neue Predigten

Samstag, 15. September 2018
160918 24. So im Jahreskreis

160918
24 So im Jahreskreis
Mk 8, 27-35
__________________________________________________________________________


Ist ihnen schon einmal aufgefallen, wieviel in unserer Stadt und in deren Umgebung gebaut wird. Nicht nur neue Wohnhäuser entstehen, auch immer mehr und immer größere, gewaltige Einkaufszentren. Betritt man so einen Einkaufstempel so kommen wir in eine eigenartige Welt. Da sind wir mit all den Dingen umgeben, die wir Menschen brauchen oder auch nicht brauchen, da scheint sich der Mensch alle Wünsche erfüllen zu können, wenn er das nötige Geld hat.
Und nicht genug, es entstehen auch moderne Wallfahrtsorte, sogenannte Erlebniswelten, Ersatzparadiese für moderne Pilgerreisende. Ich denke da besonders als Walt-Disneys-Themenpark. Allein das Disneyland in Paris zählte 1997 rund 12,6 Mio. Besucher 600.000 Besucher mehr als die bis dato führende Paris-Attraktion, die gewaltige Kathedrale von Notre Dame und 6,9 Mio. mehr als der Louvre.
Der Wohlstand hat das Leben der Menschen in unserer Welt verändert. Materiell weitgehend versorgt, wird die Frage nach neuen Lebenszielen laut. Man will schon heute, hier und jetzt den Himmel auf Erden erleben. In den neuen Erlebniswelten lebt das Paradies als Insel weiter. Am Ende steht ein durch irdische Faktoren wie Geld, Zeit und Raum eingeschränktes Bild vom Paradies. Früher waren Religionen und die Kirche zuständig gewesen für Heilsversprechen, heute sorgt eine gewaltige Erlebnisindustrie für Glücksversprechungen. Aus der religiös motivierten Kirchengemeinde wird eine Weltgemeinde der Unterhaltungsbranche.
Es wird uns bewußt, dass in unserer Zeit, wo das Streben nach totalem Lebensgenuß so sehr im Vordergrund steht, die Frage des heutigen Evangeliums wieder eine ganz neue Bedeutung gewinnt: Für wen halten die Leute Jesus Christus? Für wen halten sie Jesus, der weit entfernt davon ist, uns ein irdisches Paradies zu verheißen, für wen halten sie ihn, der seinen eigenen Tod voraussagt, nicht einen gewöhnlichen Tod, sondern einen gewaltsamen, der scheinbar sein Werk und seine Verkündigung in einem gewaltigen Fiasko untergehen läßt?
Und somit steht die Botschaft Jesu ziemlich gegensätzlich den Wünschen und Erwartungen der heutigen Menschheit gegenüber, sie ist nicht mehr modern, sie deckt nicht mehr die Bedürfnisse des heutigen Menschen ab. Christentum als Gesamtangebot, ohne Abstriche von der Lehre Jesu ist inakzeptabel! Stattdessen bedient sich der moderne Mensch, falls er eine religiöse Anwandlung bekommt in Sachen Religion wie in einem Supermarkt: ein wenig Christentum, ein bißchen Buddhismus und auch vielleicht ein Häppchen Islam. Es ist anscheinend egal, welcher Religion man sich verschreibt, gesucht wird die, die den eigenen Bedürfnissen momentan am besten entspricht. Schon Paulus hat das erkannt als er in einem seiner Briefe schrieb, die Menschen werden sich nach ihrem Gutdünken Lehrer beschaffen und dem folgen, was sie gerne hören wollen. Denken sie bloß an die Aufregung, die das römische Dokument „Dominus Jesus“ hervorrief, wo es genau gegen die Haltung des Relativismus ging, der meint, das Christentum sei nicht mehr der ausschließliche Heilsweg.
Die Absage an den Relativismus bekräftigt das Dokument „Dominus Jesus“. Mit dem Kommen Jesu Christi habe Gott die Kirche für das Heil aller Menschen eingesetzt. Die Kirche betrachte die Religionen der Welt mit „aufrichtiger Ehrfurcht“, „sie schließt aber zugleich jene Mentalität des Indifferentismus aus, der zur Annahme führt, dass eine Religion gleich viel gilt wie die andere“. Die Turbulenzen, die rund um das Dokument entstanden sind betreffen vor allem die Definition, dass die von Christus gestiftete Kirche in der katholischen Kirche verwirklicht ist.
Über diese Wahrheit braucht sich niemand aufzuregen, schon gar nicht ein Christ . Das ist die Grundwahrheit unseres Glaubens, eine Feststellung der eigenen Identität für die wir uns nicht zu schämen brauchen, wir sind ohnedies in Gefahr, dass unsere Anpassung manchmal schon ein wenig zu weit geht.
Da kommt es wieder einmal ans Tageslicht, dass der Glaube an Jesus Christus immer wieder auch Widerstände hervorruft und dass es im Grunde zum Nachdenken anregen müßte, wenn unser Christentum überhaupt niemals zum Stein des Anstoßes würde.
Und so tadelt Jesus selbst den Petrus, den Fels seiner Kirche, weil er die Leidensankündigung Jesus nicht ernst nehmen will. Jesus sagt, er habe nicht das im Sinn was Gott will, sondern das, was die Menschen wollen.
Und dann kommt noch am Schluß der bedeutsame Satz über den Verlust oder den Gewinn des Lebens. Zunächst scheint er widersprüchlich zu sein. Wenn man das Leben retten will, dann verliert man es, wenn man es verliert, dann gewinnt man es. Da ist zunächst die frage interessant: Was macht unser Leben aus? Was bedeutet unser Leben. Besteht es nur aus materiellen Werten, können diese allein unsere Bedürfnisse befriedigen – nun dann genügt uns der Supermarkt, der Einkaufstempel und die Erlebniswelt von Walt Disney. Dass das nicht unser Leben sein kann das merken wir spätestens, wenn wir uns ein wenig auf unserem Globus umschauen und merken, dass nicht alle Menschen mit materiellen Gütern beglückt sind, dann brauchen wir nur in ein Krankenhaus zu gehen und das vielfache Leid der Menschen auf uns wirken lassen, dann brauchen wir nur auf unsere eigenen Gebrechlichkeiten und auf die Mühen des Alters zurückschauen. Unsere Zeit, angefangen von der Werbung bis hin zu den diversen Angeboten ist äußerst jugendorientiert. Das heißt aber, sie weicht der ganzen Realität des menschlichen Lebens aus, geht ihr aus dem weg, verdrängt sie. Und jetzt wird der Satz Jesu schon ein wenig klarer in seiner Bedeutung. Wer nur seine materiellen Bedürfnisse befriedigen will, der versteht das Leben in seiner Ganzheit nicht, der geht am wahren Leben vorbei, der verliert es.
Es muß uns gelingen, unser Leben von innen her zu leben und zu gestalten. Was aber nicht heißt, dass uns die materiellen Dinge gleichgültig sein sollten. Wir dürfen sie benützen, denn sie kommen aus Gottes Hand, aber sie haben ihren Stellenwert und sind nicht als höchstes Gut zu behandeln.
Ich glaube wir können jetzt, jeder für sich, die Frage Jesu einigermaßen beantworten und zu Jesus sagen: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes, und wenn wir auch nicht alles gleich begreifen, wenn wir nicht alles in unserem Leben verstehen, so halten wir doch an dem fest, was du uns gelehrt hast, der du selbst gesagt hast: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Samstag, 15. September 2018
090918 23. So im Jahreskreis

090918
23. So im Jahreskreis
Mk 7,31-37
________________________________________________________________


Beethoven, dessen Musik wir immer wieder gerne hören, weil sie uns Freude schenkt, war taub. Er konnte sich in seinen letzten Lebensjahren nur mit Hilfe eines Hörrohrs mit seinen Mitmenschen verständigen. Taub sein tut nicht weh, aber es isoliert. Menschen, die schlecht hören ziehen sich aus der Gesellschaft zurück, weil sie den Gesprächen nicht mehr folgen können und weil es ihnen peinlich ist, ständig nach dem nicht Gehörten nachzufragen.
Bei dem Mann von dem im Evangelium erzählt wurde kam aber noch ein Leiden dazu: er war auch noch stumm. Wahrscheinlich war seine Stummheit eine Folge seiner Taubheit.
Um die ganze Dimension eines Taubstummen zu erfassen müssten wir uns in seine Lage versetzen, einmal alles das weglassen, was es an vertrauten Stimmen in unserem Leben gibt, die Stimmen der Menschen und die Stimmen der Natur und der Musik. Nebenbei würden auch alle Alarmfunktionen wegfallen, die durch das Ohr geboten werden. Wenn wir stumm wäre könnten wir unsere Gedanken nicht aussprechen, höchstens mühsam auf ein Blatt Papier aufschreiben.
Für den armen Kerl aus dem Evangelium blieb nur die stille Kommunikation am Straßenrand übrig. Er erwartete kein Wunder, er erwartete auch kaum ein Mitleid, denn er war nicht der Einzige, der in der damaligen Zeit taub und stumm war.
Es wäre zu wenig, wollten wir es bei der ergreifenden Erzählung belassen ohne dass wir uns von ihr herausfordern ließen, die Begebenheit in unser Leben und in unsere Zeit hineininterpretieren. So ist es schön, zu erfahren, dass der Taubstumme Helfer hatte, Menschen, die sich seiner annahmen, denen er nicht gleichgültig war. Und das lässt uns schon an unsere Zeitsituation denken, an die vielen Menschen auf der Flucht, das lässt uns einerseits an die Hilflosigkeit und Überforderung der Regierungen denken aber auch an die spontane Hilfsbereitschaft von vielen Einzelpersonen und Gruppierungen, die die Not sehen und spontan und unbürokratisch helfen. Jesus braucht hier und heute jeden von uns, dass er nicht taub und sprachlos gegenüber der Not sein möge, dass wir uns von der Not der Menschen berühren lassen und dass wir auch keine Berührungsängste haben, wenn uns menschliches Leid so anschaulich gegenübertritt. Jesus hat den Hautkontakt mit dem Taubstummen gesucht, die menschliche Berührung als eine heilende Tat.
Aber nicht überall ist diese liebende und dienende Einstellung zu finden. Menschen in einer großen Notlage, in einem fremden Land mit einer fremden Sprache, sind sehr empfindlich, vor allem, wenn sie den Eindruck bekommen, dass sie nicht erwünscht sind, dass wir sie am liebsten wieder weiter haben möchten. Integrierung darf keine einseitige Aktion sein. Es ist billig, sich hinter Stacheldraht einzuigeln, sich auf Gesetze zu berufen, die der Situation schon längst nicht mehr gewachsen sind. Das ist genau die Geisteshaltung, die fromme Christen bei den Pharisäern anprangern.
Und was ist mit uns? Mit unserer eigenen Taubheit und Stummheit. Während wir sie notleidenden Menschen gegenüber überwinden können ist Taubheit und Stummheit Gott gegenüber weitgehend eine Haltung geworden. Und so laufen auch wir in die Sackgasse der Isolation. Fragen wir uns doch selbst, fragen sie die Menschen in ihrer Umgebung wie es mit dem Hören auf Gott steht und ob wir ihm gegenüber nicht eine merkwürdige Stummheit und Sprachlosigkeit pflegen. Sind wir nicht deshalb stumm geworden, weil wir verlernt haben, zu hören? Und brauchen wir nicht auch immer wieder Menschen, die uns an der Hand nehmen und uns den Weg bereiten zu einer Begegnung mit diesem heilenden Christus?
Und sind wir selber, Gott sei Dank, für viele Menschen Wegbereiter, damit sie geheilt werden können? Das wäre ja unsere Berufung als Christen. Und darum immer wieder die große Bitte: der Herr möge uns von unserer eigenen Stummheit und Sprachlosigkeit befreien. Wir würden staunen, wenn wir entdecken könnten, dass die Wunder Gottes auch in unseren Tagen sich wiederholen könnten, wenn wir den Weg in die heilende Nähe Jesu finden würden.
Aber wir staunen heute über ganz andere Dinge als über die göttlichen Wunder. Wir staunen über unsere technischen Möglichkeiten, wir staunen über die Schönheiten der Schöpfung. Das ist alles gut und in Ordnung; aber wir haben es verlernt, Verbindungen zu knüpfen zwischen der Welt in der wir leben und ihren Angeboten und Gott, der diese Welt erschaffen und unserer Verantwortung übergeben hat. Und Gott hat diese Welt gut erschaffen. Das wird im Schöpfungsbericht ausdrücklich erwähnt: Gott sah, dass es gut war, was er gemacht hatte. Was wir Menschen mit dieser Schöpfung treiben ist aber leider nicht immer gut. Vor allem haben wir die Perspektive verloren. Wir sind wie Kinder, die ein schön verpacktes Geschenk bekommen haben, dieses auspacken und sich daran freuen; aber auf eines vergessen sie: an den zu denken, von dem sie das Geschenk haben. Die Schöpfung Gottes trägt seine Züge, in der Schöpfung sind seine Spuren zu finden. Wir müssen also wieder die Sprache Gottes heraushören können aus seiner Schöpfung und wir müssen ihm eine Antwort geben. Aber die Sprache kommt immer wieder an eine Grenze. Und zu Gott zu sprechen, das gelingt vielen Menschen nur formelhaft, abstrakt und unpersönlich. Sie haben es nicht gelernt, Gott zu sagen, was sie wirklich empfinden. Gottes Worte zu hören, ihren tieferen Sinn zu verstehen, auch das erscheint vielen Menschen von heute unmöglich. Gott ist der ganz andere, er ist tot, so verkündete vor wenigen Jahren sogar eine ganze Denkrichtung. Weniger Tiefsinnige begnügen sich mit dem Hinweis, dass Gott in ihrem Leben nicht vorkommt, dass sie ihn noch nie zu sich reden hörten. Demzufolge ist es für sie auch ein sinnloses Unterfangen, mit ihm zu kommunizieren, auf Du und Du mit ihm zu stehen, das zu tun, was für Jesus und viele seiner Jünger bis heute selbstverständlich ist. Jesus nimmt den Taubstummen beiseite, weg von der Menge und nicht mit einem machtvollen Wort heilt er ihn, sondern indem er ihm den Finger in die Ohren legt und seine Zunge mit Speichel berührt. Der Taubstumme sollte intensiv mit dem heilenden Jesus konfrontiert werden.
Auch einer solchen Konfrontation weichen wir oft aus, meiden die Stille, meiden das Nachdenken über uns selbst. Wir versuchen immer wieder die Probleme um uns herum zu lösen und vernachlässigen unser eigenes Leben und töten somit die Fähigkeit zu hören und zu reden in uns ab.
Wenn sie sich an die Lesung aus dem Buch Jesaja erinnern, die wir gehört haben, so sind die Verheißungen Gottes zahlreich. Aber wer reagiert schon auf sie. Wir hören sie bloß, aber wir lassen uns von ihnen nicht mehr berühren. Würden wir sie ernst nehmen, dann wäre der erste Schritt in unserem Heilungsprozess bereits getan.
Wunder könnten auch an uns geschehen, wenn wir den Kontakt mit Gott suchen würden, Wunder könnten auch an anderen Menschen geschehen, wenn wir sie in die Nähe Jesu führen könnten, durch unser Leben und unser fürbittendes Gebet. Und auch das Staunen könnte in unserem Leben wieder einen Platz haben, das Staunen über eine Gott von dem es heißt: „Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen“ Amen.

PM


Freitag, 7. September 2018
020918 22. So im Jahreskreis


020918
22. Sonntag im Jahreskreis
Jak 1, 17-18.21b-22.27
________________________________________________________________


Es gibt Worte der Bibel, über die lesen wir hinweg. Sie bleiben an unserer Oberfläche hängen und dringen nicht in die Tiefe, werden nicht lebendig. Was Jakobus in unserer Lesung schreibt, das ist ein solcher Satz. Hören wir ihn noch einmal mit unserer ganzen Aufmerksamkeit: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt.“
Im Leben eines jeden von uns gibt es diese guten Gaben und diese vollkommenen Geschenke. Sie können vielfältiger Art sein: Freude an einem schönen Musikstück, die Nähe eines geliebten Menschen, ein sonniger Urlaubstag. Was uns fehlt ist, dass wir vergessen die Beziehung zu Gott herzustellen. Und wo könnte unsere Spurensuche nach Gott besser beginnen als mit unseren ureigensten Erlebnissen. Diese sind es, in denen uns Gott trifft und anspricht.
Rainer Maria Rilke hat in seiner Lyrik eine Strophe geschrieben, die eine Beziehung zu Gott in seinem Leben uns übermittelt. Er schreibt:

Du bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin,
wenn ich mich nur in deine Nähe stelle.
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
an deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein Wille geht wie eine Welle
und jeder Tag ertrinkt darin.

Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und steht vor dir wie aller Engel größter:
ein fremder, bleicher und noch unerlöster,
und hält dir seine Flügel hin.

Rilke hat hier eine Erfahrung mit Gott gemacht, eine Erfahrung, die auch jedem von uns offensteht, vorausgesetzt, wir begeben uns auf die Suche nach diesem geheimnisvollen Gott, der sich uns geoffenbart hat und zugleich immer wieder verbirgt. Irgendein Erlebnis hat Rilke die Größe Gottes gezeigt und er hat seine eigene Kleinheit erkannt. Und ich halte diese Erkenntnis auch für unser eigenes Leben für sehr wichtig und bedeutungsvoll. Während sich heute viele Menschen selbstbewusst fühlen, nichts über sich anerkennend, müsste ein Mensch von heute doch auch dazu fähig sein, seine Gebrechlichkeit und seine Kleinheit im Universum und vor allem vor Gott anzuerkennen. Diese Erkenntnis bringt den Menschen in die Situation eines dankenden und eines bittenden. Nur Gott kann dem Menschen zeigen, wer er ist. Denn was der Mensch ist, das ist er durch die mitteilende Liebe Gottes. Jakobus drückt das in dem kurzen Satz unüberbietbar aus: Wir sind gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung.
Nur der Mensch verleiht der Schöpfung eine Stimme, nur der Mensch kann loben und kann danken, nur der Mensch kann dem Schöpfergott eine angemessene Antwort geben, ohne ihn bleibt das Universum stumm. Vielleicht schenkt uns Gott in einem gnadenhaften Augenblick einmal das Staunen über diese Tatsache.
Nun wird aber Jakobus gleich konkret. Unsere Erwählung durch Gott und unsere Auszeichnung im Rahmen der ganzen Schöpfung birgt eine große Verantwortung in sich. Jakobus sagt: Hört euch das nicht nur an, sondern handelt danach. Es wäre entschieden zu wenig, uns nur zu sonnen in unserer geschenkten Würde. Wir müssen uns den Blick für die konkrete Not um uns herum bewahren, wir haben Sorge dafür zu tragen, dass sich das Gute in der Welt durchsetzt. Nicht nur unsere eigene Heiligung ist uns aufgegeben, sondern die Heiligung der Welt. Eine schier unerfüllbare Aufgabe; aber sie wäre es nicht, wenn alle Christen und alle gutdenkenden Menschen in ihrem Leben das umsetzen würden, was sie in ihrem Herzen glauben.
Denken wir daran, dass am Ende der Eucharistiefeier, nachdem wir unsere Gaben dargebracht haben, die in Jesu Gegenwart gewandelt wurden, der Auftrag steht: Gehet hin in Frieden! Das ist kein Auftrag für eine erholsame Woche, das ist ein Aufruf zur Aktion. Alle Energien unseres Lebens sollten eingesetzt werden, damit sich die Botschaft Jesu in dieser Welt mehr und mehr durchsetzt. Wenn sie sich bloß im eigenen Herzen festgesetzt hat, wäre das zu wenig.
Im Evangelium von heute geht es wesentlich um die gleiche Aussage. Sehr energisch geht Jesus hier mit den sogenannten Frommen um, die nach außen alle Gesetze peinlich genau einhielten. Jesus wischt all ihre sogenannte Frömmigkeit hinweg, denn das Wesentlich haben sie vergessen: Die Verehrung Gott allein mit den Lippen ist zu wenig, wenn das Herz nicht dabei ist. Wir dürfen uns aber bei den Anklagen Jesu nicht einfach auf eine Volksgruppe einschießen, die zurzeit Jesu einen großen Einfluss hatte. Die Haltung des Pharisäers infiziert uns selbst immer wieder in unserer Selbstgerechtigkeit und in unserem „Da kann man halt nichts machen!“ Jesus tadelt in den Pharisäern auch uns, die wir unsere kleinen Taten nicht tun, weil wir für die großen zu schwach sind. Jesus tadelt uns, wenn wir die Hände in den Schoß legen und einfach nur abwarten.
Wenn wir die Bibel aufmerksam lesen, so fällt uns auf, wie sich Gott um den Menschen bemüht, wie er ihn auf seine Größe hinweist aber auch auf seine Gebrechlichkeit, wie er ihm seine Möglichkeiten zeigt, aber auch seine Irrwege und sein Versagen. Und von all dem müssen wir uns ansprechen lassen, damit wir langsam dahinterkommen, dass Gott gar nicht so weit weg von uns ist. Und so möchte ich zum Schluss noch aus dem Stundenbuch von Rainer Maria Rilke eine kleine Stelle zitieren:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ist`s, weil ich dich selten atmen höre
und weiß: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
durch Zufall; denn es könnte sein:
ein Rufen deines oder meines Munds -
und sie bricht ein
ganz ohne Lärm und Laut.
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.


