neue Predigten

Freitag, 9. November 2018
111118 32. So im Jahreskreis

081115
32. So im Jahreskreis
Mk 12,38-44
________________________________________________________________


Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher, von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen?
Dass den beiden Witwen - und dann auch noch aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Orten - die Hauptrolle zukommt, war ihnen an der Wiege nicht gesungen worden. Sie haben einmal geheiratet - oder - wie das früher so war - wurden geheiratet, die Kinder kamen - und dann der Tod des Ehemannes, des Partners, des Vaters. Quasi über Nacht rutschten die beiden Witwen in ein höchst ungesichertes Leben. Keine Versorgung, kein Beistand, keine Zukunft. Von der Hand in den Mund - sagen wir.
Witwen haben es heute besser. Eine Grundversorgung wird gewährt. Aber an ihrem Geschick knabbern viele lange. Es gibt Witwen, die für ihr Leben gezeichnet sind, auch wenn sie sich nichts anmerken lassen. Es ist dann wie eine große Trauer, die über dem Leben liegt. Umso mehr bewundere ich den Mut, noch einmal anzufangen, dem Leben neu zu trauen, aus Schatten herauszutreten. Zwei Witwen übernehmen heute sogar die Hauptrollen - und füllen sie bestens aus.
Sarepta
Im ersten Buch der Könige wird die Geschichte der Witwe von Sarepta erzählt. Sie ist nicht nur Witwe - sie ist für den Propheten Elija auch eine Fremde. Sarepta ist heidnisches Ausland. Was hat der Mann Gottes hier überhaupt zu suchen? Die einfache Antwort, ganz einfach: er hat Hunger. Der Hunger hat sich über die ganze Gegend gelegt. Hunger kennt übrigens keine Grenzen, auch keine Heiden, keine Gottesmänner. Gottesfrauen auch nicht. Oder doch?
Die Geschichte ist schnell erzählt. Die Witwe teilt den letzten Bissen mit Elija. Ob das wohl stimmt, was er ihr sagt? Dass der Mehltopf nicht leer wird, der Ölkrug nicht versiegt? Auf eine so windige Geschichte lässt sich normalerweise kein Mensch ein. Was, wenn ich herein gelegt werde? Von diesem unbekannten Mann? Schließlich: es geht um eine Hand voll Mehl - und den unabsehbar nahen Tod. Muss man sich mit ihm abfinden? Jetzt? Aber die Geschichte hat auch noch eine andere Seite: was, wenn dieser fremde Mann Recht hat? Wenn es weiter geht, wenn noch Hoffnung ist? Mit einer Hand voll Mehl kommt man nicht weit - oder eben doch - sehr weit. Die Witwe, deren Namen wir nicht kennen, gibt alles - und gewinnt alles. Auf dieser Szene darf der Blick verweilen. Das Ende verwandelt sich in einen neuen Anfang. Es ist schön, wenn Geschichten so offen bleiben - und doch von nichts anderem erzählen, als von Vertrauen, von einer heilsamen Begegnung, von gemeinsam geschmeckter Zukunft.
Jerusalem
Der Weg von Sarepta nach Jerusalem ist weit. Wir schaffen ihn aber spielend. Anders als Sarepta ist Jerusalem nicht Peripherie, sondern Hauptstadt, Nabel der Welt. Hier, im Tempelbezirk, steht auch ein großer Opferkasten. Offen (und groß genug, um alles zu sehen, was sich an ihm - und in ihm abspielt. Ihm gegenüber sehen wir Jesus sitzen. Mehr muss Markus auch nicht erzählen - damit ist der Schauplatz abgesteckt.
Was soll ich erzählen? Große, größte Beträge wandern in den Opferkasten und werden, so der Brauch, angekündigt, mit großer Geste versehen und gefeiert. Viele gut gekleidete Männer sonnen sich im hellen Licht ihrer Wohltätigkeit. Auf die Gabe kommt es nicht so sehr an - sie kommt aus Überfluss, tut nicht weh, ist längst abgeschrieben. Aber auf den Geber kommt es an. An diesem Ort wird aufgetrumpft. An diesem Ort werden andere abgespeist. An diesem Ort werden andere in die hintere Reihe verwiesen. Immerhin: im Tempel!
Aus der hinteren Reihe kommt verschämt eine Witwe. Sie bringt, wie es im Evangelium heißt, zwei kleine Münzen mit - und wirft sie ein. Als Martin Luther die Stelle übersetzte, fiel ihm das "Scherflein" ein - eine wertlose, billige Münze, die in seiner Stadt 1480 geprägt wurde. Ohne Herrscherbild, ohne Zierrat, mickrig. Luther hat dann von dem Scherflein der armen Witwe sprechen können - und dieses Scherflein ist sprichwörtlich bis auf den heutigen Tag. Sein Scherflein beitragen, sagen wir - und haben doch viel mehr. Was aber tatsächlich bei dieser Witwe im Evangelium so auffällt: dieses Scherflein ist alles, was sie hat - es ist ihr Tagesunterhalt. Sie gibt das Scherflein - und wird an diesem Tag nichts mehr zu essen haben. Sie gibt einen Tag ihres Lebens. Wenigstens.
Im großen Topf verschwinden die Scherflein - es ist fast zu mühsam, sie mitzuzählen - wo es doch um Gold, Silber, Prachtmünzen geht. Na ja, die großen Scheine gab es noch nicht. Die, die zählen, machen sich auch nur die Finger schmutzig. Aber Jesus sagt: die arme Witwe hat m e h r in den Opferkasten geworfen als alle anderen zusammen. Sie hat sich selbst gegeben. Warum sie das wohl macht? Eine rührselige Geschichte, die eine Illustrierte kaufen könnte, wird uns nicht aufgetischt. Diese Witwe bleibt geschützt - so verborgen wie ihre Gabe. Aber wir sehen das große Vertrauen. Sie teilt ihr Leben mit denen, die Hilfe brauchen. Wer nur die Scherflein sieht, sieht nichts. Aber wer den rechten Blick wagt, auf diesen einen Menschen, sieht eine neue Welt.
Ob die beiden Witwen etwas gemeinsam haben? Mir fällt das Vertrauen auf - und dass das alles für sie selbstverständlich ist.
Ich weiß, dass wir - mehr oder weniger alle - in einer Welt leben, in der Geld eine große, zu große Rolle spielt. Geld regiert angeblich sogar die Welt.
Zu merken ist das sogar bei "Spendengala’ s", die im Fernsehen live übertragen werden. Kleinbeträge sind dort nicht vorgesehen. Es muss alles groß sein, alles glänzen, alles zu sehen sein. Wenn ich daran denke, dass das Geld gebraucht wird, werde ich kleinlaut. Lieber so als gar nicht, denke ich.
Aber ich kenne auch Menschen, die sehr hilfsbereit sind, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Sie geben manchmal mehr, als ihrer Familie zuträglich ist. Aber sie fragen nicht groß... Bei ihnen stimmt es dann auch, dass sie ihr Leben mit anderen teilen. Wer steuerlich absetzen kann, was er gibt, wer an Reputation in der Öffentlichkeit gewinnt, wer auf einer Scala abgemessen wird - ist das noch (oder schon) geteiltes Leben?
Wenn wir bei uns die Kollekten zählen, tauchen die Centstücke auch auf. Komisch sieht es schon aus. Aber keiner von uns weiß, welche Geschichten sich hinter den Münzen verstecken. Im Klingelbeutel oder im Körbchen liegen die großen und die kleinen Gaben beieinander.
Es kommt selten, eigentlich nie vor, dass Witwen in einem Gottesdienst die Hauptrolle spielen. Könige, Priester und Propheten haben es da schon einfacher - von Pfarrern, Bischöfen und Päpsten einmal abgesehen. Darf ich es sagen? Ich freue mich!

