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180218 1. Fastensonntag

180218
1. Fastensonntag
Mk 1,12-15
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Vierzig Tage sind eine lange Zeit für einen Wüstenaufenthalt. Gemeint ist wahrscheinlich die judäische Wüste, die sich östlich von Jerusalem bis hinunter zum Toten Meer erstreckt. Es heißt, dass Jesus von Geist getrieben diese Wüste aufsuchte. Es war die Zeit seiner Vorbereitung für sein öffentliches Wirken, wo sich Jesus sammelte für seinen großen Auftrag, die Botschaft von seinem Vater den Menschen zu verkündigen. Immer wieder haben Menschen die Einsamkeit aufgesucht, um völlig für sich und ihren Gott zu sein. Die Wüste ist ein Ort der Einsamkeit, die Wüste ist ein Ort der Gottesbegegnung. Nichts nimmt uns gefangen – außer Gott; nichts kann uns in Anspruch nehmen, nichts uns ablenken.
Die Wüste muss aber nicht ein Ort sein; vielleicht ist sie eine Zustandsbeschreibung des Menschen. Wir erleben sie ja immer wieder, als jene innere Verlassenheit, aus der wir mit Gewalt immer wieder ausbrechen wollen, anstatt in ihr stille zu halten und darauf zu warten, was Gott uns in unsere Leere und Einsamkeit hineinspricht.
In der Wüste wurde Jesus vom Satan in Versuchung geführt. Markus, von dem wir unser Evangelium des heutigen Tages haben, erzählt nichts Näheres darüber, worin die Versuchung bestanden hat. Von Matthäus erfahren wir in seinem Evangelium mehr. Wenn wir annehmen, dass Jesus sich einmal rein menschlich überlegt hat, wie er die Botschaft seines Vaters den Menschen darlegen wollte, so scheinen uns die drei Versuchungen, die der Satan bringt, verständlich. Welcher Messias wollte er sein? Ein Messias, der irdische Bedürfnisse befriedigt um die Menschen zu gewinnen? Oder ein Messias, der eine Show abzieht und somit die Bewunderung der Massen gewinnt? Oder ein Messias der Macht? Diese drei Versuchungen scheinen uns sehr plausibel, weil sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommen und auch in unserer Zeit präsent sind.
Wir wissen auch, was sich in unseren eigenen Wüsten abspielt, wenn wir einmal ruhig dasitzen und nicht bewusst an etwas denken, sondern einfach das in uns aufsteigen lassen, was sich in der Tiefe der Seele befindet. Da beginnt sich unsere Wüste sehr schnell zu bevölkern mit allen möglichen Gedanken: etwa über unser eigenes Leben – das sich oft mit zu großem Tempo seinem Ende zuneigt, da beginnen die Sorgen in uns hochzukriechen, ob das wohl alles einen Sinn hat, was wir tun, da beginnen Zweifel in uns hochzusteigen, ob wohl das alles stimmt, was wir in unserem Leben geglaubt und gelebt haben. Diese Reihe unserer Wüstenversuchungen könnten wir alle nach Belieben fortsetzen.
Aber nicht nur solche Angst machenden Gedanken steigen in uns hoch. Wenn es bei Jesus heißt: „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ so gibt es auch bei uns den einen oder anderen Engel Gottes, der uns ermutigt, der uns tröstet, der uns zusichert, dass uns Gott niemals näher ist als in der Wüste unseres Lebens. Einen Engel haben wir immer nötig, der uns das gleiche Wort zuruft, das Jesus verkündet hat: „Das Reich Gottes ist nahe: Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.
Umkehren ist ein Schlüsselbegriff der Bibel, der weniger in der substantivischen Form „Umkehr“ als vielmehr in der verbalen „umkehren“ gebraucht wird. Damit soll angedeutet werden, dass es sich nicht um ein einmaliges und abgeschlossenes Ereignis, sondern um einen lebenslangen Vorgang handelt, der ständig der Wiederholung bedarf. Weil wir durch die Sünde verwundete Menschen sind, kommen wir immer wieder vom Wege ab; wir können ohne ständige Kurskorrekturen nicht leben, wir müssen immer wieder umkehren.
Die Aufforderung „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ schließt gleichermaßen Abkehr und Hinwendung ein. Bei der Abkehr geht es auch um die falschen Götter, die wir uns aufbauen und die uns Sicherheit für unser Leben geben sollen. Sie etablieren sich in einem Aberglauben, der so alt ist wie die Menschheit. Gern haben wir in den primitiven Völkern zugeschrieben; wie sollten sie sonst mit den Elementen der Natur, den Mächten des Bösen, mit Angst und Not fertig werden? Wir haben geglaubt, der Aberglaube sei bloß ein Bildungsproblem, das mit fortschreitender Aufklärung überwunden würde. Erstaunt müssen wir aber feststellen, dass er nach wie vor in Blüte steht.
Trotz aller menschlichen Erfolge, trotz der Welt der Technik und des Rationalen, trotz Konsum und Leistung und Machbarkeitsglaube werden die Menschen vom Phänomen der Angst beherrscht. Wer oder was hält den Menschen? Wer oder was sichert die Zukunft? Der Tod ist nicht mehr in das Leben integriert, er ist nicht mehr der zweite Pol einer Ellipse, sondern er wird zu einer Grenze gemacht, die immer wieder hinausgeschoben werden muss. Weil der Tod Ende und Grenze wird, muss sich der Mensch ganz auf das Diesseits konzentrieren; er muss es auskosten und alles mitnehmen, was es bietet. Und das Schlimmste und Belastendste ist dies: Er muss sich selbst Sicherheit und Halt geben. So aber ist der Mensch überfordert, er spürt, dass er dazu nicht in der Lage ist; deshalb sucht er nach Helfern, Sternen, Schicksalen, Wahrsagern und Horoskopen. Im Aberglauben zeigt sich das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und Halt. So kommen falsche Götter ins Spiel, die den Menschen nicht retten können; im Gegenteil: Sie stoßen ihn noch tiefer in Verunsicherung und Angst.
Welch eine Befreiung für den Menschen ist nun die Botschaft des Christentums von einem gütigen Vater, der gleichermaßen mächtig ist. Die Ängste vor dem kommenden Tag, vor der Zukunft, vor dem Versagen, vor der Krankheit, vor dem Tod, das sind hierzulande die wahren Dämonen unserer Zeit. Der Dichter Friedrich Wilhelm Weber hat mit Recht gesagt: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub durchs Fenster. Wo die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“.
Dieser Glaube, den wir in der Fastenzeit vertiefen sollen verweist uns nicht an ein Blindes Schicksal, das brutal zuschlägt, sondern an eine Person, die uns im Evangelium nahegebracht und die nach der wohl tiefsten bibeltheologischen Aussage „die Liebe“ ist. Unser Leben unterliegt nicht einem Zufall, nicht dem Einfluss von Sternen, es wird auch nicht geschützt von Hufeisen und Talismanen. Unser Leben liegt in der Hand dessen, der gesagt hat: „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ und „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“.
Aus China ist uns ein Wort überliefert, das die Abkehr von den falschen Göttern und die Hinwendung zum wahren Gott und die damit verbundenen Konsequenzen umschreibt: „Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann. Er aber antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“
Wir können unseren Ängsten nicht ausweichen, sie drängen immer wieder an die Oberfläche; aber wir können sie vertrauend in die Hand Gottes legen. Immer dann, wenn wir uns vertrauend auf ihn einlassen wird unsere Angst dahinschmelzen. „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen“, heißt ein Sprichwort aus Äthiopien. Möge uns die Wüste der Fastenzeit Gelegenheit geben, aufmerksam auf das Wort Gottes zu lauschen. Hier werden uns die Maßstäbe vermittelt, die unser eigenes Leben bereichern und der Welt ein menschlicheres Antlitz geben können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

110218 6. So im Jahreskreis


110218
6. Sonntag im Jahreskreis
Mk1, 40-45
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Mit fünfundfünfzig in den Vorruhestand, mit sechzig unbrauchbar auf den Arbeitsmärkten der Zeit. Den Wunsch nach Teilnahme, nach Dabeisein und Zugehörigkeit buchen sie in die Verlustspalten ihrer Bilanzen, ihre Rede vom verdienten Ruhestand, ihre Mahnung zur Schonung klingt hohl, als würde man von heute auf morgen nicht mehr wissen, wer man ist.
Die Jüngeren haben Recht. Sie müssen ihre Erfahrungen machen, sie sind die Computergeneration, sie sind an der Reihe, sie bringen ihr Wissen und Können an solange es neu ist. Zurücktreten, abtreten, aber wohin mit der noch nicht verbrauchten Kraft. Wer fragt nach Erfahrung, gewonnen in Beruf und Leben. Viele verlieren ihr Selbstwertgefühl. Herr, schenke uns Bereitschaft zu weiterem Tun. Kinder, Schüler, Kranke, Alte, Asylbewerber, Einsame warten auf Menschen, die nicht geizen müssen mit ihrer Zeit. Erfülle unser aller Leben mit Sinn. Schenk uns Freude in jeder Lebenszeit. – Das war ein Text von Theresia Hauser.
Was hat er mit dem heutigen Evangelium zu tun. Ich kann ihnen sehr einfach die Situation der Aussätzigen zurzeit Jesu schildern. Sie waren ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. Ein Priester erklärte den Aussätzigen nach einer eingehenden Untersuchung, wie sie im Buch Levitikus beschrieben ist, für unrein. Er war ein von Gott Gestrafter, er mußte abseits der menschlichen Gesellschaft leben. Mit einer Klapper und dem ständig wiederholten Ruf „Unrein“ mußte er die Menschen in seiner Umgebung warnen. Zusammen mit anderen Aussätzigen beklagte er sein Schicksal oder ergab sich blind darein und erlebte und beobachtete den Fäulnisprozeß seines eigenen Körpers.
Aber es gibt auch heute Aussätzige. Sie versammeln sich an bestimmten Punkten der Stadt mit ihren Flaschen; sie sitzen verschämt im Arbeitsamt; sie wohnen in Containern und suchen Asyl; sie leben von der Sozialhilfe, sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden; sie haben Aids. Wir können die Litanei noch lange fortsetzen. Die Aussätzigen sind mitten unter uns. Sie erleben dasselbe, was Aussätzige zurzeit Jesu erfahren mussten: ausgeschlossen vom normalen Leben, gemieden von den anständigen Bürgern, ohne Zukunft. Wer heilt ihren Aussatz?
Jesus hatte keine Berührungsängste. „Er berührte ihn und sagte: Ich will es: Werde rein!“ Jesus schert sich nicht um die hygienischen Vorschriften und um die Voruteile der Menschen. Man kann sich denken, was das für einen Schock bedeutete für die Umstehenden, auch für seine Jünger. Weil er keine Berührungsängste hat, geht eine heilende Kraft von ihm aus. Aber zuerst mußte der Aussätzige etwas tun. Er mußte seine Isolation durchbrechen und sich einen Weg hin zu Jesus bahnen. Wir können uns schon vorstellen, wie sich das abgespielt hat. Zunächst hat er von Jesus gehört, auch von seinen wunderbaren Heilungen. Dann kommt ihm der zaghafte Gedanke: Vielleicht auch ich? Und er bricht auf, macht sich auf den Weg. Seine Hoffnung läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, läßt ihn alle Barrieren durchstoßen, nimmt ihm die Angst vor den Menschen, die vor ihm zurückweichen bis er endlich vor dem steht, der vor ihm nicht die Flucht ergreift und der sich auch nicht abwendet, um seine Entstellungen nicht sehen zu müssen und seinen Gestank nicht riechen zu müssen.
Ganz einfach klingt das, was da gesprochen wird, fast so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“ und „Ich will es, werde rein!“
Und was ist das aktuelle, das für uns Wichtige dieser Erzählung? Wenn wir unser Christentum verstehen als Nachfolge Jesu, wenn wir uns verstehen als von Ihm in Dienst Genommene, als solche, die sein Werk weiterführen sollen in dieser Welt, dann sollten auch wir uns verstehen als Heilende, als Menschen, die der Not der Welt Einhalt gebieten, so weit es in unserer Macht steht. Wir sollten die Grenzen überwinden, die wir immer wieder zwischen uns und den Notleidenden aufrichten. Vielleicht haben wir in unserer religiösen Erziehung davon zu wenig mitbekommen. Da ging es vor allem um Sündenvergebung, um die Beziehung zu Gott. Sicher, das war auch ein Anliegen Jesu, aber eben nicht allein und nicht isoliert vom konkreten leben der Menschen. Es geht ihm um das Heilsein des ganzen Menschen, um seine Befreiung von allen Unheilsmächten die ihn unterdrücken, und es geht ihm um die Überwindung der Spaltung zwischen den Menschen. Alle Heilungsgeschichten Jesu führen zu einer neuen Kommunikation unter den Menschen, wo Isolierungen und Grenzen aufgehoben und überwunden werden.
Wenn wir von der Nachfolge Jesu hören, dann stellen wir uns dabei schnell irgendetwas Besonderes vor, etwas Aussergewöhnliches und Anstrengendes. Hier wird uns ein ganz naher und moderner Weg eröffnet: Überall da, wo wir den vielfältigen Aussatz in unserer Welt nah und fern zu überwinden suchen, wo wir Kontakt aufnehmen mit den betroffenen Menschen, wo wir ohne Berührungsängste mit ihnen sprechen und sie als Menschen in ihrer besonderen Situation wahrnehmen, ohne sie zu verurteilen, da leben wir in der Nachfolge Jesu, da gehen auch von uns heilende Kräfte aus. Da sind wir oft selbst die Beschenkten, die sich auf diesen Weg eingelassen haben.
Aber es geht auch darum, dass wir uns selber bereit machen für diesen Auftrag. Denn auch wir leben nicht selten in einer Isolation, eingekapselt in unser eigenes Ich, in unsere eigenen Sorgen und Probleme. Und nicht selten finden wir uns in einer Isolation Gott gegenüber, den wir manchmal nicht so ernst nehmen, dass er durch uns in dieser Welt etwas wirken möchte. Es geht darum, dass wir an uns arbeiten, damit wir zu vertrauenden Menschen werden, zu Menschen mit einem gesunden christlichen Selbstbewußtsein. Wir sind nicht die armen Alleingelassenen, wir sind die reich Beschenkten, jeder von uns trag in seinem Herzen die Fülle der Geschenke Gottes, die reichen Möglichkeiten mit denen er durch uns an den Menschen seine heilende Kraft zeigen und zur Wirkung bringen möchte.
Werden wir zu Heilbringern im Namen und in der Kraft des Herrn und freuen wir uns darüber, dazu berufen zu sein.

Ein Fisch,
hinausgespült von den Wogen des Meeres
bis zum äussersten Küstenrand.

Dort an den Felsen hängengeblieben.
Vom zurückflutenden Wasser
nicht mehr erfaßt,
liegt er allein,
ringend nach Luft.
Wie er sich biegt,
wie er sich windet
draußen am Rande des Meeres,
so nahe am Wasser!

Da kommt einer
Und wirft ihn ins Meer.
Diesmal ist er gerettet.
Wie oft wird er einen
Barmherzigen treffen?


