01.04.2018

Osternacht
Jo 20, 1-18
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Es war der erste Tag der Woche, und es war frühmorgens. Noch war es dunkel, aber soviel konnte Maria von Magdala schon sehen: Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Der Stein, der das Grab verschlossen hatte, war weggenommen. Das Grab war leer. Schock oder Freude? Sie lief zu Petrus und dem anderen Jünger, wahrscheinlich ist es Johannes. Auch sie gingen hinaus zum Grab. Von Petrus heißt es: Er sah. Von dem anderen Jünger sagt die Schrift: Er sah und glaubte.
Nun waren die drei mit einem offenen, das heißt auch leeren Grab konfrontiert. Die ganze Logik ihrer bisherigen Erfahrung war durcheinander. Ihre Phantasie schwankte zwischen Lähmung und Elektrisiertsein. Der schon fast verglommene Docht der Hoffnung ich ihrem Herzen begann noch einmal Feuer zu fangen.
Marie von Magdala hatte nicht nur ihren Herrn verloren. Sie hatte auch den Ort ihrer Trauer, das Grab verloren. Petrus war ein Wort abzuringen. Er war vorsichtig geworden mit Reden und Deuten. Von ihm heißt es nur: Er sah. Der andere Jünger hat keine inneren Sperren: Er sah und glaubte. Nein, dieser Jesus ist nicht weggetragen worden. Er lebt, er ist nicht tot.
Als Johannes sein Evangelium aufschrieb – etwa um die Jahrhundertwende – wussten die Christen sehr genau, was mit dem Wort „glauben“ gemeint war. Da waren die Zeugen, die dem Auferstandenen begegnet waren. Da war Paulus, der von einem Verfolger zu einem Boten geworden war. Da waren die vielen in Israel, die in Jesus den Messias erkannt hatten und ihm folgten. Und da waren „die anderen“ – wir nennen sie oft „Heiden“ – die auf das Zeugnis der Boten hin in Jesus ihren Herrn erkannten. In weiten Teilen des römischen Reiches gab es die Gemeinden derer, die an Jesus glaubten. Man nannte sie „Anhänger des Neuen Weges“ und später auch „Christen“. Egal was sie vorher waren und woher sie kamen, durch Jesus, den Auferstandenen, waren sie zu etwas Neuem geworden. Neues Leben hatte sie ergriffen. Durch die Taufe mit Wasser und Heiligem Geist waren sie zu einer neuen Gemeinschaft geworden – zur Kirche.
Auch wir stehen jedes Jahr erneut vor dem leeren Grab und vor der Botschaft von der Auferstehung. In diesem Glauben ist unsere ganze Hoffnung umschlossen, mit dieser Botschaft im Herzen besuchen wir die Gräber unserer Lieben, aus dieser Hoffnung heraus geben wir unserem Leben seinen Sinn und seine Deutung.
Und dennoch ist der Auferstehungsglaube für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Eine Studie aus dem Jahr 2000 in Deutschland informiert darüber, dass der christliche Glaube an die Auferstehung Jesu und an die Auferstehung der Toten unter den jungen Leuten zwischen 15 und24 kaum noch Akzeptanz findet.
Das Desinteresse am Osterglauben ist nur ein, wenn auch gewichtiges Beispiel für das Debakel des christlichen Glaubens in unserem Land. Die Gründe dafür sind vielfältig. Da ist vor allem auf eine völlig auf den unmittelbaren Spaß und auf ständige Neuheitserlebnisse ausgerichtete Gesellschaft zu verweisen, in der andere und ernstere Fragen des Lebens aus dem Bewusstsein der jungen Leute verdrängt werden. Aber auch für viele aus der älteren, inzwischen vom Leben ganz gehörig durchgebeutelten Generation ist die christliche Osterbotschaft so etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches, Unglaubliches, dass sie Skepsis und Ablehnung auslöst.
Wer wird also uns jenen Stein vom Grab wegwälzen, jenen Stein, der endgültige Verschlossenheit zu besiegeln scheint? Die Gräber, in die wir eingeschlossen sind, es sind gar viele: der eigene, unausweichliche Tod, Krankheit, Angst, gestörte und zerstörte Beziehungen, Depression und Isolation, Misserfolge im Leben. Der Stein, den weder die Frauen noch andere wegwälzen müssen. Eine andere Macht hat ihn schon von der Stelle geräumt: Nur von Gott her können unsere Gräber geöffnet werden! Da ist von der Sonne die Rede, die über dem Grab aufgeht und Licht in die Szenerie des Todes bringt. Da wird der junge Mann genannt, im lichtfarbenen Gewand, von göttlicher Herkunft also, der zur rechten, nach antiker Vorstellung auf der Glück bringenden Seite sitzt – der Bote einer anderen Welt, der Bote des Lebens in einer Gräberwelt des Todes. Dazu kommt die Verheißung des jungen Mannes: „Er geht euch nach Galiläa voraus“ – nach Galiläa, in das Land ihres Alltags, ihres Berufes und ihrer Familie, nach Galiläa, dem Bild auch für unseren Alltag. Da sind die Frauen, die mit Zittern, Entsetzen und Furcht auf die Botschaft des jugendlichen Engels reagieren. In der Sprache der Bibel heißt dies: Sie ahnen, dass Gott hier seine Hand im Spiel hat, wissen aber nicht, wie.
Gott wird nun erfahren als einer, der befreit aus allen Gräbern der Welt, der wieder neues Leben schafft. Niemals lässt Gott den Menschen los, Gott weicht nicht zurück vor Unrecht und Unfrieden in der Welt und schon gar nicht vor dem Tod. Er gibt uns die Hoffnung, durch ein christliches Sterben hindurch in sein vollendetes Leben zu gehen; wir dürfen glauben, dass auch unsere Verstorbenen in der Liebe Gottes an ihr Ziel gekommen sind. Der Tod zwingt die Liebe nicht in den Sarg, löst sie nicht auf ins Nichts!
Wir können auch aufatmen unter der Zentnerlast unserer Sorgen, unter der Verantwortung, die uns aufgebürdet ist, unter den Weltproblemen, die uns bedrücken. Denn Ostern versichert uns, dass noch ein anderer um uns weiß. Ostern beflügelt uns, die Lasten des Lebens miteinander zu teilen, es weckt die Phantasie in uns, was wir vielleicht doch noch tun und besser tun können. Österliche Menschen erheben ihre Hand im Namen des Auferstandenen, um zu versuchen, was unmöglich erscheint. Sie wälzen die Steine weg, die auf den Herzen der Menschen liegen, die Menschenherzen verschließen wie Gräber. Auf einem Poster von amnesty international ist der Spruch eines Häftlings zu lesen: „An dem Tag, an dem dein Brief kam, blühte eine Rose in meiner Zelle auf“ – ein beredtes Beispiel dafür, was österliche Menschen vermögen.
Zahlreiche Darstellungen zeigen den Auferstandenen mit einer Fahne in der Hand. Fahnen sind heute eher dekorative Elemente von Paraden und Prozessionen. Ursprünglich dienten sie als Richtungs- und Sammlungszeichen für Heerscharen. Inmitten einer andersdenkenden Gesellschaft mag uns der Auferstandene mit der Fahne ein Zeichen sein, uns um ihn zu scharen und weiter der Spur zu folgen, die durch seine Auferweckung von den Toten seit fast 2000 Jahren in unserer Geschichte gelegt ist. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