PM


Freitag, 9. November 2018
041118 31. So im Jahreskreis

041118
31. Sonntag im Jahreskreis
Mk 12,28b-34
___________________________________________________________


Die allermeisten unserer Predigthörer fühlen sich erleichtert, dass aus der Drohbotschaft früherer Zeiten eine Frohbotschaft geworden ist. Dann kann man aber auch zuweilen hören, wir Prediger machten es uns und unseren Hörern zu leicht, wenn wir immer nur über die Liebe predigen, keine Forderungen mehr stellen und das Wort Sünde tunlichst vermeiden, vom Teufel und von der Hölle ganz zu schweigen. Diese Forderungen wären berechtigt, wenn die Liebe als Freibrief erscheinen würde für sündhaftes Tun, wie es Zarah Leander in früheren Zeiten einmal besungen hat: „Kann denn Liebe Sünde sein“. Die älteren von uns können sich an diesen Schlager vielleicht noch erinnern. Ja, die Liebe kann auch Sünde sein, wenn sie für etwas ausgegeben wird, was alles andere ist als Liebe.
Der große Kirchenlehrer Augustinus hat den Satz geprägt: „Liebe – und dann tue, was du willst.“ Dieses Wort kann mißverstanden werden, wenn man nicht weiß, was Augustinus darunter versteht. Er meint mit seinem Wort eine Liebe, die dem Menschen von Gott ins Herz gesenkt ist. Und wenn wir dieser Liebe Raum geben, dann können wir nur Gutes tun. Dass wir uns dieser Liebe auch verweigern können, weiß jeder von uns. Nichts hätten wir ernster zu nehmen als die Sünden gegen die Liebe.
Was bezweckte unser Schriftgelehrter mit dieser Frage? Wollte er Jesus aufs Eis führen? Die Juden hatten insgesamt 365 Gebote und Verbote zu beachten. Konnte Jesus aus dem Wust der Vorschriften jenes Gebot herausfinden, das an Bedeutung alle anderen überragte? Aber nehmen wir einmal an, der Schriftgelehrte meinte es ernst und darum erhält er auch von Jesus eine klare und eindeutige Antwort. Diese Antwort, die Jesus gibt, ist nichts anderes als das Glaubensbekenntnis eines jüdischen Menschen: Es gibt nur einen Gott und ihn muß man lieben mit all seinen Fähigkeiten und mit seiner ganzen Kraft. Was Jesus noch anfügt steht nicht mehr im Zusammenhang mit diesem Glaubensbekenntnis: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Damit überschreitet Jesus das Alte Testament. Gottes – und Nächstenliebe finden sich unabhängig voneinander an zwei verschiedenen Stellen der alttestamentlichen Schriften und stehen noch nicht in einem inneren Zusammenhang.
Bei Jesus sind hingegen Gottes- und Nächstenliebe aufeinander bezogen. Sie leben voneinander. Ohne die Liebe zum Mitmenschen wäre die Liebe zu Gott eine Selbsttäuschung. Und der Nächstenliebe fehlte ohne die Gottesliebe die innere Kraft. Teresa von Avila hat dies so gesagt: „Wir können niemals zu vollkommener Nächstenliebe gelangen, wenn sie nicht aus der Wurzel der Gottesliebe hervorwächst.“
Wenn Jesus nun sagt: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, so war das eine ungeheure, ja provokante Aussage. Besonders in der damaligen Zeit, der Zeit des Spätjudentums, hingen die Gesetzeslehrer und Schriftgelehrten alles an der perfekten und rigorosen Erfüllung ihrer hundertfachen Vorschriften auf und machten das Heil der Menschen von der Einhaltung des Gesetzes abhängig. Und da sagt Jesus, dass alle Weisungen des Alten Testaments in dieser zweifachen Liebe zusammengefaßt sind, dass sie sich alle herleiten von der liebenden Beziehung des Menschen zu Gott und der Liebe zu unseren Mitmenschen. Alles muß sich an der Liebe messen lassen!
Wie messen wir aber die Liebe zum Nächsten? Wir haben ja in Bezug auf die Nächstenliebe manchmal sehr geteilte Ansichten. Manchen Menschen lieben wir nämlich nicht und das sprechen wir sogar aus. Wir können ihn nicht lieben, weil er uns vielleicht einmal etwas angetan hat oder einfach deshalb, weil er uns nicht zu Gesicht steht oder weil er eine andere Meinung hat als wir.
Wenn wir jedoch von der Aussage Jesu nichts wegstreichen wollen und auch nichts uminterpretieren wollen, dann müßten wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Und uns selbst verstehen wir wohl zu lieben, obwohl wir manchmal doch auch ein wenig nachdenken müßten, ob das auch noch die richtige Liebe ist mit der wir uns selbst bedenken, ob da nicht manchmal etwas von falscher Liebe im Spiel ist.
Eines dürfen wir allerdings nicht tun: Liebe mit Gefühl verwechseln. Natürlich ist Liebe sehr oft mit Gefühlen verbunden; aber sie stellen sich eben nicht immer ein und wenn wir unsere Liebe immer nur von Gefühlen abhängig machten, dann wäre sie eine sehr wankelmütige Angelegenheit. Vielleicht sollte man die Liebe zum Nächsten auch besser mit Gerechtigkeit in Verbindung bringen. Das hieße dann: dem Nächsten gerecht werden, ihm das geben was er braucht, was er von uns erwarten darf, eine natürliche Freundlichkeit, Hilfe, wenn er in Not ist, Zeit für ihn haben, wenn er uns braucht und anderes mehr.
Phil Bosmans drückt das in einem seiner Texte sehr gut aus, wenn er sagt:

Liebe ist, wenn dir das Leid anderer weh tut, wenn du den Hunger von Millionen am eigenen Leib spürst, wenn die Einsamkeit und die Angst, die Not und die Verzweiflung der Kleinen und Schwachen dein eigenes Herz zerreißen.

Liebe ist nicht schwach, Liebe ist nicht blind, Liebe ist nicht die negative Haltung: Ich tue ja nichts Schlimmes. Liebe ist keine passive Verträglichkeit. Kein Prüfen des anderen, ob er wohl der Liebe wert ist.

Lieben heißt konkrete Menschen lieben, so wie sie sind, jeden Tag, auch wenn der tägliche Umgang für die gegenseitige Achtung manchmal mörderisch werden kann.

Menschen deshalb lieben, weil sie so „liebenswürdig“ sind, endet im Fiasko. Menschen sind nicht immer liebenswert, dass man sie von selber gern hat. Feinden vergeben und Gegner gernhaben, Böses mit Gutem vergelten ist übermenschlich, wenn es nicht einen höheren Grund gibt und eine tiefere Motivation.