P. Paul Mühlberger SJ

040218 5. So im Jahreskrei

040218
5. Sonntag im Jahreskreis
Ijob 7,1-4,6-7
Mk 1, 29-39
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Das Buch Hiob, aus dem wir die heutige Lesung gehört haben ist ein merkwürdiges Buch. Es berührt eine Thematik, der wir am liebsten immer ausweichen möchten: die Thematik der Krankheit und des Leidens. Es gibt in unserem Leben immer wieder Augenblicke, wo wir die Ungesichertheit unseres menschlichen Lebens sehr deutlich spüren. Wie ein Damoklesschwert hängt über uns die Angst vor dem Leiden, die Angst vor einer Krankheit, besonders wenn wir hören, dass andere Menschen davon betroffen sind. Hoffentlich erwischt es mich nicht, ist dann oft unser erster Gedanke. Wir verlassen gerne wieder das Krankenhaus, wo wir einen Besuch gemacht haben oder das Altenheim. Gott sei Dank bin ich wieder draußen, Gott sei Dank geht es mir halbwegs gut. Und dann stürzen wir uns wieder hinein in unseren Alltag.
Das Buch Hiob ist eine Lehrgeschichte. In einer Einleitung redet der Teufel mit Gott und Gott lobt seinen getreuen Hiob. Aber der Teufel sagt: So lange es ihm gut geht, wird er dir schon treu bleiben; aber nimm ihm einmal all das weg, was sein Leben schön und angenehm macht, dann wird er dir fluchen. Und das geschieht auch. Hiob verliert seinen Besitz und zuletzt auch seine körperliche Gesundheit. Und seine Freunde kommen und versuchen ihn zu trösten. Es gelingt ihnen aber nicht. Was ist ihm geblieben, wie er da mit Geschwüren bedeckt vor seinem Haus sitzt und über sein Leben nachdenkt?
Es ist die Not des Lebens, die sich spürbar macht im Altwerden. Man ist an seine Grenzen gekommen. Das macht sich bemerkbar einerseits in den körperlichen Beschwernissen. Nichts geht mehr so, wie früher. Die Lebenskraft, das Gehört, die Muskeln haben abgenommen. Ich kann nicht mehr das, was ich früher konnte. Der Leib ist unansehnlich geworden. Der Faden des Lebensteppichs neigt sich dem Ende zu. Und zugleich die Frage: Ist mein Lebenswerk vollbracht? Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
Es wäre die Botschaft Jesu keine Frohbotschaft, wenn sie nicht in den schwierigen Situationen unseres Lebens und gerade in diesen uns ein tröstendes Wort zurufen möchte. Keinen billigen Trost, sondern einen Trost, der in die Tiefe unseres Herzens vordringt. Und da steht heute im Evangelium Jesus, der Heilende. Ein Tag voller Heilungen wird uns da geschildert. Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus und die vielen Kranken und Besessenen, die zu Jesus strömen und sich von ihm Heilung erwarten.
Die Menschen, die ihre Kranken und Leidenden zu Jesus bringen mögen einem weiten Weg hinter sich gebracht haben. Nichts kann sie von ihrem Vorhaben abbringen: weder die Strapazen, die es bedeutete, Kranke zur damaligen Zeit zu transportieren, noch das Risiko der Enttäuschung. Warum tun sie das? Warum ermöglichen sie kranken Menschen die Begegnung mit Jesus? Woher kommen ihr Vertrauen und ihre Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte?
Ich beneide die Menschen der damaligen Zeit schon ein wenig um diese Möglichkeit, ihre Kranken einfach zu Jesus bringen zu können. Wir können das leider nicht. Oder vielleicht doch? Heute sind wir das Zeichen, durch das Jesus zu den Menschen kommt. Durch uns kann den Menschen die Nähe Gottes spürbar und glaubhafter werden: durch unseren Besuch, unser Da-Sein, unser Mitleid, Mitaushalten, stummes Dasitzen, vielleicht auch Mitweinen. Durch die Zeit, die wir uns für den leidenden Menschen nehmen, durch geduldiges Zuhören, geschenkte Zuwendung, zarte Berührung kann Heilung geschehen. Oft zwar nicht in spektakulärem Sinn. Aber es ist auch schon ein Wunder, wenn ein Mensch wieder Trost und Mut bekommt, seinen schweren und schmerzhaften Weg weiter zu gehen.
Aber wir haben oft zu wenig Zeit füreinander. Zu sehr bedrängen uns unsere eigenen Fragen und Probleme, zu sehr sind wir mit unseren eigenen Leiden beschäftigt. Manchmal aber könnte die Zuwendung zu den leidenden Menschen unser eigenes Leid ins richtige Lot bringen. Manchmal könnten wir auch aus dem geduldigen Leiden der Menschen Trost und Zuversicht für uns selber schöpfen.
Das Buch Job gibt noch keine zufriedenstellende Antwort auf den Sinn des Leidens der Menschen. Zu sehr ist man zur damaligen Zeit noch befangen vom Glauben, das Leid des Menschen hätte seinen Ursprung in einer Sünde für die er gestraft würde. Dem Job bleibt nur das blinde Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, die sich am Ende zeigen wird.
Und wir sollten auch keine billigen Erklärungen für unser Leiden suchen. Wahr ist jedenfalls, dass unser seelischer Schmerz über unser Leiden größer ist als das körperliche Leiden selbst. Was unsere Seele bedrückt, das ist die Frage nach dem Sinn. Das Tier leidet schließlich auch; aber sein Leiden ist ein anderes als das der Menschen. Schuld am Leiden des Menschen ist seine Seele. Sie ist nichts anderes als ein Vorausgeschenk des Lebens Gottes selbst an uns. Wir tragen sein Leben schon in uns und damit den unstillbaren Hunger nach einem dauernden Glück und nach einem beständigen Leben. Dem materiellen Menschen ist die Vergänglichkeit seines Lebens mit seiner Natur gegeben. Mit der geistigen Seele hat uns Gott selbst eine unstillbare Hoffnung gegeben. Und in dieser Spannung zwischen unserem materiellen und geistigen Dasein Leben wir. Und diese Spannung gilt es auszuhalten.
Wenn wir das erkannt haben, dann schwindet zwar nicht das Leid; aber unser Leben wird Heil, weil wir eine Hoffnung haben, weil wir eine Erwartung haben. Und dieses Heil wollte uns Jesus vermitteln und dieses Heil ist es, das wir durch unser Leben weiter tragen sollten. Jesus gibt uns auch Hinweise, wie wir für uns dieses Heil erkennen und finden könnten. Er betete an einem einsamen Ort. Wir wären sehr neugierig, was Jesus da zu seinem Vater gesagt hat. Vielleicht hat er gar keine Worte gemacht, sondern nur einfach sich in die Gegenwart seines Vaters versetzt und sich von da die Kraft geholt, zu den Menschen zu gehen und sie gesund zu machen. Und von den Menschen heißt es: sie suchten ihn.
Diese beiden Dinge sollten wir beherzigen. Wir dürfen unseren Fragen nicht ausweichen, wir dürfen sie nicht verdrängen, sondern müssen uns ihnen stellen. Menschliches Gebet und menschliches Tun, diese beiden Dinge gehören zusammen. Sie bilden die Voraussetzung dafür, dass Jesus auch uns Heilung schenken kann.
Ich habe da einen sehr schönen Text gefunden, den ich ihnen zum Schluß vorlesen möchte. Es ist ein Gebet mit einem Kranken und leidenden Menschen.
Der Herr des Lebens segne dich und heile dich. In deiner Krankheit stehe er dir bei. Er richte dich auf, und – wenn die Zeit dafür reif ist – lasse er deinen Leib gesunden. Deiner Seele schenke er Vertrauen. Er gebe dir, wenn du es brauchst, den Mut, auszuruhen von der Unruhe des Lebens, so lange, wie es dir guttut. Er gebe dir zur rechten Zeit die Kraft, wieder aufzustehen und dich dem Leben zuzuwenden, das dir vielleicht zu hart erschien. Er lasse dich die Wurzel und den Sinn deiner Krankheit sehen und helfe dir, ihre Botschaft zu erkennen. Er gebe dir ein gutes Gefühl für dich selbst, dass du rechtzeitig spürst, was dir an die Nieren geht, was dir auf den Magen schlägt oder den Atem nimmt. Denn er liebt dein Wohlergehen und nicht deine Not. Das gewähre dir der Gott, der das Leben geschaffen und dessen Sohn die Kranken geheilt hat: ja, er segne dich. Amen.

PM

280118 4. So im Jahreskreis

280118
4. Sonntag im Jahreskreis
Mk 1, 21-28
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Wir haben eben das Evangelium gehört, das uns über die Heilung eines Besessenen erzählt, oder – um es mit einem Fremdwort zu sagen – über einen Exorzismus. Das Thema ist uns geläufig. Es gibt da sogar einige moderne einschlägige Filme. Das interessiert ja die Menschen immer, wenn irgendetwas Dämonisches sich in unseren Alltag einschleicht. Allein, wenn wir das Wort „Exorzismus“ hören, dann spüren wir, dass wir bei diesem Thema vorbelastet sind. Teufelsaustreibung fällt einem da ein, finsteres Mittelalter, seltsame Rituale, unheimliche Praktiken, Sekten und manch anderes mehr. Auch für die Kirche ist das ein heikles Thema. Finstere Abgründe der menschlichen Seele tun sich da auf.
Was ist denn eigentlich unter Besessenheit zu verstehen? In diesem Begriff steckt das Wort „Besitz“. Ein Besessener ist jemand, der nicht Herr über sich selbst ist, sondern im Besitz eines anderen. Wir brauchen nicht gleich an den Teufel zu denken, wenn wir von Besessenheit sprechen. Menschen können heute von vielen Dingen besessen sein. Manche sind es von ihrem Auto oder von ihrem Hobby, von ihren Minderwertigkeitsgefühlen oder von ihrem Neid, von ihrer Herrschsucht oder ihrer Angst. Besessenheit ist weit verbreitet. Es sollte uns zu denken geben, dass nahezu 90% unserer Bürgerinnen und Bürger kalt gelassen werden vom Zerbrechen und Scheitern anderer Menschen. Es gelte als normal, dass in unserer Leistungsgesellschaft manche eben nicht mitkommen und liegen bleiben. Wo gehobelt werden, da fielen eben auch die Späne. Ist dies nicht auch ein Anzeichen von Besessenheit? Wenn wir so unbarmherzig, so unsolidarisch denken und handeln können, was für ein Geist ist da in uns gefahren? Oder wenn bei Gewalt vielen nichts anderes einfällt als Gegengewalt, wenn Haß nur mit noch größerem Haß beantwortet wird, was für ein Geist ist dies?
Und wir wollen nicht außer Acht lassen, dass es auch Menschen gibt, die vom Bösen besessen sind. Und da drängt sich doch auch die Frage auf, woher das Böse überhaupt in diese Welt hineinkommt. Wenn die Welt nach der Aussage des Schöpfungsberichtes gut ist, und das wird ja auch im Text wiederholt gesagt, dann fragen wir doch: Woher kommt das Böse? Von Gott kann es nicht kommen, denn Gott ist gut. In früheren Zeiten dachte man sich die Welt belebt von guten und bösen Geistern. Wir wollen heute nicht mehr so denken. Zu viel Schlimmes ist an den Menschen geschehen durch diese Denkweise, wenn wir nur an die Inquisition und an die Hexenverbrennungen des Mittelalters denken. Petrus spricht einmal das Wort: „Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlingen könnte“. Ist es also völlig absurd das Böse als Unheil stiftende Welt als eine Wirklichkeit anzunehmen? Allzu sehr ist das Bild vom Teufel verniedlicht und mißbraucht worden du wir wissen über diese Angelegenheit theologisch auch zu wenig. Wir können nur ausgehen von der eigenen Erfahrung und von den Erlebnissen, die wir täglich in unserer Welt wahrnehmen. Und die Apokalypse, die Geheime Offenbarung des Johannes schildert ja die Endzeit als einen massiven Kampf zwischen den göttlichen und den widergöttlichen Mächten.
Der Besessene des Evangeliums hat eine klare Erkenntnis von Jesus, er weiß wer er ist. Und er schreit es auch heraus, was er befürchtet, das Verderben, das dem droht, der das Böse ist und der sich willig und bereit dem Bösen öffnet. Der heutige Besessene fällt indes nicht sonderlich auf, er unterscheidet sich zunächst nicht von den anderen, den normalen Menschen. Vielleicht liegt der Grund darin, weil heutzutage eine gewisse Art von Besessenheit schon das Normalstadium geworden ist und weil man sich mit dem Bösen in seinen verschiedenen Formen schon abgefunden hat. Und da ist die Gefahr groß, wo sich sozusagen der Teufel harmlos gibt, wo er nicht mehr ernst genommen wird, genau da hat er seine größten Erfolge.
So kommt es, dass sich die Menschen aus einer allzu freizügig gelebten Sexualität gar nichts mehr daraus machen, dass Eigentumsdelikte als Kavaliersdelikte gelten. Vielen Menschen scheint alles erlaubt zu sein, sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich gegenüber einer höheren Macht, nicht einmal mehr vor sich selbst und der Welt in der sie leben. Und Gott? Er wird zwar nicht mehr bekämpft wird aber auch nicht mehr beachtet. Die Verwahrlosung des Bösen ist Satans größter Triumph.
Wir können die Erzählung des Markus aus dem heutigen Evangelium ohne weiteres auch anders interpretieren. Bei dem Besessenen handle es sich um einen Geisteskranken über dessen Unterbewußtsein Jesus Macht hatte. Wir können überhaupt eine ganze Menge aus dem Evangelium uminterpretieren bis hin zur Auferstehung Jesu. Die Frage ist nur, ob wir da nicht gewaltig an der Botschaft Jesu vorbeigehen, nur weil es uns als altmodisch und nicht mehr zeitgemäß erscheint von der Macht des Bösen in dieser Welt zu sprechen. Es ist aber eine Aussage, die im Neuen Testament immer wieder auftaucht: die Macht Jesu über die gottfeindlichen, über die dämonischen Mächte. Und in dieser Auseinandersetzung steht auch der Mensch. Er kann nicht neutral bleiben, er muß sich entscheiden. Aber das muß uns Menschen auch gesagt sein: die entscheidende Macht gehört dem Guten Geist. Das zeigt sich in der ganzen Aussage der Botschaft, die Jesus bringt. Das zeigt sich überall dort, wo jemand von Gottes Geist erfüllt ist.
Aber die unreinen Geister sind immer noch am Werk. Wie ergeht denn uns? Wenn wir die Botschaft Jesu hören, regt sich da nicht auch gelegentlich ein innerer Angstschrei, dass da jemand unser Leben beschneiden möchte? Liegt da nicht sofort die Erklärung parat, dass das alles nicht so ernst zu nehmen sei und im Alltag anders aussehe? Sind wir noch so wach, dass es uns innerlich unruhig macht, wenn wir etwas getan haben, was nicht dem Guten entsprach und macht es uns nicht ruhig und froh, wenn wir im Sinne Jesu und nach seinem Herzen Gutes getan haben?
Wir sollten es aushalten können, wenn uns andere Menschen um unserer Einstellung willen belächeln und als überholt erklären. Der griechische Philosoph Plato schrieb schon 400 Jahre vor Christus, dass die Menschen den vollkommenen Gerechten nicht ertragen und darum verfolgen würden und „, dass er zuletzt nach allen Mißhandlungen gekreuzigt werden wird“. Das hat sich an Jesus von Nazareth grausam bewahrheitet.
Die Tatsache des Bösen in unserer Welt, die wir jeden Tag neu erleben, soll uns nicht in Schrecken versetzen. Wir brauchen keine Angst vor dem Bösen zu haben, denn wir gehören zu Christus, wir denken seine Gedanken, wir sinnen nach über seine Worte, wir versuchen seine Botschaft und seinen Geist in unsere Welt zu tragen und leisten somit einen Betrag zur Heilung der vielen Besessenheiten von denen unsere Welt geplagt wird. Amen. PM.

