01.01.2017

Hochfest der Gottesmutter Maria
Lk 2, 16-21
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Heute ist Neujahr, für viele ein Tag mit einem schweren Kopf. Das alte Jahr hat sich ja mit der üblichen Lautstärke und Knallerei verabschiedet. In unseren Städten wurde kräftig gefeiert. Und so beginnt für viele das Neue Jahr nicht gerade mit Wohlbefinden. Und keiner hat sich bei dem Wunsch: “Einen guten Rutsch” etwas gedacht. In einem jüdischen Museum, wo man verschiedene Kultgegenstände sehen kann war auch ein Kissen zu sehen, auf dem neben reichen Verzierungen mit hebräischen Buchstaben das Wort “Rosch” gestickt war. “Rosch” bedeutet in der hebräischen Sprache soviel wie Kopf oder auch Anfang. Anders als man vielleicht denken könnte ist aber dieses Kissen kein Kopfkissen sondern ein Kissen zum Neuen Jahr, zum “Rosch ha Schanah” wie es auf Hebräisch heißt. Unser “Guter Rutsch” hat also nichts mit rutschen zu tun sondern ist der Neujahrswunsch der Juden.
Es ist unserem menschlichen Leben eigen, dass es in ihm immer wieder ein Abschiednehmen und einen Neubeginn gibt. Und es ist gut dass es das gibt, wir Menschen brauchen diesen Rhythmus. In Wirklichkeit ändert sich ja mit dem Jahreswechsel nichts, genau so wenig wie sich das Land ändert, wenn man eine Staatsgrenze überschreitet.
Aber was ändert sich schon? Abgesehen von einem neuen Kalender, den wir auf dem Schreibtisch stehen haben und ausser der Sieben, die wir statt der Sechs setzen müssen? Was hat sich, wenn wir ehrlich sind, in den vergangenen Jahren geändert, ausser dass wir älter geworden sind. Aber wir müssen wohl zur Kenntnis nehmen, dass sich Veränderungen nicht immer sprunghaft vollziehen, meist geschehen sie unmerklich und leise. Es ist so wie bei einem Menschen den man täglich sieht und gar nicht bemerkt wie er älter wird, wie die Falten in seinem Gesicht merklicher werden. Erst wenn einen Menschen längere Zeit nicht zu Gesicht bekommen hat, merken wir die Veränderung.
Aber wir brauchen die Initialzündung des Neuen Jahres. Wir brauchen die Nachdenklichkeit, die sich bei jedem Menschen zum Jahreswechsel einstellt. Das Neue Jahr, das vor uns liegt ist doch wohl wieder ein Chance, unser Leben wieder ein wenig mehr in den Griff zu bekommen. Auch wenn wir unsere Gewohnheiten, Verpflichtungen und Einbindungen aus dem vergangenen Jahr weiterführen müssen und wollen, bleibt doch ein wenig der Zauber des Neuen. Und es liegt an uns, ob wir uns der pessimistischen Sicht anschließen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt, oder ob wir uns doch eine letzte Ahnung, einen Funken Glaube und Hoffnung erhalten, dass im kommenden Jahr Gott für uns ein besonderes Wort hat.
Ja aber für dieses Wort müssen wir wach und aufmerksam sein. Interessant ist, dass heute im Evangelium wieder die Hirten vorkommen. Sie werden als Menschen geschildert, die den Engel hörten und sich aufmachten und alles so vorfanden, wie es ihnen gesagt worden war. Es heißt im Text: “Sie eilten”, das heißt, sie haben schnell auf die Botschaft des Himmels reagiert. Erst die Bereitschaft, nachzuschauen, ob wirklich etwas an der Sache dran ist, erst ihr Eilen nach Bethlehem bringt sie dazu, das göttliche Kind zu finden und Gott zu loben und zu preisen. Irgendwie war diesen Hirten die Wachsamkeit in Fleisch und Blut übergegangen. Sie lebten von und in Erwartungen, egal ob es sich dabei um religiös-gesellschaftliche Veränderungen oder nur um das bessere Wetter und die Weidegründe für ihre Herde handelte. Sie waren gezwungen, nach dem Ausschau zu halten, was kommen würde.
Die Frage ergeht nun an jeden von uns: Gibt es auch in unserem Leben die Stimme eines Engels? Können wir sie hören? Und – reagieren wir darauf? Ja, es gibt diese Engel, es gibt diese Anrufe der himmlischen Boten, sie erreichen uns in unseren Gedanken, in Worten, die wir hören, in den Ereignissen, die wir erleben.
Und hier kommt der Satz über Maria: “Sie bewahrte alles, was geschehen war in ihrem Herzen und dachte darüber nach”. Und genau auf das kommt es auch in unserem Leben an. Leider verarbeiten wir das, was wir täglich erleben und erfahren nicht mehr. Wir wischen es weg, wie man eine beschriebene Tafel mit einem Schwamm leer wischt. Und damit löschen wir sehr oft die in den Ereignissen verborgenen Worte Gottes an uns. Vielfach haben wir Menschen auch Angst, in ihr Leben hineinzuschauen. Und diese Angst besteht aber für den gläubigen Menschen nicht, denn der weiß sich in Gottes Hand geborgen mit seinem ganzen Leben, was immer auch geschehen sein mag.
