und für uns alle erteilen wir Ihnen und allen, mit denen Sie in Liebe verbunden sind, den bischöflichen Segen!

DIE ERZBISCHÖFE UND BISCHÖFE ÖSTERREICHS IM OKTOBER 2015

18.10.2015

18.10.2015 Weltmissionssonntag Papstwort

Papst Franziskus: Botschaft zum Weltmissions-Sonntag

Liebe Brüder und Schwestern,

der Weltmissionssonntag 2015 findet im Kontext des Jahres des gottgeweihten Lebens statt und empfängt daraus einen Impuls für das Gebet und die Reflexion. Denn, wenn jeder Getaufte berufen ist, Jesus, den Herrn, durch das Verkünden des als Geschenk empfangenen Glaubens zu bezeugen, so gilt das in besonderer Weise für die gottgeweihte Person, denn zwischen dem gottgeweihten Leben und der Mission besteht eine enge Verbindung. Die Jesusnachfolge, die das Entstehen des geweihten Lebens in der Kirche bestimmt hat, ist die Antwort auf den Ruf, das Kreuz auf sich zu nehmen und Ihm zu folgen, seine Hingabe an den Vater und seine Gesten des Dienstes und der Liebe nachzuahmen und so das Leben zu verlieren, um es neu zu finden. Und da die gesamte Existenz Christi von der Mission geprägt ist, gilt dies auch für Männer und Frauen, die ihm in besonderer Weise folgen.

Die missionarische Dimension, die wesentlich zur Kirche gehört, wohnt jeder Form des gottgeweihten Lebens inne und darf nicht vernachlässigt werden, da dies eine Leere hinterlassen würde, die das Charisma verzerrt. Mission bedeutet nicht Proselytenmacherei oder reine Strategie, Mission ist Teil der „Grammatik“ des Glaubens, sie ist unumgänglich für denjenigen, der die Stimme des Geistes hört, der ihm zuflüstert: „komm“ und „geh“. Wer Christus nachfolgt, muss zum Missionar werden; denn er weiß, dass Jesus «mit ihm geht, mit ihm spricht, mit ihm atmet, mit ihm arbeitet. Er spürt, dass der lebendige Jesus inmitten der missionarischen Arbeit bei ihm ist» (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 266).

Mission ist Leidenschaft für Jesus Christus und gleichzeitig Leidenschaft für die Menschen. Wenn wir im Gebet vor dem gekreuzigten Jesus verweilen, erkennen wir die Größe seiner Liebe, die uns Würde verleiht und uns trägt; und in diesem Moment spüren wir, dass diese Liebe, die aus seinem durchbohrten Herzen kommt, sich auf das ganze Volk Gottes und die ganze Menschheit erstreckt; und genau dann spüren wir, dass Er uns als Werkzeug nehmen will, um seinem geliebten Volk immer näher zu kommen (vgl. ebd., 268) und allen, die aufrichtig nach ihm suchen. Der Auftrag Jesu des „Geht hinaus!“ umfasst immer wieder neue Szenarien und Herausforderungen, mit denen sich die Evangelisierungstätigkeit der Kirche konfrontiert sieht. In der Kirche sind alle berufen, das Evangelium durch das eigene Lebenszeugnis zu verkünden; und in besonderer Weise wird von gottgeweihten Personen verlangt, dass sie die Stimme des Geistes hören, der sie dazu aufruft, an die großen Peripherien der Mission zu gehen, zu den Völkern, bei denen das Evangelium noch nicht angekommen ist.

Der fünfzigste Jahrestag des Konzilsdekrets Ad gentes lädt dazu ein, dieses Dokument, das bei den Instituten des gottgeweihten Lebens starke missionarische Impulse freisetzte, neu zu lesen und zu bedenken. In den kontemplativen Ordensgemeinschaften erschien die Figur der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die als Schutzpatronin der Missionen die enge Verbindung zwischen dem kontemplativen Leben und der Mission inspiriert, in neuem Licht und mit neuer Aussagekraft. Viele religiöse Gemeinschaften des aktiven Lebens setzten die vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausgelöste missionarische Sehnsucht durch eine außerordentliche Öffnung gegenüber der Mission ad gentes um, die oft mit der Aufnahme von Brüdern und Schwestern aus Ländern und Kulturen einherging, denen sie bei der Evangelisierung begegnet waren, so dass man heute von einer weit verbreiteten interkulturellen Dimension des Ordenslebens sprechen kann. Aus diesem Grund ist es besonders wichtig, das Ideal der Mission aus seinem Mittelpunkt Jesus Christus und seinen Anspruch der totalen Selbsthingabe für die Verkündigung des Evangeliums zu erschließen. Dabei dürfen keine Kompromisse gemacht werden: wer, durch die Gnade Gottes, den Missionsauftrag annimmt, ist berufen aus dem Geist der Mission zu leben. Aus diesem Grund ist für diese Personen die Verkündigung Christi an den vielfältigen Peripherien der Welt die Art, die Christusnachfolge zu leben. Sie entlohnt für viele Mühen und Entbehrungen. Jede Tendenz, von dieser Berufung abzuweichen, auch wenn es dafür viele edle Gründe gibt, die mit pastoralen, kirchlichen und humanitären Erfordernissen in Verbindung stehen, stimmt nicht mit dem persönlichen Ruf durch den Herrn zum Dienst am Evangelium überein. Die Ausbilder in den Missionsinstituten sind dazu aufgerufen, sowohl auf diese Lebens- und Handlungsperspektive klar und offen hinzuweisen, als auch maßgeblich echte Missionsberufungen zu erkennen. Ich wende mich vor allem an junge Menschen, die noch fähig sind, ein mutiges Zeugnis abzulegen und großherzige Unternehmungen anzugehen und dabei manchmal auch gegen den Strom zu schwimmen: lasst euch den Traum von der wahren Mission nicht nehmen, von einer Christusnachfolge, die die totale Selbsthingabe mit sich bringt. Fragt euch im Innersten eures Gewissens, was der Grund der Entscheidung für das missionarische Ordensleben sei, und ermesst die Bereitschaft, diese anzunehmen, an dem, was es tatsächlich ist: ein Geschenk der Liebe im Dienst der Verkündung des Evangeliums. Bedenkt dabei, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht so sehr ein Erfordernis für die ist, die es nicht kennen, als vielmehr eine Notwendigkeit für diejenigen, die den Meister lieben.

Heute sieht sich die Mission mit der Herausforderung konfrontiert, das Bedürfnis aller Völker zu respektieren, von den eigenen Wurzeln auszugehen und die Werte der jeweiligen Kultur zu erhalten. Es geht darum, andere Traditionen und philosophische Systeme zu verstehen und ihnen respektvoll zu begegnen wie auch jedem Volk und allen Kulturkreisen zuzugestehen, dass sie sich mit Hilfe der eigenen Kultur dem Verständnis des Geheimnisses Gottes und der Annahme des Evangeliums Jesu nähern, das für diese Kulturen Licht und verwandelnde Kraft ist.

Angesichts dieser komplexen Dynamik müssen wir uns fragen: „Wen soll die Verkündigung des Evangeliums bevorzugen?“ Die Antwort ist klar, und wir finden sie im Evangelium selbst: es sind die Armen, die Kleinen, die Kranken, diejenigen, die oft verachtet und vergessen werden, diejenigen, die es nicht vergelten können (vgl. Lk 14,13-14). Die Evangelisierung, die sich vor allem an sie wendet, ist Zeichen des Reiches, das zu bringen Jesus gekommen ist. Es besteht «ein untrennbares Band zwischen unserem Glauben und den Armen […]. Lassen wir die Armen nie allein!”(Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 48). Dies muss vor allem für Personen klar sein, die sich für das missionarische Ordensleben entschieden haben: durch das Gelübde der Armut wählt man die Christusnachfrage in dieser bevorzugten Weise, nicht als Ideologie, sondern indem man sich wie Er mit den Armen identifiziert, indem man wie sie unter prekären alltäglichen Umständen lebt und auf die Ausübung jeglicher Macht verzichtet, um sich zu Brüdern und Schwestern der Letzten zu machen, und ihnen das Zeugnis von der Freude des Evangeliums und den Ausdruck der Liebe Gottes zu bringen.

Damit sie das christliche Zeugnis und die Zeichen der Liebe des Vaters unter den Kleinen und Armen leben können, sind die Ordensleute berufen, im Dienst der Mission die Präsenz der Laiengläubigen zu fördern. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigte: «Die Laien wirken am Evangelisierungswerk der Kirche mit und haben als Zeugen ebenso wie als lebendige Werkzeuge Anteil an ihrer heilbringenden Sendung» (Ad gentes, 41). Ordensmissionare müssen sich zunehmend mutig gegenüber denjenigen öffnen, die bereit sind, mit ihnen, auch über einen begrenzten Zeitraum, zusammenzuarbeiten und missionarische Erfahrungen zu machen. Sie sind Brüder und Schwestern, die die der Taufe innewohnende missionarische Berufung teilen wollen. Die Häuser und Einrichtungen der Missionen sind natürliche Orte für ihre Aufnahme und ihre menschliche, geistliche und apostolische Unterstützung.

Die missionarischen Institutionen und Werke der Kirche stellen sich gänzlich in den Dienst derjenigen, die das Evangelium Jesu nicht kennen. Damit dieses Ziel wirksam umgesetzt werden kann, brauchen sie die Charismen und das missionarische Engagement der Personen des gottgeweihten Lebens, aber auch die gottgeweihten Personen brauchen eine Struktur, die sich in ihren Dienst stellt. Sie ist Ausdruck der Fürsorge des Bischofs von Rom, wenn es darum geht, die Koinonia zu garantieren, damit die Zusammenarbeit und die Synergie wesentlicher Bestandteil des missionarischen Zeugnisses sind. Jesus hat die Einheit seiner Jünger zur Bedingung gemacht, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21). Diese Konvergenz ist nicht gleichbedeutend mit einer juridisch-organisatorischen Unterordnung unter institutionelle Organismen oder einer Abtötung der Phantasie des Heiligen Geistes, der die Verschiedenheit weckt, sondern soll vielmehr der Botschaft des Evangeliums mehr Wirksamkeit geben und jene Einheit bei den Vorhaben fördern, die ebenfalls Frucht des Geistes ist.

Das Missionswerk des Petrusnachfolgers hat einen universalen apostolischen Horizont. Aus diesem Grund braucht es die vielen Charismen des gottgeweihten Lebens, damit es sich dem weiten Horizont der Evangelisierung zuwenden kann und in der Lage ist, eine angemessene Präsenz an den Grenzen und in den bereits erreichten Gebieten zu gewährleisten. Liebe Brüder und Schwestern, die Leidenschaft des Missionars ist das Evangelium. Der heilige Paulus sagte: «Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16). Das Evangelium ist Quelle der Freude, der Befreiung und des Heils für jeden Menschen. Die Kirche weiß um dieses Geschenk; deshalb wird sie nicht müde, unaufhörlich unter allen zu verkünden, «was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben» (1 Joh 1,1). Die Sendung der Diener des Wortes – Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien – ist es, alle, ohne Ausnahme, zur persönlichen Begegnung mit Christus zu führen. Im weiten Feld der Missionstätigkeit der Kirche ist jeder Getaufte berufen, sein Engagement, je nach der persönlichen Lebenslage, bestmöglich zu leben. Einen großherzigen Beitrag zu dieser universalen Berufung können die gottgeweihten Personen durch das intensive Gebet und die Einheit mit dem Herrn und mit seinem erlösenden Opfer leisten.

