01.01.2018

Lk 2, 16-21
Hochfest der Gottesmutter Maria

Der Beginn eines neuen Jahres ist für viele der Anlass, auf der einen Seite Rückschau zu halten und sich zu fragen: Was hat das vergangene Jahr gebracht? Was bleibt? Was möchte ich mitnehmen in das gerade angefangene Neue Jahr? Andererseits schaut man aber auch auf das neue Jahr mit seinen 365 unbeschriebenen Kalenderblättern. Was kommt auf mich zu? Welche Veränderungen bringt das neue Jahr? Werde ich seinen Herausforderungen gerecht werden? Werden meine Erwartungen erfüllt werden? Das ist manches, was wir am Jahresbeginn bedenken und in unserem Herzen Hin- und her bewegen. Und dann noch die wesentlichste Frage, die wir nicht übergehen sollten: Wie wird sich die Botschaft dieses neugeborenen Kindes in dieser unserer Welt durchsetzen? Wenn wir an die Werbetechniken unserer großen Konzerne denken, dann nimmt sich die Werbung im Stall von Bethlehem recht dürftig aus. Gott scheint von der modernen Werbung einfach nichts zu verstehen. Um seine Botschaft unter die Leute zu bringen, sucht er sich nicht zugkräftige Personen aus, die über entsprechenden Einfluss verfügen – er nimmt dazu Hirten. Um voll und ganz ermessen zu können, was das heißt, muss man sich vorstellen, welche Rolle Hirten im damaligen Palästina spielten: Diese Hirten waren nicht freundliche alte Männer – dazu haben sie sich erst bei uns als Krippenfiguren entwickelt. Von den Hirten damals wissen wir, dass das meist Leute waren, die keine gesicherte Arbeit fanden oder zu keiner anderen Arbeit taugten – Gelegenheitsarbeiter also. Wer den Beruf eines Hirten ausübte, der war bei Gerichtsverhandlungen nicht einmal zeugnisfähig, seine Aussage galt nichts. Die Weihnachtsgeschichte erzählt uns also kein Idyll; es ist gar nichts Rührendes daran, wenn berichtet wird, dass diese Leute nun plötzlich auftreten und die Nachricht von der Geburt eines Kindes verbreiten – eines Kindes durch das das Friede Gottes in diese Welt kommen soll. Die Reaktion: „Alle, die es hörten, wunderten sich über die Worte der Hirten.“ Diese priesen und rühmten Gott nach ihrer Rückkehr. Und was macht Maria? „Maria aber“, so heißt es in der Bibelübersetzung von Friedolin Stier, „hielt alles diese Worte verwahrt und fügte sie in ihrem Herzen zusammen.“
Maria erscheint hier als Vorbild des Glaubens. Ich geht es nicht um oberflächliche Sensationsgier und den Reiz des Ungewöhnlichen, sondern um ein wirkliches Bedenken, Meditieren und Aufnehmen der Worte und Ereignisse, die ihr geschenkt wurden. Es geht hier nicht primär um eine verstandesmäßige Durchdringung, sondern um eine geistliche Vertiefung, um eine „Ver-herzung“ des Geschehens.
Was hier von Maria erzählt wird, ist meinen Gefühlen zum Jahreswechsel nicht fern. Vielleicht ergeht es ihnen ähnlich: Ich habe gerade in unserer schnelllebigen Zeit, manchmal den Eindruck: Wir können mit unserem Herzen und unserem Verstand den vielen Ereignissen und Herausforderungen unseres Lebens gar nicht mehr folgen. Wir leben vor uns hin, ein Jahr folgt auf das andere, aber Sinn und Verbindung zwischen den einzelnen Erfahrungen und Lebensstationen sind nicht erkennbar. Ständig neue Ereignisse, Techniken, Ideen und Moden stürzen auf uns ein.
Wir müssten Innehalten, hinhorchen, genau wahrnehmen, das eine oder andere länger im Herzen bewegen. Wir müssten lernen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Wir müssten lernen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Gerade in den schnellen und immer schneller werdenden Abläufen unserer Zeit käme es darauf an, Halt zu finden. Gerade in der ständig zunehmenden Informationsflut käme es darauf an, in all dem Geschwätz und aller Oberflächlichkeit das heilende Wort zu suchen und zu finden. – Aber wie?
Vielleicht kann uns an dieser Stelle ein Ordensvater, der hl. Franz von Sales (1567-1622) helfen. Franz von Sales lehrte die Menschen vor allem die kleinen Tugenden wie Geduld, Dankbarkeit, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und auch die Achtsamkeit. Achtsam sollen wir durch den Tag gehen. Hilfreich ist dabei die sogenannte „Vorbereitung auf den Tag“. Franz von Sales rät, sich am Morgen eine kurze Zeit der Besinnung zu gönnen, um so auf die Ereignisse und Begegnungen und Arbeiten des Tages schauen zu können und sie unter den Segen Gottes zu stellen. Während des Tages kann man sich zwei oder drei Sekunden daran erinnern, dass Gott bei einem ist, dass wir in seiner Gegenwart leben und arbeiten. Nützen wir jeden dieser kommenden Tage, dass wir das, was uns bewegt und was wir im Herzen tragen, Gott hinzuhalten. Der Blick auf Maria, die ihr Leben und die Verheißungen Gottes in ihrem Herzen bewahrte und zusammenfügte, kann uns helfen, diese Chance zu nutzen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

06.01.2018

Erscheinung des Herrn
Mt 2, 1-12

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Das griechische Wort „Epiphanie“, das dem heutigen Fest seinen Namen gibt, heißt „Erscheinung“. Schon damit wird jedem, der Gott sucht, etwas Wichtiges gesagt: Kein Mensch kann Gott unmittelbar erkennen. Wir können ihn immer nur als den erfahren, der in den verschiedensten Dingen dieser Welt in Erscheinung tritt. So ist es heute, so war es damals.
Ich denke an Edith Stein, die ungläubige, aber Gott suchende Philosophin, die als Karmelitin während der Naziherrschaft ums Leben kam. In den dunkelsten Tagen ihres Lebens war sie bei ihrer Freundin zu Besuch. Dort fiel ihr ein Buch in die Hand. Sie las darin die ganze Nacht. Als sie es am Morgen ausgelesen hatte, sagte sie: „Das ist die Wahrheit!“ Dieses Erlebnis wurde zur Sternstunde ihres Lebens und Ursache eines radikalen Neubeginns. In einem Buch also war ihr Gottes Wirklichkeit aufgegangen.
Dem jungen gottlosen Dichter Paul Claudel war Gottes lichtvolle Nähe in der Kathedrale von Paris während eines weihnachtlichen Gottesdienstes erschienen. Ein Knabenchor sang gerade das Magnifikat. Da geschah auf einmal etwas Unerwartetes, das für das ganze Leben des Dichters bestimmend sein sollte. Claudel bekennt: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte…Wie glücklich doch die Menschen sind, die einen Glauben haben! Wenn es wirklich wahr wäre? Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Es ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich.“
Ignatius von Loyola ging der Stern Gottes auf dem Krankenbett auf. Augustinus wurde durch eine Kinderstimme zu ihm hingeführt. Sie alle erlebten, was auch die drei Weisen aus dem Morgenland zur Wende ihres Lebens brachte. Sie erfuhren das Aufleuchten von Gottes Liebe in etwas ganz Alltäglichem. Oft sind es Nebensächlichkeiten, die auf einmal voller Licht sind und die uns so zu einem Stern werden.
Vielleicht fragen sie an dieser Stelle, wann wir selbst einmal in dieser Weise Gottes Liebe und Nähe erfahren durften? Ein östlicher Mönch antwortet darauf: „Jeder Mensch kann am Abend Gott zumindest für drei Dinge danken.“ Überlegen wir, ob dies stimmt. So kann uns zum Bewusstsein kommen, wie oft Gott den Stern seiner Liebe auch uns in unscheinbaren Dingen und alltäglichen Ereignissen aufleuchten lässt.
Wenn man die Kapitelle der mittelalterlichen Kathedrale von Autun in Burgund betrachtet, entdeckt man dort eine wunderbare Darstellung der drei Könige. Man sieht sie friedlich ruhend unter einer großen decke beieinander kauernd. Ein Engel rüttelt sie auf und zeigt auf den Stern. Fast ist es, als ob man ihn sagen hörte: „Wacht auf, schaut, ein wunderbarer Stern ist aufgegangen. Macht euch auf den Weg, selbst wenn er beschwerlich sein wird und folgt dem Stern!“
Wer dem menschgewordenen Herrn Jesus Christus begegnen will, muss sich aufrütteln lassen, aufwachen, die Augen öffnen und sich aufmachen, um dem Leuchten des Sterns zu folgen. Wenn Gott sich zurückgezogen hätte und in seiner Herrlichkeit geblieben wäre, dann könnten wir heute nicht dieses fest feiern. Gott aber hat sich nicht gescheut, aufzubrechen und in die Dunkelheit der Welt hinabzusteigen und dadurch die Dunkelheit der Welt zu erhellen, wenn auch zunächst nur schwach und unscheinbar und von wenigen bemerkt. Es wäre eine Illusion, wenn wir glauben würden, wir Christen hätten einen anderen Weg zu gehen.
Immer wieder sucht Gott uns auf seine Weise zu begegnen, um uns auf den Weg zu Jesus zu bringen. Wir sehen es deutlich im Hinblick auf die drei Weisen. Wenn sie auch keine Könige waren, so waren es doch königliche Menschen. In Ungewissheit und Wagnis nahmen sie Abschied von ihrer kleinen und vertrauten Welt. Mutig und mit Gottvertrauen verließen sie ihr bisheriges Leben und machten sich auf einen mühsamen Weg ins Unbekannte. So erweisen sie sich als Menschen, die nicht in Vordergründigem die Sinnerfüllung ihres Lebens suche, in denen vielmehr die Sehnsucht nach dem Unendlichen und Ewigen lebt.
In dieser Sehnsucht gingen die drei Weisen ihren Weg. Nie gaben sie auf. Als der Stern sie verließ, als man ihnen in der Stadt mit Verständnislosigkeit, List und lüge begegnete, brachen sie das Begonnene nicht ab. Ruhig und besonnen verfolgten sie ihr Ziel. Und als sie es erreicht hatten, wurden sie nicht irre, als sich der von ihnen gesuchte König als ein einfaches Kind erwies, das nicht in einem Palast, sondern in einem Stall geboren worden war. Auf der Suche nach Gott fanden sie ihn im Antlitz dieses Kindes.
Weil sie einem Stern folgten, sind sie für uns zu einem Stern geworden, durch den uns aufgeht, was Glaube eigentlich bedeutet: „Sich herausrufen lassen aus seinen Sicherungen und Absicherungen; sich auf den Weg machen, den Gott uns durch seine Zeichen weist; nicht aufgeben, wenn dieser Weg ins Dunkel führt.“
Es ist verwunderlich: Obwohl diese Weisen von niemandem auf die Knie gezwungen werden konnten, knien sie sich vor diesem Kind nieder, um in ihm Gottes unergründliche Liebe anzubeten. Von „Anbetung“ ist heute nur noch selten die Rede. Was ist darunter zu verstehen? Teilhard de Chardin antwortet: „Anbeten heißt, sich im Unergründlichen verlieren, ins Unausschöpfbare eintauchen, im Unvergänglichen Frieden finden, in der begrenzten Unermesslichkeit aufgehen, sich von Grund auf jenem schenken, der ohne Grund ist! Je mehr der Mensch Mensch wird, umso mehr wird er von de3m Bedürfnis gepackt, anzubeten.“ In ihrer Anbetung offenbaren die drei Weisen ihr königliches Herz.
Die Tatsache, dass sie auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehrten, bringt unter anderem zum Ausdruck, dass sie durch die Anbetung Gottes in diesem Kind andere Menschen geworden waren; denn Menschen, die in Jesus Gott gefunden haben, machen immer eine radikale Wandlung durch. Sie lassen sich ihre Weisungen von oben, vom Himmel geben. Das ist das Geheimnis ihrer Menschlichkeit. Von solcher Menschlichkeit ist bei Herodes wenig zu finden. Er schaut nicht nach oben; er schaut auf sich selbst. Daher ist er zu allem fähig. Es ist uns ein Wort überliefert, das Herodes gesprochen haben soll und das uns zeigt, wer er wirklich war: „Wenn ich tot bin, wird keiner weinen, aber ich werde dafür sorgen, dass viele Tränen fließen.“ Im Gegensatz zu Herodes denken die Weisen nicht von sich, sondern von Gott her: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“
Offenheit, Einfachheit und Frömmigkeit, das sind die königlichen Tugenden der Weisen. Wo sie sich in uns entfalten, da werden wir unsererseits zu Weisen und zu einem Stern für manchen anderen. Als die Füße der drei Könige nach Bethlehem liefen, da ist ihr Herz zu Gott gepilgert. Machen wir uns auch auf den Weg und gehen wir in unserem alltäglichen Leben in Wort und Tat Zeugnis von der ungebrochenen Kraft der Liebe, der Versöhnung und des christlichen Glaubens, damit auch unsere Mitmenschen das Leuchten des Sterns am nächtlichen Himmel erkennen und der Kraft gelebter Liebe trauen können. Versuchen wir – bei all unserer Unzulänglichkeit – unsere christlichen Visionen in die Tat umzusetzen, um so mit unseren Herzen zu Gott zu pilgern. Amen.

