02.10.2016

27. So im Jahreskreis
Lk 17, 5-10
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Haben Sie mit Ihrem Glauben schon einen Berg versetzt oder einen Baum entwurzelt? Nein? Dann müssen wir, wenn wir das Evangelium recht verstehen, zugeben, dass unser Glaube schwach ist. Und wir meinen doch immer, wir hätten genug Glauben. Aber was glauben wir denn wirklich? Geben wir vielleicht doch dem Slogan Raum, der da sagt: „Glauben heißt nichts wissen“. Wir sind Sinnenmenschen, wir nehmen das für wahr, was sich unseren Sinnen darbietet, unseren Augen, unseren Ohren, unserem Tast- und Geschmackssinn. Die Wissenschaft lehrt uns aber, dass unsere Sinne nur einem kleinen Ausschnitt der Realität unserer Welt zeigen. Schon eine kleine Fledermaus und der Dackel Waldi haben ein größeres Hörvermögen als wir. Und mit unseren Augen können wir nur einen Bruchteil der Wirklichkeit wahrnehmen, selbst unsere besten Elektronenmikroskope stoßen an eine Grenze. Von den Bewegungen der Elektronen, die um den Atomkern kreisen, können wir nur die Spuren nachweisen, ohne sie selbst sehen zu können. Ja, wenn wir nur das als wirklich annehmen würden, was uns die Sinne bieten, würden wir die ganze Wirklichkeit übersehen. Und doch sind die wesentlichen Dinge im menschlichen Leben, die, die wir mit den Sinnen nicht mehr erfassen können. Die Wissenschaft arbeitet nur mit drei Parametern: Zählen, wiegen und messen. Das sind die Dinge, die für die menschliche Forschung die Grundlagen bieten. Was ist aber mit Dingen wie der menschlichen Liebe? Mit Zählen, wiegen und messen werden wir wohl nie ergründen, was Liebe ist. Und da stoßen wir auf eine wichtige Erkenntnis: die Liebe ist eine Sache des Glaubens. Natürlich gibt es spürbare und wenn sie wollen auch messbare Zeichen der menschlichen Liebe: die Umarmung, einen Kuss, die Blume, die der liebende Gatte seiner Frau schenkt. Aber was Liebe wirklich ist, ist ein „Geheimnis des Glaubens“. Es ist er sicherlich aufgefallen, dass wir diesen Satz immer nach der Wandlung sprechen.
Wenn wir das alles überdenken, dann scheint es mit der Behauptung „Glauben heißt nichts wissen“ nicht allzu weit her zu sein. Nur engstirnige Köpfe können sich mit dieser Lösen in ihrem Leben zufrieden geben. Also kommen wir zur Erkenntnis: unser Glaube ist schwach. Wir können keinen Berg versetzen, haben auch gar nicht einmal versucht, und wir können auch allein mit unserem Glauben keinen Baum entwurzeln und ihn an anderer Stelle wieder einpflanzen. Halten wir diese Tatsachen einmal fest. Und allein diese Erkenntnis unseres schwachen Glaubens ist schon ein Gewinn und ein Fortschritt.
Jesus wollte uns durch die Erkenntnis unseres schwachen Glaubens keineswegs mutlos machen. Jesus hat von seinen Jüngern nie etwas verlangt, was sie nicht leisten können. Was er ihnen sagen wollte, war, dass es ausreiche, wenn ihr Glaube so groß sei wie ein Senfkorn. Die Jünger verstanden das sofort. Senfkorn war ein Bild für etwas winzig Kleines, dem man nichts zutrauen konnte. Es war das kleinste der damals bekannten Samenkörner, und gleichwohl wurde daraus, im krassen Gegensatz zu seiner Winzigkeit, ein Strauch von beachtlicher Größe. Die Vögel konnten sich darin wohlfühlen und zwitschern. „Glaube wie ein Senfkorn“ heißt also, es muss nur etwas da sein, etwas zumindest wie ein Suchen nach Halt und Verlässlichkeit des Lebens in Gott. Dann entwickelt sich das Ganze schon in die richtige Richtung.
Das kann sofort kritische Fragen in uns auslösen. Haben wir etwas von dieser existentiellen Ernsthaftigkeit des Glaubens in uns? Und sei es auch nur von der Größe eines Senfkorns? Oder begnügen wir uns mit den ritualisierten Formen des Glaubens, ohne davon existentiell ergriffen zu sein?
Dann scheint unser Evangelium eine Bruchstelle aufzuweisen, die zu dem Vorhergehenden nicht passt. Er spricht mit einem Mal von etwas ganze Anderem, und noch dazu in einer Weise, die wir nicht mehr mittragen können: von einem Sklaven im Dienst seiner Herrn ist da die Rede, der sich nichts auf sich einbilden soll. Ohne auf die sozialkritische Komponente der Sklaverei einzugehen, erläuterte Jesus den Aposteln, dass sie wie ein Sklave alles tun sollen, was ihnen befohlen wurde. Wessen Sklaven aber sind die Apostel? Wer ist ihnen gegenüber befehlsbefugt? Wohl nicht die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Jesus ist der einzige Befugte, den Aposteln befehlen zu können. Und das ist zunächst für viele von uns der Anfang unseres Weges mit Gott: nach den Geboten zu leben, wie wir es wahrscheinlich mehr oder weniger seit unserer Kindheit an tun in einer Art Glauben, der sich keine großen Gedanken macht. So steht am Anfang unserer Beziehungen zu Gott dieses, möchte ich sagen, sklavische Erfüllen seines Willens. Das ist nicht immer leicht und jeder, der sich auf den Weg mit Gott macht, wird das schnell merken und nach Auswegen und Ausflüchten suchen. Später ist das nicht mehr nötig, denn der Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes lässt uns immer tiefer erkennen, dass Gott alles aus Liebe tut. Der Weg des Gehorsams führt zur Einsicht, dass Jesus alles mitgeteilt hat, was er von seinem Vater gehört hat. Und wenn er alles erfasst hat, was das Vater sagt, braucht der Jünger Christi nicht mehr daran zu denken, als Sklave seine Schuldigkeit Gott gegenüber zu tun, sondern er wird ein Freund des Herrn, der in Liebe alles für Jesus und mit Jesus tut.
Jetzt verstehen wir auch, warum Jesus ausgerechnet das Beispiel der Sklaven heranzieht, um die Apostel zu einem starken Glauben zu führen. Der Glaube muss wachsen, und zwar zunächst durch das treue Einhalten aller Weisungen Gottes – das ist das Stadium des Sklaven - , bis er stark genug ist, um allein von Jesus her zu leben, in vollem Vertrauen auf die Vorsehung Gottes und in der Bereitschaft, alles aus Liebe zu Jesus zu verlassen und gering zu achten – das ist das Stadium der Freundschaft.
Und das ist genau unser Weg – ein menschlicher Weg, der an uns wohl Forderungen stellt, aber uns nicht überfordert. Aber es ist ein Weg und ein Weg bedeutet auch immer Bewegung. Und in der sollen wir bleiben, damit auch unser kleiner Glaube wachsen kann. Amen.



Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich pflanzen, dass Du weiter wächst.
Dass du wirst zum Baume, der uns Schatten wirft.
Früchte trägst für alle, alle, die in Ängsten sind.

Kleiner Funke Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich dich nähren, dass du überspringst,
dass du wirst zur Flamme, die uns leuchten kann,
Feuer schlägt in allen, allen, die im Finstern sind.

Kleine Münze Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die teilen, dass du Zinsen trägst.
Dass du wirst zur Gabe, die uns leben lässt,
Reichtum selbst für alle, alle, die in Armut sind.

Kleine Träne Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die weinen, dass dich jeder sieht,
dass du wirst zur Trauer, die uns handeln macht,
Leiden lässt mit allen, allen, die in Nöten sind.

Kleines Senfkorn Hoffnung, mir umsonst geschenkt.
Werde ich die streuen, dass du manchmal bremst,
dass du wirst zum Grund, der uns halten lässt,
Neues wird mit allen, allen, die in Zwängen sind.

P. Paul Mühlberger SJ

09.10.2016

28. Sonntag im Jahreskreis
Lk 17, 11-19
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Da werden auf überraschende Weise zehn Aussätzige geheilt, und nur ein einziger kehrt zurück, um sich bei dem zu bedanken, der ihn gesund gemacht hat; von den neun anderen hört man nichts mehr. Sie haben ihre Heilung angenommen; der eine aber Hat in seiner Dankbarkeit die Nähe dessen gesucht, der ihn geheilt hat.
Nun ist das Evangelium nicht deswegen geschrieben worden, um uns immer wieder daran zu erinnern, wie schlecht die Welt und ihre Menschen doch sind. Und man hat seine Geschichte auch nicht deswegen bis heute überliefert, weil darin sinnvolle Lebensweisheiten nach dem Motto „Nun seid doch bitte etwas dankbarer“ gesammelt wären.
Stattdessen geht es von der ersten bis zur letzten Seite der Heiligen Schrift um eine heilvolle Beziehung: nämlich um das Verhältnis Gottes zu den Menschen - und damit eben auch zu uns. Und alles dreht sich einzig und allein darum, wie das Angebot Gottes bei uns ankommen - oder eben nicht ankommen kann. Mit anderen Worten: Es geht um die ausgestreckte Hand Gottes, die uns erreichen will, die uns herausführen und uns festhalten will.
Und vor diesem Hintergrund klingt das Evangelium von den zehn Aussätzigen völlig anders: Auch wenn es anfangs vielleicht nahe lag, sich aufgrund der eigenen Erfahrungen mit dem brüskierten Jesus zu identifizieren und über die Undankbarkeit der Menschheit zu klagen, stehen wir im Grunde genommen zweifelsfrei auf der Seite der geheilten Aussätzigen. Uns, die wir krank waren, wurde Heilung zuteil; wir sind diejenigen, die unverdientermaßen wieder gesund werden durften; und wir haben Grund zur Dankbarkeit.
„Aber was ist denn geschehen“, werden sie möglicherweise fragen, „wofür sollte ich dankbar sein? - Worin liegt denn meine Heilung? - Und vor allem, welches war meine Krankheit?“
Vielleicht kann uns das biblische Krankheitsbild des Haut-Ausschlags, des Aussatzes, weiterbringen: Denn ich bin mir sicher, dass jeder von uns wie einer, dessen Haut verletzt ist, tief in seiner Seele seine „wunde Stelle“ hat; dass es für uns alle ganz empfindliche und schmerzhafte Bereiche gibt, die andere nicht berühren dürfen und für man sich möglicherweise sogar schämt. Wie die Aussätzigen in antiker Zeit leben wir mit unseren unansehnlichen Verletzungen in uns isoliert, lassen - was das betrifft - niemanden an uns heran, meinen, es sei schon alles so in Ordnung, sondern uns ab und richten uns in unserer Verwundung ein. Wir umwickeln unsere Krankheit mit dickem Mull, und meinen dann manchmal sogar, es gäbe sie nicht mehr. Und solange, wie uns niemand anfasst und uns zu nahe kommt, wie uns niemand auf unsere „wunden Stellen“ anspricht, leben wir schmerzfrei und haben mitunter sogar unsere kleinen Freuden. Und ständig schlagen wir in unserer Seele die Klapper, die verhindert, dass wir uns mit uns selbst konfrontieren.
Von was hat uns der Herr erlöst, von welcher Krankheit hat er uns befreit und wofür könnten wir ihm dankbar sein, so hatten wir gefragt. Und eine Antwort könnte etwa so lauten:
Weil Gott sich unserer Wirklichkeit stellt, weil wir wissen, dass er keine „Berührungsängste“ mit unseren „wunden Punkten“ und unseren „schwarzen Flecken“ hat, könnten auch wir erlöst sein von dem pausenlosen Mühen, uns selbst und anderen etwas vormachen zu müssen; könnten auch wir geheilt sein von jener verhängnisvollen Kraftanstrengung, die Welt so zurechtrücken zu müssen, dass sie für uns erst erträglich ist; und könnten auch wir frei sein von dem Druck, in einer Unwahrhaftigkeit existieren zu müssen, die niemand unbeschadet überstehen kann.
Wir können dann - endlich! - uns und die Welt so betrachten, wie sie wirklich ist. Kardinal J.H. Newman hat einmal gesagt: „Alles ist das, was es ist - und nichts anderes“. Das ist, wenn man so will, die Heilung von der Sünde, denn Sünde heißt, in einer Schein-Welt leben; in einer Welt zu leben, in der bestimmte Dinge nicht vorkommen dürfen.
Es bleibt die Frage, ob wir es verkraften können, den dicken Verband unserer Ängstlichkeit abzurollen und unsere eigenen Wunden zu betrachten, und ob wir bereit sind, dem Herrn unseren Aussatz zu zeigen. Es bleibt die Frage, ob wir bereit sind, aus unserer Isolation auszubrechen und uns zum Herrn aufmachen. Und es bleibt die Frage, ob wir als Geheilte wieder in die Isolation zurückkehren, ohne auch nur zu ahnen, was mit uns geschehen ist. Daraus müssten wir nämlich die Konsequenzen ziehen. Es genügt nicht, geheilt zu sein, es muss uns auch der wichtig sein, der uns geheilt hat.
Aber wenn es uns gelingt und wir den Mut aufbringen, - mit der Kraft des Heiligen Geistes - unsere Verletzungen zu erkennen und zu ihnen zu stehen, dann hat der Ruf „Herr, erbarme dich meiner“ einen ganz neuen und existentiellen Klang - dann spüren wir, was Heilung und Gesundwerden heißt, und dann merken wir wie wirkungsvoll unser Aufschrei, sprich , unser Gebet, war.
„Undank ist der Welten Lohn“ - das mag so sein; aber zum Glück
ist das nicht alles. Denn Dankbarkeit, unbeschreibliche Dankbarkeit, ist die Folge aus dem Geschenk der Kindschaft Gottes. Wer begriffen und erfahren hat, was Heilen und Vergeben bedeutet, - egal, ob er nun Christ, Moslem oder Skeptiker ist - der kann eigentlich immer zur zurückkehren, Gott danken und loben, und dies als Eucharistie feiern.
Nicht ohne Grund nennen wir die Heilige Messe auch „Eucharistiefeier“. Und die feierliche Präfation wird eingeleitet mit den Worten: „Lasst uns danken dem Herrn, unserem Gott“. Und der Priester fährt dann fort: „In Wahrheit ist es würdig und recht, dir Vater, immer und überall zu danken.“
Da mag nun manch einer sagen: Halt, Moment einmal, darf er denn das? „Immer und überall danken“: Das scheint doch ziemlich unangemessen zu sein, maßlos übertrieben. Die Worte des Gottesdienstes könnten ruhig ein wenig zurückhaltender sein. Gewiss gibt es im Leben viele Dinge, für die wir dankbar sein müssen, aber doch auch vieles, wofür wir es nicht sein können. Es könnte etwa so heißen: „Es ist würdig und recht, dir zwar nicht für alles, aber doch für einiges zu danken...“ Aber kaum ist der Satz formuliert, bleibt er uns im Hals stecken. So geht es offenbar auch nicht; das wäre eine Beleidigung Gottes. Denn: Wenn Gott gut ist, dann muss all das, was er schickt, irgendwie etwas Gutes sein oder zu etwas Gutem dienen: nicht nur das, was wir als gut empfinden, sondern auch das, was uns wehtut.
In dieser Hoffnung sind wir schon heute überzeugt, dass sich uns eines Tages alles klagende und bohrende „Warum“ auflöst in reine, staunenserfüllte Dankbarkeit. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

