01.01.2016

Hochfest der Gottesmutter Maria
Gal 4,4-7
Lk 2,16-21

Die liturgische Ordnung für das Kirchenjahr hat für die Weihnachtszeit vier Hochfeste vorgesehen: Die Geburt des Erlösers, das Hochfest der Heiligen Familie, das Hochfest der Gottesmutter Maria und das Fest der Erscheinung des Herrn. In ihnen werden uns die wichtigsten Grundzüge des Glaubens vorgestellt.
Zu Weihnachten werden wir eingeladen, die überwältigende Liebe Gottes zu uns zu betrachten, der uns in der Geburt Jesu seinen eigenen Sohn als Heiland der Welt sendet. Wir sind nicht Verlorene, sondern Gerettete. Wir sind nicht in Dunkelheit Umherirrende, sondern von Jesus auf den Weg des Lichts Geführte. Wir sind nicht auf uns allein gestellt, sondern dürfen Gottes Hilfe und Gnade in unser Leben einbeziehen.
Am ersten Sonntag nach Weihnachten steht dann die Heilige Familie im Mittelpunkt. Jeder Familie ist eine hohe Verantwortung übertragen. Das Geschenk Gottes, die natürlichen Veranlagungen jedes einzelnen, werden zur Entwicklung und Entfaltung in die Hände von Gemeinschaft gelegt. Vorrangig dürfen Eltern das Wesen ihrer Kinder prägen, so wie Jesus von Maria und Josef geprägt wurde. Aber auch andere Gemeinschaften, die Pfarrgemeinde, Gruppen und Verbände, die jeweilige Volksgemeinschaft, stehen in der Pflicht. Auch außerhalb unserer Familie tragen wir eine hohe Verantwortung füreinander. Im Zusammenleben prägen wir einander: positiv aber auch negativ.
Heute begehen wir das Hochfest der Gottesmutter Maria. Für uns beginnt ein neues Jahr. Vieles wird in ihm ablaufen, wie in den Jahren zuvor. Aber es gilt, sich auch offen zu halten für Überraschendes, nicht Voraussehbares. Im Leben der Gottesmutter war es nicht anders. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Maria im normalen Ablauf des menschlichen Lebens. Zwei Ereignisse in ihrem Leben waren in besonderer Weise mit Gnade erfüllt: Ihre Erwählung zur Gottesmutter und die Auferstehung Jesu als letzte große Bestätigung, dass der von ihr geborene Mensch Jesus sich trotz Kreuzigung als Sieger und Retter erwies. Die Zeit vor ihrer Erwählung durch Gott und die dreißig Jahre bis zum öffentlichen Auftreten Jesu teilte Maria äußerlich im Großen und Ganzen mit den Menschen ihrer Zeit. Neben den beglückenden Erfahrungen hatte Maria auch Bitteres und Leidvolles durchzustehen: Die Flucht nach Ägypten und die qualvolle Hinrichtung ihres Sohnes. Weder von den mit Gnade erfüllten Stunden noch von den leidvollen Erfahrungen in ihrem Leben wusste Maria am Anfang des Jahres, dass sie auf sie zukommen würden.
Die Kraft zur Bewältigung des Alltags und der besonderen Ereignisse ihres Lebens gewinnt Maria aus ihrer inneren Einstellung zu Gott und ihrer Lebenshaltung aus dem Glauben. Sie ist bereit, zu Gottes Willen ihr Ja zu sagen und sie überdenkt in ihrem Herzen, was ihr geschieht und sich um sie herum ereignet. Dabei kann sie sich immer neu überzeugen, dass ihr Vertrauen in Gott die einzig richtige Lebenshaltung ist. Im Gehorsam gegenüber Gott hat sie ihrem Sohn den Namen Jesus gegeben, wie der Engel es ihr aufgetragen hatte. Der Name Jesus, auf Hebräisch Jehoschua, bedeutet: Gott rettet. Maria kann dies hautnah erleben. Josef lässt sie auf Geheiß Gottes hin nicht im Stich. Mit der Flucht nach Ägypten, so bitter sie auch ist, kann sie ihr Kind vor der Ermordung durch Herodes retten. Die Hirten mit ihren Berichten und die prophetischen Worte des greisen Simeon bei der Darstellung Jesu im Tempel bestätigen ihr die Botschaft des Engels. Das öffentliche Wirken Jesu ist dann ein neuer starker Impuls für ihren Glauben und ihr Gottvertrauen. Die Krönung liegt schließlich im Erleben der Auferstehung ihres Sohnes, dem deutlichsten Beweis dafür, dass alles, was sich ereignet hatte, göttlichem Wollen und seiner Führung entsprach.
Das Leben der Gottesmutter ist neben vielen Jahren gewöhnlicher Alltäglichkeit durchzogen von gewaltigen Höhen und Tiefen, die sie vorbildlich bewältigt, weil sie ein offenes Ohr und Herz für Gott hat. Sie nimmt an, was kommt - Freude wie Leid - und bleibt auf Gott konzentriert, um sein Wollen zu erfassen und seinem Willen nachzukommen. Für Maria steht Gottes Wirken und Jesu Leben im Vordergrund. Sie sind für Maria die eigentlich Wirkenden, die retten, segnen, begnaden, beistehen. Gott und Jesus gilt es für sie zu bewundern und sich mit ihnen zu verbünden.
Ich bin sicher, dass uns mit dem Hochfest der Gottesmutter am Beginn des neuen Jahres gerade Maria mit ihrem Wesen vor Augen gestellt wird mit der Absicht: gelassen und mit Gottvertrauen in das neue Jahr zu gehen. Nicht nur Maria ist begnadet; wir sind es auch. Ob im kommenden Jahr etwas Außergewöhnliches geschieht, das unser bisheriges Leben verändert oder gar auf den Kopf stellen wird, wissen wir nicht. Aber wir wissen, auch für uns ist Gott Retter, der seine schützende und segnende Hand über uns hält und der uns begleitet. Wir können darauf verzichten, unruhig zu werden mit unseren Plänen für das kommende Jahr. Das wirklich Große in unserem Leben wird Gott wie bei Maria auch bei uns bewirken. Für seinen Willen und die Aufgaben, die er uns anvertraut, offen sein, das sollen wir nicht vergessen. In dem, was uns geschieht, das Wirken Gottes entdecken und uns an ihm freuen, das wird uns die nötige Kraft geben, Angenehmes und Schwieriges vertrauensvoll anzugehen.