Maria war überzeugt davon, dass in allem Erleben ein tiefer Sinn liegt. Dieser Sinn ist nicht immer an der Oberfläche, er ist nicht immer zu erkennen. Oft braucht es den nötigen Abstand um ihn zu erfassen, den Rückblick über eine längere Periode des eigenen Lebens, um die Mosaiksteinchen unserer Stunden und Tage und Jahre richtig zusammenzufügen. Wenn die Sinnhaftigkeit gegeben ist und geglaubt wird, dann braucht es nur noch ein wenig Geduld, um die tieferen Zusammenhänge in unserem Leben zu erkennen.
Ich habe mich schon manchesmal gefragt, warum dieser erste Tag des Jahres der Gottesmutter geweiht ist und ich komme zu der Überzeugung, dass die Nachahmung ihrer Haltung der beste Einstieg in das Neue Jahr ist. Von ihr können wir lernen, was es heißt in Glauben und Vertrauen immer wieder einen neuen Aufbruch zu wagen. So wird der Neujahrstag zu einem Tag des Innehaltens, an dem wir über das Vergangene nachdenken und es aufarbeiten. Wir können nicht wirklich etwas Neues anfangen, bevor wir das Alte abgelegt haben und zwar mit dem Bewusstsein, dass es hinter uns liegt, zu unserem Leben dazu gehört uns aber nicht mehr belasten darf.
In seinem Buch „50 Engel für das Jahr“ schreibt Anselm Grün, das jede Veränderung in unserem Leben auch einen Abschied verlangt. Nur wenn der Abschied von der alten Umgebung gelingt, kann etwas Neues wachsen. Wir müssen Abschied nehmen von Gewohnheiten, von Lebensabschnitten, von Lebensmustern. Viele können nicht gut leben, weil sie noch an alten Verletzungen hängen, weil sie die Erinnerung an diesen Schmerz immer wieder spüren. Um hier und heute bewusst leben zu können, muss man sich verabschieden von den Kränkungen vergangener Jahre. So können wir offen sein für das Neue, das Gott für uns bereithält.
Seit der Geburt Christi, seit seinem Kommen in diese Welt ist der Besuch Gottes bei uns nicht mehr nur eine bloße Möglichkeit. Auch wenn wir den Besuch eines Engels für ein fromme oder literarische Anwandlung halten, so haben wir doch Gottes Besuch in den vergangenen Weihnachtstagen gefeiert. Es mangelt uns auch nicht an Einladungen Gottes. Es mangelt uns auch nicht an Möglichkeiten, die Stimme Gottes und seines Engels zu hören, es fehlt aber meist die Bereitschaft dazu, der Mut, die Neugierde, die Experimentierlust, uns auf den Anruf Gottes einzulassen und einmal wie die Hirten hinzugehen, um nachzuschauen, was das ist und was daran sein könnte.
Möchten wir doch an der Hand der Gottesmutter und an ihrem Beispiel und ihrer Haltung unser Leben im Neuen Jahr gestalten. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

06.01.2017

Erscheinung des Herrn
Mt. 2, 1-12
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Drei neue Figuren werden am heutigen Tag zur Krippe gestellt: die heiligen drei Könige. Dabei steht in der Bibel nichts davon, dass es drei waren, es steht auch nichts von Königen darin. Das griechische Wort „magoi“ bedeutet schlicht und einfach: es waren sternkundige Männer. Keine Astrologen und Zukunftsdeuter im heutigen Sinn. Man dachte sich damals, dass mit der Geburt eines neuen Menschen ein neuer Stern aufgeht und es gab eine Prophezeiung von einem neuen, großen und rettenden König, der geboren werden sollte. Und da zu dieser Zeit eine große Gestirnskonstellation zwischen Jupiter und Saturn am Himmel sichtbar war, war die Sache für die sternkundigen Männer klar.
Aber so klar war es ja auch wieder nicht. Wer hat denn von ihnen verlangt, dass sie aufbrechen sollten, sie hätten ja auch abwarten können. Und ihr Weg war nicht einfach. Es ist nicht leicht, einem Stern nachzugehen, den man nicht immer vor Augen haben kann, einem Stern, der manchmal verdeckt ist von dem Wolken, es ist nicht leicht, einem Stern nachzugehen, der oben weit weg am Himmel leuchtet, während die Füße schmerzen und der Weg beschwerlich ist.
Was sie suchten? Einen Erlöser. Wahrscheinlich lebten diese Magier nicht in Not; aber ist nicht im Leben eines jeden Menschen so vieles erlösungsbedürftig? Gibt es nicht viele versteckte Nöte in unserem Leben? Wir sind hineingebunden in eine Zeit, in der es nicht immer leicht ist als gläubiger Mensch zu leben. Wir gehen durch unser Leben mit unseren vielfachen Beschwerden und Ängsten und mit einem Bündel voll von Sorgen. Und wer ein wenig nachdenklich ist, der fragt auch immer wieder: Was hat das alles für einen Sinn?