Maria, Mutter der Kirche und Vorbild des missionarischen Lebens, vertraue ich all diejenigen an, die ad gentes oder im eigenen Land, in jedem Lebensstand an der Verkündigung des Evangeliums mitwirken, und erteile allen den Apostolischen Segen.

Franziskus
Aus dem Vatikan, am 24. Mai 2015, Hochfest von Pfingsten

25.10.2015

30. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,46-52
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Blind zu sein ist ein schweres Schicksal: „Bartimäus, du siehst nicht die strahlende Sonne am blauen Himmel von Jericho. Du erblickst nicht die hohen Palmen und die Blumenpracht der Oase. Du kennst nicht das Antlitz deiner Mutter und das Gesicht deines Vaters. Du bist behindert, deshalb ein Aussenseiter, und zudem noch ein Bettler, angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit deiner Mitmenschen. Ja, du trägst ein schweres Schicksal, Sohn des Timäus.“
Wie eine Filmszene habe ich vor Augen, was Markus so anschaulich erzählt. Viele Menschen strömen aus engen Gassen und Straßen zusammen, ein buntes lebhaftes Gemisch aus Jung und Alt, die einen vornehm gekleidet, die anderen armselig. Hier und da, abseits, an Straßenrändern und in Häusernischen kauern, bettelnd: Aussätzige, Blinde, Verkrüppelte. Sie werden kaum beachtet, die Menge ist zu stark mit sich beschäftigt und mit dem, der gerade im Mittelpunkt des Interesses steht: Jesus.
Da plötzlich ein aufdringlicher Ruf: „Sohn Davids, Jesus!“ Die Köpfe fahren herum, die Gesichter überrascht, befremdet, ärgerlich, ja empört. Ihr Blick fällt auf den Bettler. Er ist zerlumpt, abstoßend, seine Augen sind farblos und tot, sein Gesicht ist ein einziger Schrei: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Wer ist dieser Blinde? Er ist kein Namenloser. Bartimäus hat einen Platz in Jericho, vielleicht sogar einen Stammplatz, aber nicht als geachteter Bürger, sondern als Bettler. Er ist vom normalen Leben ausgegrenzt. Er kann nicht seinen eigenen Augen trauen, er muß dem trauen, was andere sehen. Das macht ihn mißtrauisch. Sein Mißtrauen aber isoliert ihn von seiner Familie, von seinen Freunden. Zudem ist er als körperlich Behinderter völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Das demütigt ihn. Seine Augen sind blind, sein Inneres ist düster. Er ist ohne Perspektive.
Ohne Perspektive – scheinbar, denn da ist noch ein Funke Hoffnung in ihm. Der wird geweckt, als Bartimäus von Jesus hört. Hat er nicht schon anderen geholfen? Bartimäus nimmt seine ganze Kraft zusammen und legt sie in seinen lauten Hilfeschrei. Mit den Augen des beginnenden Glaubens sieht der Blinde in dem Mann aus Nazareth den Gesandten Gottes. Aber noch findet er keinen Zugang zu ihm, denn die Leute stellen sich ihm in den Weg. Sie fahren ihm über den Mund; sie wollen ihn mundtot machen.
Sie reagieren ganz natürlich. Jesus ist jetzt der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollen ihn ganz für sich haben. Sie sind nur noch Auge und Ohr für ihn und deshalb blind für die Not der anderen. Als sich der Blinde so lautstark einmischt, fühlen sie sich gestört.
Es gibt Christen, die reagieren wie diese Leute. Die übersehen geflissentlich, dass zwar die Anhänglichkeit an Jesus wichtig ist, dass aber Jesus sehr klar und deutlich unsere Aufmerksamkeit auf den Nächsten und seine Not hinlenkt. Und so macht uns die Reaktion Jesu zunächst schmunzeln Er geht nicht selber zu Bartimäus hin, nein, er wendet sich zuerst an die Leute, die sich ärgern. Diese beauftragt er, Bartimäus herzurufen. Das ist eine sehr gute Pädagogik! Jesus korrigiert das Verhalten der Menschen. Er bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Sie fangen an zu verstehen, und tun jetzt das Gegenteil von vorher: Sie sprechen Bartimäus Mut zu.
Auffallend ist, wieviel jetzt in Bewegung kommt! Bartimäus muß aufstehen, auf Jesus zugehen und seinen Wunsch nach Heilung öffentlich aussprechen. Jesus geht also nicht, von Mitleid gerührt, zum Kranken hin und heilt ihn. Vielmehr mobilisiert er die inneren Kräfte des Blinden, indem er ihn auffordert, selbst aktiv zu werden. Er fragt ihn nach seinem Willen zur Heilung und weckt dadurch das Vertrauen in seine Gesundung. Und Bartimäus wird heil: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Sein Glaube hatte ihm geholfen.
Es ist ja immerhin interessant, dass Jesus den Glauben des Bartimäus als auslösendes Element für seine Heilung nennt. Diese Verbindung von Glauben, Vertrauen und dem Wunder Jesu kommt immer wieder in der Frohen Botschaft vor. Und das sollte uns eigentlich in unserm eigenen Glauben Mut machen. Wenn auch unser eigenes Tun manchmal sehr gering ist, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind, sie bilden die Grundlage für die Wunder Gottes in unserem Leben. Und diese Tatsache ist tröstlich für einen jeden von uns.
Aber dazu noch eine Frage: Gehören wir nicht auch unter die Blinden? Natürlich können wir hoffentlich alle mit unseren leiblichen Augen sehen. Doch sie kennen auch das Sprichwort: „Liebe macht blind“. Starke Gefühle können einen Menschen blind werden lassen. Auch Hass, Wut und Eifersucht können blind machen. Sie werfen oft ein sehr einseitiges Licht auf einen Menschen, das die positiven Seiten eines anderen nicht mehr erkennen läßt.
Auch Fanatismus macht blind. Das sehen wir gerade in unseren Tagen wieder in den Ereignissen im Nahen Osten. Fanatismus ist meist ein Gemisch aus starken Gefühlen wie Hass und Wut, enthält darüber hinaus aber auch ein sich Festkrallen an „unumstößlichen“ Prinzipien. Fanatismus stützt sich auf ein Gesetz und wendet dieses so unerbittlich an, dass der Mensch, der damit getroffen werden soll, nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich gibt es da noch die Betriebsblindheit. Aufgeschlossene Unternehmen holen sich von Zeit zu Zeit Berater von außen, um die Organisation ihres Betriebes einmal mit fremden Augen anschauen zu lassen. Manche Dinge und Gewohnheiten unseres Lebens gehörten vielleicht verändert; aber weil es immer so war, mag es auch so bleiben. In gewissem Sinn betriebsblind werden die meisten Menschen ihren eigenen eingeübten Lebensabläufen gegenüber. Jeder hat so seine blinden Flecken, Punkte, auf die er nicht gerne hinschaut, Verhältnisse, an denen er nicht gerne rüttelt.
Was viele von uns von Bartimäus unterscheidet ist die Tatsache, dass wir uns unserer Blindheit bzw. unserer Sehschwächen meist nur wenig oder überhaupt nicht bewußt sind und darum auch gar nicht mehr das Bedürfnis haben, geheilt zu werden.
Blenden wir wieder zurück zur Eingangsszene und vergleichen wir sie mit unseren jetzigen Erkenntnissen. Der geschlossene Kreis um Jesus ist aufgebrochen. Bartimäus steht nicht mehr im Abseits, sondern ist in die Gemeinschaft miteinbezogen. Die Leute haben einen Blick bekommen für die Not des Mitmenschen. Die Heilung hat nicht nur Bartimäus verändert, sondern auch das Umfeld. Der Geheilte lernt nun seinen eigenen Augen zu vertrauen und die anderen sind von ihrer Blindheit gegenüber den naheliegenden Nöten anderer gelöst.
Verlassen wir langsam Jericho und das Geschehen, das sich dort abspielte. Nehmen wir aber die Anfrage in unseren Alltag mit: Wo entdecken wir Menschen wie Bartimäus? Wo verhalten wir uns manchmal wie die Leute von Jericho? Und welche Blindheit muß Jesus uns nehmen? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

01.11.2015

01.11.2015 Allerheiligen
Allerheiligen
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Wer kommt in das Himmelreich? Wer ist ein Heiliger? Wenn wir in den Heiligenkalender hineinschauen, könnten wir fast mutlos werden. Da wimmelt es von heiligen Bischöfen und Päpsten, von mystisch hochbegnadeten Ordensfrauen und charismatisch begabten Mönchen, da gibt es die Märtyrer, die oft unter schauerlichen Qualen für ihren Glauben ihr Leben hingaben. Aber wo ist da noch ein Platz für einen Normalverbraucher? Wo ist da Raum für uns, die wir doch ein so alltägliches Leben führen, ohne große Höhepunkte, wo wir uns gleichsam mühsam auf dem Weg des Glaubens dahinschleppen?
Kennen sie übrigens den Heiligen Dismas? Er ist der erste Mensch, der heiliggesprochen wurde; nein, nicht durch den Papst nach einem langwierigen Heiligsprechungsprozeß, sondern von Jesus höchstpersönlich. Ich darf sie unter das Kreuz führen. Im Lukasevangelium heißt es: Einer der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde, wandte sich an ihn: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“.
Diese erste Heiligsprechung durch Jesus schenkt uns allen Zuversicht. Sie gibt auch uns Hoffnung und macht uns Mut, denn was bedeutet Heiligsein anderes als in der Freundschaft mit Gott zu stehen, auch dann, wenn wir zu dieser Freundschaft erst nach langen Irrwegen zurückfinden würden.
Die Frau eines Arztes wurde einmal gefragt: „Möchten sie eine Heilige sein?“ Sie antwortete: „Ich habe nicht die Seele einer Heiligen; und wenn ich ehrlich sein soll: ich möchte auch keine Heilige sein, denn ein Heiliger hört auf, Mensch zu sein.“
Vergessen wir nicht, dass es sich bei den Heiligen auch um Menschen handelt. Sind nicht manchmal unsere Heiligenbeschreibungen nur darauf aus, das Wunderbare und Sensationelle im Leben eines Menschen zu betonen und vergessen sie nicht darauf auch hinzuweisen, dass es sich bei jedem Heiligen auch um einen Menschen handelt, der auch durch die Tiefen menschlichen Lebens geschritten ist.
So sind die großen Heiligen unseres Kalenders so etwas wie die Spitze eines Eisbergs. Die meisten Heiligen sind unbekannt. Das besagt aber nichts über ihren Weg, über ihr Leben, über ihr großes Zeugnis vor Gott und den Menschen. Für uns sind sie namenlose, Unbekannte, so wie wir es einmal sein werden. Doch nicht vor Gott. Gerade das macht sie zu Heiligen, dass Gott sie kennt, dass ihnen das großartige Wort in hohem Maße gilt: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben; mein bist du.“
So ist das fest Allerheiligen ein Fest der Hoffnung. Das stellt allerdings einige Fragen an uns. Christen sind Menschen, die die Wirklichkeit Gottes festhalten und mit ihr rechnen. Das heißt ja: glauben. Mit demselben Recht kann man sagen: Christen sind Menschen, die die Zusagen Gottes annehmen, darauf bauen und sich darauf verlassen. Das heißt: sie hoffen. Hoffnung ist die Rückseite derselben Medaille, die Glauben heißt. Trotzdem kann beides im Leben eines Menschen auseinanderklaffen. Es kann einer sagen: ich glaube, und ist doch von nur sehr geringer Hoffnung. Er ist voller Enttäuschungen. Die schleichende Krankheit unserer Zeit ist die Hoffnungslosigkeit. Sie scheint sich überall festsetzen zu wollen. Auch bei jungen Menschen finden wir schon Hoffnungslosigkeit. Das Leben im Augenblick, dass viele junge Menschen nur im Genuß des Jetzt leben und keine Ausblicke haben, dass ihnen die Zukunft scheinbar egal ist, das ist ein alarmierendes Zeichen. Hoffnungslosigkeit auch bei vielen alten Menschen. Von ihnen sagte man einmal, sie seien die Weisen unter den Menschen, satt geworden von guter Erfahrung des Lebens; deswegen geehrt und angenommen von jedermann. Gibt es nicht heute gerade unter ihnen die vielen, die nichts mehr erwarten und die ohne Hoffnung sind? Und warum? Sie sind allein gelassen. Sie scheinen vergessen zu sein, oft gerade noch geduldet in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen können und die auch sie nicht mehr versteht. Ein alter Mensch, der sich wie ein Vergessener dahinschleppte, sagte einmal: „Niemand erwartet mich.“
Ja aber, stimmt denn das? Erwartet ihn wirklich niemand? Im Verhältnis der Menschen mit- und zueinander mag es stimmen. Die Wirklichkeit ist jedoch größer und reich weit über das hinaus, was wir unmittelbar sehen und erfahren. Unter der Oberfläche unseres Festes ist ein lauter Zuruf zu vernehmen. „Du wirst erwartet.“ Endgültig. Für immer, mit der Zusicherung, dass deine Erwartungen erfüllt werden. Endlich, nach vielleicht langer Zeit des Tragens von Last und der Anfechtung, ob alles einen Sinn habe. Es ist ein Zuruf der Hoffnung und Ermutigung, der vom Ziel her denen entgegen kommt, die noch auf dem Weg sind. Es ist ein Zuruf vieler Stimmen, es ist ein Zuruf von all denen, die wir in den kommenden Tage auf unseren Friedhöfen besuchen. Es ist ein Hoffen mit Gewißheit und Zuversicht, hoffen in eine Gemeinschaft hinein, die keine Trübung kennt, weil Gott der Rufende ist, der alle anderen Stimmen erst möglich macht.
Aber wir empfangen vom Fest Allerheiligen noch eine andere Botschaft. Man hat Heilige als Menschen bezeichnet, durch die die Liebe Gottes hindurchleuchtete. Und wir selber begegnen immer wieder Menschen deren Begegnung auch eine Begegnung mit Gott ist. Sind wir selber aber auch solche Menschen? Können die Menschen mit denen wir zusammenleben durch uns etwas von der Liebe Gottes erfahren, können sie durch uns einen Schimmer jenes Lichtes bemerken, das von Gott ausgeht?
Ich möchte ihnen zum Schluß noch einen Text von Martin Gutl vorlesen:

Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft,
uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein!
Da wird unser Staunen von neuem beginnen. Wir werden Lieder singen, Lieder, die Welt und Geschichte umfassen.
Wir werden singen, tanzen und fröhlich sein: denn er führt uns heim:
aus dem Hasten in den Frieden aus der Armut in die Fülle.
Wenn Gott uns heimbringt aus den engen Räumen, das wird ein Fest sein!
Und die Zweifler werden bekennen: Wahrhaftig, ihr Gott tut Wunder!
Er macht die Nacht zum hellen Tag. Er läßt die Wüste blühen!
Wenn Gott uns heimbringt aus den schlaflosen Nächten, aus dem fruchtlosen Reden, aus den verlorenen Stunden, aus der Jagd nach dem Geld, aus der Angst vor dem Tod, aus dem Kampf und aus Gier, wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!
Dann wird er lösen die Finger der Faust, die Fesseln, mit denen wir uns der Freiheit beraubten.
Den Raum unseres Lebens wird er weiten in alle Höhen und Tiefen, in alle Längen und Breiten seines unermeßlichen Hauses.
Keine Grenze zieht er uns mehr.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.11.2015

32. Sonntag im Jahreskreis
Mk 12,38-44
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Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher, von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen?
Dass den beiden Witwen - und dann auch noch aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Orten - die Hauptrolle zukommt, war ihnen an der Wiege nicht gesungen worden. Sie haben einmal geheiratet - oder - wie das früher so war - wurden geheiratet, die Kinder kamen - und dann der Tod des Ehemannes, des Partners, des Vaters. Quasi über Nacht rutschten die beiden Witwen in ein höchst ungesichertes Leben. Keine Versorgung, kein Beistand, keine Zukunft. Von der Hand in den Mund - sagen wir.
Witwen haben es heute besser. Eine Grundversorgung wird gewährt. Aber an ihrem Geschick knabbern viele lange. Es gibt Witwen, die für ihr Leben gezeichnet sind, auch wenn sie sich nichts anmerken lassen. Es ist dann wie eine große Trauer, die über dem Leben liegt. Umso mehr bewundere ich den Mut, noch einmal anzufangen, dem Leben neu zu trauen, aus Schatten herauszutreten. Zwei Witwen übernehmen heute sogar die Hauptrollen - und füllen sie bestens aus.
Sarepta
Im ersten Buch der Könige wird die Geschichte der Witwe von Sarepta erzählt. Sie ist nicht nur Witwe - sie ist für den Propheten Elija auch eine Fremde. Sarepta ist heidnisches Ausland. Was hat der Mann Gottes hier überhaupt zu suchen? Die einfache Antwort, ganz einfach: er hat Hunger. Der Hunger hat sich über die ganze Gegend gelegt. Hunger kennt übrigens keine Grenzen, auch keine Heiden, keine Gottesmänner. Gottesfrauen auch nicht. Oder doch?
Die Geschichte ist schnell erzählt. Die Witwe teilt den letzten Bissen mit Elija. Ob das wohl stimmt, was er ihr sagt? Dass der Mehltopf nicht leer wird, der Ölkrug nicht versiegt? Auf eine so windige Geschichte lässt sich normalerweise kein Mensch ein. Was, wenn ich herein gelegt werde? Von diesem unbekannten Mann? Schließlich: es geht um eine Hand voll Mehl - und den unabsehbar nahen Tod. Muss man sich mit ihm abfinden? Jetzt? Aber die Geschichte hat auch noch eine andere Seite: was, wenn dieser fremde Mann Recht hat? Wenn es weiter geht, wenn noch Hoffnung ist? Mit einer Hand voll Mehl kommt man nicht weit - oder eben doch - sehr weit. Die Witwe, deren Namen wir nicht kennen, gibt alles - und gewinnt alles. Auf dieser Szene darf der Blick verweilen. Das Ende verwandelt sich in einen neuen Anfang. Es ist schön, wenn Geschichten so offen bleiben - und doch von nichts anderem erzählen, als von Vertrauen, von einer heilsamen Begegnung, von gemeinsam geschmeckter Zukunft.
Jerusalem
Der Weg von Sarepta nach Jerusalem ist weit. Wir schaffen ihn aber spielend. Anders als Sarepta ist Jerusalem nicht Peripherie, sondern Hauptstadt, Nabel der Welt. Hier, im Tempelbezirk, steht auch ein großer Opferkasten. Offen (und groß genug, um alles zu sehen, was sich an ihm - und in ihm abspielt. Ihm gegenüber sehen wir Jesus sitzen. Mehr muss Markus auch nicht erzählen - damit ist der Schauplatz abgesteckt.
Was soll ich erzählen? Große, größte Beträge wandern in den Opferkasten und werden, so der Brauch, angekündigt, mit großer Geste versehen und gefeiert. Viele gut gekleidete Männer sonnen sich im hellen Licht ihrer Wohltätigkeit. Auf die Gabe kommt es nicht so sehr an - sie kommt aus Überfluss, tut nicht weh, ist längst abgeschrieben. Aber auf den Geber kommt es an. An diesem Ort wird aufgetrumpft. An diesem Ort werden andere abgespeist. An diesem Ort werden andere in die hintere Reihe verwiesen. Immerhin: im Tempel!
Aus der hinteren Reihe kommt verschämt eine Witwe. Sie bringt, wie es im Evangelium heißt, zwei kleine Münzen mit - und wirft sie ein. Als Martin Luther die Stelle übersetzte, fiel ihm das "Scherflein" ein - eine wertlose, billige Münze, die in seiner Stadt 1480 geprägt wurde. Ohne Herrscherbild, ohne Zierrat, mickrig. Luther hat dann von dem Scherflein der armen Witwe sprechen können - und dieses Scherflein ist sprichwörtlich bis auf den heutigen Tag. Sein Scherflein beitragen, sagen wir - und haben doch viel mehr. Was aber tatsächlich bei dieser Witwe im Evangelium so auffällt: dieses Scherflein ist alles, was sie hat - es ist ihr Tagesunterhalt . Sie gibt das Scherflein - und wird an diesem Tag nichts mehr zu essen haben. Sie gibt einen Tag ihres Lebens. Wenigstens.
Im großen Topf verschwinden die Scherflein - es ist fast zu mühsam, sie mitzuzählen - wo es doch um Gold, Silber, Prachtmünzen geht. Na ja, die großen Scheine gab es noch nicht. Die, die zählen, machen sich auch nur die Finger schmutzig. Aber Jesus sagt: die arme Witwe hat m e h r in den Opferkasten geworfen als alle anderen zusammen. Sie hat sich selbst gegeben. Warum sie das wohl macht? Eine rührselige Geschichte, die eine Illustrierte kaufen könnte, wird uns nicht aufgetischt. Diese Witwe bleibt geschützt - so verborgen wie ihre Gabe. Aber wir sehen das große Vertrauen. Sie teilt ihr Leben mit denen, die Hilfe brauchen. Wer nur die Scherflein sieht, sieht nichts. Aber wer den rechten Blick wagt, auf diesen einen Menschen, sieht eine neue Welt.
Ob die beiden Witwen etwas gemeinsam haben? Mir fällt das Vertrauen auf - und dass das alles für sie selbstverständlich ist.
Ich weiß, dass wir - mehr oder weniger alle - in einer Welt leben, in der Geld eine große, zu große Rolle spielt. Geld regiert angeblich sogar die Welt.
Zu merken ist das sogar bei "Spendengala's", die im Fernsehen live übertragen werden. Kleinbeträge sind dort nicht vorgesehen. Es muss alles groß sein, alles glänzen, alles zu sehen sein. Wenn ich daran denke, dass das Geld gebraucht wird, werde ich kleinlaut. Lieber so als gar nicht, denke ich.
Aber ich kenne auch Menschen, die sehr hilfsbereit sind, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Sie geben manchmal mehr, als ihrer Familie zuträglich ist. Aber sie fragen nicht groß... Bei ihnen stimmt es dann auch, dass sie ihr Leben mit anderen teilen. Wer steuerlich absetzen kann, was er gibt, wer an Reputation in der Öffentlichkeit gewinnt, wer auf einer Scala abgemessen wird - ist das noch (oder schon) geteiltes Leben?
Wenn wir bei uns die Kollekten zählen, tauchen die Centstücke auch auf. Komisch sieht es schon aus. Aber keiner von uns weiß, welche Geschichten sich hinter den Münzen verstecken. Im Klingelbeutel oder im Körbchen liegen die großen und die kleinen Gaben beieinander.
Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher - von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen? Ich freue mich!

Rainer Maria Rilke, Das Lied der Witwe, in: Die Gedichte. IT 2246. Insel Verlag, Frankfurt und Leipzig 1998.

Am Anfang war mir das Leben gut.
Es hielt mich warm, es machte mir Mut.
Dass es das alles Jungen tut,
wie konnt ich das damals wissen.
Ich wusste nicht, was da Leben war -,
auf einmal war es nur Jahr und Jahr,
nicht mehr gut, nicht mehr neu, nicht mehr wunderbar,
wie mitten entzwei gerissen.