Auf diesem Hintergrund wünsche ich ihnen alles Gute für das neue Jahr und Gottes reichen Segen!

P. Paul MühlbergerSJ

03.01.2016

2. Sonntag nach Weihnachten
Eph 1,3-18
Jo 1,1-18
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»Wem gehört die Welt?« beginnen sich immer mehr Menschen zu fragen. Früher schien das selbstverständlich zu sein. Die Herrscher verstanden sich eingesetzt von Gottes Gnade und ließen daran nach ihrem Gutdünken andere teilhaben, indem sie Ländereien als Lehen – sozusagen als Leihgabe – weiter gaben. Die Krönung des Kaisers durch den Papst unterstrich das noch und ließ keine Zweifel aufkommen, dass es auch anders sein könnte.
Auch Demokratien, in denen die Macht vom Volk ausging, verstanden sich häufig in einem religiösen Kontext, der oft auch in der Verfassung verankert war. Immer öfter wird der religiöse Bezug aus Verfassungstexten entfernt, weil es in pluralen Gesellschaften kaum mehr möglich ist, diesbezüglich einen Konsens herzustellen, ganz zu schweigen von Staaten, die sich atheistisch verstehen.
Um sich nicht plötzlich in einem rechtsfreien Raum vorzufinden, haben sich die meisten Organisationen einen rechtlichen Rahmen gegeben, der ihnen ermöglich, ihre Besitzansprüche zu begründen und wahrzunehmen.
Es bleibt aber die Frage: »Wem gehört die Welt?« Gibt es nicht Gemeingüter, die niemand für sich allein beanspruchen kann? Die Ressourcen der Natur, die Atmosphäre, die »Gemeingüter des Geistes«, die kreativen Hervorbringungen vergangener Generationen, wem gehören sie? Gehören sie allen? Wer darf sie wie nutzen? Dürfen Besitzende mit ihrem Besitz tun, was sie wollen? Wer kann ihnen mit welchem Recht Grenzen setzen?
Im Weihnachtsevangelium des Johannes, dem großen Prolog zum vierten Evangelium, haben wir heute gelesen: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf." Und: "Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht."
Der Evangelist stellt eine Verbindung her zwischen dem Schöpfer, der am Anfang aller Zeit alles, was da ist, hervor gebracht hat, und dem Auftreten des Messias mitten in der Weltgeschichte. Für ihn ist klar, wem die Welt gehört: Dem, der sie geschaffen hat. Aber damit tritt der Messias in Konkurrenz mit allen, die sich als rechtmäßige Besitzer dieser Welt fühlen. Damit wäre auch das Misstrauen all jener erklärt, die dem Messias mit Argwohn gegenüberstehen wie der biblische König Herodes; stellvertretend für alle, die mit allen Mitteln ihre Macht- und Besitzansprüche verteidigen.
Aber Gott sei Dank geht es der Lichtgestalt des Johannes nicht um den Herrschafts- und Besitzanspruch über diese Welt. Dies würde früher oder später zu einem Gottesstaat führen und ist oft genug in diesem Sinne missverstanden worden. Einen solchen mögen zur Zeit Jesu einige jüdische Gruppierungen vom kommenden Messias erwartet haben. Von der Idee eines Gottesstaates sind wir im Laufe der Geschichte hoffentlich ausreichend geheilt worden. Wohin dies führen kann, zeigt sich immer wieder, wenn eine Religion oder eine Ideologie das letzte Wort für sich beansprucht.
»Das Wort«, das in Jesus Christus in diese Welt gekommen ist, erhebt einen anderen Anspruch. Es wirkt auf geistige Weise und erweist sich immer neu als wahr. Jesus sucht die Begegnung mit Menschen auf Augenhöhe und will von diesen aufgenommen werden. Wie er diese Begegnung mit den Bewohnern der Erde gestaltet, davon hören wir in den folgenden Kapiteln des Johannesevangeliums. Jesus wirkt durch seinen Geist. Er ist selbst der Fleisch gewordene Geist Gottes. Er kommt nicht, um die Welt in Besitz zu nehmen, sondern um sie zu verwandeln.
Für uns ist sein Eintritt in diese Welt eine Einladung, ihm zu begegnen und ihn bei uns aufzunehmen. Bei seiner ersten Ankunft wurde er zunächst abgelehnt, hinaus geworfen und vor der Stadt hingerichtet. Wie weit er bei uns Aufnahme findet, muss sich immer neu herausstellen.
Kind Gottes zu sein bedeutet, von der Art Gottes zu sein. Als Kinder Gottes stehen wir in seiner Gnade und haben wir Anteil an seinem Geist. Als Kinder Gottes sind wir dazu berufen, sein Werk fortzusetzen; nicht, indem wir die Welt in Besitz nehmen, sondern indem wir sie aus dem Geist des Messias heraus verwandeln. Kinder Gottes wurden wir zwar durch den sakramentalen Akt der Taufe. Diese Berufung muss aber vom jedem erst persönlich eingeholt werden, indem er oder sie sich der Begegnung mit Jesus Christus öffnet und seinen Geist annimmt.