16.10.2016

29. Sonntag im Jahreskreis
Lk 18, 1-9
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Wahrscheinlich haben wir alle unsere Erfahrungen mit Menschen, die unsere Nerven arg strapazieren. Ich denke beispielsweise an Kinder, die so lange quengeln, bis sie von ihren Eltern ihren Willen bekommen, oder an Menschen, die nicht eher Ruhe geben, bis sie das Erbetene erhalten. Wenn Menschen uns ständig mit kleinen oder großen Bitten beanspruchen, dann kommt irgendwann einmal der Zeitpunkt, da wir ärgerlich ausrufen: “Du gehst mir auf die Nerven!”
Diese gewöhnliche, sich stets wiederholende Erfahrung des alltäglichen Lebens kleidet Jesus in eine Geschichte. Er erzählt von einem Richter, der offensichtlich kein Jude war. Vielmehr handelt es sich um einen der bezahlten Rechtssprecher, die entweder von Herodes oder von den Römern in ihr Amt eingesetzt worden waren. Diese Richter waren ziemlich berüchtigt. Besaß der Kläger weder Einfluß noch Geld, so brauchte er sich keine Hoffnung zu machen, dass ihm auch nur im geringsten geholfen wurde.
Zu einem solchen Richter kam immer wieder eine Witwe, damit er ihr gegen ihren Widersacher Recht verschaffe. Seit sie ihren Mann verloren hatte, war sie mittellos, rechtlos und schutzlos. Daher schien es hoffnungslos, dass sie vor einem solchen Richter ihr Recht erlangen werde. Dennoch gab sie nicht auf. Sie griff zur einzigen Waffen, die sie besaß. Das war ihre Hartnäckigkeit und Ausdauer. Da sich der gottlose Richter nicht auf ihr Bittgesuch einlassen wollte wurde sie immer zudringlicher, bis sie ihm dermaßen auf die Nerven ging, dass er sich schließlich sagte: Damit ich endlich meine Ruhe habe, will ich ihr zu ihrem Recht verhelfen. Zudem befürchtete er, sie könnte ihm am Ende noch eine blaues Auge schlagen, so dass er vor aller Öffentlichkeit als der Blamierte dastünde.
Diese Witwe stellt Jesus seinen Jüngern als Vorbild vor Augen. Von ihr sollen sie lernen, welch eine Macht dem unaufhörlichen Bitten zu eigen ist. Was aber für das Bitten gilt, das gilt erst recht für das Beten. Wer allezeit betet und darin nicht müde wird, dem gibt Gott mit Sicherheit, worum er bittet. Denn wenn schon das beharrliche Bitten einer hilflosen Witwe selbst einen ungerechten Richter besiegen kann, um wieviel mehr wird unser ausdauerndes Gebet Erhörung finden bei dem gerechten und liebenden Gott. Mit anderen Worten: Wer inständig, geduldig und beharrlich um etwas bittet, dem sagt Jesus, dass Gott ihm mit Gewißheit zu Hilfe kommt.
Ich ahne wohl, dass sie mir an dieser Stelle gern ins Wort fallen möchten, denn unsere Erfahrungen beim Beten sind leider ein wenig anders. Wie oft haben wir gebetet um irgendetwas, um die Gesundheit um einen Erfolg und es hat sich die Erhörung nicht eingestellt. Wir haben gelernt, dass Gott uns erhört, wenn wir zu ihm rufen. Dabei stellen wir uns vor, dass er unsere Bitten so prompt und zufriedenstellend erfüllt wie ein Automat, in den wir etwas hinein geworfen haben. Hier kann uns bewußt werden, welches Bild nicht wenige Menschen von Gott haben. Sie sehen ihn ihm nichts anderes als einen Wunscherfüllungsautomaten. Mir ist aufgefallen, dass ihm Evangelium vom Gebet an den Vater die Rede ist, an den Vater, der weiß, was wir brauchen, an den Vater, der nicht auf wunderbare Weise unser Leben verändert, der uns aber auf Grund unseres Gebetes die Kraft gibt die verschiedenen Situationen des Lebens zu meistern, unser Gebet geht zum Vater, der die Nichtigkeit vieler unserer Wünsche erkennt, der uns letztlich nicht etwas geben möchte, was uns schadet, was uns wesentliche Erfahrungen des Lebens wegnimmt. Eines ist sicher: Keines unserer Worte, die wir an Gott richten, geht verloren. Wenn wir einmal bei Gott sind werden uns die Augen aufgehen und wir werden genau erkennen, welche Wirkung jedes unserer Gebete gehabt hat, auch der Gebete, die andere Menschen für uns sprechen.
Aber, ist der Glaube an das Gebet in uns noch lebendig? Wie steht es mit der Beharrlichkeit unseres Gebetes? Spielt das Beten in unserem Leben überhaupt noch eine Rolle? Und wir müssen uns auch fragen: Könnte der tiefere Grund unserer Gebetslosigkeit nicht darin liegen, dass uns unsere Beziehung zu Gott schleichend verloren gegangen ist?
Das Leben Jesu zeigt uns, dass echtes Beten nur aus einer innigen Beziehung zu Gott erwächst. Dabei versteht Jesus unter echtem Beten ein Beten, das alle Nöte und Wünsche offen ausspricht und sich doch vertrauensvoll dem Willen Gottes unterordnet. Solches Vertrauen sprich aus dem Wort des Hl. Augustinus: „Gott hat sein Ohr an deinem Herzen“, das heißt: in deiner Personmitte, dort, wo deine tiefsten Wünsche sind. Wie sollten ihm also deine Anliegen und Sorgen gleichgültig sein? Wir müssen allerdings auch bedenken, dass uns Gott bei unserem Beten immer wieder auch Anregungen für unser eigenes Tun gibt. Beten und dann abwarten was Gott tun wird, das wäre wohl zu leichtfertig von Gott gedacht.
Die Witwe, von der Jesus in seinem Gleichnis erzählt, macht uns Mut. Sie sagt uns: Das Bitten in Beharrlichkeit und Geduld findet Erhörung. Wir dürfen Gott sozusagen auf die Nerven gehen. Wer seine Beziehung zu Gott pflegt, der gewinnt die Zuversicht, dass sein Beten nie umsonst ist, der geht von seinem Gebet immer wieder getröstet und aufgerichtet weg. Zudem macht er die Erfahrung, dass Gottes Hilfe oft anders als erwartet kommt; aber sie kommt, wenn auch zuweilen mit Verspätung, wie wir aus unserer Sicht meinen.
Ich möchte schließen mit einigen Sätzen, die Karl Rahner am Ende seines Buches „Von der Not und dem Segen des Gebetes“ schreibt: „Auf das Reden über das Gebet kommt es letztlich nicht an, sondern auf die Worte, die wir selbst zu Gott sagen….Sie können leise, arm und schüchtern sein. Sie können wie silberne Tauben in den Himmel Gottes aus einem frohen Herzen aufsteigen, oder sie können sein wie der unhörbare Lauf bitterer Tränen- Sie können groß und erhaben sein wie der Donner, der sich in den hohen Bergen bricht, oder schüchtern wie das scheue Geständnis einer ersten Liebe. Wenn sie nur von Herzen kommen….Dann hört sie Gott. Dann wird er keines dieser Worte vergessen….Und dann wird er uns geduldig zuhören…bis wir ausgeredet haben, bis wir unser ganzes Leben ausgeredet haben.“ Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

23.10.2016

30. Sonntag im Jahreskreis
Lk 18,9-14

Denen, „die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten“, erzählt Jesus das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner.
Diese genaue Beschreibung der Adressaten macht deutlich, wo das Problem liegt. Es liegt nicht darin, von der eigenen Gerechtigkeit überzeugt zu sein. Wenn ich versuche, gerecht zu leben, als Christ zu leben, als Staatsbürger zu leben, in gelingenden Beziehungen zu leben, dann ist es gesund und normal, davon auch überzeugt zu sein. Ich kann nicht leben, wenn ich mein Lebensfundament und meine Grundgewißheit ständig anzweifle. Da kann nicht das Problem dieses Evangeliums liegen. Entsprechend kann das Problem beim Pharisäer auch nicht darin liegen, dass er Gutes tut und davon redet. Das ist gesund und normal - und ich wünschte mir, dass Christen, die Gutes tun, die ein rechtschaffenes Leben führen, auch davon überzeugt wären.
Das Problem beginnt, wenn ich anfange, aufgrund dieser gesunden Basis andere zu verachten, wenn ich anfange zu vergleichen und zu werten: die sind schlechter, die sind unmoralischer, die sind kein Umgang für mich, die sollen sich erst einmal bessern. Verhalte ich mich so, dann tue ich Unrecht - und meine Gerechtigkeit ist dahin!
Auf einer Spruchkarte fand ich das Gedicht von Maria Nels: „Wenn man nach außen den Menschen misst,
ich weiß es von mir, wie falsch es ist.
Da scheint oft arm, was innen reich,
da scheint oft hart, was innen weich,
da scheint oft eng, was innen weit,
da scheint oft Lust, was innen Leid,
da scheint oft schwarz, was innen Licht -
drum: Richte nicht!“