Das war nicht Seine, nicht meine Schuld;
wir hatten beide nichts als Geduld,
aber der Tod hat keine.
Ich sah ihn kommen (wie schlecht er kam),
und ich schaute ihm zu wie er nahm und nahm:
es war ja gar nicht das Meine.

Was war denn das Meine; Meines, Mein?
War mir nicht selbst mein Elendsein
nur vom Schicksal geliehn?
Das Schicksal will nicht nur das Glück,
es will die Pein und das Schrein zurück
und es kauft für alt den Ruin.

Das Schicksal war da und erwarb für ein Nichts
jeden Ausdruck meines Gesichts
bis auf die Art zu gehen.
Das war ein täglicher Ausverkauf
und als ich leer war, gab es mich auf
und ließ mich offen stehn.

P. Paul Mühlberger SJ
Quelle: Red.

15.11.2015


Gott sei Dank gibt es das noch: einen Landespatron und das in unserer säkularisierten Welt. Wie viele Menschen unseres Landes zu diesem Heiligen eine Beziehung haben oder überhaupt wissen, was man mit einem Schutzpatron anfangen kann, das sei dahingestellt.
Wer war er? Geboren wurde er um 1075 in Gars am Kamp als Sohn des Babenbergers Leopold II. Er war Schüler des Bischofs Altmann von Passau. Im Investiturstreit stand er auf der Seite des Papstes, unterhielt aber trotzdem mit Kaiser Heinrich V. Beziehungen. 1106 erhielt er dessen Tochter Agnes zur Frau, die ihm 18 Kinder gebar, darunter den späteren Bischof Otto von Freising und den späteren Bischof Konrad II. von Salzburg. Wegen seiner kirchlichen Gesinnung im öffentlichen und privaten Leben erhielt er vom Papst den Beinamen „filius sancti Petri“ (Sohn des Hl. Petrus). Er unterstellte 1110 das Stift Melk dem Papst. Wohl um 1113 gelangte er in den Besitz des Stiftes Klosterneuburg bei Wien. Er dotierte es reich und baute es zusammen mit seiner Burg aus und legte 1114 den Grundstein zur mächtigen Stiftskirche. Leopold gründete weiters die Zisterzienserabtei Heiligenkreuz und die Benediktinerabtei Klein-Mariazell im Wienerwald. Er war der eigentliche Begründer der Größe Österreichs, er war aber auch der erste Vertreter eines Landeskirchentums. 1125 verzichtete er auf die ihm angebotene Kaiserkrone. Er starb am 15. 11. 1136 auf der Jagd. Heiliggesprochen wurde er im Jahre 1485. Vom Kaiser Leopold I. wurde er 1663 zum Landespatron von Österreich erklärt.
Als Evangelium wird uns heute eine Geschichte vorgelegt, die Jesus erzählt hat. Es ist das Gleichnis vom anvertrauten Gut. Und es geht nach dem Motto; Laß das Geld arbeiten, mach was mit dem was du hast. Und dabei denken wir nicht nur an Bankgeschäfte, sondern auch an die übrigen Begabungen und Talente, die wir besitzen. Im Laufe unseres Lebens haben wir ja doch alle uns selber so weit kennengelernt, dass wir wissen, was wir zu bieten haben. Da tut sich einer leicht mit anderen zu reden, ein anderer hat Gabe, rechtzeitig zu bemerken, was ein anderer braucht, wieder ein anderer hat die Gabe des Humors und versteht es, andere Menschen zu erheitern. Und nicht zuletzt gibt es Menschen, denen in besonderer Weise die Gabe des Gebets geschenkt ist. Und so können wir einmal vor Gott hintreten und ihm das übergeben, was uns in unserem Leben gelungen ist, oder was uns wenigstens ansatzweise gelungen ist.
Aber da gibt es in unserem Gleichnis einen Menschen, der von Jesus getadelt wird. Was hat er denn Schlechtes getan? Er hat einfach das Geld, das ihm sein Herr gab, vergraben und es ihm dann wieder zurückgegeben. Möglicherweise hatte er Angst durch Spekulationen etwas zu verlieren. Für mich ist es immer wieder interessant, darüber nachzudenken, wenn der letzte Knecht zwar ein Geschäft versucht hätte, aber durch schlechte Spekulationen das Geld oder einen Teil davon verloren hätte. Das würde dann nach unserer Sicht ein Mensch sein, der sich zwar bemüht hat, bei dem aber etliches in seinem Leben schief gelaufen ist. Ich glaube nicht, dass ihn der Herr verdammt hätte; hatte er doch guten Willen gezeigt und faul ist er auch nicht gewesen.
Nun, wie dem auch sei, unser Heiliger, der heilige Leopold hat mit seinen Talenten gut gewirtschaftet. Er war ein guter Politiker, der es verstand, das ihm anvertraute Volk gewissenhaft zu führen und er war auch ein frommer Mann, der neben seinen politischen Geschäften auch seine Kontakte mit Gott pflegte. Durch seine vielen Klostergründungen sorgte er dafür, dass seinem Volk die nötige Unterweisung in der christlichen Lehre nicht fehlte.
Viele Regierungen in Europa könnten sich da ein Stück von dieser Haltung abschneiden. Obwohl eine der Wurzeln unseres Europas der christliche Glaube ist hält man scheinbar nicht besonders viel darauf. Dass geht ja schon soweit, dass man an die Abschaffung des Religionsunterrichts denkt, dass Politiker bei ihrer Vereidigung das „So wahr mir Gott helfe“ weglassen. Ich frage mich, worauf sie noch schwören. Ich frage mich was aus unseren Ländern wird, wenn unserer Jugend keine Werte mehr vermittelt werden und auch keine Werte mehr vorgelebt werden. Wenn einmal in unserem vereinten Europa nur mehr wirtschaftliche Dinge zählen, wenn das Wirtschaftswachstum zum ersten Artikel im Glaubensbekenntnis wird, dann könnte man nur mehr sagen: „Heiliger Leopold, schau runter und hilf uns!“
In dem Augenblick, wo der Mensch seine existentielle Bindung an Gott nicht mehr wahr nimmt, geschweige davon, dass er sie negiert, beginnt er sich selber die Wertmaßstäbe für sein Handeln zu schaffen, fabriziert er sich seine eigene Moral, die nicht immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet ist, die mitunter sogar im Gegensatz zu den religiösen Werten steht.
Wir brauchen in unserem Land und im übrigen Europa gar nicht allein auf die Regierungen zu schauen, das Chaos beginnt bereits in den Familien, wo in vielen Fällen auf Religion und religiöse Erziehung kaum mehr Wert gelegt wird. Religion und Kirche wird nur mehr als Servicestelle für besondere Ereignisse in Anspruch genommen. Eine Hochzeit in der Kirche ist eben feierlicher als auf dem Standesamt. Aber spätestens nach dem „Der Herr sei mit euch!“ auf das keine Antwort kommt, merkt man, was los ist. Und eine „schöne Leich“ möchte man schließlich auch noch haben. Und die Kinder sollen nur zur Erstkommunion gehen und zur Firmung. Letztgenanntes Sakrament eignet sich besonders um einige kostspielige Wünsche dem Firmpaten bekannt zu geben, der oft schon nach der Dicke seiner Brieftasche ausgesucht wird. Für viele ist der Kirchenbesuch zur Firmspendung für viele Jahre der letzte.
Sie kennen vielleicht die Geschichte, wo sich drei Pfarrer treffen und einander erzählen, welche Plage sie mit den Fledermäusen in ihrer Kirche hätte. Alles haben sie schon versucht und sie werden sie nicht los. Der dritte Kollege sagte: „Ich habe keine einzige Fledermaus mehr in meiner Kirche“ – „Und wie hast du das zustande gebracht?“ – „Ganz einfach. Ich habe sie alle getauft und gefirmt und seitdem ist keine mehr von ihnen in der Kirche."
Das ist es, was mir zum Fest des Hl. Leopold eingefallen ist. Ich wollte keinen Pessimismus verbreiten; aber es ist gut der Situation ins Auge zu schauen. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie müßten wir uns ändern. Es ist schade, dass die Leute, die eine Änderung brauchen würden, leider nicht in der Kirche anwesend sind. Und sie sind ohnehin guten Willens. Unser Gebet könnten wir aber verstärken. Und wir könnten von unserem Kontakt mit Gott wieder neue Möglichkeiten sehen, wie wir für andere Menschen unser Christsein spürbar und beispielhaft leben könnten.
Und dass wir vor allem auch für die jungen Menschen in unserem Land beten. Die Jugend ist nicht schlecht, sie ist zum Großteil nur schrecklich arm. Nicht an finanziellen Mitteln; aber sie arm an Zuwendung, sie ist arm, weil ihr gerade die wichtigen Werte des Religiösen von den für die Erziehung Verantwortlichen nicht mehr vorgelebt werden.
Ich nehme an, dass sich der Heilige Leopold im Himmel nicht so in der ewigen Anschauung verliert, dass er für sein Land keinen Blick mehr hätte. Beten wir heute zu ihm für alles das, was unsere Heimat braucht. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ
Quelle: Redempt.

