15.04.2017

Osternacht
Mt 28,1-10
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Es ist Ihnen sicherlich schon aufgefallen, dass zu gewissen Zeiten wie an Weih-nachten und an Ostern viele Menschen eine Kirche besuchen, die sonst nicht an kirchlichen Ereignissen wie etwa der Sonntagsmesse teilnehmen. Sind die Gründe dafür vielleicht in kindlichen Erinnerungen zu suchen oder lebt da im-Menschen eine verborgene Sehnsucht nach etwas, was ihnen in ihrem gewöhnlichen Leben fehlt. Wir sind von Kindheit her mit den Geheimnissen unseres Glaubens groß geworden, andere Menschen haben religiös nichts mitbekommen. So ist uns die Botschaft der Auferstehung nicht neu und nicht fremd. Wenn wir den ersten Satz aus dem Evangelium hören, könnten wir selber schon erzählen wie es weiter geht. Wir sind nicht mehr betroffen.
Wir leiden heute an den Zuständen in unserer Welt in der scheinbar die Verrückten die Oberhand haben, wir erleben das Leid von Millionen von Men-schen. Wo hat da Gott seinen Platz? Warum kämpft er nicht gegen das Böse in der Welt? Aber: Hat uns Gott nicht schon am ersten Schöpfungstag die Welt und unsere Aufgabe in ihr zugeteilt? Wir sind an diese materielle Welt gebun-den, aber gebunden als Menschen die sich frei entscheiden können und diese Entscheidung nimmt uns Gott nicht ab. Auf viele Fragen von heute können wir keine Antwort geben; aber das wissen wir, dass wir mit allen unseren Kräften aufgerufen sind, uns für das Gute, für das Leben einzusetzen. In der Kirche bloß ein wenig Abgehobenheit vom traurigen Alltag zu sehen, wäre entschieden zu wenig.
Wir können uns heute einmal ehrlich die Frage stellen, wie es mit unse-rem Glauben an die Auferstehung, an ein Weiterleben nach dem Tod bestellt ist. Wenn wir ehrlich sind, sind die Zweifel an dieser Glaubenswahrheit immer wieder in uns gegenwärtig. Wir sehen die vielen Gräber auf unseren Friedhöfen und niemand ist von dort zurückgekommen, um uns eine Botschaft von „drü-ben“ zu übermitteln. Wie steht es also um den Menschen? Was darf er erhof-fen, an was darf er vernünftigerweise glauben?
Machen wir einen Schritt zurück ins Alte Testament, in das Buch Genesis, wo von der Erschaffung des Menschen die Rede ist. Da heißt in einer der Er-zählweisen, die wir heute gehört haben, dass Gott den Menschen als sein Ab-bild erschaffen hat, in einer anderen Version erzählt die Bibel, der Mensch sei aus dem Staub der Erde geformt und Gott habe ihm den Atem des Lebens in seine Nase geblasen.
In dieser naiven Erzählweise kommt die Wahrheit der menschlichen Exis-tenz an den Tag. Staub der Erde, das ist vergängliche Materie, Atem des Lebens, das ist Geist, der Geist Gottes selbst, das Leben Gottes in uns und somit un-vergänglich.
Der Mensch lebt also in einer Spannung zwischen Vergänglichkeit und dauerhaftem in ihn eingegossenem Leben. Diese Spannung zeigt sich in unse-rem unstillbaren Hunger nach Leben und Glück.
Unser Auferstehungsglaube hat also einen Hintergrund, der aus unserer eigenen Urerfahrung stammt und sich somit zusammenfügt mit den Auferste-hungserwartungen die wir in der ganzen Menschheitsgeschichte wahrnehmen. Aber die letzte Glaubensklarheit hat uns die Auferstehung Jesu geboten. In ihr vollendet sich die menschliche Erwartung von Leben und die Zurückweisung des Todes in das, was er eigentlich ist, in eine Neugeburt in die Dimension Got-tes hinein.
In tiefer Traurigkeit treffen wir die beiden Frauen, die nach dem Grab sehen wollten. Was sie am Grab Jesu erlebten, erschütterte sie zutiefst. Zeichen am Himmel, ein Engel, der den Stein vom Grab weg wälzt und so das Grab öffnet. Der Stein schreit es gleichsam in die Welt hinaus: Das Grab ist kein Grab mehr. Es ist zum Ort des Lebens geworden. Mögen noch so viele Grabsteine unsere Gräber schmücken, über ihnen breitet sich unsichtbar wie in Siegestor die Hoffnung aus: Jesus lebt und mit ihm auch ich. Das Zeichen des weggewälz-ten Steines am Grab ist eine Osterbotschaft für uns alle Wir müssen uns an die-ser Stelle auch die Frage stellen, ob wir es nicht alle nötig hätten, dass der eine oder andere Stein von unseren Herzen weggewälzt wird. Was uns beschwert, belastet, niederdrückt, was mit der Zeit hart und gefühllos geworden ist. Ostern läutet eine Wandlung der Herzen ein, wie sie der Prophet Ezechiel den Is-raeliten verheißen hat: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“.
Dann lädt der Osterengel zur Besichtigung des Grabes ein. Die Botschaft des Engels von der Auferstehung Jesu löst bei den beiden Frauen ein doppelte Re-aktion aus: Furcht und Freude. Und Jesus begegnet ihnen selbst und gibt ihnen den Auftrag, die Botschaft den Jüngern zu verkünden. Immer noch ist Furcht in ihren Herzen ob der Gewaltigkeit dessen, was sie erlebt haben aber auch große Freude.
Die Jünger Jesu, wo waren denn die? Die hielten sich versteckt aus lauter Angst, die Frauen waren wieder einmal die Mutigeren und somit die ersten Bo-ten der Auferstehung Jesu.
Wenn wir Jahr für Jahr diese Botschaft hören so laufen wir Gefahr, dass sie nicht tief genug in uns eindringt. Und sie ist immerhin das zentrale Geheim-nis unsere Glaubens, das wir bei jeder Eucharistiefeier feiern: Tod und Aufer-stehung Jesu. Mit diesem Glauben können wir leben, mit diesem Glauben an die Auferstehung können wir die Brüchigkeit unserer menschlichen Existenz in Kauf nehmen, in diesem Glauben konnten unzählige Christen früher und vielmehr auch heute ihr Leben hingeben.
Christus ist wahrhaft auferstanden. Diese im wahrsten Sinn des Wortes Hoffnung schenkende, kraftspendende und in der Menschheitsgeschichte ein-malige Botschaft verkündet die Kirche heute der ganzen Welt. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben. Unserer so oft durch Leiden, Sünden, Schwächen und Grenzen gekennzeichneten menschlichen Existenz erstrahlt das Licht, das alle Finsternis vertreibt, Jesus Christus. In seiner Auferstehung wurde das Leben für uns alle neu geschaffen und uns eine Zukunft in der ewigen Ge-meinschaft mit Gott geschenkt. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