01.04.2018

Osternacht
Jo 20, 1-18
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Es war der erste Tag der Woche, und es war frühmorgens. Noch war es dunkel, aber soviel konnte Maria von Magdala schon sehen: Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Das Grab war leer. Schock oder Freude? Sie lief zu Petrus und dem anderen Jünger, wahrscheinlich ist es Johannes. Auch sie gingen hinaus zum Grab. Von Petrus heißt es: Er sah. Von dem anderen Jünger sagt die Schrift: Er sah und glaubte.
Nun waren die drei mit einem offenen, das heißt auch leeren Grab konfrontiert. Die ganze Logik ihrer bisherigen Erfahrung war durcheinander. Ihre Phantasie schwankte zwischen Lähmung und Elektrisiertsein. Der schon fast verglommene Docht der Hoffnung ich ihrem Herzen begann noch einmal Feuer zu fangen.
Marie von Magdala hatte nicht nur ihren Herrn verloren. Sie hatte auch den Ort ihrer Trauer, das Grab verloren. Petrus war ein Wort abzuringen. Er war vorsichtig geworden mit Reden und Deuten. Von ihm heißt es nur: Er sah. Der andere Jünger hat keine inneren Sperren: Er sah und glaubte. Nein, dieser Jesus ist nicht weggetragen worden. Er lebt, er ist nicht tot.
Als Johannes sein Evangelium aufschrieb – etwa um die Jahrhundertwende – wussten die Christen sehr genau, was mit dem Wort „glauben“ gemeint war. Da waren die Zeugen, die dem Auferstandenen begegnet waren. Da war Paulus, der von einem Verfolger zu einem Boten geworden war. Da waren die vielen in Israel, die in Jesus den Messias erkannt hatten und ihm folgten. Und da waren „die anderen“ – wir nennen sie oft „Heiden“ – die auf das Zeugnis der Boten hin in Jesus ihren Herrn erkannten. In weiten Teilen des römischen Reiches gab es die Gemeinden derer, die an Jesus glaubten. Man nannte sie „Anhänger des Neuen Weges“ und später auch „Christen“. Egal was sie vorher waren und woher sie kamen, durch Jesus, den Auferstandenen, waren sie zu etwas Neuem geworden. Neues Leben hatte sie ergriffen. Durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist waren sie zu einer neuen Gemeinschaft geworden – zur Kirche.
Auch wir stehen jedes Jahr erneut vor dem leeren Grab und vor der Botschaft von der Auferstehung. In diesem Glauben ist unsere ganze Hoffnung umschlossen, mit dieser Botschaft im Herzen besuchen wir die Gräber unserer Lieben, aus dieser Hoffnung heraus geben wir unserem Leben seinen Sinn und seine Deutung.
Und dennoch ist der Auferstehungsglaube für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2000 in Deutschland informiert darüber, dass der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu und an die Auferstehung der Toten unter den jungen Leuten zwischen 15 und24 kaum noch Akzeptanz findet.
Das Desinteresse am Osterglauben ist nur ein, wenn auch gewichtiges Beispiel für das Debakel des christlichen Glaubens in unserem Land. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist vor allem auf eine völlig auf den unmittelbaren Spaß und auf ständige Neuheitserlebnisse ausgerichtete Gesellschaft zu verweisen, in der andere und ernstere Fragen des Lebens aus dem Bewusstsein der jungen Leute verdrängt werden. Aber auch für viele aus der älteren, inzwischen vom Leben ganz gehörig durchgebeutelten Generation ist die christliche Osterbotschaft so etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Unglaubliches, dass sie Skepsis und Ablehnung auslöst.
Wer wird also uns jenen Stein vom Grab wegwälzen, jenen Stein, der endgültige Verschlossenheit zu besiegeln scheint? Die Gräber, in die wir eingeschlossen sind, es sind gar viele: der eigene, unausweichliche Tod, Krankheit, Angst, gestörte und zerstörte Beziehungen, Depression und Isolation, Misserfolge im Leben. Der Stein, den weder die Frauen noch andere wegwälzen müssen. Eine andere Macht hat ihn schon von der Stelle geräumt: Nur von Gott her können unsere Gräber geöffnet werden! Da ist von der Sonne die Rede, die über dem Grab aufgeht und Licht in die Szenerie des Todes bringt. Da wird der junge Mann genannt, im lichtfarbenen Gewand, von göttlicher Herkunft also, der zur rechten, nach antiker Vorstellung auf der Glück bringenden Seite sitzt – der Bote einer anderen Welt, der Bote des Lebens in einer Gräberwelt des Todes. Dazu kommt die Verheißung des jungen Mannes: „Er geht euch nach Galiläa voraus“ – nach Galiläa, in das Land ihres Alltags, ihres Berufes und ihrer Familie, nach Galiläa, dem Bild auch für unseren Alltag. Da sind die Frauen, die mit Zittern, Entsetzen und Furcht auf die Botschaft des jugendlichen Engels reagieren. In der Sprache der Bibel heißt dies: Sie ahnen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat, wissen aber nicht, wie.
Gott wird nun erfahren als einer, der befreit aus allen Gräbern der Welt, der wieder neues Leben schafft. Niemals lässt Gott den Menschen los, Gott weicht nicht zurück vor Unrecht und Unfrieden in der Welt und schon gar nicht vor dem Tod. Er gibt uns die Hoffnung, durch ein christliches Sterben hindurch in sein vollendetes Leben zu gehen; wir dürfen glauben, dass auch unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes an ihr Ziel gekommen sind. Der Tod zwingt die Liebe nicht in den Sarg, löst sie nicht auf ins Nichts!
Wir können auch aufatmen unter der Zentnerlast unserer Sorgen, unter der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, unter den Weltproblemen, die uns bedrücken. Denn Ostern versichert uns, dass noch ein anderer um uns weiß. Ostern beflügelt uns, die Lasten des Lebens miteinander zu teilen, es weckt die Phantasie in uns, was wir vielleicht doch noch tun und besser tun können. Österliche Menschen erheben ihre Hand im Namen des Auferstandenen, um zu versuchen, was unmöglich erscheint. Sie wälzen die Steine weg, die auf den Herzen der Menschen liegen, die Menschenherzen verschließen wie Gräber. Auf einem Poster von amnesty international ist der Spruch eines Häftlings zu lesen: „An dem Tag, an dem dein Brief kam, blühte eine Rose in meiner Zelle auf“ – ein beredtes Beispiel dafür, was österliche Menschen vermögen.
Zahlreiche Darstellungen zeigen den Auferstandenen mit einer Fahne in der Hand. Fahnen sind heute eher dekorative Elemente von Paraden und Prozessionen. Ursprünglich dienten sie als Richtungs- und Sammlungszeichen für Heerscharen. Inmitten einer andersdenkenden Gesellschaft mag uns der Auferstandene mit der Fahne ein Zeichen sein, uns um ihn zu scharen und weiter der Spur zu folgen, die durch seine Auferweckung von den Toten seit fast 2000 Jahren in unserer Geschichte gelegt ist. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.04.2018

2. Sonntag in der Osterzeit
Joh 20, 19-31
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Wie stehen Sie zum Hl. Thomas? Der Beinamen „ungläubig“, den man ihm zugelegt hat, hat doch wohl den Beigeschmack eines Tadels. Oder ist er Ihnen sympathisch gerade wegen seiner „Ungläubigkeit“? Wir sollten jedenfalls nicht hart mit ihm verfahren, denn er hat Vieles mit uns gemeinsam. Oder sind Sie so sicher in Ihrem Glauben an die Auferstehung? Hat sich in Ihr Denken nicht hin und wieder der Gedanke eingeschlichen: Ist das auch wirklich so geschehen, wie es in der Bibel berichtet wird? Kann ich mich drauf verlassen? Aber wie wir uns als gläubige Menschen kennen, verdrängen wir solche Gedanken immer gleich, gilt doch der Zweifel vielfach als Sünde, was allerdings nicht der Fall ist. Hingegen sind Zweifel immer wieder auch ein Ansporn, sich mit einer Sache näher auseinander zu setzen, wie hier mit dem Ereignis der Auferstehung.
Wie dem auch sei, ob ungläubig, ob Zweifler, Thomas hat jedenfalls den anderen Jüngern nicht geglaubt, als sie ihm sagten: „Wir haben den Herrn gesehen.“
Warum hat ihnen Thomas nicht geglaubt? Warum wollte er handfeste Beweise? Er hatte eigentlich keinen Grund, die Glaubwürdigkeit der anderen zu bezweifeln. Er kannte sie seit vielen Monaten. Er konnte ihnen zwar manches vorhalten: ihren Ehrgeiz, wenn sie darüber stritten, wer von ihnen der Größte sei; ihre Verständnislosigkeit für die Kinder, die zu Jesus gebracht wurden; ihre Feigheit bei der Gefangennahme Jesu. Aber Thomas hatte keinen Grund, sie für Menschen zu halten, die allzu leicht einer Täuschung oder einer Einbildung zum Opfer gefallen wären.
Warum also hat Thomas ihnen nicht geglaubt? Es ist leicht einzusehen: Für ihn hing sehr viel davon ab, ob Jesus wirklich lebte oder ob er tot war. Wenn Jesus tot war, dann hatte Thomas sich mit der Nachfolge Jesu geirrt. Dann musste er jetzt heimlich, still und leise nach Hause zurückkehren und das Leben fortsetzen, das er vor seiner Berufung geführt hatte. Wenn die anderen Apostel aber recht hatten und Jesus wirklich auferstanden war, dann sah sein künftiges Leben ganz anders aus; dann hatte er in die Welt hinauszugehen und die Auferstehung zu verkünden.
Eine solche Lebensentscheidung will wohlbegründet sein! Hatte nicht Jesus selber dazu geraten? „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Aber es erhebt sich noch eine Frage. Warum war er nicht bei den anderen Jüngern. Da hätte er doch selber Jesus sehen können? Vielleicht hat er etwas getan, was wir auch bisweilen tun, wenn wir mit einer Sache nicht zu Rande kommen: er hat sich zurückgezogen, er hat die Gesellschaft seiner Freunde gemieden, er wollte allein sein. Er hat sich isoliert, zurückgezogen in seine eigene Traurigkeit und Ratlosigkeit.
Wie haben Jesus und die anderen Jünger auf die Zweifel des Thomas reagiert? Die Jünger haben ihm seine Zweifel offenbar nicht verübelt. Jedenfalls haben sie ihn daraufhin nicht weggeschickt, sondern ihn weiterhin in ihren Kreis kommen lassen. Die Glaubenden duldeten den Zweifler in ihrer Mitte.
Hatten sie keine Angst, dass er sie mit seinen Zweifeln ansteckte? Anscheinend nicht. Ihr Glaube war fest genug, dass sie seine Zweifel nicht fürchteten.
Und wie reagierte Jesus auf den Zweifel des Thomas? Typisch menschlich wäre es gewesen zu sagen: Thomas war bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen nicht da: sein Pech! Nicht so Jesus. Er geht auf die Bedenken des Thomas ein, lässt seine Hand in seine Seite legen, wie Thomas es gewünscht hatte, gleichsam als Vorbedingung für seinen Glauben. So hätte Jesus nicht gehandelt, wenn er den Wunsch des Thomas als unverschämt empfunden hätte. Und die Worte: „Sei nicht ungläubig sondern gläubig!“ lassen sich auch als Ermutigung statt als Vorwurf verstehen. Und Thomas braucht Mut, um zu gestehen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Gesehen und berührt hatte er Jesus von Nazareth, den er als Mensch kannte und der zuvor am Kreuz gestorben war; geglaubt und bekannt hatte er, was seine Augen nicht sehen und seine Hände nicht begreifen konnten: dass dieser Jesus sein Herr und sein Gott war. Es ist das einzige Mal, dass Jesus in den Evangelien ausdrücklich Gott genannt wird, nicht Sohn Gottes oder Messias, sondern Gott.
Dieses Evangelium ist wichtig für uns alle in unserer eigenen Glaubenssituation. Wir sind immer beides: Glaubende und Zweifelnde. Wir haben nichts Handgreifliches vor uns, nur das Zeugnis derer, die den Auferstandenen gesehen und berührt und mit ihm gesprochen haben. Und der Glaube an den Auferstandenen und an die Auferstehung wird ein Glaube bleiben, so wie die wichtigsten Dinge im menschlichen Leben Dinge des Glaubens und nicht des Begreifens oder des Wissens sind. Und es völlig normal, dass wir auf Grund unserer eigenen Zweifel immer wieder zum Nachdenken und auch zum Beten angeregt werden. Denn der Glaube ist nicht etwas, das wir uns durch gelehrtes Studium erwerben könnten, er ist ein Geschenk von Gott.
Für manche Menschen ist der Glaubenszweifel eine Sünde. Sie trauen sich nicht, eigene Gedanken zu hegen und Fragen zu stellen. Wie auch immer sie das begründen, auf Jesus können sie sich dabei nicht berufen. Vielleicht haben sie es früher im Beichtunterricht so gehört, in der Christenlehre oder in der Predigt, in Zeiten, als vom mündigen Christsein und von der Verantwortung aller für die Weitergabe des Glaubens noch nicht die Rede war. Doch schon der Katechismus von 1955 unterschied zwischen Glaubensschwierigkeiten, die keine Sünde sind, und schuldhaften Glaubenszweifeln. Im Geist des Konzils sagt der Erwachsenenkatechismus von 1985: „Nicht erst heute ist der Glaube fragender, suchender, angefochtener Glaube, der erst unterwegs ist. Die Wirklichkeit, in der wir leben, spricht ja oft genug eine ganz andere Sprache als das Wort Gottes...Nicht zuletzt scheinen die Absurditäten des Lebens, das ungerechte Leiden und das oft grausame Sterben, der Botschaft von der Liebe Gottes Hohn zu sprechen. Der Glaubende soll und darf solchen Fragen nicht ausweichen...“
Unerbittlich stark ist der Hunger nach Leben und die Sehnsucht nach Glück in unserem Leben. Viele Menschen suchen diese Dinge an der Oberfläche, sie jagen Dingen nach, die sie nicht endgültig erfüllen können. Das, was ihr Herz ausfüllen könnte, das verdrängen sie, schieben es beiseite. In dieser Gefahr sind wir auch immer wieder. Niemand von uns kann sich dem Zug der Zeit und ihren Strömungen entziehen. Jesus lässt sich von Thomas berühren, weil er weiß, dass wir Menschen von Zeit zu Zeit eine kleine Sicherheit brauchen, einen kleinen Berührungskontakt mit jenem Glauben, der unser ganzes Leben berührt. Möge Gott, der unsere menschliche Schwäche kennt auch in unserem Leben immer wieder auf uns eingehen und immer wieder ein kleines Licht für uns anzünden, das uns das Glauben leichter und freudiger macht, damit unser eigener Glaube für die anderen Menschen sichtbar wird. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.04.2018