Egon Kapellari
Aus: Egon Kapellari, Menschenzeit in Gotteszeit. Wege durch das Kirchenjahr.

Der Mensch ist ein Teil der Welt, und zugleich stellt er sich im Erleben und Denken immer wieder der Welt gegenüber und baut auch Brücken, die über die Welt, über die Todesgrenze hinaus zielen. Bleiben diese Brücken für immer Fragmente oder erreichen sie ein anderes Ufer? Die Weihnachtsbotschaft bejaht die zweite Frage: Sie sagt, dass Gott dem Menschen entgegenkommt, dass er in seinem ewigen Sohn, den das Evangelium "das Wort" nennt, Mensch geworden ist. Der Sohn Gottes geht den Weg der Menschen. Nicht den Höhenweg des stolzen machthungrigen Menschen, sondern den niedrigen Weg von der Krippe zum Kreuz.
Im Laufe der Geschichte wollten Menschen viele Male Übermenschen werden, wollten sein wie Götter. Sie sahen aber das Göttliche nicht in der Liebe, sondern in der Macht. So bauten sie babylonische Türme, die immer wieder einstürzten. Als aber Gott Mensch geworden ist, da ist er in der Gestalt der verletzbaren und schließlich gekreuzigten Liebe erschienen. Er hat sich gezeigt in der Gestalt des Kindes von Bette-hem und des jungen Mannes von Nazaret, der nicht schlug, als er geschlagen wurde, der in souveräner Friedfertigkeit den ihn bedrängenden Hass von innen her überwältigt hat.
Das ist Erlösung: Versöhnung zwischen Himmel und Erde, zwischen Mensch und Gott, zwischen Mensch und Mensch. Das ist auch Versöhnung des Menschen mit sich selbst. Darum drängt der liturgische Ruf "Das Wort ist Fleisch geworden" jene, die von seiner Wahrheit überzeugt sind, sich niederzuknien, sich klein zu machen vor einem so großen Geheimnis.

Egon Kapellari
Aus: Egon Kapellari, Menschenzeit in Gotteszeit. Wege durch das Kirchenjahr. Styria Verlag, Graz Wien Köln 2002.