PM

07.01.2018

Fest der Taufe des Herrn
Mk 1,7-11
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Wir haben gerade Weihnachten gefeiert, das Fest der Geburt des Herrn. Es ist das jenes Fest, ohne das unser christlicher Glaube unverständlich bleibt: Gott hat in Christus unter uns gelebt. Er hat uns versprochen, unter uns zu bleiben bis zum Ende der Welt. Dieses „unter uns“ haben wir an der Krippe sehr realistisch und hautnah miterlebt. Da gab es gleich am Anfang die Nacktheit, die Heimat- und Hauslosigkeit, die Ungeborgenheiten und Unsicherheiten - Lebensumstände, die jedem Menschenschicksal so oder so beschieden sind.
Mit der Taufe im Jordan beginnt für Jesus ein neuer Lebensabschnitt: Vorher hat er unauffällig in Nazaret gelebt und gearbeitet; was die Evangelien über seine Geburt und Kindheit erzählen, das hat für die ersten dreißig Lebensjahre keine erkennbaren Folgen gehabt. Nach der Taufe beginnt Jesus öffentlich zu wirken.
Zunächst stand Johannes der Täufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hielt sich ständig am Jordan auf, am Rand der Wüste, und predigte dort. Die Menschen gingen zu ihm hin, und er redete ihnen ins Gewissen. Wer sich seine Worte zu Herzen nahm und sein Leben ändern wollte, stieg hinab in den Jordan und ließ sich von ihm taufen, ließ sich untertauchen und gleichsam seine Schuld abwaschen.
Auch Jesus kommt, hört die Bußpredigt des Johannes und lässt sich taufen. Das hätte er eigentlich nicht nötig gehabt, denn er war ohne Sünde. Trotzdem stellt er sich in eine Reihe mit den anderen und lässt sich genau so behandeln wie sie. Das berichten übereinstimmend alle Evangelien.
Ich denke an die zahllosen Fresken und Malereien in der Kunstgeschichte, die sich dieses Themas faszinierend annehmen. Da sieht man Jesus oft sehr hautnah ins Wasser des Flusses hinabsteigen. Seine Füße sind umspült von dem zum Teil ruhigen, zum Teil reißenden Fluten des Jordan. Viele Ikonen des Ostens zeigen auch dramatisch die Flußgötter, die die Füße Jesu berühren. Sie lassen nichts aus, um die in der Welt und im Menschenleben wirksamen Mächte und Gewalten darzustellen. Und die Stimme Gottes, die aus der Wolke heraus ertönt legt Zeugnis ab von Jesus, dem geliebten Sohn. Als Mensch ist er von Gott geliebt, mit allem, was das Menschsein ausmacht. In ihm lokalisiert und personalisiert sich die Liebe Gottes zur ganzen noch zu erlösenden Welt und Menschheit.
So sollten wir uns einmal fragen: Was ist der Mensch, den dieser Gott so sehr liebt?
Das eine kommt in der Stimme Gottes ganz klar zum Ausdruck: In diesem Bekenntnis zu seinem Sohn spricht Gott auch sein Ja zu uns, zu uns Menschen mit all unserem Möglichkeiten zum Guten wie auch zum Bösen. Das Ja des Gott-Vaters zu seinem Sohn ist auch ein Ja zu uns. Und da ist es sicherlich einmal gut und billig, über uns selbst ein wenig nachzudenken.
Da ist ein Mensch. Und dieser Mensch fängt eines Tages an, nachzudenken über sich selbst. Wer bin ich eigentlich? Wer steckt hinter den vielen Rollen, die ich Tag für Tag spiele als Sohn, als Freund, als Kollege, als Kunde, Ehepartner, als Vater und Mutter? Wer ist dieses seltsame Wesen, das nach außen so klar und sicher tut, und das innerlich doch voller Fragen und Problemen steckt?
Wer ist dieses seltsame Wesen aus Haut und Muskeln und Zellen, eines von vier Milliarden, die mir ähnlich sind, und von denen mich doch Welten der Einmaligkeit trennen? Nicht austauschbar, ein Original, keine Kopie vom Fließband. Einmalig bis in meine Fingerabdrücke! Wer ist dieses seltsame Wesen, dessen Körperzellen sich alle sieben Jahre rundum erneuert haben und das trotzdem „Ich“ bleibt? Einer, der seine Meinung ändert, um sich selbst treu zu bleiben, und der ein andermal stur bei seinen Prinzipien bleibt aus demselben Grund. Einer, der oft trotz seiner Erfolge nicht zufrieden ist mit sich selbst. Einer, der wie der biblische Jona am liebsten weglaufen möchte, wenn er nicht wüsste, dass mit einer bloßen Ortsveränderung seine Probleme nicht gelöst werden. Wir kommen, je mehr wir über uns nachdenken, darauf, dass wir uns selber kaum kennen. Wie ein Baum mit vielen unterirdischen Wurzeln sind wir. Wie ein Eisberg, von dem der weitaus größere Teil unter der Wasseroberfläche treibt. Wie ein Labyrinth sind wir, jener sagenhafte Irrgarten im alten Kreta, wo das Ungeheuer Minotaurus alle fraß, die den Rückweg nicht fanden. Die Sage erzählt, dass es nur einem gelang, zu entkommen aus dem Gewirr der Irrwege: Theseus, einem jungen Mann aus Athen. Ihm hatte seine Freundin Ariadne ein Wollknäuel mitgegeben. Solch einen roten Faden brauchten wir, um uns zurechtzufinden im Labyrinth unseres Lebens.
Vieles ist in uns vorgegeben, nicht zu ändern. Aber es gibt einen Spielraum der Freiheit zwischen den Zwängen. Irgendwo zwischen Erbanlagen und Erziehungseinflüssen, zwischen meinem Temperament und der Automatik des Vegetativen Nervensystems gibt es da etwas, das an mir liegt: den Raum meiner Verantwortlichkeit.
Es gibt Seiten an mir, die werden geschätzt und anerkannt: mein Geschmack, mein Wissen und Können vielleicht. Manches ist mir unverdient in den Schoß gefallen. Manches habe ich mühsam erkämpfen müssen. Das hat Anstrengung gekostet und schlaflose Nächte. Darauf kann ich mit Recht stolz sein.
Aber das Dunkel gibt es auch in mir. Die Schattenseiten. Meine Sturheit, meine Angst, die Launen, meine Trägheit und Feigheit. Das wurmt mich selbst, mehr, als ich zugebe. Tausendmal habe ich versucht, mich zu ändern und ich bin doch der alte geblieben. Bin immer wieder zurückgefallen in meine alten, alltäglichen Fehler.
Und dann gibt es da noch etwas, worüber ich mit niemandem spreche, und das doch auch zu mir gehört: Schuld, richtige Schuld. Nennen wir es ruhig auch Sünde, Jedenfalls etwas, das mich belastet. Ich denke nicht oft daran, aber ab und zu kommt es hoch, lässt sich einfach nicht verdrängen. Unbewältigte Vergangenheit. Meine Vergangenheit! Ein Teil von mir.
Den anderen gegenüber lasse ich mir nichts anmerken. Da spiele ich meine Rolle gekonnt. Da überspiele ich vieles. Die Tarnung nach außen ist nötig, sonst wäre ich zu verwundbar. Wo führte das hin, wenn ich „aus der Rolle fiele“, wenn ich jedem sagen würde, was ich von ihm denke, wenn ich mich immer so benehmen würde, wie mir gerade zumute ist, wenn jeder in meinem Inneren lesen könnte wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Ich brauche diesen Selbstschutz der Rolle, wie die mittelalterlichen Ritter ihre Rüstung und ihr Visier brauchten.
Und doch: irgendwann und irgendwo möchte ich alle diese Rollenzwänge und Masken ablegen können und einfach Mensch sein unter Menschen. So wie ich bin. Ohne die Angst, lächerlich zu wirken und nicht akzeptiert zu werden.
Manchmal habe ich das Gefühl, niemand zu haben, bei dem ich das könnte, der mich ganz versteht, dem ich alles sagen könnte, oder der auch ohne Worte weiß, was mit mir los ist. Schlimm, ein solches Gefühl, Theater spielen zu müssen, selbst da, wo ich zu Hause sein könnte und möchte.
Nur eines wäre noch schlimmer: Wenn ich mir selbst etwas vormachte, wenn ich meine eigene Rolle nicht mehr als solche durchschaute, wenn ich beim Blick in den Spiegel hinter all den Schminken und Tuschen mein eigenes, anderes, eigentliches Ich nicht mehr erkennte.
Die Leute, die vor Johannes am Jordan standen bekamen durch die Predigt des Täufers so eine Perspektive ihres Lebens aufgerissen. Sie erkannten, dass eine Umkehr fällig war und sie erkannten vor allem, dass eine Umkehr möglich war. Und durch die Stimme aus der Wolke hörten sie da Ja Gottes auch zu ihrem eigenen Leben heraus. Da hat jener Gott zum Menschen Ja gesagt, der uns durch und durch kennt, der uns in Liebe durchschaut, bei dem eine Maskierung keinen Sinn hat, weil sein liebender Blick alle Masken durchdringt. Und weil er uns hilft, Schicht für Schicht unsere Masken abzuleben, um Jesus ähnlich werden zu können. Vertrauen wir dieses Liebe Gottes unser Leben an, wie immer es auch sein mag, wie belastet es auch sein mag, weil er zu uns sein unwiderrufliches Ja gesprochen hat. Amen.
P. Paul Mühlberger SJ

13.01.2018

2. Sonntag im Jahreskreis
Eph 1,3-18
Jo 1,1-18
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Vorwörter in Büchern werden meist überschlagen oder nur sehr oberflächlich gelesen. Sicherlich gibt es Vorwörter, die mehr oder weniger uninteressant sind, wo sich ein Autor nur bei denjenigen bedankt, die ihm bei seinem Werk zur Seite gestanden sind. Aber es gibt auch Vorwörter, die sehr inhaltsreich sind, wo wir in den Geist eines Werkes eingeführt werden.
Ein solches Vorwort liegt uns auch beim Johannesevangelium vor Augen. Dieser Text zählt mittlerweile zu den prominentesten, einflußreichen Vorworten der Weltliteratur. Er begann seinen Siegeszug, als er in die Liturgie des Weihnachtsfestes aufgenommen wurde. Seitdem entfaltet er einen ganz eigenen Zauber, eine besondere Kraft. Seine Fähigkeit, Türen zu öffnen und Herzen zu erschließen, bewährte sich unzählige Male immer dann, wenn die Geburt Jesu gefeiert wurde, das große Eröffnungsmoment unserer christlichen geprägten Kultur. Jesus wurde zum Vorzeichen, zum Vorwort, das eine unerwartet geschichtsmächtige Entwicklung auslöste. Diese Dynamik ist noch längst nicht ausgeschöpft, sie nimmt weiter zu.
Wir müßten als Christen einen grundlegenden Optimismus leben können. Auf Schritt und Tritt sehen wir in unserem Europa wie es vom Christentum geprägt ist. Denken sie sich einmal in unseren Städten alle Kirchen aus dem Stadtbild weg oder alle imposanten Klosteranlagen? Denken sie sich weg alle unsere christlichen Feste und unser christlich geprägtes Brauchtum, alle Gipfelkreuze und Marterln an unseren Weggabelungen? Und was bleibt aus unserem Leben übrig, wenn wir alles das, was mit Glauben zu tun hat über Bord werfen?
Ja, unser altes Europa besteht nicht nur aus dem Euro und wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, bei denen sehr oft nur gewinnorientiert gehandelt wird. Unser Europa hat auch eine Seele und wehe, wenn diese in unseren Überlegungen keine Rolle mehr spielt. In unserem Europa gab es vor Zeiten heftige Auseinandersetzungen religiöser Natur und sogar Glaubenskriege; aber es ist nicht minder gefährlich Gott einfach tot zu schweigen, ihn zu ignorieren oder ihn ins Museale zu verdrängen.
Was aber ist der Inhalt dieses johanneischen Vorworts? Da kommt zunächst die Tatsache der göttlichen Existenz zur Sprache. Denken sie jetzt bitte nicht, die Sache sei ein für allemal für uns geklärt. Taucht sie nicht aus geheimen Winkeln unseres Herzens immer wieder auf? Beunruhigt sie uns nicht, wenn es darauf ankommt unseren Hoffnungsanker auszuwerfen? Ist es nicht manchmal auch die bange Frage, die sich in zunehmendem Alter an uns heranschleicht, die auch zuweilen den Priester selbst bedrängt, der doch sein ganzes Leben, seine ganze Existenz der Verkündigung dieses Gottes widmet?
Es gibt drei Möglichkeiten, Erfahrungen über Gott zu machen. Aus der Betrachtung der Schöpfung ahnten die Menschen seit es sie gibt etwas über das göttliche Wesen über ihnen. Dann die Gotteserfahrung der Menschen der Bibel. Hier gewinnt das Bild von Gott bereits überwältigende Konturen: Gott der Schöpfer, von dem alles ausgeht, Gott, der Retter in der Mosesgeschichte, Gott der Partner des Menschen in seiner Geschichte. Schließlich mündet dieser Erfahrungsbereich bei den Propheten in das Bild eines väterlichen und mütterlichen Gottes. Und was uns Jesus über Gott erzählt, das ist sozusagen Information aus erster Hand, ist er doch selbst der Sohn Gottes.
Die Gotteserfahrungen der Bibel sind zunächst Fremderfahrungen. Wichtig sind die eigenen Erfahrungen, die wir über Gott machen können. Gott wirkte nicht nur in der Vergangenheit, er ist auch heute in unserer Welt und in unserem eigenen Leben tätig. Das sagt ja der erste Satz des Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ Gott ist also einer, der vernehmbar ist wie ein Wort, wie eine Botschaft. Gott hat etwas zu tun in der Geschichte und Gegenwart des Menschen und des eigenen Lebens.
Aber: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Ja, das ist die Tragik, dass Gott im Leben so vieler Menschen noch dasteht wie ein Fremder vor der Tür, der nicht eingelassen wird.
Hat man im vorigen Jahrhundert Gott gleichsam wissenschaftlich aus der Welt hinaus argumentiert und sind wir heute dahintergekommen, dass eine wissenschaftliche Gottesleugnung irreal ist und nicht greift, so schnürt man heute die Mogelpackungen des liberalen Indifferentismus. Und hier wird die Gottesfrage tabuisiert. Gott ist kein Gesprächsthema mehr. Das Ergebnis ist das Gleiche. Das Credo der Christen ist in unserer Umwelt recht leise geworden. Es trägt weiter individuellen Bekenntnischarakter.
Da hilft es auch nicht, wenn sich so mancher Politiker mit dem Papst zusammen fotografieren läßt. In unseren Parlamenten wird schon längst nicht mehr gebetet und der Religionsunterricht wird auch immer wieder als Streitfrage lanciert. Zum Glück ist noch viel christliches Gedankengut in unserem Leben verankert, das wirksam wird ohne dass Gott ausdrücklich als der Urheber genannt wird.
Diese kleine Analyse soll nicht dazu beitragen, uns zu deprimieren, so wenig wie eine Predigt dazu beitragen soll, Menschen niederzudrücken. Vielleicht haben wir in unseren innerkirchlichen Auseinandersetzungen langsam darauf vergessen, das Positive zu sehen. Gläubige Menschen tun das sowieso. Worauf es ankommt in unserem persönlichen Leben und in unserer Zeit ist, dass die Botschaft des Prologs in ihrer Prägnanz von uns zu Kenntnis genommen wird und zwar so, dass sie unser Leben formen und beeinflussen kann. Können wir es fertigbringen, unsere Tür zu Gott offen zu halten, glauben wir daran, dass durch unser Leben und Tun und Beten bewirkt wird, dass viele Menschen die Türe ihres Herzens Gott öffnen?
Wir hören gerade zum Jahreswechsel viele Prognosen über die Zukunft. Und wenn sie sich an die Prognosen vergangener Jahre erinnern, so werden wie feststellen können, dass sie nicht in Erfüllung gegangen sind. Die einzige Prognose, der Erfüllung verheißen ist, ist die die Gott uns gibt. Die Schubkraft des Johannesprologs wird uns auch in den kommenden Jahren zu Verfügung stehen. Gott weicht unserer Welt nicht aus, Gott ist bereit, immer wieder einzusteigen in unsere irdischen Turbulenzen, er läßt den Menschen nicht mehr los, erhört nicht auf mit seinem Klopfen.
Menschen, denen der Prolog des Johannes zu Herzen geht, schreiben „Zukunft“ anders. So bleibt das Johanneswort unterwegs und wirksam, findet den Weg zu immer neuen Adressaten. Viele sind nötig, um diesen „Brief an die Zukunft“ zuzustellen; es ist eine Freude, eine Auszeichnung, daran beteiligt zu sein. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.01.2018