22.11.2015

22.11.2015 Christkönig
Jo 18,33b-37
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Die Rede vom Königtum Christi kann unter verschiedenen Blickwinkeln unterschiedlich verstanden werden. Jesus lädt uns ein, auf seine Stimme zu hören und uns tiefer in Gott zu verwurzeln. Wir werden eine Welt entdecken, in der Christus der König ist.
Die Brillenträger unter Ihnen werden das kennen: wenn man die Brille absetzt, zum Beispiel zum Putzen, dann kann ich vieles nur verschwommen sehen: die großen Gebäude, Straßenzüge oder auch Menschen. Erst wenn ich die Brille wieder aufsetze, erkenne ich genauere Details, kann Nuancen wahrnehmen und Menschen sicher erkennen und ansprechen.
Dieses Bild hilft mir, mich einem biblischen Text zu nähern und seine Botschaft zu entschlüsseln. Schauen wir also zunächst einmal ohne Brille auf den Text des Evangeliums. Wir haben eine Gerichtsszene vor uns, in der der Richter im Gespräch mit dem Angeklagten den Anklagepunkt untersucht. Erinnern wir uns: den Juden war es nicht erlaubt einen Menschen hinzurichten. Daher suchen sie einen Anklagepunkt und finden ihn in der Behauptung: Jesus habe von sich gesagt, der neue König der Juden zu sein. Dadurch würde er direkt die Autorität des römischen Kaisers angreifen. Das bedeutet in den Augen der Römer Hochverrat und damit Verurteilung zum Tod.
Deshalb beginnt hier auch unser Abschnitt mit der Frage des Pilatus: "Bist du der König der Juden?“ Am Ende des Textes steht dann das scheinbare Geständnis des Angeklagten: „Du sagst es, ich bin ein König!“
Wenn ich nun aber die Brille aufsetze und genauer in den Text schaue, dann kann ich deutlicher sehen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zu erkennen ist. Jesus ist ein König, aber auf eine ganz andere Weise, zu der Pilatus in seinem Weltverständnis keinen Zugang hat:
- Der Herr nutzt keine weltlichen Machtmittel; er fordert seine Jünger nicht auf, die Waffen zu ziehen und für ihn zu kämpfen.
- Denn er sieht sich nicht als Herrscher, der sein Volk unterdrückt oder als ein Mächtiger, der seine Macht über die Menschen missbraucht (vgl. Mk 10,42).
- Christus gibt der Macht seines Königtums eine andere Gestalt: es ist nicht von hier, von dieser Welt. Seine Vollmacht ist göttlichen Ursprungs und sein Königtum dient dazu, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.
Das bedeutet aber nicht, dass sein Königtum den Mächtigen dieser Welt nicht gefährlich werden kann. Nur eben auf eine ganz andere Art und Weise. Die Wahrheit, die er zu bezeugen hat, ist Gottes Gegenwart unter den Menschen. Eine Gegenwart, die sich als vergebende Liebe offenbart. Eine Liebe, die die Machtstrukturen dieser Welt überwindet und sie in das Reich Gottes hinein verwandelt. In diesem Verhör begegnen sich zwei in ihrem ganzen Wesen verschiedene Welten: Die Welt der Stärke, der Macht und Unterdrückung und die Welt der sich verschenkenden und vergebenden Liebe Gottes.
Mit der Himmelfahrt des Herrn und seinem Fortgang aus der Welt hat er dieses Zeugnis in die Verantwortung seiner Jünger und Jüngerinnen gegeben, die mit dem Beistand und in der Kraft des Heiliges Geistes, des „Geistes der Wahrheit“ diese Verantwortung verwirklichen sollen und können.
Dabei sind aber nicht nur in der langen Geschichte unserer Kirche Christen und Christinnen immer wieder der Versuchung erlegen, das Reich Gottes mit den Mitteln weltlicher Macht und Herrschaft aufzurichten. Dieser Gefahr sind wir auch in der Gegenwart ständig ausgeliefert.
Wir merken deutlich, dass eine uns lieb gewordene soziale Gestalt von Kirche definitiv zu Ende geht. Ohne dass wir schon genau wüssten, wie unsere Gemeinden und damit auch die Kirche in unserem Land zukünftig aussehen werden. Wir suchen danach, indem wir auch miteinander ringen und streiten. Wie groß ist da oft die Gefahr, die Arbeit in den dafür zuständigen Gremien nach weltlichen Maßstäben zu organisieren als sie vielmehr als einen „Raum der Wahrheit des Hl. Geistes“ zu verstehen, wie Papst Franziskus z.B. die Familiensynode verstanden hat.
Der Terroranschlag in Paris am vergangenen Wochenende macht einen ja nicht nur traurig sowie rat- und fassungslos. Nein, er macht zornig und wütend, der Wunsch nach Vergeltung ist mehr als verständlich. Müssten wir uns aber nicht trotzdem - als diejenigen, denen Christus die Verantwortung für das Zeugnis der Wahrheit anvertraut hat - eher für die vergebende und sich hingebende Liebe einsetzen, die uns Christus, unser König uns vorgelebt hat?
Nüchterner Weise müssen wir wohl ehrlich zugeben, dass das bald bevorstehende „Fest der Liebe“ aus verschiedenen Gründen in unseren Familien nicht immer friedlich gefeiert werden kann. Manche ungelösten Konflikte brechen in den stillen Tagen auf, gegenseitige Verletzungen kommen plötzlich wieder hoch, unterschiedliche Erwartungen für diese Tage lassen sich nicht immer abgleichen. Vielleicht können wir uns in der bevorstehenden Zeit des Advents, die ja eine Zeit des „Wartens“ ist, auf solche möglichen Unstimmigkeiten vorbereiten: ein klärendes Telefonat vor Weihnachten könnte wahrscheinlich manches im Vorfeld aus dem Weg räumen. Sich gegenseitig von verletzenden Erinnerungen an vergangene Weihnachtsfeste zu erzählen, weckt gegenseitiges Verständnis und verhindert eine unangemessene Reaktion am Heiligen Abend.
Schauen wir zum Abschluss noch einmal in die Frohe Botschaft des heutigen Sonntags hinein. „Jeder, der aus der Wahrheit ist“, so sagt Jesus zu Pilatus, „hört auf meine Stimme!“ Diese Dimension des Königtums Christi, kann allerdings nur der erfassen, der selbst aus der Wahrheit ist und damit seinen letzten Ursprung in Gott hat.
Pilatus konnte zu diesem Verständnis des Königtums Christi überhaupt keinen Zugang finden, weil er selbst nicht aus dieser Wahrheit lebte. Christus lädt uns ein „auf seine Stimme zu hören“ und uns so tiefer in Gott hinein zu verwurzeln. Dann können wir immer mehr die Machtstrukturen dieser Welt durch Gottes vergebende und verschenkende Liebe überwinden und zu einer neuen Kultur des Lebens beitragen. Ein Leben, in dem Christus der wahre „König der Welt“ ist. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

29.11.2015

29.11.2015 1. Adventsonntag
Lk 21,25-36
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Das Evangelium des heutigen Tages wirkt wie Kommentar zu den aktuellen Zeitereignissen. Niemand wagt es heute, ruhige Zeiten zu verheißen. Die Zei-tungen sind voll vom Gegenteil. Vielerlei Ängste gehen um. Thema Nummer 1 ist der Krieg, der im Begriff ist auf Europa überzuschwappen, dann die vielen Flüchtlinge, die nach Europa kommen. Wie wird unser Gesellschaftssystem die Aufnahme so vieler Flüchtlinge verkraften? Wie wird sich das bislang friedliche Miteinander der verschiedenen Religionsbekenntnisse verändern? Welche Auswirkungen hat sie auf die ohnehin schon prekäre Situation auf dem Ar-beitsmarkt? Ängste gehen um, und da und dort wird versucht, daraus politi-sches Kleingeld zu machen.
Und wenn wir das derzeitige Thema Nummer 1 in welcher Weise auch immer abgehakt haben werden, stehen andere große und wichtige angstbela-dene Themen Schlange: Umwelt, Erderwärmung, Klimawandel, Folgen für die Weltwirtschaft, Entwicklungspolitik usw.
Auch wenn wir einzelne Themen nach und nach lösen, früher oder später holt uns unsere eigene Endlichkeit und die Zerbrechlichkeit unseres Lebens ein: Unfälle, Krankheiten, Schicksalsschläge, zerbrechende Beziehungen…Auch die-se ganz persönlichen und individuellen Möglichkeiten tragen beträchtliches Angstpotential in sich.
Niemand kann sich aber ständig mit all diesen negativen Zukunftsmög-lichkeiten beschäftigen; aber auch eine Verdrängung der Tatsachen würde nicht gut sein. Die apokalyptischen Texte, die in die Bibel Eingang gefunden ha-ben, wollen aber nicht Angst machen, sondern uns zu einer Hoffnung hinfüh-ren, die nicht stirbt. Da heißt es: „Wenn all das geschieht, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nahe.“
Um mit dieser Mut machenden Botschaft zu Recht zu kommen, um mit ihr leben zu können, um ihre tröstliche Verheißung anzunehmen, bedarf es aber einiger Voraussetzungen. Wiederum ist es eine Frage der Perspektive, die wir unserem Leben geben. Rein materiell gesehen sind wir nur auf unsere menschlichen Möglichkeiten angewiesen. Der gläubige Mensch weiß aber um Gott, seinen Schöpfer und dass dieser Gott seine Schöpfung aus Liebe ins Da-sein gerufen hat und sie nicht einfach vergehen lassen wird. Christliche Hoff-nung nährt sich nicht aus der Überzeugung, dass sich früher oder später alles zu einem Besserem entwickeln wird, dass wir durch unseren Erfindergeist die Fehler der Natur beheben könnten, die wir selber verschuldet haben. Christen vertrauen darauf, dass die Schöpfung trotz aller scheinbaren Mängel gut ist, dass es richtig ist, sich für einen guten Umgang mit ihr einzusetzen. Die größte Bedrohung der Schöpfung ist aber der Mensch, der sich anmaßt, über der Schöpfung zu stehen und der die Erde rücksichtslos für sich selbst ausbeutet.
Wie aber feiern wir unseren Advent. Wenn das Wort mit der Verheißung einer Ankunft zu tun hat, dann ist die Frage aktuell, wer da ankommt. Nun, der angekündigte Messias ist bereits vor 2000 Jahren gekommen und wird wieder-kommen am Ende der Welt. Und was ist in der Zwischenzeit. Was ist geschehen mit dem Gesang der Engel, die da vom „Frieden auf Erden“ gesungen haben? Was ist geschehen mit der Botschaft vom Reich Gottes, die uns Jesus verkündet hat? Hat nicht das Christentum kläglich versagt, dass es während dieser Zeit ständig zu Kriegen und Machtkämpfen auch unter Getauften kommen konnte. Wird nicht Gott ständig missbraucht und in unsere Machtstrukturen integriert. Welches Gottes- und Menschenbild hat sich in den verschiedenen Religionen ausgeprägt, nicht zuletzt auch im Christentum?
In der „Offenbarung“ steht der schöne Satz: „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn einer mir auftut werde ich zu ihm kommen und Mahl mit ihm halten und er mit mir“. Das wäre der Schlüssel zur Lösung aller Probleme, unter denen wir leiden, das würde bedeuten, Gott Raum zu geben, ihm eine Herberge zu geben in unserer Welt. Für den Anklopfenden, Herberge suchen-den Herrn haben wir aber oft nur ein vages Verständnis, das sich zwar noch einigermaßen im christlichen und abendländischen Weihnachtsbrauchtum nie-derschlägt, aber keinerlei oder nur eine oberflächliche gemütsvolle Beziehung schafft. So steht die Krippe – in einfacher oder auch kostspieliger Ausführung neben dem Berg der teuren Geschenke, die wir einander machen. Das Licht des Weihnachtsbaumes erleuchtet nur einen Raum und nicht mehr unser Herz. Und die Texte der Heiligen Nacht kennen wir auswendig ohne dass wir aus dem Kommen Gottes in unsere Welt die Konsequenzen für unser eigenes Leben zu ziehen beginnen.
Das stimmungsvolle Weihnachten ist uns geschenkt mit all den Freuden, die es mit sich bringt. Aber die eigentliche Botschaft des Festes müssen wir noch wahrnehmen und umsetzen.
Eines der Schlüsselworte im Advent ist die „Wachsamkeit“. Wir sollten uns nicht von den Ängsten, die im Raum stehen, lähmen lassen. Wir sollten uns auch nicht durch die vielen Möglichkeiten der Verdrängung wichtiger Fragen und Themen irreführen lassen.





Von Charles de Foucauld habe ich folgenden Text gefunden:

Herr, Du kennst meinen Weg,
den Weg, der hinter mir liegt, und den, der vor mir liegt.
Du begleitest mich jeden Augenblick.
Du bist immer für mich da.
Was erwartest du von mir?
Weil du mich fährst, kann ich versuchen,
mich selbst zu führen,
dass meine Augen und Ohren zu unterscheiden lernen,
dass meine Hände anderen helfen lernen,
dass mein Denken das Richtige findet,
dass mein Herz das Rechte entscheiden lernt.
Weil du mich führst, will ich meinen Weg versuchen.