3. Sonntag in der Osterzeit Lk 24,35-48



Das ist schon ein seltsames Phänomen: Da zeigen Umfragen, dass viele Menschen heutzutage - und zwar auch unter Christen – ihre Probleme haben mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung von den Toten. Aber gleichzeitig gibt es eine fast unglaubliche Hochkonjunktur des Okkultismus; man muss sich nur einmal einschlägige Sendungen im Fernsehen anschauen. Offensichtlich ist es leichter, an unsterbliche Seelen zu glauben, die mit unerledigten Aufgaben als Geister in der Welt herumspuken, oder an Wiedergeburt als an das, was eigentlich zum Fundament unseres christlichen Glaubens gehört: die Auferstehung von den Toten.
Offensichtlich aber ist das kein modernes und neues Phänomen. Denn den Jüngern im Evangelium scheint es ganz ähnlich ergangen zu sein. Obwohl sie schon von den Frauen und von den Emmausjüngern gehört haben, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt, glauben sie es nicht einmal, als er selbst plötzlich vor ihnen steht. Eher schön können sie glauben, dass es sich um einen Geist handelt. Insofern ist das heutige Evangelium brandaktuell. Die Jünger sind ja nicht so sehr die typischen Zweifler wie der Thomas, von dem wir am vergangenen Sonntag gehört haben, der nur glauben will, was er mit eigenen Augen gesehen und was er angefasst hat. Sie sind mehr der Prototyp eines Menschen, der eher etwas Okkultes, Geisterhaftes, eine Erscheinung aus dem Jenseits annehmen will als das schlichte reale Faktum: Der, der am Kreuz gestorben ist, lebt. Er ist auferstanden.
Mit dem heutigen Evangelium will uns aber Lukas vor handgreiflich vor Augen führen, dass die Auferstehung etwas grundsätzlich anderes ist als eine Geistererscheinung, eine Halluzination oder die Wiedergeburt einer unsterblichen Seele. Der Auferstandene ist zum anfassen, zum Berühren. Das ist eine klare und unmissverständliche Botschaft: „Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht!“
Wir sprechen manchmal bei Politikern oder Prominenten davon, dass das eine Persönlichkeit „zum Anfassen“ ist. Gemeint ist damit: Der oder die ist bürgernah und offen, kann auf die Menschen zugehen ohne Überheblichkeit und Arroganz, ohne Berührungsängste. Jemand zum Anfassen, das ist jemand, der eben gerade nicht distanziert auf Abstand geht. Und im Grunde will das Evangelium heute dasselbe zum Ausdruck bringen: Der Auferstandene ist eben nicht ein unnahbarer, geheimnisvoll sich entziehender Geist aus dem Jenseits, sondern der leibhaft Auferstandene, den die Jünger anfassen können, mit dem sie Mahl halten können, der auch jetzt, wie vor seinem Tod, im Mahl Gemeinschaft mit ihnen feiert.
Und zugleich wird damit deutlich – und das ist für unser Heil, für das Erlösungswerk von wesentlicher Bedeutung: Auferstehung ist nicht irgendein Spuk, eine Botschaft aus dem Totenreich, eine Halluzination. Nein, Christus ist wahrhaft auferstanden mit seinem geschundenen und verwundeten Leib. Und diesen von den Wunden gezeichneten menschlichen Leib nimmt er mit zum Vater.
In der Kunst der Gotik ist dieses Glaubensgeheimnis gerne dargestellt worden im Motiv des Gnadenstuhls: Der geschundene Leib des Menschensohnes ist dem Vater in den Schoß gelegt. Damit soll zum Ausdruck kommen: Christus legt seinen menschlichen Leib in der Auferstehung nicht ab, wie man die Arbeitskleidung nach getaner Arbeit am Feierabend ablegt. Die Menschwerdung ist vielmehr eine radikale und unwiderrufliche Entscheidung Gottes: Christus bleibt Mensch, auch wenn er als der Auferstandene und Sohn Gottes zum Vater heimkehrt.
Und das ist für uns Menschen ein wahrhaft heilsamer Gedanke. Denn in Christus, dem auferstandenen und heimgegangenen Menschensohn, hat der Mensch, und zwar jeder Mensch, einen Platz am Herzen des Vaters. Und in den Wunden, die der Leib des Auferstandenen trägt, spiegeln sich all die Verwundungen und Verletzungen, die leiblichen wie die seelischen Wunden, all die Gebrechlichkeiten unseres menschlichen Lebens. In Christus hat Gott die leidende, geschundene Kreatur ständig vor Augen.
Das ist die ganze tiefe Osterbotschaft: es ist eben nicht nur ein Teil von uns zur Auferstehung berufen. Es geht nicht bloß um die unsterbliche Seele, um ein bloßes Weitergeistern eines unsterblichen Geistes. Nein, wir sind ganz, mit Leib und Seele, mit allem, was uns als Menschen ausmacht und geprägt hat, eben auch mit unseren Verwundungen und Verletzungen, mit all den Narben unseres menschlichen Lebens, mit allem, was uns zu dem macht, was wir sind, zum Leben berufen. Nichts ist verloren.
Mit dieser österlichen Botschaft leben wir. Tun wir das aber wirklich? Wir müssen doch alle immer wieder zugeben, dass sich in unser Leben immer wieder ein Stückchen Hoffnungslosigkeit einschleicht, ein Schatten des Zweifels und der Resignation. Wir leben oft innerlich aufgespaltet zwischen dem, wie wir sagen, Himmlischen und Weltlichen. Die Einheit und das Miteinander zu finden fällt uns schwer. Schauen sie sich einmal die barocken Gemälde unserer Kirchen an. Da wird ihnen vielleicht etwas auffallen. Diese Bilder sind fast alle zweigeteilt. In der unteren Bildhälfte sehen wir zum Beispiel das Martyrium eines Heiligen, im oberen Bildteil öffnet sich der Himmel, der den Heiligen krönt. Und diese beiden Bildteile bilden eine unzertrennliche Einheit.
Und genau das sollten wir leben. Wir müssen uns die Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben immer wieder bewusst machen. Wir sollten uns darin üben auch in unserem ganz gewöhnlichen alltäglichen Leben Kontakte zu Jesus, dem Auferstandenen herzustellen, indem wir ihn einbinden in unsere Gedanken, in unsere Sorgen und in unsere Freuden. Dadurch öffnen wir uns für das große Geschenk des Glaubens, wir, die wir nicht mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können. Dann gilt für uns das Wort, das Jesus zu Thomas gesprochen hat: „Selig die nicht sehen und doch glauben!“ Amen.
P. Paul MühlbergerSJ

22.04.2018

4. Sonntag in der Osterzeit
Jo 10,11-18
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Entscheidungen sind nicht immer einfach. Manchmal kostet es uns viel Kraft, die richtige zu treffen, manchmal irren wir uns. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was ist gut und richtig? Was ist ausschlaggebend für unsere Entscheidung? Selbst Fehlentscheidungen in kleinen alltäglichen Dingen haben Folgen, wenn auch oft korrigierbare. Wenn es aber um Leitbilder geht, um unsere allgemeinen Lebenswerte, unseren Lebenssinn, dann ist es fatal, in die verkehrte Richtung zu gehen. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was sollen wir den jungen Menschen von heute weitergeben?
Das Johannesevangelium antwortet im Bild des guten Hirten auf die Frage nach der richtigen Führung. Dem guten Hirten darf das Schaf getrost vertrauen. Wehe aber, es fällt einem falschen Führer zum Opfer. In der Gegenüberstellung wird deutlich, was den guten Hirten ausmacht: Der gute Hirte läßt seine Schafe nicht im Stich, ihm liegt das Leben der Schafe am Herzen, er verschafft ihnen Weide und schützt sie wirksam vor Dieben und Wölfen. Dagegen trägt der bezahlte Hirt nicht die volle Verantwortung. Er flieht, wenn es brenzlig wird. Er läßt die Schafe im Stich, um sich selbst zu retten.
Mögen wir eigentlich dieses Bild noch? Ein Schafstall – ein Hirte – eine Herde. Bilder aus einer für uns fremden Welt. Dazu kommt noch bei uns die Vorstellung des Gegängelt-Werdens einer Schafherde, die der Hirtenhund zusammenhalten muß, der sie in die Richtung treibt, die der Hirte vorschreibt. Soll das vielleicht ein Bild sein von der gegenwärtigen Kirche? Dabei bleibt es kein Geheimnis mehr, dass die Herde sich mehr und mehr verläuft und dass selbst die Hirten rarer werden. Und dazu kommt noch, dass sie sich über den Weg nicht im einig zu sein scheinen. Während der religiöse Markt boomt, schrumpfen die christlichen Kirchen mehr und mehr.
Dabei waren die Chancen für Religion nie größer als heute. Die jetzt noch fortschreitende Säkularisierung wird irgendeinmal in die andere Richtung schwenken. Unter den Menschen von heute gibt eine explizite religiöse Suche. Aber durch die momentane Imageschwäche der Kirche treten mehr und mehr fundamentalistische Tendenzen auf und auch esoterische Deutungen unseres Lebens. Alles in allem, langsam glauben die Menschen nicht mehr an ihre volle Erfüllung in einem diesseitigen Leben.
Es wird uns klar, dass sich die Kirche hier vor eine enorme Aufgabe gestellt sieht. Sie soll dem Menschen von Heute in seiner „psychischen Obdachlosigkeit“ in einer neuen Weise Beheimatung bieten. Aber es gibt in der Kirche selbst auch so manche Wölfe im Schafspelz, solche, die von heute auf morgen alles umkrempeln wollen. Und es gibt auch solche, die eine nahezu panische Angst haben vor neuen Wegen. Es gibt solche, die von einer Autorität überhaupt nichts halten und es gibt solche Menschen, die nur nach Anweisungen von oben leben wollen. Da erhebt sich natürlich auch die Frage nach dem Wirken des Hl. Geistes in der Kirche. Man kann ihm über seine Wege keine Vorschriften machen. Er wirkt manchmal von oben her und nicht selten auch von unten. Und jetzt kommen wir schon wieder in Schwierigkeiten. Wie sollen wir erkennen können, wo der Hl. Geist sichtbar wird in der heutigen Zeit. Wo ist seine Stimme herauszuhören unter den vielen Stimmen, die sich in unserer Zeit erheben? Sicherlich ist seine Stimme nicht dort, wo gegen die Liebe gefehlt wird, wohl aber duldet er Auseinandersetzungen. Er ist nicht dort wo Stellung gegen die Kirche bezogen wird und er ist auch nicht dort, wo man sich nach eigenen Gelüsten eigene Lehren zurechtzimmert. Er ist nicht dort wo Spaltungen provoziert werden, sondern dort zu finden, wo man mit der Liebe als Basis, mit der Liebe zur Kirche verständlicherweise, nach neuen Wegen sucht. Erstaunlich ist es immer wieder, wenn wir uns erinnern, dass Heilige Männer und Frauen immer treu zur Kirche stehen wollten, zu der Gemeinschaft, die Jesus gegründet hat, auch wenn diese Kirche in ihren Vertretern nicht immer das beste Bild abgab.
Maßgeblich für unsere Orientierung ist immer noch die Lehre Jesu, seine Botschaft! Und die war seinerzeit revolutionär und explosiv zugleich. So manche der Zuhörer Jesu faßten seine Lehre als eine Zumutung auf. Andere erklärten ihn als verrückt. Aber was ist uns selbst von dieser verändernden Kraft der Lehre Jesu geblieben? Wahr ist, dass Veränderungen mitunter als störend empfunden werden. Und die Forderungen des Christentums sind geeignet unser oft doch ein wenig zu gemütliches Dasein fordernd zu unterbrechen. Diese Hl. Messe, die wir jetzt miteinander feiern beinhaltet den Zündstoff für unser Leben. Was da geschieht ist uns klar: Jesus wird wirklich unter uns gegenwärtig, wird uns zur Speise. Und am Ende der Feier steht die Sendung: Lebe jetzt so, dass der christliche Geist aus deinem Leben heraus spürbar in Erscheinung tritt. Da wird doch allerhand von uns verlangt. Und wir dürfen auch mit den nötigen Impulsen von Gottes Geist her rechnen, mit Impulsen gerade auch für unsere Zeit.
Das Gleichnis vom Guten Hirten und von den Schafen ist keineswegs ein Gleichnis, das uns zum gedankenlosen Hinterher trotten veranlassen möchte. Es sagt vielmehr sehr viel aus über unsere Bindung an den Hirten, das ist Jesus selbst. Er kennt den Weg für unsere Zeit. Von ihm heißt es, dass er uns zu einer guten und reichhaltigen Weide führen möchte, aber das setzt voraus, dass wir uns nicht von ihm trennen. Und dann heißt es: „Sie folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme“. Können wir sie heraushören aus dem Chor der Stimmen, die alles Mögliche verheißen: Wirtschaftswachstum, Genuß und Konsum, einseitige Bindung an das Diesseits. Es ist nicht egal, welcher Stimme wir Gehörs schenken.
Niemand weiß heute Rezepte für eine Neugestaltung auch in unserer Kirche und für unser christliches Leben. Ansätze und Überlegungen sind vorhanden. Es geht nicht um eine respektlose Abstoßung bisheriger Werte, es geht aber auch nicht darum, dass wir auf Dingen sitzen bleiben, während sich die Welt weiterbewegt. Es geht nicht darum, dass wir uns ständig dieser Welt anpassen, deren Maxime bei weitem nicht immer die Unsrigen sind; aber es geht darum, dass wir diese Welt mit dem Geist Jesu erfüllen. Nehmen wir die Mühe auf uns, in dieser Welt christliche Akzente zu setzen, nehmen wir es Ernst, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt zu sein?“ Aus der Kirche austreten ist wohl die geistloseste Variante für einen Menschen, dem es mit der Botschaft Jesu ernst ist; aber in dieser konkreten Kirche, die heute auch eine leidende Kirche ist in all ihrer Menschlichkeit, auf die Führung durch Gottes Geist zu vertrauen, darauf kommt es an.
Mögen der Kirche die nötigen Menschen geschenkt werden, die es verstehen, die Herde im Sinne des guten Hirten zu leiten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

