Predigten 2018 3. Quartal


07.10.2018

27. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,2-16
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Hier geht es um die christliche Ehe als Sakrament mit all ihren hohen Anforderungen. Vom theologischen Verständnis her ist die christliche Ehe ein Abbild des Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Daher kommt ihr Anspruch auf Unauflöslichkeit. Wir wissen alle, dass diese hohe Forderung nicht immer erfüllt wird. Das hat verschiedene Gründe: die Menschen haben heute eine größere Lebenserwartung als in früheren Zeiten, Frauen sind nicht mehr so abhängig von ihren Männern, emanzipiert, wie man das heue nennt, selbständig. Eine Ehe kann zerbrechen und auch das hat wieder verschiedene Gründe. Eine Ehegemeinschaft die zerbrochen ist kann für beide Partner zum Martyrium werden. Wiederverheiratet Geschiedene dürfen nicht zu den Sakramenten gehen. Schon wieder eine Verschärfung der Situation.
Aber machen wir uns eines klar. Gesetze bleiben Gesetze aber sie bedürfen einer Interpretation, die Gesetze über die Ehe wie jedes andere Gesetz auch. Wir müssen in der Kirche nach Wegen suchen, nach handhabbaren Lösungen, wenn Menschen in ihrer Liebe scheitern. Jesus selbst musste keine Detailregeln aufstellen; aber er ist mit Menschen, die gescheitert sind ungewöhnlich barmherzig umgegangen. Ihm ging es vor allem darum, die Personwürde der Menschen zu schützen. Noch vor allen kirchenrechtlichen Ableitungen müssen wir uns fragen, wie wir heute mit der Person- und Menschenwürde umgehen. Es geht immer um Menschen, um ganz konkrete Personen. Jeder Einzelne ist mehr als ein Kostenfaktor, mehr als eine Arbeitskraft, mehr als ein Lustobjekt, mehr als ein medizinischer oder juridischer Fall. Von dieser Sicht her ergibt sich die Herausforderung an die Kirche, mit Menschen.
Es geht mir heute aber besonders um den Satz, den Jesus zu seinen Zuhörern spricht: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Das hört sich zunächst eigenartig an, besonders wenn wir an unsere ganze hochgelehrte Theologie denken, an all das, was je über Gott gesagt und geschrieben wurde, an all die vielen Glaubenssätze und kirchlichen Vorschriften. All das ist sicherlich wichtig und notwendig und doch ist es nicht alles, vor allem ist es nicht das Entscheidende. Wir leben in einer Zeit, die zwar immer wieder Jahre des Kindes feiert; aber von einem Kind lernen zu sollen – und das meint ja das Wort Jesu – das ist ein wenig viel verlangt. Kinder sollen von den Erwachsenen lernen. Das tun sie auch. Sie ahmen exakt das Verhalten der Erwachsenen nach, besonders in ihrem Konsumverhalten und in ihrem Egoismus, wenn wie älter geworden sind.
In einer Diskussion im Fernsehen äußerten sich einige Fachleute besorgt über die abnehmende Kinderzahl. Ein Diskussionteilnehmer kam zu dem Schluß: der Mensch sei im Grunde seiner Seele kinderfeindlich. Dieser Mann machte sich damit zu Sprachrohr einer Meinung, die heute in der Tat keineswegs mehr ganz selten ist: Kinder sind lästig, Kinder engen ein und machen abhängig, Kinder fesseln durch jahrzehntelange Verantwortung, die für die zur Freiheit berufenen Menschen eine unzumutbare Überforderung darstellt. Mit Kindern hat man nichts als Ärger; sie bannen vor allem ihre Mütter in deren besten Jahren ganz und gar fest, so dass sie zu einer beruflichen Karriere oder zu einem vollmundigen Lebensgenuß nicht kommen; denn da sind eben die Kinder, die ihr Recht auf Kosten des Lebensrechts der Eltern, der lebenshungrigen jungen Erwachsenen fordern.
Wir sind sicherlich mit dieser Argumentation nicht einverstanden, obwohl sie auf den ersten Anhieb sehr verführerisch klingt. Wie finde ich denn als Mensch eigentlich das Glück – und um das geht es ja? Genuß allein scheint doch nicht letztlich glücklich zu machen. Echtes Glück hat sehr geheimnisvolle Vorbedingungen. Echtes Glück und echter Lebensgewinn blühen häufig im Verborgenen und gerade dort, wo man sie nicht vermutet. Wir werden das Glück, das Kinder uns vermitteln können, nicht finden, wenn wir sie nur aus dem Blickwinkel der Einengung unserer Freiheit betrachten. Und noch schlimmer: Wir werden blind gegen die Gaben, die Kinder uns durch ihr Sein zu geben vermögen, wir nehmen uns die Möglichkeit, den Reichtum zu fassen, den sie uns schenken.
Nach der Aussage Jesu scheint also die Gottesnähe damit verbunden, so zu werden wie die Kinder. Wie also sind die Kinder? Welche Eigenschaften mag Jesus hier gemeint haben? Sicher doch nicht die der rücksichtslosen kleinen Egoisten. Er muß etwas Ursprünglicheres, Reineres, etwas Unverdorbenes im Auge gehabt haben. Er muß denjenigen Teil des Kindes gemeint haben, den wir im Erwachsenenalter nur noch selten haben, einen verlorenen Zugang zum Glauben, der es erschwert, ins Himmelreich zu kommen. Erschwerend für uns Erwachsene sind doch wohl vor allem zwei Eigenschaften: die des kritischen Verstandes, der lediglich das für wahr halten will, was mit den Sinnen erfaßbar ist, eine eingeschränkte Erkenntnismöglichkeit also, die das realistisch Begreifbare in hochmütiger Überbewertung unseres eingeschränkten Wissensstandes überschätzt. Und als zweite erschwerende Eigenschaft: der Verlust einer zentralen Gegebenheit kindlichen Seins: des Lebens in einem Gefühl von glücklicher Geborgenheit, des Vertrauens und einer Anhänglichkeit, wie es umsorgte Kinder bei liebevollen Eltern ganz unkritisch in ihren ersten Lebensjahren zeigen.
Das also haben wir hochmütig autonom-sein-wollende Erwachsene uns als einen Weg zu Gott-Vater von den Kindern abzuschauen; denn Kinder vermitteln uns nicht nur eine Fülle von elementarer Freude durch das Miterleben eines sich entfaltenden Menschen, durch ihre Anhänglichkeit, durch die sinnvolle Aufgabe, Erzieher zu sein – nein, Kinder können uns, wenn wir nur die richtige Einstellung haben, in der eigenen geistigen Entwicklung in einmaliger Weise förderlich sein: Sie können uns im wahrsten Sinn des Wortes den Himmel aufschließen. Nicht wir sind die – oft mäßigen – Belehrer unserer Kinder – sie können uns durch ihr Sein eine eigentliche, ein zentral richtige und notwendige Daseinshaltung vermitteln.
Kinder haben zwar noch nicht genug Lebenserfahrung, sind infolgedessen noch unseres Schutzes und unserer Unterweisung bedürftig, bis sie der Lebensbewältigung schließlich selbständig gewachsen sind. Dafür haben sie aber Eigenschaften, die wir spätestens jenseits unserer Jugendzeit dringend benötigen, falls wir den Anspruch haben, mehr in diesem Leben zu vollbringen, als uns nur unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie besitzen eben die Eigenschaften, die wir Erwachsene brauchen, wenn wir zum Eigentlichen, zu unserem tiefsten Lebenszentrum vorstoßen wollen. Unsere Kinder sind offen, spontan, gefühlsreich, beweglich, intensiv, unmittelbar, vertrauensvoll, nachdenklich, sie sind aufgeschlossen und zärtlich. Aber sie sind auch angewiesen auf Geleit und Hilfe und dadurch arm und klein im wahrsten Sinn des Wortes. Und gerade diese Eigenschaften hatte Christus doch wohl im Sinn, als er bei der Diskussion mit den Jüngern darüber, mit Hilfe welcher „Leistungen“ man am ehesten einen Anspruch auf ewiges Leben erwerbe, sie auf die Kinder verwies.
Beim Leben mit den Kindern können wir vorbildhaft lernen, worum wir uns in unserem Alltag mühen müssen, um eine Haltung einzunehmen, die es uns möglich macht, in das Reich Gottes zu kommen. Damit ist aber nicht nur das Leben nach dem Tode gemeint, sondern auch die gelebte Wirklichkeit einer veränderten Einstellung bereits in diesem Leben. Ohne Kinder zu leben, hieße dann aber auch: weniger Gelegenheit zu haben am lebendigen Vorbild zu lernen.
Genug der vielen Worte! Lassen sie mich schließen mit einem Text von Rainer Maria Rilke:

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß Dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts
verrät,
so schafft er drin.

P. Paul Mühlberger SJ



14.10.2018

28. So im Jahreskreis
Weish 7,7-11
Mk 10, 17-30
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„Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“
Was denken sie, wenn sie diesen Satz lesen. Da gab es irgendwo einen Arzt, der seinem Patienten auf Grund seiner Lebensgewohnheiten auf seinem Handy die noch übrige Zeit seines Erdenlebens vorausberechnet hat. Nein, bitte so nicht. Es geht nicht darum in einer ständigen Ängstlichkeit auf den Rest unserer Tage zu blicken, es geht letztlich um die Erringung von Weisheit. Sind sie schon einmal einem weisen Menschen begegnet? Da muss kein Vielwisser gewesen sein, der unter Umständen ein ganzes Lexikon im Kopf, das muss viel eher ein Mensch sein, der die Welt in der er lebt und sein eigenes Leben in Einklang bringen kann. Das muss ein Mensch sein, der die richtige Perspektive für sein Leben und das ganze Drumherum im Blick hat. Von dieser Weisheit sind wir alle wohl noch weit entfernt. Wir merken das am ehesten, wenn uns manchmal die Arbeit über den Kopf wächst, wo wir in Situationen kommen, wo wir nicht ein noch aus wissen. Während wir ängstlich auf der Suche nach Lösungen hilflos herumtorkeln findet der Weise schnell wieder einen Halt, weil er es versteht, die Dinge in sein Leben einzuordnen. So ein weiser Mensch kann sogar in seinem Leid einen Sinn finden, weil es ihm hilft, reifer zu werden und verständnisvoller für das Leid anderer Menschen und weil er last not least an etwas glaubt, nicht an ein blindes Schicksal, sondern an einen persönlichen Gott, der durch sein Leiden allem menschlichen Leid einen Sinn gab.
Der junge Mann, der uns im Evangelium begegnet ist, hatte diese Weisheit nicht. Er war fromm, er hielt die Gebote und er hatte auch eine Perspektive, die über das materielle Leben hinausging, denn „er wollte das ewige Leben gewinnen“. Als ihn Jesus aber zu einer höheren Art der Nachfolge berief, stieg er aus. Die Forderungen Jesu waren ihm zu hoch, denn er war sehr reich.
Der junge Mann liegt ganz im Trend, wenn er Jesus fragt: „Was muss ich tun?“ Oder noch besser: „Was soll ich noch alles tun?“
Für mich ist das nicht nur eine Frage, sondern auch eine Aussage über sein Gottesbild und sein Glaubensverständnis. Denn er meint offensichtlich, dass er nur genügend tun muss um das ewige Leben zu erlangen. Dabei vergisst er aber, dass man das ewige Leben gar nicht gewinnen kann, denn es gehört uns ja schon. Er glaubt an einen Gott, der eine Leistung von ihm verlangt, an einen Gott, der mitrechnet, ob er wohl genug gute Taten aufweist –doch er vergisst, dass dieser Gott ihm vor aller Leistung schon das Leben geschenkt hat.
Nun gibt es also keine Leistung, mit der man sich den Himmel verdienen könnte. Dennoch ist es nicht ganz egal, wie man handelt. Und daher gibt Jesus dem Mann doch einen Auftrag, mit dem dieser nicht gerechnet hatte. Und das geht ihm zu weit. Er möchte die Sicherheit des Lebens nicht aufgeben für die Unsicherheit der Gefolgschaft Jesu.
Es wäre nun leicht, mit dem Finger auf ihn zu zeigen, weil er dazu nicht bereit ist. Doch steht er stellvertretend für die meisten Christen seit der Urkirche. Denn mit dieser Aussage Jesu ist der Stachel der Besitzlosigkeit dem Christentum von Anfang an eingesetzt. Es wurde nie das generelle Lebensprinzip der Christen, völlig besitzlos zu sein. Und nur wenige Menschen haben es geschafft, diese Radikalität aufzubringen, wirklich alles für ein Leben in der Nachfolge herzugeben: vor wenigen Tagen haben wir einen davon, Franz von Assisi, gefeiert.
Jesus sagt aber auch nicht, dass nur die Besitzlosen ins Himmelreich kommen; er meint nur: Besitz und großer Reichtum stellen eine Gefahr dar. Die Gefahr lautet: Der Besitz könnte dazu führen, zu meinen, ich kann mir selber alles leisten oder alles richten; ich bin nicht abhängig von anderen. Und das kann zur Frage führen: Wozu brauche ich da einen Gott? Und jetzt sind wir wieder dort, wohn unsere Lesung uns geführt hat: bei der Weisheit.
Die wahre Weisheit ist es, sein Herz an die richtigen Dinge zu hängen. Weisheit hilft, mit dem Besitz so umzugehen, dass man nicht von ihm besessen ist. Damit wird der Reichtum nicht abgewertet – ganz im Gegenteil: Die Bibel schätzt Reichtum und Besitz an sich sehr hoch ein und er gilt als Geschenk Gottes mit der abzuleitenden Verantwortung des rechten Umgangs mit ihm. Doch die große Frage ist eben, wie klug man mit dieser Gabe Gottes umgeht. Ein solcher weiser Umgang wird von einem Sannyasi, einem indischen Wandermönch, berichtet:
„Der Sannyasi hatte den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen, als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte: ‚Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein! ‘ ‚Welchen Stein? ‘ fragte der Sannyasi. ‚Letzte Nacht erschien mir Gott Shiwa im Traum‘, sprach der Dörfler, ‚und sagte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen Sannyasi finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.‘ Der Sannyasi durchwühlte seinen Sack und zog einen kostbaren Stein heraus. ‚Wahrscheinlich meinte er diesen hier‘, als er dem Dörfler den Stein gab. ‚Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.’ Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Wahrscheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war so groß wie ein menschlicher Kopf. Er nahm den Diamant und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den Sannyasi bei Anbruch der Dämmerung und sagte: ‘Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglichte, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben. ‘“

Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz
Nochmals die Eingangsfrage: „Was muss ich tun um das ewige Leben zu erlangen?“ – Die entlastende Antwort der heutigen Schriftstellen auf diese Frage lautet: Ich muss Gott nicht erst gnädig stimmen, denn er liebt mich wie ich bin. Ich muss mir auch den Himmel nicht verdienen, denn er gehört mir grundsätzlich als Kind Gottes ja schon.

Dennoch ist damit nicht einem Relativismus das Wort geredet: dass es sowieso egal ist, was man tut. Denn ich kann mir mit meinem Tun den Weg zu diesem Himmelreich auch verbauen; ihn mühsam machen oder auf Abwege geraten. Die Gefahr zu solchen Abwegen sieht Jesus in großem Besitz gegeben, weshalb er dazu rät, diesen abzulegen bzw. für die Armen einzusetzen.

Wenn auch für die meisten von uns wohl nicht die radikale Besitzlosigkeit einzelner Heiliger oder Ordensleute den gangbaren Weg darstellt, so bleibt dennoch die Frage als Stachel und Mahnung bestehen, die da lautet: Woran hänge ich mein Herz? Denn dort, wo mein Schatz ist, da ist auch mein Herz.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ



21.10.2018

Weltmissionssonntag
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Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der davon gehört hatte, dass an einem fernen Ort eine heilige Flamme brenne. Wenn ich dieses Licht besitze, so dachte er, dann habe ich Leben und Glück für immer. Und so machte er sich auf, um das Licht zu sich nach Hause zu holen. Auf dem Heimweg bekam er große Angst. Er fürchtete, die Flamme könne ihm erlöschen, und er sorgte sich sehr um sie. Da begegnete ihm ein Fremder. Dieser fror bitterlich und bat ihn deshalb: „Gib mir von deinem Feuer!“ Zunächst zögerte der Mann; er wollte ja das Licht für sich haben, und er hatte Angst, es könne ihm ausgehen. Schließlich teilte er doch mit dem Fremden. Als er nun weiterlief, geriet er in einen starken Sturm. So sehr er das Licht auch zu schützen versuchte, die Flamme erlosch. Was nun? Den Weg zurückzugehen an den fernen Ort, wo die Flamme brannte, das war zu weit, das würde er nicht mehr schaffen. Da erinnerte er sich an den Fremden, mit dem er das Licht geteilt hatte. Er ging zu ihm und ließ sich von ihm das erloschene Licht wieder anzünden. Weil er bereit gewesen war zu teilen, konnte er jetzt, als er selbst in Not war, das Licht wieder empfangen.
Besser kann man die eigentliche Geschichte vom Ursprung und vom Wesen der Weltmission nicht verdeutlichen. Seitdem es Kirche gibt, gibt es auch die Missionsarbeit der Kirche; gibt es den Auftrag des Herrn: „Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Wer angerührt ist von diesem guten Gott, der kann das einfach nicht für sich behalten. Wir können und dürfen nicht davon schweigen, was wir gesehen und gehört haben, sagt Petrus selbst vor Gericht. Bei wem das Licht der Frohen Botschaft gezündet hat, der muß einfach von diesem Licht weitergeben und mit allen Menschen teilen. Kirche und Mission bedingen sich gegenseitig und setzen einander voraus. So haben Christen aller Zeiten, aller Rassen und Nationen die Flamme des Glaubens und der Liebe am Brennen gehalten, zum Leuchten gebracht und mit anderen geteilt. Und wie die Geschichte erzählt, haben Fremde immer wieder gebeten: gebt uns von diesem Licht des Glaubens und der Liebe, teilt es mit uns, wir wollen nicht länger frieren in der Kälte des Unglaubens. So sind Fremde zu Freunden geworden und die Kirche ist zur Weltkirche gewachsen über alle inneren und äußeren Grenzen. Und sie hat dabei im Heiligen Geist das Angesicht der Erde erneuert.
Ich weiß nicht, welche Vorstellung sie mit dem Missionsgedanken verbinden. Lange vorbei sind allerdings die Vorstellungen von der Begegnung der Missionäre mit Kannibalen und Löwen. Der berühmte „Nickneger“, der da und dort noch eine Weihnachtskrippe ziert. Für die meisten Menschen besteht das missionarische Tun einfach nur aus einer hin und wieder getätigten Geldspende, vielleicht liest man hin und wieder auch noch eine Missionszeitschrift. Die Länder, in denen heute unsere Schwestern und Missionare arbeiten sind auch keine geheimnisumwitterten Abenteuergebiete. Wir verbringen heute in diesen Ländern vielfach unseren Urlaub, wohlaufgehoben in Hotels der Luxusklasse. Wir achten den selbstlosen Einsatz von Menschen, die mit den Ärmsten der Armen in den Elendsquartieren der Slums das Leben teilen, wir hören von Bischof Kräutler in Südamerika, der sich unter ständiger Bedrohung für die Rechte der Entrechteten einsetzt. Und wir stellen fest, dass die Verkündigung des Christentums heute nicht mehr losgelöst sein kann von der Sorge um den Menschen. Das ist ja auch die Methode Jesu gewesen, der Kranke geheilt und Traurige getröstet hat. Unsere Missionierung darf sich auch nicht über die Kulturen der einzelnen Völker einfach hinwegsetzen. Seit dem zweiten vatikanischen Konzil sprechen wir von „Inkulturation“ und meinen damit, dass wir das kulturelle Erbe der anderen Völker zu respektieren haben und dass wir ihnen kein westliches Christentum aufzwängen dürfen. „Allen alles werden“ das ist der Leitspruch eines Missionars von heute.
Aber auch die Schwerpunkte der Mission haben sich verschoben. Während bei uns der Glaube „verdunstet“, wird er anderswo aufbrechen und feste Formen gewinnen. Wir sind heute selbst zum Missionsland geworden. Eine neue Form des Heidentums setzt sich durch. Wir beginnen das Christentum abzustreifen oder es in ertragbare Formen zu gießen, während es doch eine weltverändernde Kraft sein sollte. Wir passen unser Christentum aber der Welt an und meinen damit modern zu sein und unserem Glauben einen Dienst erwiesen zu haben. Aber damit verleugnen wir auch eine wichtige Wurzel unseres gemeinsamen Lebensraumes Europa. Was können und wollen wir den Völkern des Ostens geben in diesem neuen Europa? Ich denke da vor allem an die Menschen in der ehemaligen DDR. Viele von ihnen sind nicht mehr getauft. Was können wir westliche Christen diesen Menschen mitgeben? Sind es bloß die Werte eines gehobenen Lebensstandards oder volle Supermärkte? Wie erleben die Menschen anderer Denkweise unser Christsein?
So gesehen beginnt der Missionsgedanke bei uns selber, bei unserem eigenen Christsein. Haben wir den Mut zu einer Umkehr? Spüren wir die Verantwortung, unser Christsein so zu leben, dass es in den Augen der Fernstehenden sympathische Züge gewinnt, nicht aber bloß im Sinne eines Nach-dem- Munde-Redens, sondern in aller Folgerichtigkeit und Konsequenz.
Haben sie auch beobachtet, dass nicht nur wir Christen missionieren. Es sind viele Sekten am Werk, viele religionsähnliche Gemeinschaften, die da allerhand versprechen, ohne es letztlich halten zu können. Junge Mormonen stehen sich die Füße wund, sprechen die Vorübergehenden an und suchen sie zu gewinnen. Sie verpflichten sich für zwei Jahre zu einer missionarischen Tätigkeit. Und unsere bekannten „Zeugen Jehowas“ sehen wir auch mitten in unseren geschäftigen Straßen stehen mit ihrem „Wachtturm“. Verlangen sie einmal von einem katholischen Christen, er solle etwas Ähnliches tun. Abgesehen, dass diese Art von Werbung nicht unsere Art ist, so würden die wenigsten das tun wollen. Ich habe mir schon darüber Gedanken gemacht, ob gerade von jungen Christen nicht zu wenig verlangt wird. Von einem Menschen, namentlich von einem jungen Menschen nichts zu verlangen, heißt ihn nicht ernst nehmen. Und wir haben da vielleicht allzusehr auf die bequeme Karte gesetzt. Und wir verlangen auch nicht allzu viel von uns selbst. Ich möchte da sicherlich nicht sie ansprechen. Sie sind ja hier. Und das ist ja das Problem, dass genau die Leute, denen man etwas sagen möchte nicht anwesend sind. Aber ein Großteil der Menschen begnügt sich mit einem Konsumieren des Christlichen. Ich merke das spätestens, wenn ich eine Trauung halte. Trauung mit Messen, weil das feierlich ist. Aber mir hat neulich ein Teilnehmer an einer solchen Trauung gesagt: Es ist doch eigentlich beschämend, dass die Menschen nicht wissen, wie sie sich in der Kirche aufzuführen haben, dass sie nicht einmal die einfachsten Antworten der Liturgie kennen. Die Kinder werden noch zur Taufe gebracht. Das ist ein Familienfest. Auf die Frage nach der religiösen Erziehung wird zwar positiv geantwortet, aber in Wirklichkeit wird von der Seite der Eltern und Paten nichts dergleichen geboten. Und die Firmung ist für viele junge Leute die letzte Gelegenheit zu einem Kirchenbesuch. Nachher ist vielfach Pause. Ja - und dass ich nicht vergesse: das Begräbnis wird noch gewünscht, wie wir in Wien sagen „a schene Leich“. Nach diesen „Höhepunkten“ unter Anführungszeichen ist für viele sogenannte Christen Schluß. Der Kirchenbeitrag ist dann oft der letzte Stein des Anstoßes, um sich von der Kirche endgültig zu verabschieden.
Es ist gut, das alles einmal zu sehen, weil es uns aufrütteln kann, denn von einer gewissen schleichenden Lethargie sind wir alle bedroht.
Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen!“ Verlieren sie nicht den Mut, missionarisch tätig zu sein. Es gibt viel Leben in der Kirche. Sie ist lebendig und sie muß und wird lebendig bleiben durch uns. Vertiefen sie immer wieder ihren Kontakt mit Gott durch das Gebet, nützen die Möglichkeiten, die die Sakramente uns bieten. Bleiben sie auch wachsam für ihre Umgebung. Sie ist unser Missionsgebiet. Bleiben sie auch wach für das, was in der Welt geschieht. Das muß immer auch ein Anliegen unseres Gebets sein. Wissen sie, dass die Heilige Theresia von Lisieux die Patronin der Missionen ist. Sie, die keinen Schritt aus ihrem strengen Kloster herausgekommen ist! Nur durch ihr Gebet und durch ihr Opfer!
Ergriffensein von Gott, das wird die Basis sein, auf der sich unser missionarisches Leben aufbaut Der Kapuzinerpater Walbert Bühlmann, der viele Jahre Missionar in Afrika war, erzählt:
In Tansania traf ich einen jungen Mann, der im letzten Grad tuberkulös war und den man nicht mehr heilen konnte. Ich wollte ihn auf die Taufe vorbereiten, doch erkundigte ich mich zuerst aus Neugierde etwas nach seinem Weltbild. Meine Frage: „Was weißt du von Gott? Was tut Gott?“ Auf diese Frage kann man natürlich viele Antworten geben. Aber es würden wohl wenige Christen eine so schöne Antwort geben wie jener „Heide“ sie mir gab. Nach einem Moment der Überraschung kam die Klare Antwort: „Anatuangalia“: „Er schaut uns an!“ Also jener Heide praktizierte das, was man in der Spiritualität Leben unter den Augen Gottes nennt. Ich konnte ihm nur bestätigen: „Das ist sehr schön. Dieser Gott, der dich und mich und alle Menschen anschaut, hat Dinge für uns getan, die du noch nicht weißt.“ Ich fing an zu erzählen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Der todkranke junge Mann hörte staunend zu und glaubte.
Gott schaut uns an! Hoffentlich ist unser Leben so, dass wir es in aller Bescheidenheit Gott darbieten können. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ



28.10.2018

30. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,46-52

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Blind zu sein ist ein schweres Schicksal: „Bartimäus, du siehst nicht die strahlende Sonne am blauen Himmel von Jericho. Du erblickst nicht die hohen Palmen und die Blumenpracht der Oase. Du kennst nicht das Antlitz deiner Mutter und das Gesicht deines Vaters. Du bist behindert, deshalb ein Aussenseiter, und zudem noch ein Bettler, angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit deiner Mitmenschen. Ja, du trägst ein schweres Schicksal, Sohn des Timäus.“
Wie eine Filmszene habe ich vor Augen, was Markus so anschaulich erzählt. Viele Menschen strömen aus engen Gassen und Straßen zusammen, ein buntes lebhaftes Gemisch aus Jung und Alt, die einen vornehm gekleidet, die anderen armselig. Hier und da, abseits, an Straßenrändern und in Häusernischen kauern, bettelnd: Aussätzige, Blinde, Verkrüppelte. Sie werden kaum beachtet, die Menge ist zu stark mit sich beschäftigt und mit dem, der gerade im Mittelpunkt des Interesses steht: Jesus.
Da plötzlich ein aufdringlicher Ruf: „Sohn Davids, Jesus!“ Die Köpfe fahren herum, die Gesichter überrascht, befremdet, ärgerlich, ja empört. Ihr Blick fällt auf den Bettler. Er ist zerlumpt, abstoßend, seine Augen sind farblos und tot, sein Gesicht ist ein einziger Schrei: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Wer ist dieser Blinde? Er ist kein Namenloser. Bartimäus hat einen Platz in Jericho, vielleicht sogar einen Stammplatz, aber nicht als geachteter Bürger, sondern als Bettler. Er ist vom normalen Leben ausgegrenzt. Er kann nicht seinen eigenen Augen trauen, er muß dem trauen, was andere sehen. Das macht ihn mißtrauisch. Sein Mißtrauen aber isoliert ihn von seiner Familie, von seinen Freunden. Zudem ist er als körperlich Behinderter völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Das demütigt ihn. Seine Augen sind blind, sein Inneres ist düster. Er ist ohne Perspektive.
Ohne Perspektive – scheinbar, denn da ist noch ein Funke Hoffnung in ihm. Der wird geweckt, als Bartimäus von Jesus hört. Hat er nicht schon anderen geholfen? Bartimäus nimmt seine ganze Kraft zusammen und legt sie in seinen lauten Hilfeschrei. Mit den Augen des beginnenden Glaubens sieht der Blinde in dem Mann aus Nazareth den Gesandten Gottes. Aber noch findet er keinen Zugang zu ihm, denn die Leute stellen sich ihm in den Weg. Sie fahren ihm über den Mund; sie wollen ihn mundtot machen.
Sie reagieren ganz natürlich. Jesus ist jetzt der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollen ihn ganz für sich haben. Sie sind nur noch Auge und Ohr für ihn und deshalb blind für die Not der anderen. Als sich der Blinde so lautstark einmischt, fühlen sie sich gestört.
Es gibt Christen, die reagieren wie diese Leute. Die übersehen geflissentlich, dass zwar die Anhänglichkeit an Jesus wichtig ist, dass aber Jesus sehr klar und deutlich unsere Aufmerksamkeit auf den Nächsten und seine Not hinlenkt. Und so macht uns die Reaktion Jesu zunächst schmunzeln Er geht nicht selber zu Bartimäus hin, nein, er wendet sich zuerst an die Leute, die sich ärgern. Diese beauftragt er, Bartimäus herzurufen. Das ist eine sehr gute Pädagogik! Jesus korrigiert das Verhalten der Menschen. Er bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Sie fangen an zu verstehen, und tun jetzt das Gegenteil von vorher: Sie sprechen Bartimäus Mut zu.
Auffallend ist, wieviel jetzt in Bewegung kommt! Bartimäus muß aufstehen, auf Jesus zugehen und seinen Wunsch nach Heilung öffentlich aussprechen. Jesus geht also nicht, von Mitleid gerührt, zum Kranken hin und heilt ihn. Vielmehr mobilisiert er die inneren Kräfte des Blinden, indem er ihn auffordert, selbst aktiv zu werden. Er fragt ihn nach seinem Willen zur Heilung und weckt dadurch das Vertrauen in seine Gesundung. Und Bartimäus wird heil: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Sein Glaube hatte ihm geholfen.
Es ist ja immerhin interessant, dass Jesus den Glauben des Bartimäus als auslösendes Element für seine Heilung nennt. Diese Verbindung von Glauben, Vertrauen und dem Wunder Jesu kommt immer wieder in der Frohen Botschaft vor. Und das sollte uns eigentlich in unserm eigenen Glauben Mut machen. Wenn auch unser eigenes Tun manchmal sehr gering ist, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind, sie bilden die Grundlage für die Wunder Gottes in unserem Leben. Und diese Tatsache ist tröstlich für einen jeden von uns.
Aber dazu noch eine Frage: Gehören wir nicht auch unter die Blinden? Natürlich können wir hoffentlich alle mit unseren leiblichen Augen sehen. Doch sie kennen auch das Sprichwort: „Liebe macht blind“. Starke Gefühle können einen Menschen blind werden lassen. Auch Hass, Wut und Eifersucht können blind machen. Sie werfen oft ein sehr einseitiges Licht auf einen Menschen, das die positiven Seiten eines anderen nicht mehr erkennen läßt.
Auch Fanatismus macht blind. Das sehen wir gerade in unseren Tagen wieder in den Ereignissen im Nahen Osten. Fanatismus ist meist ein Gemisch aus starken Gefühlen wie Hass und Wut, enthält darüber hinaus aber auch ein sich Festkrallen an „unumstößlichen“ Prinzipien. Fanatismus stützt sich auf ein Gesetz und wendet dieses so unerbittlich an, dass der Mensch, der damit getroffen werden soll, nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich gibt es da noch die Betriebsblindheit. Aufgeschlossene Unternehmen holen sich von Zeit zu Zeit Berater von außen, um die Organisation ihres Betriebes einmal mit fremden Augen anschauen zu lassen. Manche Dinge und Gewohnheiten unseres Lebens gehörten vielleicht verändert; aber weil es immer so war, mag es auch so bleiben. In gewissem Sinn betriebsblind werden die meisten Menschen ihren eigenen eingeübten Lebensabläufen gegenüber. Jeder hat so seine blinden Flecken, Punkte, auf die er nicht gerne hinschaut, Verhältnisse, an denen er nicht gerne rüttelt.
Was viele von uns von Bartimäus unterscheidet ist die Tatsache, dass wir uns unserer Blindheit bzw. unserer Sehschwächen meist nur wenig oder überhaupt nicht bewußt sind und darum auch gar nicht mehr das Bedürfnis haben, geheilt zu werden.
Blenden wir wieder zurück zur Eingangsszene und vergleichen wir sie mit unseren jetzigen Erkenntnissen. Der geschlossene Kreis um Jesus ist aufgebrochen. Bartimäus steht nicht mehr im Abseits, sondern ist in die Gemeinschaft miteinbezogen. Die Leute haben einen Blick bekommen für die Not des Mitmenschen. Die Heilung hat nicht nur Bartimäus verändert, sondern auch das Umfeld. Der Geheilte lernt nun seinen eigenen Augen zu vertrauen und die anderen sind von ihrer Blindheit gegenüber den naheliegenden Nöten anderer gelöst.
Verlassen wir langsam Jericho und das Geschehen, das sich dort abspielte. Nehmen wir aber die Anfrage in unseren Alltag mit: Wo entdecken wir Menschen wie Bartimäus? Wo verhalten wir uns manchmal wie die Leute von Jericho? Und welche Blindheit muß Jesus uns nehmen? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ



01.11.2018

Allerheiligen
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Wer kommt in das Himmelreich? Wer ist ein Heiliger? Wenn wir in den Heiligenkalender hineinschauen, könnten wir fast mutlos werden. Da wimmelt es von heiligen Bischöfen und Päpsten, von mystisch hochbegnadeten Ordensfrauen und charismatisch begabten Mönchen, da gibt es die Märtyrer, die oft unter schauerlichen Qualen für ihren Glauben ihr Leben hingaben. Aber wo ist da noch ein Platz für einen Normalverbraucher? Wo ist da Raum für uns, die wir doch ein so alltägliches Leben führen, ohne große Höhepunkte, wo wir uns gleichsam mühsam auf dem Weg des Glaubens dahinschleppen?
Kennen sie übrigens den Heiligen Dismas? Er ist der erste Mensch, der heiliggesprochen wurde; nein, nicht durch den Papst nach einem langwierigen Heiligsprechungsprozeß, sondern von Jesus höchstpersönlich. Ich darf sie unter das Kreuz führen. Im Lukasevangelium heißt es: Einer der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde, wandte sich an ihn: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“.
Diese erste Heiligsprechung durch Jesus schenkt uns allen Zuversicht. Sie gibt auch uns Hoffnung und macht uns Mut, denn was bedeutet Heiligsein anderes als in der Freundschaft mit Gott zu stehen, auch dann, wenn wir zu dieser Freundschaft erst nach langen Irrwegen zurückfinden würden.
Die Frau eines Arztes wurde einmal gefragt: „Möchten sie eine Heilige sein?“ Sie antwortete: „Ich habe nicht die Seele einer Heiligen; und wenn ich ehrlich sein soll: ich möchte auch keine Heilige sein, denn ein Heiliger hört auf, Mensch zu sein.“
Vergessen wir nicht, dass es sich bei den Heiligen auch um Menschen handelt. Sind nicht manchmal unsere Heiligenbeschreibungen nur darauf aus, das Wunderbare und Sensationelle im Leben eines Menschen zu betonen und vergessen sie nicht darauf auch hinzuweisen, dass es sich bei jedem Heiligen auch um einen Menschen handelt, der auch durch die Tiefen menschlichen Lebens geschritten ist.
So sind die großen Heiligen unseres Kalenders so etwas wie die Spitze eines Eisbergs. Die meisten Heiligen sind unbekannt. Das besagt aber nichts über ihren Weg, über ihr Leben, über ihr großes Zeugnis vor Gott und den Menschen. Für uns sind sie namenlose, Unbekannte, so wie wir es einmal sein werden. Doch nicht vor Gott. Gerade das macht sie zu Heiligen, dass Gott sie kennt, dass ihnen das großartige Wort in hohem Maße gilt: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben; mein bist du.“
So ist das fest Allerheiligen ein Fest der Hoffnung. Das stellt allerdings einige Fragen an uns. Christen sind Menschen, die die Wirklichkeit Gottes festhalten und mit ihr rechnen. Das heißt ja: glauben. Mit demselben Recht kann man sagen: Christen sind Menschen, die die Zusagen Gottes annehmen, darauf bauen und sich darauf verlassen. Das heißt: sie hoffen. Hoffnung ist die Rückseite derselben Medaille, die Glauben heißt. Trotzdem kann beides im Leben eines Menschen auseinanderklaffen. Es kann einer sagen: ich glaube, und ist doch von nur sehr geringer Hoffnung. Er ist voller Enttäuschungen. Die schleichende Krankheit unserer Zeit ist die Hoffnungslosigkeit. Sie scheint sich überall festsetzen zu wollen. Auch bei jungen Menschen finden wir schon Hoffnungslosigkeit. Das Leben im Augenblick, dass viele junge Menschen nur im Genuß des Jetzt leben und keine Ausblicke haben, dass ihnen die Zukunft scheinbar egal ist, das ist ein alarmierendes Zeichen. Hoffnungslosigkeit auch bei vielen alten Menschen. Von ihnen sagte man einmal, sie seien die Weisen unter den Menschen, satt geworden von guter Erfahrung des Lebens; deswegen geehrt und angenommen von jedermann. Gibt es nicht heute gerade unter ihnen die vielen, die nichts mehr erwarten und die ohne Hoffnung sind? Und warum? Sie sind allein gelassen. Sie scheinen vergessen zu sein, oft gerade noch geduldet in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen können und die auch sie nicht mehr versteht. Ein alter Mensch, der sich wie ein Vergessener dahinschleppte, sagte einmal: „Niemand erwartet mich.“
Ja aber, stimmt denn das? Erwartet ihn wirklich niemand? Im Verhältnis der Menschen mit- und zueinander mag es stimmen. Die Wirklichkeit ist jedoch größer und reich weit über das hinaus, was wir unmittelbar sehen und erfahren. Unter der Oberfläche unseres Festes ist ein lauter Zuruf zu vernehmen. „Du wirst erwartet.“ Endgültig. Für immer, mit der Zusicherung, dass deine Erwartungen erfüllt werden. Endlich, nach vielleicht langer Zeit des Tragens von Last und der Anfechtung, ob alles einen Sinn habe. Es ist ein Zuruf der Hoffnung und Ermutigung, der vom Ziel her denen entgegenkommt, die noch auf dem Weg sind. Es ist ein Zuruf vieler Stimmen, es ist ein Zuruf von all denen, die wir in den kommenden Tagen auf unseren Friedhöfen besuchen. Es ist ein Hoffen mit Gewißheit und Zuversicht, hoffen in eine Gemeinschaft hinein, die keine Trübung kennt, weil Gott der Rufende ist, der alle anderen Stimmen erst möglich macht.
Aber wir empfangen vom Fest Allerheiligen noch eine andere Botschaft. Man hat Heilige als Menschen bezeichnet, durch die die Liebe Gottes hindurchleuchtete. Und wir selber begegnen immer wieder Menschen deren Begegnung auch eine Begegnung mit Gott ist. Sind wir selber aber auch solche Menschen? Können die Menschen mit denen wir zusammenleben durch uns etwas von der Liebe Gottes erfahren, können sie durch uns einen Schimmer jenes Lichtes bemerken, das von Gott ausgeht?
Ich möchte ihnen zum Schluß noch einen Text von Martin Gutl vorlesen:

Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft,
uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein!
Da wird unser Staunen von neuem beginnen. Wir werden Lieder singen, Lieder, die Welt und Geschichte umfassen.
Wir werden singen, tanzen und fröhlich sein: denn er führt uns heim:
aus dem Hasten in den Frieden aus der Armut in die Fülle.
Wenn Gott uns heimbringt aus den engen Räumen, das wird ein Fest sein!
Und die Zweifler werden bekennen: Wahrhaftig, ihr Gott tut Wunder!
Er macht die Nacht zum hellen Tag. Er läßt die Wüste blühen!
Wenn Gott uns heimbringt aus den schlaflosen Nächten, aus dem fruchtlosen Reden, aus den verlorenen Stunden, aus der Jagd nach dem Geld, aus der Angst vor dem Tod, aus dem Kampf und aus Gier, wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!
Dann wird er lösen die Finger der Faust, die Fesseln, mit denen wir uns der Freiheit beraubten.
Den Raum unseres Lebens wird er weiten in alle Höhen und Tiefen, in alle Längen und Breiten seines unermeßlichen Hauses.
Keine Grenze zieht er uns mehr.
Amen.

PM



04.11.2018

31. Sonntag im Jahreskreis
Mk 12,28b-34
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Die allermeisten unserer Predigthörer fühlen sich erleichtert, dass aus der Drohbotschaft früherer Zeiten eine Frohbotschaft geworden ist. Dann kann man aber auch zuweilen hören, wir Prediger machten es uns und unseren Hörern zu leicht, wenn wir immer nur über die Liebe predigen, keine Forderungen mehr stellen und das Wort Sünde tunlichst vermeiden, vom Teufel und von der Hölle ganz zu schweigen. Diese Forderungen wären berechtigt, wenn die Liebe als Freibrief erscheinen würde für sündhaftes Tun, wie es Zarah Leander in früheren Zeiten einmal besungen hat: „Kann denn Liebe Sünde sein“. Die älteren von uns können sich an diesen Schlager vielleicht noch erinnern. Ja, die Liebe kann auch Sünde sein, wenn sie für etwas ausgegeben wird, was alles andere ist als Liebe.
Der große Kirchenlehrer Augustinus hat den Satz geprägt: „Liebe – und dann tue, was du willst.“ Dieses Wort kann mißverstanden werden, wenn man nicht weiß, was Augustinus darunter versteht. Er meint mit seinem Wort eine Liebe, die dem Menschen von Gott ins Herz gesenkt ist. Und wenn wir dieser Liebe Raum geben, dann können wir nur Gutes tun. Dass wir uns dieser Liebe auch verweigern können, weiß jeder von uns. Nichts hätten wir ernster zu nehmen als die Sünden gegen die Liebe.
Was bezweckte unser Schriftgelehrter mit dieser Frage? Wollte er Jesus aufs Eis führen? Die Juden hatten insgesamt 365 Gebote und Verbote zu beachten. Konnte Jesus aus dem Wust der Vorschriften jenes Gebot herausfinden, das an Bedeutung alle anderen überragte? Aber nehmen wir einmal an, der Schriftgelehrte meinte es ernst und darum erhält er auch von Jesus eine klare und eindeutige Antwort. Diese Antwort, die Jesus gibt, ist nichts anderes als das Glaubensbekenntnis eines jüdischen Menschen: Es gibt nur einen Gott und ihn muß man lieben mit all seinen Fähigkeiten und mit seiner ganzen Kraft. Was Jesus noch anfügt steht nicht mehr im Zusammenhang mit diesem Glaubensbekenntnis: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit überschreitet Jesus das Alte Testament. Gottes – und Nächstenliebe finden sich unabhängig voneinander an zwei verschiedenen Stellen der alttestamentlichen Schriften und stehen noch nicht in einem inneren Zusammenhang.
Bei Jesus sind hingegen Gottes- und Nächstenliebe aufeinander bezogen. Sie leben voneinander. Ohne die Liebe zum Mitmenschen wäre die Liebe zu Gott eine Selbsttäuschung. Und der Nächstenliebe fehlte ohne die Gottesliebe die innere Kraft. Teresa von Avila hat dies so gesagt: „Wir können niemals zu vollkommener Nächstenliebe gelangen, wenn sie nicht aus der Wurzel der Gottesliebe hervorwächst.“
Wenn Jesus nun sagt: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, so war das eine ungeheure, ja provokante Aussage. Besonders in der damaligen Zeit, der Zeit des Spätjudentums, hingen die Gesetzeslehrer und Schriftgelehrten alles an der perfekten und rigorosen Erfüllung ihrer hundertfachen Vorschriften auf und machten das Heil der Menschen von der Einhaltung des Gesetzes abhängig. Und da sagt Jesus, dass alle Weisungen des Alten Testaments in dieser zweifachen Liebe zusammengefaßt sind, dass sie sich alle herleiten von der liebenden Beziehung des Menschen zu Gott und der Liebe zu unseren Mitmenschen. Alles muß sich an der Liebe messen lassen!
Wie messen wir aber die Liebe zum Nächsten? Wir haben ja in Bezug auf die Nächstenliebe manchmal sehr geteilte Ansichten. Manchen Menschen lieben wir nämlich nicht und das sprechen wir sogar aus. Wir können ihn nicht lieben, weil er uns vielleicht einmal etwas angetan hat oder einfach deshalb, weil er uns nicht zu Gesicht steht oder weil er eine andere Meinung hat als wir.
Wenn wir jedoch von der Aussage Jesu nichts wegstreichen wollen und auch nichts uminterpretieren wollen, dann müßten wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Und uns selbst verstehen wir wohl zu lieben, obwohl wir manchmal doch auch ein wenig nachdenken müßten, ob das auch noch die richtige Liebe ist mit der wir uns selbst bedenken, ob da nicht manchmal etwas von falscher Liebe im Spiel ist.
Eines dürfen wir allerdings nicht tun: Liebe mit Gefühl verwechseln. Natürlich ist Liebe sehr oft mit Gefühlen verbunden; aber sie stellen sich eben nicht immer ein und wenn wir unsere Liebe immer nur von Gefühlen abhängig machten, dann wäre sie eine sehr wankelmütige Angelegenheit. Vielleicht sollte man die Liebe zum Nächsten auch besser mit Gerechtigkeit in Verbindung bringen. Das hieße dann: dem Nächsten gerecht werden, ihm das geben was er braucht, was er von uns erwarten darf, eine natürliche Freundlichkeit, Hilfe, wenn er in Not ist, Zeit für ihn haben, wenn er uns braucht und anderes mehr.
Phil Bosmans drückt das in einem seiner Texte sehr gut aus, wenn er sagt:

Liebe ist, wenn dir das Leid anderer weh tut, wenn du den Hunger von Millionen am eigenen Leib spürst, wenn die Einsamkeit und die Angst, die Not und die Verzweiflung der Kleinen und Schwachen dein eigenes Herz zerreißen.

Liebe ist nicht schwach, Liebe ist nicht blind, Liebe ist nicht die negative Haltung: Ich tue ja nichts Schlimmes. Liebe ist keine passive Verträglichkeit. Kein Prüfen des anderen, ob er wohl der Liebe wert ist.

Lieben heißt konkrete Menschen lieben, so wie sie sind, jeden Tag, auch wenn der tägliche Umgang für die gegenseitige Achtung manchmal mörderisch werden kann.

Menschen deshalb lieben, weil sie so „liebenswürdig“ sind, endet im Fiasko. Menschen sind nicht immer liebenswert, dass man sie von selber gern hat. Feinden vergeben und Gegner gernhaben, Böses mit Gutem vergelten ist übermenschlich, wenn es nicht einen höheren Grund gibt und eine tiefere Motivation.