210118 3. So im Jahreskreis

250115
3. Sonntag im Jahreskreis
Jona 3,1-5.10
Mk 1,14-20
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Wir haben die Geschichte des Jonas gehört, wenigstens einen Teil davon. So einfach, wie der Ausschnitt der Jonasgeschichte vermuten lässt ist es nämlich nicht zugegangen. Jonas bekam zunächst von Gott einen eher unangenehmen Auftrag: er sollte in der Stadt Ninive eine Drohung Gottes ankündigen. Nun, wer macht das schon gerne? Ninive war eine große Stadt, der Sitz der assyrischen Großkönige, die über Jahrhunderte hin eine Eroberungspolitik verfolgten und jeden Widerstand erbarmungslos niederwarfen.
Dem Jonas war die Sache jedenfalls lästig und er wollte sich durch Flucht dem Auftrag entziehen. Diese Passage fehlt in unserer heutigen Lesung. Was tat er? Er bestieg ein Schiff, das ihn weit weg bringen sollte, möglichst weit weg. Doch so einfach war es für ihn nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los und wie es damals üblich war, sah man das Unwetter als ein Strafgericht der Gottheit an und suchte einen Schuldigen. Und da begriff Jonas, dass er der Schuldige war und ließ sich von den Matrosen ins Meer werfen. Ein Fisch brachte ihn wieder an die Küste und er konnte nun seinen Auftrag ausführen. Seine Predigt reduzierte sich auf ein Minimum. Sein Widerwille ist deutlich spürbar. Nur einen Satz bringt er über die Lippen um sich mit ihm möglichst schnell seines Auftrags zu erledigen: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“. Er nennt weder seinen Auftraggeber noch den Grund für die Gerichtsaussage. Dennoch trifft seine Drohbotschaft die Bewohner der Stadt. Sie ahnen, dass in ihr eine Warnung verpackt ist, ihren Lebensstil weiter zu verfolgen, dass ihnen eine Frist gesetzt ist, eine Frist zur Umkehr und damit die Chance, dem angekündigten Untergang zu entgehen.
Dieser Umkehr der Bewohner Ninives antwortet Gott mit seinem Erbarmen: Ihn reuen das angedrohte Urteil und er führte die Strafe nicht aus. Aber die Geschichte des Jonas geht noch weiter und es ist interessant, sie zu verfolgen. Noch saß ihm die Angst in den Knochen. Und da wurde Jona zornig. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Gott seine Strafe nicht über die Stadt kommen ließ. „Ganz und gar missfiel es ihm“, heißt es wörtlich im Alten Testament. Er richtet ein Gebet an seinen Gott. „Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“
Jona weigert sich, den Glauben an den gnädigen Gott so zu akzeptieren, dass die Gnade und Güte Gottes auch für die eigentlich dem Gericht verfallenen Sünder gilt.
Und wie reagiert Gott auf diesen Protest seines Propheten? Er erweist sich auch dem zornigen Jona gegenüber als gnädig und geduldig. Seine Frage: „Ist es recht von dir, zornig zu sein?“ ist voll gütiger Ironie. Gott schlägt nicht drein, sondern will durch seine Frage den Jona weiterführen. Ob der sich aber weiterführen lässt? Er hat sich jedenfalls eine Laubhütte gebaut und wartete in ihrem Schatten ab, was weiter mit Ninive geschehen würde. Offensichtlich hat er die Hoffnung auf Gottes Gericht über die Einwohner der Stadt noch nicht aufgegeben. Aber die Drohbotschaft erfüllt sich nicht.
Wie Gott nun an dem zornigen Propheten arbeitet, ist ein Meisterwerk erzählerischer Kunst – ein Kabinettstück überlegenen Humors. Er lässt einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der ihm Schatten geben und seinen ärger vertreiben sollte. Jonas Bosheit wandelt sich in eine große Freude über die kleine Erleichterung, die Gott ihm mit der Rizinusstaude und ihrem Schatten gewährt hat.
Aber Jonas Freude währt nicht lange. Am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging sandte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er fast ohnmächtig wurde und sich den Tod wünschte.
Dieser Reaktion des Jona begegnet Gott mit der Frage: „Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein?“ Gott packt also den Jona dort, wo er sich gerade befindet. Ninive ist für Jona schon vergessen; ihn grämt nur mehr der Verlust der schattenspendenden Pflanze – ging es ihm doch nie um mehr als um sein kleines Ich, einschließlich seiner engen und kleinen Theologie. Von diesem kleinen Gottesbild will Gott ihn wegholen, aber wieder versagt der Prophet. Er versteift sich wie ein trotziges Kind.
Noch ein letztes Wort spricht Gott zu Jona. Frei zusammengefasst sagt er folgendes: Dir ist leid um den Rizinusstrauch, mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt in der mehr als 120.000 Menschen leben, die nicht einmal rechts von links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh.
So stellt Gott dem großen Zorn des Propheten sein großes Mitleid mit Menschen und Tieren, seinen Geschöpfen, gegenüber.
Diese Geschichte ist nicht historisch zu verstehen. Es ist eine Geschichte über das Erbarmen Gottes. Wie das ganze Alte Testament die Erfahrungen spiegelt, die Israel mit Gott machte, so spiegelt auch die Jonasgeschichte eine wunderbare Gotteserfahrung wider. Einige Punkte könnten für unser eigenes Leben bedeutsam sein: Es ist nicht sinnvoll, vor Gott uns seinem Auftrag davonlaufen zu wollen. Gott bleibt doch auf unserer Spur und holt uns immer wieder ein, fordert uns immer wieder auf, unsere innere Angst zu überwinden und sich ganz auf ihn einzulassen. Zum anderen: Gott denkt unsere Wege mit, er holt uns da ab wo wir sind, er steigt auf unsere Situation ein und diese Situationen die ganz gewöhnlichen unseres Lebens. Und weiter: Gott verliert niemals die Geduld mit uns Menschen. Es ist keine Situation so aussichtslos, dass wir dem Tod den Vorzug geben sollten vor dem Leben. Und noch weiter: Gott ist barmherzig, er erbarmt sich seiner Schöpfung. Und die Künder dieses Erbarmens sind wir.
Sind wir nicht aber auch manchesmal in der Situation des Jona, dass wir mit einem gewissen inneren Wohlgefallen gerne ein Strafgericht sehen würden über die Menschen, die in dieser Welt Böses tun und Gott nicht anerkennen wollen?
Sprechen wir es nicht auch manchmal aus: Gott sollte einmal dreinschlagen? Hätten wir nicht auch manchesmal eher den Wunsch, dass die Bösen verderben, als dass sie sich bekehren?
Das Evangelium von heute passt punktgenau zu unserer alttestamentlichen Lesung dazu. Die Jünger, die weggerufen werden von ihrer alltäglichen Beschäftigung, von ihrer einfachen Arbeit mit denen sie sich Tag für Tag ihr Brot verdienen. Sie haben den Mut, mit Jesus mitzugehen und sie werden ihn kennen lernen als den Gütigen und Barmherzigen. Sie werden lernen, dass das Dreinschlagen nicht die Lösung menschlicher Probleme sein kann, sondern nur die Güte und Barmherzigkeit.
Ahnen wir, wozu wir aufgerufen sind! Unser ganzes Leben soll diesen barmherzigen Gott künden und unser Beten soll uns dazu die Kraft erwirken. Manchmal braucht es auch für uns so einen Sturm und einen Fisch, der uns zurückholt aus einem falschen Gottesbild, so dass wir daraus lernen, dass Liebe und Güte und Barmherzigkeit die großen Kräfte sind, die imstande sein können, unsere Welt zur Umkehr zu bewegen. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

130118 2. So im Jahreskreis

130118
2. Sonntag im Jahreskreis
Eph 1,3-18
Jo 1,1-18
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Vorwörter in Büchern werden meist überschlagen oder nur sehr oberflächlich gelesen. Sicherlich gibt es Vorwörter, die mehr oder weniger uninteressant sind, wo sich ein Autor nur bei denjenigen bedankt, die ihm bei seinem Werk zur Seite gestanden sind. Aber es gibt auch Vorwörter, die sehr inhaltsreich sind, wo wir in den Geist eines Werkes eingeführt werden.
Ein solches Vorwort liegt uns auch beim Johannesevangelium vor Augen. Dieser Text zählt mittlerweile zu den prominentesten, einflußreichen Vorworten der Weltliteratur. Er begann seinen Siegeszug, als er in die Liturgie des Weihnachtsfestes aufgenommen wurde. Seitdem entfaltet er einen ganz eigenen Zauber, eine besondere Kraft. Seine Fähigkeit, Türen zu öffnen und Herzen zu erschließen, bewährte sich unzählige Male immer dann, wenn die Geburt Jesu gefeiert wurde, das große Eröffnungsmoment unserer christlichen geprägten Kultur. Jesus wurde zum Vorzeichen, zum Vorwort, das eine unerwartet geschichtsmächtige Entwicklung auslöste. Diese Dynamik ist noch längst nicht ausgeschöpft, sie nimmt weiter zu.
Wir müßten als Christen einen grundlegenden Optimismus leben können. Auf Schritt und Tritt sehen wir in unserem Europa wie es vom Christentum geprägt ist. Denken sie sich einmal in unseren Städten alle Kirchen aus dem Stadtbild weg oder alle imposanten Klosteranlagen? Denken sie sich weg alle unsere christlichen Feste und unser christlich geprägtes Brauchtum, alle Gipfelkreuze und Marterln an unseren Weggabelungen? Und was bleibt aus unserem Leben übrig, wenn wir alles das, was mit Glauben zu tun hat über Bord werfen?
Ja, unser altes Europa besteht nicht nur aus dem Euro und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, bei denen sehr oft nur gewinnorientiert gehandelt wird. Unser Europa hat auch eine Seele und wehe, wenn diese in unseren Überlegungen keine Rolle mehr spielt. In unserem Europa gab es vor Zeiten heftige Auseinandersetzungen religiöser Natur und sogar Glaubenskriege; aber es ist nicht minder gefährlich Gott einfach tot zu schweigen, ihn zu ignorieren oder ihn ins Museale zu verdrängen.
Was aber ist der Inhalt dieses johanneischen Vorworts? Da kommt zunächst die Tatsache der göttlichen Existenz zur Sprache. Denken sie jetzt bitte nicht, die Sache sei ein für allemal für uns geklärt. Taucht sie nicht aus geheimen Winkeln unseres Herzens immer wieder auf? Beunruhigt sie uns nicht, wenn es darauf ankommt unseren Hoffnungsanker auszuwerfen? Ist es nicht manchmal auch die bange Frage, die sich in zunehmendem Alter an uns heranschleicht, die auch zuweilen den Priester selbst bedrängt, der doch sein ganzes Leben, seine ganze Existenz der Verkündigung dieses Gottes widmet?
Es gibt drei Möglichkeiten, Erfahrungen über Gott zu machen. Aus der Betrachtung der Schöpfung ahnten die Menschen seit es sie gibt etwas über das göttliche Wesen über ihnen. Dann die Gotteserfahrung der Menschen der Bibel. Hier gewinnt das Bild von Gott bereits überwältigende Konturen: Gott der Schöpfer, von dem alles ausgeht, Gott, der Retter in der Mosesgeschichte, Gott der Partner des Menschen in seiner Geschichte. Schließlich mündet dieser Erfahrungsbereich bei den Propheten in das Bild eines väterlichen und mütterlichen Gottes. Und was uns Jesus über Gott erzählt, das ist sozusagen Information aus erster Hand, ist er doch selbst der Sohn Gottes.
Die Gotteserfahrungen der Bibel sind zunächst Fremderfahrungen. Wichtig sind die eigenen Erfahrungen, die wir über Gott machen können. Gott wirkte nicht nur in der Vergangenheit, er ist auch heute in unserer Welt und in unserem eigenen Leben tätig. Das sagt ja der erste Satz des Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Gott ist also einer, der vernehmbar ist wie ein Wort, wie eine Botschaft. Gott hat etwas zu tun in der Geschichte und Gegenwart des Menschen und des eigenen Lebens.
Aber: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Ja, das ist die Tragik, dass Gott im Leben so vieler Menschen noch dasteht wie ein Fremder vor der Tür, der nicht eingelassen wird.
Hat man im vorigen Jahrhundert Gott gleichsam wissenschaftlich aus der Welt hinaus argumentiert und sind wir heute dahintergekommen, dass eine wissenschaftliche Gottesleugnung irreal ist und nicht greift, so schnürt man heute die Mogelpackungen des liberalen Indifferentismus. Und hier wird die Gottesfrage tabuisiert. Gott ist kein Gesprächsthema mehr. Das Ergebnis ist das Gleiche. Das Credo der Christen ist in unserer Umwelt recht leise geworden. Es trägt weiter individuellen Bekenntnischarakter.
Da hilft es auch nicht, wenn sich so mancher Politiker mit dem Papst zusammen fotografieren läßt. In unseren Parlamenten wird schon längst nicht mehr gebetet und der Religionsunterricht wird auch immer wieder als Streitfrage lanciert. Zum Glück ist noch viel christliches Gedankengut in unserem Leben verankert, das wirksam wird ohne dass Gott ausdrücklich als der Urheber genannt wird.
Diese kleine Analyse soll nicht dazu beitragen, uns zu deprimieren, so wenig wie eine Predigt dazu beitragen soll, Menschen niederzudrücken. Vielleicht haben wir in unseren innerkirchlichen Auseinandersetzungen langsam darauf vergessen, das Positive zu sehen. Gläubige Menschen tun das sowieso. Worauf es ankommt in unserem persönlichen Leben und in unserer Zeit ist, dass die Botschaft des Prologs in ihrer Prägnanz von uns zu Kenntnis genommen wird und zwar so, dass sie unser Leben formen und beeinflussen kann. Können wir es fertigbringen, unsere Tür zu Gott offen zu halten, glauben wir daran, dass durch unser Leben und Tun und Beten bewirkt wird, dass viele Menschen die Türe ihres Herzens Gott öffnen?
Wir hören gerade zum Jahreswechsel viele Prognosen über die Zukunft. Und wenn sie sich an die Prognosen vergangener Jahre erinnern, so werden wie feststellen können, dass sie nicht in Erfüllung gegangen sind. Die einzige Prognose, der Erfüllung verheißen ist, ist die die Gott uns gibt. Die Schubkraft des Johannesprologs wird uns auch in den kommenden Jahren zu Verfügung stehen. Gott weicht unserer Welt nicht aus, Gott ist bereit, immer wieder einzusteigen in unsere irdischen Turbulenzen, er läßt den Menschen nicht mehr los, erhört nicht auf mit seinem Klopfen.
Menschen, denen der Prolog des Johannes zu Herzen geht, schreiben „Zukunft“ anders. So bleibt das Johanneswort unterwegs und wirksam, findet den Weg zu immer neuen Adressaten. Viele sind nötig, um diesen „Brief an die Zukunft“ zuzustellen; es ist eine Freude, eine Auszeichnung, daran beteiligt zu sein. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