29.04.2018

5. Sonntag in der Osterzeit
1 Joh 3,18-24
Joh 15, 1-8
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Es war während einer Bibelrunde, wo genau dieser Text betrachtet wurde, den wir soeben gehört haben. In diesem Text sollte darauf hingearbeitet werden, die lebensvolle Beziehung eines Christen zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Überraschenderweise aber blieben die meisten Leute an der Drohung mit dem Feuer hängen. Für sie war das Bild vom Verbrennen der dürren Rebzweige stärker als der Impuls des lebenspendenden Weinstocks.
Damit sind wir auf eine Seite des Christenseins gestoßen, die wir in unserer Zeit häufig verdrängen. Was die Höllenprediger in vergangenen Zeiten zu viel des Guten getan haben, ist heute in den Hintergrund getreten. Vielleicht liegt es auch an den Mitteln, mit denen in früheren Zeiten die Möglichkeit des Scheiterns besprochen worden ist. Ich lehne es ab, mit Angstmacherei zu arbeiten. Dafür ist mir die Botschaft vom guten Gott zu schade. Das Feuer des Bildwortes vom Weinstock ist nicht das Höllenfeuer, nicht der Feuersee, in dem die unsterblichen Seelen ewige Qualen leiden. Es ist schlicht das Feldfeuer, in dem nutzlose Abfälle beseitigt werden. In der vorliegenden Schriftstelle geht es sicherlich nicht um die Spekulation mit Bildern von Brandwunden und sadistischen Quälereien mit dem Feuer. Es stellt anschaulich die Möglichkeit der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit vor Augen, die einen jeden Menschen überfallen kann, wenn er Bilanz seines Lebens zieht.
Ich frage mich immer öfter, ob uns Christen die Dringlichkeit und die Notwendigkeit des Fruchtbringens hinreichend bewußt ist. An den Früchten, die wir bringen, wird unser Leben einmal bemessen werden. Dabei stehen auch wir unter einem gewissen Erfolgsdruck. Die Forderung Frucht zu bringen gilt aber nicht nur dem einzelnen im Sinne von „Rette deine Seele“, dem früheren Leitgedanken der Volksmissionen, sie gilt der Kirche als ganzer und auch jeder einzelnen Gemeinde.
Es wäre einseitig und zu kurz gegriffen, wollten wir das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, von der Aufforderung in inniger Verbindung mit Christus zu bleiben, einfach individuell persönlich zu verstehen im Sinne: Siehe zu, dass du mit Jesus Christus in Kontakt bleibst, dass deine mystische Gemeinschaft mit ihm nicht verkümmert oder verloren geht. Dies ist nur eine Dimension dieser Jesusrede. Die meines Erachtens noch wichtigere wird erst sichtbar, wenn wir uns den Bezug zum Alten Testament vergegenwärtigen. Das Bild vom Weinstock ist nicht neu. Die Propheten vergleichen Israel mit einem Weinberg oder Weinstock. Gott ist der Winzer. Sein Volk bringt nicht die erwarteten Früchte.
Wenn nun Christus von sich sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“, so erhebt er damit den Anspruch, dass er der Wurzelstock eines neuen Gottesvolkes ist. Die Jünger, die mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, bringen die ersehnten Früchte. Er und seine Jünger sind der neue Weinstock Gottes. Gott ist der Winzer. Er pflegt seinen Weinstock, reinigt ihn, schneidet ab, was dürr und nutzlos ist.
Es geht hier wirklich einmal darum, dass wir uns ernstlich fragen, wie unsere Verbindung mit Jesus beschaffen ist. Es fällt ja immerhin auf, dass in unserem Text das Wort „bleiben“ nicht weniger als neunmal verwendet wird. Wenn Jesus dieses Wort so betont, will er sicher etwas unterstreichen. Zunächst verwendet er das Wort in einem Beispiel. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie am Weinstock bleibt. Ohne diese Verbindung würde die Rebe verdorren und absterben. Dann überträgt Jesus das Bild auf die Verbindung seiner Freunde zu ihm selber. Auch die Anhänger Jesu können nur Frucht bringen, wenn sie den Zusammenhalt mit ihrem Meister nicht verlieren.
Jesus beschreibt diese Verbindung noch genauer. Er sagt, dass es seine Worte sind, die in seinen Jüngern bleiben sollen. Ein Wort, das man hört, kann sein wie ein Windhauch. Es wird gesprochen und verweht, ohne dass es Eingang findet in den Hörer. Ein Wort kann sein wie ein Hammerschlag, der einen bleibenden Eindruck schafft, ein Wort kann sein wie ein Wunder, welches das Leben eines Menschen nachhaltig verändert. Ein Wort kann ein Vermächtnis sein, das in einem Menschen weiterlebt und wirkt. Wenn das, was er gesprochen hat, in seinen Jüngern fortbesteht, lebt und wirkt er selber in ihnen.
Man liebt heute in vielerlei Angeboten das englische Wort „light“, was „leicht“ bedeutet. Das Wort hört man auch manchesmal in einem religiösen Zusammenhang. Im Klartext heißt das: es besteht der Trend zu einer christlichen Bequemlichkeit. Wir lieben die Harmonie. Gott ist gut, sagen wir. Beim Lied vom „Strengen Richter aller Sünder“ singen wir nicht mehr mit. Beichten waren wir schon lange nicht mehr. Wir glauben nicht mehr, dass man alle Gebote so ernst nehmen müssen, auch nicht die Vorschriften der Kirche. Im „Zustand der Todsünde leben“ – nicht einmal den Begriff kennen wir noch. Dass man vor der Ehe schon jahrelang zusammenlebt und dass das nicht in Ordnung ist, können wir uns nicht mehr vorstellen. Gott hat wohl andere Sorgen. Statt Droh-Botschaft: Froh-Botschaft. In der Bibel überschlagen wir die unangenehmen Stellen oder interpretieren sie nach unserem Geschmack. Glaube light! Heißt die Parole. In der Gemeinde gehen wir lieb miteinander um. Nur keine Konflikte. Alles möglichst harmonisch. In der Gestaltung des Gottesdienstes suchen wir krampfhaft nach immer neuen Gags und nach Action, um die Einschaltquoten zu verbessern.
Wer gibt schon zu, dass es bei alldem langweilig geworden ist in der Kirche. Was saftig ist und vital, was spannend ist und starke Gefühle auslöst, was kreativ ist und kritisch, das ist bei uns nicht gefragt. Stattdessen gibt es eine Inflation von Wörtern, von Worthülsen und frommen Phrasen. Und viel bedrucktes Papier. Und das Schlimmste daran: Das alles ist folgenlos. Folgenlos deshalb, weil das Wesentliche nicht mehr betrachtet wird. Es geht in unserer Messfeier z.B. nicht um einen Unterhaltungseffekt, es geht nicht um eine Show oder wie man jetzt sagt um einen Event. Man kann ja leider auch mit unklug gewählten Gestaltungsbeigaben die Sache selbst verwässern.
Doch genug damit. Ich habe wieder einmal das Gefühl, ich habe den falschen Leuten gepredigt. Diejenigen, denen ich das sagen wollte, sind leider nicht hier, sind abwesend, nicht nur in dieser Kirche, sondern überhaupt in den Kirchen. Die denen ich das sagen wollte sitzen schon längst in ihrem Auto und fahren ins Grüne oder schlafen sich einmal aus. Die, denen ich das sagen wollte, würden sich vielleicht die Ohren zuhalten, weil sie die Dinge gar nicht hören wollen. Die, denen ich das sagen wollte, wollen keine Rebe sein und kümmern sich auch nicht um den Weinstock und ans Früchte bringen denken sie nicht. Sie machen es sich leicht, denn die Höllenbilder von Breughel und Bosch sind für sie nur Kunst und religiöse Phantasie und Dante „Göttliche Komödie“ erfüllt sie nicht mehr mit Schaudern.
Wenn ich etwas über mich sagen soll? Ich habe keine Angst vor Gott und ich habe auch keine Angst vor dem Teufel, weil ich in der Freundschaft mit Gott lebe. Aber ich habe immer ein wenig Angst vor mir selbst, weil ich zurückblickend sagen kann, dass mein Fruchtbringen nicht so gewaltig war. Oder war es das doch – bei jedem von uns? Haben wir nicht doch in unserem Leben gute Früchte gebracht und es ist uns verborgen. Welchen Einfluß hatte unser Gebet in unserer Welt und bei unseren Mitmenschen? Wie viele unsere Opfer, Mühen und Nöte haben Segen gebracht für die Menschen? Sehen sie, wenn ich daran denken, dann schwindet die Angst dahin- die Angst vor mir selbst – denn ich weiß: mein bescheidener Kontakt mit dem Weinstock hat in mir doch bewirkt, dass ich Früchte hervorbrachte. Es war nichts in meinem Leben umsonst und nichts sinnlos, weil mein Leben immer in Zusammenhang mit dem Erlöser gewesen ist.
Man soll und kann heute nicht mehr einem Menschen mit einer Höllenpredigt Angst machen. Aber es ist gut, wenn wir uns Menschen immer wieder erinnern an unsere Verantwortung, denn auch der Satz gehört zur Frohen Botschaft, wo es heißt: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“
Mit welchem Recht könnten wir gerade diesen Satz aus dem Evangelium ausstreichen? Amen.



Du mein Gott,
von Dir sich entfernen heißt fallen,
zu Dir zurückkehren heißt sich erheben,
in Dir bleiben heißt auf sicheren Grund bauen.

Weggehen von Dir heißt sterben,
zurückkehren zu Dir heißt auferstehen,
wohnen in Dir heißt leben.

Keiner verliert Dich, ohne getäuscht zu sein,
keiner sucht Dich, ohne gerufen zu sein,
keiner findet Dich, ohne gereinigt zu sein.

Dich verlassen heißt verlorengehen,
Dich suchen heißt Dich lieben,
Dich sehen heißt Dich besitzen.

Der Glaube drängt uns zu Dir,
die Hoffnung führt uns hin zu Dir,
die Liebe vereinigt uns mit Dir. Amen.