P.Paul Mühlberger SJ

06.12.2015

06.12.2015 2. Adventsonntag
Lk 3,1-6
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Für unsere heutigen Architekten und Landschaftsplaner sind Berge, Hügel und Täler kein Hindernis mehr. Wir reisen heute auf gepflegten Autobahnen durch Tunnels und überwinden Täler durch weit gespannte Brücken. Im Altertum wa-ren die Straßenzustände eher bescheiden. Wenn daher ein König oder ein ho-her Beamter auf Reisen ging, um entferntere Provinzen seines Reiches zu besu-chen, hatte ein Vortrupp für den nötigen Wegezustand zu sorgen. Johannes, der Täufer, wollte aber nicht auf Straßenzustände hinweisen sonder auf eine ganz andere Wegbereitung, eine Wegbereitung, die sich auf eine wichtige An-kunft bezieht, auf die Ankunft des Messias.
Berge und Täler gibt es nicht nur in der Natur, die gibt es auch im menschlichen Leben, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, in all den Zwängen denen wir in unserem Leben ausgesetzt sind. Berge und Täler als un-überwindbare Hindernisse, als Zwänge, denen wir erliegen und die unsere
Freie Entfaltung und auch unsere Hinwendung zu Gott verstellen und verbau-en. Die Werbung, der wir täglich ausgeliefert sind, stellt uns immer wieder ju-gendliche, freudestrahlende und kauffreudige Menschen vor Augen, die wir einfach nicht sein können. Es wird uns vorgestellt, was wir essen sollen und die Mode bestimmt unser Outfit. Das sind alles Dinge, die einen Menschen so in Beschlag nehmen können, dass er den Blick für wesentliche Dinge in seinem Leben verliert.
Stehen wir nicht auch immer wieder vor unüberwindlichen Hindernissen, wenn von uns als von Christus Erlösten und in der Taufe als KinderAngenom-menen, freie Entscheidungen gefordert werden, und wir aber den leichteren, den gangbareren Weg wählen und nicht der im Inneren erkannten Wahrheit folgen, sondern nirgendwo anecken möchten Wie oft vergessen wir als freie und aufrechte Menschen zu leben?
Wenn uns Lukas das Auftreten des Johannes in der Wüste schildert, dann soll das Volk Israel und auch wir heutige Menschen an die Wüstenerfahrung des Volkes und auch an seine Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens erinnert werden. Es geht um eine Zeit, in der sie sich nicht in der Sicherheit der nächsten Ernte auf ihren Feldern wiegen konnten. Damals waren sie auf das Manna angewiesen, das ihnen Gott täglich zukommen ließ. Wüstenerfahrung ist immer auch mit der Vorstellung von Orientierungslosigkeit, Ausgesetztheit, der Unsicherheit von Wetter, Nahrung und Wasser verbunden. Wüste bedeutet Einsamkeit und Fehlen menschlicher Gemeinschaft und Unterstützung. Eine Bedrohung an Leib und Seele schlechthin.
An Leib und Seele bedroht sind wir im übertragenen Sinn auch hier in unserem Gesicherten und abgesicherten europäischen Leben. Nicht nur die vie-len Asylanten und die vom islamischen Terror bedrohten Menschen in Paris, Brüssel und Tunis erfahren ihre Verletzlichkeit auf allen möglichen Ebenen, auch wir selbst sind jeder als Mensch zutiefst verletzlich und stets dem Tode ausgesetzt. Gegen diese Endlichkeit und Verletzlichkeit ist kein Kraut gewach-sen. Aus dieser Situation heraus lebt unsere Erwartung, sollte sie wenigstens leben. Viele Menschen gibt es indes für die eine adventliche Erwartung fremd ist. Die haben sich abgefunden mit dem was sie „Schicksal“ nennen. Sie stellen keine Fragen an ihr Leben.
Für uns Christen bieten aber genau die Grenzerfahrungen menschlichen Leben eine große Chance, unsere, manchmal auch anklagenden Fragen, eröff-nen einen neuen Horizont. Es sind die Fragen nach der Sinnhaftigkeit menschli-cher Existenz, es ist letztlich die Frage nach Gott, dessen Geschöpfe wir sind und von dem wir glauben, dass er uns liebt. Es ist die Frage nach dem Sinn der menschlichen Geschichte in all den Wirrnissen unserer Zeit. Zugegeben für so manche Fragen haben wir keine Antwort, müssen aus unserem Glauben und Vertrauen heraus leben aber sie erweitern unseren Horizont auf Gott hin der uns nicht immer alle Antworten gibt, aber uns den Mut schenkt in der Wüste unsere Lebens nicht stehen zu bleiben, der uns immer wieder eine Oase finden lässt.
Es ist nicht von ungefähr, dass Lukas das Auftreten Johannes des Täufers exakt in den geschichtlichen Rahmen seiner Zeit stellt, einer turbulenten Zeit. Und in diese Zeit hinein verkündet er das Kommen des Messias. Diese Botschaft ist aber mit einer Aufforderung verbunden: wir müssen uns ändern. Die Aufforderung zur Veränderung ist ja hochaktuell wie es die Frage des Klima-schutzes ist. Aber wer die Welt verändern will, muss im eigenen Leben begin-nen. Lassen sie sich nicht den Mut rauben und in jene Gleichgültigkeit fallen die sagt: „Es wird sich ohnehin nichts ändern.“ Wir haben Gott noch nicht heraus-gefordert durch unseren Glauben an ihn und durch unsere Zuversicht auf sein Wirken. Wir haben es versäumt mit dem Wirken Gottes an uns und auch an der Welt zu rechnen. Gott ist kein bloßer Begriff und auch kein bloßes Symbol, der Himmel ist nicht leer und die Schöpfung redet laut von Gott. Sollte da gerade der Mensch, die Krone der Schöpfung stumm sein?
Schaffen wir seiner Barmherzigkeit Raum. Tragen wir die Berge ab, die sein Kommen verhindern, füllen wir die Täler aus, die uns von ihm trennen. Dann wird Weihnachten dieses Jahr vielleicht ein wenig anders werden. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

08.12.2015

08.12.2015 Marienfest
Mariä Empfängnis
Gen 3,9-15.20
Lk 1, 26-38
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Nach dem ersten vorweihnachtlichen Einkaufssamstag haben die Geschäftsleute zumindest teilweise gejubelt. Die Umsätze sind besser ausgefallen als ursprünglich angenommen. Das Weihnachtsgeschäft floriert, wenn auch viele kaum mehr wissen, was sie schenken sollen.
Ich vermute, dass mit Weihnachten ein Geschäft zu machen ist, solange dieses Fest unsere Sehnsucht nach einer heilen, oder zumindest heileren Welt anzusprechen vermag. Menschen möchten Geborgenheit erleben, Frieden, einander eine Freude bereiten. Wenigstens einen Augenblick lang soll die Welt in Ordnung sein.
Wenn wir uns aber in der Welt umsehen, wie sie uns von den Medien vermittelt wird, treffen wir auf Vieles, was uns beunruhigt: Terrorakte, steigende Gewalt, Wirtschaftskrisen mit Streiks und umstrittene Sanierungsmaßnahmen, Konflikte zwischen den Völkern, religiös gefärbte Parteiungen und vieles mehr.
Und wir kommen zu dem Schluss: Unsere Welt ist nicht heil. Spätestens nach dem traurig berühmten 11. September und seine Folgen sind auch wir friedensgewohnten Europäer aufgewacht. Wir sind gezwungen worden, unsere Illusion von Wohlstand und Wirtschaftswachstum, die einmal alle Menschen erreichen und heilen werde, in Frage zu stellen.
Trotzdem: Die Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen in Frieden zusammen leben bleibt bestehen. Der Dezember mit seinen langen Nächten vermag die dunklen Seiten unseres Lebens zu verkörpern und weckt unsere Sehnsucht, dass diese auch überwunden werden können. Diese Jahreszeit verstärkt unseren Hunger nach einem Licht, das die Dunkelheiten unseres Lebens überwindet.
Das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens nimmt ähnlich wie der Advent diese Motive auf und bietet uns eine Antwort aus dem Blickwinkel des Glaubens.
In der Lesung haben wir einen Ausschnitt aus der Erzählung vom Sündenfall des Menschen gehört. Diese versucht auf ihre Weise die Frage nach der Herkunft des Bösen in der Schöpfung zu beantworten. Sie sieht die Wurzel alles Bösen im Misstrauen und in der Eigenmächtigkeit des Menschen gegenüber seinem Schöpfer und dass dieser Mensch sich anmaßt selber wie Gott sein zu wollen. Er geht seinen eigenen weg und muss schließlich erkennen, dass er letztendlich nackt und schutzlos dasteht.
Als Kind habe ich mich immer gewundert, dass ein einziger Apfel soviel Unheil auslösen konnte. Ich habe damals noch nicht verstanden, dass es um mehr geht als um einen Biss in einen Apfel und um einen materiellen Schaden. Die Überlieferung der jüdisch-christlichen Religion weiß, dass wir Menschen neben der Frage nach der persönlichen Schuld noch viel tiefer in Zusammenhänge von Sünde und Schuld verstrickt sind. Diese kommen in der Erzählung zum Ausdruck. Wenn etwas verkehrt läuft oder wenn sich ein Unglück ereignet, sind wir gewohnt zu fragen, wer oder was daran schuld war. Wenn die Schuld bei einem Menschen liegt wird er dafür zur Verantwortung gezogen. Es gibt aber auch Schuld, die sich nicht restlos und klar auflösen lässt. Wenn etwa eine größere Personen Gruppe darin verwickelt ist, sprechen wir von Kollektivschuld oder von schuldhaften Strukturen.
Im religiösen Bereich sprechen wir auch von Erbschuld. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass jeder Mensch in eine Situation hineingeboren wird und unter Umständen aufwächst, die bereits mit Schuld vorbelastet ist. Neben der Rede von der Erbschuld gibt es auch noch den begriff der Erbsünde. Er meint eine vorgegebene Gottferne des Menschen, die nur von Gott selbst überwunden werden kann.
Maria ist von allem Anfang ihres Lebens an aus diesem Zusammenhang von Schuld und Sünde herausgenommen, so lautet das Geheimnis des heutigen Festes. Vom Anfang an ist sie vom Bösen unbeinträchtigt geblieben. Es ist müßig, für diese Glaubensüberzeugung einen historischen oder gar naturwissenschaftlichen Beweis zu suchen. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.
In dieser Überlieferung – sie ist um viele Jahrhunderte älter als die dogmatische Deklaration des Glaubenssatzes am 8. Dezember 1854 – drückt sich die Hoffnung aus, dass wir Menschen den Zusammenhängen des Bösen und der Schuldhaftigkeit nicht rettungslos ausgeliefert sind. Gott selbst wird das Böse überwinden. Er bringt Licht in die dunklen Seiten unseres Lebens. Jesus Christus ist das Licht, das unser Dasein erleuchtet. Wir leben zwar nicht in einer heilen Welt, aber Gott wird die Welt heilen.
An der menschlichen Gestalt Mariens sehen wir, ähnlich wie an der menschlichen Gestalt Jesu von Nazareth, wie ein Mensch aussieht, der nicht in die Zusammenhänge von Schuld und Sünde verwickelt ist. Beide sind nach außen hin Menschen wie wir auch. Was sie von uns unterscheidet, ist ihre persönliche Nähe zu Gott und die hohe menschliche Integrität, die von dieser Gottesnähe ausgeht.
Und so feiern wir Maria als einen Menschen, der ganz von der Liebe Gottes ergriffen wurde. Und wenn wir feiern, was Gott an Maria getan hat, dann bekennen wir: Er kann auch an uns so handeln. So wie er mit Maria einen einmaligen und unverwechselbaren Plan hatte, so hat er auch jedem von uns seine persönliche Lebensaufgabe zugedacht, einmalig und unverwechselbar. Und er hat uns das nötige Rüstzeug mitgegeben, die nötigen Talente und Fähigkeiten. Sie gilt es zu erkennen. Es ist unsere Lebensaufgabe, unsere Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten. Und das ist ein Geschehen, das das ganze Leben hindurch andauert. Selbst noch im Alter muss der Mensch immer wieder seinen Platz finden, wenn er plötzlich merkt, dass es zwickt und zwackt, dass Ohren und Beine nicht mehr so gehorchen wie vor dreißig Jahren; wenn er auch erfahren muss: Ich kann nicht mehr alles, die Kraft wird weniger, ich muss mich einschränken. Auch da gilt es noch zu erkennen: Womit kann ich noch meinen Mitmenschen dienen, was ist mein Platz, was hat ER für mich geplant.
Nehmen wir von diesem Fest mit nach Hause, dass auch wir Begnadete sind. Und wenn wir fragen: Was ist Gnade? Papst Benedikt XVI. gibt uns eine schöne Antwort:
„Gnade ist Angeschautsein von Gott, unser Berührtwerden von seiner Liebe. Und Maria ist die, die sich furchtlos, demütig und glaubend in diesen Blick hineingestellt hat, so dass er der Weg ihres Lebens wurde. Sie redet uns an diesem Tag an und gibt dem Fest so seinen wahren Gehalt. Sie sagt uns: Lass dich anschauen von Gott. Du brauchst nicht Angst zu haben, dass es ihn vielleicht gar nicht gibt oder dass er zumindest zu weit weg ist von uns und in diese Welt weder hereinschauen kann noch will. Trau ihm! Lass dich anschauen, denn er ist da. Er sieht dich an, und wenn du dich in seinen Blick hineinstellst, dann rührt es dich an, und dann erkennst du ihn, und dann wirst du ihm folgen….zum andern fürchten wir: Wenn er mich wirklich anschaut, dann wird er mir vielleicht auch meine kleinen Freiheiten wegnehmen; es könnte gefährlich sein, unter seinem Blick zu stehen. Wir erinnern uns wie Adam plötzlich nicht mehr von ihm angeschaut werden will, weil er Gott nicht mehr als Freund, sondern als Konkurrenten ansieht…..Maria aber sagt uns: Hab keine Angst! Fürchte dich nicht, dass ein Leben eingeengt, dass das fröhliche und Schöne daraus zerstört werden könne, wenn er dich sieht. Lass die anschauen von ihm. Gerade dann, nur dann wird dein Leben recht, weil Liebe nicht nur anschaut, sondern anrührt und in dir selbst schöpferisch wirkt und dich Liebe, dich die Schönheit der Welt, die Wahrheit Gottes auch in den leidenden Menschen entdecken lässt.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