070118 Taufe Christi

070118
Fest der Taufe des Herrn
Mk 1,7-11
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Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unsere Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen. PM

070118 Taufe Christi

060118
Erscheinung des Herrn
Mt 2, 1-12

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Das griechische Wort „Epiphanie“, das dem heutigen Fest seinen Namen gibt, heißt „Erscheinung“. Schon damit wird jedem, der Gott sucht, etwas Wichtiges gesagt: Kein Mensch kann Gott unmittelbar erkennen. Wir können ihn immer nur als den erfahren, der in den verschiedensten Dingen dieser Welt in Erscheinung tritt. So ist es heute, so war es damals.
Ich denke an Edith Stein, die ungläubige, aber Gott suchende Philosophin, die als Karmelitin während der Naziherrschaft ums Leben kam. In den dunkelsten Tagen ihres Lebens war sie bei ihrer Freundin zu Besuch. Dort fiel ihr ein Buch in die Hand. Sie las darin die ganze Nacht. Als sie es am Morgen ausgelesen hatte, sagte sie: „Das ist die Wahrheit!“ Dieses Erlebnis wurde zur Sternstunde ihres Lebens und Ursache eines radikalen Neubeginns. In einem Buch also war ihr Gottes Wirklichkeit aufgegangen.
Dem jungen gottlosen Dichter Paul Claudel war Gottes lichtvolle Nähe in der Kathedrale von Paris während eines weihnachtlichen Gottesdienstes erschienen. Ein Knabenchor sang gerade das Magnifikat. Da geschah auf einmal etwas Unerwartetes, das für das ganze Leben des Dichters bestimmend sein sollte. Claudel bekennt: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte…Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben! Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Es ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ignatius von Loyola ging der Stern Gottes auf dem Krankenbett auf. Augustinus wurde durch eine Kinderstimme zu ihm hingeführt. Sie alle erlebten, was auch die drei Weisen aus dem Morgenland zur Wende ihres Lebens brachte. Sie erfuhren das Aufleuchten von Gottes Liebe in etwas ganz Alltäglichem. Oft sind es Nebensächlichkeiten, die auf einmal voller Licht sind und die uns so zu einem Stern werden.
Vielleicht fragen sie an dieser Stelle, wann wir selbst einmal in dieser Weise Gottes Liebe und Nähe erfahren durften? Ein östlicher Mönch antwortet darauf: „Jeder Mensch kann am Abend Gott zumindest für drei Dinge danken.“ Überlegen wir, ob dies stimmt. So kann uns zum Bewusstsein kommen, wie oft Gott den Stern seiner Liebe auch uns in unscheinbaren Dingen und alltäglichen Ereignissen aufleuchten lässt.
Wenn man die Kapitelle der mittelalterlichen Kathedrale von Autun in Burgund betrachtet, entdeckt man dort eine wunderbare Darstellung der drei Könige. Man sieht sie friedlich ruhend unter einer großen decke beieinander kauernd. Ein Engel rüttelt sie auf und zeigt auf den Stern. Fast ist es, als ob man ihn sagen hörte: „Wacht auf, schaut, ein wunderbarer Stern ist aufgegangen. Macht euch auf den Weg, selbst wenn er beschwerlich sein wird und folgt dem Stern!“
Wer dem menschgewordenen Herrn Jesus Christus begegnen will, muss sich aufrütteln lassen, aufwachen, die Augen öffnen und sich aufmachen, um dem Leuchten des Sterns zu folgen. Wenn Gott sich zurückgezogen hätte und in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, dann könnten wir heute nicht dieses fest feiern. Gott aber hat sich nicht gescheut, aufzubrechen und in die Dunkelheit der Welt hinabzusteigen und dadurch die Dunkelheit der Welt zu erhellen, wenn auch zunächst nur schwach und unscheinbar und von wenigen bemerkt. Es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, wir Christen hätten einen anderen Weg zu gehen.
Immer wieder sucht Gott uns auf seine Weise zu begegnen, um uns auf den Weg zu Jesus zu bringen. Wir sehen es deutlich im Hinblick auf die drei Weisen. Wenn sie auch keine Könige waren, so waren es doch königliche Menschen. In Ungewissheit und Wagnis nahmen sie Abschied von ihrer kleinen und vertrauten Welt. Mutig und mit Gottvertrauen verließen sie ihr bisheriges Leben und machten sich auf einen mühsamen Weg ins Unbekannte. So erweisen sie sich als Menschen, die nicht in Vordergründigem die Sinnerfüllung ihres Lebens suche, in denen vielmehr die Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen lebt.
In dieser Sehnsucht gingen die drei Weisen ihren Weg. Nie gaben sie auf. Als der Stern sie verließ, als man ihnen in der Stadt mit Verständnislosigkeit, List und lüge begegnete, brachen sie das Begonnene nicht ab. Ruhig und besonnen verfolgten sie ihr Ziel. Und als sie es erreicht hatten, wurden sie nicht irre, als sich der von ihnen gesuchte König als ein einfaches Kind erwies, das nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren worden war. Auf der Suche nach Gott fanden sie ihn im Antlitz dieses Kindes.
Weil sie einem Stern folgten, sind sie für uns zu einem Stern geworden, durch den uns aufgeht, was Glaube eigentlich bedeutet: „Sich herausrufen lassen aus seinen Sicherungen und Absicherungen; sich auf den Weg machen, den Gott uns durch seine Zeichen weist; nicht aufgeben, wenn dieser Weg ins Dunkel führt.“
Es ist verwunderlich: Obwohl diese Weisen von niemandem auf die Knie gezwungen werden konnten, knien sie sich vor diesem Kind nieder, um in ihm Gottes unergründliche Liebe anzubeten. Von „Anbetung“ ist heute nur noch selten die Rede. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: „Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich von Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Je mehr der Mensch Mensch wird, umso mehr wird er von de3m Bedürfnis gepackt, anzubeten.“ In ihrer Anbetung offenbaren die drei Weisen ihr königliches Herz.
Die Tatsache, dass sie auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehrten, bringt unter anderem zum Ausdruck, dass sie durch die Anbetung Gottes in diesem Kind andere Menschen geworden waren; denn Menschen, die in Jesus Gott gefunden haben, machen immer eine radikale Wandlung durch. Sie lassen sich ihre Weisungen von oben, vom Himmel geben. Das ist das Geheimnis ihrer Menschlichkeit. Von solcher Menschlichkeit ist bei Herodes wenig zu finden. Er schaut nicht nach oben; er schaut auf sich selbst. Daher ist er zu allem fähig. Es ist uns ein Wort überliefert, das Herodes gesprochen haben soll und das uns zeigt, wer er wirklich war: „Wenn ich tot bin, wird keiner weinen, aber ich werde dafür sorgen, dass viele Tränen fließen.“ Im Gegensatz zu Herodes denken die Weisen nicht von sich, sondern von Gott her: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“
Offenheit, Einfachheit und Frömmigkeit, das sind die königlichen Tugenden der Weisen. Wo sie sich in uns entfalten, da werden wir unsererseits zu Weisen und zu einem Stern für manchen anderen. Als die Füße der drei Könige nach Bethlehem liefen, da ist ihr Herz zu Gott gepilgert. Machen wir uns auch auf den Weg und gehen wir in unserem alltäglichen Leben in Wort und Tat Zeugnis von der ungebrochenen Kraft der Liebe, der Versöhnung und des christlichen Glaubens, damit auch unsere Mitmenschen das Leuchten des Sterns am nächtlichen Himmel erkennen und der Kraft gelebter Liebe trauen können. Versuchen wir – bei all unserer Unzulänglichkeit – unsere christlichen Visionen in die Tat umzusetzen, um so mit unseren Herzen zu Gott zu pilgern. Amen.

PM

060118 Hl. Drei Könige

060118
Erscheinung des Herrn
Mt 2, 1-12

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Das griechische Wort „Epiphanie“, das dem heutigen Fest seinen Namen gibt, heißt „Erscheinung“. Schon damit wird jedem, der Gott sucht, etwas Wichtiges gesagt: Kein Mensch kann Gott unmittelbar erkennen. Wir können ihn immer nur als den erfahren, der in den verschiedensten Dingen dieser Welt in Erscheinung tritt. So ist es heute, so war es damals.
Ich denke an Edith Stein, die ungläubige, aber Gott suchende Philosophin, die als Karmelitin während der Naziherrschaft ums Leben kam. In den dunkelsten Tagen ihres Lebens war sie bei ihrer Freundin zu Besuch. Dort fiel ihr ein Buch in die Hand. Sie las darin die ganze Nacht. Als sie es am Morgen ausgelesen hatte, sagte sie: „Das ist die Wahrheit!“ Dieses Erlebnis wurde zur Sternstunde ihres Lebens und Ursache eines radikalen Neubeginns. In einem Buch also war ihr Gottes Wirklichkeit aufgegangen.
Dem jungen gottlosen Dichter Paul Claudel war Gottes lichtvolle Nähe in der Kathedrale von Paris während eines weihnachtlichen Gottesdienstes erschienen. Ein Knabenchor sang gerade das Magnifikat. Da geschah auf einmal etwas Unerwartetes, das für das ganze Leben des Dichters bestimmend sein sollte. Claudel bekennt: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte…Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben! Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Es ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ignatius von Loyola ging der Stern Gottes auf dem Krankenbett auf. Augustinus wurde durch eine Kinderstimme zu ihm hingeführt. Sie alle erlebten, was auch die drei Weisen aus dem Morgenland zur Wende ihres Lebens brachte. Sie erfuhren das Aufleuchten von Gottes Liebe in etwas ganz Alltäglichem. Oft sind es Nebensächlichkeiten, die auf einmal voller Licht sind und die uns so zu einem Stern werden.
Vielleicht fragen sie an dieser Stelle, wann wir selbst einmal in dieser Weise Gottes Liebe und Nähe erfahren durften? Ein östlicher Mönch antwortet darauf: „Jeder Mensch kann am Abend Gott zumindest für drei Dinge danken.“ Überlegen wir, ob dies stimmt. So kann uns zum Bewusstsein kommen, wie oft Gott den Stern seiner Liebe auch uns in unscheinbaren Dingen und alltäglichen Ereignissen aufleuchten lässt.
Wenn man die Kapitelle der mittelalterlichen Kathedrale von Autun in Burgund betrachtet, entdeckt man dort eine wunderbare Darstellung der drei Könige. Man sieht sie friedlich ruhend unter einer großen decke beieinander kauernd. Ein Engel rüttelt sie auf und zeigt auf den Stern. Fast ist es, als ob man ihn sagen hörte: „Wacht auf, schaut, ein wunderbarer Stern ist aufgegangen. Macht euch auf den Weg, selbst wenn er beschwerlich sein wird und folgt dem Stern!“
Wer dem menschgewordenen Herrn Jesus Christus begegnen will, muss sich aufrütteln lassen, aufwachen, die Augen öffnen und sich aufmachen, um dem Leuchten des Sterns zu folgen. Wenn Gott sich zurückgezogen hätte und in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, dann könnten wir heute nicht dieses fest feiern. Gott aber hat sich nicht gescheut, aufzubrechen und in die Dunkelheit der Welt hinabzusteigen und dadurch die Dunkelheit der Welt zu erhellen, wenn auch zunächst nur schwach und unscheinbar und von wenigen bemerkt. Es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, wir Christen hätten einen anderen Weg zu gehen.
Immer wieder sucht Gott uns auf seine Weise zu begegnen, um uns auf den Weg zu Jesus zu bringen. Wir sehen es deutlich im Hinblick auf die drei Weisen. Wenn sie auch keine Könige waren, so waren es doch königliche Menschen. In Ungewissheit und Wagnis nahmen sie Abschied von ihrer kleinen und vertrauten Welt. Mutig und mit Gottvertrauen verließen sie ihr bisheriges Leben und machten sich auf einen mühsamen Weg ins Unbekannte. So erweisen sie sich als Menschen, die nicht in Vordergründigem die Sinnerfüllung ihres Lebens suche, in denen vielmehr die Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen lebt.
In dieser Sehnsucht gingen die drei Weisen ihren Weg. Nie gaben sie auf. Als der Stern sie verließ, als man ihnen in der Stadt mit Verständnislosigkeit, List und lüge begegnete, brachen sie das Begonnene nicht ab. Ruhig und besonnen verfolgten sie ihr Ziel. Und als sie es erreicht hatten, wurden sie nicht irre, als sich der von ihnen gesuchte König als ein einfaches Kind erwies, das nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren worden war. Auf der Suche nach Gott fanden sie ihn im Antlitz dieses Kindes.
Weil sie einem Stern folgten, sind sie für uns zu einem Stern geworden, durch den uns aufgeht, was Glaube eigentlich bedeutet: „Sich herausrufen lassen aus seinen Sicherungen und Absicherungen; sich auf den Weg machen, den Gott uns durch seine Zeichen weist; nicht aufgeben, wenn dieser Weg ins Dunkel führt.“
Es ist verwunderlich: Obwohl diese Weisen von niemandem auf die Knie gezwungen werden konnten, knien sie sich vor diesem Kind nieder, um in ihm Gottes unergründliche Liebe anzubeten. Von „Anbetung“ ist heute nur noch selten die Rede. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: „Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich von Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Je mehr der Mensch Mensch wird, umso mehr wird er von de3m Bedürfnis gepackt, anzubeten.“ In ihrer Anbetung offenbaren die drei Weisen ihr königliches Herz.
Die Tatsache, dass sie auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehrten, bringt unter anderem zum Ausdruck, dass sie durch die Anbetung Gottes in diesem Kind andere Menschen geworden waren; denn Menschen, die in Jesus Gott gefunden haben, machen immer eine radikale Wandlung durch. Sie lassen sich ihre Weisungen von oben, vom Himmel geben. Das ist das Geheimnis ihrer Menschlichkeit. Von solcher Menschlichkeit ist bei Herodes wenig zu finden. Er schaut nicht nach oben; er schaut auf sich selbst. Daher ist er zu allem fähig. Es ist uns ein Wort überliefert, das Herodes gesprochen haben soll und das uns zeigt, wer er wirklich war: „Wenn ich tot bin, wird keiner weinen, aber ich werde dafür sorgen, dass viele Tränen fließen.“ Im Gegensatz zu Herodes denken die Weisen nicht von sich, sondern von Gott her: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“
Offenheit, Einfachheit und Frömmigkeit, das sind die königlichen Tugenden der Weisen. Wo sie sich in uns entfalten, da werden wir unsererseits zu Weisen und zu einem Stern für manchen anderen. Als die Füße der drei Könige nach Bethlehem liefen, da ist ihr Herz zu Gott gepilgert. Machen wir uns auch auf den Weg und gehen wir in unserem alltäglichen Leben in Wort und Tat Zeugnis von der ungebrochenen Kraft der Liebe, der Versöhnung und des christlichen Glaubens, damit auch unsere Mitmenschen das Leuchten des Sterns am nächtlichen Himmel erkennen und der Kraft gelebter Liebe trauen können. Versuchen wir – bei all unserer Unzulänglichkeit – unsere christlichen Visionen in die Tat umzusetzen, um so mit unseren Herzen zu Gott zu pilgern. Amen.