In den Weisungen der Bergpredigt gibt es die so genannte „Goldene Regel“: „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ Und er fügt hinzu: „Darin besteht das Gesetz und die Propheten, d.h. die gesamte alttestamentliche Überlieferung. Damit wäre für die Gesetzeswächter der Skandal perfekt. Das soll alles sein? Ja, das ist wirklich alles. Wir wissen nämlich für uns selber sehr genau, was uns guttut. Wir müßten das nur auf unser Verhalten andern gegenüber anwenden. Keiner von uns hat es nämlich gern, wenn über ihn Übles geredet wird. Die Schlußfolgerung daraus zu ziehen, ist aber nicht immer leicht. Teresa von Avila hat versucht, die „Goldene Regel“ auf ihr Leben in der klösterlichen Gemeinschaft anzuwenden: „Ich hatte mir den Grundsatz tief eingeprägt“, so schreibt sie, „über keinen Menschen etwas erfahren zu wollen oder zu sagen, was ich nicht wollte, dass man es von mir sagte.“
Wir merken, dass der Primat der Liebe alles andere ist als eine minimalistische Moral, mit der wir es uns leicht machen können. Jesus geht aufs Ganze, wenn er die Liebe zum Maßstab unseres Handelns macht. Wenn wir uns diesen Maßstab innerlich zu Eigen machen, dann können wir, wie Augustinus sagt, wirklich tun, was wir wollen. Denn dann ist unser Tun von nichts anderem geleitet als von der Lieben. Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Donnerstag, 1. November 2018
011118

011118
Allerheiligen
__________________________________________________________________________


Wer kommt in das Himmelreich? Wer ist ein Heiliger? Wenn wir in den Heiligenkalender hineinschauen, könnten wir fast mutlos werden. Da wimmelt es von heiligen Bischöfen und Päpsten, von mystisch hochbegnadeten Ordensfrauen und charismatisch begabten Mönchen, da gibt es die Märtyrer, die oft unter schauerlichen Qualen für ihren Glauben ihr Leben hingaben. Aber wo ist da noch ein Platz für einen Normalverbraucher? Wo ist da Raum für uns, die wir doch ein so alltägliches Leben führen, ohne große Höhepunkte, wo wir uns gleichsam mühsam auf dem Weg des Glaubens dahinschleppen?
Kennen sie übrigens den Heiligen Dismas? Er ist der erste Mensch, der heiliggesprochen wurde; nein, nicht durch den Papst nach einem langwierigen Heiligsprechungsprozeß, sondern von Jesus höchstpersönlich. Ich darf sie unter das Kreuz führen. Im Lukasevangelium heißt es: Einer der Verbrecher, der mit Jesus gekreuzigt wurde, wandte sich an ihn: „Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortete ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“.
Diese erste Heiligsprechung durch Jesus schenkt uns allen Zuversicht. Sie gibt auch uns Hoffnung und macht uns Mut, denn was bedeutet Heiligsein anderes als in der Freundschaft mit Gott zu stehen, auch dann, wenn wir zu dieser Freundschaft erst nach langen Irrwegen zurückfinden würden.
Die Frau eines Arztes wurde einmal gefragt: „Möchten sie eine Heilige sein?“ Sie antwortete: „Ich habe nicht die Seele einer Heiligen; und wenn ich ehrlich sein soll: ich möchte auch keine Heilige sein, denn ein Heiliger hört auf, Mensch zu sein.“
Vergessen wir nicht, dass es sich bei den Heiligen auch um Menschen handelt. Sind nicht manchmal unsere Heiligenbeschreibungen nur darauf aus, das Wunderbare und Sensationelle im Leben eines Menschen zu betonen und vergessen sie nicht darauf auch hinzuweisen, dass es sich bei jedem Heiligen auch um einen Menschen handelt, der auch durch die Tiefen menschlichen Lebens geschritten ist.
So sind die großen Heiligen unseres Kalenders so etwas wie die Spitze eines Eisbergs. Die meisten Heiligen sind unbekannt. Das besagt aber nichts über ihren Weg, über ihr Leben, über ihr großes Zeugnis vor Gott und den Menschen. Für uns sind sie namenlose, Unbekannte, so wie wir es einmal sein werden. Doch nicht vor Gott. Gerade das macht sie zu Heiligen, dass Gott sie kennt, dass ihnen das großartige Wort in hohem Maße gilt: „Ich habe dich in meine Hand geschrieben; mein bist du.“
So ist das fest Allerheiligen ein Fest der Hoffnung. Das stellt allerdings einige Fragen an uns. Christen sind Menschen, die die Wirklichkeit Gottes festhalten und mit ihr rechnen. Das heißt ja: glauben. Mit demselben Recht kann man sagen: Christen sind Menschen, die die Zusagen Gottes annehmen, darauf bauen und sich darauf verlassen. Das heißt: sie hoffen. Hoffnung ist die Rückseite derselben Medaille, die Glauben heißt. Trotzdem kann beides im Leben eines Menschen auseinanderklaffen. Es kann einer sagen: ich glaube, und ist doch von nur sehr geringer Hoffnung. Er ist voller Enttäuschungen. Die schleichende Krankheit unserer Zeit ist die Hoffnungslosigkeit. Sie scheint sich überall festsetzen zu wollen. Auch bei jungen Menschen finden wir schon Hoffnungslosigkeit. Das Leben im Augenblick, dass viele junge Menschen nur im Genuß des Jetzt leben und keine Ausblicke haben, dass ihnen die Zukunft scheinbar egal ist, das ist ein alarmierendes Zeichen. Hoffnungslosigkeit auch bei vielen alten Menschen. Von ihnen sagte man einmal, sie seien die Weisen unter den Menschen, satt geworden von guter Erfahrung des Lebens; deswegen geehrt und angenommen von jedermann. Gibt es nicht heute gerade unter ihnen die vielen, die nichts mehr erwarten und die ohne Hoffnung sind? Und warum? Sie sind allein gelassen. Sie scheinen vergessen zu sein, oft gerade noch geduldet in einer Welt, die sie nicht mehr verstehen können und die auch sie nicht mehr versteht. Ein alter Mensch, der sich wie ein Vergessener dahinschleppte, sagte einmal: „Niemand erwartet mich.“
Ja aber, stimmt denn das? Erwartet ihn wirklich niemand? Im Verhältnis der Menschen mit- und zueinander mag es stimmen. Die Wirklichkeit ist jedoch größer und reich weit über das hinaus, was wir unmittelbar sehen und erfahren. Unter der Oberfläche unseres Festes ist ein lauter Zuruf zu vernehmen. „Du wirst erwartet.“ Endgültig. Für immer, mit der Zusicherung, dass deine Erwartungen erfüllt werden. Endlich, nach vielleicht langer Zeit des Tragens von Last und der Anfechtung, ob alles einen Sinn habe. Es ist ein Zuruf der Hoffnung und Ermutigung, der vom Ziel her denen entgegenkommt, die noch auf dem Weg sind. Es ist ein Zuruf vieler Stimmen, es ist ein Zuruf von all denen, die wir in den kommenden Tagen auf unseren Friedhöfen besuchen. Es ist ein Hoffen mit Gewißheit und Zuversicht, hoffen in eine Gemeinschaft hinein, die keine Trübung kennt, weil Gott der Rufende ist, der alle anderen Stimmen erst möglich macht.
Aber wir empfangen vom Fest Allerheiligen noch eine andere Botschaft. Man hat Heilige als Menschen bezeichnet, durch die die Liebe Gottes hindurchleuchtete. Und wir selber begegnen immer wieder Menschen deren Begegnung auch eine Begegnung mit Gott ist. Sind wir selber aber auch solche Menschen? Können die Menschen mit denen wir zusammenleben durch uns etwas von der Liebe Gottes erfahren, können sie durch uns einen Schimmer jenes Lichtes bemerken, das von Gott ausgeht?
Ich möchte ihnen zum Schluß noch einen Text von Martin Gutl vorlesen:

Wenn Gott uns heimführt aus den Tagen der Wanderschaft,
uns heimbringt aus der Dämmerung in sein beglückendes Licht, das wird ein Fest sein!
Da wird unser Staunen von neuem beginnen. Wir werden Lieder singen, Lieder, die Welt und Geschichte umfassen.
Wir werden singen, tanzen und fröhlich sein: denn er führt uns heim:
aus dem Hasten in den Frieden aus der Armut in die Fülle.
Wenn Gott uns heimbringt aus den engen Räumen, das wird ein Fest sein!
Und die Zweifler werden bekennen: Wahrhaftig, ihr Gott tut Wunder!
Er macht die Nacht zum hellen Tag. Er läßt die Wüste blühen!
Wenn Gott uns heimbringt aus den schlaflosen Nächten, aus dem fruchtlosen Reden, aus den verlorenen Stunden, aus der Jagd nach dem Geld, aus der Angst vor dem Tod, aus dem Kampf und aus Gier, wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!
Dann wird er lösen die Finger der Faust, die Fesseln, mit denen wir uns der Freiheit beraubten.
Den Raum unseres Lebens wird er weiten in alle Höhen und Tiefen, in alle Längen und Breiten seines unermeßlichen Hauses.
Keine Grenze zieht er uns mehr.
Amen.