P.Paul Mühlberger SJ
Quellen: Redemptoristen

06.01.2016

Erscheinung des Herrn
Jes 60,1-6
Mt 2,1-12
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Als die drei Weisen am Ziel waren, fielen sie nieder und beteten das Kind in der Krippe an als den Messias, den Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, weil er allein uns Heil und Leben bringen kann.
Der Stern, dem sie folgten, führte die Weisen weder in einen Palast der Reichen und Mächtigen noch in eine Akademie mit Gelehrten, sondern zu einem Kind. Die drei waren wirklich weise Menschen; denn sie begreifen: Gott begegnet uns normalerweise nicht im Außerordentlichen, Außergewöhnlichen, Ausgefallenen, Abenteuerlichen, Aufsehenerregenden, nicht in Nerven kitzelnden und spektakulären Ereignissen. Außerordentliche Erfahrungen kann man zwar nicht ausschließen; gelegentlich legt uns Gott solche Spuren. Aber sie sind nicht das Erwartbare. Die großen Heiligen waren sogar immer sehr zurückhaltend, ja überaus kritisch gegenüber allem Mirakulösen. Das eigentlich Wunderbare liegt nicht im Außergewöhnlichen. Es liegt darin, dass mitten im ganz Gewöhnlichen und ganz Alltäglichen das ganz Ungewöhnliche geschieht. Gott macht keine Spektakel und keine Show. Gott ist - wenn man so sagen darf - diskret, so wie auch echte menschliche Liebe nie aufdringlich, sondern immer diskret ist. So auch Gott. Er steigt zu uns herab, er will mitten unter uns, mitten im Alltag der Welt auffindbar und gegenwärtig sein.
Von diesem Wunder übergroßer Liebe sind die drei Weisen überwältigt. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden, ein Mensch so wie du und ich, allein die Sünde ausgeschlossen. Gott ist geboren worden, war ein kleines Kind, hat Hunger und Durst gelitten, Freude und Freundschaft erlebt, Leid erfahren und ist gestorben.
Mit der Anbetung des Kindes machen die Weisen deutlich, was gilt, was hält und was trägt; was letzter Maßstab und was Kriterium ist, um zu entscheiden und zu unterscheiden: Jesus Christus. In ihm ist der unsichtbare und verborgene Gott, der im unzugänglichen Lichte wohnt und für uns Menschen ein undurchdringliches und unzugängliches Geheimnis ist, sichtbar erschienen. In Jesus Christus hat Gott Fleisch angenommen und ist geworden wie einer von uns. Damit hat er uns geholfen, den wahren Gott von den falschen Götzen zu unterscheiden. Wer auf ihn schaut und auf ihn hört, der geht nicht in die Irre. Jesus Christus sagt von sich selbst, wer ihn sieht, der sieht den Vater. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,8).
An Weihnachten hat Gott, vor dem wir niederknien, definitiv gezeigt, dass er kein Tyrann und kein Despot, sondern reine Liebe zu uns und zu allen Menschen ist. Er ist - so sagen es uns die Kir­chenväter immer wieder - dazu Mensch geworden, damit wir Menschen vergöttlicht und mit göttlichem Leben erfüllt werden, schon jetzt hier auf Erden und vollends in der Ewigkeit, wenn wir für immer bei Gott sind und Gott uns das ewige Leben schenken wird.
Die Wahrheit, so wie wir Christen sie verstehen, ist also nicht ein abstraktes Prinzip, nicht ein Kodex von Doktrinen, von Geboten und Verboten. Wahrheit ist nicht eine starre und statische Angelegenheit. Die Wahrheit ist nicht etwas, was man zwischen zwei Buchdeckeln findet. Die Wahrheit ist eine Person; sie ist Jesus Christus in Person. Er sagt uns, wer und wie Gott ist; und er sagt uns damit auch, wer wir als Menschen sind, wie wir als Menschen leben sollen und wie wir leben können, um das Leben in seiner Fülle zu haben und das wahre Glück des Lebens zu finden.
Viele wissen heute nicht mehr, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen, worauf sie sich noch verlassen können, woher sie kommen und wohin sie gehen. Da ist es das Große und Schöne am Christentum, dass wir in Jesus Christus einen konkreten Maßstab und Orientierungspunkt haben, einen guten Hirten, einen Begleiter durchs Leben, dem wir uns unbedingt anvertrauen können.
Die drei Weisen hatten also recht, wenn sie dort niederknieten, wo allein in der Welt es einen Sinn hat, niederzuknien. Nirgends sonst darf man einen Kniefall machen. Wenn man ihn aber vor Jesus macht, dann verliert man ganz und gar nichts von seiner menschlichen Würde; dann braucht man überhaupt nichts aufgeben von menschlicher Weisheit und Einsicht. Wer vor Jesus kniet, wird dadurch nicht klein, im Gegenteil, der Mensch erfährt dann erst seine wahre Größe und seine wahre Berufung. Die Haltung der Anbetung macht uns nicht klein, aber sie bewahrt uns vor Größenwahn; sie sagt: Da ist einer, der größer ist als alle Macht der Welt.
So war es bei den drei Weisen. Als sie das Kind und seine Mutter fanden, fielen sie nieder und beteten das Kind an. Vor einem Gott, der sich so ganz anders verhält, als die meisten ihn sich vorstellen, können sie nur in die Knie sinken. Anbetung ist hier Zeichen des dankbaren Staunens und der Gegenliebe. Als Zeichen ihrer Gegenliebe bringen sie Gold, Weihrauch und Myrrhe dar. Sie bringen sich selbst dar.
Solche Anbetung müssen wir wieder lernen. Wir müssen lernen, stille zu werden und inne zu werden, dass ein Größerer da ist, dessen Liebe mich und alle Welt umfängt und in unendlicher Liebe trägt, manchmal auch erträgt, der es gut mit mir meint, mich annimmt und mir immer wieder neu vergibt. Es genügt dann, zu sagen: »Danke, dass du bist, dass du da bist. Ich liebe dich auch«, und dann ganz bewusst eine Kniebeuge zu machen, nicht bloß nebenher, nicht bloß, weil es üblich ist, nein, weil sie dem großen Gott gilt, weil man sich vor ihm klein machen kann, ohne klein zu werden.
Weihnachten, so lehrt uns das Evangelium der drei Weisen, darf nicht nur eine Stimmung sein. Weihnachten führt uns zur Anbetung. Es sagt uns: Gott ist da.