Und so kommen wir zu einer entscheidenden Frage: Wie verhalte ich mich dem Angebot Gottes gegenüber, das nicht weniger darstellt als die Verheißung einer Erlösung auch meines persönlichen Lebens? Es gibt die Haltung des Abwartens und es gibt auch die Haltung des Suchens und des Anklopfens. Was nehmen wir in Kauf, um unserem Heil nahezukommen? Es ist eben doch zu wenig, den Stern nur anzuschauen, wir müssen ihm nachgehen. Wer dem Stern folgt, der wagt allerdings den Sprung ins Ungewisse. Aber er wagt den Sprung im Vertrauen auf Gott, der wie ein Vater uns seine Hand hinreicht, um uns aufzufangen. Die Situation der Ungewißheit ergibt sich leider nur aus unserer menschlichen Beschränktheit, so wie für einen Anfänger im Schwimmen auch das Wasser eine Unsicherheit und Beängstigung darstellt, die der geübte Schwimmer nicht mehr empfindet.
Die Kirche hat immer wieder von solchen Menschen gelebt, die sich auf die Suche begeben haben. Die Lebensgeschichte eines jeden Heiligen ist die Geschichte einer Sehnsucht, die stärker ist als das, was die Mächtigen und die Meinungsmacher zu denken erlauben. Diese Sehnsucht setzt sich durch: oft gegen die eigene Familie, gegen die Mächtigen in der Politik und auch gegen diejenigen, die meinen, man müsse immer alles beim Alten belassen, man dürfe keine neuen Wege mehr beschreiten. Oft wurden gerade solche Frauen und Männer von den Christen verehrt, die zu Lebzeiten große Auseinandersetzungen auch in den eigenen Reihen hatten: Theresia von Avila, die mit großem Gottvertrauen ihren Weg ging, ein Bischof Romero, der den politisch Einflußreichen in seinem Land ein Dorn im Auge war, Franz von Assisi, der sich, wie es deutlicher nicht sein konnte, von seinem Vater löste.
Im Gegensatz zu den Sterndeutern steht Herodes, der König des jüdischen Volkes. Was die Sterndeuter nur unter großen Anstrengungen und hohem Einsatz erreichen, das könnte Herodes und seinen Schriftgelehrten buchstäblich in den Schoß fallen. Eine Frage, ein Blick in die heiligen Schriften reicht: Bethlehem in Judäa.
Doch so sehr fürchtet König Herodes um seine Macht, dass ein Messias nicht Freude, sondern Angst und Entsetzen bei ihm auslöst. Nichts scheint für ihn gefährlicher zu sein als die Erfüllung der tiefsten Hoffnungen des jüdischen Volkes, die Ankunft des Messias. Die Hohenpriester und Schriftgelehrten graben in ihren Buchstaben und wissen alles. Doch sie bewegen sich nicht, sie wagen keinen neuen Aufbruch mehr.
Wie haben es die Sterndeuter geschafft, dieses dunkle Loch Jerusalem zu durchschreiten? Welche Kraft muß ihre Hoffnung gehabt haben! Und da sind auch wir in diesem Zug der Völker auf Jesus hin. Wir ziehen mit all den unterschiedlichen Erfahrungen, die ein jeder mit sich bringt. Es ist nicht immer leicht auf dem richtigen Weg zu bleiben. Da gibt es dunkle Erfahrungen, wo Gottes Sterne verblassen, da gibt es Trauer, Enttäuschung und manchmal auch Verzweiflung. Menschen, die wir fragen wissen vielleicht die Wege, aber bleiben selber sitzen. Sollen wir weitergehen? Wir brauchen doch einander, um weiterzugehen!
Vielleicht ist hier beschrieben, was Kirche sein könnte und sollte: Weggemeinschaft auf Christus hin, damit wir einander stützen und helfen auf diesem Weg, Weggemeinschaft durch alle Dunkelheiten und Fragen hindurch, die uns unsere zerrissene, blutende Welt stellt. Von solchen Menschen, die miteinander unterwegs sind, läßt sich Gott finden. Die Sterndeuter kommen an. Sie finden das Ziel zu dem sie unterwegs waren. Aber sie haben sich etwas anderes erwartet. Sie suchten den neugeborenen König und sie fanden ein Kind, das Kind einer armen Familie. Sie legten Gott nicht auf ihre Erwartungen fest, sondern waren ganz offen für seine ganz neue, unerwartete Gestalt. Ob nicht manchmal das Auffinden Gottes in unserem Leben deswegen so erfolglos ist, weil wir Gott in unseren Erwartungen auf bestimmte Erscheinungsformen festlegen und ihn nur wahrnehmen wollen, wenn er sich so zeigt, wie wir ihn uns vorstellen. Vielleicht haben wir ein ganz bestimmtes, enges Bild von ihm in das er gar nicht hineinpassen kann und will
Die Sterndeuter kommen zu Jesus und bringen ihm ihre Geschenke. Sie knien nieder und beten ihn an. Sie bringen keine Bitten mit. Sie haben ihn gefunden, und das reicht ihnen. Vielleicht bringen wir immer zuviel an Fragen und Bitten mit, dass wir gar nicht dazukommen, ihn wahrzunehmen wie er ist. Anbetung nimmt Gott so wie er sich zeigt. Anbetung ist nicht Unterwerfung, sondern dankbares Anerkennen, dass sich von uns finden läßt.