P. Paul Mühlberger SJ

Sonntag, 26. August 2018
260818 21. So im Jahreskreis


260818
21. Sonntag im Jahreskreis
Joh 6,60-69
_________________________________________________________________________


Sie können sich noch erinnern, dass ich bei meiner letzten Predigt am vergangen Sonntag betont habe, wie wichtig es ist, sein eigenes Leben mit allen seinen Ereignissen mit Gott zu konfrontieren, um Gott die Möglichkeit zu geben durch die Ereignisse hindurch zu uns zu sprechen. Sicherlich gibt es in unserem Glauben Dinge, die wir einfach so hinuntergeschluckt haben, die uns aber dennoch Schwierigkeiten bereiten. In der Schule und in der Predigt wird immer wieder über die Inhalte des Glaubens gesprochen und wir konsumieren all das ohne uns darüber Gedanken zu machen. Es gibt Menschen, die kümmern sich um Gott keinen Deut; aber wir sind Glaubende, wir sind irgendwann einmal von der Botschaft des Evangeliums angesprochen worden, merken aber immer wieder wie saft- und kraftlos unser Glaube in Wirklichkeit ist. Ein kleines Wackeln würde manchmal genügen, um das ganze Gebäude ins Wanken zu bringen.
Auch in diesem Evangelium sagten die Zuhörer Jesu: „Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?“ Ist ihnen diese Aussage wirklich so fremd? Ärgern sie sich wirklich über den scheinbaren Unverstand der Zuhörer Jesu von damals? Ich würde ihnen nicht so sehr böse sein, denn was Jesus ihnen da sagte überstieg ihr Fassungsvermögen bei weitem.
Seien wir ehrlich mit unseren Fragen an unseren Glauben. Es wird uns guttun und zu mancher Klärung führen. Die Frage etwa: Ist unser Glaube am Ende nicht vielleicht doch nur eine Einbildung, eine nützliche Krücke für die Psyche von Lebensuntüchtigen, ein Trostpflaster für Zeiten der Not? Behindert er nicht, aufs Ganze gesehen, ein ungezwungenes Leben oder macht es sogar unmöglich?
Genau das Gleiche fragte sich auch immer wieder das Volk Israel. Es war nach vierzig Jahren Wanderschaft durch die Wüste im Lande der Kanaanäer seßhaft geworden. Und nun sah es, dass diese heidnischen Stämme in vielen Dingen unbeschwerter lebten, obwohl - oder gerade, weil - sie nicht an Jahwe glaubten und darum auch nicht seine Gebote zu halten hatten. In dieser Situation zwang der Richter Josua die Israeliten sich zu entscheiden: für oder gegen Jahwe! Weichen wir nicht einer solchen Entscheidung zu oft aus?
Zweifel begegnen wohl jedem von uns. Sie werden nicht zuletzt durch die Vorwürfe ausgelöst, die an uns herangetragen werden. So wird gelegentlich behauptet, die christliche Hoffnung sei nichts anderes als ein fauler Trick, um den eigentlichen Lebensproblemen ausweichen zu können. Aber muß man da nicht zurückfragen: Was ist denn die „eigentliche“ Frage der Menschheit, und zwar zu allen Zeiten? Ist er nicht gerade die Frage, welchen Sinn unser Leben hat und was uns nach der Stunde unseres Todes erwartet? Wir brauchen uns nicht als Miesmachen abqualifizieren zu lassen, nur weil wir diese Frage angehen. In Wirklichkeit spielt sie ja auch eine zentrale Rolle auf dem Markt der Weltanschauungen. Ich möchte ihnen kurz und - zugegeben - sehr vereinfacht einige vorstellen. Sie können dann selbst ihre Auswahl treffen.
Da sind einmal die kollektivistischen Ideologien verschiedenster Art. Nicht nur der Materialismus, sondern auch manche modische Sekten meinen, Sinn und Ziele meines Lebens liege vor allem in meinem Einsatz für das Glück künftiger Generationen. Es gibt sicherlich Menschen, die mit dieser Antwort leben können. Ich sage dies mit einer gewissen Hochachtung vor ihrem Idealismus aber riecht dies nicht stärker nach Vertröstung, als es der christlichen Hoffnungsbotschaft vorgeworfen wird?
In die entgegengesetzte Richtung zielt der „Konsumismus“, wiederum einmal platt materialistisch geprägt, pseudoreligiös verbrämt, in allerlei Subkulturen vertreten und vor allem ganz unreflektiert von der Mehrheit unserer Wohlstandsgesellschaft praktiziert. Sein Dogma lautet: Der Sinn des Lebens liegt im Genuß des einzelnen. Jeder mag für sich selbst sorgen. Was morgen ist, soll uns heute noch keine Sorgen machen. Nach uns die Sintflut. Und eine seltsame Fortschrittsgläubigkeit segnet diese Sicht ab. Ist das eine befriedigende Antwort?
Kein Wunder, dass sich viele Enttäuschte lebensverdrossen einem Fatalismus ergeben. Sie sagen: Das ist nun einmal so, dass der Mensch ein paar Jahre lebt und dann stirbt. Da kann man nichts machen. Und eines Tages geht es mit der ganzen Welt zu Ende. Dann ist eben alles aus. Damit muß man sich abfinden.
In den letzten Jahren sind auch allerlei Gruppierungen mit der Lehre der Reinkarnation, der Wiedergeburtslehre und des Okkultismus auf den Plan getreten. Und da sie wie das Christentum vom ewigen Leben sprechen, erwecken sie bei manchen Leichtgläubigen den Anschein, als sei diese Lehre im Grunde doch christlich. Es geht aber darum, dass hier der Mensch die Chance eingeräumt bekommt oder dazu verdammt wird, sich in mehreren Leben zu reinigen, bis er schließlich zur Vollkommenheit gelangt ist. Religiöse Leistungsideologie möchte ich dies nennen.
Besonders verführerisch sind auch die Antworten mancher Wissenschaftstheoretiker, die darauf verweisen, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sinnlos sei, da doch keine der denkbaren Antworten beweisbar sei. Natürlich läßt sich keine Antwort im naturwissenschaftlichen Sinn beweisen, aber deswegen bereits die Frage zum Tabu zu erklären ist unredlich. Allein ein Blick auf die Dichtung, die Literatur oder den Film der Gegenwart zeigt, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens gar nicht unterdrücken lässt.
Und wir kennen die Worte Jesu vom ewigen Leben. Dieses Wort spricht jedem einzelnen und nicht nur einem Kollektiv einen hohen Wert zu, aber auch den Menschen früherer und späterer Zeiten. Jesu Wort versichert uns die Liebe eines persönlichen Gottes, die uns trägt, ob wir es erkennen oder nicht, in guten und in schwierigen Zeiten. Wenn ich weiß, dass mein Leben von Anfang an und für alle Zeiten in der schützenden Hand Gottes liegt, dann kann ich auch fallen ohne zu Grunde zu gehen; dann kann ich auch zuversichtlicher leben. Ich stehe nicht unter dem Zwang des Erfolgs um jeden Preis, jetzt oder nie. Das macht das Herz frei und läßt auch irdisches Glück erst richtig wahrnehmen.
Sie können nun selbst unter diesen verschiedenen Antworten jene auswählen, mit der sie am besten leben können, mit der sie am besten sterben können und mit der sich guten Gewissens Leben weitergeben können. Ich bin überzeugt, dass wir Christen mit der von Jesus empfangenen Botschaft auf die Frage nach dem Sinn des Lebens den Vergleich mit anderen nicht zu scheuen brauchen. Wir können im Gegenteil ganz ungeniert fragen: Wer weiß etwas Besseres?
Und noch viel wichtiger als die Frage, ob diese oder jene Weltanschauung die bessere ist, ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Person, die für die Wahrheit bürgt. Hier komme ich zum gleichen Ergebnis wie Petrus: „Herr, zu wem sollen wir denn sonst gehen? Du allein bist es, der Worte ewigen Lebens hat.“

P. Paul Mühlberger SJ

Donnerstag, 9. August 2018
120818 19.So im Jahreskreis

120818
19. So Im Jahreskreis
Eph 4,30 – 5,2
Joh 6,41 – 51
__________________________________________________________________________



Vielleicht sind sie auch schon etwas müde und erschöpft durch ein Kaufhaus gegangen und schließlich in der Bücherecke stehen geblieben. Und dort war dann alles zu finden, was sie im Augenblick gerade gebraucht hätten, ein Buch etwa mit dem Titel: „Wege zu einem neuen Bewußtsein“ oder „Neue Energie durch neues Denken“. Oder es wird ganz einfach versprochen: „So machen sie mehr aus ihrem Leben“. Und nachdem sie dann in dem einen oder anderen Buch geblättert haben, haben sie sich beim Weitergehen gedacht: Wenn das so einfach wäre. Man kauft das richtige Buch, liest es, und alle Probleme sind gelöst.
Im Evangelium von heute spricht Jesus nicht nur von einem neuen, sondern sogar von einem ewigen Leben. Und den Zugang zu diesem ewigen Leben bilden keine Geheimkenntnisse und keine langwierige Versenkung. Es heißt nur: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“
Das klingt ungewöhnlich. Und selbst wenn die frühe Gemeinde bei diesen Worten sofort an das Herrenmahl gedacht hat: Wie kann die Feier der Eucharistie dieses bleibende und gültige Leben garantieren? Ist das nicht etwas zu einfach gedacht? Und würde das nicht bedeuten, dass von diesem Leben alle ausgeschlossen sind, die nicht am Herrenmahl teilnehmen?
Aber es geht nicht darum jemand auszuschließen, sondern uns, die wir an Jesus glauben wird etwas sehr Wichtiges gesagt. Das ewige Leben ist ein Geschenk, das unserer menschlichen Natur nicht mit Selbstverständlichkeit zusteht. In der Heiligen Kommunion geschieht die tiefste Verbindung, die uns Menschen mit Gott möglich ist. Aber aus dieser Verbindung leiten sich auch Konsequenzen ab. Es kann jemand täglich die heilige Kommunion empfangen – aber was ist, wenn er nicht sein Leben im Sinn Jesu gestaltet. Würde da nicht ein großer Widerspruch sichtbar zwischen dem was er als Speise empfängt und dem was er lebt? Wenn unser Glaube sich auf Jesus beruft, dann muß man das auch an unserem Leben ablesen können. Und dann kann man nicht so tun als ginge es einem nichts an, dass Jesus heilend und befreiend auf die Menschen seiner Zeit gewirkt hat. Da kann man nicht mit einem Achselzucken darüber hinwegsehen, dass Jesus auf jede Gewalt verzichtet hat und aufgefordert hat, sogar noch dem Feind die Hand zu Versöhnung zu bieten.
Dieses Lebensprogramm Jesu hat seinen Ausdruck gefunden in dem Mahl, das er mit seinen Jüngern gefeiert hat. Er hat keinen Katalog von neuen geboten und Verboten aufgestellt. Jesus wollte eine Gemeinschaft stiften, die Gott und die Welt mit neuen Augen sieht: Wo das Vertrauen die Angst überwindet und wo aus der Sorge um uns selbst die Bereitschaft wird, füreinander Verantwortung zu übernehmen, dort fängt das neue Leben ganz von selbst an. So hat Jesus auch selbst das Brot und den Wein nicht einfach in seinen Leib und sein Blut verwandelt, sondern auch durch seinen Tod und seine Aufopferung am Kreuz uns seine Liebe bis zum Äußersten gezeigt.
Die Juden begannen untereinander zu streiten. Ihr Verständnis von dem was Jesus sagte bewegte sich nur auf der Oberfläche. Aber wie hätten wir reagiert, wenn wir an ihrer Stelle gewesen wären? Aber Jesus schwächt seine Aussage nicht ab, im Gegenteil, er betont immer wieder: Das Essen seines Leibes und das Trinken seines Blutes eint mit Gott und bewirkt das ewige Leben. Und trotzdem müssen wir sagen, dass es auch möglich wäre, trotz des Empfanges der Kommunion am Leben vorbeizugehen, weil es eben nicht nur um die Feier des Abendmahls geht, sondern auch um das Mitgehen auf dem Kreuzweg und den Einsatz des eigenen Lebens.
So macht uns auch der Text aus dem Epheserbrief des Hl. Paulus das Leben nicht gerade leicht. Und vielleicht ist dieser Text zu verstehen wie eine Erweiterung dessen, was Jesus mit Kommunion gemeint hat und mit dem Leben in seiner Gegenwart. Es geht um das Nutzen der Zeit und um die sorgfältige Führung des eigenen Lebens. Im praktischen Leben spielt die Zeit ja eine wichtige Rolle. Alle Kosten werden in der Wirtschaft nach der Zeit berechnet, wir müssen unsere Arbeitszeit nutzen und auch unsere Freizeit. In der Praxis setzen wir also voraus als verfügten wir über die Zeit. Aber wir lernen mitunter auch durch unsere eigene Erfahrung, dass die Zeit ein Geschenk ist, dass wir sie nicht einfach haben wie einen festen Besitz.
Der ehemalige sowjetische Staatspräsident Gorbatschow hat das sinnige Wort bekannt gemacht: „Wer die Zeit verpaßt, den bestraft das Leben“. Er hat dies in einer brisanten politischen Situation gesagt, doch läßt sich das durchaus ins alltägliche Leben übertragen. Wir alle kennen die Situation des Augenblicks. Unser Leben lebt ja weniger von der Alltäglichkeit, sondern vielmehr vom besonderen Augenblick, vor allem im Positiven. Nicht nur, dass es nicht selten darauf ankommt, etwas nicht zu verpassen; wir wissen alle, wie sehr es darauf ankommt, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Mit anderen Worten: Wir sind zu Entscheidungen herausgefordert. Dem Menschen sind Entscheidungen möglich, ja er wird gleichwohl zu Entscheidungen gezwungen. Wir können Fehler dabei machen; der größte Fehler ist allerdings, Entscheidungen zu vermeiden. Nicht ohne Grund kennt die Bibel das Phänomen „Zeit“ in erster Linie als „Entscheidungszeit“.
Jeder Satz des Apostels ist hier bedeutsam, besonders wenn er sagt: Begreift, was der Wille des Herrn ist!“ Und da kommen wir wieder exakt zurück zu unserer Johannesstelle aus dem Evangelium. Eucharistie bedeutet ein Zweifaches: Mahl und Opfer. Beides gehört untrennbar zusammen. Im Mahl empfangen wir die innige Verbindung mit Jesus, seine Leben und seinem Leiden. Das ist aber mehr als eine fromme Erinnerung. Das fordert auch uns auf, dem Mahl, d.h. der Gemeinsamkeit mit Jesus, unsere Tat folgen zu lassen. Das was Paulus einmal sagt: Wir sollten ein zweiter Christus sein, das wird hier äußerst aktuell. Die Frohe Botschaft der Erlösung dringt nicht in unsere Welt hinein, wenn wir sie nicht aktualisieren, wenn wir nicht ganz bewußt versuchen, im Geist Christi unser Leben zu führen. Und so besteht unser religiöses Leben nicht bloß aus dem Trost, den uns Gott immer wieder schenkt, sondern auch aus dem Aufnehmen unseres eigenen Kreuzes und darin, dass wir uns „von seinem Geist erfüllen lassen“.
An all das sollten wir denken, wenn wir Sonntag für Sonntag den Leib des Herrn empfangen. Mit diesem Empfang ist eine Aufgabe verbunden und eine harte Verantwortung. Bitten wir den Herrn, dass wir ihr gerecht werden. Amen.

PM

Donnerstag, 9. August 2018
120818 19.So im Jahreskreis

120818
19. So Im Jahreskreis
Eph 4,30 – 5,2
Joh 6,41 – 51
__________________________________________________________________________



Vielleicht sind sie auch schon etwas müde und erschöpft durch ein Kaufhaus gegangen und schließlich in der Bücherecke stehen geblieben. Und dort war dann alles zu finden, was sie im Augenblick gerade gebraucht hätten, ein Buch etwa mit dem Titel: „Wege zu einem neuen Bewußtsein“ oder „Neue Energie durch neues Denken“. Oder es wird ganz einfach versprochen: „So machen sie mehr aus ihrem Leben“. Und nachdem sie dann in dem einen oder anderen Buch geblättert haben, haben sie sich beim Weitergehen gedacht: Wenn das so einfach wäre. Man kauft das richtige Buch, liest es, und alle Probleme sind gelöst.
Im Evangelium von heute spricht Jesus nicht nur von einem neuen, sondern sogar von einem ewigen Leben. Und den Zugang zu diesem ewigen Leben bilden keine Geheimkenntnisse und keine langwierige Versenkung. Es heißt nur: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.“
Das klingt ungewöhnlich. Und selbst wenn die frühe Gemeinde bei diesen Worten sofort an das Herrenmahl gedacht hat: Wie kann die Feier der Eucharistie dieses bleibende und gültige Leben garantieren? Ist das nicht etwas zu einfach gedacht? Und würde das nicht bedeuten, dass von diesem Leben alle ausgeschlossen sind, die nicht am Herrenmahl teilnehmen?
Aber es geht nicht darum jemand auszuschließen, sondern uns, die wir an Jesus glauben wird etwas sehr Wichtiges gesagt. Das ewige Leben ist ein Geschenk, das unserer menschlichen Natur nicht mit Selbstverständlichkeit zusteht. In der Heiligen Kommunion geschieht die tiefste Verbindung, die uns Menschen mit Gott möglich ist. Aber aus dieser Verbindung leiten sich auch Konsequenzen ab. Es kann jemand täglich die heilige Kommunion empfangen – aber was ist, wenn er nicht sein Leben im Sinn Jesu gestaltet. Würde da nicht ein großer Widerspruch sichtbar zwischen dem was er als Speise empfängt und dem was er lebt? Wenn unser Glaube sich auf Jesus beruft, dann muß man das auch an unserem Leben ablesen können. Und dann kann man nicht so tun als ginge es einem nichts an, dass Jesus heilend und befreiend auf die Menschen seiner Zeit gewirkt hat. Da kann man nicht mit einem Achselzucken darüber hinwegsehen, dass Jesus auf jede Gewalt verzichtet hat und aufgefordert hat, sogar noch dem Feind die Hand zu Versöhnung zu bieten.
Dieses Lebensprogramm Jesu hat seinen Ausdruck gefunden in dem Mahl, das er mit seinen Jüngern gefeiert hat. Er hat keinen Katalog von neuen geboten und Verboten aufgestellt. Jesus wollte eine Gemeinschaft stiften, die Gott und die Welt mit neuen Augen sieht: Wo das Vertrauen die Angst überwindet und wo aus der Sorge um uns selbst die Bereitschaft wird, füreinander Verantwortung zu übernehmen, dort fängt das neue Leben ganz von selbst an. So hat Jesus auch selbst das Brot und den Wein nicht einfach in seinen Leib und sein Blut verwandelt, sondern auch durch seinen Tod und seine Aufopferung am Kreuz uns seine Liebe bis zum Äußersten gezeigt.
Die Juden begannen untereinander zu streiten. Ihr Verständnis von dem was Jesus sagte bewegte sich nur auf der Oberfläche. Aber wie hätten wir reagiert, wenn wir an ihrer Stelle gewesen wären? Aber Jesus schwächt seine Aussage nicht ab, im Gegenteil, er betont immer wieder: Das Essen seines Leibes und das Trinken seines Blutes eint mit Gott und bewirkt das ewige Leben. Und trotzdem müssen wir sagen, dass es auch möglich wäre, trotz des Empfanges der Kommunion am Leben vorbeizugehen, weil es eben nicht nur um die Feier des Abendmahls geht, sondern auch um das Mitgehen auf dem Kreuzweg und den Einsatz des eigenen Lebens.
So macht uns auch der Text aus dem Epheserbrief des Hl. Paulus das Leben nicht gerade leicht. Und vielleicht ist dieser Text zu verstehen wie eine Erweiterung dessen, was Jesus mit Kommunion gemeint hat und mit dem Leben in seiner Gegenwart. Es geht um das Nutzen der Zeit und um die sorgfältige Führung des eigenen Lebens. Im praktischen Leben spielt die Zeit ja eine wichtige Rolle. Alle Kosten werden in der Wirtschaft nach der Zeit berechnet, wir müssen unsere Arbeitszeit nutzen und auch unsere Freizeit. In der Praxis setzen wir also voraus als verfügten wir über die Zeit. Aber wir lernen mitunter auch durch unsere eigene Erfahrung, dass die Zeit ein Geschenk ist, dass wir sie nicht einfach haben wie einen festen Besitz.
Der ehemalige sowjetische Staatspräsident Gorbatschow hat das sinnige Wort bekannt gemacht: „Wer die Zeit verpaßt, den bestraft das Leben“. Er hat dies in einer brisanten politischen Situation gesagt, doch läßt sich das durchaus ins alltägliche Leben übertragen. Wir alle kennen die Situation des Augenblicks. Unser Leben lebt ja weniger von der Alltäglichkeit, sondern vielmehr vom besonderen Augenblick, vor allem im Positiven. Nicht nur, dass es nicht selten darauf ankommt, etwas nicht zu verpassen; wir wissen alle, wie sehr es darauf ankommt, im entscheidenden Augenblick das Richtige zu tun. Mit anderen Worten: Wir sind zu Entscheidungen herausgefordert. Dem Menschen sind Entscheidungen möglich, ja er wird gleichwohl zu Entscheidungen gezwungen. Wir können Fehler dabei machen; der größte Fehler ist allerdings, Entscheidungen zu vermeiden. Nicht ohne Grund kennt die Bibel das Phänomen „Zeit“ in erster Linie als „Entscheidungszeit“.
Jeder Satz des Apostels ist hier bedeutsam, besonders wenn er sagt: Begreift, was der Wille des Herrn ist!“ Und da kommen wir wieder exakt zurück zu unserer Johannesstelle aus dem Evangelium. Eucharistie bedeutet ein Zweifaches: Mahl und Opfer. Beides gehört untrennbar zusammen. Im Mahl empfangen wir die innige Verbindung mit Jesus, seine Leben und seinem Leiden. Das ist aber mehr als eine fromme Erinnerung. Das fordert auch uns auf, dem Mahl, d.h. der Gemeinsamkeit mit Jesus, unsere Tat folgen zu lassen. Das was Paulus einmal sagt: Wir sollten ein zweiter Christus sein, das wird hier äußerst aktuell. Die Frohe Botschaft der Erlösung dringt nicht in unsere Welt hinein, wenn wir sie nicht aktualisieren, wenn wir nicht ganz bewußt versuchen, im Geist Christi unser Leben zu führen. Und so besteht unser religiöses Leben nicht bloß aus dem Trost, den uns Gott immer wieder schenkt, sondern auch aus dem Aufnehmen unseres eigenen Kreuzes und darin, dass wir uns „von seinem Geist erfüllen lassen“.
An all das sollten wir denken, wenn wir Sonntag für Sonntag den Leib des Herrn empfangen. Mit diesem Empfang ist eine Aufgabe verbunden und eine harte Verantwortung. Bitten wir den Herrn, dass wir ihr gerecht werden. Amen.

PM

Donnerstag, 9. August 2018
050818


050818 18. So im Jahreskreis
Jo 6, 24-35
__________________________________________________________________


Hunger, den wir pflegen sollten
An die wunderbare Brotvermehrung schließt Jesus eine ausführliche Rede über das wahre Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, an. Er will den Menschen mehr bieten als leibliches Sattwerden. Ihm ist es ein Anliegen, den Hunger der Seele zu stillen. Den seelischen Hunger muss man zunächst erst wahrnehmen und dafür sensibel werden.
Satt geworden
Am letzten Sonntag haben wir von der wunderbaren Brotvermehrung gehört, die Jesus bewirkt hatte. Als Ort war das Kafarnaum gegenüberliegende Ufer des Sees Genezareth angegeben. Offensichtlich war ein Teil der Menschen abends nicht mehr heimgekehrt, was nachvollziehbar ist. Selbst wenn die Zahl Fünftausend Teilnehmer bei der Brotvermehrung sehr hoch gegriffen ist – sie will verdeutlichen, dass es sich um eine riesige Schar handelte -, müssen viele aus entlegeneren Orten anwesend gewesen sein. Sie zogen es vor, am Ort des geschehenen Wunders zu bleiben, was von der Temperatur her gut möglich war, anstatt einen langen Heimweg anzutreten. Beim Erwachen in der Frühe des Tages bemerkten sie, dass die Jünger und Jesus schon in der Nacht den Ort verlassen haben. Bei der Frage „Wo könnten sie sein?“, vermuten sie, dass Jesus und die Jünger nach Kafarnaum zurückgekehrt sind. Denn Kafarnaum war Jesu Lieblingsstadt und die von ihm neu erwählte Heimat, nachdem man ihn in Nazareth abgelehnt hatte. So bestiegen sie die Schiffe und fuhren nach Kafarnaum, wo sie Jesus auch antrafen.
In der nun folgenden sogenannten Brot-Rede Jesu, die Johannes aus vielen Äußerungen Jesu zusammengestellt hat - sie findet sich bei keinem anderen Evangelisten - fasst Johannes das Anliegen Jesu zusammen: Jesus möchte, dass die Menschen erkennen, dass sie nicht nur für den Leib Nahrung benötigen, die er ihnen durch das Wunder der Brotvermehrung geschenkt hatte, sondern auch für die Seele. Die Teilnehmer am Brotwunder hatten sich sicher über die Sättigung mit Brot gefreut, aber nicht begriffen, dass Jesus ihnen mit dem Brotwunder vor allem auch Nahrung für die Seele angeboten hatte. Sie erkennen offensichtlich nicht beglückt: Dieses Brot wird uns gleichsam als Himmelsbrot von dem geschenkt, der für uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist, um uns Gottes Liebe zu bezeugen und uns im Gutestun zu bestärken. Wenn Jesus sagt „Ich bin das Brot des Lebens“, dann will er darauf hinweisen, dass die Verbindung zu ihm Kräfte schenkt, die wir nur aus der Verbindung mit ihm oder Gott erhalten können.
Hunger des Leibes, Hunger der Seele
Jesus knüpft an die Erfahrungen des Volkes Israel in der Wüste an. In seinem Hunger murrte das Volk und wünschte sich, bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben zu sein. Jahwe greift ein und sendet dem Volk das Manna und die Wachteln. Achten wir darauf, dass schon hier Jahwe nicht Brot und Fleisch, mit denen die Israeliten in Ägypten ihren Hunger gestillt hatten, vom Himmel regnen lässt, sondern das Manna. Als die Israeliten fragen „Was ist das?“, antwortet ihnen Moses: Es ist das Brot vom Himmel, eine Speise, die nur Gott geben kann. Diese Speise vom Himmel erfährt seine Erneuerung und Erhöhung im Abendmahl, wo sich Jesus den Jüngern in der Gestalt des verwandelten Brotes schenkt. Diese Speise stärkt uns, Dinge zu vollbringen, deren Früchte Speise für unsere Seele sind.
Uns stellt sich die Frage: Was sollen uns Jesu Worte bedeuten? - Wir alle spüren, dass wir nicht nur hungern nach Nahrung für unseren Leib. Auch Hunger nach Erfolg und Anerkennung, Verbundenheit und Geborgenheit, nach Schutz, Gnade und Gottes Kraft macht sich in uns bemerkbar. Dieser ist oft viel stärker als der Hunger nach Nahrung für den Körper.
Hier möchte Jesus bei uns Menschen ansetzen. Spüren sollen wir diesen Hunger und nach seiner Zufriedenstellung Ausschau halten. Dabei muss und klar sein: Um die Nahrung für den Körper zu erwerben, müssen wir arbeiten oder Geld verdienen, um Naturalien kaufen zu können. Von allein jedenfalls wächst auf den Feldern kein Korn, backt sich kein Brot. Ähnlich ist es mit dem Stillen des Hungers für die Seele. Jesus, mit dem wir uns vereinen sollen, stärkt die Kräfte in uns, um Dinge zu vollbringen, deren Früchte Nahrung für die Seele sind.
Nahrung für die Seele
Als Nahrung für die Seele können wir z.B. bezeichnen: Das Erleben von Freude über Erkämpftes und Gelungenes im Bereich des Guten. Es gibt vieles, über das wir uns freuen. Aber diese besondere Freude darüber, dass wir aus der Verbindung mit Jesus das Gute regelrecht erkämpft haben, macht uns in der Regel zurecht stolz und glücklich. Diese Freude ist Nahrung für die Seele. Sie wird uns antreiben, uns neu mit aller Kraft einzusetzen.
Oder wir konnten Brücken bauen, die Unfrieden und gegenseitiges Sich-Bekämpfen beendeten und in ein schönes, neues Miteinander führten. Es gelang uns genau deswegen, weil wir im Blick auf Jesus mit Wohlwollen und Geduld ans Werk gingen. Durch die Besinnung auf Jesus Erfolg gehabt zu haben im Brückenbau bei schwierigen Situationen oder anderen Bemühungen, ist eine herzhaftere Nahrung für unsere Seele als so manches andere an Gutsein, das uns leicht von der Hand ging und auch seinen Wert hat.
Schließlich kann unsere Seele danach hungern, in der Familie aufmerksam Sorge füreinander zu tragen, liebevoll miteinander umzugehen, vor Schaden zu bewahren oder auch anderen Helfer, Tröster, Mut-Macher zu sein. Wo wir dies in Angriff nehmen, um den Hunger der Seele zu stillen, und dabei die Gesinnung Jesu bewusst und intensiv mit einströmen lassen, tun wir nicht nur etwas Gutes, sondern würzen unser Gutsein obendrein mit dem Salz, Pfeffer oder Zucker der Herzlichkeit, wie es Jesus tat. Und genau das ist Nahrung für die Seele. Dies wird jeder bestätigen, der es erprobt hat.
Den Hunger der Seele pflegen
Dass es den Hunger der Seele gibt, ist im Grunde etwas Schönes und für uns Hilfreiches. Wir sollten diesen Hunger pflegen. Denn er erinnert uns daran, immer neu das Gute anzustreben. So wie der Körper immer neu Nahrung benötigt, so lässt uns auch die Seele ihren neuaufkommenden Hunger spüren, damit wir ihn stillen:
den Hunger, der um Gnade und Segen, Beistand und Erbarmen bittet,
den Hunger, der sich nach Versöhnung, Gemeinschaft und gegenseitige Wertschätzung sehnt,
den Hunger, der danach verlangt, gut, mutig, entschlossen, tapfer sein zu wollen,
den Hunger, sich geborgen zu erleben, besonders auch in Gott.
Zu bestimmten Zeiten im Kirchenjahr wie z.B. in der Fastenzeit und im Advent oder auch am Freitag werden wir durch den kirchlichen Brauch in besonderer Weise zum Fasten eingeladen, d.h. zum Hunger-Verspüren. Durch das Verspüren des körperlichen Hungers sollen wir nicht gequält werden, sondern uns daran erinnern, wonach eine lebendige Seele sich sehnt und verlangt, nämlich gesättigt zu werden mit den Früchten, die aus tiefer Verbundenheit mit Christus erwachsen. Durch die Länge der Fastenzeit soll der Gedanke, auch meine Seele benötigt Nahrung, den nötigen Tiefgang erreichen, um uns nicht nur gelegentlich und sparsam daran zu erinnern. Intensiv und immer neu sollen wir bedenken, was unserer Seele guttut. Unterstützen kann diese Besinnung der Alltags-Hunger unseres Körpers. Wir müssten uns nur daran gewöhnen, was ja nicht besonders schwer ist, beim Spüren von körperlichem Hunger uns an den Hunger der Seele zu erinnern. Viele Christen nutzen dafür ihr Tischgebet.
Welche Form auch immer der einzelne wählt, einlassen sollten wir uns in jedem Fall darauf, auf irgendeine Weise das Erspüren des Hungers der Seele zu stärken. Er ist ein guter Antrieb, uns neu auf Jesus einzulassen und mit seiner Kraft ans Werk zu gehen. Amen.