Walter Kardinal Kasper, Meditationen zum Advent

10.01.2016

Taufe Jesu
Jes 42,5a.1-4.6-7
Lk 3,15-16.21-22
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Heute, am Fest der Taufe Jesu, feiern wir auch diese Zusage Gottes an uns. Was Jesus in seiner Taufe erfahren hat, diese Erfahrung will Gott auch uns schenken.
Versetzen wir uns doch einmal selbst in die Szenerie der biblischen Erzählung hinein. Lassen wir uns von ihren Bildern und Worten ganz persönlich ansprechen.
Jesus reiht sich unter die Menschen, die zu Johannes kommen. Zu diesen ganz normalen Leuten gehören auch wir: mit unseren Stärken und guten Seiten, mit unseren Schwächen, Fehlern und unserer Schuld. Auch wir sind Menschen auf der Suche nach erfülltem Leben. Jesus solidarisiert sich mit uns. Wie alle anderen steigt er ins Wasser hinab. Wasser, dieses alte Symbol, steht hier für dunkle und bedrohliche Seiten unseres Lebens: für aufwühlende Zeiten, in denen wir den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen; für Phasen der Trauer oder der Depression, in denen uns alle Lebenslust und Energie hinweg fließt; für Angst, die uns zu überfluten droht; und nicht zuletzt für Schuld, in die wir uns immer wieder verstricken. In all dies steigt Jesus hinab und zeigt uns, wie wir heilsam damit umgehen können: Es gilt, solche Tiefen und Abgründe des menschlichen Lebens als gegeben anzunehmen, ohne aber uns darauf zu fixieren.
So richtet Jesus seinen Blick aus der Tiefe nach oben, zum Himmel. Und während er betet und sich für die Kraft Gottes öffnet, geschieht das Entscheidende. Für ihn öffnet sich der Himmel und Gottes Kraft durchströmt ihn. Ähnliche Erfahrungen können auch wir heute machen. Wenn wir Stille aushalten können, aber auch wenn wir sensibel sind für Gottes Wirken im Alltag, haben wir manchmal das Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt und "der Himmel offen steht": Das erleben wir z. B. im Einssein mit der Natur; im unbeschwerten Spielen und Lachen mit Kindern; in der Begegnung mit Menschen, die uns so annehmen und lieben, wie wir sind; in einem erhebenden Gottesdienst; in Augenblicken innerer Klarheit über uns selbst und unser Leben. Solche wunderbaren Augenblicke können wir nicht selbst machen oder herbeiführen. Wir erleben sie als Geschenk, und gerade das macht sie so kostbar für uns.
In diesem besonderen Augenblick fühlt Jesus sich durch und durch von Gott angenommen. "Du bist mein Sohn, der Geliebte. An dir habe ich Gefallen." - so drückt die Bibel diese grundlegende Erfahrung Jesu aus. Mit diesen Worten spricht Gott auch uns an. Das muss nicht in einer blitzartigen Erkenntnis geschehen. Vielleicht dämmert es uns im Lauf unseres Lebens auch allmählich, dass wir wirklich Gottes geliebte Kinder sind - so wie er es uns in unserer Taufe zugesprochen hat.
"Du bist meine Tochter, mein Sohn, der Geliebte. An dir habe ich Gefallen." - so spricht Gott jede und jeden von uns persönlich an!
Das klingt vielleicht etwas abgehoben. Aber wenn wir diesem Satz einmal nachspüren, kann er tief greifende Konsequenzen für unser Leben haben, nämlich für unsere Einstellung und unseren Umgang mit uns selber, aber auch mit anderen.
Zunächst werde ich ganz persönlich angesprochen: "Du". Gott spricht mich nicht in einer meiner vielen Rollen an, nicht etwa als Hausfrau, Arbeitnehmer, Mutter, Großvater... Er spricht mein Wesen an, denn ich bin nicht, was ich leiste. Ich bin nicht, was die Leute von mir halten. Ich bin nicht, was ich habe. Auch wenn nichts Unrechtes daran ist, Erfolg zu haben, berühmt zu sein, Macht zu besitzen, ist der Wert meiner Person letztlich nicht darin verwurzelt, sondern im bedingungslosen Angenommensein von Gott. Er meint mich. So wie ich bin, auch wenn es mir schlecht geht, wenn ich schwach und krank bin, wenn ich traurig und müde bin, wenn ich gereizt und wütend bin, wenn ich grundlose Angst habe - ja sogar wenn ich schuldig geworden bin. Vor aller Leistung und trotz allen Versagens ist meine bloße Existenz ist Grund genug für Gott, mich als seine Tochter, als seinen Sohn anzusprechen.
"Du bist mein Sohn, meine Tochter" - das sagt auch etwas über Gottes Beziehung zu mir aus. Ich habe meinen Ursprung in ihm. Er ist mir Vater und Mutter, mit allen positiven Eigenschaften, die wir mit guten menschlichen Eltern verbinden: Gott verlässt mich nicht; er sorgt für mich und beschützt mich; er stärkt mir den Rücken und traut mir zu, dass ich auf eigenen Füßen stehe.
"Geliebte" nennt er mich, mit einer Liebe, die nicht an Bedingungen geknüpft ist. Ich kann aus dieser Liebe nicht herausfallen, egal, was ich tue. "Gefallen" hat Gott an mir, an meiner Person von Anfang an. Er muss nicht erst "Gefallen finden", wie es in manchen Übersetzungen auch heißt.
"Du bist meine Tochter, mein Sohn, der Geliebte. An dir habe ich Gefallen." Dieser Satz gilt also nicht erst, wenn wir uns nach langer Anstrengung und Askese diese Liebe Gottes verdient hätten. Sie gilt mitten in unserem Dunkel, unserer Sünde und unseren alltäglichen Sorgen und Mühen. Gott ist uns auch und gerade dort nahe.
Gott spricht alle Menschen als seine geliebten Kinder an. Das wirkt sich auch auf unsere Beziehung zu anderen aus. Auch sie gilt es, ohne Vorleistung, mit ihren Fehlern und Schwächen zu akzeptieren. Wenn uns dies immer wieder gelingt, "öffnet sich der Himmel" und Gottes Reich wird ein Stück mehr Wirklichkeit.
"Du bist meine Tochter, mein Sohn, der Geliebte. An dir habe ich Gefallen." In unserer eigenen Taufe haben wir diese Zusage Gottes gefeiert. Das Fest der Taufe Jesu schenkt uns die Möglichkeit, uns immer wieder daran zu er-innern und zu ver-inner-lichen: Wir sind und bleiben Gottes geliebte Kinder. Er hat an uns Gefallen um unserer selbst willen.
P. Paul Mühlberger SJ, Quelle Redempt.