13.12.2015

13.12.2015 3. Adventsonntag
Phil 4,4-7
Lk 3 10-18
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"Freut euch!" sagt Paulus. Hört sich gut an. Aber wenn mir gar nicht danach zumute ist? Wenn ich Leid und Kummer durchzustehen habe? Wenn einer von uns um einen lieben Menschen trauert. Wenn einer im Betrieb gemobbt wird, dass man alle Freude verliert? Wenn man alt und gebrechlich ist und sich so unnütz vorkommt? Wenn Weihnachten vor der Tür steht und ich hab keine Stimmung dazu? Freude kann man doch nicht befehlen! Freude kann man doch nicht selbst machen, auch nicht kaufen oder erzwingen! Was soll dieser Spruch des Paulus? Oder gilt er heute nicht mehr? - Was meint Paulus?
Ich sehe es so: Paulus befiehlt hier keine Freude. Es ist vielmehr sein Wunsch: "Freut euch dennoch!"
Zu der Zeit. wie er das schreibt, sitzt er selber im Gefängnis. Es musst sogar damit rechnen, gefoltert und umgebracht zu werden. Er muss mit allem rechnen. Trotzdem wünscht er seinen Christen in Philippi, dass sie sich freuen. Es ist schwer, das in Worte zu fassen, welche Freude er meint. Vielleicht kann man am besten so sagen: Seht nicht schwarz! Lasst euch nicht unterkriegen! Seid gelassen! Und warum eigentlich? Das Leben ist oft hart genug und es wird einem nichts geschenkt. Wird da nicht die Freude zu einer Farce?
Paulus sagt: "Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!" Freut euch, weil ihr zu Gott gehört. Ihr seid ganz in Gott geborgen, wie ein Kind im Mutterleib. Egal, was kommt - Gott ist bei euch. Ist das kein Grund zur Freude! Letztlich kann uns doch gar nicht passieren. "Ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn" sagt er uns ein andermal.
"Freut euch!" Manche Menschen können das nicht mehr. Sie laufen herum, als ob sie die ganze Last des Daseins allein tragen müssten. Als ob das ganze Leben nur noch Arbeit, Anstrengung und Mühe wäre. Tiefe Sorgenfalten durchziehen die Gesichter, keine Mine verzieht sich zum Lächeln, oft auch schon bei jungen Menschen und Kindern. Wenn manche Menschen den Mund aufmachen, kommt nur Gejammer. Selbst den Glauben empfinden sie oft als bloße Last. Der Gottesdienst wird zur reinen Pflichterfüllung und bald wird ganz Schluss sein. Solchen Menschen zu sagen: "Freut euch!" ist vergebliche Mühe. Sie wissen nicht mehr, was Freude ist. Doch die Botschaft der Freude bräuchten sie dringend.
Andere Menschen wissen sehr wohl um die Freude: Sie strahlen Freude aus. Man spürt richtig, dass sie gern leben, sich an Kleinigkeiten freuen können, die meisten Dinge positiv sehen. Ihre Freude kommt ganz von innen heraus. Oft auch bei Menschen, die viel mitgemacht haben, und trotzdem…
Ich glaube, das ist es, was Paulus meint: Freude als Lebenseinstellung, als Grundhaltung. Solche Freude kann man tatsächlich nicht machen. - Man kann sie lernen.
Wie das geht, möchte ich ihnen mit einem Vergleich zeigen, mit einem Symbol: Freude ist wie ein Licht.
Doch wir müssen realistisch sehen. Die Freude hat viele Feinde: Neid, Vorurteile, Unzufriedenheit, nur das Schlechte am andern sehen, Kritisieren, Herumnörgeln. So etwas löscht jede Freude aus. Das ist, wie wenn ich ein Glas über das Licht stülpe. Bald geht der Flamme der Sauerstoff aus.
Freude hat noch andere Feinde: die Sorgen. Sie können einen so in Beschlag nehmen, dass sie wie ein Stein auf die kleine Flamme der Freude fallen und alles kaputt drücken. Sorgen können jede Freude am Leben ersticken.
Und noch andere Feinde gibt es für die Freude: Streit, Unfriede, das dauernde Nachtragen, nicht Verzeihen können. Auch das ständige Gefühl, ich komme zu kurz und den andern geht's viel besser. All das strengt an, braucht so viel Nerven, dass die Freude wie ausgeblasen ist.
Freude hat viele Feinde. Aber wie kann ich dann lernen, die Freude zu meiner Lebenseinstellung zu machen?
Das Erste ist, dass ich lerne, mich selber zu mögen, zu mir ja zu sagen, wie ich bin. Dass ich mein Licht nicht unter den Scheffel stelle sondern mir was zutraue. Dass ich fähig bin zu genießen. Wer nicht genießen kann, wird ungenießbar. Dass ich wage, gut zu denken, handeln und andere gelten zu lassen.
Als Zweites müssen wir lernen, unsere Sorgen loszulassen. Die entscheidende Frage ist: Haben wir Sorgen oder haben die Sorgen uns? Wenn die Sorgen uns in Gewalt haben, verlieren wir alle Freude. Wenn wir aber Sorgen haben - was normal ist -, dann können wir sie auch wieder loslassen.
Denken wir an den großartigen Satz: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch Ruhe verschaffen." (Mt 11,28). Wer seine Sorgen Gott hinhält, ganz praktisch seine Steine am Altar ablegen kann, der lässt sie los und gibt damit der Freude Platz und Luft. Fridolin Stier übersetzt diesen Vers mit "Ich will euch aufatmen lassen".
Wer das lernt, dem wird die Freude nicht so leicht ausgehen. Im Gegenteil, der bekommt noch was dazu geschenkt: "Der Friede Christi, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus bewahren." Wer Freude in sich hat, bekommt auch Frieden mit sich, mit anderen und mit Gott. Beim Kerzenlicht nehmen wir gern einen Windschutz. So was brauchen wir auch bei der Freude.
Ich wünsche ihnen viel Mut und Kraft, diese Art der Freude zu leben versuchen. Sie kommt zur Wirkung, auch wenn ich meine, mit der Freude geht heute gar nichts. Die Freude verbrennt vieles, was wie Spreu ist und der Weizen kommt ans Licht. Solche Freude wird uns Weihnachten neu sehen lassen.
Amen. P. Paul Mühlberger SJ Quelle Red.





Komm, ja komm
Komm
ja komm mein Gott
Komm mit Deinem Feuer
und entflamme mich
Komm mit Deinem Atem
und belebe mich
Komm mit Deiner Kraft
und richt mich auf
Komm mit Deiner Liebe
und begeistere mich
Komm
ja komm, Du Gott der Welt
Komm in vielen Propheten
die alles in Frage stellen
und niemanden in Ruhe lassen
Komm in Jesus Christus
der die Wunden heilt
und alles lebendig macht
Komm in allen Menschen
die lieben und den Frieden suchen
Komm in allen Dingen
die mir begegnen und doch fremd sind
Komm
ja komm, mein Gott
und mach diese Welt zu Deiner Wohnung
Aus: Anton Rotzetter, Gott, der mich atmen lässt. Gebete des Lebens. Herderbücherei, Freiburg Basel Wien 1994 (1985).