PM

010118 Hochfest der Gottesmutter Maria

010118
Lk 2, 16-21
Hochfest der Gottesmutter Maria

Der Beginn eines neuen Jahres ist für viele der Anlass, auf der einen Seite Rückschau zu halten und sich zu fragen: Was hat das vergangene Jahr gebracht? Was bleibt? Was möchte ich mitnehmen in das gerade angefangene Neue Jahr? Andererseits schaut man aber auch auf das neue Jahr mit seinen 365 unbeschriebenen Kalenderblättern. Was kommt auf mich zu? Welche Veränderungen bringt das neue Jahr? Werde ich seinen Herausforderungen gerecht werden? Werden meine Erwartungen erfüllt werden? Das ist manches, was wir am Jahresbeginn bedenken und in unserem Herzen Hin- und her bewegen. Und dann noch die wesentlichste Frage, die wir nicht übergehen sollten: Wie wird sich die Botschaft dieses neugeborenen Kindes in dieser unserer Welt durchsetzen? Wenn wir an die Werbetechniken unserer großen Konzerne denken, dann nimmt sich die Werbung im Stall von Bethlehem recht dürftig aus. Gott scheint von der modernen Werbung einfach nichts zu verstehen. Um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, sucht er sich nicht zugkräftige Personen aus, die über entsprechenden Einfluss verfügen – er nimmt dazu Hirten. Um voll und ganz ermessen zu können, was das heißt, muss man sich vorstellen, welche Rolle Hirten im damaligen Palästina spielten: Diese Hirten waren nicht freundliche alte Männer – dazu haben sie sich erst bei uns als Krippenfiguren entwickelt. Von den Hirten damals wissen wir, dass das meist Leute waren, die keine gesicherte Arbeit fanden oder zu keiner anderen Arbeit taugten – Gelegenheitsarbeiter also. Wer den Beruf eines Hirten ausübte, der war bei Gerichtsverhandlungen nicht einmal zeugnisfähig, seine Aussage galt nichts. Die Weihnachtsgeschichte erzählt uns also kein Idyll; es ist gar nichts Rührendes daran, wenn berichtet wird, dass diese Leute nun plötzlich auftreten und die Nachricht von der Geburt eines Kindes verbreiten – eines Kindes durch das das Friede Gottes in diese Welt kommen soll. Die Reaktion: „Alle, die es hörten, wunderten sich über die Worte der Hirten.“ Diese priesen und rühmten Gott nach ihrer Rückkehr. Und was macht Maria? „Maria aber“, so heißt es in der Bibelübersetzung von Friedolin Stier, „hielt alles diese Worte verwahrt und fügte sie in ihrem Herzen zusammen.“
Maria erscheint hier als Vorbild des Glaubens. Ich geht es nicht um oberflächliche Sensationsgier und den Reiz des Ungewöhnlichen, sondern um ein wirkliches Bedenken, Meditieren und Aufnehmen der Worte und Ereignisse, die ihr geschenkt wurden. Es geht hier nicht primär um eine verstandesmäßige Durchdringung, sondern um eine geistliche Vertiefung, um eine „Ver-herzung“ des Geschehens.
Was hier von Maria erzählt wird, ist meinen Gefühlen zum Jahreswechsel nicht fern. Vielleicht ergeht es ihnen ähnlich: Ich habe gerade in unserer schnelllebigen Zeit, manchmal den Eindruck: Wir können mit unserem Herzen und unserem Verstand den vielen Ereignissen und Herausforderungen unseres Lebens gar nicht mehr folgen. Wir leben vor uns hin, ein Jahr folgt auf das andere, aber Sinn und Verbindung zwischen den einzelnen Erfahrungen und Lebensstationen sind nicht erkennbar. Ständig neue Ereignisse, Techniken, Ideen und Moden stürzen auf uns ein.
Wir müssten Innehalten, hinhorchen, genau wahrnehmen, das eine oder andere länger im Herzen bewegen. Wir müssten lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Wir müssten lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gerade in den schnellen und immer schneller werdenden Abläufen unserer Zeit käme es darauf an, Halt zu finden. Gerade in der ständig zunehmenden Informationsflut käme es darauf an, in all dem Geschwätz und aller Oberflächlichkeit das heilende Wort zu suchen und zu finden. – Aber wie?
Vielleicht kann uns an dieser Stelle ein Ordensvater, der hl. Franz von Sales (1567-1622) helfen. Franz von Sales lehrte die Menschen vor allem die kleinen Tugenden wie Geduld, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und auch die Achtsamkeit. Achtsam sollen wir durch den Tag gehen. Hilfreich ist dabei die sogenannte „Vorbereitung auf den Tag“. Franz von Sales rät, sich am Morgen eine kurze Zeit der Besinnung zu gönnen, um so auf die Ereignisse und Begegnungen und Arbeiten des Tages schauen zu können und sie unter den Segen Gottes zu stellen. Während des Tages kann man sich zwei oder drei Sekunden daran erinnern, dass Gott bei einem ist, dass wir in seiner Gegenwart leben und arbeiten. Nützen wir jeden dieser kommenden Tage, dass wir das, was uns bewegt und was wir im Herzen tragen, Gott hinzuhalten. Der Blick auf Maria, die ihr Leben und die Verheißungen Gottes in ihrem Herzen bewahrte und zusammenfügte, kann uns helfen, diese Chance zu nutzen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ







241217 Christfest



241214
Christmette
Tit 2,11-14
Lk 2,1-14
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Was soll ich Ihnen in dieser nächtlichen Feier über das Weihnachtsfest sagen, dass sie nicht ohnehin schon wissen. Die Botschaft ist bekannt, unsere Weihnachtskrippen stellen die Szene in vielfacher Weise dar und auch die Filmindustrie hat das Geschehen mehr oder weniger anspruchsvoll dargestellt. Und somit ist das Weihnachtsfest zu etwas geworden, dass wir mit einer gewissen Routine feiern: Aufputzen des Christbaumes, Aufstellen der Weihnachtskrippe, Abendessen mit seinen Lieben und dann die Bescherung. Möglicherweise auch noch das Absingen von „Stille Nacht“, wenn es die Familie noch schafft. Ja fasst hätte ich den Besuch der Mitternachtsmette vergessen. Das Kapital für die Geschenke ist aufgebraucht, bei etlichen Menschen ist das Konto sogar überzogen worden, aber Hauptsache es sind alle zufrieden. Aber ist das alles?
Nicht umsonst lässt uns die Kirche die großen Geheimnisse unseres Glaubens jedes Jahr in einem reichen Zyklus feiern, weil wir Menschen immer wieder diesen Anstoß brauchen, der uns wieder einmal ins Bewusstsein ruft, was es mit unserem Leben und mit unserer Beziehung zu Gott auf sich hat.
Es ist gar nicht so einfach für uns geschäftige Menschen in diesen Tagen zum Kern des Weihnachtsfestes vorzustoßen. Die Botschaft ist uns zu vertraut, als dass sie uns in ihrer ganzen Tragweite noch ansprechen könnte. Jedes Jahr versuchen wir uns in Stimmung zu bringen und es gelingt uns nicht. Vielleicht deshalb nicht, weil wir in Versuchung sind, das Geschehen der Heiligen Nacht zu sehr zu verniedlichen. Möglich auch, dass der eigentliche Weihnachtstag für viele in einem Erschöpfungszustand erlebt wird nach all den Rennereien und dem Suchen nach den passenden Geschenken.
Was aber erzählt uns das Evangelium wirklich für diese Nacht? Da wird einmal gesagt, dass eine Familie unterwegs ist, nein nicht auf einer Vergnügungsreise, sondern unter beschwerlichen Umständen. Eine schwangere Frau ist es und er ermüdeter einfacher Mann, die da nach einer Herberge suchen. Nach einem kleinen Platz, wo sie sich ausruhen können und wo die Frau in Ruhe ihr Kind zur Welt bringen kann.
Wir kennen alle das Suchen nach einem Platz – es ist meist der Parkplatz, der in diesen Tagen Mangelware war. Wir werden auch immer mit Menschen konfrontiert, die keinen Platz haben, mit den Flüchtlingen, den Heimatlosen. Und nicht zu vergessen all jene Menschen, die zwar eine Wohnung, vielleicht sogar ein schönes Haus haben aber in zerrütteten Verhältnissen leben. Und – haben wir selber eine Heimat? Werden wir nicht in unserem Alltag gejagt und gehetzt, so dass auch wir keinen Platz mehr finden zum Ausruhen? Was uns quält sind Zukunftsängste, die täglichen Probleme, Konflikte und der alltägliche Kleinkram. Da haben wir kein Gehör mehr für jemand der bei uns anklopft und bei uns eine Bleibe sucht, selbst wenn es Gott selber wäre.
Aber auch wenn wir für Ihn keine Zeit haben, wenn wir besetzt sind von unseren eigenen Sorgen und Problemen, Gott geht trotzdem immer wieder auf uns zu. Auch wenn wir ihn in unserem Leben an den Rand drängen, er gibt dennoch nicht auf. Und wenn viele Menschen unserer Tage ganz offensichtlich von Gott nichts mehr wissen wollen oder mit ihm nichts mehr anfangen können: er klopft immer wieder bei uns an. Das ist Weihnachten: Gott gibt nicht auf in seinem Bemühen um uns Menschen. So sehr liegen wir ihm am Herzen.
Und was bemerkenswert ist: Gott macht nicht einmal ein Drama daraus, dass wir Menschen ihm nicht den gebührenden Raum anbieten. Er hat sein Kommen lange angekündigt durch seine Propheten, durch Johannes den Täufer zuletzt. Trotzdem ist nichts vorbereitet und kein Platz da, als er kommt. Und wie reagiert Gott? Als ob es das Selbstverständlichste wäre, kommt er in einer Viehkrippe zur Welt. Wir haben zwar in unseren Weihnachtserzählungen ein kleines Drama aus der Herbergsuche gemacht; aber im Evangelium selbst spielt sie fast gar keine Rolle. Nur in einem Nebensatz wird erwähnt, dass in der Herberge kein Platz war. Mit so viel Verständnis begegnet Gott uns Menschen. Er nimmt es fast gleichmütig hin, dass für ihn in dieser Welt kein Platz ist außer in einem Stall. Er will uns trotzdem begegnen, auch wenn uns in unserer Weihnachtsvorbereitung vieles andere wichtig ist, aber Gott oft nur eine Nebenrolle – wenn überhaupt – spielt. Er nimmt den Platz den er bekommen kann, Hauptsache, er kann bei uns Menschen sein.
Um uns nicht zu viel in Gefühlen zu baden: es entsteht doch die Frage: Wie reagieren wir auf dieses Geschehen, dass ja in seiner Einmaligkeit vor 2000 Jahren schon geschehen ist und für uns sich zigmale wiederholt hat? Überlassen wir diese einmalige Tat Gottes nach den Feiertagen wieder der Vergessenheit oder stellen wir uns in unserem Leben darauf ein? Nehmen wir diesen anklopfenden Gott ernst oder begnügen wir uns mit der weihnachtlichen Stimmung?
Das Weihnachtsgeschehen sollte lebendig bleiben. Gott möchte uns nicht als bloß Zuschauer und Bewunderer, sondern als Agierende. Die Botschaft vom liebenden und menschenfreundlichen Gott sollte durch jeden von uns weitergetragen werden. Die Menschen, die uns begegnen sollten ein wenig von dieser Liebe Gottes spüren können. Das wäre unsere Aufgabe in unserer Welt. Wir stellen uns sehr oft bei so manchen Ereignissen die Frage: Wo ist denn da Gott, warum tut er nichts, warum hilft er nicht dem Elend in der Welt ab? , Macht
Diese Frage müssten wir an uns selber richten in scharfem Gegensatz zum armen und machtlosen Kind in der Krippe steht unser Streben nach Macht und Besitz, angefangen von der Familie bis hinein in die große Politik.
Gott möchte unseren Beitrag, wir sind dazu berufen seine Botschaft in dieser Welt lebendig werden zu lassen.
Wir räumen nach den Feiertagen die Krippe wieder weg; aber die Krippe in unserem Herzen soll bleiben. Das ist der Platz wo Gott in uns wohnt, wo wir ihn immer ansprechen können, wo wir einen lebendigen Kontakt zu ihm aufbauen können. Gelingt uns dies, dann werden auch wir ein wenig die Welt verändern können und Gott in ihr den ihm zustehenden Raum schaffen. Amen.
PM