17.01.2016

2. Sonntag im Jahreskreis
1 Kor 12,4-11
Jo 2, 1-11
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Die Geschichte von der Hochzeit zu Kana zählt zu den bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments. Was wir jedoch zu kennen meinen, wird schnell zum langweiligen Immer-Demselben. So laufen wir Gefahr, nicht mehr genau hinzuhören. Doch nehmen wir uns die Chance, uns selbst in dieser Geschichte wieder zu finden.
Viele Brautleute suchen sich dieses Evangelium für ihre Hochzeitsfeier aus, wozu der Titel der Geschichte schnell verleitet. Doch geht es in ihr gar nicht oberflächlich um eine schöne, gelungene Hochzeitsfeier. Das Johannesevangelium schildert zunächst eine große Peinlichkeit! Braut und Bräutigam haben wohl nicht genügend vorgesorgt. Der Wein ging ihnen aus. Die absehbare Folge davon wäre ein schnelles Ende der Feier gewesen. Mehr oder weniger enttäuscht, murrend und kritisierend hätten die Gäste den Heimweg angetreten. Zur Blamage wäre noch das unvermeidliche Gerede hinzugekommen. Das Fest wäre als gesellschaftliche Katastrophe ausgelaufen.
Genau da setzt Jesus an. Nach dem Johannesevangelium beginnt sein öffentliches Wirken ausgerechnet auf einer Hochzeit, und noch dazu mit einem Weinwunder. Seine Mutter hatte den drohenden Mangel schon vorausgesehen und ihn auf die sich anbahnende Krise hingewiesen. Maria zeigt sich als Sorgende. Zu jeder Feier gehören einfach genügende Mengen an Essen und Trinken. Jesus lässt sich bei seinem Wirken jedoch von keiner menschlichen Beziehung bestimmen, nicht einmal von seiner eigenen Mutter. Sie lässt sich aber nicht irremachen, auch wenn sie mit für unsere Ohren herben Worten zurechtgewiesen wird: „Jetzt ist noch nicht meine Stunde.“ Jesus wirkt zu seiner eigenen Zeit, er setzt seine Zeichen nicht auf Bestellung. Aber er setzt sie. Und dann im Übermaß.
In Wirklichkeit klingt der Satz: „Was willst du von mir, Frau?“ nur für unsere Ohren und für unsere gewohnte Übersetzung ein wenig ärgerlich. Im griechischen Originaltext steht da: „Ti emoi kai soi, gynai“. Und das heißt zunächst übersetzt: „Was ist zwischen mir und dir“. Wir würden in unserer Sprache etwa übersetzen: “Mach dir keine Sorgen, wir verstehen uns schon, zwischen uns gibt es doch keine Probleme.“
An der Menge Wein werden die Gäste eine ganze Zeit zu trinken gehabt haben. Aus dem bereitgestellten Wasser wurden etwa 600 Liter Wein; das bedeutet: der Wein geht nicht aus. Und der ihn kredenzt ist nicht knauserig, sondern großzügig bis zur Verschwendung. Hier wird nicht der übliche Hochzeitswein gereicht. In Quantität und Qualität übertrifft dieser Wein alles bisher Kredenzte. Er wird auch nicht in der üblichen, berechnenden Weise ausgeschenkt: Am Anfang das Gute, und dann - wenn es niemand mehr so recht merkt - das Geringere und Billigere, sondern genau umgekehrt. Dem Bräutigam wird daher zu Unrecht vom Tafelmeister ein heftiger Vorwurf gemacht. Er handle nicht in der üblichen Weise, zunächst den guten Wein vorzusetzen und dann, wenn es die angetrunkenen Gäste nicht mehr merken, den geringeren aufzutischen. Jesus hat hier die Ordnung umgekehrt. Das Beste. kommt nicht immer als erstes.
Aber es kommt uns beim Anhören dieses Evangeliums auch noch ein anderer Gedanke. Es fällt auf, die Betonung auf eine kleine Nebensächlichkeit legt: er erzählt, dass die Diener die Krüge mit Wasser füllten. Und dann sagt er dazu: Sie füllten sie bis zum Rande!
Ich bin fest davon überzeugt, dass Johannes diese sogenannte „Kleinigkeit“ nicht ohne Grund erwähnt. Warum betont er dieses Detail? Nun, diese ganze Geschichte wirft auch ein Licht auf unser eigenes Erleben und Erfahren.
Es passiert in unserem Leben doch des Öfteren, dass auch uns der Wein ausgeht. Plötzlich stecken wir irgendwo fest und kommen nicht mehr weiter. Ein Problem stellt sich aus unlösbar heraus, wir kommen mit unserer Arbeit nicht zurecht, wir haben keine Energie mehr, sind müde, wollen nicht mehr, sehen in vielen Dingen keinen Sinn mehr. Der Wein ist uns ausgegangen. Ausgegangen ist der Wein des Gesprächs, ausgegangen ist der Wein der Zärtlichkeit, des Verständnisses, ausgegangen ist der Wein der Kommunikation. Sicher haben sie es schon erfahren, dass der Gedanken eintrat: Schluss, es geht nichts mehr. Etwa bei einem häuslichen Konflikt oder unter großer Arbeitslast, bei Krankheit oder einem Unfall, beim Tod eines lieben Menschen, bei Enttäuschung, Misserfolg oder dem Scheitern einer Beziehung. Vielleicht hilft hier der Gedanke an Kana: „Es geht doch! Wider Erwarten!“ Was sollen wir also tun? Ganz einfach: das, was wir gerade noch vermögen. Nicht sagen: mit Wasser geben ich mich nicht ab, das ist nicht die Lösung. Sondern: das wenige, was wir tun können, das wollen wir auch tun, auch wenn es zunächst nach nichts ausschaut, selbst wenn es nur Wasser ist. Nur auf dieser Basis, auf unserem Tun geben wir auch Gott eine Chance für sein Wirken.
Wir erleben es immer wieder, wie ein paar armselige menschliche Worte in einem anderen Menschen allerhand auslösen können. Ja manches Mal scheint es uns Gott sehr deutlich zu machen, dass nicht wir es sind, die wirken, sondern er selbst. Das könnte uns in unserem kleinen Alltag mit all seinen Unerfülltheiten und all seinen Schwächen wieder Mut machen. Und das sollte es auch!
Was bewirkt dieses Zeichen? Zunächst einmal hilft es den Brautleuten aus ihrer peinlichen Situation heraus. Und dann bewirkt es auch den Glauben von Jesu Jüngern. Sie glauben nicht nur an eine Sache, an das Geschehene
sondern an seine Person. Die Jünger verfallen nicht in eine bloße Bewunderung ihres Herrn, sondern gelangen zu einer persönlichen Glaubensbeziehung. Ihnen wird ihre eigene Unzulänglichkeit bewusst, aber auch die Macht Jesu, dessen erste Schritte ins öffentliche Leben sie begleiten. Geschehen heute auch noch solche Wunder? Ja! Sie geschehen überall dort, wo sich der Mensch vertrauensvoll an Gott wendet und dabei nicht vergisst, die Basis zu legen, auf der Gott wirkt. Sie haben es sicher schon erlebt, wie sich im zwischenmenschlichen Bereich eine verfahrene Situation ändern kann, wenn man wieder aufeinander zugeht, wenn wir das wenige tun, wozu wir noch imstande sind.
Wenn wir das Evangelium nicht nur betrachten unter dem Aspekt, ob das alles historisch wirklich so passiert ist, sondern fragen, was die Geschichte für mich, für uns bedeuten kann, dann können wir darin Perspektiven für das eigene Leben entdecken. Aber leider haben wir vielfach unser Leben von Gott abgekoppelt. Nicht so, dass wir nicht gläubige Menschen wären, sonst wären sie ja nicht hier in der Kirche; aber so, dass wir Gott nichts mehr zutrauen. Es werden in unserem Leben immer wieder Wunder möglich, nicht solche, die die Naturgesetze aufheben, aber solche, die uns Mut machen, die uns Kraft geben, die uns aus der Angst und der Not des täglichen Lebens herausreißen. Und so können wir ganz einfach heute beten: Lieber Gott, ich gebe dir das Wasser meines Lebens und ich fülle meine Krüge bis zum Rand und gebe dir somit die Möglichkeit, dass du es wandelst in den Wein des Lebens. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.01.2016