PM


Donnerstag, 9. August 2018
050818


050818 18. So im Jahreskreis
Jo 6, 24-35
__________________________________________________________________


Hunger, den wir pflegen sollten
An die wunderbare Brotvermehrung schließt Jesus eine ausführliche Rede über das wahre Brot, das vom Himmel herabgekommen ist, an. Er will den Menschen mehr bieten als leibliches Sattwerden. Ihm ist es ein Anliegen, den Hunger der Seele zu stillen. Den seelischen Hunger muss man zunächst erst wahrnehmen und dafür sensibel werden.
Satt geworden
Am letzten Sonntag haben wir von der wunderbaren Brotvermehrung gehört, die Jesus bewirkt hatte. Als Ort war das Kafarnaum gegenüberliegende Ufer des Sees Genezareth angegeben. Offensichtlich war ein Teil der Menschen abends nicht mehr heimgekehrt, was nachvollziehbar ist. Selbst wenn die Zahl Fünftausend Teilnehmer bei der Brotvermehrung sehr hoch gegriffen ist – sie will verdeutlichen, dass es sich um eine riesige Schar handelte -, müssen viele aus entlegeneren Orten anwesend gewesen sein. Sie zogen es vor, am Ort des geschehenen Wunders zu bleiben, was von der Temperatur her gut möglich war, anstatt einen langen Heimweg anzutreten. Beim Erwachen in der Frühe des Tages bemerkten sie, dass die Jünger und Jesus schon in der Nacht den Ort verlassen haben. Bei der Frage „Wo könnten sie sein?“, vermuten sie, dass Jesus und die Jünger nach Kafarnaum zurückgekehrt sind. Denn Kafarnaum war Jesu Lieblingsstadt und die von ihm neu erwählte Heimat, nachdem man ihn in Nazareth abgelehnt hatte. So bestiegen sie die Schiffe und fuhren nach Kafarnaum, wo sie Jesus auch antrafen.
In der nun folgenden sogenannten Brot-Rede Jesu, die Johannes aus vielen Äußerungen Jesu zusammengestellt hat - sie findet sich bei keinem anderen Evangelisten - fasst Johannes das Anliegen Jesu zusammen: Jesus möchte, dass die Menschen erkennen, dass sie nicht nur für den Leib Nahrung benötigen, die er ihnen durch das Wunder der Brotvermehrung geschenkt hatte, sondern auch für die Seele. Die Teilnehmer am Brotwunder hatten sich sicher über die Sättigung mit Brot gefreut, aber nicht begriffen, dass Jesus ihnen mit dem Brotwunder vor allem auch Nahrung für die Seele angeboten hatte. Sie erkennen offensichtlich nicht beglückt: Dieses Brot wird uns gleichsam als Himmelsbrot von dem geschenkt, der für uns vom Himmel auf die Erde gekommen ist, um uns Gottes Liebe zu bezeugen und uns im Gutestun zu bestärken. Wenn Jesus sagt „Ich bin das Brot des Lebens“, dann will er darauf hinweisen, dass die Verbindung zu ihm Kräfte schenkt, die wir nur aus der Verbindung mit ihm oder Gott erhalten können.
Hunger des Leibes, Hunger der Seele
Jesus knüpft an die Erfahrungen des Volkes Israel in der Wüste an. In seinem Hunger murrte das Volk und wünschte sich, bei den Fleischtöpfen Ägyptens geblieben zu sein. Jahwe greift ein und sendet dem Volk das Manna und die Wachteln. Achten wir darauf, dass schon hier Jahwe nicht Brot und Fleisch, mit denen die Israeliten in Ägypten ihren Hunger gestillt hatten, vom Himmel regnen lässt, sondern das Manna. Als die Israeliten fragen „Was ist das?“, antwortet ihnen Moses: Es ist das Brot vom Himmel, eine Speise, die nur Gott geben kann. Diese Speise vom Himmel erfährt seine Erneuerung und Erhöhung im Abendmahl, wo sich Jesus den Jüngern in der Gestalt des verwandelten Brotes schenkt. Diese Speise stärkt uns, Dinge zu vollbringen, deren Früchte Speise für unsere Seele sind.
Uns stellt sich die Frage: Was sollen uns Jesu Worte bedeuten? - Wir alle spüren, dass wir nicht nur hungern nach Nahrung für unseren Leib. Auch Hunger nach Erfolg und Anerkennung, Verbundenheit und Geborgenheit, nach Schutz, Gnade und Gottes Kraft macht sich in uns bemerkbar. Dieser ist oft viel stärker als der Hunger nach Nahrung für den Körper.
Hier möchte Jesus bei uns Menschen ansetzen. Spüren sollen wir diesen Hunger und nach seiner Zufriedenstellung Ausschau halten. Dabei muss und klar sein: Um die Nahrung für den Körper zu erwerben, müssen wir arbeiten oder Geld verdienen, um Naturalien kaufen zu können. Von allein jedenfalls wächst auf den Feldern kein Korn, backt sich kein Brot. Ähnlich ist es mit dem Stillen des Hungers für die Seele. Jesus, mit dem wir uns vereinen sollen, stärkt die Kräfte in uns, um Dinge zu vollbringen, deren Früchte Nahrung für die Seele sind.
Nahrung für die Seele
Als Nahrung für die Seele können wir z.B. bezeichnen: Das Erleben von Freude über Erkämpftes und Gelungenes im Bereich des Guten. Es gibt vieles, über das wir uns freuen. Aber diese besondere Freude darüber, dass wir aus der Verbindung mit Jesus das Gute regelrecht erkämpft haben, macht uns in der Regel zurecht stolz und glücklich. Diese Freude ist Nahrung für die Seele. Sie wird uns antreiben, uns neu mit aller Kraft einzusetzen.
Oder wir konnten Brücken bauen, die Unfrieden und gegenseitiges Sich-Bekämpfen beendeten und in ein schönes, neues Miteinander führten. Es gelang uns genau deswegen, weil wir im Blick auf Jesus mit Wohlwollen und Geduld ans Werk gingen. Durch die Besinnung auf Jesus Erfolg gehabt zu haben im Brückenbau bei schwierigen Situationen oder anderen Bemühungen, ist eine herzhaftere Nahrung für unsere Seele als so manches andere an Gutsein, das uns leicht von der Hand ging und auch seinen Wert hat.
Schließlich kann unsere Seele danach hungern, in der Familie aufmerksam Sorge füreinander zu tragen, liebevoll miteinander umzugehen, vor Schaden zu bewahren oder auch anderen Helfer, Tröster, Mut-Macher zu sein. Wo wir dies in Angriff nehmen, um den Hunger der Seele zu stillen, und dabei die Gesinnung Jesu bewusst und intensiv mit einströmen lassen, tun wir nicht nur etwas Gutes, sondern würzen unser Gutsein obendrein mit dem Salz, Pfeffer oder Zucker der Herzlichkeit, wie es Jesus tat. Und genau das ist Nahrung für die Seele. Dies wird jeder bestätigen, der es erprobt hat.
Den Hunger der Seele pflegen
Dass es den Hunger der Seele gibt, ist im Grunde etwas Schönes und für uns Hilfreiches. Wir sollten diesen Hunger pflegen. Denn er erinnert uns daran, immer neu das Gute anzustreben. So wie der Körper immer neu Nahrung benötigt, so lässt uns auch die Seele ihren neuaufkommenden Hunger spüren, damit wir ihn stillen:
den Hunger, der um Gnade und Segen, Beistand und Erbarmen bittet,
den Hunger, der sich nach Versöhnung, Gemeinschaft und gegenseitige Wertschätzung sehnt,
den Hunger, der danach verlangt, gut, mutig, entschlossen, tapfer sein zu wollen,
den Hunger, sich geborgen zu erleben, besonders auch in Gott.
Zu bestimmten Zeiten im Kirchenjahr wie z.B. in der Fastenzeit und im Advent oder auch am Freitag werden wir durch den kirchlichen Brauch in besonderer Weise zum Fasten eingeladen, d.h. zum Hunger-Verspüren. Durch das Verspüren des körperlichen Hungers sollen wir nicht gequält werden, sondern uns daran erinnern, wonach eine lebendige Seele sich sehnt und verlangt, nämlich gesättigt zu werden mit den Früchten, die aus tiefer Verbundenheit mit Christus erwachsen. Durch die Länge der Fastenzeit soll der Gedanke, auch meine Seele benötigt Nahrung, den nötigen Tiefgang erreichen, um uns nicht nur gelegentlich und sparsam daran zu erinnern. Intensiv und immer neu sollen wir bedenken, was unserer Seele guttut. Unterstützen kann diese Besinnung der Alltags-Hunger unseres Körpers. Wir müssten uns nur daran gewöhnen, was ja nicht besonders schwer ist, beim Spüren von körperlichem Hunger uns an den Hunger der Seele zu erinnern. Viele Christen nutzen dafür ihr Tischgebet.
Welche Form auch immer der einzelne wählt, einlassen sollten wir uns in jedem Fall darauf, auf irgendeine Weise das Erspüren des Hungers der Seele zu stärken. Er ist ein guter Antrieb, uns neu auf Jesus einzulassen und mit seiner Kraft ans Werk zu gehen. Amen.

PM


Montag, 30. Juli 2018
Zum Fest des Hl. Ignatius von Loyola

Es sind jetzt fast genau 58Jahre her, seit ich in die Gesellschaft Jesu eingetreten bin. Das erste Mal hörte ich von diesem Orden von meinem Großvater. Wenn ich etwas angestellt hatte und wieder darauf aus war, Versöhnung zu suchen, da sagte er zu mir des Öfteren: „Du bist ein falscher Jesuit“. Und als ich dann während der letzten Jahre meiner Gymnasialzeit die Absicht hatte, in den Orden einzutreten, hielt mich zunächst die Meinung zurück, der Jesuitenorden sei nur etwas für ganz besonders gescheite Leute. Aber einer der Patres auf dem Freinberg, den ich um seine Meinung fragte, redete mir diese Ansicht aus.
Was ist das für ein Orden, der im Laufe seiner
Papst Paul III. berstätigt den Orden seiner Geschichte so sehr bekämpft wurde, der
Im Jahre 1773 aufgehoben und im Jahre 1814wieder errichtet wurde? Wer ist der Hl. Ignatius von Loyola, der diesen Orden gründete, der im üblichen Sinne gar kein Orden war?
Der Weg unseres Ordensgründers unterscheidet sich kaum vom Weg eines jeden anderen Menschen. Nur darin ist uns Ignatius überlegen, dass er den Hinweisen, die Gott ihm in seinem Leben schenkte, konsequent nachgegangen ist.
1491 als letztes von elf Kindern auf dem Landschloss in Loyola geboren
war er als Jugendlicher Page am Hof des Großschatzmeisters des Königs und erhielt eine standesgemäße Erziehung. Sein Wunsch nach einer soldatischen Karriere schiene sich zu erfüllen als er Offizier am Hof des Vizekönigs von Navarra wurde. Er schildert in seiner Autobiographie, dass er in dieser Zeit ein sehr weltliches Leben führte und dieses Leben voll auskostete. Aber dann gab es eine Wende. Bei der Verteidigung der Stadt Pamplona gegenüber den Franzosen wurde er am Pfingstmontag 1521 schwer verwundet. Eine Kanonenkugel zerschmetterte ihm das rechte Bein und verletzte auch das linke. Im heimatlichen Schloss versuchte man mit allen möglichen Heilprozeduren, sein Bein zu heilen. Vergeblich, das eine Bein blieb entstellt.
Nachdem er die Krise überwunden hatte las er, um die Langeweile zu überbrücken in den Büchern, die es auf dem Schloss Loyola gab. Es waren vor allem die Ritterromane, die ihn interessierten. Aber die kannte er bald auswendig. Es gab noch zwei andere Bücher im Schloss: einen Band mit Heiligenlegenden und ein „Leben Jesu“ von Ludolf von Sachsen. Beim Lesen dieser Bücher machte er die Entdeckung, dass die fromme Lektüre ihn ruhig und ausgeglichen stimmte, die Gedanken an seine früheren soldatischen Taten stimmten ihn unzufrieden und traurig.
1522 verlässt er hinkend das elterliche Schloss und begibt sich zum baskischen Marienwallfahrtsort Aránzazu und zieht dann weiter zum Benediktinerkloster Nuestra Senora de Montserrat nordwestlich von Barcelona. Hier legt er eine Generalbeichte ab und zieht danach nach Manresa weiter, zunächst mit dem Wunsch, seine inneren Erlebnisse ein wenig zu notieren; aber es wurde ein fast einjähriger Aufenthalt. Dieser Aufenthalt in Manresa war für Ignatius eine Zeit hoher Erleuchtungen und auch harter Prüfungen. Er geht von Manresa weg mit dem Entschluss, ins Heilige Land zu pilgern und an den Stätten zu leben, wo Jesus gelebt hatte. Er darf aber dort nicht bleiben, sondern er wird von den kirchlichen Behörden in Jerusalem ausgewiesen. Ignatius kehrt nach Spanien zurück. Um den Seelen helfen zu können beginnt er in Barcelona mit dem Lateinstudium und studiert in Alcalá und Salamanca Philosophie. Da er ohne kirchliche Erlaubnis Katechismusunterricht erteilt kommt er sehr bald in Konflikt mit den Kirchlichen Behörden. Er zieht nun nach Paris, um dem Inquisitionsgericht zu entgehen. 1535 erwirbt er den Magistergrad der Sorbonne. In Paris gelingt es ihm auch nach einigen vergeblichen Versuchen, einen festen, dauerhaften Freundeskreis um sich zu versammeln. Am 15. August legen sieben Studenten der Pariser Universität, darunter Ignatius, auf dem Montmartre die privaten Gelübde der Armut und Keuschheit ab und versprechen, innerhalb eines Jahres eine Pilgerfahrt ins Heilige Land zu unternehmen. Sollte der Plan scheitern, so wollen sie nach Rom reisen und sich dem Papst als Gruppe zur Verfügung stellen. An eine Ordensgründung denken sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Die Überfahrt erweist sich wegen der politischen Lagen als unmöglich.
In Rom nimmt Paul III. das Angebot der Pariser Studenten an und weist ihnen verschiedene Seelsorgeaufgaben zu. Schließlich entschied sich die Gruppe für die Gründung eines Ordens. Aber da gab es erhebliche Widerstände in den kirchlichen Kreisen. Die einen haben grundsätzliche Bedenken gegen jede Ordensneugründung und möchten sich ganz auf die Reform der bestehenden Orden beschränken. Andere betrachten die neuartige, konsequent apostolische Struktur und Zielsetzung des Ordens mit Skepsis, vor allem wegen der Abschaffung spezifischer Merkmale der traditionellen Orden wie das gemeinsame Chorgebet, das einheitliche Ordensgewand und dem Vorrang der Betrachtung vor der apostolischen Aktivität.
Trotz der Widerstände bestätigt Paul III. im Jahre 1540 die Grundkonzeption des neuen Ordens. Ignatius wird zum ersten Generaloberen gewählt. Von diesem Zeitpunkt an entfaltet er seine Aktivitäten sowohl weltweit als auch vor Ort, in Rom. So leitet er einige Maßnahmen gegen die akute soziale Not in Rom ein. Er gründet Häuser für ehemalige Prostituierte und gefährdete Jugendliche, für Waisen und Arme.
Trotz seines quälenden Gallenleidens bewältigt er ein immenses Arbeitspensum. Seine Mitbrüder arbeiteten bereits in allen Teilen der Welt und ihre Zahl stieg unermüdlich.
Mehr als 7000 Briefe sind von Ignatius erhalten, oft mehrfach minutiös bearbeitet.
Am 31. Juli 1556 stirbt Ignatius, mitten in der Arbeit in seinem kleinen Zimmer, von dem aus er die Geschicke seiner Mitbrüder in der ganzen Welt geleitet hat.
Ignatius ist es gelungen, in seiner Person die Spannung zwischen Askese und Weltbejahung, innerlichem Gebet und aktivem, öffentlichen Engagement auszuhalten und fruchtbar werden zu lassen. Bei aller Weite der Ideen hatte er auch einen Blick für die mühevollen Details der Durchführung. Er erwartete von den Ordensmitgliedern Gehorsam und ließ dabei Raum für Eigeninitiative und eigenes Urteil. Er gab den verschiedenen Talenten und Temperamenten im Orden Gelegenheit zur Entfaltung und befähigte sie zum besseren Dienst an den Menschen.
Es wäre noch viel zu erzählen aus der Geschichte dieses Ordens mit seinen heute rund 23.000 Mitgliedern.
Es wäre viel zu sagen über das grundlegende Werk der Exerzitien, die so viele Menschen verändert haben.
Einer der Grundzüge ignatianischer Spiritualität:
„Gott finden in allen Dingen“. Sich nicht in der Welt verlieren, sondern in der Welt die Spuren Gottes entdecken. Es gibt da einen Brief an einen Ordensstudenten in Portugal, wo einer fragt, welche Form des Gebets dem jesuitischen Beruf am angemessendsten sei: „Sie sollen sich darin üben, Gottes Gegenwart in allen Dingen zu suchen, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Denken, überhaupt in allem, was sie tun...“ An die Scholastiker in Coimbra, die während des Studiums mehr Zeit zum Gebet haben wollten, schrieb er: auch wenn ihnen das Studium wenig Zeit zum Gebet lasse, so könnten sie dadurch, dass sie alles nur für den Dienst Gottes täten, aus allem ein Gebet machen.
Und dann noch der Leitspruch unseres Heiligen: Alles zur größeren Ehre Gottes! Das heißt, das bestmöglichste für Gott und sein Reich zu tun, das heißt verfügbar zu sein für jeden Anruf, Bereitschaft das jeweils Beste zu leisten. Dabei denkt Ignatius nie nur an den äußeren Erfolg. Man denke an die Krankenpflegerin, die täglich selbstverständlich für ältere Menschen bereit steht, ohne von ihnen ein ausdrückliches Zeichen des Dankes zu erhalten, oder an den alten Pater, der in irgendeiner Missionsstation in einem vergessenen Winkel dieser Erde ein paar Schulindern mühsam Lesen und Schreiben beibringt. Die je größere Ehre Gottes kann auch die kleinere Ehre für den Menschen bedeuten.
Merken sie auf den Weg! Gott führt uns Menschen Langsam dorthin, wo er uns haben möchte. Unser Aufmerksamkeit und Hellhörigkeit für Gott mag auch uns helfen, dass wir unseren Lebensweg finden und immer tiefer erkennen, dass hinter all den verschlungenen Pfaden unseres Leben Gott gestanden hat und auch heute noch steht. Amen.