Wenn du richtest, wirst du deiner eigenen Gerechtigkeit nicht gerecht, vor allem aber: du wirst deinem Nächsten nicht gerecht. Wie oft stehst du selbst als der Beschämte da, wenn du gerichtet hast. Es ist ein Thema vieler Märchen, in denen sich Leben spiegelt: Der hässliche, unappetitliche Frosch ist ein Königssohn, das Aschenputtel wird zur Königin, der Bettler ist König
In einem offenen Bekenntnis eines jungen Menschen habe ich folgende Worte gefunden: „...Seit Jahren schon laufe ich mit einer Maske umher. Ich habe es gelernt, wie man es macht, seine Schwächen zuzudecken und die Gefühle zu verbergen. Ich tue so, als fiele mir alles in den Schoß, als irre ich niemals, als hätte ich weder Sehnsucht noch Heimweh. Warum bin ich nicht so, wie ich wirklich bin? Wenn ich allein und für mich bin, fällt mir die Maske vom Gesicht. Wenn dann einer käme und sagte, ich mag dich trotzdem, ich will dich so, wie du bist....“
Die vielfältigen Masken, mit denen wir Menschen durchs Leben gehen, sind so bunt und schillernd wie das Leben selbst. Darum ist es eine so schwierige - allerdings auch sehr wichtige - Kunst, einen Menschen zu durchschauen, ihn bis aufs Herz, bis in den innersten Kern kennen zu lernen. In vielen Situationen versuchen Menschen sich zu verschleiern, mit schönen, ausgeklügelten Worten hinters Licht zu führen, mit eleganten Zeugnissen und Papieren zu täuschen.
Gott schaut hinter jede Maske, einem jeden von uns direkt ins Herz. Er lässt sich von uns nicht täuschen. Einer, der es versuchte, Gott zu täuschen, begegnet uns im Gleichnis des heutigen Evangeliums. Er steigt hinauf zum Tempel. Es ist der vornehme Pharisäer, seiner Würde voll bewusst. Er fühlt sich, wenn die Leute sich tief vor ihm verneigen. Er entgegnet den Gruß mit einem kleinen Kopfnicken. So stellt er sich im Tempel hin vor Gott. Er stellt sich auf, er macht sich geradezu zu einem Denkmal seiner eigenen Persönlichkeit. Er weiß genau, wer er ist. Er weiß, was sich gehört. In den Tempel geht man, um zu beten. Er betet bei sich selbst; das heißt: Er betet nicht zu Gott, er führt ein Selbstgespräch. In der Ursprache heißt dies: Er spricht vor sich hin: „Was bin ich doch ein guter Mann. Ich versäume keinen Sonntagsgottesdienst. Ich habe nie eine schwere Sünde getan, die kleinen Sünden brauche ich nur einzuschließen. Das Herr-ich-bin-nicht-würdig empfinde ich als einen höchst überflüssigen Text.“
Fünfmal sagt der Pharisäer des Gleichnisses „ich“. Mehr kann man an Selbstbewußsein, an Stolz und Überheblichkeit nicht erwarten. Man müsste ihn fragen können, ob er Hungernde speist, Nackte bekleidet, Obdachlose aufnimmt, Kranke besucht. Dazu, würde er wahrscheinlich antworten, gibt es staatliche und kirchliche Einrichtungen. Für ihn ist es wichtiger, dass er in Kommissionen und Sitzungen seinen Einfluss geltend machen kann. Man könnte es auf eine einfache Formel bringen: Er ist nichts, er spielt nur eine Rolle. Wie oft am Tag begegnet er uns in all den Menschen, die eine Maske tragen. Und wenn wir zu Hause in den Spiegel schauen, könnten wir ein Gesicht erkennen, das dem des Pharisäers nicht ganz unähnlich ist.
Der andere ist gleichzeitig mit ihm hinaufgestiegen zum Tempel. Er ist ein Zöllner; ein Mann, der sein Geschäft macht und aus der Tasche anderer Leute lebt. Dass er verhasst ist beim Volk, das weiß er. Er ist nun einmal so einer, denn aus seiner Haut kommt so leicht niemand heraus. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, auf billige Weise durchs Leben zu kommen, ist es nicht leicht, umzuschalten, ein ehrlicher Mensch zu werden. Dessen ist sich der Mann voll bewusst: Sein Leben müsste anders sein. Trotzdem, gerade deswegen, geht er in den Tempel. Er tut das sicher nicht zum ersten Mal. Er weiß schon, wenn er nach Hause geht, sind die guten Vorsätze wieder weg. Er steht da, nicht aufgestellt wie eine Paradepuppe. Er steht da wie einer, den man in den Arm nehmen möchte, damit er nicht zusammenbricht. Sein Gebet enthält kein einziges Ich. Der Inhalt seines Gebetes ist Gott: „Gott sei du mir gnädig.“ Mehr sagt er nicht. Ein Zeichen setzt er dazu, ein Zeichen, wie wir es heute nicht mehr allzu sehr lieben: er schlägt an die Brust. Es ist ein uraltes Zeichen, mit dem man sich schuldig bekennt. Auf dem Parkett des Tempels kommt er sich vor wie ein Bettler. Trotzdem tut es ihm gut, hier zu beten. Er darf sein Herz vor Gott ausschütten. Mit diesem Trost geht er nach Hause, denn Gott setzt niemanden vor die Tür.
Der Zöllner erkennt seine Schuld als Sünde. Er weicht dem Schmerz und der Reue nicht aus. Er scheut nicht den Schmerz der Beschämung, dass er einen falschen Weg eingeschlagen hat, und dass er dadurch Beziehungen zu anderen Menschen belastet, ja vielleicht zerstört hat. Er flieht nicht vor seiner Schuld, sondern stellt sich der Unsicherheit, die sich aus der Suche nach Neuorientierung ergibt. Arm und leer steht er vor Gott und erfährt, dass er angenommen ist.
Beide stecken in uns: Pharisäer und Zöllner. Dieser Spannung müssen wirf uns wohl ein Leben lang stellen. Jesus lädt uns ein, nicht entmutigt zu sein, wenn wir in uns den Pharisäer entdecken. Stattdessen sollen wir in uns den Zöllner entfalten. Es ist möglich, dass uns dies Angst macht, weil wir uns dabei so verletzlich und schwach vorkommen. Doch vor Gott dürfen wir das sein im Vertrauen auf seine vergebende Liebe. Vor ihm brauchen wir uns nicht unserer Leistungen zu rühmen; vor ihm dürfen wir mit leeren Händen stehen. Mit leeren Händen sind wir empfänglicher für sein Heil als mit vollen.
Diesen göttlichen Maßstab will uns die Beispielerzählung bei Lukas deutlich machen. Wichtig ist dabei: Jeder von uns muss bemüht sein, Anruf und Gebot Gottes zu erfüllen und Gerechtigkeit und Liebe für alle zu verwirklichen. Wer den Armen und Hungernden nach Möglichkeit mitgibt, handelt besser als der, der alles für sich behält.
Aber niemand darf meinen, mit dem, was er tut, Gott Genüge tun zu können. Als Sünder bedürfen wir Menschen immer und allezeit der alles umfassenden Liebe Gottes. Wer Gott vorrechnet, was er tut, wer sich selbst für besser hält als den irrenden Mitmenschen, der rechnet nicht damit, dass wir alle von Gott Beschenkte sind, Beschenkte von einem Gott, der trotz unserer menschlichen Unzulänglichkeit uns seine Liebe und seine Gaben nicht entzieht. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

06.11.2016

32. Sonntag im Jahreskreis
Lk 20,27-38

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Zu allen Zeiten haben sich Menschen gefragt, wie denn das sei „nach dem Tode“; und zu allen Zeiten haben Menschen auch eine Antwort auf diese Frage gegeben. Die Antwort: „Nach dem Tod ist alles aus“ dürfte nicht die älteste Antwort sein. Zuviel Oberflächlichkeit und egoistische Berechnung schwingen in dieser Antwort mit.
Es war eine kniffelige Frage, mit der die Sadduzäer Jesus in die Falle locken wollten. Anders als die Pharisäer leugnete diese aristokratische Priesterklasse die Auferstehung der Toten, weil sie dafür keinen Hinweis im Gesetz des Moses finden konnte und weil nur dieses für sie Geltung hatte.
Es war die Geschichte einer Einkreisung, die sich hier abspielte. Jesus war nach Jerusalem gekommen, dem Ort seiner letzten Auseinandersetzung mit den Gegnern. Seine Jünger hatte er darauf vorbereitet; wie viel sie davon verstanden hatten, sollte sich bald zeigen. Der Einzug in Jerusalem deutete jedenfalls nicht auf sein schreckliches Ende hin. Trotzdem mischte sich in die begeisterten Hosannarufe auch die unverhohlene Warnung der Pharisäer, dass er seine Jünger zum Schweigen bringen sollte. Die Tempelreinigung und die harten Worte über die Führer des Volkes bestärkten seine Jünger noch in der Siegerstimmung. Die geschickte Antwort auf die Frage nach der kaiserlichen Steuer zeigte Jesus als überlegenen Gesprächspartner, den man nicht so einfach aufs Kreuz legen konnte. Trotzdem hatte sich eine unheilige Allianz gegen ihn verbündet; Menschen, die sich gegenseitig gar nicht so sehr mochten, fanden sich plötzlich unter einem gemeinsamen Ziel zusammen: er muss weg.
Die Frage nach der Auferstehung der Toten war ein echter Höhepunkt, denn worüber ließe sich trefflicher streiten als über Fragen solchen Schwierigkeitsgrades. Der Fall, den sie konstruierten war im Vorderen Orient so grundsätzlich möglich. Es heißt im Gesetz des Moses: „Wohnen Brüder beisammen und stirbt einer von ihnen, ohne einen Sohn zu haben, dann soll sich die Frau des Verstorbenen nicht nach auswärts an einen fremden Mann verheiraten. Ihr Schwager gehe zu ihr hin, nehme sie zur Frau und leiste an ihr die Schwagerpflicht“ (Dtn 25, 5f). Angenommen, ein Mann stirbt und hinterlässt seine Frau kinderlos, dann war sein Bruder verpflichtet, dessen Frau zu heiraten, um dem ersehnten Stammhalter zum Leben zu verhelfen, die Familienehre zu retten und den Namen weiterzugeben. Soweit ist ja alles in Ordnung. Aber angenommen, dass auch diese Ehe das gleiche Schicksal ereilt und das gleich siebenmal in Folge, was dann? Nun ja, Extreme machen anschaulich. Wenn es stimmten sollte, was mit der Auferstehung der Toten behauptet wurde, dann ist diese Frau mit sieben Männern verheiratet gewesen; bei welchem wird sie nun die Ewigkeit verbringen? Für die Sadduzäer war es ein ernstes Problem, selbst wenn es uns etwas seltsam anmutet. Für sie galt: Leben ist Leben, vor dem Tod und nach dem Tod. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass das Leben nach dem Tod mehr als nur die gedachte Verlängerung des Lebens sein sollte.
Jesus konnte es sich aber vorstellen und begeht die „kriminelle Sünde der Differenzierung“ wie es Heinrich Böll einmal bezeichnet, zu der er auch die Fragesteller auffordert: Die Welt der Auferstandenen ist nicht bloß die natürliche Verlängerung und Wiederherstellung dessen, was vor dem Tod als Leben bezeichnet wird. Leben in der Auferstehung ist etwas völlig Neues. Es gibt keinen nahtlosen Übergang, kein Hinübergleiten, ohne dass wir den Unterschied so recht merken würden. Heiraten, so sagt er, gehört zur Ordnung dieser Welt. Das Warten auf einen Stammhalter, die Weitergabe des Namens, die Rettung der Familien-, hier wohl besser der Mannesehre, sich einen Namen zu machen und sich so in die Geschichte der Welt, das sind alles recht irdische Gedanken, die nicht auch noch in der Ewigkeit Geltung haben müssen. Was als ehrenwerte Tradition und heilige Ordnung gilt, ist oftmals nichts anderes als das institutionalisierte Unrecht an einem Teil der Menschheit, nämlich den Frauen. In Gottes neuer Welt gilt eine neue Art des Existierens, auch eine neue Art der Beziehungen der Menschen untereinander. In Gottes neuer Welt gilt zum Beispiel auch eine versöhnte Verschiedenheit der Geschlechter, eine neue Art und Weise der Liebe. „Engelgleich“ nennt Jesus diese Art der Beziehung. Wer Gott geschaut hat, der ist nicht nur auf eine neue Art und Weise lebendig, für den ändern sich auch die Nuancen der Beziehung zum Nächsten. „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir....wir sind von seiner Art“, sagt Paulus den Athenern in der Apostelgeschichte.
Ob das nur die Sadduzäer nicht begreifen konnten, und ob die Pharisäer das begriffen hatten? Können wir uns denn vorstellen, wie Gottes neue Welt aussieht und welche Folgen unser Glaube an die Auferstehung von den Toten für das „Leben vor dem Tode“ hat? Es geht ja in der Frohen Botschaft des heutigen Tages nicht um eine Aussage über die Ehe, schon gar nicht um ein Urteil über ihren Wert; auch geht es nicht um die Höherbewertung der Ehelosigkeit. Aber wenn die Menschen unsterblich sind, bedarf es der Ehe nicht mehr. So widerlegt Jesus die Sadduzäer auf die gleiche Weise, wie sie ihn theologisch zu widerlegen versuchten. Für den Hörer heute steht damit zunächst nur fest: Wir werden auferstehen. Jesus lässt keinen Zweifel an der Auferstehung der Toten.
Diese Aussage wurde für die frühen Christen Zentrum der christlichen Botschaft schlechthin. Mehr als die Worte bringen dies die Deutungen der altchristlichen Kunst zum Ausdruck. Zu den ältesten Christusdarstellungen gehört das Bild des Christus im Philosophengewand. Für die Zeitgenossen damals war die Absicht einer solchen Darstellung völlig klar. Denn nach der Auffassung der antiken Philosophie durfte nur der als Philosoph gelten, der Antwort auf die Frage nach dem Tod wusste. Wenn die frühen Christen ihren Herrn als den Philosophen abbildeten, dann sagten sie unmissverständlich: Christus hat uns Antwort gegeben auf die Frage nach dem Tod. Seine Antwort aber ist die Botschaft von der Auferstehung.
Damit steht für uns fest, dass es eine Auferstehung gibt. An dieser Stelle aber taucht das Problem der Sadduzäer wieder auf: Möchten wir nicht auch gern erfahren, wie diese Auferstehung, wie dieses ewige Leben aussieht? Werden wir unsere individuelle Persönlichkeit bewahren? Wie steht es um unsere menschlichen Beziehungen hier auf dieser Welt und im ewigen Leben? Werden uns die Menschen, die uns viel bedeuten, nahe sein? Jesus kommt es in der Auseinandersetzung nur darauf an, dass es eine Auferstehung gibt. Und doch gibt uns das Evangelium vom heute die Richtung an, in die wir weiterdenken können: Gott, der ein Gott der Lebendigen ist, ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Auch in der kommenden Welt werden wir nicht namenlose, unpersönliche Wesen sein. Wir dürfen vielmehr hoffen, dass wir in unserem ganz persönlichen Menschsein, das wir auf Erden angenommen haben, zu Gott gelangen und in ihm verewigt werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