08.04.2018

2. Sonntag in der Osterzeit
Joh 20, 19-31
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Wie stehen Sie zum Hl. Thomas? Der Beinamen „ungläubig“, den man ihm zugelegt hat, hat doch wohl den Beigeschmack eines Tadels. Oder ist er Ihnen sympathisch gerade wegen seiner „Ungläubigkeit“? Wir sollten jedenfalls nicht hart mit ihm verfahren, denn er hat Vieles mit uns gemeinsam. Oder sind Sie so sicher in Ihrem Glauben an die Auferstehung? Hat sich in Ihr Denken nicht hin und wieder der Gedanke eingeschlichen: Ist das auch wirklich so geschehen, wie es in der Bibel berichtet wird? Kann ich mich drauf verlassen? Aber wie wir uns als gläubige Menschen kennen, verdrängen wir solche Gedanken immer gleich, gilt doch der Zweifel vielfach als Sünde, was allerdings nicht der Fall ist. Hingegen sind Zweifel immer wieder auch ein Ansporn, sich mit einer Sache näher auseinander zu setzen, wie hier mit dem Ereignis der Auferstehung.
Wie dem auch sei, ob ungläubig, ob Zweifler, Thomas hat jedenfalls den anderen Jüngern nicht geglaubt, als sie ihm sagten: „Wir haben den Herrn gesehen.“
Warum hat ihnen Thomas nicht geglaubt? Warum wollte er handfeste Beweise? Er hatte eigentlich keinen Grund, die Glaubwürdigkeit der anderen zu bezweifeln. Er kannte sie seit vielen Monaten. Er konnte ihnen zwar manches vorhalten: ihren Ehrgeiz, wenn sie darüber stritten, wer von ihnen der Größte sei; ihre Verständnislosigkeit für die Kinder, die zu Jesus gebracht wurden; ihre Feigheit bei der Gefangennahme Jesu. Aber Thomas hatte keinen Grund, sie für Menschen zu halten, die allzu leicht einer Täuschung oder einer Einbildung zum Opfer gefallen wären.
Warum also hat Thomas ihnen nicht geglaubt? Es ist leicht einzusehen: Für ihn hing sehr viel davon ab, ob Jesus wirklich lebte oder ob er tot war. Wenn Jesus tot war, dann hatte Thomas sich mit der Nachfolge Jesu geirrt. Dann musste er jetzt heimlich, still und leise nach Hause zurückkehren und das Leben fortsetzen, das er vor seiner Berufung geführt hatte. Wenn die anderen Apostel aber recht hatten und Jesus wirklich auferstanden war, dann sah sein künftiges Leben ganz anders aus; dann hatte er in die Welt hinauszugehen und die Auferstehung zu verkünden.
Eine solche Lebensentscheidung will wohlbegründet sein! Hatte nicht Jesus selber dazu geraten? „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
Aber es erhebt sich noch eine Frage. Warum war er nicht bei den anderen Jüngern. Da hätte er doch selber Jesus sehen können? Vielleicht hat er etwas getan, was wir auch bisweilen tun, wenn wir mit einer Sache nicht zu Rande kommen: er hat sich zurückgezogen, er hat die Gesellschaft seiner Freunde gemieden, er wollte allein sein. Er hat sich isoliert, zurückgezogen in seine eigene Traurigkeit und Ratlosigkeit.
Wie haben Jesus und die anderen Jünger auf die Zweifel des Thomas reagiert? Die Jünger haben ihm seine Zweifel offenbar nicht verübelt. Jedenfalls haben sie ihn daraufhin nicht weggeschickt, sondern ihn weiterhin in ihren Kreis kommen lassen. Die Glaubenden duldeten den Zweifler in ihrer Mitte.
Hatten sie keine Angst, dass er sie mit seinen Zweifeln ansteckte? Anscheinend nicht. Ihr Glaube war fest genug, dass sie seine Zweifel nicht fürchteten.