3. Sonntag im Jahreskreis
Jona 3,1-5.10
Mk 1,14-20
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Wir haben die Geschichte des Jonas gehört, wenigstens einen Teil davon. So einfach, wie der Ausschnitt der Jonasgeschichte vermuten lässt ist es nämlich nicht zugegangen. Jonas bekam zunächst von Gott einen eher unangenehmen Auftrag: er sollte in der Stadt Ninive eine Drohung Gottes ankündigen. Nun, wer macht das schon gerne? Ninive war eine große Stadt, der Sitz der assyrischen Großkönige, die über Jahrhunderte hin eine Eroberungspolitik verfolgten und jeden Widerstand erbarmungslos niederwarfen.
Dem Jonas war die Sache jedenfalls lästig und er wollte sich durch Flucht dem Auftrag entziehen. Diese Passage fehlt in unserer heutigen Lesung. Was tat er? Er bestieg ein Schiff, das ihn weit weg bringen sollte, möglichst weit weg. Doch so einfach war es für ihn nicht. Ein gewaltiger Sturm brach los und wie es damals üblich war, sah man das Unwetter als ein Strafgericht der Gottheit an und suchte einen Schuldigen. Und da begriff Jonas, dass er der Schuldige war und ließ sich von den Matrosen ins Meer werfen. Ein Fisch brachte ihn wieder an die Küste und er konnte nun seinen Auftrag ausführen. Seine Predigt reduzierte sich auf ein Minimum. Sein Widerwille ist deutlich spürbar. Nur einen Satz bringt er über die Lippen um sich mit ihm möglichst schnell seines Auftrags zu erledigen: „Noch vierzig Tage und Ninive wird zerstört“. Er nennt weder seinen Auftraggeber noch den Grund für die Gerichtsaussage. Dennoch trifft seine Drohbotschaft die Bewohner der Stadt. Sie ahnen, dass in ihr eine Warnung verpackt ist, ihren Lebensstil weiter zu verfolgen, dass ihnen eine Frist gesetzt ist, eine Frist zur Umkehr und damit die Chance, dem angekündigten Untergang zu entgehen.
Dieser Umkehr der Bewohner Ninives antwortet Gott mit seinem Erbarmen: Ihn reuen das angedrohte Urteil und er führte die Strafe nicht aus. Aber die Geschichte des Jonas geht noch weiter und es ist interessant, sie zu verfolgen. Noch saß ihm die Angst in den Knochen. Und da wurde Jona zornig. Es passte ihm ganz und gar nicht, dass Gott seine Strafe nicht über die Stadt kommen ließ. „Ganz und gar missfiel es ihm“, heißt es wörtlich im Alten Testament. Er richtet ein Gebet an seinen Gott. „Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist besser für mich zu sterben als zu leben.“
Jona weigert sich, den Glauben an den gnädigen Gott so zu akzeptieren, dass die Gnade und Güte Gottes auch für die eigentlich dem Gericht verfallenen Sünder gilt.
Und wie reagiert Gott auf diesen Protest seines Propheten? Er erweist sich auch dem zornigen Jona gegenüber als gnädig und geduldig. Seine Frage: „Ist es recht von dir, zornig zu sein?“ ist voll gütiger Ironie. Gott schlägt nicht drein, sondern will durch seine Frage den Jona weiterführen. Ob der sich aber weiterführen lässt? Er hat sich jedenfalls eine Laubhütte gebaut und wartete in ihrem Schatten ab, was weiter mit Ninive geschehen würde. Offensichtlich hat er die Hoffnung auf Gottes Gericht über die Einwohner der Stadt noch nicht aufgegeben. Aber die Drohbotschaft erfüllt sich nicht.
Wie Gott nun an dem zornigen Propheten arbeitet, ist ein Meisterwerk erzählerischer Kunst – ein Kabinettstück überlegenen Humors. Er lässt einen Rizinusstrauch über Jona emporwachsen, der ihm Schatten geben und seinen ärger vertreiben sollte. Jonas Bosheit wandelt sich in eine große Freude über die kleine Erleichterung, die Gott ihm mit der Rizinusstaude und ihrem Schatten gewährt hat.
Aber Jonas Freude währt nicht lange. Am nächsten Tag schickt Gott einen Wurm, der den Rizinusstrauch annagte, so dass er verdorrte. Und als die Sonne aufging sandte Gott einen heißen Ostwind. Die Sonne stach Jona auf den Kopf, dass er fast ohnmächtig wurde und sich den Tod wünschte.
Dieser Reaktion des Jona begegnet Gott mit der Frage: „Ist es recht von dir, wegen des Rizinusstrauches zornig zu sein?“ Gott packt also den Jona dort, wo er sich gerade befindet. Ninive ist für Jona schon vergessen; ihn grämt nur mehr der Verlust der schattenspendenden Pflanze – ging es ihm doch nie um mehr als um sein kleines Ich, einschließlich seiner engen und kleinen Theologie. Von diesem kleinen Gottesbild will Gott ihn wegholen, aber wieder versagt der Prophet. Er versteift sich wie ein trotziges Kind.
Noch ein letztes Wort spricht Gott zu Jona. Frei zusammengefasst sagt er folgendes: Dir ist leid um den Rizinusstrauch, mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt in der mehr als 120.000 Menschen leben, die nicht einmal rechts von links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh.
So stellt Gott dem großen Zorn des Propheten sein großes Mitleid mit Menschen und Tieren, seinen Geschöpfen, gegenüber.
Diese Geschichte ist nicht historisch zu verstehen. Es ist eine Geschichte über das Erbarmen Gottes. Wie das ganze Alte Testament die Erfahrungen spiegelt, die Israel mit Gott machte, so spiegelt auch die Jonasgeschichte eine wunderbare Gotteserfahrung wider. Einige Punkte könnten für unser eigenes Leben bedeutsam sein: Es ist nicht sinnvoll, vor Gott uns seinem Auftrag davonlaufen zu wollen. Gott bleibt doch auf unserer Spur und holt uns immer wieder ein, fordert uns immer wieder auf, unsere innere Angst zu überwinden und sich ganz auf ihn einzulassen. Zum anderen: Gott denkt unsere Wege mit, er holt uns da ab wo wir sind, er steigt auf unsere Situation ein und diese Situationen die ganz gewöhnlichen unseres Lebens. Und weiter: Gott verliert niemals die Geduld mit uns Menschen. Es ist keine Situation so aussichtslos, dass wir dem Tod den Vorzug geben sollten vor dem Leben. Und noch weiter: Gott ist barmherzig, er erbarmt sich seiner Schöpfung. Und die Künder dieses Erbarmens sind wir.
Sind wir nicht aber auch manchesmal in der Situation des Jona, dass wir mit einem gewissen inneren Wohlgefallen gerne ein Strafgericht sehen würden über die Menschen, die in dieser Welt Böses tun und Gott nicht anerkennen wollen?
Sprechen wir es nicht auch manchmal aus: Gott sollte einmal dreinschlagen? Hätten wir nicht auch manchesmal eher den Wunsch, dass die Bösen verderben, als dass sie sich bekehren?
Das Evangelium von heute passt punktgenau zu unserer alttestamentlichen Lesung dazu. Die Jünger, die weggerufen werden von ihrer alltäglichen Beschäftigung, von ihrer einfachen Arbeit mit denen sie sich Tag für Tag ihr Brot verdienen. Sie haben den Mut, mit Jesus mitzugehen und sie werden ihn kennen lernen als den Gütigen und Barmherzigen. Sie werden lernen, dass das Dreinschlagen nicht die Lösung menschlicher Probleme sein kann, sondern nur die Güte und Barmherzigkeit.
Ahnen wir, wozu wir aufgerufen sind! Unser ganzes Leben soll diesen barmherzigen Gott künden und unser Beten soll uns dazu die Kraft erwirken. Manchmal braucht es auch für uns so einen Sturm und einen Fisch, der uns zurückholt aus einem falschen Gottesbild, so dass wir daraus lernen, dass Liebe und Güte und Barmherzigkeit die großen Kräfte sind, die imstande sein können, unsere Welt zur Umkehr zu bewegen. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

28.01.2018

4. Sonntag im Jahreskreis
Mk 1, 21-28
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Wir haben eben das Evangelium gehört, das uns über die Heilung eines Besessenen erzählt, oder – um es mit einem Fremdwort zu sagen – über einen Exorzismus. Das Thema ist uns geläufig. Es gibt da sogar einige moderne einschlägige Filme. Das interessiert ja die Menschen immer, wenn irgendetwas Dämonisches sich in unseren Alltag einschleicht. Allein, wenn wir das Wort „Exorzismus“ hören, dann spüren wir, dass wir bei diesem Thema vorbelastet sind. Teufelsaustreibung fällt einem da ein, finsteres Mittelalter, seltsame Rituale, unheimliche Praktiken, Sekten und manch anderes mehr. Auch für die Kirche ist das ein heikles Thema. Finstere Abgründe der menschlichen Seele tun sich da auf.
Was ist denn eigentlich unter Besessenheit zu verstehen? In diesem Begriff steckt das Wort „Besitz“. Ein Besessener ist jemand, der nicht Herr über sich selbst ist, sondern im Besitz eines anderen. Wir brauchen nicht gleich an den Teufel zu denken, wenn wir von Besessenheit sprechen. Menschen können heute von vielen Dingen besessen sein. Manche sind es von ihrem Auto oder von ihrem Hobby, von ihren Minderwertigkeitsgefühlen oder von ihrem Neid, von ihrer Herrschsucht oder ihrer Angst. Besessenheit ist weit verbreitet. Es sollte uns zu denken geben, dass nahezu 90% unserer Bürgerinnen und Bürger kalt gelassen werden vom Zerbrechen und Scheitern anderer Menschen. Es gelte als normal, dass in unserer Leistungsgesellschaft manche eben nicht mitkommen und liegen bleiben. Wo gehobelt werden, da fielen eben auch die Späne. Ist dies nicht auch ein Anzeichen von Besessenheit? Wenn wir so unbarmherzig, so unsolidarisch denken und handeln können, was für ein Geist ist da in uns gefahren? Oder wenn bei Gewalt vielen nichts anderes einfällt als Gegengewalt, wenn Haß nur mit noch größerem Haß beantwortet wird, was für ein Geist ist dies?
Und wir wollen nicht außer Acht lassen, dass es auch Menschen gibt, die vom Bösen besessen sind. Und da drängt sich doch auch die Frage auf, woher das Böse überhaupt in diese Welt hineinkommt. Wenn die Welt nach der Aussage des Schöpfungsberichtes gut ist, und das wird ja auch im Text wiederholt gesagt, dann fragen wir doch: Woher kommt das Böse? Von Gott kann es nicht kommen, denn Gott ist gut. In früheren Zeiten dachte man sich die Welt belebt von guten und bösen Geistern. Wir wollen heute nicht mehr so denken. Zu viel Schlimmes ist an den Menschen geschehen durch diese Denkweise, wenn wir nur an die Inquisition und an die Hexenverbrennungen des Mittelalters denken. Petrus spricht einmal das Wort: „Der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlingen könnte“. Ist es also völlig absurd das Böse als Unheil stiftende Welt als eine Wirklichkeit anzunehmen? Allzu sehr ist das Bild vom Teufel verniedlicht und mißbraucht worden du wir wissen über diese Angelegenheit theologisch auch zu wenig. Wir können nur ausgehen von der eigenen Erfahrung und von den Erlebnissen, die wir täglich in unserer Welt wahrnehmen. Und die Apokalypse, die Geheime Offenbarung des Johannes schildert ja die Endzeit als einen massiven Kampf zwischen den göttlichen und den widergöttlichen Mächten.
Der Besessene des Evangeliums hat eine klare Erkenntnis von Jesus, er weiß wer er ist. Und er schreit es auch heraus, was er befürchtet, das Verderben, das dem droht, der das Böse ist und der sich willig und bereit dem Bösen öffnet. Der heutige Besessene fällt indes nicht sonderlich auf, er unterscheidet sich zunächst nicht von den anderen, den normalen Menschen. Vielleicht liegt der Grund darin, weil heutzutage eine gewisse Art von Besessenheit schon das Normalstadium geworden ist und weil man sich mit dem Bösen in seinen verschiedenen Formen schon abgefunden hat. Und da ist die Gefahr groß, wo sich sozusagen der Teufel harmlos gibt, wo er nicht mehr ernst genommen wird, genau da hat er seine größten Erfolge.
So kommt es, dass sich die Menschen aus einer allzu freizügig gelebten Sexualität gar nichts mehr daraus machen, dass Eigentumsdelikte als Kavaliersdelikte gelten. Vielen Menschen scheint alles erlaubt zu sein, sie fühlen sich nicht mehr verantwortlich gegenüber einer höheren Macht, nicht einmal mehr vor sich selbst und der Welt in der sie leben. Und Gott? Er wird zwar nicht mehr bekämpft wird aber auch nicht mehr beachtet. Die Verwahrlosung des Bösen ist Satans größter Triumph.
Wir können die Erzählung des Markus aus dem heutigen Evangelium ohne weiteres auch anders interpretieren. Bei dem Besessenen handle es sich um einen Geisteskranken über dessen Unterbewußtsein Jesus Macht hatte. Wir können überhaupt eine ganze Menge aus dem Evangelium uminterpretieren bis hin zur Auferstehung Jesu. Die Frage ist nur, ob wir da nicht gewaltig an der Botschaft Jesu vorbeigehen, nur weil es uns als altmodisch und nicht mehr zeitgemäß erscheint von der Macht des Bösen in dieser Welt zu sprechen. Es ist aber eine Aussage, die im Neuen Testament immer wieder auftaucht: die Macht Jesu über die gottfeindlichen, über die dämonischen Mächte. Und in dieser Auseinandersetzung steht auch der Mensch. Er kann nicht neutral bleiben, er muß sich entscheiden. Aber das muß uns Menschen auch gesagt sein: die entscheidende Macht gehört dem Guten Geist. Das zeigt sich in der ganzen Aussage der Botschaft, die Jesus bringt. Das zeigt sich überall dort, wo jemand von Gottes Geist erfüllt ist.
Aber die unreinen Geister sind immer noch am Werk. Wie ergeht denn uns? Wenn wir die Botschaft Jesu hören, regt sich da nicht auch gelegentlich ein innerer Angstschrei, dass da jemand unser Leben beschneiden möchte? Liegt da nicht sofort die Erklärung parat, dass das alles nicht so ernst zu nehmen sei und im Alltag anders aussehe? Sind wir noch so wach, dass es uns innerlich unruhig macht, wenn wir etwas getan haben, was nicht dem Guten entsprach und macht es uns nicht ruhig und froh, wenn wir im Sinne Jesu und nach seinem Herzen Gutes getan haben?
Wir sollten es aushalten können, wenn uns andere Menschen um unserer Einstellung willen belächeln und als überholt erklären. Der griechische Philosoph Plato schrieb schon 400 Jahre vor Christus, dass die Menschen den vollkommenen Gerechten nicht ertragen und darum verfolgen würden und „, dass er zuletzt nach allen Mißhandlungen gekreuzigt werden wird“. Das hat sich an Jesus von Nazareth grausam bewahrheitet.
Die Tatsache des Bösen in unserer Welt, die wir jeden Tag neu erleben, soll uns nicht in Schrecken versetzen. Wir brauchen keine Angst vor dem Bösen zu haben, denn wir gehören zu Christus, wir denken seine Gedanken, wir sinnen nach über seine Worte, wir versuchen seine Botschaft und seinen Geist in unsere Welt zu tragen und leisten somit einen Betrag zur Heilung der vielen Besessenheiten von denen unsere Welt geplagt wird. Amen. PM.