In den Weisungen der Bergpredigt gibt es die so genannte „Goldene Regel“: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Und er fügt hinzu: „Darin besteht das Gesetz und die Propheten, d.h. die gesamte alttestamentliche Überlieferung. Damit wäre für die Gesetzeswächter der Skandal perfekt. Das soll alles sein? Ja, das ist wirklich alles. Wir wissen nämlich für uns selber sehr genau, was uns guttut. Wir müßten das nur auf unser Verhalten andern gegenüber anwenden. Keiner von uns hat es nämlich gern, wenn über ihn Übles geredet wird. Die Schlußfolgerung daraus zu ziehen, ist aber nicht immer leicht. Teresa von Avila hat versucht, die „Goldene Regel“ auf ihr Leben in der klösterlichen Gemeinschaft anzuwenden: „Ich hatte mir den Grundsatz tief eingeprägt“, so schreibt sie, „über keinen Menschen etwas erfahren zu wollen oder zu sagen, was ich nicht wollte, dass man es von mir sagte.“
Wir merken, dass der Primat der Liebe alles andere ist als eine minimalistische Moral, mit der wir es uns leicht machen können. Jesus geht aufs Ganze, wenn er die Liebe zum Maßstab unseres Handelns macht. Wenn wir uns diesen Maßstab innerlich zu Eigen machen, dann können wir, wie Augustinus sagt, wirklich tun, was wir wollen. Denn dann ist unser Tun von nichts anderem geleitet als von der Lieben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ



11.11.2018

32. So im Jahreskreis
Mk 12,38-44
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Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher, von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen?
Dass den beiden Witwen - und dann auch noch aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Orten - die Hauptrolle zukommt, war ihnen an der Wiege nicht gesungen worden. Sie haben einmal geheiratet - oder - wie das früher so war - wurden geheiratet, die Kinder kamen - und dann der Tod des Ehemannes, des Partners, des Vaters. Quasi über Nacht rutschten die beiden Witwen in ein höchst ungesichertes Leben. Keine Versorgung, kein Beistand, keine Zukunft. Von der Hand in den Mund - sagen wir.
Witwen haben es heute besser. Eine Grundversorgung wird gewährt. Aber an ihrem Geschick knabbern viele lange. Es gibt Witwen, die für ihr Leben gezeichnet sind, auch wenn sie sich nichts anmerken lassen. Es ist dann wie eine große Trauer, die über dem Leben liegt. Umso mehr bewundere ich den Mut, noch einmal anzufangen, dem Leben neu zu trauen, aus Schatten herauszutreten. Zwei Witwen übernehmen heute sogar die Hauptrollen - und füllen sie bestens aus.
Sarepta
Im ersten Buch der Könige wird die Geschichte der Witwe von Sarepta erzählt. Sie ist nicht nur Witwe - sie ist für den Propheten Elija auch eine Fremde. Sarepta ist heidnisches Ausland. Was hat der Mann Gottes hier überhaupt zu suchen? Die einfache Antwort, ganz einfach: er hat Hunger. Der Hunger hat sich über die ganze Gegend gelegt. Hunger kennt übrigens keine Grenzen, auch keine Heiden, keine Gottesmänner. Gottesfrauen auch nicht. Oder doch?
Die Geschichte ist schnell erzählt. Die Witwe teilt den letzten Bissen mit Elija. Ob das wohl stimmt, was er ihr sagt? Dass der Mehltopf nicht leer wird, der Ölkrug nicht versiegt? Auf eine so windige Geschichte lässt sich normalerweise kein Mensch ein. Was, wenn ich herein gelegt werde? Von diesem unbekannten Mann? Schließlich: es geht um eine Hand voll Mehl - und den unabsehbar nahen Tod. Muss man sich mit ihm abfinden? Jetzt? Aber die Geschichte hat auch noch eine andere Seite: was, wenn dieser fremde Mann Recht hat? Wenn es weiter geht, wenn noch Hoffnung ist? Mit einer Hand voll Mehl kommt man nicht weit - oder eben doch - sehr weit. Die Witwe, deren Namen wir nicht kennen, gibt alles - und gewinnt alles. Auf dieser Szene darf der Blick verweilen. Das Ende verwandelt sich in einen neuen Anfang. Es ist schön, wenn Geschichten so offen bleiben - und doch von nichts anderem erzählen, als von Vertrauen, von einer heilsamen Begegnung, von gemeinsam geschmeckter Zukunft.
Jerusalem
Der Weg von Sarepta nach Jerusalem ist weit. Wir schaffen ihn aber spielend. Anders als Sarepta ist Jerusalem nicht Peripherie, sondern Hauptstadt, Nabel der Welt. Hier, im Tempelbezirk, steht auch ein großer Opferkasten. Offen (und groß genug, um alles zu sehen, was sich an ihm - und in ihm abspielt. Ihm gegenüber sehen wir Jesus sitzen. Mehr muss Markus auch nicht erzählen - damit ist der Schauplatz abgesteckt.
Was soll ich erzählen? Große, größte Beträge wandern in den Opferkasten und werden, so der Brauch, angekündigt, mit großer Geste versehen und gefeiert. Viele gut gekleidete Männer sonnen sich im hellen Licht ihrer Wohltätigkeit. Auf die Gabe kommt es nicht so sehr an - sie kommt aus Überfluss, tut nicht weh, ist längst abgeschrieben. Aber auf den Geber kommt es an. An diesem Ort wird aufgetrumpft. An diesem Ort werden andere abgespeist. An diesem Ort werden andere in die hintere Reihe verwiesen. Immerhin: im Tempel!
Aus der hinteren Reihe kommt verschämt eine Witwe. Sie bringt, wie es im Evangelium heißt, zwei kleine Münzen mit - und wirft sie ein. Als Martin Luther die Stelle übersetzte, fiel ihm das "Scherflein" ein - eine wertlose, billige Münze, die in seiner Stadt 1480 geprägt wurde. Ohne Herrscherbild, ohne Zierrat, mickrig. Luther hat dann von dem Scherflein der armen Witwe sprechen können - und dieses Scherflein ist sprichwörtlich bis auf den heutigen Tag. Sein Scherflein beitragen, sagen wir - und haben doch viel mehr. Was aber tatsächlich bei dieser Witwe im Evangelium so auffällt: dieses Scherflein ist alles, was sie hat - es ist ihr Tagesunterhalt. Sie gibt das Scherflein - und wird an diesem Tag nichts mehr zu essen haben. Sie gibt einen Tag ihres Lebens. Wenigstens.
Im großen Topf verschwinden die Scherflein - es ist fast zu mühsam, sie mitzuzählen - wo es doch um Gold, Silber, Prachtmünzen geht. Na ja, die großen Scheine gab es noch nicht. Die, die zählen, machen sich auch nur die Finger schmutzig. Aber Jesus sagt: die arme Witwe hat m e h r in den Opferkasten geworfen als alle anderen zusammen. Sie hat sich selbst gegeben. Warum sie das wohl macht? Eine rührselige Geschichte, die eine Illustrierte kaufen könnte, wird uns nicht aufgetischt. Diese Witwe bleibt geschützt - so verborgen wie ihre Gabe. Aber wir sehen das große Vertrauen. Sie teilt ihr Leben mit denen, die Hilfe brauchen. Wer nur die Scherflein sieht, sieht nichts. Aber wer den rechten Blick wagt, auf diesen einen Menschen, sieht eine neue Welt.
Ob die beiden Witwen etwas gemeinsam haben? Mir fällt das Vertrauen auf - und dass das alles für sie selbstverständlich ist.
Ich weiß, dass wir - mehr oder weniger alle - in einer Welt leben, in der Geld eine große, zu große Rolle spielt. Geld regiert angeblich sogar die Welt.
Zu merken ist das sogar bei "Spendengala’ s", die im Fernsehen live übertragen werden. Kleinbeträge sind dort nicht vorgesehen. Es muss alles groß sein, alles glänzen, alles zu sehen sein. Wenn ich daran denke, dass das Geld gebraucht wird, werde ich kleinlaut. Lieber so als gar nicht, denke ich.
Aber ich kenne auch Menschen, die sehr hilfsbereit sind, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Sie geben manchmal mehr, als ihrer Familie zuträglich ist. Aber sie fragen nicht groß... Bei ihnen stimmt es dann auch, dass sie ihr Leben mit anderen teilen. Wer steuerlich absetzen kann, was er gibt, wer an Reputation in der Öffentlichkeit gewinnt, wer auf einer Scala abgemessen wird - ist das noch (oder schon) geteiltes Leben?
Wenn wir bei uns die Kollekten zählen, tauchen die Centstücke auch auf. Komisch sieht es schon aus. Aber keiner von uns weiß, welche Geschichten sich hinter den Münzen verstecken. Im Klingelbeutel oder im Körbchen liegen die großen und die kleinen Gaben beieinander.
Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher - von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen? Ich freue mich!

PM



18.11.2018

33. Sontag im Jahreskreis
Mk 13, 24-32
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Was sollen wir bloß mit diesem Evangelium anfangen? Denn schließlich wird niemand von uns ernsthaft damit rechnen, dass dieses von Jesus geschilderte Ereignis – dieses „Aus-den Fugen-geraten“ – noch zu seinen Lebzeiten eintritt. Aber so dürfen wir nicht fragen. Denn dieses Evangelium liefert uns alles andere als ein Horoskop über den Weltuntergang. Wenn wir nämlich genau hinhören, antwortet es sehr wohl auf Fragen, die uns hier und heute beschäftigen, uns nicht zur Ruhe kommen lassen, ja manchmal sogar in Angst und Schrecken versetzen.
Aber auch der, der nicht gleich überall den Weltuntergang kommen sieht, wird trotzdem ein Ende todsicher noch erleben, nämlich sein ganz persönliches Weltende in seinem Sterben.
Was haben wir also letztlich in der Hand? Die Versuchung ist groß zu sagen: Es kommt sowieso, wie es kommen muss! Lasst uns also essen und trinken und die weißen Strände der armen Länder genießen – denn morgen sind wir tot! Nach uns die Sintflut!
Der Text des Evangeliums, den wir soeben gehört haben ist einer der unglaublichsten und unheimlichsten des Evangeliums; fremd klingt er für heutige Ohren und zieht dennoch zugleich in seinen Bann.
Der Text fordert eine Reaktion heraus: Ängstliche Menschen werden noch ängstlicher oder verdrängen ihre Angst; nachdenkliche erkennen Parallelen zur Kriegsbedrohung unserer Tage, zu den Umweltkatastrophen, zum Hunger in vielen Gebieten der Erde; kritische reden von apokalyptischer Schwärmerei und meinen, Jesus habe sich geirrt; ernstzunehmende Christen aber glauben, hinter diesen Worten des Evangeliums noch immer ihre Zukunftshoffnung zu entdecken, ja sie empfinden bei diesem Text sogar noch Zuversicht in dem Glauben, zu den „Auserwählten als allen vier Windrichtungen“ zu gehören. Was ist davon zu halten?
Sicherlich haben wir es nicht mit einer reportagehaften Beschreibung des Weltendes zu tun. Jesus macht in seiner Aussage eine Vorausschau, die trotz der Bildersprache sehr realistisch ist. Er reißt eine gewaltige Perspektive auf, aber nicht um uns zu ängstigen, sondern vielmehr um uns Mut zu machen, damit wir inmitten der Wirrnisse unserer Zeit den Überblick nicht verlieren, damit wir in all der Lebensbedrohung unserer Zeit das Licht nicht übersehen, das Gott uns angezündet hat, damit wir nicht in den Irrglauben verfallen, als hätte Gott seine Welt vergessen und ließe sie einfach dahin trudeln.
Für unsere Zeit können wir die apokalyptischen Zeichen sogar noch zuspitzen und verschärfend benennen: Im jedem Jahr werden in unserer Welt täglich 40.000 Kinder verhungern, 250.000 werden täglich geboren. Das Zusammenleben der Völker könnte dann immer mehr einem Pulverfass gleichen.
Im Musical „Hair“ das in den 70er Jahren einen so großen Erfolg hatte gibt es einen Song mit folgendem Text:

„Hat´s der Mensch nicht weit gebracht
und von seinem Wissen wunderbar Gebrauch gemacht
und forscht immer weiter
und wird noch gescheiter!
Hat´s der Mensch nicht weit gebracht?
Ja, das kann man sagen!“

Wie reagieren Menschen, wenn sie mit der Angst vor der Zukunft konfrontiert sind? Ich möchte sie mit drei verschiedenen Reaktionsweisen konfrontieren:
Je bedrohlicher die Welt wird, desto mehr schießen Endzeitpropheten wie die Pilze aus dem Boden. Und der Trend wird sich noch verstärken.
Trugpropheten, nennt sie Fridolin Stier. Sie werden auftreten und uns überschütten mit Droh- und Gerichtsreden. Sie werden Wege (wohl eher Irrwege als Auswege!) aufzeigen, wie die Menschen dem Gericht am Ende der Welt werden entgehen können.
Es ist ganz schön schwierig, den Zustand der Welt - im Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung - zu sehen und nicht zu resignieren! Das ist die zweite denkbare Reaktion der Menschen. Wie viele sind da, die resigniert und in der trostlosen Haltung des „Man-kann-ja-doch-nichts-machen“ leben. Und wenn die Resignation noch stärker an der Seele nagt, gehen viele den Weg der „Beruhigung“ durch Drogen oder pendeln zwischen Alkohol- und Arbeitssucht. Manche ziehen sich zurück ins private stille Glück der eigenen vier Wände, sofern wenigstens dort von Glück die Rede sein kann.
Eine dritte Reaktion könnten Christen, die furchtlos ihren Glauben leben, der Welt anbieten: Sich der Angst stellen angesichts des Zustands der Welt, die dramatischen Dinge nicht verdrängen, sondern sie wahrnehmen und spüren, wie viel Angst das wirklich macht. Im Wahrnehmen steckt das „wahr“-Nehmen, das keinem - sich selbst nicht und auch nicht den anderen - eine „falsche“ Hoffnung macht. Jedoch dann kommt das entscheidende „Aber“. Aber das Ende ist niemals das „Ende“! Immer kommt Gott. Das will besagen: die Zukunft des Menschen und die Zukunft der Welt werden niemals einfach ins Bodenlose fallen. Das sagt der Glaube der Christen. Denn „sie werden den Menschensohn, kommend in Wolken, mit viel Kraft und Herrlichkeit sehen. Er wird die Engel aussenden und sammeln seine Erwählten von den vier Winden“. Das heißt doch: Gegen alle Hoffnung bietet Gott uns Rettung an, stellt er uns ein Licht der Hoffnung auf, fordert uns auf, gegen alle Resignation anzukämpfen, macht uns Mut mit unserem kleinen Leben einen Funken Hoffnung in diese Welt hinein zu tragen.
Gerade in einer Welt, in der Gott keine Rolle mehr zu spielen scheint, gewinnt unser Glaube und unser Leben nach ihm eine besondere Bedeutung. Selbst Friedrich Nitzsche, den man immer als glaubenslosen Menschen abtut, hat in manchen seiner Text versteckt immer wieder den Aufschrei nach Gott. Es ist ein Aufschrei nach dem Ende der scheinbaren Sinnlosigkeit. So heißt es in seinem Werk: „Die fröhliche Wissenschaft“ von einem Menschen, der am helllichten Tag eine Laterne anzündet und nach Gott zu suchen beginnt:
„Wohin ist Gott? Wir haben ihn getötet, ihr und ich. Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir die Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein oben und ein unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Ist es nicht kälter geworden?
Dieser Text macht uns nachdenklich. Nitzsche sieht sehr klar, dass mit dem Verlust des Glaubens der Platz frei geworden ist an dem sich die Hoffnungslosigkeit und die Resignation und auch die Angst festsetzen. Und aus dieser Sackgasse möchte uns das Wort Jesu herausreißen. Es versetzt uns klar und deutlich in die Wirklichkeit unserer Welt und es zeigt uns aber auch die Perspektive aus der unsere Hoffnung kommt: wir sollen uns nicht vor der Wirklichkeit verschließen, wir sollen sie wahrnehmen, sie wird uns ohnehin jeden Tag durch die verschiedenen Medien deutlich vor Augen geführt. Wir sollen aber auch erkennen, was unsere Welt retten kann: dass wir sie und unser eigenes Leben wieder in Beziehung zu Gott bringen, dass wir uns, um beim Ausdruck Nietzsches zu bleiben, wieder an Gott ketten und unsere Aufgabe in dieser Welt deutlich erkennen. Und diese besteht nicht im Dulden und Abwarten, sondern im Tun, im deutlichen Leben unseres christlichen Glaubens, der keine Flucht aus der Wirklichkeit sein soll, sondern ein Ernstnehmen der göttlichen Realität und ihrer weltverändernden Kraft Das kleine Stückchen Welt, in dem wir wirken und leben könnte durch uns beeinflusst werden. Und die ganze Welt mit all ihren Problemen und Nöten könnte durch uns verändert werden, indem wir sie immer wieder in unseren Gebeten vor Gott hintragen.
So hoffe ich, dass dieses Evangelium ihnen nicht die Angst vermehrt hat, sondern die Hoffnung und die Zuversicht. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ



25.11.2018

Christkönigsfest
Jo 18, 33b-37

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Es gibt eine Erfahrung, die uns manchmal schwer zu schaffen macht: Gott scheint verschwunden zu sein. Diese Erfahrung machen wir zunächst in der Welt, so wie wir sie erleben. Wissenschaft und Technik haben in ihr einen vorherrschenden Platz. Das Geheimnis in der Welt scheint auf das „Noch-nicht-Wissen“ zusammengeschrumpft. Das Machbare steht so im Vordergrund, dass es kein „Unmöglich“ mehr zu geben scheint. Sogar der Bauplan der Menschen ist total erforscht und der Streit um Versuche mit Genen und Embryonen zumachen bewegt die Gemüter.
Diese mehr allgemeine Erfahrung setzt sich fort in einer weiteren Tatsache, mit der wir auch immer wieder konfrontiert werden. Menschen signalisieren, dass Gott für ihr Leben seine Bedeutung verloren habe. Es hat oft den Anschein, als ob er für sie nie existiert hätte.
Und wir selber machen die Erfahrung, dass wir phasenweise in Krisen und Zweifel geraten, ob Gott den existiert, wo er ist und wie er sich zeigt. Andererseits müssen wir aber sagen, dass wir den Glauben an Gott nur durchhalten können, wenn wir etwas von ihm erfahren. Wo ist uns aber am ehesten der Zugang zu ihm gegeben, wo wird uns ein gangbarer Weg gezeigt, der uns zu ihm führt?
Das Evangelium vom heutigen Fest macht uns klar, wie Gott sich in unserer Welt und in unserem Leben in Erfahrung bringen will: Er tut dies als wehrlose Liebe. Gott ist ganz und gar unaufdringlich, so dass die Gefahr besteht, dass er übersehen wird. Gottes Art, sich in seinem Sohn unter uns Menschen zu zeigen, ist für die, die meinen, genau zu wissen, wie Gott zu sein habe, geradezu ein Ärgernis. Sie klagen ihn an und bringen ihn vor Gericht, denn „er hat Gott gelästert“. Pilatus, dem er als Angeklagter überstellt wird, spottet über ihn: „Bist du ein König? Wo ist dein Reich? Wie zeigt sich deine Macht?“ Wohl weniger aus seiner eigenen Überzeugung heraus, sondern mehr, weil das Volk es verlangte und damit droht, Pilatus beim Kaiser anzuzeigen, wenn er Jesus nicht verurteilte, gibt er Jesus zur Hinrichtung am Kreuz frei.
Die ihn am Kreuz sehen, spotten über ihn. „Was ist das für ein Gott, der wehrlos am Kreuz verblutet? Tu doch was, Gott, steig herab und zeig, wie mächtig du bist!“ Er aber schweigt – ohnmächtig.
Es gibt Gottesbilder, die einen ganz anderen Gott zeichnen. Wir können etwa an den Psalm 29 denken. Dort heißt es unter anderem: „Die Stimme des Herrn ertönt mit Macht... Der Herr zerschmettert die Zedern des Libanon…Die Stimme des Herrn sprüht flammendes Feuer…Sie wirbelt Eichen empor, reißt ganze Wälder kahl. In seinem Palast rufen alle: O herrlicher Gott!“ Oder wir hören das Siegeslied des Moses am Schilfmeer, das von einem Gott singt, vor dem die ganze Streitmacht des Pharaos vor Furcht erstarrt. So erfahren wir Gott nicht. Wir wollen Gott auch nicht so erfahren, wie ihn diese Bilder darstellen: als drohende, schreckliche Macht, über dessen Handeln die Menschen entsetzt sind.
Wir haben von solchen Gottesbildern wohl auch deshalb Abschied genommen, weil die Möglichkeiten, die die Menschen heute selber haben, um Furcht und Schrecken zu verbreiten, ungeheuerlich sind. Für uns Christen hat Gottes Bild eine konkrete Gestalt angenommen. Es ist Jesus von Nazareth, in dem Gott seine Allmacht zur wehrlosen Liebe werden lässt. Er wird zu einem Gott, mit dem die Menschen machen was sie wollen, zu einem Gott, der ohnmächtig in dieser Welt scheint. Er ist wehrlose Liebe – und die ist stärker als der Tod.
Und so kommt Gottes Sohn am Kreuz uns Menschen ganz in die Nähe, in unsere persönliche Nähe, die wir ja selber Leidende und Gequälte sind. Aber, so könnten sie fragen, was bringt das, wenn Gott in seinem Leiden so in unsere Nähe tritt? Genügt es uns, dass da jemand mit uns mitleidet oder erwarten wir mehr? Ja, wir erwarten mehr von diesem König am Kreuz und mit Recht tun wir das.
Es ist eine gefährliche Tendenz in unseren tagen zu spüren: die Revolte gegen das Kreuz. In einer Schule fängt die Demontage des Kreuzes an, in einem Regierungssaal wird es abgelehnt. Wann wird es von den Gipfeln unserer Berge verschwinden und aus unseren Wohnzimmern? Es ist gefährlich und für unser Christsein entstellend, wenn wir Jesus vom Kreuz herunterholen und ihm eine weltliche Krone aufsetzen wollen. Es ist einigermaßen befremdend, wenn die Kirche heute Werbemittel gebraucht, die den weltlichen Medien entlehnt sind. Da zählt nur Jugendlichkeit, Kraft, Attraktivität und Technik. Ob man mit solchen Werbemethoden auch nur einen einzigen in die Kirche bringt ist für mich mehr als fraglich. Aber man kann halt schlecht Propaganda machen mit einer Klosterfrau am Krankenbett und mit einem alten Pfarrer, der zwei Pfarreien betreut und sich ein „in-Pension-gehen“ nicht leisten kann.
Ein König am Kreuz, mit dem lässt sich nicht leicht Propaganda machen, aber er weist hin auf die Wahrheit unseres Lebens. Er gibt durch seinen Tod Zeugnis für die Wahrheit, die er gebracht hat und die wir weiterzutragen haben. Wir dürfen diese Liebe Gottes, die stärker ist als der Tod nicht missverstehen. Sie ist nicht schwächlich. Ganz im Gegenteil! Wir können am Leben Jesu lernen, was sie ist. Mit großer Entschiedenheit tritt er auf. Er deckt Strukturen auf, die den Menschen zum wehrlosen Objekt machen. Er heilt nicht nur da und dort einmal einen Kranken, hat nicht nur für diesen oder jenen ein gutes Wort übrig, will nicht nur, dass vereinzelt etwas Gutes geschehe in unserer Welt, sondern er will, dass die Menschen nicht mehr mit den Menschen machen, was sie wollen. Dafür will er ein Zeichen sein, und er lässt es deshalb zu, dass man mit ihm macht, was man will.
Sieht es in unserer Welt und ihrer Geschichte so aus, al käme er damit an ein Ziel? Wenn man heute nahe daran ist, Manipulationen mit menschlichen Embryonen zuzulassen, für Forschungszwecke, um Krankheiten zu bekämpfen und später vielleicht als Organlager, dann zweifelt man daran, dann merkt man, dass der Mensch mit dem Menschen macht, was er will ohne sich um einen Gott und sein Gebot zu kümmern. Und all das geht so still und leise vor sich, dass sich der Normalbürger dessen gar nicht mehr bewusst wird und schließlich vor vollendeten Tatsachen steht.
Wenn aber Jesus für uns bis zum Tod am Kreuz gegangen ist, dann wissen wir, dass er die Hoffnung für unser Menschengeschlecht nicht aufgibt und dass er auf uns seine Hoffnung setzt, dass wir seine Wahrheit in diese Welt hineintragen.
Es wird immer wieder gesprochen von der Trennung zwischen Kirche und Politik. Aber diese Trennung darf das Christentum nicht in ein Ghetto hineintreiben, wo wir zwar im Gotteshaus fromm singen dürfen aber sonst nichts mehr zu melden haben. Schon die alten Griechen haben den Satz geprägt, der Mensch sei ein „Zoon politikon“, ein politisches Wesen. Und der Christ ist ein Mensch und somit auch für das was geschieht verantwortlich.
Dankbar müssen wir sein für die Königstat Jesu am Kreuz und Zuversicht müssen wir haben, dass er imstande ist, die manchmal so verschlafene Christenheit wieder aufzuwecken; aber nicht um das Christentum zu genießen, sondern es mit der eigenen Kraft und mit der Kraft, die von Gott kommt weiterzutragen in alle Bereiche dieser Welt hinein. Amen.