Dann kehrten die Weisen in ihre Heimat zurück. Auf einem anderen Weg. Dürfen wir sagen: als anders Gewordene? Sie müssen zurück ihn ihren Alltag, in ihr Leben. Die Erfahrungen von Gottes Nähe sind vorübergehend. Wir können sie nicht ständig haben. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass er bei uns bleibt, auch wenn wir das nicht immer spüren. Die Begegnung mit ihm ändert uns, doch diese Änderung, diese Erfahrung muß wieder durch die Dunkelheit unseres Lebens hindurch, bis wir ihn endgültig finden im Licht seiner Herrlichkeit. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

08.01.2017

Fest der Taufe des Herrn
Mk 1,7-11
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Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unserem Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

05.03.2017

1. Fastensonntag
Mt 4,1-11
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Jesus geht zu Beginn seines öffentlichen Lebens in die Wüste. Die Wüste ist in der Glaubensgeschichte Israels Ort der Erprobung ihres Glaubens. Gott zieht mit ihnen in die Wüste. Aber ihre Gotteserfahrungen in der Wüste sind zeitweise so dünn, dass sie nur noch das Wort der Zusage, aber nicht mehr die Erfahrung seiner Nähe haben. So erliegen sie der Versuchung, Gott abzuschreiben und stattdessen auf ein goldenes Kalb zu bauen. Gott schenkt ihnen aber die Erfahrung, dass er trotz Versuchungen und Glaubensabfall zu seinem Volke steht, es in der Wüste nicht allein läßt, es aus der Wüste herausführt. An diesen Ort geht Jesus zu Beginn seines öffentlichen Wirkens. Es ist ja eigentlich selbstverständlich, dass jemand, der eine wichtige Botschaft zu verkünden hat, zunächst einmal überlegt, wie er diese Botschaft zu den Menschen bringen kann, zu all den Menschen, die ihre Ohren voll haben von verschiedensten Botschaften
Matthäus schildert diese Versuchung Jesu sehr plastisch, indem er das was in Jesus geschieht nach außen sichtbar macht in der Gestalt des Teufels, der mit Jesus eine Unterredung beginnt. In diesen drei Versuchungen geht es um Dinge, die Menschen dieser Welt immer wieder gebrauchen, wenn sie versuchen Einfluß auf die Menschen zu gewinnen. Steine zu Brot machen – das ist die Versuchung, den natürlichen Hunger der Menschen zu stillen. Sattheit macht den Menschen gefügig, macht ihn hörig gegenüber dem, der ihnen den Magen füllt. Schon die Herrscher im alten Rom wußten, das, wenn sie für das immer wieder unzufriedene Volk „Brot und Spiele“ veranstalteten. Sie boten den Menschen einen äußerlichen Spektakel, um den Hunger nach dem Wesentlichen zu unterbinden.
Die zweite Versuchung, die an Jesus herangetragen wird ist die Versuchung zur Show, zum äußerlichen Glanz. Sich von der Zinne des Tempels herunter zu stürzen, das wäre doch etwas, das die Menschen in Erstaunen versetzen könnte. Das wäre doch etwas, womit man Anhänger gewinnen könnte. Aber auch diese Versuchung lehnt Jesus entschieden ab.
Die dritte Versuchung ist die zur Macht. Wir wissen sehr wohl, das Mächtige, wenigsten so lange sie an der Macht sind über Anhänger nicht zu klagen haben. Und vielleicht hätten wir Jesus gerade zur Macht geraten. Er hätte sie ausüben können. Er hätte auftreten können mit äußerlichen Machterweisen, die dem Volk das nötige Staunen abgerungen hätten, er hätte auftreten können mit der Macht des lebendigen Gottes; aber er übte keine Macht aus.
Was wollte er? Wie wollte er die Botschaft von seinem Vater an uns herantragen? Nicht als Brotmessias, nicht als Showmessias und auch nicht als Machtmessias. Er kam vielmehr in aller Bescheidenheit und Menschlichkeit auf uns zu. Das Evangelium gibt uns Zeichen genug davon.
Vielleicht denken sie sich beim Anhören dieser Evangelienstelle auch: Wieso konnte Jesus als der Sohn Gottes überhaupt versucht werden, wieso mußte er nach Wegen für seine Verkündigung suchen? Bedenken wir aber: Jesus war nicht nur Sohn Gottes, er war auch ein Mensch und von ihm heißt es am Ende der Kindheitsgeschichte: „Er nahm zu an Alter und Weisheit vor Gott und den Menschen“. Es gehört zur Herablassung des Gottessohnes, dass er auch in seiner Verkündung und in seinen Überlegungen menschliche Wege ging, in denen sich die Pläne seines Vaters ihm zeigten.
Das ist alles recht gut und schön; aber es liegt doch sehr nahe, die Wüste nicht nur zu betrachten aus der Sicht eines Touristen, der mit dem Bus durch sie fährt oder mit dem Flugzeug sie überquert oder sie nur als Fotomotiv betrachtet. Auch in unserem Leben gibt es die Wüste. Die Wüste als Lebenssituation, das ist bedrückend. Mancher fühlt sich wie in der Wüste, in der er verhungert, verdurstet, in der er umzukommen droht, in der die wilden Tiere wach werden, in der er vergeblich nach den Engeln ausschaut, die ihm dienen. Über Nacht können wir in der Wüste einer schweren Krankheit sein. Von heute auf morgen findet sich einer in der Wüste der Arbeitslosigkeit, in der Wüste einer ungesicherten und bedrohten Existenz wieder. Für andere heißt die Wüste Einsamkeit, Alleinsein, Trauer und Verlust. Schleichend rutschen wir oft hinein in die Wüste der Sinnlosigkeit; wir haben oberflächlich gelebt, wir haben uns hinreißen lassen vom Sog des Arbeitens, des Schaffens, haben uns keinen Raum genommen, zur Ruhe zu kommen, nachzudenken, der Seele Nahrung zu geben. Und irgendwann werden wir wach in der Wüste, fragen uns, was das alles soll, und dann haben wir oft keine Reserven, aus denen wir eine Antwort schöpfen könnten.