Und wie reagierte Jesus auf den Zweifel des Thomas? Typisch menschlich wäre es gewesen zu sagen: Thomas war bei der ersten Erscheinung des Auferstandenen nicht da: sein Pech! Nicht so Jesus. Er geht auf die Bedenken des Thomas ein, lässt seine Hand in seine Seite legen, wie Thomas es gewünscht hatte, gleichsam als Vorbedingung für seinen Glauben. So hätte Jesus nicht gehandelt, wenn er den Wunsch des Thomas als unverschämt empfunden hätte. Und die Worte: „Sei nicht ungläubig sondern gläubig!“ lassen sich auch als Ermutigung statt als Vorwurf verstehen. Und Thomas braucht Mut, um zu gestehen und zu bekennen: „Mein Herr und mein Gott!“ Gesehen und berührt hatte er Jesus von Nazareth, den er als Mensch kannte und der zuvor am Kreuz gestorben war; geglaubt und bekannt hatte er, was seine Augen nicht sehen und seine Hände nicht begreifen konnten: dass dieser Jesus sein Herr und sein Gott war. Es ist das einzige Mal, dass Jesus in den Evangelien ausdrücklich Gott genannt wird, nicht Sohn Gottes oder Messias, sondern Gott.
Dieses Evangelium ist wichtig für uns alle in unserer eigenen Glaubenssituation. Wir sind immer beides: Glaubende und Zweifelnde. Wir haben nichts Handgreifliches vor uns, nur das Zeugnis derer, die den Auferstandenen gesehen und berührt und mit ihm gesprochen haben. Und der Glaube an den Auferstandenen und an die Auferstehung wird ein Glaube bleiben, so wie die wichtigsten Dinge im menschlichen Leben Dinge des Glaubens und nicht des Begreifens oder des Wissens sind. Und es völlig normal, dass wir auf Grund unserer eigenen Zweifel immer wieder zum Nachdenken und auch zum Beten angeregt werden. Denn der Glaube ist nicht etwas, das wir uns durch gelehrtes Studium erwerben könnten, er ist ein Geschenk von Gott.
Für manche Menschen ist der Glaubenszweifel eine Sünde. Sie trauen sich nicht, eigene Gedanken zu hegen und Fragen zu stellen. Wie auch immer sie das begründen, auf Jesus können sie sich dabei nicht berufen. Vielleicht haben sie es früher im Beichtunterricht so gehört, in der Christenlehre oder in der Predigt, in Zeiten, als vom mündigen Christsein und von der Verantwortung aller für die Weitergabe des Glaubens noch nicht die Rede war. Doch schon der Katechismus von 1955 unterschied zwischen Glaubensschwierigkeiten, die keine Sünde sind, und schuldhaften Glaubenszweifeln. Im Geist des Konzils sagt der Erwachsenenkatechismus von 1985: „Nicht erst heute ist der Glaube fragender, suchender, angefochtener Glaube, der erst unterwegs ist. Die Wirklichkeit, in der wir leben, spricht ja oft genug eine ganz andere Sprache als das Wort Gottes...Nicht zuletzt scheinen die Absurditäten des Lebens, das ungerechte Leiden und das oft grausame Sterben, der Botschaft von der Liebe Gottes Hohn zu sprechen. Der Glaubende soll und darf solchen Fragen nicht ausweichen...“
Unerbittlich stark ist der Hunger nach Leben und die Sehnsucht nach Glück in unserem Leben. Viele Menschen suchen diese Dinge an der Oberfläche, sie jagen Dingen nach, die sie nicht endgültig erfüllen können. Das, was ihr Herz ausfüllen könnte, das verdrängen sie, schieben es beiseite. In dieser Gefahr sind wir auch immer wieder. Niemand von uns kann sich dem Zug der Zeit und ihren Strömungen entziehen. Jesus lässt sich von Thomas berühren, weil er weiß, dass wir Menschen von Zeit zu Zeit eine kleine Sicherheit brauchen, einen kleinen Berührungskontakt mit jenem Glauben, der unser ganzes Leben berührt. Möge Gott, der unsere menschliche Schwäche kennt auch in unserem Leben immer wieder auf uns eingehen und immer wieder ein kleines Licht für uns anzünden, das uns das Glauben leichter und freudiger macht, damit unser eigener Glaube für die anderen Menschen sichtbar wird. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