Augustinus



P. Paul Mühlberger SJ

06.05.2018

6. Sonntag in der Osterzeit
Joh 15, 9-17
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Wir hören heute, kurz vor Christi Himmelfahrt, ein Evangelium aus den Abschiedsreden Jesu. Seine Worte haben – wie jedes letzte Vermächtnis – ein besonderes Gewicht; sie betreffen die Zukunft der Jünger. Dabei fällt der durchwegs positive Tenor der Worte Jesu auf. Für „Abschiedsreden“ ist das nicht selbstverständlich. Man stelle sich ein besorgte, liebende Mutter vor, die sich von ihrem Sohn verabschiedet: wie sie alle möglichen Gefahren an die Wand malt und davor warnt und welche Mahnungen sie ihrem Sohn mit auf den Weg gibt! Anders Jesus; schauen wir einmal auf einige zentrale Aussagen.
Zunächst sichert Jesus seinen Jüngern seine Liebe zu. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich auch euch geliebt.“ Diese Aussage müssten wir uns einmal auf der Zunge zergehen lassen. Dann würden so mancher Pessimismus und manche Hoffnungslosigkeit schwinden. Und in dieser Liebe sollen wir bleiben. Ist das eigentlich so schwer? Ja und nein. Denn in der Liebe Gottes bleiben bedeutet nicht ein still halten und abwarten. Wir müssen nur einmal darauf achten, wie sich die Liebe Gottes in Jesus gezeigt hat. Wenn wir den Einsatz Jesu für die Botschaft seines Vaters beachten, dann können wir uns nicht mehr bequem zurücklehnen, dann sind auch wir zum Handeln aufgerufen. Und worin besteht unsere Tätigkeit? „Wenn ihr meine Gebote haltet, werden ihr in meiner Liebe bleiben". Und nun können wir sie alle einmal durchgehen, jene 10 Gebote, die Moses im Auftrag Gottes am Sinai den Israeliten gegeben hat, jene grundlegenden 10 Punkte, die menschliches Leben in seiner ganzen Fülle garantieren, unser Verhalten gegenüber Gott, den Menschen und den Dingen.
Es wäre zu kurz gesehen und sogar ein Missverständnis immer nur das „du sollst“ und „du sollst nicht“ zu sehen, so wie es ein Autofahrer tun würde, der sich über die Leitplanken ärgert, die seine Straße begrenzen. Die Gebote sind keineswegs Einengungen, sie stellen vielmehr eine Aufgabe dar. Und wenn seinerzeit die Israeliten aus den 10 Geboten 365 Vorschriften gemacht haben, so erhebt sich die Frage: steckt hinter dem Flechtwerk menschlicher Auslegungen auch wirklich noch die Liebe. Um die geht es ja schlussendlich. Sagt doch der Kirchenlehrer Augustinus: „Liebe und dann tue, was tue willst.“ Dieser Satz klingt zunächst gefährlich, meint aber schließlich genau das, was Jesus gemeint hat.
Im Rahmen der 10 Gebote, im Rahmen der Liebe sollen wir nun tätig werden, Frucht bringen, wie es im Evangelium heißt. Tätig werden in unserer Welt, unter den Menschen und somit auch vor Gott, indem wir seinen Plan mit seiner Schöpfung mehr und mehr Gestalt werden lassen.
Die Welt braucht uns. Ihre Schreie sind nicht zu überhören. Die Zeichen der Zeit, vermögen wir sie noch zu deuten? Können wir sie überhaupt noch lesen? Wir leben in einem Klimawechsel. Scheinbar braut sich was zusammen. Stehen die Zeichen auf Sturm? Lange Zeit haben wir gedacht: es geht alles so weiter. Die Sonne scheint, die Wirtschaft läuft, der Rubel rollte und auch der Euro. Und auf einmal müssen wir feststellen: die Nadeln rieseln, die Blätter fallen und das nicht nur im Herbst. Wir stehen im Regen, im sauren Regen. Just in dem Moment, wo wir denken die Bäume wachsen in den Himmel, beginnen sie zu sterben.
Die Armut und Not vieler Menschen schreit zu Himmel; aber scheinbar haben viele Menschen keine Antenne mehr für diese Signale. Sie schreit zum Himmel; aber sie verödet vor dem Fernseher. Die Armut wächst und zugleich der Luxus. Die Starken werden stärker und die Schwachen schwächer. Das treibt unsere Gesellschaft auseinander. Und die Politiker lähmen sich gegenseitig.
Dann das große Schlagwort von heute: „Entertainment“, Unterhaltung. Talk-Shows am laufenden Band. Die Unterhaltungsindustrie läuft auf Hochtouren. So flach wie möglich, ja nicht in die Tiefe gehen. Die Vermüllung belastet nicht nur unsere Umwelt, sondern auch Hirne und Herzen. Neil Postman hat den Satz geschrieben: „Wir amüsieren uns zu Tote.“ Es ist chic, Positionen zu vertreten, wie jemand Staubsauger oder Spülmaschinen vertritt, ohne dass das Herz dabei eine Rolle spielt, geschweige denn das Leben. Wir verlernen jene Entschiedenheit, mit der man eben nur so und nicht auch anders denkt und handelt. Was ist noch heilig? Fast alles ist käuflich!
Sie könnten jetzt einwenden: Was soll das alles in einer Predigt? Aber gerade diese aufgezählten Punkte sind die Herausforderungen, denen wir uns als Christen stellen müssen. Man hört manchmal den Vorwurf: Die Kirche ist zu politisch, sie soll sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Und doch geht es uns was an. Die Schöpfung geht uns an, die Menschen gehen uns an, so wahr es uns um Gott geht. Wir können doch nicht einfach nur unser frommes Schäfchen ins Trockene bringen wollen und dabei tatenlos mit ansehen, wie unsere Gesellschaft immer weiter auseinandertreibt und wie das Christentum für viele Menschen zur Staffage wird und die christlichen Kirchen zu Museen.
Offensichtlich verliert ja der Glaube zusehends an Boden. Viele stellen das genüsslich fest und denken: Jetzt sprießen in dem entstehenden Vakuum Aufklärung und Humanität nur so aus dem Boden. Weit gefehlt! Desorientierung und Aberglaube breiten sich aus. Und an die Stelle des Glaubens an den menschenfreundlichen Gott ist längst die gnadenlose „Religion des Marktes“ getreten. In ihrem Bann bringen wir uns bei, dass die Ellenbogen wichtiger sind als das Herz. Längst ist die Seele an den Markt verkauft, und wir wundern uns, dass das soziale Klima frostig geworden ist und viele frieren und erfrieren. Geld zählt mehr als Glaubensüberzeugung, als Aufrichtigkeit; und da wundern wir uns über Korruption und Gewalttätigkeit – schon bei Kindern und Jugendlichen: Wir werden uns noch viel mehr wundern. Wir können Gesetze schaffen und härter anwenden, soviel wir wollen: Es wird sich wenig ändern, wenn die notwendigen Voraussetzungen in unseren Köpfen und Herzen ausbleiben. Die Krise in Umwelt und Gesellschaft ist eine Krise des Menschen. Er hat leider vielfach vergessen, wer Herr der Schöpfung ist.
Haben wir, haben sie und ich, in dieser Situation überhaupt noch Chancen? Sicherlich. Aber nicht wir allein und auch nicht aus unserer eigenen Kraft. Aber es sollte uns deutlich werden, welche verändernden Kräfte in uns stecken, wenn Gott hinter uns steht. Jesu Lehre hat immerhin die Welt verändert, wenn auch nicht immer verbessert. Jesus hat vielmehr den Keim, den Samen zur Weltveränderung in unsere Hände gelegt. Haben wir vielleicht schon zu lange aufs Eis gelegt, konserviert? Oder haben wir ihn auf den falschen Acker gesät oder warten wir bis ein anderer für uns die Initiative ergreift. Der Geist Christi um den wir in diesen Tagen immer wieder beten, ist nicht von gestern, er ist heute wirksam. Wo der Geist Jesu lebendig ist, da herrscht ein anderes Klima, da ist man wach füreinander. Da haben Fremde Platz an unseren Tischen. Da kommen all die in den Blick, die sonst hinten herunterfallen. Wo der Geist Jesu herrscht, da dürfen Gebeugte sich wiederaufrichten und aufatmen, da finden Schuldige Vergebung. Wo der Geist Christi herrscht, da wird die Welt nicht schöngeredet, da wächst Zivilcourage zum klaren Wort gegen das Verdrängen des sozialen Unrechts, gegen Politikverdrossenheit und kulturelle Belanglosigkeit.
Wir müssen uns nicht verstecken. Wir dürfen uns gar nicht verstecken. Wir können uns sehen lassen. Wir können in aller Öffentlichkeit bekunden, wes Geistes Kinder wir sind. Wir sollten Schluss machen mit jeder Art von Selbstmitleid und sollten unsere Kräfte nicht internen Reiberein vergeuden. Wir sollen, um mit den Worten des Paulus zu sprechen, den „Geist nicht auslöschen“.
Ja, da müsste doch Freude aufkommen, dass Gott in uns so große Stücke setzt, da müsste doch Freude aufkommen, auch angesichts der nicht immer erfreulichen Entwicklung in unserer Welt. Und die Freude ist berechtigt, den Hoffnungslosigkeit und Missmut und Resignation sind nie Zeichen eines echten christlichen Geistes gewesen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

10.05.2018

Christi Himmelfahrt
Mk 16, 15-20
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Christi Himmelfahrt ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Kein Wunder, ist doch der Himmelfahrtsbericht in der Apostelgeschichte selber eine Art Gemälde. Das typische Himmelfahrtsbild hat drei Teile, besser gesagt drei Ebenen. Oben wird das Ziel der Himmelfahrt gezeigt, der Himmel. Er wird durch Wolken angedeutet, sie sind nach der Heiligen Schrift das Zeichen der Gegenwart Gottes. Oft schweben in den Wolken Engel, und Gott Vater erwartet seinen auffahrenden Sohn. Die Bildmitte zeigt immer Jesus Christus, wie er aufwärts schwebt. Unten auf der Erde, Christus nachblickend, stehen die Apostel, bei ihnen die zwei Männer in weißen Gewändern, wie die Apostelgeschichte erzählt.
Auch wenn dieses Bild als Glaubensaussage, nicht als Bildreportage zu verstehen ist, eignet es sich gut für eine Betrachtung.
Stellen sie sich im Geist einmal die Hauptperson, den auffahrenden Christus vor: Wie sieht er aus? Vor allem: Was hat er in den Händen?
Ich habe einmal ein Reklamebild gesehen, ich weiß nicht mehr, wofür es geworben hat; es zeigte einen Mann, der durch die Luft segelt, nur einen Koffer in der Hand - eine lustige Darstellung! Gar nicht lustig, vielmehr bedrückend sind Bilder, die Menschen auf der Flucht zeigen; wir kennen sie aus den Jahren nach dem Krieg, wir kennen sie aus den Fernsehberichten über Zentralafrika. Menschen schleppen ihre letzten Habseligkeiten in einem Koffer mit sich oder ziehen sie auf einem Leiterwägelchen hinter sich her.
Was trägt Jesus mit sich, was nimmt er von dieser Erde mit zu seinem Vater im Himmel? Jesu Hände sind leer. Allenfalls hat ihm der Maler eine Fahne in die Hand gegeben, die der Betrachter unschwer als Symbol für seinen Sieg über den Tod zu deuten weiß.
Als Jesus diese Welt verläßt und zum Vater geht, da sind seine Hände leer. Aber nicht ganz leer. Noch immer sind in ihnen die Male der Nägel, die der Apostel Thomas berühren durfte. Jesus hat von allem, was er hier auf Erden sein Eigen nannte, nichts in die Ewigkeit mitgenommen außer seinen Wundmalen. Sie sind Zeichen seiner großen Liebe zu uns, „durch seine Wunden sind wir geheilt“.
Auch wir sind zu dieser Herrlichkeit gerufen, in die Christus uns vorausgegangen ist. So heißt es im heutigen Tagesgebet. Und auch für uns gilt: Von all dem, was wir hier auf Erden unser Eigen nennen, werden wir nichts in die Ewigkeit mitnehmen. All die Dinge, für die wir schuften und Geld ausgeben, werden wir einmal den lachenden Erben hinterlassen, fragt sich nur, ob sie darüber lachen oder eher den Kopf schütteln werden.
Nur das, was wir aus Liebe getan haben, werden wir in die Ewigkeit mitnehmen. Welch eine befreiende Botschaft, die Christi Himmelfahrt an uns richtet! Sie nimmt von uns den Druck, noch mehr leisten zu müssen, noch mehr haben zu wollen. Sie schenkt uns eine innere Gelassenheit und Heiterkeit des Herzens. Christus, in den Himmel auffahrend, mit leeren Händen, nur mit den Malen der Liebe gezeichnet: Dieses Bild lohnt in den Alltag mitgenommen zu werden.
Ich denke aber heute auch an den Satz von Bert Brecht, der einmal gesagt hat: „Über der Welt sind die Wolken; sie gehören zur Welt. Über den Wolken ist nichts.“ Mit diesem Wort wollte er betonen, dass es keine andere Welt gibt. Wenn die Menschen nach dem Tod nicht weiterleben können, dann sollen sie sich nicht auf das Jenseits vertrösten lassen. Diese Welt ist unser Auftrag; sie ist das Größte, was wir haben.
Tatsächlich hat auch Jesus unmittelbar vor seiner Himmelfahrt seine Apostel auf die Welt verwiesen: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet der gesamten Schöpfung das Evangelium!“ Jesus hat keineswegs die Welt einfach übersprungen; er hat sie als Aufgabe gestellt. Die Jünger gerieten allerdings in ein äußerst schwieriges Dilemma: Auf der einen Seite standen sie vor dem riesigen Auftrag, der ganzen Welt die Botschaft Gottes zu bringen; auf der anderen Seite mußten sie erfahren, dass derjenige vor ihren Augen emporgehoben wurde, der ihr Garant und ihre Stütze war. Wie konnten sie nun diesen Auftrag erfüllen?
Auf diese Not der Apostel reagiert der Evangelist mit der Feststellung: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Dieses letzte Wort des Markusevangeliums hat sicher großes Gewicht.
Als Jesus auf der Erde mit seinen Jüngern zusammenlebte, stand er ihnen in allen Fragen und Problemen bei. Er hat mit ihnen gesprochen, sie beraten, ermutigt, getröstet. Das war an diesem oder jenem Ort in Israel. Sein Wirken aber war immer örtlich begrenzt. Wenn er jetzt weggeht, hat das zur Folge, dass er von nun an überall in der Welt bei seinen Jüngern sein kann. So hat der Evangelist die Feststellung „der Herr stand ihnen bei“ für die Zukunft gesprochen - bis in unsere Tage. Dieses wichtige Wort hat Bedeutung für die ganze Kirche in allen Zeiten und an jedem Ort der Welt. Eine neue Form der Gegenwart wurde möglich, weil Christus in den Himmel aufgenommen wurde.
Der Evangelist schreibt: „Der Herr bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Viele Menschen sind für ihn in den Dienst gegangen; sie haben sein Wort verkündet, sein Denken und Wirken von Generation zu Generation weitergetragen. Zunächst beschreibt Jesus die Zeichen aus dem Verständnis seiner Zeit: Sie werden Dämonen austreiben, in anderen Sprachen reden, Schlangen können ihnen nichts antun, und tödliches Gift kann ihnen nicht schaden. Sie werden Kranken die Hände auflegen und sie gesundmachen. Aber wie ist das heute? Wo erleben wir solche Zeichen in unserer Umgebung?
Dämonenaustreibungen und Krankenheilungen haben heute ein anderes Gesicht. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Als der italienische Ministerpräsident Moro von den Roten Brigaden entführt und 1973 ermordet wurde, hat noch im gleichen Jahr seine Tochter die Mörder ihres Vaters im Gefängnis besucht. Sie wollte diesen Männern in ihrem Namen und im Namen ihrer Familie vergeben. Als persönliche Motive, den Mördern zu verzeihen, führte die Tochter von Moro an: „Erstens bin ich Christin, und für Christen stellt Verzeihung eine Notwendigkeit, nicht nur ein Gebot dar. Zweitens, an meiner Stelle wäre mein Vater ebenso hingegangen, um das zu tun, was man ein Werk der Barmherzigkeit nennt. Und drittens war mein Weg zu den Mördern meines Vaters auch ein tiefes persönliches Erlebnis für mich“.
Durch einen solchen Akt der Verzeihung werden Dämonen der Gewalt und der Rache ausgetrieben. Hier wird in einer anderen Sprache geredet, die die Welt nicht spricht und vielleicht nicht einmal versteht. Hier werden Schlangen der Bosheit angefaßt und ihr Gift unschädlich gemacht. Hier werden Menschen, die geistig, seelisch, politisch, menschlich krank sind, wieder geheilt. Das Versprechen Jesu an seine Apostel, das so unverständlich und unrealistisch klingt, ist in höchstem Maße aktuell und realisierbar.
Wer so sein christliches Leben versteht, hat sich nicht von dieser Welt abgewandt, sondern ihr ein menschliches Gesicht gegeben. Die Welt bleibt uns immer aufgegeben; aber sie ist nicht das Letzte. Das Fest von der Himmelfahrt Christi weist über unser irdisches Leben hinaus. Einer ist uns vorausgegangen und hat uns die Wohnung bereitet, die uns einmal aufnehmen soll. Und wenn wir Gott gefunden haben, dann werden wir seltsamer Weise auch die Erde wiederfinden, da Gott nichts so einfach verschwinden läßt, was er in Liebe geschaffen hat und wovon er selbst gesagt hat, es sei gut. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