30.10.2016

31. Sonntag im Jahreskreis
Lk 19, 1-10
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Es ist eine reizvolle Geschichte, die wir soeben gehört haben und sie ist auch in der bildenden Kunst immer wieder dargestellt worden. Zachäus, der Neugierige, Zachäus, der sehen wollte, was sich unter ihm ereignet, ohne sich dabei zu engagieren, Zachäus, der nicht ahnte, dass hinter seiner Neugier eine tieferes Sehnsucht sich verborgen hatte, eine Sehnsucht nach dem Wesentlichen seines Lebens, eine Sehnsucht, die sich nicht zufrieden gab mit seinem weltlichen Besitz
Neugier ist nicht immer eine besonders geschätzte Eigenschaft. Der Mann, Zachäus heißt er, von dem heute im Evangelium erzählt wird, war jedenfalls neugierig. Neugierig war er auf jenen Mann Jesus, der durch das Land zog und von dem die Leute behaupteten, er sei der Messias. Nun, dieser Zachäus war einer der vielen Zollpächter, die für Herodes oder die Römer die Steuern eintrieben, heute wie damals unbeliebt. Aber er konnte gut davon leben. Dass er von den Leuten gemieden wurde ergab sich aus diesem Beruf. “Zöllner und Sünder”, das war eine stehende Redewendung für Leute, die man am besten mied.
Sein Wunsch wird im Text klar umschrieben: Er möchte Jesus sehen. Und da er klein war, musste er sich etwas einfallen lassen und so kletterte er auf einen Baum. Nun, so dachte er, ich kann jetzt alles sehen, was sich da drunten ereignet und mich sieht niemand. Falsch gedacht. Als Jesus vorbei geht, schaut er auf den Baum hinauf und natürlich wenden sich die Blicke der Begleiter Jesu auch auf den Baum, in dessen Geäst der neugierige Zachäus sitzt.
Eine unangenehme Situation. Nun hätten alle in ein helles Gelächter ausbrechen können, so komisch Muss die Situation gewesen sein. Aber niemand lacht, niemand macht sich lustig über ihn. Ganz im Gegenteil: Jesus nimmt diesen neugierigen Mann sehr ernst und er tut etwas, was seine Begleiter nur mit dem Kopf schütteln lässt: er lädt sich in das Haus des Zachäus ein. Er geht in das Haus des Verachteten, will mit ihm zusammen sein.
Die Reaktion des Zachäus ist erstaunlich! Es überstürzen sich die Ereignisse. Schnell ist er vom Baum herunter, und es folgen Worte der Umkehr. Er möchte den Schaden gut machen, den er anderen zugefügt hat.
Sie können das alles nun hören, sie können auch darüber staunen, wie Jesus handelt; aber das tun sie bei anderen Geschichten auch. Es muss vielmehr daran gedacht werden, dass die Geschichte einen jeden von uns etwas angeht.
Fragen wir also noch einmal nach den Details der Erzählung. Sind wir neugierig? Vielleicht, in vielen profanen Dingen, aber neugierig auf Gott? Das schon weniger. Wenn wir ehrlich sind, glauben wir zwar an ihn, aber hat dieser Glaube auch Auswirkungen auf unser Leben? Sind wir neugierig darauf, welche Gedanken uns Gott schenkt, wenn wir diese Stelle lesen? Tun wir etwas, um Jesus und somit Gott ein wenig näher kennen zu lernen? Hinter jeder Sehnsucht und hinter jeder Gier liegen wesentliche Dinge verborgen, die uns in unserem persönlichen Wachstum voran helfen können. Bei Zachäus wird sich hinter seiner Sehn-sucht und Neu-gier, seiner Geld-Gier und Hab-Gier vieles verbergen. Vielleicht ist die Beförderung zum Oberzöllner und damit die Anerkennung durch die Römer ein Ersatz dafür, dass er von anderen viel zu wenig Wertschätzung erfahren hat. Vielleicht ist die Gier nach Geld und nach sicherem Wohlstand das einzige Mittel, um die innere Leere auszugleichen. Was es immer auch gewesen sein mag – eines wird deutlich: Der Impuls, der ihn auf den Baum hinauf klettern lässt, um Jesus zu sehen, ist mehr als blanke Neugier. Er hat etwas zu tun mit seiner unerfüllten Sehnsucht, mit verlorenem Ansehen und mit all dem, was es neu zu suchen gibt.
Warum es schließlich zur Begegnung zwischen Jesus und Zachäus kommt, sagt der letzte Satz des Evangeliums. „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Verlorenes suchen und retten: das ist das Programm, mit dem Jesus am Anfang in seiner Heimatstadt öffentlich angetreten ist. Dies macht er zum Schluss seines Wirkens noch einmal deutlich. Er sucht, wo Menschen sich verloren haben.
Und so treffen sich die Sehnsucht des einen und die Suche des Anderen. Als Jesus an die Stelle kam, wo Zachäus saß, um ihn zu sehen, schaute er hinauf. Es wird kein vorwurfsvoller oder verächtlicher Blick gewesen sein. Es wird ein Blick gewesen sein, der den Menschen in dem erreicht, was er eigentlich sucht, aber in seiner augenblicklichen Lebenssituation nicht findet. Gute Therapeuten oder auch liebende Menschen haben manchmal diesen Blick, in dem andere sich verstanden, angenommen, gesucht und gefunden fühlen. Wo dies gelingt, kann einer sein Lebenshaus öffnen, den anderen bei sich einlassen und dadurch auch sich selbst erkennen. So fängt Heilung an. Diesen Prozess beschreibt Lukas, wenn er von der Einkehr Jesu bei Zachäus erzählt, die in dem Satz gipfelt: „Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden.“
Zachäus erfährt Heil, indem er seiner vordergründigen Sehnsucht nachgibt. Sie ist der unvermutete und ungeplante Ort, an dem Gott mit den Menschen in Kontakt tritt. Jesus begegnet dem Zaungast Zachäus ja weder im Tempel noch bei anderen „religiösen“ Gelegenheiten. Er sucht ihn in seiner Sehnsucht und nimmt sie zum Anlass für eine tiefere Begegnung mit ungeahnten Folgen.
Wenn wir Gott begegnen wollen, wenn wir Heilung und Heil von ihm erwarten, tun wir gut daran, uns mit unseren Sehnsüchten zu verbünden. Wenn wir mit ihrer Hilfe uns selbst auf die Spur kommen und entdecken, was unser Herz eigentlich begehrt, dürfen wir überzeugt sein, dass Gott selbst uns darin entgegenkommt und uns aufsucht. Dann dürfen wir für uns auch jene wunderbare Freiheit erhoffen, in der Zachäus ohne Druck und äußeren Zwang vieles in seinem Leben ändern konnte. Amen. P. Paul Mühlberger SJ

13.11.2016

33. Sonntag im Jahreskreis
Lk 21,5-19





Fast am Ende des Kirchenjahres hören wir aus dem Lukasevangelium Jesu Rede vom Ende der Welt Diese Rede ist keine leichte Kost und wir sind in Gefahr, dass wir schnell abschalten, wenn wir diese Worte hören. Aber, sind uns diese Worte, diese Ankündigungen wirklich so fremd? Leben wir nicht mitten drinnen all den Kriegen und Unruhen, hören wir nicht auch in unseren Tagen immer wieder von Hungersnöten und Seuchen irgendwo in der Welt?
Aber ist eine Endzeitstimmung wirklich für uns ein dominantes Lebensgefühl? Sicherlich nicht! Denn das Ende wollen wir nicht, wir wollen das volle Leben, wir wollen Spaß haben und uns amüsieren und das Leben genießen. Trotzdem tut es gut, einmal der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, der Wirklichkeit unserer Welt und der Wirklichkeit unseres eigenen Lebens.
Wir wissen, dass alles Schöne nicht ewig dauert. Feste gehen zu Ende, Ferien gehen zu Ende. Auf der Erde ist alles vergänglich. Und überall kann uns das Ende einholen, ob wir wollen oder nicht. Ich meine nicht den Weltuntergang und die Wiederkehr Jesu, die die Jünger im Blick haben. Zu Ende geht das Leben jedes einzelnen Menschen. Mit jedem neuen Tag gehen wir dem Ende entgegen. Wir müssen es aushalten, den Zeitpunkt unseres Endes nicht zu wissen; wir können aber sicher sein, dass wir es einmal beenden müssen, wie die Natur im Winter die Blätter verliert. Im November spiegelt die Natur das Ende wider. Der Tod mitten im Leben. Der Tod läßt sich nicht ganz verdrängen, auch wenn wir so tun, als ob er uns nicht trifft. Dem Ende unseres Lebens schauen wir also besser in die Augen. Das betont auch Jesus in seiner Rede vom Ende.
Jesus öffnet uns in seiner Rede einen weiten Horizont. Und wenn auch seine Worte sehr hart sind, etwa, wenn er vor seinen Zuhörern vom Untergang des Tempels spricht, so liegt doch in der Perspektive, die Jesus gibt etwas Tröstliches. Wir sind ja immer in der Gefahr, unseren Horizont zu verlieren, das Ziel zu vergessen. Und dieses Ziel steht im Schlußsatz unseres heutigen Evangeliums: „Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das ewige Leben gewinnen.“
Und was in der Zwischenzeit passiert, das soll uns nicht entmutigen. Und dazu gibt Jesus einige Anweisungen für unser Verhalten: „Laßt euch nicht entmutigen! Laßt euch nicht verführen!“ Und er weist hin auf die falschen Propheten, die auftreten werden. Falsche Propheten, die ein irdisches Paradies verkünden, das es niemals geben wird, falsche Propheten, die das Lebensglück nur ins Diesseits verlagern, falsche Propheten, die die Botschaft Jesu nach ihrem eigenen Geschmack verdrehen und auslegen, so wie es Paulus einmal sagt: Es werden Zeiten kommen, da man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, sondern sich zu seinem eigenen Ohrenkitzel Lehrer beschafft.
Unter den mannigfaltigen Verführern unserer Zeit ist es die Vorgaukelung einer heilen Welt, wir sie uns medial immer wieder vor Augen geführt wird. Es wird eine Flucht vor der Realität des Lebens iniziert. Was zählt und in den Bann zieht ist Jugendlichkeit und Schönheit, ist Geschwindigkeit und Sportlichkeit. Die Bilder, die wir täglich im Fernsehen und in den Medien vorgesetzt bekommen, treiben ihr gefährliches Spiel mit uns. Wir haben es gelernt, uns zu amüsieren. Entspannung pur, Erlösung vom Alltagstrott, eine heile Welt, Spaß und Vergnügen sind angesagt und das 24 Stunden lang. Sogar die tragischen Nachrichten des Tages werden von vielen als eine spannende Unterhaltung konsumiert. Sie berühren uns nicht mehr. Und wenn wir nicht aufpassen, dann verwechseln wir mit der Zeit das Fernsehen mit der realen Welt So wie im Fernsehen soll das Leben sein: Traumhaft und ewig jung. Echtes Leben im Fernsehen würde sich kaum jemand anschauen wollen. Aus dem Fernsehen muß der Trost für den Alltag her, besonders am depressiven Sonntagabend.
Indem Jesus die Katastrophen der Endzeit anspricht, nimmt er ihnen ihren Stachel. Die frühen Christen erwarteten die Wiederkunft Christ noch zu ihren Lebzeiten, wir wissen heute, dass die sogenannte Endzeit der ganze Zeitraum ist vom Auftreten Jesu in unserer Menschlichkeit bis zum Ende der Welt. Wann das sein wird wissen wir nicht. Wir sind aber imstande, die Geschehnisse in dieser Welt einzuordnen in den großen Gang der Schöpfung. Erklären können wir uns viele Dinge nicht. Das gibt dann oft Fragen, die wir offen oder wenigstens scheu in unserem Herzen stellen: Warum läßt Gott das zu, warum betrifft das gerade mich? Wie ist der liebende Gott vereinbar mit all den gräßlichen Dingen, die auch an unschuldigen Menschen geschehen. Auf all diese Fragen sind wir oft ohne Antwort und wir wissen keine Lösungen. Was wir wissen ist, dass sich das Heil, das Gott uns anbietet nicht allein auf den irdischen Bereich beschränkt, sondern darüber hinausgeht. Und somit ist das ganze Weltgeschehen ein Wechselspiel zwischen dem Angebot Gottes an uns Menschen durch das der Friede und das Wohlergehen der Menschen gesichert wären einerseits und dem freien Willen der Menschen andererseits. Sie bringen es ja immer wieder zustande, sich gegen Gott zu heben, sie greifen immer wieder nach der verbotenen Frucht des Paradiesbaumes, von der gesagt wurde: wer davon ißt, der wird wie Gott. Und es ist sehr gefährlich, wenn sich der Mensch an die Stelle Gottes erhebt, wenn er sich Dinge anmaßt, die nur dem Schöpfer zustehen. Nach Friedrich Nitzsche, dem „Ungläubigen“ endet dieser Mensch im Chaos, der die Erde von ihrer Sonne loskettete und nun erleben muß, wie jede Orientierung verschwindet. Heute wird Gott kaum mehr bekämpft. Was viel gefährlicher ist, er wird totgeschwiegen, lächerlich gemacht. Wir merken das an den verschiedensten Entfremdungen verschiedener Feste. Allerheiligen wird zum Halloween und der Hl. Nikolaus wird zur Schokoladenfigur. Statt dem Christkind gibt es den Weihnachtsmann mit seinem von Elchen gezogenen Schlitten, der die Geschenke im Großkaufhaus einkauft. Und selbst das, was mit dem Christkind aufgeführt wird spottet jeder Beschreibung. So kann man jetzt schon in der Post einen Brief vom Christkind bestellen. Und dann die Weihnachtskrippe in teuerster Ausführung, die armselige Krippe wird für teures Geld käuflich. Von den Engeln möchte ich erst gar nicht reden. Sie wurden von machtvollen Geistwesen zu harmlosen Nakedeis herabgewürdigt.
Ja, diese Endzeit hat es in sich! Wer da standhaft bleibt, die Versuchungen rechtzeitig ortet und erkennt und nicht mit ihnen mittut, der ist wahrhaft selig zu preisen.
Merkwürdig ist ja auch der scheinbare Widerspruch, wo Jesus zunächst davon erzählt, dass man Menschen dem Tode überliefern wird und dann sagt: „Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden“. Da öffnet sich ja wieder die große Perspektive Gottes, die das menschliche Leben nicht nur im irdischen Bereich beheimatet weiß sondern auch in der Geborgenheit Gottes. In jener Geborgenheit, die im ewigen Leben ihre Erfüllung findet.
Die frühen Christen, die dachten die Wiederkunft des Herrn stehe unmittelbar bevor, hörten zu arbeiten auf und Paulus mußte massiv dagegen einschreiten. Auch wir stehen in unserer Zeit vor der Gefahr uns zurückzuziehen, so, als ginge uns die böse Welt nichts mehr an. Aber wir sind für diese Welt verantwortlich und müssen sie stützen durch unser Tun und unser Gebet und müssen dem Bösen Einhalt gebieten auf allen fronten und mit allen unseren Möglichkeiten – und das alles ohne Angst und ohne jene Panik, in die alle Menschen geraten für die Gott nichts mehr bedeutet, für die es keinen Halt mehr gibt. Wir sind trotz aller Widrigkeiten geborgen in Gott – möge er uns diese Zuversicht immer wach erhalten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