171217 3. Adventsonntag

161217
3. Adventsonntag
Phil 4,4-7
Lk 3,10-18
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Das Weihnachtsfest hat in unserem Leben einen besonderen Stellenwert. Es sind jene Stunden, in denen den Menschen eine Botschaft vermittelt wird, die sie vielfach nicht annehmen wollen. Die Worthülsen, mit denen wir das Fest deuten
machen keinen Eindruck mehr. Der Weihnachtsmann hat dem Christkind die Show gestohlen und die Krippe wird zum Möbel in unseren Wohnzimmern. Und wenn in Steyr das Christkind in Gestalt hübschen jungen Frau auftritt ist das der Gipfel der Geschmacklosigkeit. Wer denkt da noch an eine Men-schwerdung Gottes, wenn sich selbst die Engl schwer tun mit ihrem „Frieden auf Erden“, einem Frieden, der vielfach gar nicht gewollt wird, weil viele am Unfrieden verdienen.
Aber bleiben wir bei uns selbst? Fragen wir uns nach unserem Glau-ben. Wir haben ihn uns nicht selber ausgesucht, er ist uns mitgegeben wor-den. Unsere Eltern haben uns taufen lassen, wir sind zur Erstkommunion gegangen und wurde zur Firmung geführt. Das war oft dann auch das letzte Mal gewesen, o man in einer Kirche war. Fazit: unser Glauben war nicht un-sere eigene Entscheidung, wir sind sozusagen mit ihm etikettiert worden. Wir sind auch nicht in Situationen gekommen wo es schwer wurde sich zum Christentum zu bekennen, wo man nachteilig behandelt wurde, wenn man sich als Christ bekannte.
Und da werden wir wieder konfrontiert mit diesem Fest.
Ich sage dies im Hinblick auf das Geburtsfest Jesu, das wir in einer Woche feiern. Ist auch dieses Fest für uns ein freudiges Ereignis? Diese Frage lässt mich unwillkürlich an eine bestimmte Stelle in einem der Romane des russischen Dichters Dostojewski denken. Dort heißt es: „Es war schon dun-kel geworden, und das Wetter hatte sich verändert. Wie viele verdrossene Gesichter unter den einfachen Leuten, die von der Arbeit und aus den Ge-schäften hastend heimeilen in ihre Winkel! Ein jeder hat seine eigene trübe Sorge im Gesicht, und in der ganzen Menge war vielleicht kein einziger ge-meinsamer, alle vereinender Gedanke.“
Obwohl sich diese Beobachtung auf ein ganz anderes Land, auf eine ganz andere Zeit mit ganz anderen Menschen und auf eine ganz andere Situa-tion beziehen, umschreiben sie in treffender Weise auch unsere vorweih-nachtlichen Verhaltensweisen. Wie wenig spiegeln sich auf unseren Gesich-tern die hellen Lichterketten und die angestrahlten Schaufenster wider! Wie selten sehen wir ein Lachen oder ein Lächeln selbst bei denen, die mit voll gepackten Taschen heimeilen! Das trifft keineswegs nur für die einfachen Leute zu.
Warum ist das so? Vielleicht dürfen wir darauf antworten: Weil der Inhalt der gefüllten Taschen die trüben Sorgen nicht aus unseren Gesichtern vertreiben kann. Noch tiefer greift die Vermutung: In der ganzen Menge gibt es keinen gemeinsamen, alle verbindenden Gedanken. Mit anderen Worten: In all unseren weihnachtlichen Bemühungen ist uns der gemeinsame, alle vereinende Gedanke verloren gegangen – der Gedanke an das freudige Ereig-nis der Menschwerdung Gottes.
Wie sehr dies zutrifft, zeigt uns der Hinweis, den nicht wenige Eltern ihren Kindern geben: „Wenn du nicht brav bist, dann kommt das Christkind nicht zu dir.“ Dabei bemerken sie nicht, wie sehr sie mit dieser Pädagogik das Geheimnis von Weihnachten missbrauchen und verfremden. Ist denn Gott Mensch geworden, weil wir so brav sind und bei uns alles in Ordnung ist? Gewiss nicht; denn der Grund für Gottes Menschwerdung ist alles ande-re als die Belohnung für unser Wohlverhalten. Vielmehr trifft das Gegenteil zu! Er wurde Mensch, weil wir alle Sünder sind, weil uns Elend, Not und Schuld gefangen halten. Gerade, weil bei uns nichts in Ordnung ist, wurde er Mensch, um uns in all dem, was uns bedrückt und belastet, nicht allein zu lassen. Er wurde Mensch um uns aus diesem Tal der Tränen herauszuführen und uns zu zeigen, was menschenmöglich ist, wenn man sich von ihm an die Hand nehmen lässt. Das ist der weihnachtliche Gedanke Gottes; er ist der tiefste Grund unserer Freude auf dem Weg zum bevorstehenden Fest.
Wie tief diese Freude das menschliche Herz erfüllen kann, zeigt uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinde inPhilippi. Als Paulus die-sen Brief im Jahre 58 von Rom aus schrieb, saß er bereits vier Jahre im Ge-fängnis und sah mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit seinem Tod entgegen. Die Philipper dagegen standen noch am Anfang ihres Weges als Christen, und dunkle Tage, Gefahren und Verfolgungen lagen unausweichlich auch vor ihnen. Dennoch schrieb ihnen Paulus: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Eure Güte werde allen Menschen bekannt. Der Herr ist nahe. Sorgt euch um nichts“.
Die Freude, die Paulus hier meint, ist also alles andere als ein enthusi-astischer Jubel. Sie ist keine Hochstimmung, kein seliges Gefühl, in dem man die ganze Welt umarmen möchte; denn ein solches Gefühl vergeht so schnell wie der Gegenstand, an dem man sich freut.
Die Freude, zu der uns Paulus aufruft, ist anderer Art. Es ist eine Freude, die die Augen nicht vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod und der Zerfall verschließt. Diese Freude übersieht auch diejenigen nicht, die sich heute nicht satt essen können. Zudem weiß sie um all diejenigen, die sich ein-sam und verlassen fühlen. Sie vergisst nicht jene, die ohne Hoffnung in unse-ren Krankenhäusern liegen. Dennoch bleibt sie sich bewusst, dass weder das persönliche Leid noch das ganze Elend der Welt ewig dauert; denn sie lebt aus dem unverbrüchlichen Glauben, dass der menschgewordene Gott in all das eingegangen ist, dass er es durchgelitten und überwunden hat, so dass der Tod nicht das letzte in unserem Leben ist. Daher betet die Kirche gerade in diesen Tagen: „Zeige uns den rechten Weg durch die vergängliche Welt, und lenke unseren Blick auf das Unvergängliche.“
Dieser Blick auf das Unvergängliche schenkt uns mit der Freude eine innere Gelassenheit, die die eigenen Mühen zwar ernst, aber nicht zu ernst nimmt. Sie kennt das Elend, aber sie lässt sich von ihm nicht erdrücken. Sie spürt die Sorgen, aber sie lässt sich von ihnen nicht auffressen. Das mag ein wenig befremdlich klingen. Doch das Eigentümliche ist, dass Gott uns sagt, wir seien in jedem Fall für die Freude geschaffen. Wenn man die Freuden dieser Welt verlassen muss, dann nur, um größere zu finden. Das bestätigt eine kleine Notiz, die mir in einmal in die Augen fiel. Sie macht darauf auf-merksam, dass es in der Weltliteratur kein Buch gibt, in dem so viel wie in der Bibel von der Freude die Rede ist. 2800- mal komme sie darin vor. Sollte uns das nicht nachdenklich machen?
Weihnachten – ein freudiges Ereignis! Wir schenken, weil sich Gott geschenkt hat. Wir lieben, weil Gott uns zuerst geliebt hat. Wir dürfen gelöst sein, weil Gott uns erlöst hat. Eine Freude, die nur im Gefühl besteht, lässt uns am Ende der Weihnachtstage sagen: „Schade, jetzt ist wieder alles vor-bei!“ Die Freude aber, zu der uns Paulus aus dem Gefängnis heraus aufruft, bleibt, auch wenn die Weihnachtstage vergangen sind. Auch in den dunkels-ten Stunden unseres Lebens will sie uns ermutigen und Tragen. Von dieser Freude sagt Jesus in seinen Abschiedsreden, dass nichts und niemand sie uns nehmen kann.
Einen Satz sollten wir uns aber noch einprägen und mitnehmen. Den Satz, wo Paulus sagt: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“. Freude kann auch weitergeschenkt werden. Und das ist ja unsere besondere Aufgabe als Christen, dass wir das weiterschenken, was Jesus uns gebracht hat, dass die Menschen, die uns begegnen, etwas von der Güte und Menschenfreund-lichkeit Gottes erfahren dürfen. Amen. PM.

101217 2. Adventsonntag

101217
2. Adventsonntag
Mk 1.1-8
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„Anfang der Heilsbotschaft von Jesus Christus“, so hieß es eben im Evangelium, und ich glaube, dass keine Zeit uns mehr aufschließt und empfänglicher macht für diese Botschaft als die adventliche Zeit. Zu keiner Zeit sehnen wir uns mehr nach dem, was unser Leben erhellen könnte, als in dieser Jahreszeit, in der das Dunkel alles beherrscht und das Licht des Tages nur wenige Stunden erhellt. Heilsbotschaft! Wer sehnte sich nicht danach, dass wieder heil wird, was krank und verwundet ist in seinem Leben. Wer sehnte sich nicht danach, dass Glück, Freude und Friede in sein Leben einkehren? Und genau das will diese Botschaft vom Christus, dem Heiland, dem Sohn Gottes, uns immer neu schenken. Sie ist der kostbare Schatz, aus dem wir immer wieder Altes und Vertrautes und doch auch immer wieder Neues hervorholen können.
Wenn wir eine heilvolle Geschichte erzählen können, dann geht es uns wie Kindern: Wir wollen sie und können sie immer wieder hören und beginnen ähnlich wie das Evangelium, ja, so hat das angefangen in der Wüste und mit Johannes, der den Beinamen der Täufer erhielt. In der Wüste, wo kein Laut die Stille durchbricht. In der Wüste, in der nicht nur das Klopfen des eigenen Herzens, sondern auch die leise Stimme Gottes vernehmbar wird. Dort in der Wüste erhebt Johannes seine Stimme: „Bereitet dem Herrn den Weg. Macht seine Pfade gerade!“ Gott will kommen und wird kommen, aber wir müssen ihm einen Weg bahnen. Wir müssen die krummen Pfade verlassen, auf denen wir oft genug gehen, das heißt, wir müssen alles das aus dem Weg räumen, was Gott hindert, zu uns zu kommen. Wir müssen aufhören mit dem ewigen Wenn und Aber und uns klar für ihn entscheiden.
Die Botschaft des Johannes ist eindeutig: Laßt euch taufen! Bekehrt euch, damit eure Sünden vergeben werden! Die Taufe, die Johannes fordert, ist eine Taufe für alle. Alle haben sie nötig. Die soll sinnfälliges Zeichen dafür sein, dass sich die Menschen reinigen wollen von allem Bösen. Das Untertauchen ist wie eine Art Begrabenwerden, so wie es Paulus später deuten wird, ein Begraben des alten Menschen, der der Sünde und dem Bösen verfallen ist, und herauskommen soll ein neuer Mensch, der bereit ist, die Wege Gottes zu gehen. Darum verlangt Johannes nicht nur die Taufe, sondern gleichsam auch das Bad des Herzens, wenn er mit der Taufe die Bekehrung verlangt, Reinigung durch das Bad der Taufe, Reinigung durch das demütige Bekenntnis und Bereitschaft zur Umkehr, das ist Wegbereitung, wie wir sich auch heute noch vollziehen können und müssen, wenn wir Advent, d.h. Gottes Kommen bei uns erleben und erfahren wollen.
Die Leute sind damals in Scharen zu diesem seltsamen Mann am Jordan gekommen. Sie hatten wohl andere Erwartungen als das, was ihnen Johannes sagte. Das Volk Israel wartete auf den Messias und mit ihm auf eine radikale Veränderung der politischen Lage. Sollte etwa Johannes der Erwartete sein? Aber der redete doch ganz anders, als sie es sich vom Messias erwarteten.
Wir warten auf Weihnachten. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Fest. Was erwarten wir von Weihnachten? Ein paar freie Tage? Ein schönes, friedliches Zusammensein mit der Familie? Erinnerungen an längst vergangene Kindheitserlebnisse? Worauf hoffen wir? Dass sich Spannungen lösen, auf Besserung er politischen oder sozialen Lage?
Was macht Weihnachten eigentlich so auffallend faszinierend für viele Menschen in unserem Land, auch bei denen, denen der Glaube nichts mehr bedeutet? Ist es nur romantische Nostalgie? Oder vielleicht eine unbewußte, undefinierbare Sehnsucht nach ganz Anderem, eine Ahnung, dass Leben mehr sein muß als das, was wir uns leisten können?
Johannes zerstört mit deutlichen, ja harten und provozierenden Worten die Materialistischen Messiaserwartungen seiner Landsleute. Er fordert sie auf zur Umkehr, zur radikalen Umkehr. Da ist nicht von sozialen und politischen Umwälzungen die Rede; da geht es um die Revolution des Herzens. Johannes bezeugt den Messias als das „Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“.
Aber, ist das noch die Sehnsucht unserer Zeitgenossen? Ist für viele Menschen von heute die Sünde nicht abgeschafft? Abgeschafft zugleich mit der Abkehr von Gott, der nicht mehr anerkannt wird, dessen Realität in Frage gestellt wird. Die Sünde des Paradieses wiederholt sich immer wieder: der Mensch trennt sich von seinem Schöpfer, er nimmt seine Wirklichkeit nicht mehr ernst, er begeht die Dummheit sich von dem loszusagen, der ihn erschuf und im Dasein erhält. Diese Menschen haben keine Erlösung nötig.
So will uns Johannes in dieser vorweihnachtlichen Zeit auf das Eigentliche, auf das Wichtigste von Weihnachten aufmerksam machen.
Unsere Erwartungen sind anderer Art als jene der Menschen damals. Aber sind sie nicht auch typisch materieller Art? Jesus aber wurde Mensch um uns ein Leben mit Gott zu eröffnen. Die Befreiung, die er meinte und brachte, reicht weiter und tiefer als unsere Erwartungen. Auf diesen einen und einzigen Heilsbringer hinzuweisen und die Menschen zu ihm zu führen war der Auftrag Johannes des Täufers. Darum versprach er nicht das goldene Zeitalter, sondern forderte Umkehr.
Wo immer wir statt dieses Zieles Besitz und Genuß und Ansehen unter dem Menschen als wichtigstes Lebensziel ansetzen, wo wir alles auf diese eine Karte setzen, verfehlen wir den Sinn unseres Lebens. Das galt für die Zuhörer am Jordan damals, das gilt auch für uns.
Und das Kommen des Heilands zu mir, zu einem jeden von uns: es ist unbedingt ernst zu nehmen. Gott möchte den Menschen begegnen, Gott ist wie einer, der vor der Tür steht und anklopft und dem wir oft in unserem Leben nicht öffnen. Gott ist einer, der bei uns ist in allen Situationen unseres Lebens, aber wir bemerken ihn nicht. Gott ist einer, der zu uns sprechen möchte durch all die Ereignisse unseres Lebens hindurch, aber wir haben kein offenes Ohr für ihn. Die Wege Gottes zu unserem Herzen sind oft verschüttet, verschüttet durch vielerlei Dinge, nicht zuletzt durch unsere Sorgen und durch die Probleme, von denen wir immer glauben, dass wir allein mit ihnen fertig werden müssen. Sicherlich ist all unser Einsatz gefordert; aber die nötige Ruhe in unserem Leben schenkt uns doch jene Gewißheit, dass wir auch Gott etwas zutrauen dürfen.
Gäbe es doch in unserem Leben auch immer wieder Gestalten wie Johannes den Täufer, der die Menschen aufrüttelte, der ihnen zwar harte Worte sagte, aber ihnen auch Mut machte, ihre Bekehrung neu in Angriff zu nehmen.
So sind die aufrüttelnden Worte des Johannes nur der Prolog zur Freudenbotschaft, die heute schon in der Lesung angekündigt wurde: dass uns Trost zuteilwird, dass wir keinen Grund mehr haben, uns zu fürchten. Wäre das nicht etwas, das wir vielen Menschen von heute zurufen sollten, denn für viele geht die Botschaft der Weihnacht und des Adventes unter in Geschäftigkeit und im Trubel. Weihnachtsmänner statt dem Christuskind. Und die Krippen, die angeboten werden in allen Größen und Preislagen, sie sind leider zur bloßen Attrappe geworden, zur reinen Staffage. Die wesentlichen Inhalte des Festes sind leider bei vielen verloren gegangen.
Wenn wir selber dem Herrn die Wege zu unserem Herzen bereiten, vielleicht gelingt es uns durch unser eigenes gelebtes Christentum die Herzen so mancher Menschen wieder zu öffnen für das Wesentliche. Amen.