3. Sonntag im Jahreskreis
Lk 1,1-4;4, 14-21
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In seine Heimatstadt ist Jesus gekommen, in jenen kleinen Ort, von dem man bezweifelte, dass von dort etwas Gutes kommen konnte, in jenes kleine Nest, hingeklebt an den Hängen der Berge, nur ein paar Gehstunden vom See Genezareth entfernt. Dort wuchs er auf, dort haben in alle gekannt, ihn und Maria, seine Mutter und Josef, den Zimmermann. Wenn wir die Legenden ausklammern, die spätere Generationen über seine Kindheitsjahre erfunden haben, dann fiel Jesus in Nazareth durch nichts auf. Er war genau so wie die anderen Kinder des Ortes.
Dann kam eine Zeit, wo Jesus in Nazareth nicht zu sehen war. Er sammelte Jünger um sich, war eine lange Zeit in der Wüste, um sich auf seine Aufgabe vorzubereiten. Und eines Tages, es war an einem Sabbat, erschien er plötzlich wieder in der Synagoge.
Und in dieser Synagoge, an diesem Sabbat, geschieht etwas, das die ganze versammelte Gemeinde in Aufregung versetzte. Zunächst lief alles planvoll ab. Man reichte dem Gast die Thora, die Bibel, er schlug die betreffende Stelle auf, die ohnehin alle kannte. Es war eine Textstelle aus dem Propheten Isaias, die auf den kommenden Messias hinwies. Es war eine Botschaft für die Armen, es war eine Botschaft für die Gefangenen, eine Botschaft für die Blinden und für die Zerschlagenen. Keiner regte sich mehr auf über diesen Text, er war ja durch die ständige Wiederholung hinlänglich bekannt. Die Aufregung setzte er dann ein als Jesus die Stelle auf sich bezog, als er sagte, dass er derjenige sei, den Gott gesandt hatte. „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr soeben gehört habt, erfüllt“. Dieser Satz brachte die Menge hoch. Man war daran gewöhnt auf das Erscheinen des Messias zu warten, so dass das Warten zu einer Geisteshaltung der Erstarrung geführt hatte. Man wartete eben, rechneten aber nicht mit dem Kommen des Messias.
Bei dieser Überlegung müsste uns ja etwas aufstoßen. Wir glauben ja auch an viele Dinge, rechnen aber nicht damit, dass sie eintreffen. Nehmen wir nur einmal unsere Gebete. Es sind Gebet für die verschiedenen Anliegen, die wir haben, es sind Gebete um den Frieden, es sind Gebet um unser Wohlergehen. Aber wir haben negative Erfahrungen gemacht. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass auf unser Gebet hin nicht die gewünschte Erhöhung folgt, trotz unserer Gebete wird es mit dem Frieden in der Welt nicht besser, trotz unserer Gebete bleiben unsere Sorgen und Nöte weiterhin bestehen. Das ist eine nüchterne Bestandsaufnahme, die sie mir sicherlich unterschreiben werden. Auf gut Deutsch, wir sind verunsichert. Wir zweifeln; aber nicht laut, sondern tief in unserm Inneren. Und das nagt und frisst heimlich und leise unser Vertrauen auf.
Hat uns aber unser Gebet nicht genügend Anstöße dazu geliefert, welche Möglichkeiten wir selber haben, um etwas für den Frieden zu tun, für unser Wohlergehen? Solange wir unser Bittgebet bloß mit einem Erhörungsautomatismus verbinden, verstehen wir das Gebet falsch. Aber Gott wird auch das Geringe, das wir tun können mit seinem Segen und seiner Erhörung beschenken.
Die Menschen, die damals in der Synagoge waren, waren Menschen wie wir auch. Und wenn wir damals in der Synagoge gesessen wären, hätten wir vielleicht nicht anders gehandelt. So wie dieser Jesus kam, war er für seine Zeitgenossen nicht akzeptabel. Sie hatten andere Erwartungen. Vor allem störte es sie, dass er ja einer von ihnen war, ihr Zeitgenosse, unter ihnen groß geworden. Sie kannten ihn zu gut, um ihm das abzunehmen, dass er der Messias sein sollte. Ja, in Kafarnaum hatte er Wunder gewirkt, dort hatte er Zeichen gesetzt. Dort sind die Blinden sehend geworden, dort hat es Wunder gegeben. Und heute in Nazareth erzählt er nur davon, daheim tut er nichts.