Nicht nur als Einzelner, auch als Gesellschaft können wir uns in der Wüste vorfinden. Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft heute zumindest am Rand der Wüste ist. Vieles, was das Leben lebenswert, reich und blühend macht, ist verlorengegangen. Vielleicht ist die Wüste auch wie im Evangelium beschrieben ein Ort der wilden Tiere, in der das „Wilde“ auf- und ausbricht. Und es sind viele „wilde Tiere“ mit denen wir heute als Gesellschaft leben müssen. Ich denke da an die brutale Gewalt, mit der viele Menschen konfrontiert sind, ich denke an den Mißbrauch von Frauen und Kindern, ich denke an das wilde Tier der Profitsucht, das Menschen und Familien zerstört – wahrlich an wilden Tieren fehlt es in unserer Zeit nicht.
Die Wüste stellt den Menschen auf eine harte Probe. In der Wüste fallen Sicherheiten und Annehmlichkeiten weg. Wir sind allein mit uns selber, vielleicht mit ein paar Weggefährten. Und die Wüste stellt auch den Glauben des Menschen auf eine harte Probe. Angesichts von Krankheiten, von unbegreiflichem Schicksal, angesichts des Verlustes eines lieben Menschen, angesichts von Enttäuschung und Sinnlosigkeit, angesichts der „wilden Tiere“ stellen viele die Frage: Wo ist denn Gott? Warum läßt er das alles zu? Warum führt er ausgerechnet mich in die Wüste? Oder kommen nicht alle in die Wüste nur dass es manche gar nicht merken? Gibt es ihn überhaupt, diesen Gott, von dem ich in meiner Wüste so wenig spüre? Die Lebenswüsten werden dem Menschen, der sich glaubend mit Gott verbunden hat, oft zu Glaubenswüsten. Ich kann sie gut verstehen, die Menschen, denen in der Wüste die Knie weich werden und der Glaube schwach. Die Anfechtung kennt der Glaube in der Wüste bis auf den heutigen Tag. Weil Gott so weit weg scheint, weil seine Ferne so schwer auszuhalten ist, baut sich mancher, um wenigstens etwas zu haben, woran er sich halten kann, ein „goldenes Kalb“: Arbeit, Karriere, Reichtum und vieles Andere.
Wenn nun die Wüste Anteil an jedem Menschenleben ist, zum Menschsein dazugehört, dann wollte Jesus wohl in allem uns gleich sein, als er in die Wüste ging. Jesus sagt mir durch seine Wüste: Ich teile deinen Weg.
Jesus geht in die Wüste, lebt mit wilden Tieren – und Engel dienen ihm; ein Bild dafür, dass Gott ihn nicht im Stich läßt. Wenn wir am Aschermittwoch die Fastenzeit begonnen haben, dann war das auch ein Schritt in die Wüste. Ich verzichte in dieser Zeit auf so manches, was ich sonst wie selbstverständlich habe, bereite mir sozusagen selber ein Stück Wüste. Diese Wüste soll mir helfen, zu unterscheiden, was ich im Leben wirklich brauche und was nicht. Sie soll mir aber auch helfen, Gott in der Wüste zu entdecken, die Engel, die mir dienen, zu erkennen, weil ich sie so leicht übersehe. Boten dieses Gottes sind die Engel, die Jesus dienen. Wenn wir Gottes Spuren erkennen wollen, ist es gut, wenn wir einen Blick für die Engel gewinnen. Ob mir das in dieser Fastenzeit gelingt, seinen Engel in meinem Leben zu erkennen? Ob ich sie erkenne, Gottes Engel, auch wenn sie ganz andere, ganz alltägliche Namen tragen, den Namen eines Menschen an meiner Seite, den Namen „Zufall“, den Namen „Glück gehabt“, den Namen „Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe!“ Mein Gott, der mir seine Engel in meine Wüste schickt, ist ein Gott des Lebens, er ist ein Gott, der trägt und der führt und der nicht im Stiche lässt. Möge uns das in dieser Fastenzeit immer mehr ins Bewußtsein kommen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

12.03.2017

6. Sonntag im Jahreskreis A
Mt 5, 16-37
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Heinz Rühmann war seinerzeit dankbar dafür, dass er „diesen großen Text“ auf eine Schallplatte sprechen durfte. Friedrich Dürrenmatt nennt sie die „Rede der Reden“- Augustinus rühmt sie als die „vollkommene Predigt“. Exegeten charakterisieren sie als „biblisches Urgestein“, als „Mitte und Summe des Evangeliums“ oder als „Eingangspforte zum Himmelreich“. Gemeint ist die Bergpredigt.