20.05.2018

Pfingsten
Jo 20, 19-23
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Unsere Kirche feiert verschiedene Fest, welche zum Herzen dringen, darunter drei sogenannte Hochfeste; aber während Weihnachten durch den Hl. Nikolaus, Maria Empfängnis und die Adventszeit, Ostern dagegen durch Aschermittwoch, Fastenzeit und Karwoche entsprechend angekündigt, vorbereitet, und gewissermaßen eingeläutet werden, ist Pfingsten ohne jeden klerikalen Countdown ganz plötzlich einfach da, und wenn man nicht genug aufpaßt erfährt man vom Pfingstfest nur die traurige Bilanz der Verkehrsunfälle auf unseren Straßen.
Während Weihnachten und Ostern die ganz großen Ereignisse eines Menschenlebens, Geburt und Tod behandeln, spielt Jesus Christus in Pfingsten gar nicht persönlich mit, es fehlt sozusagen der Hauptdarsteller und der Normalverbraucher weiß oft gar nicht, worum es bei diesem Fest so richtig geht.
Es gibt zu diesem Fest auch keine typischen Geschenke wie zu Weihnachten und zu Ostern. Es gibt nur das Geschenk des Geistes. Aber was sollen wir damit anfangen. Und so könnte man in Abwandlung zu Goethes Dichtung „Reineke Fuchs“ sagen: „Pfingsten, das schwierigste Fest war gekommen“.
Was fangen wir also mit dem Pfingstfest an? Zunächst müssen wir feststellen das Jesus das Kommen des Hl. Geistes als ein großes Geschenk an uns Menschen verstanden hat. In der Hl. Schrift wird der Geist Gottes unter zwei Bildern dargestellt: unter dem Bild des Sturmes und dem Bild des Feuers. Die Schilderung der Bibel will nicht eine Bildreportage sein, sondern will uns nur auf die wesentlichen Geschenke Gottes hinweisen, die wir durch den Hl. Geist erfahren. Wir wissen, was Wind oder Sturm ist. Ihn selbst sehen wir allerdings nicht, wir spüren nur seine Auswirkungen, wie er die Zweige der Bäume bewegt, wie wir uns gegen ihn anstemmen müssen um voranzukommen. Und auch das Feuer ist für uns ein deutliches Bild. Durch einen kleinen Funken entsteht es und es brennt, solange es etwas Brennbares gibt. Es spendet Licht und Wärme. Und wir erfahren aus dem Neuen Testament, dass die Apostel durch die Sendung des Hl. Geistes umgewandelt, verändert wurden.
Man könnte erklärend zum Pfingstfest auch sagen: Gott teilt von seiner Lebensfülle mit. Wie Wasser die Wüste zum Leben bringt, so wirkt Gottes Geist in der „Wüste“ menschlicher Not. Und so geht die Rede vom Heiligen Geist jeden an, der bewußt als Christ leben will. Die Sakramente der Taufe und der Firmung sind mit einer besonderen Geistgabe verbunden. Wie kann sie wirksam werden? Wie wird ein Mensch empfänglich für den Geist Gottes? Wie wird ein Mensch so, dass ein guter Geist, der Geist Gottes auch von ihm ausgeht?
Gottes Geist hat eine innere Dynamik in sich; wer von ihm erfaßt wird, kann nicht unbeweglich-starr bleiben, sondern wird in Bewegung gesetzt. Bewegung aber bedeutet Wachstum, Entwicklung, Veränderung - auch Korrektur, Loslassen von Altgewohntem. Oft gehört Mut dazu, seine Meinung zu korrigieren. Andererseits kann Veränderung auch Flucht vor sich selbst und vor der eigenen Überzeugung sein. Dann braucht es mehr Mut, beim Bisherigen zu bleiben als sich zu verändern. Gottes Geist wird in der Begegnung erfahren. Beziehung zum unsichtbaren Gott ist schwer; meist gelingt sie nur in der Begegnung mit dem sichtbaren Menschen. Jemand kann sich dem Geist Gottes öffnen, indem er auf den anderen zugeht - das kann ein Fremder oder ein Freund sein, daheim oder auf dem Arbeitsplatz oder sonstwo.
Zum Geist gehört Leidenschaft, aber nicht Fanatismus und Schwärmerei. Typisch für den Fanatismus ist Besessenheit von einer Idee, die jede andere Auffassung ablehnt. Schwärmerei lebt oft nur von Gefühlen, die so schnell wieder vergehen können wie sie gekommen sind. Der Geist Gottes in uns ist es auch, der uns verantwortlich macht für andere. Je mehr ein Mensch von der Nähe Gottes betroffen wird, umso mehr ist er auch befähigt, anderen von dem, was er selbst erfahren hat, mitzuteilen. Vom Geist Gottes heißt es auch, dass er das Angesicht der Erde erneuern will. Und das fängt beim einzelnen Menschen an. Dazu braucht es Bereitschaft, Offenheit und Tun. Aber das Eigentliche ist Geschenk Gottes. Die Begegnung mit Gottes Geist verwandelt und erlöst. Meist geschieht solche Erneuerung nicht in einem Augenblick, auch nicht allein bei der Firmung, sondern ein Leben lang Deshalb ist ein „geisterfülltes“ Leben spannend und voll von Überraschungen, aber auch mühsam.
Wie man sieht könnte uns das Pfingstfest auf allerhand wichtige Dinge in unserem religiösen leben aufmerksam machen. Gott hat uns nicht nur seinen Sohn geschenkt, damit er eine Zeitlang auf unserer Erde gegenwärtig war. Diese Gegenwart sollte fortdauern und zwar durch uns. Wenn sie meine Predigten regelmäßig gehört haben, wird ihnen aufgefallen sein, daß ich immer wieder darauf hingewiesen haben wie wichtig es ist, dass wir im Sinne Jesu unser Leben leben, sondern daß wir gleichsam ein zweiter Christus werden, dass die Gegenwart Gottes in dieser Welt auch durch uns hindurch sichtbar und spürbar wird.
Es hat einmal jemand gesagt, es sei einigermaßen gefährlich, um den Heiligen Geist zu bitten. Es könnte ja immerhin sein, dass er unser Beten und Bitten wörtlich nimmt und beginnt, uns zu verändern. Davor erschrecken wir ja immer wieder, denn im Grund unseres Herzen wollen wir keine Veränderungen, solange alles nach der alten Art und Weise doch irgendwie funktioniert. Dass der Geist Gottes manchmal spontane Wege geht, hat sich im Leben des Papstes Johannes XXIII. gezeigt. Er war selbst völlig überrascht, als ihm kaum drei Monate nach seiner Wahl zum Papst der Gedanke kam, ein Konzil für die ganze Kirche einzuberufen. Am 25. 1. 1959 teilte er seinen Plan der Weltöffentlichkeit mit. Die Reaktion war höchst unterschiedlich. Diejenigen, die vor jeder Erneuerung Angst hatten, fürchteten, es könnte sich in der Kirche etwas ändern. Es sei doch alles richtig in der Kirche, meinten sie. Andere jedoch sahen darin ein Zeichen der Hoffnung, weil sie erwarteten, dass sich endlich einiges ändern werde. Der Papst selbst sagte, dass ihm die Idee zum Konzil vom Geist Gottes geschenkt worden sei. Als ein Kardinal ihn fragte, was das Konzil solle, öffnete der Papst die Fenster und erwiderte Nur: „Frische Luft“.
Tatsächlich hat das 2. Vatikanische Konzil die Kirche verändert wie kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert. Sie nahm Abschied von vielen veralteten Vorstellungen und beschloß, neue Wege zu gehen. Die Beziehungen zu den anderen Religionen wurden verbessert. Das Verhältnis zu den Juden wurde auf eine neue Basis gestellt. Die Gewissensfreiheit wurde proklamiert. Die Liturgie wurde erneuert und die Feier der Eucharistie in der Landessprache erlaubt. In den Kulturen der Dritten Welt begann das Christentum nach dem Konzil heimisch zu werden. Dort teilen die Christen seither die Zeit so ein: vor dem Konzil - nach dem Konzil. Johannes XXIII. hat den Abschluß des Konzils nicht mehr erlebt. Er starb Pfingsten 1963, also am Tag des Heiligen Geistes. Die Beschlüsse des von ihm einberufenen Konzils sind für die Erneuerung der Kirche bis heute wirksam.
Ob Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes weiterhin ein Fest bleiben wird mit dem wir uns schwertun, mit dem wir nicht viel anfangen können, das hängt auch von uns ab. Es ist ein Fest der Herausforderung und gleichzeitig ein Fest der Zuversicht, den die Kraft des Geistes Gottes ist nicht zu unterschätzen. Der gleiche Geist, der am Anfang der Schöpfung über den Wassern schwebte und das Weltall gestaltete, der gleiche Geist, der dem Menschen eingehaucht wurde und ihn so über das bloß Materielle hinaushob, der gleiche Geist ist auch uns geschenkt und möchte in uns wirksam werden, möchte uns erneuern und das Angesicht der Erde. Unsere Bereitschaft für diesen Geist ist die notwendige Voraussetzung für sein Wirksamwerden in uns. Es ist zu hoffen, dass das auch den vielen Firmlingen dieser Tage bewußt ist. Pfingsten, kein Fest, mit dem wir nichts anfangen können, Pfingsten auch kein Fest der Menschen, die sich in riesigen Autokolonnen in den Süden begeben, Pfingsten aber ein Fest für alle die, denen das Schicksal der Welt und der Menschen in ihr nicht gleichgültig ist und die den Mut haben, Gott für die Gestaltung seiner und unserer Welt ihre Mitarbeit anzubieten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