Samstag, 28. Juli 2018
290718 17. So im Jahreskreis

290718
17. Sonntag im Jahreskreis
Jo 6-15
__________________________________________________________________________


Wir kennen heute keinen Hunger mehr, nicht mehr den Hunger, der sich nach dem Krieg breit machte, oder den Hunger, der sich in den Dürregebieten der Erde immer mehr ausbreitet. Wir kennen die Bilder von Kindern mit aufgeblähten Bäuchen und großen traurigen Augen und dem Kampf um jedes Reis- oder Maiskorn in der Schüssel. Aus Nordkorea wurden uns vor wenigen Jahren Bilder zugespielt, wo Menschen auf Grund einer großen Hungersnot sogar das Gras zu essen versuchten.
Und wenn wir heute Hunger haben, dann können wir ihn sofort stillen mit all den köstlichen Dingen, die uns unsere Supermärkte bieten. Wenn wir heute von Hunger sprechen, dann meinen wir meist eine andere Art von Hunger, den Hunger nach Liebe, den Hunger nach Heimat und nach Geborgenheit und wie sonst die Hungersarten des Menschen noch heißen mögen.
Jesus hat Verständnis für den Hunger der Menschen, die einen langen Weg mit ihm mitgezogen sind und ihm zugehört haben. Es ist interessant, dass Jesus seine Jünger um Rat fragt: „Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?“ Die Jünger sind nun ratlos angesichts der großen Menschenmenge. Und diese Hilflosigkeit soll ihnen zum Bewusstsein kommen. Auch uns kommt sie immer wieder zum Bewusstsein, gerade dann, wenn wir vor Situationen in denen wir helfen wollen und nicht können. Philippus dreht zuerst einmal den Geldbeutel um und da kommt ihm seine Hilflosigkeit erst recht zum Bewusstsein, denn es scheint nicht viel drinnen gewesen zu sein. Und Andreas entdeckt einen kleinen Jungen, der so schlau war, sich eine Wegzehrung mitzunehmen, nicht viel aber für ihn dürfte es gereicht haben: fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Doch für die Menge reichte das natürlich nicht aus, so die Feststellung des Andreas.
Und nun kommt das Erstaunliche! Jesus lässt sich von dem kleinen Jungen die Brote und Fische geben und daraus wird unter seinen Händen die Nahrung für die ganze versammelte Zuhörerschaft Jesu. Jesus wirkt also sein Wunder nicht aus dem Nichts heraus. Er nimmt das Wenige das die Menschen haben als Voraussetzung für sein großes Brotwunder.
Diese Situation ähnelt in vielfacher Beziehung auch der unseren. Angesichts der Not, die uns umgibt fallen wir oft in die Versuchung der Resignation, sind der Meinung, dass das, was wir tun können nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein ist, nicht ausreichend und dann tun wir oft gar nichts anstatt das Wenige im Vertrauen darauf einzusetzen, dass Gott daraus etwas Großes machen kann. Ich habe es schon oft gesagt und betont, dass wir erst durch unser menschliches Tun, auch wenn es noch so unbedeutend erscheint die Voraussetzungen für die Wunder Gottes schaffen. Die Liebe und väterliche Sorge fließt durch unsere oft sehr schwachen menschlichen Kanäle.
Es geht Jesus aber nicht allein um den Hunger des Leibes. Am Ende unseres heutigen Berichts steht etwas, das uns nachdenklich machen sollte. Die Menschen erkennen in Jesus einen Propheten und hatten vor ihn mit Gewalt zum König zu machen. Das wäre für sie ein richtiger König, der dafür sorgen würde, dass sie keine Not mehr leiden müssten, ein König, der ihnen ein Schlaraffenland auf dieser Erde schaffen würde. Sie verstehen das Zeichen der Brotvermehrung nicht. Sie verstehen nicht, dass Jesus nicht nur den leiblichen Hunger zu stillen imstande ist, sondern vor allem den Hunger der Seele. Sie verstehen nicht, was Johannes im weiteren Verlauf des Textes sagen wird, dass Jesus selbst das Brot ist, das vom Himmel kommt und das der Welt das Leben gibt.
Dieses Brot vom Himmel, den Leib Christi reicht er uns immer wieder zur Speise, damit wir durch diese Nahrung immer mehr verwandelt würden, angeglichen an ihn selbst, ein zweiter Christus, wie Paulus es formuliert.
Brot und Wein, wir nennen diese beiden Gaben in den Gebeten der Liturgie, die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit.
Da kam eines Tages der Weizen zu Gott und sagte: „Herr der Welt. Wenn du mich für die Menschen gemacht hast, warum hast du mich denn nicht so gemacht, dass sie mich einfach so essen können, wie ich bin? So müssen sie mich erst dreschen, mahlen, das Mehl zu Teig verarbeiten und anschließend noch backen. Findest du nicht, dass das sehr umständlich ist?“
Gott antwortete: „Es ist für dich und für die Menschen gut, dass ich euch so gemacht habe, wie ihr seid. Sprechen wir zuerst von dir. Du kannst so nicht prahlen: Ich allein halte die Menschen am Leben und gebe ihnen Kraft. Die Menschen können kein Stück Brot essen, wenn sie es nicht vorher zubereiten und dazu brauchen sie Wasser, Feuer und ihre eigenen Hände. Jetzt zu den Menschen: Es wäre nicht gut für sie, wenn sie am Morgen aufstünden und das essen schon fix und fertig vorfänden. Stattdessen müssen sie zuerst arbeiten, säen, pflanzen, ernten, dreschen, mahlen Teig machen, backen. Erst dann können sie Brot essen, wie geschrieben steht: Damit er Brot gewinnt von der Erde, welches das Herz des Menschen erfreut.
Der Weizen ging fort, dann kamen die Weintrauben, um sich bei Gott zu beschweren. Sie sagten: „Herr der Welt, du hast uns so gemacht, dass die Menschen uns gleich essen könnten, wie wir sind. Stattdessen sammeln sie uns ein, zerquetschen uns in einer Presse und machen Wein aus uns. Warum lässt du das zu?“
Gott erwiderte ruhig: „Ihr solltet froh sein, statt euch zu beklagen. Es ist nämlich für den Menschen gut, dass sie arbeiten müssen und euch nicht gleich essen, wie ihr seid. Wenn die Menschen arbeiten, freuen sie sich über das Gelingen ihrer Arbeit, wie geschrieben steht: Damit er Wein gewinnt, der das Herz des Menschen erfreut.
Da handelte es sich um Verwandlungen, die der Mensch durchführt. Brot und Wein, in einem langen Arbeitsprozess vom Menschen geschaffen und zugleich Grundlage für die letzte und großartigste Verwandlung, die jedes Mal bei der Feier der heiligen Eucharistie geschieht. Gott nimmt die Fruchte unserer Arbeit und wandelt sie um in seine Gegenwart. Ohne Brot und Wein gäbe es keine Eucharistie, das war so der Wille und der Plan Gottes. Und so ist es auch mit allem, was wir tun. Gott kann es verwandeln. Und da ist nichts zu klein und auch nichts zu gering, dass es unter den Hängen Gottes nicht zu etwas Großem werden könnte.
Sollte uns das nicht wieder Mut machen in all den Sorgen um unser persönliches Heil und um das Heil der Welt? Unser geringes Tun, unsere schüchternen Gebete bekommen in der Hand Gottes eine große Chance und Wirkkraft. Was Gottes Allmacht aus unserem kleinen Beitrag zu tun vermochte, das wird uns Staunenden einmal offenbar werden. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Samstag, 21. Juli 2018
160718 16. So im Jahreskreis

220718
16.Sonntag im Jahreskreis
Mk 6,30-34
__________________________________________________________________________


Jesus hat seine Jünger ausgesandt, um zu predigen und um zu heilen. Diese ihre Tätigkeit hatte eine Voraussetzung: sie lehrten nicht in ihrem eigenen Namen, sondern mit der Vollmacht Jesu und in unbedingtem Vertrauen auf ihn. Und nun kommen sie zurück, müde und abgespannt. Es muss sie ganz schön hergenommen haben, denn der Andrang der Menschen zu ihnen war groß, so dass sie kaum zum Essen Zeit hatten.
Und nun wollte ihnen Jesus eine Zeit des Ausruhens gönnen. Das zu Hören tut gut; aber leider dauerte die Ruhe nicht lange. Trotz allem Ruhe- und Rückzugsbedürfnis erfasste Jesus das Mitleid mit den Menschen, die er wie Schafe ohne Hirten erlebte.
Jesus weiß um das Leben der Menschen. Es braucht den Wechsel zwischen Arbeit und Ruhe, Anspannung und Entspannung. Kein Mensch kann nur arbeiten. Menschen können nicht nur auf Hochtouren sein. Sie brauchen auch Erholung und Ruhe, Stille und Beten. Menschen, die immer nur schuften, werden irgendwann leer. Wer nur immer schafft und für andere da ist, ohne selbst aufzutanken, der wird hohl und ausgebrannt.
Wir brauchen immer wieder Ruhe und Möglichkeiten zum Ausspannen. Die Zeit, die wir uns hin und wieder dazu nehmen ist keine verlorene Zeit. Im Gegenteil, sie ist die Voraussetzung für eine gute Arbeit. Viele Menschen genießen in diesen Tagen ihren wohlverdienten Ausstieg aus der Tretmühle Arbeit. Was sie allerdings daraus machen, ist sehr unterschiedlich und hängt nicht nur davon ab, wo sie den Urlaub verbringen, sondern auch wie sie ihn gestalten.
Die einen nutzen die kostbare Zeit, um endlich tun zu können, wofür sonst keine Zeit bleibt; sie reisen, lesen, kochen, besuchen Kulturgüter und Freunde. Andere erholen sie von den Strapazen der Arbeit und des Berufslebens im eigenen Garten, im Wellness-Club, am Meer, auf einer Insel oder auf dem Balkon.
Es gibt da eine Geschichte, die vom Apostel Johannes erzählt wird. Es wird erzählt, dass der Apostel Johannes gerne mit seinem zahmen Rebhuhn spielte. Eines Tages kam ein Jäger zu ihm. Er wunderte sich, dass Johannes, ein so angesehener Mann, spielte. Er hätte doch in der Zeit viel Gutes und Wichtiges tun können. Deshalb fragte er: „Warum vertust du deine Zeit mit Spielen? Warum wendest du deine Aufmerksamkeit einem nutzlosen Tier zu?“ Johannes schaute ihn verwundert an. Warum sollte er nicht spielen? Warum verstand der Jäger ihn nicht? Er sagte deshalb zu ihm: „Weshalb ist der Bogen in deiner Hand nicht gespannt?“ „Das darf man nicht“, gab der Jäger zur Antwort. „Der Bogen würde seine Spannkraft verlieren, wenn er immer gespannt wäre. Wenn ich dann einen Pfeil abschießen wollte, hätte der Bogen keine Kraft mehr.“
Johannes antwortete: „Junger Mann, so wie du deinen Bogen immer wieder entspannst, so musst du dich selbst auch immer wieder entspannen und erholen. Wenn ich mich nicht entspanne und einfach spiele, dann habe ich keine Kraft mehr für eine große Anspannung, dann fehlt mir die Kraft, das zu tun, was notwendig ist und den ganzen Einsatz meiner Kräfte fordert.“
Und es kommt ja wirklich allerhand auf uns zu. Wenn wir uns alle gerne einmal auf eine Insel zurückziehen, so müssen wir andererseits auch feststellen, dass wir selber keine Insel sind, dass wir vielfach Geforderte sind, in einer Welt der Orientierungslosigkeit und der Not. Die Hirtensorge, die der Prophet Jeremias heute in der Lesung anspricht geht nicht nur die oberen Zehntausend etwas an, sondern jeden von uns. Die Hirten sollten schwache Tiere stärken, kranke verarzten, verletzte verbinden, versprengte heimführen, verirrte suchen und die gesunden verpflegen und hüten. Das alles lässt sich unschwer in unsere eigene Situation und unser eigenes Leben übersetzen.
Wir tragen alle Verantwortung für das Umfeld, in dem wir tätig sind: als Vater oder Mutter, als Lehrer oder Schüler, als einfacher Arbeiter oder als betender Mensch. Bei dem biblischen Weheruf am Anfang unseres Textes geht es nicht um einzelne oder kleinere Verstöße, die weniger ins Gewicht fallen, sondern um die grobe Sorglosigkeit der Hirten, die letztlich die Existenz der Herde bedroht. Die den verantwortungslosen Führern angedrohte Strafe ist nicht verschlüsselt oder diplomatisch, sondern eindeutig und hart formuliert. Gott selbst zitiert die Pflichtvergessenen vor Gericht und ahndet persönlich die Bosheit ihres Treibens. Das könnte und sollte auch uns ein Anstoß sein, einmal darüber nachzudenken, wo und wem gegenüber wir Verantwortung tragen. Ich denke da an konkrete Menschen, die große Sorgen haben, die sich mit Problemen und Zweifeln herumschlagen müssen und unter Depressionen leiden. Der moderne Mensch neigt dazu, immer und überall auf seine Rechte zu pochen. Wer darauf verzichtet, gilt vielfach als verklemmt und zurückgeblieben. Natürlich hat jeder neben seinen Pflichten auch Rechte, aber nicht selten werden diese dann in Anspruch genommen, wenn einem die überzeugenden Argumente ausgegangen sind. Die Rechte des Hirten in der Bibel werden niemals überbetont, eindeutig steht die dienende und schützende Funktion des Hirten im Vordergrund.
Dieses Dienen erschöpft sich nicht in Gefälligkeiten oder einem nichts sagenden Aktivismus, die häufig nur über die eigentlichen Aufgaben hinwegtäuschen, sondern in einem selbstlosen und verantwortbaren Einsatz zum Wohl des Einzelnen und der Gemeinschaft.
Doch der Prophet Jeremias ist nicht so naiv anzunehmen, dass dies den Menschen jederzeit aus eigener Kraft gelingt. Er betont darum, dass Gott selbst, er als der eigentliche Hirt, die Initiative ergreift. Selbst wenn er zugelassen hat, dass seine Herde zerstreut wurde, jetzt setzt er alles ein, die zerstreuten Schafe zu retten, indem er sie in das verheißene Land führt, um so ein neues, großes und starkes Gottesvolk zu schaffen. Doch wie soll man sich das vorstellen?
Auch darauf weiß der Prophet eine Antwort. Gott verheißt seinem Volk für die Zukunft einen neuen, pflichtbewussten Führer, der dem Unheil ein Ende bereitet und ein Zeitalter des Friedens heraufführt. Dieser von Gott eingesetzte König, ein echter Nachkomme Davids, wird sachkundig und gewissenhaft die Aufgaben seines Amtes erfüllen und im Land Recht und Gerechtigkeit zur Geltung bringen. Recht und Gerechtigkeit, sie und nicht diplomatisches Taktieren oder kriegerische Erfolge bilden das Fundament seiner Herrschaft, die ihren Anfang und Bestand ganz dem Handeln Gottes und nicht menschlicher Betriebsamkeit verdanken.
Schließlich hören wir auf die Aufforderung zum Ausruhen die Barmherzigkeit Jesu mit den Menschen heraus. Und diese Barmherzigkeit wünschen wir uns auch in unserer Kirche, gerade wenn sie in diesen Jahren nach neuen Wegen zu den Menschen sucht: Mitleid und Barmherzigkeit mit jenen, in deren Leben es zu Brüchen und Abstürzen gekommen ist. Das Leben verläuft nicht immer geradlinig, auch wenn wir das so gerne hätten. Lebensentwürfe scheitern, Ehen zerbrechen, Menschen machen Fehler und sündigen. Hätte Jesus zu all diesen Menschen gesagt: „Für euch gibt es keinen Platz bei mir“? Kaum vorstellbar. „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen“. Und nicht nur die Kirchenleitungen brauchen diese Augen des Mitleids und der Barmherzigkeit – wir selbst haben sie dringend nötig. Frage sich jeder und jede einmal: Wie begegne ich Menschen, die nach meinem moralischen Empfinden falsch leben? Wie begegne ich Menschen, die schuldig geworden sind? Sofort mit Ablehnung und Verurteilung? Oder zunächst mit Mitleid und Barmherzigkeit?
Das Leben Jesu und seine Botschaft sprechen eine eindeutige Sprache: das Nein zur Sünde und das Ja, das Mitleid und die Barmherzigkeit dem Sünder gegenüber. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ








Samstag, 21. Juli 2018
150718 15. So im Jahreskreis

150718
15.Sonntag im Jahreskreis
Mk 6,7-13
__________________________________________________________________________


Immer wieder sehen wir sie auf unseren Strassen stehen, die Zeugen verschiedener religiöser oder pseudoreligiöser Gemeinschaften, mit dem Wachturm in der Hand oder mit der Mormonenbibel. Sie sprechen die Leute, die vorbeigehen an und laden sie ein zu einem Gespräch. Wenn ich an solchen Leuten vorbei gehe kommt mir immer wieder der Gedanken: würden wir als Christen das auch tun? Würden wir als Christen den Mut und die Courage haben, öffentlich für unseren Glauben Zeugnis zu geben und für ihn zu werben?
Wir verkündigen in unseren Kirchen, in Büchern und Zeitschriften und in den verschiedenen anderen Medien; aber so in der Öffentlichkeit, mitten im Trubel der vorbei hastenden Menschen – das ist sicherlich nicht unsere Art. Und dennoch sind wir zum Zeugnis geben berufen. Jesus selber sendet seine Jünger aus, zu zweien und mit der Macht über die unreinen Geister.
Das ist ja interessant was da gesagt wird, dass Jesus seinen Jüngern Macht gab über die unreinen Geister, letztlich über das Böse in dieser Welt, über das Gottfeindliche. Gilt das auch heute noch, gilt das auch noch für uns. Es wäre eine leere Botschaft, wenn das nicht auch für unsere Zeit stimmen würde. Kurzum, wir entnehmen, dass unserem christlichen Leben eine von Gott geschenkte Macht innewohnt, die es zu gebrauchen gilt, wenn sich die Frohe Botschaft Gottes auch unter unseren Zeitgenossen ausbreiten und zur Wirkung kommen soll.
Das geht aber nicht so wie mit dem Zauberring im Märchen, mit dem Ringe, den man am Finger dreht und der einem dann Macht verleiht. Wenn Jesus Menschen sendet, um seine Botschaft an die Menschen heranzubringen, dann ist von diesem Boten etwas gefordert. Es kann doch nur einer ein guter Zeuge sein, der über eine Tatsache einen guten Bescheid geben kann, der sich das, was er sagt auch zu Eigen gemacht hat. Und das ist ja nun gerade der springende Punkt: Kann ich ein glaubhafter, ein glaubwürdiger Zeuge sein?
Man kann heutzutage bei vielen Christen ein großes Wissensdefizit über die eigene Glaubenslehre feststellen. Irgendwann in der Schule hat man dieses oder jenes gelernt und dann war der Schlußpunkt, weiter ist man nicht mehr gekommen, keine weitere Information, kein religiöses Buch, das man gelesen hätte, keine gute Zeitschrift, die auf religiöse Fragen unserer heutigen Zeit eingeht. Und so sind wir geworden wie Vertreter eine Ware, die dieselbe gar nicht kennen. Glauben wir wirklich allen Ernstes, dass so einer ein glaubwürdiger Vertreter für eine Ware sein kann, der sie selber nicht einmal kennt?
Um gute Verkünder der Frohen Botschaft zu werden, damit wir den Auftrag Jesu erfüllen können, ist von uns allen noch viel Aufbauarbeit zu leisten. Aber wenn wir auch alles Wissen um den Glauben in uns angespeichert hätten, wäre das für die Verkündigung noch zu wenig. Bloßes Wissen allein genügt nicht. Auch eine perfekte, stilistisch vollkommene Predigt lockt noch niemand hinter dem Ofen hervor, wenn das Leben mit ihr nicht übereinstimmt.
Charles de Foucauld schrieb einen bedeutenden Text:

Apostel sein –wie?
Durch Güte, Zärtlichkeit, Bruderliebe,
tugendhaftes Beispiel, Bescheidenheit und Sanftmut,
die immer so anziehend und christliche sind;

bei einigen, ohne ihnen jemals ein Wort über Gott oder die Religion zu sagen,
indem man sich geduldet, wie Gott sich geduldet,
indem man gut ist, wie Gott gut ist,
indem man ein zärtlicher Bruder ist und betet;

bei anderen, indem man so weit von Gott spricht,
wie sie es aufnehmen können....

Vor allem in jedem Menschen einen Bruder (eine Schwester) sehen....,
in jedem Menschen ein Kind Gottes sehen,
einen Menschen, der durch das Blut Jesu freigekauft worden ist,
ein von Jesus geliebtes Wesen........

Uns den kämpferischen Geist austreiben..........
Wie weit ist es
Von der Art, wie Jesus handelte und sprach,
bis zum kämpferischen Geist derer,
die keine oder schlechte Christen sind
und Feinde sehen, die bekämpft werden müssen.

Wahrscheinlich fehlt es uns auch immer wieder an der nötigen Zuversicht, an einem gesunden Selbstbewusstsein als Christen. Jesus hat uns als „Salz der Erde“ bezeichnet, das heißt, wir habe die Fähigkeit, unserer Welt die nötige Würze zu geben bereits erhalten in der Taufe und in der Firmung. Wir müssen nur mit diesen Geschenken arbeiten. Jesus gibt uns „Macht über die unreinen Geister“. Und deren sind viele in unserer Welt. Es braucht keine großen Überlegungen, dass feststellen können, wie in unserer Welt der Haussegen schief hängt. Viele zerstörerische Mächte sind am Werk und wir haben die Macht ihnen entgegen zu wirken.
Markus erzählt schließlich noch, wie Jesus seine Jünger aussendet. Sie sollen von Jesus selbst Zeugnis geben – indem sie so handeln wie Jesus selbst: Dämonen austreiben und Kranke heilen. Auch hier ist es nicht nur ein Wort, das auszurichten ist – sondern das ganze Leben der Jünger hat sich an der Botschaft, am Auftrag auszurichten. So sollen wie auf ihrer Verkündigungsreise nichts mitnehmen. Das kommt uns ein wenig eigenartig vor, wenn wir sehen mit welchem technischen Equipement wir heute an die Verkündigung herangehen. Gemeint ist mit dem Auftrag Jesu wohl etwas Tieferes: dass wir immer daran denken, dass nicht wir es sind mit unserer Verkündigung, die die Herzen der Menschen treffen, sondern dass Gott selber es ist, der durch uns spricht. Letztlich ist jede Bekehrung sein Werk. Wir leisten nur eine kleine menschliche Vorarbeit, eine Basis, die aber sehr wichtig ist. Wir sollen also nicht nur auf menschliche Mittel vertrauen, sondern auf das, was Gott am Menschen tun kann.
Und was sollen sie machen, wenn sie auf taube Ohren stoßen, was sollen sie tun, wenn man ihre Botschaft nicht annimmt. Dann sollen sie den Staub von ihren Füssen schütteln. Das heisst doch wohl, sie sollen sich durch den Misserfolg nicht deprimieren lassen, denn Misserfolg kann auf das Leben eines Menschen einen schädigenden Einfluß haben, kann ihn mutlos machen. Gott hat viele Möglichkeiten, einen Menschen anzusprechen. Und vielleicht war unser bescheidener Versuch bloß der erste Anstoß in einer Reihe von anderen.
Jesus hat uns einmal in einer seiner Reden die Vögel des Himmels vor Augen gestellt, die locker und leicht durch die Luft schweben und vom himmlischen Vater ernährt werden. Nehmen wir unser Leben nicht manchesmal doch ein wenig zu schwer? Könnte wir mit ein wenig mehr Vertrauen auf Gott unser Leben nicht angstfreier und sorgloser machen. Das Wenige, das wir oft tun können erschreckt uns; aber wir vergessen, dass Gott auf unserer kleinen Basis anfängt, seine Geschenke aufzuhäufen.
Der englische Schriftsteller Chesterton hat einige treffliche Worte über die Leichtigkeit gesagt: „Ein Vogel ist behende, weil er weich ist. Ein Stein ist hilflos, weil er hart ist…..es ist leicht, schwer zu sein, schwer leicht zu sein…...Als Petrus für einen Augenblick – im Blick auf den Herrn – ganz vertraute, war er so leicht, dass er über das Wasser gehen konnte!“-
Nichts ist schwer, sind wir nur leicht! Das wäre eine wunderbare Lebensregel für die Boten Jesu heute, die sich selbst und ihre Aufgabe oft genug viel zu schwer nehmen.
Am Ende unseres Lebens wird uns allen von Gott selbst ein Zeugnis ausgestellt werden, in dem beurteilt wird, ob wir tatsächlich seine Zeugen waren oder nicht. Zeuge sein heißt ja, nicht nur für sich selbst verantwortlich sein, sondern auch für andere, ihnen etwas von Gott weiter zu sagen.
Lassen wir uns wieder neu von Gott in Dienst nehmen – und wir brauchen keine Angst zu haben vor dem letzten Zeugnistag am Ende des Lebens. Amen.