Beim „normalen“ Gottesdienstbesucher, der das Sonntagsevangelium hört, werden diese Verse aus der Bergpredigt vermutlich eher zwiespältige Gefühle wecken und ihn mit einer gewissen Ratlosigkeit zurücklassen. Gibt es jetzt noch mehr Gesetze als es sie schon im Alten Testament gab? Man stelle sich das nur einmal vor: Jeder, der sich im Zorn ereifert gegen seinen Nachbarn, sollte ein Strafverfahren an den Hals bekommen. Und Jeder, der zu einem Kollegen „Du Dummkopf“ sagt, müsste sich sogar vor dem Gericht verantworten. So ist es leicht zu verstehen, wenn dieser Text aus der Bergpredigt in uns zwiespältige Gefühle zurücklässt. Gewiss, die eine oder andere Textstelle weckt auch unmittelbare Sympathie. Aber die meisten Verse lösen doch eine gewisse Ratlosigkeit und einen gefühlsmäßigen Widerstand aus. Wird da das Heil nicht von verschärften Gesetzen erwartet? „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wird es weg!“ - „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, ist in seinem Herzen schon ein Ehebrecher!“ - Riecht das nicht alles nach einem moralischen Rigorismus, der alles verlangt und wenig bringt?
Das kann doch kein Mensch ernst nehmen, das kann doch unmöglich ernst gemeint sein! Das Problem ist nur: Wenn wir erst einmal damit anfangen, das Evangelium nicht wörtlich zu nehmen, dann gibt es kein Halten mehr. Dann braucht man auch den Kreuzestod Jesu nicht wörtlich zu nehmen. Auch nicht seine Auferstehung und Himmelfahrt. Dann braucht man eigentlich den gesamten christlichen Glauben nicht wörtlich zu nehmen! Nun könnten wir raffiniert sein und zurückfragen: „Jesus, du hast so schwer zu verstehende Forderungen aufgestellt. Hast du dich eigentlich selber daran gehalten? Wie war das mit den Pharisäern? Hast du sie nicht „Schlangenbrut“ und „übertünchte Gräber voller Verwesung“ genannt? Du hast zwar gesagt, dass man auch noch die andere Wange hinhalten soll, wenn man eine Ohrfeige bekommt; aber beim Verhör vor dem Hohepriester hast du dich dagegen gewehrt. Wie sollen wir das alles verstehen?
Um zu verstehen, was Jesus will, muss man eine wichtige Unterscheidung treffen und zwei Dinge scharf auseinanderhalten. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Nicht-wörtlich-Nehmen und Nicht-ernst-Nehmen! Man kann z.B. viele Worte Jesu schon deshalb nicht wörtlich nehmen, weil es Bilder und Gleichnisse sind. Aber man muss sie unter allen Umständen ernst nehmen und den Sinn dieser Bilder und Gleichnisse ergründen, ihre eigentliche Wahrheit herausfinden. Und so finden wir den Schlüssel zum Verständnis dieses Textes und sagen: Jesus wollte keineswegs das Gesetz des Moses verschärfen und die Moralschraube um einige Windungen weiterdrehen. Der Sinn des Textes liegt darin, dass Jesus sagt: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werden ihr nicht in das Himmelreich kommen!“ Was aber bedeutet „Gerechtigkeit“ im Alten Testament? Gerechtigkeit heißt für den frommen Israeliten: dem anderen gerecht werden; die Bindungen einhalten, die man eingegangen ist; zu dem stehen, was einem anvertraut ist. Und da gibt es sehr wohl ein weniger und ein mehr. Man kann eingegangene rechtliche und persönliche Bindungen dem Buchstaben nach erfüllen, lieblos, freudlos, - sinnlos. Und man kann über das üblicherweise Gebotene hinaus jemandem entgegenkommen, ihm beistehen, ihn aufrichten und ihm aufhelfen. Jesus steht in dieser Tradition.
Jesus geht den Dingen auf den Grund. Nicht eine bloß nach außen hin zur Schau gestellte Gerechtigkeit zählt, sondern das Verhalten unseres Herzens. Das erste Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich menschlicher Aggressivität. Nicht erst der vollzogene Mord, sondern schon der unversöhnliche Zorn macht den Menschen vor Gott schuldig - deshalb hat er dieselbe Strafe verdient. Solcher Zorn lässt uns vor Gott einem Mitmenschen das Entscheidende schuldig bleiben: die Versöhnung. Denn Versöhnung, zumindest der ernsthafte Versuch damit, das wäre unsere Antwort auf die ständige Aussöhnung Gottes mit uns Menschen. Denn er lässt seine Sonne über die Guten und Bösen leuchten, d.h. er kennt keine Unversöhnlichkeit.
Das zweite Gegensatzpaar wählt Jesus aus dem Bereich der Sexualität. Nicht erst der vollzogene sexuelle Akt, sagt er hier, sondern schon der besitzen-wollende Blick bricht die Ehe. Denn mit einem solchen begehrenden Blick brichst du schon ein in die Ehebeziehung von Mann und Frau. Mit den Augen Jesu, mit den Augen Gottes gesehen, brichst du damit schon ein in die großartige Beziehung Gottes zu den Menschen, die in der Ehe von Mann und Frau sich spiegelt.