04.02.2018

5. Sonntag im Jahreskreis
Ijob 7,1-4,6-7
Mk 1, 29-39
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Das Buch Hiob, aus dem wir die heutige Lesung gehört haben ist ein merkwürdiges Buch. Es berührt eine Thematik, der wir am liebsten immer ausweichen möchten: die Thematik der Krankheit und des Leidens. Es gibt in unserem Leben immer wieder Augenblicke, wo wir die Ungesichertheit unseres menschlichen Lebens sehr deutlich spüren. Wie ein Damoklesschwert hängt über uns die Angst vor dem Leiden, die Angst vor einer Krankheit, besonders wenn wir hören, dass andere Menschen davon betroffen sind. Hoffentlich erwischt es mich nicht, ist dann oft unser erster Gedanke. Wir verlassen gerne wieder das Krankenhaus, wo wir einen Besuch gemacht haben oder das Altenheim. Gott sei Dank bin ich wieder draußen, Gott sei Dank geht es mir halbwegs gut. Und dann stürzen wir uns wieder hinein in unseren Alltag.
Das Buch Hiob ist eine Lehrgeschichte. In einer Einleitung redet der Teufel mit Gott und Gott lobt seinen getreuen Hiob. Aber der Teufel sagt: So lange es ihm gut geht, wird er dir schon treu bleiben; aber nimm ihm einmal all das weg, was sein Leben schön und angenehm macht, dann wird er dir fluchen. Und das geschieht auch. Hiob verliert seinen Besitz und zuletzt auch seine körperliche Gesundheit. Und seine Freunde kommen und versuchen ihn zu trösten. Es gelingt ihnen aber nicht. Was ist ihm geblieben, wie er da mit Geschwüren bedeckt vor seinem Haus sitzt und über sein Leben nachdenkt?
Es ist die Not des Lebens, die sich spürbar macht im Altwerden. Man ist an seine Grenzen gekommen. Das macht sich bemerkbar einerseits in den körperlichen Beschwernissen. Nichts geht mehr so, wie früher. Die Lebenskraft, das Gehört, die Muskeln haben abgenommen. Ich kann nicht mehr das, was ich früher konnte. Der Leib ist unansehnlich geworden. Der Faden des Lebensteppichs neigt sich dem Ende zu. Und zugleich die Frage: Ist mein Lebenswerk vollbracht? Was habe ich aus meinem Leben gemacht?
Es wäre die Botschaft Jesu keine Frohbotschaft, wenn sie nicht in den schwierigen Situationen unseres Lebens und gerade in diesen uns ein tröstendes Wort zurufen möchte. Keinen billigen Trost, sondern einen Trost, der in die Tiefe unseres Herzens vordringt. Und da steht heute im Evangelium Jesus, der Heilende. Ein Tag voller Heilungen wird uns da geschildert. Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus und die vielen Kranken und Besessenen, die zu Jesus strömen und sich von ihm Heilung erwarten.
Die Menschen, die ihre Kranken und Leidenden zu Jesus bringen mögen einem weiten Weg hinter sich gebracht haben. Nichts kann sie von ihrem Vorhaben abbringen: weder die Strapazen, die es bedeutete, Kranke zur damaligen Zeit zu transportieren, noch das Risiko der Enttäuschung. Warum tun sie das? Warum ermöglichen sie kranken Menschen die Begegnung mit Jesus? Woher kommen ihr Vertrauen und ihre Hoffnung, dass sich etwas ändern könnte?
Ich beneide die Menschen der damaligen Zeit schon ein wenig um diese Möglichkeit, ihre Kranken einfach zu Jesus bringen zu können. Wir können das leider nicht. Oder vielleicht doch? Heute sind wir das Zeichen, durch das Jesus zu den Menschen kommt. Durch uns kann den Menschen die Nähe Gottes spürbar und glaubhafter werden: durch unseren Besuch, unser Da-Sein, unser Mitleid, Mitaushalten, stummes Dasitzen, vielleicht auch Mitweinen. Durch die Zeit, die wir uns für den leidenden Menschen nehmen, durch geduldiges Zuhören, geschenkte Zuwendung, zarte Berührung kann Heilung geschehen. Oft zwar nicht in spektakulärem Sinn. Aber es ist auch schon ein Wunder, wenn ein Mensch wieder Trost und Mut bekommt, seinen schweren und schmerzhaften Weg weiter zu gehen.
Aber wir haben oft zu wenig Zeit füreinander. Zu sehr bedrängen uns unsere eigenen Fragen und Probleme, zu sehr sind wir mit unseren eigenen Leiden beschäftigt. Manchmal aber könnte die Zuwendung zu den leidenden Menschen unser eigenes Leid ins richtige Lot bringen. Manchmal könnten wir auch aus dem geduldigen Leiden der Menschen Trost und Zuversicht für uns selber schöpfen.
Das Buch Job gibt noch keine zufriedenstellende Antwort auf den Sinn des Leidens der Menschen. Zu sehr ist man zur damaligen Zeit noch befangen vom Glauben, das Leid des Menschen hätte seinen Ursprung in einer Sünde für die er gestraft würde. Dem Job bleibt nur das blinde Vertrauen auf Gottes Gerechtigkeit, die sich am Ende zeigen wird.
Und wir sollten auch keine billigen Erklärungen für unser Leiden suchen. Wahr ist jedenfalls, dass unser seelischer Schmerz über unser Leiden größer ist als das körperliche Leiden selbst. Was unsere Seele bedrückt, das ist die Frage nach dem Sinn. Das Tier leidet schließlich auch; aber sein Leiden ist ein anderes als das der Menschen. Schuld am Leiden des Menschen ist seine Seele. Sie ist nichts anderes als ein Vorausgeschenk des Lebens Gottes selbst an uns. Wir tragen sein Leben schon in uns und damit den unstillbaren Hunger nach einem dauernden Glück und nach einem beständigen Leben. Dem materiellen Menschen ist die Vergänglichkeit seines Lebens mit seiner Natur gegeben. Mit der geistigen Seele hat uns Gott selbst eine unstillbare Hoffnung gegeben. Und in dieser Spannung zwischen unserem materiellen und geistigen Dasein Leben wir. Und diese Spannung gilt es auszuhalten.
Wenn wir das erkannt haben, dann schwindet zwar nicht das Leid; aber unser Leben wird Heil, weil wir eine Hoffnung haben, weil wir eine Erwartung haben. Und dieses Heil wollte uns Jesus vermitteln und dieses Heil ist es, das wir durch unser Leben weiter tragen sollten. Jesus gibt uns auch Hinweise, wie wir für uns dieses Heil erkennen und finden könnten. Er betete an einem einsamen Ort. Wir wären sehr neugierig, was Jesus da zu seinem Vater gesagt hat. Vielleicht hat er gar keine Worte gemacht, sondern nur einfach sich in die Gegenwart seines Vaters versetzt und sich von da die Kraft geholt, zu den Menschen zu gehen und sie gesund zu machen. Und von den Menschen heißt es: sie suchten ihn.
Diese beiden Dinge sollten wir beherzigen. Wir dürfen unseren Fragen nicht ausweichen, wir dürfen sie nicht verdrängen, sondern müssen uns ihnen stellen. Menschliches Gebet und menschliches Tun, diese beiden Dinge gehören zusammen. Sie bilden die Voraussetzung dafür, dass Jesus auch uns Heilung schenken kann.
Ich habe da einen sehr schönen Text gefunden, den ich ihnen zum Schluß vorlesen möchte. Es ist ein Gebet mit einem Kranken und leidenden Menschen.
Der Herr des Lebens segne dich und heile dich. In deiner Krankheit stehe er dir bei. Er richte dich auf, und – wenn die Zeit dafür reif ist – lasse er deinen Leib gesunden. Deiner Seele schenke er Vertrauen. Er gebe dir, wenn du es brauchst, den Mut, auszuruhen von der Unruhe des Lebens, so lange, wie es dir guttut. Er gebe dir zur rechten Zeit die Kraft, wieder aufzustehen und dich dem Leben zuzuwenden, das dir vielleicht zu hart erschien. Er lasse dich die Wurzel und den Sinn deiner Krankheit sehen und helfe dir, ihre Botschaft zu erkennen. Er gebe dir ein gutes Gefühl für dich selbst, dass du rechtzeitig spürst, was dir an die Nieren geht, was dir auf den Magen schlägt oder den Atem nimmt. Denn er liebt dein Wohlergehen und nicht deine Not. Das gewähre dir der Gott, der das Leben geschaffen und dessen Sohn die Kranken geheilt hat: ja, er segne dich. Amen.

PM

11.02.2018

6. Sonntag im Jahreskreis
Mk1, 40-45
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Mit fünfundfünfzig in den Vorruhestand, mit sechzig unbrauchbar auf den Arbeitsmärkten der Zeit. Den Wunsch nach Teilnahme, nach Dabeisein und Zugehörigkeit buchen sie in die Verlustspalten ihrer Bilanzen, ihre Rede vom verdienten Ruhestand, ihre Mahnung zur Schonung klingt hohl, als würde man von heute auf morgen nicht mehr wissen, wer man ist.
Die Jüngeren haben Recht. Sie müssen ihre Erfahrungen machen, sie sind die Computergeneration, sie sind an der Reihe, sie bringen ihr Wissen und Können an solange es neu ist. Zurücktreten, abtreten, aber wohin mit der noch nicht verbrauchten Kraft. Wer fragt nach Erfahrung, gewonnen in Beruf und Leben. Viele verlieren ihr Selbstwertgefühl. Herr, schenke uns Bereitschaft zu weiterem Tun. Kinder, Schüler, Kranke, Alte, Asylbewerber, Einsame warten auf Menschen, die nicht geizen müssen mit ihrer Zeit. Erfülle unser aller Leben mit Sinn. Schenk uns Freude in jeder Lebenszeit. – Das war ein Text von Theresia Hauser.
Was hat er mit dem heutigen Evangelium zu tun. Ich kann ihnen sehr einfach die Situation der Aussätzigen zurzeit Jesu schildern. Sie waren ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft. Ein Priester erklärte den Aussätzigen nach einer eingehenden Untersuchung, wie sie im Buch Levitikus beschrieben ist, für unrein. Er war ein von Gott Gestrafter, er mußte abseits der menschlichen Gesellschaft leben. Mit einer Klapper und dem ständig wiederholten Ruf „Unrein“ mußte er die Menschen in seiner Umgebung warnen. Zusammen mit anderen Aussätzigen beklagte er sein Schicksal oder ergab sich blind darein und erlebte und beobachtete den Fäulnisprozeß seines eigenen Körpers.
Aber es gibt auch heute Aussätzige. Sie versammeln sich an bestimmten Punkten der Stadt mit ihren Flaschen; sie sitzen verschämt im Arbeitsamt; sie wohnen in Containern und suchen Asyl; sie leben von der Sozialhilfe, sie sind gerade aus dem Gefängnis entlassen worden; sie haben Aids. Wir können die Litanei noch lange fortsetzen. Die Aussätzigen sind mitten unter uns. Sie erleben dasselbe, was Aussätzige zurzeit Jesu erfahren mussten: ausgeschlossen vom normalen Leben, gemieden von den anständigen Bürgern, ohne Zukunft. Wer heilt ihren Aussatz?
Jesus hatte keine Berührungsängste. „Er berührte ihn und sagte: Ich will es: Werde rein!“ Jesus schert sich nicht um die hygienischen Vorschriften und um die Voruteile der Menschen. Man kann sich denken, was das für einen Schock bedeutete für die Umstehenden, auch für seine Jünger. Weil er keine Berührungsängste hat, geht eine heilende Kraft von ihm aus. Aber zuerst mußte der Aussätzige etwas tun. Er mußte seine Isolation durchbrechen und sich einen Weg hin zu Jesus bahnen. Wir können uns schon vorstellen, wie sich das abgespielt hat. Zunächst hat er von Jesus gehört, auch von seinen wunderbaren Heilungen. Dann kommt ihm der zaghafte Gedanke: Vielleicht auch ich? Und er bricht auf, macht sich auf den Weg. Seine Hoffnung läßt ihn alle Schwierigkeiten überwinden, läßt ihn alle Barrieren durchstoßen, nimmt ihm die Angst vor den Menschen, die vor ihm zurückweichen bis er endlich vor dem steht, der vor ihm nicht die Flucht ergreift und der sich auch nicht abwendet, um seine Entstellungen nicht sehen zu müssen und seinen Gestank nicht riechen zu müssen.
Ganz einfach klingt das, was da gesprochen wird, fast so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde“ und „Ich will es, werde rein!“
Und was ist das aktuelle, das für uns Wichtige dieser Erzählung? Wenn wir unser Christentum verstehen als Nachfolge Jesu, wenn wir uns verstehen als von Ihm in Dienst Genommene, als solche, die sein Werk weiterführen sollen in dieser Welt, dann sollten auch wir uns verstehen als Heilende, als Menschen, die der Not der Welt Einhalt gebieten, so weit es in unserer Macht steht. Wir sollten die Grenzen überwinden, die wir immer wieder zwischen uns und den Notleidenden aufrichten. Vielleicht haben wir in unserer religiösen Erziehung davon zu wenig mitbekommen. Da ging es vor allem um Sündenvergebung, um die Beziehung zu Gott. Sicher, das war auch ein Anliegen Jesu, aber eben nicht allein und nicht isoliert vom konkreten leben der Menschen. Es geht ihm um das Heilsein des ganzen Menschen, um seine Befreiung von allen Unheilsmächten die ihn unterdrücken, und es geht ihm um die Überwindung der Spaltung zwischen den Menschen. Alle Heilungsgeschichten Jesu führen zu einer neuen Kommunikation unter den Menschen, wo Isolierungen und Grenzen aufgehoben und überwunden werden.
Wenn wir von der Nachfolge Jesu hören, dann stellen wir uns dabei schnell irgendetwas Besonderes vor, etwas Aussergewöhnliches und Anstrengendes. Hier wird uns ein ganz naher und moderner Weg eröffnet: Überall da, wo wir den vielfältigen Aussatz in unserer Welt nah und fern zu überwinden suchen, wo wir Kontakt aufnehmen mit den betroffenen Menschen, wo wir ohne Berührungsängste mit ihnen sprechen und sie als Menschen in ihrer besonderen Situation wahrnehmen, ohne sie zu verurteilen, da leben wir in der Nachfolge Jesu, da gehen auch von uns heilende Kräfte aus. Da sind wir oft selbst die Beschenkten, die sich auf diesen Weg eingelassen haben.
Aber es geht auch darum, dass wir uns selber bereit machen für diesen Auftrag. Denn auch wir leben nicht selten in einer Isolation, eingekapselt in unser eigenes Ich, in unsere eigenen Sorgen und Probleme. Und nicht selten finden wir uns in einer Isolation Gott gegenüber, den wir manchmal nicht so ernst nehmen, dass er durch uns in dieser Welt etwas wirken möchte. Es geht darum, dass wir an uns arbeiten, damit wir zu vertrauenden Menschen werden, zu Menschen mit einem gesunden christlichen Selbstbewußtsein. Wir sind nicht die armen Alleingelassenen, wir sind die reich Beschenkten, jeder von uns trag in seinem Herzen die Fülle der Geschenke Gottes, die reichen Möglichkeiten mit denen er durch uns an den Menschen seine heilende Kraft zeigen und zur Wirkung bringen möchte.
Werden wir zu Heilbringern im Namen und in der Kraft des Herrn und freuen wir uns darüber, dazu berufen zu sein.