15.04.2018

3. Sonntag in der Osterzeit Lk 24,35-48



Das ist schon ein seltsames Phänomen: Da zeigen Umfragen, dass viele Menschen heutzutage - und zwar auch unter Christen – ihre Probleme haben mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung von den Toten. Aber gleichzeitig gibt es eine fast unglaubliche Hochkonjunktur des Okkultismus; man muss sich nur einmal einschlägige Sendungen im Fernsehen anschauen. Offensichtlich ist es leichter, an unsterbliche Seelen zu glauben, die mit unerledigten Aufgaben als Geister in der Welt herumspuken, oder an Wiedergeburt als an das, was eigentlich zum Fundament unseres christlichen Glaubens gehört: die Auferstehung von den Toten.
Offensichtlich aber ist das kein modernes und neues Phänomen. Denn den Jüngern im Evangelium scheint es ganz ähnlich ergangen zu sein. Obwohl sie schon von den Frauen und von den Emmausjüngern gehört haben, dass der Gekreuzigte auferstanden ist und lebt, glauben sie es nicht einmal, als er selbst plötzlich vor ihnen steht. Eher schön können sie glauben, dass es sich um einen Geist handelt. Insofern ist das heutige Evangelium brandaktuell. Die Jünger sind ja nicht so sehr die typischen Zweifler wie der Thomas, von dem wir am vergangenen Sonntag gehört haben, der nur glauben will, was er mit eigenen Augen gesehen und was er angefasst hat. Sie sind mehr der Prototyp eines Menschen, der eher etwas Okkultes, Geisterhaftes, eine Erscheinung aus dem Jenseits annehmen will als das schlichte reale Faktum: Der, der am Kreuz gestorben ist, lebt. Er ist auferstanden.
Mit dem heutigen Evangelium will uns aber Lukas vor handgreiflich vor Augen führen, dass die Auferstehung etwas grundsätzlich anderes ist als eine Geistererscheinung, eine Halluzination oder die Wiedergeburt einer unsterblichen Seele. Der Auferstandene ist zum anfassen, zum Berühren. Das ist eine klare und unmissverständliche Botschaft: „Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht!“
Wir sprechen manchmal bei Politikern oder Prominenten davon, dass das eine Persönlichkeit „zum Anfassen“ ist. Gemeint ist damit: Der oder die ist bürgernah und offen, kann auf die Menschen zugehen ohne Überheblichkeit und Arroganz, ohne Berührungsängste. Jemand zum Anfassen, das ist jemand, der eben gerade nicht distanziert auf Abstand geht. Und im Grunde will das Evangelium heute dasselbe zum Ausdruck bringen: Der Auferstandene ist eben nicht ein unnahbarer, geheimnisvoll sich entziehender Geist aus dem Jenseits, sondern der leibhaft Auferstandene, den die Jünger anfassen können, mit dem sie Mahl halten können, der auch jetzt, wie vor seinem Tod, im Mahl Gemeinschaft mit ihnen feiert.
Und zugleich wird damit deutlich – und das ist für unser Heil, für das Erlösungswerk von wesentlicher Bedeutung: Auferstehung ist nicht irgendein Spuk, eine Botschaft aus dem Totenreich, eine Halluzination. Nein, Christus ist wahrhaft auferstanden mit seinem geschundenen und verwundeten Leib. Und diesen von den Wunden gezeichneten menschlichen Leib nimmt er mit zum Vater.
In der Kunst der Gotik ist dieses Glaubensgeheimnis gerne dargestellt worden im Motiv des Gnadenstuhls: Der geschundene Leib des Menschensohnes ist dem Vater in den Schoß gelegt. Damit soll zum Ausdruck kommen: Christus legt seinen menschlichen Leib in der Auferstehung nicht ab, wie man die Arbeitskleidung nach getaner Arbeit am Feierabend ablegt. Die Menschwerdung ist vielmehr eine radikale und unwiderrufliche Entscheidung Gottes: Christus bleibt Mensch, auch wenn er als der Auferstandene und Sohn Gottes zum Vater heimkehrt.
Und das ist für uns Menschen ein wahrhaft heilsamer Gedanke. Denn in Christus, dem auferstandenen und heimgegangenen Menschensohn, hat der Mensch, und zwar jeder Mensch, einen Platz am Herzen des Vaters. Und in den Wunden, die der Leib des Auferstandenen trägt, spiegeln sich all die Verwundungen und Verletzungen, die leiblichen wie die seelischen Wunden, all die Gebrechlichkeiten unseres menschlichen Lebens. In Christus hat Gott die leidende, geschundene Kreatur ständig vor Augen.
Das ist die ganze tiefe Osterbotschaft: es ist eben nicht nur ein Teil von uns zur Auferstehung berufen. Es geht nicht bloß um die unsterbliche Seele, um ein bloßes Weitergeistern eines unsterblichen Geistes. Nein, wir sind ganz, mit Leib und Seele, mit allem, was uns als Menschen ausmacht und geprägt hat, eben auch mit unseren Verwundungen und Verletzungen, mit all den Narben unseres menschlichen Lebens, mit allem, was uns zu dem macht, was wir sind, zum Leben berufen. Nichts ist verloren.
Mit dieser österlichen Botschaft leben wir. Tun wir das aber wirklich? Wir müssen doch alle immer wieder zugeben, dass sich in unser Leben immer wieder ein Stückchen Hoffnungslosigkeit einschleicht, ein Schatten des Zweifels und der Resignation. Wir leben oft innerlich aufgespaltet zwischen dem, wie wir sagen, Himmlischen und Weltlichen. Die Einheit und das Miteinander zu finden fällt uns schwer. Schauen sie sich einmal die barocken Gemälde unserer Kirchen an. Da wird ihnen vielleicht etwas auffallen. Diese Bilder sind fast alle zweigeteilt. In der unteren Bildhälfte sehen wir zum Beispiel das Martyrium eines Heiligen, im oberen Bildteil öffnet sich der Himmel, der den Heiligen krönt. Und diese beiden Bildteile bilden eine unzertrennliche Einheit.
Und genau das sollten wir leben. Wir müssen uns die Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben immer wieder bewusst machen. Wir sollten uns darin üben auch in unserem ganz gewöhnlichen alltäglichen Leben Kontakte zu Jesus, dem Auferstandenen herzustellen, indem wir ihn einbinden in unsere Gedanken, in unsere Sorgen und in unsere Freuden. Dadurch öffnen wir uns für das große Geschenk des Glaubens, wir, die wir nicht mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen greifen können. Dann gilt für uns das Wort, das Jesus zu Thomas gesprochen hat: „Selig die nicht sehen und doch glauben!“ Amen.
P. Paul MühlbergerSJ