Ein weiteres Gegensatzpaar betrifft die menschliche Wahrhaftigkeit: Nicht erst der Meineid ist, sagt Jesus, verwerflich; jedes Reden schon, das nicht von absoluter Lauterkeit getragen ist, stammt vom Bösen - jedes Ja, das eigentlich kein Ja ist und jedes Nein, das eigentlich kein Nein ist. Als Christen dagegen dürfen wir Maß nehmen an Gottes eindeutiger Wahrhaftigkeit und Treue uns gegenüber, an seiner kompromisslosen Solidarität mit den Schwachen und Armen, die er in Jesus gezeigt hat.
Die Forderungen Jesu bedeuten zweifellos eine Verinnerlichung der Gesetzesforderungen. Sie treffen das Übel an der Wurzel, nämlich im Herzen des Menschen. Der Mensch kann sein Gewissen nicht mehr damit beruhigen, dass er kein Gesetz übertreten habe. Eine solche Gesetzesmoral genügt nicht. Das wäre die kritisierte Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer: Jesus beansprucht im Namen Gottes den ganzen Menschen bis in die letzte Ecke seines Herzens. Er lässt ihm keine gesetzliche Hintertür offen, durch die er sich seiner Verantwortung für den anderen entziehen könnte. Jesus hält ein nur am Gesetz orientiertes Handeln zur Regelung menschlicher Beziehungen überhaupt für untauglich - so notwendig Gesetze auch sein mögen. Dieses Unzureichende des Gesetzes deckt Jesus auf und lädt seine Hörer ein, darüber hinauszugehen. Grenzüberschreitung ist ein Wesensmerkmal dieser „größeren Gerechtigkeit“ der Ethik Jesu.
Geben wir es ruhig zu: Die scharfen Forderungen der Bergpredigt sind eine Zumutung. Allerdings nur dann, wenn wir meinen, dass wir sie allein mit menschlicher Willens- und Moralanstrengung bewältigen könnten. Dann müssen wir an der Bergpredigt scheitern und sie als „weltfremd“ oder als eine „Sache für Auserwählte“ abtun.
Für Nicht-Liebende ist das Verhalten von Liebenden, ihre gemeinsame Freude, ihr gemeinsames Verstehen, ihr Einsatz füreinander unverständlich, zuweilen fast abstoßend „übertreiben“. Alles kommt bei der Bergpredigt also darauf an, zuerst die Liebe und Freundschaft Gottes zu entdecken und zu erwidern. Dann werden ihre Forderungen zu Wegen, die uns Gottes Liebe tatsächlich gehen lässt - in Freiheit und Freude. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

19.03.2017

3. Fastensonntag
Lesung: Exodus 17, 1-7
Evangelium: Joh 4, 5-42
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In wenigen Jahrzehnten wird die Weltbevölkerung an einem enormen Mangel an Trinkwasser leiden. Die Weltbevölkerung wächst stetig. Wasser, das wir verwenden, ohne uns weiter Gedanken zu machen. Der Verbrauch an Wasser ist gewaltig, nicht nur für unseren persönlichen Bedarf sondern auch für die heutige moderne Industrie. Um den Durst des Menschen nach Wasser in der Zukunft zu befriedigen wird es viele Initiativen brauchen.
Wenn man in unseren nördlichen Breiten vom Wasser spricht, dann denkt man zunächst an den Wetterbericht oder an einen tropfenden Wasserhahn oder an nasse Füße, vielleicht noch an Mineralwasser. Aber gewöhnlich verbinden wir mit dem Durst eine ganze Reihe von anderen Dinge des täglichen Bedarfs.
Ganz anders in einem heißen, trockenen, staubigen Land. Und so spielt das Wasser im Johannesevangelium eine große Rolle. Wie ein roter Faden zieht sich das Wasser als Wirklichkeit und Symbol durch die Schrift des Evangelisten. Es beginnt mit dem Wasser des Jordan, in das Jesus bei der Taufe hinabsteigt. Weiter geht es mit jenem Wasser, das in Kana in Wein verwandelt wird. Im Nachtgespräch mit Nikodemus spricht Jesus von einem Wasser, das Wiedergeburt bedeutet und bewirkt. Am Teich von Bethesda bringt es einem Menschen, der 38 Jahre lang gelähmt war, Heilung. Schließlich die Fußwaschung: Realität und Symbol zugleich.
Und wir kennen unseren eigenen Durst. Nicht nur nach dem Wasser, das aus unseren Leitungen fließt, sondern den Durst nach Liebe, nach Geborgenheit, nach Verständnis bei den Menschen. Aber wo suchen wir die Quelle, die imstande ist, unseren Durst zu löschen.
Das macht uns Jesus sympathisch, dass wir zunächst einmal von ihm hören, dass er Rast macht auf dem Wege, dass er müde ist, dass er Durst hat und sich ausruhen möchte. Ein Gott, der weiß, wie das ist: sich kaputt fühlen, völlig ausgelaugt. Der die Jünger wegschickt ins Dorf, um endlich einmal eine Stunde Zeit für sich selbst zu haben. Also ein Gott, der nicht bloß theoretisch, nicht aus Büchern, nicht aus göttlichem Sicherheitsabstand heraus weiß, wie es uns Menschen ergeht auf unseren Wegen, wie wir uns manchmal fühlen. Sondern einer, der weiß, wovon er spricht, wenn er „müde“ sagt oder „Durst“. Einer, dem nichts Menschliches fremd ist.