20.11.2016

Lk 23,35b-43
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Es war vor vielen, vielen Jahren. Die Bewohner eines Landes hatten beschlossen, einen neuen König zu wählen. Viele Kandidaten wurden vorgeschlagen. Doch sie konnten sich nicht einigen, wer der neue König werden sollte. Schließlich hatte ein alter und weiser Mann eine Idee. Er meinte, man solle jedem der Kandidaten drei Fragen stellen und hören wie er darauf antworte. Damit waren alle einverstanden. Sie riefen zunächst denjenigen, den die meisten als König vorgeschlagen hatten, einen großen und starken Mann. „Was wirst du als erstes tun, wenn du König bist?“ fragten sie ihn. Und er antwortete: „Ich werde ein großes Heer sammeln, den Nachbarn den Krieg erklären und unser Land noch größer und reicher machen“, antwortete der Kandidat. Viele klatschten Beifall, doch dann wurde es still am Platz, denn die Menschen dachten darüber nach, was für sie ein Krieg bedeuten würde: Tod, Hunger, Elend und Unrecht. Sie schickten den Kandidaten weg, ohne eine weitere Frage zu stellen. Nun holten sie einen zweiten, einen prächtig gekleideten, weltoffenen Mann: „Was wirst du als erstes tun, wenn die ganze Königsmacht in deiner Hand ist?“ „Die Königsstadt größer und prächtiger erbauen, damit uns alle Fremden bewundern“. Das gefiel den Leuten und sie stellten die zweite Frage: „“Worauf wirst du als König besonders achten?“ Er überlegte nicht lange und antwortete: „Der Königshof in unserem Land soll der prächtigste der ganzen Welt sein. Alle sollen unsere Macht sehen!“
Zunächst kam Beifall, doch dann wurde es wieder still. Den Leuten wurde klar, dass sie das alles ja bezahlen mußten. Ohne ihm die dritte Frage zu stellen, schickten sie ihn weg.
Nun führten sie den dritten der Vorgeschlagenen herbei: ein unscheinbares Männchen. Auf die erste Frage antwortete dieser: „Ich werde zu allererst die Kostbarkeiten des Königsschlosses verkaufen und das Geld den vielen armen Leuten im Lande geben.“ Auf dem Platz wurde es laut. „Das kann man doch als König nicht machen“, sagten viele. Mit der Zeit aber kam immer mehr Zustimmung. Die Leute sagten sich: ein König, der so zu leben versucht wie jeder normale Mensch - das wäre einmal einen Versuch wert. So stellten sie ihm die zweite Frage: was er denn Besonderes für das Land tun wolle? „Ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass es in unserem Land weniger Ungerechtigkeiten und Verbrechen gibt“, antwortete er. Das gefiel den Leuten sofort. Nun stellten sie ihm auch noch die dritte Frage: „Was verlangst du von uns, wenn wir dich zum König wählen?“ - „Dass ihr euch genau so um das Gute bemüht wie ich!“ war die Antwort. Eigentlich hatten die Leute als Antwort erwartet, dass er als König Gehorsam von ihnen verlangen werde, fleißige Arbeit und entsprechende Steuern. Doch nicht von alledem. Dieser Mann wollte als König selbst mit gutem Beispiel vorangehen und von seinen Untertanen nichts anderes fordern als das, was er selber tat. „Er ist zwar kein König wie die anderen. Aber es könnte mit ihm bei uns schöner werden“, sagten sich die Leute und wählten ihn zum König.
Am 11. Dezember 1925 hat Papst Pius XI. Das Christkönigsfest durch seine Enzyklika „Quas primas“ eingeführt und die liturgische Feier auf den letzten Sonntag im Oktober festgesetzt. In dieser Enzyklika nennt der Papst auch seine Beweggründe, die ihn zur Einführung dieses Festes bewogen haben, es sollte ein Gegengewicht - eine Waffe - „gegen die zerstörerischen Kräfte unserer Zeit“ sein. Wenn wir einen Blick in die Geschichte werfen, dann wissen wir, was der Papst meinte: Da ist einmal der Bolschewismus, der aus Rußland die Sowjetunion machte (1917); da ist der Faschismus in Italien (1924), also direkt vor der Haustür des Papstes; da ist Hitlers „Mein Kampf“ (1925), in dem die Ziele des Nationalsozialismus für jedermann lesbar genannt sind: das Volk als „rassische“ Einheit soll den höchsten Wert haben; an der Spitze aller Rassen soll der nordisch-germanische Mensch stehen; der Jude gehört auf den untersten Rang; die Deutschen als Herrenvolk, Lebensraum durch das Schwert, all die sind schreckverheißende und zur schrecklichen Wahrheit gewordene Vokabeln unserer Geschichte, der Geschichte Europas, ja der Geschichte der ganzen Welt. Es ist auch die Zeit, in der der Materialismus boomte, wie man heute sagt, es sind „die goldenen Zwanziger“, die Zeit des technologischen Fortschritts und des ökonomischen Erfolges.
Vielleicht machen sich dabei auch die ihre Gedanken, die sonst nicht so schnell päpstliche Gedanken und Ängste nachvollziehen. In der Rückschau ist das immer leichter als vorausschauend oder gar mitten drin. Wie kann Kirche , wie kann der Papst ein Gegengewicht, gegen all diese damaligen Hoffnungsträger und Hoffnungsworte setzen: Marx, Lenin, Mussolini, Hitler, Revolution, Nationalismus, Blut und Boden, Lebensraum, Fortschritt, Erfolg?
Wieder ist es die Kirche, die sich den Menschen auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft, eine menschlichere Gesellschaft mahnend und warnend in den Weg stellt. Es schien so, als ob sie allen demokratischen Bewegungen ein monarchistisches Königsbild entgegenstelle nach dem Motto: Vorwärts, Kameraden, wir müssen zurück. Sicher wüßten wir es heute besser und würden es richtiger machen, aber eines müssen wir Pius XI. Zugestehen: Ihn hat nicht der Traum von einem irdischen Reich und einem irdischen König beflügelt. Ihm ging es nicht um eine Neuauflage von Thron und Altar.
Pius XI. War der Ansicht, wer seine Bindung und Beziehung zu Christus, dem König, immer wieder verkündet, bezeugt, bekennt und feiert, der wird anderen Königen gegenüber kritisch, wenn sich der Herrschaft über die Herzen der Menschen greifen und sich an die Stelle Gottes setzen, wie es z.B. Hitler getan hat, der vom gewissen als von einer „jüdischen Erfindung“ sprach, die ein für allemal auszurotten sei.
Das Christkönigsfest hat nach der Liturgiereform des II. Vatikanums einen neuen Ort, den letzten Sonntag im Kirchenjahr und damit auch eine neue Dimension, welche die ursprüngliche nicht aufhebt, sondern ergänzt. Das Königtum Christi wird heute eher geistliche und eschatologisch verstanden. Im Mittelpunkt unseres Denkens ist der wiederkommende Christus, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, selbst wenn seine Herrschaft auf diese Welt zielt. Ihm gehe es nicht um Land, nicht um Macht, nicht um Ansehen, ihm geht es um die Herzen der Menschen. Sein Sieg ist gegen die den Menschen bedrohenden Mächte gerichtet, gegen die Sünde, gegen den Tod. Wer diesem König dient, kann kein Feind des Menschen sein. Wer diesem König Zutritt zu seinem Herzen läßt, der wird nicht besessen, sondern befreit, der will auch nicht besitzen, sondern befreien und loslassen, wie es nur die Liebe tut.
Es ist ein seltsamer König, der andere nicht zu Opfern macht, sondern sich opfert, als die Liebe keinen anderen Weg mehr hatte. Wer diesem König Zutritt zu seinem Denken und Fühlen, Zutritt zu den Motiven seines Handelns gibt, der wird niemanden zum Opfer mach können, wohl aber wird er die Größe haben, sein leben hinzugeben für seine Freunde.
Es ist ein seltsamer König, der Gerechtigkeit und Liebe unter einen Hut bekommt und der jedem vergelten wird, so wie es recht ist. Wer diesem König dienen will, muß seine Vorstellung von Gerechtigkeit neu fassen und für seine Liebe etwas mehr Phantasie aufwenden.
Es ist ein seltsamer König, der nicht nur gelegentlich einmal in das Lumpengewand eines Bettlers schlüpft, sondern mir in jedem, der in Not ist, immer und überall begegnet. Wer ihm dienen will, braucht weder einen besonderen Sensor noch einen Detektor, um ihn ausfindig zu machen, er muß nur Augen haben, die sehen, Ohren, die hören, einen Mund, der Antwort gibt, ein Herz, das fühlt, und Hände, die zupacken, wo ein Mensch in Not ist. Ein seltsamer König, unser König. Wie hatte Jesus Franziskus gefragt: Wer kann dir mehr geben, der Herr oder der Knecht? Franziskus mit einem klaren Verstand und einem brennenden Herzen wußte die Antwort. Wir wissen sie auch. Gebe Gott, dass wir auch danach handeln. Amen.
P. Paul Mühlberger DJ