Samstag, 21. Juli 2018
080718 14. So im Jahreskreis

080718
14. Sonntag im Jahreskreis
Mk 6, 1b-6
__________________________________________________________________________

Das Wort vom „Propheten, der in seiner Heimat nichts gilt“ ist auch heute noch aktuell. Gerade die gute Lebenserfahrung kann einem dabei ein Schnippchen schlagen, wenn man in der Begegnung vor lauter Einschätzungen dem anderen keine Chance mehr läßt, anders zu sein als das Bild, das schon von ihm angefertigt wurde. In diese Kommunikationsfalle ist Jesus bei seinen Zeitgenossen ebenfalls geraten. Und nicht nur Jesus. Mit ihm und seiner Botschaft auch Gott selbst. Gott läßt sich aber nicht von den Vor-urteilen der Menschen in Schubläden pressen.
Was ist denn geschehen an diesem Sabbat in der Synagoge von Nazareth. Ich nehme an, dass in diesem kleinen Ort ganz gewöhnliche und auch fromme Menschen zu Hause waren. Man hat Jesus eingeladen in der Synagoge zu sprechen. Es war ja immerhin auch interessant nicht immer den gleichen Rabbi zu hören, sondern auch einmal einen anderen. Wir wissen leider nicht, was Jesus gepredigt hat, welchen Text aus der Thora er sich vorgenommen hat. Wir wissen nur, dass die Zuhörer zunächst staunten, sowohl über das, was er sagte, als auch über das, wie er es sagte. Sie staunen über seine Weisheit und erinnern sich, dass so manche Wunderberichte ihnen zu Ohren gekommen sind.
Und da kommen sie mit Jesus nicht mehr zurecht. Den kennen wir doch, wir kennen seine Mutter, wir kennen seinen Vater, wir kennen seine Verwandtschaft. Wie kommt er nun dazu, sich als etwas Besonderes auszugeben, er, der Sohn ganz einfacher Leute, den sie seit seiner Kindheit und Jugend kennen? Und so lehnen sie ihn ab.
Vorurteile! Wir kennen das Wort, wir kennen, was sich dahinter verbirgt. Und ich kann ihnen sagen: wir Menschen haben eine ganze Menge von Vorurteilen. Und das ist nicht ungefährlich, denn diese Vorurteile hindern uns Dinge neu kennen zu lernen, hindern uns Menschen in ihrer Eigenart zu begreifen und zu verstehen, engen schlichtweg unsere Erkenntnis ein.
Auf Bahnhöfen bleibt es einem kaum erspart Wartezeiten auf sich zu nehmen. Eine beliebte Übung besteht dann oft darin, in diesen Zwischenzeiten Leute zu beobachten. Mir auszudenken, was der oder diejenige so mache? Woher sie komme? Welchen Beruf er habe? Wohin sie fahre? Bei einer ersten Begegnung zweier Menschen versucht jeder, den anderen einzuschätzen: Wer ist der andere? Wie er wirkt, sein wird, reagiert? Welche Meinung hat der andere?
Warum verhalten Menschen sich so? Warum verhalte ich mich so? Ich denke, daß dies eine natürliche Schutzmaßnahme ist. Dies Vorgehen schenkt Sicherheit, gibt einem die Illusion, den anderen zu kennen. Ich kann mich innerlich auf die eine oder andere Reaktion, Vorgehensweise vorbereiten. Kann den unliebsamen Moment ausschließen, überrascht zu werden. Ich kann mich auf den anderen einstellen.
Das alles ist gleichzeitig der Nährboden für viele Vorurteile. Mit klaren Urteilen läßt es sich eben besser leben. Wenn meine Vorurteile, sei es über die Jugend von heute, sei es über die Kirche, dann nach meiner Beurteilung eintreten, dann fühle ich mich wohl. „Ich hab´s ja immer schon gesagt“. Allerdings hat diese Gewißheit einen Nachteil. Neues kann man so über einen Mitmenschen nicht mehr erfahren. Es engt den Horizont ein. Aber beiden geht nicht: Schubladendenken und offenzubleiben für den anderen. Und so gehört es zur größten Falle in der Begegnung zweier Menschen, wenn jeder als selbstverständlich voraussetzt, daß sein Standpunkt der einzig richtige sei, die eigene Einschätzung praktisch fehlerlos ist.
Jeder kennt sie, diese Situationen, in denen wir gar nicht mehr dem anderen den Ausweg lassen, daß er sich anders verhält, als wir es gewohnt sind und erwarten. Was geschieht, wenn ein Nachbar, der morgens im Lift immer gerade an ihnen vorbeischaut, sie plötzlich grüßt? Das kann verwirren. Solch Ungewohntes kann den ganzen Tag durcheinanderbringen: Das Ritual, der Ablauf ist gestört, das Vorurteil wurde nicht bestätigt. Ja es könnte unter Umständen sogar eine Krise auslösen. Einer verhält sich nicht mehr gemäß seiner ihm zugedachten Rolle. Einer bricht aus einem lange Zeit bestätigten Schema plötzlich aus. Sehr peinlich wird es dann, wenn sie erfahren, daß der Nachbar monatelang seine schwerkranke Frau pflegte und sein Kopf voll von Sorgen um seine Frau war.
Das Evangelium berichtet uns vom Verhalten der Leute in Nazareth Jesus gegenüber. Den kennt man ja von Kind auf. Er hat dreißig Jahre unter ihnen gewohnt und gearbeitet. Da kann man sich als Nachbar doch wohl ein Urteil bilden. Der soll drüben in Kafarnaum Wunderdinge vollbracht haben? Der soll etwas Besonderes sein? Davon hätten wir zuerst etwas merken müssen.
Die Leute von Nazareth denken so wie die meisten Menschen: Wer außerordentliche Dinge tut, muß auch außerordentlich leben; muß sich abheben vom gewöhnlichen Alltag, der darf kein normales Leben führen. So haben sich die Bewohner von Nazareth schnell ein Urteil über Jesus zurecht gemacht.
Jesus fiel für seine Zeitgenossen sozusagen aus der Rolle als er in der Synagoge lehrte und vielleicht eine neue Auslegung der Schrift lehrte. Zunächst so einleuchtend, daß er wegen seiner Weisheit gerühmt wird, doch dann werden seine Zuhörer sofort von ihren Vorurteilen attackiert: Woher hat er das alles? Wir kennen ihn doch. Er ist ja nur des Zimmermanns Sohn und seiner Frau Maria. Mitten im gewohnten Ablauf eines Sabbats, im gängigen Ritual dörflicher Gottesverehrung bildet sich dieser Jesus ein, mehr zu sein als alle anderen im Dorf. Gut, man muß zugeben, da steckt viel Weisheit hinter seinen Worten und es gibt auch einige unerklärliche Vorkommnisse mit seiner Person, aber was nicht sein darf, darf einfach nicht sein.
Dieses Vorurteil schließt damit aber nicht Jesus, sondern auch Gott mit ein. Gott stecken sie in eine andere Schublade. Gott hat sich wie bei Moses in großen Wundertaten zu zeigen. Er hat einen Messias zu schicken, der mit Engelsmacht die Römer aus dem Lande wirft. Er soll Israel mit Macht retten. Und wenn er es nicht so wie erwartet tut? Pech gehabt! Dann wird es nicht anerkannt.
Wenn seine Landsleute offen gegenüber Jesus gewesen wären, hätten sie etwas Neues lernen können. Denn es ist ein durchgehendes Prinzip der Heilsgeschichte, daß Gott seine Macht und Größe gerade im Kleinen und Unauffälligen offenbart.
Nicht ein großes und mächtiges Volk, sondern ein kleines und ohnmächtiges Volk wird zum Träger göttlicher Verheißung erwählt. Nicht in der Weltstadt Rom, sondern im verschlafenen Dorf Bethlehem wird der Heiland der Welt geboren. Jesus verwendet für seine Botschaft einfache Worte und Bilder, und doch entfachen sie eine ungeheure Wirkung. Jesus beruft und sendet als Träger seiner Botschaft kleine Leute, Fischer vom See Genesareth.
Jesus setzt sein Wirken in der Kirche und durch die Kirche fort in schlichten alltäglichen Zeiten: Ein Stück Brot, ein Schluck Wein, ein wenig Öl, fließendes Wasser, eine Berührung mit der Hand - sie werden zu Trägern der göttlichen Liebe, des Heils und der Versöhnung. Im Kleinen vollzieht sich das Große.
Das Prinzip des Verborgenen, Kleinen, Alltäglichen ist maßgebend auch für unser christliches Handeln: Das Evangelium verkünden, am Reich Gottes mitzuarbeiten, an der Erlösung des Menschen und der Welt mitwirken vollzieht sich nicht in spektakulären Aktionen sondern im normalen menschlichen Alltag: dort, wo Eltern ihre Kinder erziehen, Ärzte sich der Kranken annehmen, Lehrer ihre Schüler unterrichten, die Kranken für die Gesunden beten, die Gesunden ihrer Arbeit nachgehen; in all dem kann sich Christsein verwirklichen.
Sichtbares Beispiel, ja maßgebendes Modell verborgen gelebten Christseins ist Maria, die Gottesmutter. Sie, die nach den Worten des Engels „voll der Gnade“ ist, lebt aus der Fülle dieser Gnade ein Leben der Verborgenheit und Unauffälligkeit in Nazareth. Sie begleitet ihren Sohn auf seinem Weg bis unter das Kreuz. An ihr können wir ablesen, und von ihr können wir lernen, daß im Kleinen das Große, im Normalen das Einmalige, im Verborgenen das Höchste geschieht: die Rettung der Welt durch ihren Sohn nach dem ewigen Willen des Vaters im Himmel. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Sonntag, 1. Juli 2018
010718 13. So im Jahreskreis

010712
13. Sonntag im Jahreskreis
Mk 5, 21-43
__________________________________________________________________________


Es sind gleich zwei Geschichten, die uns im Evangelium dieses Sonntags erzählt werden: die Geschichte einer Krankenheilung und die einer Totenerweckung. Und zwei Menschen sind es, die Jesus um seine Hilfe angehen: eine kranke Frau, die an Blutfluß leidet und ein Mann, der um seine Tochter bangt. Weiter hören wir von Menschen, die sich um Jesus drängen.
Viele Menschen, so wird erzählt, folgen Jesus. Ihm ging der Ruf eines Wundertäters voraus. Er hatte Aufsehen erregt, Erwartungen geweckt – vielleicht auch nur Neugierde oder Sensationslust. Als die Sache nicht so lief wie erwartet, als Jesus offenbar zu spät kam – die Tochter des Synagogenvorstehers war bereits tot -, da winkten die Leute ab. Er solle sich nicht weiter bemühen. Gib´s auf! Als Jesus nicht aufgibt, als er davon spricht, das Mädchen schlafe nur, lachten sie ihn aus. Zuschauer: abwartend, skeptisch, schwankend, ungläubig.
Steckt davon nicht auch etwas in uns, wenn wir, wie diese Menschen am Rande des Geschehens, nur bis zu Jesus, dem Wundertäter, vordringen? Wenn es auch uns vorrangig darum geht, ob Jesus nun Wunder gewirkt hat oder nicht. Am Ende der Geschichte, als das Menschenunmögliche eintritt du ein junges Mädchen wieder zum Leben erweckt wird, geraten die Leute ausser sich vor Entsetzen. Ob sie daraufhin an Jesus, den verheißenen Messias geglaubt haben, davon hören wir nichts Bloßer Wunderglaube reicht nicht aus. Damals in Israel nicht – dies zeigt die Verwerfung Jesu trotz der von ihm gewirkten Wunder – und auch heute nicht. Glaube muß tiefer ansetzen.
Schauen wir zunächst auf diese Frau, an der viele Ärzte herumkuriert hatten und die dabei um ihr ganzes Vermögen gebracht worden war. Eine Frau mit Blutungen galt in Israel als unrein. Sie war vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, musste jeden Kontakt meiden. Wer sie berührte, wurde ebenfalls unrein. Eigentlich durfte sie sich nicht in der Menge bewegen, durfte auch Jesus nicht berühren. Sie konnte ihn auch nicht öffentlich um Heilung bitten, dann hätte sie ihr Leiden offenbaren müssen, hätte den Zorn der Leute auf sich gezogen. Doch unsere Frau setzt alles auf eine Karte. Sie missachtet die Vorschriften ihrer Religion, drängt sich von hinten an Jesus heran. Und weil sie ihre Not nicht herausschreien darf, ihn nicht berühren will, da berührt sie wenigstens sein Gewand. Und Jesus spürt es und er erhört diese wortlose Bitte. Doch er besteht darauf, dass sie öffentlich sage, welches ihr Begehren war. „Sie sagte die ganze Wahrheit“, so unser Text. Alle sollten es hören, alle sollten es wissen, dass Jesus nicht die Auffassung der jüdischen Religion teilt, Blutungen machten unrein. „Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein“, sagt er. Geheilt ist sie, sie soll leben können.
Nach einer sehr alten Tradition stand am Kreuzweg Jesu eine Frau: Berenike, Veronika. Sie hat Jesus das Schweißtuch gereicht, in dem sich sein geschundenes Antlitz abgebildet hat. Und dann weiß eine spätere Legende davon zu erzählen, dass Veronika dieselbe Frau war, die Jesus von ihrem Blutfluß geheilt hatte. Vielleicht will diese Geschichte sagen, dass die von ihrem körperlichen Leiden geheilte Frau später noch eine tiefere Heilung erfahren hat. Möglicherweise ist sie wirklich Jesus nachgefolgt und konnte wahrnehmen, dass Jesus mehr ist als ein Wundertäter, mehr als ein Heiler. In der glaubenden und liebenden Hinwendung zu Jesus erkannte sie ihn als den Heiland und Erlöser der Menschen. Diese Frau würde dann alle jene Menschen verkörpern, die am Leidensweg Jesu gestanden haben, die daran geglaubt haben, dass das scheinbare Scheitern Jesu nicht dessen Ende bedeutete. Gegen den Augenschein! Auf seinem Weg ans Kreuz, in den Tod, sind alle seine Wunder scheinbar Lügen gestraft worden. Galten nichts mehr. „Anderen hat er geholfen“, so seine Widersacher, „sich selbst kann er nicht helfen“. Obwohl alles dagegen sprach, gab es dennoch Menschen, die an das Wunder glauben, das nur Gott zu wirken vermag: Gott wird Jesus aus dem Tod erretten.
Wie geht es mit, wenn augenfällige Wunder ausbleiben? Wenn in meinem Leben einiges anders kommt, als ich es mir erhofft habe? Wenn ich von einer Krankheit nicht geheilt werde? Wenn eine erstorbene Liebe nicht wieder zu beleben ist? Wenn mir zugefügte Verletzungen nicht heilen wollen? Kann ich dann noch daran glauben, dass Gott meine Wunden heilen wird, mich innerlich heil werden läßt? Solche Heilungswunder kann nur Gott vollbringen. An uns liegt es, ihm dies zuzutrauen.
Doch nun zurück zur Tochter des Jairus. Auf dem Weg zu ihr kommen schon die Leute seines Hauses. „Es ist umsonst“, so sagen sie. „Bemühe den Meister nicht mehr länger! Deine Tochter ist soeben gestorben.“ Wie modern auch das klingt. Beten sind Worte ins Leere, so sagen manche. Alles umsonst. Da ist kein Ohr, das unser Flehen hörte. Doch Jesus: "„Dein Bitten war nicht umsonst! Glaube nur und hab Vertrauen. Auch wenn die öffentliche Meinung es anders meint. Lass sie reden, lass sie lachen. Ja sie lachten als Jesus sagte, das Mädchen sei nicht tot, es schlafe nur. Bei Lazarus hat Jesus auch so gesagt: „Lazarus ist nicht tot, er schläft nur“. Der Tod ist nur wie ein Schlaf. Und man erwacht zum ewigen Leben. Doch Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Und so sagt Jesus: „Mädchen, steh auf.“ Und sofort stand es auf und Jesus fordert die erstaunten Eltern auf, sie sollten ihrer Tochter zu Essen geben.
Lukas schärft den Leuten ein, sie sollten das Geschehene nicht weiter erzählen. Damit wollte er erreichen, dass man in ihm nicht den bloßen Wunderheiler sieht die die tiefe Botschaft übersieht, die er bringen wollte. Und die Geschichte ist weiter erzählt worden, immer wieder, damit sie in denen, die sie hören Glauben weckt: Ja, ich darf Gott zutrauen, dass er durch Jesus Kranke geheilt und Tote auferweckt hat, und dass er dies getan hat, um Jesus als den verheißenen Messias zu bestätigen. Als den, der uns das Leben Gottes bringt. Es sollte durch aussergewöhnliche, die Macht des Menschen überschreitende Zeichen offenkundig werden, dass Gott wirklich unter uns gegenwärtig ist. Aber Jesus ist nicht gekommen, um Krankheiten zu beseitigen, den Prozeß unseres leiblichen Zerfalls zu verhindern oder gar den Tod rückgängig zu machen. Der Tochter des Jairus, auch dem Lazarus, blieben in dem ihnen zurückgeschenkten Leben Krankheiten und zuletzt der Tod nicht erspart.
Hoffen möchten wir jedoch auf einen Gott, der allem, mit Menschenaugen gesehen Aussichtslosen, Vergeblichen, Todgeweihten den Stachel des Endgültigen nimmt. Wir wollen hinter die Wunder zu dem hinfinden, der das Wunder selbst ist. Jesus ist das Wunder Gottes in dieser Welt. Im Glauben an ihn könnten wir dann Erfahrungen von Scheitern, von Krankheit und Tod schon jetzt zu Erfahrungen von Hoffnung werden. Dies wäre das eigentliche Wunder in unserem Leben, mögen auch die Wunder ausbleiben, die wir uns erträumen. Ein solches Wunder dürfen wir Gott zutrauen. Er hat uns in Jesus aus unserer Todesverfallenheit errettet und wird uns ein Leben schenken über dieses Leben hinaus. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Montag, 25. Juni 2018
240618 Johannes der Täufer Geburt

240618
Lk 1,5-17
Johannes der Täufer - Fingerzeig auf Christus
__________________________________________________

"Seht das Lamm Gottes!"
Eines der berühmtesten Gemälde ist in Colmar der Isenheimer Altar von Mathias Grünewald. In den Blick fällt vor allem die schrecklich realistische Darstellung der Kreuzigung. Allerdings, so scheint es, hat den Künstler sein Realitätssinn bei der Figur Johannes des Täufers verlassen. Denn dieser war nach Aussage der Heiligen Schrift schon vor der Kreuzigung Christi im Gefängnis enthauptet worden.
Was hat den Maler bewogen, den Täufer unter das Kreuz zu stellen und außerdem seinen Zeigefinger doppelt groß zu malen?

Es ist ein Satz, den Johannes einmal über Jesus gesagt hat: "Seht das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünden der Welt." Diese Worte sind zeitlos gültig.
Damit hat der Maler das Entscheidende getroffen. Johannes ist tatsächlich mit seinem ganzen Leben ein einziger Fingerzeig auf Christus.

Von Gott gerufen.
Und dadurch beginnt er, aus der Reihe zu tanzen. Johannes gab nicht kraftlos dem Meinungsdruck der Masse nach. Für ihn ist noch lange nicht wahr, was von den meisten nachgesagt wird. Er scheute sich nicht, abzuweichen. Johannes der Täufer wirkt für mich wie ein Fels in der Brandung. Er beschritt neue religiöse Wege. Die Frömmigkeit seines Vaters Zacharias, im Tempel althergebrachte Dienste zu leisten, befriedigte ihn nicht.

Johannes entwickelte ein gutes Gehör für die Anrufe Gottes, ein scharfsinniges Gespür für Echtes, für Lebensimpulse, die Verkrustetes durchbrechen. Er scheute nicht die Stille. Es zog ihn in die Wüste, um sich der Kraft von innen besser aussetzen zu können. Seine Berufung war mehr, als menschlichen Einflüssen nachzugeben. So wurde er fähig, neue Wege zu bereiten und Vorläufer des Messias zu werden.


Fingerzeig auf Christus durch den Lebensstil
Johannes trat nicht in die Fußstapfen seines Vaters. Er hätte ein bequemes Erbe antreten können. Einiges Ansehen und genügend Einkünfte wären ihm von Anfang an sicher gewesen. Stattdessen suchte er die Gottesbegegnung in der Wüste, in der lebensfeindlichen Abgeschiedenheit, die einen auf das Eigentliche zurückwirft, auf das, was in einem selbst steckt. Nichts in seinem Leben sollte von dem ablenken, den er verkündete. Der Asket, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte, wird uns zur Anfrage: "Ob weniger reicht, wenn man sich mehr auf Gott einlässt?"

Fingerzeig auf Christus durch Eintreten für die Wahrheit
Ich bestaune, wie mutig er dafür seinen Kopf hingehalten hat. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund und nannte die Missstände mit Namen, ganz gleich ob es den König Herodes betraf oder kleine Leute.
Mir kommt hier der Vergleich mit Martin Luther King, der von sich sagte: "Ich möchte, dass ihr an meiner Bahre sagt, dass ich ein Trommler war für Gerechtigkeit, für Frieden, für Gottes Wort. Wenn ich einem von euch den Weg zur Erlösung gezeigt und die Botschaft des Herrn verbreitet habe, dann war mein Leben nicht umsonst."

Zugleich ein Suchender
Sein Glaubensweg war alles andere als eine deutlich abgesteckte Strecke. Verunsichert ließ er vom Gefängnis aus Jesus fragen: Bist du es, der da kommen wird, oder sollen wir auf einen anderen warten? Dahinter steckt die Grundfrage: Wo ist denn das versprochene Heil Gottes? Offensichtlich haben das Volk und Johannes sich den Messias erheblich anders vorgestellt. Johannes bekam in seinem Suchen keine greifbaren Beweise. Ohne festen Glauben wäre er nicht weiter gekommen.

Fingerzeig sein in der Gegenwart
Es gibt in den Generationen nach Johannes bis in unsere Zeit viele Fingerzeige. Am deutlichsten haben die Heiligen auf Christus gewiesen. Gott zieht bis heute seine Hand nicht zurück, damit auch wir Fingerzeige sein können. Das muss nicht überfordern, wie einzelne Zitate von überzeugenden Christen zeigen:
- Wenn du urteilst, so liebe den Menschen und hasse den Fehler. (Augustinus).
- Eine Stelle auf dieser Welt, ein winziges Plätzchen wenigstens, können wir verändern - unser eigenes Herz. (Reinhold Schneider).
- Wenn du nicht imstande bist, auch nur einen guten Gedanken zu fassen, so unterlasse es nicht, dann und wann aus einem Buche, das dir zusagt, zu lesen. Lass dich nicht abbringen von dem Eindruck, das bringt zu wenig. Ein vorüberfließendes Wasser lässt doch auch einige Feuchtigkeit zurück. (Alfons von Liguori).
- Ich habe mir vorgenommen, niemals aus Gewohnheit oder Gleichgültigkeit zu den Sakramenten gehen und mich mindestens eine Viertelstunde vorzubereiten. (Papst Johannes XXIII.).
- Wenn du ein wenig freie Zeit hast, so schenke dich Gott. Es macht nichts, dass du dich zerstreut, kalt, trocken oder schlecht fühlst. (Theresia von Avila).
- Tu, was an dir ist, und Gott wird deinem guten Willen zu Hilfe kommen. (Thomas von Kempen).
- Wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen würde, wenn sie sich seiner Führung rückhaltlos überlassen würden. (Ignatius von Loyola).

Johannes der Täufer und viele überzeugte Christen wirkten wie Fingerzeige auf Christus. Auch uns lädt Jesus ein, sein Werk fortzusetzen durch ein mutiges Wort am rechten Platz und noch mehr durch eine überzeugende Lebenspraxis. Amen.