22.04.2018

4. Sonntag in der Osterzeit
Jo 10,11-18
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Entscheidungen sind nicht immer einfach. Manchmal kostet es uns viel Kraft, die richtige zu treffen, manchmal irren wir uns. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was ist gut und richtig? Was ist ausschlaggebend für unsere Entscheidung? Selbst Fehlentscheidungen in kleinen alltäglichen Dingen haben Folgen, wenn auch oft korrigierbare. Wenn es aber um Leitbilder geht, um unsere allgemeinen Lebenswerte, unseren Lebenssinn, dann ist es fatal, in die verkehrte Richtung zu gehen. Auf welche Stimme sollen wir hören? Was sollen wir den jungen Menschen von heute weitergeben?
Das Johannesevangelium antwortet im Bild des guten Hirten auf die Frage nach der richtigen Führung. Dem guten Hirten darf das Schaf getrost vertrauen. Wehe aber, es fällt einem falschen Führer zum Opfer. In der Gegenüberstellung wird deutlich, was den guten Hirten ausmacht: Der gute Hirte läßt seine Schafe nicht im Stich, ihm liegt das Leben der Schafe am Herzen, er verschafft ihnen Weide und schützt sie wirksam vor Dieben und Wölfen. Dagegen trägt der bezahlte Hirt nicht die volle Verantwortung. Er flieht, wenn es brenzlig wird. Er läßt die Schafe im Stich, um sich selbst zu retten.
Mögen wir eigentlich dieses Bild noch? Ein Schafstall – ein Hirte – eine Herde. Bilder aus einer für uns fremden Welt. Dazu kommt noch bei uns die Vorstellung des Gegängelt-Werdens einer Schafherde, die der Hirtenhund zusammenhalten muß, der sie in die Richtung treibt, die der Hirte vorschreibt. Soll das vielleicht ein Bild sein von der gegenwärtigen Kirche? Dabei bleibt es kein Geheimnis mehr, dass die Herde sich mehr und mehr verläuft und dass selbst die Hirten rarer werden. Und dazu kommt noch, dass sie sich über den Weg nicht im einig zu sein scheinen. Während der religiöse Markt boomt, schrumpfen die christlichen Kirchen mehr und mehr.
Dabei waren die Chancen für Religion nie größer als heute. Die jetzt noch fortschreitende Säkularisierung wird irgendeinmal in die andere Richtung schwenken. Unter den Menschen von heute gibt eine explizite religiöse Suche. Aber durch die momentane Imageschwäche der Kirche treten mehr und mehr fundamentalistische Tendenzen auf und auch esoterische Deutungen unseres Lebens. Alles in allem, langsam glauben die Menschen nicht mehr an ihre volle Erfüllung in einem diesseitigen Leben.
Es wird uns klar, dass sich die Kirche hier vor eine enorme Aufgabe gestellt sieht. Sie soll dem Menschen von Heute in seiner „psychischen Obdachlosigkeit“ in einer neuen Weise Beheimatung bieten. Aber es gibt in der Kirche selbst auch so manche Wölfe im Schafspelz, solche, die von heute auf morgen alles umkrempeln wollen. Und es gibt auch solche, die eine nahezu panische Angst haben vor neuen Wegen. Es gibt solche, die von einer Autorität überhaupt nichts halten und es gibt solche Menschen, die nur nach Anweisungen von oben leben wollen. Da erhebt sich natürlich auch die Frage nach dem Wirken des Hl. Geistes in der Kirche. Man kann ihm über seine Wege keine Vorschriften machen. Er wirkt manchmal von oben her und nicht selten auch von unten. Und jetzt kommen wir schon wieder in Schwierigkeiten. Wie sollen wir erkennen können, wo der Hl. Geist sichtbar wird in der heutigen Zeit. Wo ist seine Stimme herauszuhören unter den vielen Stimmen, die sich in unserer Zeit erheben? Sicherlich ist seine Stimme nicht dort, wo