PM

Mittwoch, 31. Oktober 2018
281018 30. So im Jahreskreis

281018
30. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,46-52

__________________________________________________________________


Blind zu sein ist ein schweres Schicksal: „Bartimäus, du siehst nicht die strahlende Sonne am blauen Himmel von Jericho. Du erblickst nicht die hohen Palmen und die Blumenpracht der Oase. Du kennst nicht das Antlitz deiner Mutter und das Gesicht deines Vaters. Du bist behindert, deshalb ein Aussenseiter, und zudem noch ein Bettler, angewiesen auf die Gnade und Barmherzigkeit deiner Mitmenschen. Ja, du trägst ein schweres Schicksal, Sohn des Timäus.“
Wie eine Filmszene habe ich vor Augen, was Markus so anschaulich erzählt. Viele Menschen strömen aus engen Gassen und Straßen zusammen, ein buntes lebhaftes Gemisch aus Jung und Alt, die einen vornehm gekleidet, die anderen armselig. Hier und da, abseits, an Straßenrändern und in Häusernischen kauern, bettelnd: Aussätzige, Blinde, Verkrüppelte. Sie werden kaum beachtet, die Menge ist zu stark mit sich beschäftigt und mit dem, der gerade im Mittelpunkt des Interesses steht: Jesus.
Da plötzlich ein aufdringlicher Ruf: „Sohn Davids, Jesus!“ Die Köpfe fahren herum, die Gesichter überrascht, befremdet, ärgerlich, ja empört. Ihr Blick fällt auf den Bettler. Er ist zerlumpt, abstoßend, seine Augen sind farblos und tot, sein Gesicht ist ein einziger Schrei: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“
Wer ist dieser Blinde? Er ist kein Namenloser. Bartimäus hat einen Platz in Jericho, vielleicht sogar einen Stammplatz, aber nicht als geachteter Bürger, sondern als Bettler. Er ist vom normalen Leben ausgegrenzt. Er kann nicht seinen eigenen Augen trauen, er muß dem trauen, was andere sehen. Das macht ihn mißtrauisch. Sein Mißtrauen aber isoliert ihn von seiner Familie, von seinen Freunden. Zudem ist er als körperlich Behinderter völlig auf die Hilfe anderer angewiesen. Das demütigt ihn. Seine Augen sind blind, sein Inneres ist düster. Er ist ohne Perspektive.
Ohne Perspektive – scheinbar, denn da ist noch ein Funke Hoffnung in ihm. Der wird geweckt, als Bartimäus von Jesus hört. Hat er nicht schon anderen geholfen? Bartimäus nimmt seine ganze Kraft zusammen und legt sie in seinen lauten Hilfeschrei. Mit den Augen des beginnenden Glaubens sieht der Blinde in dem Mann aus Nazareth den Gesandten Gottes. Aber noch findet er keinen Zugang zu ihm, denn die Leute stellen sich ihm in den Weg. Sie fahren ihm über den Mund; sie wollen ihn mundtot machen.
Sie reagieren ganz natürlich. Jesus ist jetzt der Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit. Sie wollen ihn ganz für sich haben. Sie sind nur noch Auge und Ohr für ihn und deshalb blind für die Not der anderen. Als sich der Blinde so lautstark einmischt, fühlen sie sich gestört.
Es gibt Christen, die reagieren wie diese Leute. Die übersehen geflissentlich, dass zwar die Anhänglichkeit an Jesus wichtig ist, dass aber Jesus sehr klar und deutlich unsere Aufmerksamkeit auf den Nächsten und seine Not hinlenkt. Und so macht uns die Reaktion Jesu zunächst schmunzeln Er geht nicht selber zu Bartimäus hin, nein, er wendet sich zuerst an die Leute, die sich ärgern. Diese beauftragt er, Bartimäus herzurufen. Das ist eine sehr gute Pädagogik! Jesus korrigiert das Verhalten der Menschen. Er bringt sie dazu, ihre Meinung zu ändern. Sie fangen an zu verstehen, und tun jetzt das Gegenteil von vorher: Sie sprechen Bartimäus Mut zu.
Auffallend ist, wieviel jetzt in Bewegung kommt! Bartimäus muß aufstehen, auf Jesus zugehen und seinen Wunsch nach Heilung öffentlich aussprechen. Jesus geht also nicht, von Mitleid gerührt, zum Kranken hin und heilt ihn. Vielmehr mobilisiert er die inneren Kräfte des Blinden, indem er ihn auffordert, selbst aktiv zu werden. Er fragt ihn nach seinem Willen zur Heilung und weckt dadurch das Vertrauen in seine Gesundung. Und Bartimäus wird heil: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen. Sein Glaube hatte ihm geholfen.
Es ist ja immerhin interessant, dass Jesus den Glauben des Bartimäus als auslösendes Element für seine Heilung nennt. Diese Verbindung von Glauben, Vertrauen und dem Wunder Jesu kommt immer wieder in der Frohen Botschaft vor. Und das sollte uns eigentlich in unserm eigenen Glauben Mut machen. Wenn auch unser eigenes Tun manchmal sehr gering ist, wenn auch unsere Möglichkeiten sehr beschränkt sind, sie bilden die Grundlage für die Wunder Gottes in unserem Leben. Und diese Tatsache ist tröstlich für einen jeden von uns.
Aber dazu noch eine Frage: Gehören wir nicht auch unter die Blinden? Natürlich können wir hoffentlich alle mit unseren leiblichen Augen sehen. Doch sie kennen auch das Sprichwort: „Liebe macht blind“. Starke Gefühle können einen Menschen blind werden lassen. Auch Hass, Wut und Eifersucht können blind machen. Sie werfen oft ein sehr einseitiges Licht auf einen Menschen, das die positiven Seiten eines anderen nicht mehr erkennen läßt.
Auch Fanatismus macht blind. Das sehen wir gerade in unseren Tagen wieder in den Ereignissen im Nahen Osten. Fanatismus ist meist ein Gemisch aus starken Gefühlen wie Hass und Wut, enthält darüber hinaus aber auch ein sich Festkrallen an „unumstößlichen“ Prinzipien. Fanatismus stützt sich auf ein Gesetz und wendet dieses so unerbittlich an, dass der Mensch, der damit getroffen werden soll, nicht mehr wahrgenommen wird.
Schließlich gibt es da noch die Betriebsblindheit. Aufgeschlossene Unternehmen holen sich von Zeit zu Zeit Berater von außen, um die Organisation ihres Betriebes einmal mit fremden Augen anschauen zu lassen. Manche Dinge und Gewohnheiten unseres Lebens gehörten vielleicht verändert; aber weil es immer so war, mag es auch so bleiben. In gewissem Sinn betriebsblind werden die meisten Menschen ihren eigenen eingeübten Lebensabläufen gegenüber. Jeder hat so seine blinden Flecken, Punkte, auf die er nicht gerne hinschaut, Verhältnisse, an denen er nicht gerne rüttelt.
Was viele von uns von Bartimäus unterscheidet ist die Tatsache, dass wir uns unserer Blindheit bzw. unserer Sehschwächen meist nur wenig oder überhaupt nicht bewußt sind und darum auch gar nicht mehr das Bedürfnis haben, geheilt zu werden.
Blenden wir wieder zurück zur Eingangsszene und vergleichen wir sie mit unseren jetzigen Erkenntnissen. Der geschlossene Kreis um Jesus ist aufgebrochen. Bartimäus steht nicht mehr im Abseits, sondern ist in die Gemeinschaft miteinbezogen. Die Leute haben einen Blick bekommen für die Not des Mitmenschen. Die Heilung hat nicht nur Bartimäus verändert, sondern auch das Umfeld. Der Geheilte lernt nun seinen eigenen Augen zu vertrauen und die anderen sind von ihrer Blindheit gegenüber den naheliegenden Nöten anderer gelöst.
Verlassen wir langsam Jericho und das Geschehen, das sich dort abspielte. Nehmen wir aber die Anfrage in unseren Alltag mit: Wo entdecken wir Menschen wie Bartimäus? Wo verhalten wir uns manchmal wie die Leute von Jericho? Und welche Blindheit muß Jesus uns nehmen? Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Freitag, 26. Oktober 2018
211018 29. So im Jahreskreis