27.05.2018

Dreifaltigkeitssonntag
Mt 28, 16-20
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Wer ist Gott? Diese Frage haben wir uns sicherlich schon oft gestellt. Und auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten. Keine ist erschöpfend. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird an einen Punkt kommen, wo er sagen muss: Gott ist mehr. Mehr, als ich denken kann, mehr, als andere mir sagen können, mehr als wir alle verstehen können.
Dieses „Mehr“ Gottes feiern wir heute als das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Der eine Gott ist der dreifaltige Gott. Vielleicht werden sie mir jetzt sagen: Das verstehe ich noch weniger. Dieses heilig-dunkle Zahlenspiel mit göttlichen Personen, Naturen und Wesenheiten, verpackt in hochtheologische Sätze ist mir fremd. Ja, es ist nicht nur fremd, es verunsichert mich sogar. Was hat dieser Gott meinem konkreten Leben zu tun? Mit der Last meines Alltags, der Not unserer Welt, der Sehnsucht nach Heilung und Heil? Die Dreifaltigkeit ist davon so weit entfernt wie der Himmel von der Erde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wären wir Christen arm dran. Nicht nur, dass wir uns bei jedem Kreuzzeichen stillschweigend selbst verleugnen müssten. Schlimmer. Wir stünden da als armselige Jünger, die sich an einen Gott hängen, der so kompliziert geworden ist, dass er uns in keiner Weise mehr zugänglich ist.
Vielleicht ist es ja der Begriff selbst, der uns zurückschrecken lässt: Dreifaltigkeit. Als könne man Gott auf eine Formel bringen, ihn sauber aufnotieren auf Rechenpapier und die griffige Formel dann anwenden, wenn man sie braucht. Das Dumme ist nur, dass wir sie schon längst nicht mehr brauchen. Wir haben ja uns eigene Götter geschaffen. Manchmal scheint es so, als hätten wir die Rede von der Dreifaltigkeit in den Giftschrank der Theologie gesperrt und machten einen großen Bogen darum.
Es wäre ein großes Missverständnis der Theologie, würde sie meinen, sie könne Gott in ihre Begriffe einfangen. Gott ist letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen und alle unsere menschlichen Worte sind zu schwach, um etwas über ihn auszusagen.
Nun, wenn wir in das Neue Testament hineinschauen, dann merken wir, dass der Begriff „Dreifaltigkeit“ dort nicht vorkommt. Es sind nur wenige Stellen, die Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug nennen. Und doch rechnet das Neue Testament an jeder Stelle mit der lebendigen Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Sie wird in Jesus selbst gegenwärtig. Immer wieder spricht er vom Vater, aus dem er ist, und vom Geist, den er senden wird.
Das Neue Testament kennt auch keine Formelhaftigkeit. Es sind Menschen, die die Dogmen machen. Ist das falsch? Sicher werden Dogmen in einer sich wandelnden Zeit, in der sich auch die Verständnishorizonte der Wirklichkeit ändern, schwierig, sogar unverständlich, erklärungsbedürftig. Aber wo immer es Menschen gibt, brauchen sie etwas, an das sie sich halten können. Menschen brauchen den Kodex einer gemeinsamen Erinnerung, auch Sätze über Gott, auf die sie immer wieder verlässlich zurückgreifen können. Das entbindet sie aber nicht, auch das Verstehen immer wieder neu zu suchen.
Die Frage nach der Dreifaltigkeit ist für mich die Frage: Was weiß ich von Gott? Es ist nicht viel und doch wieder eine ganze Menge.
Ich erfahre mich als Geschöpf, das sich nicht selber gemacht, sondern sein Leben empfangen hat. In einer Welt, die, so belastet sie ist, doch wunderbar bleibt, grandios, herrlich. Eine Welt, die sich nicht selbst ins Dasein gebracht hat, sondern in der ich die Spuren Gottes erkenne, die mich ehrfürchtig staunen lassen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Ich erlebe mich als Mensch in einer Geschichte von Menschen. Auch in einer Glaubensgeschichte, in der Israel einen besonderen Platz einnimmt. Es ist eine Geschichte, in der Menschen erfahren haben, dass der Schöpfer kein anonymes Etwas ist, sondern ein Du, ein Ich-bin-da. Und es gehört auch zu den großen Erfahrungswerten Israels, dass der Schöpfer es nicht beim Schaffen belässt, sondern mitgeht, eingreift, nahe ist, sich seiner Welt zuwendet. Das weiß ich ahnend von Gott.
Und ich erfahre mich als Christ in einer Gemeinschaft von Christen, die erfahren haben, weitererzählen und bezeugen, dass Gott noch weiter geht, dass er den Menschen sein Gesicht gezeigt hat, nicht fern, sondern hautnah. In Jesus, der als Mensch unter Menschen Gott ganz und gar gegenwärtig macht. Wer ihn sieht, der sieht den Vater im Himmel Und es geht noch weiter: dieser Gott holt uns aus der Sterblichkeit dieser Welt heraus so wie er Jesus aus dem Tod herausgeholt hat und wir werden einmal dort sein wo Gott ist und werden sein Leben mit ihm teilen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Manchmal frage ich mich, wie ich das wissen kann. Ich spüre, dass mein Wissen und Verstehen damit längst überschritten sind, dass ich selber überschritten bin. Jesus hat das den Geist genannt. In einer Weise, die deutlich macht: Hier ist nicht irgendeine Energie am Werk, eine Kraft, die sich kanalisiert und bei Nichtgefallen abstellen lässt, sondern ein Du. Ein Du, das in mir zu mir spricht und mich manchesmal begeisternd überfällt.
Gott hat den Menschen bis heute nicht geoffenbart, wer er ist, sondern was er tut. Er hat nicht sein Wesen den Menschen kundgetan, sondern sein Handeln. Gott ist nicht ein Gott „an und für sich“, sondern ein Gott „für die Menschen“. Darin liegt die frohe Botschaft von dem einen Gott in drei Personen: Gott ist in seiner Liebe zu den Menschen unerschöpflich. Er sucht immer neue Wege und begnügt sich nicht mit einer Einbahnstraße ewigen Einerleis für seine Offenbarung. Kein Winkel menschlicher Geschichte, kein Ort dieser Welt, keine Zeit sind von der Möglichkeit ausgenommen, Gott zu erfahren.
Ein Prisma aus feingeschliffenem Glas halte ich in meiner Hand. Sonnenstrahlen fallen darauf und werden in vielfältiger Weise gebrochen. Sie zeichnen farbige Streifen auf das Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Ein kleiner Käfer kriecht darüber. Durch die verschiedenen Brechungen des Lichts ist er bald in blaue, bald in rote Farbe getaucht. Und doch ist er immer nur von dem einen Licht beschienen, wird er immer nur aus der einen Quelle erleuchtet.
Diese kleine Begebenheit lässt etwas erahnen von dem Geheimnis des einen Gottes in drei Personen, zu dem wir uns als Christen bekennen. Da wandern wir über unsere Welt und erfahren ganz unterschiedliche Weisen der Gottesoffenbarung. Wie der Käfer sind wir bald in dieses, bald in jenes Licht des göttlichen Wirkens getaucht. Und wie der Käfer könnten wir vielleicht annehmen, dass es verschiedene Lichtquellen sind, die uns abwechselnd beleuchten, je nach dem Standpunkt, den wir gerade einnehmen.
„Gott ist Licht, und keine Finsternis ist ihn ihm“, so lesen wir im ersten Johannesbrief. In seinem Licht lässt er uns das Licht schauen. Er leuchtet uns auf als Vater, wenn wir seine Schöpfermacht, seine liebende Führung oder seine vergebende Güte erfahren. Wir erkennen ihn als Sohn, wenn er uns nahe ist, wie Jesus, unser Bruder, uns nahe ist. Wir erfahren ihn als heiligen Geist, wenn wir uns von seinem belebenden und vorwärtstreibendem Atem berührt fühlen. Und dennoch: es ist immer ein und dasselbe Licht, das uns aufscheint, aber gebrochen in drei Personen.
Bruchstückhaft ist unser Wissen über Gott, eine simple menschliche Annäherung an sein Wesen. Und doch finde ich ihn ihr den dreifaltigen Gott mitten in meinem Leben. Und das ist das Konkreteste, was es gibt. Amen.



P. Paul Mühlberger SJ

31.05.2018

Fronleichnam
Mk 14,12-16.22-26
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Wenn wir heute Fronleichnam feiern und in besonderer Weise dabei die Eucharistie verehren, tun wir zunächst nichts anderes als eine uralte Erinnerung wachhalten. Denn vielleicht gibt es in der religiösen Menschheitsgeschichte nichts Umwerfenderes und Unwahrscheinlicheres als den Glauben und die Zuversicht des religiösen Teils der Menschheit, dass Gott im Leben der Menschen anwesend ist; dass er menschliches Leben begleitet, erlöst und vollendet. Schon am Anfang der Welt, so heißt es im Schöpfungsbericht, war Gott anwesend und ordnete alles. Er hat den ersten Menschen Leben und Dasein gegeben und ihn als sein Ebenbild geschaffen, als Krone der Schöpfung und der Evolution. Das Alte Testament lebt seinen Glauben aus dem Bewußtsein, dass Gott einen Bund mit den Menschen geschlossen hat und dass es darauf ankommt, diesen Bund zu leben und zu bezeugen - in Zeiten der Freude wie auch der Prüfung und des Leidens.
Die Freundschaft mit Gott bedeutet nicht Exklusivität. Allen Menschen sollte die Botschaft zuteilwerden, dass sie nicht allein gelassen sind in den Nöten und Beschwerden des Alltags. Damit eine solche Botschaft überhaupt verstanden werden kann, hat Gott selbst die Voraussetzungen dafür geschaffen. Er hat sozusagen in der ganzen Schöpfung Spuren hinterlassen; er hat alle Lebewesen mit Hoffnungen und Sehnsüchten ausgestattet, die sie immer wieder drängen und treiben, nach Gott und nach dem letzten Sinn aller menschlichen Wege zu fragen. Sehr schön hat dies Paulus zum Ausdruck gebracht. Er spricht davon, dass die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen, sehnsüchtig auf die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes wartet. Dass sie in Geburtswehen liegt und in der Hoffnung lebt, von jeder Sklaverei und Verlorenheit befreit zu werden. So scheint jede Unruhe und Angst darauf angelegt, wie ein Motor menschlichen Lebens von innen her zu treiben, bis es seine Ruhe und Erfüllung gefunden hat in Gott, dem Ursprung und Ziel aller Dinge.
Wie sehr wir Menschen nach handgreiflichen Dingen auch in unserem Glauben verlangen, das weiß Gott und darum hat er uns ein Sakrament hinterlassen, dass alles menschliche Begreifen übersteigt, das aber gerade, weil es ein Geheimnis des Glaubens ist, die tiefste Liebe Gottes offenbart. Wir sagen heute Dank dafür, dass der Herr nicht nur in der Erinnerung, nicht nur in den Worten des Evangeliums, sondern auch in einem Zeichen bei uns bleiben wollte, das man mit den Sinnen wahrnehmen kann. Nach seinem Auftrag nehmen wir heute Brot und Wein, sprechen das Dankgebet darüber und empfangen beides als Leib und Blut Christi wieder. Aber heute am Fronleichnamstag begehen viele Christen dieses Sakrament nicht nur wie an einem Sonntag oder an einem Feiertag. Sie gehen stattdessen hinaus, feiern irgendwo in der Gemeinde unter freiem Himmel Eucharistie, und dann ziehen sie - das Zeichen des Heiligen Brotes in ihrer Mitte - über die geschmückten Straßen und Plätze zum Gotteshaus. Vier Altäre gibt es, von denen aus die Gegenwart des Herrn und mit ihr der Segen Gottes gleichsam über die vier Himmelsrichtungen, also über die ganze Erde, ausgebreitet wird.
Diese Geste - die Prozession, das festlichen In-die-Welt-Hineingehen mit Christus, der alles umfassende Segen -, all das ist nicht bloß fromme Zutat. Es versinnbildet vielmehr etwas von der Innenseite dessen, was wir Sonntag für Sonntag tun. Mehr noch als heute war früher geläufig, dass die Heilige Messe ihren Mittel- und Höhepunkt nicht in der Predigt und auch nicht in der Hl. Kommunion hat, sondern: in der Wandlung. Wir bringen unser Brot und unseren Wein zum Altar. Und war sagen mit Recht, es seien dies die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Eine zahlreiche Wandlung, die das Korn und die Traube durchmacht, ehe es Brot und Wein gibt. Aber unsere Wandlungskette ist schließlich erschöpft. Das letzte Wort der Wandlung spricht Christus der Herr selbst, indem er das von uns Dargebotene nimmt und es in seine Gegenwart wandelt. Aber eines ist wichtig, dass wir es wahrnehmen. Die Voraussetzung dazu wird von uns her erwartet. Ohne unser Brot und ohne unseren Wein geschieht keine Verwandlung durch Christus. Das ist überhaupt ein Geheimnis des göttlichen Wirkens, dass unsere menschlichen Voraussetzungen notwendig sind. Bei jedem Wunder der Heilung heißt es doch: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen“ und bei der Hochzeit zu Kana füllen die Diener die Krüge mit Weine und sie füllen sie randvoll. Das betont Johannes eigens, um damit zu sagen: Was wir tun können, auch wenn es nur darin besteht, Wasser in Krüge zu leeren, das sollen wir mit großer Vollkommenheit tun, um die Vorbedingung zu schaffen für das, was nur Gott tun kann.
In dieser heiligen Wandlung ergreift Gott ein kleines Stück der Welt und wird darin gegenwärtig. Und wenn wir Jesus in der heiligen Kommunion empfangen, übrigens der tiefste Kontakt, den wir mit Gott haben können, dann kann das nicht etwas sein, was wir nur für uns behalten, sondern muß der Welt, in der wir leben weitergegeben werden. Es heißt im lateinischen Text der Messe am Schluß: Ite missa est - und das wurde übersetzt: Geht die Messe ist nun zu Ende. Und das Volk antwortete: Deo gratias - Gott sei Dank. Das ist leicht mißverständlich. Es heißt aber: Geht, nun seid ihr gesendet, nun nehmt eure Aufgabe in der Welt war. Wenn Christus in euch lebt, dann muß von euch auch etwas von diesem Christus ausstrahlen, dann müßt ihr in gegenwärtig setzen in der Welt, in der ihr lebt, auf dem Platz, wo sich euer Leben abspielt, dann muß Jesus Christus durch euch wieder neu gegenwärtig werden mitten unter uns, mitten in dieser Welt.
Das ist eine Aufgabe, die uns herausfordert. So verstanden wird die Eucharistiefeier ein neues Leben bekommen. Man kann sie nicht mehr absitzen wie eine lästige Pflicht und sich darüber aufregen, dass die Predigt nicht gut war und die Lieder alt und abgesungen. Wir haben erkannt, worauf es ankommt in dieser heiligen Feier!“
Fronleichnam wagt einen großen Blick nach vorne, in die Zukunft. Das Fest zeigt unserer Welt, dass sie Gott noch nicht verlassen hat, dass sie Zukunft hat. Und das müssen wir ihr immer wieder sagen.
Bert Brecht sagte einmal zu einem Freund über ein Mädchen, das beide kannten: „Sie war nicht schön. Aber sie hätte es werden können, wenn es ihr jemand gesagt hätte.“ Etwas Ähnliches tun wir heute: Wir sagen unserer Welt, in der wir leben, was sie sein wird, damit sie zu werden beginnt, was sie in Wahrheit ist.
Gegen diesen Blick nach vorn gibt es auch Widerstand. Er kann zäh sein. Die Sprache unseres Glaubens nennt ihn „Sünde“. „Sünde“ kommt von „, sondern“, absondern. Sünde ist der Versuche, Gott auszuschließen aus einer Frage, einer Entscheidung des Lebens, auszuschließen aus der Weise, wie Menschen miteinander und auch mit der Erde umgehen. Das Eigenartige dabei: Nirgends, wo der Mensch versucht, Gott auszuschalten - nirgends wehrt sich Gott dagegen. Er drängt und zwingt sich nicht auf. Der Mensch erhält seinen Willen - und mit ihm die Konsequenzen daraus.
Es wird Zeiten im Leben eines jeden Menschen geben, da ihm scheinen möchte, dass die ganze Welt nur noch gottverlassen ist, weil nichts mehr zusammenpaßt und zusammengeht in ihr für ihn. Das heutige Fest widerspricht dieser Versuchung zur Resignation. Es stachelt zu aufständischer Hoffnung an. Mit Fronleichnam bekennen wir unsere Hoffnung, dass Gott, dass die Wandlung über alle Hindernisse und Zerrissenheiten hinweg doch stärker sein wird. Auch in jedem von uns. Jedesmal, wenn wir gläubig Eucharistie feiern, geht unsere Verwandlung ein Stück weiter. Gott sei Dank. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