Ein Fisch,
hinausgespült von den Wogen des Meeres
bis zum äussersten Küstenrand.

Dort an den Felsen hängengeblieben.
Vom zurückflutenden Wasser
nicht mehr erfaßt,
liegt er allein,
ringend nach Luft.
Wie er sich biegt,
wie er sich windet
draußen am Rande des Meeres,
so nahe am Wasser!

Da kommt einer
Und wirft ihn ins Meer.
Diesmal ist er gerettet.
Wie oft wird er einen
Barmherzigen treffen?



P. Paul Mühlberger SJ

18.02.2018

1. Fastensonntag
Mk 1,12-15
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Vierzig Tage sind eine lange Zeit für einen Wüstenaufenthalt. Gemeint ist wahrscheinlich die judäische Wüste, die sich östlich von Jerusalem bis hinunter zum Toten Meer erstreckt. Es heißt, dass Jesus von Geist getrieben diese Wüste aufsuchte. Es war die Zeit seiner Vorbereitung für sein öffentliches Wirken, wo sich Jesus sammelte für seinen großen Auftrag, die Botschaft von seinem Vater den Menschen zu verkündigen. Immer wieder haben Menschen die Einsamkeit aufgesucht, um völlig für sich und ihren Gott zu sein. Die Wüste ist ein Ort der Einsamkeit, die Wüste ist ein Ort der Gottesbegegnung. Nichts nimmt uns gefangen – außer Gott; nichts kann uns in Anspruch nehmen, nichts uns ablenken.
Die Wüste muss aber nicht ein Ort sein; vielleicht ist sie eine Zustandsbeschreibung des Menschen. Wir erleben sie ja immer wieder, als jene innere Verlassenheit, aus der wir mit Gewalt immer wieder ausbrechen wollen, anstatt in ihr stille zu halten und darauf zu warten, was Gott uns in unsere Leere und Einsamkeit hineinspricht.
In der Wüste wurde Jesus vom Satan in Versuchung geführt. Markus, von dem wir unser Evangelium des heutigen Tages haben, erzählt nichts Näheres darüber, worin die Versuchung bestanden hat. Von Matthäus erfahren wir in seinem Evangelium mehr. Wenn wir annehmen, dass Jesus sich einmal rein menschlich überlegt hat, wie er die Botschaft seines Vaters den Menschen darlegen wollte, so scheinen uns die drei Versuchungen, die der Satan bringt, verständlich. Welcher Messias wollte er sein? Ein Messias, der irdische Bedürfnisse befriedigt um die Menschen zu gewinnen? Oder ein Messias, der eine Show abzieht und somit die Bewunderung der Massen gewinnt? Oder ein Messias der Macht? Diese drei Versuchungen scheinen uns sehr plausibel, weil sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder vorkommen und auch in unserer Zeit präsent sind.
Wir wissen auch, was sich in unseren eigenen Wüsten abspielt, wenn wir einmal ruhig dasitzen und nicht bewusst an etwas denken, sondern einfach das in uns aufsteigen lassen, was sich in der Tiefe der Seele befindet. Da beginnt sich unsere Wüste sehr schnell zu bevölkern mit allen möglichen Gedanken: etwa über unser eigenes Leben – das sich oft mit zu großem Tempo seinem Ende zuneigt, da beginnen die Sorgen in uns hochzukriechen, ob das wohl alles einen Sinn hat, was wir tun, da beginnen Zweifel in uns hochzusteigen, ob wohl das alles stimmt, was wir in unserem Leben geglaubt und gelebt haben. Diese Reihe unserer Wüstenversuchungen könnten wir alle nach Belieben fortsetzen.
Aber nicht nur solche Angst machenden Gedanken steigen in uns hoch. Wenn es bei Jesus heißt: „Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm“ so gibt es auch bei uns den einen oder anderen Engel Gottes, der uns ermutigt, der uns tröstet, der uns zusichert, dass uns Gott niemals näher ist als in der Wüste unseres Lebens. Einen Engel haben wir immer nötig, der uns das gleiche Wort zuruft, das Jesus verkündet hat: „Das Reich Gottes ist nahe: Kehrt um und glaubt an das Evangelium“.
Umkehren ist ein Schlüsselbegriff der Bibel, der weniger in der substantivischen Form „Umkehr“ als vielmehr in der verbalen „umkehren“ gebraucht wird. Damit soll angedeutet werden, dass es sich nicht um ein einmaliges und abgeschlossenes Ereignis, sondern um einen lebenslangen Vorgang handelt, der ständig der Wiederholung bedarf. Weil wir durch die Sünde verwundete Menschen sind, kommen wir immer wieder vom Wege ab; wir können ohne ständige Kurskorrekturen nicht leben, wir müssen immer wieder umkehren.
Die Aufforderung „Kehrt um, und glaubt an das Evangelium“ schließt gleichermaßen Abkehr und Hinwendung ein. Bei der Abkehr geht es auch um die falschen Götter, die wir uns aufbauen und die uns Sicherheit für unser Leben geben sollen. Sie etablieren sich in einem Aberglauben, der so alt ist wie die Menschheit. Gern haben wir in den primitiven Völkern zugeschrieben; wie sollten sie sonst mit den Elementen der Natur, den Mächten des Bösen, mit Angst und Not fertig werden? Wir haben geglaubt, der Aberglaube sei bloß ein Bildungsproblem, das mit fortschreitender Aufklärung überwunden würde. Erstaunt müssen wir aber feststellen, dass er nach wie vor in Blüte steht.
Trotz aller menschlichen Erfolge, trotz der Welt der Technik und des Rationalen, trotz Konsum und Leistung und Machbarkeitsglaube werden die Menschen vom Phänomen der Angst beherrscht. Wer oder was hält den Menschen? Wer oder was sichert die Zukunft? Der Tod ist nicht mehr in das Leben integriert, er ist nicht mehr der zweite Pol einer Ellipse, sondern er wird zu einer Grenze gemacht, die immer wieder hinausgeschoben werden muss. Weil der Tod Ende und Grenze wird, muss sich der Mensch ganz auf das Diesseits konzentrieren; er muss es auskosten und alles mitnehmen, was es bietet. Und das Schlimmste und Belastendste ist dies: Er muss sich selbst Sicherheit und Halt geben. So aber ist der Mensch überfordert, er spürt, dass er dazu nicht in der Lage ist; deshalb sucht er nach Helfern, Sternen, Schicksalen, Wahrsagern und Horoskopen. Im Aberglauben zeigt sich das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheit und Halt. So kommen falsche Götter ins Spiel, die den Menschen nicht retten können; im Gegenteil: Sie stoßen ihn noch tiefer in Verunsicherung und Angst.
Welch eine Befreiung für den Menschen ist nun die Botschaft des Christentums von einem gütigen Vater, der gleichermaßen mächtig ist. Die Ängste vor dem kommenden Tag, vor der Zukunft, vor dem Versagen, vor der Krankheit, vor dem Tod, das sind hierzulande die wahren Dämonen unserer Zeit. Der Dichter Friedrich Wilhelm Weber hat mit Recht gesagt: „Glaube, dem die Tür versagt, steigt als Aberglaub durchs Fenster. Wo die Götter ihr verjagt, kommen die Gespenster“.
Dieser Glaube, den wir in der Fastenzeit vertiefen sollen verweist uns nicht an ein Blindes Schicksal, das brutal zuschlägt, sondern an eine Person, die uns im Evangelium nahegebracht und die nach der wohl tiefsten bibeltheologischen Aussage „die Liebe“ ist. Unser Leben unterliegt nicht einem Zufall, nicht dem Einfluss von Sternen, es wird auch nicht geschützt von Hufeisen und Talismanen. Unser Leben liegt in der Hand dessen, der gesagt hat: „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände“ und „Niemand wird sie meiner Hand entreißen“.
Aus China ist uns ein Wort überliefert, das die Abkehr von den falschen Göttern und die Hinwendung zum wahren Gott und die damit verbundenen Konsequenzen umschreibt: „Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann. Er aber antwortete: Geh nur hin in die Dunkelheit, und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als Licht und sicherer als ein bekannter Weg.“
Wir können unseren Ängsten nicht ausweichen, sie drängen immer wieder an die Oberfläche; aber wir können sie vertrauend in die Hand Gottes legen. Immer dann, wenn wir uns vertrauend auf ihn einlassen wird unsere Angst dahinschmelzen. „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selbst sagen“, heißt ein Sprichwort aus Äthiopien. Möge uns die Wüste der Fastenzeit Gelegenheit geben, aufmerksam auf das Wort Gottes zu lauschen. Hier werden uns die Maßstäbe vermittelt, die unser eigenes Leben bereichern und der Welt ein menschlicheres Antlitz geben können. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