PM

Freitag, 22. Juni 2018
170618 12. So im Jahreskreis

170618
11. Sonntag im Jahreskreis
2 Kor 5,6-10
Mt 4, 26-34
__________________________________________________________________________


Wir treffen immer wieder auf liebe Zeitgenossen, die wissen alles ganz genau. Die wissen ganz genau, wie man Kirche machen muß, damit sie erfolgreich ist. Die haben genau die Patentlösung für Moral und Ethik in der Tasche. Die wissen besser als der liebe Gott, wo das Heil der Menschheit liegt. Ihre unerschütterliche Rechthaberei und ihre fundamentalistische Selbstbehauptung wischen jeden Zweifel vom Tisch. Manche Kreise gefallen sich in dieser vorgeschützten Selbstsicherheit. Auf manche Gemüter wirken sie anziehend, weil da doch alles so furchtbar klar und erklärt ist, weil da alle Wolken des Diskutablen verflogen sind, weil man da Gott und seinen Willen so deutlich hat und meint, ihn verwalten zu können.
Paulus sieht die Dinge schon etwas anders in der heutigen Lesung. Er tastet sich wesentlich vorsichtiger vor. Er geht viel behutsamer mit dem Absoluten um. Seine Sicht des Glaubens läßt uns aufhorchen und kritisch werden. Sein Ansatz mag für viele von uns heute sympathisch und hilfreich sein. Hier seine Thesen:
Fern vom Herrn. Gegen allzu erhitzte Gemüter, die sich beim lieben Gott schon ganz gemütlich eingerichtet haben und bei ihm ganz familiär ein- und ausgehen, erinnert Paulus bescheiden an die Tatsache, dass wir Menschen allesamt auf dieser Erde, auch als getaufte Christen, zunächst noch „fern vom Herrn sind“. Das ist die Ausgangslage für Paulus.
Gewiß, nach Paulus hat Gott der Herr uns erschaffen, ins Leben berufen, er begleitet uns in Gnade und Huld, aber respektiert auch unsere Freiheit. Gott wird alle vor seinen Richterstuhl stellen und die Gerechten ins Leben der Auferstehung führen. Und dennoch läßt Gott sein Geschöpf Mensch trotz aller Führung seinen Lebensweg und Geschichtsweg gehen. Daher kann Paulus sagen, dass der so nahe Gott doch auch unser ferner Gott ist, den nie jemand gesehen hat, dessen Willen wir nicht so direkt kennen, der uns nicht gängelt und an der Leine führt, der uns nicht entmündigt oder gar manipuliert. Gott bleibt bewußt und gezielt in Distanz zur Menschheit. Trotz Erhören unseres Betens und Bittens bleibt Gott immer der ganz jenseitige, unbegreifliche, unsichtbare, transzendente, der sich zwar in Christus offenbart, aber sein bleibendes Geheimnis dadurch nicht zerstört hat.
In der Fremde. Daher wandern wir trotz allem unserem Katechismuswissen, unserer Theologie und Frömmigkeit, trotz erhebender Gotteserfahrung in Kult, Liturgie und Gemeinde letztlich wie Flüchtlinge, Fremde, Heimatsuchende durch die Welt. Niemand weiß genau, wo die Leitplanken unserer Straße zum Heil, die biblischen Heilswege verlaufen. Selbst Lehramt und Bischöfe und Papst suchen tastend und stolpernd, von immer neuen Fragen und Problemen gefordert, den Weg in die Zukunft von Welt und Kirche. Alle spüren dabei, dass das hier, so wie diese Welt aussieht und sich täglich darbietet, nicht das Letzte sein kann, dass unser eigentliches Zuhause, unsere endgültige Heimat hier nicht sein kann.
Schätzen wir mit Paulus unsere Lage aber so ein, dass wir im Grunde hier noch in der Fremde leben, dann dürfen wir uns hier nicht auf ewig einrichten und festbeißen, so als ob wir hier das Paradies auf Erden einrichten könnten. Eine seltsame Weltdistanz und eine auffallende Relativierung der irdischen Verhältnisse sprechen aus diesem wichtigen Bildwort vom Leben in der Fremde, das ja eine große Nachgeschichte und Wirkung in der Bewegung der Mönche, Einsiedler, Orden und Klöster unserer Kirche bekommen hat. Natürlich lebt auch die Kirche als Einrichtung auf dieser Erde in dieser Situation der Fremde; sie ist nicht so perfekt und unantastbar, wie manche sich das vorstellen und wünschen; Kirche ist auch ein Teil unserer Fremde hier.
Glaubend unterwegs, nicht schauend. Wenn wir daher bei uns selbst und bei anderen immer wieder sehen und spüren, wie Glaubenszweifel, Suchen nach Antworten, Leiden unter dem Ungewissen, Fragen an Gott, Ringen mit Gott uns zu schaffen machen, dann dürfen wir sichergehen, dass es sich da bei uns um eine ganz legitime, normale, ja notwendige Form von Glauben handelt, um eine Art von Glauben, wie Paulus ihn kennt und beschreibt. Glaube ist für ihn ein tastendes Suchen, ein Sich-Einlassen aufs Ungewisse, ein Hoffen wider alle Hoffnung, ein Versuch des Gehens auf jenem Weg, den Jesus Christus uns vorausgegangen ist und er selbst ist, den Paulus einschlug, nachdem ihm der Auferstandene vor Damaskus erschienen war.
Glauben wird hier kombiniert mit dem Kriterium „unseren Weg gehen“. Es gehört also zum Glauben, sich aufzumachen wie Abraham aus Haran nach Kanaan, wie Israel im Exodus aus Ägypten, nicht zu erstarren in vermeintlichen Positionen des Beharrens, sich nicht festsetzen in dem Irrtum, bereits am Ziel zu sein. Das Wegmotiv ist grundlegender Bestandteil des Glaubensvollzugs, nicht nur nach Paulus, sondern nach gesamtbiblischem Zeugnis. Es beinhaltet die Vision vom erahnten, erhofften Ziel, das sich dem gewaltsamen Haben im Schauen entzieht.
Wenn Jesus uns heute zwei Gleichnisse über das Gottesreich erzählt, so läßt sich die Frage nach diesem Gottesreich nicht einschränken auf die Frage nach dem Leben, das nach dem Tod kommt. Jesus verkündet in vielen Gleichnissen, dass Gott jetzt mitten unter uns seine Herrschaft antritt. Nicht irgendwo über den Wolken will Gott regieren, sondern in unserem Leben und auf unserer Erde. Das „Reich Gottes“ ist ein Thema für hier und jetzt, für Gegenwart und Zukunft.
Und immer wieder taucht bei jedem von uns die gleiche Frage auf: Was kann ich als Einzelner schon tun? Und da möchte ich ihnen die wahre Geschichte von dem Mann mit den Bäumen erzählen.
Die Geschichte klingt wie ein Märchen und ist doch wahr. Ein älterer Mann, im Süden Frankreichs, wohl schon über 50. Sein einziger Sohn ist gestorben, dann auch noch seine Frau. Wofür soll er noch leben? Er verläßt seinen Bauernhof unten in einer fruchtbaren Ebene und zieht sich in die Einsamkeit zurück. Hier lebt er mit seinen 50 Schafen und seinem Hund. Die wasserlose Gegend der Cevennen am Südrand der Alpen gleicht einer Wüste. Vier oder fünf halbverlassene Dörfer mit zerfallenen Häusern gibt es in dieser trostlosen Gegend. Das Klima ist rauh, die Menschen zerstritten. Der alte Mann erkennt, dass diese Landschaft ganz absterben wird, wenn keine Bäume wachsen. So beschließt er, Abhilfe zu schaffen. Immer wieder besorgt er sich einen großen Sack mit Eicheln. Diese sucht er sorgfältig aus. Erst wenn er hundert gute und kräftige gefunden hat, legt er sie in einen Kübel mit Wasser, damit sie sich richtig vollsaugen. Schließlich nimmt er eine Eisenstange und zieht los. An einer geeigneten Stelle fängt er an, den Eisenstab in die Erde zu stoßen. So macht er ein Loch und steckt eine Eichel hinein. So pflanzt er Eichen. 100.000 Eichen in drei Jahren. Er hofft, dass wenigstens 10.000 durchkommen. Bäume in einer Gegend, wo es vorher nichts gegeben hat. Zwischen 1910 und 1945 pflanzt dieser einsame Schäfer Hunderttausende Eichen, später Buchen, Ahorn, Birken, Erlen und Ebereschen. Als Elzéard Bouffier, so heißt der Greis, 1947 im Alter von 89 Jahren stirbt, hat er einen der schönsten Wälder Frankreichs geschaffen, ein kleines Paradies, wo früher Einöde war. Menschen siedeln sich an, an die 10.000 Menschen leben nun in den Dörfern und keiner davon weiß, wem das neue Glück zu verdanken ist. Ein einziger Mensch mit seinen schwachen Kräften hat genügt, um aus einer Wüste ein Stück „Gelobtes Land“ zu schaffen. Amen.

P. M.

Sonntag, 10. Juni 2018
100618 10. So im Jahreskreis

100618
10. So im Jahreskreis
Mk 3, 20-35


Haben wir wohl recht gehört? Da gibt es in der Familie Jesu eine heftige Auseinandersetzung. Jesus predigt vor vielen Menschen und plötzlich stehen seine Verwandten vor der Tür und wollen ihn zurückholen. Und um die ganze Spannung zu erhöhen, erklären sie Jesus für verrückt, er sei von Sin-nen. Seine Verwandtschaft ahnte sehr wohl auf welch gefährlichen Pflaster sich Jesus bewegte. Seine Lehre eckte an, weil er sich in einigen wichtigen Punkten von der starren Haltung der Gesetzeslehrer entfernte: er gab sich mit Sündern ab, seine Interpretation des Sabbatgebotes erregte Ärgernis. Gegen die Starrheit seiner Gegner halfen auch die Wunder nicht, die er wirkte. Uns selbst befremdet auch die Einstellung gegenüber seiner Mutter. Er erklärt fremde Leute zu Mutter und Brüdern.
Unter seinen Zuhörern befanden sich auch Schriftgelehrte, die von Je-rusalem gekommen waren, von denen einer in die Menge hineinrief: „Er ist von Beelzebul besessen, mit Hilfe der Anführer der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Das hat ja gerade noch gefehlt, dass man Jesus in eine Linie mit dem „Herr der Fliegen“, wie die Übersetzung heißt, mit dem Bösen selbst in Verbindung bringt. Dämonenaustreibungen haben die Menschen, die um Jesus herumwaren immer wieder erlebt. Er trieb böse Geister aus, die die Menschen besetzthielten, die von den Menschen Beitz ergriffen hatten. Die Dämonen werden durch Jesus in die Flucht geschlagen, ihrer Herrschaft beraubt.
Wir müssen uns auch darüber klarwerden, wer diese Dämonen ei-gentlich sind. Mit Namen kennen wir sie nicht, aber wir haben schon mitbe-kommen, was sie anrichten- ganz im Verborgenen. Sie lieben es, sich einzu-nisten, ohne sich zu verraten. Dass sie da sind. Gekonnt verwischen sie ihre Spuren. Und sie geben sich ganz natürlich.
Natürlich scheint es zu sein, Hass mit Hass zu beantworten, Schläge mit Schlägen, Beleidigungen mit Beleidigungen, Kriege mit Kriegen, Brutali-tät mit Brutalität. Die Reaktion ist also vorprogrammiert, der Teufelskreis-lauf auch. Alles erklärt sich von ganz alleine. Und alles scheint vernünftig. Wenn sie die Auseinandersetzungen kriegführender Gruppen anschauen, so hat jede Partei ihre Waffen gesegnet, jede meint im Recht zu sein. Und so sind die Menschen in ihren eigenen Ansichten gefangen, von bösen Geistern, von Dämonen beherrscht.
In unserer modernen Welt breitet sich diese Art von Besessenheit mit hoher Geschwindigkeit aus. Wir sind besessen von den Möglichkeiten der modernen Technik. Nicht dass diese Technik schlecht wäre, ganz im Gegen-teil; aber wir verlieren die Kontrolle über sie, wir werden von ihr beherrscht. Wir können das Smartphone nicht mehr aus der Hand legen, es muss alles funktionieren, wir haben nicht mehr die Kraft über den Knopf, die Maschine einfach auszumachen.
Und das alles gibt sich natürlich. Die Dämonen tarnen sich. Sie tarnen sich so gut, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Sie lieben es als entmytholo-gisiert zu gelten. Nur. Sie sind da. Böse Geister, die Menschen gefangen nehmen, sich ihres Lebens bemächtigen, sich in den Gehirnen festsetzen uns die letzte Freiheit rauben.
Unsere Vorfahren glaubten, dass nur der Teufel die Macht hat, die vielen Geister unter die Knute zu bekommen. Jesus zeigt, dass nur er die Macht über die bösen Geister besitzt, dass mit der Austreibung der Dämo-nen das Reich Gottes anbricht. Aber anstatt sich darauf einzulassen, ver-dächtigen sie ihn lieber, mit dem Teufel im Bund zu sein. Die Angehörigen Jesu wissen – zu unsrem Entsetzen – auch keinen besseren Rat als den, Jesus für verrückt zu halten. Ist es so verwunderlich, so verwerflich. so fraglich, dass Jesus die Dämonen austreibt? Wir sehen es jetzt ganz deutlich: Wäh-rend die Dämonen nach wie vor als normal gelten, muss Jesus wohl verrückt sein. Dieses Evangelium ist ein Paradebeispiel dafür, wie die >Welt aus den Fugen geraten muss, wenn die Dämonen ausgetrieben werden. Den Vor-wurf verrückt zu sein, hat Jesus in eine Liebeserklärung verwandelt – in eine Liebeserklärung der Menschen, die frei geworden sind, die wieder leben können, die – endlich – anderen erzählen können, was mit ihnen geschehen ist.
Bevor wir an das Ende dieser abenteuerlichen Geschichte kommen, sehen wir vor dem Haus: Maria, die Brüder, Anverwandte nennen wir sie, Familie. Von ihnen erzählt der Evangelist, dass sie Jesus herausrufen wollen. Nur: Jesus kommt nicht heraus. Wir bekommen mit wie Jesus seine Familie neu definiert: alle, die den Willen Gottes tun, sind für ihn Bruder – und Schwester – und Mutter. Was nicht direkt ausgesprochen, aber gemeint ist: Ich, wir sollen zu dieser Familie gehören.
Langsam geht uns auf, warum Markus diese Geschichte so erzählt: Gott will, dass die bösen Geister vertrieben werden – um sein Reich aufzu-richten. Jesus wird dafür in den Tod gehen. Ob seine Familie ihn schützen will? Ob alle wissen, wohin der Weg geht, den Jesus einschlägt? Ob seine Mutter Angst um ihn hat? Am Ende sehen wir sie unter dem Kreuz stehen. Heraus lässt sich Jesus nicht rufen. Er bleibt an seinem Ort, auf seinem Weg, in seiner Berufung. Wir hören ihn sagen – von Anfang an: Kehrt um – das Reich Gottes ist nahe. Die ersten, die das zu spüren bekommen, sind die bö-sen Geister – die zweiten: Jesu Familie.
Wenn es darum geht, die Geister, die die Welt beherrschen, auszutrei-ben, wird es ohne Streit, auch ohne Missverständnisse nicht abgehen. Dass sogar die engste Familie Jesu keinen anderen Rat weiß, als ihn für verrückt zu erklären, mag befremden, fromme Ohren stören, aber: wir sollen dank-bar sein, dass Markus das erzählt. Jetzt weiss ich wo ich dran bin. Ich weiß auch, was ich zu tun habe – als Bruder, als Schwester Jesu. Amen.

P.M.

Donnerstag, 7. Juni 2018
030618 9. So im Jahreskreis

030618
9. So im Jahreskreis
Mk 2,23-3,6
__________________________________________________________________________



Im 13. Jahrhundert vor Christus gelangen die Israeliten unter die Knechtschaft Ägyptens. Zuvor waren sie als freie Hirten mit ihren Familien wegen Hungers in dieses Land gezogen. Doch gewissermaßen unter der Hand macht man sie dort zu Sklaven. Schwerste Arbeit müssen sie dort verrichten. Sie bauen Pyramiden und Paläste, werden von ihren Fronvögten angetrieben und geschlagen. Sie führen ein bitteres Leben in Unfreiheit. Die Israeliten schreien nach einem Befreier. Freiheit steht ihnen über alles. Und Gott sendet ihnen Moses. Obwohl er im Hauses des Pharaos aufgewachsen ist schlägt in ihm ein hebräisches Herz. Und Moses führt das Volk in die Freiheit. Gleichwohl wird es ein weiter Weg durch die Wüste mit Hunger und Durst und allen möglichen Entbehrungen.
Und dann kommt das bedeutende Ereignis auf dem Sinai. Durch das Wort des Moses erfährt das Volk das neue Gesetz. Und in diesem Gesetz steht das Gebot der Sabbatruhe. Ganz schlicht und einfach steht es da: „Gedenke, dass du den Sabbat heiligst“.
Warum dieses Gebot? Hat Gott etwas davon, dass er uns dieses Gebot gibt? Nein, sicherlich nicht. Die Gebote Gottes sind für den Menschen da, der Sabbat ist für den Menschen da. Das drückt Jesus selbst einmal sehr deutlich aus, wenn er sagt: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Und immer und immer wieder erfahren wir durch das Evangelium wie sich Jesus gegen jede kleinliche und schließlich gegen den Menschen gerichtete Sabbatheiligung auflehnt und zuwiderhandelt. Auch im heutigen Evangelium wird uns über so ein Geschehen berichtet.
Von Jesus wird berichtet, dass er voll Zorn und Trauer war, als er diesem Mann begegnete und all diejenigen sah, die um ihn herumstanden und keinen Blick hatten für die tiefe, innere Not dieses Menschen, sondern nur auf das eine bedacht waren: dass ja um alles in der Welt die geltenden Normen und Gesetze äußerlich genau eingehalten werden. „Steh auf und stell dich in die Mitte“ sagt Jesus zu dem kranken Menschen. Stell dich in die Mitte und nicht an den Rand. Jetzt bist du wichtig für mich, nicht der Buchstabe des Gesetzes. Und auch das, was verdorrt und abgestorben ist in dir, soll wieder zu neuem Leben kommen. Streck deine Hand aus: das Leben ist bei weitem reicher und vielfältiger, als du es bisher wahrhaben durftest.
Darüber hinaus lesen wir in unserem Text, dass das ganze Ansinnen der Pharisäer auf Bosheit hin ausgelegt war. Es ging ihnen letztlich darum, einen Anklagegrund gegen Jesus zu finden. Der Mann mit der verdorrten Hand war ihnen völlig einerlei.
Ohne Fragen an uns darf diese Stelle des heutigen Evangeliums nicht so ohne weiteres bleiben. Viele Menschen nehmen es mit dem Sabbat beziehungsweise mit dem Sonntag ohnehin sehr locker. Sie übersehen, dass es sich keineswegs nur um einen Ruhetag handelt, der ein wenig Muße gibt, sich mit seinen Hobbys zu beschäftigen oder eine Wanderung zu machen. Auch der bloße Besuch und die Mitfeier eines Gottesdienstes würden dem Gebot noch nicht Genüge tun. Wir müssen insoweit besinnlich und nachdenklich werden, dass wir merken wie viel in unserem Leben verdorrt und vielleicht schon abgestorben ist, wie viel in unserem Leben nicht mehr funktionstüchtig ist. Wir müssen darauf kommen, inwieweit wir selber bereits zu Außenseitern im Christentum geworden sind, zu passiven Zuschauern, denen die Befolgung einiger Gesetze zur Legitimation für ein christliches Leben gilt.
Wir müssen dahinterkommen, dass in uns und auch in unseren Mitmenschen Lebensmöglichkeiten stecken, die noch nicht zum Leben erweckt sind, die verdorrt sind und abgestorben. Es müßte uns der Sonntag wieder zum Bewußtsein bringen, dass wir uns nicht mit der mitunter traurigen Bilanz unseres christlichen Lebens zufriedengeben dürften. Paulus meint in der Lesung, wir tragen alle einen Schatz. Und das ist eine Tatsache. Das Angebot Gottes an uns ist gewaltig, Gottes Heiliger Geist ist zu großen Taten fähig auch mit uns, vorausgesetzt unsere Bereitschaft ist vorhanden. Paulus fährt sehr realistisch fort: diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen. Jeder von uns weiß wie zerbrechlich sie sind. Und er erzählt von seiner eigenen Begrenztheit und von der Erfahrung seiner eigenen Schwäche. Und was er da aufzählt, das passt auch auf jeden von uns: wir sind in die Enge getrieben, wir wissen weder aus noch ein, wir werden gehetzt und werden niedergestreckt. Aber dann kommt gleich das Positive: Gott schafft uns Raum, wir brauchen nicht zu verzweifeln, wir sind nicht verlassen, wir werden nicht vernichtet. Und als Kernsatz, uns zum Trost, sagt er: Das Übermaß der Kraft kommt nicht von uns, sondern von Gott!
Und somit sind wir nicht unterzukriegen, wenn uns auch die Not der Zeit und die eigene Not bedrängt. Denn Gott kann das Verdorrte und das Niedergedrückte in uns zu einem neuen Leben erwecken.
Da ging durch eine Oase ein finsterer Mann, Ben Sadok. Er war so gallig in seinem Charakter, dass er nichts gesundes und Schönes sehen konnte, ohne es zu verderben. Am Rand der Oase stand ein junger Palmbaum im besten Wachstum. Der stach dem finsteren Mann in die Augen. Da nahm er einen schweren Stein und legte ihn der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem bösen Lachen ging er nach dieser Heldentat weiter. Die junge Palme schüttelte sich und bog sich und versuchte, die Last abzuschütteln. Vergebens. Zu fest saß der Stein in ihrer Krone. Da krallte sich der Baum tiefer in den Boden und stemmte sich gegen die steinerne Last. Er senkte seine Wurzeln so tief, dass sie die verborgene Wasserader der Oase erreichten, und stemmte den Stein so hoch, dass die Krone über jeden Schatten hinausreichte. Wasser aus der Tiefe und Sonnenglut aus der Höhe machten eine königliche Palme aus dem jungen Baum. Nach Jahren kam Ben Sadok wieder, um sich an dem Krüppelbaum zu freuen, den er verdorben. Er suchte vergebens. Da senkte die stolze Palme ihre Krone, zeigte den Stein und sagte: „Ben Sadok, ich muß dir danken, deine Last hat mich stark gemacht.“
Das ist das Geheimnis: dass das Leben, das wir oft genug als Last empfinden, dass all das Sinnlose, dem wir so oft aus dem Weg gehen möchten, wenn wir es könnten, dass das alles von Gott her einen Sinn bekommt, so wie das Licht und der Schatten einem Bild erst die nötigen Konturen geben.
Möge Gott das verdorrte und leblose in uns erwecken zu einem neuen Leben, das Früchte bringt. Vielleicht kann uns gerade unser Sonntag dazu verhelfen, dass wir erahnen, wie sich die vielen Ereignisse unseres Lebens, die angenehmen und auch die leidvollen wie die Teilchen eines Puzzlespieles zusammen setzen zu einem sinnvollen und schönen Ganzen - durch die Gnade des Herrn. Amen.

P. P.M.

Mittwoch, 30. Mai 2018
310518 Fronleichnam

310518
Fronleichnam
Mk 14,12-16.22-26

________________________________________________________________


Wenn wir heute Fronleichnam feiern und in besonderer Weise dabei die Eucharistie verehren, tun wir zunächst nichts anderes als eine uralte Erinnerung wachhalten. Denn vielleicht gibt es in der religiösen Menschheitsgeschichte nichts Umwerfenderes und Unwahrscheinlicheres als den Glauben und die Zuversicht des religiösen Teils der Menschheit, dass Gott im Leben der Menschen anwesend ist; dass er menschliches Leben begleitet, erlöst und vollendet. Schon am Anfang der Welt, so heißt es im Schöpfungsbericht, war Gott anwesend und ordnete alles. Er hat den ersten Menschen Leben und Dasein gegeben und ihn als sein Ebenbild geschaffen, als Krone der Schöpfung und der Evolution. Das Alte Testament lebt seinen Glauben aus dem Bewußtsein, dass Gott einen Bund mit den Menschen geschlossen hat und dass es darauf ankommt, diesen Bund zu leben und zu bezeugen - in Zeiten der Freude wie auch der Prüfung und des Leidens.
Die Freundschaft mit Gott bedeutet nicht Exklusivität. Allen Menschen sollte die Botschaft zuteilwerden, dass sie nicht allein gelassen sind in den Nöten und Beschwerden des Alltags. Damit eine solche Botschaft überhaupt verstanden werden kann, hat Gott selbst die Voraussetzungen dafür geschaffen. Er hat sozusagen in der ganzen Schöpfung Spuren hinterlassen; er hat alle Lebewesen mit Hoffnungen und Sehnsüchten ausgestattet, die sie immer wieder drängen und treiben, nach Gott und nach dem letzten Sinn aller menschlichen Wege zu fragen. Sehr schön hat dies Paulus zum Ausdruck gebracht. Er spricht davon, dass die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit unterworfen, sehnsüchtig auf die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes wartet. Dass sie in Geburtswehen liegt und in der Hoffnung lebt, von jeder Sklaverei und Verlorenheit befreit zu werden. So scheint jede Unruhe und Angst darauf angelegt, wie ein Motor menschlichen Lebens von innen her zu treiben, bis es seine Ruhe und Erfüllung gefunden hat in Gott, dem Ursprung und Ziel aller Dinge.
Wie sehr wir Menschen nach handgreiflichen Dingen auch in unserem Glauben verlangen, das weiß Gott und darum hat er uns ein Sakrament hinterlassen, dass alles menschliche Begreifen übersteigt, das aber gerade, weil es ein Geheimnis des Glaubens ist, die tiefste Liebe Gottes offenbart. Wir sagen heute Dank dafür, dass der Herr nicht nur in der Erinnerung, nicht nur in den Worten des Evangeliums, sondern auch in einem Zeichen bei uns bleiben wollte, das man mit den Sinnen wahrnehmen kann. Nach seinem Auftrag nehmen wir heute Brot und Wein, sprechen das Dankgebet darüber und empfangen beides als Leib und Blut Christi wieder. Aber heute am Fronleichnamstag begehen viele Christen dieses Sakrament nicht nur wie an einem Sonntag oder an einem Feiertag. Sie gehen stattdessen hinaus, feiern irgendwo in der Gemeinde unter freiem Himmel Eucharistie, und dann ziehen sie - das Zeichen des Heiligen Brotes in ihrer Mitte - über die geschmückten Straßen und Plätze zum Gotteshaus. Vier Altäre gibt es, von denen aus die Gegenwart des Herrn und mit ihr der Segen Gottes gleichsam über die vier Himmelsrichtungen, also über die ganze Erde, ausgebreitet wird.
Diese Geste - die Prozession, das festlichen In-die-Welt-Hineingehen mit Christus, der alles umfassende Segen -, all das ist nicht bloß fromme Zutat. Es versinnbildet vielmehr etwas von der Innenseite dessen, was wir Sonntag für Sonntag tun. Mehr noch als heute war früher geläufig, dass die Heilige Messe ihren Mittel- und Höhepunkt nicht in der Predigt und auch nicht in der Hl. Kommunion hat, sondern: in der Wandlung. Wir bringen unser Brot und unseren Wein zum Altar. Und war sagen mit Recht, es seien dies die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Eine zahlreiche Wandlung, die das Korn und die Traube durchmacht, ehe es Brot und Wein gibt. Aber unsere Wandlungskette ist schließlich erschöpft. Das letzte Wort der Wandlung spricht Christus der Herr selbst, indem er das von uns Dargebotene nimmt und es in seine Gegenwart wandelt. Aber eines ist wichtig, dass wir es wahrnehmen. Die Voraussetzung dazu wird von uns her erwartet. Ohne unser Brot und ohne unseren Wein geschieht keine Verwandlung durch Christus. Das ist überhaupt ein Geheimnis des göttlichen Wirkens, dass unsere menschlichen Voraussetzungen notwendig sind. Bei jedem Wunder der Heilung heißt es doch: „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen“ und bei der Hochzeit zu Kana füllen die Diener die Krüge mit Weine und sie füllen sie randvoll. Das betont Johannes eigens, um damit zu sagen: Was wir tun können, auch wenn es nur darin besteht, Wasser in Krüge zu leeren, das sollen wir mit großer Vollkommenheit tun, um die Vorbedingung zu schaffen für das, was nur Gott tun kann.
In dieser heiligen Wandlung ergreift Gott ein kleines Stück der Welt und wird darin gegenwärtig. Und wenn wir Jesus in der heiligen Kommunion empfangen, übrigens der tiefste Kontakt, den wir mit Gott haben können, dann kann das nicht etwas sein, was wir nur für uns behalten, sondern muß der Welt, in der wir leben weitergegeben werden. Es heißt im lateinischen Text der Messe am Schluß: Ite missa est - und das wurde übersetzt: Geht die Messe ist nun zu Ende. Und das Volk antwortete: Deo gratias - Gott sei Dank. Das ist leicht mißverständlich. Es heißt aber: Geht, nun seid ihr gesendet, nun nehmt eure Aufgabe in der Welt war. Wenn Christus in euch lebt, dann muß von euch auch etwas von diesem Christus ausstrahlen, dann müßt ihr in gegenwärtig setzen in der Welt, in der ihr lebt, auf dem Platz, wo sich euer Leben abspielt, dann muß Jesus Christus durch euch wieder neu gegenwärtig werden mitten unter uns, mitten in dieser Welt.
Das ist eine Aufgabe, die uns herausfordert. So verstanden wird die Eucharistiefeier ein neues Leben bekommen. Man kann sie nicht mehr absitzen wie eine lästige Pflicht und sich darüber aufregen, dass die Predigt nicht gut war und die Lieder alt und abgesungen. Wir haben erkannt, worauf es ankommt in dieser heiligen Feier!“
Fronleichnam wagt einen großen Blick nach vorne, in die Zukunft. Das Fest zeigt unserer Welt, dass sie Gott noch nicht verlassen hat, dass sie Zukunft hat. Und das müssen wir ihr immer wieder sagen.
Bert Brecht sagte einmal zu einem Freund über ein Mädchen, das beide kannten: „Sie war nicht schön. Aber sie hätte es werden können, wenn es ihr jemand gesagt hätte.“ Etwas Ähnliches tun wir heute: Wir sagen unserer Welt, in der wir leben, was sie sein wird, damit sie zu werden beginnt, was sie in Wahrheit ist.
Gegen diesen Blick nach vorn gibt es auch Widerstand. Er kann zäh sein. Die Sprache unseres Glaubens nennt ihn „Sünde“. „Sünde“ kommt von „, sondern“, absondern. Sünde ist der Versuche, Gott auszuschließen aus einer Frage, einer Entscheidung des Lebens, auszuschließen aus der Weise, wie Menschen miteinander und auch mit der Erde umgehen. Das Eigenartige dabei: Nirgends, wo der Mensch versucht, Gott auszuschalten - nirgends wehrt sich Gott dagegen. Er drängt und zwingt sich nicht auf. Der Mensch erhält seinen Willen - und mit ihm die Konsequenzen daraus.
Es wird Zeiten im Leben eines jeden Menschen geben, da ihm scheinen möchte, dass die ganze Welt nur noch gottverlassen ist, weil nichts mehr zusammenpaßt und zusammengeht in ihr für ihn. Das heutige Fest widerspricht dieser Versuchung zur Resignation. Es stachelt zu aufständischer Hoffnung an. Mit Fronleichnam bekennen wir unsere Hoffnung, dass Gott, dass die Wandlung über alle Hindernisse und Zerrissenheiten hinweg doch stärker sein wird. Auch in jedem von uns. Jedesmal, wenn wir gläubig Eucharistie feiern, geht unsere Verwandlung ein Stück weiter. Gott sei Dank. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Mittwoch, 30. Mai 2018
270518 Dreifaltigkeritssonntag