211018
Weltmissionssonntag
________________________________________________________________



Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der davon gehört hatte, dass an einem fernen Ort eine heilige Flamme brenne. Wenn ich dieses Licht besitze, so dachte er, dann habe ich Leben und Glück für immer. Und so machte er sich auf, um das Licht zu sich nach Hause zu holen. Auf dem Heimweg bekam er große Angst. Er fürchtete, die Flamme könne ihm erlöschen, und er sorgte sich sehr um sie. Da begegnete ihm ein Fremder. Dieser fror bitterlich und bat ihn deshalb: „Gib mir von deinem Feuer!“ Zunächst zögerte der Mann; er wollte ja das Licht für sich haben, und er hatte Angst, es könne ihm ausgehen. Schließlich teilte er doch mit dem Fremden. Als er nun weiterlief, geriet er in einen starken Sturm. So sehr er das Licht auch zu schützen versuchte, die Flamme erlosch. Was nun? Den Weg zurückzugehen an den fernen Ort, wo die Flamme brannte, das war zu weit, das würde er nicht mehr schaffen. Da erinnerte er sich an den Fremden, mit dem er das Licht geteilt hatte. Er ging zu ihm und ließ sich von ihm das erloschene Licht wieder anzünden. Weil er bereit gewesen war zu teilen, konnte er jetzt, als er selbst in Not war, das Licht wieder empfangen.
Besser kann man die eigentliche Geschichte vom Ursprung und vom Wesen der Weltmission nicht verdeutlichen. Seitdem es Kirche gibt, gibt es auch die Missionsarbeit der Kirche; gibt es den Auftrag des Herrn: „Geht hinaus in alle Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“. Wer angerührt ist von diesem guten Gott, der kann das einfach nicht für sich behalten. Wir können und dürfen nicht davon schweigen, was wir gesehen und gehört haben, sagt Petrus selbst vor Gericht. Bei wem das Licht der Frohen Botschaft gezündet hat, der muß einfach von diesem Licht weitergeben und mit allen Menschen teilen. Kirche und Mission bedingen sich gegenseitig und setzen einander voraus. So haben Christen aller Zeiten, aller Rassen und Nationen die Flamme des Glaubens und der Liebe am Brennen gehalten, zum Leuchten gebracht und mit anderen geteilt. Und wie die Geschichte erzählt, haben Fremde immer wieder gebeten: gebt uns von diesem Licht des Glaubens und der Liebe, teilt es mit uns, wir wollen nicht länger frieren in der Kälte des Unglaubens. So sind Fremde zu Freunden geworden und die Kirche ist zur Weltkirche gewachsen über alle inneren und äußeren Grenzen. Und sie hat dabei im Heiligen Geist das Angesicht der Erde erneuert.
Ich weiß nicht, welche Vorstellung sie mit dem Missionsgedanken verbinden. Lange vorbei sind allerdings die Vorstellungen von der Begegnung der Missionäre mit Kannibalen und Löwen. Der berühmte „Nickneger“, der da und dort noch eine Weihnachtskrippe ziert. Für die meisten Menschen besteht das missionarische Tun einfach nur aus einer hin und wieder getätigten Geldspende, vielleicht liest man hin und wieder auch noch eine Missionszeitschrift. Die Länder, in denen heute unsere Schwestern und Missionare arbeiten sind auch keine geheimnisumwitterten Abenteuergebiete. Wir verbringen heute in diesen Ländern vielfach unseren Urlaub, wohlaufgehoben in Hotels der Luxusklasse. Wir achten den selbstlosen Einsatz von Menschen, die mit den Ärmsten der Armen in den Elendsquartieren der Slums das Leben teilen, wir hören von Bischof Kräutler in Südamerika, der sich unter ständiger Bedrohung für die Rechte der Entrechteten einsetzt. Und wir stellen fest, dass die Verkündigung des Christentums heute nicht mehr losgelöst sein kann von der Sorge um den Menschen. Das ist ja auch die Methode Jesu gewesen, der Kranke geheilt und Traurige getröstet hat. Unsere Missionierung darf sich auch nicht über die Kulturen der einzelnen Völker einfach hinwegsetzen. Seit dem zweiten vatikanischen Konzil sprechen wir von „Inkulturation“ und meinen damit, dass wir das kulturelle Erbe der anderen Völker zu respektieren haben und dass wir ihnen kein westliches Christentum aufzwängen dürfen. „Allen alles werden“ das ist der Leitspruch eines Missionars von heute.
Aber auch die Schwerpunkte der Mission haben sich verschoben. Während bei uns der Glaube „verdunstet“, wird er anderswo aufbrechen und feste Formen gewinnen. Wir sind heute selbst zum Missionsland geworden. Eine neue Form des Heidentums setzt sich durch. Wir beginnen das Christentum abzustreifen oder es in ertragbare Formen zu gießen, während es doch eine weltverändernde Kraft sein sollte. Wir passen unser Christentum aber der Welt an und meinen damit modern zu sein und unserem Glauben einen Dienst erwiesen zu haben. Aber damit verleugnen wir auch eine wichtige Wurzel unseres gemeinsamen Lebensraumes Europa. Was können und wollen wir den Völkern des Ostens geben in diesem neuen Europa? Ich denke da vor allem an die Menschen in der ehemaligen DDR. Viele von ihnen sind nicht mehr getauft. Was können wir westliche Christen diesen Menschen mitgeben? Sind es bloß die Werte eines gehobenen Lebensstandards oder volle Supermärkte? Wie erleben die Menschen anderer Denkweise unser Christsein?