25.02.2018

2. Fastensonntag
Mk 9, 2-10

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Das heutige Evangelium markiert eine ganz wichtige Stelle im Leben Jesu. Voraus geht der sogenannte galiläische Frühling, die erste Zeit des Wirkens Jesu. Die Menschen waren auf ihn aufmerksam geworden. Jünger hatten sich um ihn gesammelt. Menschen waren geheilt worden. Viel Volk lief ihm nach.
Aber dann kamen auch Enttäuschungen. In Nazareth, seiner Heimatstadt, stieß er auf Ablehnung. Seine Forderungen waren vielen zu hart. Sie wandten sich ab. Jesus begann zu ahnen, dass seine Mission nicht gut ausgehen würde. Zum ersten Mal sprach er von seinem Tod und davon, dass auch seine Jünger das Kreuz tragen würden. Entschlossen, seinem Auftrag treu zu bleiben, zog er mit seinen Jüngern nach Jerusalem. Genau an diesem Zeitpunkt, der Wende vom galiläischen Frühling zum Leidensweg in Jerusalem, steht das Ereignis, von dem das heutige Evangelium berichtet.
Jesus nahm ein paar Jünger mit auf einen hohen Berg. Berge üben auf den Menschen immer wieder eine merkwürdige Faszination aus. Berge sind Magneten, die das Leben in den Niederungen anziehen und mit Überraschungen aufwarten. Sie sind einfach mehr als aufgetürmte Gesteinsmassen, sie sind eine Welt über der Welt. Berge schweigen und sprechen zugleich. Menschen geraten in ihren Bann, belegen sie mit Namen, freunden sich mit ihnen an. Wer den Aufstieg geschafft hat, lässt Mühe und Enge hinter sich, erlebt Wandlung und sieht die freie Weite. Man kann in dieser Welt nur wirklich leben, wenn einen etwas über sie hinaus erhebt, wenn es möglich ist, alles irdisch Beschränkte zu transzendieren, den Überblick und damit die Relationen wiederzugewinnen. Wer einen Gipfel erklimmt, fühlt sich der Erde enthoben und dem Himmel, dem Bereich des Göttlichen näher. Nicht umsonst zieht das Motiv des Gottesberges oder der Gotteserfahrung auf dem Berge durch alle Religionen und Kulturen. Immer sind Berge Orte besonderer Gottesbegegnung.
Die heutige Szene aus dem Markusevangelium nimmt uns mit in die Einsamkeit eines Berges, auf den Berg Tabor, der sich weithin sichtbar aus der Ebene Jesreel erhebt. Da erleben Petrus, Jakobus und Johannes eine großartige Offenbarung. Einen Augenblick lang durchzuckte das Licht Gottes die Gestalt Jesu. Moses und Elija erscheinen. Gesetz und Propheten des Gottesbundes bekennen sich zu Jesus. Die Szene der Verklärung auf dem Berg wird zum zentralen Ereignis der Offenbarung Jesus als des Sohnes Gottes.
Moses und Elias zeigen sich. Moses, der von Gott erwählte Begleiter und Helfer Israels auf dem langen Weg der Befreiung und Elias, dessen Lebensprogramm der Kampf gegen Baal war, gegen die Götzen, die das Glück der Menschen zerstören, die ihn sich selbst entfremden. Er bahnte den Menschen einen Weg aus der Götzenangst in die Freiheit Gottes.
Die Jünger sind ganz benommen. Sie ahnen vielleicht, was geschieht, aber sie begreifen es nicht. Petrus will den Augenblick festhalten: Verweile doch, du bist so schön. Aber mit einem Hüttenbau ist solche Erfahrung nicht festzuhalten. Sie entzieht sich menschlichem Zugriff. Sie kann nur als Geschenk angenommen werden. Gott selber gewährt sich den Menschen. Aus der Wolke, neben dem Berg ein anderes wichtiges Bild der ungreifbaren Nähe Gottes, hören sie seine Stimme. Er verweist sie auf Jesus. Auf ihn sollten sie hören, ihm folgen, wohin auch immer. Gott ist mit Jesus und mit ihnen auf dem Weg. Darauf können sie nun vertrauen.
Dann ist der Augenblick vorüber. Sie dürfen noch nicht auf dem Berg bleiben. Sie müssen wieder hinab in die Ebene, mit den anderen Jüngern auf Jerusalem zu. Einen Augenblick durften sie erfahren, worauf alles hinauslaufen sollte: Die Auferstehung leuchtete durch das Dunkel der Ungewissheit, durch das Dunkel des Kreuzes. In der Kraft dieser Erfahrung ging Jesus unbeirrt seinen Weg weiter. Die Jünger, auch die drei auf dem Berg, folgten ihm nur zögernd, sie hatten Angst, flohen auf seinem Kreuzweg. Ihnen wird erst nach Ostern klargeworden sein, was dieser vorübergehende Augenblick des Lichts und der Nähe Gottes ihnen sagen wollte: Verheißung und Auferstehung durch den Tod hindurch, Verheißung der Vollendung nach aller Mühsal der Nachfolge auf für den Weg des Leidens.
Auch unser Glaubensweg kennt helle und dunkle Erfahrungen, Zeiten, wo wir ganz erfüllt sind von der Nähe Gottes, und Zeiten, wo Dunkel seine Nähe kaum noch erahnen lässt, wo Leid und Trauer uns an ihm zweifeln lassen oder wo der Alltag mit seinen Sorgen und Pflichten uns niederdrückt. Da ist der Glaubensweg Jesu und seiner Jünger ein Zeichen für uns. Beides, der galiläische Frühling und der Leidensweg, die Erfahrung von Gottes Nähe und Ferne, sind verschiedene Stationen auf demselben Weg mit Jesus. Der Glaube ist für uns heute vielfach nicht mehr so selbstverständlich wie damals im galiläischen Frühling. Er ist durch vielerlei Erfahrungen unserer Zeit verdunkelt. Da brauchen auch wir Augenblicke der Ermutigung wie auf dem Berg der Verklärung, damit wir die Mühen der Ebene, des alltäglichen Leidensweges, des fremden oder eigenen Sterbens durchhalten können.
Es lohnt sich, den eigenen Glaubensweg immer wieder zu bedenken. Wir sind vielleicht eingeübt in die Gewissenserforschung. Darunter verstand man das Forschen nach den eigenen Sünden. Ich möchte die Gewissenserforschung einmal anders verstehen: das Forschen nach erfüllten Augenblicken in meinem Leben. Solche Augenblicke kann man nicht mit irdischen Mitteln verlängern, gleichsam Hütten darauf bauen. Aber man kann sie in der eigenen Erinnerung festhalten, um davon zu leben. Wir sollten uns dieser Augenblicke erinnern nicht in dem wehmütigen Rückblick: Ach, wie leicht fiel uns damals der Glaube im Gegensatz zu heute!, sondern in Dankbarkeit und Freude: Gott hat uns gezeigt, wie nah er uns ist, auch wenn es wieder dunkel wird.
Unser Leben verläuft meist in den Niederungen des Alltags, wir sind den Gesetzen der Umgebung unterworfen, der eigenen Trägheit und Schwerkraft und der der anderen. Aber es gibt solche Berge der Verklärung auch in unserem Alltag. Es gibt befreiende Erlebnisse, heilende Momente, bestandene Prüfungen.
Solche Augenblicke der Vergewisserung können vielfältig sein: Die Erfahrung von Liebe und erfüllter Freude, aber auch von getragenem Leid, von überraschender Hilfe, wo wir uns ganz im Einklang mit unserem Leben, mit Gott gefühlt haben, aber auch die Erfahrung auf einem Berggipfel oder bei einem Sonnenaufgang, angesichts der Blumenfülle im Sommer oder einer sternklaren Nacht, Augenblicke des Gebets und der Meditation, oder auch im Gottesdienst hier in der Kirche. Was könnte man Besseres über unserm Gottesdienst sagen, als dass sie solche Augenblicke der Erfahrung von Gottes Nähe sein können, nicht jedesmal, auch nicht für jeden gleich, aber doch immer einmal wieder, vielleicht für jeden anders, so wie er sich eben berührt fühlt.
Wichtig dabei ist, dass solche Augenblicke uns ganz offen finden, dass wir sie ausschöpfen und in unserer Erinnerung wachhalten, damit sie uns Kraft geben können für den Weg, für die Nachfolge, auch wenn sie uns ins Dunkel führt. Wir wollen Gott bitten, dass er uns solche Augenblicke wie Jesus und den Jüngern auf dem Berg der Verklärung schenkt, von denen wir leben können, Augenblick der Vergewisserung im Glauben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

04.03.2018

3. Fastensonntag
Jo 2, 13-25
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Wie kommt man zu Gott? Auf den ersten Blick hat diese Frage mit dem Evangelium des heutigen Tages wenig zu tun. Hier geht es doch nicht um Gottsuche, sondern um die eindeutige und unmißverständliche Kritik Jesu an den Mißständen des Tempelbetriebs.
Und der zornige Jesus kommt uns ja eigentlich gar nicht ungelegen. Er erschreckt uns nicht und er ängstigt uns nicht, ganz im Gegenteil: Der zornige Jesus, der sie einfach umwirft, die Tische der Geldwechsler, die die vielen fremden Währungen in die für den Tempel gültige Währung umtauschen. Der zornige Jesus, der die Opfertierverkäufer mit der Peitsche hinausjagt. Der zornige Jesus, der alle vertreibt, die den Tempel zum Warenhaus machen. Diese Handlung Jesu bringt in enorm konzentrierter Form seine religiöse Grundhaltung zum Ausdruck, bringt ihn aber auch in eine gefährliche Konfrontation mit den Mächtigen in Religion und Politik.
Da der Maßstab aller Handlungen Jesu das „Leben in Fülle“ für die Menschen ist, gerät er zu zahlreichen gesellschaftlichen und religiösen Vorschriften in kritische Distanz: Sein Kontakt mit Frauen, seine Mahlgemeinschaft mit Geächteten, seine Zuwendung zu den Sündern, seine therapeutischen Aktivitäten am Sabbat, sein großzügiger Umgang mit Speise- und Reinheitsvorschriften, alle diese Grenzüberschreitungen der damaligen Üblichkeiten bringen ihn in Konflikt mit den Mächtigen, die Interesse daran und Profit davon haben, dass die Verhältnisse bleiben wie sie sind.
Im Hintergrund dieses Konflikts um den Tempel steht freilich ein noch viel weitreichenderer Zusammenhang. Bereits die Propheten Israels, in deren Spur Jesus von Nazareth sich bewegt, haben den Kult insgesamt und den Tempelbetrieb insbesonders scharf kritisiert.
Kerngefahr des frommen Menschen ist dabei der Wahn, zu meinen, dass mit dem kultischen Handeln, z.B. den dargebrachten Opfern, dem Besuch des Tempels, dem Ableisten der Vorschriften, das „Eigentliche“ des göttlichen Willens bereits erfüllt sei. Schon Hosea hält 750 Jahre vor Jesus dagegen: Gott will keine Opfer – er will die alltägliche Barmherzigkeit. Vorrangig sind die praktisch geübte Solidarität, die gesellschaftliche Gerechtigkeit, die gelebte Geschwisterlichkeit.
Zu oft meinen wir, wenn diese Stelle der Bibel hören oder lesen: da geht es gar nicht um uns, so meinen wir und reiben uns die Hände. Es könnte allerdings sein, dass wir uns täuschen. Dass doch nicht die anderen gemeint sind, sondern wir selbst. Dass es gar nicht um die Tische der Wechsler und die Stände der Verkäufer geht, sondern um uns selbst. Jesus wußte nur zu gut, dass sie morgen wieder da sein würden, dass der Betrieb weitergehen würde wie bisher. Der rege Handel im Tempel hatte schließlich doch keinen davon abgehalten, zu Gott zu kommen.
Doch da ist sie wieder, die Frage vom Anfang: Wie kommt man zu Gott? Die Antwort scheint einfach: Wir machen so weiter wie immer. Das Opfertier wird gekauft, das Opfertier wird geschlachtet, die Tempelsteuer bezahlt, alles hat seine Ordnung und schon scheint sie da zu sein: die Beziehung zu Gott.
Hier hinein trifft die große Herausforderung Jesu. Nichts ist in Ordnung. Nichts kann so einfach weitergehen wie bisher. Nicht einmal der Tempel, das große Zeichen der Gegenwart Gottes, kann letztlich garantieren, dass der Mensch Gott wirklich begegnet.
„Reißt diesen Tempel nieder, und ich werde ihn in drei Tagen wiederaufbauen.“ Es ist in der Tat völlig unsinnig, zu glauben, irgendjemand könnte dieses riesige Bauwerk tatsächlich in so kurzer Zeit wiederaufbauen. Der Evangelist Johannes läßt in der Gestalt, die er dem Text gegeben hat, auch die Jünger zunächst einmal unverständig dastehen. Erst nach der Auferstehung, heißt es bei ihm, geht ihnen das Licht auf, begreifen sie, was für eine Herausforderung in diesen Worten wirklich steckt.
Vielleicht haben wir dieses Evangelium schon zu oft gelesen und das Wort vom Niederreißen des Tempels schon zu oft überlesen. Dieses Wort bedeutet eine radikale Umkehr der Perspektiven. Weder ein Bauwerk, noch altehrwürdige Regeln und Zeremonien garantieren den Zugang zu Gott. Er liegt nicht in Steinen und Vorschriften, er liegt in einer Person. In Jesus selbst. Er ist der andere Tempel, in ihm ist Gott ganz und gar gegenwärtig. Zu Gott kommen erhält eine völlig neue Qualität. Es ist die Qualität des persönlichen Du, des Du zu Jesus Christus, er ist der Zugang für uns zu Gott.
Das Wort vom zerstörten und neu errichteten Tempel bekommt so eine ganz eigene Dimension. Es geht nicht um den Aufbau von Steinen, um eine großartige menschliche Leistung. Es geht um den Aufbau von Beziehungen. Es geht um die Freundschaft mit Gott.
Damit wird alles auf den Kopf gestellt. Nicht über das Opfer aus Menschenhand geschieht das Heil. Es geschieht als Geschenk Gottes an uns. Alle althergebrachten Regeln des Kultes werden umgeworfen wie die Tische der Geldwechsler, wenn nicht der Geist Jesu dahintersteht. Nicht wir stimmen Gott gnädig durch Opfer und Tempelsteuer, sondern Gott selbst erweist sich barmherzig, indem er sich in Jesus radikal verschenkt. Was hier geschieht ist keine Revolution der Tempelordnung, sondern die Revolution alles Wissens darüber, wie der Mensch zu Gott kommt: nicht indem er gibt, sondern indem er sich geben läßt. Kein Opfer erkauft Gottesnähe, Gott schenkt sie, ohne auch nur je eine angemessene Gegengabe erwarten zu können, ausser unsere Hingabe und Empfangsbereitschaft.
Es ist schon eigenartig, wie wir die Texte der Bibel immer wieder mit unserem eigenen Leben konfrontieren können. Wie hinter diesen Worten und Taten Jesu etwas steckt, was auch unser Leben, unsere Situation betrifft. Und betroffen sollten wir doch alle immer wieder vom Wort Gottes sein. Er will uns nicht zur biederen Selbstzufriedenheit aufrufen, sondern zur Umkehr, zur Korrektur unseres Verhaltens und unseres Denkens. Es geht nicht in erster Linie, dass wir nach einem Sündenbock suchen, dass wir Schuldige ausfindig machen, auf die das Wort Jesu zutrifft, sondern dass wir uns selbst unter den von Jesus Gemeinten erkennen. Jesus gibt uns keine Argumente in die Hand gegen andere. Er stellt uns die Frage nach uns selbst. Nur Menschen mit offenem Herzen, als Menschen, die eine ganz persönliche Beziehung zu Gott suchen und annehmen, können wir zu ihm finden. Die Frage lohnt sich, sie ist sogar lebenswichtig: Welche Beziehung habe ich zu Christus?
Ist er es, den ich an mein Leben heranlasse, mit dem ich mein Leben teile? Ist er es, dem ich mich anvertraue und dem ich zutraue, dass er meinem Dasein Sinn gibt? Ist er es, auf den ich zugehe, in der sicheren Hoffnung, dass er mich seine Auferstehung hineinnehmen wird?
Es lohnt sich, dieses Evangelium immer wieder neu zu lesen. Die Frage, die es uns stellt, ist nicht die Frage nach der Vollmacht Jesu, den Tempel zu reinigen. Es ist die Frage nach der Vollmacht, die wir Christus über unser Leben einräumen. Hin und wieder ist es gut, sie ganz persönlich zu beantworten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