27.11.2016

Mk 24,37-44
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Jetzt ist die Zeit des großen Einkaufens, die Zeit des Weihnachtskartenschreibens. Die Hektik der Menschen ist enorm. Von der „stillsten Zeit im Jahr“ ist kaum mehr etwas zu merken. Kinder quengeln vor den Schaufenstern und bestehen beinhart auf ihren oft sündteuren Weihnachtswünschen und Erwachsene bemühen ihre Phantasie, was man einander schenken kann, was der Betreffende noch nicht besitzt. Ankündigungen der Art wie sie heute im Evangelium stehen hört sicher niemand gern. Unheilspropheten haben keine Chance und auch keine Realisten, die auf die Probleme unserer Zeit hinweisen.
Wir haben eben ein großes Geschick im Überspielen der Wirklichkeit. Und Gott, den die Menschen in Zeiten der Not auf den Knien aufsuchen, entschwindet für viele Menschen in weite Fernen. Für eine große Zahl existiert vom Evangelium überhaupt nur die Weihnachtsgeschichte, die in Kitsch und Kunst unzählige Male zum Kauf angeboten wird. Die Botschaft Jesu, die er als erwachsener Mensch verkündet hat, scheint nicht gebraucht zu werden.
Und so wünschen wir uns „Alles Gute“ zu den Feiertagen. und wenn wir fragen: Was bedeutet dieser Wunsch? Was soll mir Gutes passieren - woher, von wem? Was soll ich Gutes tun - für wen? Wozu? Für den armen Bettler ein paar Schillinge, gerade so viel, damit das Geldbörsel sich wieder schließen lässt, ein Almosen eben und nicht mehr.
Und dann flattern wieder die Nachrichten ins Haus! Unsere Welt ist ein Pulverfass. Es singen nicht nur die Engel von einem möglichen Frieden auf Erden, es hetzen auch blutrünstige Militärs für den Krieg. Aber wir können alles lösen, so denken viele Menschen. Unsere Welt ist in einer großartigen Entwicklung begriffen. Erfindungen werden non-stop gemacht am Zeichenbrett und mit dem Computer. Alles Muss lösbar sein! Aber ist der Mensch noch Herr aller dieser Entwicklungen? Kann er alle Probleme lösen? Kann er alles in den Griff bekommen?
Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass nicht alles in der Welt kalkulierbar ist. Die wesentlichen Dinge für das Gelingen eines Menschenlebens entziehen sich der Planung und der Berechnung. Freundschaft und Liebe etwa sind Geschenke, die kann man nicht käuflich erwerben. Und gelungene Beziehungen gehören ja wohl zum größten Glück des Menschen und auch die sind im Handel nicht erhältlich.
Und schon seit langem macht sich ein Unbehagen an der Technifizierung aller Lebensbereiche breit. Wie entkommen wir dem Zugriff, der Persönliches immer mehr aushöhlt? Viele versuchen, diesem Unbehagen zu entgehen, indem sie das Eigentlich-Menschliche anstreben. „Aussteiger“ wollen zurück zum Ursprünglichen, werfen Positives und Negatives auf den gleichen Misthaufen. Lesen sie die Plakatwände, dann finden sie ein gehäuftes Angebot an Meditationsmethoden, die versuchen wollen, den Menschen zum Kern seines Wesens und zu einer wahren Schau seiner Wirklichkeit zu führen. Andere wieder nehmen Zuflucht zur Geisterbeschwörung und zum Spiritismus. Hellseher werden Millionäre. Telepathie, Tischrücken, Astrologie, Horoskop, Kartenaufschlagen, Handlesen, Talisman und Wahrsagerei stehen hoch im Kurs. Auf diese Weise versuchen Menschen, geheime Kräfte zu erkennen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wenn ich weiß, wie diese Mächte den Ablauf der Geschehnisse bewirken, dann ist auch meine persönliche Zukunft nicht mehr verborgen. Unsicherheit schwindet, das Morgen liegt offen vor mir!
„Fantasy“ triumphiert in allen Medien. Schon früher gab es Zukunftsromane. In seinem Buch „ein wahrhaft goldenes Büchlein, nicht weniger heilsam als heiter, von dem besten Staat oder von der neuen Insel Utopia“ beschreibt Thomas Morus den Inselstaat „Nirgendwo“. „Utopia“ klingt für uns heute nach einer unwirklichen Zukunft; ganz anders war das Buch des ehemaligen Kanzlers von Heinrich VIII gemeint. Er übt darin harte Kritik an der Selbstherrlichkeit der Fürsten mit ihrer räuberischen Politik, an den wahnsinnigen Kriegen und der Totalität der neuzeitlichen Staaten. „Utopia“ will so nicht auf eine ferne Zukunft vertrösten, sondern in phantasievoller Weise Schwachstellen der Gegenwart entlarven. Kann man das auch von utopischen und Science-Fiktion-Filmen und -Romanen behaupten?
Es hat einmal jemand gesagt: „Wenn der Glaube schwindet, dann greift der Aberglaube um sich“. Ich kann das nur unterstreichen. Es geht uns Christen nicht darum, einen Blick in die Zukunft zu werfen, gleichsam unserer Neugierde Genüge zu tun, es sollte uns darum gehen, dass die Zukunft wie etwas vor uns liegt, das unserer Gestaltung und unserer Mitwirkung bedarf. Zukunft ist nicht etwas, das den Menschen überfällt, das er mit stoischer Gelassenheit zu erleiden hat, Zukunft ist eine Herausforderung und eine Aufgabe!
Die Bibel bietet dazu ganz wertvolle Perspektiven und das nicht nur in der „Geheimen Offenbarung“ des Johannes, dem letzten Buch des Neuen Testamentes. In diesem Buch wird in phantastischen Bildern das Ringen der göttlichen und der widergöttlichen Mächte in dieser Welt geschildert; aber es sind keine gleichwertigen Mächte, die da miteinander im Streit liegen. Die Macht Gottes, die sich in dieser Welt so oft als Ohnmacht entpuppt ist der Sieger in diesem endzeitlichen Kampf.
Und so ist auch der heutige Text des Evangeliums zu verstehen. Gott wird für viele Menschen die große Überraschung sein! Er wird für die Menschen ganz plötzlich in seiner ganzen Wirklichkeit aufleuchten. Und damit werden viele nicht gerechnet haben. Er, der als der Tragende in unserem Leben zugegen ist wird uns bewusst werden. Wie stehen dann die da, die eigentlich nie mit ihm gerechnet haben? Wie stehen wir da, die wir ihn zwar nicht geleugnet haben aber in unserem Leben ganz andere Wege gegangen sind als die seinen?
Und darum feiern wir den Advent. Nicht als eine bloße Erinnerung sondern als eine Neubesinnung, als eine Neuorientierung unseres Lebens. Aber worum geht es in unserem Leben? Wie stellen wir es an, dass wir auf den rechten Weg kommen?
Es geht zunächst um unsere Welt. Im Schöpfungsbericht heißt es wiederholt, dass Gott zufrieden mit ihr war, dass er sah „dass sie gut war“. Nun sie ist auch heute noch gut. Aber leider haben die Menschen so manches im Laufe der Zeit verpfuscht. An dem Garten des Paradieses, der dem Menschen zum Bebauen und Pflegen gegeben war, haben sie ihre Habgier und ihrem Mutwillen ausgelassen. Nicht nur Menschen sind im Laufe der Geschichte immer wieder ausgebeutet worden, auch die Schöpfung selbst. Wir haben die Güter dieser Welt nicht benützt wie ein einmaliges Geschenk, sondern wir haben mit ihnen unsere Willkür getrieben. Zum Lustobjekt ist uns die Welt geworden, zu etwas, das unsere Bedürfnisse um jeden Preis zu befriedigen hat. Und weil wir über die Welt hergefallen sind, weil wir sie vergewaltigt haben, so können wir nicht mehr in ihr lesen. Wir entdecken nicht mehr in der Welt die Spuren des Schöpfers, sie öffnet nicht mehr unseren Blick zu Gott hin, von dem sie ja schließlich kommt. Als Objekt unserer Willkür verliert die Welt ihre Zeichenhaftigkeit.
Und dann der Mensch! Was haben wir aus ihm gemacht? Natürlich schmeichelt es uns, wenn wir Ebenbilder Gottes genannt werden. Aber würde Gott in jedem der Menschen in unseren wohlhabenden Ländern noch sein Ebenbild erkennen? Wir denken nicht gerne daran, dass ein Großteil der Menschen Not leidet, wir hören es nicht gern, wenn von uns erwartet wird, dass unsere so oft beschworene Nächstenliebe Gestalt gewinnen sollte. Es wird ja niemandem einfallen, zu Weihnachten einen Menschen von der Straße, einen Sandler, einen Obdachlosen zu sich in die Wohnung einzuladen. Eine ganze Kette von Ausreden haben wir da parat, die uns von dieser ausgefallenen Tat dispensieren. Dann brauchen wir uns aber auch nicht mehr zu ärgern über die hartherzigen Leute bei der Herbergsuche, wo uns manchmal die Rührung ankommt, wenn wir die Heilige Familie so ausgestoßen und verlassen sehen. Wenn sich unsere Liebe zum anderen Menschen nicht konkretisiert, wird sie zur Farce. Und wenn wir sagen, dass wir ohnehin immer wieder spenden, so müssen wir uns vor Augen halten, dass es letztlich nicht um ein Spenden geht, nicht um ein Almosen, sondern um ein Teilen. Diese Überlegungen können uns wahrlich ernüchtern. Aber bevor wir sie nicht irgendwie positiv beantwortet haben, brauchen wir nicht zu unserem letzten Punkt überzugehen, zu Gott!
Johannes hat einmal gesagt: „Wer sagt, er habe Gott lieb, aber seinem Mitmenschen die Liebe verweigert, der ist ein Lügner“. Es geht da auch nicht letztlich darum, „Gott zu dienen“, als ob Gott unsere Dienst brauchte. Aber er hat uns Geist und Leben gegeben, dass seine Liebe und Menschenfreundlichkeit auch in unserem Leben in dieser Welt sichtbar wird.
Und wenn wir schon so gerne einen Blick in die Zukunft werfen, so denken wir uns einmal aus, was uns Gott etwa fragen könnte, wenn wir einmal vor ihm stehen? Wir ahnen es wohl. Er könnte fragen: Was hast du aus deinem Leben gemacht die vielen Jahre hindurch, die ich dir geschenkt habe? Eine Menge habe ich mir von dir erwartet; aber du hast dich eingesponnen in die Gedanken um dein eigenes Wohlergehen. Ich habe dir eine schöne und gute Welt zum Wohnen gegeben und du hast es schließlich so weit gebracht, dass diese Welt dir zum Feind geworden ist. Du konntest mich nicht sehen, aber meine Spuren in dieser Welt hättest du doch bemerken können. Aber ich hoffe doch, dass Gott auch wird sagen können: auch wenn du vieles vertan hast, bemüht hast du dich doch, wenigstens ansatzweise ist es dir gelungen, mich in dieser Welt vor den Menschen glaubwürdig zu machen. Die Menschen, die dich erlebt haben, sind getröstet von dir weggegangen und sie haben durch dich einen kleinen Weg zu mir gefunden.
Und so ist die Mahnung der heutigen Frohbotschaft doch wohl am rechten Platz, wenn wir aufgerufen werden zur Wachsamkeit und zur Bereitschaft, offen zu sein vor die ganze Dimension unseres Lebens: für unsere Welt, für unsere Mitmenschen und schließlich auch für Gott. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.12.2016