27p0518
Dreifaltigkeitssonntag
Mt 28, 16-20
__________________________________________________________________________


Wer ist Gott? Diese Frage haben wir uns sicherlich schon oft gestellt. Und auf diese Frage gibt es eine Menge Antworten. Keine ist erschöpfend. Jeder, der sich diese Frage stellt, wird an einen Punkt kommen, wo er sagen muss: Gott ist mehr. Mehr, als ich denken kann, mehr, als andere mir sagen können, mehr als wir alle verstehen können.
Dieses „Mehr“ Gottes feiern wir heute als das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit: Der eine Gott ist der dreifaltige Gott. Vielleicht werden sie mir jetzt sagen: Das verstehe ich noch weniger. Dieses heilig-dunkle Zahlenspiel mit göttlichen Personen, Naturen und Wesenheiten, verpackt in hochtheologische Sätze ist mir fremd. Ja, es ist nicht nur fremd, es verunsichert mich sogar. Was hat dieser Gott meinem konkreten Leben zu tun? Mit der Last meines Alltags, der Not unserer Welt, der Sehnsucht nach Heilung und Heil? Die Dreifaltigkeit ist davon so weit entfernt wie der Himmel von der Erde.
Wenn das wirklich so wäre, dann wären wir Christen arm dran. Nicht nur, dass wir uns bei jedem Kreuzzeichen stillschweigend selbst verleugnen müssten. Schlimmer. Wir stünden da als armselige Jünger, die sich an einen Gott hängen, der so kompliziert geworden ist, dass er uns in keiner Weise mehr zugänglich ist.
Vielleicht ist es ja der Begriff selbst, der uns zurückschrecken lässt: Dreifaltigkeit. Als könne man Gott auf eine Formel bringen, ihn sauber aufnotieren auf Rechenpapier und die griffige Formel dann anwenden, wenn man sie braucht. Das Dumme ist nur, dass wir sie schon längst nicht mehr brauchen. Wir haben ja uns eigene Götter geschaffen. Manchmal scheint es so, als hätten wir die Rede von der Dreifaltigkeit in den Giftschrank der Theologie gesperrt und machten einen großen Bogen darum.
Es wäre ein großes Missverständnis der Theologie, würde sie meinen, sie könne Gott in ihre Begriffe einfangen. Gott ist letztlich von uns Menschen nicht zu begreifen und alle unsere menschlichen Worte sind zu schwach, um etwas über ihn auszusagen.
Nun, wenn wir in das Neue Testament hineinschauen, dann merken wir, dass der Begriff „Dreifaltigkeit“ dort nicht vorkommt. Es sind nur wenige Stellen, die Vater, Sohn und Geist in einem Atemzug nennen. Und doch rechnet das Neue Testament an jeder Stelle mit der lebendigen Wirklichkeit des dreifaltigen Gottes. Sie wird in Jesus selbst gegenwärtig. Immer wieder spricht er vom Vater, aus dem er ist, und vom Geist, den er senden wird.
Das Neue Testament kennt auch keine Formelhaftigkeit. Es sind Menschen, die die Dogmen machen. Ist das falsch? Sicher werden Dogmen in einer sich wandelnden Zeit, in der sich auch die Verständnishorizonte der Wirklichkeit ändern, schwierig, sogar unverständlich, erklärungsbedürftig. Aber wo immer es Menschen gibt, brauchen sie etwas, an das sie sich halten können. Menschen brauchen den Kodex einer gemeinsamen Erinnerung, auch Sätze über Gott, auf die sie immer wieder verlässlich zurückgreifen können. Das entbindet sie aber nicht, auch das Verstehen immer wieder neu zu suchen.
Die Frage nach der Dreifaltigkeit ist für mich die Frage: Was weiß ich von Gott? Es ist nicht viel und doch wieder eine ganze Menge.
Ich erfahre mich als Geschöpf, das sich nicht selber gemacht, sondern sein Leben empfangen hat. In einer Welt, die, so belastet sie ist, doch wunderbar bleibt, grandios, herrlich. Eine Welt, die sich nicht selbst ins Dasein gebracht hat, sondern in der ich die Spuren Gottes erkenne, die mich ehrfürchtig staunen lassen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Ich erlebe mich als Mensch in einer Geschichte von Menschen. Auch in einer Glaubensgeschichte, in der Israel einen besonderen Platz einnimmt. Es ist eine Geschichte, in der Menschen erfahren haben, dass der Schöpfer kein anonymes Etwas ist, sondern ein Du, ein Ich-bin-da. Und es gehört auch zu den großen Erfahrungswerten Israels, dass der Schöpfer es nicht beim Schaffen belässt, sondern mitgeht, eingreift, nahe ist, sich seiner Welt zuwendet. Das weiß ich ahnend von Gott.
Und ich erfahre mich als Christ in einer Gemeinschaft von Christen, die erfahren haben, weitererzählen und bezeugen, dass Gott noch weiter geht, dass er den Menschen sein Gesicht gezeigt hat, nicht fern, sondern hautnah. In Jesus, der als Mensch unter Menschen Gott ganz und gar gegenwärtig macht. Wer ihn sieht, der sieht den Vater im Himmel Und es geht noch weiter: dieser Gott holt uns aus der Sterblichkeit dieser Welt heraus so wie er Jesus aus dem Tod herausgeholt hat und wir werden einmal dort sein wo Gott ist und werden sein Leben mit ihm teilen. Das weiß ich ahnend von Gott.
Manchmal frage ich mich, wie ich das wissen kann. Ich spüre, dass mein Wissen und Verstehen damit längst überschritten sind, dass ich selber überschritten bin. Jesus hat das den Geist genannt. In einer Weise, die deutlich macht: Hier ist nicht irgendeine Energie am Werk, eine Kraft, die sich kanalisiert und bei Nichtgefallen abstellen lässt, sondern ein Du. Ein Du, das in mir zu mir spricht und mich manchesmal begeisternd überfällt.
Gott hat den Menschen bis heute nicht geoffenbart, wer er ist, sondern was er tut. Er hat nicht sein Wesen den Menschen kundgetan, sondern sein Handeln. Gott ist nicht ein Gott „an und für sich“, sondern ein Gott „für die Menschen“. Darin liegt die frohe Botschaft von dem einen Gott in drei Personen: Gott ist in seiner Liebe zu den Menschen unerschöpflich. Er sucht immer neue Wege und begnügt sich nicht mit einer Einbahnstraße ewigen Einerleis für seine Offenbarung. Kein Winkel menschlicher Geschichte, kein Ort dieser Welt, keine Zeit sind von der Möglichkeit ausgenommen, Gott zu erfahren.
Ein Prisma aus feingeschliffenem Glas halte ich in meiner Hand. Sonnenstrahlen fallen darauf und werden in vielfältiger Weise gebrochen. Sie zeichnen farbige Streifen auf das Blatt Papier, das vor mir auf dem Tisch liegt. Ein kleiner Käfer kriecht darüber. Durch die verschiedenen Brechungen des Lichts ist er bald in blaue, bald in rote Farbe getaucht. Und doch ist er immer nur von dem einen Licht beschienen, wird er immer nur aus der einen Quelle erleuchtet.
Diese kleine Begebenheit lässt etwas erahnen von dem Geheimnis des einen Gottes in drei Personen, zu dem wir uns als Christen bekennen. Da wandern wir über unsere Welt und erfahren ganz unterschiedliche Weisen der Gottesoffenbarung. Wie der Käfer sind wir bald in dieses, bald in jenes Licht des göttlichen Wirkens getaucht. Und wie der Käfer könnten wir vielleicht annehmen, dass es verschiedene Lichtquellen sind, die uns abwechselnd beleuchten, je nach dem Standpunkt, den wir gerade einnehmen.
„Gott ist Licht, und keine Finsternis ist ihn ihm“, so lesen wir im ersten Johannesbrief. In seinem Licht lässt er uns das Licht schauen. Er leuchtet uns auf als Vater, wenn wir seine Schöpfermacht, seine liebende Führung oder seine vergebende Güte erfahren. Wir erkennen ihn als Sohn, wenn er uns nahe ist, wie Jesus, unser Bruder, uns nahe ist. Wir erfahren ihn als heiligen Geist, wenn wir uns von seinem belebenden und vorwärtstreibendem Atem berührt fühlen. Und dennoch: es ist immer ein und dasselbe Licht, das uns aufscheint, aber gebrochen in drei Personen.
Bruchstückhaft ist unser Wissen über Gott, eine simple menschliche Annäherung an sein Wesen. Und doch finde ich ihn ihr den dreifaltigen Gott mitten in meinem Leben. Und das ist das Konkreteste, was es gibt. Amen.


P. Paul Mühlberger SJ


Donnerstag, 24. Mai 2018
200518


200518
Pfingsten
Jo 20, 19-23
__________________________________________________________________________


Unsere Kirche feiert verschiedene Fest, welche zum Herzen dringen, darunter drei sogenannte Hochfeste; aber während Weihnachten durch den Hl. Nikolaus, Maria Empfängnis und die Adventszeit, Ostern dagegen durch Aschermittwoch, Fastenzeit und Karwoche entsprechend angekündigt, vorbereitet, und gewissermaßen eingeläutet werden, ist Pfingsten ohne jeden klerikalen Countdown ganz plötzlich einfach da, und wenn man nicht genug aufpaßt erfährt man vom Pfingstfest nur die traurige Bilanz der Verkehrsunfälle auf unseren Straßen.
Während Weihnachten und Ostern die ganz großen Ereignisse eines Menschenlebens, Geburt und Tod behandeln, spielt Jesus Christus in Pfingsten gar nicht persönlich mit, es fehlt sozusagen der Hauptdarsteller und der Normalverbraucher weiß oft gar nicht, worum es bei diesem Fest so richtig geht.
Es gibt zu diesem Fest auch keine typischen Geschenke wie zu Weihnachten und zu Ostern. Es gibt nur das Geschenk des Geistes. Aber was sollen wir damit anfangen. Und so könnte man in Abwandlung zu Goethes Dichtung „Reineke Fuchs“ sagen: „Pfingsten, das schwierigste Fest war gekommen“.
Was fangen wir also mit dem Pfingstfest an? Zunächst müssen wir feststellen das Jesus das Kommen des Hl. Geistes als ein großes Geschenk an uns Menschen verstanden hat. In der Hl. Schrift wird der Geist Gottes unter zwei Bildern dargestellt: unter dem Bild des Sturmes und dem Bild des Feuers. Die Schilderung der Bibel will nicht eine Bildreportage sein, sondern will uns nur auf die wesentlichen Geschenke Gottes hinweisen, die wir durch den Hl. Geist erfahren. Wir wissen, was Wind oder Sturm ist. Ihn selbst sehen wir allerdings nicht, wir spüren nur seine Auswirkungen, wie er die Zweige der Bäume bewegt, wie wir uns gegen ihn anstemmen müssen um voranzukommen. Und auch das Feuer ist für uns ein deutliches Bild. Durch einen kleinen Funken entsteht es und es brennt, solange es etwas Brennbares gibt. Es spendet Licht und Wärme. Und wir erfahren aus dem Neuen Testament, dass die Apostel durch die Sendung des Hl. Geistes umgewandelt, verändert wurden.
Man könnte erklärend zum Pfingstfest auch sagen: Gott teilt von seiner Lebensfülle mit. Wie Wasser die Wüste zum Leben bringt, so wirkt Gottes Geist in der „Wüste“ menschlicher Not. Und so geht die Rede vom Heiligen Geist jeden an, der bewußt als Christ leben will. Die Sakramente der Taufe und der Firmung sind mit einer besonderen Geistgabe verbunden. Wie kann sie wirksam werden? Wie wird ein Mensch empfänglich für den Geist Gottes? Wie wird ein Mensch so, dass ein guter Geist, der Geist Gottes auch von ihm ausgeht?
Gottes Geist hat eine innere Dynamik in sich; wer von ihm erfaßt wird, kann nicht unbeweglich-starr bleiben, sondern wird in Bewegung gesetzt. Bewegung aber bedeutet Wachstum, Entwicklung, Veränderung - auch Korrektur, Loslassen von Altgewohntem. Oft gehört Mut dazu, seine Meinung zu korrigieren. Andererseits kann Veränderung auch Flucht vor sich selbst und vor der eigenen Überzeugung sein. Dann braucht es mehr Mut, beim Bisherigen zu bleiben als sich zu verändern. Gottes Geist wird in der Begegnung erfahren. Beziehung zum unsichtbaren Gott ist schwer; meist gelingt sie nur in der Begegnung mit dem sichtbaren Menschen. Jemand kann sich dem Geist Gottes öffnen, indem er auf den anderen zugeht - das kann ein Fremder oder ein Freund sein, daheim oder auf dem Arbeitsplatz oder sonstwo.
Zum Geist gehört Leidenschaft, aber nicht Fanatismus und Schwärmerei. Typisch für den Fanatismus ist Besessenheit von einer Idee, die jede andere Auffassung ablehnt. Schwärmerei lebt oft nur von Gefühlen, die so schnell wieder vergehen können wie sie gekommen sind. Der Geist Gottes in uns ist es auch, der uns verantwortlich macht für andere. Je mehr ein Mensch von der Nähe Gottes betroffen wird, umso mehr ist er auch befähigt, anderen von dem, was er selbst erfahren hat, mitzuteilen. Vom Geist Gottes heißt es auch, dass er das Angesicht der Erde erneuern will. Und das fängt beim einzelnen Menschen an. Dazu braucht es Bereitschaft, Offenheit und Tun. Aber das Eigentliche ist Geschenk Gottes. Die Begegnung mit Gottes Geist verwandelt und erlöst. Meist geschieht solche Erneuerung nicht in einem Augenblick, auch nicht allein bei der Firmung, sondern ein Leben lang Deshalb ist ein „geisterfülltes“ Leben spannend und voll von Überraschungen, aber auch mühsam.
Wie man sieht könnte uns das Pfingstfest auf allerhand wichtige Dinge in unserem religiösen leben aufmerksam machen. Gott hat uns nicht nur seinen Sohn geschenkt, damit er eine Zeitlang auf unserer Erde gegenwärtig war. Diese Gegenwart sollte fortdauern und zwar durch uns. Wenn sie meine Predigten regelmäßig gehört haben, wird ihnen aufgefallen sein, daß ich immer wieder darauf hingewiesen haben wie wichtig es ist, dass wir im Sinne Jesu unser Leben leben, sondern daß wir gleichsam ein zweiter Christus werden, dass die Gegenwart Gottes in dieser Welt auch durch uns hindurch sichtbar und spürbar wird.
Es hat einmal jemand gesagt, es sei einigermaßen gefährlich, um den Heiligen Geist zu bitten. Es könnte ja immerhin sein, dass er unser Beten und Bitten wörtlich nimmt und beginnt, uns zu verändern. Davor erschrecken wir ja immer wieder, denn im Grund unseres Herzen wollen wir keine Veränderungen, solange alles nach der alten Art und Weise doch irgendwie funktioniert. Dass der Geist Gottes manchmal spontane Wege geht, hat sich im Leben des Papstes Johannes XXIII. gezeigt. Er war selbst völlig überrascht, als ihm kaum drei Monate nach seiner Wahl zum Papst der Gedanke kam, ein Konzil für die ganze Kirche einzuberufen. Am 25. 1. 1959 teilte er seinen Plan der Weltöffentlichkeit mit. Die Reaktion war höchst unterschiedlich. Diejenigen, die vor jeder Erneuerung Angst hatten, fürchteten, es könnte sich in der Kirche etwas ändern. Es sei doch alles richtig in der Kirche, meinten sie. Andere jedoch sahen darin ein Zeichen der Hoffnung, weil sie erwarteten, dass sich endlich einiges ändern werde. Der Papst selbst sagte, dass ihm die Idee zum Konzil vom Geist Gottes geschenkt worden sei. Als ein Kardinal ihn fragte, was das Konzil solle, öffnete der Papst die Fenster und erwiderte Nur: „Frische Luft“.
Tatsächlich hat das 2. Vatikanische Konzil die Kirche verändert wie kein anderes Ereignis in diesem Jahrhundert. Sie nahm Abschied von vielen veralteten Vorstellungen und beschloß, neue Wege zu gehen. Die Beziehungen zu den anderen Religionen wurden verbessert. Das Verhältnis zu den Juden wurde auf eine neue Basis gestellt. Die Gewissensfreiheit wurde proklamiert. Die Liturgie wurde erneuert und die Feier der Eucharistie in der Landessprache erlaubt. In den Kulturen der Dritten Welt begann das Christentum nach dem Konzil heimisch zu werden. Dort teilen die Christen seither die Zeit so ein: vor dem Konzil - nach dem Konzil. Johannes XXIII. hat den Abschluß des Konzils nicht mehr erlebt. Er starb Pfingsten 1963, also am Tag des Heiligen Geistes. Die Beschlüsse des von ihm einberufenen Konzils sind für die Erneuerung der Kirche bis heute wirksam.
Ob Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes weiterhin ein Fest bleiben wird mit dem wir uns schwertun, mit dem wir nicht viel anfangen können, das hängt auch von uns ab. Es ist ein Fest der Herausforderung und gleichzeitig ein Fest der Zuversicht, den die Kraft des Geistes Gottes ist nicht zu unterschätzen. Der gleiche Geist, der am Anfang der Schöpfung über den Wassern schwebte und das Weltall gestaltete, der gleiche Geist, der dem Menschen eingehaucht wurde und ihn so über das bloß Materielle hinaushob, der gleiche Geist ist auch uns geschenkt und möchte in uns wirksam werden, möchte uns erneuern und das Angesicht der Erde. Unsere Bereitschaft für diesen Geist ist die notwendige Voraussetzung für sein Wirksamwerden in uns. Es ist zu hoffen, dass das auch den vielen Firmlingen dieser Tage bewußt ist. Pfingsten, kein Fest, mit dem wir nichts anfangen können, Pfingsten auch kein Fest der Menschen, die sich in riesigen Autokolonnen in den Süden begeben, Pfingsten aber ein Fest für alle die, denen das Schicksal der Welt und der Menschen in ihr nicht gleichgültig ist und die den Mut haben, Gott für die Gestaltung seiner und unserer Welt ihre Mitarbeit anzubieten. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Mittwoch, 9. Mai 2018
100518 Christi Himmelfahrt