So gesehen beginnt der Missionsgedanke bei uns selber, bei unserem eigenen Christsein. Haben wir den Mut zu einer Umkehr? Spüren wir die Verantwortung, unser Christsein so zu leben, dass es in den Augen der Fernstehenden sympathische Züge gewinnt, nicht aber bloß im Sinne eines Nach-dem- Munde-Redens, sondern in aller Folgerichtigkeit und Konsequenz.
Haben sie auch beobachtet, dass nicht nur wir Christen missionieren. Es sind viele Sekten am Werk, viele religionsähnliche Gemeinschaften, die da allerhand versprechen, ohne es letztlich halten zu können. Junge Mormonen stehen sich die Füße wund, sprechen die Vorübergehenden an und suchen sie zu gewinnen. Sie verpflichten sich für zwei Jahre zu einer missionarischen Tätigkeit. Und unsere bekannten „Zeugen Jehowas“ sehen wir auch mitten in unseren geschäftigen Straßen stehen mit ihrem „Wachtturm“. Verlangen sie einmal von einem katholischen Christen, er solle etwas Ähnliches tun. Abgesehen, dass diese Art von Werbung nicht unsere Art ist, so würden die wenigsten das tun wollen. Ich habe mir schon darüber Gedanken gemacht, ob gerade von jungen Christen nicht zu wenig verlangt wird. Von einem Menschen, namentlich von einem jungen Menschen nichts zu verlangen, heißt ihn nicht ernst nehmen. Und wir haben da vielleicht allzusehr auf die bequeme Karte gesetzt. Und wir verlangen auch nicht allzu viel von uns selbst. Ich möchte da sicherlich nicht sie ansprechen. Sie sind ja hier. Und das ist ja das Problem, dass genau die Leute, denen man etwas sagen möchte nicht anwesend sind. Aber ein Großteil der Menschen begnügt sich mit einem Konsumieren des Christlichen. Ich merke das spätestens, wenn ich eine Trauung halte. Trauung mit Messen, weil das feierlich ist. Aber mir hat neulich ein Teilnehmer an einer solchen Trauung gesagt: Es ist doch eigentlich beschämend, dass die Menschen nicht wissen, wie sie sich in der Kirche aufzuführen haben, dass sie nicht einmal die einfachsten Antworten der Liturgie kennen. Die Kinder werden noch zur Taufe gebracht. Das ist ein Familienfest. Auf die Frage nach der religiösen Erziehung wird zwar positiv geantwortet, aber in Wirklichkeit wird von der Seite der Eltern und Paten nichts dergleichen geboten. Und die Firmung ist für viele junge Leute die letzte Gelegenheit zu einem Kirchenbesuch. Nachher ist vielfach Pause. Ja - und dass ich nicht vergesse: das Begräbnis wird noch gewünscht, wie wir in Wien sagen „a schene Leich“. Nach diesen „Höhepunkten“ unter Anführungszeichen ist für viele sogenannte Christen Schluß. Der Kirchenbeitrag ist dann oft der letzte Stein des Anstoßes, um sich von der Kirche endgültig zu verabschieden.
Es ist gut, das alles einmal zu sehen, weil es uns aufrütteln kann, denn von einer gewissen schleichenden Lethargie sind wir alle bedroht.
Jesus hat einmal gesagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen!“ Verlieren sie nicht den Mut, missionarisch tätig zu sein. Es gibt viel Leben in der Kirche. Sie ist lebendig und sie muß und wird lebendig bleiben durch uns. Vertiefen sie immer wieder ihren Kontakt mit Gott durch das Gebet, nützen die Möglichkeiten, die die Sakramente uns bieten. Bleiben sie auch wachsam für ihre Umgebung. Sie ist unser Missionsgebiet. Bleiben sie auch wach für das, was in der Welt geschieht. Das muß immer auch ein Anliegen unseres Gebets sein. Wissen sie, dass die Heilige Theresia von Lisieux die Patronin der Missionen ist. Sie, die keinen Schritt aus ihrem strengen Kloster herausgekommen ist! Nur durch ihr Gebet und durch ihr Opfer!
Ergriffensein von Gott, das wird die Basis sein, auf der sich unser missionarisches Leben aufbaut Der Kapuzinerpater Walbert Bühlmann, der viele Jahre Missionar in Afrika war, erzählt:
In Tansania traf ich einen jungen Mann, der im letzten Grad tuberkulös war und den man nicht mehr heilen konnte. Ich wollte ihn auf die Taufe vorbereiten, doch erkundigte ich mich zuerst aus Neugierde etwas nach seinem Weltbild. Meine Frage: „Was weißt du von Gott? Was tut Gott?“ Auf diese Frage kann man natürlich viele Antworten geben. Aber es würden wohl wenige Christen eine so schöne Antwort geben wie jener „Heide“ sie mir gab. Nach einem Moment der Überraschung kam die Klare Antwort: „Anatuangalia“: „Er schaut uns an!“ Also jener Heide praktizierte das, was man in der Spiritualität Leben unter den Augen Gottes nennt. Ich konnte ihm nur bestätigen: „Das ist sehr schön. Dieser Gott, der dich und mich und alle Menschen anschaut, hat Dinge für uns getan, die du noch nicht weißt.“ Ich fing an zu erzählen von Jesu Leben, Tod und Auferstehung. Der todkranke junge Mann hörte staunend zu und glaubte.
Gott schaut uns an! Hoffentlich ist unser Leben so, dass wir es in aller Bescheidenheit Gott darbieten können. Amen.