PM



02.12.2018

1. Adventsonntag
Jes 63,16b-17
Mk 13,24-37
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Wir leben nicht mehr in einer sichern Welt. Vieles ist ins Wanken geraten, was früher als sicher galt. Die Gedanken der Apokalypse des Johannes von der wir in den letzten Tagen des Kirchenjahres gehört haben, sind uns gar nicht mehr fremd. Überall in der Welt entdecken wir die Spuren des Bösen. Und das nicht nur in der Welt der Terroristen in ihren verschiedenen Gliederungen, sondern auch in unserer westlichen Hemisphäre. Was auf der einen Seite Terror ist, ist bei uns Glaubenslosigkeit, Zügellosigkeit oder können wir nicht gar schon sagen: Sodom und Gomorrha ist wieder aktuell geworden? Und so müssen wir aufgerüttelt, wachgerüttelt werden durch all die Unsicherheiten unserer Tage.
Und da der Advent den Gedanken der Erwartung enthält, müssen wir uns auch fragen, was wir denn wirklich erwarten, was wir erhoffen. Viel steht da heute im Weg. Im Blick auf Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und vielfach auch im Blick auf unser persönliches Leben scheint Resignation oder gar Verzweiflung die nahe liegende Antwort zu sein. Es gibt da ja auch die Untiefen im eigenen Herzen, die tiefsitzenden Enttäuschungen, das eigene Versagen. Die Hoffnungen ersticken einem im Herzen, wenn man es wagt, die Augen aufzumachen, wenn man nicht zufrieden ist mit dem kleinen Wohlstand, den man sich vielleicht herausschneiden kann aus der allgemeinen Misere.
Von all diesen Erfahrungen brauchen wir nicht abzusehen, wenn wir Advent feiern wollen. Er wäre falsch verstanden wollten wir ihn nur dazu nützen aus unserer Wirklichkeit in die Welt einer bloß kindlichen Weihnachtsvorfreude. Treffen sagt Isaias in der heutigen Lesung: „Wir sind alle Unreine geworden. Wie ein schmutziges Kleid ist unsere Gerechtigkeit.“ So hart setzt der Prophet ein. Er sieht das Elend seines Volkes in der Gefangenschaft, das eigentlich nichts mehr zu erwarten hat.
Und da erinnert er an die Großtaten Gottes. Mit großes Sehnsucht blickt er rückwärts: Was waren das doch für Zeiten! Damals stand Gott zu seinem Volk. Aber jetzt? Er scheint sich zurückzuziehen. Er ist entschwunden. Die Klagen und Gebete erreichen ihn nicht mehr. Er hat uns preisgegeben.
Erkennen wir uns da nicht wieder? Wie viele klagen: Gott kümmert sich scheinbar nicht mehr um seine Welt, unser Beten scheint vergeblich zu sein. Bei Isaias weckt die Klage aber nicht Resignation, sondern wird zu einem Impuls neuer Hoffnung. Es ist doch auch unsere Erfahrung: Wenn wir am Ende zu sein scheinen, dann gibt es oft nur noch zwei Möglichkeiten: Wir geben uns auf, oder die Stunde der Ohnmacht wird gerade zur Stunde des neuen Aufbruchs, der neuen Hoffnung. „Reiß doch die Himmel auf, und steig herab, dass die Berge vor dir erbeben!“ Das ist nichts Idyllisches oder Niedliches. Da reicht kein billiger Trost, der uns weiterschlafen lässt. Da geht es auch nicht um ein paar gemütliche Adventsstunden, sondern um die Grundausrichtung unseres Lebens. Damit ist nichts gesagt gegen einen stimmungsvollen Advent. Aber er muss uns dazu dienen, dass wir uns besinnen, wofür wir da sind, wonach wir uns ausrichten, was für uns wichtig ist; sonst ist der Advent nur eine fromme Flucht, die uns nicht weiterbringt.
Isaias schreibt weiter: „Du bist unser Vater, unser Erlöser von alters her.“ Diese Stelle ist eine der wenigen im Alten Testament, wo Gott „Vater“ genannt wird. Die Erinnerung an den Vater und Erlöser von alters her wird zur Hoffnung. Die Hoffnung wird zur Gewissheit: „Du kommst denen entgegen, die recht handeln.“
Doch das werden wir nur erkennen, wenn wir uns selbst auf den Hoffnungsweg machen. Wach müssen wir sein, aufgeweckt müssen wir werden. Wach sein müssen wir, damit wir die Zeichen der Zeit erkennen, damit wir uns nicht einlullen lassen von Propaganda und Reklame, damit wir nicht dem allgemeinen Klima der Resignation verfallen. Diese Resignation ist ja wie ein schleichendes Gift, das wir wie unsere Atemluft atmen und das uns erstickt. Und dann haben wir schnell die Sündenböcke für unser eigenes Fehlverhalten.
Aufmerksamkeit und Wachheit wie Jesus sie meint, bedeutet zunächst einmal mit allen Sinnen da zu sein. Jesus lebte diese Weise der Aufmerksamkeit. Er sah die Lilien auf dem Feld, er hörte die Vögel des Himmels, roch den Sauerteig, schmeckte Brot und Wein, fühlte die Nähe der Menschen. Weil er das alles konnte, wurde ihm die ganze Schöpfung zum Schauplatz und auch zur Nähe Gottes. Die Aufmerksamkeit der Sinne verbindet somit Himmel und Erde.
Eine neue Form der Wachsamkeit, wie Jesus sie lebte, ist die Wachsamkeit des Herzens. „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, so spricht der Fuchs zum Kleinen Prinzen bei St. Exupery. Hier geht es um das Sehen aus unserer Mitte, aus der Herzensmitte heraus. Jesus selbst sah die Welt mit den Augen des Herzens. In den Kranken sah er die Möglichkeit des Heils und über den gefangenen die Freiheit hereinbrechen. In den trauernden fühlte er die kommende Freude und selbst bei den Toten sah er das Leben. Im Versagen der Menschen sah er die „felix culpa“, die glückliche Schuld.
Die Wachsamkeit des Herzens ist gleichbedeutend mit dem tieferen Blick, der den Grund der Dinge ansichtig macht. Jesus sah mit diesen inneren Augen, und so konnte er in jedem Menschen das göttliche Leben erkennen. In dieser Haltung saß er mit Zöllnern und Sündern zu Tisch und rief Fischer, Zeloten und Steuereintreiber in seine Nachfolge. Keine noch so trostlose Krankengeschichte, keine noch so machtvolle Abhängigkeit, kein noch so großes Versagen konnte ihn vom Blick mit dem Herzen abhalten. Dieser Blick mit dem Herzen ließ ihn alle Chancen im Leben eines Menschen sehen.
Die Kunst der Wachsamkeit besteht nun darin, ganz in der Gegenwart zu leben: nicht im Gestern, das lange vorbei ist, und nicht im Morgen, der erst noch kommen wird. Die Kunst der Wachsamkeit bedeutet, den Augenblick ernst zu nehmen, denn er ist die einzige Zeit, in der wir das Leben, die Menschen und Gott erfahren bzw. verpassen können. Den Augenblick leben heißt: in ständigem Blickkontakt mit dem zu sein, das Gott mir über den Weg schickt. Wachsamkeit ist etwas ganz Einfaches, etwas Elementares. Sie meint, sich auf den Alltag einzulassen mit seinen Begegnungen und Herausforderungen.
Was verändert sich nun durch die Haltung der Wachsamkeit im Vergleich zu unserem gewöhnlichen Leben?
Wer in der Weise der Wachsamkeit lebt, lebt weit intensiver als die, die ihr Leben zwischen Bett, Arbeit und Fernsehen sicher und bequem eingerichtet haben. In dieser Haltung erwerbe ich die Gegenwart. Sie ist die einzige Zeit, die mir wirklich gehört. Sie ist der einzige Ort, den ich gestalten kann. Mit der Gegenwart gewinne ich gleichzeitig die Menschen, die Dinge und die Schöpfung, die mir in jedem Augenblick gegenüberstehen. Sie ist die einzige Chance zu lieben und geliebt zu werden. In ihr begegne ich letztlich Gott selbst.
Somit ist die Botschaft des 1. Adventsonntags eine aufrüttelnde; aber nicht eine ängstigende. Sie ist eine Ermunterung zu einem bewussten und wachen Leben, gegründet auf die eigenen Möglichkeiten, die uns von Gott geschenkt sind und auf die helfende Gegenwart Gottes im eigenen Leben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ



08.12.2018

Hochfest der Gottesmutter Maria
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Adam, wo bist du? Es ist das die Frage an den Sünder, an den Sünder in uns. Wo verstecken wir uns, wohin sind wir vor uns selbst geflohen – und vor der Herausforderung, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Maria ist für die Kirche das Gegenbild des sündigen Menschen. Sie muß nicht gesucht werden, sie muß nicht gefragt werden: Wo bist du? Ihre Antwort, als Gottes Wort sie traf war: Ich bin da. Ich bin bereit.
Es gibt in unserem Land eine reiche Tradition der Marienverehrung, es gibt viele Wallfahrtsorte, wo die Menschen mit einem besonderen Vertrauen ihre Zuflucht zur Gottesmutter nehmen. Es ist all das ein Zeichen dafür, dass wir Menschen an die Nähe der Mutter Jesu auch in unseren Tagen glauben, es ist das ein Zeichen dafür das das Wort Jesu am Kreuz auch heute noch seine Gültigkeit hat, wo Jesus zu Maria gesagt hat: Siehe da, dein Sohn. Er meinte damit Johannes, der unter dem Kreuz stand. So verstehen wir uns auch heute noch als Söhne und Töchter Mariens.
Es gibt auch heute immer wieder die Kunde von verschiedenen Marienerscheinungen. Und wenn auch weit nicht von allen die Echtheit erwiesen ist, so deuten sie doch auf etwas hin: Gott möchte uns durch seine Mutter etwas sagen, er möchte uns eine Botschaft zukommen lassen in unserer bedrängten und nicht immer sehr hoffnungsvollen Zeit. Gott möchte uns eine Botschaft zukommen lassen durch einen Menschen, der genau seinen Vorstellungen und seinem Schöpferwillen entspricht: durch Maria.
Was da im Paradies passiert ist, ist in Wirklichkeit erschütternd, aber leider Gottes geschieht dieselbe Tat immer wieder, auch in unserer Zeit, und vielleicht da besonders: der Mensch lehnt sich auf gegen Gott.
Es geht in der Paradieserzählung nicht um einen Apfel, das ist nur ein Bild. Sie erinnern sich, dass die Schlange der Eva und dem Adam eine Verheißung machte: wenn ihr die Frucht des Baumes eßt werdet ihr wie Gott und Gutes und Böses erkennen. Es geht darum, dass der Mensch seine Wirklichkeit verläßt, dass er seine Herkunft leugnet, dass er seine Geschöpflichkeit leugnet. Und er ahnt nicht, dass er sich damit selber ins Verderben stürzt. Wir brauchen heute wirklich nicht weit zu schauen, um zu bemerken, wie sich die Gottentfremdung in unserer Welt bemerkbar macht.
Im Alten Testament sagt das Buch Kohelet: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Doch das Neue Testament durchbricht dieses Gesetz, denn nun nimmt eine neue Welt ihren Anfang. Und am heutigen Tag feiern wir das erste Zeichen davon: Ein Mensch tritt ins Dasein, der „voll der Gnade“ ist. Die Kirche erklärt diesen Gruß des Engels so, dass Maria als Mutter des Erlösers durch Gottes Gnade der erste voll-erlöste Mensch einer neuen kommenden Welt ist.
Doch sind das nicht zu große Worte für wenig Realität? Ja, kann überhaupt etwas grundlegend Neues, Heiles wachsen auf dem Boden dieser Erde, auf der Gutes und Übles so unlösbar ineinander verquickt erscheinen.
Was bedeutet das „voll der Gnade“ für Maria? Jedenfalls nicht, dass sie in ihrem Leben vom Leid der Welt verschont bleibt.
Auf sie wartet Armut, Flüchtlingslos, Witwenleben und vor allem das große Leid mit ihrem Sohn. Doch das Los, eigene Schuld auf sich zu laden, bleibt ihr erspart. Und das bedeutet viel. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld“: So schließt Schiller seine Tragödie „Die Braut von Messina“. Und er spricht eine tiefe Wahrheit aus.
Schuld ist die Wurzel fast jeden Übels. Doch sie scheint uns unausweichlich. Wir geraten in ihre Verstrickungen und können uns aus ihren Ursachen und Folgen selber kaum mehr befreien. Schuld ist es, was Menschen entzweit, was im Kleinen Feindschaften und im Großen Kriege entfacht. Schuld ist es auch, was den Menschen von Gott trennt. Wer aber frei ist von Schuld vor Gott, der ist auch frei für die Freude an seinem Gott. Und das Gottesbild wird nicht von Angst geprägt, sondern von Freude. In Maria setzt Gott ein Zeichen für dieses neue Verhältnis des erlösten Menschen zu ihm.
Maria ist ein Zeichen der kommenden Welt: Ihr Leben ist reich an Tugenden, wie sie zum Reich Gottes gehören. Große Tugenden finden sich freilich auch bei anderen Heiligen und vorbildhaften Menschen. Da steht Maria nicht allein. Doch eine Haltung hebt sie besonders hervor: Als jene Frau, deren Beziehung zu Gott von Anfang an ungetrübt ist, hat sie ein grenzenloses Gottvertrauen und eine auch durch das Leid nie zerstörbare Freude an Gott. Wie sie Gottes Weisungen entgegennimmt, wie sie auf seine Verheißungen baut, auch wenn sie seine Pläne nicht versteht, wie sie bereit ist, seinen Willen zu erfüllen, wie sich auch im Leiden aufrecht steht und die Jünger im Glauben bestärkt: Die Freude an Gott, die sie im Magnifikat in Verse gefaßt hat, bleibt ihre Stärke, ihr Gottvertrauen bleibt ihre Kraft.
Gott hat durch Jesus Christus einen neuen Anfang gesetzt. In Maria hat er sich einen Menschen bereitet, der offen ist für eine bessere Welt, eine Frau, die geeignet ist, den Schöpfer der neuen Welt zu gebären und als Mensch zu formen. In Maria, der Jungfrau „voll der Gnade“, der Frau ohne Schuld und voller Freude an Gott, leuchtet diese neue Welt erstmalig auf und die Beziehung, in der auch wir zu Gott stehen dürfen.
Die Vollendung der neuen Welt bleibt Gott vorbehalten. Uns Christen aber traut Gott zu, dass wir uns auf diese neue Welt hin auf den Weg machen, ohne Verzagtheit, ohne Mißmut und ohne Pessimismus, dass wir uns von den Zeichen der Zeit nicht schrecken lassen.
In der Apokalypse des Johannes stellt uns der Apostel ein wunderbares Bild vor Augen. Eine Frau wird gezeigt, die vor der Geburt steht. Sie soll das göttliche Kind gebären. Ein Drache verfolgt sie und will sie und das Kind verschlingen. Aber Gott rettet sie und bringt sie an einen sicheren Ort.
Es ist eine alte Wahrheit und sie tritt immer wieder deutlich hervor an all den vielen Wallfahrtsorten: Wer sich an Maria hält, wer sich von ihrer mütterlichen Hand führen läßt, für den gibt es letztlich keine Verzweiflung, dem können auch die entsetzlichen Bilder, die wir immer wieder vorgesetzt bekommen nicht den Mut rauben. Es doch immer wieder der alte Kampf zwischen den Mächten der Finsternis und den Engeln Gottes. Aber wir wissen wie er ausgeht. Auch hier zeigt uns die Offenbarung des Johannes ein tröstliches Bild. Am Ende wird Gott alle Tränen abwischen von unseren Augen, er wird sich als unser Gott erzeigen und uns als seine Kinder annehmen, wie er Maria angenommen hat. An ihrer Hand überwinden wir die Dunkelheiten unseres Lebens, wenn von der Helligkeit ihrer reinen Seele auch ein Strahl auf uns fällt. Amen.

PM



09.12.2018

2. Adventsonntag
Lk 3,1-6
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Für unsere heutigen Architekten und Landschaftsplaner sind Berge, Hügel und Täler kein Hindernis mehr. Wir reisen heute auf gepflegten Autobah-nen durch Tunnels und überwinden Täler durch weit gespannte Brücken. Im Altertum waren die Straßenzustände eher bescheiden. Wenn daher ein König oder ein hoher Beamter auf Reisen ging, um entferntere Provinzen seines Reiches zu besuchen, hatte ein Vortrupp für den nötigen Wegezu-stand zu sorgen. Johannes, der Täufer, wollte aber nicht auf Straßenzustän-de hinweisen sonder auf eine ganz andere Wegbereitung, eine Wegberei-tung, die sich auf eine wichtige Ankunft bezieht, auf die Ankunft des Messi-as.
Berge und Täler gibt es nicht nur in der Natur, die gibt es auch im menschlichen Leben, in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, in all den Zwängen denen wir in unserem Leben ausgesetzt sind. Berge und Täler als unüberwindbare Hindernisse, als Zwänge, denen wir erliegen und die un-sere
Freie Entfaltung und auch unsere Hinwendung zu Gott verstellen und ver-bauen. Die Werbung, der wir täglich ausgeliefert sind, stellt uns immer wie-der jugendliche, freudestrahlende und kauffreudige Menschen vor Augen, die wir einfach nicht sein können. Es wird uns vorgestellt, was wir essen sollen und die Mode bestimmt unser Outfit. Das sind alles Dinge, die einen Men-schen so in Beschlag nehmen können, dass er den Blick für wesentliche Din-ge in seinem Leben verliert.
Stehen wir nicht auch immer wieder vor unüberwindlichen Hindernis-sen, wenn von uns als von Christus Erlösten und in der Taufe als KinderAn-genommenen, freie Entscheidungen gefordert werden, und wir aber den leichteren, den gangbareren Weg wählen und nicht der im Inneren erkann-ten Wahrheit folgen, sondern nirgendwo anecken möchten Wie oft verges-sen wir als freie und aufrechte Menschen zu leben?
Wenn uns Lukas das Auftreten des Johannes in der Wüste schildert, dann soll das Volk Israel und auch wir heutige Menschen an die Wüstener-fahrung des Volkes und auch an seine Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens erinnert werden. Es geht um eine Zeit, in der sie sich nicht in der Sicherheit der nächsten Ernte auf ihren Feldern wiegen konnten. Damals waren sie auf das Manna angewiesen, das ihnen Gott täglich zukommen ließ. Wüstenerfahrung ist immer auch mit der Vorstellung von Orientie-rungslosigkeit, Ausgesetztheit, der Unsicherheit von Wetter, Nahrung und Wasser verbunden. Wüste bedeutet Einsamkeit und Fehlen menschlicher Gemeinschaft und Unterstützung. Eine Bedrohung an Leib und Seele schlechthin.
An Leib und Seele bedroht sind wir im übertragenen Sinn auch hier in unserem Gesicherten und abgesicherten europäischen Leben. Nicht nur die vielen Asylanten und die vom Terror bedrohten Menschen in Paris, Brüssel und Tunis erfahren ihre Verletzlichkeit auf allen möglichen Ebenen, auch wir selbst sind jeder als Mensch zutiefst verletzlich und stets dem Tode ausge-setzt. Gegen diese Endlichkeit und Verletzlichkeit ist kein Kraut gewachsen. Aus dieser Situation heraus lebt unsere Erwartung, sollte sie wenigstens le-ben. Viele Menschen gibt es indes für die eine adventliche Erwartung fremd ist. Die haben sich abgefunden mit dem was sie „Schicksal“ nennen. Sie stel-len keine Fragen an ihr Leben.
Für uns Christen bieten aber genau die Grenzerfahrungen menschli-chen Leben eine große Chance, unsere, manchmal auch anklagenden Fra-gen, eröffnen einen neuen Horizont. Es sind die Fragen nach der Sinnhaf-tigkeit menschlicher Existenz, es ist letztlich die Frage nach Gott, dessen Ge-schöpfe wir sind und von dem wir glauben, dass er uns liebt. Es ist die Frage nach dem Sinn der menschlichen Geschichte in all den Wirrnissen unserer Zeit. Zugegeben für so manche Fragen haben wir keine Antwort, müssen aus unserem Glauben und Vertrauen heraus leben aber sie erweitern unse-ren Horizont auf Gott hin der uns nicht immer alle Antworten gibt, aber uns den Mut schenkt in der Wüste unsere Lebens nicht stehen zu bleiben, der uns immer wieder eine Oase finden lässt.
Es ist nicht von ungefähr, dass Lukas das Auftreten Johannes des Täu-fers exakt in den geschichtlichen Rahmen seiner Zeit stellt, einer turbulenten Zeit. Und in diese Zeit hinein verkündet er das Kommen des Messias. Diese Botschaft ist aber mit einer Aufforderung verbunden: wir müssen uns än-dern. Die Aufforderung zur Veränderung ist ja hochaktuell wie es die Frage des Klimaschutzes ist. Aber wer die Welt verändern will, muss im eigenen Leben beginnen. Lassen sie sich nicht den Mut rauben und in jene Gleichgül-tigkeit fallen die sagt: „Es wird sich ohnehin nichts ändern.“ Wir haben Gott noch nicht herausgefordert durch unseren Glauben an ihn und durch unsere Zuversicht auf sein Wirken. Wir haben es versäumt mit dem Wirken Gottes an uns und auch an der Welt zu rechnen. Gott ist kein bloßer Begriff und auch kein bloßes Symbol, der Himmel ist nicht leer und die Schöpfung re-det laut von Gott. Sollte da gerade der Mensch, die Krone der Schöpfung stumm sein?
Schaffen wir seiner Barmherzigkeit Raum. Tragen wir die Berge ab, die sein Kommen verhindern, füllen wir die Täler aus, die uns von ihm tren-nen. Dann wird Weihnachten dieses Jahr vielleicht ein wenig anders werden. Amen.

PM



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