gegen die Liebe gefehlt wird, wohl aber duldet er Auseinandersetzungen. Er ist nicht dort wo Stellung gegen die Kirche bezogen wird und er ist auch nicht dort, wo man sich nach eigenen Gelüsten eigene Lehren zurechtzimmert. Er ist nicht dort wo Spaltungen provoziert werden, sondern dort zu finden, wo man mit der Liebe als Basis, mit der Liebe zur Kirche verständlicherweise, nach neuen Wegen sucht. Erstaunlich ist es immer wieder, wenn wir uns erinnern, dass Heilige Männer und Frauen immer treu zur Kirche stehen wollten, zu der Gemeinschaft, die Jesus gegründet hat, auch wenn diese Kirche in ihren Vertretern nicht immer das beste Bild abgab.
Maßgeblich für unsere Orientierung ist immer noch die Lehre Jesu, seine Botschaft! Und die war seinerzeit revolutionär und explosiv zugleich. So manche der Zuhörer Jesu faßten seine Lehre als eine Zumutung auf. Andere erklärten ihn als verrückt. Aber was ist uns selbst von dieser verändernden Kraft der Lehre Jesu geblieben? Wahr ist, dass Veränderungen mitunter als störend empfunden werden. Und die Forderungen des Christentums sind geeignet unser oft doch ein wenig zu gemütliches Dasein fordernd zu unterbrechen. Diese Hl. Messe, die wir jetzt miteinander feiern beinhaltet den Zündstoff für unser Leben. Was da geschieht ist uns klar: Jesus wird wirklich unter uns gegenwärtig, wird uns zur Speise. Und am Ende der Feier steht die Sendung: Lebe jetzt so, dass der christliche Geist aus deinem Leben heraus spürbar in Erscheinung tritt. Da wird doch allerhand von uns verlangt. Und wir dürfen auch mit den nötigen Impulsen von Gottes Geist her rechnen, mit Impulsen gerade auch für unsere Zeit.
Das Gleichnis vom Guten Hirten und von den Schafen ist keineswegs ein Gleichnis, das uns zum gedankenlosen Hinterher trotten veranlassen möchte. Es sagt vielmehr sehr viel aus über unsere Bindung an den Hirten, das ist Jesus selbst. Er kennt den Weg für unsere Zeit. Von ihm heißt es, dass er uns zu einer guten und reichhaltigen Weide führen möchte, aber das setzt voraus, dass wir uns nicht von ihm trennen. Und dann heißt es: „Sie folgen ihm, denn sie kennen seine Stimme“. Können wir sie heraushören aus dem Chor der Stimmen, die alles Mögliche verheißen: Wirtschaftswachstum, Genuß und Konsum, einseitige Bindung an das Diesseits. Es ist nicht egal, welcher Stimme wir Gehörs schenken.
Niemand weiß heute Rezepte für eine Neugestaltung auch in unserer Kirche und für unser christliches Leben. Ansätze und Überlegungen sind vorhanden. Es geht nicht um eine respektlose Abstoßung bisheriger Werte, es geht aber auch nicht darum, dass wir auf Dingen sitzen bleiben, während sich die Welt weiterbewegt. Es geht nicht darum, dass wir uns ständig dieser Welt anpassen, deren Maxime bei weitem nicht immer die Unsrigen sind; aber es geht darum, dass wir diese Welt mit dem Geist Jesu erfüllen. Nehmen wir die Mühe auf uns, in dieser Welt christliche Akzente zu setzen, nehmen wir es Ernst, „Salz der Erde“ und „Licht der Welt zu sein?“ Aus der Kirche austreten ist wohl die geistloseste Variante für einen Menschen, dem es mit der Botschaft Jesu ernst ist; aber in dieser konkreten Kirche, die heute auch eine leidende Kirche ist in all ihrer Menschlichkeit, auf die Führung durch Gottes Geist zu vertrauen, darauf kommt es an.
Mögen der Kirche die nötigen Menschen geschenkt werden, die es verstehen, die Herde im Sinne des guten Hirten zu leiten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