031217 1. Adventsonntag


031217
1. Adventsonntag
Jes 63,16b-17
Mk 13,24-37
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Wir leben nicht mehr in einer sichern Welt. Vieles ist ins Wanken geraten, was früher als sicher galt. Die Gedanken der Apokalypse des Johannes von der wir in den letzten Tagen des Kirchenjahres gehört haben, sind uns gar nicht mehr fremd. Überall in der Welt entdecken wir die Spuren des Bösen. Und das nicht nur in der Welt der Terroristen in ihren verschiedenen Gliederungen, sondern auch in unserer westlichen Hemisphäre. Was auf der einen Seite Terror ist, ist bei uns Glaubenslosigkeit, Zügellosigkeit oder können wir nicht gar schon sagen: Sodom und Gomorrha ist wieder aktuell geworden? Und so müssen wir aufgerüttelt, wachgerüttelt werden durch all die Unsicherheiten unserer Tage.
Und da der Advent den Gedanken der Erwartung enthält, müssen wir uns auch fragen, was wir denn wirklich erwarten, was wir erhoffen. Viel steht da heute im Weg. Im Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und vielfach auch im Blick auf unser persönliches Leben scheint Resignation oder gar Verzweiflung die nahe liegende Antwort zu sein. Es gibt da ja auch die Untiefen im eigenen Herzen, die tiefsitzenden Enttäuschungen, das eigene Versagen. Die Hoffnungen ersticken einem im Herzen, wenn man es wagt, die Augen aufzumachen, wenn man nicht zufrieden ist mit dem kleinen Wohlstand, den man sich vielleicht herausschneiden kann aus der allgemeinen Misere.
Von all diesen Erfahrungen brauchen wir nicht abzusehen, wenn wir Advent feiern wollen. Er wäre falsch verstanden wollten wir ihn nur dazu nützen aus unserer Wirklichkeit in die Welt einer bloß kindlichen Weihnachtsvorfreude. Treffen sagt Isaias in der heutigen Lesung: „Wir sind alle Unreine geworden. Wie ein schmutziges Kleid ist unsere Gerechtigkeit.“ So hart setzt der Prophet ein. Er sieht das Elend seines Volkes in der Gefangenschaft, das eigentlich nichts mehr zu erwarten hat.
Und da erinnert er an die Großtaten Gottes. Mit großes Sehnsucht blickt er rückwärts: Was waren das doch für Zeiten! Damals stand Gott zu seinem Volk. Aber jetzt? Er scheint sich zurückzuziehen. Er ist entschwunden. Die Klagen und Gebete erreichen ihn nicht mehr. Er hat uns preisgegeben.
Erkennen wir uns da nicht wieder? Wie viele klagen: Gott kümmert sich scheinbar nicht mehr um seine Welt, unser Beten scheint vergeblich zu sein. Bei Isaias weckt die Klage aber nicht Resignation, sondern wird zu einem Impuls neuer Hoffnung. Es ist doch auch unsere Erfahrung: Wenn wir am Ende zu sein scheinen, dann gibt es oft nur noch zwei Möglichkeiten: Wir geben uns auf, oder die Stunde der Ohnmacht wird gerade zur Stunde des neuen Aufbruchs, der neuen Hoffnung. „Reiß doch die Himmel auf, und steig herab, dass die Berge vor dir erbeben!“ Das ist nichts Idyllisches oder Niedliches. Da reicht kein billiger Trost, der uns weiterschlafen lässt. Da geht es auch nicht um ein paar gemütliche Adventsstunden, sondern um die Grundausrichtung unseres Lebens. Damit ist nichts gesagt gegen einen stimmungsvollen Advent. Aber er muss uns dazu dienen, dass wir uns besinnen, wofür wir da sind, wonach wir uns ausrichten, was für uns wichtig ist; sonst ist der Advent nur eine fromme Flucht, die uns nicht weiterbringt.
Isaias schreibt weiter: „Du bist unser Vater, unser Erlöser von alters her.“ Diese Stelle ist eine der wenigen im Alten Testament, wo Gott „Vater“ genannt wird. Die Erinnerung an den Vater und Erlöser von alters her wird zur Hoffnung. Die Hoffnung wird zur Gewissheit: „Du kommst denen entgegen, die recht handeln.“
Doch das werden wir nur erkennen, wenn wir uns selbst auf den Hoffnungsweg machen. Wach müssen wir sein, aufgeweckt müssen wir werden. Wach sein müssen wir, damit wir die Zeichen der Zeit erkennen, damit wir uns nicht einlullen lassen von Propaganda und Reklame, damit wir nicht dem allgemeinen Klima der Resignation verfallen. Diese Resignation ist ja wie ein schleichendes Gift, das wir wie unsere Atemluft atmen und das uns erstickt. Und dann haben wir schnell die Sündenböcke für unser eigenes Fehlverhalten.
Aufmerksamkeit und Wachheit wie Jesus sie meint, bedeutet zunächst einmal mit allen Sinnen da zu sein. Jesus lebte diese Weise der Aufmerksamkeit. Er sah die Lilien auf dem Feld, er hörte die Vögel des Himmels, roch den Sauerteig, schmeckte Brot und Wein, fühlte die Nähe der Menschen. Weil er das alles konnte, wurde ihm die ganze Schöpfung zum Schauplatz und auch zur Nähe Gottes. Die Aufmerksamkeit der Sinne verbindet somit Himmel und Erde.
Eine neue Form der Wachsamkeit, wie Jesus sie lebte, ist die Wachsamkeit des Herzens. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, so spricht der Fuchs zum Kleinen Prinzen bei St. Exupery. Hier geht es um das Sehen aus unserer Mitte, aus der Herzensmitte heraus. Jesus selbst sah die Welt mit den Augen des Herzens. In den Kranken sah er die Möglichkeit des Heils und über den gefangenen die Freiheit hereinbrechen. In den trauernden fühlte er die kommende Freude und selbst bei den Toten sah er das Leben. Im Versagen der Menschen sah er die „felix culpa“, die glückliche Schuld.
Die Wachsamkeit des Herzens ist gleichbedeutend mit dem tieferen Blick, der den Grund der Dinge ansichtig macht. Jesus sah mit diesen inneren Augen, und so konnte er in jedem Menschen das göttliche Leben erkennen. In dieser Haltung saß er mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und rief Fischer, Zeloten und Steuereintreiber in seine Nachfolge. Keine noch so trostlose Krankengeschichte, keine noch so machtvolle Abhängigkeit, kein noch so großes Versagen konnte ihn vom Blick mit dem Herzen abhalten. Dieser Blick mit dem Herzen ließ ihn alle Chancen im Leben eines Menschen sehen.
Die Kunst der Wachsamkeit besteht nun darin, ganz in der Gegenwart zu leben: nicht im Gestern, das lange vorbei ist, und nicht im Morgen, der erst noch kommen wird. Die Kunst der Wachsamkeit bedeutet, den Augenblick ernst zu nehmen, denn er ist die einzige Zeit, in der wir das Leben, die Menschen und Gott erfahren bzw. verpassen können. Den Augenblick leben heißt: in ständigem Blickkontakt mit dem zu sein, das Gott mir über den Weg schickt. Wachsamkeit ist etwas ganz Einfaches, etwas Elementares. Sie meint, sich auf den Alltag einzulassen mit seinen Begegnungen und Herausforderungen.
Was verändert sich nun durch die Haltung der Wachsamkeit im Vergleich zu unserem gewöhnlichen Leben?
Wer in der Weise der Wachsamkeit lebt, lebt weit intensiver als die, die ihr Leben zwischen Bett, Arbeit und Fernsehen sicher und bequem eingerichtet haben. In dieser Haltung erwerbe ich die Gegenwart. Sie ist die einzige Zeit, die mir wirklich gehört. Sie ist der einzige Ort, den ich gestalten kann. Mit der Gegenwart gewinne ich gleichzeitig die Menschen, die Dinge und die Schöpfung, die mir in jedem Augenblick gegenüberstehen. Sie ist die einzige Chance zu lieben und geliebt zu werden. In ihr begegne ich letztlich Gott selbst.
Somit ist die Botschaft des 1. Adventsonntags eine aufrüttelnde; aber nicht eine ängstigende. Sie ist eine Ermunterung zu einem bewussten und wachen Leben, gegründet auf die eigenen Möglichkeiten, die uns von Gott geschenkt sind und auf die helfende Gegenwart Gottes im eigenen Leben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

261117 CHRISTKÖNIG

261117
Christkönig
Mt 25, 31-46
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Als das Christkönigsfest 1925 anlässlich des Heiligen Jahres von der Kirche eingeführt wurde, da war die Zeit der meisten irdischen Könige vorbei. Mit ihnen war verschwunden, was früher den Menschen Halt und Sicherheit geboten hatte. Nach dem ersten Weltkrieg schien die Welt aus den Fugen geraten. Die Wirtschaft lag am Boden, Hoffnungen waren zerschlagen, von der Zukunft erwartete sich kaum noch jemand etwas Besseres. In dieser verworrenen Lage versuchte die Kirche jenen Orientierung zu geben, die sich nicht mehr auskannten und nach einem Sinn für ihr Dasein suchten. Nicht alles ist zerbrochen, so lautete ihre Botschaft. In dem ganzen Durcheinander gibt es einen sicheren Fels. Der Erlöser hat sich nicht abgemeldet. Auf ihn ist auch dort noch Verlass wo alle anderen Mächte ihre Bedeutung verloren haben. Die Könige dieser Welt mussten in der Mehrheit ihren Thron verlassen, der König Christus aber hat nicht abgedankt. Er herrscht, sein Königtum hat Bestand, nichts und niemand auf der Welt kann seine Herrschaft beeinträchtigen.
Wir haben eben die Magna Charta der christlichen Barmherzigkeit, das Grunddokument von Nächstenliebe und Caritas gehört. Die hohe Bedeutung und der dringende Verpflichtungscharakter dieses Textes wird auch deutlich aus seiner Stellung am Ende des Matthäusevangeliums; dort stehen die letzten Worte und Aufträge Jesu vor seiner Passion; sie haben alle besonderes Gewicht. Vor allem die kühne und überraschende Gleichsetzung des triumphierenden und wiederkehrenden Weltkönigs und höchsten Gerichtsherrn mit den Ärmsten und Geringsten dieser Erde macht die Dringlichkeit dieses Appells zur Nächstenliebe deutlich.
Viele Christen handelten und handeln danach. Im Ausüben und Vollführen und Tun der sieben Werke der Barmherzigkeit legten und legen alle bekannten und unbekannten Heiligen der Nächstenliebe ein gewichtigeres und beredteres Zeugnis von der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft ab als Kaiser, Könige dieser Welt. Und wir sind davon überzeugt, dass ohne diese hohen Maßstäbe christlichen Lebens und ohne die Menschen, die danach leben, unsere Welt in vielem schlimmer aussähe.
Es ist interessant, dass die Gerechten sich dessen gar nicht bewußt waren, dass sie mit ihrem Gutsein und Guttun auch gleichzeitig einen Gottesdienst verrichtet haben, genauso wie die auf der linken Seite die Zusammenhänge zwischen ihrem Tun und der Forderung Gottes nicht begriffen haben.
Irgendwie hat uns Jesus ja unseren Gottesdienst leichtgemacht, indem er alle guten Taten unseres Lebens als ihm selbst erwiesen erklärt.
Damit leistet dieses Evangelium eine sehr weite und, wie ich meine, tröstliche Definition vom christlichen Leben; ich könnte mir vorstellen, dass es sich an Gläubige wendet, die Glaube und Religion recht eng auffaßten und auf Frömmigkeit, Gebetsleistungen, Gottesdienstteilnahme beschränkten. Solche Engführungen hat es immer wieder gegeben. Demgegenüber faßt Jesus Glaube und Frömmigkeit sehr weit: Glaube vollzieht sich und bewährt sich in der Welt. Gottesdienst ist auch Weltdienst. Wenn ich bewußt zu meinen Aufgaben und Rollen stehe, wenn ich sie in Verantwortung zu Schöpfung und Mitmensch ausführe, wenn ich in Partnerschaft und Solidarität mit meinen Mitmenschen umgehe, habe ich etwas vom Wesen des Christentums erkannt und lebe es bereits.
Der Weltgerichtsrede geht es also um wichtige Voraussetzungen für die gelebte Nächstenliebe: Die Bejahung der Welt und des Lebens, die Zuwendung zu Welt und Alltagsgeschehen, die Offenheit und wache Bereitschaft, die Schärfung unserer Sinne für die Erfordernisse des Augenblicks.
Es geht um die Sensibilität im Umgang miteinander, das erkennen, wo Hilfe, Zuspruch, Begleitung und Solidarität nottun; die Geistesgegenwart, im rechten Augenblick das Rechte zu tun, ich auch ein biblisches Ideal.
Es muss auch auffallen, dass den Gerechten des Gerichts erst im Rückblick, im Nachhinein, aufgeht, wie bedeutsam manche Augenblicke und Situationen ihres Lebens waren. Erst im Rückblick stellen sie fest, dass sie Christus begegnet sind; erst im nachhinein wird ihnen klar, wo sie Zentrales und Fundamentales erlebt und vollzogen haben. In der Situation selbst blieben ihre Augen gehalten, erkannten sie den wahren Stellenwert ihrer Situation keineswegs.
Die ist die tröstliche Botschaft für uns: Lebensrätsel und Lebensfragen lassen sich nicht sogleich beantworten und entwirren; Gottes- und Christuserfahrung sind nichts Alltägliches, Abrufbares und Planbares; erst im Nachhinein, im Nachdenken, im Reflektieren auf das Leben zeigt es sich, wo sich eine solche Erfahrung unbemerkt vollzogen hat. Aus Rückschau und Reflexion kann Glauben werden, aus diesem gläubigen Zurückschauen vieler Menschen und Gruppen ist die Bibel entstanden.
So ist es für unser gläubiges Leben immer wieder erforderlich, bewußt Rückschau zu halten auf kleine und große Abschnitte unseres Lebens, auf den Tag bei der abendlichen Besinnung, auf die Woche beim sonntäglichen Gottesdienst, auf größere Lebensabschnitte in Tagen der Besinnung. Vielleicht machen auch wir dann manch überraschende Entdeckungen, wo wir Christus gedient haben, wo wir ihm begegnet sind.
Diese fundamentale Erfahrung des Glaubens und des gläubigen Lebens geben auch die Legenden wieder, die sich um zwei unserer beliebtesten Heiligen ranken, um den Hl. Martin und dem Hl. Christophorus.
Dem Hl. Martin wird erst im Traum deutlich, dass der Bettler am Stadttor, mit dem er den Mantel geteilt hat, Christus war; darauf ändert er sein Leben. Der Hl. Christophorus ist sein ganzes Leben lang auf der Suche nach dem wahren Herrn und König der Welt. Ganz am Ende seines Lebens, als er ein kleines Kind über den Fluß getragen hat, erkennt er, wer der wahrhaft Größte ist im Reich Gottes; er nimmt die Taufe und dient von nun an dem König, der sich für uns am Kreuz erniedrigt hat und der uns begegnet im Geringsten der Mitmenschen, im Kleinsten der Mitmenschen.
Es gibt kaum eine andere Stelle im Evangelium, die in solcher Radikalität und Eindringlichkeit die Mitmenschlichkeit in den Vordergrund stellt und damit Jesu Liebesgebot in einer Weise illustriert, wie man es sich dichter kaum vorstellen kann. Menschendienst ist Gottesdienst; menschliche Wärme und Zuwendung wird nicht nur gelobt, sie ist das Einzige, was im Gericht bestehen kann. Jesus selbst hat uns vorgelebt, was in seinem Gericht sich als gültig, als richtig erweist. Ihm ging es in seinen Worten und in seinen taten immer darum, den Menschen in die Mitte zu stellen. Der Mensch soll leben können, aufrecht und befreit von seinen fesseln und Krankheiten. Jesu Anliegen war es, dem Menschen seine ursprüngliche Würde wiederzugeben, die er entweder aus eigener Schuld verschleudert hat oder die ihm andere weggenommen haben. Dieses neue Leben wird spürbar, wo Menschen nicht mehr gegeneinander, sondern mit- und füreinander leben. Wer Jesus begegnete konnte aufatmen, ahnte etwas von der Kraft dieses Lebens.
Schauen wir unseren Herrn und König an und entdecken wir dabei unseren Bruder, unsere Schwester. Schauen wir den Bruder und die Schwester an und entdecken wir dabei in einer neuen Weise unseren Herrn und König. Dann ist es recht, ihn zu loben und anzubeten. Er macht uns das Herz weit zur Gottesliebe und gleichzeitig sendet er uns zu den Menschen. Ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschermacht in Ewigkeit. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