13.12.2015

20.12.2015 4. Adventsonntag
Micha 5, 1-4a
Lukas 1, 39-45
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Es ist ja ein Symptom unserer Zeit, dass die Quellen, aus denen wir leben, für uns oft verschüttet werden. Auch dem Weihnachtsfest droht so ein Schicksal. In allen Häusern stehen zwar Christbäume und mitunter auch eine Krippe, aber viele Menschen wissen für dieses Fest keine Erklärung mehr. Das Fest hat sich von seiner Wurzel gelöst. Die Begleiterscheinungen stehen im Vordergrund: freie Tage, Familientreffen, gutes Essen, eine Urlaubsreise und natürlich ein Berg von Geschenken.
Was wir also tun müssen ist, dass wir den Grund von Weihnachten wieder neu entdecken müssen. Wer zur Quelle will muss aber gegen den Strom schwimmen. Die Welt, für die Gott keine Bedeutung hat, kann uns die Wurzeln dieses Festes nicht zeigen. Versuchen wir also zur Quelle zurückzukehren, wo das Wasser noch nicht verseucht ist, sondern frisch und klar und trinkbar. Nehmen wir uns in diesen Stunden ruhig Zeit, um uns Rechenschaft zu geben, aus welchem Grund wir Weihnachten feiern, und versuchen wir dann aus unserer Begründung heraus dieses Fest gut zu leben und zu gestalten.
Für mich ist heute eine bedrückende Schwierigkeit im Glauben der geistige und geistliche Schwund und der Schwachsinn, von dem die Massen oft leben. Es gehört zum Zeitgeist, sein Interesse an Gott einschlafen zu lassen, die innere Antenne zu Gott abzumontieren. Und Gott schlägt nicht Krach, jedenfalls merkt man es nicht gleich. Nichts und niemand weckt uns auf aus diesem Leben ohne Gott mit dem Blick nur auf das Materielle und das Diesseits. Schleichend werden unsere Gottesdienst immer stimmloser.
Das Schlimmste, was einem Menschen überhaupt passieren kann, ist das stille Abhandenkommen des Göttlichen in seinem Leben. Das tut nicht weh. Die lächerlichsten Krankheiten, die gar nicht gefährlich sind, machen große Schmerzen. Komisch, aber das, was uns wirklich zentral vernichten kann, das tut nicht weh, das verläuft sich einfach im Sand. Und das Schlimmste, unsere Kinder – unsere Zukunft – gehen vielfach leer aus. Die paar Religionsstunden in der Schule allein retten auch nichts mehr.
Das Vakuum, das durch das Verschwinden Gottes entsteht, füllt sich alsbald mit anderen Göttern oder Götzen, die heute hochverehrt werden. Wir kennen sie alle. Trauen wir uns auch zu, sie zu hinterfragen, wie sie herhalten? Wie schnell sind sie Schrott! Zu dieser Situation sagte ein Arzt und Psychotherapeut unserer Tage, Albert Görres: Aus meiner Erfahrung muss ich sagen: ausnahmslos bei all meinen Patienten nach vielen Verdrängungen und Widerständen kommt eines Tages ohne mein Zutun jenes Thema zur Sprache, das heute viel mehr tabuisiert wird als Sexualität und Prüderie. Es ist das Thema: Gott, Religion und Glaube. Garantiert, bei jedem entsteht diese Frage.
Wenn wieder so etwas passiert wie der Amoklauf in der amerikanischen Schule, dann wird plötzlich für kure Zeit der Ruf nach inneren Werten stark, weil so was weh tut. Doch wo auf Anhieb jetzt solche Werte herbekommen, in denen Mensch und Leben geachtet werden?
Der vierte Adventsonntag mit der Verheißung des Propheten Micha: „Du Bethlehem, aus Dir wird hervorgehen, der über Israel herrschen soll“, will uns herausfordern, Ihm, der kommt, Wohnung bei uns zu bereiten, ihm unsere Haustüren aufzumachen. Und das Evangelium mit der Begegnung von Elisabeth, die Johannes in ihrem Schoß trägt und Maria mit Jesus unter ihrem Herzen, sagt uns, es ist höchste Zeit, die Begegnung mit Gott zu wagen und sozusagen mit Gott schwanger zu gehen sichtbar in unserer Zeit.
Vielleicht könnte in diesem Jahr das Weihnachtsfest wieder einen neuen Tiefgang bekommen. Das heutige Evangelium legt uns eine Fährte. Zwischen Maria und Elisabeth herrscht ein Einklang, sie verstehen einander, ohne dass viele Worte gemacht werden. Diesen Einklang wünschen wir uns für alle unsere Begegnungen rund um Weihnachten.
Beide Frauen sind schwanger. Sie sind guter Hoffnung. Schade, dass dieser Ausdruck „guter Hoffnung sein“ heute kaum mehr verwendet wird. Wer guter Hoffnung ist, der hat eine Erwartung und freut sich an dem, was sich anschickt zu kommen. Weihnachten kann es werden, wenn wir unsere Hoffnungen nicht weggeworfen haben, sondern uns ihrer aufs Neue besinnen. Was trage ich in mir, was möchte aus mir geboren werden? Was drängt aus meinem Innern hinaus in die Welt, was strebt nach Verwirklichung und Sichtbarwerdung? Was sind meines Geistes, vielmehr meines Herzens Kinder? Hegen und pflegen wir unsere guten Hoffnungen und bitten wir Gott darum, dass er sie erfüllen möge? Wenn Weihnachten das Fest der Menschwerdung ist, dann ist damit auch mir gesagt: „Du darfst mehr Mensch werden, als du es momentan bist. Sei guter Hoffnung!
Freilich, damit ist noch nicht das tiefste Geheimnis von Weihnachten angesprochen, der Kern des Festes. Der Kern von Weihnachten ist, dass Gott in Jesus als Kind in diese Welt kommt. Elisabeth ruft voll Freude aus, als Maria vor ihrer Türe steht: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Jesus Christus als den Herrn meines Lebens und dieser Welt anzuerkennen und in Staunen zu verfallen, dass dieser Jesus Christus in unsere Welt hineingeboren wird – in diesem Anerkennen und in diesem Staunen soll und muss die eigentliche Mitte unserer ganzen weihnachtlichen Bemühungen liegen. Die Frage, sie Elisabeth formuliert, kann auch uns helfen: „Wer bin ich…? Wer bin ich, dass mir solches geschenkt ist? Wer bin ich, dass sich Gott für mich in einem Kind ganz klein macht? Wer bin ich, dass mir Gott so unmittelbar, so nahe begegnet?
Lassen wir uns in den nächsten Tagen und besonders am heutigen Abend von diesem göttlichen Kind in den Bann ziehen. Schenken wir ihm die nötige Anbetung und unsere ganze Liebe. Dann wird es Weihnachten werden. Und wenn es irgendetwas Schweres in unserem Leben gibt, dann mag dies vor dem Jesuskind wie Weihrauch sein. Weihrauch verbrennt auf glühenden Kohlen – manches in unserem Leben liegt wie auf glühenden Kohlen, und zu Weihnachten erfahren wir dies meist schmerzlicher als zu anderen Zeiten. Aber von diesen Kohlen steigt Weihrauch empor, sinnlich erfahrbares Zeichen unserer Anbetung und Liebe. Mögen unsere Sinne weit offen sein für das, was uns am heiligen Christfest geschenkt ist. Und möge uns Maria durch ihre Fürbitte helfen, dass es Weihnachten wird – sie, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ“. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

31.12.2015

31.12.2015 Messe zum Jahreswechsel
Jo 2,20
Lk 4,18ff
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Selten wird uns das Phänomen der Zeit so bewusst, wie am Jahreswechsel. Noch wenige Stunden, dann ist das Jahr 2015 zu Ende gegangen und wir werden ab Mitternacht „2016“ sagen. Und mit dem Neuen Jahr verbinden sich neue Hoffnungen und Wünsche, Ängste und Sorgen. Hal Borland (1900 - 1976), ein amerikanischer Schriftsteller, hat folgenden Satz geprägt: „Das Jahresende ist kein Ende und kein Anfang, sondern ein Weiterleben mit der Weisheit, die uns die Erfahrung gelehrt hat.“
Ich lade Sie ein, ein wenig der „Weisheit“ und den „Erfahrungen“ nachzuspüren, die uns das Jahr 2015 gelehrt hat. Dabei geht unser Blick sicher zunächst in unser persönliches Leben hinein: wir schauen zurück auf viele schöne Erlebnisse, auf manches Traurige, vielleicht auch auf einen schweren Schicksalsschlag, der einen getroffen hat. Und wir alle hoffen und wünschen uns, dass 2016 ein gesundes, friedliches und glückliches Neues Jahr wird.
Im Jahr 2015 standen wir aber auch vor großen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen: was wird aus dem europäischen Projekt, angesichts der unterschiedlichen wirtschaftlichen und finanziellen Voraussetzungen und dem zunehmenden nationalistischem Denken in den einzelnen Mitgliedsstaaten? Wie reagieren wir angemessen auf den internationalen Terror? In welchem Land wollen wir leben? Was sind eigentlich diese berühmten „Werte“, an denen sich alle anderen orientieren sollen? Wir erleben das Suchen der politischen Eliten und die unvorstellbar großherzige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Wollen wir dann wirklich zugleich in einem Land leben, in dem Migranten und Flüchtlinge offen angegriffen werden?
Der Johannesbrief erinnert uns in seiner heutigen Lesung daran, dass wir es wissen: „Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist“! (Joh 2,20). Durch diese Salbung haben wir Anteil an der Sendung Christi, den der Herr selbst gesalbt hat, wie es in der programmatischen Predigt Jesu am Beginn seiner Sendung heißt: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4, 18 ff.).
Wie kann unsere besondere „Sendung“ in 2016 angesichts der großen Herausforderungen aussehen? Natürlich können und dürfen wir die Texte der Hl. Schrift, die in anderen historischen und kulturellen Kontexten entstanden sind, nicht 1 zu 1 in die Gegenwart übersetzen. Aber sie bezeugen uns normative Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben. Diese Erfahrungen können uns sicher auch heute helfen.

Die säkulare Welt spricht von der unveräußerlichen „Würde“ des Menschen. Für uns Christen gründet diese „Würde“ darin, dass der Mensch als „Abbild Gottes“ geschaffen wurde und dass er dieses Abbild als Mann und Frau geschaffen hat. Diese Würde geben wir uns nicht selbst und können sie auch niemals verlieren. Hier besteht unsere Sendung darin, jedem einzelnen Migranten und Flüchtling mit Respekt und Liebe zu begegnen und ihn auch so zu behandeln.
Christus hat uns das Gebot der Nächstenliebe gelehrt. Der Apostel Paulus konkretisiert dieses Gebot so: „Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben.“ (Röm 15,1) Dies gilt für das Leben innerhalb einer christlichen Gemeinde genauso wie für die Menschen, die aufgrund von Armut, Hunger oder Krieg ihre Heimat verlassen. Und genauso für ein vereintes Europa, indem natürlich die Starken nicht nur für sich selber leben dürfen, sondern auch die Schwäche derer tragen, die schwach sind.
Wie oft ermahnt uns Christus zur Gewaltlosigkeit, ja sogar zur Liebe gegenüber unseren Feinden. Das ist keine Schwäche, sondern Stärke, weil wir so dem Gegner den „Wind aus den Segeln nehmen“! Wenn ich mir die Kriege anschaue, die der Westen - mit oder ohne deutscher Beteiligung - in den letzten Jahren geführt hat bzw. noch führt - ist es durch Gewalt wirklich besser geworden? Ich frage mich, ob unsere Sendung auch darin bestehen kann, darauf immer wieder hinzuweisen und sich - auch angesichts von Anschlägen und Toten - für Frieden einzusetzen?
Weiterleben mit der „Weisheit“, die uns die Erfahrung gelehrt hat. So rät es Hal Borland zum Jahreswechsel. Wir haben einige dieser Erfahrungen, die die Autoren der Bibel uns weitergegeben haben bedacht. Zu diesen Erfahrungen gehört auch die Gewissheit, dass Gott uns in unserem persönlichen Leben nahe ist und es gut mit uns meint. Alle Erzählungen der Evangelien berichten davon, wie Christus Menschen neues Leben ermöglicht und ihnen neue Lebensqualität schenkt. Sie berichten auch davon, dass seine Liebe besonders denen gilt, die zu kurz kommen und am Rande stehen. Auf diese Liebe und Nähe Gottes will ich auch in 2016 vertrauen. Und der Heilige Vater stellt uns ausdrücklich einen barmherzigen Gott vor Augen.
Wenn wir für das kommende Jahr Segen erbitten, dann ergreifen wir bewusst die Hand Gottes, dann denken wir an all das, was Gott für uns Menschen bedeutet, dann stellen wir unser Leben unter seinen Schutz und nehmen gleichzeitig auch den Auftrag wahr, dass wir auch selber zum Segen sein sollen. Das Erbitten des Segens ist für uns auch eine Aufforderung uns bewusst in das Kraftfeld Gottes hineinzustellen. Es ist eine Aufforderung, die Mittel zu benutzen, die uns Gott zur Verfügung gegeben hat: die Feier der Eucharistie, als einen Ort der tiefsten Begegnung mit Gott, der Empfang des Bußsakraments als eine Tat der Umkehr, das persönliche Gebet als die liebende Aufmerksamkeit für das, was uns Gott sagen will. Dass wir auch immer wieder hineinhorchen in unser eigenes Leben, in seine Ereignisse, mögen sie angenehm oder unangenehm sein, denn gerade in diesen zeigt sich Gott immer wieder. Das bewusste Leben mit Gott wird uns somit aus aller Angst auch vor dem Unvorhergesehenen herausheben und uns zu Menschen machen, die aus ihrem Glauben heraus, bewusst und mit Zuversicht zu leben verstehen.
So lassen Sie uns heute das alte Jahr miteinander abschließen. Freuen wir uns auf das Neue Jahr 2016. Möge es ein gutes, friedliches und gesundes Jahr für uns alle werden. „Das Jahresende ist kein Ende und kein Anfang, sondern ein Weiterleben mit der Weisheit, die uns die Erfahrung gelehrt hat.“

P. Paul Mühlberger SJ