29.04.2018

5. Sonntag in der Osterzeit
1 Joh 3,18-24
Joh 15, 1-8
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Es war während einer Bibelrunde, wo genau dieser Text betrachtet wurde, den wir soeben gehört haben. In diesem Text sollte darauf hingearbeitet werden, die lebensvolle Beziehung eines Christen zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Überraschenderweise aber blieben die meisten Leute an der Drohung mit dem Feuer hängen. Für sie war das Bild vom Verbrennen der dürren Rebzweige stärker als der Impuls des lebenspendenden Weinstocks.
Damit sind wir auf eine Seite des Christenseins gestoßen, die wir in unserer Zeit häufig verdrängen. Was die Höllenprediger in vergangenen Zeiten zu viel des Guten getan haben, ist heute in den Hintergrund getreten. Vielleicht liegt es auch an den Mitteln, mit denen in früheren Zeiten die Möglichkeit des Scheiterns besprochen worden ist. Ich lehne es ab, mit Angstmacherei zu arbeiten. Dafür ist mir die Botschaft vom guten Gott zu schade. Das Feuer des Bildwortes vom Weinstock ist nicht das Höllenfeuer, nicht der Feuersee, in dem die unsterblichen Seelen ewige Qualen leiden. Es ist schlicht das Feldfeuer, in dem nutzlose Abfälle beseitigt werden. In der vorliegenden Schriftstelle geht es sicherlich nicht um die Spekulation mit Bildern von Brandwunden und sadistischen Quälereien mit dem Feuer. Es stellt anschaulich die Möglichkeit der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit vor Augen, die einen jeden Menschen überfallen kann, wenn er Bilanz seines Lebens zieht.
Ich frage mich immer öfter, ob uns Christen die Dringlichkeit und die Notwendigkeit des Fruchtbringens hinreichend bewußt ist. An den Früchten, die wir bringen, wird unser Leben einmal bemessen werden. Dabei stehen auch wir unter einem gewissen Erfolgsdruck. Die Forderung Frucht zu bringen gilt aber nicht nur dem einzelnen im Sinne von „Rette deine Seele“, dem früheren Leitgedanken der Volksmissionen, sie gilt der Kirche als ganzer und auch jeder einzelnen Gemeinde.
Es wäre einseitig und zu kurz gegriffen, wollten wir das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, von der Aufforderung in inniger Verbindung mit Christus zu bleiben, einfach individuell persönlich zu verstehen im Sinne: Siehe zu, dass du mit Jesus Christus in Kontakt bleibst, dass deine mystische Gemeinschaft mit ihm nicht verkümmert oder verloren geht. Dies ist nur eine Dimension dieser Jesusrede. Die meines Erachtens noch wichtigere wird erst sichtbar, wenn wir uns den Bezug zum Alten Testament vergegenwärtigen. Das Bild vom Weinstock ist nicht neu. Die Propheten vergleichen Israel mit einem Weinberg oder Weinstock. Gott ist der Winzer. Sein Volk bringt nicht die erwarteten Früchte.
Wenn nun Christus von sich sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“, so erhebt er damit den Anspruch, dass er der Wurzelstock eines neuen Gottesvolkes ist. Die Jünger, die mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, bringen die ersehnten Früchte. Er und seine Jünger sind der neue Weinstock Gottes. Gott ist der Winzer. Er pflegt seinen Weinstock, reinigt ihn, schneidet ab, was dürr und nutzlos ist.
Es geht hier wirklich einmal darum, dass wir uns ernstlich fragen, wie unsere Verbindung mit Jesus beschaffen ist. Es fällt ja immerhin auf, dass in unserem Text das Wort „bleiben“ nicht weniger als neunmal verwendet wird. Wenn Jesus dieses Wort so betont, will er sicher etwas unterstreichen. Zunächst verwendet er das Wort in einem Beispiel. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie am Weinstock bleibt. Ohne diese Verbindung würde die Rebe verdorren und absterben. Dann überträgt Jesus das Bild auf die Verbindung seiner Freunde zu ihm selber. Auch die Anhänger Jesu können nur Frucht bringen, wenn sie den Zusammenhalt mit ihrem Meister nicht verlieren.
Jesus beschreibt diese Verbindung noch genauer. Er sagt, dass es seine Worte sind, die in seinen Jüngern bleiben sollen. Ein Wort, das man hört, kann sein wie ein Windhauch. Es wird gesprochen und verweht, ohne dass es Eingang findet in den Hörer. Ein Wort kann sein wie ein Hammerschlag, der einen bleibenden Eindruck schafft, ein Wort kann sein wie ein Wunder, welches das Leben eines Menschen nachhaltig verändert. Ein Wort kann ein Vermächtnis sein, das in einem Menschen weiterlebt und wirkt. Wenn das, was er gesprochen hat, in seinen Jüngern fortbesteht, lebt und wirkt er selber in ihnen.