P. Paul Mühlberger SJ

Freitag, 12. Oktober 2018
141018 28. So im Jahreskreis

141018
28. So im Jahreskreis
Weish 7,7-11
Mk 10, 17-30
__________________________________________________________________________

„Unsere Tage zu zählen lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“
Was denken sie, wenn sie diesen Satz lesen. Da gab es irgendwo einen Arzt, der seinem Patienten auf Grund seiner Lebensgewohnheiten auf seinem Handy die noch übrige Zeit seines Erdenlebens vorausberechnet hat. Nein, bitte so nicht. Es geht nicht darum in einer ständigen Ängstlichkeit auf den Rest unserer Tage zu blicken, es geht letztlich um die Erringung von Weisheit. Sind sie schon einmal einem weisen Menschen begegnet? Da muss kein Vielwisser gewesen sein, der unter Umständen ein ganzes Lexikon im Kopf, das muss viel eher ein Mensch sein, der die Welt in der er lebt und sein eigenes Leben in Einklang bringen kann. Das muss ein Mensch sein, der die richtige Perspektive für sein Leben und das ganze Drumherum im Blick hat. Von dieser Weisheit sind wir alle wohl noch weit entfernt. Wir merken das am ehesten, wenn uns manchmal die Arbeit über den Kopf wächst, wo wir in Situationen kommen, wo wir nicht ein noch aus wissen. Während wir ängstlich auf der Suche nach Lösungen hilflos herumtorkeln findet der Weise schnell wieder einen Halt, weil er es versteht, die Dinge in sein Leben einzuordnen. So ein weiser Mensch kann sogar in seinem Leid einen Sinn finden, weil es ihm hilft, reifer zu werden und verständnisvoller für das Leid anderer Menschen und weil er last not least an etwas glaubt, nicht an ein blindes Schicksal, sondern an einen persönlichen Gott, der durch sein Leiden allem menschlichen Leid einen Sinn gab.
Der junge Mann, der uns im Evangelium begegnet ist, hatte diese Weisheit nicht. Er war fromm, er hielt die Gebote und er hatte auch eine Perspektive, die über das materielle Leben hinausging, denn „er wollte das ewige Leben gewinnen“. Als ihn Jesus aber zu einer höheren Art der Nachfolge berief, stieg er aus. Die Forderungen Jesu waren ihm zu hoch, denn er war sehr reich.
Der junge Mann liegt ganz im Trend, wenn er Jesus fragt: „Was muss ich tun?“ Oder noch besser: „Was soll ich noch alles tun?“
Für mich ist das nicht nur eine Frage, sondern auch eine Aussage über sein Gottesbild und sein Glaubensverständnis. Denn er meint offensichtlich, dass er nur genügend tun muss um das ewige Leben zu erlangen. Dabei vergisst er aber, dass man das ewige Leben gar nicht gewinnen kann, denn es gehört uns ja schon. Er glaubt an einen Gott, der eine Leistung von ihm verlangt, an einen Gott, der mitrechnet, ob er wohl genug gute Taten aufweist –doch er vergisst, dass dieser Gott ihm vor aller Leistung schon das Leben geschenkt hat.
Nun gibt es also keine Leistung, mit der man sich den Himmel verdienen könnte. Dennoch ist es nicht ganz egal, wie man handelt. Und daher gibt Jesus dem Mann doch einen Auftrag, mit dem dieser nicht gerechnet hatte. Und das geht ihm zu weit. Er möchte die Sicherheit des Lebens nicht aufgeben für die Unsicherheit der Gefolgschaft Jesu.
Es wäre nun leicht, mit dem Finger auf ihn zu zeigen, weil er dazu nicht bereit ist. Doch steht er stellvertretend für die meisten Christen seit der Urkirche. Denn mit dieser Aussage Jesu ist der Stachel der Besitzlosigkeit dem Christentum von Anfang an eingesetzt. Es wurde nie das generelle Lebensprinzip der Christen, völlig besitzlos zu sein. Und nur wenige Menschen haben es geschafft, diese Radikalität aufzubringen, wirklich alles für ein Leben in der Nachfolge herzugeben: vor wenigen Tagen haben wir einen davon, Franz von Assisi, gefeiert.
Jesus sagt aber auch nicht, dass nur die Besitzlosen ins Himmelreich kommen; er meint nur: Besitz und großer Reichtum stellen eine Gefahr dar. Die Gefahr lautet: Der Besitz könnte dazu führen, zu meinen, ich kann mir selber alles leisten oder alles richten; ich bin nicht abhängig von anderen. Und das kann zur Frage führen: Wozu brauche ich da einen Gott? Und jetzt sind wir wieder dort, wohn unsere Lesung uns geführt hat: bei der Weisheit.
Die wahre Weisheit ist es, sein Herz an die richtigen Dinge zu hängen. Weisheit hilft, mit dem Besitz so umzugehen, dass man nicht von ihm besessen ist. Damit wird der Reichtum nicht abgewertet – ganz im Gegenteil: Die Bibel schätzt Reichtum und Besitz an sich sehr hoch ein und er gilt als Geschenk Gottes mit der abzuleitenden Verantwortung des rechten Umgangs mit ihm. Doch die große Frage ist eben, wie klug man mit dieser Gabe Gottes umgeht. Ein solcher weiser Umgang wird von einem Sannyasi, einem indischen Wandermönch, berichtet:
„Der Sannyasi hatte den Dorfrand erreicht und ließ sich unter einem Baum nieder, um dort die Nacht zu verbringen, als ein Dorfbewohner angerannt kam und sagte: ‚Der Stein! Gib mir den kostbaren Stein! ‘ ‚Welchen Stein? ‘ fragte der Sannyasi. ‚Letzte Nacht erschien mir Gott Shiwa im Traum‘, sprach der Dörfler, ‚und sagte mir, ich würde bei Einbruch der Dunkelheit am Dorfrand einen Sannyasi finden, der mir einen kostbaren Stein geben würde, so dass ich für immer reich wäre.‘ Der Sannyasi durchwühlte seinen Sack und zog einen kostbaren Stein heraus. ‚Wahrscheinlich meinte er diesen hier‘, als er dem Dörfler den Stein gab. ‚Ich fand ihn vor einigen Tagen auf einem Waldweg. Du kannst ihn natürlich haben.’ Staunend betrachtete der Mann den Stein. Es war ein Diamant. Wahrscheinlich der größte Diamant der Welt, denn er war so groß wie ein menschlicher Kopf. Er nahm den Diamant und ging weg. Die ganze Nacht wälzte er sich in seinem Bett und konnte nicht schlafen. Am nächsten Tag weckte er den Sannyasi bei Anbruch der Dämmerung und sagte: ‘Gib mir den Reichtum, der es dir ermöglichte, diesen Diamanten so leichten Herzens wegzugeben. ‘“

Wo dein Schatz ist, da ist dein Herz
Nochmals die Eingangsfrage: „Was muss ich tun um das ewige Leben zu erlangen?“ – Die entlastende Antwort der heutigen Schriftstellen auf diese Frage lautet: Ich muss Gott nicht erst gnädig stimmen, denn er liebt mich wie ich bin. Ich muss mir auch den Himmel nicht verdienen, denn er gehört mir grundsätzlich als Kind Gottes ja schon.

Dennoch ist damit nicht einem Relativismus das Wort geredet: dass es sowieso egal ist, was man tut. Denn ich kann mir mit meinem Tun den Weg zu diesem Himmelreich auch verbauen; ihn mühsam machen oder auf Abwege geraten. Die Gefahr zu solchen Abwegen sieht Jesus in großem Besitz gegeben, weshalb er dazu rät, diesen abzulegen bzw. für die Armen einzusetzen.

Wenn auch für die meisten von uns wohl nicht die radikale Besitzlosigkeit einzelner Heiliger oder Ordensleute den gangbaren Weg darstellt, so bleibt dennoch die Frage als Stachel und Mahnung bestehen, die da lautet: Woran hänge ich mein Herz? Denn dort, wo mein Schatz ist, da ist auch mein Herz.
Amen.

P. Paul Mühlberger SJ

Samstag, 6. Oktober 2018
071018 27. So im Jahreskreis

071018
27. Sonntag im Jahreskreis
Mk 10,2-16
__________________________________________________________________________