18.03.2018

4. Fastensonntag
Joh 3, 14-21
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Dieser Nikodemus war ein Nachtmensch. Er kam in der Nacht zu Jesus, um Antwort auf seine Fragen zu bekommen. Bei Tag hat er sich nicht getraut, und das hatte auch seine Gründe; denn er war Schriftgelehrter und Mitglied des Hohen Rates, der obersten jüdischen Behörde. Er hatte die Zeichen und Wunder Jesu richtig gedeutet. Und suchte nun nach Antworten. Und er suchte in der Nacht und diese Nacht gab es nicht nur in der Natur, sondern auch in seinem Inneren. Nächte, die uns selber hinreichend bekannt sind, die wir oft schon erlebt haben. Es jene merkwürdige Art von Dunkelheit, in die doch noch ein Spalt ein wenig Licht hereinlässt. Nikodemus folgte diesem Licht und hörte nun das merkwürdige Wort Jesu von der Schlange, die in der Wüste erhöht wurde.
Während des Wüstenzugs des Volkes Israel gab es einmal eine Schlangenplage. Viele Menschen wurden von diesen Tieren gebissen, bis Moses eine eherne Schlange anfertigen ließ und diese auf einem Pfahl vor dem Volk aufstellte. Wer diese Schlange ansah wurde geheilt. Die Schlange spielt auch in der Paradiesgeschichte eine Rolle. Dort verkörpert sie das Böse schlechthin, den Satan selbst. Moses heftet nun eine Schlange an einen Pfahl und somit ist dieses Tier, das den Menschen oft aus dem Hinterhalt angreift sichtbar geworden, die Gefahr ist gebannt. Das Böse ist hiermit besiegt, denn einer Gefahr, der man ins Auge sehen kann, verliert an Gefährlichkeit.
Und nun wechselt das Bild: Jesus weist auf sein eigenes Kreuz hin, auf seine Erhöhung, wie er es ausdrückt. Jeder, der nun auf dieses Kreuz schaut, erfährt Rettung. Aber nicht nur Rettung, sondern er empfängt ewiges Leben.
Und nun kommt aus dem Munde Jesu die große Liebeserklärung an den Menschen. Es ist nicht nur irgendeine Liebe. Ihre Größe wird er sichtlich aus der Tat Gottes, die aus dieser Liebe erwächst: dass er seinen einzigen Sohn dahingibt, das heißt, dass er sich nicht aus dieser Welt heraushält, sondern sich ganz in sie hineinbegibt, indem er alles freiwillig auf sich nimmt, was Menschen leiden. Er lässt sich so behandeln wie Menschen andere Menschen behandeln, er lebt ein Leben, das ihn nicht frei macht von den Beschwerden des menschlichen Lebens, die wir ja zu Teil kennen.
Diese Liebe hat es in sich. Gott distanziert sich von einem sich rächenden Gott. Man könnte ja nach unserem menschlichen Denken ohne weiteres annehmen, dass Gott genug Gründe hätte, uns Menschen allerlei Strafen aufzuerlegen. Aber das war nicht der Sinn und auch nicht Grund für das Kommen Gottes in diese Welt. Die Liebe Gottes will den Menschen nicht zugrunde gehen lassen, obwohl er manchmal den Bodensatz des Lebens verkosten muss, um zur Einsicht und zur Umkehr zu gelangen. Wenn schon vom Gericht gesprochen wird, dann sollte man bedenken, dass im Wort „Gericht“ das Wort „Recht“ enthalten ist. Gerechtigkeit wollte uns Jesus bringen, uns Menschen, die wir so sehr an den Ungerechtigkeiten dieser Welt leiden.
Im Klartext bedeutet die Aussage Jesu: Lasst euch von Gott lieben, entzieht euch nicht seiner Liebe, geht nicht in die Finsternis hinein, wenn Gott euch ein Licht aufstellt. Der Weg zum Licht und zur Liebe Gott ist unser Glaube. Glaubt und tut Taten, die diesem Glauben entsprechen!
Die Botschaft ist also vorhanden, nun muss sie aber in unser Leben integriert werden. Sie muss unser Leben verändern. Wie ist das möglich? Nikodemus zeigt es uns. Wir müssen Kontakt aufnehmen mit Jesus. Die Botschaft, die uns belehrt ist ja vorhanden. Nun soll sie betend in unser Leben eingepflanzt werden, damit so ein kleines Pflänzlein des Glaubens wachsen kann. Aber zu diesem Kontakt mit Jesus nehmen sich viele Menschen nicht die nötige Zeit, obwohl das Gebet nicht eine Frage der Zeit ist. Man kann heute Menschen beobachten, die ständig mit ihrem Handy Kontakt mit ihren Mitmenschen aufnehmen. Es wäre gut und sinnvoll aus unserer Situation, aus unserem Erleben, aus unserer Freude und aus unserem Leid heraus Gott immer wieder anzusprechen, mit einem Satz, mit einem Gedanken. Das wäre jene Vertrauensbasis die, Gott als Voraussetzung seines Wirkens in der Regel haben möchte.
Am Beginn des Gespräches mit Nikodemus spricht Jesus von einer neuen Geburt. Die ist an uns in der Taufe Geschehen. Ein neues Leben ist uns da geschenkt worden. Das war der Anfang. Es liegt an unserem eigenen Bemühen aus diesem Ereignis der Taufe heraus unser Leben zu gestalten. Der Getauft ist ein Angeforderter. Man kann den Glauben nicht einfach kaufen und dann in einen Safe legen. Und wenn heute Menschen immer wieder Gott Vorwürfe machen, dass er so wenig in das Weltgeschehen eingreift, so müssten wir auch bedenken, dass Gott von uns erwartet, dass wir diese Voraussetzungen für das Handeln Gottes schaffen. Und diese Voraussetzungen bestehen darin, dass wir selber das Nötige und Menschenmögliche tun, um Unrecht und Not aus der Welt zu schaffen und durch unser eigenes Leben die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar werden lassen.
Nikodemus ist uns ein Vorbild. Er ist ein suchender Mensch und suchende Menschen sollten auch wir sein. Viele Menschen halten religiöses Suchen für eine Illusion. Sie halten sich lieber an die so genannten „Realitäten“, an das, was sie sehen und verstehen können. Sie haben keine Antenne für Wahrheiten, die über den begrenzten Horizont ihres Verstandes hinausgehen. Sie meinen, so schreibt Paulus, „weise zu sein, und wurden zu Toren.“
Welche Folgen das nächtliche Gespräch für Nikodemus hatte, bleibt offen. Später begegnen wir ihm noch zweimal im Johannesevangelium: Einmal, als es im Hohen Rat zu einer Auseinandersetzung um Jesus kommt. Hier wagt es Nikodemus, das Verhalten seiner Parteifreunde zugunsten von Jesus öffentlich in Frage zu stellen. Zum anderen treffen wir ihn beim Begräbnis Jesu, wo er, ungeachtet der Folgen, die das für ihn haben konnte, Jesus den letzten Liebesdienst tut: er brachte hundert Pfund an Salben für die Salbung des Leichnams Jesu.
Wir haben vieles mit diesem Nikodemus gemeinsam. Angefangen vom fragenden Menschen, der die Wahrheit erkennen will, bis hin zu einem Menschen, der sich langsam zu einer Entscheidung für Jesus durchringt, zu einer Entscheidung, die dann in die konkrete Lebenspraxis mündet. Es wird eine Phase geben, in der wir manchesmal nicht mehr wissen, was das Richtige, was das Wahre ist. Eine Phase, in der wir die Wahrheit des jeweiligen Augenblicks einfach tun, in der wir ohne viel zu fragen, einfach spüren: das ist das Richtige, das wird jetzt von mir verlangt, das mache ich. Und die Phase, in der wir wieder neu über die Wahrheit, die sich in unserem Tun erschließt, nachdenken und bereit werden zu einem neuen Aufbruch.
Nikodemus zeigt uns, dass der Glaube an Jesus nicht etwas ist, auf dem man sich ausruhen kann, sondern dass uns weiteres Fragen, weiteres Aufbrechen nicht erspart bleibt. Doch, wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen, wird es sein, dass wir zum Licht kommen, dass es in uns licht wird und dass wir auch für andere Licht sein können. Amen.
PM.

25.03.2018

5. Fastensonntag
Hebr 5,7-9
Joh 12,20-33
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Als Christus auf Erden lebte, hat er mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört und aus seiner Angst befreit worden.
Das war der Anfang unserer heutigen Lesung. Und er ist für mich deshalb sehr bedeutsam, weil er uns etwas über unser Gebet aussagen will, über unser Gebet, das wir oft nur unter großen Mühen verrichten, von dem wir nicht immer überzeugt sind. Manche Menschen meinen, das Gebet sei nur so eine Art Beruhigungsmittel, manche meinen, durch unser Gebet drücken wir uns vor der Wirklichkeit, schieben wir alle Verantwortung auf Gott ab.
Jesus betet. Und da meinen wir doch wohl, dass das Gebet etwas Bedeutendes ist in unserem Leben. Jesus betet. Davon erzählen seine Freunde, davon erzählen auch die Evangelien. Jesus ist ein gläubiger Jude. Und ein gläubiger Jude betet. Er betet in seinem Herzen und in seinem Haus, er betet bei Tisch und in der Synagoge, Im Tempel zu Jerusalem. Wir wissen nicht sehr viel über das persönliche Beten Jesu. Das Lukasevangelium erzählt gern vom betenden Jesus: er trägt betend sein Leben vor Gott hin und empfängt von Gott her die Richtung seines Lebens; betend wird Jesus von der geheimnisvollen Stimme des Hl. Geistes als Gottes geliebter Sohn ausgewiesen und zu seinem Verkündigungsdienst beauftragt; betend verschafft sich Jesus Klarheit über die Wahl seiner Apostel; betend entscheidet sich Jesus für den lebensgefährlichen Weg nach Jerusalem; betend ringt Jesus auf dem Ölberg mit Gott im Angesicht seines bevorstehenden Todes; betend übergibt sich der Sterbende der Hand Gottes.
So wenig wir über den Wortlaut der Gebete Jesu wissen, so zuverlässig sind wir über die Weise, den Ton, über den Stil des Betens Jesu unterrichtet: Kindliche Anhänglichkeit und festes Vertrauen kennzeichnen es. Er spricht Gott mit dem Wort „Abba“ an, was soviel heißt wie „mein lieber Vater“. Diese Beziehungsform Jesu zu seinem Gott, zu seinem Vater und zu unserem Vater schenkt Jesus seinen Freunden im Vaterunser. Der Gott Israels und der Gott Jesu ist der Vatergott aller Menschen.
Wenn Jesus selbst so viel Wert auf das Gebet legt, dann muß es auch für uns sehr bedeutsam sein. Aber - analysieren wir einmal ganz ehrlich unser Gebet! Es besteht meist aus Bitten. Wir sind in Not, wir haben Probleme, wir werden mit unserem Leben nicht fertig. Und wir beten. Das ist ganz in Ordnung. Jedoch, wir haben im Hinterkopf schon den Gedanken daran, dass sich in Wirklichkeit nicht viel ändern wird. Zu oft sind wir schon enttäuscht worden, haben wir nicht das bekommen, wofür wir gebetet haben. Und da kommen wir schon auf einen Fehler darauf, den wir oft beim Beten machen. Wir reden Gott an, tragen ihm unsere Anliegen vor und dann gehen wir wieder weg. Es wäre aber wichtig auch darauf zu warten, was uns Gott sagen möchte. Was er uns aber sagen möchte, das werden wir nicht vernehmen, wenn wir nur einen Redeschwall auf Gott hin loslassen. Es ist wichtig, dass wir auch unsere Situation vor Gott hintragen und das geschieht dadurch, dass wir beginnen mit eigenen Worten zu ihm zu sprechen. Und wenn wir genau mit den Augen Gottes in unser Leben hineinschauen, dann werden wir bald merken, dass es in unserem Leben allerhand zu tun gibt. Es ist doch so, dass Gott immer auch unsere Mitarbeit wünscht, unser eigenes Tun, unser eigenes Bemühen und dann wirkt er erst das Seine. Das heißt, das Gebet hilft uns, darauf aufmerksam zu werden, was wir selber tun können, um uns aus der Patsche zu helfen. Unser eigenes Bemühen und die Kraft Gottes, das soll ineinandergreifen wie die Zahnräder einer Maschine.
Und weil vieles sich nicht erfüllt in unseren Gebeten - wissen wir, was uns guttut. Jesus verheißt uns allerdings, dass unsere Gebete alle erhört werden; aber denken wir daran, dass wir zu einem Vater beten, der weiß, was seine Kinder brauchen. Wir dürfen also das Gebet nicht verwechseln mit einem Automaten, wo man die Münze einwirft und es müßte dann das Gewünschte unten herauskommen. Sonst bearbeitet man den Automaten mit den Fäusten. Haben sie sich schon einmal überlegt, dass auch eine leidvolle Periode in unserem Leben, eine schwierige Situation bedeutsam sein kann? Im Augenblick sehen wir das nicht ein; es ist wie bei einem Puzzelspiel, wo ein Steinchen nirgends dazu zupassen scheint. Und doch gehört es zum ganzen Bild. Wir müssen nur die Geduld haben, das kleine Teilchen ein wenig liegen zu lassen, bis wir den Zusammenhang erkennen.
Wenn die Griechen an die Apostel herantraten mit der Bitte, sie möchten Jesus sehen, dann treffen sie auf einen betenden Jesus, dann finden sie einen Jesus, der sich in sein Leiden hineinbegibt, also in etwas in den Augen der Welt Sinnloses. Aber es war in den Augen Gottes die einzige Möglichkeit, die Menschen zu erlösen, besser gesagt, ihnen Erlösung anzubieten. Und somit ist die Meditation des Kreuzes und auch des Kreuzweges für uns Menschen nicht bloß eine Erinnerung, sondern eine Besinnung.
Ein Kreuzweg bringt bestimmte Themen mit sich. Er bringt zum Beispiel das Thema von der Fußwaschung, das heißt: sich beugen, etwas tun, das eigentlich unter der eigenen Würde ist. Nachvollzug der Menschwerdung eines Gottes, der sich zu uns herabbeugt. Man wird an der Geschichte von Gethsemani lernen, seinen eigenen Willen einzufügen in den größeren Willen Gottes. Man wird an Christus, der vor Pilatus steht, lernen, sein Recht, selbst wenn man es haben sollte, im Zweifelsfall preiszugeben und nicht darum zu kämpfen. Oder man wird, wenn man Christus an der Geißelsäule sieht, erkennen, dass der verwundbare der menschlichere Mensch ist als der robuste. Man wird an der Stelle oder bei dem Bild, wie Christus das Kreuz die Straße hinaufträgt, lernen, was es heißt, die Schuld anderer Leute zu übernehmen. Und man wird, indem man Christus am Kreuz meditiert, lernen, wie über jedes Maß und jede Gebühr der moderne Mensch an seiner Gesundheit und an seinem langen Leben hängt, wo es doch ganz andere Wege gibt, das Leben wirklich zu finden.
Man wird weitergehen zu Ostern und wird sich die Geschichte vom auferstandenen Christus vergegenwärtigen, das Wunder aller Wunder. Denn es ist entscheidend, dass wir die Geschichte Jesu nicht mit seinem Tod am Kreuz enden lassen, sondern mit seiner Auferstehung.
Wir müssen immer wieder lernen, unser Leben in den größeren Zusammenhängen zu sehen. Vieles in unserem Leben verstehen wir, Vieles aber verstehen wir nicht. Wir haben auch nicht immer den Eindruck, dass das Schwache die Welt überwindet und das Böse in ihr. Aber es geht um unsere Schwäche und wir dürfen die Kraft Gottes nicht übersehen, jene Kraft, die in Jesus Christus wirksam war und die auch in uns wirksam sein kann, wenn wir seinen Weg mitgehen mit unserem Kreuz. Amen.