100518
Mk 16, 15-20
__________________________________________________________________________


Christi Himmelfahrt ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Kein Wunder, ist doch der Himmelfahrtsbericht in der Apostelgeschichte selber eine Art Gemälde. Das typische Himmelfahrtsbild hat drei Teile, besser gesagt drei Ebenen. Oben wird das Ziel der Himmelfahrt gezeigt, der Himmel. Er wird durch Wolken angedeutet, sie sind nach der Heiligen Schrift das Zeichen der Gegenwart Gottes. Oft schweben in den Wolken Engel, und Gott Vater erwartet seinen auffahrenden Sohn. Die Bildmitte zeigt immer Jesus Christus, wie er aufwärts schwebt. Unten auf der Erde, Christus nachblickend, stehen die Apostel, bei ihnen die zwei Männer in weißen Gewändern, wie die Apostelgeschichte erzählt.
Auch wenn dieses Bild als Glaubensaussage, nicht als Bildreportage zu verstehen ist, eignet es sich gut für eine Betrachtung.
Stellen sie sich im Geist einmal die Hauptperson, den auffahrenden Christus vor: Wie sieht er aus? Vor allem: Was hat er in den Händen?
Ich habe einmal ein Reklamebild gesehen, ich weiß nicht mehr, wofür es geworben hat; es zeigte einen Mann, der durch die Luft segelt, nur einen Koffer in der Hand - eine lustige Darstellung! Gar nicht lustig, vielmehr bedrückend sind Bilder, die Menschen auf der Flucht zeigen; wir kennen sie aus den Jahren nach dem Krieg, wir kennen sie aus den Fernsehberichten über Zentralafrika. Menschen schleppen ihre letzten Habseligkeiten in einem Koffer mit sich oder ziehen sie auf einem Leiterwägelchen hinter sich her.
Was trägt Jesus mit sich, was nimmt er von dieser Erde mit zu seinem Vater im Himmel? Jesu Hände sind leer. Allenfalls hat ihm der Maler eine Fahne in die Hand gegeben, die der Betrachter unschwer als Symbol für seinen Sieg über den Tod zu deuten weiß.
Als Jesus diese Welt verläßt und zum Vater geht, da sind seine Hände leer. Aber nicht ganz leer. Noch immer sind in ihnen die Male der Nägel, die der Apostel Thomas berühren durfte. Jesus hat von allem, was er hier auf Erden sein Eigen nannte, nichts in die Ewigkeit mitgenommen außer seinen Wundmalen. Sie sind Zeichen seiner großen Liebe zu uns, „durch seine Wunden sind wir geheilt“.
Auch wir sind zu dieser Herrlichkeit gerufen, in die Christus uns vorausgegangen ist. So heißt es im heutigen Tagesgebet. Und auch für uns gilt: Von all dem, was wir hier auf Erden unser Eigen nennen, werden wir nichts in die Ewigkeit mitnehmen. All die Dinge, für die wir schuften und Geld ausgeben, werden wir einmal den lachenden Erben hinterlassen, fragt sich nur, ob sie darüber lachen oder eher den Kopf schütteln werden.
Nur das, was wir aus Liebe getan haben, werden wir in die Ewigkeit mitnehmen. Welch eine befreiende Botschaft, die Christi Himmelfahrt an uns richtet! Sie nimmt von uns den Druck, noch mehr leisten zu müssen, noch mehr haben zu wollen. Sie schenkt uns eine innere Gelassenheit und Heiterkeit des Herzens. Christus, in den Himmel auffahrend, mit leeren Händen, nur mit den Malen der Liebe gezeichnet: Dieses Bild lohnt in den Alltag mitgenommen zu werden.
Ich denke aber heute auch an den Satz von Bert Brecht, der einmal gesagt hat: „Über der Welt sind die Wolken; sie gehören zur Welt. Über den Wolken ist nichts.“ Mit diesem Wort wollte er betonen, dass es keine andere Welt gibt. Wenn die Menschen nach dem Tod nicht weiterleben können, dann sollen sie sich nicht auf das Jenseits vertrösten lassen. Diese Welt ist unser Auftrag; sie ist das Größte, was wir haben.
Tatsächlich hat auch Jesus unmittelbar vor seiner Himmelfahrt seine Apostel auf die Welt verwiesen: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet der gesamten Schöpfung das Evangelium!“ Jesus hat keineswegs die Welt einfach übersprungen; er hat sie als Aufgabe gestellt. Die Jünger gerieten allerdings in ein äußerst schwieriges Dilemma: Auf der einen Seite standen sie vor dem riesigen Auftrag, der ganzen Welt die Botschaft Gottes zu bringen; auf der anderen Seite mußten sie erfahren, dass derjenige vor ihren Augen emporgehoben wurde, der ihr Garant und ihre Stütze war. Wie konnten sie nun diesen Auftrag erfüllen?
Auf diese Not der Apostel reagiert der Evangelist mit der Feststellung: „Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Dieses letzte Wort des Markusevangeliums hat sicher großes Gewicht.
Als Jesus auf der Erde mit seinen Jüngern zusammenlebte, stand er ihnen in allen Fragen und Problemen bei. Er hat mit ihnen gesprochen, sie beraten, ermutigt, getröstet. Das war an diesem oder jenem Ort in Israel. Sein Wirken aber war immer örtlich begrenzt. Wenn er jetzt weggeht, hat das zur Folge, dass er von nun an überall in der Welt bei seinen Jüngern sein kann. So hat der Evangelist die Feststellung „der Herr stand ihnen bei“ für die Zukunft gesprochen - bis in unsere Tage. Dieses wichtige Wort hat Bedeutung für die ganze Kirche in allen Zeiten und an jedem Ort der Welt. Eine neue Form der Gegenwart wurde möglich, weil Christus in den Himmel aufgenommen wurde.
Der Evangelist schreibt: „Der Herr bekräftigte ihr Wort durch die Zeichen, die er geschehen ließ“. Viele Menschen sind für ihn in den Dienst gegangen; sie haben sein Wort verkündet, sein Denken und Wirken von Generation zu Generation weitergetragen. Zunächst beschreibt Jesus die Zeichen aus dem Verständnis seiner Zeit: Sie werden Dämonen austreiben, in anderen Sprachen reden, Schlangen können ihnen nichts antun, und tödliches Gift kann ihnen nicht schaden. Sie werden Kranken die Hände auflegen und sie gesundmachen. Aber wie ist das heute? Wo erleben wir solche Zeichen in unserer Umgebung?
Dämonenaustreibungen und Krankenheilungen haben heute ein anderes Gesicht. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Als der italienische Ministerpräsident Moro von den Roten Brigaden entführt und 1973 ermordet wurde, hat noch im gleichen Jahr seine Tochter die Mörder ihres Vaters im Gefängnis besucht. Sie wollte diesen Männern in ihrem Namen und im Namen ihrer Familie vergeben. Als persönliche Motive, den Mördern zu verzeihen, führte die Tochter von Moro an: „Erstens bin ich Christin, und für Christen stellt Verzeihung eine Notwendigkeit, nicht nur ein Gebot dar. Zweitens, an meiner Stelle wäre mein Vater ebenso hingegangen, um das zu tun, was man ein Werk der Barmherzigkeit nennt. Und drittens war mein Weg zu den Mördern meines Vaters auch ein tiefes persönliches Erlebnis für mich“.
Durch einen solchen Akt der Verzeihung werden Dämonen der Gewalt und der Rache ausgetrieben. Hier wird in einer anderen Sprache geredet, die die Welt nicht spricht und vielleicht nicht einmal versteht. Hier werden Schlangen der Bosheit angefaßt und ihr Gift unschädlich gemacht. Hier werden Menschen, die geistig, seelisch, politisch, menschlich krank sind, wieder geheilt. Das Versprechen Jesu an seine Apostel, das so unverständlich und unrealistisch klingt, ist in höchstem Maße aktuell und realisierbar.
Wer so sein christliches Leben versteht, hat sich nicht von dieser Welt abgewandt, sondern ihr ein menschliches Gesicht gegeben. Die Welt bleibt uns immer aufgegeben; aber sie ist nicht das Letzte. Das Fest von der Himmelfahrt Christi weist über unser irdisches Leben hinaus. Einer ist uns vorausgegangen und hat uns die Wohnung bereitet, die uns einmal aufnehmen soll. Und wenn wir Gott gefunden haben, dann werden wir seltsamer Weise auch die Erde wiederfinden, da Gott nichts so einfach verschwinden läßt, was er in Liebe geschaffen hat und wovon er selbst gesagt hat, es sei gut. Amen.

P.Paul Mühlberger SJ

Mittwoch, 9. Mai 2018
060518 6. So in der Otezeit

060518
6. Sonntag in der Osterzeit
Joh 15, 9-17
_______________________________________________________________

Wir hören heute, kurz vor Christi Himmelfahrt, ein Evangelium aus den Abschiedsreden Jesu. Seine Worte haben – wie jedes letzte Vermächtnis – ein besonderes Gewicht; sie betreffen die Zukunft der Jünger. Dabei fällt der durchwegs positive Tenor der Worte Jesu auf. Für „Abschiedsreden“ ist das nicht selbstverständlich. Man stelle sich ein besorgte, liebende Mutter vor, die sich von ihrem Sohn verabschiedet: wie sie alle möglichen Gefahren an die Wand malt und davor warnt und welche Mahnungen sie ihrem Sohn mit auf den Weg gibt! Anders Jesus; schauen wir einmal auf einige zentrale Aussagen.
Zunächst sichert Jesus seinen Jüngern seine Liebe zu. „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich auch euch geliebt.“ Diese Aussage müssten wir uns einmal auf der Zunge zergehen lassen. Dann würden so mancher Pessimismus und manche Hoffnungslosigkeit schwinden. Und in dieser Liebe sollen wir bleiben. Ist das eigentlich so schwer? Ja und nein. Denn in der Liebe Gottes bleiben bedeutet nicht ein still halten und abwarten. Wir müssen nur einmal darauf achten, wie sich die Liebe Gottes in Jesus gezeigt hat. Wenn wir den Einsatz Jesu für die Botschaft seines Vaters beachten, dann können wir uns nicht mehr bequem zurücklehnen, dann sind auch wir zum Handeln aufgerufen. Und worin besteht unsere Tätigkeit? „Wenn ihr meine Gebote haltet, werden ihr in meiner Liebe bleiben". Und nun können wir sie alle einmal durchgehen, jene 10 Gebote, die Moses im Auftrag Gottes am Sinai den Israeliten gegeben hat, jene grundlegenden 10 Punkte, die menschliches Leben in seiner ganzen Fülle garantieren, unser Verhalten gegenüber Gott, den Menschen und den Dingen.
Es wäre zu kurz gesehen und sogar ein Missverständnis immer nur das „du sollst“ und „du sollst nicht“ zu sehen, so wie es ein Autofahrer tun würde, der sich über die Leitplanken ärgert, die seine Straße begrenzen. Die Gebote sind keineswegs Einengungen, sie stellen vielmehr eine Aufgabe dar. Und wenn seinerzeit die Israeliten aus den 10 Geboten 365 Vorschriften gemacht haben, so erhebt sich die Frage: steckt hinter dem Flechtwerk menschlicher Auslegungen auch wirklich noch die Liebe. Um die geht es ja schlussendlich. Sagt doch der Kirchenlehrer Augustinus: „Liebe und dann tue, was tue willst.“ Dieser Satz klingt zunächst gefährlich, meint aber schließlich genau das, was Jesus gemeint hat.
Im Rahmen der 10 Gebote, im Rahmen der Liebe sollen wir nun tätig werden, Frucht bringen, wie es im Evangelium heißt. Tätig werden in unserer Welt, unter den Menschen und somit auch vor Gott, indem wir seinen Plan mit seiner Schöpfung mehr und mehr Gestalt werden lassen.
Die Welt braucht uns. Ihre Schreie sind nicht zu überhören. Die Zeichen der Zeit, vermögen wir sie noch zu deuten? Können wir sie überhaupt noch lesen? Wir leben in einem Klimawechsel. Scheinbar braut sich was zusammen. Stehen die Zeichen auf Sturm? Lange Zeit haben wir gedacht: es geht alles so weiter. Die Sonne scheint, die Wirtschaft läuft, der Rubel rollte und auch der Euro. Und auf einmal müssen wir feststellen: die Nadeln rieseln, die Blätter fallen und das nicht nur im Herbst. Wir stehen im Regen, im sauren Regen. Just in dem Moment, wo wir denken die Bäume wachsen in den Himmel, beginnen sie zu sterben.
Die Armut und Not vieler Menschen schreit zu Himmel; aber scheinbar haben viele Menschen keine Antenne mehr für diese Signale. Sie schreit zum Himmel; aber sie verödet vor dem Fernseher. Die Armut wächst und zugleich der Luxus. Die Starken werden stärker und die Schwachen schwächer. Das treibt unsere Gesellschaft auseinander. Und die Politiker lähmen sich gegenseitig.
Dann das große Schlagwort von heute: „Entertainment“, Unterhaltung. Talk-Shows am laufenden Band. Die Unterhaltungsindustrie läuft auf Hochtouren. So flach wie möglich, ja nicht in die Tiefe gehen. Die Vermüllung belastet nicht nur unsere Umwelt, sondern auch Hirne und Herzen. Neil Postman hat den Satz geschrieben: „Wir amüsieren uns zu Tote.“ Es ist chic, Positionen zu vertreten, wie jemand Staubsauger oder Spülmaschinen vertritt, ohne dass das Herz dabei eine Rolle spielt, geschweige denn das Leben. Wir verlernen jene Entschiedenheit, mit der man eben nur so und nicht auch anders denkt und handelt. Was ist noch heilig? Fast alles ist käuflich!
Sie könnten jetzt einwenden: Was soll das alles in einer Predigt? Aber gerade diese aufgezählten Punkte sind die Herausforderungen, denen wir uns als Christen stellen müssen. Man hört manchmal den Vorwurf: Die Kirche ist zu politisch, sie soll sich nicht in Dinge einmischen, die sie nichts angehen. Und doch geht es uns was an. Die Schöpfung geht uns an, die Menschen gehen uns an, so wahr es uns um Gott geht. Wir können doch nicht einfach nur unser frommes Schäfchen ins Trockene bringen wollen und dabei tatenlos mit ansehen, wie unsere Gesellschaft immer weiter auseinandertreibt und wie das Christentum für viele Menschen zur Staffage wird und die christlichen Kirchen zu Museen.
Offensichtlich verliert ja der Glaube zusehends an Boden. Viele stellen das genüsslich fest und denken: Jetzt sprießen in dem entstehenden Vakuum Aufklärung und Humanität nur so aus dem Boden. Weit gefehlt! Desorientierung und Aberglaube breiten sich aus. Und an die Stelle des Glaubens an den menschenfreundlichen Gott ist längst die gnadenlose „Religion des Marktes“ getreten. In ihrem Bann bringen wir uns bei, dass die Ellenbogen wichtiger sind als das Herz. Längst ist die Seele an den Markt verkauft, und wir wundern uns, dass das soziale Klima frostig geworden ist und viele frieren und erfrieren. Geld zählt mehr als Glaubensüberzeugung, als Aufrichtigkeit; und da wundern wir uns über Korruption und Gewalttätigkeit – schon bei Kindern und Jugendlichen: Wir werden uns noch viel mehr wundern. Wir können Gesetze schaffen und härter anwenden, soviel wir wollen: Es wird sich wenig ändern, wenn die notwendigen Voraussetzungen in unseren Köpfen und Herzen ausbleiben. Die Krise in Umwelt und Gesellschaft ist eine Krise des Menschen. Er hat leider vielfach vergessen, wer Herr der Schöpfung ist.
Haben wir, haben sie und ich, in dieser Situation überhaupt noch Chancen? Sicherlich. Aber nicht wir allein und auch nicht aus unserer eigenen Kraft. Aber es sollte uns deutlich werden, welche verändernden Kräfte in uns stecken, wenn Gott hinter uns steht. Jesu Lehre hat immerhin die Welt verändert, wenn auch nicht immer verbessert. Jesus hat vielmehr den Keim, den Samen zur Weltveränderung in unsere Hände gelegt. Haben wir vielleicht schon zu lange aufs Eis gelegt, konserviert? Oder haben wir ihn auf den falschen Acker gesät oder warten wir bis ein anderer für uns die Initiative ergreift. Der Geist Christi um den wir in diesen Tagen immer wieder beten, ist nicht von gestern, er ist heute wirksam. Wo der Geist Jesu lebendig ist, da herrscht ein anderes Klima, da ist man wach füreinander. Da haben Fremde Platz an unseren Tischen. Da kommen all die in den Blick, die sonst hinten herunterfallen. Wo der Geist Jesu herrscht, da dürfen Gebeugte sich wiederaufrichten und aufatmen, da finden Schuldige Vergebung. Wo der Geist Christi herrscht, da wird die Welt nicht schöngeredet, da wächst Zivilcourage zum klaren Wort gegen das Verdrängen des sozialen Unrechts, gegen Politikverdrossenheit und kulturelle Belanglosigkeit.
Wir müssen uns nicht verstecken. Wir dürfen uns gar nicht verstecken. Wir können uns sehen lassen. Wir können in aller Öffentlichkeit bekunden, wes Geistes Kinder wir sind. Wir sollten Schluss machen mit jeder Art von Selbstmitleid und sollten unsere Kräfte nicht internen Reiberein vergeuden. Wir sollen, um mit den Worten des Paulus zu sprechen, den „Geist nicht auslöschen“.
Ja, da müsste doch Freude aufkommen, dass Gott in uns so große Stücke setzt, da müsste doch Freude aufkommen, auch angesichts der nicht immer erfreulichen Entwicklung in unserer Welt. Und die Freude ist berechtigt, den Hoffnungslosigkeit und Missmut und Resignation sind nie Zeichen eines echten christlichen Geistes gewesen. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Samstag, 28. April 2018
290418 5. So in der Osterzeit

290418
5. Sonntag in der Osterzeit
1 Joh 3,18-24
Joh 15, 1-8
________________________________________________________________

Es war während einer Bibelrunde, wo genau dieser Text betrachtet wurde, den wir soeben gehört haben. In diesem Text sollte darauf hingearbeitet werden, die lebensvolle Beziehung eines Christen zu Jesus zum Ausdruck zu bringen. Überraschenderweise aber blieben die meisten Leute an der Drohung mit dem Feuer hängen. Für sie war das Bild vom Verbrennen der dürren Rebzweige stärker als der Impuls des lebenspendenden Weinstocks.
Damit sind wir auf eine Seite des Christenseins gestoßen, die wir in unserer Zeit häufig verdrängen. Was die Höllenprediger in vergangenen Zeiten zu viel des Guten getan haben, ist heute in den Hintergrund getreten. Vielleicht liegt es auch an den Mitteln, mit denen in früheren Zeiten die Möglichkeit des Scheiterns besprochen worden ist. Ich lehne es ab, mit Angstmacherei zu arbeiten. Dafür ist mir die Botschaft vom guten Gott zu schade. Das Feuer des Bildwortes vom Weinstock ist nicht das Höllenfeuer, nicht der Feuersee, in dem die unsterblichen Seelen ewige Qualen leiden. Es ist schlicht das Feldfeuer, in dem nutzlose Abfälle beseitigt werden. In der vorliegenden Schriftstelle geht es sicherlich nicht um die Spekulation mit Bildern von Brandwunden und sadistischen Quälereien mit dem Feuer. Es stellt anschaulich die Möglichkeit der Sinnlosigkeit und Nutzlosigkeit vor Augen, die einen jeden Menschen überfallen kann, wenn er Bilanz seines Lebens zieht.
Ich frage mich immer öfter, ob uns Christen die Dringlichkeit und die Notwendigkeit des Fruchtbringens hinreichend bewußt ist. An den Früchten, die wir bringen, wird unser Leben einmal bemessen werden. Dabei stehen auch wir unter einem gewissen Erfolgsdruck. Die Forderung Frucht zu bringen gilt aber nicht nur dem einzelnen im Sinne von „Rette deine Seele“, dem früheren Leitgedanken der Volksmissionen, sie gilt der Kirche als ganzer und auch jeder einzelnen Gemeinde.
Es wäre einseitig und zu kurz gegriffen, wollten wir das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, von der Aufforderung in inniger Verbindung mit Christus zu bleiben, einfach individuell persönlich zu verstehen im Sinne: Siehe zu, dass du mit Jesus Christus in Kontakt bleibst, dass deine mystische Gemeinschaft mit ihm nicht verkümmert oder verloren geht. Dies ist nur eine Dimension dieser Jesusrede. Die meines Erachtens noch wichtigere wird erst sichtbar, wenn wir uns den Bezug zum Alten Testament vergegenwärtigen. Das Bild vom Weinstock ist nicht neu. Die Propheten vergleichen Israel mit einem Weinberg oder Weinstock. Gott ist der Winzer. Sein Volk bringt nicht die erwarteten Früchte.
Wenn nun Christus von sich sagt: „Ich bin der wahre Weinstock“, so erhebt er damit den Anspruch, dass er der Wurzelstock eines neuen Gottesvolkes ist. Die Jünger, die mit ihm in lebendiger Verbindung bleiben, bringen die ersehnten Früchte. Er und seine Jünger sind der neue Weinstock Gottes. Gott ist der Winzer. Er pflegt seinen Weinstock, reinigt ihn, schneidet ab, was dürr und nutzlos ist.
Es geht hier wirklich einmal darum, dass wir uns ernstlich fragen, wie unsere Verbindung mit Jesus beschaffen ist. Es fällt ja immerhin auf, dass in unserem Text das Wort „bleiben“ nicht weniger als neunmal verwendet wird. Wenn Jesus dieses Wort so betont, will er sicher etwas unterstreichen. Zunächst verwendet er das Wort in einem Beispiel. Eine Rebe kann nur Frucht bringen, wenn sie am Weinstock bleibt. Ohne diese Verbindung würde die Rebe verdorren und absterben. Dann überträgt Jesus das Bild auf die Verbindung seiner Freunde zu ihm selber. Auch die Anhänger Jesu können nur Frucht bringen, wenn sie den Zusammenhalt mit ihrem Meister nicht verlieren.
Jesus beschreibt diese Verbindung noch genauer. Er sagt, dass es seine Worte sind, die in seinen Jüngern bleiben sollen. Ein Wort, das man hört, kann sein wie ein Windhauch. Es wird gesprochen und verweht, ohne dass es Eingang findet in den Hörer. Ein Wort kann sein wie ein Hammerschlag, der einen bleibenden Eindruck schafft, ein Wort kann sein wie ein Wunder, welches das Leben eines Menschen nachhaltig verändert. Ein Wort kann ein Vermächtnis sein, das in einem Menschen weiterlebt und wirkt. Wenn das, was er gesprochen hat, in seinen Jüngern fortbesteht, lebt und wirkt er selber in ihnen.
Man liebt heute in vielerlei Angeboten das englische Wort „light“, was „leicht“ bedeutet. Das Wort hört man auch manchesmal in einem religiösen Zusammenhang. Im Klartext heißt das: es besteht der Trend zu einer christlichen Bequemlichkeit. Wir lieben die Harmonie. Gott ist gut, sagen wir. Beim Lied vom „Strengen Richter aller Sünder“ singen wir nicht mehr mit. Beichten waren wir schon lange nicht mehr. Wir glauben nicht mehr, dass man alle Gebote so ernst nehmen müssen, auch nicht die Vorschriften der Kirche. Im „Zustand der Todsünde leben“ – nicht einmal den Begriff kennen wir noch. Dass man vor der Ehe schon jahrelang zusammenlebt und dass das nicht in Ordnung ist, können wir uns nicht mehr vorstellen. Gott hat wohl andere Sorgen. Statt Droh-Botschaft: Froh-Botschaft. In der Bibel überschlagen wir die unangenehmen Stellen oder interpretieren sie nach unserem Geschmack. Glaube light! Heißt die Parole. In der Gemeinde gehen wir lieb miteinander um. Nur keine Konflikte. Alles möglichst harmonisch. In der Gestaltung des Gottesdienstes suchen wir krampfhaft nach immer neuen Gags und nach Action, um die Einschaltquoten zu verbessern.
Wer gibt schon zu, dass es bei alldem langweilig geworden ist in der Kirche. Was saftig ist und vital, was spannend ist und starke Gefühle auslöst, was kreativ ist und kritisch, das ist bei uns nicht gefragt. Stattdessen gibt es eine Inflation von Wörtern, von Worthülsen und frommen Phrasen. Und viel bedrucktes Papier. Und das Schlimmste daran: Das alles ist folgenlos. Folgenlos deshalb, weil das Wesentliche nicht mehr betrachtet wird. Es geht in unserer Messfeier z.B. nicht um einen Unterhaltungseffekt, es geht nicht um eine Show oder wie man jetzt sagt um einen Event. Man kann ja leider auch mit unklug gewählten Gestaltungsbeigaben die Sache selbst verwässern.
Doch genug damit. Ich habe wieder einmal das Gefühl, ich habe den falschen Leuten gepredigt. Diejenigen, denen ich das sagen wollte, sind leider nicht hier, sind abwesend, nicht nur in dieser Kirche, sondern überhaupt in den Kirchen. Die denen ich das sagen wollte sitzen schon längst in ihrem Auto und fahren ins Grüne oder schlafen sich einmal aus. Die, denen ich das sagen wollte, würden sich vielleicht die Ohren zuhalten, weil sie die Dinge gar nicht hören wollen. Die, denen ich das sagen wollte, wollen keine Rebe sein und kümmern sich auch nicht um den Weinstock und ans Früchte bringen denken sie nicht. Sie machen es sich leicht, denn die Höllenbilder von Breughel und Bosch sind für sie nur Kunst und religiöse Phantasie und Dante „Göttliche Komödie“ erfüllt sie nicht mehr mit Schaudern.
Wenn ich etwas über mich sagen soll? Ich habe keine Angst vor Gott und ich habe auch keine Angst vor dem Teufel, weil ich in der Freundschaft mit Gott lebe. Aber ich habe immer ein wenig Angst vor mir selbst, weil ich zurückblickend sagen kann, dass mein Fruchtbringen nicht so gewaltig war. Oder war es das doch – bei jedem von uns? Haben wir nicht doch in unserem Leben gute Früchte gebracht und es ist uns verborgen. Welchen Einfluß hatte unser Gebet in unserer Welt und bei unseren Mitmenschen? Wie viele unsere Opfer, Mühen und Nöte haben Segen gebracht für die Menschen? Sehen sie, wenn ich daran denken, dann schwindet die Angst dahin- die Angst vor mir selbst – denn ich weiß: mein bescheidener Kontakt mit dem Weinstock hat in mir doch bewirkt, dass ich Früchte hervorbrachte. Es war nichts in meinem Leben umsonst und nichts sinnlos, weil mein Leben immer in Zusammenhang mit dem Erlöser gewesen ist.
Man soll und kann heute nicht mehr einem Menschen mit einer Höllenpredigt Angst machen. Aber es ist gut, wenn wir uns Menschen immer wieder erinnern an unsere Verantwortung, denn auch der Satz gehört zur Frohen Botschaft, wo es heißt: „Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen, und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.“
Mit welchem Recht könnten wir gerade diesen Satz aus dem Evangelium ausstreichen? Amen.


Du mein Gott,
von Dir sich entfernen heißt fallen,
zu Dir zurückkehren heißt sich erheben,
in Dir bleiben heißt auf sicheren Grund bauen.

Weggehen von Dir heißt sterben,
zurückkehren zu Dir heißt auferstehen,
wohnen in Dir heißt leben.

Keiner verliert Dich, ohne getäuscht zu sein,
keiner sucht Dich, ohne gerufen zu sein,
keiner findet Dich, ohne gereinigt zu sein.

Dich verlassen heißt verlorengehen,
Dich suchen heißt Dich lieben,
Dich sehen heißt Dich besitzen.

Der Glaube drängt uns zu Dir,
die Hoffnung führt uns hin zu Dir,
die Liebe vereinigt uns mit Dir. Amen.

Augustinus


P. Paul Mühlberger SJ

Anmelden