191117 33. So im Jahreskreis

191117
33. Sonntag im Jahreskreis
Mt 25,14-30
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Wer hat, dem wird gegeben werden. Das erinnert uns sehr an unsere eigene Zeit, wo die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Da hat sich anscheinend seit der Zeit Jesu nicht allzu viel geändert. Wer heute Geld hat der bekommt leicht noch mehr: er erhält ohne Mühe Kredite und Verbindungen, und er ist reich genug, um sich ausrechnen zu lassen, wie man um das Steuerzahlen herumkommt. Auf den aber, der nicht hat, lauern die Haie, um ihm auch noch das Wenige abzunehmen, was er hat.
Auch die Geschichte, die Jesus erzählt, könnte heute spielen. Wir müssen sie nur in die Begriffe des heutigen Kapitalmarktes übersetzen. Ein Talent ist eine Währung, die dem Wert von 40 kg reinem Silber entspricht, d.h. etwa 5000 €. Der Besitzer teilt sein Barvermögen auf drei seiner Mitarbeiter auf. Dem Tüchtigsten gibt er das meiste. Dann verreist er. Er hofft nicht nur, dass er bei seiner Rückkehr sein Geld noch vorfindet, sondern erwartet auch, dass es inzwischen gut gearbeitet und ordentliche Gewinne gebracht hat. Entsprechend groß ist seine Befriedigung über die Mitarbeiter, die es geschafft haben, dass sich das Kapital in der Zwischenzeit verdoppelte. Und entsprechend groß ist sein Ärger über diesen Versager, der das Geld nutzlos unter der Erde dahingammeln ließ.
Das alles soll nun ein Gleichnis dafür sein, wie es im Reich Gottes zugeht? Man muß schon sagen, dass Jesus uns gelegentlich recht harte Nüsse zum Knacken aufgibt. Er tut das offensichtlich mit Absicht. Denn er weiß, dass die Einsicht, auf die wir selbst gekommen sind, besser schmeckt und viel nahrhafter ist als eine noch so wahre Lehre, die uns fix und fertig serviert wird. Deshalb erzählt er gerne Rätsel und Gleichnisgeschichten. Überlegen wir also: Was kann die Geschichte von den Talenten heute für uns bedeuten?
Der nichtsnutzige Diener wird hinausgeworfen in die äußerste Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ihn erwarten. Wird so etwas schlußendlich auch auf mich, auf uns zukommen? Werden auch wir so unsanft zur Kasse gebeten für alle Versäumnisse unseres Lebens?
Mit dieser Frage, mit dieser Befürchtung, nähern wir uns schon dem nichtsnutzigen Diener, haben seine Haltung beinahe schon übernommen. Denn was ist sein Problem? Problematisch ist nicht, dass seine Leistungen weniger ansehnlich, weniger eindrucksvoll sind als die seiner Kollegen. Das Problem des dritten Dieners ist: Er hat Angst, und diese Angst hat sich hochgeputscht zur höchsten Autorität in seinem Leben. Der „Geist der Verzagtheit“ hat ihn übermannt – so sehr, dass nichts mehr übrig ist vom „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“.
Er hat also Angst gehabt. Wovor? Vor dem Risiko. Schließlich hätte er ja das Geld auch bei einer ungünstigen Spekulation verlieren können und wäre dann mit leeren Händen vor seinem Herrn gestanden. Es wäre interessant, was der Herr in einem solchen Fall gesagt hätte. Meine Meinung dazu ist, er hätte den Einsatz seines Dieners gelobt und über den Verlust hinweggesehen.
Was ist, wenn wir auf unsere eigenen Talente schauen? Natürlich haben wir nicht alles richtig und gut eingesetzt. Und vielleicht würden wir aus der Sicht unseres heutigen Lebens so manches anders machen. Aber wenn wir ehrlich sind, haben wir auch vieles eingesetzt. Ich bin halt doch der Meinung, dass das Gute, das ein Mensch tut in der Regel seine schlimmen Taten überwiegt.
Aber nun die Frage: Wenn das so ist, warum überwiegt doch manchmal die Angst in unserem Leben und die Verzagtheit? Wo doch der Mensch von Natur aus auf Vertrauen hin angelegt ist.
Vertrauen – das war für uns alle der erste Schritt. Mit einem großen Satz sind wir in dieses Leben hineingesprungen, lange bevor wir auf eigenen Beinen stehen konnten. Säuglinge unterstellen vertrauensvoll: Wenn ich Hunger habe, dann gibt es Milch. Wenn ich schreie, eilen Zuwendung und Trost herbei. Wenn ich lache, finden die Großen das bezaubernd, sind begeistert. Manchmal könnte man auf die kleinen Kinder so richtig eifersüchtig sein, eifersüchtige deshalb, weil sie mehr vom Leben zu wissen scheinen als wir Erwachsene. Und es ist immerhin interessant, dass Jesus einmal gesagt hat: „Wenn ihr nicht werden wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“.
Leider können wir diesen Glauben der frühen Kindheit nicht festhalten. Wer weitergeht, ins Leben hinein, wird erfahren: Das Vertrauen kann schwach werden, kränkeln, verkümmern. Gegenkräfte treten auf den Plan, greifen das Vertrauen an und zersetzen es, höhlen es aus.
Können wir zurückfinden zu jenem kindlichen Vertrauen, das uns Jesus bei seinem Umgang mit den Kindern so sehr ans Herz gelegt hat? Können wir Gott gegenüber zu jenem vertrauensvollen Verhalten finden, wie es die Kinder zu Vater und Mutter haben?
Unser Vertrauen muss zusammengehen mit unserer Freude und Dankbarkeit über die Talente, die Gott uns gegeben hat. Nein, wir gehören nicht zu denen, die die Talente eingegraben haben, obwohl wir manchmal in Gefahr sind, sie zu verstecken. Vielleicht fehlt uns manchesmal auch ein gesundes Selbstbewußtsein, die Freude an unserem Christsein und an unserer Berufung, vielleicht fehlt uns die Freude darüber, dass Gott uns etwas zutraut und das er von uns erwartet, dass unser Christsein eine Ausstrahlung hat. Es geht darum die Frohe Botschaft in unserem Leben sichtbar werden zu lassen.
Und was uns noch fehlt ist das Bewußtsein, dass durch unser christliches Leben in unserer Welt etwas bewegt wird. Es wäre interessant, zu wissen, welche Wirkungen etwa unser Gebet hat, wie vielen Menschen Gott auf Grund unseres Betens besondere Gnaden schenkt, es wäre interessant zu wissen, wie sich das Gebet vieler Menschen für uns in unserem Leben ausgewirkt hat. Wir werden es einmal erfahren und darüber staunen.
Aber jetzt, in diesem Leben, in dem uns viele Zusammenhänge noch verborgen sind, sollen wir doch die Gewißheit in uns tragen, dass unser Leben eine Bedeutung hat, eine einmalige Bedeutung und dass wir Gott dankbar sein dürfen für die vielen Gaben und Talente, die er auch uns gegeben hat. Setzen wir sie ein, schaffen wir die Voraussetzungen, dass Gott unser geringes eigenes Tun als annimmt und es ergänzt durch die Gaben, die nur er schenken kann.
Alles ist Gnade. Aber die Mitwirkung mit dieser Gnade geschieht durch unsere guten Werke, durch den Einsatz unserer Persönlichkeit, um Christus, wie Paulus es einmal gesagt hat, in seiner vollendeten Gestalt darzustellen.
Wir wollen in Dankbarkeit gegenüber Gott und seinen Erwartungen an uns diese Heilige Messe feiern an deren Schluß der Sendungsauftrag steht: lebt so, dass Christus durch euch in dieser Welt sichtbar bleibt. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

121117 32. So im Jahereskreis

121117
32. Sonntag im Jahreskreis
Mt 25, 1-13
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E
ine Hochzeit im Orient ist ein ganz besonderes Fest, ein Fest, das das Einerlei des Alltags unterbricht und die Menschen in Gemeinschaft des Feierns zusammenführt. Dabei läuft ein strenges Ritual ab, das in der Zusammenführung und Begegnung von Braut und Bräutigam gipfelt
Wegen der hohen Bedeutung von Hochzeit im menschlichen Bereich wurden in der Heiligen Schrift oft die Vorgänge und Abläufe einer Hochzeit als Bild für die Begegnung Gottes mit dem Menschen verwendet. Bei den Propheten wird Gott gern als werbender, liebender und zärtlicher Bräutigam gezeichnet, der um seine Braut, das Volk Israel, wirbt.
Diese Hochzeitssymbolik und Brautmystik steht auch im Hintergrund unseres Gleichnisses von den zehn Brautjungfrauen. Bei diesem Gleichnis wird ein Ausschnitt aus dem orientalischen Hochzeitsritus verwendet, um religiöse Wahrheiten zu sagen, um Glaubenshaltungen zu lehren.
Bei der orientalischen Hochzeit finden die Trauung und das Fest im Haus des Bräutigams oder des Bräutigamsvaters statt. Die Braut bleibt so lange im Elternhaus, bis sie der Bräutigam mit seinen Freunden von dort abholt. Das ist zeitlich festgelegt; der Bräutigam kann sich aber verspäten; dann heißt für die Braut und ihr Gefolge, gespannt zu warten und ständig bereit zu sein für die Ankunft des Bräutigams. Dann entwickelt sich ein feierlicher Zug zum Haus des Bräutigams, und das Fest erreicht seinen Höhepunkt.
Unser Gleichnis nimmt als Momentaufnahme der Hochzeitszeremonie das Warten im Haus der Braut und wählt zur Darstellung dieser Haltung das Gefolge der Braut, die Brautjungfern als Beispiel; sie haben für das notwendige Bereitsein Sorge zu tragen.
In ihrer Konsequenz ist die Geschichte von den zehn jungen Mädchen mit den brennenden Lampen einleuchtend. Schaut man jedoch etwas genauer hin, dann melden sie Fragen an, die einen nachdenklich machen. Denn alle Mädchen gehen los; alle sind also im Grunde bereit; denn alle haben ihre brennenden Lampen dabei. Zudem freuen sich alle auf die Hochzeit. Schließlich schlafen all aufgrund des langen Wartens ein. Und dennoch sind im entscheidenden Augenblick nicht alle für das festliche Ereignis gerüstet: die einen haben reichlich Öl für ihr Lampen; den anderen ist es wegen des langen Wartens ausgegangen. Das führt nun zu grundlegender Scheidung in „töricht“ und „klug“. Gerade diese Scheidung gibt dem Gleichnis einen tiefen Ernst.
Da dieser Text einen Anruf enthält, der hier und heute an jeden von uns ergeht, tun wir gut daran, unseren Blick vor allem auf jene fünf Mädchen zu lenken, denen das Öl ausgegangen ist. Für die anderen ist ja ohnehin alles gut gelaufen. Dabei möchte ich vor allem auf zwei Gedanken aufmerksam machen. Zuvor nur dieses: Gewiss dürfen wir darauf hinweisen, dass wir alle an Jesus Christus glauben, zu dem wir durch die Taufe gehören. Außerdem beteiligen wir uns alle am Leben der Kirche und versuchen, die Botschaft Jesu zu verwirklichen.
Doch genau hier meldet sich, so meine ich, die erste Nachfrage an: Können wir mit Sicherheit sagen, dass wir die Botschaft Jesu leben? Von außen her mag es so erscheinen. Doch wie sieht es in uns aus? Bei objektiver Betrachtung stellen wir doch fest: Je älter wir werden, je mehr wir durch den ganzen Stress, durch die vielfältigen Belastungen in Familie und Beruf gefordert werden, das heißt: je länger der weg wird, den wir in unserem Leben zurücklegen, desto mehr treten andere Dinge in den Vordergrund, und vieles wird uns wichtiger. Wir brauchen uns nur zu fragen: „Woran hängt augenblicklich mein Herz? Was macht mich nervös? Wann und weshalb kann ich nachts nicht schlafen? Welche Motive bestimmen mein Handeln? Haben sie etwas mit dem Himmelreich zu tun?
Obwohl wir uns alle als Christen verstehen, ist es durchaus möglich, dass sich in unserem Innern die Akzente verschieben. Nicht selten stellt sich ganz unbewusst der Gedanke ein: „Es wird schon nicht so schlimm sein! Gott ist doch barmherzig! Im Grunde meines Herzens gehöre ich doch dazu! Und wirklich Böses tue ich ohnehin nicht! Aber im Augenblick ist mir dies hier wichtiger! Was Gott von mir erwartet, kann ich ja später immer noch tun! Aber im Moment geht etwas anderes vor!“
Diese Gesichtspunkte zeigen, wie sehr wir uns alle in der Situation jener jungen Mädchen befinden, die lange auf die Ankunft ihres Herrn warteten: Unser Leben dauert eine lange Zeit. Es ist eine lange Wartezeit. Dies bringt leicht mit sich, dass wir abstumpfen, gleichgültiger werden, uns von der Routine des Alltags verschlucken lassen und uns dem weltlichen Geschehen zunehmend anpassen. Immer mehr rollen wir die Fahne des Elans ein, die wir anfangs voll entfaltet in das Leben hinausgetragen haben.
Hinzu kommen Enttäuschungen, die aus dem Glaubensleben erwachsen: „Was bringt es denn wirklich? Warum lässt sich Gott in meinem leben so wenig erfahren? Und wenn ich mich zum Gebet aufraffe, rede ich dann nicht immer nur gegen Wände, von denen meine Stimme wie ein Echo zurückschallt? Allein vermag ich ohnehin nichts verändern!“ Hier erahnen wir etwas von dem Öl, das uns fehlt.
Damit verbindet sich eine zweite Überlegung. Denn war wir bislang sagten, macht deutlich, dass es nicht um Aussergewöhnliches, sondern um Alltägliches geht. Das Durchhalten im Kleinen und das treue Tun der alltäglichen Dinge, das is5 es, was unsere Lampen am Brennen erhält. Die Geduld miteinander, die Rücksichtnahme aufeinander, die Zeit füreinander, das Verständnis für die die Andersartigkeit des Partners, der Kinder, der Arbeitskollegen, das Einfühlungsvermögen in einen leidenden Menschen, das ist das Öl, ohne das unsere Lampen erlöschen. All das kostet nur ein wenig Liebe. So erweist sich das Öl als die Liebe, ohne die nichts läuft; denn sie ist das Menschlichste, das Selbstverständlichste und Alltäglichste.
Zuweilen sagen wir: „Er hat das Zeitliche gesegnet!“ Damit meinen wir, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Man kann dieses Wort aber auch auf andere Weise verstehen: „Er hat die zeitlichen Dinge gesegnet und ist jetzt eingegangen in die Freude seines Herrn!“ Segnen auch wir das Zeitliche durch unsere Hingabe an das Kleine, Unauffällige und Selbstverständliche, durch unser Hören auf den göttlichen Anspruch im gegenwärtigen Augenblick, durch unser Leben im Hier, Jetzt und Heute. Dann haben wir immer Öl genug; dann sind wir bereit, wenn immer auch der Herr kommt; dann öffnet sich uns das Tor zu ewigen Glückseligkeit wie von selbst. Amen.

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