Warum ereignen sich heute nicht auch die Wunder von denen Jesus spricht? Warum ereignen sich nicht auch in unserem Leben Wunder? Nun, wenn Jesus in einer so ernüchternden Art und Weise in unsere Welt eintritt, wenn er so kommt, wie ihn niemand erwartet hätte, dann hat das eine Bedeutung. Und die Lehre daraus ist die: wir gehören zu dieser Welt. Wir sind nicht Zuseher und Statisten, die allein von Gott Heil und Heilung erwarten dürfen. Wir selber müssen unser Teil dazu beitragen. Wenn Jesus so tief in unsere menschliche Situation hineinsteigt so liegt darin ein deutliches Signal. Die Menschen in der Synagoge staunten über die Rede Jesu; aber beim Staunen blieb es auch. Sie hätten sich fragen sollen: Warum geschehen anderswo die Wunder und nicht bei uns? Und Jesus hätte zur Antwort gegeben: Weil anderswo der Glaube vorhanden ist, der bei euch fehlt, weil anderswo die Bereitschaft auch zum eigenen Handeln vorhanden ist. Ihr seht mich nur an als einen von euch; aber ihr erkennt nicht und glaubt mir nicht und wollt nicht erkennen, dass Gott in meiner Person zu euch gekommen ist. Meine menschliche Nähe zu euch stellt sich wie eine Barrikade zwischen mir und euch auf.
So glaubten sie ihn zu kennen und kannten ihn doch nicht. Sie waren so festgefahren in ihren Vorstellungen vom Messias, dass sie ihn nicht annahmen als er ihren Vorstellungen nicht entsprach.
Ich bin der Überzeugung, dass für einen jeden von uns eine Begegnung mit Gott möglich ist, überall und zu jeder Zeit. Und diese Begegnung ist nicht an besondere Orte und an besondere Zeiten gebunden. Sie ist für den Menschen möglich, der fähig ist hinter die Dinge und Ereignisse seines Lebens zu schauen. Unser Leben läuft zwar in naturgebundenen Bahnen ab; aber durch die Tatsache, dass Gott in uns wohnt bieten alle unsere Erlebnisse und Erfahrungen die Möglichkeit, Gottes Stimme zu hören. Somit gibt es nichts Bedeutungsloses in unserem Leben, mag das was wir erleben freudig oder leidvoll sein: alles prägt uns, alles trägt zur Vervollkommnung unseres Lebens bei. Vieles in unserem Leben ist zunächst unbegreiflich und darum auch immer wieder die aufkommende Frage: Warum geschieht das mir? Warum lässt Gott das zu? Unser irdisches Leben ist nun einmal eingebunden in einen natürlichen Ablauf, in einen Aufbau und einen Verfall, ausgesetzt den verschiedensten störenden Einflüssen von innen und von außen. Und es wäre falsch alles Üble, das wir erleben als den Willen Gottes zu interpretieren. Gott will weder das Leid noch will er den Tod, das sind alles Dinge, die mit unserer menschlichen Natur gegeben sind. Was Gott tut ist, dass alle diese Dinge für unser Leben einen besonderen Wert bekommen, dass sie uns reifen lassen, dass sie letztlich auch unserem Glauben eine besondere Kraft verleihen. Wie ein Bildhauer aus einem rohen Steinblock durch verschiedenes Werkzeug und verschiedene starke Schläge ein Bildwerk formt, so werden auch wir geformt durch jedes einzelne Erlebnis unseres Menschseins. Das ist es was Erlösung meint, dass alles sinnvoll wird, alles wertvoll, alles von Bedeutung. Insofern wäre es schön und interessant, wenn wir unser Leben überschauen könnten, gleichsam wie aus der Vogelperspektive alle die inneren Zusammenhänge erkennen würden, die unser Leben ausmachen.
Aber leider stehen wir oft ratlos an den einzelnen Punkten unseres Lebens, manchmal wie in einer tiefen Schlucht über die wir nicht hinaussehen und verlieren nicht selten den Glauben an die größeren Zusammenhänge.
Darum ist das Meditieren unseres Lebens wenigstens einmal am Tag, am besten am Abend von so großer Bedeutung. Dass wir uns fragen, was wohl die einzelnen Erlebnisse unseres Tages für uns bedeuten könnten. Und dass wir bei dieser Gelegenheit auch unseren Glauben erneuern, dass auch das Unverstandene, das Unbegreifliche von Gott her in einen großen Sinn hineingenommen ist.
Die Zuhörer Jesus in der Synagoge von Nazareth wurden an Jesus irre, weil er nicht ihren Vorstellungen entsprach. Sie erwarteten sein Kommen – aber nicht heute, nicht hier und nicht jetzt, nicht in einer solchen Art und Weise – und sie erkannten ihn nicht. Wir sollten mit diesen Menschen allerdings nicht zu hart ins Gericht gehen, weil wir uns in unserem ganz gewöhnlichen Alltag gar nicht zu sehr von ihnen unterscheiden.
Aber wir könnten aus dieser Begebenheit eine Lehre ziehen, damit wir nicht die gleichen Fehler begehen wie sie. Wir müssen damit rechnen, dass Gott da ist in unserem Leben, in unserem Alltag, punktgenau dort, wo wir uns befinden und dass uns der Glaube an ihn und seine Gegenwart fähig macht hinter all unseren Lebensereignisse den Sinn wenigstens zu erahnen und an ihn zu glauben, wenn wir ihn auch nicht immer begreifen. Möge uns Gott dazu helfen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