03.06.2018

9. So im Jahreskreis
Mk 2,23-3,6
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Im 13. Jahrhundert vor Christus gelangen die Israeliten unter die Knechtschaft Ägyptens. Zuvor waren sie als freie Hirten mit ihren Familien wegen Hungers in dieses Land gezogen. Doch gewissermaßen unter der Hand macht man sie dort zu Sklaven. Schwerste Arbeit müssen sie dort verrichten. Sie bauen Pyramiden und Paläste, werden von ihren Fronvögten angetrieben und geschlagen. Sie führen ein bitteres Leben in Unfreiheit. Die Israeliten schreien nach einem Befreier. Freiheit steht ihnen über alles. Und Gott sendet ihnen Moses. Obwohl er im Hauses des Pharaos aufgewachsen ist schlägt in ihm ein hebräisches Herz. Und Moses führt das Volk in die Freiheit. Gleichwohl wird es ein weiter Weg durch die Wüste mit Hunger und Durst und allen möglichen Entbehrungen.
Und dann kommt das bedeutende Ereignis auf dem Sinai. Durch das Wort des Moses erfährt das Volk das neue Gesetz. Und in diesem Gesetz steht das Gebot der Sabbatruhe. Ganz schlicht und einfach steht es da: „Gedenke, dass du den Sabbat heiligst“.
Warum dieses Gebot? Hat Gott etwas davon, dass er uns dieses Gebot gibt? Nein, sicherlich nicht. Die Gebote Gottes sind für den Menschen da, der Sabbat ist für den Menschen da. Das drückt Jesus selbst einmal sehr deutlich aus, wenn er sagt: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Und immer und immer wieder erfahren wir durch das Evangelium wie sich Jesus gegen jede kleinliche und schließlich gegen den Menschen gerichtete Sabbatheiligung auflehnt und zuwiderhandelt. Auch im heutigen Evangelium wird uns über so ein Geschehen berichtet.
Von Jesus wird berichtet, dass er voll Zorn und Trauer war, als er diesem Mann begegnete und all diejenigen sah, die um ihn herumstanden und keinen Blick hatten für die tiefe, innere Not dieses Menschen, sondern nur auf das eine bedacht waren: dass ja um alles in der Welt die geltenden Normen und Gesetze äußerlich genau eingehalten werden. „Steh auf und stell dich in die Mitte“ sagt Jesus zu dem kranken Menschen. Stell dich in die Mitte und nicht an den Rand. Jetzt bist du wichtig für mich, nicht der Buchstabe des Gesetzes. Und auch das, was verdorrt und abgestorben ist in dir, soll wieder zu neuem Leben kommen. Streck deine Hand aus: das Leben ist bei weitem reicher und vielfältiger, als du es bisher wahrhaben durftest.
Darüber hinaus lesen wir in unserem Text, dass das ganze Ansinnen der Pharisäer auf Bosheit hin ausgelegt war. Es ging ihnen letztlich darum, einen Anklagegrund gegen Jesus zu finden. Der Mann mit der verdorrten Hand war ihnen völlig einerlei.
Ohne Fragen an uns darf diese Stelle des heutigen Evangeliums nicht so ohne weiteres bleiben. Viele Menschen nehmen es mit dem Sabbat beziehungsweise mit dem Sonntag ohnehin sehr locker. Sie übersehen, dass es sich keineswegs nur um einen Ruhetag handelt, der ein wenig Muße gibt, sich mit seinen Hobbys zu beschäftigen oder eine Wanderung zu machen. Auch der bloße Besuch und die Mitfeier eines Gottesdienstes würden dem Gebot noch nicht Genüge tun. Wir müssen insoweit besinnlich und nachdenklich werden, dass wir merken wie viel in unserem Leben verdorrt und vielleicht schon abgestorben ist, wie viel in unserem Leben nicht mehr funktionstüchtig ist. Wir müssen darauf kommen, inwieweit wir selber bereits zu Außenseitern im Christentum geworden sind, zu passiven Zuschauern, denen die Befolgung einiger Gesetze zur Legitimation für ein christliches Leben gilt.
Wir müssen dahinterkommen, dass in uns und auch in unseren Mitmenschen Lebensmöglichkeiten stecken, die noch nicht zum Leben erweckt sind, die verdorrt sind und abgestorben. Es müßte uns der Sonntag wieder zum Bewußtsein bringen, dass wir uns nicht mit der mitunter traurigen Bilanz unseres christlichen Lebens zufriedengeben dürften. Paulus meint in der Lesung, wir tragen alle einen Schatz. Und das ist eine Tatsache. Das Angebot Gottes an uns ist gewaltig, Gottes Heiliger Geist ist zu großen Taten fähig auch mit uns, vorausgesetzt unsere Bereitschaft ist vorhanden. Paulus fährt sehr realistisch fort: diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen. Jeder von uns weiß wie zerbrechlich sie sind. Und er erzählt von seiner eigenen Begrenztheit und von der Erfahrung seiner eigenen Schwäche. Und was er da aufzählt, das passt auch auf jeden von uns: wir sind in die Enge getrieben, wir wissen weder aus noch ein, wir werden gehetzt und werden niedergestreckt. Aber dann kommt gleich das Positive: Gott schafft uns Raum, wir brauchen nicht zu verzweifeln, wir sind nicht verlassen, wir werden nicht vernichtet. Und als Kernsatz, uns zum Trost, sagt er: Das Übermaß der Kraft kommt nicht von uns, sondern von Gott!
Und somit sind wir nicht unterzukriegen, wenn uns auch die Not der Zeit und die eigene Not bedrängt. Denn Gott kann das Verdorrte und das Niedergedrückte in uns zu einem neuen Leben erwecken.
Da ging durch eine Oase ein finsterer Mann, Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rand der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Mann in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter. Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum. Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu freuen, den er verdorben. Er suchte vergebens. Da senkte die stolze Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Ben Sadok, ich muß dir danken, deine Last hat mich stark gemacht.“
Das ist das Geheimnis: dass das Leben, das wir oft genug als Last empfinden, dass all das Sinnlose, dem wir so oft aus dem Weg gehen möchten, wenn wir es könnten, dass das alles von Gott her einen Sinn bekommt, so wie das Licht und der Schatten einem Bild erst die nötigen Konturen geben.
Möge Gott das verdorrte und leblose in uns erwecken zu einem neuen Leben, das Früchte bringt. Vielleicht kann uns gerade unser Sonntag dazu verhelfen, dass wir erahnen, wie sich die vielen Ereignisse unseres Lebens, die angenehmen und auch die leidvollen wie die Teilchen eines Puzzlespieles zusammen setzen zu einem sinnvollen und schönen Ganzen - durch die Gnade des Herrn. Amen.

P. P.M.

10.06.2018

10. So im Jahreskreis
Mk 3, 20-35
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Haben wir wohl recht gehört? Da gibt es in der Familie Jesu eine heftige Auseinandersetzung. Jesus predigt vor vielen Menschen und plötzlich stehen seine Verwandten vor der Tür und wollen ihn zurückholen. Und um die ganze Spannung zu erhöhen, erklären sie Jesus für verrückt, er sei von Sin-nen. Seine Verwandtschaft ahnte sehr wohl auf welch gefährlichen Pflaster sich Jesus bewegte. Seine Lehre eckte an, weil er sich in einigen wichtigen Punkten von der starren Haltung der Gesetzeslehrer entfernte: er gab sich mit Sündern ab, seine Interpretation des Sabbatgebotes erregte Ärgernis. Gegen die Starrheit seiner Gegner halfen auch die Wunder nicht, die er wirkte. Uns selbst befremdet auch die Einstellung gegenüber seiner Mutter. Er erklärt fremde Leute zu Mutter und Brüdern.
Unter seinen Zuhörern befanden sich auch Schriftgelehrte, die von Je-rusalem gekommen waren, von denen einer in die Menge hineinrief: „Er ist von Beelzebul besessen, mit Hilfe der Anführer der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Das hat ja gerade noch gefehlt, dass man Jesus in eine Linie mit dem „Herr der Fliegen“, wie die Übersetzung heißt, mit dem Bösen selbst in Verbindung bringt. Dämonenaustreibungen haben die Menschen, die um Jesus herumwaren immer wieder erlebt. Er trieb böse Geister aus, die die Menschen besetzthielten, die von den Menschen Beitz ergriffen hatten. Die Dämonen werden durch Jesus in die Flucht geschlagen, ihrer Herrschaft beraubt.
Wir müssen uns auch darüber klarwerden, wer diese Dämonen ei-gentlich sind. Mit Namen kennen wir sie nicht, aber wir haben schon mitbe-kommen, was sie anrichten- ganz im Verborgenen. Sie lieben es, sich einzu-nisten, ohne sich zu verraten. Dass sie da sind. Gekonnt verwischen sie ihre Spuren. Und sie geben sich ganz natürlich.
Natürlich scheint es zu sein, Hass mit Hass zu beantworten, Schläge mit Schlägen, Beleidigungen mit Beleidigungen, Kriege mit Kriegen, Brutali-tät mit Brutalität. Die Reaktion ist also vorprogrammiert, der Teufelskreis-lauf auch. Alles erklärt sich von ganz alleine. Und alles scheint vernünftig. Wenn sie die Auseinandersetzungen kriegführender Gruppen anschauen, so hat jede Partei ihre Waffen gesegnet, jede meint im Recht zu sein. Und so sind die Menschen in ihren eigenen Ansichten gefangen, von bösen Geistern, von Dämonen beherrscht.
In unserer modernen Welt breitet sich diese Art von Besessenheit mit hoher Geschwindigkeit aus. Wir sind besessen von den Möglichkeiten der modernen Technik. Nicht dass diese Technik schlecht wäre, ganz im Gegen-teil; aber wir verlieren die Kontrolle über sie, wir werden von ihr beherrscht. Wir können das Smartphone nicht mehr aus der Hand legen, es muss alles funktionieren, wir haben nicht mehr die Kraft über den Knopf, die Maschine einfach auszumachen.
Und das alles gibt sich natürlich. Die Dämonen tarnen sich. Sie tarnen sich so gut, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Sie lieben es als entmytholo-gisiert zu gelten. Nur. Sie sind da. Böse Geister, die Menschen gefangen nehmen, sich ihres Lebens bemächtigen, sich in den Gehirnen festsetzen uns die letzte Freiheit rauben.
Unsere Vorfahren glaubten, dass nur der Teufel die Macht hat, die vielen Geister unter die Knute zu bekommen. Jesus zeigt, dass nur er die Macht über die bösen Geister besitzt, dass mit der Austreibung der Dämo-nen das Reich Gottes anbricht. Aber anstatt sich darauf einzulassen, ver-dächtigen sie ihn lieber, mit dem Teufel im Bund zu sein. Die Angehörigen Jesu wissen – zu unsrem Entsetzen – auch keinen besseren Rat als den, Jesus für verrückt zu halten. Ist es so verwunderlich, so verwerflich. so fraglich, dass Jesus die Dämonen austreibt? Wir sehen es jetzt ganz deutlich: Wäh-rend die Dämonen nach wie vor als normal gelten, muss Jesus wohl verrückt sein. Dieses Evangelium ist ein Paradebeispiel dafür, wie die >Welt aus den Fugen geraten muss, wenn die Dämonen ausgetrieben werden. Den Vor-wurf verrückt zu sein, hat Jesus in eine Liebeserklärung verwandelt – in eine Liebeserklärung der Menschen, die frei geworden sind, die wieder leben können, die – endlich – anderen erzählen können, was mit ihnen geschehen ist.
Bevor wir an das Ende dieser abenteuerlichen Geschichte kommen, sehen wir vor dem Haus: Maria, die Brüder, Anverwandte nennen wir sie, Familie. Von ihnen erzählt der Evangelist, dass sie Jesus herausrufen wollen. Nur: Jesus kommt nicht heraus. Wir bekommen mit wie Jesus seine Familie neu definiert: alle, die den Willen Gottes tun, sind für ihn Bruder – und Schwester – und Mutter. Was nicht direkt ausgesprochen, aber gemeint ist: Ich, wir sollen zu dieser Familie gehören.
Langsam geht uns auf, warum Markus diese Geschichte so erzählt: Gott will, dass die bösen Geister vertrieben werden – um sein Reich aufzu-richten. Jesus wird dafür in den Tod gehen. Ob seine Familie ihn schützen will? Ob alle wissen, wohin der Weg geht, den Jesus einschlägt? Ob seine Mutter Angst um ihn hat? Am Ende sehen wir sie unter dem Kreuz stehen. Heraus lässt sich Jesus nicht rufen. Er bleibt an seinem Ort, auf seinem Weg, in seiner Berufung. Wir hören ihn sagen – von Anfang an: Kehrt um – das Reich Gottes ist nahe. Die ersten, die das zu spüren bekommen, sind die bö-sen Geister – die zweiten: Jesu Familie.
Wenn es darum geht, die Geister, die die Welt beherrschen, auszutrei-ben, wird es ohne Streit, auch ohne Missverständnisse nicht abgehen. Dass sogar die engste Familie Jesu keinen anderen Rat weiß, als ihn für verrückt zu erklären, mag befremden, fromme Ohren stören, aber: wir sollen dank-bar sein, dass Markus das erzählt. Jetzt weiss ich wo ich dran bin. Ich weiß auch, was ich zu tun habe – als Bruder, als Schwester Jesu. Amen.

P.M.