Man liebt heute in vielerlei Angeboten das englische Wort „light“, was „leicht“ bedeutet. Das Wort hört man auch manchesmal in einem religiösen Zusammenhang. Im Klartext heißt das: es besteht der Trend zu einer christlichen Bequemlichkeit. Wir lieben die Harmonie. Gott ist gut, sagen wir. Beim Lied vom „Strengen Richter aller Sünder“ singen wir nicht mehr mit. Beichten waren wir schon lange nicht mehr. Wir glauben nicht mehr, dass man alle Gebote so ernst nehmen müssen, auch nicht die Vorschriften der Kirche. Im „Zustand der Todsünde leben“ – nicht einmal den Begriff kennen wir noch. Dass man vor der Ehe schon jahrelang zusammenlebt und dass das nicht in Ordnung ist, können wir uns nicht mehr vorstellen. Gott hat wohl andere Sorgen. Statt Droh-Botschaft: Froh-Botschaft. In der Bibel überschlagen wir die unangenehmen Stellen oder interpretieren sie nach unserem Geschmack. Glaube light! Heißt die Parole. In der Gemeinde gehen wir lieb miteinander um. Nur keine Konflikte. Alles möglichst harmonisch. In der Gestaltung des Gottesdienstes suchen wir krampfhaft nach immer neuen Gags und nach Action, um die Einschaltquoten zu verbessern.
Wer gibt schon zu, dass es bei alldem langweilig geworden ist in der Kirche. Was saftig ist und vital, was spannend ist und starke Gefühle auslöst, was kreativ ist und kritisch, das ist bei uns nicht gefragt. Stattdessen gibt es eine Inflation von Wörtern, von Worthülsen und frommen Phrasen. Und viel bedrucktes Papier. Und das Schlimmste daran: Das alles ist folgenlos. Folgenlos deshalb, weil das Wesentliche nicht mehr betrachtet wird. Es geht in unserer Messfeier z.B. nicht um einen Unterhaltungseffekt, es geht nicht um eine Show oder wie man jetzt sagt um einen Event. Man kann ja leider auch mit unklug gewählten Gestaltungsbeigaben die Sache selbst verwässern.
Doch genug damit. Ich habe wieder einmal das Gefühl, ich habe den falschen Leuten gepredigt. Diejenigen, denen ich das sagen wollte, sind leider nicht hier, sind abwesend, nicht nur in dieser Kirche, sondern überhaupt in den Kirchen. Die denen ich das sagen wollte sitzen schon längst in ihrem Auto und fahren ins Grüne oder schlafen sich einmal aus. Die, denen ich das sagen wollte, würden sich vielleicht die Ohren zuhalten, weil sie die Dinge gar nicht hören wollen. Die, denen ich das sagen wollte, wollen keine Rebe sein und kümmern sich auch nicht um den Weinstock und ans Früchte bringen denken sie nicht. Sie machen es sich leicht, denn die Höllenbilder von Breughel und Bosch sind für sie nur Kunst und religiöse Phantasie und Dante „Göttliche Komödie“ erfüllt sie nicht mehr mit Schaudern.
Wenn ich etwas über mich sagen soll? Ich habe keine Angst vor Gott und ich habe auch keine Angst vor dem Teufel, weil ich in der Freundschaft mit Gott lebe. Aber ich habe immer ein wenig Angst vor mir selbst, weil ich zurückblickend sagen kann, dass mein Fruchtbringen nicht so gewaltig war. Oder war es das doch – bei jedem von uns? Haben wir nicht doch in unserem Leben gute Früchte gebracht und es ist uns verborgen. Welchen Einfluß hatte unser Gebet in unserer Welt und bei unseren Mitmenschen? Wie viele unsere Opfer, Mühen und Nöte haben Segen gebracht für die Menschen? Sehen sie, wenn ich daran denken, dann schwindet die Angst dahin- die Angst vor mir selbst – denn ich weiß: mein bescheidener Kontakt mit dem Weinstock hat in mir doch bewirkt, dass ich Früchte hervorbrachte. Es war nichts in meinem Leben umsonst und nichts sinnlos, weil mein Leben immer in Zusammenhang mit dem Erlöser gewesen ist.
Man soll und kann heute nicht mehr einem Menschen mit einer Höllenpredigt Angst machen. Aber es ist gut, wenn wir uns Menschen immer wieder erinnern an unsere Verantwortung, denn auch der Satz gehört zur Frohen Botschaft, wo es heißt: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“
Mit welchem Recht könnten wir gerade diesen Satz aus dem Evangelium ausstreichen? Amen.



Du mein Gott,
von Dir sich entfernen heißt fallen,
zu Dir zurückkehren heißt sich erheben,
in Dir bleiben heißt auf sicheren Grund bauen.

Weggehen von Dir heißt sterben,
zurückkehren zu Dir heißt auferstehen,
wohnen in Dir heißt leben.

Keiner verliert Dich, ohne getäuscht zu sein,
keiner sucht Dich, ohne gerufen zu sein,
keiner findet Dich, ohne gereinigt zu sein.

Dich verlassen heißt verlorengehen,
Dich suchen heißt Dich lieben,
Dich sehen heißt Dich besitzen.

Der Glaube drängt uns zu Dir,
die Hoffnung führt uns hin zu Dir,
die Liebe vereinigt uns mit Dir. Amen.

Augustinus



P. Paul Mühlberger SJ