Hier geht es um die christliche Ehe als Sakrament mit all ihren hohen Anforderungen. Vom theologischen Verständnis her ist die christliche Ehe ein Abbild des Bundes, den Gott mit den Menschen geschlossen hat. Daher kommt ihr Anspruch auf Unauflöslichkeit. Wir wissen alle, dass diese hohe Forderung nicht immer erfüllt wird. Das hat verschiedene Gründe: die Menschen haben heute eine größere Lebenserwartung als in früheren Zeiten, Frauen sind nicht mehr so abhängig von ihren Männern, emanzipiert, wie man das heue nennt, selbständig. Eine Ehe kann zerbrechen und auch das hat wieder verschiedene Gründe. Eine Ehegemeinschaft die zerbrochen ist kann für beide Partner zum Martyrium werden. Wiederverheiratet Geschiedene dürfen nicht zu den Sakramenten gehen. Schon wieder eine Verschärfung der Situation.
Aber machen wir uns eines klar. Gesetze bleiben Gesetze aber sie bedürfen einer Interpretation, die Gesetze über die Ehe wie jedes andere Gesetz auch. Wir müssen in der Kirche nach Wegen suchen, nach handhabbaren Lösungen, wenn Menschen in ihrer Liebe scheitern. Jesus selbst musste keine Detailregeln aufstellen; aber er ist mit Menschen, die gescheitert sind ungewöhnlich barmherzig umgegangen. Ihm ging es vor allem darum, die Personwürde der Menschen zu schützen. Noch vor allen kirchenrechtlichen Ableitungen müssen wir uns fragen, wie wir heute mit der Person- und Menschenwürde umgehen. Es geht immer um Menschen, um ganz konkrete Personen. Jeder Einzelne ist mehr als ein Kostenfaktor, mehr als eine Arbeitskraft, mehr als ein Lustobjekt, mehr als ein medizinischer oder juridischer Fall. Von dieser Sicht her ergibt sich die Herausforderung an die Kirche, mit Menschen.
Es geht mir heute aber besonders um den Satz, den Jesus zu seinen Zuhörern spricht: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“
Das hört sich zunächst eigenartig an, besonders wenn wir an unsere ganze hochgelehrte Theologie denken, an all das, was je über Gott gesagt und geschrieben wurde, an all die vielen Glaubenssätze und kirchlichen Vorschriften. All das ist sicherlich wichtig und notwendig und doch ist es nicht alles, vor allem ist es nicht das Entscheidende. Wir leben in einer Zeit, die zwar immer wieder Jahre des Kindes feiert; aber von einem Kind lernen zu sollen – und das meint ja das Wort Jesu – das ist ein wenig viel verlangt. Kinder sollen von den Erwachsenen lernen. Das tun sie auch. Sie ahmen exakt das Verhalten der Erwachsenen nach, besonders in ihrem Konsumverhalten und in ihrem Egoismus, wenn wie älter geworden sind.
In einer Diskussion im Fernsehen äußerten sich einige Fachleute besorgt über die abnehmende Kinderzahl. Ein Diskussionteilnehmer kam zu dem Schluß: der Mensch sei im Grunde seiner Seele kinderfeindlich. Dieser Mann machte sich damit zu Sprachrohr einer Meinung, die heute in der Tat keineswegs mehr ganz selten ist: Kinder sind lästig, Kinder engen ein und machen abhängig, Kinder fesseln durch jahrzehntelange Verantwortung, die für die zur Freiheit berufenen Menschen eine unzumutbare Überforderung darstellt. Mit Kindern hat man nichts als Ärger; sie bannen vor allem ihre Mütter in deren besten Jahren ganz und gar fest, so dass sie zu einer beruflichen Karriere oder zu einem vollmundigen Lebensgenuß nicht kommen; denn da sind eben die Kinder, die ihr Recht auf Kosten des Lebensrechts der Eltern, der lebenshungrigen jungen Erwachsenen fordern.
Wir sind sicherlich mit dieser Argumentation nicht einverstanden, obwohl sie auf den ersten Anhieb sehr verführerisch klingt. Wie finde ich denn als Mensch eigentlich das Glück – und um das geht es ja? Genuß allein scheint doch nicht letztlich glücklich zu machen. Echtes Glück hat sehr geheimnisvolle Vorbedingungen. Echtes Glück und echter Lebensgewinn blühen häufig im Verborgenen und gerade dort, wo man sie nicht vermutet. Wir werden das Glück, das Kinder uns vermitteln können, nicht finden, wenn wir sie nur aus dem Blickwinkel der Einengung unserer Freiheit betrachten. Und noch schlimmer: Wir werden blind gegen die Gaben, die Kinder uns durch ihr Sein zu geben vermögen, wir nehmen uns die Möglichkeit, den Reichtum zu fassen, den sie uns schenken.
Nach der Aussage Jesu scheint also die Gottesnähe damit verbunden, so zu werden wie die Kinder. Wie also sind die Kinder? Welche Eigenschaften mag Jesus hier gemeint haben? Sicher doch nicht die der rücksichtslosen kleinen Egoisten. Er muß etwas Ursprünglicheres, Reineres, etwas Unverdorbenes im Auge gehabt haben. Er muß denjenigen Teil des Kindes gemeint haben, den wir im Erwachsenenalter nur noch selten haben, einen verlorenen Zugang zum Glauben, der es erschwert, ins Himmelreich zu kommen. Erschwerend für uns Erwachsene sind doch wohl vor allem zwei Eigenschaften: die des kritischen Verstandes, der lediglich das für wahr halten will, was mit den Sinnen erfaßbar ist, eine eingeschränkte Erkenntnismöglichkeit also, die das realistisch Begreifbare in hochmütiger Überbewertung unseres eingeschränkten Wissensstandes überschätzt. Und als zweite erschwerende Eigenschaft: der Verlust einer zentralen Gegebenheit kindlichen Seins: des Lebens in einem Gefühl von glücklicher Geborgenheit, des Vertrauens und einer Anhänglichkeit, wie es umsorgte Kinder bei liebevollen Eltern ganz unkritisch in ihren ersten Lebensjahren zeigen.
Das also haben wir hochmütig autonom-sein-wollende Erwachsene uns als einen Weg zu Gott-Vater von den Kindern abzuschauen; denn Kinder vermitteln uns nicht nur eine Fülle von elementarer Freude durch das Miterleben eines sich entfaltenden Menschen, durch ihre Anhänglichkeit, durch die sinnvolle Aufgabe, Erzieher zu sein – nein, Kinder können uns, wenn wir nur die richtige Einstellung haben, in der eigenen geistigen Entwicklung in einmaliger Weise förderlich sein: Sie können uns im wahrsten Sinn des Wortes den Himmel aufschließen. Nicht wir sind die – oft mäßigen – Belehrer unserer Kinder – sie können uns durch ihr Sein eine eigentliche, ein zentral richtige und notwendige Daseinshaltung vermitteln.
Kinder haben zwar noch nicht genug Lebenserfahrung, sind infolgedessen noch unseres Schutzes und unserer Unterweisung bedürftig, bis sie der Lebensbewältigung schließlich selbständig gewachsen sind. Dafür haben sie aber Eigenschaften, die wir spätestens jenseits unserer Jugendzeit dringend benötigen, falls wir den Anspruch haben, mehr in diesem Leben zu vollbringen, als uns nur unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie besitzen eben die Eigenschaften, die wir Erwachsene brauchen, wenn wir zum Eigentlichen, zu unserem tiefsten Lebenszentrum vorstoßen wollen. Unsere Kinder sind offen, spontan, gefühlsreich, beweglich, intensiv, unmittelbar, vertrauensvoll, nachdenklich, sie sind aufgeschlossen und zärtlich. Aber sie sind auch angewiesen auf Geleit und Hilfe und dadurch arm und klein im wahrsten Sinn des Wortes. Und gerade diese Eigenschaften hatte Christus doch wohl im Sinn, als er bei der Diskussion mit den Jüngern darüber, mit Hilfe welcher „Leistungen“ man am ehesten einen Anspruch auf ewiges Leben erwerbe, sie auf die Kinder verwies.
Beim Leben mit den Kindern können wir vorbildhaft lernen, worum wir uns in unserem Alltag mühen müssen, um eine Haltung einzunehmen, die es uns möglich macht, in das Reich Gottes zu kommen. Damit ist aber nicht nur das Leben nach dem Tode gemeint, sondern auch die gelebte Wirklichkeit einer veränderten Einstellung bereits in diesem Leben. Ohne Kinder zu leben, hieße dann aber auch: weniger Gelegenheit zu haben am lebendigen Vorbild zu lernen.
Genug der vielen Worte! Lassen sie mich schließen mit einem Text von Rainer Maria Rilke:

Du mußt das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und laß Dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen
von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken läßt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Du darfst nicht warten, bis Gott zu dir geht
und sagt: Ich bin.
Ein Gott, der seine Stärke eingesteht,
hat keinen Sinn.
Da mußt du wissen, dass dich Gott durchweht
seit Anbeginn,
und wenn dein Herz dir glüht und nichts
verrät,
so schafft er drin.

P. Paul Mühlberger SJ

Anmelden