2. Adventsonntag
Mt 3, 1-12
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Er steht immer wieder vor uns, Johannes der Täufer, der Wegbereiter, diese adventliche Gestalt, an der wir auf unserem Weg “Richtung Weihnachten” kaum vorbeikommen. Die Begegnung mit ihm ist eine Etappe, die man nicht überspringen kann, ohne dass etwas verloren ginge. Weihnachten wird gewinnen, wenn wir uns der Begegnung mit Johannes dem Täufer stellen.
Wir finden ihn in der Wüste; das macht es nicht unbedingt einfacher, aber klarer. Wer ihm begegnen will, muss bereit sein, auf Abstand zu gehen. Sie zogen in die Wüste hinaus, wird uns im Evangelium erzählt. Die Menschen kamen aus Jerusalem, aus ganz Judäa und aus dem Westjordanland. Sie blieben nicht in ihren Häusern und nicht auf ihren Feldern. Offensichtlich war Wichtigeres dran. Da muss es einem wert sein, dass vieles liegen bleibt: die Wäsche, der Pflug, die Schriftrolle, der Kochtopf und die Säge. Die Menschen verlassen zuhauf ihre alltäglichen Plätze. Sie gewinnen Abstand und gehen in die Wüste. Dort treffen sie ihn, der etwas zu sagen hat und das wollen sie hören.
Recht und schön. Aber die Zeit des Johannes ist längst vorbei – oder doch nicht? Brauchen wir nicht auch hin und wieder so einen Rufer, der uns ein wenig aufweckt. Leicht hat er es heute nicht bei all dem Getriebe in dem wir leben, bei all den persönlichen Problemen, mit denen wir uns beschäftigen. Die innere Ruhe haben wir längst verloren und die Wüste ist weit weg.
Vor der Wüste haben wir irgendwie Angst. Ich meine jetzt nicht die geographische Wüste, sondern ich meine die Wüste der Einsamkeit und der Stille, jene innere Wüste, die es uns möglich macht, in uns hineinzuhören, jene Regungen zu spüren, die aus der Tiefe unseres Bewusstseins hochsteigen; aber wir ertragen die Stille nicht mehr und auch nicht mehr die Einsamkeit.
Es ginge wesentlich darum, jene innere Ruhe zu finden, in der wir Gott nahe kommen, in der die großen Linien des eigenen Lebens wieder deutlich werden. Es geht nicht darum, aus unserem ganz persönlichen Leben auszubrechen, sondern darum, es in seiner engen Verbindung mit einem liebenden Gott zu sehen und somit die Spuren Gottes im eigenen Leben aufzufinden.
Ich denke, nicht jeder, der Johannes den Täufer hört, vernimmt auch seine Botschaft. Diese scheint an eine Voraussetzung gebunden zu sein, die wir nicht immer erfüllen. Seine Botschaft ist eine Wüstenbotschaft. Ich denke es gehört wesentlich dazu, dass seine Botschaft nicht vermischt wird mit dem Stimmengewirr all dessen, was sonst an uns herankommt. Einfacher ist die Begegnung mit Johannes nicht zu haben.
Er war eine faszinierende Gestalt, dieser Täufer am Jordan. Nicht nur wegen seiner Kleidung und seiner kümmerlichen Ernährung. Es war vor allem die Art seiner Predigt, die die Leute anzog. In Scharen kamen sie, um ihn zu hören. Man könnte seine Predigt als eine Art “Höllenpredigt” alten Stils bezeichnen. Johannes nahm sich kein Blatt vor den Mund. Er drohte seinen Zuhörern schreckliche Strafgerichte an, wenn sie sich nicht bekehrten. Und viele fühlten sich angesprochen und ließen sich von ihm taufen.
Und was sagt er? Zunächst ruft er dazu auf, Wege zu bereiten. Für wen? Für den kommenden Messias. Er möchte uns sagen, dass wir reagieren sollten auf das angekündigte Kommen Gottes, er möchte sagen, dass Erwartung des Heiles nicht einfach darin besteht, die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten. Es ist vielfach in uns sehr vieles verschüttet, was das Kommen Gottes hindert. Das gilt es zu beseitigen. Das tun die Menschen auch, die zu Johannes an den Jordan gekommen sind. Sie bereuen ihre Sünden.
Aber das ist bereits heutzutage ein heikler Punkt. Das Wort Sünde kommt im Wortschatz vieler Menschen nicht mehr vor. Für sie gibt es keine Sünde und somit auch keine Verantwortung vor Gott. Das Bußsakrament wird nur noch selten wahrgenommen, es besteht viel eher die Auffassung, man könne sich alles mit dem Lieben Gott selber ausmachen. Sicherlich gibt es die persönliche Reue, aber es gibt auch das Sakrament der Lossprechung, das dem Menschen nicht nur das befreiende Aussprechen seiner Fehler ermöglicht, sondern auch mit vielen Gnaden verbunden ist.
Was Johannes dann noch spricht hat gewisse Ähnlichkeiten mit den Höllenpredigten früherer Zeiten. Johannes macht seinen Zuhörern richtig Angst. Und genau das vermeidet man heute natürlich mit Recht. Aber sollte man nicht darauf hinweisen, dass wir eine Verantwortung haben, dass wir für unser Leben Rechenschaft ablegen müssen, dass wir einmal gefragt werden, was wir aus unserem Leben gemacht haben. Der christliche Taufschein genügt nicht, um vor Gott gerechtfertigt dazustehen. Leider besteht heute in so mancher Verkündigung die Tendenz, so unangenehme Details der Botschaft Jesu heraus zu filtern, eine zurechtgebogene Botschaft zu konstruieren, von der Paulus einmal treffend sagt, dass sie bloß den Ohren schmeichelt aber nicht die ganze Wahrheit bringt. Angstmache ist nicht die Art der Verkündigung der Frohbotschaft Jesu, aber eine Verkürzung auch nicht.
Das Himmelreich ist nahe. Mit diesem Satz beginnt Johannes. Und dieses Himmelreich ist das Reich eines die Menschen liebenden Gottes. Das müssen wir uns immer vor Augen halten. In diesem Reich hat nur der Platz und Raum, der ein Liebender ist. Und deshalb gerade im Advent die Frage, ob es da nicht im eigenen Leben so manches zu korrigieren gibt. Angst, nicht auf dem rechten Weg zu sein kann dazu förderlich sein. Ich meine nicht jene Angst, die den Menschen lähmt und ihm die Hoffnung nimmt, ich meine auch nicht jene Ängstlichkeit, die so manche Menschen quält, ich meine jene innere Sorge, die uns immer wieder hin verweist auf den heilenden Gott, auf Jesus, der ja Heiland genannt wird und der wieder Raum sucht in unserem Leben. Somit brauchen wir diese Adventzeit notwendigst, damit wir uns mit dem nötigen Ernst an unsere Verantwortung als Christen erinnern und zugleich viel Freude und Hoffnung aus der Tatsache schöpfen, dass Jesus in uns wohnt und durch uns hindurch wirken möchte.
Und deswegen suchen auch wir immer wieder die Wüste auf, die Wüste in unserem eigenen Herzen, um jene Worte der Mahnung und auch des Trostes und der Zuversicht zu vernehmen, die Gott immer wieder in unserem Herzen spricht.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

11.12.2016

3. Adventsonntag
Jak 5,7-10; Mt 11,2-11



Wie lange können Menschen – ein Einzelner oder eine Gruppe – in Erwartung leben? Diese Frage steht in gewisser Weise hinter der heutigen Lesung aus dem Jakobusbrief, denn die Christen hatten nach dem Tod Jesu seine Wiederkunft für die allernächste Zeit erwartet. Doch je länger es dauerte, umso mehr schwand ihre Hoffnung. Die Euphorie, die die frühen Bekehrungen geprägt hatte, drohte zu erlahmen, je mehr der Alltag die Christen einholte. Und zu diesem Alltag gehörten eben auch Leid, Krankheit und Zweifel, aber auch der Ärger übereinander – so wie wir es in der Lesung gehört haben. In dieser Situation versucht der Schreiber des Jakobusbriefes, die Erwartung neu zu beleben, indem er gegen die Resignation seiner Gemeinde noch einmal betont: Der Herr kommt und er kommt bald.
Nun könnten wir heute sagen: Das mit der Naherwartung ist nicht mehr unser Problem. Schließlich sind inzwischen 2000 Jahre ins Land gegangen und der Herr ist nicht wiedergekommen. Also Schluß mit dem Warten!
Doch ganz so einfach wird es nicht gehen, denn wir müßten zumindest einen ganz erheblichen Teil unserer liturgischen Texte umschreiben, außerdem müßten wir etliche biblische Texte für überholt und unbrauchbar erklären. Wir sollten also zumindest sehr genau prüfen, ob uns diese Texte wirklich nichts mehr zu sagen haben. Wir könnten uns z.B. fragen: Was erwarte ich eigentlich? Worauf setze ich meine Hoffnung, meine Sehnsucht? Was erwarte ich und von wem?
Sehr schnell wird sich dann zeigen, dass sich unsere Erwartungen und Hoffnungen nicht nur auf vordergründige Erlebnisse und materielle Befriedigungen richten, wie uns in der Konsumgesellschaft oft vorgegaukelt wird. Hinter dem Suchen und Streben nach dem Kick, dem Mehr oder dem Anderen – dem, was wir bisher noch nicht kennen oder noch nicht haben, steckt die Sehnsucht und die Hoffnung nach dem ganz Anderen – nach dem Ultimativen – dem Absoluten – letztlich nach Gott. Aber es braucht – gerade in unserer Zeit – ein starkes Herz, um die Erwartungen aufrecht zu erhalten und die nötige Geduld aufzubringen, sich nicht mit Vordergründigkeiten zufrieden zu geben. Manchmal verursacht es sogar Leid – psychisches oder auch körperlich spürbares Leid, sich nicht abzulenken – sich keine heile Welt vorzugaukeln – sich nicht die Befriedigung jetzt und sofort zu verschaffen?
Und manchmal macht sich auch inmitten unserer Erwartungen der Zweifel breit: „Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Das war die Frage Johannes des Täufers als er im Kerker des Herodes lag und auf seine Hinrichtung wartete. Johannes, jener gewaltige Prediger, der Wegbereiter ist nun von Zweifeln geplagt. Hat er sich in der Person Jesu geirrt, ist er vielleicht doch nicht er Erwartete? Warum tut er nichts für ihn, warum tut er nichts für sich? Kann das der ersehnte Messias sein, der gerade bei den führenden religiösen Persönlichkeiten seiner Zeit nicht ankommt, ja sogar massiv abgelehnt wird?
Der Messias zeigt sich anders als Johannes es sich vorgestellt hatte. Fast nichts von all den Bildern, Ansichten und Vorstellungen, in die sich der Täufer hineingelebt und deren Wahrheit ihn überzeugt hat, ist bei Jesus zu finden. Er lebt anders und seine Worte und Zeichen lassen sich in anderen Tönen und Farben vernehmen. Da beginnt er zu zweifeln. Die eindeutige Welt seiner Bilder und Vorstellungen zerbricht. Daher die Frage: „Bist du der Kommende?“
Mir scheint, auch in dieser seiner tiefen Glaubensnot verhält sich Johannes vorbildhaft. Wieso? Er geht mit seinen Anfechtungen nicht irgendwo hin. Vielmehr fragt er bei Jesus selbst an. Das heißt für uns: Wende dich in deinen Nöten, Ängsten und Sorgen nicht an irgendeine Adresse. Geh mit all dem zuallererst zu Jesus. Breite alles, was dich quält, vor ihm aus, und sprich mit ihm darüber; denn in solchen Situationen hilft oft weder Menschenweisheit noch Menschenrat. Nur wer den Weg zu Jesus findet, um sich vor ihm zu öffnen, wird eine Antwort finden. Aufgrund dieser Erfahrung schrieb Goethe von sich selbst: „Ich darf sagen, ich kam nie leer zurück, wenn ich unter Druck und Not Gott gesucht hatte.“
Jesus nimmt die Täuferfrage sehr ernst. Er fegt die Täuferbilder des Kommenden nicht einfach hinweg. Jesus weiß, was die Wahrheit dieser Bilder für den Täufer bedeuten. Gott ist in seinem Gesalbten tatsächlich der Kommende. Aber er kommt unter anderen Bildern. Deswegen heißt es bei Jesus: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“
Das ist aber eigentlich gar nicht die Antwort auf die Frage des Johannes. Es ist vielmehr eine Aufzählung von Taten, die Jesus als einen Erlöser ausweisen. Es sind Aussagen die im Alten Testament sehr direkt das Wirken des Messias ausweisen. Mit anderen Worten: Jesus gibt Johannes und damit auch uns zu verstehen: Was die Welt in Wirklichkeit erlöst, ist nicht die Gewalt einer Axt, sondern allein die mitfühlende und mitleidende Liebe. Das heißt: Der Gott, den Jesus verkündet, ist ganz anders, als ihn Johannes vor Augen hatte; denn der Gott, den Jesus offenbarte, ist der unbedingt liebende Vater, der jedem nachgeht, selbst dem schlimmsten Verbrecher, ja gerade ihm, um ihn für die Ewigkeit zu gewinnen.
Daraus ergibt sich für uns: Der Fahrplan Gottes verläuft anders als der Fahrplan des Menschen. Der Fahrplan des Menschen läßt sich mit den Worten umschreiben: Zuerst leben und dann sterben. Aber was ist das für ein Leben? Ein bißchen Glück, ein bißchen Urlaub, ein bißchen Geld, ein wenig Anerkennung und ein wenig Vergnügen. Doch je älter man wird, umso dunkler und hoffnungsloser wird dieses Leben. Schließlich wird man zum alten Eisen gezählt, auch wenn man in früheren Jahren viel geleistet hat.
Der Fahrplan Gottes sieht anders aus. Er lautet: Zuerst sterben und dann leben. Sterben bedeutet hier nichts anderes, als sich in etwas hineinverlieren, das größer ist als wir. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang eine Feststellung, zu der Dostojewsky am Ende seines Romans „Die Dämonen“ kommt. Dort heißt es: „Das ganze Gesetz des menschlichen Seins besteht nur darin, dass der Mensch sich immer vor etwas unermeßlich Großem beugen kann.....Selbst der dümmste Mensch braucht unbedingt etwas ganz Großes.“