Und dieser Jesus begegnet am Jakobsbrunnen einer Frau, der auch nichts Menschliches fremd ist. Wasserholen - viele Stunden am Tag verbringen Frauen im Orient und in Afrika mit dieser körperlich schweren Arbeit. Für Männer unter ihrer Würde!
Der Krug ist leer - ein Bild für ihr Leben: ausgelaufen, ausgetrunken, verdunstet, verbraucht. Jedenfalls leer. Und jetzt wird sie auch noch von einem Ausländer angesprochen, von einem, dem die eigenen Landsleute feindlich gegenüberstehen. Das hat ihr gerade noch gefehlt.
Männergeschichten hat sie genug gehabt. Sechs Beziehungen. Jedes Mal eine neue Hoffnung. Und jedes Mal wieder die gleiche Enttäuschung. „So sind sie nun mal, diese Männer“. Und jetzt kommt dieser Fremde aus dem Norden. Und er bittet sie um einen Schluck Wasser. Und sie gibt ihm zu trinken. Dann gibt er Ruhe. Dann ist sie ihn los.
Doch dann kommt es ganz anders, als sie gedacht hat: Sie kommen ins Gespräch, wie das manchmal so geht aus ganz nichtigem Anlass. Er bittet sie um einen kleinen Gefallen: „Gib mir zu trinken.“ Eine kleine Bitte, wie wir sie in ähnlicher Weise auch oft aussprechen. Die kleine Bitte aber schafft Kommunikation. Und er bringt sie dazu, dass sie auf einmal von sich selbst erzählen kann, von ihrem eigenen unstillbaren Durst. Ihrem Durst nach Anerkennung, nach Würde, nach wirklicher Zuwendung und Liebe. Von all dem Unerfüllten und Nichterreichten in ihrem Leben kann sie sprechen, von ihren Enttäuschungen und von ihrer Hoffnung. Trotz allem. Auch von ihren Männergeschichten kann sie sprechen, ohne Angst, sich schämen zu müssen und verachtet zu werden.
Von dem Getratsche im Dorf kann sie sprechen. Wie das weh tut, fertiggemacht zu werden, geschnitten zu werden, nicht dazuzugehören, verachtet und ausgestoßen zu sein. Sogar über ihre religiösen Fragen kann sie sprechen mit dem Fremden: welche Religion die wahre sei, wie das sein wird, wenn der Messias kommt. Ob der Tempel von Jerusalem der richtige Ort zum Beten sei, oder der Tempel von Samaria.
Und der Fremde scheint kein Fanatiker zu sein, keiner, der nur den eigenen Standpunkt gelten lässt, keiner, der meint, der große Gott ließe sich in Tempeln einsperren. „Weder auf diesem Berg noch in Jerusalem“ sagt er, weder in Mekka noch am heiligen Ganges, „im Geist und in der Wahrheit will Gott angebetet werden“.
Die Frau am Brunnen hat nicht Theologie studiert. Sie versteht nicht genau, was damit gemeint ist „im Geist und in der Wahrheit anbeten". Doch sie ahnt: das ist Weite. Da kann ich atmen. Da ist ein Weg. Auch für mich. Auch am Brunnen und am Herd kann ich beten. Auch mit meiner verwickelten Lebensgeschichte bin ich angenommen von Gott. Auch mein unersättlicher Durst nach Leben in Fülle darf sein und wird eines Tages gestillt. Wenn der Messias kommt. Und da sagt doch dieser Mann am Brunnen, dieser Mann, der um einen Trunk Wasser gebettelt hat: „Ich bin es, der mit dir spricht!“
Die Rast auf dem Weg, das menschliche Gespräch am Brunnen wird zur Gotteserfahrung. Profan und Sakral, Gott und die Welt, das sind nicht zwei getrennte Bereiche. Himmel und Erde können sich berühren.
Und sie lässt ihren Krug stehen am Brunnen und läuft Hals über Kopf ins Dorf: „Kommt und seht, was mir passiert ist!“ Sie, die unbedeutende Frau, hat auf einmal Bedeutung gewonnen. Sie, die übersehene und scheel angesehene hat auf einmal An-sehen. Sie, die skeptische, fragende, zweifelnde, wird zur Botschafterin des Messias. „Kommt und seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat...“ Und sie kommen und sehen: die Nachbarinnen und die Kinder, der Rabbi und der arme Bauer. Und sie sagen: „Jetzt glauben wir nicht mehr, weil du es erzählt hast, sondern weil wir selbst erfahren haben: Er ist wirklich der Retter der Welt.
Nicht bloß in der Bibel steht diese alte Geschichte. Ich denke, sie geschieht immer wieder. Hier und anderswo. Dass Frauen und Männer und Jugendliche an irgendeiner Kurve ihrer Lebensgeschichte - an einem Brunnen, um Urlaub, im Krankenbett, bei einem Besinnungswochende - unerwartet auf den stoßen, der ihrem Leben eine neue Richtung gibt, der den leeren Krug füllt mit Lebendigem Wasser, der sie aufatmen und sich selber spüren und neu aufleben lässt. Und sie können nun nicht mehr schweigen über das, was sie gesehen und gehört haben. Und sie werden zu Botschaftern des Glaubens für andere. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