17.06.2018

11. Sonntag im Jahreskreis
2 Kor 5,6-10
Mt 4, 26-34
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Wir treffen immer wieder auf liebe Zeitgenossen, die wissen alles ganz genau. Die wissen ganz genau, wie man Kirche machen muß, damit sie erfolgreich ist. Die haben genau die Patentlösung für Moral und Ethik in der Tasche. Die wissen besser als der liebe Gott, wo das Heil der Menschheit liegt. Ihre unerschütterliche Rechthaberei und ihre fundamentalistische Selbstbehauptung wischen jeden Zweifel vom Tisch. Manche Kreise gefallen sich in dieser vorgeschützten Selbstsicherheit. Auf manche Gemüter wirken sie anziehend, weil da doch alles so furchtbar klar und erklärt ist, weil da alle Wolken des Diskutablen verflogen sind, weil man da Gott und seinen Willen so deutlich hat und meint, ihn verwalten zu können.
Paulus sieht die Dinge schon etwas anders in der heutigen Lesung. Er tastet sich wesentlich vorsichtiger vor. Er geht viel behutsamer mit dem Absoluten um. Seine Sicht des Glaubens läßt uns aufhorchen und kritisch werden. Sein Ansatz mag für viele von uns heute sympathisch und hilfreich sein. Hier seine Thesen:
Fern vom Herrn. Gegen allzu erhitzte Gemüter, die sich beim lieben Gott schon ganz gemütlich eingerichtet haben und bei ihm ganz familiär ein- und ausgehen, erinnert Paulus bescheiden an die Tatsache, dass wir Menschen allesamt auf dieser Erde, auch als getaufte Christen, zunächst noch „fern vom Herrn sind“. Das ist die Ausgangslage für Paulus.
Gewiß, nach Paulus hat Gott der Herr uns erschaffen, ins Leben berufen, er begleitet uns in Gnade und Huld, aber respektiert auch unsere Freiheit. Gott wird alle vor seinen Richterstuhl stellen und die Gerechten ins Leben der Auferstehung führen. Und dennoch läßt Gott sein Geschöpf Mensch trotz aller Führung seinen Lebensweg und Geschichtsweg gehen. Daher kann Paulus sagen, dass der so nahe Gott doch auch unser ferner Gott ist, den nie jemand gesehen hat, dessen Willen wir nicht so direkt kennen, der uns nicht gängelt und an der Leine führt, der uns nicht entmündigt oder gar manipuliert. Gott bleibt bewußt und gezielt in Distanz zur Menschheit. Trotz Erhören unseres Betens und Bittens bleibt Gott immer der ganz jenseitige, unbegreifliche, unsichtbare, transzendente, der sich zwar in Christus offenbart, aber sein bleibendes Geheimnis dadurch nicht zerstört hat.
In der Fremde. Daher wandern wir trotz allem unserem Katechismuswissen, unserer Theologie und Frömmigkeit, trotz erhebender Gotteserfahrung in Kult, Liturgie und Gemeinde letztlich wie Flüchtlinge, Fremde, Heimatsuchende durch die Welt. Niemand weiß genau, wo die Leitplanken unserer Straße zum Heil, die biblischen Heilswege verlaufen. Selbst Lehramt und Bischöfe und Papst suchen tastend und stolpernd, von immer neuen Fragen und Problemen gefordert, den Weg in die Zukunft von Welt und Kirche. Alle spüren dabei, dass das hier, so wie diese Welt aussieht und sich täglich darbietet, nicht das Letzte sein kann, dass unser eigentliches Zuhause, unsere endgültige Heimat hier nicht sein kann.
Schätzen wir mit Paulus unsere Lage aber so ein, dass wir im Grunde hier noch in der Fremde leben, dann dürfen wir uns hier nicht auf ewig einrichten und festbeißen, so als ob wir hier das Paradies auf Erden einrichten könnten. Eine seltsame Weltdistanz und eine auffallende Relativierung der irdischen Verhältnisse sprechen aus diesem wichtigen Bildwort vom Leben in der Fremde, das ja eine große Nachgeschichte und Wirkung in der Bewegung der Mönche, Einsiedler, Orden und Klöster unserer Kirche bekommen hat. Natürlich lebt auch die Kirche als Einrichtung auf dieser Erde in dieser Situation der Fremde; sie ist nicht so perfekt und unantastbar, wie manche sich das vorstellen und wünschen; Kirche ist auch ein Teil unserer Fremde hier.
Glaubend unterwegs, nicht schauend. Wenn wir daher bei uns selbst und bei anderen immer wieder sehen und spüren, wie Glaubenszweifel, Suchen nach Antworten, Leiden unter dem Ungewissen, Fragen an Gott, Ringen mit Gott uns zu schaffen machen, dann dürfen wir sichergehen, dass es sich da bei uns um eine ganz legitime, normale, ja notwendige Form von Glauben handelt, um eine Art von Glauben, wie Paulus ihn kennt und beschreibt. Glaube ist für ihn ein tastendes Suchen, ein Sich-Einlassen aufs Ungewisse, ein Hoffen wider alle Hoffnung, ein Versuch des Gehens auf jenem Weg, den Jesus Christus uns vorausgegangen ist und er selbst ist, den Paulus einschlug, nachdem ihm der Auferstandene vor Damaskus erschienen war.
Glauben wird hier kombiniert mit dem Kriterium „unseren Weg gehen“. Es gehört also zum Glauben, sich aufzumachen wie Abraham aus Haran nach Kanaan, wie Israel im Exodus aus Ägypten, nicht zu erstarren in vermeintlichen Positionen des Beharrens, sich nicht festsetzen in dem Irrtum, bereits am Ziel zu sein. Das Wegmotiv ist grundlegender Bestandteil des Glaubensvollzugs, nicht nur nach Paulus, sondern nach gesamtbiblischem Zeugnis. Es beinhaltet die Vision vom erahnten, erhofften Ziel, das sich dem gewaltsamen Haben im Schauen entzieht.
Wenn Jesus uns heute zwei Gleichnisse über das Gottesreich erzählt, so läßt sich die Frage nach diesem Gottesreich nicht einschränken auf die Frage nach dem Leben, das nach dem Tod kommt. Jesus verkündet in vielen Gleichnissen, dass Gott jetzt mitten unter uns seine Herrschaft antritt. Nicht irgendwo über den Wolken will Gott regieren, sondern in unserem Leben und auf unserer Erde. Das „Reich Gottes“ ist ein Thema für hier und jetzt, für Gegenwart und Zukunft.
Und immer wieder taucht bei jedem von uns die gleiche Frage auf: Was kann ich als Einzelner schon tun? Und da möchte ich ihnen die wahre Geschichte von dem Mann mit den Bäumen erzählen.
Die Geschichte klingt wie ein Märchen und ist doch wahr. Ein älterer Mann, im Süden Frankreichs, wohl schon über 50. Sein einziger Sohn ist gestorben, dann auch noch seine Frau. Wofür soll er noch leben? Er verläßt seinen Bauernhof unten in einer fruchtbaren Ebene und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Hier lebt er mit seinen 50 Schafen und seinem Hund. Die wasserlose Gegend der Cevennen am Südrand der Alpen gleicht einer Wüste. Vier oder fünf halbverlassene Dörfer mit zerfallenen Häusern gibt es in dieser trostlosen Gegend. Das Klima ist rauh, die Menschen zerstritten. Der alte Mann erkennt, dass diese Landschaft ganz absterben wird, wenn keine Bäume wachsen. So beschließt er, Abhilfe zu schaffen. Immer wieder besorgt er sich einen großen Sack mit Eicheln. Diese sucht er sorgfältig aus. Erst wenn er hundert gute und kräftige gefunden hat, legt er sie in einen Kübel mit Wasser, damit sie sich richtig vollsaugen. Schließlich nimmt er eine Eisenstange und zieht los. An einer geeigneten Stelle fängt er an, den Eisenstab in die Erde zu stoßen. So macht er ein Loch und steckt eine Eichel hinein. So pflanzt er Eichen. 100.000 Eichen in drei Jahren. Er hofft, dass wenigstens 10.000 durchkommen. Bäume in einer Gegend, wo es vorher nichts gegeben hat. Zwischen 1910 und 1945 pflanzt dieser einsame Schäfer Hunderttausende Eichen, später Buchen, Ahorn, Birken, Erlen und Ebereschen. Als Elzéard Bouffier, so heißt der Greis, 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen, ein kleines Paradies, wo früher Einöde war. Menschen siedeln sich an, an die 10.000 Menschen leben nun in den Dörfern und keiner davon weiß, wem das neue Glück zu verdanken ist. Ein einziger Mensch mit seinen schwachen Kräften hat genügt, um aus einer Wüste ein Stück „Gelobtes Land“ zu schaffen. Amen.

P. M.

24.06.2018

Lk 1,5-17
Johannes der Täufer - Fingerzeig auf Christus
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"Seht das Lamm Gottes!"
Eines der berühmtesten Gemälde ist in Colmar der Isenheimer Altar von Mathias Grünewald. In den Blick fällt vor allem die schrecklich realistische Darstellung der Kreuzigung. Allerdings, so scheint es, hat den Künstler sein Realitätssinn bei der Figur Johannes des Täufers verlassen. Denn dieser war nach Aussage der Heiligen Schrift schon vor der Kreuzigung Christi im Gefängnis enthauptet worden.
Was hat den Maler bewogen, den Täufer unter das Kreuz zu stellen und außerdem seinen Zeigefinger doppelt groß zu malen?

Es ist ein Satz, den Johannes einmal über Jesus gesagt hat: "Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünden der Welt." Diese Worte sind zeitlos gültig.
Damit hat der Maler das Entscheidende getroffen. Johannes ist tatsächlich mit seinem ganzen Leben ein einziger Fingerzeig auf Christus.

Von Gott gerufen.
Und dadurch beginnt er, aus der Reihe zu tanzen. Johannes gab nicht kraftlos dem Meinungsdruck der Masse nach. Für ihn ist noch lange nicht wahr, was von den meisten nachgesagt wird. Er scheute sich nicht, abzuweichen. Johannes der Täufer wirkt für mich wie ein Fels in der Brandung. Er beschritt neue religiöse Wege. Die Frömmigkeit seines Vaters Zacharias, im Tempel althergebrachte Dienste zu leisten, befriedigte ihn nicht.

Johannes entwickelte ein gutes Gehör für die Anrufe Gottes, ein scharfsinniges Gespür für Echtes, für Lebensimpulse, die Verkrustetes durchbrechen. Er scheute nicht die Stille. Es zog ihn in die Wüste, um sich der Kraft von innen besser aussetzen zu können. Seine Berufung war mehr, als menschlichen Einflüssen nachzugeben. So wurde er fähig, neue Wege zu bereiten und Vorläufer des Messias zu werden.



Fingerzeig auf Christus durch den Lebensstil
Johannes trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Er hätte ein bequemes Erbe antreten können. Einiges Ansehen und genügend Einkünfte wären ihm von Anfang an sicher gewesen. Stattdessen suchte er die Gottesbegegnung in der Wüste, in der lebensfeindlichen Abgeschiedenheit, die einen auf das Eigentliche zurückwirft, auf das, was in einem selbst steckt. Nichts in seinem Leben sollte von dem ablenken, den er verkündete. Der Asket, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, wird uns zur Anfrage: "Ob weniger reicht, wenn man sich mehr auf Gott einlässt?"

Fingerzeig auf Christus durch Eintreten für die Wahrheit
Ich bestaune, wie mutig er dafür seinen Kopf hingehalten hat. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund und nannte die Missstände mit Namen, ganz gleich ob es den König Herodes betraf oder kleine Leute.
Mir kommt hier der Vergleich mit Martin Luther King, der von sich sagte: "Ich möchte, dass ihr an meiner Bahre sagt, dass ich ein Trommler war für Gerechtigkeit, für Frieden, für Gottes Wort. Wenn ich einem von euch den Weg zur Erlösung gezeigt und die Botschaft des Herrn verbreitet habe, dann war mein Leben nicht umsonst."

Zugleich ein Suchender
Sein Glaubensweg war alles andere als eine deutlich abgesteckte Strecke. Verunsichert ließ er vom Gefängnis aus Jesus fragen: Bist du es, der da kommen wird, oder sollen wir auf einen anderen warten? Dahinter steckt die Grundfrage: Wo ist denn das versprochene Heil Gottes? Offensichtlich haben das Volk und Johannes sich den Messias erheblich anders vorgestellt. Johannes bekam in seinem Suchen keine greifbaren Beweise. Ohne festen Glauben wäre er nicht weiter gekommen.

Fingerzeig sein in der Gegenwart
Es gibt in den Generationen nach Johannes bis in unsere Zeit viele Fingerzeige. Am deutlichsten haben die Heiligen auf Christus gewiesen. Gott zieht bis heute seine Hand nicht zurück, damit auch wir Fingerzeige sein können. Das muss nicht überfordern, wie einzelne Zitate von überzeugenden Christen zeigen:
- Wenn du urteilst, so liebe den Menschen und hasse den Fehler. (Augustinus).
- Eine Stelle auf dieser Welt, ein winziges Plätzchen wenigstens, können wir verändern - unser eigenes Herz. (Reinhold Schneider).
- Wenn du nicht imstande bist, auch nur einen guten Gedanken zu fassen, so unterlasse es nicht, dann und wann aus einem Buche, das dir zusagt, zu lesen. Lass dich nicht abbringen von dem Eindruck, das bringt zu wenig. Ein vorüberfließendes Wasser lässt doch auch einige Feuchtigkeit zurück. (Alfons von Liguori).
- Ich habe mir vorgenommen, niemals aus Gewohnheit oder Gleichgültigkeit zu den Sakramenten gehen und mich mindestens eine Viertelstunde vorzubereiten. (Papst Johannes XXIII.).
- Wenn du ein wenig freie Zeit hast, so schenke dich Gott. Es macht nichts, dass du dich zerstreut, kalt, trocken oder schlecht fühlst. (Theresia von Avila).
- Tu, was an dir ist, und Gott wird deinem guten Willen zu Hilfe kommen. (Thomas von Kempen).
- Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich seiner Führung rückhaltlos überlassen würden. (Ignatius von Loyola).

Johannes der Täufer und viele überzeugte Christen wirkten wie Fingerzeige auf Christus. Auch uns lädt Jesus ein, sein Werk fortzusetzen durch ein mutiges Wort am rechten Platz und noch mehr durch eine überzeugende Lebenspraxis. Amen.

PM