29.03.2018

Gründonnerstag



Es ist eine dramatische Botschaft, die uns heute verkündet wird. Vom Abschied Jesu von seinen Jüngern ist die Rede, vom Verrat des Judas und von der demütigen Haltung Jesu bei der Fußwaschung. Überschrieben ist die heutige Frohe Botschaft mit dem Satz: „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung.“
Wie wird Jesus das empfunden haben, dass da einer seiner Jünger, seiner Auserwählten, zum Verräter wird. Zugegeben, keiner seiner Jünger hat in dieser Stunde die tiefsten Hintergründe seiner Sendung verstanden. Noch beim Einzug in Jerusalem waren ihre Hoffnungen auf einen politischen Messias wieder aufgeflammt. So nimmt man an, Judas habe Jesus mit Gewalt durch seinen Verrat in die Enge treiben wollen, damit er sich endlich an die weltliche Macht setzt. Er hatte seine eigenen Vorstellungen vom Messias, die sich aber nicht erfüllt haben.
Was die Jünger auch nicht begriffen haben war die demütige Tat der Fußwaschung. Von den Jüngern wäre es keinem eingefallen an seinen Kollegen diesen Dienst zu verrichten, der Aufgabe eines Haussklaven war. Jesus selbst gürtet sich mit einem Leinentuch und beginnt dem sich dagegen wehrenden Petrus die Füße zu waschen. Und Jesus knüpft vor den verblüfften Jüngern eine Lehre daran. So wie ich getan haben, so sollt auch ihr tun und einander die Füße waschen. Ihr seid zum Dienen da, nicht zum herrschen. Leider hat das die Kirche in der Folgezeit vielfach vergessen.
Und dann kommt die Szene, wo sie sich zum Mahl niedersetzen. Paulus beschreibt sie genau in der heutigen Lesung. Eine einfache Geste mit einfache n Mitteln des Alltags spielen jetzt eine Rolle: Brot und Wein, Dinge des täglichen Gebrauchs, die tägliche Nahrung. Brot, Produkt menschlicher Mühe und menschlicher Arbeit. Vom Korn zu fertig gebackenem Brot gibt es eine Reihe von Verwandlungsprozessen, desgleichen auch beim Wein. Jesus nimmt nun die Ergebnissen menschlichen Tuns und spricht über diese Gaben: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Und: Tut diese zur Erinnerung an mich!
Über dieses Wort ist viel herum diskutiert worden, große und ausführliche theologischen Traktate habe zu begreifen versucht, was letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen ist. Romano Guardini, der große Münchner Theologe bringt es auf den Punkt: Hier gibt es nichts zu begreifen und herumzudeuteln. Die Worte Jesu sind im Glauben so zu nehmen wie sie gesprochen wurden und wie sie überliefert worden sind.
Und dieses Geheimnis der Eucharistie, der Danksagung, feiern wir täglich und sind gerade im Begriffe es wieder zu feiern. Und wir müssen uns bewusst werden, dass es da um etwas ganz Großes geht. Es ist dies die tiefste Begegnung, die uns mit Jesus möglich ist. Wir nehmen ihn in uns auf wie eine Nahrung. Und wenn wir ihn aufnehmen, dann wandelt er uns um, dann werden wir ihm immer ähnlicher werden.
Denken wir daran, wenn die die Hl. Kommunion empfangen? Steckt im Kommunionempfang nicht schon zu viel Routine dahinter. Wie bereiten wir uns vor, diesen hohen Gast aufzunehmen, wieweit sind wir bereit, den eucharistischen Herrn auch im alltäglichen Leben, also außerhalb der Kirche, Raum zu geben? Spielt nicht auch immer die Erwartung des Judas immer wieder in unser Leben hinein – einen Messias schon, aber er muss meinen Vorstellungen entsprechen? Wird nicht der Gedanke des Dienens in der Fußwaschung im alltäglichen Leben in Gedanken des Herrschens umfunktioniert?
Sie sehen, da gibt es eine ganze Menge von Fragen an uns selber, die wir uns immer wieder stellen müssen, wenn wir die Nachfolge Jesu ernst nehmen. Wer zum Tisch des Herrn geht tut das sicherlich auch im Bewusstsein der eigenen Unwürdigkeit. Aber wer ist schon würdig, wenn es um die Begegnung mit Gott geht? Petrus war es nicht und die anderen Apostel auch nicht, große Heilige haben sich immer als unwürdige bezeichnet. Aber Jesus hat sich immer den scheinbar Unwürdigen zugewandt, wenn sie nur ein offenes Herz hatten.
Jesus nimmt mit diesem Mahl Abschied von seinen Freunden. Aber was bleibt? Erinnerungen, die verblassen, Spuren, die sich verlieren? Nein, diese Freundschaft, dieser Bund mit den Menschen soll bestehen bleiben in ganz konkreten Zeichen, im Zerbrechen des Brotes und im Dienst aneinander. Auf diese Weise bleiben Freundschaft und tiefe Verbundenheit mit Gott und untereinander bestehen. Heute werden wir in besonderer Weise daran erinnert: Wie dieses Brot zerbricht, wird auch Jesus zerbrochen, aber nicht um zugrunde zu gehen, sondern um Nahrung für alle Menschen zu sein, die sich zum Tisch des Herrn eingeladen fühlen. Kein einsames Zerbrechen, sondern ein Ausgeteilt werden, eine Lebensbegleitung für uns Menschen, kein Tod für sich selbst, sondern Vorankündigung für die Vollendung aller. Diese Freundschaft trägt die Nähe Gottes in sich.
Der Gründonnerstag mahnt uns aber auch, dieses große Geschenk des gemeinsamen Brotbrechens und Mahlhaltens nicht abzuschwächen in Ersatzformen vereinfachter Feiern, weil es immer weniger Vorsteher bzw. Priester gibt.
„Gut, dass es die Pfarre gibt“, das Motto der vergangenen Pfarrgemeinderatswahl. Zu ergänzen: Gut, dass es die Gemeinde gibt. Sie wird aber nur besehen können, wenn dieses wichtige Element des Brotbrechens weiter garantiert bleibt, wenn sich die Buntheit und Vielfalt der Menschen auch in einer etwas breiteren Vielfalt der Zugangsbestimmungen in den Dienstämtern der Kirche zeigt, denn Brot ist ein lebenswichtiges Nahrungsmittel, nicht nur für unser irdisches Dasein, sondern auch „Brot des Lebens“, von dem Jesus selber sagt, dass Er es ist.
Jesus schenkt sich in den Gestalten von Brot und Wein. Brot öffnet jeden Mund. Möge dieses Brot auch unseren Mund öffnen, nicht nur um zu essen, sondern auch , um Gutes zu sagen, um einzuladen, um zu verzeihen, um Brücken zu bauen, Freundschaften anzubahnen und zu festigen zu Gott, zum Nächsten, zum Frieden in uns selbst. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

31.03.2018

Osternacht
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Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln.
Der evangelische Theologie Dietrich Bonhoeffer, der im April 1945 im Konzentrationslager Flossenburg getötet wurde, hat uns diesen markanten Satz geschenkt. Wie viele Menschen verzweifeln in der Not und Ungerechtigkeit der politischen Verhältnisse oder in der Sorge um die Zukunft unseres Planeten und auch des persönlichen Lebens? Wie viele verzweifeln angesichts von Verbrechen oder in bedrückender persönlicher Schuld? Wieviel Verzweiflung bringen Trauer und Leid um liebe Verstorbene, und wieviel Verzweiflung gibt es durch die Angst vor dem eigenen Sterben?
Wer an Ostern glaubt, kann nicht verzweifeln. Er sieht die Hand Gottes hinter allem Geschehen, die Hand, die sich dem Sohn entgegenstreckt und ihn auferweckt hat von den Toten. Die gleiche Hand, die sich Christus entgegengestreckt hat, streckt sich auch uns entgegen in allen Bedrängnisse und Nöten.
Wir wissen heute über die Auferstehung Jesu mehr als die Frauen, die in der Morgenfrühe zum Grab gingen, um den Herrn zu salben. Sie waren voll von Traurigkeit. Für sie war Jesus tot, unwiederbringlich dahin gegangen an den Ort, von dem niemand zurückkehrt. Für sie und die Jünger war eine Welt zusammengebrochen, eine Welt der Erwartungen eines rettenden und befreienden Messias. Allerdings mußten sie enttäuscht werden, denn ihre Erwartungen waren zum großen Teil falsch. Sie wurden enttäuscht, das heißt von einer Täuschung befreit, da sie sich einen irdischen Messias erwarteten, einen König mit politischen Interessen, einen Messias, der Posten und Ämter verteilt. Im Laufe ihres Zusammenseins mit Jesus ahnten sie immer mehr, dass er etwas ganz anderes bringen wollte als das, was sie sich erwarteten.
Die Frauen waren die ersten beim Grab, und sie waren auch die ersten, die glaubten. Die Frauen hatten eine Aufgabe zu erfüllen. Sie wollten den Leichnam Jesu salben. Und als sie ihn nicht fanden, meinten sie, er sei gestohlen worden. Wir wissen aus den anderen Auferstehungsberichten, dass die Jünger Jesu nicht leicht zu Glauben an die Auferstehung fanden. Erst als Jesus ihnen wiederholt erschien, kamen sie langsam zum Glauben an die Tatsachen, dass er lebt.
Geben wir es ehrlich zu, auch für uns ist der Glaube an die Auferstehung von den Toten nicht immer ein einfacher Glaube, auch wenn alles in unserem Leben voller Hunger nach einem Weiterleben nach dem Tode ist. Der Tod ist etwas, mit dem wir Menschen uns nicht abfinden können. Und wir können uns auch nicht abfinden mit dem bißchen Leben, das wir haben. Es ist uns einfach zu kurz und auch zu wenig ausgefüllt. Diese beiden Tatsachen allein weisen schon darauf hin, dass unsere Existenz auf eine größere Erfüllung hin ausgelegt ist.
Interessant ist nebenbei auch, dass der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod bei allen Völkern und zu allen Zeiten zutiefst ausgeprägt ist. Ja, für manche Völker war das irdische Leben geringer geachtet als das Weiterleben im Jenseits, so bei den alten Ägyptern und den Etruskern, die für ihre Toten ganze Städte bauten, deren Reste man heute noch sehen kann.
Natürlich sind die Menschen auch immer bemüht gewesen, dem Auferstehungsglauben aus dem Weg zu gehen nach dem Motto: Was ich nicht begreifen kann, das darf es einfach nicht geben. Aber das wäre zu kleinlich gedacht sowohl über unser eigenes Leben als auch über die Möglichkeiten Gottes. So meinte manche, es gäbe bloß ein Weiterleben in Andenken der Menschen oder in den Werken, die ein Mensch geschaffen hat.
Allem Denken der Menschen ist aber eines gemeinsam: Die Erfahrung der eigenen Vergänglichkeit. Aber wenn ich meine Existenz in einen anderen hinein verlegen könnte, wäre es möglich über die Todesgrenze hinaus zu gelangen. Nur müßte dieser andere jemand sein, der selbst nicht vergänglich, sondern unsterblich ist. Und ich müßte mit diesem anderen so eng verschmolzen sein, dass selbst der Tod diese Bindung nicht zerstören kann. Damit sind wir aber bei der Osterbotschaft angelangt; bei jener ungeheuren Nachricht, dass jemand auf der Erde gelebt hat, der durch den Tod hindurchgegangen ist, den das Grab nicht festgehalten hat. Damit sind wir aber auch angelangt bei der ungeheuren Nachricht, dass es auch für uns einen Weg durch den Tod hindurch gibt, weil Jesus Christus als der Gekreuzigte und Auferstandene uns die Möglichkeit gibt, in sein göttliches Leben einzutauchen.
Aber denken wir doch auch einmal daran, wie viele Menschen an der Osterbotschaft vorbei laufen, ohne dass diese ihnen etwas bedeutet. Vielleicht gehören wir selber manchesmal zu diesen Menschen. Es ist wichtig, dass Ostern nicht der Vergangenheit angehört, nicht bloß eine nette Geschichte bleibt, sondern in uns selber lebendig wird. Gott hat uns einen Zugang zum Leben erschlossen. Das ist auch so ein Satz, der so viel bedeutet, und den wir oft so gedankenlos hören. Aber wir sollten hellhörig werden, wenn es um das Leben geht, wenn es um unser Leben geht! Gott will uns neu schaffen! Wissen sie, was das für einen jeden von uns bedeutet. Nirgends spricht das Neue Testament vom Weltuntergang, sondern von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wir werden zwar nach der Auferstehung mit uns selbst identisch sein aber eine Vollkommenheit sondergleichen besitzen. Und der Tod ist besiegt. Jener Tod, der uns immer wieder niederdrückt, der uns immer dann ans Herz greift, wenn wir am Grab eines geliebten Menschen stehen oder wenn wir an unseren eigenen Tod denken, dem keiner von uns ausweichen kann.
Und immer wieder hören wir: Das Grab ist leer. Diese Botschaft von einem leeren Grab war für die frühe Christengemeinde in Jerusalem so etwas wie eine Siegestrophäe. Es bedeutet, dass unsere Wege nicht nur Kreuzwege sind, sondern dass wir sie auch als Osterwege verstehen müssen.
Als die Auferstehungserzählung beginnt ist es Nacht. Eine Frau, allein, unterwegs. Die Dunkelheit weicht ihren Schritten nicht. Und was in ihr ist, ist nicht weniger Nacht. Aber sie geht. Mit traumwandlerischer Sicherheit weiß sie, dass sie nicht zu Hause bleiben darf. Sie muß hinaus, sie muß dem, der tot ist, einen letzten Liebesdienst erweisen. Sie muß Abschied nehmen. Sie will ihrem Schmerz und ihrer Trauer einen Ort geben. Sie weiß nicht, dass der Weg durch die Nacht der Beginn ihres Osterweges ist. Sie weiß nichts von all dem, was auf sie zukommt, nichts vom weggerollten Stein, vom aufgeräumten Schweißtuch, von den merkwürdigen Begegnungen mit Engeln und mit Jesus. Sie weiß nur, dass sie dorthin muß, wo es am dunkelsten ist.
Auch für uns beginnt Ostern mit dem Weg zu den Dunkelheiten, zu den Gräbern unseres Lebens, dorthin also, so könnte man es auf uns hin münzen, wo das Leben, wo Hoffnung und Liebe verschlossen liegen. Wie sollen wir sehen, ob die Gräber unserer Hoffnung tatsächlich noch verschlossen sind, wenn wir nicht nachschauen? Glauben wir der Schrift, so werden auf uns weggeschaffte Steine warten, lichtdurchflutete Grabkammern, zusammengefaltete Leichentücher, vielleicht sogar himmlische Wesen, vertraute Fremde und ein neuer Auftrag: die Botschaft der Osternacht auch durch unser eigenes Leben der dunklen Welt zu verkünden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