P. Paul Mühlberger SJ

18.12.2016

4. Adventsonntag
Mt 1,18-24



Aus dem Advent, der Zeit der Erwartung treten wir dem Fest selbst, der Erfüllung entgegen: „Mit der Geburt Jesu aber war es so.“ – Nicht schon das Geburtsgeschehen selbst steht im Zentrum des heutigen Evangeliums, sondern die Begleitumstände, die im Vorfeld dieses Ereignisses angesiedelt sind. Was möchte uns der Verfasser dazu sagen? Er spricht vom Außergewöhnlichen, er tut es auf seine Weise, in seiner Sprache. Folgen wir also nochmals dem Text.
Es ist eine besondere Mutterschaft von der hier gesprochen wird. Der Abschnitt kreist um ein Thema, nämlich um die Eigenart dieser Mutterschaft. Nicht von ungefähr kommt der Evangelist darauf zu sprechen. Unmittelbar davor hatte er sein Evangelium mit einem Stammbaum begonnen, in dem er die Herkunft Jesu auf David und auf Abraham zurückführt: „Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams“ – so lautet der erste Satz. Immer vom Vater auf den Sohn geht die Ahnenreihe weiter, bis schließlich, in der letzten Generation vor Jesus, der Stammbaum auf die Mutter übertragen wird.
Der Evangelist setzt die damalige Eheschließungspraxis voraus: nach der Einigung über den Brautpreis zwischen Brauteltern und Bräutigam wurde der Ehevertrag geschlossen. Damit galten Braut und Bräutigam als verheiratet. Der Ehevertrag stand unter der stillschweigenden Voraussetzung, dass die Braut unberührt in die Ehe ging. Daher blieb sie weitere neun bis zwölf Monate in ihrem Elternhaus, erst dann erfolgte die sogenannte „Heimführung“, die feierliche Hochzeit also und der Beginn des gemeinsamen Lebens.
Aber die Situation wird heikel. Josef erfährt etwas, dass seine Welt zusammenbrechen läßt. Maria erwartet ein Kind, und zwar nicht von ihm, sondern – wie es heißt – vom Heiligen Geist. Der noch nicht eingeweihte Josef sieht dahinter etwas ganz anderes als den Heiligen Geist. Zwar bleibt er ein Ehrenmann. Nach jüdischem Recht hätte er Maria öffentlich als Ehebrecherin verklagen können. Doch Josef nur der Gedanke, sie heimlich zu entlassen. Daher nennt ihn die Schrift gerecht, das heißt: barmherzig, fromm.
In der Tat: Josef tut, was er als Nichteingeweihter tun kann. Als redlicher Mensch steht er da. Aber – und das bleibt von da ab bestimmend für das gesamte Evangelium – dort, wo es um das Wohl seines Sohnes geht, greift Gott ein. Die Engelserscheinung im Traum verdeutlicht Gottes Engagement. Da vernimmt er plötzlich eine andere Stimme als die ihm vertraute Stimme seines Gewissens, seiner Vernunft und seines herkömmlichen Glaubens. Sie teilt ihm das Unerwartete mit: Das Kind, an dem er Anstoß genommen hatte und das er verwerfen wollte, ist die leibhaftige Verheißung Gottes. Gott selbst ist im Lebensanfang Jesu wirksam, und zwar in einer einzigartigen, bis dahin nicht gekannten Weise und Intensität. Diese Botschaft wird zum Wort aus der jüdischen Bibel in Beziehung gesetzt, um damit anzudeuten, dass Gott grundsätzlich schon immer so gehandelt hat wie jetzt, darin bestimmt von der Absicht, mit den Menschen zu sein. Jetzt, in der Erwartung dieses Kindes, wird diese Zuwendung gleichsam personifiziert, und deshalb handelt Gott in dieser außergewöhnlichen Weise. Mit dem Auftrag zur Namensgebung wird nach jüdischem Recht die Stellung und Aufgabe des Vaters an Josef übertragen. Der Name „Jesus“ bedeutet übersetzt: „Gott ist Befreiung und heil“ Damit ist gesagt: Jesus wird die Aussichtslosigkeit und die Zwänge dieser Welt sprengen; er wird eine neue Zukunft eröffnen, weit über das hinaus, was je von Menschen für möglich gehalten wurde.
So spielen sich im Leben des Josef und auch im Leben Mariens zwei Ebenen wieder: zum einen die Ebene des menschlich Begreifbaren und zum zweiten die Ebene des Göttlichen für unser menschliches Begreifen nicht Zugänglichen. Auch wir leben in diesen beiden Ebenen, mit dem einen Unterschied, dass wir die Sensibilität für das Göttliche verdrängt oder verloren haben. Wir rechnen oft nicht mehr mit dem Eingreifen Gottes in unserem Leben. Würden wir hinhören und hineinhören in unser Leben, so würden wir sehr schnell merken, dass da oft die Stimme Gottes zu uns spricht, nicht laut, nicht aufdringlich und auch nicht zwingend, sondern vielmehr einladend und lockend. Interessant ist ja auch in diesem Zusammenhang, dass hier bei Josef der Traum eine so wichtige Rolle spielt, jener Traum, in dem Josef die Gewissheit über das Geschehen Gottes erlangt. Was geschieht denn eigentlich, wenn wir träumen? Vielfach werden Tagesreste im Traum verarbeitet, Dinge, die uns beschäftigen, Ereignisse, die wir nur unbewußt wahrnehmen. Wir geben heute nicht allzuviel auf Träume und messen dem Traum auch nicht eine Bedeutung zu, die ihm nicht zukommt. Aber immerhin kommt der Traum aus unserem Inneren, gibt oft wieder, was wir seelisch nicht verarbeitet haben und das häufig verschlüsselt, in Symbolen.
Wir würden allzu gerne wissen, was da zwischen Maria und Josef gesprochen wurde, nachdem Maria von ihrer Base Elisabeth als schwangere Frau heimkehrte. Wir wissen es nicht; aber es gab sicherlich eine Auseinandersetzung. Im Traum jedenfalls hat Josef die Eindeutige Klarheit bekommen. Früher dachte man sich ja überhaupt den Traum, in dem der Mensch nicht bewußt lebt, in dem er sich also gegen Gedanken nicht wehren kann, als Möglichkeit für Gott, dem Menschen etwas zu sagen.
Auch wir würden für die verschiedenen Situationen unseres Lebens zu gerne ein klärendes Wort von Gott hören, gerade dann, wenn unsere menschlichen Möglichkeiten erschöpft sind, wenn wir keine Auswege aus unseren Situationen mehr finden. Wir könnten diese klärenden Worte auch von Gott bekommen, wenn wir die Fähigkeit in uns wach werden ließen, hinzuhören auf ihn, aufmerksam zu werden auf die vielen kleinen Spuren Gottes in unserem Leben. Es erreichen uns so viele Worte, die uns ansprechen und Mut machen, wir erhalten oft viel Klarheit im Gespräch mit anderen Menschen und in der Stille, wo so die Gedanken aus unserem Inneren hochsteigen, geben wir Gott immer wieder die Möglichkeit, uns etwas zu sagen.
So kann diese Frohe Botschaft in ihrer ganzen Dramatik doch auch uns sagen, dass Gott auch in unserem Leben nicht stumm bleibt, dass er sich auch in unserem Leben als der Erlösende, als der Rettende zeigen möchte. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

24.12.2016

Hl Abend

Lk 2 1-14
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Um mit einem kleinen Kind Kontakt aufzunehmen müssen Erwachsene eine Bewegung vollziehen, die für sie eher ungewöhnlich ist: sie müssen sich klein machen, um dem Kind auf der gleichen Augenhöhe begegnen zu können. Im Alltag und im Konkurrenzverhalten der heutigen Leistungsgesellschaft pflegen erwachsene Menschen anderen Menschen nicht gerne auf der gleichen Augenhöhe zu begegnen. Die Blickrichtung von oben nach unten und von unten nach oben scheint vielmehr vorzuherrschen. So jedenfalls nimmt sich der Blickkontakt zwischen Vor-Gesetzten und Untergebenen aus.
In dieser auf den ersten Blick unscheinbaren, tiefer gesehen aber bedeutungsvollen Körperbewegung erwachsener Menschen drückt sich das Geheimnis von Weihnachten aus: Gott selbst neigt sich zu den Menschen herab, Gott selbst begibt sich auf irdisches Terrain, nicht in seiner Eigenschaft als Schöpfer, sondern als einer, der sich den Gesetzen der Materie unterwirft. Gott möchte den Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Dieses Aug-in-Aug Gottes mit den Menschen ist das Weihnachtswunder schlechthin, wie es der Nürnberger Kantor Nikolaus Hermann in seinem bekannten Lied ausgedrückt hat: er „entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding´“.
Gott vollzieht damit eine Bewegung, die zu derjenigen von uns Menschen im alltäglichen Verhalten quer steht. Denn wir Menschen halten es so oft mit unserem Menschsein nicht aus und wollen werden wie Gott. Wir stehen immer wieder in der Versuchung, unser Menschsein zu verlassen und uns in die Welt Gottes zu erheben. Dies zeigt sich vornehmlich darin, dass wir uns selbst zum Maßstab aller Dinge erheben. Wir geben immer wieder der verführerischen Stimme der Schlange im Paradies nach, die uns zuflüstert: „Ihr werdet sein wie Gott“. In diesem halsbrecherischen Versuch des Menschen diagnostiziert die biblische Botschaft aber die Ursünde des Menschen. Denn diese besteht genau in der vom Menschen vorgenommenen Verwischung des grundlegenden Unterschiedes zwischen Gott und Mensch, zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf. Der Götzendienst unserer Zeit ist der Glaube des Menschen an seine vermeintliche Allmacht.
Auf dieses Unterfangen des Menschen antwortet aber Gott selbst an Weihnachten mit seiner befreienden Gegenbewegung. Während der Mensch den Aufstand gegen Gott probt, macht Gott seinen Einstand im Niedersteigen auf den Boden der menschlichen Realität. Damit heiligt Gott die Schöpfung und verleiht unserer Geschöpflichkeit eine Würde, die in uns nicht mehr den wahnwitzigen Trieb aufkommen läßt, selbst werden zu wollen wie Gott. Diese Würde beflügelt uns vielmehr dazu, endlich Menschen zu werden und uns dankbar zu der elementarsten Tatsache unseres Leben zu bekennen, dass wir Geschöpfe Gottes sind und dass dies vollauf genügt.
Gott ist radikal in seiner Menschwerdung! Ein Satz, den wir aus der Weihnachtsgeschichte immer wieder als selbstverständlich und gewohnt hinnehmen lautet: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“. Gott wird ein Kind und damit ein Lebewesen, dessen erster Ton das Schreien ist; ein Lebewesen, das mit Tränen in die Welt eintritt; und ein Lebewesen, dessen erste Gebärden die ausgestreckten Hände sind, die nach Schutz und Geborgenheit rufen. Gott will auf unserer Erde ein Lebewesen werden, das angewiesen ist auf die bergende Liebe von Menschen. Gott will ein Angewiesener werden, um in dieser elementaren Bedürftigkeit Liebe und Zuneigung in uns zu erwecken.
Wenn Gott Mensch wird, dann will er es offensichtlich nicht besser haben als das schwächste Glied unserer Gesellschaft. Nirgendwo ist Gott herrlicher als im demütigen Ausgeliefertsein eines neugeborenen Kindes. Nirgends ist Gott stärker als in der Schwäche des kleinen Kindes. Nirgendwo ist Gott hilfsbereiter als in der Hilflosigkeit eines nach Geborgenheit suchenden Säuglings. Nirgendwo ist Gott allmächtiger als in der freiwillig gewählten Ohnmacht eines weinenden Neugeborenen. Und nirgendwo ist Gott göttlicher als in seiner schlichten Menschlichkeit.
Die ersten Menschen, die Gott in seiner neuen Erscheinungsform begegnen sind die Hirten. Sie lagern auf freiem Feld, sind ebenso heimatlos wie er. Und sie sind auch wach. Damit ergibt sich auch für uns, dass wir nur in der Lebenshaltung einer sensiblen Wachsamkeit des Herzens die frohe Botschaft der Engel in der Weihnachtsnacht vernehmen können. In den Hirten dürfen wir Menschen uns auch heute wieder finden. Es ist ohnehin gut, wenn wir entdecken, dass unsere Krippen nicht einfach idyllisch-romantische Weihnachtsdarstellungen sind, sondern dass in den Krippenfiguren wir selbst dargestellt sind.
Jetzt ist Weihnachten. In dieser Stunde gehen rund um den Erdball viele Erwartungen in Erfüllung, viele Erinnerungen werden wach. Viele Menschen erleben aber gerade in diesen Tagen ihre Einsamkeit. Und viele werden auch nachdenklich über ihren Glauben: bleibt dieses weihnachtliche Geschehen mit all den Erinnerungen an die Kindheit, mit dem festlichen Weihnachtsbaum und der lichterfüllten Kirche und der wunderschönen Krippe nur ein schönes Märchen? Die Existenz Gottes macht ja den Menschen im Allgemeinen keine Schwierigkeiten. Man ist tolerant. „Meinetwegen mag es Gott geben, ich habe nichts dagegen!“ So äußert sich der skeptische Mensch von heute. Ein ferner, ein müder, ein blinder Gott, er nützt nicht, er stört nicht. Aber Gott nah, wach, kraftvoll, präsent, verändert alles. Denn dieser Gott redet uns ins Gewissen. Dieser Gott hat die Weltgeschichte verändert und möchte sie durch uns weiter verändern. Ein Gott, dem das Lachen und Weinen eines jeden Menschen wichtig ist, der schon immer unterwegs ist zu den Menschen und das Gespräch sucht, gibt in dieser seiner Weihnachtsaktivität der ganzen Schöpfung, seiner Schöpfung, eine neue Qualität.
Weihnachten ist verbunden mit Kinderlächeln, Poesie, Seligkeit. Ohne Zweifel! Aber Lächeln versiegt, Poesie verfliegt und Seligkeit verdorrt. Und dann ist Weihnachten in Gefahr, in die Märchenwelt zurückzusinken. Aber Weihnachten muß lebendig bleiben, das Geheimnis der Heiligen Nacht darf nicht mit den verdorrten Christbaumresten im Müll unserer Zeit landen! Weihnachten ist das Grunddatum der Neuen Welt, der Menschengeschichte, die jetzt durch das Bethlehemkind zur Gottesgeschichte gehört. Wenn „Himmel“ so viel wie Gottesraum bedeutet, dann ist seit dem ersten Weihnachtstag „Himmel auf Erden“: Gottesraum in der Menschenwelt. Seit Weihnachten sind die Schranken zwischen heilig und Profan, zwischen göttlich und menschlich niedergelegt. Nicht die Gottesverachtung der Menschen, sondern die Menschenliebe Gottes legt diese frommen Schranken nieder, denn jetzt ist der Himmel auf die Erde gekommen.
Seit Weihnachten ist Gott nicht mehr unzugänglich – in Himmelsferne, sondern in Erdennähe zu entdecken. Er ist längst da, Er wartet – als Schwester, als Bruder des Jesus von Nazareth, gleich nebenan, im Nachbarhaus, im Nachbargesicht, im Nachbarherz. Unglaublich! Vielleicht ist er noch näher in den Augen der Menschen, die wir lieben. Unglaublich!
„Erschienen ist die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes“ Ja, sie ist sichtbar geworden und muß von einem jeden von uns weitergetragen werden. Es könnte ja sein, dass Menschen auch in unserem Gesicht, in unserem Lächeln, in unseren Worten Gott entdecken, der ja in uns wohnt. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